Kitabı oku: «Die Vampirschwestern - Das Buch zum Film»

Transsilvania Speditionska

Es war eine fast ganz normale Nacht auf der Autobahn irgendwo zwischen Transsilvanien und Deutschland. Auf der Straße fuhren nur wenige Autos und die meisten Menschen darin schliefen – bis auf die Fahrer natürlich. Nur in einem alten und ziemlich klapprigen Lastwagen mit einem Wolfskopf neben der tiefschwarzen Aufschrift Transsilvania Speditionska waren alle Reisenden hellwach. Das lag daran, dass auf der Autobahn zwischen Transsilvanien und Deutschland nicht immer nur normale Menschen unterwegs sind – sondern auch waschechte Vampire. Und Vampire sind nun einmal nachts hellwach und normalerweise auf der Jagd nach einem köstlichen Tropfen Blut.
Mihai Tepes, zweitältester Sohn einer ehrwürdigen und uralten Vampirfamilie, hatte in dieser Nacht keine Zeit für die Jagd. Er war gerade dabei, mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern Silvania und Dakaria nach Deutschland umzuziehen.
Mihai Tepes wurde vor 2676 Jahren mitten im schaurig-schönen Transsilvanien geboren und hatte sein Heimatland bisher nur selten und äußerst ungern verlassen. Er liebte die kargen, rauen Berge, die rauschenden Flüsse und die dichten Wälder mit ihren herrlich saftigen Wildschweinen – wenn er nur daran dachte, tropfte ihm der Speichel von seinen scharfen, langen Eckzähnen. Seufzend fuhr er sich durch sein rabenschwarzes Haar und tröstete sich mit dem großen Glas voll Heimaterde und den dicken Blutwürsten seines Lieblingsmetzgers Sangrasa, die er im Gepäck hatte.
Unbeirrt steuerte er den alten Laster weiter durch die Nacht. Er musste ordentlich aufs Gaspedal drücken, denn auf dem Anhänger des Lasters war der senfgelbe Lada aufgeladen – der Familienwagen der Tepes’, den Mihai nicht in Transsilvanien hatte zurücklassen wollen. Da seine Frau unter den Menschen nicht auffallen wollte, hatte Mihai die Scheinwerfer des Umzugslasters eingeschaltet. Eigentlich konnte Mihai Tepes nachts besser sehen als tagsüber, aber weil er seine Frau Elvira Tepes sehr liebte, hörte er gern auf sie.
Elvira Tepes war nämlich ein waschechter Mensch und einer echten Menschenfrau sollte man nicht widersprechen, auch nicht als stolzer und starker Vampir. Darum hatte Mihai auch nicht Nein sagen können, als seine Frau zurück nach Deutschland wollte. Sie hatte Heimweh, was Mihai gut verstehen konnte. Und schließlich hatte Elvira ihm vor 12 Jahren zwei prächtige Mädchen geboren. Sie waren nicht nur Zwillinge, sondern auch blutechte Halbvampire, auf die Mihai sehr stolz war. Gemeinsam hatte Familie Tepes die letzten 12 Jahre in Bistrien gelebt. Bistrien war nicht nur die unterirdisch schönste Stadt Transsilvaniens, sie befand sich auch wirklich unter der Erde und wimmelte von Vampiren. Doch auch deren gierige Blicke auf ihren zarten Hals hatten Elvira Tepes nicht davon abschrecken können, dort zu wohnen. Zum einen, weil ihr Ehemann Mihai sie bis aufs Blut beschützte, und zum anderen, weil sie ihm ewige Liebe geschworen hatte.
Sicherlich ist eine Ehe zwischen einem Vampir und einem Menschen höchst selten. Deswegen liebten es Silvania und Dakaria auch, sich die Kennenlerngeschichte ihrer Eltern zu erzählen. Oder zumindest Silvania genoss jede einzelne Kleinigkeit, denn sie hatte ein romantisches Herz und verschlang jeden Liebesroman, gern auch mit über 500 Seiten. Dakaria, genannt Daka, interessierte sich mehr für Rockmusik, fand Liebesgeschichten albern und verschlang lieber knackige Fliegen oder Hackfleischbällchen – gern auch mit über 500 Maden.
Doch weil die Fahrt lang war und auch ein bisschen langweilig, hatte Daka sich neben Silvania hinten im Laderaum aufs Bett gelegt. Umgeben von Kartons blätterten die beiden Schwestern dicht aneinandergekuschelt durch das Fotoalbum der Familie Tepes. Silvania leuchtete mit einer Taschenlampe auf die Bilder.
„Guck mal, Mami und Papi. Das erste gemeinsame Foto.“
Seufzend betrachtete Silvania die Fotos, die ihre Mutter vor vielen Jahren in den rumänischen Karpaten geschossen hatte. Die Karpaten sind ein wildes, steiniges Gebirge, in dem man sich vorsichtig verhalten sollte. Zumindest wenn man ein Mensch ist und so zierlich und schön wie Elvira Tepes. Gleich am ersten Tag hatte sie sich bei einem Sturz verletzt und musste den Rest des Urlaubs mit einer Halskrause verbringen. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum die Karpaten gefährlich sind. Denn auch Transsilvanien liegt in Rumänien und genau genommen mitten in den Karpaten. Elvira Tepes glaubte damals jedoch nicht an Vampire und machte fröhlich Fotos von Bergen, Schluchten und betörend duftenden rosaroten Blumen.
Was Elvira nicht ahnte, war, dass der Duft ihres rosaroten Blutes jemanden angelockt hatte. Hinter einem großen Baum versteckte sich Mihai Tepes und in seinem gesamten Vampirkörper loderte die tödliche Begierde.
Gerade als Elvira ein Bild von sich selbst schießen wollte, wäre es fast um sie geschehen gewesen: Mihai Tepes stürzte sich mit weit aufgerissenem Mund auf sie. ZZSSSS – KLICK! Elvira knipste, Mihais spitze Eckzähne funkelten im Blitzlicht auf – aber sie gelangten nicht in den Hals von Elvira. Die Halskrause war im Weg. Elvira hatte Glück gehabt, schrie aber trotzdem wie vom Vampir gebissen auf. Erschrocken fuhr sie herum – und in diesem Moment war es um sie geschehen: Sie verliebte sich auf den ersten Blick in diesen schönen blassen Mann mit dem schwarzen Haar und den roten Lippen, die Elvira an köstliche Sommererdbeeren erinnerten.
Wieder hatte sie Glück, denn in dem schönen blassen Mann loderte auf einmal nur noch zärtliche Begierde. Mihai verliebte sich in die hübsche Frau mit den roten Wuschelhaaren und konnte seinen Blick gar nicht mehr von ihren Augen abwenden. Sie erinnerten ihn an den tiefblauen Himmel einer sanft durchflogenen Sommernacht.
„Zum Glück musste Mama da diese komische Halskrause tragen. Stell dir mal vor, sie hätte sie nicht angehabt. Dann hätte Papa sie ausgesaugt und uns gäbe es jetzt gar nicht“, sagte Silvania.
