Kitabı oku: «Die Vampirschwestern (Band 13) - Finale Randale»

Das ganz große Geschäft

Es war ein milder, malerischer Nachmittag in Bindburg. Touristen, Rentner und Eltern mit Kleinkindern schlenderten durch die Innenstadt. Tauben gurrten auf dem Rathausdach und sahen auf die Menschen hinab. Beschlipste Geschäftsleute genehmigten sich einen Espresso, während sie auf dem Handy mit anderen beschlipsten Geschäftsleuten telefonierten. Straßenbahnen ruckelten und quietschten. Die Bindau floss gemächlich durch die Großstadt. Sie kannte keine Zeit und Eile.
Für Daka aber war gerade die beste Zeit des Tages: Schulschluss! Kaum hatte es in der Gotthold-Ephraim-Lessing-Schule geklingelt, stürmte Daka zur Haupttür hinaus und hüpfte die Treppen hinunter. Am liebsten wäre sie geflogen oder geflopst. Das Klingeln nach der letzten Schulstunde verlieh ihr immer einen sagenhaften Energieschub (während das Klingeln zur ersten Schulstunde sie eher in einen Tiefschlaf versetzte).
„Kommt ihr mit auf den Friedhof?“, fragte Helene ihre Freunde. Andere Mädchen gingen gerne ins Schwimmbad, zum Ballett oder zur Reitstunde. Helene, die beste Freundin der Vampirschwestern, ging gerne auf den Friedhof. Sie liebte die Ruhe, die uralten hohen Bäume und die Grabsteine, die manchmal ganze Lebensgeschichten erzählten.
Ludo, der mit Helene, Silvania und Daka vor die Schule getreten war, schüttelte den Kopf. „Bin schon mit einem Geist verabredet.“
Helene, Silvania und Daka nickten verständnisvoll. Ludo konnte in die Zukunft sehen (wenn gute Sicht war) und mit Geistern reden (wenn sie laut und deutlich sprachen).
„Wir haben leider auch zu tun“, sagte Silvania und zog bedauernd die Schultern hoch.
„Hausaufgaben?“, fragte Helene.
„Nee. Kloaufgaben“, sagte Daka. „Unsere Mutter kommt mit den Aufträgen nicht mehr hinterher. Das Geschäft brummt wie flotter Otto. Wir müssen ihr helfen.“
Elvira Tepes, die Mutter der Vampirschwestern, war stolze und erfolgreiche Besitzerin des ersten und einzigen Klobrillenladens in Bindburg. Sie gestaltete Klobrillen ganz nach den Wünschen ihrer Kunden. Kaum hatte sie den Großauftrag einer Hotelkette erledigt, war das Bindburger Krankenhaus auf die Idee gekommen, seine Toiletten umzurüsten und seine Patienten mit den kunstvollen Klobrillen von Frau Tepes zu erfreuen. Manche Ärzte versprachen sich davon sogar eine schnellere Genesung.
„Schade. Aber verstehe, dringende Toilettengeschäfte kann man nicht aufhalten. Dann bis morgen, Azdio!“ Helene gab ihren Freundinnen eine Kopfnuss, wie es in der transsilvanischen Heimat der Vampirschwestern Brauch ist, drehte sich um und machte sich auf den Weg zum Friedhof.
Ludo winkte den Mädchen zu, dann schlurfte er zum Geistertreffen. Silvania und Daka brachen zum Laden ihrer Mutter auf.
Silvania trug einen Hut, der wie ein schwarzer Regenschirm aussah, und ein langes violettes Kleid mit aufgestickten Fledermäuschen. Sie glitzerten in der Sonne. Das Kleid raschelte bei jedem Schritt.
Dakas Gesicht wurde zur Hälfte von einer schwarzen Sonnenbrille bedeckt, von deren oberem Rand links und rechts Fledermausflügel abstanden. Sie hatte den Kragen ihrer Lederjacke hochgeschlagen und die Ärmel ihres ausgewaschenen Pullis reichten ihr bis zu den Fingerspitzen mit den schwarz lackierten Nägeln.
Silvania und Dakaria Tepes waren Halbvampire und mussten sich vor der Sonne schützen. Auch wenn es schon eine Weile her war, seit sie mit ihrem Vater, einem echten Vampir, und ihrer Mutter, einem echten Menschen, von Transsilvanien nach Bindburg gezogen waren.
„Guck dir das an“, sagte Daka, als sie den Laden ihrer Mutter erreicht hatten. „Bald pflastert sie die ganze Innenstadt noch mit Klobrillen.“
Vor dem Laden Die Klobrille standen Paletten voller Klobrillen. Elvira Tepes riss die Tür auf, klemmte sich unter jeden Arm zwei Klobrillen und rief: „Ah, da seid ihr ja! Wunderbar. Kommt rein, kommt rein, es gibt viel zu tun!“
„Danke der Nachfrage. Die Schule war gut und wir haben wieder wahnsinnig viel fürs Leben gelernt“, sagte Silvania. Doch da war ihre Mutter längst wieder im Laden verschwunden.
„Vergiss es. Sie hat nur noch Klodeckel im Kopf“, stellte Daka fest und zog ihre Schwester in den Laden.
Kurz darauf hockten Silvania und Daka mitten im Raum auf dem Fußboden, jede eine Klobrille und jede Menge Farbtöpfchen, Pinsel, Scheren, Kleber und andere Bastelmaterialien vor sich. Silvania summte ein trauriges Liebeslied vor sich hin (die besten Liebeslieder waren traurig) und Daka einen revolutionären Punkrocksong, während sie die Klobrillen verschönerten.
Silvania bemalte ihre Klobrille knallrot, danach klebte sie behutsam samtene Herzchen auf den Sitz und schrieb schließlich mit goldenem Glitzerstift auf den Klodeckel: Liebe geht durch den Magen!
„… und kommt hinten wieder raus!“ Daka grinste ihre Schwester an.
Silvania verdrehte die Augen. Das Leben mit einer sieben Minuten jüngeren Schwester war manchmal nicht leicht. Silvania musste viel Rücksicht nehmen. Darauf, dass Daka keine Ahnung von der Liebe hatte, und darauf, dass sie sich oft wie ein Vollblut- und nicht wie ein Halbvampir aufführte.
„Meine Klobrille strahlt so viel positive Energie aus, so viel Liebe und Geborgenheit, dass die Patienten ruck, zuck gesund werden“, sagte Silvania und klebte zur Bekräftigung noch ein glitzerndes Samtherz auf den Deckel. Sie schielte auf Dakas Klobrille. „Wenn sie dagegen deine Klobrille sehen, fallen sie ins Koma oder gleich tot um.“
Daka hatte ihre Klobrille so bemalt, dass sie wie ein riesengroßer Vampirmund aussah. An den Rand vom Klositz hatte sie zwei lange Eckzähne geklebt, die sie aus Plastikbechern gebastelt hatte. Die Unterseite vom Klodeckel war voller roter Farbspritzer, die wie Blut aussahen. „Gumox!“, schnaubte Daka. Das war Vampwanisch und hieß Quatsch. „Meine Klobrille erweckt die müden Lebensgeister der Patienten wieder. Wer sich traut, seinen Hintern auf diese Klobrille zu setzen, ist auch wieder gesund.“
Elvira Tepes, die gerade mit dem Krankenhaus telefoniert hatte, hockte sich zwischen ihre Töchter und legte den Arm um sie. „So tolle kräftige Farben, Silvania, und diese wunderbar verschnörkelte Aufschrift. Ein richtiges Kunstwerk!“
Silvania reckte stolz das Kinn, auf dem einer von Dakas roten Farbspritzern gelandet war.
