Kitabı oku: «Im Kraftstrom des Satan-Seth»

Yazı tipi:

Cover

Titelseite

FRATER EREMOR

IM

KRAFTSTROM

DES

SATAN - SETH

DER PFAD DER DUNKLEN EINWEIHUNG


Copyright

Danksagung

Autor und Verlag danken I. Meyer (Second Sight Books, Berlin) für ihre Hilfe, Unterstützung und zur Verfügungstellung aller Daten.

3. Auflage 2009

Copyright © 2008 by Edition Roter Drache.

Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Postfach 10 01 47,

D-07391 Rudolstadt.

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Buch- und Umschlaggestaltung (nach Vorlage der 2. Auflage): Holger Kliemannel.

Illustrationen: Sören Hille, Berlin.

Übersetzung von A Satanas: I. Meyer.

Lektorat: I. Meyer

Gesamtherstellung: Bexx GmbH, Neuweiler.

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

1. Digitale Auflage 2012 Zeilenwert GmbH

ISBN: 9783944180021

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Copyright

Vorwort zur dritten Auflage

Prolog

Pforten der Magie und ihre Notausstiege

Alles was lebt, ist erleuchtet

Malen wir den Teufel an die Wand

Religion - Selbstverschuldete Unfreiheit des Menschen?

Freiheit

Sum, ergo cogito: Cogito, ergo sum.

Kapitel 5

Einweihung durch Set – Die Set-Leiter

Einweihung durch Set – Einweihungszentren der Atlanter oder Weizenkuchen?

Anrufung des Anubis

Zeit

Die Blütezeiten des Setianismus

Feiertage

Der Tempel, der Magier und das Ritual

Die Bannung

Vorbereitende Übungen

Sigillenmagie

Ritus des Set

Der Kraftstrom des Set

Morgenmeditation

Missa XXXI – gekürzte Version

Missa XXXI – gekürzte Gruppenversion

Das Fest Luzifers

Setamorphosen

Horus und Set – Der Kampf zwischen Licht und Finsternis

Das Fest der Rebellion des Set gegen Osiris

Sommersonnenwende

Wintersonnenwende

Love the Apep

Pilger auf dem Pfad des Feuers

Xeper-I-Set

Henochisch

Chayot

Nadabrama

IAO

Tau-Meditation

Zarathustra, der Geburtshelfer des Satan

Einweihung durch Set – Elemente-Weihe

Present Perfect statt Past Future: Here and Now!

Liber Shaddai

Timor fecit deus

Vom Lindgewürm

Drachenritus

TEHOM

Bolchoseth

Azrael

Missa XIII

Kundalina-Kamakala I

Liber Lam Sama

Set und Nephtys

HAY-YUD

Kundalini-Kamakala II

Missa XI

Swastika

Siphra di-zniuthra

Das Buch des Wissens um die gewundene Kraft des Re und das Niederschlagen des Apep

Einweihung durch Set – Gekreuzigt, niedergefahren in die Hölle und auferstanden von den Toten

Die tanzende Nephtys

Hagalaz-Ritual

Zos Kia

Baphomet

KHERI HEB – Der Schlüssel des Wortes

Wackelpeter

Einweihung durch Set – Der Kelch der Nacht

Der Tau-Ritus des dunklen Gottes

Pfad 11

Tenebris et umbra mortis

A Satana

Literaturhinweise & Leseempfehlungen

Der Autor

Vorwort zur dritten Auflage

Der erste Schritt ist, uns selbst zu ändern und stark zu werden in Geist und Psyche,

Krieger zu werden im Handeln und in der Absicht.

Der zweite Schritt ist, unsere Umwelt zu verändern – die äußeren Formen;

zerstören, was uns einengt, und erschaffen, was uns befreit.

Der dritte Schritt ist immer weiter zu gehen – dem Erfüllen unserer inneren Vision entgegen, in dieser Welt und in anderen.

Diejenigen, die sich nicht zum Handeln entschließen, haben sich selbst verworfen.

Es ist an der Zeit, dass sich die Raupe entpuppt und zum freien Flug ansetzt.

Der Himmel steht offen. Erstürmen wir ihn!

Frank Lerch

In der Hoffnung, daß dieses Buch auf regulärem Wege käuflich erworben wurde und nicht ein Dutzend mal durch den Kopierer genudelt worden ist, möchte ich dem geneigten Leser zurufen: Es ist gut zu wissen, daß dieses Buch in gute Hände abgegeben wurde. Danke.

Seit der ersten Auflage dieses Buches hat sich einiges in der deutschsprachigen Magie-Landschaft verändert: Es gibt mittlerweile deutlich mehr Publikationen zu den Nischen-Themen Setianismus/Satanismus und ebenso eine niemals enden wollende Flut an geheimen Secrets, ehrwürdigen Master Keys, Quanten - Bleeps und Blupps. Neue magische Strömungen strömten und versandeten wieder, okkulte Orden erschienen und okkultisierten sich erneut, Uri Geller hat seinen Nachfolger gefunden, leider kann sich niemand mehr an seinen Namen erinnern; Josef Dvorak kündigt die Neuauflage seines Klassikers Satanismus nun ebenso lang an, wie Guns’n Roses ihr Album Chinese Democracy, prägende Persönlichkeiten der magischen Szene haben die Weltenbühne verlassen und neue viel versprechende Magierinnen und Magier liegen auf ihre Stunde wartend in rosafarbenen oder wahlweise hellblauen Kinderzimmern, die linke Hand stolz und lebenshungrig zum Zeichen des Gehörnten erhoben. Die Menschheit liebt sich und hasst sich und schlägt sich wie eh und je den Schädel ein, um hernach spendenfreudig Wiederaufbau und humanitäre Hilfe zu leisten. Ob die geschätzte Zielgruppe dieses Schriftwerkes in den letzten Jahren klüger, selbstbestimmter, glücklicher, reicher und weiser geworden ist? Die in Gruppen organisierte setianische Bewegung hat erfreulicherweise mittlerweile auch in Deutschland verschiedene Ausprägungen und der organisierte Satanismus ist das, was er immer war: Ein buntschwarzes Konglomerat aus individualistischen Blickwinkeln auf diese unsere Welt im Allgemeinen und das eigene Leben im Speziellen.

Verlage kamen und gingen und Set wurde im Titel dieser Neuauflage zu Seth, da das Buch vom Handel sonst nicht mehr gelistet worden wäre. Zwischen den Buchdeckeln bleibt Set jedoch Set. Warum? Als kleines Zeichen und Erinnerung daran, daß es sich bei diesem Werk unter anderem um eine hochspekulative magische Auseinandersetzung mit dem Kult des Set und der Nephtys handelt und nicht um eine wissenschaftlich-ägyptologische Abhandlung. Es geht dem Autoren ausdrücklich nicht um die Rekonstruktion eines antiken Seth-Kultes. Das Bild, das sich Menschen von Seth gemacht haben, hat sich über die Jahrtausende bereits im alten Ägypten stetig gewandelt, dem heute handelsüblichen Lexikon hat sich in der Regel nur die relativ spät entwickelte Propaganda des ewigen Bösewichtes erhalten. Wenn wir einen persönlichen Austausch, eine magische Beziehung zu Nephtys und Set anstreben, warum sollten wir dann eine Momentaufnahme der Geschichte kopieren, die uns vergilbt aus Lehrbüchern entgegengrinst? Damit wird Seth wieder zu Set, ihm wird es einerlei sein. Und so finden wir sehr schnell die Übereinstimmungen zwischen Satan und Set, entdecken jedoch auch die wesentlichen trennenden Elemente. So stand ich bei der Überarbeitung dieses Buches vor einem Dilemma: Im Kraftstrom des Satan-Set ist eine exemplarische Abbildung meines magischen Werdens zur Zeit der Niederschrift des Buches. Doch auch Eremor ist weitergegangen und nicht stehen geblieben. Eine inhaltliche Überarbeitung wäre also nahezu einer Neuschrift gleichgekommen, so daß diese dritte Auflage zwar durch neue Texte erweitert und der Anhang der ersten Auflage entfernt wurde, ansonsten jedoch im Wesentlichen die Urfassung darstellt. Wen der weitere Weg interessiert, dem sei zum Beispiel die Lektüre des Buches SHAT EN HEKA: das Buch der Zauberkraft empfohlen.

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, jetzt und hier die Herkunft des großen Drachenmantras zu enthüllen: Es hat immer wieder verschiedenste Vermutungen über dessen Funktion und Herkunft gegeben. Hier die spannende Auflösung: Ja, es kann den Magier mit dem Kraftstrom des Set in Verbindung bringen. Nein, es ist nicht das Passwort zum Kraftstrom des Set und hat mit der Organisation des Current of Set nur indirekt zu tun. Und: Nein, ich habe es nicht „erfunden“. Es entstammt der drakonischen Tradition des Ordens ODG, dem ich in Verbundenheit dafür danke, es in meinen Arbeiten verwenden zu können.

So wünsche ich dem Leser einen starken Willen und aufbrechenden Mut, die Kraft des Schweigens und die bedingungslose Liebe zur Erkenntnis.

Werl, Drachentag 2009 e.v.

Frater Eremor Phönix NVR .’. vira Sethos NUN9 dakm WdH

Der Satanist kann jederzeit Märchen erfinden, die es mit denjenigen der Heiligen Schrift aufnehmen können, denn sein Wissen beruht auf der Quelle der Phantasie – den uralten Mythen aller Völker und Länder. Aber er gibt zu, daß es Märchen sind. (...) Der Satanist besitzt einen riesigen Vorrat an Phantasiegeschichten aus allen Kulturen und Zeiten, die er als solche erkennt. Da er auch ungehinderten Zugang zur Logik hat, wird er somit zum schlagkräftigen Kontrahenten für Satans ehemalige Peiniger.

Diejenigen, die es für nötig halten, den Teufel zu bekämpfen, um ihre „Rechtschaffenheit“ zu beweisen, müssen sich jetzt einen neuen Gegner suchen – einen, der hilflos, schlecht organisiert und leicht besiegbar ist. Aber die Welt verändert sich rasant, und die Anwerbung eines solches Gegners wird sich als problematisch erweisen... sogar so problematisch, daß die Hexenjäger und Teufelsaustreiber gezwungen sein werden, ihr Opfer im undurchdringlichsten aller Dschungel zu suchen – in sich selbst.

Anton Szandor LaVey, Die Satanischen Rituale

Prolog

Wir leben in einer Welt, in der nicht mehr das Wort Gottes herrscht, auch wenn sein schwächer werdender Nachhall nach wie vor an unsere Ohren dringt. Diese Zeit hat einen neuen Herrscher. Es ist die Stimme der Wissenschaft, die scheinbar alles möglich machen kann. Die dröhnende Stimme eines neuen Gottes, der uns drängt, nur der beweisbaren Realität zu glauben. Wir sind uns dieser Realität so sicher, weil sie uns durch Autoritäten in weißen Laborkitteln verkündet wird. Vor nicht allzu langer Zeit trugen die Autoritäten noch Talare, und die allgemein akzeptierte Realität war, daß unsere Erde eine Scheibe ist. Doch auch diese neue Realität bekommt Risse. An den Grenzen unseres Wissens wirft das Chaos einen fahlen Lichtschein in unsere Naturgesetze, der sie als das entlarvt, was sie sind: Möglicherweise zutreffende, auf empirischem Wege ermittelte Arbeitshypothesen. Er kündet von dem, was auch sein könnte, fügt den vielen Ausrufungszeichen unserer Zeit ein paar Fragezeichen hinzu und weist in die Ferne.

Jede Zeit hat ihre Häretiker. Dereinst waren es die Infragesteller des alten Gottes, die nun ihrem Fortschrittsgott einen Altar in unseren Hirnen errichtet haben. Nun sind es die Infragesteller des neuen Gottes, da sie glauben, daß das im Staube kriechen vor dem neuen Gott den gleichen Effekt hat, den es beim alten Gott hatte: Es verbannt einen Teil des Daseins zugunsten der Apotheose eines anderen Teils. Dies festigt die Macht der Wenigen und macht die Vielen blind.

Man sagt, im Land der Blinden sei der Einäugige König. Doch wehe dem Einäugigen, wenn die beiden Flüsse aus der gleichen Quelle, die sich einst getrennt haben, um die Welt zu umfließen, wieder ineinander münden und die Blinden sich aus dem Staube erheben zu voller Größe, um beide Augen zu öffnen. Es ist dieses andere Auge, daß uns den Blick in die andere Welt ermöglicht. Der Künstler nimmt diese Impulse aus der anderen Welt wahr und übersetzt sie in Musik, Sprache oder Bild. Der Magier interagiert mit dieser anderen Seite. Dies muß für die Einäugigen als ein närrisches Unterfangen erscheinen. Unlogisch, unwissenschaftlich, irreal.

Doch ist es das Erahnen der Existenz einer anderen Seite und die Angst vor dem Fremden, daß die Vertreter des einen oder anderen Gottes allzu oft dazu veranlaßt, die Häretiker beseitigen zu wollen. Da sie oft genug selbst unfähig sind, mit der unbekannten inneren Weite umzugehen, wird das Fremde in ihnen in den Fremden vor ihnen projiziert. Es ist der Schrecken vor der eigenen Größe und den eigenen Abgründen, die vielleicht zu komplex sind, um sie mit wissenschaftlichen oder göttlichen Gesetzen zu fassen.

Dies könnte sein.

Grund genug, die Nachtbarke zu betreten und die Unterwelt zu bereisen.

Liber scriptus proferetur...

Ich widme dieses Buch:

Ahriman, Loki, Damballa, Melek Taus, Astarte, Azazel, Bast, Hekate, Naamah, Kali, Lilith, Tchort, Pan, Sekhmet, Thot, Shaitan, Typhon, IAO, Abraxas, IO, Luzifer, Belial, Leviathan, Satanas

und all jenen,

die jetzt und in allen Zeiten

mit mir im Kraftstrom des Set stehen.

Des Weiteren dir, werter Leser. Ich wünsche dir Kraft auf deinem Weg. Wenn du dich, aus welchem Grund auch immer, mit diesem Buch beschäftigst und den Techniken darin, so bleibt dies nicht ohne Wirkung. Wenn du also versuchen willst, im Reiche des Wassers trocken zu bleiben, vergiß es. Mit dem Umschlag dieses Buches öffnest du die Pforten der Unterwelt und die Flammen der Hölle lodern dir entgegen. Sei dir vorher darüber im Klaren, daß du dich verbrennen könntest.

Wo du stehst, grab tief hinein!

Drunten ist die Quelle!

Laß die dunklen Männer schrein:

Stets ist drunten – Hölle.

Friedrich Nietzsche

Mögest du interessante Zeiten erleben.

Dominuns Inferus Vobiscum.

Heil Set-Heh.

Alles Heil Baphomet.


Dies ist kein Buch: was liegt an Büchern!

Was liegt an Särgen und Leichentüchern!

Dies ist ein Wille, dies ist ein Versprechen,

Dies ist ein letztes Brücken-Zerbrechen,

Dies ist ein Meerwind, ein Ankerlichten,

Ein Räderbrausen, ein Steuer-Richten,

Es brüllt die Kanone, weiß dampft ihr Feuer,

Es lacht das Meer, das Ungeheuer!

Friedrich Nietzsche


Dortmund, Taumond 34 A.S., 2000 e.v.

Kontakt: Current of Set, Postfach 1421, 59444 Werl

Pforten der Magie und ihre Notausstiege


Magie ist ein Mittel, welches eingesetzt wird, um gewisse Ziele zu erreichen. Sie ist ein Werkzeug, das auch mißbraucht werden kann, wie ein Hammer, mit dem ich einen Nagel in die Wand oder auch der netten alten Dame von nebenan den Schädel einschlagen kann. Auch wenn ich das tue, ist nicht der Hammer „böse“, sondern das, was ich getan habe. Wenn man nun selbst Magie ausüben möchte, sollte man sich über seine wahren Absichten im Klaren sein.