Daka antwortete nicht. Sie blätterte einfach weiter, aber Silvania stoppte sie bei den Hochzeitsfotos ihrer Eltern. „Wie schön Mama aussieht. So will ich auch mal heiraten“, schwärmte Silvania. „Mami, Papi!“, rief sie schmeichelnd. „Bitte erzählt uns noch mal von eurer Hochzeit.“
„Erzählt es ihr“, knurrte Daka. „Mir genügen die 239 Mal eigentlich.“
Doch Elvira hatte sich schon mit leuchtenden Augen umgedreht und fing sofort an zu schwärmen: „Wir hatten eine große Gruft auf dem alten Friedhof in Bistrien gemietet. Mihais Familie und alle seine Freunde waren da. Die Frauen trugen ihre modrigsten Kleider und die Männer ihre muffigsten Anzüge und Hüte. Ich hatte dieses traumhafte Kleid aus Spitze an und der Zeremonienmeister fragte Mihai zuerst, ob er mich lieben und ehren wolle, bis dass der Tod uns scheide und er antwortete …“
„Sni! Je pnam!“, unterbrach Mihai seine Frau in der Vampirsprache Vampwanisch und blickte sie verliebt an.
„Ach, ist das schön!“, hauchte Silvania und sah noch einmal auf das Foto. Der Zeremonienmeister sah gruselig vampirisch aus. Er hatte lange graue Haare und trug einen schwarz glänzenden Zylinder. In der Hand hielt er einen langen Dolch.
„Das Messer findest du schön?“, fragte Daka grinsend.
„Nein, dass Papa aus Liebe zu Mama die Blutzeremonie vollzogen hat. Stell dir das mal vor, ihretwegen hat er auf das ewige Leben verzichtet.“
„Ja, so war es, aber ich bereue gar nichts!“, rief Mihai nach hinten. „Der Meister schnitt mir in die Hand und genauso vollzog er es bei Elvira, nachdem sie ‚Ja, ich will‘ gesagt hatte. Wir legten unsere Hände ineinander und unser Blut vermischte sich. Nur so können ein Mensch und ein Vampir heiraten.“
„Also, ich würde das niiiieee machen!“, flüsterte Daka ihrer Schwester zu. „Ich meine, Papa wusste ja nicht, welche von seinen Vampirkräften er verliert. Er hat total Schwein gehabt, dass nur die Lichtempfindlichkeit und seine Superkräfte geschwächt wurden. Es hätte genauso gut sein können, dass er nach der Hochzeit nicht mehr hätte fliegen können! Stell dir das mal vor! Was für ein Albtraum.“
„Also ich würde für die große Liebe alles tun. Genau wie Papi“, sagte Silvania verträumt. „Aber ich versteh nicht, warum die keine Digitalkamera für die Hochzeitsfotos genommen haben. Man will doch auch den Bräutigam sehen!“
„Ist doch klar, da gab’s noch keine, das ist doch ewig her. Die hatten nur diese altmodischen Fotokameras mit dem Spiegel drin. Und Vampire sieht man nun mal nicht im Spiegel.“
Silvania nickte unglücklich. Dass Mama auf ihrem Hochzeitsfoto allein zu sehen war und von Papa nur der schwarze Anzug und sein Melonenhut, fand sie sehr schade. Immerhin würde ihr das nicht passieren – als Halbvampir war ihr Spiegelbild zwar auch leicht verschwommen, aber auf ihrer Hochzeit würde sie sowieso nur Digitalkameras erlauben.
Silvania schloss die Augen und malte sich ihr Hochzeitskleid aus: in Cremeweiß, mit raschelnden Rüschen, einem Hauch Spitze und einem altrosafarbenen Gürtel dazu. Über ihren rotblonden Haaren würde sie einen zarten Schleier tragen, den ihr Bräutigam liebevoll lüften würde, um sie zu küssen. Silvania seufzte sehnsüchtig, weil ihr einfiel, dass die Sache einen Haken hatte. Nicht die passenden Schuhe zu ihrem Traumkleid zu finden würde schwierig werden, sondern den passenden Bräutigam. Silvania war zwar Expertin in Sachen Liebe – aber leider nur auf dem Papier zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn sie doch nur in Deutschland einen Jungen träfe, in den sie sich Hals über Kopf verlieben würde …
„Sag mal, schläfst du etwa mitten in der Nacht?“, riss Daka ihre Schwester unsanft aus ihren Nachtträumen. Noch unsanfter wurde es, als Mihai eine rasante Kurve fuhr und die beiden Schwestern samt Fotoalbum durch den Laderaum geschleudert wurden.
„Hilfe!“, schrie Silvania.
„Alles klar bei euch dahinten?“, fragte Mihai sofort.
„Ja, ja!“, rief Daka und legte sich wieder hin. Gegen ein bisschen Schleudern hatte sie gar nichts einzuwenden, wobei ihr ein erfrischender Nachtflug mit einem ordentlichen Looping lieber gewesen wäre. Sie verstand sowieso nicht, warum sie nicht nach Deutschland geflogen waren. Nicht in einem Flugzeug, sie waren ja keine Menschen. Oder zumindest nur halb, leider. Sie wäre gern mit ihrem Vater nach Vampirart geflogen. Das wäre ein tolles Training für den Trans-Europa-Flug gewesen, den Daka unbedingt eines Tages schaffen wollte.
Nachdem sie ihren Rock zurechtgezupft hatte, legte Silvania sich wieder neben Daka. Schließlich konnte es sein, dass sie aus dem Laster stieg und ihr deutscher Traummann sofort vor ihr stand. Und da wären Falten in den Klamotten wenig vorteilhaft. Silvania angelte sich das Familienfotoalbum. Diesmal schlug sie es weiter hinten auf.
„Guck mal, unsere alte Klasse in Bistrien!“
„Ha! Hier sieht man alle! Digitalkamera!“, rief Daka.
Schweigend betrachteten die Schwestern das Foto ihrer Mitschüler. Alle grinsten breit und ihre langen Eckzähne blitzten in die Kamera.
Daka schluckte. „Hach. Ich vermisse unsere Freunde jetzt schon!“, sagte sie leise.
„Hm“, nickte Silvania, „Aber dafür finden wir jetzt neue Freunde. Menschenfreunde!“
„Pfff, Menschen“, brummte Daka.
Würde sie in ihrer neuen Schule in Deutschland wirklich solche grausig-guten Freunde finden? Mit denen sie über ihre Lieblingsband Krypton Krax und die ultimativ coolsten Freestyle-Fly-Tricks reden konnte? Und die Lehrer waren bestimmt auch voll langweilig. Ihre transsilvanische Lehrerin hatte Daka zum Abschied Karlheinz geschenkt. Karlheinz war ein dicker orangefarbener Blutegel, den Daka liebevoll im Schleimtier-Unterricht gezüchtet und großgezogen hatte. Schnell klopfte Daka an das Aquarium, in dem Karlheinz wohnte. Karlheinz pupste laut und Daka fühlte sich ein bisschen wie zu Hause in Bistrien.
Silvania rümpfte die Nase. Sie fand Karlheinz eher eklig und sie war auch nicht so traurig wie Daka, als sie die Fotos ansah. Ihre Lehrerin hatte ihr gesagt, dass sie von jetzt an im Fach Sport-Fliegen nicht mehr die Schlechteste sein würde. Klar, denn so ein Fach gab es an einer deutschen Schule ganz bestimmt nicht. Und sicher war es dort auch nicht so wild und laut und unordentlich. Silvania freute sich auf Deutschland. Schnell schlug sie das Fotoalbum zu.
„Es wird schon hell“, bemerkte Daka.
„Ich bin auch schon voll müde“, antwortete Silvania gähnend.
„Boi noap, Schwesterherz“, murmelte Daka.
„Dir auch eine gute Nacht, kleine Schwester“, flüsterte Silvania, denn Daka war immerhin sieben Minuten jünger als sie.
