Kitabı oku: «Die Vampirschwestern (Band 9) – Ein Sommer zum Abhängen»

Ein friedlicher Abend

Es war Sommer in der Stadt. Die Sonne senkte sich wie eine bernsteinfarbene, glänzende Brosche über die Dächer von Bindburg und tauchte den Abendhimmel in ihr honiggelbes Licht. Es roch noch immer nach der Hitze des Tages, nach Sommerflieder, nach Erdbeereis und nach Sonnencreme. Durch den Geruch von frisch gemähtem Gras zogen sich aus den Gärten und Parks die ersten Schwaden von brutzelndem Grillfleisch.
Das Knattern der Mofas hallte durch die staubigen Straßen, Kinderlachen drang aus den Hinterhöfen und zwei Vögel unterhielten sich zwitschernd von Birnbaum zu Apfelbaum. In einer Wohnsiedlung am nördlichen Rand der Großstadt tuckerte ein flaschengrüner alter Dacia im Rückwärtsgang aus der Einfahrt des letzten Hauses im Lindenweg. Am Steuer saß eine Frau mit rotbraunen Haaren und nachtblauen Augen. Der Beifahrer trug trotz der Hitze einen schwarzen Anzug mit breitem Kragen und darunter ein blutrotes Hemd. Statt eines Einstecktuchs ragte eine Scheibe Blutwurst aus seiner Brusttasche. Mihai Tepes, Vollblutvampir aus Transsilvanien, stolzer Vater der Halbvampirzwillinge Silvania und Daka und Besitzer des flaschengrünen Dacias, warf der Fahrerin, seiner Ehefrau Elvira, ein charmantes Lächeln zu. Sein schwarzer Schnauzbart (der sich normalerweise wie zwei Lakritzschnecken kringelte, aufgrund der Hitze aber wie zwei zerkochte Nudeln nach unten hing) zuckte kurz. „Endlich, moi Miloba“, hauchte er mit rauer Stimme. Moi Miloba war vampwanisch und hieß „meine Liebe“.
Elvira Tepes, die seit 13 Jahren mit einem Vampir verheiratet war, verstand natürlich jedes Wort. Meistens verstand sie ihren Mann sogar ganz ohne Worte. „Endlich – gehen wir zu einer Ausstellungseröffnung?“, fragte sie und schmunzelte.
Mihai und Elvira Tepes waren auf dem Weg in die Innenstadt. Im Museum für Moderne Kunst fand heute eine Vernissage statt. Die Ausstellung „Gebrauchskunst für Küche und Bad – vom Kochlöffel bis zur Klobürste“ wurde eröffnet. Frau Tepes hoffte, sich dort die eine oder andere Anregung für ihre eigene Kunst zu holen – der Gestaltung von Klobrillen. Und sie hoffte, ihren Mann aus der sommerlichen Trägheit wachzurütteln, die ihn seit ein paar Tagen befallen hatte. Selbst zum Autofahren fühlte sich Mihai zu schwach – es war erschütternd.
„Endlich, moi Miloba, mal wieder ein Abend zu zweit“, fuhr Herr Tepes fort. „Nur wir zwei in einem gut klimatisierten Raum … und ein paar Kochlöffel und Klobürsten.“
„Ich will dir ja nicht die Vorfreude verderben, aber außer uns werden sicher noch ein paar andere Gäste im Museum sein.“
Mihai Tepes sah seine Frau zweifelnd an. „Um sich an einem lauen Sommerabend Kochlöffel und Klobürsten anzusehen?“
„Stimmt. In einer Badewanne mit eiskaltem Wasser zu liegen wäre jetzt angenehmer.“ Frau Tepes tupfte sich mit einem Taschentuch ein paar kleine Schweißtropfen von der Stirn.
„Oder in einem Eichensarg in einer herrlich kühlen und finsteren Gruft.“ Mihai Tepes lächelte selig vor sich hin, als würde er sich schon ins muffige Sargpolster kuscheln.
Frau Tepes sah ein letztes Mal zum Haus. Silvania und Daka, ihre wunderbaren und nicht ganz normalen Töchter, würden sich bestimmt auch einen schönen Abend machen. Elvira Tepes kurbelte das Fahrerfenster herunter und legte den ersten Gang ein.
Draußen vor dem Beifahrerfenster, das klemmte und daher meistens offen stand, entdeckte Herr Tepes plötzlich etwas, das seine in der Hitze dösenden Lebensgeister hellwach werden ließ. Blitzschnell steckte er den Kopf aus dem Fenster und schnappte danach. Als er die Zähne zusammenbiss, knackte es. Ein Insektenbein ragte noch aus seinem Mund und er zog es schmatzend hinein.
„Mihai, das war widerlich!“
„Nein, köstlich.“
Elvira lachte gequält und trat aufs Gaspedal.
Mihai schmatzte genüsslich seinen Snack, zog die Blutwurstscheibe aus der Einstecktasche des Jacketts, wedelte sich damit Luft zu und schaute nach rechts aus dem Fenster. Ihr unmittelbarer Nachbar kam gerade von der Arbeit nach Hause. Herr Tepes, der nicht nur ein verwegener, sondern auch ein sehr höflicher Vampir war, lächelte und winkte dem Nachbarn mit der Blutwurstscheibe zu, als sie im Schritttempo an dessen Haus vorbeifuhren.
In dem Moment stieg Dirk van Kombast im fliederfarbenen Hemd und mit seinem Pharmavertreterkoffer aus seinem silbernen Sportwagen. Obwohl ein heißer Sommertag zu Ende ging, lag keinerlei Schweißglanz auf seinem Gesicht. Sein Hemd sah aus wie frisch gebügelt und seine Goldlocken wie frisch geföhnt. Ohne eine Miene zu verziehen, nickte er den Insassen des flaschengrünen alten Autos zu.
Woraufhin Mihai Tepes den Arm ganz aus dem Fenster streckte und so schnell mit der Blutwurstscheibe winkte, dass Dirk van Kombast Angst bekam, sie würde ihm gleich an den Kopf fliegen.
Der Pharmavertreter blickte seinen Nachbarn nach, bis sie am Ende des Lindenwegs langsam um die Ecke bogen und nur noch eine schwarzgraue Auspuffwolke von ihnen zurückblieb. „Wartet nur, ihr lieben transsilvanischen Mitbürger“, presste er zwischen den Zähnen hervor. Er wippte ein paarmal auf den Zehenspitzen, dann drehte er sich schwungvoll um und verschwand im Haus.
Megatalente unter sich

Im Haus nebenan, im Lindenweg Nummer 23, hatten es sich Silvania und Daka mit ihren Freunden Helene und Ludo im Wohnzimmer der Familie Tepes bequem gemacht. Silvania und Ludo saßen auf der Couch. Helene lag auf der Couch, die Beine über der Lehne, den Rücken auf der Sitzfläche. Daka hing kopfüber vom Lampenschirm. Der Fernseher lief und auf dem kleinen Couchtisch, unter dem Herr Tepes immer sein Katzenklo mit der Heimaterde abstellte, standen Schüsseln mit allerhand Leckereien wie Blut-Essig-Chips, madigen Kirschen und gerösteten Schweineborsten.
