Kitabı oku: «Der Werwolf von Hannover - Fritz Haarmann»

Yazı tipi:

Franziska Steinhauer

Der Werwolf von Hannover – Fritz Haarmann

Biografischer Kriminalroman


Zu diesem Buch

Warte, warte nur ein Weilchen Frühsommer 1924. Kurz bevor für sie der Ernst des Lebens beginnen soll, brechen die Freunde Ludwig und Theo zu einer Fahrradtour auf. An der Leine entlang soll es gehen, Richtung Hannover. Doch vor ihrer Abreise erreichen sie Gerüchte über Leichenfunde aus der Stadt. Die beiden beschließen, sie zu umfahren. Doch plötzlich ist Theo verschwunden. Monate später beginnt der Prozess gegen den Hannoveraner Kaufmann Fritz Haarmann. Die Anklage lautet auf Mord in mehreren Fällen. Während des Prozesses kommen immer mehr schauerliche Details der Taten ans Licht, der Beschuldigte räumt die Tötung einer steigenden Anzahl junger Männer ein. Ludwigs Freund bleibt jedoch verschwunden. Theos Eltern reisen nach Hannover, um unter den Kleidungsstücken, die bei Haarmann und dessen Kunden sichergestellt wurden, nach denen des vermissten Sohnes zu suchen. Ein schrecklicher Verdacht steht im Raum: War Theo etwa Haarmanns letztes Opfer?

Franziska Steinhauer lebt seit 25 Jahren in Cottbus. Bei ihrem Pädagogikstudium legte sie den Schwerpunkt auf Psychologie sowie Philosophie. Ihr breites Wissen im Bereich der Kriminaltechnik erwarb sie im Rahmen eines Master-Studiums in Forensic Sciences and Engineering. Diese Kenntnisse ermöglichen es der Autorin, den Lesern tiefe Einblicke in pathologisches Denken und Agieren gewähren. Mit besonderem Geschick verknüpft Franziska Steinhauer dabei mörderisches Handeln, Lokalkolorit und Kritik an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Ihre Romane zeichnen sich vor allem durch gut recherchierte Details und eine besonders lebendige Darstellung der jeweiligen Figuren aus. »Spreewaldmord« ist ihr 25. Kriminalroman.

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Spreewaldmord (2019)

Spreewald-Tiger (2018)

Der Werwolf von Hannover – Fritz Haarmann (2017)

Fluch über Rungholt (2017)

Todessehnsucht (2016)

Brandherz (2015)

Wer mordet schon in Cottbus und im Spreewald? (2014)

Die Stunde des Medicus (2014)

Kumpeltod (2013)

Zur Strecke gebracht,

zusammen mit Wolfgang Spyra (2012)

Sturm über Branitz (2011)

Spielwiese (2011)

Gurkensaat (2010)

Wortlos (2009)

Menschenfänger (2008)

Narrenspiel (2007)

Seelenqual (2006)

Racheakt (2006)

Impressum

Dieses Buch wurde vermittelt durch die

Literaturische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Personen und Handlung sind zu Teilen fiktional.

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Alle Rechte vorbehalten

4. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild – Bunk

ISBN 978-3-8392-5376-2

Lied

Warte, warte nur ein Weilchen,

bald kommt Haarmann auch zu dir.

mit dem kleinen Hackebeilchen

macht er Schabefleisch aus dir.

Aus den Augen macht er Sülze,

aus dem Hintern macht er Speck,

aus den Därmen macht er Würste


und den Rest, den schmeißt er weg.

In Hannover an der Leine,

Rote Reihe Nummer 8

wohnt der Massenmörder Haarmann,

der so manchen umgebracht.

Haarmann hat auch ein’ Gehilfen,

Grans hieß dieser junge Mann.

Dieser lockte mit Behagen

alle kleinen Jungen an.

»Haarmannlied« zur Melodie des Operettenliedes »Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu dir«. Es gibt unterschiedliche Varianten des Textes.

Die Mordserie des Friedrich Haarmann

In den Jahren 1923 / 1924 wurde Hannover von einer Mordserie erschüttert, deren Ausmaß den Menschen erst nach und nach bewusst wurde. Der Altkleiderhändler Fritz Haarmann, der manchen auch »Der beste Mann von Hannover« war, hatte innerhalb dieser Zeit mehr als 20 Jungs und junge Männer ermordet, ihre Leichen zerstückelt und die Knochen in die nahe Leine geworfen. Er verschaffte sich mit einem Ausweis, der ihn als Mitarbeiter des Polizeipräsidiums erscheinen ließ, Zutritt zu den Wartesälen der 1. und 2. Klasse am Bahnhof, sprach dort allein reisende Jugendliche an, lud sie ein, die Nacht bei ihm zu verbringen, lockte mit der Aussicht auf leicht verdientes Geld und eine gute Mahlzeit. Arglos gingen viele mit ihm.

»Onkel Fritze«, der homosexuell war, nahm auch junge Männer mit, die sich als »Puppenjungs« verdingten und ihre Dienste an bekannten Orten in der Stadt dieser besonderen Kundschaft anboten, in der Hoffnung auf schnelles Geld.

Erst, als im Mai / Juni 1924 einzelne Schädel in der Leine entdeckt wurden und die Unruhe in der Bevölkerung deutlichem Protestmurren wich, die Bürger gar in einer Aktion zu Pfingsten selbst den Fluss nach Knochen abfischten, kam Bewegung in die Ermittlungen. Der Wasserpegel der Leine wurde abgesenkt. Eine Suchaktion der Polizei förderte, neben einer Vielzahl anderer Knochen, die Oberschenkelknochen von 22 verschiedenen Menschen zutage.

Die Opfer: allesamt männlich im Alter zwischen zehn und 25 Jahren. Man begann, die Homosexuellenszene Hannovers gründlicher zu überwachen. Fünf bis sechs der bekannten Homosexuellen gerieten in engeren Verdacht und wurden fortan beschattet, darunter auch Fritz Haarmann.

Durch einen Zufall ging er der Polizei ins Netz.

Am 23. Juni 1924 wurde er festgenommen.

Knapp zwei Wochen nach seinem letzten Mord.

1. Kapitel

1918 Ende September / Fritz Haarmann

Es war ganz einfach.

Diesmal habe ich es wirklich besonders geschickt eingefädelt!

Die beiden waren arglos und ich viel schlauer als sie.

Erst hatte ich den einen angesprochen, dann schickte der mir auch noch seinen Freund vorbei. Besser hätte es kaum sein können.

Nicht wie damals, als der blöde kleine Widerling nach Hause gelaufen ist, um seinem Vater zu erzählen, dass ich ihn angesprochen hätte und mit in mein Zimmer nehmen wollte.

Bloß gut, dass ich die Sache vor Gericht noch klarstellen konnte! Alles nur ein Missverständnis. Der Junge muss da was in den falschen Hals gekriegt haben. Kommt ja gern vor in dem Alter.

Ins Gefängnis musste ich dennoch! Immer wieder! Nicht so schlimm, wie man meinen könnte. Inzwischen kenne ich mich da gut aus. Und die anderen haben mich auch gleich wiedererkannt. Stammen ja viele aus meinem Viertel. Ist wie in einer Familie, wo man ja den einen oder anderen Verwandten auch mal längere Zeit nicht zu Gesicht bekommt.

Ehrlich: Diesmal war es so einfach, unglaublich.

Er kam brav mit, tat, was ich mir von ihm wünschte. Alles.

War immer willig, gab nie Widerworte. Fragte nicht.

Natürlich ging es von seiner Seite aus nur um Geld.

Geht es fast immer, liegt an den schweren Zeiten – ist mir auch gleichgültig.

Ich zahlte. Und zwar gut. Beschenkte sie auch. Keiner, der bei mir über Nacht bleibt, muss etwa hungrig oder durstig in mein Bett kommen. Frühstück inklusive.

Er war ja nicht zum ersten Mal mit bei mir, wusste genau, was ich von ihm erwartete. Und auch ihn habe ich bei jedem Besuch gut versorgt. Ist eben so meine Art.

Und er war schön!

Alles war wunderbar.

Bis ich dann plötzlich aufgewacht bin. Wohl, weil sich etwas falsch anfühlte, sonst schlafe ich nämlich immer gut, tief und traumlos.

Der arme kleine Schatz – tot!

Blut war nicht zu sehen – aber ich spürte einen metallischen Geschmack in meinem Mund, schwer und widerlich. Als hätte ich mal wieder Nasenbluten gehabt.

Und der Anblick!

Seine zarte, bleiche Kehle … schauderhaft.

Zahneindrücke.

Zu beiden Seiten des Halses.

Alles bläulich-violett, wie bei den Lutschflecken.

Schnell deckte ich ihn zu.

Doch dann kamen mir Zweifel. Also hob ich die Decke noch einmal an, sah gründlich nach, ob ich mich vielleicht getäuscht habe.

Nein!

Mir war auf einen Schlag kotzübel.

Was konnte ihm nur zugestoßen sein?

Wie war das nur möglich, ein so junge Kerl, voller Lachen und Lebenslust – ganz plötzlich kalt und leblos? Und der Hals?

Er hatte wenige Stunden zuvor einen vollkommen gesunden Eindruck gemacht – und doch – es war nicht zu übersehen, gab nicht den geringsten Zweifel, er war tot.

Ich sprang entgeistert aus dem Bett.

Von allein war ihm das nicht passiert! Unmöglich! Unvorstellbar!

Konnte es sein? Ich war schuld? Hatte etwa ich ihn getötet? Ich? Im Rausch, sexueller Gier?

Ausgeschlossen!

So etwas war ja noch nie vorgekommen!

Lautlos hastete ich zur Tür.

Überprüfte die wahrscheinlichste Variante: Es war jemand hereingekommen, während wir geschlafen hatten! Ganz bestimmt!

Abgesperrt!

Von innen. Der Schlüssel im Schloss.

Mir war schwindelig, ich musste mich an die Wand lehnen. Abwarten, bis die Welt anhalten wollte.

Wir waren also allein geblieben – die ganze Zeit!

Ich! Meine Schuld!

Wie ich es auch hin- und herwendete, es sah so aus, als hätte ich ihn umgebracht.

Das Unbegreifliche meiner Tat erreichte nur langsam mein Denken, das nichts davon wissen wollte und nicht erinnerte, wie all das geschehen sein sollte. Wie auch?

Die Stimme meiner Mutter bohrend in meinem Kopf »Fritz, sag mir, wo ist der Junge? Los, sag es mir! Wo ist dein Junge?« Unscharfe Erinnerungen. War es möglich? Dieser ist nicht der Erste?

Doch, behauptete ich mich gegen die Stimme, so etwas gab es noch nicht.

Aber wenn ich ehrlich war, konnte ich das nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Mein Körper zitterte, als ich das Leichtgewicht aus dem Bett hob und auf den Boden legte. Tränen rannen über mein Gesicht – nein – die Wahrheit ist, ich weinte bitterlich wie ein geprügeltes Kind.

Und wusste, dass etwas geschehen musste!

Hier auf dem Boden zwischen Bett und Tisch konnte er schließlich nicht liegen bleiben. Sein Körper musste verschwinden. Und zwar am besten so, dass er für immer unsichtbar bliebe. Schon bald würde man nach ihm zu suchen beginnen. In dem Alter werden sie häufig noch von den Eltern vermisst, wenn sie nicht zum Abendessen nach Hause kommen.

Später, wenn sie etwas älter sind, lässt das schnell nach.

Der arme kleine Kerl.

In einem Stück war er nicht aus dem Zimmer zu bringen. Das Risiko war viel zu groß, dass es jemandem in der Nachbarschaft auffallen könnte. Viel zu auffällig. Und wenn man mich mit einem toten Kind über der Schulter anträfe, wäre ich schließlich um eine kluge Antwort verlegen.

Kleinteilig müsste es gehen.

Wahrscheinlich vier oder fünf Gänge, überschlug ich mit Blick auf den Jungen. Das sollte reichen, um ihn in kleinen Portionen abzuwerfen.

Ich schluchzte noch immer.

So ein hübscher Junge!

Eine Schande!

Vorsichtig breitete ich meine Decke über ihn und schob ihn so weit unters Bett, wie es nur möglich war. Bei einem flüchtigen Blick über die Einrichtung konnte einem der Leichnam entgehen.

Dann zog ich mich an. Verließ das Zimmer. Beschloss, zunächst bei meiner Schwester unterzukriechen, Emma Burschel. Bei ihr könnte ich in Ruhe planen, wie ich nun vorgehen würde.

Schlafen konnte ich nicht mehr in dem Zimmer, über seinem Körper.

Nein! Ausgeschlossen!

Denken auch nicht, wenn ich wusste, dass er mir dabei zuhört.

2. Kapitel

1924 im Juni

Theodor Lamm war unzufrieden.

Mehr als das, wenn er es genau bedachte. Heißer Zorn traf seine Gefühlslage besser.

Der letzte Sommer in Freiheit, so empfand er es wenigstens, lag nun vor ihm, nur noch ein paar Wochen und er musste den Betrieb seines Vaters übernehmen.

Gerade jetzt nicht eben eine verlockende Aussicht.

Nachkriegszeit. Besatzungszeit. Unsicherheiten und Unwägbarkeiten.

Wer hatte schon genug Geld, um sich neue Möbel schreinern zu lassen? Im Moment kauften die Leute am liebsten gar nichts – und die Dinge des täglichen Bedarfs erstanden sie auf dem Schleichmarkt.

Theodor seufzte schwer.

Er war das einzige Kind, hatte schlicht keine andere Wahl. Dabei wäre er so viel lieber Schauspieler geworden. Talent war bei ihm ohne Frage vorhanden! »Nach der Schreinerlehre«, hatte der Vater versprochen. Dann! Er bekäme die Möglichkeit sich auszuprobieren. Wenigstens für einige Zeit.

Und nun?

Nichts! Der Vater erlitt im Februar einen schweren Sturz und arbeiten war eine schier unlösbare Herausforderung. An manchen Tagen schaffte er es nicht einmal, die Werkstatt zu erreichen. So entschied sich, er, der Sohn, habe den Betrieb zu retten. Jetzt und sofort!

Was für eine bittere Enttäuschung! All seine Pläne – nur noch Makulatur.

Immerhin gelang es ihm, dem Vater ein paar Wochen Ferien abzutrotzen.

Ab kommendem Montag.

Doch was konnte er in der freien Zeit unternehmen?

Unschlüssig spazierte er an der Leine entlang, die hier an dicht bewachsenem Ufer vorbeizog. Ein idyllischer, geheimer Ort für Verliebte.