Reizt mich das romantische Bild des schwarzbekutteten Hohepriesters, der im Mondschein mit dem Zauberschwert magische Wunderwerke vollbringt und die Welt entweder rettet oder die Reiter der Apokalypse beschwört? Oder will ich an und mit mir arbeiten; mit der Magie als Möglichkeit, willentlich Veränderungen im Bewußtsein hervorzubringen? (Beides ist o.k., man muß nur wissen, was man will, dann wird man nicht enttäuscht. Denjenigen, die dem romantischen Bild zugeneigt sind, wünsche ich viel Freude, wenn sie die Legionen des Hades beschwören; kommt nicht unter die Hufe!)

Ausschlaggebend für die Beschäftigung mit dem Okkulten ist Machthunger. Und dies erscheint nur negativ in einer Gesellschaft, die zwei Jahrtausende von einer verstümmelten osirischen Religion, dem Christentum, geprägt wurde. Es ist der Versuch, unseren Machtbereich auszubauen, der aktive Entwicklung erst möglich macht. Das muß nicht heißen, daß man Hunderte schöner Frauen versklaven und die Welt beherrschen will.

Interessanterweise wächst in gleichem Maße, in dem wir Macht über uns selbst gewinnen, auch unser Einfluß auf unsere Umwelt (ein paar schöne Frauen sind da schon drin). Es ist der entscheidende Schritt, sich aus der trägen Passivität, der Wirkungsseite, auf der wir nur auf Reize unseres Körpers, unseres verrückt spielenden Geistes und unserer Umwelt reagieren, herauszubegeben und überzuwechseln auf die Ursachenseite, in der wir unser Geschick in die Hand nehmen, agieren und uns der Verantwortung für unsere Taten stellen.

Wenn du, vom Schicksal geplagt, die Hände zum Gebet faltest und gottgefällig denkst: „Die Wege des Herrn sind unergründlich“ und dich fügst, dann bist du niemand von uns.

Wenn du arbeitslos, geschieden, gescheitert und einsam Abend für Abend in der kleinen Kneipe an der Ecke deine Sozialhilfe versäuft und dem Wirt vorheulst, daß deine Ex-Frau, der Staat und die Gesellschaft an deinem Unglück schuld sind, bist du eines Tages deinen Körper und Geist endgültig zugrunde gerichtet hast, dann bist du keiner von uns.

Überlasse dein Leben weder einem Gott, noch einem Staat.

Gewinne an Macht, erobere dir das Territorium zurück, daß du unbewußten Automatismen kampflos überlassen hast. Dies ist ein Teil der Macht, von der ich spreche.

Ganz gleich ob du erfahrender Magier bist oder blutiger Anfänger, schreibe auf, was du mit Magie erreichen willst, so detailliert es eben geht, ganz konkrete Ziele. Häufig kommen dabei unerwartete Dinge zum Vorschein.

Die Fähigkeit, einen klaren, unmißverständlichen Willenssatz zu formulieren, ist der erste Schritt zum Erfolg.

Wenn du nicht ohnehin bereits ein magisches Tagebuch führst, dann ist es jetzt an der Zeit, zu beginnen. Es ist eines der wichtigsten Hilfsmittel auf dem Pfad, in ihm sollten alle Arbeiten und Ergebnisse festgehalten werden. Du wirst sehen, zuerst führst du Tagebuch, spät führt es dich. Trage deine Ziele ein und schau, ob du sie erreichst.

Es obliegt eher den christlich gefärbten magischen Werken der letzten zwei Jahrhunderte, vor den Gefahren der Magie zu warnen. Glaube nicht zuviel davon, die meisten Bücher sind von schuldgeplagten Autoren geschrieben worden, die so lange mit ihren Ideen und Gedanken jongliert haben („Alles denken ist zurechtmachen“, Christian Morgenstern), bis sie ihre Magie mit dem Christentum unter einen Hut bekamen.

Dennoch sollte man sorgfältig abwägen: Die heutzutage in den Medien breitgetretenen Gefahren sind erstens maßlos übertrieben und zweitens eher menschlicher Natur als magischer. Doch auch die stille, interne Antwort der „okkulten Szene“ ist bedenklich, weil verharmlost wird.

Selbstverständlich ist Magie gefährlich.

Magie ist Modulation im Bewußtsein, Transformation der Wirklichkeit. Der Magier arbeitet mit seinem Hirn und seinem Körper; beides etwas, das er nicht vollständig versteht. Alles, was er weiß ist: „Wenn ich dies tue, hat das jene Auswirkung.“ Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muß er experimentieren.

Magie birgt eine große Kraft in sich. Alles, was eine große Kraft in sich birgt, kann bei falscher Handhabung schädlich sein.

Das Unbewußte speichert alle Daten unseres Lebens detailliert wie ein Computer, es gibt jedoch kein Menü, kein Inhaltsverzeichnis und keinen einfachen Zugriff auf diese Daten. Die unbewußten Daten liegen nicht untätig auf einer Art mentaler Müllkippe, sondern spuken durch alle anderen Programme. Wenn man durch verschiedene Techniken eine Verbindung geschaffen hat, die Tür aufgestoßen, den Zugriff auf das Programm ermöglicht hat, werden Daten oft zunächst unkontrolliert und ungeordnet an die Oberfläche des Bewußtseins getrieben. Dies ist nicht immer angenehm, denn unter diesen Daten können auch „sinnvoll“ vergessene oder verdrängte, unverarbeitete Erlebnisse sein. Doch sind es gerade diese unverarbeiteten Erlebnisse, die als Störenfriede unerkannt durch alle Aspekte unseres Lebens geistern und die Gitterstäbe an unseren Gefängnissen bilden. Dies ist der Grund, sich mit dem Unbewußten zu befassen: Befreiung. Sich mit diesen Aspekten zu konfrontieren, setzt innere Stärke und eine gute „Erdung“ voraus.

Um erfolgreich magisch arbeiten zu können, muß man sich in einem magischen Weltbild bewegen. Innerhalb dieses Weltbildes werden wir mit einer Vielzahl scheinbar unermeßlicher Energien konfrontiert. In der Church of Satan wurden vor dem Bruch, aus dem der Temple of Set hervorging, nur Magier, die weltlich ihren Erfolg unter Beweis gestellt haben, zu den höheren Graden zugelassen.

Eine Praxis, die wir aus vielen Kulturen kennen: Wer die Mysterien studieren wollte, mußte zuvor seine Erdung, seine Standfestigkeit unter Beweis stellen.

Hierbei helfen dem Magier ein „normales“ Leben, Beruf, ein ausgewogener Lebensrhythmus und Alltagspflichten, sowie intensive Kontakte zu Menschen, die mit Magie nichts zu tun haben. Auf diese Art können ungesunde Höhenflüge, die sonst mit einem jähren Absturz enden könnten, vermieden werden.

Dann wird der Magier am Ruder seines Schlachtschiffes bleiben und es durch so manchen Sturm lenken.

So sollten alle Teufelskerle und Teufelsweiber achtgeben, daß sie nicht „abheben“ und aus dem ehemals stolzen, satanischen Schlachtschiff ein Fliegender Holländer wird, für den der leiseste Windhauch ausreicht, um ihn vom Kurs abzubringen.

Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber. Und an dir selber geht der Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln.

Friedrich Nietzsche


Alles was lebt, ist erleuchtet

Was nun? Soll ich Weisheit durch Worte suchen? Alphabetische Wahrheiten grammatikalischer Taschenspielereien? Soll ich ein schlüpfriges Paradoxon in verrückte Schönschrift kleiden? Wie? Ich soll euch in eurem Selbstbetrug behilflich sein? Den Schwerthieb bringe ich, nicht Salbe! Ihr sucht Erlösung? Erlösung von eurer kranken Verdauung, eurem verkrüppelten Glauben und euren wiedererwachenden Begierden? Zu glauben oder nicht zu glauben, das ist die Frage. Wahrlich, sobald ihr auch nur das Geringste glaubt, bringt ihr unumgänglich alle Dinge hervor. Ihr seid der Ursprung der Dinge, allen Wissens, und strebt nach dem Stumpfsinn weiterer Selbsterniedrigung? Verflucht sind alle, die in Demut flehen. Die Götter sind noch unter euch. Darum laßt, wenn ihr betet, es auf diese Weise geschehen:

Oh Selbst, mein Gott! Fern ist dein Name außer in der Blasphemie, denn ich bin dein Ikonoklast. Berausche mich mit Selbstliebe. Lehre mich die Bewahrung ihrer Freiheit. Amen

Austin Osman Spare


Satanismus. Die Gebrüder Grimm berichten in ihrem Schwatzbuch .... Verzeihung, die Gebrüder Grant berichten in ihrem Schwarzbuch, daß der Satanismus schlingpflanzengleich die zivilisierte Welt mit ihren Errungenschaften würgt und in seiner internationalen Vernetzung der Christenheit an die Wäsche will. Sie berichten von 135.000 (in Worten einhundertfünfunddreißigtausend) Teufelskulten allein in den USA (eine Zahl von 1985, heute sind es sicherlich mehr...). Was ist dran am Satanismus, nach LaVey jener einzigen Religion, die sich am Menschen orientiert? Der Begriff „Satanismus“ ist recht neu. Er wurde nachweislich zum ersten Mal von dem britischen Schriftsteller Robert Southey (1774-1843) verwendet, der damit das Werk von Byron zu beschreiben versuchte. Um die Jahrhundertwende tauchte der Satan dann immer häufiger als Heilsbringer und Erlöser in der Literatur auf, so z.B. bei George Bernhard Shaw. Auch August Strindberg beschäftigte sich auf diese Weise mit der Satansfigur. Doch wann entsprang der Satan selbst dem Mutterschoß?

In der Kirchengeschichte spielte der gefallene Engel Satan in den ersten Jahrhunderten keine Rolle, war er nach christlicher Konzeption zwar ein Bruchpilot und Aufrührer, aber eben auch nur ein Geschöpf. Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert wurde er immer mehr zum Sünden-Bock, dem alles Übel dieser Welt angelastet wurde und parallel hierzu zum Machtinstrument der Kirche.

Es ist keine neue Erkenntnis, daß man Menschen am einfachsten beherrscht, indem man ihre Sexualität und ihr physisches Bio-Überleben unter seine Kontrolle bringt, Angst schürt vor „falschen“, d.h., von der Führungskaste unerwünschten Handlungen, die einem vielleicht sogar das ewige Leben verbauen können. Von Vorteil, wenn man sich bei der Versklavung von Millionen auf göttliche Autorität berufen kann. Alles, was Spaß macht, wurde mit dem Etikett: „Sünde!“ versehen. Wer die Sexualität verteufelt, wer allen Ernstes behauptet, Sex sei vom Teufel, der darf sich nicht wundern, wenn die Menschen sie sich auch vom Teufel holen. Viele Christen wurden enttäuscht, da sie vom Walten Gottes in der Welt nichts wahrnahmen. Doch angeblich trieb ja an jeder Ecke der Widersacher sein Unwesen. Also wendeten sie sich ihm zum. Satan avancierte vom Bruchpiloten zum Gegengott, zur echten Alternative. Gegengott ist ein Amt, das es in nahezu jeder religiösen Bewegung früher oder später zu besetzen gibt; in fast jeder Kultur existiert eine Priesterschaft dieser Alternative; ganz gleich, ob sie nun Satan, Set, Adramelech, Haborym, Emma-O, Loki, Mania, Mantus, Pan, Milcom, Demogorgon, Beherit, Pwcca, Bile, Tchort, Rimmopn, Samnu, Typhon, Yen-lo-Wang oder Tezcatlipoca genannt wird.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich differente, teilweise paradoxe Vorstellungen, im Satanspool angesammelt. Wer aber ist dieses Chamäleon?

Der Satan der Kirche ist eine wahrhaft magische Gestalt. Dieser Satan ist tatsächlich dem Schoß der großen, christlichen Mutterkirche entflohen. Bei einer ordentlich durchgeführten Missionierung ist es wichtig, alte Götter zu diskreditieren, wenn man sie durch den christlichen Über-Gott ablösen will. Doch es ist nicht leicht, dem zu missionierenden, unzivilisierten Volk von abergläubischen Primitivlingen zu verdeutlichen, was an den alten Göttern eigentlich falsch und böse war, wenn es im eigenen Glauben doch nur das allmächtige Gute gibt. Wie hilfreich war es da, einen Widersacher aus dem Talar-Ärmel schütteln zu können, der in den alten Göttern seine Lokalvertretungen hatte, von denen man die Primitiven befreien konnte (um sie später als Sklaven für sich arbeiten zu lassen, denn Arbeit und Demut machen frei). Der Teufel als Sammelbecken für benutzte, alte, überflüssige Götter. Sollte sich wider Erwarten ein Gott im zu bekehrenden Volks so festgesetzt haben, daß man ihn weder durch Missionsarbeit sanft lösen noch durch das Schwert herausschneiden kann, bleibt immer noch, ihn heilig zu sprechen und in den eigenen Glauben zu integrieren, wie dies z.B. bei der heiligen Brigid geschehen ist.

Daß ein allwissender Gott keine Fehler begeht, ist einleuchtend. Problematisch wird es lediglich, wenn die Worte des religiösen Führers als bindende Autorität gelten, denn er hat schließlich den heiligen Geist auf der Schulter sitzen, der ihm die göttliche Wahrheit zuflüstert. Wenn das die absolute Wahrheit ist, was ein greiser, verknorrter Mann mit Fischkopfmütze sagt, ganz gleich, was er vorher getrunken hat, dann müssen Fehler und Irrtümer verleugnet und dem Teufel zugeschoben werden. So, wie die in der Psychoanalyse das Ich seinen Schrott um seinen Schatten türmt, wird das Symbol des Teufels eine gigantische Müllhalde aus zwei Jahrtausenden. Das ist es, was der „historische Satanist“, der sich als Anti-Christ am Christentum orientiert und Satan nur als Antipode des christlichen Gottverständnisses definiert, anbetet: Einen Müllhaufen.

Und so muß man sich die Hölle vorstellen: Frustrierte, abgeschobene Götter aller Kulturen, die von den Missionsplanierraupen egalisiert wurden, sitzen um einen riesigen, runden Tisch. Der Lichtbringer Luzifer glimmt etwas vor sich hin, steht dann gähnend auf und schürt das Feuer im Kamin. Wie damals, als ihn noch alle Prometheus nannten. Freya reicht ein paar selbstgebackene Plätzchen in die Runden, an denen alle recht gelangweilt herumkauen.

Plötzlich öffnet sich eine Dachluke und der Papst schüttet, neben ein paar Bierbüchsen und zerfledderten Pornoheften (Schwester Maria sieht sowas nicht so gerne) ein paar Todesurteile wegen Ketzerei, Bannbullen gegen Reformatoren und wissenschaftliche Hirngespinste (die Erde soll doch tatsächlich keine Scheibe sein...) herunter.

Diese Verfahrensweise mit dem Fremden und Neuen hatte zur Folge, neben der Erkenntnis, daß Pornohefte ins Altpapier gehören und der Vatikan keinen Müll sortiert, daß alle Formen der Ablehnung von Autorität und Auflehnung gegen bestehende Normen eine große Faszination über die Menschheit entwickelten.

So, wie der einzelne Mensch mindestens einmal im Leben eine rebellische Phase durchmacht, so gibt es auch in jeder Generation, in jedem Zeitalter, eine solche Phase.

Wie langweilig war doch das Christentum mit den öden und lebensfeindlichen Vorschriften, wie aufregend die Runde von Göttern, Wissenschaftlern und anderen Schamanen der Hölle. Dort dämmerte den frustrierten Göttern, Gelehrten und Priestern allmählich, daß ihre Zeit gekommen war. Anton Szandor Lavey beschreibt in seiner Satanic Bible, was geschah:

So they all join hands in „brotherly“ unity, and in their desparation go to Valhalla for their last great ecumenical council. „Draweth near in the doom of the twilight of the gods.“ The ravens of night have flown forth to summon Loki, who hath set Valhalla aflame with the searing trident of the Inferno. The twilight is done. A glow of new light is born out of the night and Lucifer is risen, once more to proclaim: „This is the age of Satan! Satan rules the earth!“ No longer shall men’s salvation be dependant on his self-denial.