„Ein Fernsehabend mit Freunden“, sagte Silvania und schob sich ein paar Chips in den Mund. Ihre lindgrünen Augen strahlten, als gäbe es nichts Schöneres, Aufregenderes und Beglückenderes auf der Welt, als mit ihrer Schwester und zwei Freunden an einem herrlichen Sommerabend vor dem Fernseher zu hocken. „Zusammen fernsehen ist einfach so …“
„Langweilig?“, warf Daka von der Wohnzimmerdecke ein.
„Nein. So wunderbar … menschlich!“ Silvania seufzte.
Ludo seufzte ebenfalls, als der nächste Kandidat der Castingsendung auf die Bühne trat. Sie hatten schon eine Bauchtänzerin gesehen, einen Stimmenimitator und eine Frau, die mit Schaschlikspießen jonglierte. Jetzt zuckte ein Mann mit einem goldenen Basecap und einer weiten Jeans, für die er ein paar Jahre zu alt schien, über die Bühne. Dabei hielt er sich das Mikro dicht vor den Mund und machte Geräusche, die klangen, als kämen sie aus einer anderen Körperöffnung.
„Der ist ganz schlecht“, sagte Ludo, kaum dass der Sänger angefangen hatte.
„Sagt dir das deine besondere Fähigkeit?“, fragte Helene. Ludo konnte die Zukunft voraussehen – zumindest manchmal – und mit Geistern reden.
„Nein. Mein gesunder Menschenverstand.“
„Stimmt. Der singt schlimmer als Onkel Vlad bei den Versammlungen des Blutigen Einheitsflügels“, sagte Daka, steckte sich die Finger in die Ohren und schaukelte am Lampenschirm, dass es quietschte.
„Dafür hat er süße Grübchen“, meinte Silvania.
„Sieht leider so aus, als wäre das sein einziger Pluspunkt“, sagte Helene, strich sich die langen blonden Haare hinter die Ohren und schaltete ihr Hörgerät aus. „Ah, so ist es schon besser.“
„Die Sendung ist totaler Fumpfs!“, verkündete Daka von der Zimmerdecke. „Die ganzen Menschen dort können doch überhaupt nichts Besonderes. Sie singen, tanzen, jodeln und turnen herum – und das wollen Megatalente sein? Gumox!“
„Welche Hähnchen popeln und wurmen herum?“, fragte Helene und schaltete ihr Hörgerät wieder ein.
„Mit Hähnchen wäre die Show auch nicht schlecht“, überlegte Ludo laut.
„Daka hat recht“, sagte Silvania. „Ein echtes Megatalent war noch nicht dabei. Jemand, der etwas ganz Besonderes kann, wie zum Beispiel …“
„Fliegen!“ Daka flog eine Runde durchs Wohnzimmer und hängte sich dann kopfüber an die Gardinenstange. „Ich wette, jeder Vampir und jeder Halbvampir hat mehr Megatalent als alle menschlichen Kandidaten zusammen!“
„Genau. Würden wir zu der Show gehen, würden wir die anderen alle von der Bühne fegen“, sagte Silvania. „Ich tanze mal ordentlich Saikato und Daka macht ein paar Loopings und der Jury fallen vor Begeisterung alle Zähne raus.“
„Das ist nicht fair“, protestierte Helene. „Die Leute geben sich echt Mühe. Nur weil ihr fliegen oder flopsen könnt, meint ihr, dort alles reißen zu können?“
„Einen Kandidaten, der über die Bühne fliegt, hat es garantiert noch nie gegeben“, erwiderte Daka.
„Ach? Und das Fliegen und Flopsen soll euer Megatalent sein?“ Helene rutschte von der Couch, stand auf und verschränkte die Arme.
„Verstehe ich auch nicht. Für Vampire sind Fliegen und Flopsen doch ganz normal“, sagte Ludo.
„Och, wir können auch noch andere megatalentierte Sachen machen, wie zum Beispiel die Jury beißen und aussaugen.“ Daka grinste und zeigte ihre langen Eckzähne.
„Alle Vampire fliegen herum und beißen Leute. Da könnte ich ja auch zur Show gehen und sagen: ‚Guckt mal, ich kann auf zwei Beinen stehen und Milch trinken. Wahnsinn! Ich bin ein Megatalent!‘“, sagte Helene.
„Natürlich fliegen und beißen alle Vampire. Also manche mehr und manche weniger“, erwiderte Silvania. „Aber ihr müsst doch zugeben, dass wir bei der Show viel bessere Chancen hätten als ihr oder jeder andere Mensch.“
„Weil wir einfach etwas Besonderes sind“, fuhr Daka fort. „Egal, was ein Mensch dort auch macht, gegen unseren Auftritt wäre er nur eine langweilige Nummer, als würde man einer alten Socke in der Waschtrommel zusehen.“
„Ja genau. Statt Megatalent megalangweilig“, stimmte Silvania zu. „Glaubt mir, wir wären die Stars der Sendung. Hätte unsere Mutter nicht die sieben radikalen Regeln aufgestellt und könnten wir in Deutschland frei als Halbvampire herumfliegen, wären wir schon längst für Film und Fernsehen entdeckt worden. Erst vor ein paar Tagen hatte ich einen sehr realistischen Traum, in dem man über uns einen Kinofilm gedreht hat!“ Silvania bekam rote Ränder um die Augen und ihr Äderchen auf der Stirn trat vor Aufregung hervor.
„Einen Film. Klar doch!“ Helene tippte sich an die Stirn. „Ihr seid ja total übergeschnappt.“
„Pfff!“ Daka streckte Helene die Zunge heraus.
Durch die lange Sonneneinstrahlung und Sommerhitze herrschten im Wohnzimmer der Tepes sowieso schon tropische Temperaturen. Doch die Stimmung heizte sich jetzt noch mehr auf. Man konnte es fast schon brodeln hören.
„Ihr seid also etwas Besonderes und wir nicht?“, fragte Ludo.
„Na ja, ihr seid schon auch besonders, aber nicht so besonders wie wir“, entgegnete Silvania.
„Kommt schon, das müsst ihr doch einsehen, oder?“, sagte Daka.
Helene sah ihre Freundinnen an und schüttelte den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass ihr so eingebildet seid.“
„Wir bilden uns gar nichts ein. Es ist einfach so“, erwiderte Daka. „Wir sind echte Megatalente und ihr könnt froh sein, dass ihr mit uns befreundet seid. Schließlich haben wir euch mit unseren besonderen Fähigkeiten schon ziemlich oft aus der Patsche geholfen. Wenn ich dich daran erinnern darf: Ohne uns wäre am Anfang des Schuljahres eine Honigmelone mit vollem Karacho auf deinen schönen Kopf gekracht und wahrscheinlich hätte man dich danach eine Klasse zurückstufen müssen und du hättest jetzt noch eine Riesenbeule davon.“
„Und wisst ihr noch – damals im Bindburger Kunstpalais, als die Geschwister Golert den wertvollen Fächer klauen wollten? Wer gleich noch mal hat den Kunstraub heldenhaft verhindert?“, fuhr Silvania fort.