Als gute große Schwester wusste Silvania, was sie gegen das Heimweh ihrer kleinen Schwester tun konnte, auch ganz ohne die Pupse eines Blutegels. Sie begann, mit geschlossenen Augen ein altes transsilvanisches Heimatlied zu summen. Mihai hatte es ihnen immer vorgesungen, als sie klein waren, und die ganze Familie Tepes liebte dieses Lied. Es klang ein wenig schief, bis Daka in das Lied einstimmte:
Transsilvania
Wuzzpogoi, oista snips, flopso, flugo,
Milobom job, rodna fantazyca!
job enzero inima naz, Transsilvania!
Obwohl die beiden Vampirschwestern müde und ein bisschen aufgeregt waren, sangen sie bald klar und schaurig-schön. Der Wind trug ihre Stimmen über die einsame Autobahn bis nach Deutschland, wo ein fast ganz normaler Tag beginnen sollte.
Die tödliche Gefahr

Es war ein herrlicher Samstagvormittag am nördlichen Rand von Bindburg. In der beschaulichen Siedlung war alles in bester und ordentlichster Ordnung. Jeder Bewohner der Siedlung hatte etwas Wichtiges zu tun: Herr Meier polierte sein Auto auf Hochglanz und Herr Schmidt schnitt seine Hecke auf Kante, während seine Frau die Straße fegte. Ein dicker Dackel pinkelte in einem gekonnten Bogen auf ein frisch geharktes Beet.
Vor seinem Haus mit der Nummer 21 stutzte Dirk van Kombast den Rasen mit einer Gartenschere. Er hatte ein Brot mit Kräuterfrischkäse gefrühstückt, seine Yogaübungen gemacht, seine Nasenhaare gestutzt (schließlich war Samstag, sein Stutztag), ausgiebig geduscht und dann sein Lieblingsparfum (Ginseng-Patschuli) aufgelegt. Der perfekte Start in den Tag. Nun genoss Dirk van Kombast die Ruhe im Lindenweg, das Schnappen der Heckenscheren, das Zwitschern der Vögel. Schnipp-schnapp, zwitscher-zwatsch. Das war fast besser als die Atemübungen beim Yoga. Entspannung pur, fand Dirk van Kombast. Doch mit der Entspannung sollte es gleich vorbei sein. Mit der Ruhe auch.
Mit einem lauten Scheppern bog ein uralter Laster in den Lindenweg ein. Er ächzte und quietschte und bremste. Bremste? Dirk van Kombast schnitt sich vor Schreck fast in sein Karohemd. Das waren nicht etwa …? Der Laster, oder wie immer sich diese Rostlaube nennen wollte, hielt vor dem Haus mit der Nummer 23. Tatsächlich! Er bekam neue Nachbarn. Neben seinem Haus zog wieder jemand ein.
Wobei Dirk van Kombast dieses Ungetüm nebenan nicht als Haus bezeichnete. Eher als Bruchbude. Eine Schande für den ganzen Lindenweg, wie auch Herr Meier und Herr Schmidt immer wieder kopfschüttelnd feststellten. Die Fensterläden hingen schief, der Garten war unerhört verwildert und die Holzfassade mit Efeu überwuchert. Wer um Himmels willen wollte in so ein Haus ziehen?, fragte sich Herr van Kombast.
Dann sah er zwei Frauenbeine aus der Beifahrertür aussteigen – zwei schlanke Frauenbeine, wie er angenehm überrascht bemerkte! Eine hübsche Frau mit einem eleganten Sonnenhut, unter dem lange, rot gelockte Haare hervorguckten, streckte den Kopf aus dem Auto. Vielleicht waren diese neuen Nachbarn doch nicht so schlimm wie ihr Fahrzeug.
Dirk van Kombast sog die Luft ein und spannte seine gut durchtrainierten Brustmuskeln an. Er wollte gerade mit seinem freundlichsten Nussknackerlächeln hinüberwinken, da stieg ein Mann aus. Herr van Kombast duckte sich hinter die Hecke. Der Mann war groß, schlank und ein bisschen zu blass für seinen Geschmack, schließlich ging Dirk van Kombast jeden Sonntag ins Solarium oder legte sich in die Sonne (Sonntag war sein Bräunungstag). Die Haare des Mannes waren schwarz und konnten mal wieder geschnitten werden. Den schwarzen Anzug, die Melone und die dunkle Sonnenbrille fand Dirk van Kombast etwas übertrieben. Vielleicht sogar verdächtig übertrieben.
Dirk van Kombast war 38 Jahre alt und Pharmavertreter. Er reiste mit einem Koffer voller Medikamente von Arzt zu Arzt, um ihnen möglichst viele von diesen Medikamenten zu verkaufen. Um als Vertreter Erfolg zu haben, brauchte er Menschenkenntnis und die hatte Dirk van Kombast. Und dieser Mensch kam ihm merkwürdig vor, ein Verkaufsgespräch mit ihm wäre sicher heikel. Er sah noch mal auf den Laster. Speditionska stand da. Dirk van Kombast hatte nicht nur Menschenkenntnis – er kannte sich auch mit Fremdsprachen sehr gut aus. Speditionska klang eindeutig italienisch, vermutlich war es sogar ein sizilianischer Dialekt. Er kombinierte und schloss messerscharf: Dieser Mann konnte ein gesuchter Mafioso sein, der in Deutschland untertauchen wollte!
„Gott, ist das toll hier – und dieses Haus sieht aus wie eine romantische Villa! Das spitze Dach, die süßen blauen Fensterläden, der bunte Garten und guck mal, Mihai, wie schön sich der knallgelbe Schmetterling da gegen das dunkle Efeu abhebt“, hörte Dirk van Kombast die Frau begeistert rufen.
Vielleicht waren die beiden auch gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Das würde die Blässe des Mannes und die Begeisterung der Frau für einen Schmetterling erklären. Dirk van Kombast sah, wie der Mann die Frau an sich zog und ihr zuraunte: „So schön wie du!“
Heißblütig war er also, wie alle Südländer. Herr van Kombast fühlte sich in seiner Mafia-Theorie bestätigt und blickte vorsichtig über die Hecke.
„Aufwachen, Fledermäuschen. Wir sind daha!“, rief die Frau jetzt.
Fledermäuschen? Dirk van Kombast hörte es im Inneren des Lasters rumpeln.
„Mein Hut, Fumpfs. Du liegst auf meinem Hut!“, ertönte die Stimme eines Mädchens.
„Was? Wie? Mach doch nicht so ’nen Stress“, brummelte ein anderes gähnend, vermutlich das, das Fumpfs hieß.
„Aber wir sind da!“, antwortete das erste Mädchen und stieg aus.
Wieder war Dirk van Kombast sehr überrascht, ob angenehm konnte er diesmal aber nicht sagen. Denn dieses Mädchen kleidete sich sehr speziell, zu speziell für seinen Geschmack. Sie trug mehrere geblümte Röcke übereinander, viele bunte Ketten und Armbänder und einen großen Sonnenhut. Das Mädchen war kostümiert wie für ein Bühnenstück und verkündete dann auch theatralisch: „Ich liebe Deutschland! Daka, komm raus! Es ist voll super hier! Übelst schön.“
Daka? Fumpfs? Was waren denn das für absonderliche Namen?, fragte sich Dirk van Kombast. Süditalienisch klangen die eigentlich nicht.
