Kitabı oku: «Spreewaldkohle»

Yazı tipi:

Franziska Steinhauer

Spreewaldkohle

Nachtigalls 14. Fall


Zum Buch

Narbengeflecht Ein glühender Befürworter des schnellen Kohleausstiegs verschwindet auf seiner Laufstrecke. Die Polizei sucht mit großem Aufgebot, kann aber Patrick Stein nicht finden. Morddrohungen sollten ihn mundtot machen, die hat er aber weder angezeigt noch ernst genommen. Hat einer der Bedroher seine Ankündigung in die Tat umgesetzt? Schon am nächsten Morgen wird die Leiche des Mannes in der Schaufel eines Kohlebaggers gefunden. Während das Team um Peter Nachtigall die Ermittlungen aufnimmt, meldet Christian Blum seine Frau als vermisst. Die entschlossene Wolfsaktivistin war nach einer Diskussionsrunde nicht heimgekehrt. Ihre Leiche entdecken Jäger in einem Ansitz. Politische Morde in Cottbus und Umgebung? Oder gibt es ein privates Motiv? Die Ermittler stellen Nachforschungen in alle Richtungen an, entdecken eine private Spende-Organisation, unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse, ins Stocken geratene Lebensentwürfe. Wird es weitere Opfer geben?

Franziska Steinhauer lebt seit mehr als 25 Jahren in Cottbus. Bei ihrem Pädagogikstudium legte sie den Schwerpunkt auf Psychologie sowie Philosophie. Ihr breites Wissen im Bereich der Kriminaltechnik erwarb sie im Rahmen eines Master-Studiums in Forensic Sciences and Engineering. Diese Kenntnisse ermöglichen es der Autorin den Lesern tiefe Einblicke in pathologisches Denken und Agieren zu gewähren. Mit besonderem Geschick werden mörderisches Handeln, Lokalkolorit und Kritik an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft. Franziska Steinhauers Romane zeichnen sich vor allem durch gut recherchierte Details und eine besonders lebendige Darstellung der jeweiligen Figuren aus. Ihre Begeisterung am Schreiben gibt sie als Dozentin an der BTU Cottbus-Senftenberg weiter.

Impressum

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © MPower. / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6800-1

1

Den Kopf frei bekommen.

Durch gleichmäßige, rhythmische Erschütterung die Gedanken neu sortieren.

Alles an seinen richtigen Platz ruckeln.

Das war jedenfalls der Plan.

Patrick Stein band die Schnürsenkel der Laufschuhe zu rutschsicheren Schleifen.

Ein schneller Blick in den bodentiefen Spiegel im Flur zeigte ihm einen nicht mehr ganz jungen Mann mit deutlicher Neigung zu Übergewicht. Die moderne Frisur mit Undercut über den Ohren und gescheiteltem, schwer zur Seite fallendem Haar ließ ihn zwar nicht schlanker, aber doch jünger wirken.

Auf jeden Fall im Spiegel!

Und von Weitem sowieso.

Er schob die Tolle zurück und lächelte sein Selbst zufrieden an.

Die wulstigen Lippen, wusste er, wirkten auf viele Frauen sinnlich, die dunklen Augen zum nicht ganz natürlich blonden Haar gaben ihm einen Touch von Besonderheit, Sinnlichkeit und geheimnisvollen Abgründen.

Entschlossen nickte er sich zu.

Trabte los.

Schon nach wenigen Schritten spürte er, wie sich der verspannte Schultergürtel lockerte, die Beine elastisch federten.

Gute Stimmung sich ausbreitete.

Es war eine kluge Entscheidung gewesen, dieses Haus am Rand der Stadt zu kaufen.

Branitz.

Direkt am Park des Fürsten Pückler.

Direkt am Wald.

Lauftrainingsstrecke unmittelbar vor der Haustür.

Perfekt.

Gerade jetzt, wo sein Leben ein wenig aus den Fugen zu geraten drohte.

Patrick Stein tauchte ein in die Kühle und Stille des Waldes.

Die Musik taktete seinen Schritt.

Überlagerte das Laufgeräusch.

Leider auch die schnellen Tritte eines anderen.

2

Doreen Stein brachte lachend Kinder und Einkäufe ins Haus.

Sah es sofort: Die Laufschuhe Patricks fehlten.

Sie schmunzelte mit dem Unverständnis derer, denen Essen nicht so wichtig war, deren Gedanken nicht ständig um irgendeine leckere Verführung kreisten, die nicht permanent von Appetit geplagt wurden.

Ihr Patrick stürzte sich immer wieder in Phasen sportlichen Aktionismus, die weder zu einer besseren Kondition noch zu einer Reduktion des Körpergewichts führten. Schon nach kurzer Zeit wurde ihm das Ganze lästig, die Sportschuhe wanderten in den Keller, die Funktionskleidung im Schrank immer weiter nach unten, bis sie dort im Dunkel getrost vergessen werden konnte.

Na ja, dachte sie, einen Versuch war es wert. Vielleicht blieb er diesmal tatsächlich dabei.

Schon wegen Eric.

Aus dem Nachbarhaus.

Dem ewigen Konkurrenten auf der Suche nach dem richtigen Lebensentwurf.

Doreen trug die beiden vollgepackten Körbe in die Küche, griff nach der Fernbedienung für den CD-Player. Sofort war das Haus mit der angenehmen, sphärischen Musik Ólafur Arnalds erfüllt.

Zuerst scheuchte sie die Kinder ins Bad.

»So, ihr beiden! Erst die Hände waschen, dann umziehen – und danach sind die Hausaufgaben dran. Luise? Für Freitag ist noch ein Referat vorzubereiten. Hast du das Material schon durchgelesen? Und üben musst du den Text auch noch!«

Das Trappeln der Kinderfüße auf der Treppe ließ vermuten, dass zumindest der erste Arbeitsauftrag in Angriff genommen wurde.

Die Mutter lauschte zufrieden dem Giggeln der Mädchen nach.

Manche Tage, dachte sie, laufen eben besser – andere deutlich schlechter. Heute klang nach einem entspannten Nachmittag, sollten die beiden sich jetzt nicht noch wegen irgendeiner Nichtigkeit in die Haare bekommen.

Fröhlich verstaute sie die Einkäufe im Kühlschrank, fütterte den ungeduldigen schwarzen Kater, der empört maunzend behauptete, während der Abwesenheit der Familie dem Hungertod nahe gewesen zu sein und stellte zwei Gläser Orangensaft für die Mädchen auf den Tisch.

Wartete.

Zuerst auf Luise und Paula.

Etwa anderthalb Stunden später, zunehmend besorgt, auf Patrick.

Noch später begann sie zu telefonieren.

Mit Martin.

Mit gemeinsamen Freunden.

Sogar mit Eric, was richtig Überwindung kostete.

Viel später mit der Polizei.

3

Der erste Stoß traf ihn völlig unerwartet.

Er strauchelte, fing sich wieder. War irritiert, warf einen vorwurfsvollen Blick auf den Weg, als habe eine Wurzel unfair nach ihm gepackt.

Ein zweiter Stoß folgte, hart, unerbittlich. Der Schmerz flutete langsam an. Breitete sich über die gesamte linke Seite aus. Die Rückenmuskulatur verkrampfte sich.

Er spürte, wie eine Flüssigkeit warm über seine Beine lief.

Tasten nah der Quelle war eher ein Automatismus.

Er betrachtete überrascht die Finger, die über die Stelle gestrichen waren.

Rötlichbräunliches Zeug. Klebrig.

Blut!

Mein Blut!, erschloss sich seinem Denken langsam.

Wie ein Sturm brausten Überlegungen, Theorien, Erklärungsversuche hinter seiner Stirn wild durcheinander.

Er verwarf sie alle.

Kam nun vollkommen aus dem Rhythmus.

Stürzte.

Der zweite, noch heftigere Schmerz erschien ihm wie eine logische Folge des ersten, wenngleich sich das dahinterstehende Denkschema dem Zugriff verweigerte.

Er war nicht einmal mehr überrascht.

Als er den Angreifer unscharf wie einen Schemen sah, der sich über seinen am Boden liegenden Körper beugte, war er sich sicher.

Vorbei und aus.

Schade, dachte er in der letzten Sekunde, bevor sich der kalte Stahl seinen Weg zwischen den Rippen hindurch in Richtung Herz bahnte, sehr schade.

4

»Du liebe Güte!« Maja Klapproth war wenig begeistert. »Der Mann hat sich vielleicht nur verlaufen. Da ist es möglicherweise etwas hoch angesetzt, wenn die Kriminalpolizei anrückt. Unser Schwerpunkt ist Mord!«, erinnerte sie den Kollegen scharf.

»Das ist alles wahr. Es erscheint aber auch möglich, dass ihm etwas zugestoßen ist. Politiker geraten schon mal in brenzlige Situationen. Vor Kurzem erst Farbbeutel gegen das Parteibüro – und nun ein verschwundenes, sehr aktives Parteimitglied. Er hat sich in letzter Zeit häufig exponiert. Alles ist denkbar.« Nachtigall war bereits aufgestanden, hatte die Jacke in der Hand und wartete ungeduldig. »Komm.«

Widerwillig schob die Kollegin ihren Stuhl zurück.

Folgte Nachtigall in den Gang hinaus.

»Ich habe schon organisiert, dass uns ein Suchtrupp bei der Familie erwartet. Möglicherweise ist der junge Mann gestürzt, liegt hilflos im Wald, hatte kein Handy dabei oder es ist kaputtgegangen. Ausschließen können wir nichts.« Er atmete tief durch. »Selbst die schlimmste Variante nicht«, ergänzte er düster.

»Jaja. Und am Ende ist er schlicht der häuslichen Enge entflohen. Soweit ich mich erinnere, ist er verheiratet und hat zwei Töchter. Möglich, dass er eine Flucht in den ewigen Sommer mit einem sexy Girl vorgezogen hat.« Klapproth zwinkerte dem Kollegen zu. »Sei ehrlich! Das ist eine viel schönere Vorstellung, als zu glauben, er läge irgendwo hilflos im Wald – oder sei tot.«

»Ja, stimmt. Mir fallen spontan viele bessere Varianten ein, als tot zu sein.« Nachtigall schlüpfte in seine Jacke. »Los!«

Klapproth schalt sich in Gedanken eine dumme Kuh. Wieder ein Fettnäpfchen erwischt. Schließlich war es nicht so lange her, dass der Kollege selbst um ein Haar gestorben wäre.

»Tut mir leid«, murmelte sie, wusste, dass er die Entschuldigung gar nicht gehört haben konnte, und beeilte sich, Nachtigall einzuholen.

Doreen Stein wirkte erstaunlich unaufgeregt.

Maja Klapproth war mehr als überrascht, hatte sie doch eine in Tränen aufgelöste, hysterische Ehefrau erwartet.

Sie versammelten sich um den Tisch, an dem die Kinder noch vor wenigen Stunden ihre Hausaufgaben erledigt hatten.

»Er hat verschiedene Laufstrecken. Und natürlich weiß ich nicht, für welche er sich heute entschieden hat. Das legt er spontan fest. Und er nimmt immer sein Handy mit. Aus Sicherheitsgründen. Aber auch, weil er gern jederzeit erreichbar sein will. Politikerkrankheit. Allerdings hat er sich bei niemandem aus seinem Freundeskreis gemeldet und meine Anrufe nimmt er nicht an.«

»Kommt das öfter vor? Also, dass er speziell Ihre Kontaktversuche unbeantwortet lässt?«, bohrte Klapproth.

»Sie meinen, dass er nicht rangeht? Aber sicher. Ich bin ja nicht über jeden Gesprächstermin informiert. Wenn ein Anruf stört, wird man direkt auf die Mailbox weitergeleitet.«

»Das ist doch sicher ziemlich kränkend.«

»Nein, ist es nicht. Es gehört zur Normalität unseres Alltags. Ich bin nicht über jeden seiner Schritte informiert und er nicht über all meine Termine.«

»Ihr Mann ist Lokalpolitiker. Aber er hat sicher einen Brotjob?«, fragte der Cottbuser Hauptkommissar freundlich.

»Ja. Er arbeitet bei einem privaten Bankinstitut, Bühler & Partner, ist Finanzberater für viele kleine Firmen in der Umgebung.«

»Und er ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Hat sich im letzten Wahlkampf sehr engagiert gezeigt. Vor wenigen Tagen wurden von Unbekannten Farbbeutel gegen das Parteibüro geworfen – soweit ich informiert bin, ist der Staatsschutz in die Ermittlungen einbezogen.«

Doreens Miene wurde unergründlich.

»Ja. Unschöner Vorfall. Aber vielleicht ein wenig zu hoch gehängt. Es handelte sich um Farbbeutel!«

»Frau Stein, hat Ihr Mann in der letzten Zeit Drohmails oder Briefe mit Drohungen gegen seine Person erhalten?«, fasste Nachtigall seine Frage weiter.