„Oder ein paar Monate später, als die Transgiganten Bindburg heimsuchten und Ludo entführten. Wer hat ihn aus den Fängen der Transgiganten befreit?“, fragte Daka.
„Und wie war das noch mal, als die ganze Stadt in einer riesigen Sturmflut zu versinken drohte? Wer hat sie vor solch grausamem Ende bewahrt?“, fragte Silvania.
„Das waren wir alle zusammen“, sagte Ludo.
„Ihr wart auch dabei, stimmt“, entgegnete Daka. „Aber ohne uns wäre das doch alles total schiefgegangen. Was hättet ihr Menschen allein schon gegen Sturmfluten, Transgiganten und Schwerverbrecher ausrichten können?“
„Nicht viel, oder? Das müsst ihr zugeben“, warf Silvania ein.
„Aber wir waren bei euch. Und damit war alles gut. Und warum? Weil wir einfach Megatalente sind.“ Daka machte eine Rolle von der Gardinenstange und landete direkt vor Helene.
„Ihr seid einfach nur megabescheuert“, sagte Helene.
Ludo stand auf. „Wenn das so ist, dann braucht ihr uns ja nicht mehr. Ich weiß gar nicht, warum ich noch hier bin.“
„Ihr tollen Megatalente braucht gar keine Freunde. Ihr könnt sowieso alles allein. Da haue ich doch lieber ab.“ Ruckartig drehte Helene sich um, dass ihre langen blonden Haare Daka ins Gesicht schlugen.
„Ich auch!“ Ludo folgte Helene, die bereits mit festem Schritt aus dem Wohnzimmer ging.
„So war das doch nicht gemeint!“, rief Silvania ihnen nach. „Seid doch nicht gleich eingeschnappt!“
„Kann eben nicht jeder ein Megatalent sein!“, rief Daka, doch da war die Haustür hinter Helene und Ludo bereits ins Schloss gefallen.
Panischer Pinguin

Es knirschte. Der Pinguin, der sich gerade mit dem Schnabel am Bauch gekratzt hatte, hob den Kopf. Unter ihm und hinter ihm war nichts als Eis. Ewiges Eis. Vor ihm breitete sich das dunkelblaue Meer aus. Er stand am Rand eines riesigen Eisbergs, der senkrecht in den Ozean abfiel.
Für den Winter in der Antarktis herrschten angenehme minus 48 Grad. Der Pinguin stand auf dem kältesten, windigsten und trockensten Kontinent der Erde und ließ es sich gut gehen. Auch die winterliche Finsternis störte ihn nicht die Bohne. Er wackelte ein paar Schritte nach links, dann ein paar Schritte nach rechts. Als ein Schneesturmvogel über ihn hinwegflog, reckte er den Schnabel zum Himmel.
Es knirschte abermals. Der Pinguin zog den Kopf ein und schielte nach rechts und nach links. Vorsichtig warf er einen Blick auf den dunkelblauen Ozean. Lugte da der Kopf eines gefräßigen Seeleoparden aus den dunklen Wellen hervor? Zur Sicherheit trat der Pinguin ein paar Schritte vom Rand des Tafeleisbergs zurück.
In dem Moment krachte es, als würde der gesamte Südpol zerbersten. Der Eisberg, auf dem der Pinguin stand, wackelte, dröhnte und kippte auf einmal zum Meer hin ab. Der Pinguin klatschte auf den Bauch, wackelte hilflos mit den Flügeln, schlitterte zum Rand des Eisbergs, schoss darüber hinaus, flog im hohen Bogen in die Dunkelheit und tauchte wenige Sekunden später in den eiskalten, dunkelblauen Ozean.
Über dem Pinguin rumste und donnerte es gewaltig. Der vordere Teil des Eisbergs senkte sich wie in Zeitlupe in Richtung Ozean, brach schließlich mit lautem Getöse von den Eismassen ab und stürzte krachend ins Meer. Eine gigantische Welle ergriff den Pinguin und trieb ihn vor dem abgebrochenen Eisberg her. Der Eisberg wurde alsbald von einer Meeresströmung erfasst und zerbrach in mehrere, noch immer gigantisch große Teile.
Der Pinguin schwamm eine Runde, nahm Anlauf, sprang aus dem Wasser und landete auf der größten der verbliebenen Eisschollen. Der Seevogel schüttelte sich, kratzte sich mit der Flosse am Kopf und sah sich um, so gut es bei den winterlichen Lichtverhältnissen ging.
Die gewaltigen festen Eismassen der Antarktis waren in der Ferne gerade noch zu erkennen. Der Eisblock unter seinen Flossen war allerdings so groß, dass der Pinguin kaum wahrnahm, dass er darauf im Meer trieb. Er schabte mit den Flossen über das Eis unter ihm. Es sah aus, als läge unter der Eisschicht etwas verborgen. Etwas Dunkles, Großes – vielleicht etwas zu fressen? Eine tiefgekühlte Köstlichkeit?
Der Pinguin schrubbte mit den Flossen über das Eis. Vier Schritte nach rechts, vier Schritte nach links. Er wedelte die losen Eiskristalle mit dem Schwanz weg. Dann hackte er mit dem Schnabel auf das Eis ein. Direkt dort, wo sich das dunkle Etwas am dichtesten unter der Oberfläche befand. Voller Neugierde, Hunger und mit Beharrlichkeit pickte und schlug er auf den Eisblock ein.
Das Eis bekam feine Risse, was den Pinguin noch mehr anspornte. Erst hämmerte er mit vielen kleinen Schlägen wie ein Specht aufs Eis ein. Als ihm das nicht schnell genug ging, versuchte er es mit einer anderen Technik. Er warf den Kopf zurück, rammte den Schnabel mit aller Kraft ins Eis und – blieb stecken.
Der Pinguin drehte den Kopf nach links, nach rechts, er wackelte mit dem ganzen Körper. Es half nichts. Frustriert starrte er auf das dunkle Etwas, das direkt vor seinem Schnabel unter dem Eis lag. Es war groß und rund wie ein See-Elefanten-Popo, hatte eine etwas hellere, erhabene Stelle in der Mitte und zwei dunklere Vertiefungen oberhalb davon, jeweils links und rechts, beinahe wie … Augen!, durchzuckte es den kleinen Pinguin.
Im selben Moment öffneten sich die Augen. Der Pinguin erstarrte zum Eiszapfen. Das dunkle Etwas lebte! Es war nichts zum Fressen, sondern vermutlich eher etwas, das gern Pinguine fraß. Und bei seiner Größe verschlang es wahrscheinlich gleich eine ganze Kolonie mit einem Happen!