Dann kletterte das Fumpfs-Daka-Mädchen aus dem Laster und hielt sich, nicht weniger dramatisch als das Mädchen mit dem Rock, die Hände vors Gesicht: „Uah! Aaah! Sonne!“
Sie war genauso blass wie der Mann und schien eine Anhängerin dieser schwarzen Gestalten zu sein, die sich nachts auf Friedhöfen Gedichte vorlasen. Mit düsterem Blick sah sie sich um. Auf ihrer schwarzen Lederjacke steckte ein Button mit einem Totenkopf, ihre roten Strumpfhosen waren zerrissen und darüber trug sie kurze, zerfranste Hosen. Am auffälligsten aber waren ihre Haare. Sie waren rabenschwarz und erinnerten Dirk van Kombast an den Seeigel, in den er bei seinem letzten Tauchurlaub auf den Malediven getreten war. Fumpfs-Daka weckte keine guten Erinnerungen in ihm. Mafia oder nicht, diese neuen Nachbarn waren alles andere als normal.
Der Meinung schien auch Poldi, der Dackel von Frau Hase, zu sein. Bis zur Ankunft der neuen Nachbarn hatte er stolz seine Pinkelpfütze bewundert und zufrieden an den Kartoffelwurstauflauf gedacht, den sein Frauchen heute für ihn kochen wollte. Doch jetzt lag ihm jeder Gedanke an Futter fern – alle seine struppigen Haare sträubten sich und er witterte, schnupperte und schnüffelte. Diese Gestalten aus dem rostigen Ungeheuer rochen nicht wie Menschen. Die Frau schon, wie die meisten Menschenfrauen duftete sie nach Vanillepuder und Apfelshampoo. Aber diese zwei Mädchen und der schwarze Mann rochen anders. Fast wie ein Knochen, der lange verbuddelt gewesen war. Irgendwie muffig, nach Erde, Asche und ganz entfernt nach rohem Fleisch. Rohes Fleisch war für einen Dackel normalerweise ein Grund zur Freude, nicht aber für so eine alte, erfahrene Spürnase wie Poldi. Poldi witterte Gefahr, tödliche Gefahr!
Aufgeregt wedelte er mit dem Schwanz und flüchtete wild kläffend zu seinem Haus. Zum Glück öffnete sein Frauchen gleich die Tür. Poldi wusste zwar, dass sie nur gebrochen hundisch sprach, dennoch bellte er warnend in Richtung tödliche Gefahr und wieder zu ihr. Sie verstand ihn nicht, versprach aber ein Leckerli, und so zog Poldi den Schwanz ein und tapste hinter ihr her in seinen Flur. Er konnte nur hoffen, dass dieser Patschuli-Typ die Gefahr auch gewittert hatte und sich dem Problem im Lindenweg annahm. Er, Poldi, hatte für heute genug getan. Er musste sich um seine eigene Wurst kümmern.
Dirk van Kombast war weit davon entfernt, einfach in sein Haus zu gehen. Er wollte wissen, mit wem er es ab jetzt zu tun hatte. Notfalls würde er den ersten Schritt wagen und sich vorstellen. Hallo, ich bin Ihr Nachbar, oder so. Ganz normal tun und dann die richtigen Fragen stellen. Van Kombast schaute über seine Hecke. In diesem Moment entdeckte ihn der große Mann und kam mit ausladenden Schritten auf ihn zu. Fast schien es, als schwebte er auf ihn zu.
„Einen wunderschönen guten Tag, Herr …?“
„Äh, van Kombast. Dirk van Kombast“, antwortete Dirk van Kombast und wollte dem Mann gerade die Hand reichen, als ihm dieser mit der Faust auf die Stirn boxte. TOCK!
„Boi motra. Grüßi, Herr van Kombast.“ Der Mann lachte laut.
Aua, dachte Dirk van Kombast und dann: Boi motra? Das klang eigentlich nur entfernt italienisch. Vermutlich wieder dieser sizilianische Dialekt. Er konnte ja nicht ahnen, dass Boi motra vampwanisch war und „Guten Morgen“ hieß. Noch nicht.
„Wir sind Ihre neuen Nachbarn! Familie Tepes aus dem wunderschönen, dunkelschaurigen Transsilvanien!“, redete der Mann weiter.
Transsilvanien! Als hätte die Kopfnuss von Herrn Tepes in seinem Gehirn ein Licht angeknipst, fiel Dirk van Kombast plötzlich etwas auf: Auf dem Laster hatte noch ein Wort gestanden. Transsilvania! Und Frau Tepes hatte ihre Töchter „Fledermäuschen“ gerufen. Herr Tepes und diese Fumpfs-Daka waren blass und schwarz gekleidet. Das war keine Mafia-Familie, das waren … doch Dirk van Kombast hatte keine Zeit, weiter nachzudenken. Frau Tepes stöckelte mit einer Klobrille unter dem Arm heran, gefolgt von ihren beiden seltsamen Töchtern.
Frau Tepes lächelte entschuldigend, als sie sah, dass sich Herr van Kombast immer noch entgeistert die Stirn rieb: „Ja, ja, andere Länder, andere Sitten, nicht wahr? Elvira Tepes, angenehm! Auf gute Nachbarschaft!“ Sie nahm seine Hand und schüttelte sie etwas kräftiger, als es in Deutschland üblich war. Dann reichte sie Dirk van Kombast die Klobrille über den Zaun.
„Eine kleine Aufmerksamkeit für Sie, Herr van Kombast! Die habe ich selbst entworfen. Ich bin Designerin.“
„Die beste in ganz Transsilvanien!“, fügte Herr Tepes stolz hinzu, woraufhin Frau Tepes etwas rot im Gesicht wurde und ihren Mann verliebt anlächelte.
„Äh, bezaubernd. Danke!“ Dirk van Kombast nahm verdutzt die Klobrille entgegen. Der Deckel war über und über mit bunten Blumenblüten aus Filz beklebt. Merkwürdig, fand Dirk van Kombast.
„Ich möchte einen Laden eröffnen. Hier in Bindburg. Falls Sie was wissen …?“, fragte Elvira Tepes.
Noch bevor Herr van Kombast antworten konnte, geschah etwas: Eine Fliege summte vorbei und Fumpfs-Daka schnappte danach und steckte sie sich in den Mund. Zumindest war Dirk van Kombast so, als hätte sie das getan. Der Schlag auf den Kopf schien sein Sehvermögen geschwächt zu haben.
Schnell legte Elvira Tepes die Arme um ihre Töchter und sagte: „Ja, und das sind unsere zwei wunderbaren Töchter: Silvania und Dakaria.“
Silvania knickste höflich und blinzelte Dirk van Kombast zu, Fumpfs-Daka-Dakaria nickte nur.
Dirk van Kombast war verwirrt. Eben noch hatte er einen wichtigen Gedanken gehabt, einen Verdacht, einen furchtbaren Verdacht – doch jetzt war alles weg. Wegen einer Kopfnuss. Und noch bevor er irgendetwas sagen oder fragen konnte, hatte Familie Tepes sich umgedreht, um den Lieferwagen auszuladen.
Dirk van Kombast beschloss, sich erst mal auf die Lauer zu legen. Möglichst unauffällig verfolgte er hinter seiner Hecke das Geschehen. Ab und zu schnitt er einen überstehenden Grashalm kürzer.