»Ach, na ja«, druckste die Gattin, »schon. Aber so was hat er immer gleich gelöscht. Und wer bekommt denn keine solchen Mails? Früher hatte man wenigstens noch den Anstand, mit dem eigenen Namen zu unterzeichnen. Heute schreibt dir Dudeldidu oder Spidermousy!«

»Er hat sie gelöscht? Hm. Worum ging es denn in den Mails?«

»Umweltthemen. Die Absender nahmen kein Blatt vor den Mund. Manche haben sich über die Forderungen nach einer Kohlendioxidbepreisung aufgeregt und wollten ihm die Seele aus dem Leib prügeln, falls sie sich ihr Auto nicht mehr leisten könnten, andere regten sich über das geplante Tempolimit auf, wieder andere waren der Meinung, die Politik solle endlich dafür sorgen, dass die Kinder wieder in die Schule gehen, statt auf der Straße bei Fridays for Future rumzuhängen. Es könne nicht angehen, dass man ständig über Mängel im Bildungssektor debattiere und dann akzeptiere, dass die Angebote nicht genutzt werden, weil die Gören auf der Straße rumstehen. Man wollte ein Exempel an einem Politiker der ›dreckigen Umweltbande‹ statuieren – mit einem Messer ›ökologisch aus dem Verkehr ziehen!‹« Sie schüttelte vehement den Kopf und entschied: »So was nimmt doch keiner ernst!«

»Ihr Mann hat diese Drohungen für einen Scherz gehalten?«

»Nein«, räumte Doreen zögernd ein, »das nicht. Aber es waren keine konkreten Formulierungen. Eher so was wie: Mein Auto fährt, so schnell es kann! Freie Fahrt für alle! Tempo ist Spaß, Hände weg vom Limit! Einmal stand dort: Ich werde dich töten! Gut, da haben wir einen Schreck bekommen. Aber auch diese Nachricht wurde von den altbekannten Beschimpfungen begleitet. Das hat uns schnell beruhigt. Dieser Absender verdiente es nicht, ernst genommen zu werden.« Sie atmete tief durch. »Mein Mann will die Welt retten. Und muss sich sagen lassen, dass der Tod denjenigen findet, der gegen die Interessen der Bürger handelt. Als wäre der Versuch, das Klima zu retten, gegen die Menschen gerichtet, die und deren Kinder und Enkel in diesem Klima leben müssen. Absurd!«

»Er hat in keinem dieser Fälle Anzeige erstattet?«

»Nein. Am Ende käme eh nur raus, dass die Mails aus dem Ausland abgeschickt wurden – und man den Täter nicht verfolgen könne. Ein mulmiges Gefühl hatte er sicher, aber keine Angst.«

Sie verstummte.

»Hören Sie, wir reden über Patrick, als sei er gestorben! Wir beenden das jetzt sofort! Sie werden ihn finden, er ist gestürzt und kann nicht nach Hause kommen. Das ist passiert, basta!«

Die klare Ansage sollte die aufsteigende Panik überdecken. Nachtigall verstand diese Reaktion nur zu gut, nickte beruhigend.

»Unsere Leute suchen die Strecken ab, die Sie uns genannt haben.« Nachtigall checkte zum x-ten Mal sein Handy. »Bisher haben sie Ihren Mann nicht gefunden. Und selbstverständlich versuchen wir, sein Handy zu orten. Mehr können wir im Augenblick nicht tun. Wird er nicht gefunden, müssen wir seine Anrufe und Mailkontakte checken, die Suche nach ihm ausweiten.«

»Sie halten es für möglich, dass er uns verlassen hat?« Doreens Augen sprühten gefährliche Funken. »Das hat er nicht! Er liebt seine Familie. Das ist ausgeschlossen.«

»Wir werden ein Team bereithalten, das die Überwachung Ihrer Telefonverbindungen einleitet, sobald wir dazu einen richterlichen Beschluss haben. Kann ich bitte Ihren Briefkastenschlüssel bekommen? Ich möchte nachsehen, ob in der Zwischenzeit etwas zugestellt wurde.« Nachtigall streckte die Hand aus.

Doreen zögerte.

»Ich weiß, dass Sie beim Nachhausekommen nachgesehen haben. Es ist nur zur Sicherheit.« Das Bund klapperte in seine Hand.

»Leer«, verkündete der Hauptkommissar wenig später.

»Sie glauben an eine Entführung? Aber hätte mir der Kidnapper das nicht eher mitteilen müssen? Also, ich meine, bevor ich merke, dass etwas nicht stimmt, und die Polizei verständige? Normalerweise wollen diese Typen doch nicht, dass man die Ermittler informiert.« Die Ehefrau des Verschwundenen klang nun leicht hysterisch.

»Da haben Sie sicher recht. Aber wir müssen von allen möglichen Szenarien ausgehen.« Nachtigall legte Frau Stein die Hand auf den Unterarm, wollte beruhigen, doch die Frau schüttelte sie ab, trat sogar einen Schritt zurück, als fürchte sie eine weitere Berührung.

»Mein Mann wartet darauf, gefunden zu werden. Er ist gestürzt oder hat sich im Wald verlaufen. Ihm ist nichts zugestoßen«, stellte sie unterkühlt klar. »Es gibt keinen Grund, irgendwelche Schreckensszenarien zu entwerfen.«

Nur Stunden später hatte sich die Angst bei den Steins fest eingenistet.

»Das kann nicht sein! Das ist vollkommen ausgeschlossen.«

Nachtigall konnte hören, dass die Tränen nur knapp unter der zur Schau gestellten ruhigen Oberfläche nach oben drängten.

»Wie ist das möglich, dass so viele Polizeikräfte meinen Mann nicht finden können?«

»Unsere Leute sind alle von Ihnen genannten Laufstrecken abgegangen. Sein Handy wurde entdeckt – Ihr Mann aber nicht. Das Mobiltelefon ist bei den Kollegen der Technik, wir werden versuchen, alle Daten wiederherzustellen. Dann sehen wir, welche Nachrichten er verschickt und bekommen hat. Möglicherweise eine Verabredung? Hunde sind unterwegs. Frau Stein, wir sind im Hintergrund sehr aktiv, auch wenn Sie im Moment nicht diesen Eindruck …«

»Mein Mann ist durchaus risikobewusst. Er läuft auf dem Weg – nicht durchs Unterholz. Gebrochene Arme und Beine stützten nicht das von ihm vorgesehene Image des dynamischen Machers, der alle Probleme bewältigen kann. Gleitschirmfliegen, Ultraleichtfliegerausflüge – nein, niemals. Gelegentlich spielt er mit den Kindern aus der Siedlung Fußball. Das ist es dann aber auch schon.«

»Es ist also nicht vorstellbar, dass er querfeldein …«, begann Klapproth und wurde giftig unterbrochen.

»Hören Sie mir eigentlich zu? Niemals würde mein Mann freiwillig durchs Unterholz joggen!«

Doreen Stein warf dem Hauptkommissar einen bitteren Blick zu. »Ich weiß, was Sie denken. Ein geheimes Treffen, ein Bett im Kornfeld, sexuelle Glückseligkeit mit einer anderen. Aber das ist undenkbar! Niemals hätte Patrick sich auf so etwas eingelassen. Auf einem Feld, teilweise oder völlig nackt, unter offenem Himmel, im Dreck, neben Regenwurm, Zecke und Co. … sehen Sie, es ist ein Unterschied, ob ich die Natur schütze oder mich in ihr bewege. Und zu viel Natur auf einmal ist nichts für meinen Mann! Krabbeltiere an den Körperöffnungen – nein. Niemals!«

»Was aber, wenn jemand um Hilfe gerufen hat?«, fragte Nachtigall nachdenklich. »Dann wäre er der Stimme nachgegangen, nicht wahr?«

Doreen tackerte ein Lächeln hinter den Ohren fest und begleitete die beiden Beamten zur Tür.

Grußlos schob sie die lästigen Frager in den Vorgarten.

Nachtigall zuckte mit den Schultern. »Das meint sie nicht persönlich«, murmelte er. »Ist eine schwierige Situation.«

Er griff nach dem Handy.

»Hallo, Silke. Heute können wir nichts mehr tun. Sollte Herr Stein bis morgen nicht auftauchen, läuft das volle Programm an. Familiärer Hintergrund, Gerüchteküche, berufliche Probleme, Kontobewegungen, EC- oder Kreditkartennutzung der letzten Stunden – das übliche Prozedere. Wir können nicht sicher sein, ob die Angaben zum Joggen stimmen. Hoffen wir, dass die Hunde morgen einen Politiker mit gebrochenem Bein finden, der es nicht bis zum nächsten Haus geschafft hat. Wenn nicht …«

Als er beim Einsteigen einen letzten Blick zum Haus zurückwarf, erkannte er Doreen Stein, die am Küchentisch saß und den Kopf auf die Arme gelegt hatte.

»Meinst du, sie weint?«, erkundigte er sich leise bei seiner Kollegin.

Maja Klapproth sah lange durchs Fenster, fixierte die Frau, so, als wolle sie eine bisher unbekannte Spezies näher bestimmen: Zwei, vier, sechs oder doch acht Beine? Aasfresser, Jäger oder Vegetarier? Giftig oder ungefährlich?

»Nein.« Das klang sehr entschieden. Überzeugt.

»Nein? Wieso bist du dir so sicher?«

»Weil ich nicht erkennen kann, dass ihre Schultern beim Schluchzen beben.«

5

Die Sonne blendete.

Schon um diese Zeit.

Schichtbeginn.

Timothy befreite die Sonnenbrille aus der Frisur und schob sie auf der Nase zurecht.

Nicht, dass ihn die Sonne gestört hätte.

Im Gegenteil.

Es war eine durchaus verlockende Vorstellung, sich auszuklinken, die Augen zu schließen und die warmen Strahlen auf dem Gesicht zu genießen.

Aber er hatte ja Dienst.

Krankheitsvertretung. Jürgen hatte Magen-Darm. Mist!

Nix mit seliger Träumerei.

Timothy seufzte genervt.

Es war ein anstrengender und verantwortungsvoller Job in langweiliger, öder Umgebung. Die Augen fanden, ob nun mit oder ohne Brille, keine anregenden Eindrücke, die sie als Beschäftigung ans Hirn hätten weiterleiten können.

Immerhin, dachte er, als ein Alarm ertönte und der Führer der Brücke sich meldete, irgendwas hatte sich verklemmt.

Wahrscheinlich nur ein Stubben.

Die hatten oft bizarre Formen und konnten einem ziemlich Arbeit machen.

Missmutig hielt er mit dem Jeep auf die großen Schaufelräder zu.

Seine Gedanken beschäftigten sich nicht mit dem anstehenden Problem, die Augen wanderten gewohnheitsmäßig das Flöz entlang.

Wo war es denn nun? Von allein rausgefallen? Unwahrscheinlich!

Dann entdeckte er das Unfassbare.

Impulse, ähnlich einem Feuerwerk in seinem Denken, wurden ausgelöst, die gesamte Maschinerie setzte sich mit spürbarem Ruck in Gang.

Über dem Band, das den Abraum transportierte.

Aus der Schaufel ragte ein menschlicher Arm!

Seltsam verdreht. Finger – soweit er es erkennen konnte – vollzählig. Zumindest an der Hand, die er sehen konnte. Über die andere war ihm eine Aussage zu treffen unmöglich, die war wohl tiefer in der Schaufel verklemmt. Hastig schob er die Sonnenbrille auf den Kopf zurück und nahm das kleine Fernglas zu Hilfe. Ächzte leise. Tippte auf eine der Kurzwahltasten.

»Ja, äh, Timothy hier. Ich weiß jetzt, was da in der Schaufel klemmt. Sieht aus, als bräuchten wir die Polizei vor Ort. Ich glaube, da steckt ein Körper im Eimer.«

Gestresst und kurzatmig wartete er auf die Antwort.

»Ja, klar. Ich bleibe hier stehen und warte auf die Leute. Und – ja! Ich passe auf, dass niemand aus Versehen in den Gefahrenbereich gerät und dort gedankenlos rumstapft. Logisch. Eine Leiche ist genug, ja, sehe ich genauso.«

Nachdenklich hob er den Kopf.

Wie war der Leichnam da wohl reingeraten? Von alleine?

War jemand hier rumgekraxelt, abgerutscht und tödlich verunglückt? Oder hatten sie eine historische Leiche ausgegraben? Lag hier in der Erde über einer Kohleschicht seit den Zeiten der Dinosaurier?

Nun gut, vielleicht nicht ganz so lange. Er schmunzelte, ertappte sich dabei und zog die Mundwinkel eilig in die Waagerechte. Dort oben lag ein toter Mensch.

Solch eine Entdeckung war kein Grund für Amüsement.

Die Beamten wurden von einem firmeneigenen Fahrzeug an den Fundort gebracht.

Aus Sicherheitsgründen. Das Terrain war gefährlich – Unkundige sollten sich hier besser nicht auf gut Glück bewegen.

Schon von Weitem erkannte Timothy den Ermittler. Einen Kollegen, der selbst im Sitzen so groß war, hatte er nicht.

Und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war der Mann besorgt. Das war selbst auf die Entfernung deutlich zu sehen. Hm, überlegte Timothy, möglicherweise war aus der Stadt jemand abgängig, und nun musste man befürchten, ihn gefunden zu haben. Vielleicht so ein pubertierender Pickeltyp, der sein Glück in der Weite der realen Welt suchen wollte, dem das weltweite Netz nicht mehr ausreichte.