Frau Tepes musterte Dakas Klobrille. Sie runzelte die Stirn. „Und, Daka, das ist … äh … interessant. Etwas gewagt, aber nur wer wagt, gewinnt, nicht wahr?“
Daka streckte Silvania die Zunge raus.
„Ach, wenn ich euch nicht hätte!“ Elvira Tepes fuhr ihren Töchtern durch die Haare. „Und meinen Mihai natürlich. Stellt euch nur vor, er wäre nicht in Elternzeit und Franz würde hier durch den Laden wuseln! Was könnte besser sein für unseren kleinen Franz, als ganz viel Zeit mit seinem Papa zu verbringen?“
So manches, vermutlich …
Vampir in Elternzeit

Mihai Tepes saß mit zehn Muttis und der Turnlehrerin Katja im Kreis in der Turnhalle. Er war der einzige Mann beim Mutter-Kind-Turnen. Und der einzige Vampir. Die Muttis hatten ihre Babys und Kleinkinder auf dem Schoß. Mihai hielt seinen Sohn Franz kopfüber an den Beinen. Franz zog seinen Papa am Schnauzbart und gluckste.
Manche Muttis lächelten Mihai zu. Andere sahen ihn misstrauisch an und drückten ihre Kinder enger an sich.
Mihai war nicht nur ein Vollblutvampir, sondern auch ein Vollzeitpapa. Nachdem die wunderbare Babysitterin Frau Ete Petete sie verlassen hatte, war er in Elternzeit gegangen. Er liebte seine neue Aufgabe. Er liebte seinen Sohn. Doch er liebte es nicht, den Tag zur Nacht zu machen. Franz war ein Halbvampir, der in Deutschland zur Welt gekommen war (genau genommen in einem deutschen Keller), und war deshalb eher tagaktiv als nachtaktiv. Leider, fand Mihai Tepes.
Anfangs hatte Mihai mit Franz einige nächtliche Ausflüge in den Wald unternommen. In einer Nacht hatten sie eine Eule so sehr erschreckt, dass sie Schluckauf bekommen hatte. Franz war begeistert gewesen. Allerdings wurde er auch immer sehr schnell sehr müde. Nachdem Franz mitten im Flug eingeschlafen und beinahe vor eine Tanne getaumelt war, hatte Mihai eingesehen, dass die nächtlichen Ausflüge für Franz zu gefährlich waren.
Mihai musste seinen Tag-Nacht-Rhythmus seinem Sohn zuliebe ändern. Er war kein Nachtvater, sondern ein Tagesvater. Obwohl er durch die Blutzeremonie, die er mit Elvira bei der Hochzeit vollzogen hatte, nicht mehr ganz so lichtempfindlich war, machte ihm die Sonne sehr zu schaffen. Immerhin, mit Sonnencreme (Lichtschutzfaktor 2000), Sonnenbrille und langem Mantel konnte er sich zumindest für eine gewisse Zeit ins Sonnenlicht wagen.
Doch schlimmer als das Sonnenlicht war die Müdigkeit. Menschen werden müde, wenn es dunkel wird, Vampire, wenn es hell wird. Sosehr Mihai sich auch bemühte, nachts zu schlafen und tagsüber wach zu bleiben, gelang ihm das nicht so recht. Wo er nur konnte (und auch dort, wo er es eigentlich nicht sollte), nutzte er die Gelegenheit zu einem Nickerchen.
Auf dem Spielplatz war Mihai mitten auf der Rutsche eingeschlafen. Hinter ihm hatten sich die kreischenden Kinder gestaut, besorgte Mütter hatten an ihm geruckelt und gezupft (eine Mutter hatte sogar mit einer kleinen Schaufel auf seinen Kopf geklopft), doch davon hatte er nichts mitbekommen.
Auch bei der musikalischen Früherziehung, zu der Franz einmal in der Woche ging, hatte Mihai der Schlaf übermannt. Während Kinder, Mütter und Musiklehrerin im Kreis saßen und fröhlich Klanghölzchen schwangen, war Mihais Kopf immer weiter nach unten gesunken und sein Schnarchen so laut geworden, dass es die Klanghölzchen und den Gesang der anderen übertönt hatte. Mihai war erst wieder aufgewacht, als er mit dem Kopf auf dem Tamburin gelandet war. Franz war der Einzige gewesen, der von dieser musikalischen Einlage seines Papas begeistert gewesen war.
Doch davon abgesehen, dass Mihai den Tag zur Nacht machen und sich ins Sonnenlicht wagen musste, war er überglücklich als Vampir in Elternzeit. Er wünschte sich, er hätte genauso viel Zeit mit Silvania und Daka verbringen können, als sie klein gewesen waren. Ihnen hätte es beim Mutter-Kind-Turnen sicher auch gefallen.
„Wie schön, dass ihr alle gekommen seid“, sagte Katja, die Turnlehrerin. „Heute werden sich unsere Zwerge wieder so richtig austoben können. Und die Muttis.“
Mihai räusperte sich.
„Und der Papa.“ Katja zwinkerte Mihai zu. „Ich habe für die kleinen Strolche einen tollen Abenteuer-Parcours aufgebaut. Ihr könnt klettern, rutschen, Purzelbäume schlagen, Trampolin hüpfen und an den Ringen schaukeln.“
„Gibt es auch einen Flug-Parcours für Schlängelflug, Gleitflug und Hummelflug?“, fragte Mihai interessiert.
Katja lachte laut und herzlich. „Ein bisschen Spaß muss sein, Sie haben recht!“
Mihai sah die Turnlehrerin verständnislos an.
„Bevor wir aber gleich lossausen wie die kleinen Wirbelwinde, singen wir wie immer zu Beginn gemeinsam ein Lied“, sagte Katja. „Was wollen wir singen? Hat jemand einen Vorschlag?“
„Transsilvania, rodna inima moi!“, rief Mihai sofort und so laut, dass einem Kleinkind der Schnuller aus dem Mund fiel und eine Mutti im Schneidersitz nach hinten klappte.
„Nichts gegen andere Kulturen. Aber vielleicht etwas auf Deutsch, das alle verstehen?“ Katja lächelte in die Runde.
„Gut, dann eben Blutwurstschnittchen für Schneewittchen“, schlug Mihai den aktuellen Hit von Krypton Krax vor, der Lieblingsband seiner Tochter Daka.
Katja lächelte noch immer, aber nicht mehr ganz so natürlich. „Versuchen wir es mit Ein Männlein steht im Walde.“
Die Mütter nickten dankbar. Dann sangen die Mütter und Katja zaghaft das Lied, Mihai sang mit kräftiger Stimme Ein Männlein hängt im Walde und die Babys und Kleinkinder sangen und sabbelten irgendwas.
Nach dem Lied klatschte Katja in die Hände, strahlte in die Runde und rief: „Und jetzt geht’s los, ihr süßen Zwerge!“
Schließlich wurde geturnt. Statt zu klettern, flopste Franz sich auf den Sprungkasten (eine unheimlich schnelle Art der Fortbewegung, die unter Vampiren sehr verbreitet ist und die Elvira Tepes ihren Kindern in Bindburg eigentlich verboten hatte). Zum Glück ging das Flopsen meistens zu schnell für das menschliche Auge.
Franz schlitterte so rasant von der Rutschbank, dass die Fledermausflügel an seinem schwarzen Turnanzug flatterten. Am Ende der Bank machte er einen Satz und sprang Katja in die Arme, die völlig überrascht mit ihm auf die Matte krachte. „Hoppla! Du bist ja ein halber Springinsfeld!“, rief Katja.