Familie Tepes trug eine Kiste nach der anderen ins Haus. Zu sehen war nicht viel, zumindest nichts Verdächtiges. Van Kombast überlegte bereits, sich ein wenig auf seinem Sofa zu entspannen, als Herr Tepes etwas langes schwarzes aus dem Laster zog und locker auf der Schulter balancierte, als wäre es kein Doppelsarg, sondern ein … Moment. Dirk van Kombast überlief es eiskalt. Ein Sarg???
Doch gerade als er das Objekt näher betrachten wollte, winkte ihm Herr Tepes mit der freien Hand zu und Elvira Tepes sprang mit einer exotischen Topfpflanze vor den Sarg oder was immer das auch war. Elvira lächelte. Dirk van Kombast fröstelte. Diese Pflanze war nicht nur exotisch, sie war unheimlich. Dieses eingetopfte Monstrum hatte Blätter, aus denen rote Stacheln ragten und in der kaktusartigen Blüte hockten kleine schillernde Spinnen. Herr van Kombast beschloss, in sein Haus zu gehen, die Türen und Fenster zu schließen und an seine Mutter zu denken.
Der Sarg im Wohnzimmer

Elvira Tepes stellte die vampwanische Topfpflanze ab und ging glücklich durch ihr neues Heim. Endlich waren sie in Deutschland angekommen, in einem ganz normalen Haus. Alles war nach ihrem Geschmack eingerichtet: die Küche, das Bad, überall diese herrlich sauberen Fußböden. Mit einem Strahlen lief sie ins Wohnzimmer und …
„Ahhh! Was macht ihr da?“ Elviras gute Laune war im Keller. Dort, wo Mihai eigentlich seinen Sarg hätte abstellen sollen. Stattdessen stand er da, wo normalerweise ein Sofa stehen sollte. Und als wäre das nicht genug, streute Daka überall Heimaterde auf den nagelneuen weißen und superflauschigen Teppich.
Daka sah nur kurz auf. „Wir verteilen Heimaterde, was denn sonst?“
Elvira seufzte. „Daka, Mihai, bitte! Wir hatten das doch alles besprochen. Der Sarg kann auf keinen Fall ins Wohnzimmer! Und die Heimaterde sammelt ihr bitte sofort wieder ein!“
Sie zog ein rotes Katzenklo aus einem der Kartons. „Für die Heimaterde habe ich doch extra das Katzenklo bestellt. Ich weiß ja, dass ihr ohne sie nicht leben könnt. Und in so ein Katzenklo kann man schön die Heimaterde einfüllen, seine Füße reinstellen und auftanken.“
„Das ist doch ’n Witz …“, brummte Daka.
Mihai drückte seinen Rücken durch. „Ich stamme aus dem ältesten Vampirgeschlecht der Welt. Ich brauche meine Heimaterde und meinen Sarg – und kein Katzenklo.“
Elvira reagierte nicht – sie sammelte die Heimaterde ein und versuchte verzweifelt, ihren neuen Wohnzimmerteppich zu retten. Mihai konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
„Lach nicht!“, herrschte Elvira ihn an. Fehlte nur noch, dass er sie El Virus nannte, was er immer tat, wenn sie wütend war.
Doch Mihai meinte nur: „Entschuldige, aber wenn du plötzlich die perfekte Hausfrau spielst, muss ich einfach lachen – das ist so … so deutsch!“
Daka unterdrückte ein Kichern.
Elvira sprang auf. „Okay, wie ihr wollt. Dann fliegt doch einfach durch die Gegend, werft mit Heimaterde um euch und beißt am besten noch ein paar Menschen. Ihr werdet schon sehen, wo das hinführt. Immerhin gibt es in Deutschland immer noch Vampirjäger.“
Mihai schüttelte verächtlich den Kopf. „Vampirjäger. So ein Gumox!“
Elvira deutete mit spitzem Finger auf den Sarg, dann auf Mihais Familienwappen. Es sah aus wie eine Vampirfratze: ein weit aufgerissener Mund, aus dem vier spitze Eckzähne ragten. An den Zähnen klebte Blut. Echtes Blut. Anklagend zeigte Elvira auf den Wohnzimmertisch, wo ein verrosteter Kerzenleuchter mit roten Kerzen stand, der von Spinnweben überzogen war. Dichten Spinnweben. Dann deutete sie auf Mihais Volperfluxi. Ein ausgestopftes transsilvanisches Stacheltier. Sehr tot.
„So geht das wirklich nicht. Hier haben die Häuser Fenster. Da kann jeder hineinschauen. Das muss ganz nullachtfünfzehn deutsch aussehen. So wie das jetzt hier aussieht, können wir nicht mal Opa Gustav einladen.“
Das hätte Elvira nicht sagen sollen. Sofort horchte Mihai auf. „Wie bitte? Dein Vater weiß immer noch nicht Bescheid?“
Elvira schüttelte betreten den Kopf. „Äh, nein. Noch nicht. Oma Rose hat ihm auch nichts gesagt.“
„Aber das war ausgemacht!“, rief Mihai empört.
Daka hielt sich sonst gern raus aus den Streitigkeiten ihrer Eltern, aber jetzt verschränkte sie wütend die Arme vor der Brust. „Du tust ja so, als müssten wir uns verstecken! Wieso denn? In Bistrien haben wir doch ganz normal gelebt – auch du als Mensch!“
„Erstens“, kam Elvira in Fahrt, „Bistrien ist eine unterirdische Vampirstadt. Man lebt in Stalaktitenhöhlen und schläft in Särgen – normal finde ich das nicht. Und zweitens hat mich Mihai immer beschützt. Und drittens sind wir jetzt in Deutschland. Hier kann man nicht mit den letzten Sonnenstrahlen aufstehen und in der Gegend herumfliegen.“
„Ja und jetzt?“, rief Daka. „Sollen wir uns für immer im Keller verstecken?“
„Nein, natürlich nicht“, beruhigte Elvira ihre Tochter. „Ihr sollt euch hier wohlfühlen. Deutschland ist unser neues Zuhause! Aber ihr müsst schon auf euch aufpassen.“
Daka rollte genervt mit den Augen und Mihai fragte scharf: „Und was machen wir mit Opa Gustav?“
„Opa muss es natürlich wissen. Ich wollte ja schon … aber der richtige Zeitpunkt war einfach noch nicht da. Aber ihr habt recht. Die Heimlichtuerei muss ein Ende haben. Wir sagen es ihm, okay? Gleich, wenn die beiden kommen.“ Elvira ging auf ihren Mann zu, nahm seine Hand und sah ihm tief in die Augen. Dann deutete sie mit ihrem spitzen Finger nach unten. „Aber der Sarg, Schatz, der muss in den Keller! Bitte, ja?“
„Du meinst es wirklich ernst. Also gut. Aber das Wappen bleibt! Und mein Volperfluxi auch!“, brummelte Mihai. Er konnte seiner Frau einfach keine Bitte abschlagen. Auch nicht, wenn er dafür mitsamt seiner Ehre in den Keller ziehen musste.
In diesem Moment betrat Silvania das Wohnzimmer. Entsetzt sah sie sich um. „Schlotz zoppo! Was macht denn der Sarg im Wohnzimmer?“
Daka zeigte nur stumm nach oben. Zeit, die Fliege zu machen.
Vampire in Bindburg

Wenig später herrschte wieder Frieden im Haus der Familie Tepes. Oder zumindest davor. Elvira und Mihai standen Arm in Arm vor ihrem neuen Heim. Oma Rose und Opa Gustav waren im Anmarsch.