»Tja«, murmelte er betroffen, »die Realität hält ungeahnte Gefahren bereit. Sterben wolltest du sicher nicht.«

Der Wagen kam mit einem heftigen Ruck zum Stehen.

»Guten Morgen«, eine Frau kletterte aus dem Fond. »Mein Name ist Klapproth, dies ist mein Kollege Nachtigall. Kriminalpolizei Cottbus.«

»Sie haben den Leichnam gefunden?«, erkundigte sich der Ermittler mitfühlend, musterte dabei das blasse Gesicht Timothys kritisch. »Ist Ihnen nicht gut?«

»Mein Name ist Timothy Weiler. Nun, ja, das war schon ein Schreck. Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie einen Arm und eine Hand. Könnte also durchaus möglich sein, dass der Körper tiefer in der Schaufel liegt. Hochgeklettert bin ich nicht – wegen der Spuren und so. Aber wenn Sie möchten, können wir ihn runterlassen. Wir sollten versuchen, den Arbeitsbereich der Förderbrücke zügig zu verlassen. Hier ist es nicht ganz ungefährlich.«

Timothy unterstrich gestenreich, welche Gefahren er konkret meinte.

Wies auf seinen Helm und die Ermittler setzten ihren Kopfschutz widerspruchslos auf.

»Vielleicht erklären Sie uns zuerst, wie man da hineingeraten kann, während wir auf das Team des Erkennungsdienstes warten. Es wird doch Tag und Nacht an dieser Brücke gearbeitet. Es gibt sicher Überwachungskameras und solche Dinge. Eigentlich hätte ich gedacht, es sei unmöglich, unbemerkt so nah an die Maschinen heranzukommen.« Nachtigall sah an der beeindruckend hohen Wand aus Kohle und Erde, Lehm und Sand hinauf. Erkannte die Hand, von der Herr Weiler gesprochen hatte. Gehörten diese Finger zu dem vermissten Familienvater? Das wäre ein schwerer Schock für die Familie. Bei dem Gedanken daran, dass er die Nachricht überbringen müsste, kroch eine unangenehme Gänsehaut über seine Arme und den Nacken. Und wahrscheinlich war der Tote nicht von allein in die Schaufel geraten, mindestens eine weitere Person wäre involviert, Mord also nicht ausgeschlossen. Nachtigall seufzte.

Timothy zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, wie das zugegangen sein soll. Natürlich kann man diesen Bereich des Tagebaus nicht ohne Probleme erreichen, die Schaufel trägt in Schichten das Material ab. Sie müsste ihn also förmlich aus dem Erdreich gekratzt haben. Und wie sollte er dort hingeraten sein? Ne, das erscheint alles nur wie blühende Fantasie.« Er runzelte die Stirn. »Ist ja so, dass die Kohle hier nicht an der Oberfläche liegt. Es sind mehrere Schichten Erde darüber. Die werden abgebaggert und als Abraum gelagert. Das erledigt der eine Bagger, dieser hier zum Beispiel. Die Kohle selbst können wir erst mehrere Schichten tiefer abbauen.« Er zeigte dabei auf die Wände des tiefen Kraters, wo die Veränderung der Farbe deutlich zu sehen war. Von Braun zu fast Schwarz.

»Wieso sind Sie hier?«, fragte Klapproth und musterte Timothy eindringlich.

»Nun, manchmal verklemmt sich was, dann kommen wir und sehen nach, was es ist. Große Dinge zum Beispiel aus Metall könnten die Förderbrücke beschädigen. Manchmal finden wir Stubben in den Schaufeln. Eigentlich gehen Leute übers Gelände und suchen es nach solchen Dingen ab, bevor der Bagger an die Stelle weiterrückt, aber manchmal wird eben einer übersehen.«

»Während der Nachtschicht ist bestimmt der ganze Bereich gut ausgeleuchtet?«, mutmaßte Klapproth.

»Ja, klar. Aber Sie wissen sicher, dass es immer wieder Leuten gelingt auf unser Gelände vorzudringen. Zum Beispiel Demonstranten, die den Bagger besetzen. Ihre Kollegen haben dann immer alle Hände voll zu tun, bis wir wieder arbeiten können. Es ist eben unmöglich alle Ecken des Geländes im Auge zu behalten. Wenn Sie meinen, dass jemand einen Toten waagerecht im Flöz verstecken könnte, muss ich sagen, dass so was nicht möglich ist. Darüber habe ich beim Warten auch nachgedacht – aber nein, der Buddler bliebe nicht unbemerkt. Außerdem trägt diese Maschine den Abraum ab, also das, was über dem Flöz liegt. Und tatsächlich fällt man nicht einfach so in den Baggerbereich. Das passiert nicht.« Timothy legte den Kopf in den Nacken, sah zu der Hand hinauf. »Also ehrlich, für mich sieht die frisch aus. Nicht, dass ich jetzt Ahnung von solchen Dingen hätte, bewahre, aber ich denke, wenn hier was liegt, dann verwest es. Und eigentlich ist es sowieso vollkommen unmöglich!«

»Hm«, meinte Nachtigall. »Aber dennoch ragt hier ein Arm aus der Schaufel. Irgendwie hat es also funktioniert.«

Timothy Weiler nickte bedächtig. »Wenn Sie mich fragen, entweder sollte der Körper rasch gefunden werden oder derjenige, der ihn loswerden wollte, stammt nicht von hier. Jedes Kind weiß, dass Alarm ausgelöst wird, wenn ein Fremdkörper in der Schaufel steckt. Das lernt man schon in der Schule.«

»Wir sollten ihn runterlassen, damit wir einen Blick auf den Körper werfen können«, meinte Klapproth ungeduldig, zog die Augen schmal. »So kommen wir nicht einen Schritt weiter. Es ist zwar völlig ausgeschlossen und unmöglich, dass dort jemand liegt, Tatsache bleibt, dass es dennoch so ist. Wir müssen klären, wer derjenige ist. Runter mit der Schaufel.«

»Jaja«, maulte eine Stimme hinter ihr, und sie fuhr erschrocken herum. »Wir sind ja da und werden uns mit der Bergung beeilen, damit ihr einen Blick auf die Leiche werfen könnt.« Peddersen gab seinen Leuten ein Zeichen.

Das Tatortfahrzeug des Erkennungsdienstes war von einem der LEAG-Jeeps eskortiert worden, dessen Fahrer sich mit Timothy kurz verständigte, umkehrte und wegfuhr.

»Er meinte, zwei Begleitfahrzeuge seien wohl nicht notwendig. Und wir sollten uns beeilen, jeder Ausfall kostet.«

»Guten Morgen erst mal«, brummte Nachtigall. »Wir müssen nicht nur klären, um wen es sich handelt. Spannend ist, wie er in die Schaufeln gelangen konnte. Sollte es sich um den Vermissten handeln, wissen wir, dass dieser Ort fernab aller genannten Joggingstrecken liegt.«

»Wir können sicher schnell die ersten Antworten geben. Fotos, dann Spuren und Fotos, dann die Bergung.« Peddersen gab Anweisungen, und sein Team machte sich an die Arbeit.

»Lassen Sie um Himmels willen die Helme auf!« Timothy war sehr beunruhigt. »Auch wenn es für Sie nicht so aussieht: Es ist gefährlich.«

»Yupp!« Damit war Peddersen verschwunden.

»Längere Arbeitsausfälle sind in den Abläufen nicht vorgesehen. Leichenfunde natürlich auch nicht. Ich muss mal eben mit dem Schichtleiter sprechen.« Weiler trat zur Seite und begann aufgeregt zu telefonieren.

Einige Zeit später lag der Leichnam in einer Transportvorrichtung, wurde in einen Sarg gelegt.

Klapproth und Nachtigall hatten keine Probleme, Patrick Stein zu erkennen, trotz des dunklen Staubs, des Sandes und der Erde, die an ihm hafteten.

»Er ist es, kein Zweifel.« Klapproth drehte sich zu Timothy Weiler um, der seinen Hals gereckt hatte, damit er einen Blick auf den Toten werfen konnte. »Damit ist eine unserer Fragen geklärt. Die Kollegen sind noch nicht fertig, aber wir müssen die Angehörigen informieren. Bitte geben Sie keine Informationen an die Presse oder andere Neugierige weiter. Wir sind nicht daran interessiert, dem Täter mitzuteilen, dass wir sein Opfer bereits gefunden haben.«

»Ja, logisch!«

Er ließ die beiden in seinen Jeep einsteigen, klemmte sich hinter das Lenkrad. »Hey, macht keinen Blödsinn!«, rief er Peddersen und seinen Leuten zu. »Ich bin gleich zurück.«

Wortlos brachte er die beiden Ermittler zu ihrem Wagen zurück.

Stirnrunzelnd sah er ihnen nach, kehrte dann zu der Fundstelle zurück.

»Das war doch dieser Politiker«, murmelte er, als er neben dem Fahrzeug der Spurensicherung hielt, »dieser Kohleausstiegsbefürworter. Klar doch!«

6

Nachtigall atmete tief durch, drückte dann vorsichtig auf die Klingel, als könne er so das schrille Geräusch im Haus abmildern.

Wieder würde er eine Nachricht überbringen, die Trauer, Entsetzen und Tränen über eine ganze Familie schwappte.

Maja Klapproth beobachtete sein Mienenspiel voller Interesse. Schüttelte fast unmerklich den Kopf. Ihrer Meinung nach ließ der Kollege all die beruflichen Dinge viel zu nah an sich heran. Inzwischen wusste sie allerdings, dass er das anders sah. Er nannte es »empathisches Denken«.

Sie warteten.

Wortlos.

Regungslos.

Beiden stand das Bild des Toten in der Schaufel deutlich vor Augen. Wollte so gar nicht zu der Idylle des Gartens vor der Tür passen.

Aus dem Haus war Kinderlachen zu hören.

»Nein, das ist natürlich nicht der Weihnachtsmann«, wusste die ältere der Schwestern, »der kommt doch nicht im Sommer!«

»Na und?«, gab die andere schlagfertig zurück, »Mama hat gesagt, nach Ostern beginnt die Vorweihnachtszeit!« Offensichtlich war sie nicht leicht zu beirren.

»Kinder, hört auf zu zanken. Es hat geklingelt! Macht mal die Tür auf!«, rief die Mutter aus dem Obergeschoss.

»Jaha!«, antworteten die Schwestern unisono.

»Was wollen Sie denn schon wieder hier?«, erkundigte sich die Kleine überrascht, was ihr einen rüden Stoß der großen Schwester einbrachte.

»Wir möchten mit eurer Mama sprechen. Lasst ihr uns bitte rein?«

Die Schwestern nickten unsicher.

Während die Kleine die Treppe nach oben polterte und »Mama! Mama! Das sind die beiden von gestern!«, rief, bot die Ältere den Besuchern einen Platz am Küchentisch an.

»Ich sehe mal nach, wo sie ist. Vielleicht hat sie uns nicht gehört.«

»Deine Schwester wird sie finden. Ich gehe nicht davon aus, dass sie sich vor uns versteckt.« Klapproths Ton war schroff, ihre Miene abweisend.

Über ihren Köpfen patschten Schritte durch Räume. »Mama?«

»Fällt heute die Schule aus?«, erkundigte sich Klapproth bei der Großen, die sich wieder zu den Gästen umwandte. »Wie heißt du eigentlich?«

»Das sind gleich zwei Fragen auf einmal«, stellte das Mädchen fest. »Meine Mutter meint, es sei klüger, erst die Antwort auf die erste abzuwarten, bevor man die zweite stellt. Sonst verwirrt man den Gefragten.«

»Okay, dann möchte ich zuerst deinen Namen wissen.« Altkluges Gör, dachte Maja gereizt, versuchte, sich den Ärger nicht anmerken zu lassen.

»Luise. Meine Schwester heißt Paula. Und wir dürfen heute zu Hause bleiben. Mama hat in der Schule angerufen.« Luise warf einen sehnsüchtigen Blick Richtung Treppe.

»Schon gut, Luise. Das weiß Herr Nachtigall sicher schon.« Frau Stein umklammerte das Geländer, die Knöchel traten weiß hervor.

»Woher?«

»Herr Nachtigall sucht nach Papa. Ihr wisst ja, dass er nicht hier ist. Und du gehst bitte rauf zu Paula. Ihr dürft euch ein Video ansehen, es läuft schon. Und keinen Streit!«

Wütend stampfte Luise davon, maulte hörbar: »Immer, wenn es interessant wird!«

Im Blick von Doreen Stein lag ängstliche Gewissheit, gepaart mit der Hoffnung, sie könne sich irren.

»Sie haben ihn gefunden?«, erkundigte sie sich leise im Näherkommen, schwankte erkennbar.

»Ja. Heute Morgen. Es tut uns sehr leid, aber …«

Doreen hob abwehrend die Hände gegen den Sprecher. »Schon gut. Wo?«, hauchte sie.