Die Ersten, die aus der Hölle kletterten, waren diejenigen, die zuletzt hineingesteckt wurden: Wissenschaftler, die hinausschritten in die Welt, noch einen Blick über die Schulter warfen und ihren Vorsprung vor den Göttern der alten Zeit nutzten. Sie kehrten ihren ehemaligen Höllengenossen den Rücken und begannen damit, den christlichen Gott nur noch für jene zu akzeptieren, die sich keinen Psychoanalytiker leisten können und sich so samstags im Bordell, sonntags im Beichtstuhl Befreiung verschaffen. Bis kurz vor Wende ins 20. Jahrhundert haben sie tatsächlich geglaubt, sie hätten Newtons Uhrwerk-Universum bald vollständig erklärt und die klassischen Wissenschaftler könnten sich die Pfeifchen stopfen, sich in den Ohrensessel zurücksinken lassen und den verdienten Ruhestand vor dem heimischen Kamin genießen.

Doch das Feuer war nicht mehr wärmend für die Seele, der Tabak roch nicht mehr nach Freiheit und die Schatten, die das Feuer an die Wände warf, glichen keinen Fabelwesen mehr. Das Leben war kalt und die Wissenden waren unglücklich, da sie keine Weisheit besaßen.

Es begann die Renaissance der alten Götter, die sich ihr Lunchpaket gepackt hatten und sich aufgemacht haben aus der Hölle, um in ihrer Vielfalt dem Menschen die Freiheit zu geben, zu wählen und zu erkennen, daß sie bei ihm, in ihm, mit ihm, er selbst und sein Selbst sein können. All‘ unsere heidnischen Götter (und vielleicht wir selbst) haben lange Zeit in der Hölle gesessen, Doppelkopf gespielt und Freyas Kekse gefuttert, ob wir nun Thelemit, Wicca, Satanist, Odinist oder kynisch epikuräischer Hedonist sind.

Doch was, wirst du jetzt fragen, geschah mit den Wissenschaftlern in den Ohrensesseln? Die einen begingen Selbstmord. Andere stießen an die Grenzen ihrer Vorstellung, begannen hinter jeder beantworteten Fragen zwei neue zu sehen und verinnerlichten allmählich, wie wenig sie wußten. Viele aus dieser Gruppe erinnerten sich der Tradition des christlichen Abendlandes, rennen samstags in den Puff und sonntags in die Kirche.

Andere schnippeln in altbewährter Salamis-Taktik (nach der gleichnamigen Insel, nicht nach der Wurst benannt) in kurzen Überfällen immer mehr von magischen Erkenntnissen ab, geben ihnen neue Namen und bekommen den Nobelpreis oder nennen sie bei ihrem alten Namen und werden diskreditiert für einige Jahre. Wenn sie dann aus Gram oder im Gefängnis gestorben sind (Wilhelm Reich), werden sie posthum rehabilitiert.

Um die Wende ins 20. Jahrhundert begaben sich viele Menschen in Europa, enttäuscht von kalter Wissenschaft und lauwarmer Religion, selbst auf (oft mystisch orientierte) Sinnsuche. In einem allgemeinen Klima der Verunsicherung, des wirtschaftlichen Umbruchs und der Neuorientierung tauchten eine ganze Reihe von Orden, Logen und Gesellschaften wieder auf, die sich mit dem Okkulten befaßten. Es ist dies die entscheidende Zeit für die heutige esoterische Landschaft. In dieser Zeit reisten viele Suchende nach Tibet und Indien. Ich bezweifle, daß es dort so viele „erleuchtete Meister“ gab, die Europäer mit ihrem Geheimwissen einweihten, wie „Eingeweihte“ nach Europa zurückkehrten, ihren eigenen mystischen Verein eröffneten und ein paar Jünger um sich scharten. Die Begriffe Rechtshändiger Pfad (RHP) und Linkshändiger Pfad (LHP) wurden durch die Theosophische Gesellschaft aus Indien importiert.

Tantra wurde dort auf dem exoterischen „rechten“ Pfad (die rechte Hand ist die saubere Hand. Lasse dich mal von einem konservativen Inder zum Essen einladen und gib ihm die linke Hand, iß nur mit links etc. und warte ab, was passiert) praktiziert. Die Welt wurde zurückgewiesen durch Techniken der Askese, der RHP steht in der brahmanischen Tradition mit festen Regeln, die befolgt werden müssen. Dies alles fanden die Theosophen äußerst erbauend.

Auf der anderen Seite steht der esoterische Vama Marg, der Pfad der linken Hand, wobei allein die Unterteilung in rechts und links im kulturellen Kontext eine Wertung einschließt, so daß es nicht schwer fällt herauszufinden, wer diese Begrifflichkeiten geprägt hat. Auf diesem Pfad gibt es keine Regeln, ein starkes Individuum ist gefragt. Die Welt von Maya, der Illusion, wird gelebt, ausgelebt, umarmt, geliebt; und dies auf alle erdenklichen Arten. Die Theosophen waren entsetzt von den liebes- und leibesfrohen Riten des LHP, der abseits des Kastensystems existierte. Alle magischen Arbeiten und Theorien, die von den Theosophen nicht akzeptiert wurden, fielen dann für sie unter die Sammelbezeichnung LHP. Eine solche Verfahrensweise haben wir in diesem Kapitel bereits behandelt. Der LHP wurde wie der Satanismus zum Spiegel von Ängsten und Begierden.

Der Genuß der individuellen Existenz und die Weigerung, einer Autorität auf einem ausgelatschten Pfad zu folgen, das NON SERVIAM, wurde als Unrecht und Bedrohung gesellschaftlicher Ordnung empfunden und so sind LHP und Satanismus, in welchem Gewand sie auch erschienen, immer Ziel heftiger Attacken gewesen. Der Grund, warum sie so wenig Gegenwehr geleistet haben, mag unter anderem darin liegen, daß es äußerst schwierig ist, diese Bereiche zu charakterisieren, da sie so vielschichtig sind, wie es Individuen in ihnen gibt. Gleichmacherei, Grenzen setzen, allgemeingültige Ziele formulieren, den Sturz der Regierung planen, die Welt retten, Satanskirchensteuern einführen, Staatsreligion werden, all dies sind Dinge, auf die der Magier des LHP reichlich wenig Energie verwendet.

Um das Phänomen zu verstehen, können wir im Geschichtsbuch, das immer auch ein Geschichtenbuch ist, etwas weiter zurückblättern und befinden uns im vorbiblischen Mesopotamien. Das heutige „Arztsymbol“, die Schlange, die sich um einen Baum schlingt, geht auf mesopotamische Werke zurück. An dem Baum jener Zeit hingen zwei Früchte. Rechts ein Halbmond, der das Wissen und den rebellischen Fürsten Ea symbolisierte, der sich im Rat der Götter für die Freiheit des Menschen einsetzte, während diese ihn (demokratisch, wie Götter nun einmal sind) überstimmten und die Menschheit weiterhin versklavten. Links ein Planet, der das Leben und Eas Vater Anu symbolisiert. Ea lehnte sich gegen die Götter auf, indem er einen Menschen zu diesem Baum der geistigen Freiheit sandte, daß dieser das Wissen um die Freiheit erlange. Das muß den Göttern äußerst übel aufgestoßen sein, denn sie verbannten Ea auf die Erde, verleumdeten ihn noch einmal richtig und änderten seinen Titel von „Herr der Erde“ in „Herr der Finsternis“. Diese Story kann man in abgewandelter Form in der Bibel nachlesen. Fürst Ea gründete die Bruderschaft der Schlange und versuchte die Menschheit zu befreien. Das urbiblische Wort für „Schlange“ ist von NHSH (nahash) abgeleitet, was soviel wie „herausfinden, entziffern, erlangen“ bedeutet. Spätestens zu jenem Zeitpunkt war nicht nur die Satansfigur geboren, sondern auch der organisierte Satanismus. Genauso wie die Große Weiße Bruderschaft mit ihrer Astralpolizei in den Gehirnwindungen Dion Fortunes auf dem Weg des Gerechten wandelt, könnte man auch in allen Organisationen, Kulten, Zirkeln, die sich dem LHP widmen, Manifestationen jener archaischen Bruderschaft der Schlange wittern.

Eine zwar schwache, aber erkennbare Linie läßt sich jedoch diverse Jahrhunderte später ausmachen, die sich mit vielen Versätzen und Unterbrechungen bis heute durch die Geschichte zieht; und diese Linie verläuft quer durch alle Lager, an guten und bösen Jungs vorbei.

Es ist ver-teufel-t schwierig, die Geschichte der Magie und ihrer Protagonisten einzuteilen in Kategorien und Schubladen, zumal es zu allen Zeiten Verschleppungen von mehr oder minder grandiosen Ideen und Praktiken über große räumliche und zeitliche Abstände hinaus gegeben hat, ja sogar von einem Lager ins andere.

Versuchen wir also, jene Verbindungslinie im Jahre 1117 era vulgari aufzunehmen und an ihr entlang zu marschieren, ohne immer beurteilen zu wollen, ob sie gerade durch richtiges oder falsches, gutes oder böses, LHP oder RHP, vom Satan oder Jehova beherrschtes Land läuft.

Hugo de Payns und Geoffrey de Saint-Omer scharten einige gläubige Christen um sich in jenem Jahr. An Weihnachten bildeten sie diese kleine Gruppe zum Schutz der Pilger. Sie durften mit Erlaubnis von König Balduin I. von Jerusalem auf einem ehemaligen Tempelgelände ihr Quartier errichten. Dies trug ihnen den Namen „Tempelritter“ ein, sie selbst sahen sich als Ritter vom inneren Tempel der Seele. Ihnen fielen angeblich hebräische Schriften in die Hände, in denen sich Juden über den „Mamzer“ (Hurensohn) Jesus und seine Lästerungen gegen den Gott Israels ereiferten. Jesus hatte demnach JAHWE als den Satan bezeichnet (vergl. Joh. 9,44: Jesus spricht zu den Juden: „Ihr habt den Teufel zum Vater“.) Der innere Kreis der Tempelritter hielt das alte und das neue Testament für polare Gegensätze.

Viel später wurde der provinzialischen Komturei ein wahrscheinlich aus Katharerkreisen (möglicherweise haben sich die Templer deshalb später geweigert, gegen die Katharer einen Kreuzzug zu führen) stammendes Fragment des Johannesevangeliums zugespielt, niedergeschrieben vom Häretiker Marcion um 94 e.v.. Eine knappe Lebensgeschichte Marcions war diesem Dokument beigefügt. Er lehrte, daß der Rachegott der Hebräer der eigentliche Widersacher sei, und daß Jesus die Selbstheilung verkündet habe, daß es keiner Tempel bedarf (und keiner Kirchen). Im inneren Kreis der Tempelritter entwickelte sich die Marcionitergemeinschaft, die das alte Ordenskreuz in das „Ritterkreuz“, das Dornenkreuz der Marcioniter umwandelte.

Die Marcioniter unter den Tempelrittern standen in den esoterischen Traditionen der Manichäer und Albigenser (Katharer, neugnostische Bewegung; Blütezeit im 12. Jahrhundert, nach einer ihrer Hochburgen, der Stadt Albi werden sie auch Albigenser genannt). Sie entwickelten kirchenfeindliche Standpunkte, standen den Katharern sehr nahe, (zwischen 1209 und 1229 führte die Kirche eine Art Kreuzzug gegen die Katharer, der mit ihrer Zerschlagung endete) und führten die Philosophie der Gnosis fort, jener Lehre aus den Kindertagen des Christentums, die Erkenntnis über den Glauben setzt. Die orthodoxe Kirche hat schon immer alles daran gesetzt, gnostische Strömungen auszurotten.

Situation der ca. 30.000 Mann starken Templer: Durch die Kreuzzüge hatten sie einen erheblichen Reichtum angehäuft. Sie rüttelten an den Grundpfeilern der mittelalterlichen Gesellschaft: An der jüdisch-christlichen Religion und an der absolutistischen Herrschaft. Daß man mit einer solchen Einstellung für einen vernünftig denkenden König, der darüber hinaus in Finanznöte geraten war und ein Auge auf das erhebliche Vermögen des Ordens geworfen hatte, unhaltbar war, ist einleuchtend. So warf man ihnen Ketzerei vor, die Anbetung des Teufels in Gestalt des Baphomet, die Verleugnung Christi etc. Tatsächlich findet sich in vielen Templerburgen und –kirchen das inverse Pentagramm über Torbögen und Fenstern. Angeblich wurden von ihnen die Leiber verstorbener Templer gebraten, sie wurden dazu angehalten, das Kreuz zu bespeien und sich „naturwidrig zu paaren“. Philipp IV, genannt Philipp der Schöne, lies ihren letzten Großmeister Jacques de Molay am 11. März 1314 vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Dieser lud vom Scheiterhaufen aus König und Papst binnen eines Jahres vor Gottes Gericht. Klemens V. und Philipp der IV. starben tatsächlich noch in jenem Jahr.

Der Großteil der Templer floh aus Frankreich, einige gründeten in Portugal den Orden der Ritter Christi, andere schlossen sich in England und Schottland diversen Orden und Logen an. Am 24. Juni 1314 unterstützen in Schottland untergetauchte Tempelritter die schottischen Krieger in der Schlacht von Bannockburn erfolgreich gegen die Engländer.

Im Jahre 1717 begann die Londoner Freimaurerloge öffentlich zu arbeiten, da sie England für sicher genug hielt. Innerhalb der Freimaurerei entstanden die Bayrischen Illuminaten unter Adam Weishaupt, der diese am 1. Mai 1776, als die amerikanische Unabhängigkeitserklärung fast ausschließlich von Freimaurern (auch George Washington war Freimaurer) unterzeichnet wurde, offiziell einführte. Mitglieder der Bayrischen Illuminaten waren u.a. Freiherr von Knigge und Goethe. Am 11. Oktober 1785 lies der bayrische Kurfürst aus Angst vor dem revolutionären Potential des freimaurerischen Internationalismus das Haus von Weishaupts Assistenten Zwack durchsuchen.

Es kamen angeblich viele „umstürzlerische“ Dokumente an das Tageslicht, die Illuminaten wurden zerschlagen und Weishaupt tauchte unter.

Die Rolle der Freimaurer in der Fanzösischen Revolution und die immer wieder vermutete Verschwörungstheorie, daß es die Illuminaten sind, die alle Fäden der Welt in Händen halten und die scheinbar Mächtigen dieser Erde marionettenhaft agieren lassen, trugen zum Mythos bei. Illuminaten-und Verschwörungsgeschichten finden sich in rauhen Mengen, ernst z.B. bei Jan van Helsing oder nicht ganz so ernst aber besser recherchiert bei R.A. Wilson. Das „Die Welt ist in der Hand der Illuminaten“ –Spiel ist einfach zu amüsant, um es hier ganz auszulassen. Die Zahlen Dreizehn und Dreiunddreißig haben eine besondere Bedeutung in der Freimaurerei. Die Illuminaten waren in dreizehn Grade unterteilt. Das Jahr hat zwölf Monate, die Dreizehn ist der Neubeginn. Die dreizehnte Tarotkarte, „Der Tod“, symbolisiert den Phönix, der aus der Asche aufersteht, Transformation, Wiedergeburt. Betrachten wir nun das amerikanische Staatssiegel, so fällt auf, daß sich das alte äyptische Symbol des Auges in der Pyramide wiederfindet, die Pyramide aus dreizehn Stufen besteht, die Überschrift Annuit Coeptis („Unser Unternehmen ist erfolgreich“) aus dreizehn Buchstaben besteht; auf der Rückseite befindet sich der Phönix, der die Dreizehn symbolisiert. Er hat an jedem Flügel dreizehn Federn, in der rechten Kralle dreizehn Pfeile, in der linken einen Zweig mit dreizehn Blättern. Über ihm steht mit dreizehn Buchstaben geschrieben: E Pluribus Unum, „aus vielen wird eins“. Darüber ein Hexagramm, welches aus dreizehn Pentagrammen besteht, auf der Brust die ursprüngliche Flagge mit dreizehn Streifen.

Der Schottische Ritus der Freimaurerei besitzt dreiunddreißig Grade, die Pyramide besteht aus dreiunddreißig Steinen. Um gar nicht über die wahren Absichten der weltweiten Verschwörung hinwegzutäuschen, steht im Staatssiegel geschrieben: Novus Ordo Seclorum, die „neue Weltordnung“. Man kann das Spiel bis in alle Ewigkeit weitertreiben, ob man das DEA-Tankstellen Emblem nimmt (zähl’ mal die Streifen) oder das alte ägyptische Siegel auf jeder Kekspackung von Bahlsen, auf dem sich eine Schlange räkelt, oder, oder... Politisch nehme man das Emblem der 1945 in den USA gegründeten UNO; es zeigt einen Globus, der die „Eine-Welt-Politik“ versinnbildlicht, er ist unterteilt in dreiunddreißig Felder (Novus Ordo Seclorum?).