Damit war es allerdings erst mal vorbei.

»Seine Sabine« poussierte mit einem anderen, hatte ihn wissen lassen, sie wolle ihn nicht mehr treffen.

Natürlich sollte er eigentlich wütend auf sie sein.

Vielleicht sie sogar hassen.

Aber wenn er ehrlich zu sich war, tat es einfach nur verflixt weh!

Wie wunderbar hätten die zwei freien Wochen mit ihr an seiner Seite sein können!

Er seufzte sehnsuchtsvoll.

Rieb ein wenig Feuchtigkeit aus den brennenden Augen. Blinzelte vorwurfsvoll in die Sonne, als sei sie schuld an den Tränen gewesen.

»Theo!«, rief ihn plötzlich jemand an. »Na, das ist ja eine Überraschung! Was für ein Zufall!« Ein junger Mann sprang sportlich von seinem Rad und rannte die letzten Meter auf ihn zu.

Theo kniff die Augen zusammen.

»Ludwig? Bist du das wirklich?«, jubelte er dann glücklich und nahm den Freund aus Schultagen fest in die Arme. Klopfte ihm auf den Rücken. »Mensch Ludwig! Was tust du denn hier? Deine Mutter hat meiner erzählt, du wärst in Göttingen an der Universität!«

»Stimmt ja, immerhin fast. Ich beginne dort mit dem Medizinstudium. Aber bis dahin ist noch ein bisschen Zeit.« Das Strahlen war aus seinen Zügen wie ausradiert, als er hinzusetzte: »Das Ende der Freiheit ist nah. Das Studium soll straff und hart sein, danach muss ich in der Praxis meines Vaters mitarbeiten, sie später ganz übernehmen.«

»Oh, dann wirst du unser neuer Hausarzt!«

»Gut möglich! Wenn ich euch als junger Arzt frisch von der Uni vertrauenswürdig genug bin!«, freute sich der junge Mann sichtlich über das Zusammentreffen. »Und du? Was machst du?«

Nun verdüsterte sich Theos Miene schlagartig.

»Ach, es ist halt, wie es ist«, fiel die Antwort traurig und etwas kryptisch aus.

»Und das heißt?« Ludwig ließ nicht locker, strich sich das seitlich gescheitelte Haar nach hinten.

»Na, ich bin fertig mit der Lehre. Geselle. Das Meisterstück entsteht gerade. Und nun soll ich Vaters Tischlerei und Schreinerbetrieb übernehmen«, maulte der Freund, und seine dunklen Augen bekamen einen finsteren Schimmer.

»Das ist doch das Schlechteste nicht!«, tröstete Ludwig. »Handwerker finden auch in schweren Zeiten wie diesen ihr Auskommen. Oder stimmt das nicht?«

Die jungen Männer setzten sich an den Rand des Weges. Das Rad lehnte geduldig an einem Busch.

»Der Boden des Handwerks ist nur dann golden, wenn die Kunden auch was ausgeben können. Und im Moment sieht es damit wahrlich nicht gut aus. Es wird schon weitergehen. Irgendwie.« Er schwieg. Ludwig wartete ruhig ab. Als Theo weitersprach, klang seine Stimme seltsam belegt. »Dabei wollte ich doch Schauspieler werden! Ein richtig guter! Möglich, dass ich berühmt geworden wäre. Einer, von dem man auf den Straßen spricht. Talent sei genug vorhanden, hat man mir gesagt. Lichtspielhäuser oder Theater, ich könne es überall schaffen! Tja. Nun ist es vorbei – ausgeträumt!«

Ludwig sah den Freund nachdenklich an.

»Manches erweist sich erst mit der Zeit, Theo. Du kannst auch ein wirklich guter Schreiner und Tischler sein, von dem man mit Hochachtung spricht. Wer weiß, möglich, dass du einen Stuhl oder eine Couch entwirfst, die weltweit für Aufsehen sorgen. Später wird es vielleicht Bücher über deine überaus kunstvoll gestalteten Möbel geben! Und wer weiß denn schon, was die Zukunft bringt – am Ende wird dein Traum doch noch wahr! Ihn aufzugeben, ist es viel zu früh!« Dann fragte er plötzlich aufgeregt: »Wann sollst du den Betrieb denn übernehmen? Dein Vater ist doch nicht im richtigen Alter für ein Sich-zur-Ruhe-Setzen.«

»Er kann nicht mehr gut arbeiten – hatte einen Unfall. Deshalb soll ich jetzt sofort einspringen. Ich konnte gerade noch eine freie Zeit von etwa zwei Wochen aushandeln.«

»Beginnen die zwei Wochen vielleicht in den nächsten Tagen?«

»Ja. Eigentlich wollte ich …«, er seufzte wieder, »aber die Weibsleute, na ja. Du weißt schon.«

»Gut. Wenn du jetzt keine Planung mehr hast, dann hätte ich vielleicht eine gute Idee für uns beide. Komm, wir gehen ein Stück den Fluss entlang.«

So spazierten die Freunde nebeneinander her, waren vertraut, als habe es die zeitliche Trennung durch Schule und Lehre nie gegeben. Ein jeder machte seinem Herzen Luft, und Ludwig skizzierte seine Überlegungen für die kommenden beiden Wochen.

Theodor war sofort Feuer und Flamme.

»Mit Rad und Zelt? Wunderbar! Ich bin dabei!« Nach kurzem Überlegen: »Ich habe allerdings weder das eine noch das andere!« Nach einer kurzen Pause: »Aber ich weiß, wo ich es bekommen kann!«

Er schlug ein, und Ludwig versprach, am nächsten Tag wiederzukommen, um die – wie er es nannte – Feinabstimmung zu besprechen.

3. Kapitel

1918 September / Fritz Haarmann

Als ich am nächsten Tag wiederkam, hing schon ein lästiger Geruch über dem Laden neben der Kammer. Auf dem Flur war noch nichts davon zu bemerken, aber das würde sich ändern, es war nur eine Frage der Zeit.

Irgendwie rechnete ich – völlig wider den gesunden Menschenverstand – fest damit, von ihm angesprungen zu werden, als ich die Tür langsam ein wenig aufschob. Besorgt durch den Spalt blinzelte.

Alles ruhig.

Er lag, wie ich ihn verlassen hatte. Zugedeckt, so gut wie möglich unter dem Bett verborgen.

Und er war längst nicht mehr allein.

Fliegen!

Nun, das überraschte mich nicht. Ich dachte daran zu lüften, unterließ es dann zunächst. Musste aber später doch das Fenster öffnen, weil … na ja. Blut und Zersetzung. Keine gute Mischung. Und eine, die den anderen Mietern im Haus besser verborgen blieb.

Eine halbe Stunde saß ich wohl einfach da und sah ihn an.

Ich wollte nicht mit dem beginnen, was letztlich unausweichlich sein würde.

Tatsächlich war er noch immer schön. Und er sah friedlich aus.

Solange der Hals nicht zu sehen war, konnte man glauben er schlafe tief, sei vielleicht ein wenig blass.

Das galt schließlich für viele, deren Ernährungslage schlecht war, hatte in der Regel nicht mehr als das zu bedeuten.

Allerdings zeigten sich bei ihm schon an einigen Stellen violette Flecken.

Nach einer weiteren Stunde, in der ich ruhelos auf und ab gegangen war, begann ich die Dinge zu richten, die ich wohl benötigen würde.

Das kleine Küchenmesser, mit dem ich normalerweise Kartoffeln schälte, zog ich energisch über den Wetzstahl, damit es gut durchs Gewebe fahren würde. Das Gleiche tat ich mit der Schneide des etwas größeren Exemplars. Ich legte beide in einen Eimer, deckte ein Tuch darüber und gönnte mir eine Pause. Es strengt durchaus an, sich solche Handlungen vorzustellen und dabei noch den Überblick zu behalten. Jeder Fehler … ein Kopf ist schnell verloren, wenn man bei so etwas erwischt wird.

Mein kleines Beil würde ich auch brauchen, Papier, um die Päckchen zu packen, die Wachstuchtasche, um alles wegzubringen. Zur Leine. Der Fluss würde den Rest erledigen.

Ich müsste zuvor probieren, was von ihm schwimmen würde.

Fleischstücke auf dem Wasser könnten verraten, was hier entsorgt wurde, das ging also nicht.

Was, wenn ich beim Füttern der Fische beobachtet würde?

An der Brückmühle zu gefährlich.

Hinter jedem Fenster Augen, die neugierig Ausschau hielten.

Morgen.

Morgen würde ich wiederkommen und austesten, was schwamm und was nicht.

Für heute war es nun wirklich genug.

Als ich ging, die Tür sorgfältig hinter mir verschloss, war ich unendlich traurig.

Meine Schwester, Frau Burschel, fragte mich, warum ich so bleich sei. Etwa wieder krank? Und der seltsame Geruch meiner Kleidung? Woher ich käme? Ob ich mal wieder in Schwierigkeiten steckte? Was ausgefressen hätte? Sie hatte grundsätzlich viele Fragen, wenn ich bei ihr unterschlüpfen wollte.

Nein, beruhigte ich sie, alles in Ordnung. Ich war beim Schlachter, aber der hatte nicht viel im Angebot. Und blass sei ich ja öfter.

Die altbekannten Kopfschmerzen eben. Mit Übelkeit.

Sie nickte nur, drang nicht weiter in mich. Mir schien, sie war froh, dass ich nicht mit ihr sprechen wollte, wandte sich ab und ging summend ihrem Tagwerk nach.

Ich dagegen stellte mit vor, wie sie reagieren würde, wenn ich nun gesagt hätte, das mit dem blassen Aussehen liegt an dem toten Jungen in meinem Zimmer, der schon stinkt und den ich irgendwie loswerden muss, damit nicht der Henker mich holt. Liegt an dem bedauernswerten Kerl, den ich getötet habe – nicht mit Absicht – aber tot ist er dennoch.

Mutter hätte mich verstanden. Sie wusste, dass ich nie mit Absicht … und wenn etwas aus Versehen geschah, war man im Grunde nicht schuld, so hat sie mir das erklärt. Gott versteht das auch, dass es da einen Unterschied gibt.

Dem Jungen war das jetzt natürlich egal.

Tot ist tot.

4. Kapitel

1924 im Juni

»Ludwig und ich werden eine Radtour machen. An der Leine entlang Richtung Hannover und dann ein Stück weiter, je nachdem, wie viel Zeit dann noch bleibt. Möglich, dass wir weiter kommen, als gedacht und mit dem Zug nach Hause fahren!«, erzählte Theodor begeistert beim Abendessen.

»Aber Junge! Du hast doch gar kein Rad!«, meinte die Mutter und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. »Wie soll das dann gehen?«

»Ich habe mir einen alten Drahtesel von Caroline geliehen. Sie braucht ihn nicht und hat mir erlaubt, ihn aufzumöbeln. Den Rost putze ich mit einer scharfen Bürste ab, ein bisschen Öl – und schon sieht das Rad gut aus und läuft ohne Schwierigkeiten. Und ein Zelt hat mir Jakob gegeben. Gehört seinem Onkel. Armeezelt. Da passen Ludwig und ich gemeinsam rein, so viel Platz!«

»Im Zelt?« Die Mutter war entgeistert. »Und wenn es regnet? Dann werdet ihr schnell keinen trockenen Faden mehr am Leib haben. Und die Sachen zum Wechseln sind dann auch nass. Den Tod werdet ihr euch holen!« Sie räumte laut klappernd das Geschirr in den Spülstein, wandte dem Sohn demonstrativ den Rücken zu. Sollte er ruhig sehen, wie übel sie ihm diese Planung nahm. Als der Junge schwieg, setzte sie weinerlich hinzu: »Und wovon wollt ihr leben? Es ist nicht einfach, sich Nahrungsmittel zu besorgen, wenn man fremd in der Gegend ist und nicht weiß, wo man sie bekommen kann«, ergänzte sie ihre Bedenken.

»Wir dachten, wir nehmen einen Grundvorrat mit und finden dann vor Ort heraus, wo wir was einkaufen können.«

»Richtung Hannover, ja?«, fragte der Vater grantig nach.

»Ja. Immer an der Leine lang. Und irgendwann machen wir kehrt und fahren zurück. Ich werde schon pünktlich wieder vor der Tür stehen!«

»Ja, das bezweifle ich ja auch gar nicht. Aber deine Tante hat mir vor ein paar Tagen einen Brief geschickt – und dort steht, man habe an der Leine schon mehrere Totenschädel gefunden. Die Polizei rätselt noch, wie die wohl in den Fluss gelangen konnten.«

»Ach Junge!« Die Mutter weinte leise, wischte dann hastig die Tränen mit dem Zipfel der Schürze fort. »Es ist gefährlich da draußen.«

»Aber Mutter, ich bin ja nicht allein! Der Ludwig ist doch mit mir! Und wir sind schnell wieder zurück. Sie werden kaum bemerken, dass ich fort bin.« Theo spürte Ärger in sich aufsteigen. »Ich bin ja kein kleines Kind mehr! Und wenn wir nur den Frühsommer genießen, was soll uns da schon passieren?«

Zu seinem Vater gewandt ergänzte er: »Schädel in der Leine! Du liebe Güte! Die können ja von Selbstmördern stammen! Warum sollen wir uns fürchten, wenn sich jemand seiner Schwierigkeiten wegen im Fluss ertränkt?«

»Ich verstehe dich, aber die Leute in Hannover machen sich schon länger Sorgen. Es verschwinden so viele Menschen, tauchen nie mehr auf, man hört kein Wort von ihnen. Und tatsächlich gibt es Gerüchte darüber, dass sie nicht verschwunden, sondern ermordet worden sind. Sollte es finstere Gestalten in der Stadt geben, die wahllos töten, so betrifft es Ludwig und dich eben doch!«, gab der Vater aggressiv zurück.

Theo wusste, wann er solche Gespräche besser beendete.

Er stand auf und ging.

Auch Ludwig stieß bei seinen Eltern nicht nur auf schiere Begeisterung.