„Nein. Ein halber Fluginsfeld“, sagte Mihai, nahm seinen Franz auf den Arm und küsste ihn vor Stolz.
„Boing, boing!“, rief Franz und zeigte auf das Trampolin. Dort hüpfte er so hoch, dass er einen kleinen Flug mit ein paar Loopings einlegte. Eine Mutter sah Franz mit offenem Mund zu und blinzelte mehrmals. Hinter ihr plumpste ihr Kind gerade von einer Bank und sie drehte sich besorgt nach ihm um, als es losweinte.
Das Trampolin wurde Franz schnell langweilig (für jemanden, der fliegen kann, ist in die Luft hüpfen nicht sooo aufregend). Doch Franz hatte schon ein neues Spielzeug entdeckt: einen herrlich roten Gummiball. Er sah zum Anbeißen aus. Franz tapste zum Ball, nahm ihn in die kleinen Hände und strahlte ihn an. Dann riss der kleine Halbvampir den Mund auf und biss kräftig in den Ball. Es machte „Piff!“, Luft schoss aus zwei kleinen Löchern und der Ball sackte zusammen. Er sah jetzt genauso traurig aus wie Franz, der schließlich das Interesse verlor und den schlappen Ball einfach fallen ließ.
Mihai sah sich hastig nach allen Seiten um, dann ließ er den labberigen roten Gummiball mit den zwei Bisslöchern unauffällig unter seinem Umhang verschwinden.
Franz war in der Zwischenzeit in einen Stofftunnel gekrabbelt. Mihai stellte sich ans andere Ende und erwartete ihn freudig. Er wartete eine halbe Minute. Er wartete eine ganze Minute. Er wartete zwei Minuten. Franz kam nicht. Mihai hielt es nicht mehr aus. „Wo bleibst du denn, Franzvamp? In der Zeit kannst du ja einmal nach Transsilvanien und zurück krabbeln!“ Mihai kniete sich vor den Stoffschlauch, steckte den Kopf ins Halbdunkel und rief: „Kuckuck!“
Als Antwort erhielt er ein leises, aber deutliches Schnarchen. Franz lag pritschebreit im Stofftunnel und schlief mit dem Zipfel eines Fledermausflügels im Mund.
Mihai richtete sich auf und gähnte. „Hervorragende Idee, mein Sohn!“, murmelte er, ging zur Wand mit den Klettersprossen und hängte sich kopfüber an die oberste Sprosse. Einen Moment beobachtete er noch das seltsame Treiben der Muttis und ihrer Turnkinder in der Halle. Er nickte den verstört blickenden Mamas freundlich zu. Dann fielen ihm die Augen zu.
Ein roter, luftloser Ball plumpste aus seinem Mantel und dotzte ein paar Mal durch die Turnhalle, bis er vor Katjas Füßen zum Liegen kam. Aber da war Mihai Tepes schon im Tiefschlaf versunken.
Er träumte von seiner transsilvanischen Heimat. Von den dichten Wäldern, den wild schäumenden Flüssen, den imposanten Bergen. Von Oktavians Gruft, in der lauwarmes Frischblut gezapft wurde, von den blutig-spritzigen Häppchen von Schlachter Sangrasa und von seinem Bruder Vlad.
Die Qual der Wahl

Für Elvira drehte sich im Moment alles um Klobrillen. Für Mihai alles um seinen Sohn Franz. Für Silvania drehte sich alles – wie immer – um die Liebe und bei Daka drehte sich alles im Kopf, weil sie so viele wilde Überschläge machte, wenn sie das neuste Album von Krypton Krax hörte. Doch es gab noch andere wichtige Ereignisse in dieser Welt. Ereignisse, von denen die meisten Menschen keinen Schimmer hatten.
In Bistrien, der unterirdischen, transsilvanischen Heimatstadt von Familie Tepes, stand eine wichtige Wahl vor der Tür – es ging um die Macht in Bistrien.
Es gab viele kleine Parteien in Bistrien, zum Beispiel die Frischfleischfraktion mit Schlachter Sangrasa als Parteichef, oder die Blutpolypenpartei, die jede Woche einen neuen Vorsitzenden hatte, oder die Partei XYZ, die gar keinen Vorsitzenden hatte und deren Mitglieder sich auch nicht auf einen Namen einigen konnten. Die beiden größten und wichtigsten Parteien aber waren der Blutige Einheitsflügel, kurz BEF, und die Fiese Vampirpartei, die FVP. Onkel Vlad, Mihais älterer Bruder, war seit Jahrhunderten Vorsitzender des Blutigen Einheitsflügels.
Der Blutige Einheitsflügel wollte die Vampire in die Zukunft führen. In eine Zukunft, in der es für alle Vampire, egal welcher Herkunft, genügend Nahrung und Lebensraum gab. Wer, wenn nicht unsterbliche Vampire, sollte sich um den Erhalt der Erde kümmern? Sie hatten schließlich das größte Interesse daran, dass die Umwelt nicht zerstört wurde. Denn im Gegensatz zu den Menschen würden nicht nur ihre Kindeskinder diese Erde noch bewohnen wollen, sondern sie selbst. Und wo kein Wald mehr war, gab es auch keine blutigen Häppchen auf zwei oder vier Beinen mehr.
Das Entscheidende war, dass der BEF diese Zukunft für alle Vampire wollte. Ihr Motto war: „Alle Vampire sind gleich. Kein Vampir ist gleicherer!“ Dieses Motto verstanden zwar nicht alle Vampire, aber sie wussten, dass sie alle beim BEF willkommen waren, sowohl ein Chefarzt wie Dr. Liviu Chivu als auch Hinke-Dudu, der alte Vampir, der den Schulschweinestall betrieb.
Der Vorsitzende der Fiesen Vampirpartei hieß Honk Prut. Er stammte aus einer angesehenen Vampirfamilie, die sich bisher nur mit dem Gewinnen von Höhlenhockey-Meisterschaften und nicht mit Politik beschäftigt hatte. Zusammen mit seiner Schwester betrieb Honk Prut das Luxushotel Vier Fleischmahlzeiten in Bistrien. Doch seit er in die Politik eingestiegen beziehungsweise rasant eingeflogen war, hatte er sich weitgehend aus dem Hotelgeschäft zurückgezogen, um sich ganz seinen neuen Aufgaben als Vorsitzender der FVP zu widmen.
Die Anhänger der FVP waren Verfechter der traditionellen vampirischen Werte. Sie liebten ihre Heimat und die alten Lieder – mindestens ebenso sehr wie Mihai Tepes – und es gab keinen transsilvanischen Feiertag, an dem sie keine glühende Rede auf die Vampirheit hielten. Sie unterstützten die kräftigsten und reichsten Vampire, denn nur die würden die Vampire als Ganzes voranbringen. Ihr Motto war: „Vampirisch gute Zukunft – nur für uns und nur mit der FVP!“
Der Wahlkampf war in Bistrien schon seit einigen Wochen im Gang. Mihai wäre am liebsten in seine Heimat geflogen, um seinen Bruder Vlad in der Wahlkampfzentrale zu unterstützen. Plakate kleben, mit Bannern über Bistrien hinwegfliegen, von Vlad signierte Blutwurstscheiben an die Bürger verteilen oder dem Publikum bei einer seiner zahlreichen Wahlkampfreden richtig einheizen. All das hätte er gerne getan.