Links und rechts befinden sich jeweils dreizehn Ähren...o.k., ich unterbreche die unendliche Geschichte an diesem Punkt.

Aufgrund von Manuskripten aus Deutschland, die er einem Fräulein Sprengel zuschrieb, gründete W.W. Westcott zusammen mit Mathers und Woodman 1888 den magischen Orden Golden Dawn. Jene Manuskripte waren nach Expertisen von Oskar Schlag wahrscheinlich Fälschungen; obwohl nach Scholem durchaus eine freimaurerische Loge in Deutschland existierte, die den Namen Chabrath Zereh Boger Aur, „hermetischer Orden der goldenen Morgenröte“, trug. In der Gründungszeit kamen neue Mitglieder primär aus den Lagern der Rosenkreuzer, Theosophen und Freimaurer. Im Golden Dawn begann auch die magische Karriere Aleister Crowelys. Weitere Mitglieder waren u.a. Alan Bennet, Florence Farr, Literatur-Nobelpreisträger W.B. Yeats, Dracula-Autor Bram Stoker, Gustav Meyrink und A.E. Waite. 1895 oder 1896, hier gehen die Meinungen auseinander, gründeten Carl Kellner und der Theosoph Franz Hartmann den Orientalischen Templer Orden, den O.T.O., der sich in der Tradition der Tempelritter sah. Nach Kellners Tod übernahm Theodor Reuß die Leitung, 1922 schließlich Aleister Crowley.

1904 empfing dieser das Liber Al vel Legis in Kairo, das Buch des Gesetztes für das Äon des Horus. Der O.T.O. akzeptierte als erste große Körperschaft das Gesetz von Thelema. Leiter des deutschen O.T.O.-Zweiges war übrigens zeitweise der Theosoph und Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner.

Schnitt. 1917 trafen Gernot von der Societas Templi Marcioni, der „Erbengemeinschaft der Tempelritter“, der Okkultist Freiherr von Sebottendorf und andere in Wien zusammen.

Im Neuen Testament, Matthäus 21, 43, spricht Jesus zu den Juden: „Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem anderen Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte hervorbringt“ (das Gleichnis von den bösen Weingärtnern). Der vollständige Urtext dazu befand sich vorgeblich im Archiv der Societas Templi Marcioni. Die Versammelten waren sich einig, daß Jesus nur die Germanen mit dem anderen Volk gemeint haben könne, auch Sebottendorf war sich nun sicher, daß das in den Jahrhunderte alten Templeroffenbarungen prophezeite Lichtreich auf deutschem Boden errichtet werden mußte, und daß die Juden die ewigen Bösewichte seien. Und – schwupp – war ein neuer Mülleimer angelegt; so wie im Mittelalter die Hexen für Unwetter und krankes Vieh verantwortlich gemacht wurden, wurden jetzt die Juden an allen Übeln der Welt schuldig. 1918 formierte sich in Bad Aibling die Thule-Gesellschaft, die daran glaubte, daß ein neuer Messias, der „dritte Sargon“, Deutschland zu Ruhm und einer neuen arischen Kultur verhelfen sollte.

In der Thule-Gesellschaft wurde der ideologische Unterbau des dritten Reiches vorbereitet. Einige Mitglieder der Thule-Gesellschaft, die sich jedoch nicht immer ganz grün waren: Guido von List, Jörg Lanz von Liebenfels, Adolf Hitler, Rudolf Hess, Hermann Göring, Heinrich Himmler, Alfred Rosenberg, Dietrich Eckart, Bernhard Stempfle, Rudolf Steiner, Theo Morell. Der Thule-Gruß war „Heil und Sieg“ (Hagal- und Sig-Rune), im Wappen prangte das Hakenkreuz.

Himmler und sein „Rasputin“ Karl Maria Wiligut führten die Ordensidee in andere Richtung im inneren Kreis des SS-Ordens weiter. Ausbildungslager und Mittelpunkt der Welt sollte die Wewelsburg bei Büren sein. Hier unterhielt Himmler (der schon mal Offiziere von der Front zurückbeorderte, um ihnen den Rat zu geben, die Feinde zu hypnotisieren; ob die Offiziere höflich oder ehrlich reagiert haben, ist nicht bekannt) nach dem Vorbild der Tafelrunde von König Artus, die Tafelrunde der Elite-SS, bestehend aus zwölf „Rittern“ (Himmler war die Nummer dreizehn). Der Saal mit der zwölfarmigen Swastika mit den Sig-Runen, in dem diese Schwafelrunde sich traf, ist nach wie vor zu besichtigen. Ebenso eine Etage tiefer das Ritualgewölbe, die sogenannte Valhalla. Zwölf Podeste stehen in dem Raum für die Wappenschilde der SS-Elite-Rittersleut‘. In der Mitte sollte wahrscheinlich ein „ewiges Feuer“ brennen.

Michael Aquino, Doktor der Philosophie und der Politikwissenschaft, ehemals zweiter Mann in der Church of Satan und Gründer des Temple of Set, der in den 60er und 70er Jahren Offizier und Spezialist für psychologische Kriegsführung der US-Streitkräfte war und 1981 als Oberstleutnant mit höchster Geheimhaltungsstufe als Europa-Berater beim amerikanischen Generalstab fungierte, las in den 80er Jahren eine satanische Messe in der Valhalla, das „Wewelsburg Working“.

Ein paar Schritte weiter findet sich der Ottenshof. Heute befindet sich ein Restaurant in den Räumlichkeiten. Der Gast sitzt auf Holzbänken, in die Widderköpfe, Hakenkreuze, SS-Runen und Totenköpfe geschnitzt wurden. Die Spuren der Vergangenheit sind allgegenwärtig.

Der verquere Kult-Cocktail des SS-Ordens übte gerade auf Aquino, LaVey & Co. eine große Anziehungskraft aus, was jedoch (für uns Deutsche nicht immer leicht nachvollziehbar) eher in die Kategorie „Hobby“ fallen dürfte und nicht unbedingt politischen Standpunkt ausmacht.

Satanismus, wie ich ihn verstehe, hat mit Faschismus nichts zu tun, der in strengem Gegensatz zum individuellen „aus sich selbst heraus sein“, dem klassischen NON SERVIAM („niemals dienen“) und dem Alterius non sit, qui suus esse potest („Niemand sei eines anderen, der für sich selbst sein kann“) steht. Ich verweise auf die Ausarbeitungen des Psychoanalytikers Erich Fromm („Die Furcht vor der Freiheit“, Frankfurt 1966). Es ist gefährlich, von den Nazis mißbrauchte Symbole (z.B. die Runen. Als ich einem Pressemann gegenüber erwähnte, daß „Hagalaz“ eine Rune sei, sagte er: „Ah, Nazis und so.“) und durch das Regime belastete Orte zu meiden, nur um nicht in eine Schublade mit diesen Despoten gesteckt zu werden. Ansonsten besteht die Gefahr, daß sich unmerklich aber kontinuierlich eine neue Müllhalde bildet, um die jedermann einen riesigen Bogen macht, um nur nicht vor anderen oder vor sich selbst in die Nähe nationalsozialistischen Gedankengutes gerückt zu werden. Der Schatten, der über uns schwebt, wird als unmenschlich beschimpft, um ihn schließlich auf die Müllhalde zu werfen. Nur, um sich nicht wirklich damit auseinandersetzen zu müssen und eventuell zu der Erkenntnis zu kommen, daß dieser Schatten ausgesprochen menschlich ist und daß es besser wäre, sich mit seinem Herrschaftsbereich in uns zu konfrontieren, als ihn in die Bio-Tonne zu stecken. Denn derlei unbeachteter Müll tendiert dazu, wie wir bereits gesehen haben, eine Faszination und damit eine Eigendynamik zu entwickeln.

Wenn man bedenkt, daß nach dem Krieg z.B. Interpol von ehemaligen SS-Offizieren geleitet wurde und auch im Aufbau unseres bundesdeutschen Geheimdienstes ehemalige Nazi-Größen kräftig Hand angelegt haben sollen (es fehlte einfach an Zivilisten mit entsprechendem Know-How), ist es nicht weiter verwunderlich, daß sich nationalsozialistisches Gedankengut in gewissen Kreisen weit über den Krieg hinaus halten konnte. Weiterhin existieren zahlreiche Splittergruppen der Thule-Gesellschaft, die das Dritte Reich überlebten. Der Black Order propagiert heute von Neuseeland aus das Pan-Europäische Großreich, und die Schriften sind zu dumm und ätzend als das sie hier zitiert werden sollten.

Nach dem Krieg wurde das „Germanentum“ verständlicherweise diskreditiert, erhielt aber in den 70ern einen ersten Aufschwung. Diese „alternative“ Bewegung des Neuheiden- und Neugermanentums wurde von der neuen Rechten interessiert beobachtet und später zu nicht unerheblichen Teilen unterwandert. 1971 wurde der Armanenorden (Ariogermanen) von Adolf und Sigrun Schleipfer gegründet.

Zahlreiches ariosophisches Gedankengut, welches durch List und Liebenfels maßgeblich geprägt wurde, floß neben okkulten Praktiken ein („Guido-von-List-Gesellschaft“). Die Armanen versuchen über ökologische Ansätze Mitglieder aus dem eigentlich linken Lager zu rekrutieren. Aus der Zeitschrift Irminsul: „Arbeitet bei den Grünen, Alternativen, Nationalrevolutionären usw. mit. Bringt dort euer Wissen ein.“ Über die von Frau Schleipfer gegründete Arbeitsgemeinschaft naturreligiöser Stammesverbände Europas (ANSE) existieren weitreichende Verbindungen zu anderen Gruppierungen. Schatzmeister von ANSE ist Klaus-Dieter Ludwig, Geschäftsführer der Deutsch-Europäischen Studiengesellschaft, Beisitzer im Vorstand der Gesellschaft für freie Publizistik, Initiator der Gesellschaft für den Wiederaufbau osteuropäischer Kultur, Schatzmeister im Landesverband Deutsche Liga für Volk und Heimat. Der Armanenorden ist jedes Jahr zur Sommersonnenwende an den Externsteinen zu besichtigen, wo er verzweifelt versucht, über das Stichwort „Naturverbundenheit“ neue Sympathisanten zu gewinnen. Verbindungen zum rein politischen Arm der neuen Rechten werden vermutet, ebenso zu amerikanischen Neonazis, der NSDAP/AO und deren Begründer Gary Rex Laucks, die wiederum Überschneidungen mit dem Ku Klux Klan aufweist.

Die Armanen berufen sich u.a. auf Rudolf Steiners Atlantis-Mythologie, auf die Tradition der Katharer und Templer und, er wäre sicherlich amüsiert gewesen, auch auf die Schriften Aleister Crowleys.

Wir sehen, jeder beruft sich auf alles und ein derart wenig festgelegtes, historisches Gebilde, das mit soviel Fama und so wenig Fakten umgeben ist wie der Orden der Tempelritter, bietet sich für jeden Orden als reicher Brunnen an, aus dem „Ordensgeschichte“ geschöpft werden kann.

Der heutige Satanismus wurde durch jede okkulte Strömung inspiriert, hat jedoch durch die Vielzahl an starken Individuen, das Mehr an Hirten und Wölfen als an Schafen, schon früh ureigene Entwicklungen gehabt. Über die übliche Quellenauflistung von Hexenverfolgung, mittelalterlichen, klösterlichen Satansanbetungsperversionen und Sex-Spielchen frustrierter Priester möchte ich in dieser Ausarbeitung hinwegsehen, das kann man exakter an anderer Stelle nachlesen. Entscheidend für den modernen Satanismus ist die 1490 vom Bettelmönch François Rabelais geschaffene Utopie der „Abbaye de Theleme“, einer friedlichen und freien Gemeinschaft von Individualisten. An der Pforte dieser Abtei standen die Worte Fay ce que voudras!: „Tu, was du willst“. Diese Formel wurde im 18. Jahrhundert auch im Londoner Hellfire-Club verwendet.

Aufgegriffen wurde Rabelais Idee auch von Eliphas Levi. Crowley wurde im Todesjahr Levis geboren und sah sich als Reinkarnation von diesem. Und so gründete er später die Abteil Thelema in Cefalu/Sizilien, in der er mit seinen Anhängern arbeitete, bis ihn Mussolini auswies und das Innere der Abtei von aufgebrachten Christen zerstört wurde. Heute hat die Abtei, oder das, was von ihr übrig ist, Denkmalcharakter; selbst in Tourismus-Broschüren wird darauf hingewiesen. Die Zeiten ändern sich. Ich empfehle dem Interessierten die hervorragende Biographie Crowleys „Die tausend Masken des Meisters“ von Ralph Tegtmeier, die nur noch von Crowleys eigener „Autohagiographie“, der von ihm selbst erzählten Heiligenlegende, übertroffen wird. Er bezeichnete sich als „a hell of a holy guru“ und verschrieb sich bereits mit dreizehn den drei „Evil-Kings“ (Smo-King, Drin-King und Fuc-King). Der moderne Satanismus beruft sich zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Schriften von Crowley, wobei bei weitem nicht jedes Wort von ihm Akzeptanz findet. Kernsatz bleibt „Tu was du willst, sei das ganze Gesetz“, der auf unterschiedlichste Weise interpretiert werden kann und interpretiert wird. Eine eindeutige Fehlinterpretation als „tu alles, was dir gerade in den Sinn kommt“ (morden, vergewaltigen, Jungfrauen schlachten, Kerzen aus Kinderfett herstellen und ähnliche Dinge, die „zur alltäglichen Beschäftigung jedes ordentlichen Satanisten gehören“) ist jedoch die von vielen Sektenbeauftragten, Kritikern und um unsere Moral besorgten Medienvertretern.

„Du hast kein Recht, als deinen Willen zu tun.“ Du hast aber nicht das Recht, einen anderen zu versklaven. Was aber noch wichtiger ist: Du hast in der Crowleyanity auch kein Recht, dich selbst zu versklaven.

Dies ist das wahrhaft satanische Statement.

Bei Crowleys Einäscherung in Brighton wurde neben seiner „Hymn to Pan“ auch Giosuè Carduccis fünfzigstrophige Hymne „A Satana“ intoniert, die 1869 erstmals veröffentlicht wurde und auch in Freimaurerkreisen ein verwendetes Festlied wurde. „A Satana“ beschreibt Satans Weg durch die Welt- und Kirchengeschichte. Vom Flüchtling vor dem barbarischen Nazarener über die helfende Hand der heilenden Hexe, er war bei den Magiern und bei den Rebellen, schließlich siegt er und „fährt wohltätig von Ort zu Ort auf dem ungezügelten Feuerwagen“.

Salute o Satana

O ribellione,

O forza vindice

De la ragione!

Sacri a te salgano

Gl’incensi e i voti!

Hai vinto il Geova

De i sacerdoti!

(Sei gegrüßt Satan, Rebellion, rächende Macht der Vernunft! Heilig sollen der Weihrauch und die Gelübde zu dir emporsteigen! Du hast besiegt den Jehova der Priester.)

Crowley wies den Yezidi, einer heute etwa 10.0000 Mitglieder zählenden kurdischen Religionsgemeinschaft (bekannt aus „Durchs wilde Kurdistan“ von Karl May), die im Irak, in Syrien und der Türkei lebte (die heute größte Gemeinde befindet sich in Celle/Deutschland. Es sind Flüchtlinge, die aufgrund ihrer Religion vertrieben wurden), eine besondere Rolle in der Geschichte des Satanismus zu. Als angebliche Teufelsanbeter (sie verehren Melek Taus, der von Adam den Beinamen „Scheitan“ bekommen haben soll), waren die Yezidi schon immer der Verfolgung durch die orthodox-islamischen Umwelt ausgesetzt. Aus der Tradition der Yezidi hat der ehemalige Polizeiphotograph Anton Szandor LaVey ( der mit bürgerlichen Namen Howard Levi hieß) das Statement of Sheitan in seine „Satanic Rituals“ übernommen. Auch laut Crowley wurde Sheitan durch die Yezidi angebetet.