In Todesangst stemmte der Pinguin sich mit bis dahin ungeahnten Kräften gegen das Eis. Mit dem ganzen Körper zerrte, drehte und wand er sich. Schließlich riss er den Kopf mit einem schnellen, kräftigen Ruck zurück, dass das Eis nur so knackte, schoss mit dem Schnabel hinaus, stürzte auf den Rücken, schlitterte ein paar Meter über den Eisblock, machte mehrere Drehungen, brachte sich dabei in Bauchlage und sauste über den Rand des Eisblocks in den südlichen Ozean. So schnell wie noch nie in seinem Leben schwamm der Pinguin zurück zu den festen Eismassen, zurück zu seiner Kolonie. Zum Glück sah niemand im dunklen Meer, wie er sich vor Angst ins Gefieder machte.
Der Eisblock mit dem dunklen, lebendigen Geheimnis aber trieb weiter in die entgegengesetzte Richtung. Er entfernte sich vom Südpol und sollte noch Tausende von Kilometern zurücklegen, bevor er schmelzen und sein gewaltiges, finsteres Inneres seine ganze Kraft entfalten würde.
Hitzköpfe

Elvira Tepes hatte es sich in einem Liegestuhl auf der Terrasse hinter dem Haus im Schatten gemütlich gemacht. Obwohl bereits Nachmittag war und die Sonne nicht mehr am höchsten Punkt ihrer Bahn stand, flimmerte die Stadt noch immer vor Hitze. Menschen lungerten wie Walrosse an Seeufern, in Hängematten oder Planschbecken herum. Selbst die Insekten schien die Hitze einzulullen und sie flogen, krabbelten und surrten wie in Zeitlupe durch die Landschaft. Es war, als hätte sich ganz Bindburg in eine kostenlose riesengroße Sauna verwandelt.
Frau Tepes war einer der wenigen Menschen, die die Hitze genossen. Ihr konnte es gar nicht warm genug sein. Sie liebte es, wenn ihr der Schweiß über den Nacken lief und die Luft so heiß war, dass es in der Nase kitzelte. Elvira Tepes war sich sicher, dass sie früher einmal am Äquator gelebt haben musste. Doch vielleicht war sie in ihrem früheren Leben auch nur eine heiße Nudelsuppe gewesen. Wer wusste das schon.
Sie legte den Katalog der Ausstellung „Gebrauchskunst für Küche und Bad – vom Kochlöffel bis zur Klobürste“ beiseite und streckte den Arm nach einem kleinen Radio aus, das auf dem Fensterbrett stand. Langsam drehte sie an dem Rädchen zur Sendersuche, bis sie guten Empfang hatte. Eine junge Frauenstimme verkündete gerade:
„… nun schon die vierte Woche mit Temperaturen über 30 Grad. Die Meteorologen sprechen von einem Jahrhundertsommer. Selbst nachts sinken die Temperaturen kaum noch unter 20 Grad. Man könnte meinen, Bindburg läge in den Tropen. Die Bauern fürchten aufgrund der ausbleibenden Niederschläge um ihre Ernte. In vielen Regionen herrscht Waldbrandgefahr. Die Hitze sorgt für technische Probleme bei der Bahn und für immense Verluste bei den Betreibern von Solarien und Kinos. Doch nicht alle stöhnen unter der Hitze. Es gibt auch zahlreiche Gewinner. Eisverkäufer, Mineralwasserhersteller und Brauereien verzeichnen Höchstumsätze. In den Baumärkten sind Ventilatoren, Klimageräte, Planschbecken, Rasensprenger und Grills ausverkauft. Und auch die Schüler freuen sich – fast alle Bindburger Schulen haben hitzefrei. Gestern wurde mit 41 Grad die bisherige Höchsttemperatur in Bindburg überschritten. Laut dem Bindburger Wetterdienst ist auch in den nächsten Tagen nicht mit Abkühlung zu rechnen. Die Hitzewelle hält an. Wenn Sie Glück haben, verehrte Zuhörer, bekommen Sie noch irgendwo einen Ventilator. Ansonsten hilft wohl nur ein Last-Minute-Flug zum Südpol …“
Musik setzte ein. Joe Cocker krächzte Summer in the City aus dem Radio. „Einundvierzig Grad … herrlich!“, säuselte Elvira Tepes und schloss die Augen. Das Einzige, was ihr an der Hitze zu schaffen machte, war, dass sie die hohen Temperaturen nicht zusammen mit ihren Kindern und erst recht nicht mit ihrem Mann genießen konnte.
Silvania und Daka Tepes baumelten schon den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Daka hing wie eine vergammelte Bandnudel an der Metallleine, die sie quer durch den Raum gespannt hatte. Silvania lag im Schiffsschaukelsargbett ihrer Schwester und fächerte sich mit einem dicken Liebesroman Luft zu.
„Schaukel mal ein bisschen, damit frischer Wind aufkommt“, sagte Silvania und schielte nach oben zu ihrer Zwillingsschwester.
„Schaukel doch selbst. Ich bin so schlapp und verschwitzt, dass ich gleich von der Leine rutsche.“
„Die Hitze ist nicht zu ertragen.“ Silvania legte das dicke Buch auf ihren Bauch, hob den Saum ihres langen lachsroten Sommerkleids und wedelte damit mehrmals.
„Und die Langeweile auch nicht“, sagte Daka und hielt sich einen Handventilator, der kaum größer als ein Bleistift war, vor die Stirn. Sie schielte auf den kleinen Ventilator und verzog den Mund, als sich dessen Flügel, die aussahen wie die einer Fledermaus, immer langsamer drehten und schließlich stehen blieben. „Fumpfs! Batterie alle.“ Sie warf den Handventilator über ihre Schulter und eine Sekunde später landete er mit einem Platsch! im Aquarium von Karlheinz.
Dakas liebstes Haustier, der Blutegel Karlheinz, klebte an der Scheibe und sah mindestens genauso jämmerlich und schlapp aus wie die beiden Halbvampire. Zwar sorgte Daka dafür, dass er trotz der Hitze immer genügend Wasser im Aquarium hatte, aber es erwärmte sich schneller, als Daka kaltes Wasser nachfüllen konnte.
„Wenn wenigstens Ludo und Helene vorbeikommen würden“, sagte Silvania.
„Pfff, die eingeschnappten Blutwürste.“
„Stimmt, die könnten langsam mal wieder ausschnappen. Total blöd von ihnen, gleich so beleidigt zu sein“, meinte Silvania. „Nur, weil wir bessere Megatalente wären als sie.“
„Wären wir. Aber ultimo langweilig ist es trotzdem ohne sie.“ Daka zupfte an einer Haarsträhne, die ihr schlapp ins Gesicht hing. „Vielleicht sollten wir zu ihnen gehen und uns bei ihnen entschuldigen.“
Silvania dachte kurz darüber nach. „Gumox. Entschuldigen muss man sich nur für einen Fehler, nicht dafür, dass man die Wahrheit sagt.“ Sie schielte fragend nach oben zu ihrer Schwester. „Oder?“
In dem Augenblick krachte es unten im Wohnzimmer. Es klang, als würde jemand mit den Schrankwänden Domino spielen. Daka rutschte vor Schreck von der Metallleine, landete auf Silvania, die aufkreischte und panisch strampelte, sodass der Schiffsschaukelsarg heftig wackelte und die Schwestern beide herausfielen.