Doch Mihai war jetzt Tagesvater und hatte selbst rund um die Uhr zu tun. Er hätte nie gedacht, dass ein kleiner Halbvampir so viel Arbeit machen würde. Und ihn so glücklich.
Wenn er seinem Bruder zwar im Wahlkampf nicht helfen konnte, eins stand felsenfest fest: Selbstverständlich würde Mihai an der Wahl in seiner Heimat teilnehmen. Dazu musste er noch nicht einmal nach Bistrien fliegen – schließlich gab es Briefwahl!
Ein paar Tage vor der Wahl in seiner Heimat nahm Mihai sich den blutroten Wahlzettel, machte ein dickes schwarzes Kreuz beim Blutigen Einheitsflügel, steckte den Zettel in den Umschlag, ließ den Umschlag von Franz anlecken und klebte ihn zu. Dann gab er den Wahlbrief vertrauensvoll in die Krallen der Postfledermaus. Diese machte sich sofort auf den Nachtflug nach Transsilvanien.
Mihai war sich sicher, dass sein Bruder mit dem BEF die Wahl gewinnen würde. Er hatte so ein gutes Programm und so viele Anhänger in Bistrien – es musste schon nicht mit rechten Dingen zugehen, sollte der Blutige Einheitsflügel keine Mehrheit unter den Wählern bekommen.
Doch auch ein Mihai Tepes irrt manchmal …
Fledermauspost

Es war Sandmännchen-Zeit im Hause Tepes. Nicht, dass das irgendjemanden der Bewohner interessiert hätte. Dennoch lagen Silvania und Daka bereits in ihrem Zimmer, als hätte ihnen jemand Schlafsand in die Augen gestreut.
„Ich kann nicht mehr“, stöhnte Daka aus ihrem Schiffsschaukelsarg. „Wenn das jetzt wochenlang so weitergeht, muss ich dringend länger abhängen.“
Jeden Tag waren Silvania und Daka in dieser Woche nach der Schule zur Klobrille gelaufen und hatten für ihre Mutter Klobrillen bemalt, beklebt, betackert und sogar behäkelt. Ihre Hände waren übersät von Farbklecksen und Kleberresten. Sie hatten es aufgegeben, sie zu säubern.
„Wir brauchen Urlaub. Richtig schön lange. Genau wie Oma Zezci.“ Silvania lag auf ihrem Bett und sah auf eine der vielen Postkarten, die an ihrer Wand hingen und die Oma Zezci ihnen geschickt hatte. Von den Osterinseln, den Nikolausinseln und Feuerland. Seit dem Tod von Opa Gobol (er war in Griechenland an einer Knoblauchvergiftung gestorben und ruhte seitdem in einem Tonaschenbecher, der auf der Anrichte im Wohnzimmer stand) reiste Oma Zezci munter durch die Welt. „Die hat es gut. All die exotischen Länder, das exotische Essen und die exotischen Abenteuer.“ Silvania seufzte.
„Ja, viel besser als exotische Klobrillen“, sagte Daka.
In dem Moment knallte etwas gegen die Fensterscheibe.
Daka sprang auf. „Schlotz zoppo! Fledermauspost! Bestimmt von Oma Zezci. Kaum redet man von ihr …“ Sie riss das Fenster auf, holte eine kleine Fledermaus herein, die vom langen Flug etwas zerzaust war, und nahm ihr den Brief ab, der an ihren Krallen hing.
Daka sah auf den Umschlag und machte ein enttäuschtes Gesicht. „Och nee. Nur für dich! Von deinem Verliebten.“ Sie warf den Brief auf Silvanias Bett, setzte sich auf den Schreibtisch und kuschelte mit der Fledermaus.
Silvania schnappte sich den Brief und öffnete ihn. „Bogdan ist nicht mein Verliebter, mal ganz davon abgesehen, dass dieses Wort voll Kindergarten ist. Bogdan ist mein Schlammkastenfreund.“
Silvania war mit Bogdan zusammen in den Vampirgarten und später in die Schule geflogen. Von Anfang an gab es eine besondere Verbindung zwischen ihnen, hatten sie sich verstanden und einander vertraut. So nah wie Bogdan war Silvania bisher kein anderer Junge gewesen. Er war ihr bester Freund in Bistrien. Aber ein Freund zum Reden, nicht zum Knutschen. Obwohl es Momente gegeben hatte, in denen sich Silvania da nicht mehr ganz so sicher gewesen war. Aber das musste Daka ja nicht wissen. Es würde sie sowieso nur verwirren. Für Daka war Liebe reinste Wissenschaft, und zwar die uninteressanteste und komplizierteste und unnötigste Wissenschaft der Welt.
„Und, was schreibt dein Schlammkastenverliebter?“ Daka ließ die Beine vom Schreibtisch baumeln, auf dem ein Aquarium stand. Sie holte Karlheinz, ihren Blutegel, aus dem Aquarium und machte ihn mit der Fledermaus bekannt.
Silvania stopfte sich ein Kissen hinter den Rücken und las: „Moi inimajuschka fantazyca …“
„Meine fantastische Freundin – meint der echt dich?“, warf Daka ein.
Silvania bedachte Daka mit einem strengen Blick und las weiter: „Mein Herz ist vor Kummer dunkelblau und schwer und droht im finstersten Tiefseegraben zu versinken. All die Stunden, Tage und Wochen, die sich ohne dich in eine sehr trostlose Schwarz-Weiß-Version verwandeln, in denen der Zucker nur wie Süßstoff schmeckt, der Vollmond wie eine alberne Glühbirne scheint und die Schulflugfeier zur langweiligsten Nacht meines Lebens wurde. Doch nicht nur …“
„Bla, bla, bla! Lu, La, Liebe, bah! Von dem klebrigen Liebesgesäusel verstopfen meine Ohren“, rief Daka. „Ich kann mir schon denken, wie es weitergeht. ‚Oh Silvania, du holde Hippe, ich vermisse dein Gerippe, bist du auch manchmal ’ne Zicke.‘“
Silvania beachtete ihre Schwester nicht und las still weiter. Je mehr sie las, desto weiter richtete sie sich auf ihrem Bett auf und desto mehr zitterte der Brief in ihren Händen. „Aber … das ist ja … UNGLAUBLICH!“
„Hat Bogdan dir einen Heiratsantrag gemacht?“
Silvania starrte auf den Brief. „ENTSETZLICH!“
„Das finde ich auch. Bist viel zu jung zum Heiraten. Als Halbvampir solltest du noch mindestens hundert Jahre damit warten.“
Silvania blickte schließlich auf und sah ihre Schwester verständnislos an. „Es geht überhaupt nicht ums Heiraten. Es geht um Bistrien! Weißt du, was die Fiese Vampirpartei macht?“
Daka zuckte mit den Schultern. „Ich nehme an, sie regiert.“
Auch wenn Silvania und Daka noch nicht wählen durften, hatten sie den Ausgang der Wahl in ihrer Geburtsstadt dennoch mitverfolgt. Zur Überraschung aller und zum großen Entsetzen von Mihai und Onkel Vlad hatte die FVP die Wahl deutlich gewonnen. Onkel Vlad war nach dieser Niederlage so deprimiert, dass sie seit der Wahl nichts mehr von ihm gehört hatten.
„Sie regiert? Ja, aber wie!“ Silvania hielt den Brief in die Höhe. „Bogdan schreibt, dass sich Honk Prut wie ein Diktator aufführt und alle, die sich nicht seiner Partei anschließen, schikaniert!“
„Schikanieren? Ist das eine Mischung aus Panieren und Skifahren?“ Daka hängte die Fledermaus an die Schreibtischlampe, steckte sich Karlheinz in die Brusttasche, sprang vom Schreibtisch und setzte sich auf Silvanias Bett.