Von Beginn an war ein weiteres Hauptritual der von LaVey gegründeten Church of Satan das „Schibboleth“, bei dem der Magier im Ritual spielerisch seinen meistgehaßten Feind darstellt und in dessen Rolle schlüpft, was bei zwei Mitgliedergruppen besonders gute Erfolge gebracht haben soll: Bei Juden und antisemitischen Neonazis. Eine der Grundlagen des rituellen LaVey-Satanismus war und ist die Verhaltenspsychologie. Das „Tierdrama“ führt LaVey auf den Bayrischen Illuminatenorden des Adam Weishaupt zurück.

Nach dem Tode Crowleys wurde sein Anwesen Boleskine bei Loch Ness durch den Filmemacher und Autor („Hollywood Babylon“) Kenneth Anger aufgekauft, der auch Crowleys Kultbilder in der Abteil Thelema „auf Zelluloid bannte“, jedoch nicht verhindern konnte, daß die Sizilianer, von der Kirche aufgestachelt, die Originale zerstörten. Anger verarbeitete viel thelemitisches Gedankengut in seinen Filmen, die international Beachtung fanden. Kenneth Anger, Anton Szandor LaVey, die Schauspielerin Jayne Mansfield und andere gründeten zunächst einen magischen Zirkel, bis dann in der Walpurgisnacht 1966 die First Church of the Trapezoid, the Church of Satan gegründet wurde, die im Black House (dem „Hotel California“ der Eagles) in der California Street in San Francisco residierte.

Der ehemalige Löwendompteur LaVey, der einem Gerücht zufolge mal etwas mit der Monroe hatte, hielt sich in den ersten Jahren einen hundert Kilo schweren Löwen als Symbol für die Gewalt der Sonne. Sam Brody, Freund, Anwalt und Manager von Jayne Mansfield fürchtete um den moralischen Ruf des Stars und versuchte, sie gegen LaVeys Church of Satan aufzustacheln. Dieser verfluchte Brody rituell, woraufhin er einen Verkehrsunfall hatte. LaVey nannte dies eine „letzte Warnung“ und riet Jayne Mansfield, sich von Brody fernzuhalten. Zwei Wochen später stieß ein LKW mit Brody’s Wagen zusammen. Brody starb und auch die Beifahrerin Jayne Mansfield, die LaVeys Warnung nicht beherzigt hatte, wurde bei dem Unfall von einer Leitplanke buchstäblich geköpft.

Prominenz wie z.B. Roman Polanski und Mick Jagger hatten zwar eine sehr enge Verbindung zur Church, bekannten sich jedoch niemals öffentlich dazu, wie es z.B. die Eagles oder Sammy Davis jr. Taten.

LaVey selbst erschien in Roman Polanskis „Rosemarys Baby“ als Teufel. Übrigens war der Drehort vorgeblich das Haus, in dem (zu einer anderen Zeit natürlich) John Lennon wohnte und vor dem er erschossen wurde. Angeblicher O-Ton von John Lennon 1962 im Hamburger Starclub im Gespräch mit Tony Sheridan: „Ich weiß, daß die Beatles Erfolg haben werden wie noch keine andere Gruppe. Ich weiß es genau, denn für diesen Erfolg habe ich dem Satan meine Seele verkauft.“ Übrigens erschien auch das Konterfei von Meister Therion, Aleister Crowley, auf einem Beatles Platten-Cover. Unter der nach einem Beatles-Album benannten Magical Mystery Tour von Charles Mansons „Family“ mußte später Polanski leiden. Bei diesem Mordzug kamen 1969 in Polanskis Haus neun Menschen ums Leben, unter ihnen die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate. Manson hatte bis 1967 im Gefängnis u.a. Hubbards Scientology kennengelernt, von deren Lehren einige in die Final Church eingeflossen sein dürfte. Auch zwischen Scientology und Crowley existieren Verbindungen. Crowley-Schüler John Whiteside Parsons (1914-1952), der die Agape-Lodge in Amerika leitete, traf 1945 den Science-Fiction Autor und Dianetik/Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Daß seine Frau bald mit Hubbard ins Bett ging, nahm er gelassen hin, als die beiden sich von Parsons Geld schließlich eine Yacht kauften und sich über das Meer absetzen wollten, hetzte er ihnen Bartzabel hinterher, so daß die Yacht kenterte und das Pärchen, vermutlich vor Nässe triefend, wieder zu ihm zurückkehrte. Frater 210, Parsons, beschloß aus Enttäuschung über irdische Frauen, das von Crowley beschriebene Mondkind zu zeugen. Mit Hilfe Hubbards natürlich, der solange vom Geld Parsons lebte.

To Mega Therion dazu: „Offenbar produziert er oder Hubbard oder irgend jemand ein Moonchild. Ich werde ganz wahnsinnig, wenn ich die Idiotie dieser Tölpel betrachte.“ Er bezeichnete die eigenartige Verbindung zwischen Hubbard und Parsons als „gewöhnliche Bauernfängerei“. Parsons vollbrachte jedoch zumindest zwei große Leistungen in seinem Leben. Er war ein Pionier der Raketentechnik und ohne seine Erfindungen in der Treibstofftechnik wären alle Flüge ins All ein frommer Wunsch geblieben. 1970 ehrte die Internationale Astronomische Union den Raketenpionier und benannte einen Mondkrater nach ihm. Der Krater John Whiteside Parsons liegt auf den Koordinaten 37 Nord und 171 West, wenn du in der Nähe bist, besichtige ihn halt mal. Sein zweites großes Werk war sein Gnostisches Glaubensbekenntnis:

Es gibt keinen Gott außer der Liebe, und alle seine Wege sind Liebe, und es gibt keinen Weg zu Gott als Liebe. Der Weg zu Gott ist nicht bloße Gottesliebe, sondern auch Menschenliebe, und die Liebe zu allen geschaffenen Dingen, die Liebe zu Freunden und Geliebten, die Liebe zum Selbst, zum Leib, zum MIND und zum Geist, die Gott gemacht hat, sowie zu allen deren Wegen, Gedanken und Wünschen, in der Liebe zu dem allen besteht der Weg zu Gott. (...) Diese unsere Leiber sind Gottes Tempel. Deshalb müssen wir uns bei der Liebe zueinander in das Gewand der Ewigkeit kleiden und die immerwährende Vereinigung Gottes zelebrieren. (...) Das macht uns zu Teilhabern am immerwährenden Sakrament der Liebe.

Der große Wissenschaftler und Magier Frater 210 sprengte sich mit Labor und Tempel beim Experimentieren mit einer hochexplosiven Substanz in die Luft. Er war gerade 38 Jahre alt. (Dies war jedoch nicht der einzig mysteriöse Todesfall in magischen Kreisen: Am 29. Juli 1875 brachte sich Pascal Beverly Randolph (Bruderschaft von Eulis) bei dem Versuch, Madame Blavatsky (Theosophische Gesellschaft) telekinetisch zu erschießen, versehentlich selbst um; 1905 starb O.T.O.-Gründer Karl Kellner wahrscheinlich aufgrund der Tatsache, daß er ein selbstentwickeltes Lebenselixier im Selbstversuch getestet hat.)

L. Ron Hubbard jedoch gründete frei nach seiner Ankündigung: „Wenn überhaupt kein Geld mehr zu beschaffen ist, gründe ich eine Religion“ die Scientology Church, die sich später nicht entblödete, die Beziehung zwischen Hubbard und Parsons zu dementieren. Hubbard sei lediglich von der Regierung mit der Observierung Parsons beauftragt worden, damit dieser nicht die nebenan wohnenden Kernphysiker des California Institute of Technology auf magische Gedanken bringen konnte. Hubbard, längst Milliardär, verschwand 1986 spurlos von seiner Ranch in Kalifornien und ist seither angeblich verschollen.

Die Church of Satan bekam in den USA erheblichen Zulauf durch die Studentenbewegung und die kulturelle Gegenbewegung zum Bürgertum. 1972 kaufte die Gruppe um Schauspieler Maarten Joost Lamers eine der ältesten Kirchen der Niederlande und etablierte die Church of Satan mit der Hilfe von LaVeys Tochter Karla in Amsterdam. Von dort aus breitete sie sich über Europa aus. Lamers bewohnt mittlerweise ein Schloß im Süden Frankreichs.

Großes Kirchengeschrei und ein Aufflammen der Satansdiskussion gab es, als Ende der 80er bekannt wurde, daß der damalige US-Präsident Bush und sein Außenminister Shultz Mitglieder im Order of Skull and Bones waren, in dem kultische Handlungen und mystische Todesrituale neben einer eindeutig rassistischen Gesinnung eine Rolle gespielt haben sollen. Im Tempel des Ordens in Yale soll der Schädel des indianischen Freiheitskämpfers Geronimo aufgestellt sein und Anlaß für makabre und rassistische „Späße“ bieten. Die Mitglieder sind weiß, protestantisch und aus wohlhabenden Familien.

Medien und Kirchen schossen sich erneut auf alles ein, was irgendwie okkult (außer den okkulten Traditionen innerhalb der christlichen Kirche) und kultisch anmutete (ausgenommen der kirchlichen Kulthandlungen). Wildeste Gerüchte kursierten, geschätzte zwei Drittel der deutschen Gymnasiasten waren dem Satan angeblich bereits verfallen. Immer, wenn dann neben den Phantasiegebilden einmal tatsächlich ein magisch arbeitender Orden auftaucht, werden die Messer gewetzt und wird der Dummheit freien Lauf gelassen. Die Medien quellen in solchen Zeiten über vor den vielen Berichten über Bluttaten, gespickt mit gestellten Bildern unbekleideter Hexen und Ausschnitten aus Horrorfilmen. Sektenbeauftragte der christlichen Kirchen werden dafür bezahlt, gegen die ungläubige Konkurrenz zu polemisieren. Von ihnen wurde das Schlagwort „Jugendokkultismus“ kreiert, um von vorneherein klarzustellen, daß Okkultismus eben nichts für erwachsene Menschen ist, sondern ausschließlich für arme, hilflose, verleitete und desorientierte Jugendliche. Problematisch wird es in dem Moment, in dem kirchliche Sektenexperten in der Öffentlichkeit eben nicht mehr als Vertreter ihrer Religion gesehen werden, sondern als neutrale Experten.

Vermißt werden in den diversen Talk-Shows Religionswissenschaftler, die möglicherweise anmerken könnten, daß der organisierte Satanismus gewaltfrei ist, die wenigen psychisch gestörten Spinner, die sich in das kirchliche Bild eines Satanisten fügen, im Blutbad der Religionen nicht ins Gewicht fallen. Sie könnten aufrufen, die Proportionen zu wahren und darauf hinweisen, daß zu Sektenbeauftragten immer nur diejenigen Menschen kommen, die mit dem Komplex „Okkultismus“ auf irgendeine Weise nicht zurecht kommen. Die vielen Menschen, die erfolgreich magisch arbeiten, kommen eben nicht beim Sekteninfo auf Kaffee und Kuchen vorbei. Dies muß bei den Beauftragten zu einem arg schiefen Bild von der magischen Szene führen.

Aber eine wissenschaftliche Herangehensweise an diesen Themenkomplex läßt sich bei weitem nicht so gut verkaufen, als wenn man die Gebrüder Grant als das große Duo der Desavouierung auf dem Talk-Sofa sitzen hat.

Die moderne Magieszene ist vielschichtig vernetzt, Informationen fließen besser, die verschiedenen Schulen befruchten sich gegenseitig und jeder Magier kann sich aus den mehr oder minder offenstehenden Steinbrüchen, in denen seit Jahrtausenden von den differenten magischen Systemen mit dem Selbst gearbeitet wird, jene Steine brechen, die er für sein eigenes Haus benötigt.

Magier des Lebens, quo vadis? Dies ist wahrlich der satanische, individuelle Weg, das Bauen persönlicher Brücken auf dem schmalen Pfad nach Hause.

Leser dieses Buches, der du möglicherweise die Linie magischen Wissens fortführst und die magische Weisheit erhältst, indem du sie wandelst:

QUO VADIS?


Malen wir den Teufel an die Wand

Gloria in excelsis et in tenebris, Satan aeternus!

Amamus te, laudamus te, glorificamus te: Satan!

Satan nobiscum. Yallah! Yallah! Yallah!

Amen.


Nachdem wir die Geschichte des Satanismus etwas beleuchten konnten, möchte ich dich nun einladen, mit mir exemplarisch ein Bild des modernen Satanismus zu betreten. Wir haben bereits gesehen, daß Anton Szandor LaVeys Church of Satan den Satanismus wieder emanzipierte und zu einer selbstbewußten, eigenständigen Philosophie entwickelte. Michael Aquino’s Temple of Set führte dies fort und verband LaVeys Satanismus mit Crowleys thelemischen Konzepten. Beiden Ansätzen ist zueigen, daß sie bewußt sehr viele Fragen unbeantwortet lassen und sich kaum in Spekulationen verlieren.

Da die großen Wahrheiten meist die einfachen Wahrheiten sind, läßt sich das Heer von Dämonen, Unterteufeln, Oberteufeln, Gegengöttern sehr schön reduzieren, wie dies bereits LaVey mit seinen von Abramelin übernommenen höllischen Kronprinzen tat. Ziel ist es, ein einfaches System zu schaffen, in dem sich die Magie des Magiers heimisch fühlt und funktioniert, ohne Gefahr zu laufen, sich in kabbalistischen Zahlenlabyrinthen zu verirren. Wie wir dieses System nennen oder wie es gestaltet ist, bleibt letztlich egal.

Man erkennt ein gutes System daran, daß es einem paßt wie ein Maßanzug. Magische Systeme müssen wie Anzüge an- und ausprobiert werden, dann stellt man sehr schnell fest, ob sie zum Magier passen; weder beim einen noch beim anderen ist es vonnöten, jahrelang damit umherzulaufen. Der Magier wird augenblicklich feststellen, wo der Anzug nicht paßt. Wenn er im Schritt kneift, dann weiß er, daß der Anzug dort weiter sein muß. Wenn du dieses Buch liest und bearbeitest, dann probierst du meinen Anzug an, der zwar wahrscheinlich nicht perfekt für dich ist, aber hoffentlich ausreichend Bewegungsfreiheit läßt. Schließlich lerne Schneidern und fertige deinen eigenen Anzug. Geeigneter Stoff dafür liegt überall herum.

Wichtig ist der Erfolg. So ist alles, was ich in diesem Buch vorstelle nur ein Beispiel, das verändert, verworfen, nachgespielt, neu entworfen oder auch übernommen werden kann. Wirf einen Blick auf das folgende Bild:


Der Dreizack ist ein Anker, mit dem wir in der Unterwelt, den eigenen Tiefen, verankert sind, er ist das Schwert im Stein, die Verbindung zur Konstanten des Lebens selbst. Stein und Erde sind Belial zugeordnet, die unabhängige Basis dieser Welt. Durch das nach unten geöffnete Trapezoid und das inversen Pentagramm verliert sich die Ankerkette in namenloser Unendlichkeit, verläuft durch die gesamte Evolution des Lebens und knüpft uns im Irgendwo möglicherweise an die ursprüngliche Einheit. Dieser Hinweis auf Belial ist auch ein Hinweis auf die Ur-Mutter und Belial ist in diesem Bild eher weiblich als männlich. Das Schwert ist dem luftigen Prinzip zugeordnet, und so ist der Anker in unserer Mitte, im Pentagon, „verankert“. Der Kronprinz der Luft ist Luzifer, der in seinem prometheischen Aspekt den Lichtfunken von den alten Göttern stahl und ihn den Menschen brachte. Im Herzen des Pentagon wirkt der Wille des Magiers, eine schöpferische Kraft, die göttlich ist, da sie ihn von allen anderen Geschöpfen trennt und ihm so die Macht gibt zu herrschen. Dieser Funken Göttlichkeit ruht im Pentagon, das sich aufstrebend in unserer Mittel befindet und damit den Gegenpol zum hinabzeigenden Pentagramm bildet. Diesen Funken zur Flamme werden zu lassen heißt, frei zu werden. In dieses Pentagon könnte man ein aufrechtes Pentagramm zeichnen, welches dann ein absteigendes Pentagon beinhalten würde, in das man wieder ein inverses Pentagramm zeichnen könnte und so fort, bis unsere Augen die kleinen Pentagramme nicht mehr sehen können. So ist im kleinsten Lichtfunken das Ganze verborgen.