»Im Tagebau … Er lag in der Schaufel eines Baggers, der die Erdschicht entfernt. Die Todesursache ist noch unbekannt.«

Doreen fiel auf einen der Stühle. Zitterte. Am ganzen Körper.

»In einer Schaufel? Aber dann muss mindestens eine weitere Person involviert gewesen sein. Sie glauben doch nicht, mein Mann habe sich da allein reingelegt.«

»Nein, das glauben wir nicht. Das ist auch technisch gar nicht möglich – ganz abgesehen davon, dass es unwahrscheinlich ist«, stellte Klapproth klar. »Wir gehen von einem Unfall oder einem Tötungsdelikt aus.«

Doreen nickte langsam, so vorsichtig, als habe sie Angst, der Kopf könne sich sonst vom Körper lösen.

»Wir benötigen ein paar Angaben von Ihnen, damit wir …«, begann Nachtigall, wurde von der Witwe unterbrochen.

»Ja. Natürlich. Logisch. Sie wollen sofort mit den Ermittlungen beginnen. Am besten fragen Sie im Büro nach seinen letzten beruflichen Terminen und im Parteibüro ebenfalls. Und«, sie zögerte auffällig, »bei seiner Mutter. Mag sein, dass er ihr bei seinem letzten Besuch erzählt hat, er fühle sich bedroht oder Ähnliches.«

»Wie erreichen wir seine Mutter?«

»Sie wohnt in einem Seniorenstift. Ich suche Ihnen die Nummer raus.« Sie griff nach ihrem Handy, präsentierte nach kurzem Scrollen den Eintrag im Adressbuch. »Ich habe sie bei mir gespeichert. Patrick hatte die Nummer nie parat, wenn er sie brauchte. Irgendwie hat er den Kontakt wohl immer versehentlich am Ende des Telefonats gelöscht. Muss was Psychopathologisches gewesen sein. Offensichtlich wollte er sein Handy vor zu viel Nähe mit seiner Mutter schützen.« Tränen schwappten über den Lidrand, kullerten über die schmalen Wangen. Hektisch fischte Doreen nach einem Taschentuch, wischte energisch über ihr Gesicht. »Wenigstens kann keine Schminke verlaufen. Sieht ja grässlich aus, wenn Mascara sich über und über verteilt. Aber soweit war ich heute noch gar nicht gekommen.«

Nachtigall zuckte bei diesem Kommentar merklich zusammen, was die Witwe offensichtlich nicht bemerkte.

»Gibt es Freunde, die etwas wissen könnten?« Klapproth übernahm wieder.

»Vielleicht bei der Partei.«

»Der Staatsschutz ist an den Ermittlungen beteiligt. Bei den Kollegen, die in dem Fall nachforschen, fragen wir nach.«

»Die Leute sind nervös. Gereizt. Das Thema Kohleausstieg treibt ganze Familien um. Manche glauben, diese Entscheidung treibe sie in den persönlichen Ruin, und die Grünen mit ihren Forderungen nach immer schnellerem und früherem Ausstieg trügen die Schuld daran. Patrick hat versucht, den Menschen zu erklären, dass es eine Umkehr im Denken und Handeln eines Jeden geben muss, damit der Klimawandel aufgehalten werden kann. Aber es ist schwierig. Es gibt ja auch eine Partei, die vehement leugnet, dass der Mensch mit den Veränderungen etwas zu tun hat. Wenn sich nicht einmal die Politiker einig sind, sehen die Menschen nicht ein, dass sie eine Neuorientierung privat und beruflich hinnehmen sollen. Seit dem Mord an Dr. Lübke sind alle besorgt. Es spricht nur keiner gern darüber.«

»Aber hier in der Region wurde Ihr Mann für den Kohleausstieg persönlich verantwortlich gemacht?«

»Nun ja … Wenn man so will, war er wohl das Gesicht der Energiewende in der Region.« Sie schwieg abrupt. Ihre bebenden Finger strichen über die Haare, flatterten um die Lippen, fuhren durchs Gesicht. »Wie soll ich das bloß den Mädchen erklären?«

»Können wir jemanden anrufen, der zu Ihnen kommt? Sie sollten jetzt besser nicht allein sein.« Nachtigall warf Frau Stein einen besorgten Blick zu. »Wir haben ein sehr kompetentes Kriseninterventions-Team.«

Klapproth machte dem Kollegen ein Zeichen und verließ das Haus, um zu telefonieren.

Frau Stein fixierte die Augen des Cottbuser Hauptkommissars kalt. »Wir brauchen niemanden. Wir kommen klar«, behauptete sie mit wankender Stimme trotzig und warf den Kopf zurück.

»Möglicherweise wäre es eine gute Idee, die Mädchen zu Bekannten oder Freunden zu bringen, bevor das Team des Erkennungsdienstes hier herumstöbert. Für Kinder kann so etwas sehr verstörend sein.«

»Was will denn der Erkennungsdienst … ach so, Laptop, Kalender, Notizen. Das Handy haben Ihre Kollegen ja schon, alles andere finden Ihre Leute in seinem Arbeitszimmer.«

»Sein Adressbuch würde ich gern sofort mitnehmen, ebenso den Kalender.«

Doreen deutete auf eine Kommode. »Dort drinnen, oberste Schublade, linke Ecke. Alles andere ist in seinem Arbeitszimmer. Patrick war sehr ordentlich, fast schon zwanghaft. Es wird alles dort liegen, wo Ihr Team es vermutet.«

Nachtigall hielt einen lang gestreckten Wochenkalender und ein schmales schwarzes Büchlein hoch.

Die Witwe nickte.

Klapproth kehrte zu Nachtigall zurück.

»Sein Bruder Eric van Worten wohnt nur zwei Häuser weiter! Warum haben Sie das weder gestern Abend noch heute auch nur einmal erwähnt?«, fragte sie in aggressivem Ton, der ihr einen mahnenden Blick des Kollegen eintrug.

Doreen schüttelte stumm den Kopf. Abwehrend.

»Vielleicht hat er etwas bemerkt. Einen Verfolger zum Beispiel«, schob Nachtigall sanfter nach.

»Und warum Eric van Worten und nicht Eric Stein?«, wollte Klapproth wissen.

»Eric! Van Worten ist sein Pseudonym. Er ist Lyriker. Und bemerkt hat er sicher nichts. Eric hat einen Vogel und gut! Mehr muss man dazu nicht sagen.«

Die Ermittler warfen sich in stillem Einverständnis einen kurzen Blick zu.

Es wäre wohl besser, die Witwe nicht weiter zu behelligen.

»Unsere Nummern haben Sie. Sollten Sie Hilfe benötigen oder Ihnen etwas Wichtiges einfallen, melden Sie sich bitte sofort bei uns. Wir brechen jetzt auf.«

»Können Sie mir bitte die Mädchen schicken? Besser, sie erfahren gleich von mir, was passiert ist, als später von irgendwelchen mitfühlenden Nachbarn, die die Fakten nur aus den Nachrichten kennen.«

»Ich warte im Auto«, erklärte Maja entschieden und nahm dem Kollegen Kalender und Adressbuch ab. »Kinder sind nicht mein Ding!«

Nachtigall ging über die Treppe ins Obergeschoss.

Hinter einer der Türen hörte er laute Stimmen. Ah, das Video!, fiel ihm wieder ein. Er klopfte sanft an, öffnete die Tür einen Spaltbreit.

Vier fragende Augen tobten über sein Gesicht.

»Wir dürfen das ansehen! Mama hat es erlaubt!«

»Ja. Ich habe das gehört. Aber nun möchte eure Mutter, dass ich euch zu ihr hinunterschicke. Sie möchte etwas Wichtiges mit euch besprechen. Man kann doch sicher irgendwo auf Pause schalten?«

Als er leise das Haus verließ, hörte er Frau Stein sagen: »So, meine beiden, wir haben etwas zu besprechen. Ihr müsst mir gut zuhören …«

Er beneidete die Mutter nicht um diese Aufgabe, huschte nach draußen, zog die Tür geräuschlos hinter sich zu.

7

Eric trällerte fröhlich.

Er war schon immer ein großer Fan von Queen.

Eigentlich seit dem Moment, in dem er zum ersten Mal Musik bewusst gehört hatte.

Deshalb lief bei ihm grundsätzlich den ganzen Tag über gute Musik seiner Lieblingsband – nicht dieses seichte Gedudel, auf das seine Schwägerin so stand. Klar, sphärisch war seltsam entspannend. Aber die Musik von Queen war eine mit Anspruch! Einem echten Anliegen! Musik ohne Text war seiner Meinung nach eben nur Musik. Die Aussage Interpretationssache. Wie schon bei den klassischen Stücken, Sinfonien, Fugen, Tänzen. Der Hörer brauchte eine schriftliche Begleitanalyse, um sie herauszufiltern.

Queen dagegen: deutlich, kraftvoll, unmissverständlich.

So wie Erics eigene Texte.

Freddy sah das genauso.

Er wippte im Rhythmus mit, machte einen sehr zufriedenen Eindruck.

Eric schnippelte Gemüse und Obst fürs zweite Frühstück.

Eine Tradition, die ihnen beiden gefiel. Und gesund war das Ganze auch.

Als er am Fenster vorbeikam, spiegelte sich sein Gesicht in der Scheibe, und er zuckte unwillkürlich zurück.

Ja, dieses Gesicht war gewöhnungsbedürftig.

Schon in der Schule hatte es ihm nur Probleme und Hänseleien eingebracht. Prügel auf dem Heimweg waren normal.

Heute würde man sagen er sei gemobbt worden.

Die eine Hälfte des Gesichts hatte nichts mit der anderen gemein. Während die rechte ganz passabel aussah, war die linke gröber, sprang hervor. Das Auge auf dieser Seite war glubschig, quoll dem Betrachter entgegen, weit aufgerissen, als sei das Oberlid zu kurz, um es zu bedecken. Und die Pupille war fehlfarben. Also zumindest dann, wenn man davon ausging, dass zwei Augen in einem Gesicht dieselbe Farbe haben sollten. Das normale Auge war blau, das glubschige fast orange und es starrte selbst Eric aus spiegelnden Flächen an wie das Auge eines Fremden, das sich in sein Leben biss und darin herumspionierte, sich an seinen Fehlern ergötzte und triumphierte, wenn etwas gründlich misslang. Früher hatte er versucht, es mit einer Tolle zu verdecken. Doch das war sinnlos. Er spürte sein Starren zu jeder Zeit, durch die Locken, durch eine tiefgezogene Mütze, durch eine Augenklappe. Es war ein Alien in seinem Körper.

Schnell sah er zur Seite.

Diesem Blick konnte niemand lange standhalten.

Nur Freddy hatte kein Problem damit.

Als es klingelte, warfen sie sich einen schnellen Blick zu, Eric legte seinen Zeigefinger über die Lippen, Freddy nickte verstehend, und so beschlossen die beiden, dass sie nicht zu Hause waren. Störungen um diese heilige Zeit des Tages waren unerwünscht.

Wenn man etwas Wichtiges von ihnen wollte, würde der Klingler sich später noch einmal herbemühen müssen.

Nach schnellem Seitenblick, der ihr gegenseitiges Einverständnis besiegelte, schnitt Eric ein Stück Birne klein.

Damit war die Angelegenheit beendet.

Waren die beiden überzeugt.

Doch unerwartet fiel ein spektakulärer Schatten auf den Tisch!

Erschrocken wandten Eric und Freddy sich zur Terrasse um.

Erstarrten!

Dort stand ein riesiger schwarzer Mann!

8

Fabian Klapproth, Majas Bruder, besprach mit seinem Freund und Betreuer die letzten Details ihres Ausflugs.

»Und was genau ist dieser Drehpunkt Göritz?«

»Eine Art Wendepunkt für die großen Bagger in der Kohle. Um diesen Punkt herum drehten sich die riesigen Kohleförderanlagen. Im Grunde ist es ein Industriedenkmal. Es wird als Restaurant betrieben, man kann die Räume für Feierlichkeiten oder Vorträge mieten.«

»Wie heute Abend! Ich bin schon sehr gespannt. Es werden Welten aufeinanderprallen – und erfahrungsgemäß geht das nicht ohne Beschädigungen auf allen Seiten ab.« Fabian rieb sich erwartungsfroh die Hände. »Menschengucken! Wunderbar!«

»Ein Informations- und Diskussionsabend zum Thema ›Wölfe in der Lausitz‹. Verspricht knisternd zu werden. Aber du musst mir versprechen, dass wir gehen, bevor der ganze Saal explodiert. Sonst fahren wir besser nicht hin.« Das klang ehrlich besorgt.