„Omaaaa! Opaaaa!“, riefen Daka und Silvania und flogen fast auf ihre Großeltern zu. Tatsächlich konnte Silvania Daka gerade noch daran hindern abzuheben.
„Goldene Regel Nummer eins: Kein Fliegen bei Tageslicht. Fehlt nur noch, dass du flopst“, zischte Silvania ihr zu.
Flopsen war eine Art schnelles Rennen. Vampire konnten so superschnell von einem Ort zum anderen gelangen, ohne dass ein menschliches Auge folgen konnte. Aber das funktionierte nur über kurze Entfernungen und war extrem anstrengend. Außerdem lautete die sechste goldene Regel, die ihre Mutter für das Leben unter Menschen aufgestellt hatte: Kein Einsatz übernatürlicher Kräfte – wie zum Beispiel Flopsen.
Oma Rose tat so, als hätte sie nichts bemerkt, und rief übertrieben laut: „Hallooo, ihr Schnuckelputzelchen!“
Opa Gustav, der nicht so tun musste, als hätte er nichts bemerkt, weil er nichts bemerkt hatte, fasste seine Enkelinnen an den Schultern und sagte: „Mein Gott, seid ihr groß geworden. Lasst euch anschauen, Mädchen. Na so was, richtige junge Damen.“
Silvania lächelte unsicher und Daka rollte genervt mit den Augen. In diesem Moment kam Dirk van Kombast mit einer Mülltüte aus seinem Haus. Ein raffinierter Vorwand, um mal wieder nach den neuen Nachbarn zu sehen, wie er fand.
„Oh, Dirk. Hallo!“, rief Opa Gustav.
Ungläubig sah Dirk van Kombast Opa Gustav an. „Ach, Sie! Guten Tag, Herr Wagenzink.“
Während Oma Rose weiterging, hielt Opa Gustav noch ein Schwätzchen mit Dirk van Kombast. Schließlich hatte er 42 Jahre lang in einem Autohaus gearbeitet und wusste, wie man Kontakte pflegte. „Wie geht’s der werten Frau Mama?“
„Leider keine Änderung“, antwortete Dirk van Kombast bedrückt.
„Schlimme Sache das …“, sagte Opa Gustav und nickte bedauernd. Dirk van Kombast seufzte und nickte auch.
„Trotzdem. Gute Besserung“, wünschte Opa Gustav aufmunternd. Herr van Kombast bedankte sich und ging wieder in sein Haus. Kopfschüttelnd flüsterte Opa Gustav den Tepes’ zu: „Tragischer Fall. Das war Dirk van Kombast. Seine Mutter war einst die schönste Frau Bindburgs. Sie sah aus wie ein Engel …“
Oma Rose räusperte sich – sie war früher schließlich auch nicht von schlechten Engeln gewesen, mit ihren langen rotblonden Haaren. Doch Opa Gustav redete einfach weiter, wenn auch immer leiser: „Doch. Wie ein Engel. Aber eines Tages hat man sie im Nachthemd auf dem Altar der alten Bindburger Kirche sitzend vorgefunden. Völlig wirr, zerzaust und mit grässlich leerem Blick. Sie hat wochenlang keinen Ton von sich gegeben. Keinen Pieps.“ Opa Gustav machte eine bedeutungsschwere Pause.
Silvania bekam ein wenig Angst.
Daka bekam ein wenig Langeweile. „Und dann?“, fragte sie.
„Und dann“, flüsterte Opa Gustav, „dann hat sie plötzlich behauptet, Vampire hätten sie gejagt. Sie seien mit ihr herumgeflogen und hätten sie auf dem Kirchturm ausgesetzt.“ Wieder machte Opa Gustav eine Pause und starrte seine Tochter und ihre Familie mit durchdringendem Blick an. Mihai sah auffordernd zu Elvira und Elvira erschrocken zu ihrem Vater.
Daka grinste. „Vampire? Hier in Bindburg?“
„Ja, genau. Vampire!“, bestätigte Opa Gustav und dann lachte er wild und hielt sich zwei Finger an den Mund, als seien es Eckzähne. „Vampire in Bindburg! So was kann sich auch nur eine Frau ausdenken!“ Empört boxte ihm Oma Rose in die Seite. „Aua!“, rief er, doch Oma Rose lächelte nur zuckersüß.
Mihai versuchte, Elvira mit seinem Blick ein Zeichen zu geben. Doch Elvira schüttelte ihre roten Locken und sagte drohend: „Nein! Nicht jetzt!“
Opa Gustav bekam davon nichts mit. „Na ja, jedenfalls ist sie prompt im Irrenhaus gelandet und bis jetzt nicht mehr herausgekommen.“
Noch einmal gab Mihai Elvira mit den Augen ein Zeichen, aber die schüttelte wieder nur den Kopf. Oma Rose sah die Verzweiflung ihrer Tochter und schaltete sich ein. „So, Gustav! Jetzt lass mal die alten Schauergeschichten. Wir freuen uns jedenfalls sehr, dass wir euch endlich hier bei uns haben.“
Oma Rose umarmte Elvira und Mihai trat blitzschnell vor, um Opa Gustav eine Kopfnuss zu verpassen. Doch Opa Gustav riss schnell seine Hände vor die Stirn und grinste stolz: „Ha! Spitzenreaktion, was?“
Mihai war beeindruckt. Auch wenn Opa Gustav keine Ahnung hatte, wer sein Schwiegersohn war, so kannte er doch den typisch transsilvanischen Gruß. Lachend schüttelten sich die beiden Männer die Hände.
„So, jetzt gehen wir aber mal rein. Ich bin schon sehr neugierig“, sagte Oma Rose.
Oma Rose sollte nicht enttäuscht werden. Auch wenn sie ihre Tochter und ihre Familie schon öfter in Bistrien besucht hatte und um deren Geheimnisse wusste, war sie auf so viel vampwanischen Einfluss doch nicht gefasst gewesen. Elvira bemerkte ihre Blicke und nahm schnell den Kerzenständer vom Wohnzimmertisch. „Puh“, machte sie. „Der gehört unbedingt poliert.“
Opa Gustav starrte Mihais Familienwappen an. „Äh, was ist denn das für ein Bild?“
Mihai setzte stolz zu einer Antwort an: „Das ist unser Familienwap…“
„Moderne Kunst. Mihais Cousin dritten Grades ist ein berühmter Künstler“, unterbrach Elvira ihn und erntete dafür einen wütenden Blick von Mihai. Entschuldigend zuckte Elvira mit den Schultern.
„Aha. Davon verstehe ich nichts, aber Rose, du bist doch die Kunstexpertin“, wandte sich Opa Gustav an seine Frau. Oma Rose liebte Kunst und arbeitete seit acht Jahren als Museumsführerin im Kunstpalais Bindburg.
„Ach, ich finde es wunderbar! Ganz wunderbar, Mihai“, säuselte Oma Rose. „Du hast einfach ein Händchen für das Besondere“, fügte sie dann mit Betonung auf Besondere hinzu und sah ihre Tochter eindringlich an.