»Ach Ludwig. Was, wenn ihr euch verletzt? Krank werdet?«

»Dann nehmen wir den nächsten Zug nach Hause und lassen uns vom Vater kurieren«, lachte der unbeschwerte junge Mann. »Was soll uns schon krankmachen? Wir sind jung und widerstandsfähig. Keine Sorge, es wird nichts geschehen.«

»Aber mit dem Rad. Da ist man schnell gestürzt. Und wenn es regnet, werdet ihr nass. Erkältungen kann man nur mit Ruhe und Wärme vertreiben – beides wird euch bei einer Fahrt mit dem Rad abgehen.«

Ludwig zeigte sich unbeeindruckt. »Wir wollten nicht bis Afrika kommen! Nur bis Göttingen vielleicht oder ein kleines Stück weiter. Wenn das Wetter gut ist, fahren wir etwa zehn oder zwölf Tage lang, schaffen es bis Hannover und nehmen den Zug für den Rückweg. Das haben Theo und ich schon besprochen.«

5. Kapitel

1918 Anfang Oktober / Fritz Haarmann

Damit er nicht bei dem zusehen musste, was ich nun seinem toten Körper antun würde, legte ich ein Tuch über seine inzwischen milchig trüben Augen.

Ehrlich gesagt, auch wegen des Gewürms, das sich schon munter tummelte.

Aus der Küche holte ich ein weiteres Tuch, damit ich das Blut aufnehmen konnte, überprüfte auch die Schärfe der Messer und des Beils, um eine unnötige Unterbrechung der Arbeit ausschließen zu können.

Die Sache duldete nun keinen Aufschub mehr, wollte ich vermeiden, dass jedermann ihn riechen konnte.

Der Tote womöglich aufkam.

Die Jungs hinter dem Café »Kröpke« erzählten gestern, ein Mann habe sich nach dem Verbleib seines Sohnes erkundigt. Friedel heiße der, und der Vater zeigte sogar ein Foto herum. Die Jungs sind bei diesen Nachfragen von Natur aus immer wortkarg, sind doch viele von ihnen entlaufene Fürsorgezöglinge – und man wusste ja nie, wer da tatsächlich fragte. Konnte ja jeder behaupten, er sei der Vater.

Eile war also geboten.

Aufschieben ging nicht mehr.

Ich begann mit den Beinen.

Schnell gelang es mir, die Unterschenkel aus den Kniegelenken zu lösen.

Ich legte sie zur Seite.

Begann dann sofort mit dem Trennen der Oberschenkel aus der Hüftpfanne.

Mein kleines Messer war willig, und wo es nicht weiterkam, half das Hackebeilchen.

Natürlich tat ich all das mit Grausen und Entsetzen.

Es war eine widerliche Aufgabe, die Stunden dauern mochte, vielleicht Tage.

Einfach eklig.

Wenn ich mich zurückerinnere glaube ich, ich habe mich mehrfach in einen kleinen Eimer übergeben, weil es so schrecklich war.

In den Eimer habe ich später auch das zerschnittene Gekröse geworfen. Schließlich sollte das ja durch den Abort …

Die Arbeit war aber nicht nur abstoßend, sie strengte mich sehr an. Derartig, dass ich mich immer wieder hinlegen und ausruhen musste.

Sobald es mir besser ging, machte ich weiter. Beeilen musste ich mich damit. Nicht auszudenken, wenn jemand gekommen wäre und ihn dort am Boden entdeckt hätte.

Die Schnitte über die gesamte Körperlänge führte ich mit dem Messer aus – ich wusste ziemlich genau, wie sie zu setzen waren.

Die Rippen – kein Problem.

Die Arme drückte ich weit nach oben, löste sie aus den Schultergelenken.

So wanderte Stück für Stück …

Es ging gut, wenn ich erst mal alle Knochen herausgelöst hatte.

Was blieb war nicht mehr als seine Hülle, die sich gut zerteilen ließ. In schmale Streifen und dann quer in winzige Quadrate.

Die Größe der Stücke richtete sich nach ihrer Schwimmfähigkeit. Waren sie schwer genug, versanken sie sofort, das Leichte, das oben schwamm, durfte nur in geringer Menge in den Fluss gelangen. Das musste besser in den Eimer.

Der Kopf. Wenn ihn jemand fand, konnte er erkennen, wem er zu Lebzeiten gehört hatte? Dem zuvorkommenden und willigen Freund meines Hübschen, dem fiele womöglich ein, wo man manchen Nachmittag und Abend in den letzten Wochen zubrachte. Dieses Risiko! Zu hoch!

Erst die Haare – das erledigte sich nach Art der Indianer.

Ich schabte alles Weiche ab, warf es ebenfalls in den Eimer.

So verfuhr ich auch bei den Knochen.

Die passten in eine Tasche aus Wachstuch.

Den Eimer kippte ich, wie geplant, in den Abort. Damit niemand eine Blick auf seinen Inhalt werfen konnte, deckte ich einen Lappen drüber, als ich damit über den Hof ging.

Die Knochen landeten in der Leine.

Blieb noch immer der Schädel.

Nach dem Lüften, Putzen und Aufräumen wickelte ich ihn in Zeitungspapier ein, stopfte das Päckchen in die Tasche, die mir schon zuvor gute Dienste geleistet hatte, und schob sie hinter den Ofen.

Insgesamt war ich viel unterwegs an jenem Tag und nun rechtschaffen müde.

Und das Zimmer gehörte wieder mir allein!

Glück im Unglück: Die Polizei, die mein Zimmer später durchsuchte, fand nur einen Freund des vermissten Jungen in meinem Bett. Der war ja quicklebendig.

Wegen der Unzucht gab es ein peinliches Verhör.

Den Schädel hinter dem Ofen entdeckten die Beamten aber nicht.

Hat eben keiner in die Tasche geguckt.

Wie sollten sie auch wissen, dass sie den Hübschen nie mehr lebendig finden konnten!

6. Kapitel

1924 Presseclub im Restaurant »Falkennest«

Eine Gruppe Zeitungsreporter traf wie üblich im »Falkennest« zusammen.

Einem kleinen, sauberen Restaurant in der Nähe des Bahnhofs, dessen Wirtin einen soliden Eindruck machte und für jeden Gast ein freundliches Wort hatte.

Schnell kam das Gespräch auf den Schädelfund in der Leine.

»Heute haben sie wieder einen gefunden. An der Brückmühle! Wieder mit ein paar Halswirbeln dran.« Ahab, der ein Holzbein hatte, hieß im wahren Leben Franz Kraus.

»Ja, das habe ich auch gehört! Und es soll sich um zwei Selbstmörder handeln. Bei der Zersetzung geht der Schädel schon mal verloren«, wusste ein anderer.

»Ne! So ist das nicht. Es waren ja an beiden noch Halswirbel! Da hat sich nichts gelöst. Und meine Quelle bei der Polizei erzählte mir, die Wirbelsäule sei im Nacken scharf durchtrennt worden. Dekapitieren sich selbst! Komische Selbstmörder dieser Tage, was?«, lachte der Pirat rau und ließ das Gummiband seiner Augenklappe gegen die Schläfe schnalzen.

»Ach Gustav, was bist du zynisch! So werden es wohl Unfallopfer sein.«

»Was soll das denn für ein Unfall gewesen sein? Arbeiteten beide für Carl Gröpler und wurden beim Putzen des Richtblocks vom heruntersausenden Fallbeil überrascht?«, lachte der Pirat Gustav Kieslinger kehlig. »Montag der Erste, dann der, den man damit beauftragt hatte, die Schweinerei zu beseitigen!«

»Also wirklich, das ist jetzt aber richtig geschmacklos!«, beschwerte sich Richard Schulz und der Pirat versuchte dem Kollegen in das Auge zu sehen, das nicht aus Glas war. Schwere Entscheidung.

»Na, müssen ja keine Selbstmörder gewesen sein«, bemühte sich Alfred Schubert um ein Glätten der Wogen. »Mein Bekannter bei der Polizei meint, es könnten auch Typhusopfer sein. Oder freigespülte Leichenteile aus dem überschwemmten Friedhof.« Hans zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche. »Hier, ich hab’s mir aufgeschrieben.«

»Ich hab gehört, es könnte sich auch um einen Scherz der Studentenschaft in Göttingen handeln. Frisch aus dem Sektionssaal in die Leine. Aber das weiß natürlich auch niemand genau. Man zählt wohl gerade nach, ob noch alle da sind«, wusste Ahab. »Gerüchte sind in diesen Zeiten wohlfeil.«

»Na, das wäre aber ein wirklich grober Scherz!«

»Sicher. Aber man weiß doch, wie die Studenten so sind. Gaudeamus igitur!« Der Pirat zog wieder am Gummiband.

»Kannst du das bitte mal lassen? Das macht mich ganz nervös.« Alfreds Stimme klang gereizt.

»Das beschleunigt das Denken. Solltest du bei dir auch mal versuchen! Kannst ja probeweise einfach mit dem Finger gegen die Schläfe schnippen, dir geht das Band ja ab«, grinste Gustav hämisch.

»Die Leute auf der Straße sind beunruhigt. Einige munkeln von Mord. Behaupten, in Hannover gäbe es Menschenfallen, in denen junge Leute gefangen werden. Weil so viele vermisst werden.«

»Und nun haben alle Mordbuben in der Gegend sich darauf verständigt, ihre Opfer in die Leine zu werfen?« Richard zeigte dem Sprecher einen Vogel.

»Ach, was für ein dummes Geschwätz. Hannover ist nun mal eine Stadt, die Kriminalität anzieht. Hier sammelt sich viel lichtscheues Gesindel. Sobald die Polizei zu nahe ran rückt, tauchen die Halunken ab und sind eben verschwunden.«

»Gestern war ein Vater bei mir, der seinen Sohn sucht. Er war bei der Polizei, hat eine Vermisstenmeldung gemacht, aber er hat nicht den Eindruck, jemand kümmere sich ernsthaft darum.« Gustav sprach plötzlich leise. »Ist schon schlimm genug, wenn dir der Sohn abhandenkommt. Aber wenn du dann auch noch denken musst, dass das so gar niemanden interessiert, nicht einmal die, die man von Staats wegen fürs Suchen bezahlt, ist es besonders schlimm. Der Mann war so verzweifelt. Sein Junge hat vielleicht als Puppenjunge ›gearbeitet‹, das hat man ihm jedenfalls hinter dem ›Kröpke‹ erzählt. Nun ist er ratlos.«

»Ist doch kein Wunder, dass sich so viele junge Männer von ihren Familien absetzen. In den Kriegsjahren waren alle anderweitig beschäftigt, erzieherisch wurde viel versäumt, und viele Eltern hatten auch einfach nicht mehr die Kraft, sich gegen jugendliches Ungestüm durchzusetzen. Die Knaben haben Oberwasser, trauen sich alles, sind leichtsinnig, viele auch arbeitsscheu, sie suchen Freiheit.«

»Gestern habe ich einen getroffen, der erzählte mir, er wolle zur See fahren. Von Hannover aus?, habe ich den gefragt. Die jungen Leute lernen in der Schule nicht richtig, und vom eigenen Land haben sie schon gar keine Vorstellung! Aber nein, der wollte weiter nach Hamburg. Sind nicht alle arbeitsscheu. Enttäuscht scheinen sie mir. Ich habe manchmal den Eindruck, dass hier eine durch und durch deprimierte Generation heranwächst.«

»Meine Schwester nennt das anders: faul! Arbeitsscheu und faul! Das scheint zumindest in Bezug auf meinen Neffen und seine Freunde zuzutreffen.«

»Ist doch schwierig in diesen Zeiten. Wann immer du etwas möchtest, ist es entweder nicht zu bekommen oder zu teuer. Da könnte der eine oder andere schon den Eindruck gewinnen, Verbrechen lohne sich durchaus und bringt schneller was ein als harte Arbeit.«

»Was, wenn wirklich ein Mörder in der Stadt sein Unwesen treibt? Wir warnen in der morgigen Ausgabe. Eltern sollen ihre Kinder besser beaufsichtigen, die Bewohner der Stadt verdächtige Vorkommnisse oder Beobachtungen sofort melden, die Polizei soll den Vermisstenanzeigen nachgehen!«

»Das sind aber verflixt viele soll und sollen. Wenn du da mal nicht aus dem Blick verlierst, dass so manche Eltern durchaus froh sind, wenn das eine oder andere Familienmitglied nicht mehr am Tisch Platz nimmt. Die werden das bei der Polizei gar nicht anzeigen.«

»Schon möglich. Selbst für die, denen es nicht an Geld fehlt, ist es schwierig genug, überhaupt einzukaufen, um alle Mäuler zu stopfen. Man läuft ja über Stunden herum, nur um eine Mahlzeit zu sichern!«

»Nun ja …«, druckste Ahab rum und murmelte dann leise, »es gibt schon einige Quellen.«

»Illegal!«

»Was ist daran illegal, wenn es doch in den normalen Läden gar keine Ware gibt! Sollen wir nun alle Hungers krepieren? Manchmal kommt es mir vor, als interessiere es niemanden mehr, ob der normale Bürger überhaupt noch überleben kann!«, echauffierte sich Richard, von dem man einen solchen Kommentar nicht erwartet hätte. »Da muss man eben dort kaufen, wo es was gibt!«

»Gemüse vielleicht, Altkleider – aber Fleisch? Im Moment kommt es mir so vor, als würde so ziemlich alles vertilgt, was essbar aussieht. Ratten sicher auch. Oder am Ende hat jemand Nachbars Katze verwurstet. Miezi, die ich immer so gern gestreichelt habe. Nein! Das ist hohes Risiko!«

»Oder Menschenfleisch. Dann verputzt du zum Abendessen einen der verschwundenen Jünglinge und trägst so dazu bei, dass man ihn nie finden wird.« Der Pirat lachte scharf auf, als er in lauter entsetzte Gesichter sah.

»Du denkst ja wirklich völlig pervers!«, beschwerte sich Hans Meister.

»Na, nun mal ehrlich: Wenn bei mir mal Fleisch auf dem Teller oder in der Suppe ist, dann quatscht das nicht mehr! Woher soll ich dann wissen, wes Fleisch da zwischen den Möhrenstückchen schwimmt?«, gab Gustav grinsend zurück.

»Gut. Es reicht jetzt!«, beendete Richard das unappetitliche und durchaus beängstigende Gespräch.

»Habt ihr das auch gehört?«, schaltete sich Ahab ein. »Hannover ist inzwischen zu der Stadt für Diebe, Hehler, Einbrecher und anderes zwielichtiges oder lichtscheues Gesindel avanciert. Am Ende zieht dir hier einer mit dem Totschläger über den Scheitel, nur weil er neue Schuhe braucht, und deine so schön sauber sind.« Richard warf Ahab einen dankbaren Blick zu und stieg bereitwillig in das neue Thema ein.

»Du übertreibst mal wieder maßlos!«

»Wir kommen jedenfalls morgen auf Seite 1 damit raus, dass die Menschen sich sorgen. Spielende Kinder finden bei uns normalerweise keine blanken Schädel beim Toben an der Leine«, stellte Richard klar.