„Hier, lies selbst.“ Silvania reichte Daka den Brief.
Daka überflog Bogdans Zeilen. Bei jeder Zeile zog sie die Stirn mehr in Falten. „Was? Nur die Anhänger der FVP dürfen noch die Sarg-Bahn benutzen?“ Daka schnaubte. „Hä? Die Mitglieder und Anhänger der anderen Parteien dürfen sich nicht mehr treffen?“ Daka fluchte. „Und wie bitte? In Oktavians Gruft darf nur noch an FVP-Freunde lecker Frischblut ausgeschenkt werden?“ Daka sprang auf, wippte auf Silvanias Bett und rief: „Das sind doch alles voll fiese Frechheiten der Fiesen Vampirpartei. Das können die doch nicht machen!“
„Na ja, sie wurden gewählt“, erwiderte Silvania.
„Gewählt, gewählt – gepfählt gehören die!“ Daka war so in Rage, dass sie fast bis an die Zimmerdecke sprang.
„Bogdan und all die anderen tun mir so leid.“ Silvania seufzte.
„Davon haben sie auch nichts. Wir müssen nach Bistrien, wir müssen ihnen helfen und diesen Honk Prut vom Vampirthron schubsen!“ Daka stieß die Faust in die Luft. „Am besten, wir holen vorher noch unseren alten Kumpel Kerul aus der Mongolei dazu und machen Drakung-Fu und kurzen Prozess mit der FVP!“
„Gumox. Wir können da gar nichts machen“, sagte Silvania.
„Aber Bistrien ist unsere Heimat! Wir können doch nicht zusehen, wie so ein fieser Honk nichts als Stunk macht.“
„Bistrien ist unsere alte Heimat. Jetzt ist Bindburg unsere Heimat“, sagte Silvania. „Hier gehören wir hin, Daka, hier sind unsere Freunde, unsere Eltern, unsere Herzen …“
„MEIN Herz ist zwar hier, aber es schlägt für Bistrien, damit das klar ist!“ Daka holte Karlheinz, dem vom revolutionären Rumgehüpfe auf dem Bett etwas schlecht geworden war, aus der Brusttasche und streichelte ihn. Er war froh, dass sein Herz überhaupt noch schlug.
Silvania faltete Bogdans Brief sorgfältig zusammen und hielt ihn nachdenklich an ihre Brust. Stimmte es wirklich, dass ihr Herz einzig und allein für ihre neue Heimat Bindburg schlug? Für ihre neue Heimat mit Helene, Ludo und Jacob …
Jacob. Der Junge, den sie bei ihrer ersten (und etwas peinlichen) Rolltreppenfahrt kennengelernt hatte. Immer, wenn Silvania in seine winterhimmelgrauen Augen sah, setzte sich in ihrem Bauch eine Gefühlsrolltreppe in Gang.
Seit dem Desaster auf der Gartenparty bei Jacob (Silvania hatte sich vor Jacob und seiner ganzen Verwandtschaft wie eine sehr blöde und sehr echte Kuh benommen) hatte sie ihn immer nur kurz gesehen. Jacob war beschäftigt. Er gab Nachhilfe, ging zweimal die Woche ins Fitnessstudio und verdiente sich etwas Geld mit Zeitungaustragen. War in Jacobs Leben überhaupt genügend Platz für Silvania? Sie wollte sich ja nicht nur in irgendeine Fünf-Minuten-Ecke zwängen.
Silvania sah auf den Brief in ihrer Hand. Sie stellte sich vor, wie Bogdan in Bistrien saß und an sie dachte. Seine Briefe waren auf jeden Fall schöner und vor allem länger als Jacobs SMS.
Unheil liegt in der Luft

Ein wunderbarer, sonniger Tag brach in Bindburg an. Der Himmel leuchtete blau, als könnte nichts und niemand ihn trüben. Die Sonne blinzelte frisch und sorglos, kitzelte die Bäume, Blumen und Vögel. In den Häusern in der Wohnsiedlung am nördlichen Rand von Bindburg wurden die Vorhänge aufgezogen, die Kaffeemaschinen schäumten und röchelten, duftende Toastbrote sprangen durch die Küche, Zahnpasta spritzte an die Badezimmerspiegel, Haare wurden gekämmt, Schuhe geschnürt, Jacken übergeworfen und eilige Küsschen verteilt.
Keiner der Bewohner von Bindburg ahnte, dass ein Tag begonnen hatte, an dem sich alles ändern würde. Und nicht zum Guten.
Herr Tepes und Franz konnten gar nichts ahnen, da sie beide noch im Keller vom Reihenhaus Nummer 23 im Lindenweg schliefen. Elternzeit – Schlafenszeit!
Armin Schenkel, der mit Frau Janina und Sohn Linus gegenüber von Familie Tepes wohnte, fuhr gerade mit seinem roten Kombi rückwärts aus der Einfahrt. Beim Blick in den Rückspiegel vergewisserte er sich nicht nur, dass die Straße frei war, sondern auch, dass keiner seiner transsilvanischen Nachbarn zufällig abhob. Natürlich war Armin Schenkel klar, dass seine Nachbarn nicht wirklich abheben konnten. Nein, nur Armin Schenkels Wahrnehmung hob manchmal ab. Aber solange er sich sonst im Griff hatte und seinen Job im Büro ordentlich erledigte und sein Sohn ihn nicht für vollkommen durchgeknallt hielt, konnte er damit leben. Manche Menschen sahen UFOs, manche Geister und manche einfach zu viel Fernsehen – und Armin Schenkel sah eben ab und zu mal Vampire.
Vielleicht hatte das etwas mit seiner wilden Jugend zu tun, in der er sich mehrmals bei einem Konzert mit ausgebreiteten Armen von der Bühne in die Menschenmenge gestürzt hatte, als könne er fliegen. Seine Jugend war längst vorbei, aber Armin noch gut im Gedächtnis. Obwohl sein Kombi eine Klimaanlage hatte, ließ Armin Schenkel das Fahrerfenster herunter, als er den Lindenweg entlangfuhr. Er wollte den Wind in den Haaren spüren, wie damals, als sie zu acht in einem kleinen Zweitürer ans Meer gefahren waren.
Armin Schenkel atmete tief ein. Natürlich roch es im Lindenweg nicht nach Meer. Doch es roch auch nicht nach Lindenweg, stellte Armin Schenkel irritiert fest. Es roch irgendwie faulig, modrig, seltsam fremd. Armin Schenkel ließ das Fenster wieder hochsurren, schaltete Musik aus alten Tagen an und fuhr ins Büro. Nicht zu schnell, damit er sein Lieblingslied noch zu Ende hören konnte.
Auch der Nachbar, der links neben Familie Tepes wohnte, war in sein Auto gestiegen und auf dem Weg zur Arbeit. Der Nachbar hieß Dirk van Kombast und das Auto war ein silberner Sportwagen. Genau wie Armin Schenkel hatte auch Dirk van Kombast die transsilvanischen Mitbürger bereits mehrere Male abheben sehen. Doch im Gegensatz zu Armin Schenkel war sich Herr van Kombast sicher, dass er nicht unter Wahrnehmungsstörungen litt.