Daka rieb sich den Kopf, Silvania presste die Hände auf den Popo. Um den Schmerz zu lindern, spuckten sie sich gegenseitig auf die Stellen, die ihnen wehtaten. Dann standen sie auf, rissen die Tür auf und liefen nach unten ins Wohnzimmer.
Pritschebreiter Vampir

Herr Tepes lag pritschebreit im Wohnzimmer, und zwar unter der Schrankwand. Es sah aus, als wollte er sich damit zudecken, nur sein Kopf guckte noch hervor.
„Mihai, um Himmels willen!“, rief Elvira Tepes, die von der Terrasse ins Wohnzimmer auf ihren Mann zugerannt kam.
Auch Silvania und Daka eilten zu ihrem Vater. Zu dritt packten sie die Schrankwand, und während Herr Tepes von unten gegen das Möbelstück drückte, hievten sie es langsam wieder hoch. Bücher, Untersetzer, Fotos und ein paar CDs waren aus der Schrankwand auf den Wohnzimmerteppich gefallen, doch das interessierte erst mal niemanden. Herr Tepes lag noch immer wie ein Plattfisch reglos am Boden. Seine Hose und sein Hemd waren von Staub und Spinnweben bedeckt und die Grillzange in seiner Hand war zu einer Art Minischneeschieber platt gedrückt.
„Tut dir was weh?“, fragte Silvania.
„Kannst du dich bewegen?“, fragte Elvira.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Daka.
„Ja. Ja. Ja“, antwortete Herr Tepes und seine sonst so gewaltige Stimme, die wie keine andere durch die unendlichen Wälder Transsilvaniens hallte, klang ganz matt.
Elvira, Silvania und Daka halfen ihrem Vampir beim Aufstehen. Silvania und Daka spuckten mehrmals kräftig auf die Hosenbeine ihres Vaters, während Frau Tepes den Staub und die Spinnweben von seinem Hemd klopfte.
Leicht schwankend stand Herr Tepes da, hielt sich an der Sofalehne fest und ließ alles wortlos mit sich geschehen. Er war ein Anblick des Jammers. Seit Wochen machte ihm die Hitze zu schaffen und mit jedem Tag sah er erbärmlicher aus. Seine schwarzen Haare waren fettig und verklebt. Sein verschwitzter Lakritzschnauzer hing schlapp am Kinn herunter. Seine blasse Haut schimmerte, als wäre sie durchsichtig, und um die Augen hatten sich dicke lilafarbene Ränder gebildet.
„Was wolltest du mit der Schrankwand? Dich zudecken?“, fragte Elvira Tepes, nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass alle Knochen an ihrem Mann noch heil waren. „Gefällt es dir nicht mehr in deinem Sarg?“
„Sie ist auf mich draufgefallen“, knurrte Herr Tepes.
„Einfach so?“ Elvira sah ihren Mann prüfend an.
„Ich hatte Hunger.“
„Auf Schrankwand?“, fragte Silvania.
„Ich bin durchs ganze Haus gestreift auf der Suche nach etwas Frischem, Knackigem, Blutigem“, erklärte Mihai Tepes. „Hinter der Schrankwand habe ich ein Spinnennetz entdeckt mit einem fetten Käfer darin. Ich habe also die Grillzange geholt, um mir den Käfer zu angeln, aber das Netz war ziemlich weit hinten und durch die Hebelbewegung geriet die Schrankwand irgendwie ins Wanken. Sie kippte, ich wollte sie aufhalten und …“
„PRATSCH warst du Vampirbrei!“, warf Daka ein.
„So ungefähr.“ Herr Tepes verzog das Gesicht. „Sogar um eine alberne, klapprige Schrankwand festzuhalten bin ich zu schwach. Ich bin … ein Hitzewrack!“
„Aber nicht doch.“ Elvira strich ihrem Mann über den Arm. „Du bist immer noch ein stattlicher, verwegener, ungemein attraktiver Vampir.“
Silvania und Daka musterten ihren Vater skeptisch, der nur noch ein Schatten seiner selbst war. Dann sahen sie zu ihrer Mutter, deren Wahrnehmung offenbar von der Hitze stark beeinträchtigt war.
„Gumox. Ich kann kaum noch ein paar Meter vom Boden abheben.“ Mihai Tepes wedelte dreimal lustlos mit seinen schlaffen Armen. „Tagsüber finde ich keinen Schlaf, weil es zu heiß ist. Und nachts kann ich nicht mehr jagen, weil ich zu müde bin. Außerdem ist es selbst nach Sonnenuntergang noch zu warm, um den schützenden Keller zu verlassen und sich nach draußen zu wagen. Diese höllische Hitze raubt mir all meine Kräfte. Jetzt ist es so weit –“ Herr Tepes tapste an der Sofalehne entlang auf einen Rasenmäher zu, den er anscheinend ins Wohnzimmer verfrachtet hatte. Er umfasste den Griff mit beiden Händen und drehte mit dem Rasenmäher eine Runde ums Sofa. „Ich kann nicht mal mehr allein laufen, ich brauche eine Gehhilfe. Dabei bin ich erst 2676 Jahre alt!“
Silvania betrachtete ihren Vater mit schräg gelegtem Kopf. Er erinnerte sie an die alte Frau, die ganz vorn im Lindenweg wohnte und immer mit ihrem Rollator zum Kiosk tuckerte, um Lottoscheine zu holen. Aber das behielt sie lieber für sich, sonst klappte ihr Papa noch ganz zusammen.
„Geht doch ganz gut“, sagte Daka, woraufhin ihr Vater sie ansah, als hätte er ihr am liebsten mit dem Rasenmäher eine neue Frisur verpasst.
Silvania und Daka konnten zwar noch ganz ohne Rasenmäher gehen, aber fliegen und flopsen fiel ihnen auch mit jedem Tag, den die Hitze anhielt, schwerer. Tagsüber konnten sie nur noch vermummt mit großem Hut, Sonnenbrille und Tuch aus dem Haus gehen. Allerdings hatten sie dazu kaum noch Lust und blieben die meiste Zeit zu Hause, wo es zumindest ein paar Grad kühler war.
„Komm, ich helfe dir in den Keller, du legst dich in deinen Sarg und ich fülle ihn mit schönen kalten Eiswürfeln“, schlug Elvira vor und schob den Rasenmäher mit ihrem Mann daran aus dem Wohnzimmer.
Auch Silvania und Daka verbrachten den Rest des Tages im Keller. Die Luft in ihrem Zimmer war einfach zu heiß und stickig. Nach einem Ausflug war ihnen bei der Hitze und vor allem bei der Sonneneinstrahlung erst recht nicht zumute. Wohin hätten sie auch gehen sollen? Es war hitzefrei, ihre besten Freunde waren eingeschnappt und die Schwestern würden sich sicher nicht aus Spaß von oben bis unten vermummt ins Freibad legen. Lieber hingen sie kopfüber an der Kellerdecke und klauten sich ab und zu einen Eiswürfel aus dem Sarg ihres Papas. Silvania fuhr sich mit dem Eiswürfel über Stirn und Wangen. Daka lutschte den Eiswürfel und schmatzte.