Der Pirat schmunzelte. »Nun, so ganz blank sollen sie auch gar nicht gewesen sein …«

7. Kapitel

1924 im Juni

Ludwig stapelte auf dem Bett, was er brauchen würde.

Packte nur ein, was er für notwendig hielt.

Viel war es nicht.

Sie planten eine Zweiwochentour – und sicher gäbe es unterwegs die eine oder andere Gelegenheit, Wäsche zu waschen.

Plötzlich stand seine Mutter in der Tür.

Sie lächelte verlegen, hielt die Hände hinter dem Rücken verborgen.

»Nun, Mutter? Was kann ich für Sie tun?«, fragte der Sohn und huschte einen zarten Kuss auf ihre Wange.

»Ach Ludwig – wie wird mir die Zeit lang werden ohne dich. Niemand hier, der sich am Abend zu mir setzt und sich mit mir unterhält – oder wohlig mit mir schweigt.«

»Ach! Wir sind nach so kurzer Zeit wieder zurück, da fällt Ihnen gar nicht auf, dass ich weg bin.« Tröstend strich Ludwig, der die Mutter um anderthalb Köpfe überragte, über ihre faltige Wange.

»Sieh mal«, freute sich die Mutter und zog hervor, was sie bisher versteckt gehalten hatte. »Ich dachte, falls du irgendwo ausgehen möchtest. Da brauchst du doch was Anständiges!« Mit erwartungsvoller Miene sah sie ihn an.

Ludwig war im ersten Moment sprachlos. Als er sich gefangen hatte, keuchte er: »Aber das sollten Sie nicht!«, und schlüpfte schon voller Begeisterung in Weste und Jacke, strich mit den Fingern über den angenehm weichen Stoff. »Ist das schön! Das muss Sie ja ein Vermögen gekostet haben! Und so schnell fertig! Vielen Dank!« Stürmisch umarmte er die Mutter.

»So gefällt dir der Anzug! Da bin ich sehr froh. Eigentlich solltest du ihn zum Studienbeginn bekommen, aber ich denke, du könntest schon früher Bedarf haben.« Lächelnd reichte sie ihm auch die Hose und verließ das Zimmer.

Rasch schlüpfte Ludwig hinein.

Präsentierte sich dann in der Küche.

»Prachtbursche!«, kommentierte der Vater zufrieden. Und steckte für beide Männer eine Zigarre an. »Die Weibsleute werden dir nur so nachstellen. Komm mit!«

Das Gespräch unter Männern fand draußen im Garten auf einer Bank statt.

Ludwig unterdrückte ein Grinsen, als er dem alten Arzt zuhörte, der ihn über gute Umgangsformen aufzuklären versuchte.

»Die jungen Damen, weißt du. Wenn sie zu nett sind, ist Vorsicht geboten. Früher gab es Dirnen ja nur in der Stadt, aber heutzutage können sie überall arglosen Männern auflauern. Und diese Frauen, die tragen Krankheiten in sich, die man am Ende gar nicht mehr ablegen kann und die selbst die nachfolgenden Generationen noch treffen.«

Ludwig versprach, vorsichtig zu sein.

Er sah zur Sonne auf, nahm einen kräftigen Zug an der Zigarre und freute sich auf die unbeobachtete Zeit mit Theo.

Theo selbst ordnete ebenfalls sein Gepäck.

Mit Ludwig war bereits abgesprochen, wie viel unbedingt gebraucht würde. Zufrieden betrachtete er die schmale Auslage auf dem Tisch. Das würde problemlos Platz in Tornister und Fahrradkorb finden.

Als es klopfte, sah er überrascht auf.

»Vater! Sie sollten doch nicht die enge Stiege heraufkommen. Das tut Ihrem Rücken nicht gut.«

»Das lass mal meine Sorge sein. Der Rücken wird sich fügen müssen. Er wird mir helfen, in den kommenden Tagen für zwei zu arbeiten!«, knurrte der Schreiner.

»Ja«, antwortete Theo kleinlaut. »Ich weiß, es wird Ihnen nicht leichtfallen. Aber wenn wir zurück sind, können Sie sich schonen. So viele Aufträge stehen nicht im Buch, vielleicht kann der eine oder andere Kunde ja auch noch warten.«

»Es war ja kein Vorwurf! Ich gönne dir den Ausflug mit dem Freund. Mit Ludwig hast du einen guten Jungen zur Seite, der keine Dummheiten planen wird. Hoffe ich jedenfalls«, setzte er dann hinzu und keckerte wie ein wütendes Eichhörnchen.

»Ludwig ist kein Wirrkopf – war er nie. Er will studieren!«

»Theodor, ich möchte, dass du dies hier annimmst!« Damit zog der Vater ein kleines Paket hervor, das er vor der Tür abgestellt hatte. »Ich dachte, vielleicht kannst du es brauchen!«

Mit bebenden Fingern zog der Sohn die Verschnürung auf. Starrte auf den Anzug, den er ausgepackt hatte.

»Vater! Der muss Sie viel Geld gekostet haben! Er … ist wunderbar!«

»So probiere ihn an. Im Leben eines jungen Mannes kann es unverhofft zu Situationen kommen, in denen er einen guten Anzug brauchen kann.«

Flugs zog Theo sich um.

»Perfekt! Der Werner hat ihn mit Liebe für dich geschneidert. Und das sieht man ihm auch an. Hier!« Er warf dem überraschten jungen Mann einen Wollschal zu. »Den hat deine Mutter gestrickt, Stulpen auch. Passt alles genau zum Anzug. Eigentlich solltest du das bekommen, wenn du als Nachfolger den Betrieb übernimmst. Aber deine Mutter … naja. Anfang Juni kann es manchmal noch sehr frisch sein.«

Theos Augen brannten.

Jetzt bloß nicht heulen!, ermahnte er sich, bloß nicht!

Nachts, als alles ganz still geworden war, lag Theo noch lange wach. Sah durch das kleine Fenster in die Dunkelheit hinaus. Träumte sich an die Leine. Es wird toll, wusste er.

Wir beide, Ludwig und ich, werden eine richtig gute Zeit haben, dachte er glücklich.

Sie trafen sich am nächsten Morgen, lachten fröhlich als sie entdeckten, dass beide Eltern sie ausgehfein gemacht hatten. Für den Fall der Fälle. Weil man ja nie wusste, in welche Situation ein Mann in ihrem Alter kommen konnte, und ein Anzug war schließlich immer die richtige Kleidung zu jedwedem Anlass.

»Nun müssen wir den auch noch einpacken!«

»Und gut einpacken. Der darf ja keinen Schaden nehmen! Stell dir das Gezeter vor, wenn wir zurückkommen, den Anzug nicht getragen haben und er dennoch Löcher zeigt!«

»Oder Stockflecken! Unvorstellbar!«

Ludwig nahm eine Karte aus der Tasche und skizzierte den Weg, den sie ab morgen fahren würden.

»Es bleibt bei morgen Früh? Gleich nach dem Frühstück?«, fragte er, und Theo nickte eifrig.

»Ich habe schon so gut wie alles beisammen. Proviant kriegen wir auch. Meine Mutter war um Mehl gegangen und hat uns Brot gebacken. Mhmmmm. Das hat geduftet!«

»Mehl?«

»Na ja, vom Schleichmarkt. Das Land bietet immer Möglichkeiten.«

Ludwig nickte verstehend. »Ist schon schlimm, dass unbescholtene Leute so einkaufen gehen müssen! Menschen, die sich ihr ganzes bisheriges Leben nie gegen das Gesetz verhalten haben, sind nun dazu gezwungen, nur um überleben zu können. Eine Verrohung der Gesellschaft, schimpft mein Vater.«

»Hat er ja nicht ganz unrecht, dein Vater! Man muss ja nur in die Zeitung schauen. Da gewinnt man den Eindruck, es sei nachgerade lebensgefährlich, auch nur durch eine Stadt zu gehen. Hier auf dem Land erscheint es noch erträglich. Aber in Hannover zum Beispiel, da schlagen sie dich nieder und rauben alles, was sie wegtragen können. Banden beherrschen ganze Viertel. Ungemütlich!« Theo unterstrich gestenreich seinen Bericht, und Ludwig konnte ein Grinsen nicht verkneifen. »Na, stimmt doch!«, setzte Theo hinzu. »Und man kann froh sein, wenn sie einen nicht zum Krüppel prügeln.« Der Sohn des Schreiners hatte von jeher ein eher ängstliches Naturell.

Ludwig nickte. »Hast ja recht. Die Krise bringt das Schlechte im Menschen an den Tag. Gier heißt die Triebfeder – und damit das nicht so auffällt, nennen die Leute es Not. Rechtfertigen damit ihr schlechtes Handeln.«

»Meinst du?«

»Ja! Sie nehmen mehr, als sie brauchen. Die Preise auf dem Schleichmarkt steigen. Mein Vater meint, es wird noch zu Mord und Totschlag kommen um eine Scheibe Brot. Und ganz ehrlich, selbst wenn sie dich ›nur‹ zum Krüppel schlagen, dann nehmen sie dir jede Zukunft. Und die kann dir nie jemand ersetzen.«

»Naja. Über die Zukunft haben wir ja schon gesprochen«, seufzte der Freund. Er zog einen Zettel aus der Tasche seiner Hose, strich ihn notdürftig glatt. »Hier habe ich mir aufgeschrieben, was ich auf gar keinen Fall vergessen darf.«

»Ach, Salami?«, las Ludwig vor und kicherte albern wie ein Pennäler. »Isst du die so gern?«

»Salami? Quatsch. Das heißt Socken! Die habe ich noch nicht eingepackt, die hingen noch zum Trocknen auf der Leine.«

»Oh, die Leine. Du weißt ja auch von den Schädeln, oder? Hannover ist, schon der Lage wegen, ein Zentrum für Kriminelle aller Couleur. Ein Freund meines Vaters arbeitet beim Sittendezernat. Und der schreibt von ganzen Vierteln voller Dirnen, Zuhältern und Homosexuellen. Eines heißt wohl ›Insel‹ oder ›Klein Venedig‹. Was für eine Bezeichnung! Klingt doch völlig harmlos, oder? Die Polizei hat in einigen Bereichen der Stadt die Lage offensichtlich nicht mehr unter Kontrolle.«

»Meine Mutter hat auch schon gejammert, wir sollten doch lieber nicht bis Hannover fahren. Die Stadt auf jeden Fall meiden. Ein gefährliches Pflaster, sagt sie.«

»Ich weiß. Ich musste ihr vorhin versprechen, dass wir uns fernhalten. So weit wie möglich. Denn wenn wir mit dem Zug von dort aus zurückfahren wollen, müssen wir ja zumindest bis zum Bahnhof«, grinste Ludwig breit. »Das werden wir ja noch überleben! Immerhin sind wir zu zweit, können einander im Auge behalten.«

»Bloß nicht in Gefahr begeben … Wahlspruch meines Vaters. Hat ihn nicht vor dem Sturz bewahrt.«

»Nun, alles hat man eben nicht im Griff. Eisglätte. Das war richtig Pech.« Er warf dem Freund einen schnellen Seitenblick zu, beobachtete, wie sich dessen Miene verhärtete. »Für ihn wie für dich!«

Sie schwiegen.

Gute Laune und Vorfreude schienen sich vollständig aufgelöst zu haben.

»Gut. Lassen wir das. So: Hier sind wir. Wir können unsere Pausenplätze nach Laune und Wetter festlegen. Bis Hannover ist es sooo weit nicht. Vielleicht starten wir flott, genießen dann ein bisschen und beeilen uns am Ende auf dem letzten Stück noch einmal richtig. Nehmen dann den Zug ab Hannover. Oder wir bummeln nur ganz gemütlich bis kurz nach Göttingen, machen kehrt und fahren mit dem Rad zurück.«

Schnell kehrte das Reisefieber wieder ein, und schon bald brüteten sie mit geröteten Wangen über dem Plan, überlegten, wie sie das Gepäck, das sich nun deutlich erweitert hatte, unterbringen würden.

»Wir nehmen den Hund vom alten Jochen mit. Der kriegt Satteltaschen und trägt den Proviant!«, lautete ein kichernd gemachter Vorschlag.

»Klar, und der türmt dann mit den ganzen leckeren Sachen!«

»Vielleicht habe ich da noch eine andere Idee. Es gab da mal einen Anhänger mit langer Deichsel, extra, um die an einem Rad zu befestigen. Wenn der noch hinten im Schuppen steht …«

Es wird ein kleines, aber sicher wunderbares, unvergessliches Abenteuer, versicherte sich Theo in Gedanken. Eine Reise, an die wir noch in Jahren zurückdenken werden.

8. Kapitel

1918 im Oktober / Fritz Haarmann

Ich lüftete immer wieder für mehrere Stunden.

Aber es kam mir so vor, als entstünde der widerliche Leichengeruch stets neu, kaum dass ich das Fenster geschlossen hatte. Dabei war der Körper nicht mehr da.

Paul.

Er kam gern mit. War ein ansehnlicher Bursche.

Nicht so hübsch wie Friedel, aber hübsch genug allemal.

Und er tat, wonach ich mich sehnte.

Natürlich waren bei diesen Besuchen Abendessen und Frühstück Bestandteil des geschäftlichen Parts. Ich war nicht so dumm zu glauben, Paul onaniere und poliere mit mir, weil er sich nichts Schöneres vorstellen konnte.

Mein Vater hat immer behauptet, ich sei dumm. Aber das stimmt selbstverständlich nicht. Es ist wohl eher so, dass ich manchmal einfach anders denke als die anderen.

Paul ist auch nicht dumm. Er ist nur ein lieber Junge, der versucht, ohne die Gängelung seiner Eltern zu überleben. Dazu braucht er natürlich Geld. Eigenes Geld. Er ist einer von den Puppenjungen, die hinter dem Café »Kröpke« Männer aufgabeln – auch mich. Sie dienen sich erst freundlich an, manche drängen sich gar förmlich auf. Ich persönlich nehme sie gelegentlich mit. Wo sollen sie auch sonst für die Nacht unterkommen?

Aber diese Jungs muss man ständig im Auge behalten! Sieht man auch nur einmal für einen Moment zur Seite, klauen sie, was nicht angeschraubt ist!

Sie haben keine Erziehung, kennen keine Moral.

In Grunde, das muss ich mal in aller Deutlichkeit sagen, sind sie nichts wert.

Manche, wie der kleine Paul zum Beispiel, geben sich wenigstens Mühe, möchten ihre Kunden zufriedenstellen.