Dirk van Kombast hatte den Durchblick. Sowohl im Beruf – er war ein charmanter, erfolgreicher Pharmavertreter – als auch beim Hobby – Dirk van Kombast war Vampirjäger (weniger charmant und weniger erfolgreich). Dass Mihai Tepes ein Vampir und seine Kinder Silvania, Daka und Franz Halbvampire waren, stand für ihn außer Frage. Herr van Kombast musste es nur noch den anderen Menschen begreiflich machen und beweisen. Und das würde er, es war nur eine Frage der Zeit. Wenn die Menschen nur nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehen und mal die Augen richtig aufmachen würden!
Doch als Dirk van Kombast jetzt auf die dreispurige Schnellstraße bog und durch einen Tunnel fuhr, war er es, der die Augen aufriss. Da war was! Eine Bewegung! Ein pechschwarzer Schatten huschte über die Tunnelwand. Dirk van Kombast fuhr beinahe auf seinen Vordermann auf, bremste in letzter Sekunde und starrte erschrocken auf dessen Kofferraum, der bedrohlich dicht vor ihm war. Fahr nie schneller, als dein Schutzengel fliegen kann, stand auf dem Kofferraum.
Als Dirk van Kombast mit genügend Abstand weiterfuhr und den Tunnel nach dem Schatten absuchte, war er verschwunden. Herr van Kombast fuhr sich mit der Zunge über den goldenen Backenzahn. „Ein Schutzengel war das nicht, möchte ich wetten“, murmelte er und nahm die nächste Ausfahrt, um pünktlich in der Praxis von Dr. Kubitz anzukommen.
Auch Elvira Tepes war an diesem Morgen unterwegs zu einem Termin. Sie saß in der U-Bahn und besetzte vier Plätze. Was nicht daran lag, dass Frau Tepes zugenommen hatte, sondern dass sie zehn Klobrillen dabeihatte, die sie im Krankenhaus abliefern wollte. Frau Tepes bemerkte die neugierigen Blicke der anderen Mitfahrenden nicht, da sie aus dem Fenster starrte und in Gedanken bereits bei der nächsten Klobrille war, die sie heute gestalten würde. Sie wollte kleine Duftkissen auf der Sitzfläche einarbeiten, die eine beruhigende Wirkung auf die Patienten haben sollten.
Als die U-Bahn durch den zweigleisigen Tunnel zwischen den Stationen fuhr, zuckte Elvira Tepes zusammen, als etwas am Fenster vorbeiflog. Eine Taube? Eine Fledermaus? Oder nur eine Plastiktüte? In der Dunkelheit des Tunnels war nichts zu erkennen. Bevor Frau Tepes weiter darüber nachdenken konnte, hatte die U-Bahn die nächste Station erreicht. Elvira klemmte sich fünf Klobrillen links und fünf Klobrillen rechts unter den Arm und stieg aus. Ihr Auftraggeber wartete auf die Lieferung.
Schlimmer als Menschenpups

Auch Silvania und Daka waren unterwegs. Sie saßen in der Straßenbahn, die sie bis zur Gotthold-Ephraim-Lessing-Schule brachte. Wie immer ruckelte die Straßenbahn so sanft, dass Daka beinahe wieder eingeschlafen wäre. Sie hatte die Augen hinter der schwarzen Sonnenbrille geschlossen, während Silvania ihren Blick auf ein Buch auf ihrem Schoß gerichtet hatte.
Doch aus irgendeinem Grund konnte Silvania sich heute nicht auf den Text konzentrieren (obwohl das Buch sehr spannend war und die Hauptheldin sich gerade in einem wilden Gefühlschaos befand und drohte, die falsche Entscheidung zu treffen). Immer wieder blickte Silvania auf und sah aus dem Fenster. „Findest du nicht auch, dass die Stadt heute irgendwie verändert ist?“, fragte sie Daka.
Daka grunzte.
„Es sieht alles normal aus und doch ist etwas anders“, überlegte Silvania laut.
Daka machte „hm“.
„Und auf dem Weg zur Straßenbahn, hast du das auch gerochen? Es roch irgendwie … na ja, nach etwas ganz Unheilvollem.“
„Nach Schule?“
Wie aufs Stichwort hielt die Straßenbahn vor der Gotthold-Ephraim-Lessing-Schule. Die Vampirschwestern stiegen aus und schlurften zur ersten Stunde. Der Schultag begann mit zwei Stunden Sport. Die Sportlehrerin Frau Renneberg, wie immer mit Pferdeschwanz und Trillerpfeife ausgestattet, war bereits in Höchstform. Was man von den Schülern nicht sagen konnte.
Silvania und Helene versuchten sich beim Aufwärmspiel so wenig wie möglich zu bewegen. Daka und Ludo nutzten beim Kreistraining die Gelegenheit, in den dunklen Geräteraum abzubiegen, wo sie hofften, mal fünf Minuten verschnaufen zu können. Daka wollte sich gerade kopfüber an den Stufenbarren hängen, als sie die Nase verzog. „Boah, was riecht hier denn so? Warst du das?“
Ludo schüttelte den Kopf.
„Stimmt, Menschenpups riecht besser.“ Daka wedelte vor ihrer Nase. „Riecht irgendwie ranzig, verfault. Aber auch irgendwie … vertraut. Vielleicht hat jemand seine verschwitzten Socken im Geräteraum liegen gelassen.“
Ludo runzelte die Stirn und spähte in die Dunkelheit, wo nur die Umrisse vom Sprungkasten, Balken und anderen Sportgeräten auszumachen waren. „So ähnlich hat es heute Morgen in der alten Bahndammunterführung auch gerochen.“
„Dann liegt hier die eine Stinkesocke und dort die andere.“
Ludo wiegte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob es wirklich nur Socken sind.“
Daka sah Ludo tief in die Augen und flüsterte: „Hast du wieder eine Vorahnung?“
Ludo blickte ernst zurück und nickte. „Ja, und keine gute.“
Plötzlich knarzte etwas in den dunklen Tiefen des Geräteraums. Im selben Moment schrillte die Trillerpfeife von Frau Renneberg. Ludo und Daka spurteten aus dem Geräteraum. Zum ersten Mal waren sie froh, dass sie sich in einer Reihe aufstellen und am zackigen Unterricht von Frau Renneberg teilnehmen durften.
Silvania wusste gar nicht, wie recht sie mit ihrer Vermutung heute Morgen in der Straßenbahn gehabt hatte: Etwas Unheilvolles lag in der Luft. Und nicht nur dort.
Überraschungsparty

Die Vampirschwestern waren froh, als der Schultag vorbei war. Daka war grundsätzlich immer froh, wenn ein Schultag vorbei war. Aber an diesem Tag war selbst Silvania die Schule besonders anstrengend vorgekommen.
Nicht nur, dass Silvania sich schlecht hatte konzentrieren können, alle Schüler schienen heute besonders unruhig gewesen zu sein. Und die Lehrer erst! Mehrmals verloren sie den Faden und noch öfter die Geduld und ihr Klassenlehrer Herr Graup verlor sogar eine Zahnfüllung, als er in einen Apfel biss. Er hatte den Rest des Tages miese Laune. Und miese Laune bedeutete miesen Unterricht.
Erschöpft vom harten Schultag bogen Silvania und Daka in den Lindenweg ein.
„Jetzt hau ich mich erst mal in meinen Schaukelsarg, Kopfhörer auf die Ohren und den Nachmittag schön wegdröhnen“, sagte Daka.
„Es sei denn, Franz ist da“, sagte Silvania.