Herr Tepes lag im Sarg und starrte mit leerem Blick vor sich hin. Seine Wangen waren eingefallen, seine einst feurigen Augen matt, seine Lippen blass und rau. Sein sonst vor Energie strotzender Körper glich einer leblosen Hülle. Fast hätte man meinen können, im Sarg läge wirklich eine Leiche und kein stattlicher, unsterblicher Vampir.
Elvira Tepes stand auf der Kellertreppe und betrachtete besorgt das trostlose Bild, das ihre Familie abgab. Ganz Bindburg stöhnte und litt unter der lang anhaltenden Hitzewelle. Besonders alte Menschen und Kranke, hatten sie in der Zeitung geschrieben. Was sie nicht geschrieben hatten, war, dass Vampiren die Hitze noch viel schlimmer zu schaffen machte. Mihai Tepes war wie gelähmt. All seine Energie, all sein Lebensmut, seine unbändige Tatkraft – das alles schien wie verdampft in der Hitze.
Lag es wirklich nur an den hohen Temperaturen und der starken Sonneneinstrahlung oder war Mihai krank? Wenn sie doch nur irgendetwas für ihn und ihre Töchter tun könnte! Zwar hatte es die Mädchen nicht ganz so heftig erwischt, aber auch sie waren eindeutig geschwächt von der Hitze.
Wenn nicht bald ein paar Wolken am Himmel auftauchten und die Temperaturen sanken, würde es auch im Keller immer wärmer werden. Was sollte Elvira dann tun? Sie konnte ihren Mann und ihre Kinder schlecht ins Tiefkühlfach stopfen oder im Bindburger Zoo im Eisbärengehege abliefern.
Doch sollten die Meteorologen recht behalten, würde alles noch viel schlimmer kommen …
Nachbar in Not

Dirk van Kombast saß frisch geduscht, geföhnt, rasiert und parfümiert in seinem Arbeitszimmer im Lindenweg Nummer 21 am Schreibtisch. Auch wenn er heute von zu Hause aus arbeitete und somit keinen direkten Kundenkontakt hatte, war er tadellos gekleidet. Zum einen wusste man nie, was der Tag brachte und wer an der Tür läutete, zum anderen gefiel er sich selbst in einer gut sitzenden Hose und mit einem makellosen, frischen Hemd am besten.
Im Arbeitszimmer herrschten angenehme 17 Grad Raumtemperatur. Neben dem Schreibtisch surrte leise ein mobiles Klimagerät. Dirk van Kombast war einer der wenigen glücklichen Menschen, die ein solches Gerät besaßen. Nachdem in den hiesigen Baumärkten alle Klimageräte und Ventilatoren ausverkauft gewesen waren, hatte der charmante Pharmavertreter seine Beziehungen spielen lassen und aus der Arztpraxis von Frau Dr. Ilona Kubitz (eine Ärztin, die er sehr oft und sehr gern mit seinem Pharmakoffer besuchte) leihweise ein Klimagerät ergattert. Wahrscheinlich schwitzten die Patienten im Wartezimmer von Frau Dr. Kubitz jetzt aus allen Poren, aber das war dem Pharmavertreter egal. Er brauchte den kühlen Kopf dringender als die Patienten.
Dirk van Kombast stützte die Arme auf den Schreibtisch und wackelte mit den Fingern, als wollte er Lockerungsübungen machen. Dabei sah er auf den Laptop und betrachtete das Foto, das er als Bildschirmschoner eingerichtet hatte. Es war ein Foto von ihm und seiner Mutter. Auf dem Foto sahen beide sehr glücklich, sehr schön und sehr viel jünger aus.
„Ich habe dich nicht vergessen, Mutti“, sagte Dirk van Kombast mit sanfter Stimme. „Denk bloß nicht, dass ich aufgebe. Ich bin dran, ganz nah dran, der Menschheit zu beweisen, dass es diese abscheulichen, blutrünstigen Wesen, die dein und mein Leben zerstört haben, tatsächlich gibt. Es ist nicht einfach und es gab Rückschläge, das gebe ich zu, aber am Ende werden wir die Sieger sein!“ Dirk schloss einen Moment die Augen und holte tief Luft. Manchmal war es einfacher, mit dem Bildschirmschonerfoto zu reden als mit seiner Mutter selbst, die seit Jahren und seit einem Zwischenfall mit Vampiren in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt saß.
Seit diesem Zwischenfall war Dirk van Kombast den Vampiren auf der Spur, und seit nebenan die Tepes aus Transsilvanien eingezogen waren, hatte sich sein Vorsatz noch verstärkt. Wer, wenn nicht er – der Nachbar von einem Vampir und zwei Halbvampiren –, sollte es besser wissen: Die Vampire waren unter uns. Über uns. Oder, wie in dem Fall, neben uns, nur ein Haus weiter.
Schon mehrmals war es Dirk van Kombast gelungen, seine bissigen Nachbarn heldenhaft zu überwältigen, gefangen zu nehmen und … Na ja, beinahe war es ihm gelungen. Immer war in letzter Sekunde etwas Überraschendes, Unangenehmes dazwischengekommen. Ein deftiger Durchfall, die rumänische Polizei, ein fliegender Backstein oder, wie beim letzten Versuch, ein zorniges Nashorn (immerhin flog das nicht).
Als Dirk van Kombast an diesen letzten Versuch dachte, rollte er vor Wut und Scham die Zehen in seinen hellblauen Puschelhausschuhen ein. Die Vampirschwestern und ihre beiden lausigen menschlichen Freunde hatten ihn hereingelegt und sogar noch dazu gebracht, ihnen aus der Patsche zu helfen. Aber wie hätte er es auch allein mit zwei Halbvampiren und einem ganzen Nashorn aufnehmen sollen? Er war zwar hauptberuflich ein gut aussehender, charmanter Pharmavertreter und nebenberuflich ein verwegener, erfahrener Vampirjäger – doch auch er hatte nur zwei Augen, zwei Arme (und noch ein paar andere durch wöchentliche Yogaübungen gestählte Körperteile) und war schließlich kein Superman.
Doch so wie bisher, hatte Dirk van Kombast beschlossen, konnte es nicht weitergehen. Immer wieder gelang es den Vampiren, in letzter Sekunde zu entwischen. Nach dem missglückten Versuch vor ein paar Wochen im Nashorngehege des Bindburger Zoos hatte Dirk van Kombast lange über seine Methoden bei der Vampirjagd nachgedacht. Woran lag es, dass er den Vampiren zwar immer dicht auf der Spur war, sie aber nie zu fassen bekam? An den bisher nur ungenügend getesteten technischen Hilfsmitteln, die er für die Vampirjagd verwendete? An den schlechten nächtlichen Sichtverhältnissen? Oder an der Unverfrorenheit und Verschlagenheit seiner bissigen Beute? Am Instinkt, an der Willensstärke und an der Einsatzbereitschaft des Vampirjägers konnte es jedenfalls nicht liegen.