Es ist Luzifer, das Licht in der Dunkelheit, der uns vorantreibt, unsere Köpfe über die Himmel ragen zu lassen. Göttlichkeit zu kosten, während unsere Füße tief in der Erde Belials verwurzelt sind. Und so ist es Satan, der Bruder der Menschheit, der laut kirchlicher Meinung genau wie der Mensch sein Reich auf dieser Erde hat, der durch das inverse Pentagramm dargestellt wird und vielleicht ist es der Mensch selbst. Jener Mensch, der sich der ursprünglichen Einheit und seiner Existenz als Kind der Erde bewußt ist, denn das Pentagramm ist zu Belial geöffnet. Belial ist der Kronprinz, der ohne Meister ist, unabhängig von der Existenz des Menschen und so von ihm nicht zu „meistern“. Was macht man mit einer Kraft, die man nicht beherrschen kann? Man schließt einen Pakt mit ihr. Der Pakt mit Belial resultiert aus der Erkenntnis der Natur, der Satanist achtet das Gesetz der Erde und bekommt als Gegenleistung die fruchtbare Kraft des Mutterbodens, in den im wahrsten Sinne des Wortes seine „Wurzeln“ ragen.

Im Siegel der Church of Satan ist in das Pentagramm ein Bockskopf gezeichnet, seine Hörner sind identisch mit den oberen Spitzen des Pentagramms, der aufstrebende Satan trifft hier auf die dialektische Welt, auf Tag und Nacht, Frau und Mann, Links und Rechts, Oben und Unten. Er verbindet sich mit seiner Umwelt, vereinigt alles in sich und transzendiert die Begrenzung, ohne sein Selbst, aber auch ohne sein Ego aufzugeben. Er wird Baphomet. Und dies ist der Knackpunkt: Viele mystische Schulen und Religionen lehren, daß das Ego zerstört werden muß, um zur Erleuchtung zu gelangen. Satanisten, auch jene im Temple of Set, wünschen, daß es fortbesteht, möglichst über den Tod hinaus. Das Selbst ist nicht „gut“ und das Ego „schlecht“. Das Ego ist ein schillerndes Gewand, in das sich das Selbst hüllt.

Wenn du Erfolg beim anderen Geschlecht suchst, ist es wichtig, die Kleider von Zeit zu Zeit zu wechseln, denn sonst werden sie schmutzig und beginnen zu riechen; keine gute Visitenkarte für dich. Genauso wandelt sich das Ego, und indem es immer neue Verbindungen eingeht, ist es göttlich. Das einzige, was in unserem Empfinden von Leben feststeht, ist der Wandel, der das Leben ist. Alles, was lebt, ist göttlich. Es ist Sünde, Gott darin zu behindern, er selbst zu sein. Der Satanist gibt weder das Selbst noch sein Ego auf, aber er hört endlich auf, beide zu verwechseln. Indem sich Mensch-Satan mit den Ausdrucksformen des Lebens selbst verbindet, gelangt er ins Leben hinein, gelangt ins Dasein.

Dies ist die altägyptische Formel von Xeper. Im Liber Al vel Legis, dem „Buch des Gesetzes“, steht geschrieben: „Gieret nicht nach Ergebnissen“. Und so ist der Satanist ein Wanderer auf äußeren und inneren Pfaden, ein Werdender. Xeper ist nicht auf ein Ziel ausgerichtet, sondern Werden um des Werdens willen. Was dann kommt, bleibt offen, aber wenn man fragt, nicht immer unbeantwortet.

Das inverse Pentagramm wächst, wird, dehnt sich aus, doch es erreicht das Trapezoid, das sich um Mensch-Satan schließt, immer nur mit den äußersten Spitzen, um von dessen Existenz zu wissen. Je größer das Pentagramm wird, desto größer wird auch das Trapezoid. Je höher ich auf einen Turm steige, desto weiter kann ich sehen. Wenn ich sehnsüchtig in den Horizont blicke und mich auf den Weg mache, ihn zu erreichen, so schiebt er sich mit jedem meiner Schritte ein Stück weiter nach hinten, aber immer gerade so weit, daß ich ihn noch sehen kann.

Das Trapezoid symbolisiert die Drachenschlange Leviathan, Kronprinz des Wassers, auch Ouroboros, jener Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, ein Bild, das viele Kulturen kennen. Sie ist unser Horizont auf jeder Ebene unseres Daseins und verschlingt sich fortwährend selbst. Aus dem Wasser Leviathans, das sich mit der Erde Belials verbindet, ist der fruchtbare Boden der Menschheit gemacht; doch Leviathan hält uns gleichzeitig die Mohrrübe vor die Nase, Luzifer sendet uns den Impuls, danach zu streben, und der Esel (der eselsköpfige Set) Satan, der wir sind, setzt sich in Bewegung. Set erkennt durch die Schwarze Flamme, die namenlos im Herzen des Pentagons brennt, daß es zu nichts führt, hinter dem Horizont Leviathans herzurennen. Es führt zu nichts, außer dazu, daß er geht, wird, voranschreitet in ein Dasein, welches reine Freude ist.

Und Leid und Schmerz sind nichts als Schatten, sie ziehen vorüber und sind vorbei.

Liber Al

Satan wählt die Formel seines Weges selbst: Dilige et quod vis fac.


Religion
Selbstverschuldete Unfreiheit des Menschen?

Du sollst keine anderen Götter anblähen neben mir.

James Joyce


Satanismus wurde oftmals beschrieben als Atheismus mit einer Prise Ritual. Der Atheismus geht, ähnlich wie andere Formen der Religionskritik, von einer selbstverschuldeten Unfreiheit des Menschen aus. Indem der Mensch aufgrund seines fehlerhaften Wesens seine Anlagen, sowohl positive als auch negative, in eine Gottheit projiziert, begibt er sich selbst in starre Unfähigkeit zu handeln. Wo einmal Selbstvertrauen war, ist nun nur noch Gottvertrauen und Gott bestimmt das Leben der Gläubigen. Dem Atheismus zufolge wird der Mensch durch ein Phantasiewesen, das er selbst geschaffen hat, gesteuert.

Man vergleiche aber kritisch die magische Maxime, daß alles was der menschlichen Psyche entspringt und den Willen des Menschen widerspiegelt, im wahrsten Sinne des Wortes „göttlich“, weil schöpferisch, ist. Wohlgemerkt sollte man hier den Willen nicht mit einem aus einer Laune entsprungenen „ich möchte gern“ verwechseln. Doch seitdem es Menschen gibt, existieren Götter, ob real existent oder als Phantasiewesen. Es ist naheliegend, daß der Wille und das Verlangen nach dem Wissen um ein „Höheres Sein“, das so alt ist wie die Menschheit, weder aus einer Bierlaune, noch aus abnormalen pathologischen Mustern entstanden ist. An der Frage nach Gott und damit nach dem Sinn es Lebens beißt sich der Mensch bereits die Zähne aus, seit er Zähne hat. Das Verhalten des religiösen Menschen ist manchmal vergleichbar mit dem eines Autofahrers, der auf der Autobahn bei Tempo 100 (der Umwelt zuliebe) das Lenkrad losläßt und auf Gott vertraut, daß dieser ihn schon sicher ans Ziel bringen wird. Uns ist völlig klar, daß dieser Fahrer sein gläubiges Leben an einer Leitplanke beenden wird, woran er dann noch nicht einmal schuldig ist, war es doch Vorsehung und Gottes Wille.

An diesem Punkt unserer Überlegungen ist eine vom Atheismus ausgehende Definition von Gott und menschlicher Freiheit vonnöten.

Als Gott bezeichnet der Atheist eine Massenpsychose, die Summe allen projizierten Lebens aus der immanenten Welt in eine transzendente Leere/Lehre. Die projizierten „Wesen“ verlieren ihre Individualität, werden grobmaschig zusammenaddiert zur höchsten Instanz Gott. Als menschliche Freiheit nehmen wir ein “aus sich selbst heraus“ Entscheiden- und Handeln-Können an, das Zusammenspiel zwischen Motivation und Tat des Einzelnen. Freiheit ist etwas Feines und Individuelles, während Gott etwas Grobes, Allgemeines darstellt. Gott unterbricht die Kette zwischen Motivation als Ausdruck eines „ich will“ und dem Handeln. Hier geht der Glauben des Atheismus in die Erfahrungswerte der Tiefenpsychologie über. Auch der Atheismus ist ein Glauben, denn die Nicht-Existenz Gottes ist ebenso unbeweisbar wie seine Existenz (aber Gott sei dank sind wir ja transzendentale Atheisten und wissen, was recht ist). Die ureigene, individuelle Motivation wird unterdrückt, um den Willen Gottes zu erfüllen. Sein Wille bestimmt das Handeln. Nietzsche sagt: „Gott ist von einer der Würde des Menschen unverträglichen Größe.“ Der sich aufbäumende und rebellierende, unterdrückte eigene Willen kann zu einem fundamentalen Selbsthaß des Individuums führen, wenn es sich nicht befreit. Diese Selbstverachtung wird auf die Umwelt projiziert, es entsteht das fatale Paradoxon „Menschenhaß – Gottesliebe“. Über die Vorzüge des Glaubens im christlichen Sinne (ewiges Leben etc.) ergibt sich das Bild einer Haßliebe für Gott, die daraus gespeist wird, daß der Mensch sich, um an der Macht Gottes zu partizipieren, völlig dieser Macht unterwirft. Dieser Widerspruch existiert jedoch nicht nur zwischen Gottesgläubigkeit und innerer Freiheit. Bei der obigen Reaktionskette sind ebenso gültig statt Gott gesellschaftliche Normen oder ideologische Systeme einsetzbar.

Die oben beschrieben Haßliebe gleicht der, die Kinder oft gegenüber ihren Eltern entwickeln.

Wird aus der Projektionsfläche Gott jedoch ein Spiegel Gott, der die projizierten Dinge zurückspiegelt mit all ihren subtilen und filigranen Anlagen, so verliert sich keine Kraft im „Jenseits“ (Pantheismus als vornehmste Form des Atheismus). Der Mensch begibt sich nicht seiner Handlungsfähigkeit. Diese scheinbar sinnlose Hin- und Herprojiziererei bringt eine Heiligung aller existierenden Körper, Kräfte und Beziehungen zwischen ihnen mit sich. Achtung, Würde und Bedeutung werden dem Leben zurückgegeben, denn alles ist göttlich und jede Kraft enthält etwas von der anderen Kraft.

Die Projektion als Hilfsmittel zum Verständnis des Verbindungen zwischen den Dingen war und ist eine bewußte Transaktion. Das Wissen um den tiefenpsychologischen Hintergrund schließt jedoch einen religiösen Anspruch nicht aus.

Religion schließt menschliche Freiheit nicht in jedem Fall aus. So, wie nach dem Atheismus die Konzentration auf das Jenseits eine Abhängigkeit von der Religion bewirken kann, so kann die Religion dem Menschen jedoch auch die menschliche Freiheit und Würde zurückgeben, die er aufgrund von diesseitigen Zwängen verloren hat.

Und die Freiheit steht möglicherweise vor den Religionen, vor der Wissenschaft, sogar vor der Wahrheit.


Freiheit


Im Zusammenhang mit Satanismus ist immer wieder von „Freiheit“ die Rede. Es gibt zwei Axiome. Zum einen: Freiheit ist möglich. Zum anderen: Freiheit ist nötig. Doch Freiheit ist nichts scharf Umrissenes, was mit leichter Hand sowie klaren Konturen definiert und von der Unfreiheit getrennt werden kann. Freiheitsempfinden und Freiheitsanspruch waren immer abhängig von den Lebensumständen des nach Freiheit strebenden Individuums. Das eigene Sein nach dem eigenen freien Willen ausrichten zu können, dies mag Freiheit sein. Daß dies jedoch möglich ist, ist ein Glauben, der als Absolutes nicht mehr oder weniger wertvoll ist, wie die Idee, daß es ein determiniertes Schicksal gibt, von unseren Genen oder auch von Gott vorherbestimmt.

Den Glauben an die Freiheit des Menschen teilen mitnichten alle Bewohner dieser Erde. Den Glauben an die Freiheit Menschen zu predigen, bringt das gleiche Gift in die Welt wie die Missionsversuche eines Predigers, der seine Religion für die einzig wahre hält und sie mit Zunge oder Schwert in die Welt zu den Mitmenschen tragen will. Dabei ist es irrelevant, ob er diese Menschen in seinem Sinne, zu seinem Gott (und sei dieser Gott die Freiheit selbst) „erretten“ will, oder seine persönliche Vormachtstellung als einer, der näher an der Lehre, näher an der einen Wahrheit ist, ausbauen möchte. Es gibt durchaus Menschen auf diesem Planeten, die weder Zeit noch Bereitschaft haben, sich mit der Willensfreiheit auseinanderzusetzen, da ihre Hauptsorge das tägliche biologische Überleben ihres Stammes, ihrer Sippe, ihrer Lieben, ihrer selbst ist. Diese Menschen sind übrigens nicht immer in weitentfernten, hungerleidenden Ländern der dritten Welt zu suchen. Sie sind auch mitten unter uns, bedroht von den seelenfressenden ungeheueren Sucht, „konsumige“ Oberflächlichkeit, Krieg, Einsamkeit, Krankheit.

Es ist verteufelt schwierig, aus einem innerlich Unfreien einen Freien zu machen, da der Akt der Befreiung in diesem Fall nicht aus dem Selbst des Sich-Befreienden kommt, sondern von außen die Dornenbüsche der Unfreiheit weggeschnitten werden, um die zarten Lippen der Freiheit wachzuküssen. Hierbei ist es nicht unwahrscheinlich, daß dieser Eingriff der Außenwelt nicht die versprochene Freiheit bringt, sondern eine neue Abhängigkeit. Wer die Welt und die Mitmenschen freimachen will, der befreie sich selbst und lasse das Schwert von den Dornenbüschen, die sich um die Märchenschlösser der anderen ranken.

Willensfreiheit, auch und vor allem in setianischen Gedankengebäude, ist eine nicht-natürliche Eigenschaft, die den Menschen von den anderen Lebewesen trennt, mit denen er ansonsten jedoch eine evolutionäre Vergangenheit teilt. Die amerikanischen Biologen Craig Palmer und Randy Thornhill sehen in ihrem jüngst erschienenen Buch „A Natural History of Rape“ den Menschen als Spielball seiner Gene, als Sklaven seiner biologischen Evolutionsgeschichte. Dies hört sich zunächst nach einer weiteren trockenen, akademischen Theorie zweier Berufsdenker an. Bei näherem Hinsehen ist es jedoch gut zu verstehen, daß ein lauter, empörter Aufschrei sich gegen ihre Thesen erhob. In ihrer Theorie finden sich natürliche Erklärungen für Mord, Vergewaltigung, Aggression. Nach ihnen sind Vergewaltiger keine durch die patriarchalische Gesellschaft geformte Psychopathen, sondern handeln „natürlich“, ihrem männlichen Fortpflanzungstrieb entsprechend. Ihr unausgesprochenes Postulat ist entweder ein Schritt in das von Ragnar Redbeard und anderen so gern proklamierte Gesetz des Dschungels. Oder eine wissenschaftliche Untermauerung der Forderung des Darwinisten Thomas Huxley an den modernen Menschen: „Weg von der Natur!“ Dieser betrachtete es als unabdingbar für den „ethischen Fortschritt einer Gesellschaft, natürliche Prozesse zu bekämpfen“. Betrachten wir das, was der Mensch erschaffen und erreicht hat, so hat er dies den Naturgewalten abgetrotzt. Als Beispiele mögen hier die großen Metropolen, die Möglichkeiten der Krankheitsbekämpfung und Lebensverlängerung, das Einsetzen von Gesetz und Menschenrechten gelten. Um letztere hat sich der Hominide der Steinzeit sicherlich reichlich wenig gekümmert. Ob es langfristig immer zu des Menschen Vorteil gewesen sein mag, sich die Natur „untertan“ zu machen, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber es gibt Stimmen aus berufenem Munde, die den Menschen ohne seinen Willen, über die (und seine) Natur zu triumphieren, bereits seit einiger Zeit ausgestorben sehen. In den Thesen von Palmer und Thornhill findet sich versteckt der Abschied von dem schönfärbenden „zurück zur Natur“-Impulses, der sich auch und gerade in einigen esoterisch denkenden Mitmenschen äußert, die gern auf einer blühenden Blumenwiese spazierengehen, der Großen Mutter einige Früchte opfern, sich (der ursprünglichen aurareinigenden Kraft wegen) in klaren, sprudelnden Bergbächen waschen, jedoch schnell ins Haus flüchten, wenn es zu regnen beginnt und die Zentralheizung aufdrehen, um sich bei einer Tasse gewaltfrei geernteten Grüntee vor den Fernseher zu kuscheln, um dort einen Film über die lustige Welt der putzigen Tierkinder zu sehen.