Obwohl Franz mit Mihai als Tagespapa vollauf glücklich und zufrieden war, gab es etwas, das er noch mehr liebte als die Ausflüge mit Papa: mit seinen Schwestern spielen. Daka baute für Franz einen wilden Flug-Parcours im Haus. Silvania knetete mit Franz Würmer, Spinnen und andere niedliche Tierchen. Oder sie kochten zusammen experimentelle Salami-Sahne-Seifen-Suppen. Die Vampirschwestern liebten ihren kleinen Bruder. Aber sie mussten zugeben, dass er Energie für zwei hatte und ihnen ein freier Nachmittag auch mal ganz recht war.
„Ach, bestimmt schlafen Papa und Franz noch im Keller“, meinte Daka. „Oder sie verschrecken andere Kinder auf dem Spielplatz.“
„Oder sie …“ Silvania blieb stehen und starrte ihr Haus an. „Was ist denn da los?“
Im Reihenhaus Nummer 23 waren alle Rollläden heruntergelassen.
„Vielleicht spielen sie im Dunkeln Verstecken. Eins, zwei, drei, vier Eckzahn, Vampire im Versteckwahn!“, sang Daka.
Kurz darauf betraten Silvania und Daka das Haus. Es war totenstill. Und stockduster. „Hinter mir, vor mir, über mir gilt nicht, ich komme!“, rief Daka.
Silvania schaltete das Licht im Wohnzimmer an.
„SCHNAUZE!“
„LICHT AUS!“
„STRUNZ!“
Silvania und Daka erstarrten. Der Anblick, der sich ihnen bot, war unglaublich. Das Wohnzimmer war voller Vampire. Sie hingen kopfüber an der Gardinenstange, am Kronleuchter und an der Schrankwand. Ein kleiner Vampir baumelte sogar an der Zimmerpflanze, als wäre er Weihnachtsbaumschmuck. Auf dem Sofa lagen drei Vampire übereinander. Ein anderer Vampir hatte sich in den Wohnzimmerteppich eingerollt. Unter dem Esstisch lungerte ein Vampir, der sich einen Pappkarton über den Kopf gestülpt hatte. Es konnte offenbar nicht finster genug sein.
„S…S…Skyzati.“ Silvania machte ein entschuldigendes Gesicht. „Aber, wir wohnen hier … dachten wir zumindest.“
„Wir konnten ja nicht ahnen, dass sich unser Wohnzimmer plötzlich in eine Vampirhöhle verwandelt hat“, sagte Daka.
„Was, wenn ich fragen darf, hat Sie denn alle hierhergeführt?“ Silvania musterte die Vampire, die noch im Halbschlaf waren.
„Ist das so was wie eine spontane Vampirparty?“, fragte Daka. Wobei sie zugeben musste, dass es eine ziemlich lahme Party war.
„Party?“, donnerte auf einmal eine Stimme von der Kellertreppe. „Keine Party ohne Vati!“ Mihai Tepes schwebte mit seinem Sohn (den er wie meistens liebevoll kopfüber an den Beinen hielt) ins Wohnzimmer. Beim Anblick seiner guten Stube ließ er vor Schreck den noch schlafenden Franz fallen, den Daka in letzter Sekunde auffing.
„SCHLOTZ ZOPPO!“, rief Mihai Tepes und zog sich mit beiden Händen am Schnauzbart.
„Was ist denn das für eine Begrüßung?“, kam es dumpf aus dem Pappkarton. Der Vampir mit dem Karton auf dem Kopf richtete sich schwungvoll auf, stieß an die Unterseite der Tischplatte und ging wieder zu Boden. „FUMPFS!“
Daka grinste. Vielleicht wurde es ja doch noch eine Party.
Der Vampir streifte sich den Pappkarton vom Kopf, krabbelte unter dem Tisch hervor, richtete sich auf und klemmte sich sein Monokel vors rechte Auge.
„Onkel Vlad?“, fragte Silvania ungläubig.
„Mein Bruder!“ Mihai gab seinem Bruder Vlad eine kräftige Kopfnuss, umarmte ihn und gab ihm noch eine Kopfnuss.
Vlad stöhne leise (die Kopfnüsse trafen genau auf die Stelle, mit der er an die Tischplatte gestoßen war), erwiderte die Kopfnüsse aber freundlich. „Mihai, wie schön, dich zu sehen. Und euch natürlich, meine Nichten.“ Vlad gab Silvania und Daka je eine Kopfnuss und klopfte behutsam auf den Windelpopo von Franz, der sich davon nicht beim Schlafen stören ließ.
Mihai schielte zur Schrankwand. Der Vampir, der daran hing, schnarchte sehr laut und die Schrankwand wackelte bedrohlich. „Vlad, du weißt, du und deine Familie, ihr seid jederzeit bei uns willkommen. Aber was, zum Bluterguss, haben all diese Vampire in unserem Wohnzimmer zu suchen?“
Unterschlupf

Onkel Vlad sah seinen Bruder erschöpft und verzweifelt an. „Wir dachten, wir können bei euch Unterschlupf finden. So viele sind wir doch gar nicht. Und die meisten kennt ihr auch.“ Onkel Vlad zeigte auf die Teppichrolle. „Tante Karpa zum Beispiel.“
Silvania und Daka war der Teppich gleich etwas dick vorgekommen. Jetzt erkannten sie auch den goldblonden Haarturm ihrer Tante, der aus der Teppichrolle ragte. Mit zarten 1120 Jahren war Tante Karpa Miss Vampire gewesen. Jetzt war sie Vampir-Sushi.
„Das sind alles gute Freunde oder Nachbarn, alles Anhänger des Blutigen Einheitsflügels. Für jeden lege ich meinen Eckzahn ins Feuer“, fuhr Onkel Vlad fort. „Sie wissen sich zu benehmen.“
Der Vampir an der Schrankwand hatte aufgehört zu schnarchen. In der entstandenen Stille war dafür ein kräftiger Furz zu hören. Im gleichen Moment krachte die Gardinenstange entzwei. Der Vampir, der daran gehangen hatte, stürzte zu Boden, landete kopfüber auf einem Sitzsack und schlief unbeirrt weiter.
Onkel Vlad blinzelte hinter seinem Monokel. „Das … muss an dem langen Flug liegen. Sonst ist ihr Verhalten wirklich tadellos.“
„Deine Freunde und Nachbarn können sich von mir aus benehmen, wie sie wollen“, sagte Mihai Tepes. „Mich interessiert nur, warum sie in meinem Wohnzimmer hängen!“
Onkel Vlad riss die Augen auf, das Monokel fiel heraus und baumelte an einer Kette auf seiner schwarzen Weste. „Mihai, ja bist du denn völlig ahnungslos? Weißt du denn nicht, was in unserer geliebten transsilvanischen Heimat vor sich geht? Es ist ein Skandal! Eine Katastrophe! Eine Tragödie!“
Mihai legte seinem Bruder die Hand auf die Schulter. „Jetzt beruhig dich erst mal. Silvania, sei so gut und mache deinem Onkel und mir einen Kaffee mit Blut und Zucker, pitschko.“
Silvania war froh, dass sie einen Grund hatte, das von Vampiren bevölkerte Wohnzimmer zu verlassen. Sie war ein Halbvampir, deshalb fühlte sie sich unter Vampiren auch nicht so ganz wohl. Ihrer Schwester Daka erging es anders. Sie fühlte sich unter Menschen nicht so ganz wohl.
Auch in der Küche waren die Rollläden heruntergelassen. Silvania schaltete das Licht ein, stellte den Wasserkocher an und nahm zwei saubere Tassen aus der Spülmaschine. Dann ging sie zum Schrank, in dem auf einer Seite Zucker, Müsli und Honig aufbewahrt wurden und auf der anderen die Küchenschürzen, Besen und anderes Putzzeug. Sie öffnete die Schranktür, starrte in ein pausbäckiges Gesicht mit gelben Augen und stieß einen Schrei aus.