Fabian war kein Freund solcher Festlegungen. »Ich sitze im Rollstuhl! Mein Bewegungsradius ist eingeschränkt. Und jetzt soll ich schon im Vorfeld der Informationsveranstaltung meine ohnehin sehr überschaubare Freiheit beschneiden und sagen, okay, wenn die Lautstärke Punkt 6 auf deiner Skala überschreitet, gehen wir auf jeden Fall? Dann kriege ich nicht mit, was sie besprechen, nachdem sie sich abgekühlt haben!«

»Wenn wir in eine Wirtshausschlägerei geraten, haben wir beide schlechte Karten«, mahnte der andere, grinste aber breit. »Wir schau’n mal, wie sich das Ganze entwickelt.«

»Die wollen sicher Druck machen, um den Wolf abschießen zu dürfen. In der Lausitzer Rundschau war neulich ein toller Artikel zu dem Themenkomplex.«

»Ja, genau. Da hat man in einem Artikel mal wichtige Details zusammengefasst. Und dabei wurde eben auch deutlich, dass die Wölfe durch potente Zäune gut von den Herden ferngehalten werden können. Man muss sie halt nur aufbauen! Und die Zahlung der Entschädigungen funktioniert auch reibungslos, wenn doch mal einer in eine Herde eindringen kann. Im Grunde verstehe ich die Aufregung gar nicht.«

Fabian griff zu seinem Handy. »Na, daran wird der heutige Abend etwas ändern. Wir müssen nur gut zuhören, dann begreifen wir besser, worum sich der ganze Wolfs-Zoff dreht. Muss aber die große Schwester informieren. Wenn sie uns nicht zu Hause antrifft, wird sie gleich wieder nervös. Im schlimmsten Fall telefoniert sie hinter uns her!«

9

Freddy ruckte aufgeregt mit dem Kopf, als der Riese gegen die Scheibe klopfte.

Totstellen war zwecklos.

Misstrauisch trat Eric an die gläserne Wand.

Der große Mann drückte einen Ausweis von außen dagegen, wartete geduldig, bis der andere alles entziffert hatte.

Zögernd schob Eric die Tür auf. »Was zum Henker will die Kriminalpolizei von uns?«

»Wir«, damit deutete Nachtigall auf die Kollegin, die urplötzlich hinter ihm aufgetaucht war, »möchten Ihnen ein paar Fragen zu Patrick Stein, Ihrem Nachbarn, stellen.«

Eric ließ die beiden eintreten.

»Aha. Ich denke, der ist verschwunden, oder?«

»Sie pflegen einen gutnachbarschaftlichen Kontakt?«, bohrte Nachtigall tiefer.

»Wie es halt mit Nachbarn so ist. Man kennt sich, und auch wieder nicht. Hinter die Stirn der anderen kann man nun mal nicht gucken – also muss man glauben, was man hört.«

»Er war Ihnen suspekt«, konstatierte Klapproth und versuchte, nonverbalen Kontakt zu Freddy aufzunehmen. Doch der war mindestens ebenso zurückhaltend wie sein Mitbewohner. »Brüder sind eben auch nur andere oder gar vollkommen fremde Menschen.«

Eric sah erstaunt auf. »Genau. Die meisten Leute verstehen das nicht. Nur, weil man zufällig verwandt ist, muss man sich doch nicht automatisch sympathisch sein! Wir haben uns unsere familiäre Beziehung schließlich nicht ausgesucht. Wurden nicht gefragt, hatten kein Mitspracherecht.« Er kniff die Augen zusammen, ein frettchenhafter Ausdruck flog über sein Gesicht. »Ha! Sie haben auch eine schwierige Geschwisterbeziehung!«

»Dennoch war das Verhältnis zu ihm und seiner Familie entspannt?« Nachtigall ließ nicht locker.

Eric wand sich sichtbar. Brachte eine Armlänge Abstand zwischen sich und die Arbeitsplatte, um genug Raum zu gewinnen.

»Nein, das so zu behaupten, wäre ein großer Fehler. Lyriker. Ein Mann, der sonderbare Texte schreibt. Doreen konnte mich vom ersten Blick an nicht leiden – die Kinder halten mich für einen harmlosen Spinner und bleiben auf Distanz, weil man bei Typen wie mir ja nie genau weiß …« Er lachte bitter. »Die halten mich für gaga.«

»War Patrick gestern Abend bei Ihnen?«

»Gestern nicht.«

»Wissen Sie das genau?« Klapproth behielt fasziniert Freddy im Blick.

»Ja. Selbstverständlich bin ich mir in diesem Punkt sicher, ich mag sonderbar sein, aber nicht dement. Ich dachte, wir könnten uns ein bisschen unterhalten. Politik, Alltag. Patrick war, äh ist kein Freund meiner Arbeit, nur ein genetischer Bruder. Schicksal eben. Freddy und ich haben eine ganze Weile auf ihn gewartet. Irgendwann war klar, dass er Laufen gegangen sein musste. Na, und viel später rief Doreen an, fragte nach, ob er bei mir sei, ich ihn gesprochen hätte. Knapp und unfreundlich. Wie immer eben.« Er hob die geöffneten Handflächen in Richtung Decke.

»Gern bekommen Sie nicht Besuch«, stellte Maja Klapproth trocken fest.

»Wir bleiben lieber unter uns, Freddy und ich. Wir sind uns selbst genug.«

»Gab es jemanden, mit dem Patrick enger befreundet war?«

»Das hoffe ich sehr für ihn! Jeder Mensch braucht einen Artgenossen, einen Seelenverwandten, mit dem er sich offen über alles austauschen kann. Doreen kam dafür nicht in Betracht, und ich bin für manche Themengebiete ein zu unerfahrener Gesprächspartner oder gar Ratgeber. Er muss eine Vertrauensperson gehabt haben.«

»Wie bei Ihnen und Freddy?«

»Ähnlich! Ja. Besonders dann, wenn man mit Doreen verheiratet ist.«

»Aber einen Namen haben Sie nicht für uns?«

Bedauernd hob Eric die Schulter.

»Haben Sie ihn noch nicht gefunden? Patrick ist keiner, der Unordnung in seinem Leben dulden kann. Es wäre absolut untypisch für ihn, einfach durchzubrennen.«

»Es entspräche nicht seinem Charakter? Soll ich das so verstehen, dass er Konflikten nicht ausweicht, sondern die Situation klärt?«, wollte Nachtigall wissen.

»Ja. So in der Art.«

Sprachlosigkeit zog ein.

Dehnte sich zu gefühlter Unendlichkeit.

»Okay«, seufzte Eric schließlich, als fürchte er, auf Dauer ohne Stimme zu bleiben. »Er hätte wenigstens mich eingeweiht, wenn er plante, die Familie zu verlassen. Um genau so eine Situation wie diese zu vermeiden!«, erklärte er unnötig laut, was ihm einen missmutigen Seitenblick von Freddy eintrug. »Er ist kein Freund von Unklarheiten. Seine Tage sind eng getaktet, perfekt durchstrukturiert. Er funktioniert wie ein Uhrwerk, nennt es Disziplin im Alltag. In Wahrheit verbirgt er dahinter nur seine Panik vor Überraschungen, Dingen, auf die man eine spontane, gute Antwort geben muss. So was war ihm von jeher verhasst.«

»Wussten Sie von den Morddrohungen?«, wechselte Klapproth ansatzlos das Thema.

»Ja. Drohmails und so ein krudes Zeug. Er hat mir davon erzählt.«

»Diese Drohungen – ob nun per Mail oder Post – haben ihn doch sicher verunsichert.« Nachtigall warf Maja einen warnenden Blick zu, der immerhin bewirkte, dass sie die Antwort des Bruders abwartete.

»Nun, wen würde so etwas nicht beschäftigen? Aber wirklich besorgt war Patrick nicht deswegen. Er meinte, er sei schließlich kein Einzelfall. Viele Politiker bekämen solche Mails. Er wollte sich nicht einmal an die Polizei wenden! Das verschaffe dem Absender nur eine Bühne, die er nicht verdiene.« Man konnte deutlich sehen, dass Eric diese Auffassung nicht teilte. Eine ungesunde Röte breitete sich über Hals und Wangen aus.

»Hat er Ihnen gegenüber mal geäußert, wen er als Absender vermutet?« Nachtigall zögerte einen Moment und schob schließlich eine »Kurzfassung« seiner Frage nach. »Hat der ›Feind‹ einen Namen?«

»Direkt nicht. Sie wissen ja, die Absender sind lauter Fakenames. Heute schreibt keiner mehr Heinz Schulz, Hopfenweg unter solch einen Text.«

»Ja, das ist sicher wahr. Aber er wird doch eine Vermutung gehabt haben.« Nachtigall zeigte sich hartleibig.

»Aktivisten einer selbst ernannten Umweltschutzorganisation, denen die Sache mit dem Kohleausstieg zu lange dauert, Autofahrer, die seiner Partei die CO2-Bepreisung übel nehmen, Menschen, die ohne Scham in Urlaub fliegen wollen, eine Kreuzfahrt genießen möchten – ohne ständig mit der Nase in den eigenen CO2-Abdruck gestoßen zu werden. Es gibt Menschen, die ihr Auto nicht gegen ein Fahrrad tauschen wollen. Einige können es auch gar nicht. Wir leben in einer politisch gewollten Mobilitätsgesellschaft. Daran haben wir uns gewöhnt. Nun soll sich an der Art der Mobilität vieles ändern. Das wird nicht von jetzt auf gleich gelingen, manche möchten ihren alten Trott gern beibehalten, andere freuen sich über invasive Maßnahmen zum Klimaschutz.« Eric räusperte sich, zuckte mit den Schultern. »Und wir haben noch immer keine Klarheit über die Maßnahmen, die im Rahmen des Ausstiegs getroffen werden sollen. Wer bekommt wie viel Geld und wofür? Das verunsichert die Menschen. Viele befürchten, die finanzielle Förderung des Ausstiegs würde nur in den Kassen der großen Konzerne verschwinden, die sich damit gesundstoßen. Die Angst grassiert, der kleine Mann sei am Ende mal wieder der Dumme. Unzufriedene gibt es auf allen Seiten.« Eric musterte den Cottbuser Hauptkommissar nachdenklich. »Mein Bruder wurde entführt?«

»Nein.« Der Cottbuser Hauptkommissar atmete tief durch. »Es tut uns sehr leid, aber wir haben vor wenigen Stunden seine Leiche aus dem Tagebau geborgen.« Nachtigall wartete still, bis diese Nachricht das Denken des jungen Mannes erreicht hatte. Setzte dann nach. »Wir müssen von einem Tötungsdelikt ausgehen.«

»Tot?« Eric schüttelte den Kopf. »Doch nicht Patrick. Sterben gehörte sicher nicht zu seiner aktuellen Planung der Woche!«

10

»Fahren wir zum Büro der Partei. Vielleicht kann uns dort jemand mehr über das Opfer erzählen als nur: Er war ordentlich, gewissenhaft und bestens organisiert.« Nachtigall konnte man den Ärger deutlich anhören. »Ist doch ziemlich traurig, wenn nach dem Tod eines Menschen nur solche Aussagen getroffen werden können. Unpersönlich, seltsam losgelöst von Persönlichkeit und gelebtem Alltag. Wenn ich sterbe, würde ich mir jedenfalls wünschen, dass man mehr über mich zu sagen weiß als: Er war ein guter Ermittler.«

Maja nickte. »Ich verstehe, was du meinst. Patrick Stein wird reduziert auf sein politisches Engagement und seine beruflichen Angelegenheiten. Vom privaten Patrick haben weder seine Frau noch sein Bruder ein Wort erwähnt. Bisher ist er ziemlich konturlos.«

»Nun, das werden wir jetzt ändern!«

»Ach, Mist!« Maja zuckte erschrocken zusammen, hieb sich mit der Faust auf den Oberschenkel. »Beinahe hätte ich den Termin bei den Kollegen versäumt. Wenn du mich bitte am Büro absetzen würdest … Mit ein bisschen Glück ist die Sache nach diesem Gespräch endlich vom Tisch.«

»Deine Zeugenaussage in dem Doppelmord am Gräbendorfer See? Gut. Dann setze ich dich ab und fahre zum Parteibüro.«

Maja rutschte auf dem Besucherstuhl hin und her.

Wenn du nicht die Kontrolle verlieren möchtest, wirst du dich am Riemen reißen müssen, meldete sich ihre innere Stimme mahnend. Dennoch wurden ihre Hände feucht.

Sie wischte die Innenflächen an ihrer Jeans ab.

Sinnlos.

Energische Schritte näherten sich über den Gang.

Majas Puls beschleunigte sich, ihre Atemfrequenz stieg.

Das ist lächerlich, wusste ihr Denken.

Abschalten ließ sich das Reaktionsmuster dennoch nicht.

Sie saß schlicht auf der falschen Seite des Tisches!

Ein hartes Klopfen an der Tür, die unmittelbar danach aufgerissen wurde.

»Hallo, Maja. Schön, dass du es geschafft hast zu kommen. Immerhin steckt ihr ja auch gerade in einer brenzligen Mordermittlung.«

Der junge Kollege nickte ihr zu.

Einen Handschlag wollte er nicht, würde also auch ihre schweißigen Hände nicht bemerken. Offensichtlich war der Kollege ihr gegenüber nicht misstrauisch oder verzichtete generell auf wichtige Informationen über seine geladenen Gesprächspartner. Feuchte Hände und schneller Puls … sollten einen Ermittler interessieren.

»Ich will dir nicht sinnlos deine Zeit rauben. Es geht um ein paar Fragen am Rande der Ermittlung, die wir als beantwortet abhaken möchten.«

Maja nickte zurückhaltend. »Mich beschäftigt die Sache auch«, räumte sie ein.