In der letzten Nacht hatte er sich wirklich um mich gekümmert.

Ich lag schon wach, überlegte gerade, was ich ihm zum Abschied schenken könnte.

Als es fordernd gegen die Tür hämmerte, bekam ich einen heillosen Schreck.

Klar, wer da im Flur stand. Schon wieder. Der Vater von Friedel gab keine Ruhe.

»Aufmachen! Polizei!«

Wir sahen uns an.

Paul zog geistesgegenwärtig die Decke über den Kopf und machte sich möglichst flach. Während ich selbst aus dem Bett sprang und die Tür aufsperrte, bevor das ganze Haus mitbekam, was hier vor sich ging.

»Guten Morgen, die Herren!«

Nun, die Sache würde für mich nicht straffrei ausgehen. War mir sofort klar, als der Beamte die Decke zurückschlug. Paul zählte gerade 15 Lenze.

Erst dachte ich, sie hätten nun gefunden, wonach sie suchten, doch während Paul in seine schäbigen Klamotten kroch, sahen sich die Beamten zum wiederholten Mal gründlich bei mir um.

Fanden nichts.

Hätten aber den nackten Schädel von Friedel entdecken können.

Ich wusste das natürlich. Schweißgebadet sah ich zu, wie sie in alle Ritzen guckten.

Den vom Fleisch befreiten Kopf …

Sie zogen ab, nahmen Paul mit, der nun kein Frühstück bekommen würde.

Na ja. Sie würden mir nichts Unrechtes nachweisen können. Wir hatten natürlich längst abgesprochen, was auszusagen wäre, damit wir beide auf freiem Fuß bleiben würden. Wenn jeder nur so vor sich hin wichste, war das nicht strafbar. Also … Den Schädel brachte ich nach Stöcken und beerdigte ihn in einem frischen Kindergrab. War ich ihm schuldig. Ich weiß schließlich, was sich gehört.

9. Kapitel

1924 im Juni

»Proviant!«, verkündete Frau Lamm und stellte ein gut geschnürtes Päckchen auf den Tisch.

Wuschelte im Vorbeigehen durch die Haare ihres Sohnes.

»Solltest du nicht noch zu Heidrun? Die Haare sind doch viel zu lang. Vielleicht schiebt sie dich dazwischen, dann ist es schnell erledigt. Ich könnte auch …«

»Aber nein!« Theo versuchte, die streichelnde Hand abzuschütteln. »Die bleiben so.« Er deutete auf die Verpflegung und bedankte sich artig.

»Ich habe euch einen Kuchen gebacken. Aus Rührteig. Der hält sich ein paar Tage und feuchtet nicht durch. Im schlimmsten Fall gibt’s Krümel zum Kaffee. Und Brot habe ich auch gebacken. Das reicht für die erste Zeit.«

»Und ich steuere Wurst und Käse bei!«, rief Ludwig fröhlich und trat in die Stube. Stellte ein zweites Paket auf den Tisch. »Einer meiner Onkel ist Metzger, der wollte uns gern etwas mitgeben und meine Großmutter hat den Käse rausgerückt. Den macht sie noch immer selbst. Der ist richtig gut.«

»Aber kein Harzer, oder? Sonst müsst ihr den gleich extra packen. Damit nicht alles andere auch nach Käse riecht und schmeckt.«

»Nein, keine Sorge, Frau Lamm. Der stinkt nicht. Ist nur unwahrscheinlich lecker.!«

»Habt ihr beide an warme Jacken und Pullover gedacht?«, wollte die besorgte Mutter wissen.

»Aber natürlich. Kerzen, Streichhölzer und Decken haben wir auch schon parat gelegt.«

»Seife habe ich. Und zwei Flaschen, die wir mit Wasser füllen können, falls die Leine mal nicht direkt am Weg liegt.«

Theo lachte: »Das passt niemals in unsere Tornister und die Tasche für den Träger.«

»Und wo wollt ihr schlafen?« Theos Vater saß in seinem Sessel, die Beine auf dem Schemel und musterte die beiden kritisch. »Hast du das Zelt wirklich bekommen? Ehrlich gesagt, ihr seht beide nicht aus, als wäret ihr an das Schlafen unter freiem Himmel mit Blick in Baumkronen gewohnt. Was, wenn wilde Tiere euch besuchen, wenn es tagelang regnen sollte?«

»Das Zelt habe ich, es ist ein großes Paket. Ich dachte, wir könnten den Radanhänger von Walter nehmen. Steht der noch hinten im Schuppen? Da kriegen wir eine Menge rein.« Theo war aufgesprungen.

»Nein. Da steht er nicht. Ich dachte mir schon, dass ihr den brauchen würdet. Jakob hat ihn für euch überarbeitet. Die Reifen haben Luft, die Bretter sind alle wieder fest. Rost ist auch ab. Er wartet vor der Tür auf euch.«

Tatsächlich. Jakob, der Lehrbub, stand dort, griente breit und hielt den Anhänger an der Deichsel.

»Na, nu kann sie losgehen, die große Reise. Alles fest. Die Schrauben nachgezogen, die Reifen dicht«, verkündete er nicht ohne Stolz.

»Vielen Dank, Jakob. Das ist großartig!« Die Freunde inspizierten den kleinen Holzkasten und kamen überein, dass sie ihn wechselseitig ziehen würden. Das Zelt war nicht ganz leicht – aber der Proviant würde sich selbstredend aufzehren. Alles kein Problem.

Theo schob ihn ein Stück. »Quietscht. Das macht uns verrückt, wenn wir dem stundenlang zuhören müssen.«

»Hab ich schon bemerkt«, erklärte Jakob und zog ein Fläschchen Öl aus der Tasche. »Das tröpfel ich noch drauf. Dann ist Ruhe. Aber die Flasche nehmt ihr besser mit.« Er kümmerte sich sofort darum, zog den Anhänger ein paarmal hin und her. Das Geräusch war verschwunden.

»Hier.« Damit drückte er Ludwig das Öl in die Hand. »Aber an einen sicheren Platz stellen. Wenn es ausläuft, ist eure ganze Kleidung auf ewig hin!« Dann kehrte der junge Mann in die Werkstatt zurück.

»Na, dann fangen wir gleich an mit dem Einpacken, und los geht’s!«, freute sich Ludwig und klatschte doch tatsächlich in die Hände, wie er es zu Schulzeiten schon immer getan hatte.

Theo lachte laut. »Und ich dachte, du bist schon so erwachsen!«

»Nur manchmal!«, gab der andere gutmütig zurück. »Um die Leute zu täuschen!«

Sie holten die großen Gepäckstücke, stapelten die Vorräte vorsichtig und banden das Öl in einer Ecke fest, damit es nicht umkippen konnte.

»Weißt du was?«, Ludwigs Wangen waren gerötet, seine Augen leuchteten voller Tatendrang. »Das wird der schönste Sommer unseres Lebens!«

10. Kapitel

1924 Presseclub Falkennest

»Schon wieder solch ein grausiger Fund! Diesmal gleich zwei!«

»Ja, habe ich auch gehört. Ist ein wenig unheimlich! Aber die Polizei wiegelt noch ab. Friedhofsschändung käme infrage. Oder die Köpfe von in die Leine geworfenen Typhusopfern. Na, das mag ich ja nun wirklich nicht glauben.« Hans schüttelte den Kopf. »Meines Wissens wurden die alle richtig bestattet.«

»Im Mittelalter, bei einem Pestausbruch, kam es auch zu unorthodoxen Entsorgungen der Toten«, erinnerte der Pirat die Kollegen. »Da gab es nur wenige, die freiwillig die vielen Toten zusammensammelten, um sie in Massengräber zu legen. Da mag so was schon vorgekommen sein. Aber doch nicht bei Typhus im 20. Jahrhundert!«

»Die Leute auf der ›Insel‹ reden von Mord.«

»Das tun sie schon länger. Die gruseln sich gern.«

»Aber nun ist es ihnen ernst. Manche denken, es gibt einen auf der ›Insel‹, der Jungs fängt und nach Afrika verschachert. Wenn von denen einer nicht wollte? Sich herzhaft und entschlossen gewehrt hat? Dabei zu Tode kam?« Hans legte die Stirn in dicke Falten.

»Dann kam er im Händel um, und sein Kopf landete in der Leine? Und der Rest?«, fragte der Pirat sachlich. »Warum ist der dann nicht auch angeschwemmt worden? Und wieso wurden nicht die toten Körper angeschwemmt, sondern nur halb blanke Schädel? Normalerweise findet man doch aufgetriebene Körper am Ufer, wenn jemand in der Leine treibt. Tja, Fragen über Fragen. Die uns wahrscheinlich so schnell keiner beantworten will.«

Sie prosteten sich zu.

»Na prima. Und was schreiben wir darüber? Und vor allem – wie?«

»Wie wohl? Wir stärken unsere Auflagen!«, gab der Pirat kryptisch zurück.

11. Kapitel

1924 im Juni

In der zweiten Woche des Unterwegsseins fiel Ludwig eine gewisse Unruhe an seinem Freund auf.

Als sie am Abend vor dem Zelt saßen, fasste er sich ein Herz und fragte: »Theo, hör mal! Ich merke doch schon seit einiger Zeit, dass etwas mit dir nicht stimmt. Du bist so unruhig.«

»Mit mir? Ich bin doch nicht unruhig. Warum sollte ich denn unruhig sein?«

»Das hast du schon zu Schulzeiten so gemacht!«, lachte der Freund. »Immer, wenn dir eine Frage unangenehm war, hast du sie in eine Gegenfrage umformuliert. Solange bis der andere gar nicht mehr wusste, was er ursprünglich von dir wissen wollte. Sehr clever!«

Theo stimmte in das Gelächter ein. »Nun, es ist eine Methode, die richtig gut funktioniert!«

»Bei den meisten. Aber nicht bei mir! Also was ist los?«, insistierte Ludwig.

»Ach, na ja«, druckste Theo, »ich weiß, wir haben versprochen, nicht nach Hannover zu fahren. Aber inzwischen reut mich das. Nur weil man dort ein paar Knochen in der Leine gefunden hat, muss es doch nicht gefährlich sein! Wer weiß, vielleicht sind es einfach nur Schweineknochen, die jemand entsorgt hat. Und das soll als Grund ausreichen, die Stadt ganz zu meiden? Wir könnten in ein Lichtspieltheater gehen!« Dabei sah er den Freund auffordernd an.

»Wir haben es nicht nur versprochen. Ich musste es deiner Mutter schwören! Aufpassen soll ich auf dich! Das hat sie mir aufgetragen.« Ein rascher Seitenblick enthüllte, dass sich die Miene des Freundes verhärtete. Also setzte er schnell hinzu: »Natürlich habe ich ihr gleich gesagt, dass wir beide gegenseitig aufeinander achtgeben werden. Ich sei schließlich kaum älter als du! Mütter sind eben manchmal schwierig. Aber wir müssen ohnehin in die Stadt, um die Abfahrtzeit des Zuges herauszufinden. Kein Grund, nicht bei der Gelegenheit ins Lichtspielhaus zu gehen.«

Theo nickte.

Dann rief er plötzlich, als habe es die Sätze davor gar nicht gegeben: »Oder Theater!«, breitete die Arme weit auf und ließ sich rückwärts ins Gras fallen, schloss die Augen und schwärmte: »Wenn du eine Rolle einstudierst, dann ist es, als gäbest du einen Teil deines Selbst auf und schlüpfest in die Haut, nein, in das gesamte Leben eines anderen. Erst fühlt es sich ungewohnt an. Als wären Haut und Leben an manchen Stellen zu eng, an einigen zu weit. Aber mit der Zeit spürst du, wie dein Denken und Empfinden sich völlig einschmiegen. Plötzlich rückt alles an den richtigen Platz – und es ist, als wäre es nie anders gewesen. Du wirst die Rolle! Dann stehst du auf der Bühne, die Dialoge entsprechen dir, du musst sie gar nicht auswendig hersagen. Sie ergeben sich ganz natürlich im Spiel. Es ist, als würdest du vollständig diese fremde Person. Und alles ist möglich: Bösewicht, guter Mensch, Melancholiker, Choleriker, Hexer … man kann sich in allen Charakteren mit ihren Stärken und Schwächen ausprobieren«, schwelgte er und sah dabei unendlich glücklich aus. Ludwig konnte schmerzhaft spüren, wie schwer es für Theo war, diesen Traum aufgeben zu müssen, bevor er ihn je wirklich gelebt hatte. »Doch das Wunderbarste überhaupt ist der Applaus! Es fühlt sich unbeschreiblich an. Ist mehr als jeder Orden – und doch: Er gilt nur für diesen einen Moment. Berauscht dich mehr, als Alkohol es je vermöchte!«

»Hm. Das muss wahrhaft unglaublich sein. Klingt nach magischen Momenten, Erfahrungen, die einzigartig sind. Wie oft verzichten wir doch darauf, die Seite unseres Selbst auszuleben, die uns bei anderen unbeliebt machen könnte! Weil wir gut erzogen sind, niemanden verletzen und immer Teil des Ganzen bleiben möchten, geliebt und anerkannt. Und verpassen dabei so viel. Manchmal gar das, was wir Leben nennen würden!«

Theo öffnete ein Auge und zog die dazugehörige Braue fast bis zum Haaransatz. »Aha. Bei dir?«

»Ich werde Medizin studieren, aber die Praxis meines Vaters wollte ich nie übernehmen! Jeden Tag dieselben Leute. Sie zu heilen ist nur selten eine Herausforderung. Es geht nicht um den Durchbruch in der Herzchirurgie, sondern um das Pinseln von Hautpilzen! Das Verschreiben von Pülverchen gegen Kopfschmerz! Nein, das ist wie Stillstand im Alter von Mitte 20! Ohne das Potenzial für Entwicklung. Meine Träume sind von deinen gründlich unterschieden, aber mit meinem geplanten Schicksal als Arzt auf dem Lande haben sie nichts gemein.«

»Und? Wie sieht deine Planung für die nächsten – sagen wir – 60 Jahre aus, könntest du frei entscheiden?«

Ludwig lachte leise. »60?«

»Nun, wenn wir von einem weiteren Krieg verschont bleiben, weil die Menschheit unerwartet klug geworden ist, so könnte das klappen. Mit ein bisschen Glück haben ja alle aus den letzten Jahren gelernt und stürzen unsere Generation nicht noch einmal in solch eine Katastrophe. Dann kann unser Lebensfaden sich ungestört ausspannen und wird nicht unerwartet gekappt!«

»Meine nächsten 60 Jahre also«, begann Ludwig versonnen. »Gut. Studieren wollte ich schon – entweder Medizin und Pharmazie oder Politik. Im ersteren Fall wäre es mein Traum gewesen, neue Medikamente zu entwickeln, die gegen viele der Erkrankungen helfen, an denen heute noch überall gestorben wird. Methoden zu finden, die Leben retten. Als Arzt auf dem Dorf? Der Durchbruch gegen Infektionskrankheiten, die Entdeckung, die die Welt verändert, wird im winzigen Labor meines Vaters gemacht? Hinter dem Sprechzimmer? An einem Sonntag nach der Kirche, wenn alle zu Tisch sind und niemand einen Arzt braucht? Mit der alten Laborausstattung? Nein, das wird niemals wahr!« Er boxte sich mit der Hand auf den Oberschenkel. »Niemals!«, spuckte er dann zornig.