Ein Zimmer für zwei

Für die Vampirschwestern ging der erste Tag in Deutschland zu Ende. Die Nacht kam und mit jedem Strahl des Mondes wurden Silvania und Daka wacher. Silvania nutzte die Zeit, um ihre Sachen auszupacken und ihren riesigen Klamottenberg in den Schrank zu räumen. Dann sortierte sie ein paar Zeitschriften auf ihrem Bett. Zufrieden blickte sie sich um. Ihr neues Reich gefiel ihr – bis zu der Grenze, wo Dakas Zimmerhälfte begann. Überall standen da noch die Umzugskisten. Daka hatte erst ganz wenig ausgeräumt, darunter das Foto von ihrer alten Klasse und das Poster ihrer absoluten Lieblingsband Krypton Krax. Das hing genau über ihrem Schiffschaukelsargbett, in dem Daka gelangweilt herumlümmelte.
Silvania war genervt. Erstens, weil Elvira ihnen versprochen hatte, dass sie jeder ein eigenes Zimmer bekommen würden. Zweitens, weil Elvira ein paar Klobrillen aus Bistrien mitgebracht hatte, die sie dort günstig erstanden hatte. Drittens, weil es genau 250 Klobrillen waren, die jetzt in dem Zimmer lagerten, das eigentlich Silvanias hätte sein sollen. Sie seufzte. „Ich bin gleich fertig mit Einräumen und du?“, fragte sie betont freundlich, denn sie wollte sich nicht gleich in der ersten Nacht mit Daka streiten.
„Kein Bock“, antwortete Daka.
Silvania versuchte, sich nicht aufzuregen, und blätterte in ihrer Pferdezeitschrift. Ihr Blick blieb an einem Poster von einem reitenden Mädchen hängen. Begeistert riss sie es raus und hielt es über ihr Bett. „Daka, wie findest du das? Ist das nicht zensatoi futzi?“
„Total peinlich!“, befand Daka und flopste sich an eine schwere Eisenkette, die oben an der Zimmerdecke hing. Kopfüber baumelte sie an der Kette und grinste zufrieden. Das hatte sie sich schon die ganze Fahrt über gewünscht. Gepflegt abhängen.
Silvania fand das gar nicht lustig. „Spinnst du? Komm da sofort wieder runter. Wenn dich jemand sieht!“
„Ha! Wer soll mich denn hier sehen? Dann müssten unsere Nachbarn schon im zweiten Stock am Fenster vorbeifliegen. Das können Menschen aber nicht! Mal abgesehen davon hängen Menschen doch auch gern ab! Und überhaupt, ich kann hier fliegen und flopsen, so viel ich will. Ich darf mich bloß nicht erwischen lassen.“ Mit einem schwungvollen Salto hob Daka ab und landete KNAUTSCH! auf Silvanias Strohhut. „Hoppla!“
„Pass doch auf, Daka. Den brauch ich noch!“ Wütend riss Silvania ihrer Schwester den Hut weg.
Die flopste zurück auf ihr Bett und nahm Karlheinz aus seinem Aquarium. Liebevoll streichelte sie ihn. „Nicht wahr, Karlheinz, du verstehst mich! Ich muss schließlich für meinen Trans-Europa-Flug trainieren.“ Karlheinz antwortete zwar nicht direkt, aber er kroch verständnisvoll auf Dakas Hand herum. „Wenn ich nämlich 2000 Kilometer am Stück draufhab, dann flieg ich zurück nach Bistrien. Hier bleib ich keinen Tag länger als nötig.“
Silvania versuchte immer noch, ihren eingedellten Strohhut zu retten. „Sei doch nicht so negativ, Daka. Es ist so schön hier in Deutschland. Sieh’s mal so: Wir sind Halbvampire. Halb Mensch, halb Vampir. Jetzt haben wir 12 Jahre als Vampire gelebt. Hier können wir endlich mal unsere menschliche Seite ausprobieren.“
„Ich will aber kein Mensch sein. Ich will ein Vollblutvampir sein!“
„Also, ich finde Menschsein toll. Endlich können wir richtige Mädchen sein. Wir können uns schminken, eine beste Menschenfreundin finden und vielleicht sogar süße Jungs kennenlernen. Zum Beispiel dieser Nachbar, der sah doch voll gut aus!“
„Bäh, dieser uralte Komposttyp? Überhaupt, Menschenjungs. Die interessieren mich so was von gar nicht. Der einzige Mann, der mich interessiert, ist Murdo. Und der ist in Bistrien.“ Daka blickte leicht verträumt zu ihrem Krypton-Krax-Poster auf.
Silvania sah extrem genervt zu Daka. „Murdo Dako ist 20, also auch uralt, und außerdem Rockstar. Der weiß doch gar nicht, dass es dich gibt! Und jetzt räum dein Zeug endlich mal ein, aber rapedadi. Vielleicht lernen wir schon morgen in der Schule neue Freunde kennen. So können wir die hier ja nie reinlassen.“
„Ich will keine neuen Freunde. Ich hab schon welche.“
Daka streichelte wieder Karlheinz, der wohlig pupste.
„Pfui, Karlheinz. Igitt!“ Angewidert verzog Silvania das Gesicht.
Dann war Schlafenszeit, obwohl es mitten in der Nacht war. Silvania und Daka hatten ihrer Mutter versprochen, sich den Schlafgewohnheiten der Menschen anzupassen. Hellwach lagen sie in ihren Betten und versuchten, müde zu werden. Ein bisschen klappte es sogar. Nach einer Weile zumindest.
„Boi noap, kleine Vampirschwester“, flüsterte Silvania, denn auch wenn sie manchmal stritten, hatte sie Daka wirklich gern.
„Boi noap, große Menschenschwester“, murmelte Daka.
Nach einer noch längeren Weile brummte Daka: „Silvania, schläfst du schon?“
„Ja.“
„Ich auch.“
Tanz der Vampire

Genau wie ihre Töchter hatten auch Elvira und Mihai nicht vor, im Streit ins Bett zu gehen. Wobei ins Bett nicht ganz stimmte, denn Mihai hatte unten im Keller seinen Sarg aufgestellt und mit roten Laken frisch bezogen. Er war nur noch ein bisschen beleidigt, dass er im Keller schlafen musste. Nachdem er sich den Keller so gemütlich wie möglich eingerichtet hatte, nahm er eine rote verschnörkelte Schachtel aus einer Umzugskiste und öffnete sie. In der Schachtel krabbelte sein ganzer Stolz: seine Rennzeckensammlung! In Transsilvanien war der Zeckenrennsport sehr beliebt unter Vampiren und auch Mihai Tepes teilte diese Leidenschaft. Vorsichtig nahm er Fidel und Napoleon aus der Schachtel – das waren seine zwei schnellsten Zecken! Mihai setzte sie an den Rand der Kühltruhe und feuerte sie aus vollem Herzen an. Fidel und Napoleon kamen fast gleichzeitig am anderen Ende der Kühltruhe an, und bevor sie hinunterstürzten, legte Mihai sie wieder in ihre Schachtel – nicht ohne sie mit getrockneten Blutkrümeln zu belohnen. Nach diesem Rennen fühlte sich Mihai in seinem Keller schon ein ganzes Stück heimischer. Zufrieden zündete er ein paar Kerzen an und legte gerade eine Platte auf sein Grammofon, als seine Frau eintrat.
„Gemütlich, mein Mihai“, sagte Elvira und an ihren Worten erkannte Mihai, dass auch sie nicht mehr über Särge im Wohnzimmer, Heimaterde auf Teppichen oder Opa Gustav reden wollte.
Mihai schaltete das Grammofon an und eine mitreißende vampwanische Melodie erklang.
„Darf ich bitten?“, fragte Mihai seine Frau. Elvira sah ihm tief in die Augen, nahm seine Hand und die beiden tanzten. Sie bewegten sich so, als befänden sie sich auf einem festlichen Ball mit Parkettboden, Lichterglanz und Orchester und nicht in einem Keller mit Sarg, Grammofon und Kühltruhe.