Thornhill und Palmer führen das Verhalten des Menschen auf steinzeitlichen Prägungen zurück, „beweisen“ durch Beispiele aus dem Tierreich, daß aggressives Sexualverhalten auch beim Menschen „ganz natürlich“ ist.

„Die ganze Denkrichtung ist widerlich. Am Ende kommt dabei eine Rechtfertigung von Mord und Totschlag heraus“, so urteilte der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch. Es bleibt eine offene Frage, ob es für die Forschung ein begehbarer Weg ist, eine Forschungs- und Denkrichtung auszusparen, weil sie dem Wissenschaftler oder der Gesellschaft als „widerlich“ erscheint. Wenn die Wissenschaft nur von gesellschaftlichen Normen begrüßte Wege beschritten hätte, würden wir heute noch auf einer platten Scheibenwelt leben und der Begriff „Mittelalter“ würde nicht nur auf den Gouda in der Käsetheke zutreffen. Die beiden Forscher versuchen sich in Naturbeschreibung, enthalten sich jedoch einer Wertung: „Biologie vermittelt Verständnis, nicht Rechtfertigung von menschlichem Verhalten.“ Es ist jedoch keine neue Erkenntnis, daß die Überbringer bedenklicher Nachrichten einen gerngesehenen (weil im Gegensatz zur überbrachten Neuigkeit so einfach auszulöschenden) Angriffspunkt für eine empörte Öffentlichkeit bieten. So manch ein Kopf eines Boten mag in vergangenen Reichen gerollt sein, weil dem jeweiligen Herrscher die überbrachte Nachricht nicht gefiel. Wir können froh sein, daß einige unserer Zeitgenossen die wöchentlichen Fußballergebnisse nicht durch uns als Boten, sondern durch einen unpersönlichen Fernseher übermittelt bekommen.

Im Unterschied zu den Verhaltensgenetikern jedoch, die das Individuum und dessen Erbmerkmale betrachten, und die oftmals den Einzelnen als Sklaven seiner Gene sehen, geht es den Evolutionspsychologen Thornhill und Palmer um die menschliche Gattung als Ganzes. Nach ihnen wurde das menschliche Gehirn durch Selektion zu dem gemacht, was es heute ist: Eine Ansammlung meist in steinzeitlicher Zeit geprägter Schaltkreise. Der Psychologe Miller und der Soziobiologe Wilson sehen unabhängig voneinander selbst Verstand und Bewußtsein als zufälliges Produkt der Evolution, als neben sozialem Status, Muskelkraft sowie körperlicher Gesundheit weitere „Maschine für die Brautwerbung“ (Wilson). Hier öffnen sich ungeahnte, gähnende Abgründe für den freien Geist, der, soeben aus den an Gott kettenden Fesseln der Religion entkommen, nun die eisernen Ketten seines Daseins bis zu steinzeitlichen Hominiden zurückverfolgen kann. Er hat schlicht den einen Kerker gegen den nächsten eingetauscht.

Es ist bezeichnend für den Menschen, daß er in den möglichkeitsschwangeren Labyrinthen des Seins nach dem Ariadnefaden sucht, der ihn aus den verschlungenen Pfaden des Lebens und des Todes herausbringen möge.

Es ist der Anfang, der dem Menschen fehlt, und so wendet er sich seinen eigenen Ursprüngen zu, verfolgt die Ketten seines Bewußtseins auf religiösen, gnostischen und mystischen oder wissenschaftlichen Pfaden zurück in die Zeit, um herauszufinden, ob er frei ist.

„Aber es (das Bewußtsein) reißt sich los, wird frei für einen Horizont von Möglichkeiten. Das Bewußtsein kann die gegebene Wirklichkeit transzendieren und dabei ein schwindelerregendes Nichts entdecken oder einen Gott, in dem alles zur Ruhe kommt. Und es wird den Verdacht nicht los, daß dieses Nichts und Gott vielleicht doch ein und dasselbe sind.“ (Rüdiger Safranksi) Auch hier lohnt es sich, noch einmal einen Blick auf Sartes Philosophie der Nichtigkeit des Seins-für-Sich und des Seins-an-Sich zu werfen (siehe „Sum, ergo cogito: Cogito, ergo sum.“). Sehen wir uns den christlichen Schöpfungsmythos an: Am Anfang herrscht Tohu-va-Bohu, das biblischen Chaos. Gott erhebt sich aus diesem Nichts, indem er handelt, so wie der Mensch bei Sartre Werte erschafft, indem er als Sein-für-Sich dem „horror vacui“ entkommt, da er handelt, Bewußtsein durch gemachte Erfahrung ins Dasein bringt. Hier wird die Verwandtschaft des Ebenbildes Gottes mit seinem Schöpfer, nicht nur in Äußerlichkeiten, sondern quasi als Schicksalsgenosse, deutlich. Bis zum Sündenfall ist der Mensch ein unsterbliches Wesen ohne eigene Erkenntnis, es partizipiert „paradiesisch“ an Gottes Bewußtsein, ist sein Geschöpf, sein Gedanke. Da Gott leichtsinnigerweise diesem Menschen die „böse Tat“ verbietet, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, erschafft Gott das Böse, eine freie Wahlmöglichkeit des Menschen zwischen Gehorsam und Widerspruch (Auflehnung). Der Mensch erkennt in dem Moment, in dem das Verbot ausgesprochen wird, daß es etwas Böses gibt. Diese Erkenntnis muß der Mensch bereits vor dem Bruch dieses Verbotes gehabt haben, Gott nimmt den Sündenfall demnach vorweg. Wie wir wissen, entschied der Mensch sich für die Auflehnung. Sein Bewußtsein war nicht mehr Teil eines größeren Bewußtseins (Gott), das möglicherweise wiederum Teil eines größeren Bewußtseins war und ist, welches sich im ursprünglichen Chaos verbirgt. Somit könnte auch Gott, für manchen Philosophen und Christen das Sein-an-Sich, in Relation zu seinem Schöpfer ein in die Nichtigkeit des Daseins geworfenes Sein-für-Sich sein.

Das menschliche Bewußtsein löst sich nicht mehr im Bewußtsein seines Gottes auf, im Sein-an-Sich, sondern geht über dieses hinaus, erfährt die Potentiale eines neuen Horizontes an Möglichkeiten und wird ein Erschaffendes. Der Mensch wird selbst ein Schöpfer. Hier liegt nur noch ein hauchdünner Schleier auf der satanischen Erkenntnis: Homo est deus, der Mensch ist Gott. Gott sprach nach dem Sündenfall: „Siehe, Adam ist geworden wie wir.“

Die geistige Realität eines freien Bewußtseins kommt in diesem Kontext im Gegensatz zu den Evolutions-Theorien von Palmer und Thornhill in die materielle Welt, indem sich das Geschöpf gegenüber dem Schöpfer emanzipiert und einen Geist entwickelt, der verneinen kann, einen satanischen Geist, der gegen die Ordnung des Schöpfers verstößt und aufbricht in die Labyrinthe der eigenen Wahlmöglichkeiten. Die uns umgebende Natur ist Manifestation des göttlichen Schöpfungsaktes. Der Mensch ist die Wurstscheibe im Sandwich, dessen Brothälften auf der einen Seite die Transzendenz/Göttlichkeit und auf der anderen Seite die Natur sind. Er ist zwischen ihnen, eingebunden in ein Ganzes und dennoch frei, der Gott zu werden, der er ist: Durch Erkenntnis, die aus jedem Schritt entspringt, wenn der Mensch voranschreitet und ins Dasein gelangt aus eigener Kraft.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 – 1854), ein Zeitgenosse und Studienfreund Hegels, sah alles Leben in einer Polarität schwingen. Auf der einen Seite befindet sich die Selbstheit, das innere Zentrum jedes Individuums. Diese Selbstheit führt zu einem Zusammenziehen und Zusammenhalten von Lebensenergie in der eigenen Mitte, um sich selbst und damit die Abgrenzung zur Außenwelt zu erhalten. In diesem ersten Prinzip des Lebens befindet sich die Basis, der haltgebende Grund für das zweite Prinzip. Es ist das Expansive, der schöpferische Impuls des Hervorbringens und Aus-Sich-Herausgehens, des Sich-Selbst-Überschreitens. Das Individuum beginnt laut Schelling, sich selbst zu transzendieren. Es agiert in der Außenwelt und bringt sich so ins Dasein, indem es das Universum möglicher Bezüge und Handlungen erkennt. Das Bewußt-Sein überschreitet das Sein. Wo dieser zentrifugale Impuls, sich mit dem Außen zu verbinden, geistig wird, nennt Schelling ihn Liebe. Hier machen wir einen kurzen Ausflug zu Empedokles (495-435 vor unserer Zeitrechnung), der die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde in die Philosophie einführte. Auch nach ihm existieren zwei zeitlose Grundkräfte in allen Dingen und zwischen ihnen: Anziehung und Abstoßung. Die Abstoßung nannte er Haß, die Anziehung Liebe.

Die Natur des Menschen, die Suche nach dem eigenen Ursprung, zog die Menschen schon immer in ihren Bann. Die modernen Wissenschaften und auch Aristoteles wollten die Natur am empirischen Durchschnitt aller Menschen ablesen. Nietzsche und Platon betrachteten nicht die Masse, sondern die in ihren Augen höchstentwickelten Menschen. Bei ihnen ist die Idee des Menschen untrennbar mit dem Akt der Selbstvervollkommnung, dem Werden, vereint, Diese Philosophie ist dem Lehrer Platons, Sokrates, zu verdanken. Dieser verwies die Naturwissenschaften seiner Zeit, die ebenso wie die Forscher heute ihren eigenen Ursprung und die Formeln der Welt ergründen wollten, in ihre Schranken. Er machte deutlich, daß der Mensch aus dem Wissen, aus welchen Elementen er besteht, noch keine Orientierung ableiten kann, wie er sein Leben ausrichten soll. Dies ist ein Meilenstein der am Leben des Menschen ausgerichteten Philosophie. Und dies zeigt deutlich den Unterschied zwischen einer mystischen, religiösen oder manchmal lebensphilosophischen Erkenntnis und einer wissenschaftlichen Erkenntnis wie bei Thornhill und Palmer: Nach der einen ändert sich das Leben des Erkennenden radikal, richtet sich nach der Erfahrung aus (man zieht sich Sandalen an, geht über Wasser, predigt auf Berggipfeln und läßt das eine oder andere Wunder geschehen). Nach der anderen bleiben die Postulate oft unausgesprochen, Forschungsergebnisse werden niedergeschrieben auf Kongressen wird über die empirische Beweisbarkeit gestritten. Danach gehen die nun Wissenden nach Hause und leben wie zuvor, schlagen ihre Frau, verpesten die Umwelt mit ihrem Auto, gehen weiter ihrem ungeliebten Alltag nach oder was auch immer. Die Übergänge zwischen der einen und der anderen Spezies sind selbstverständlich fließend und Mr. Palmer wird wahrscheinlich auch nicht seine Frau schlagen.

Signifikant ist bei Platon und Nietzsche, daß sich aus ihren Lehren direkte Forderungen an den Einzelnen ergeben; obschon beide zur Vorsicht raten, ihre Botschaften allzu unkritisch und unreflektiert umzusetzen. Vor allem Nietzsche sprach nicht zur Herde, zur Masse, sondern richtete sich an den Einzelnen, an „Gefährten“, die jedoch seiner Lehre nicht allzu gläubig begegnen sollten, da man es „dem Meister schlecht vergelte, wenn man immer nur Geselle bleibt“. Hier sollte klar werden, daß bei den unendlich vielen Theorien und Mythen zur Menschheitsgeschichte, die gerne, je nach dem wie aktuell sie gerade sind, als neueste und abschließende Erkenntnis der absoluten Wahrheit das Parkett der Öffentlichkeit betreten, geprüft werden kann, was sie mit dem eigenen Leben zu tun haben, ob sie den eigenen Weg begünstigen oder Türen zuschlagen.

Dies ist ein pragmatischer Umgang mit Erkenntnis, der sich an dem Nutzen ausrichtet, den man aus ihr ziehen kann. Man sollte sich hüten, hier mit dem Begriff absoluter „Wahrheit“ zu hantieren. Du kannst die Erkenntnisse anderer auf eine Art und Weise nutzen, wie Nietzsche es von seiner Lehre sagt:

Ich bin ein Geländer im Strome: Fasse mich, wer mich fassen kann!

Eure Krücke aber bin ich nicht.


Sum, ergo cogito:
Cogito, ergo sum.

Immanuel Kant was a real pissant

Who was very rarely stable,

Heidegger, Heidegger, was a boozy beggar,

Who could think you under the table.

Monthy Python


Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831) war ein ziemlich deutscher Philosoph, da er es war, der Ordnung und System in die Philosophie brachte. Bei ihm ist die Weltgeschichte vorherbestimmt im Weltgeist. Das Individuum existiert nur als das Auge, mit dem sich der Weltgeist selbst betrachtet und sich bewußt wird. Was das Individuum in seiner Freizeit treibt, ob es betet oder „Heil Satan!“ ruft, interessiert den Weltgeist nicht im Geringsten. Er ist nur darauf bedacht, durch den Einzelnen zu wirken.

Sören Kierkegaard (1813-1855) war zwar ein Kenner der Lehren Hegels, trennte jedoch Weltgeist und Mensch voneinander und öffnete der systematisierten Philosophie Hegels einige Türen und Fenster, so daß der lebensphilosophische Durchzug einigen Staub von Hegels Gedankenkonstrukten pusten konnte. „Es geht den meisten Systematikern in ihrem Verhältnis zu den Systemen wie einem Mann, der ein ungeheures Schloß baut und selbst daneben in einer Scheune wohnt“ schrieb Sören Kierkegaard und meinte wohl Hegel. Der Einzelne ist bei Kierkegaard „der vor Gott seiner selbst bewußte, persönliche Geist“. Kein Geist, der „in“ oder „mit“ Gott ist, sondern „vor“, getrennt von Gott, die Last seiner Existenz selber tragend. Kierkegaard selbst war von Hause aus Theologe. Auch wenn seine Philosophie große Kapriolen der Freiheit zu schlagen vermochte, hing an seinem Bein zu jeder Zeit seine christliche Prägung wie eine Eisenkugel am Fuße des Eingekerkerten. Er sah einen gleichgültigen Himmel und litt unter diesem, vermutete aber, trotz aller Zweifel, immer Gott hinter dieser Gleichgültigkeit. Sein christliches Weltbild drängte seine befreienden Erkenntnisse zurück in die Idee einer letzen Entscheidung, bei der einem Menschen nur noch die (freie) Wahl bleibt zwischen Himmel und Hölle. Er hat das offene Konzept des selbstbewußten Werdens angedacht, um daraus schließlich ein geschlossenes, finales Konstrukt zu machen, da er den Fesseln seiner Kindheit und seines Elternhauses nicht entkam.