Beide schwiegen lang, hingen ihren Gedanken nach.

Als Theo die Wortlosigkeit nicht mehr ertragen konnte, wollte er wissen: »Und wenn du Politik studieren dürftest?«

Ludwig war noch immer blass vor Zorn, hatte seine Stimme aber wieder unter Kontrolle. »Politik hätte mich wirklich interessiert. Was passiert, wenn? Das war ja nun schließlich die entscheidende Frage im Krieg – es hätte vielleicht nicht soweit kommen müssen. Um Verwicklungen zu erkennen und rechtzeitig reagieren zu können, brauchen Regierungen besonders fähige Menschen, die in aller Welt für sie unterwegs sind. Geheimagenten. Die sich überall auskennen, schnell eine Geschichte erfinden können, überzeugend auftreten und doch unerkannt zwischen den anderen leben und arbeiten! Ja, das wäre meine Sache! Ein geheimes Dasein, jeder Tag wäre ein Abenteuer, das man überstehen muss. Nach einigen Jahren wird man abberufen und kann ein normales Leben führen. Dann wollte ich heiraten und eine Familie gründen. Mit vier – nein – besser sechs Kindern! Damit ihnen erspart bleibt, was uns nun mit voller Härte trifft. Nur weil wir die einzigen Nachkommen sind, müssen wir, was wir partout nicht wollen! Den Traum der Eltern weiterleben, unseren eigenen vergessen!«

»Es ist unglaublich ungerecht!«

»Ja. Und doch nicht zu ändern. Wenn wir es nicht tun …«

Sie brüteten wieder vor sich hin, starrten auf die Leine, die träge an ihnen vorbeifloss, und seufzten gelegentlich.

»Du denkst an Heirat und Kinder? Das liegt mir gerade im Moment nicht so im Sinn. Seit Sabine … Die Lust aufs Weibervolk ist mir vorerst gründlich vergangen«, knurrte Theo unvermittelt.

»Nun, betrogen zu werden, ist sehr schmerzvoll. Aber glaub mir, es wird schwächer, und am Ende juckt die Narbe nur noch selten.«

»Du? Du kennst das auch?«

»Zur Genüge. Wir sollten aufhören zu jammern und lieber die verbleibende Zeit genießen.«

»Du hast recht. Bevor uns unsere Eltern um die Erfüllung unserer Wünsche und Träume für die nächsten 60 Jahre betrügen!«

12. Kapitel

1924 Pfingsten Presseclub Falkennest

Die Journalisten hatten sich wie üblich um den großen Tisch versammelt, jeder ein Bier vor sich und eine Decke aus Zigarrenqualm über den Köpfen als Beweis für rege Diskussion.

»Jetzt greifen die Bürger auf der ›Insel‹ schon zur Selbsthilfe! Ist doch wirklich nicht zu fassen, dass die Polizei so träge reagiert. Kommt ja gar nicht recht in Schwung!« Der Pirat schlug mit der Faust auf den Tisch, und die anderen umklammerten schnell ihre Biergläser. Zur Sicherheit. »Am 17. Mai der erste und nun? Immer mehr Schädel! Ein ganzer Sack voller Knochen. Schulterblätter und anderes! Und jetzt fischen die Leute sogar mit Netzen Knochen aus dem Fluss! Von offizieller Seite – kein Einsatz!«

»Wenn man mit den einfachen Netzen und Rechen schon viele Knochen herausfischen kann, möchte ich gar nicht wissen, was man ans Licht beförderte, könnte man sich dazu entschließen, den Pegel der Leine abzusenken!«, murmelte Richard bedrückt, sah blass und krank aus. »Ich glaube, die Leute haben recht. In der Stadt haust das Böse. In irgendeiner Ecke hat es sich verkrochen und sieht uns zu, wie wir immer deutlichere Spuren von ihm finden und ihm doch keinen Schritt näherkommen. Womöglich lauert es schon auf sein nächstes Opfer. Grässlich!«

»Bisher ist nicht klar, wie all die Knochen in die Leine gelangt sind. Gibt ja mehrere Erklärungsansätze.«

»Keiner bewiesen! Keiner auch nur annähernd stichhaltig!«, maulte Ahab.

»Mörder? Ist auch nicht bewiesen.«

»Und erst heißt es, wenn überhaupt Mord, dann sind die Schädel sicher von weiblichen Opfern, dann stellt sich raus: Schädel junger Männer! Männerköppe. Und sogar einer von einem Knaben!« Richard sprach eindringlich. »Es ist die Pflicht der Presse – und daher auch des Journalisten – die Menschen umfassend zu informieren und zu warnen!«

»Lass mal gut sein. Zu viel der Warnung ist schlecht, das macht die Leute bloß wuschig und hysterisch. Sind doch eh schon viele durch den Wind.« Ahab nahm einen kräftigen Schluck, stellte den Bierkrug hart ab. »Und Polizeischelte hat noch nie was anderes gebracht als Ärger. Am Ende sind bloß alle beleidigt, und unsere Quellen sprudeln nicht mehr. Jeder meidet den Kontakt mit der Presse, die Informanten verdrücken sich um die nächste Ecke, kaum dass sie uns kommen sehen. Ne, das ist keine gute Idee. Wirklich nicht.«

»Verantwortung? Schon mal gehört?«

»Die hast du auch für die Reaktion auf deinen ›Aufklärungsartikel‹, oder nicht? Wenn dann alle kopflos durch die Stadt rennen, jeder jeden verdächtigt, geht das auf deine Kappe! Das nenne ich nicht verantwortungsbewusst.«

»Ach was! Die Wahrheit muss ans Licht! Denk nur an die vielen Familien, die nach ihren Kindern suchen! Die wollen wissen, warum alle untätig geblieben sind.« Richards gramvolles Gesicht bekam einen entschlossenen Zug. »Ich hoffe, mein Artikel kommt auf die Titelseite. Vielleicht drucken wir sogar ein Extrablatt!«

»Nur Männerköppe. Könnte ja bedeuten, dass man den Mörder unter den Homosexuellen suchen muss. Damit wären die meisten Männer in der Stadt außer Verdacht – oder?«, meinte der Pirat und guckte in die Runde. »Ich mein ja nur. Die Szene ist nun wirklich nicht unüberschaubar. Sicher, in der letzten Zeit sammeln sich immer mehr hinter dem ›Kröpke‹, aber dort könnte die Polizei eigentlich ganz gut ansetzen. Wenn wir das schreiben, dann fangen sie vielleicht endlich mit ernsthaften Ermittlungen an!«

13. Kapitel

1924 Juni

Ludwig hatte eine Zeitung am Bahnhof gekauft, saß nun in der Abendsonne und las voller Interesse darin.

»Mensch! Nun haben sie schon wieder Schädel entdeckt. Einen Sack Knochen wohl auch. Du liebe Güte! Das sind Berichte, die den Eltern gar nicht gefallen werden! Darüber wird ja sicher auch im Radio berichtet. Sie sind bestimmt in großer Sorge um uns.«

»Das scheint im Moment ihre Lieblingsbeschäftigung zu sein. Worum sollten die Gedanken auch sonst kreisen, gibt es doch nur dies eine Kind!«, fauchte Theo zurück und lief rot an vor Zorn.

Ludwig sah überrascht von der Zeitung auf. »Warum bist du denn so schlecht gelaunt? Wir haben noch drei Tage. Die können wir genießen. Dann nehmen wir den Frühzug und sind am Abend pünktlich zurück.«

»Hmhm.«

»Ich hoffe sehr, deine Verwandtschaft hält uns mit Nachrichten aus Hannover auf dem Laufenden. Interessiert mich schon, was sich am Ende in diesem Fall ermitteln lässt. Schädelfunde mitten in der Stadt!«

»Hmhm.«

»Ich wusste gar nicht, dass man nur am Schädel feststellen kann, dass er einem Mann gehört hat und wie alt der etwa war. Bisher war ich der Meinung, man brauche dazu das Becken. Man könnte sagen, ich habe tatsächlich schon mit dem Studium begonnen!« Als er Theos sonderbarem Blick begegnete, setzte er schnell hinzu: »Ich meine eher zufällig – nicht geplant – du weißt schon, irgendwie im Vorbeigehen.«

Der Freund blieb einsilbig.

An diesem Abend krochen die beiden jungen Männer frühzeitig in ihr Zelt.

»Nacht, Theo. Lass dir nicht die letzten Tage vom Gedanken an die Heimreise verderben! Ich denke, in den Semesterferien können wir doch etwas gemeinsam unternehmen – nicht gerade mit dem Zelt im Winter, aber wir finden schon was!«

»Gute Nacht, Ludwig. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Du wirst vielleicht zwischen den Semestern gar nicht nach Hause kommen, sondern die Ferien zum Lernen nutzen. Wir werden abwarten müssen.« Der Freund raschelte noch einige Zeit vor sich hin, dann fragte er plötzlich: »Du, Ludwig? Meinst du, ich sollte lieber hierbleiben und richtig Geld verdienen? Die Schreinerei wirft nicht viel ab und soll sich tragen, drei Menschen ernähren und die Lehrlinge, zum Beispiel den Jakob … Aber wenn ich nun Arbeit fände, gut bezahlte versteht sich, wäre es mir sicher möglich, genug Geld an die Eltern zu schicken, damit sie sorgenfrei leben können. Sie müssten ja die Schreinerei nicht aufgeben, könnten jemanden einstellen, der den Betrieb führt – oder eben verkaufen.« Theo klang ziemlich aufgeregt. War offensichtlich von diesem Weg aus der elterlichen Fürsorge begeistert.

»Welche Art Arbeit soll das sein?«, staunte Ludwig. Überlegte kurz und meinte dann überzeugt: »Eine legale sicher nicht! So viel Geld zu verdienen, dass es drei Leute ernährt und den Betrieb rettet, das kann doch nicht gehen! Wie kommst du überhaupt auf so eine Idee?«

»Ach, naja. Heute in Hannover. Da habe ich einen auf dem Bahnhofsklo getroffen. Der hat mich angesprochen und gesagt, ich sähe aus wie ein aufgeweckter Kerl. Und falls ich auf der Suche nach einer guten Anstellung sei, wäre er bereit, mir zu helfen. Kein Problem für ihn. Und junge Männer, intelligent und gut gebaut, fänden in der Stadt immer eine gut bezahlte Arbeitsmöglichkeit.«

»Hm«, murrte Ludwig. »Klingt nicht seriös. Der wollte gar nichts von dir wissen? Schule, Ausbildung und solche Dinge?«

»Nein. Er hat nur gesagt, er würde für mich was finden.«

»Hast du ihn gefragt, um was für eine Art Stellung es sich handelt?«

»Auch nicht. Aber der war von der Polizei, verstehst du? Ich habe seinen Ausweis gesehen. Solche Leute überreden dich nicht zu was Ungesetzlichem!«

»Vielleicht nicht«, räumte der andere ein. »Hatte der Herr von der Polizei auch einen Namen? Der muss doch auf dem Ausweis gestanden haben.«

»Den auf diesem Ding habe ich so schnell nicht lesen können«, gab Theo zurück, »aber sein Name war Fritz oder so ähnlich. Er versicherte mir, wenn ich ihn ernsthaft suchte, würden mir die jungen Leute am Bahnhof schon den Weg zu seiner Wohnung weisen.«

»Ehrlich gesagt glaube ich, dass dich jemand aufs Kreuz legen will. Niemand hat in diesen Zeiten Geld zu verschenken.« Hätte Ludwig um die Nachrichten der kommenden Tage gewusst, seine Warnung wäre viel entschiedener ausgefallen. Doch er wollte nicht altklug, rechthaberisch oder überheblich und selbstgerecht wirken. Daher beließ er es bei dieser allgemeinen Belehrung, die bei Theo ohnehin nicht gut ankommen wollte.

Wortlos rollte sich der Freund wieder in die Decke ein. Sein regelmäßiges tiefes Atmen zeigte, dass er wenig später eingeschlafen war.

Zum nackten Entsetzen Ludwigs war Theo beim Aufwachen verschwunden!

Decke, Gepäck, Rad – als wäre Theo nie hier gewesen. Einzig der Anhänger stand noch an seinem Platz neben dem Baum.

Kopflos und verzweifelt suchte Ludwig in der Nähe des Zelts, lief zur Leine, rief, suchte unter jedem Busch. Kein Theo.

Was ist nun zu tun, überlegte er, soll ich die Polizei verständigen? Seine Eltern antelegrafieren? Doch was, wenn Theo nur für die letzten zwei Tage seine Ruhe haben wollte?

Noch einmal kehrte er an den Baum zurück, an dem sie die Räder abgestellt hatten.

Der Platz, an dem das zweite gestanden hatte, war völlig nass vom Regen.

»Dann bist du wohl aufgebrochen, kaum, dass ich eingenickt war, hast nur so getan, als schliefest du schon fest.«

Und wenig später: »Ich Vollidiot. Warum habe ich mir nichts dabei gedacht? Das Zelt war so aufgeräumt. Ich dachte, er ordnet schon alles für den Heimweg. Nein! Er hatte, was er brauchen würde, in den Tornister und die große Tasche gesteckt. Mensch, Theo! Wie um Himmels willen erkläre ich deinen Eltern, dass ich dich ›verloren‹ habe? Warum bringst du mich in eine derartige Situation?«

Ludwig setzte sich auf einen Stein, barg das Gesicht in beiden Händen. Konnte nicht fassen, dass der Freund wirklich so egoistisch gehandelt hatte.

»Vielleicht kenne ich dich doch nicht mehr so gut, wie ich angenommen habe. Du magst dich in den letzten Jahren verändert haben und hast es bis jetzt vor mir verborgen.«

Eine winzige Hoffnung blieb. Noch zwei Tage bis zur Heimfahrt. Am Ende würde Theo am Bahnsteig auf ihn warten, als sei nichts geschehen!