Je länger Dirk van Kombast über die vergangenen Fehlschläge nachdachte, desto sicherer wurde er in seiner Vermutung. Schließlich meinte er genau zu wissen, woran es lag, dass der Erfolg bei der Vampirjagd bisher ausgeblieben war: Die Vampire waren immer in der Überzahl gewesen. Der Fall war klar. Dirk van Kombast war ein mutiger Einzelkämpfer, stand sozusagen allein wie ein Tennisspieler auf einer Spielfeldhälfte, während auf der anderen Seite mehrere Gegenspieler die Zähne wetzten und dazu noch fliegen und flopsen konnten. Ein solches Spiel würde selbst der Weltranglistenerste verlieren.
Dirk van Kombast konnte gar nicht gewinnen. Und selbst wenn seine Gegner wie im Bindburger Zoo nur zwei dreizehnjährige Halbvampire waren: Sie waren zu zweit und der Vampirjäger stand ihnen allein gegenüber. Es war ein ungleicher Kampf, der logischerweise zu keinem befriedigenden Ergebnis führen konnte.
Es war an der Zeit, sich für die Vampirjagd nach Verstärkung umzusehen. Auch wenn Dirk van Kombast ein Einzelkämpfer war und nicht gern im Team arbeitete – denn im Team musste man sich auf andere verlassen, ihnen vertrauen oder ganz und gar auf sie Rücksicht nehmen (und Dirk van Kombast vertraute am liebsten nur sich selbst). Doch all die Rückschläge hatten den Vampirjäger zu der Einsicht gebracht, dass er Hilfe brauchte. Es musste nicht gleich ein ganzes Team sein, aber ein Assistent oder ein Partner bei der Jagd auf die Vampire könnte erstmals Gleichgewicht in den Kampf bringen.
Dirk van Kombast war entschlossen, sich Verstärkung zu suchen – und die Vampire damit endlich zu fassen.
Vampirjäger gesucht

Einen Vampirjäger zu finden, war nicht so einfach. Es gab keine Vampirjäger-Azubis, keine Vampirwissenschaft-Studenten und auch beim Arbeitsamt passte niemand auf diese Jobbeschreibung. Dirk van Kombast konnte nicht einfach das Branchenbuch nehmen und unter der Rubrik „Professionelle Vampirjäger“ nachsehen. Würde er eine Anzeige schalten, „Furchtloser Assistent für die erfolgreiche Vampirjagd gesucht“, würden sich sicher nur Knalltüten, die Polizei oder ein Psychiater bei ihm melden.
Natürlich hatte Dirk van Kombast einen Draht zur betreffenden Szene. Doch der letzte Vampirologenkongress in New York war schon einige Zeit her. Zwar hatte der vampirinteressierte Pharmavertreter dort einiges Interessante erfahren und sein Fachwissen erweitert, Kontakte aber hatte er kaum geknüpft. Die meisten Vampirjäger waren Einzelgänger und Einzelkämpfer, die unerkannt im finsteren Untergrund arbeiteten und sich nur alle paar Jahre trafen, um sich auszutauschen oder mit ihren Jagderfolgen zu prahlen.
Dirk van Kombast wollte sein Glück bei der Suche nach einem Assistenten daher im Internet versuchen. Als Fachmann auf dem Gebiet der Vampirbekämpfung kannte er die einschlägigen Websites natürlich schon. Doch monatlich kamen neue dazu und heute wollte er den Suchbegriff etwas erweitern, um auf möglichst viele Gleichgesinnte zu treffen, die sich dem Kampf gegen dunkle Wesen mit übernatürlichen Kräften verschrieben hatten.
Dirk van Kombast tippte auf eine beliebige Taste und der Bildschirmschoner verschwand. Der Vampirjäger ging ins Internet und begann mit der Suche. Er saß kerzengerade und seine schlanken Finger flogen über die Tastatur, als er mehrere Suchbegriffe eingab, auf Enter drückte und die Resultate begutachtete. Dirk van Kombast klickte, tippte, scrollte und überprüfte eine Internetseite nach der anderen. Dabei war er hoch konzentriert, blinzelte kaum und erfasste schnell, ob er auf dieser Seite fündig werden würde oder ob sie für seine Bedürfnisse nicht infrage kam.
Es gab Websites, die sich über das Thema lustig machten. Websites, die nur Faschingskostüme verkaufen wollten, und Websites, die einzige Ruinen waren und an denen schon seit fünf Jahren nichts mehr geändert worden war. Dann stieß er noch auf äußerst gefährliche Internetseiten, die den Vampir romantisch verklärten und zum Liebesobjekt wandelten. Darüber konnte Dirk van Kombast nur den Kopf schütteln. Welche Frau, die noch ganz bei Verstand war, wollte schon einen sargschläfrigen, bleichen, muffigen Typen mit viel zu langen Eckzähnen küssen? Mal abgesehen von seiner Nachbarin Elvira Tepes, die ihren Verstand offenbar irgendwo in den transsilvanischen Wäldern gelassen hatte.
Allerdings entdeckte er auch einige hervorragende Seiten, die sich ernsthaft, wissenschaftlich und gründlich mit dem Thema Vampire und anderen finsteren Wesen auseinandersetzten. Am interessantesten fand Dirk van Kombast eine Seite, deren Überschrift „Vom Außerirdischen bis zum Vampir. Über Mischwesen, Nachtgestalten und andere Geschöpfe mit übernatürlichen Fähigkeiten“ lautete. Diese Website bot nicht nur einen exzellenten historischen Abriss über das Aufkommen und die Verbreitung von Vampiren, sondern lud auch zur Diskussion mit anderen Interessierten im Chatroom ein.
Normalerweise verbrachte Dirk van Kombast seine wertvolle Zeit nicht in Chatrooms, sondern in gut klimatisierten Arztpraxen, beim Yogaworkshop oder im Biosupermarkt (wo er allerdings selten gleichgesinnte Vampirjäger antraf). Wenn er Hilfe bei der Bekämpfung der Vampire finden wollte, so war dieser Chatroom vielleicht genau der richtige Ort.
Mit ein paar Klicks loggte der Vampirjäger sich ein und war im Chatroom. Zunächst beobachtete er das Treiben dort eine Weile. Er musste vorsichtig sein und wollte sich die Gäste im Chatroom erst einmal ansehen, um sie einschätzen zu können. Schon bald fiel ihm ein Teilnehmer auf, der sich Galo nannte und besonders viel zum Thema Vampire postete. Galos Kommentare waren äußerst klug, zeugten aber auch von einem gewissen Tatendrang – genau die Mischung, die sich Dirk van Kombast von einem Assistenten erhoffte.