»Kann ich mir vorstellen. Passiert nicht alle Tage, dass man als Ermittler so unmittelbar in einen Fall verwickelt wird.«

Mitgefühl schwang unter den Worten Jannik Peters hörbar mit.

»Nun, wir wissen, dass der Täter die beiden Opfer als Paar auf dem Dach dieses schwimmenden Hauses arrangiert hatte. Floating House, heißen diese Hausboote korrekt. Die beiden Getöteten kannten sich nicht. Wir haben intensiv nach zufälligen oder anderen Verbindungen gesucht, aber keine gefunden. Beide waren alleinstehend, ohne jeden familiären Anhang mit überschaubarem Freundeskreis. Beider Aktionsradius war beschränkt. Er wohnte in Berlin, trieb Sport in einem Studio. Sie lebte in Senftenberg und besuchte gern die Bühne dort und häufig auch das Staatstheater in Cottbus. Die Tatsache, dass ein Foto von Blumen in einer Vase am Tatort gefunden wurde, verbindet allerdings den Täter mit dir! Denn die Vase war leer, die Blumen hatte jemand auf deinen Fußabtreter gelegt.«

»Ja. Mit einem Zettel dran, auf dem Maja stand. Das wissen wir doch alles schon! Ganz besondere Blumen, sehr spezielle Züchtungen, nehme ich an. Konntet ihr nicht herausfinden, wo er die gekauft hat? Solch besondere Blüten bekommt man sicher nicht in jedem Blumenladen.«

»Leider konnten wir das Geschäft bisher nicht ermitteln. Tatsache ist, dass der Täter sie ja gar nicht in Cottbus gekauft haben muss. Vielleicht in Berlin? Wir sind dran. Interessanter ist die Frage, woher der Täter deinen Vornamen kannte. Auf dem Klingelschild steht er nicht.«

»Tja, ich weiß es nicht! Im Haus habe ich bisher nur Kontakt zu meinem Bruder. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten fördern nicht gerade Beziehungen zur Nachbarschaft.« Maja merkte ein Auflodern der Aggressivität, die sie eigentlich unterdrücken wollte, atmete tief durch. Unauffällig. Schließlich ging ihre tatsächliche emotionale Beteiligung an diesem Fall den Kollegen nichts an. »Der Täter hat mich durch das Ablegen der Blumen in seinen Doppelmord involviert. Das war absichtsvolles Handeln. Entweder kennt er mich tatsächlich oder hat zufällig meinen Namen gehört, weil er Zeuge eines Gesprächs zwischen mir und Fabian war. Darüber haben wir ebenfalls schon gesprochen.«

»Ja, das haben wir geklärt. Es gibt allerdings eine weitere interessante Möglichkeit: Es könnte sich um jemanden aus deiner Kölner Zeit handeln.«

Maja seufzte tief. Das war ja zu erwarten, dachte sie. Irgendein Idiot, der sich für ihre Ermittlungen rächen wollte. »Habt ihr jemanden feststellen können, der vielleicht so einen Plan haben würde?«

»Ja. Tatsächlich gibt es nach unseren Recherchen mindestens fünf Verurteilte, die dir gedroht haben, dich dein Leben lang zu verfolgen, sich grausam an dir zu rächen und so weiter.«

»Die habt ihr sicher überprüft. Alle konnten ein Alibi präsentieren. Und nun soll ich gründlich nachdenken?«

»So ungefähr – ja.«

Maja verzog das Gesicht. »Hausaufgaben für die Kollegin? Als ob ich nicht selbst ohnehin die ganze Zeit darüber nachdächte! Das ist doch die erste Frage, die man sich stellt: Hat das Ganze wirklich mit mir zu tun? Bin ich nur zufällig verwickelt worden, weil ich neu in der Stadt bin? Eine Zugezogene?« Sie stand so schwungvoll auf, dass sie den Stuhl umriss. »Wäre mir jemand eingefallen, wüsstest du davon. Und ja, mein Bruder fühlt sich beobachtet, seit wir umgezogen sind. Aber auch er hat keine Idee, wer es sein könnte – oder ob der Überwacher überhaupt existiert. Er hält es für möglich, dass er ein Hirngespinst ist, nur ein diffuses Gefühl. So. Und jetzt gehe ich zurück zu unserem eigenen Fall.«

Damit stakste sie steif davon.

Zurück blieben ein ratloser Kollege und ein umgestürzter Stuhl.

Peter Nachtigall parkte ein Stück entfernt vom Parteibüro auf dem Parkplatz vor der Kammerbühne.

Er brauchte frische Luft.

Bis zur Breitscheidstraße war es nicht weit. Und außerdem regte Laufen das Denken an.

Konnte auf keinen Fall schaden, dachte er zufrieden.

»Guten Morgen«, begrüßte ihn die junge Frau, hielt ihm die Tür auf, lud ihn mit einer Geste ein, hineinzukommen. »Ich bin Kati Brauner. Kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ja, mein Name ist Peter Nachtigall, Kriminalpolizei Cottbus. Ich hätte gern ein paar Informationen über die Drohmails, die Ihr Parteifreund Patrick Stein bekommen hat.« Der Ausweis wurde kurz in Augenschein genommen. Das strahlende Lächeln vertrocknete zusehends.

»Kommen Sie bitte mit.«

Nachtigall folgte dem wippenden Pferdeschwanz.

»Warum kommen Sie ausgerechnet jetzt? Es wäre besser gewesen, Sie hätten Ihren Besuch mit Patrick abgesprochen. Er ist nämlich heute nicht hier, es ist mir unangenehm, Sie an seinem Rechner stöbern zu lassen, ganz ohne seine Zustimmung. Und vielleicht auch ohne sein Wissen? Brauchen Sie für so etwas nicht einen Beschluss?«

Der Cottbuser Hauptkommissar seufzte innerlich. Er hatte eigentlich nicht mit dem Tod ins Haus fallen wollen, kämpfte selbst noch gegen das Bild an, das ihm lebhaft vor Augen stand. Die Hand des Familienvaters, die unheilvoll über den Rand der Schaufel … Als winke er weitere Katastrophen heran. Und Zeugen waren nach einer solchen Eröffnung häufig zu sehr aufgewühlt, um noch sachdienliche Hinweise geben zu können. Aber nun blieb ihm keine andere Wahl.

»Es tut mir leid, aber wir wurden eingeschaltet, weil Herr Stein wahrscheinlich einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen ist. Alle Hinweise sind von größter Bedeutung.«

»Patrick?«, fragte Kati schrill. »Tötungsdelikt? Sie sprechen von Mord?«

»Wir ermitteln in alle Richtungen. Ich kann mir vorstellen, dass das für Sie ein großer Schock ist. Vielleicht setzen Sie sich einen Moment«, murmelte Nachtigall und schob die junge Frau vorsichtig in Richtung Besucherecke, platzierte sie auf einer giftgrünen Couch.

»Tötungsdelikt. Mord?«, wiederholte die junge Frau leise. »Ausgerechnet Patrick? Das kann ich nicht glauben.«

»Wir wissen noch nicht, wie er gestorben ist, können zum jetzigen Zeitpunkt nichts ausschließen. Er ist gestern Nachmittag zum Laufen aufgebrochen. Wussten Sie, dass er das geplant hatte?« Der sanfte Ton schien Kati etwas zu beruhigen.

»Ja. Alle wussten das. Er legte die Termine fest – und jeder wusste, dass er die Sache mit dem sportlichen Engagement sehr ernst nahm. Noch.«

»Er hielt nicht lange durch? Das kenne ich aus eigener Erfahrung.«

»Die Ziele waren zu hochgesteckt. Sie wissen schon: nicht operationalisiert. Man kann niemals aus dem Nichts heraus ein toller Läufer werden. Das muss sich entwickeln. Es war der sechste Anlauf, seit ich ihn kenne. Und das sind nun immerhin schon vier Jahre.«

»Lief er immer zur selben Zeit, eine gewohnte Strecke?«

»Nein. Das funktioniert in dieser Kombination aus seinem Job und politischem Engagement nicht. Aber was hat das mit seiner Ermordung zu tun?«

»Nun, er brach zum Laufen auf, kehrte aber nicht zurück. Ist es denkbar, dass er nach dem Training noch ein Treffen hatte?«

Kati schwankte ein wenig beim Aufstehen, hielt sich tapfer aufrecht und ging langsam auf den Schreibtisch zu. »Es gibt einen Kalender. Moment … Nein, hier ist kein Eintrag für gestern. Ich checke den Computer.«

»Nein, bitte starten sie ihn nicht! Die Kollegen nehmen ihn später mit. Ich brauche nur das Kennwort, damit die Kollegen barrierefreien Zugang haben. Ein Team des Erkennungsdienstes ist auf dem Weg. Wir werden ebenfalls einige der Akten mitnehmen müssen.«

»Gut. Ich hoffe, Patrick hat alle wichtigen Dinge in der Cloud abgelegt. Sonst wird die Arbeit für uns schwierig.«

Kati setzte sich wieder. Weinte leise. Nestelte ein Taschentuch aus einer Packung, knisterte diese zurück in die Gesäßtasche der Jeans.

»Hatte Patrick eine besondere Beziehung zum Tagebau? Also abgesehen von der Diskussion über die Schließungen.«

»Patrick? Ich glaube nicht. Er hat mal eine Führung mitgemacht, wusste über alle Belange der Arbeit dort bestens Bescheid, kannte die aktuellen Diskussionen, die Ängste und Besorgnisse der Menschen, die dort arbeiten. Aber an der Frage der Abschaltung gibt es nichts zu rütteln. Die kommt. Wichtig war ihm das soziale Abfedern.« Sie schnäuzte kräftig in ihr Papiertuch, wischte ein paar Tränen von den Wangen.

»Die Drohmails bezogen sich auf dieses Thema, nicht wahr?«

»Ja. Manche. Es wird dauern, bis alle begreifen, dass gehandelt werden muss, wir keine Minute mehr zu verschenken haben. Selbst Frau Merkel hat den Klimaschutz als Aufgabe zur Lebensrettung der Menschen beschrieben.«

»War er wütend, wenn er solche Mails bekam? Manche enthielten nach Aussagen seiner Frau Morddrohungen.«

»Patrick hat das schon ernst genommen, glaube ich. Wütend oder etwa besorgt war er nicht, aber oft enttäuscht. Warum begreifen die Leute nicht, dass es Einschnitte geben muss? Es ist doch inzwischen gut zu erkennen, dass das Klima sich dramatisch ändert. Gerade in der Lausitz! Seit Jahren leiden wir unter anhaltender Dürre. Daraus resultieren Ernteausfälle und Waldsterben. Wie kann man da Schadstoffausstoß auf die Formel Freie Fahrt für freie Bürger reduzieren?«

»Was für ein Mensch war Patrick Stein?«

»Ordentlich, zielstrebig, aber auch hartnäckig und in manchen Fragen unbeugsam.«

»Hm.«

»Das wissen Sie schon?« Kati schniefte, putzte wieder die Nase. »Er war ein liebevoller Vater. Wenn eines der Mädchen anrief, ließ er alles andere los, widmete sich voll dem Problem des Kindes. Sei es ein verloren gegangenes Spielzeug, ein aufgeschlagenes Knie, ein kaputtes Fahrrad. Seine Frau ist ziemlich streng mit den beiden, aber er war freundlich, zugewandt. Ich denke, sie konnten mit ihm wirklich über alles reden.« Kati schluchzte leise auf. Setzte hinzu: »Natürlich war das Training nicht nur aus gesundheitlichen Gründen für ihn wichtig, er versuchte, seine verblassende Jugend zu erhalten. Sein Gewicht sollte reduziert werden, der Körper gestrafft. Die nahende Midlife-Crisis. Er war durchaus ein echter Kumpel, eine gewisse Arroganz musste man allerdings abkönnen.«

»Er war ein sympathischer Typ?«

»Ja. Einer, auf den hundertprozentig Verlass war. Kein dummer Draufgänger, kein Angeber. Und für #metoo wäre er überhaupt nicht in Betracht gekommen. Er liebte seine Familie. Eigentlich fehlte bloß der Bobtail zum perfekten Bild.« Es entstand eine kurze Pause, dann setzte Kati patzig hinzu: »Aber Doreen steht eher auf Katzen.«

Nachtigall spürte, wie sich eine gewisse Erleichterung in seinem Denken Platz machte. Stein war also doch nicht nur ein funktionierendes Rad gewesen, sondern ein netter Vater mit dezidierten politischen Ansichten und einem fixierten Lebensentwurf.

»Haben Sie bei seinem Arbeitgeber nachgefragt? Wissen die überhaupt schon Bescheid? Ich weiß, dass er sich gestern noch auf ein wichtiges Kundengespräch vorbereiten wollte.«

Das Türsignal bezeugte die Ankunft einer weiteren Person.

»Das ist sicher Fritz.« Nach kräftigem Schnäuzen rief sie laut: »Wir sind hier in Patricks Büro!«

Wenig später wand sich ein Kopf um den Türrahmen.