»Verdammt, Theo!«, fluchte Ludwig. »Was soll ich denn jetzt tun?«

14. Kapitel

1924 im Mai Julius und Margarethe

»Julius! So kann das doch nicht weitergehen!«

Der Angesprochene wandte den Kopf zur Seite, als könne er so dem Schwall fordernder Worte einfach ausweichen.

Es misslang.

Seine Frau baute sich direkt vor ihm auf, fing seine Augen ein, klebte die ihren darauf fest und meinte kühl: »Nun glaubst du tatsächlich noch immer, du könntest mal eben abtauchen, was?« Der drohende Unterton war unüberhörbar. »Ich kann es einfach nicht fassen! In all den Ehejahren hast du nicht kapiert, dass dieser Trick bei mir nicht funktioniert.«

»Also«, seufzte der Gatte geschlagen, »was kann so nicht weitergehen?«

»Dieser Krach! Hörst du das denn nicht?«

»Nun, schon. Aber es ist nicht zu ändern. Geht ja so, seit er eingezogen ist. Und beschwert haben wir uns, sogar mehrfach. Der hat immer irgendeine Erklärung. Mal muss er Schuhe besohlen, mal Möbel zusammenbauen.«

»Wenn man sich nicht gutstellen müsste mit dem Kerl! Wenn ich mich zu deutlich beschwere, verkauft er uns kein Fleisch mehr!«, lamentierte die Ehefrau.

»Dann wirst du wohl den Lärm ertragen müssen, Margarethe«, stellte Julius lakonisch fest. »Aufregen ist sinnlos. Er interessiert sich nicht für die Nachbarn. War schon in der Celler Straße so. Da haben sie sich auch beschwert – und genützt hat es nichts.«

Die stattliche Frau baute sich gefährlich vor dem im Vergleich zu ihr zarten und kleinen Mann auf, die Augen zu Sehschlitzen verengt, funkelte sie ihn böse an.

»Was hast du denn mit denen von der Celler Straße zu schaffen? Hä?«

Julius wurde bleich. Begann zu zittern. »Gar nichts!«, beteuerte er schließlich. »Gar nichts!«

»Und woher weißt du das dann?«

»Ist doch nur, weil der Linderer auch …«

»Aha?«, schnarrte sie entrüstet.

»Klatsch und Tratsch eben. Jeder weiß was zu erzählen. Manch einer auch über den Haarmann. Und seinen sauberen Freund.«

»Wenn du weiter Fleisch auf deinem Teller haben willst, pass besser auf, mit wem du da am Quatschen dran bist. Der Haarmann arbeitet für das Polizeipräsidium!« Dabei setzte sie ein Miene auf, die zwischen Hochnäsigkeit und Schlauheit angesiedelt sein sollte – am Ende aber nur dümmlich wirkte.

»Ach? Dann ist das alles nicht wahr, was die Leute so sagen?« Der Gatte machte eine kurze Denkpause. »Nee!«, murrte er dann. »Kann ja nicht alles erfunden sein! Dass der ständig Jungvolk bei sich zu wohnen hat, wissen wir ja auch! Junge gut aussehende Männer! Manchmal gleich mehrere.«

»Jaha! Ich habe ihn gefragt. Das sind entsprungene Fürsorgezöglinge. Die nimmt er für eine Nacht oder zwei bei sich auf, bevor die wieder zurückgeschickt werden. Sollen die Jungs vielleicht im Gefängnis wohnen, bei den Dieben und Mördern? Den Huren und Räubern? Nee, das wär doch nichts Gutes für so jungsche Männer. Kommen sie nur auf komische Gedanken. So ist das nämlich!«

»Na, wenn du schon so privat mit dem Haarmann bist, hättest du ihm ja auch gleich sagen können, dass dieses ewige Geklopfe dich stört! Dass er das unterlassen soll! Besonders nachts!«

15. Kapitel

1924 im Juni

Ludwig entschied, es sei besser, den Freund zu suchen, als tatenlos an der Leine rumzusitzen.

Außerdem konnte von Sitzen keine Rede sein, er war so nervös und unruhig, dass er schon einen richtigen Pfad ausgetreten hatte mit seinem auf und ab Gehen.

Er schloss wenig später sein Fahrrad in der Umgebung des Bahnhofs an, sah sich um.

Wen sollte er hier nach Theo fragen?

So viele junge Männer hockten hier herum, wirkten nicht so, als seien sie in Eile, um an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Ihm schien, als lungerten sie herum, genossen die Sommerzeit, ungebunden und frei. Fast beneidete er sie.

Unerwartet wurde ihm die Entscheidung abgenommen.

»Suchen Sie jemanden?«, wollte ein Knabe wissen und musterte den Besucher neugierig.

»Ja. Meinen Freund Theo. Der ist nicht zu unserem Zelt zurückgekommen. Damit sich nicht gleich alle Sorgen machen müssen, versuche ich, ihn rasch wiederzufinden.«

»Hm. Wie sieht er denn aus, Ihr Freund?«

Ludwig gab sich redlich Mühe bei der Beschreibung, ärgerte sich, dass er kein Foto hatte, das er hätte zeigen können.«

»Tja, so als die erste Idee fällt er mir nicht ein. Aber vielleicht habe ich ihn ja auch nur nicht getroffen. Hat er Ihnen denn nicht gesagt, wohin er wollte?«

»Nein, leider nicht. Aber er erzählte, er sei hier am Bahnhof jemandem begegnet, der ihm eine gute Arbeit vermitteln wollte.«

»Ach? Fritz vielleicht?«

»Möglich. Beim Namen war er sich nicht ganz sicher. Allerdings wusste er, dass der Mann bei der Polizei arbeitet.« Ludwig spürte, wie Aufregung sich in ihm ausbreitete. War er auf der richtigen Spur? Würde er den Freund wohlbehalten nach Hause bringen?

»Ja, Polizei. Das passt. Kriminaler Fritz oder Kriminal Haarmann nennen ihn hier viele. Bei uns ist er eher Onkel Fritze«, lachte der Junge. »Der kann einem schon mal über eine schwierige Strecke rüberhelfen. Ist ein großer, kräftiger Mann mit Schnurrbart.«

Ludwig schmunzelte. »Nun, ich war ja nicht dabei. Wie er aussieht, weiß ich beim besten Willen nicht.«

»Der Fritz! Ich zeige Ihnen, wo der wohnt. Dann können Sie ihn ja nach Ihrem Freund fragen.«

»Einverstanden. Natürlich entschädige ich dich für den Zeitaufwand. Ist ja klar.«

Der Junge führte den Fremden durch die Altstadt.

»Der Fritz nimmt gern mal den einen oder anderen mit. Nicht nur für die Nacht, er hat auch immer was zu essen. Keiner geht hungrig bei ihm weg. Meist ist er wohl nett, nur manchmal wird er böse. Aber das weiß ich nur von den anderen. Wenn ich mit ihm bin, ist er immer gut.«

Über die Brückmühlbrücke.

Sie blieben stehen und sahen auf das Wasser hinunter.

Ludwig schauderte. »Hat man nicht hier zwei der Schädel gefunden?«

»Stimmt«, meinte der Junge leichthin. »Gruselig war nur, dass da noch Reste von Fleisch dranhingen. Das erzählen jedenfalls diejenigen, die es mit eigenen Augen gesehen haben. Die Fische waren entweder schon satt, liegen ja offensichtlich viele Köppe drin, oder mochten nicht mehr an denen knabbern.«

»Hast du denn keine Angst? Du kennst mich nicht. Ich könnte ja der Mörder sein.«

»Nein. Ganz bestimmt nicht. Sie sind nicht von hier. Wenn es wirklich einen Mörder gibt, kommt er aus der Stadt, ist kein Besucher.«

Nur wenige Schritte noch, und der Junge hielt vor einem Backsteinhaus an.

Er deutete mit dem Finger hoch in die Luft, kniff die Augen gegen das Sonnenlicht zusammen. »Dort oben, in der linken Dachkammer, da wohnt er. Fritz Haarmann ist sein Name.«

Ludwig bedankte sich, drückte dem Knaben einen Schein in die schmutzige Hand. Sofort verschwand das Geld unbesehen in der Hosentasche. Vielleicht, überlegte Ludwig, wusste er aus Erfahrung, wie viel es war und musste nicht nachsehen.

»Passen Sie ein bisschen auf sich auf, ja? Diese Gegend ist das, was man Rotlichtbezirk nennt. Gibt durchaus ein paar richtig üble Burschen hier«, riet der Junge noch, »die legen sich gern mit einem an, der aussieht, als habe er Geld in der Tasche.«

Als sein Begleiter wieder in Richtung Bahnhof aufgebrochen war, stand der angehende Medizinstudent minutenlang unschlüssig vor der Tür. Konnte sich nicht durchringen, einen vollkommen Unbekannten mit der Frage nach Theos Verbleib zu behelligen. Möglicherweise glaubte dieser Fritz, er verdächtige ihn, Theo zum Weglaufen überredet zu haben, und wurde zornig, am Ende gar handgreiflich. Auf der anderen Seite war dies der einzige Weg zu erfahren, ob dieser Mann dem Freund eine Arbeit vermittelt hatte. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht der richtige Fritz? Er kehrte zur Brücke zurück. Die Leine lag unschuldig unter ihm, die Sonne zauberte ein freundliches Glitzern auf die Wasserfläche. Was, wenn Theo ein Unglück geschehen war? Man auch seinen Kopf … Nein! Daran mochte er gar nicht denken! Also wieder zurück zum Haus in der Rote Reihe 2.

Es wirkte abweisend.

So, als wünsche es keine Besuche von Fremden.

Dass man ihn schon eine ganze Weile beobachtete, merkte der junge Mann nicht.

War viel zu sehr mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt.

Ludwig fasste sich endlich ein Herz und trat in das enge, dunkle Treppenhaus.

Der Geruch, der ihm dort entgegenschlug, verursachte ihm Übelkeit. Es stank nach den Mahlzeiten der Bewohner aus den letzten Monaten, nach Kohl und Fett, Verfall und aus den Kellern aufsteigender Feuchtigkeit.

Beklommen nahm er die ersten Stufen in Angriff.

Versuchte, die grobe Orientierung zu behalten, damit er nicht an die falsche Tür klopfte.

Der Gang zur Dachkammer war bedrückend. Dunkel. Eng. Stickige Luft stand darin, in die sich grässliche Gerüche gemischt hatten. Ungebeten stiegen Erinnerungen aus Kindertagen auf. Besuche beim Onkel, der einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb hatte. Ludwig brauchte die Arme nicht durchzustrecken, um mit beiden Händen die Wände zu berühren. Eine Schande, dass man die Polizisten unter solchen Bedingungen wohnen ließ, dachte er. War das hier etwa eine Dienstwohnung? Mitten im Dirnen – und Zuhälterviertel? Vielleicht doch nicht ungünstig, wenn der Polizist direkt hier lebte, so bekam er immer mit, was im Milieu geplant wurde, schloss Ludwig seinen Gedankengang ab.

Vor der Tür lauschte er einen Moment auf Geräusche aus der Kammer.

Es war still.

Totenstill, drängte sich dem jungen Mann auf und er schauderte.

Er zögerte. Vielleicht hatte Fritz ja Nachtschicht gehabt und schlief. Wäre es gut, später noch einmal vorbeizukommen?

Er schalt sich einen Hasenfuß! Wenn dieser Mann derartige Angebote an junge Männer machen konnte, musste er auch damit rechnen, dass man bei ihm nachfragte, wenn einer von ihnen verschwand!, redete ihm seine innere Stimme Mut zu.

Ludwig klopfte. Keine Antwort.

»Fritz Haarmann?«

Er klopfte erneut. Wartete. Alles blieb ruhig.

»Theo?«

Er klopfte ein drittes Mal.

Niemand zu Hause.

Hoffnungslosigkeit machte sich in ihm breit.

Langsam ging er hinunter.

Trat ins Licht. Einsam, ratlos. Was nun?

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Herr im besten Alter und winkte.

Ludwig sah sich um – doch tatsächlich, das Winken galt ihm.

Offensichtlich hatte der Fremde ihn erwartet. »Suchen Sie nach Ihrem Bruder? Ich möchte Ihnen nicht zu nahetreten, aber Sie selbst sind ein wenig zu alt für ihn, er mag lieber Jüngere.«

»Wie bitte?«, fragte Ludwig irritiert zurück. Wovon redete der Mann nur?

»Na, der Haarmann. Sie wollten doch zu ihm. Ich sehe Ihnen schon eine Weile dabei zu, wie Sie um eine Entscheidung ringen. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Sie suchen jemanden und haben gehört, er könne sich dort befinden. Sind sich aber nicht sicher. Oder Sie selbst möchten bei Haarmann eine Bleibe finden, für eine oder zwei Nächte.«

Der Fremde trat einen Schritt zurück und meinte dann: »Das Zweite schloss ich aus. Sie sehen nicht aus wie einer, der ausgerechnet hierherkommt. Und wie gesagt, er liebt ganz junge Burschen, keine mit männlicher Ausstrahlung wie Sie.«

»Aha. Nun, ich suche nach meinem Freund. Er ist verschwunden.«

»Oh weh!« Dem Mann standen plötzlich Tränen in den Augen. Ludwig registrierte erst jetzt die verhärmten Züge des Fremden, die tief eingegrabenen Furchen, die von der Nase abwärts zu den Mundwinkeln führten, das leidgezeichnete Gesicht. »Das ist schrecklich! Und Sie wissen, dass er bei ihm«, er deutete mit einer ruckartigen Kopfbewegung vage Richtung Dachkammer, »bei diesem Kerl hier war?«

»Ich weiß es nicht, nein. Und am Bahnhof hat man mir gesagt, der Fritz Haarmann sei nett. Mein Freund erzählte, der Mann sei ein Polizist.«

»Polizist, jaja. Das glauben viele. Er hat einen irreführenden Ausweis, den er gern herumzeigt. Sieht offiziell aus. Und so vertrauen sie dem angeblichen Kriminalbeamten. Alles erfunden und gelogen!«

Ludwig wurde bang. War Theo einem Betrüger aufgesessen?

»Ihr zwei, Sie und Ihr Freund, sind ausgerissen? Ärger mit den Eltern?«, drang der unbekannte Mann weiter in ihn. Seine Augen funkelten neugierig und gleichzeitig sonderbar hoffnungslos.