Abermals flogen die schlanken Finger des Vampirjägers über die Tastatur, als er Kontakt zu Galo aufnahm. Galo schien sehr daran interessiert, einen echten Vampir einzufangen, und war hocherfreut, als sich Kombi007 (der Chatname von Dirk van Kombast) als erfahrener Vampirjäger zu erkennen gab. Galo war fest davon überzeugt, die Vampire ohne Weiteres überwältigen und gefangen nehmen zu können, wenn er doch nur mal einen aufspüren würde. Kombi007 meinte, das Aufspüren sei kein Problem, er wüsste genau, wo die Vampire hausten, nur habe er mit dem Einfangen der blutrünstigen Flieger ein Problem.
Galo und Kombi007 wurde schnell klar, dass sie sich perfekt ergänzten. Sie beschlossen, ab sofort bei der Vampirjagd zusammenzuarbeiten. Sie tauschten ihre Kontaktdaten aus und Galo versprach, sich bald wieder bei Kombi007 zu melden. Kombi007 hatte die Vampire und Galo hatte einen Plan. Schon in den nächsten Tagen würde er zu dem Vampirjäger nach Bindburg kommen, um diesen Plan (einfach, aber todsicher, so Galo) gemeinsam in die Tat umzusetzen. Kombi007 hätte vor Freude am liebsten den ganzen Bildschirm voller Smileys getippt, aber damit hätte er wahrscheinlich keinen professionellen Eindruck als Vampirjäger abgegeben.
Zwei Stunden später lehnte sich Dirk van Kombast zufrieden zurück, ließ die Hände in den Schoß sinken und sah lächelnd auf den Bildschirm. Er hatte es geschafft. Schneller, als er gedacht hatte. Er hatte einen Assistenten – oder sollte er sagen, einen Partner? Wie auch immer, dieser Galo klang zuverlässig, erfahren und schien genauso fest entschlossen, endlich einen Vampir zwischen die Finger zu bekommen, wie er selbst.
Dirk van Kombast stand auf, ging zum Fenster und blinzelte durch die Sonne hinüber zum Nachbarhaus. „Die bissigen Jahre sind vorbei, meine Lieben!“
Problem mit Eiscreme

Elvira ächzte, als sie den Kasten Wasser in die kleine Vorratsecke in der Küche hievte. Normalerweise würde Mihai den Kasten mit einem Finger aus dem Auto und in die Küche tragen und dabei ein transsilvanisches Heimatlied pfeifen. Doch im Moment pfiff ihr Mann nur auf dem letzten Loch und konnte sich kaum selbst auf den Beinen halten. Hätte auch nur ein Zwiebelring an seinem Finger gehangen, wäre er vermutlich umgekippt.
Zum Glück lag er schon, und zwar seit Stunden, in seinem Sarg im Keller. Elvira nahm eine Großpackung Blutorangeneiscreme aus dem Kühlbeutel, holte drei Löffel aus dem Schubfach, ging damit die Kellertreppe hinunter und öffnete die Kellertür. „Wird dem Vampir zu heiß, isst er auch Blutorangeneis!“, verkündete sie mit gespielter Fröhlichkeit, als sie den Keller betrat.
Daka, die an der Decke hing, schielte zu ihrer Mutter, als wäre das der schlechteste Spruch des Jahrhunderts.
Silvania, die neben einer Kerze in der Ecke saß, sah erst gar nicht von ihrem Buch auf. Eis war nicht halb so prickelnd wie die Kussszene in ihrem Roman.
Mihai lag im Sarg und rührte sich nicht.
Elvira trat lächelnd an den Sarg und klapperte mit den drei Löffeln. „Aufgewacht, Vampir meiner Träume! Es gibt BLUTorangeneis. Schmilzt auf der Zunge, kühlt von innen und weckt neue Lebensgeister.“
Der schlappe Schnauzbart von Herrn Tepes zuckte kurz, die Nase kräuselte sich. Dann riss der Vampir die Augen auf.
Unwillkürlich wich Elvira ein Stück zurück. Mihais Augen, die sonst schwarzbraun und weich wie Pflaumenmus schimmerten, glühten feuerrot, als wäre er von einem Dämon befallen. Mihai Tepes schnaufte und starrte seine Frau an wie einen fremden Eindringling, den er jeden Moment aussaugen wollte.
„Ähm … Mahlzeit, Mihai. Etwas Eiscreme für dich?“, fragte Elvira mit bebender Stimme. Die drei Löffel klapperten in ihrer zitternden Hand.
Plötzlich richtete sich Herr Tepes auf, fegte mit einer kräftigen Armbewegung die Großpackung Blutorangeneis von Elviras Handfläche und donnerte: „Ich brauche kein EIS, ich brauche BLUT!“
Elvira stieß einen kurzen Schrei aus, dann stand sie drei Sekunden wie versteinert im Keller und sah in die unbekannten glühenden Augen ihres Mannes.
Daka rutschte beim Gebrüll ihres Vaters beinahe zum zweiten Mal von der Leine, hielt sich im letzten Moment aber mit einer Hand fest und zog sich wieder hoch.
Silvania hatte vor Schreck ihren Liebesroman zugeschlagen, ohne ein Lesezeichen einzulegen. Entsetzt blickte sie zum Sarg. Stritten sich ihre Eltern etwa?
„Schon verstanden. Blut statt Eiscreme“, sagte Elvira leise. Beklommen beobachtete sie, wie ihr Mann langsam zurück in den Sarg sank. Was war nur mit ihm geschehen? Was machte die Hitze mit ihm? Verwandelte er sich jetzt in ein blutrünstiges Monster? Musste sie ihn wegsperren, schlimmer noch, musste sie vor ihrem eigenen Mann Angst haben? Die feuerroten Augen waren ihr fremd und jagten ihr einen Schauer über den Rücken. Zwar war Mihai immer ein leidenschaftlicher Vampir gewesen, aber nie aufbrausend. Es kam selten vor, dass er brüllte, und wenn, dann höchstens vor Begeisterung bei einem Rennzeckenrennen und nicht, weil er ein Problem mit Eiscreme hatte.
Mihais dünne, blasse Hand erschien am Sargrand und tastete nach Elvira. „Es tut mir leid, moi Miloba. Das wollte ich nicht.“ Seine Stimme klang matt und seine Augen hatten wieder ihre ursprüngliche Farbe angenommen. „Ich … weiß auch nicht, was mit mir los ist. Seit Tagen habe ich mich nicht mehr richtig vollgesaugt, von Frischblut ganz zu schweigen. Dann noch die Hitze und der Schlafmangel … Das treibt mich alles noch in den Wahnsinn.“
Elvira betrachtete ihren Mann einen Augenblick nachdenklich. Dann nahm sie Mihais Hand und drückte sie. Ganz vorsichtig.
In dem Moment klingelte es oben an der Haustür. Elvira zog die Hand zurück. Fast schien sie erleichtert, dass das Klingeln sie aus der Situation erlöste. „Ich schaue später noch mal nach euch.“ Frau Tepes warf ihrem Mann und ihren Töchtern eine Kusshand zu, hob die Großpackung Eis auf und eilte die Kellertreppe hinauf.
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