Kahl geschoren, die Nase gepierct, der Hals offensichtlich bis weit unter das T-Shirt-Bündchen tätowiert.

»Hey! Wer ist denn der Besucher?«

»Kriminalpolizei.«

»Oha.«

»Darf ich vorstellen: Friederike Schultheiß, genannt Fritz, neben Patrick unser zweites bekanntes Gesicht. – Herr Nachtigall, Kriminalpolizei Cottbus.« Kati sprang aus dem Polster auf. »Patrick ist tot!«

»Ach – hat sich nun doch einer getraut? Glückwunsch!«

11

Silke Dreier erwartete die Kollegen im Büro.

Doch offenbar hatten die beiden ihre Ermittlungen im Umfeld des Opfers ausgeweitet, vergessen, sich bei ihr zu melden, damit sie Dr. März davon in Kenntnis setzen konnte.

Der stand nämlich ungeduldig seit einer gefühlten Ewigkeit in Silkes Büro.

»Was hatten Sie gesagt, machen die Kollegen gerade?«

»Wahrscheinlich befragen sie Zeugen. Frau Klapproth hat obendrein einen Termin bei den Kollegen wegen dieses Doppelmordes am Gräbendorfer See. Wenn sich die beiden problemlos melden könnten, hätten sie das ganz gewiss getan. Also sprechen sie gerade mit jemandem.«

»Frau Dreier, ich stelle mir eine funktionierende Kommunikation zwischen meinen Ermittlern anders vor.«

»Es ist nicht immer planbar.« Silke blieb diplomatisch.

Endlich hörte sie Schritte auf dem Gang.

»Da kommt Frau Klapproth. Herr Nachtigall wird sicher auch sofort hier sein.«

Als Maja eintrat, wurde sekundenschnell klar, dass sie mehr als zornig war.

»Dieser Jannik! Was stellt der sich vor, wer er ist! Ich kann doch nicht seiner Ermittlung wegen unsere eigene zum Stocken bringen. Arroganter Pinsel!«, schimpfte sie und hätte sicher einen derben, bildhaften Fluch angehängt, wäre nicht gerade in diesem Moment Dr. März in ihr Blickfeld geraten. »Oh, Dr. März. Kontrollbesuch bei der Kripo?«, entfuhr ihr unbedacht.

»Wenn Sie es so sehen wollen!«

»Na, wir sind alle am Fall dran. Peter ist zum Parteibüro gefahren. Ich musste eine Zeugenaussage beim Kollegen Peters machen. Silke hat in der Zwischenzeit die Hintergrundinformationen zu Patrick Stein zusammengetragen. Alles läuft«, formulierte Maja kurz, aber unmissverständlich giftig im Vortrag.

»Und bei mir häufen sich Anrufe zu diesem Fall. Bis heute Nachmittag brauchen wir Ergebnisse, die sich auf einer Pressekonferenz präsentieren lassen. Nach dem Mord an Walter Lübke sind die Leute sensibilisiert.«

»Das ist uns sehr bewusst. Und wir wissen inzwischen von Drohbriefen und entsprechenden Mails an das Opfer. Peter hat sicher Material und Computer bei der Partei zur Untersuchung mitnehmen lassen. Die Technik wird sich darum kümmern.«

Die Tür schwang auf und Nachtigall drängte in den nun überfüllten Raum.

»Oh, Dr. März. Warten Sie schon lange?«

»Lange genug! Wie also ist der Stand der Dinge?«

»Natürlich war man bei der Partei entsetzt. Aber alle wussten von den Drohungen, die das Opfer bekommen hat. Die Festplatte wird ausgewertet, die Briefe waren ursprünglich in Ordnern abgeheftet und gesammelt worden, wurden aber von ihm selbst vor einigen Monaten im Aktenvernichter geschreddert. Einige wurden an seine private Adresse geschickt, die hat er in der Regel sofort nach Erhalt vernichtet – nach Angaben der Ehefrau war er nicht wirklich beunruhigt«, fasste Nachtigall zusammen. »Sein Bruder hatte auch diesen Eindruck, die Mutter konnten wir noch nicht befragen. Eine Streife hat ihr die Todesnachricht überbracht. Die Kollegen meinen, sie sei sehr gefasst gewesen. Beinahe so, als habe sie damit gerechnet, dass ihm so was zustoßen könne.«

»Gut. Lassen Sie sich von Frau Dreier zum Hintergrund des Opfers briefen. Um 16 Uhr ist Pressekonferenz, und ich will Sie beide mit am Tisch haben. Dieser Todesfall beschäftigt die Menschen.«

»Wir wissen noch gar nicht, wie er zu Tode gekommen ist. Bisher fehlen uns Informationen zum Tatgeschehen – und wir können nicht ausschließen, dass er einen Unfall … Dr. Pankratz ist mit ihm beschäftigt?«, fragte Nachtigall nach. »Wir können ja nicht überall von Mord reden – und uns später korrigieren müssen. Oder umgekehrt.«

»Kümmern Sie sich um all diese Fragen – ab 16 Uhr wird man uns löchern.« Damit verließ der Staatsanwalt das Team, zog die Tür betont geräuschlos ins Schloss.

»So, nun wissen wir Bescheid.« Nachtigall grinste schief, zwinkerte den beiden anderen zu. »Was haben wir?«

»Ich habe die Konten überprüft. Das Haus in Branitz ist solide finanziert. Man hatte eigenes Kapital, der ergänzende Kredit von der Bank wird regelmäßig bedient, die Tilgung ist variabel, und so wird das geliehene Kapital schneller als erwartet zurückgezahlt, das Konto bleibt dennoch gut gefüllt. Patrick Stein hat eine größere Erbschaft gemacht, nachdem sein Vater verstorben und die Mutter zum Verkauf des Hauses bereit war. Die Brüder und die Mutter teilten den Erlös untereinander auf. Jeder ein Drittel, alles ruhig, alles fair. Das Opfer legte das Geld bei der Hausbank an, kaufte Gold, wählte risikoarme Anlagen für das Kapital. Er ist immer auf Nummer sicher gegangen. Es gab nie eine Anzeige gegen ihn. Das ist schon überraschend, wo man bei Politikern gern auf Verdacht von Steuerhinterziehung fantasiert, illegalen Nebeneinkünften, zu hohen Honoraren bei Vorträgen et cetera. Er war kein notorischer Raser, kein ewiger Falschparker. Unauffällig.«

»Passt zu dem, was man uns bisher über den Mann erzählt hat.« Klapproth kramte ihr Notizbuch aus der Jackentasche. »Zuverlässig, ordentlich, gut organisiert.«

»Da kann ich etwas ergänzen«, meinte Nachtigall. »Nach Aussage der Mitarbeiterin im Parteibüro war er ein sympathischer Mann, etwas arrogant, um seine jugendliche Ausstrahlung und die Gesundheit bemüht, ein liebender Vater und Ehemann. Einer, zu dem man immer vollstes Vertrauen haben konnte.«

»Oh weh, du hast eine junge Dame befragt? Deren Blick auf die Realität in Männerkörpern ist oft emotional vernebelt.«

»Maja! Nicht alle werden beim Anblick von Männern kritiklos«, beschwerte sich Silke. »Mein Denken bleibt klar.«

»Genau«, beendete Nachtigall entschlossen die Diskussion. »Wir sollten eine Friederike Schultheiß zu einem Gespräch herbitten. Ihr Kommentar zum Tode des Kollegen war überraschend. Endlich habe sich jemand getraut … Es interessiert mich sehr, wie sie das konkret gemeint hat.« Er nickte Silke zu, die eifrig mitschrieb.

»Klar. Ich bestelle sie ein. Soll sie heute noch …?«

Nachtigalls Handy störte.

Er warf einen Blick aufs Display. »Rechtsmedizin«, informierte er das Team knapp.

12

Dr. Pankratz schüttelte den Kopf.

So heftig, dass die OP-Haube verrutschte und sich das Licht der Lampe in seiner makellosen Glatze spiegelte.

Der zweite Obduzent unterdrückte hastig ein Lachen.

Seiner Meinung nach war die Haube auf der Glatze ohnehin sinnlos. Aber er wusste, es gab Dinge, die man besser nicht ansprach.

»Ungewöhnlich ist dieser Angriff durchaus … Psychisch kranke Menschen in den meisten Fällen. Sie haben krude Vorstellungen, hängen irrealen Theorien an, fühlen sich vom Opfer verfolgt, übergangen, ausgebootet. Sie sehen sich zum Beispiel als Rächer oder Befreier der gesamten Gesellschaft, suchen das Licht der Öffentlichkeit, möchten im Blitzlichtgewitter stehen, ihren Namen in der Zeitung auf der Titelseite lesen. Manche lassen sich direkt am Tatort überwältigen und verhaften. Aber hier? Patrick Stein. Der Täter lauerte ihm beim Joggen auf – also keine öffentliche, pressewirksame Aktion mit Täterfotos oder unscharfen Handyvideos und verstörten, weinenden Zeugen, keine große Bühne. Täter und Opfer waren unter sich. Die nun einsetzende Aufmerksamkeit wird der Tat gelten, nicht dem Täter.« Er sah auf, deutete auf eine Serie von Aufnahmen, die die Stichkanäle abbildeten. »Hier die sichtbaren Zeichen des Überfalls. Das war wohl der erste Stich. Als der gesetzt wurde, stand das Opfer noch.« Er trat an den Edelstahltisch zurück. »Die Wunde ist deutlich doppelt und doppelschwänzig. Der Täter hat zweimal diese Stelle angegriffen. Ich schätze, weil das Opfer nicht sofort zu Boden ging. Die weiteren Verletzungen wurden Stein beigebracht, als er bereits lag. Dabei sind mehrere Details bemerkenswert. Nachdem er vornübergefallen war, lag der Körper bei den weiteren Angriffen auf dem Rücken. Entweder schaffte das Opfer es selbst, sich umzudrehen oder der Täter hat das übernommen. Stein sollte unbedingt erkennen, wer ihn tötete? Keiner der Stiche war sofort tödlich. Möglicherweise war dem Täter die Anordnung der lebenswichtigen Organe nicht geläufig, er konnte die verletzbaren Bereiche nicht genau lokalisieren, entweder das Opfer bewegte sich heftig oder er verfehlte sie mit Absicht. Todesursache ist wahrscheinlich inneres und äußeres Verbluten. Hypovolämischer Schock.«

Nachtigall nickte fast unsichtbar.

Klapproth wirkte überrascht. »Könnte es sein, dass dem Angreifer gar nicht auffiel, dass sein Opfer nach dem Überfall nicht tot war? Er sich vom Tatort entfernte im festen Glauben, den Mann getötet zu haben?«

»Eher nicht«, überlegte Nachtigall laut. »Wir haben ihn schließlich nicht an dem Ort gefunden, an dem er angegriffen wurde, sondern in der Schaufel eines Kohlebaggers. Jemand hat ihn dorthin transportiert. Und er hat einen ziemlichen Aufwand betrieben, um uns den Toten so finden zu lassen, wie er geplant hat. Sehr unwahrscheinlich, dass zwei Personen unabhängig voneinander agiert haben sollen. Das würde ja bedeuten: Ein Spaziergänger, der zufällig einen Groll auf Patrick Stein hatte, stieß zufällig auf den Leichnam des Ermordeten und beschloss, ihn an einen anderen Ort zu transportieren und dort zu präsentieren. Der Gedanke daran, die Polizei zu verständigen, kam ihm zu keiner Zeit.«

»Okay. Klingt nicht sehr wahrscheinlich«, räumte Klapproth ein. »Zumal er dann auch noch zufällig einen Freund haben musste, der ihm beim Transport behilflich ist.«

»Na, dann wollen wir mal«, entschied der Rechtsmediziner und setzte das Skalpell unter dem Kinn an, zog einen tiefen Schnitt bis zum Schambein. »So!«

Nachtigall wusste genau, was nun folgen würde.

Und dennoch.

Nach all den Jahren konnte er es nicht unterdrücken.

Übelkeit stieg in ihm auf.

Da half es auch nicht, dass er sich immer wieder in Erinnerung rief, dass diese Untersuchung ihnen wichtige Informationen würde bieten können.

Wie durch Watte hörte er die Stimme des Rechtsmediziners.

»Männliches Opfer, Größe 182 cm, Gewicht 101 kg. Die äußere Inspektion hat zahlreiche Stichwunden ergeben, deren Kanäle stets in unmittelbarer Nähe lebenswichtiger Organe liegen. Um genauere Aussagen zu machen, präparieren wir einen der Stichkanäle.«

Nach und nach wanderte ein Organ nach dem anderen in eine eigene Schale, wurde gewogen und untersucht.

Dann trat Dr. Pankratz hinter den Kopf und setzte einen Schnitt entlang des Haaransatzes.

Der Assistent hatte eine Art Stütze unter den Schulterbereich geschoben, der Kopf fiel leicht nach hinten. Mit einer schwungvollen Geste klappte Dr. Pankratz den Skalp nach vorn über das Gesicht und griff nach einer speziellen Säge.

Damit trennte er den oberen Bereich des Schädels ab, legte das Hirn frei.

Nachtigall versuchte, nicht hinzusehen.