„Boi motra, Cousine!“
„Woiwo, lass den Unfug!“, rief Onkel Vlad aus dem Wohnzimmer.
Woiwo war der Sohn von Onkel Vlad und Tante Karpa und ein paar Jahre jünger als die Vampirschwestern. Er hing kopfüber zwischen Besen und Kittelschürzen im Schrank.
„Freust du dich, mich zu sehen?“, fragte Woiwo und grinste, dass man seine Zahnlücke sehen konnte (natürlich fehlte kein Eckzahn, sondern ein Schneidezahn).
„Und wie“, sagte Silvania trocken, nahm den Zucker aus dem Schrank und knallte die Tür wieder zu. Schnarchende Vampire im Wohnzimmer und ein Cousin im Küchenschrank – was kam wohl als Nächstes?
Als Nächstes brachte Silvania ihrem Vater und Onkel Vlad erst einmal den Kaffee mit Schuss. Sie schlürften genüsslich und Onkel Vlad ging es gleich sichtlich besser.
„Hat die Tragödie etwas mit dieser Fiesen Vampirpartei zu tun?“, fragte Daka.
Onkel Vlad nahm einen großen Schluck Kaffee und nickte. „Wie ihr wisst, hat die FVP bei den Wahlen gewonnen. Ein Skandal!“
„Aber wenn die meisten Vampire in Bistrien sie nun einmal gewählt haben“, sagte Silvania. „Das ist Demokratie.“
„Das ist Wahlbetrug, wenn du mich fragst.“ Onkel Vlad schnaufte. „Seit die FVP an der Macht ist, macht sie allen Anhängern des Blutigen Einheitsflügels das Leben schwer.“
Daka nickte wissend. „Sie panieren und schinden euch, wo es nur geht.“
„All die neuen Verbote und Regeln. Wir können uns kaum noch frei bewegen, noch nicht einmal friedlich protestieren dürfen wir“, fuhr Onkel Vlad fort. „Wir haben es einfach nicht mehr ausgehalten. Wir mussten fliehen.“
„Nach Bindburg?!?“ Silvania sah ihren Onkel entsetzt an.
„Natürlich nach Bindburg. Wohin denn sonst? Schließlich lebt mein geliebter Bruder hier schon seit einiger Zeit glücklich und zufrieden. Es ist der ideale Ort für Vampire.“
„Äh …“, machte Mihai, doch bevor er noch etwas Sinnvolleres hinzufügen konnte, flog die Haustür auf und ungefähr sieben Klobrillen kamen herein. Und Elvira Tepes.
Eins und eins ist zweihundert

Elvira Tepes reichten drei Sätze zur Belagerung ihres Wohnzimmers und sie war im Bilde. Beruhigt war sie allerdings keineswegs. Denn auch wenn sie es eher mit Kunst und weniger mit Mathe hatte, konnte sie trotzdem eins und eins zusammenzählen. Beziehungsweise die Vampire in ihrem Haus und die seltsamen Schatten, die sie auch auf der Heimfahrt mit der U-Bahn wieder gesehen hatte.
„Vlad, ich frage dich nur ein Mal und erwarte eine ehrliche Antwort von dir: Wie viele Vampire sind mit dir aus Bistrien nach Bindburg geflohen?“ Elvira sah Vlad so eindringlich an, dass es auch nichts half, dass er sein rechtes Auge wieder hinter dem Monokel versteckt hatte.
„Nun ja, genau nachgezählt habe ich natürlich nicht“, begann Vlad. „Auf der Flucht musste alles schnell gehen, liebste Schwägerin. Es war eben eine Flucht und kein Schulklassenausflug, bei dem noch mal nachgezählt werden kann.“
„WIE VIELE?“
Onkel Vlad räusperte sich. „Vermutlich, so circa, mal ganz grob geschätzt, Pi mal Eckzahn, würde ich sagen, an die hundert. Es könnten auch zweihundert sein. Der BEF hat nun einmal viele Anhänger.“
„ZWEIHUNDERT Vampire in Bindburg?“ Elvira sank auf die Couch und fuhr sofort wieder hoch, weil dort bereits drei übereinandergestapelte Vampire schliefen.
„Und ungefähr einundzwanzig bei euch im Haus“, fügte Vlad hinzu.
Mihai stützte seine Frau, die sehr blass und beinahe selbst wie ein Vampir aussah. „Du musst jetzt ganz stark sein, El Virus“, flüsterte Mihai ihr zu.
„Nenn mich bloß nicht El Virus!“, zischte sie. „Ich bin nicht wütend, ich bin … sprachlos.“
„Das ist sicher die Wiedersehensfreude!“, krähte Tante Karpa aus der Teppichrolle.
Elvira schluckte. „Und wie lange, wenn ich fragen darf, wollt ihr bleiben?“
„Ihr wollt doch irgendwann wieder zurück nach Bistrien, oder?“, fragte Silvania argwöhnisch.
„Natürlich wollen wir zurück nach Bistrien. Jeder Vampir will in seine Heimat! Nicht nur wegen der Heimaterde“, donnerte Onkel Vlad und nickte seinem Bruder zu. „Aber erst müssen wir dort wieder als freie Vampire leben können. Die Fiese Vampirpartei muss gestürzt werden!“
„Und wie wollt ihr das machen, hier von unserem Wohnzimmer aus?“, fragte Elvira. „Wollt ihr ihnen böse Gedanken schicken oder böse Beschwerdebriefe schreiben?“
„Zunächst einmal müssen wir uns vom langen Flug ausruhen. Dann müssen wir uns versammeln und danach muss ein Programm her“, sagte Vlad entschlossen.
„Ein Fernsehprogramm?“, fragte Daka.
„Nein, ein Parteiprogramm. Ein Plan, wie wir die schändlichen Taten der FVP entlarven und sie entmachten können.“
„Ich bin für Revolution!“ Daka streckte die Faust in die Höhe.
„Und ich für Wackelpudding“, sagte Silvania.
Daka sah sie verstört an.
„Na, das ist doch alles Gumox. Wir wohnen hier in Bindburg, Tausende Kilometer entfernt von Bistrien. In einer völlig anderen Welt mit lauter Menschen“, sagte Silvania.
„Ist dir das alles egal? Interessiert dich die Lage in unserer alten Heimat gar nicht?“, schnaufte Daka.
„Schon. Aber im Moment interessiert mich die Lage bei uns im Wohnzimmer mehr“, erwiderte Silvania.
„Mal abgesehen davon, dass überall bei uns im Haus Vampire herumhängen, sie durch die Bindburger U-Bahn-Tunnel fliegen und wer weiß wo noch“, begann Elvira. „Wie, bitteschön, sollen sich denn all diese Vampire hier ernähren?“
„Keine Sorge, liebste Schwägerin“, sagte Vlad. „Ich habe alles unter Kontrolle. Vor unserer Flucht gelang es mir noch, in einer heimlichen Aktion ausreichend Blutfässer aus Oktavians Gruft zu entwenden, zu leihen, sozusagen. Des Weiteren habe ich einige Säcke Heimaterde mitgebracht. Es besteht nicht der geringste Grund zur Beunruhigung.“
„Ich finde, es gibt allerhand Grund zur Beunruhigung, und zwar ungefähr zweihundertundeinundzwanzig Gründe“, erwiderte Elvira und Silvania nickte.
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