Vor dem Haus im Lindenweg mit der Nummer 23 wunderte sich nur eine schwarze Katze über die gedämpften Töne der vampwanischen Rumba, die kreisend in den Nachthimmel aufstiegen wie ein Vogel, der ihren scharfen Krallen entwischt war. Und so endete ein fast normaler Tag im friedlichen Bindburg, wo es nie wieder ganz normal sein sollte, seit die Familie Tepes aus Transsilvanien zugezogen war.
Elviras radikale Regeln

Am nächsten Morgen wachte Elvira gut gelaunt auf. Sie hatte in ihrem neuen Bett herrlich geschlafen. Frisch duftendes Bettzeug, eine weiche Matratze und diese Ruhe! Ihren Mann hatte sie gestern Nacht mit einem Kuss in seinen Sarg verabschiedet. Er hasste den Waschmittelgeruch der Bettwäsche und konnte in einem normalen Bett kein Auge zumachen. Auch jetzt schlief er sicher noch oder er war gerade erst richtig eingeschlafen. Doch da hatte sich Elvira getäuscht.
Mihai war schon eine ganze Weile wach, sie hörte ihn unten im Wohnzimmer sein Lieblingslied summen:
Transsilvania
Wuzzpogoi, oista snips, flopso, flugo!
Milobom job, rodna fantazyca!
job enzero inima naz, Transsilvania!
Das hieß:
Transsilvanien,
herumtollen, verrückt sein, flopsen, fliegen!
Wir lieben dich, du schöne Heimat!
Du bist für immer in unserem Herzen, Trans-
silvanien!
Vampwanisch war eine der ältesten und kompliziertesten Sprachen der Welt und Elvira beherrschte nur ein paar der wichtigsten Ausdrücke wie „Fumpfs“, was „Mist“ hieß, oder „Gumox“, was „Unsinn“ oder „Quatsch“ bedeutete. Für ihr Leben in Transsilvanien war das ausreichend gewesen, denn in Transsilvanien, auch Siebenbürgen genannt, gab es viele deutschstämmige Menschen und Vampire. Auch ihr Mann und ihre Töchter sprachen sehr gut Deutsch, was die Eingewöhnung hier in Deutschland leichter machen würde. Dennoch wusste Elvira, dass ihre drei vampirischen Familienmitglieder ihre Hilfe brauchten, um sich dem Leben in Deutschland anzupassen. Deswegen hatte sie die sieben goldenen Regeln aufgestellt. Sie ahnte, dass sie die Einhaltung dieser Regeln ständig überwachen musste. Schnell schwang sie sich aus dem Bett und flitzte ins Bad. Anschließend klopfte sie an das Zimmer der Vampirschwestern. „Aufstehen, Fledermäuschen! Zeit für die Dentiküre!“
Im Zimmer stopfte sich Daka ihr Kissen über die Ohren. „Hmpf, es ist doch helllichter Tag.“
Silvania dagegen stand brav auf und ging ins Bad. Dort nahm sie eine Zahnfeile, die ihr eine Kosmetikerin in Bistrien mitgegeben hatte, und begann, ihre Eckzähne schön rund zu feilen. Es quietschte fürchterlich. Noch dazu sah sie ihr Spiegelbild leicht verschwommen, sodass sie immer wieder mit der Zunge nachfühlen musste, ob ihre Zähne schon kurz genug und rund waren. Nach einer Weile schlurfte auch Daka schlecht gelaunt ins Bad.
„Hier, ich bin fertig“, sagte Silvania und gab ihr die Feile. „Siebte goldene Regel: Regelmäßige Dentiküre, sonst werden unsere Eckzähne zu lang!“
„Pah, goldene Regel. Das sind fiese radikale Regeln, die Mama uns da aufgebrummt hat.“ Daka begann missmutig, ihre Eckzähne zu feilen. Sie war im Spiegel noch verschwommener zu erkennen als ihre Schwester. „Bäh, das Geräusch ist echt grauslich!“
Dennoch feilte Daka weiter und im Gegensatz zu Silvania trug sie am Ende ihre Eckzähne spitz. Wenn sie schon kurze Eckzähne haben musste, dann sollten sie wenigstens scharf und spitz sein. Dagegen konnte Elvira nix sagen.
Aber Elvira hatte an diesem Tag eine Menge zu sagen. Ständig verstieß eins ihrer Familienmitglieder gegen eine ihrer goldenen Regeln. Als Elvira das Küchengeschirr in die Schränke räumte, kam Daka mit der Küchenmaschine an. Leider nicht angelaufen, sondern angeflogen!
„Daka! Erste goldene Regel für das Leben in Deutschland: Kein Fliegen bei Tageslicht!“
„Schon gut“, grummelte Daka. In diesem Moment krabbelte eine Ameise über den Esstisch und Daka ließ sie gedankenverloren auf ihrem Finger herumlaufen, um sie dann in den Mund zu stecken.
„Daka! Zweite goldene Regel: Keine lebenden Mahlzeiten. Auch keine Snacks!“, schimpfte Elvira.
„Ups!“ Genervt verdrehte Daka die Augen. Diese radikalen Regeln konnte doch kein Vampir aushalten.
Silvania dagegen kannte die goldenen Regeln auswendig und hatte sich fest vorgenommen, sie einzuhalten. Schließlich wollte sie ein richtiger Mensch werden und einen Menschenfreund haben.
Draußen im Nachbargarten hatte Silvania Dirk van Kombast gesehen. Er lag in einer Badehose auf einer Luftmatratze und sonnte sich. Sonnen fand Silvania zwar eklig, aber warum nicht ein bisschen Zeit an der frischen Luft verbringen? Wenn die Menschen das so machten, wollte sie das auch! Schnell nahm sie ein paar Gartenmöbel und brachte sie auf die Terrasse. Doch sie hatte vergessen, sich mit Sonnencreme einzuschmieren, und schon war ihre Mutter mit ihrem spitzen Finger zur Stelle.
„Dritte goldene Regel: Keine pralle Sonne!“ Elvira zeigte auf Dirk van Kombast, auf dessen nackter Brust ein Kreuz an einer Kette glitzerte. „Vierte goldene Regel: Keine Kreuze!“ Dann erblickte Elvira noch etwas anderes bei ihrem Nachbarn – Dirk van Kombast hatte zwei Knoblauchkränze an seiner Haustür aufgehängt. Noch bevor Elvira darüber nachdenken konnte, was das zu bedeuten hatte, rümpfte Silvania die Nase und würgte. „Fünfte goldene Regel: Kein Knoblauch!“, fügte Elvira hinzu.
„Puh, bestimmt nicht!“ Silvania hielt sich die Nase zu. Von wegen frische Luft, dieser Knoblauchgestank war ja widerlich!
Elvira ging zurück ins Haus, um nach ihrem Mann zu sehen. Mihai sollte Bilder aufhängen. Obwohl sie ihm einen Hammer reichte, drückte er die Nägel einfach mit seinem Finger in die Wand. „Die goldenen Regeln gelten auch für dich, Mihai. Sechste Regel: Kein Einsatz übernatürlicher Kräfte, also keine Hypnose, kein Flopsen und keine Superkräfte!“
„Jawohl, Frau General Radikal!“ Mihai lachte und nahm Elvira den Hammer aus der Hand.
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