Besonders nicht, als das Organ in Scheiben geschnitten wurde.

Endlich waren sie fertig.

»So – und jetzt eine Zusammenfassung. Auffällig sind die blutleeren Organe. Deren Gewebe ist blass. Das haben wir bei Verbluten zu erwarten. Ansonsten war er gesund. Das hätte sich aber in der nächsten Zeit ändern können. Das Herz ist leicht verfettet, die Leber auch, Pankreas ist vergrößert. Er hatte viszerale Fettablagerungen. Mit gesunder Lebensführung hätte er dem Diabetes noch entgehen können, aber ich sehe bereits deutliche Zeichen von Schädigungen durch Hochdruck an den Gefäßen. Er wurde beim Laufen erstochen, also war er offensichtlich dabei mit Sport gegenzusteuern. Das Hirn ist unauffällig, lateral findet sich ein leichtes Aneurysma. Das hat ihm wahrscheinlich keine Probleme gemacht. Vielleicht wäre es dabei geblieben. Fazit: Er war gesund.«

»Toxikologie?«

»Wird gemacht. Ich glaube aber nicht, dass wir Drogen oder deren Abbauprodukte finden werden. Einstiche negativ, Atemwege frei, unauffällige Lunge. Er war kein Raucher.« Der Rechtsmediziner wies auf eine Wanne, die das Blut aus dem Bauchraum aufgenommen hatte. »Das ist wenig. Etwa zwei Liter. Bei einem Mann dieser Statur könnt ihr davon ausgehen, dass er etwa vier Liter am Ort des Angriffs verloren hat. Wurde er direkt nach der Tat in einem Fahrzeug transportiert, wird dort ebenfalls viel Blut gefunden werden können.«

»Du meinst, Hunde könnten den Ort des Überfalls finden? Sie haben ihn letzte Nacht auch nicht erschnüffelt.«

»Sie sollten nach einem Verletzten suchen. Nun sollen Hunde Zersetzung wahrnehmen. Einen Versuch wäre es wert.«

»Du meinst, jemand wollte, dass das Opfer langsam verblutet. Was, wenn kurz nach der Tat ein unbeteiligter Spaziergänger vorbeigekommen wäre. Hätte dann ein Rettungsteam …? Vielleicht war er noch eine ganze Weile ansprechbar.«

»Nein. Die Stiche haben zu massiven Blutungen geführt. Arteriellen Blutungen, venösen Blutungen. Gerade arterielle Blutungen leeren den Körper ziemlich schnell. Bei den vielen Verletzungen wäre er nach etwa 20 Minuten tot. Keine Chance für ein Rettungsteam.«

»Für mich stellen sich bei diesem Szenario viele Fragen«, begann Nachtigall gedehnt. »Eine wäre: Was hat der Täter gemacht, während sein Opfer langsam starb? Lief er weg? Hat er ihm eine Rede gehalten, um die Tat zu begründen?«

»Und: Wir reden zwar der Einfachheit halber vom Täter, es könnte aber auch eine kräftige Frau solche Verletzungen setzen. Vielleicht waren es zwei Beteiligte, die den Toten zum Tagebau gebracht haben«, ergänzte Dr. Pankratz.

Klapproth schüttelte ungeduldig mit dem Kopf. »Nur, damit ich es richtig verstehe: Das Opfer geht laufen. Irgendwo wartet der bewaffnete Täter.« Ihr Blick begegnete den Augen des Rechtsmediziners. »Okay, oder die bewaffnete Täterin. Woher demjenigen die Laufstrecke bekannt war, müssen wir noch ermitteln. Angeblich hat sich das Opfer immer spontan für einen Weg entschieden. An einer geeigneten Stelle kommt das Messer zum Einsatz. Der Täter oder ein weibliches Pendant sticht zu. Nachdem das Opfer zu Boden gegangen ist, folgen weitere Attacken gegen den Körper. Das Opfer will er/sie nicht zurücklassen, es lebt noch, könnte möglicherweise den Namen des Angreifers nennen. Lieber kein Risiko eingehen. Oder kannten sich die beiden gar nicht persönlich? Dann gab es kein privates Motiv, sondern eher einen abstrakten Mordauftrag.«

»So was wie das Klima retten? Den Weltfrieden sichern? In der Art?«, hakte Nachtigall nach. »Ein Mord für alle Gleichgesinnten? Ein moralischer Auftrag, diesen Menschen zu töten. Es war dem Täter gleichgültig, dass er nah an sein Opfer herantreten musste. Man war Aug’ in Aug’ – beim Angriff wie beim Sterben.« Er konnte nicht vermeiden, dass er eine Gänsehaut bekam, die sich über den gesamten Körper zog.

Klapproth nickte.

»Dann geht es bei dieser Tat um ein Fanal gegen ein für den Täter falsches Ziel. Die Identität des Opfers ist in Wahrheit unwichtig, es geht um das, wofür sie steht. Und wenn es so ist, fühlte der Angreifer sich im Recht. Für ihn war es legitim, diesen Mann zu töten.«

»Das gilt allerdings auch für ein starkes privates Motiv«, gab Nachtigall zu bedenken.

»Sieht für euch nach schwierigen Ermittlungen aus.« Dr. Pankratz klopfte den beiden auf die Kittel.

»Wir müssen los«, mahnte Klapproth. »Dr. März war vorhin schon sehr gereizt. Wir sollten ihn nicht zusätzlich durch Unpünktlichkeit provozieren.«

»Wenn ihr nicht wissen wollt, was ich sonst noch entdeckt habe, könnt ihr ja jetzt gehen.« Der Rechtsmediziner wies auf den Gang zur Tür.

Die beiden Ermittler warfen ihm einen verwunderten Blick zu.

»Wenn du das so formulierst, hast du eine faustdicke Überraschung für uns.«

Er lud sie zu einem Blick durchs Mikroskop ein.

»Ist es das, was ich glaube?«

»Ja. Sicher. Spermien. Sie leben noch – sexuelle Aktivität also kurz vor seinem Tod. Wenn es nötig wird, können wir sicher aus der Probe auch weitere DNA isolieren.«

»Aha. Wir müssen …«

»Wenn ihr euch beeilt, schafft ihr es locker rechtzeitig zur Pressekonferenz«, ermunterte der sehr zufriedene Dr. Pankratz die Davonstürmenden.

»Tja. Es menschelt manchmal auch bei Verstorbenen. Haben wir alle Proben?«

Der Sektionsassistent nickte.

»Gut, dann machen Sie ihn fertig. Bei diesen Fällen aus Cottbus ist immer eins sicher: Es wird eine weitere Leiche geben.«

13

Silke Dreier sah überrascht auf.

Die junge Frau war ausgesprochen auffällig in Habitus und Styling.

Selbstbewusstsein pur.

»Sie haben mich einbestellt. Um was genau mit mir zu besprechen?«

»Sie haben heute erfahren, dass Ihr Parteifreund Patrick Stein getötet wurde.«

»Ja. So was kommt vor. Manche Menschen greifen zu drastischeren Ausdrucksformen, wenn sie ihrem Ärger oder ihrer Enttäuschung Luft machen wollen. Politiker exponieren sich.«

»Sie glauben, es gehört als Berufsrisiko zum Job?«, fragte Dreier ungläubig. »Das ist nicht Ihr Ernst!«

Friederike Schultheiß lächelte spöttisch.

»Ach, bei der Polizei arbeiten und dann die Augen vor der Realität fest zukneifen. Das lob ich mir!« Die Zeugin strich beinahe kosend über die rasierte Glatze.

»Sie haben heute gesagt, endlich habe sich einer getraut. Das bezog sich auf die Tötung Ihres Parteifreundes.«

»Parteikollegens«, korrigierte die Zeugin. »Freunde sind wir nie gewesen.«

»Was an ihm war denn so unerträglich?«

»Sein Auftreten, sein ganzes Benehmen. Er war nicht der Nabel der Welt – aber er glaubte, er sei genau das.«

»Wie drückte sich das aus? Schiere Arroganz?«

»Nein. Viel schlimmer!« Friederike Schultheiß pfriemelte ihr Handy aus der Jacke. »Ich habe ein Video von einer der ersten Wahlkampfveranstaltungen zur Landtagswahl. Sehen Sie mal, was da abgeht, als Patrick auf die Bühne kommt.« Sie startete die Wiedergabe.

Ein voller Saal, große Kulisse, hoher Begeisterungspegel bei den Gästen. Transparente wurden geschwenkt, es ging um Klimaschutz und Kohleausstieg.

Patrick Stein wurde vom Moderator angekündigt, der Jubel schwoll deutlich an. Der junge Politiker stürmte dynamisch über die Stufen auf die Bühne, frenetischer Beifall, Bravorufe. Er stellte sich nicht hinter das Rednerpult, sondern agierte frei, die gesamte Bühne nutzend. Sprach ohne Manuskript, hatte nur einen Stichwortzettel in der Hand.

»Man erwartet eigentlich, dass er gleich anfängt zu singen, oder?«, fragte Frau Schultheiß wütend. »Er steht nur für sich, nicht für die Ziele der Partei! So, sehen Sie das?«

Die Kamera schwenkte über das Publikum. Junge Frauen mit begeistertem Strahlen jubelten dem Mann auf der Bühne zu. Hochrote Wangen, leuchtende Augen. Und eine entrollte ein Transparent, auf dem stand: Patrick, ich will ein Kind von dir!

»Sehen Sie dieses Plakat? Die spinnt doch! Das ist kein Popkonzert! Die glaubt wohl, das sei eine Fortpflanzungsshow.«

»Nun, es ist sicher sehr ungewöhnlich. Vielleicht ein Witz.« Dreier klang ratlos.

»Nein. Er bekommt auch solche Briefe ins Parteibüro. Einmal hatte er einen auf dem Schreibtisch vergessen, ich fand ihn, als ich beim Gehen überall das Licht löschte. Ich will ein Kind von dir, stand da. In Blockbuchstaben so hoch wie die der Titelseite der Boulevardpresse. Patrick ist verheiratet, hat zwei Kinder – und wer weiß, vielleicht scheut er sich nicht, den Wünschen seiner weiblichen Fans nachzugeben.«

»Sie sind für unbedingte Treue in der Ehe?«

»Nur, weil ich nicht aussehe wie ein Normalohausmäuschen heißt das nicht, dass ich rumhurende Männer cool finde. Eine offene Beziehung, von beiden gewollt und gelebt, okay. Aber ich weiß, dass Doreen an solch einer Ehe kein Interesse hätte. Sie steht eher auf Familienidyll.«

»Gibt es denn Hinweise darauf, dass Herr Stein auf solche Briefe oder Transparente reagierte? Treffen mit der Dame im Backstagebereich? Oder sind Sie nur aus Verdacht so sauer auf ihn?«

Schweigen vermehrte sich zwischen ihnen wie ein giftiger Geruch.

»Okay, dann sage ich es Ihnen jetzt. Doreen muss das nicht erfahren, oder? Es würde ihr Glück zerstören – und nach Patricks Tod wäre das doch vollkommen sinnlos!«

»Sie wissen, dass ich Ihnen diese Art von Geheimhaltung nicht versprechen kann. Aber der ermittelnde Hauptkommissar ist nicht an der Bloßstellung von Opfern oder Betroffenen interessiert«, versicherte Dreier.

»Ach, im Grunde kann es mir ja auch egal sein!«, fauchte die Zeugin. »Mein Cousin ist Opfer von Patricks Sexgier geworden. Seine Frau ist die, die das Transparent hochhält. Und Patrick hat eine Wohnung zwei Häuser vom Parteibüro entfernt. Gelegentlich geht er mit Bewunderinnen auch in ein Hotel. Mein Cousin ist ihm nachgeschlichen. Nun, was er sah und von den Nachbarn hörte, entspricht genau dem, was Sie jetzt denken.«

»Die junge Frau traf sich mit ihm, wollte sich von einem fremden Mann schwängern lassen. Erste Frage: Warum? Ist Ihr Cousin nicht zeugungsfähig? Zweite Frage: Hat es denn geklappt? Wurde sie schwanger? Und zum Schluss: Existiert die Ehe noch oder haben die beiden sich getrennt?«

Als Friederike Schultheiß mit dem Finger an ihrem Ohr entlangstrich, klirrten die vielen Ohrringe leise.

»Die Ehe meines Cousins war beim Abbiegen von der Hauptstraße in eine Sackgasse geraten. Sex fand wohl nur selten oder gar nicht mehr statt. Und ja. Seine Frau wurde schwanger. Und zur letzten Frage: Gucken Sie in den Computer. Mein Cousin heißt Michael Schubert.«

»Können Sie mir bitte das Video schicken?« Silke nannte ihre Mailadresse.

»Ich habe noch mehr solcher Veranstaltungsaufzeichnungen. Wenn Sie wollen, schicke ich Ihnen alle.«

Während die Zeugin die Videos mit ihr teilte, checkte die Ermittlerin den Namen des Cousins im System.

»Oh. Ich habe ihn gefunden. Er sitzt ein. Ach … wegen Mordversuchs zum Nachteil seiner Ehefrau!«

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Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
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283 s. 6 illüstrasyon
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9783839268001
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