»Wer hat keine Schwierigkeiten mit Eltern? Aber nein, wir haben Ferien gemacht, gezeltet. Und ganz plötzlich …« Ludwig hörte selbst, wie mutlos er klang.

»Kommen Sie, gehen wir ein Stück«, forderte der Ältere ihn auf und klang sehr traurig. Allein. Einsam. Verlassen. »Mein Name ist Hermann Georg Koch – aber man nennt mich Georg. So gibt es keine Verwechslung.«

Ein wenig verwirrt schloss Ludwig sich ihm an.

»Sehen Sie, mein Sohn ist vor ein paar Jahren ebenfalls verschwunden. Er war mit einem gewissen Friedel befreundet, die beiden besuchten gelegentlich diesen Mann aus der Kammer! Er bezahlte gut für ihre Dienste.«

»Dienste?«, hakte Ludwig aufgeschreckt nach.

»Oh, Sie wissen wohl gar nicht, bei wem Sie geklopft haben? Fritz Haarmann ist schwul. Er lädt sich sehr junge Knaben in die Kammer ein, sie übernachten mit ihm, er entlohnt sie, gibt ihnen zu essen. Mein Sohn und sein Freund träumten von Freiheit und brauchten Geld, um sich von den Eltern zu lösen. Es schien ihnen wohl leicht verdient. Eines Tages war Friedel Rothe nicht mehr aufzufinden. Und mein Hermann kurze Zeit später auch nicht mehr. Die Polizei suchte bei Haarmann – aber man konnte keine Hinweise dafür entdecken, dass die beiden Jungen bei ihm waren. Er geriet allerdings schon damals kurzzeitig unter Mordverdacht. Das war 1918!«

»Was! Um Himmels willen! Ein Mörder? Theo ist vielleicht tot?« Ludwig verlor den Boden unter den Füßen, lehnte sich schwer gegen den Fremden, der ihn bereitwillig stützte.

»Es gab keine Beweise. Haarmann wurde wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft genommen. Ein Kind fand man auch in seinem Bett. Aber wegen der Beleidigung der Kinder ist er so gut wie nie belangt worden. Sie wissen schon, Paragraf 175. Aber da kann man tricksen und schon geht man straffrei aus.«

»Und nun diese Schädel?«, keuchte Ludwig.

»Eben. Ich habe schon vor drei Jahren einen Privatdetektiv beauftragt herauszufinden, wo mein Sohn abgeblieben ist. Ich weiß, dass der Haarmann ihn umgebracht hat. Der Detektiv sollte Beweise finden. Und das hat er auch getan! Wir sind inzwischen eine ganze Gruppe von Eltern, in deren Auftrag er Nachforschungen anstellt. Tatsache ist, dass uns niemand zuhören will!«

»Er hat also noch mehr getötet?« Oh Gott, wie erkläre ich das den Lamms, drehte sich als beängstigender Gedanke wie ein Mühlrad hinter seiner Stirn.

»Natürlich kommt es vor, dass Heranwachsende von zu Hause weglaufen. Alles zu eng, zu reglementiert. Nicht jeder junge Mann der verschwunden ist, wurde auch getötet, viele sind nach einigen Wochen plötzlich wieder zu Hause. Zerknirscht und hungrig. Manche aber nicht. So wie mein Sohn Hermann. Hermann Koch.« Er zog ein Foto aus der Brieftasche, hielt es Ludwig mit zitternden Fingern hin. »Das ist er. Mein Hermann.«

»So ähnlich sieht Theo auch aus. Ein bisschen älter«, flüsterte er betroffen. »Aber die Polizei ist ihm doch gewiss auf der Spur!« Ludwig stockte. »Ach – Theo hat ja auch geglaubt, der Mann sei Polizist. Kriminaler. Und das …«

»Genau, das ist er eben nicht! Das erzählt er nur. Und die Leute fallen drauf rein.« Die Stimme des Vaters klang rau und heiser. »Hat meinen Sohn sicher auch damit beeindruckt. In dem Alter gelingt das leicht. Da fehlt es an Lebenserfahrung.« Der Vater seufzte schwer. »Die Jungs, die den Haarmann begleitet haben, waren nicht alle homosexuell. Die wollten nur Geld und eine gute Mahlzeit. Viele Eltern meinen, ihr Sohn könne gar nicht … Aber das ist natürlich Unsinn, soll nur der eigenen Beruhigung dienen. Tja.« Er breitete die Arme zur Seite aus, zuckte mit den Schultern.

»Und er hat die Körper in die Leine geworfen?«, wisperte Ludwig, starrte mit Ekel auf das dunkle Wasser.

»Nun, ich würde denken, dass er sie nicht in einem Stück …« Der Mann schlug mit der Faust auf das Geländer, rieb sich dann mit schmerzverzerrtem Ausdruck die Außenkante der Hand. »Ich mag mir gar nicht vorstellen, was genau er mit den Toten angestellt hat. Wirklich nicht! Das bringt mich sonst noch um den Verstand!« Er verstummte. Setzte trübsinnig hinzu: »Man hat keinen der verschwundenen Jungs wiedergefunden. Und wir kennen wahrscheinlich nicht einmal alle. Manche Eltern melden sich nicht bei der Polizei. Naja. Die Zeiten eben. Man darf es ihnen wohl nicht verdenken.«

Sie schwiegen nebeneinander her.

Die Stille hielt so lange an, dass Ludwig aufschrak, als Koch plötzlich wieder zu sprechen begann. »Der Hermann war ein guter Junge. Seiner Mutter bricht es das Herz, dass er nicht mehr nach Hause kommt.«

»Die Eltern von Theo werden entsetzt sein. Er ist das einzige Kind.« Nach einer Pause ergänzte er: »So wie ich auch. Ich bin ein bisschen älter, also trug man mir auf, ihn zu beschützen. Nun kehre ich nach Hause zurück: allein!« Plötzlich liefen Tränen über das schmale Gesicht des jungen Mannes, und Herr Koch legte tröstend seinen Arm um ihn.

»Du konntest nichts dafür, Junge. Wenn er ein Opfer des Mörders wurde, so ist es allein dessen Verantwortung, nicht deine!«

»Ich fürchte, das werden seine Eltern nicht ganz so sehen.«

Ludwig wartete vergeblich.

Er stieg erst in den Zug, als der Schaffner ihn schon fast am Kragen packen wollte, um ihn die Stufen hinaufzuschieben. Kein Theo. Kein Fahrrad. Kein Lebenszeichen.

Deprimiert setzte er sich und stierte die lange Fahrt über auf einen graubraunen schmierigen Fleck zwischen seinen Schuhen. Stöhnte gelegentlich, flüsterte Unverständliches vor sich hin.

Die kritischen Blicke der Mitfahrenden bemerkte er nicht. Um ihn herum begann man, sich um den Geisteszustand des jungen Mannes zu sorgen.

»Für einen Kriegsversehrten ist er noch zu jung. Aber sein Hirn hat vielleicht doch irgendwie was abgekriegt«, murmelte der Alte von gegenüber seiner Frau ins Ohr.

»Wenigstens ist es keiner dieser Schüttler und Zitterer. Manche von denen können nicht einmal mehr die Tasse zum Mund führen, ohne zu kleckern.«

»Der braucht dennoch einen, der sich um ihn kümmert. Sie dir mal die Augen an. Zugeschwollen und entzündet. Wenn das ein Weibsbild wäre würde man denken, es habe ein paar Tage durchgeheult. Aber bei einem jungen Mann …«

»Könnte doch einen Trauerfall in der Familie gegeben haben!«, meinte die Gattin fast ein wenig pikiert. »Wenn ich plötzlich meine Seele aushauche, wirst du ja wohl auch ein bisschen traurig sein!«

Der Alte musterte die Gattin und grinste zahnlos. »Och ja. Schon.«

»So klingt es aber nicht!«, zickte sie zurück. »Ganz und gar nicht!«

»Was soll ich sagen? Du wirst nicht so bald kalt werden. Dazu siehst du viel zu gesund aus. Rund und eine Portion verfressen! Warum solltest du also demnächst eingehen?«, fragte er logisch.

»Wegen Lieblosigkeit!«, schluchzte sie und suchte in der ausladenden Handtasche nach einem Taschentuch, tupfte mit dem weißen Stoff anklagend unter den Augen entlang. »Es wäre dir also gleichgültig. Du bist herzlos!«

»Aber! Lieblosigkeit! Als ob nicht der fette getigerte Kater vor lauter Liebe zu dir sogar das Bett mit dir teilt. Und was heißt da gleichgültig! Wenn du plötzlich das Lebenslicht ausknipst, muss ich mir jemanden suchen, der den Haushalt führt, das Essen kocht, die Einkäufe erledigt und sich um die Wäsche kümmert. Was glaubst du wohl, was das kostet! Und schmecken würde mir das vielleicht auch nicht, was die Haushälterin kocht.«

»Ach, einer Fremden würdest du Lohn bezahlen für das, was ich unbezahlt schon mein halbes Leben lang für dich erledige? Das merke ich mir. Du nutzt mich aus, so ist das!«, giftete die Gattin. »Behandelst mich wie eine Leibeigene!«

Es war seine Pflicht, mochte sie auch noch so erschreckend und belastend sein. Er musste also nun den Lamms diese unglaubliche Nachricht überbringen.

Aber wie? So sehr er sich das Hirn zermarterte, ihm wollte keine elegante sprachliche Wendung einfallen, die den Schock der Eltern hätte mindern können.

Da es unausweichlich war, beschloss er, den schweren Gang sofort nach der Ankunft zu erledigen.

»Wie? Er hat alles mitgenommen und ist allein aufgebrochen?«, schluchzte Theos Mutter laut auf. »Und wollte nun ausgerechnet nach Hannover!«

Ludwigs Stimme hörte man die Tränen deutlich an, die auch er gern geweint hätte. »Ja, er war am Abend gereizt – er muss mitten in der Nacht heimlich davongeschlichen sein.«

»Ludwig!«, bohrte Frau Lamm inquisitorisch, »nun sag schon die Wahrheit! Ihr habt euch gestritten, nicht wahr? Manchmal kann man leicht mit Theo in einen Disput geraten. So war es doch!«

»Aber nein. Es gab keinen Streit. Nicht einmal ein böses Wort. Auf der ganzen Fahrt nicht. Nein, nein, es war anders. Er hatte jemanden getroffen, der ihm Arbeit besorgen wollte. Der hatte behauptet, man könne in Hannover ganz einfach viel Geld verdienen. Und Theo gefiel die Idee. Als ich versuchte, ihn zu warnen, ihm sagte, das sei sicher eine illegale Arbeit, reagierte er verschnupft. Er wollte gern an die Worte des Fremden glauben und dachte, ich wolle ihm das Ganze nur madigmachen. Das war alles!« Ludwig senkte den Blick, fühlte sich unsäglich schuldig. Wusste, wenn er in dieser Nacht besser aufgepasst hätte, wäre dem Freund dieses stille Verschwinden nicht gelungen. Und, nahm er sich fest vor, über die möglichen genaueren Einzelheiten dieser versprochenen Arbeit und die damit verbundenen Dienste würde er schweigen!

»Aber er wird doch wiederkommen? Nicht wahr?«, flüsterte die Mutter verzagt.

Ludwig schlich sich nach Hause wie ein geprügelter Hund.

Schob das Rad mit dem Anhänger neben sich her, fühlte sich schwach, schaffte es kaum, alles bis auf den Hof des elterlichen Hauses zu bugsieren.

»Mein Gott! Einfach abgehauen, verschwunden? Wie fürchterlich für dich! Was hast du getan, nachdem er weg war?«, erkundigte sich seine Mutter mitfühlend und setzte einen Topf Milch auf.

»Erst habe ich in der Nähe gesucht. Dann war ich in Hannover, habe dort rum gefragt. Auch nach diesem Kriminalbeamten, der ihm eine Stelle verschaffen wollte. Und am Bahnhof bestätigte man mir, der heiße Fritz oder Fritze, wohne Rote Reihe. Man könne ihn aber auch hinter dem Café ›Kröpke‹ treffen. Dort bin ich hingegangen, nachdem ich ihn in seiner Wohnung nicht antreffen konnte. Ist ein Treffpunkt für Homosexuelle. Junge Männer warten dort auf zahlungskräftige Kunden.«

»Ach herrje! Nun dort wirst du Theo wohl kaum angetroffen haben. So ist er nicht!«

»Das ist sicher wahr. Aber leider fand ich diesen Fritz da auch nicht.«

»Ach mein armer Junge! Was für eine grauenhafte Situation für dich. Daran hat der Theo sicher nicht einen Augenblick gedacht, als er weggefahren ist.« Die Mutter stellte einen dampfenden Kakao vor ihrem Sohn ab, fuhr ihm tröstend mit ihren immer kalten Fingern durch die Haare.

»Ich verstehe nicht, wie er so etwas tun konnte. Zwei brechen zusammen auf – und kommen natürlich auch gemeinsam zurück!«, schimpfte Dr. Meinrad. »Das ist schon viel mehr als nur ungezogen!«

»Er war an jenem Abend sonderbar. Vielleicht hätte ich nicht einschlafen sollen.«

Die Mutter setzte sich mit an den Küchentisch, stellte ein paar Kekse vor Ludwig ab.

»Ludwig! Du musst dir keine Vorwürfe machen. Der Theo hat das selbst für sich so entschieden!«

»Ja sicher. Aber vielleicht … wer weiß, möglich dass ich seine Entscheidung hätte beeinflussen können.«

Der Vater warf dem Sohn einen strengen Blick zu. »Hör mir gut zu! Der Theo hat einen Entschluss gefasst, der dich stark in Mitleidenschaft zieht. Und das hat er auch sehr genau gewusst. Der Theo ist schließlich kein Idiot! Ihm muss bewusst gewesen sein, dass es dich belastet, wenn er einfach so wegläuft. Du hast ihm erzählt, dass seine Eltern dir aufgetragen haben, ein Auge auf ihn zu haben! Das Wichtigste, was du verstehen musst, ist aber das: Er hat es dennoch getan! Aus eigennützigen Gründen! Aus grenzenlosem Egoismus, dem Markenzeichen unserer Zeit. Hat dich nicht informiert, sondern sich fortgeschlichen wie ein Verbrecher! Ihm war es gleichgültig, dass du darunter leiden würdest Dass du es seinen Eltern würdest erklären müssen! Das musst du begreifen, Junge! Meiner Meinung nach hast du allen Grund, furchtbar wütend auf deinen Freund Theo zu sein! Das wäre die richtige Reaktion auf solch einen Verrat!«

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
263 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839253762
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
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