Martin Heidegger (1889 – 1976) war der Schlüsselmeister, der kam, um geprägt von Nietzsche, Kierkegaards Panzertüren wieder aufzuschließen und das Konzept erneut zu öffnen. Er sprach dem individuellen Sein nicht nur Selbst-Bewußtsein zu, sondern stellte es auch nicht mehr vor eine endgültige Entscheidung zwischen Himmel und Hölle. Die Entscheidungsfreiheit des sich selbst bewußten Seins ist bei Heidegger die Möglichkeit, sich für die Formel des eigenen Seines, der Beschaffenheit dieses Seins zu entscheiden, letztendlich die eigene Essenz zu bestimmen. Das Sein erschafft sich selbst. Auch Jean-Paul-Sartre (1905 – 1980) zog diese klare Trennlinie zwischen Selbst und Außenwelt. Jedoch lebt bei diesem Vertreter der Existenzphilosophie der Mensch dauerhaft in der Welt außerhalb seiner selbst, das Wesen seines Seins ist die „Nichtigkeit“. Der Mensch ist von sich selbst entfremdet. Das entfremdete Sein strebt beständig nach Sein-an-Sich. Ihm ist bewußt, daß es potentiell göttlich ist, aber niemals Göttlichkeit erreichen kann. Alles, was der Mensch tut, bestätigt seine Nichtigkeit, indem es ihn tiefer in die Außenwelt und in das Sein-für-Sich führt. Doch Sartre schreibt, daß der Mensch durch sein Handeln immer weiter bewußt in das Nichts vordringt.

Dieses Nichts ist dann aber kein Nichts mehr, sondern ein bewußtes Sein-für-Sich und die Bewußtheit der durch Handlungen gemachten Erfahrungen. Hier gelangt der Mensch ins Dasein, ist ein beständig Werdender, der jedoch nie das „Ziel“ des Seins-an-Sich erreichen kann. Es mag interessant sein, sich mit der Überlegung zu befassen, ob sich die Religionen am Sein-an-Sich als Gott, bewußtlos-paradiesischem Sein, Nirvana ausrichten; ob die Mystiker möglicherweise in Sartres Sein-an-Sich eintauchen, wenn sie eins werden mit der Gottheit und sich zeitweilig in ihr „auflösen“. Auch der Fall in die Materie, der Fluch, daß der Mensch abseits von Gottes einendem Licht rastlos auf der Erde wandeln möge, mag sich (etwas verzerrt) in Sartres „Sein-für-Sich“ widerspiegeln. Bei Sartre kann der Mensch seine eigene Vorstellung von Göttlichkeit verwirklichen, jedoch nicht das Sein-an-Sich, absolute Göttlichkeit. Die von Sartre beschriebene Nichtigkeit allen Seins kann zur kraftlosen Lebensverneinung werden für jene, die dem offenen Konzept nicht gewachsen sind. Sartre war jedoch kein Nihilist. Der freie Raum, in dessen Nichtigkeit das Sein-für-Sich Sartres verloren ist, birgt für den Satanisten die Freiheit und das Potential, ins Dasein zu gelangen und sein eigener Schöpfer zu sein. So pessimistisch Sartres Philosophie auch verstanden werden kann (und oft auch wird), so bietet sie doch einen philosophischen Unterbau für das Axiom: Der Mensch ist frei. Weder absolute Werte drängen ihn, noch stellen Götter die letzte Frage nach Himmel und Hölle.

Sartre mutet dem Menschen eine große Freiheit und eine noch größere Verantwortung zu. Des Menschen Sein ist nicht auf einen transzendenten Gott gerichtet, dem es verantwortlich ist, sondern ist nichtig. Aus dieser Nichtigkeit kann sich der Mensch am eigenen Schopfe „herausziehen“ und ins Dasein gelangen. Er schafft Werte durch Handlung und kann Herr über seine Situation sein, indem er über sie hinauswächst und willentlich neu bestimmt. Sartre selbst ging mit seiner Philosophie lustvoll-flexibel um, und setzte sie, im Gegensatz zu jenen, die in Scheunen neben ihren prächtigen Gedankenschlössern leben, in seinem Leben um.

Aus dem obigen kurzen philosophischen Abriß habe ich einen bedeutenden Philosophen bewußt herausgezogen, um ihm eine exponierte Stellung zuzuweisen. In der Chronologie muß Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) zwischen Kierkegaard und Heidegger eingeordnet werden. Nietzsche wurde zu einer der bekanntesten und umstrittensten Persönlichkeiten der Philosophie. Dies hatte verschiedene Gründe: Zum einen konnte er im Gegensatz zu Kollegen seines Faches faszinierende Texte verfassen. Er verfügte über ein erhebliches schriftstellerisches Talent und konnte seine Philosophie so bedeutend packender und nuancenreicher in Worten transportieren als zum Beispiel Hegel (gähn). Der bedeutendste Umstand aber, der ihn aus dem Heer der Philosophen heraushebt, ist, daß Nietzsche seine Philosophie durchlebt, oft auch durchlitten hat. Er war niemand, der am geistigen Reißbrett Modelle entwarf, wie die Welt funktioniere, diese Entwürfe nach vollendetem Tagewerk zusammenrollte, nach Hause ging und sein Leben lebte, wie am Tage zuvor und am Tage davor. Er lebte mit ganzem Herzen, Geist und Körper seine Philosophie, was seinen Schriften eine große Authentizität verleiht.

Seine Philosophie entstand in ihm, aus seiner Sicht der Welt heraus, ohne große Einflüsse durch andere Philosophen. Er war ein Wanderer auf den schmalen Pfaden des Lebens und des Todes, des Genies und des Wahnsinns. Ein Wanderer auf Pfaden, die ihn sehr nah an den Abgründen des Seins vorbeiführten, in die er schließlich, erleuchtet oder geistig umnachtet (wer will das schon beurteilen), hinabstürzte und starb. Seine letzte Ruhe fand Friedrich Nietzsche in seinem Geburtsort Röcken bei Lützen, wo er neben seinen Eltern am Fuße der Kirche begraben wurde, in der sein Vater Pfarrer war.

Zu den Hauptwerken Nietzsches zählen „Menschliches – Allzumenschliches“, „Also sprach Zarathustra“, „Jenseits von Gut und Böse“ und „Der Antichrist“.

Mindestens ebenso lohnenswert wie die „dicken Wälzer“ sind jedoch seine Gedichte, die viele Inhalte in komprimierter Form widerspiegeln und auch seine Lebensgeschichte verstehbar machen.

Bei Friedrich Nietzsche spielt der Wille eine entscheidende Rolle, den er über andere menschliche Vermögen stellt: Der Wille zur Macht. Dieser Wille ist überpersönlich und bezeichnet die allen Bewegungen und Entwicklungen zugrunde liegende Kraft. Dieser Wille zur Macht, zum Leben, zur Entwicklung und zur Lebenssteigerung korrespondiert durchaus mit dem altägyptischen Begriff „Xeper“, dem Logos Aionos von Set. Nach Nietzsche haben Götter und Religionen als Orientierungen ihre Kraft verloren. In diesem Kontext ist sein Ausspruch „Gott ist tot“ zu verstehen. Nietzsche stellt diesen Ideen sein Konzept des Übermenschen gegenüber. Ein Übermensch ist ein Wesen, daß am Willen zur Macht bewußt teilnimmt. Dieser Wille zur Macht lenkt ohne das bewußte Eingreifen des Individuums den Menschen ebenso wie er Tiere und Pflanzen lenkt. Dieser Übermensch ist sich bewußt, daß es keine ewigen Wahrheiten gibt. Der Übermensch ist der Mensch, der seine Grenzen überwindet, seine Fesseln sprengt und zu seinem eigenen Herrn wird, eine durch und durch satanisch-setianische Gestalt. Übermensch ist ein Wesen, das ein Übermensch wird, das ein bewußt Werdendes ist.

Nietzsche setzte gegen die Masse das Individuum und war zeitlebens ein Gegner des Nationalitätswahnsinns“. Daß sich die Schlagwörter „Übermensch“ und „Sklavenmoral“ im NS-Regime größter Beliebtheit erfreuten, darf als Ironie der Geschichte sowie als ein bewußtes Mißverstehen der Lehren Nietzsches gedeutet werden. Nietzsche wurde beim Philosophie-Studium in der ehemaligen DDR schlichtweg verschwiegen und verstaubte in den modrigen Archiven und Giftschränken der Universitäten. Dies kann als Hinweis gelten, daß die Philosophie Nietzsches, die den Einzelnen über die Masse stellt, von so manchem Staat als gefährlich eingeschätzt wurde (und wird?).

Mut zum Experiment; die Kraft, liebgewonnene Überzeugungen und Vorurteile zu hinterfragen; den Willen, die eigene Identität zu bestimmen: Dies sind die Anforderungen, die Nietzsche an das Individuum stellt. Er selbst war ein Mensch, den man als Aufklärer, Kultur- und Lebensphilosophen beschreiben kann. Zu jeder Zeit war er jedoch ein Denker in einer Zeit des Umbruchs, ein Initiator in das Neue. Dies kann als Fingerzeig für einen Satanisten gelten, sich mit Nietzsche eingehender zu beschäftigen.

Heidegger beschrieb Nietzsches Konzept des „Willens zur Macht“ als dessen „einzigen Gedanken“, den er sein Leben lang gedacht hat und Stück für Stück in seiner ganzen „Tragweite und Gefährlichkeit“ zu erfassen versuchte. Nietzsches Übermensch hat die Macht, seine Evolution zu beeinflussen. Es mag für den einen oder anderen Leser von Interesse sein, hierzu die Schriften von Professor Dr. Timothy Leary und Robert Anton Wilson zum metaprogrammierenden Schaltkreis zu lesen.

Friedrich Nietzsche aber stößt die Pforten des Machbaren weit auf, wenn er als entschiedener Gegner des von ihm als lebensfeindlich und einengend empfundenen Christentums, dessen Ende er verkündet, schreibt: „Endlich dürfen unsere Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer, liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so ‘offenes‘ Meer.“


Kapitel 5

Nicht ein guter Mensch, sondern Gott zu werden, daß ist das Ziel.

Plotin


Dieses Kapitel trägt die feurige, marsische Zahl „5“, da die Fünf über die scheinbare Vollkommenheit und Sicherheit der Vier triumphiert, ihre Begrenzung sprengt. Sie korrespondiert mit des Menschen Fall aus dem Paradies und der Pubertät, dem Erwachen des Geschlechtstriebs, der Bewußtwerdung der Eigenperson, dem Morgengrauen einer ureigenen Sicht der Dinge. Somit ist in ihr ein geheimer Schlüssel zur Initiation verborgen und versiegelt.

Wir werden heute nicht in einer Welt geboren, in der wir uns täglich gegen widrige Naturgewalten, Stürme, Erdbeben, feindliche Menschen, die uns nach dem Leben trachten, wilde Tiere und Krankheiten behaupten müssen. Der (Über-)Lebenskampf findet heute subtiler statt. Die Nahrung, die einstmals mit eigenen Waffen erlegt wurde (oder für Vegetarier: mit eigenen Händen gewaltfrei gesammelt), wartet heute vakuumverpackt im Supermarkt auf uns, die wenigsten von uns haben das Haus, in dem sie wohnen, mit eigenen Händen gebaut. Die überlebenswichtigen Güter sind verfügbar, wir können sie kaufen und noch viel mehr Luxus darüber hinaus.

Voraussetzung ist jedoch, daß wir genug Geld haben.

Dieses Geld muß mit eigenen Händen erwirtschaftet werden; fehlt es eines Tages, so erfaßt uns eine ähnliche Existenzangst, als wenn vor tausend Jahren ein Unwetter die Ernte verdorben hätte. Der Kampf ums Überleben wird begleitet von dem Ringen um Anerkennung, Liebe und Macht; sei es nun in unserem Beruf beim Sport, beim Werben um das Objekt unserer Begierde, im Freundeskreis oder auch in der Religion.

Für den „normalen“ Menschen sind dies Selbstverständlichkeiten. Er stellt sich, wenn er stark genug ist, den Herausforderungen des Alltags und lernt, immer besser und adäquater auf die Anforderungen des Lebens zu reagieren.

Für den schwarzen Magier der Erde ist dies ein Weg der Einweihung in die großen Mysterien, ein Pfad der Initiation.

Initiation ist Konfrontation mit dem Leben, ein „sich stellen“, mit der Möglichkeit zu scheitern. Oder zu triumphieren. Initiation ist wie Fisherman’s Friend. Ist sie zu stark, bist du zu schwach.

Initiation findet da statt, wo die eigene Wahrnehmungsblase brüchig wird in der Peripherie, das Ich sich reibt an den Möglichkeiten des Nicht-Ich, durchlässig wird und seine gut bewachten Grenzen für einen Moment öffnet, nicht wissend, ob Freund oder Feind ins Innere gelangt, auch so manches „Trojanische Pferd“ wurde schon gesichtet. Initiation im Ritual ist ein Beschleunigen dieses Vorgangs auf der einen Seite, auf der anderen Seite wird im Ritual die Option eröffnet, neue Erfahrungsspektren zu erschließen, Energien aufzunehmen, die im Alltag möglicherweise zwar ebenfalls existent sind und wirken, jedoch mit unseren mageren Sinnesorganen nicht wahrgenommen werden können.

Anton Szandor LaVey nannte den Ritualraum „Intellektuelle Dekompressions-Kammer“. Über den Westen, die Dame des Westtores und den Kelch bekommen wir Kontakt mit dem Umfang, der Schlange Leviathan. Durch das Tor des Westens strömt alles, was war, ist, und ins Dasein gelangen will in unseren Tempel. Gleichzeitig können wir uns in ihm von allem zurückziehen, von dem Lärm der Welt, selbst von der Stille der Welt; können willentlich jedoch Kontakt herstellen zu allem, was ist. Dies ist eine Basis der schwarzen Magick.

Der Leser wird wissen, daß mit dem Großen Tempel oft prachtvolle, säulengetragene Tempelanlagen gemeint sind, aber auch die kleine hergerichtete Ecke neben dem Fernseher im Wohnzimmer. Der Kleine Tempel beinhaltet die Essenz und die Potenz des Großen Tempels. Der Kleine Tempel ist dein Körper. Halte ihn funktionstüchtig, damit ein Gott darin wohnen mag. Sieh zu, daß du dich wohlfühlst in deinem kleinen und deinem großen Tempel, richte sie entsprechend ein.

Initiation ist nur begrenzt durch andere Menschen zu erhalten. Wenn man von den diversen Pfadfindereiden zur Geheimhaltung und anderen ordenspolitischen Aufnahme-Aspekten einmal absieht, bleibt in einer guten Initiation folgendes: Ein Verunsichern des Kandidaten, ein Herauslocken aus gewohnten Verhaltensmustern. Wenn er „sein Element“ verlassen hat und sich verhält wie ein Fisch, der Bergsteigen soll, entsteht ein großer freier Raum im Initianten, der dann vom Initiator gezielt mit neuen Impulsen gefüllt wird. Dies setzt beim Initianten, der sich freiwillig auf diese Manipulation einläßt, ein großes Vertrauen in den Initiator voraus. Suche dir deinen Initiator gut aus.

Man weiß heute, daß sich durch künstlich herbeigeführte Extremsituation beim Menschen die Bindung an Entitäten, Ideen, Gruppen, etc. hochgradig verfestigen läßt. Die Literatur ist voll von Beispielen, die beschreiben, wie Entführungsopfer nach einiger Zeit anfingen, ihre Kerkermeister anzuhimmeln, sich manchmal sogar zu verlieben.

In einem Fall ist eine junge Frau aus gutem Hause, die von der Guerilla entführt worden war, schließlich übergelaufen. Sie hat sich so sehr mit den Ideen und Idealen ihrer Entführer identifiziert, daß sie später bis an die Zähne bewaffnet an den Aktionen der Gruppe teilnahm.

Dies alles hat sicherlich mit dem Zusammenbruch des sicheren Rahmens, in dem wir uns bewegen, zu tun. Das Selbst spaltet sich ab und versucht an der Macht der (scheinbar oder real) Stärkeren zu partizipieren. Ähnlich beschreibt der Psychologe Arno Gruen den Moment, in dem das Kind nicht mehr unmittelbar an den Empfindungen und Impulsen der Eltern teilnimmt, sondern sie so sehen muß, wie sie sich sehen. Es fügt sich dem Selbstbild von Vater und Mutter und ist den Eltern gehorsam, damit sie weiterhin für das Kind da sind und es teilhaben kann an der Macht der Eltern. Genauso stellt sich der Mensch auf unterschiedliche Rahmenbedingungen ein, Gehorsam gegenüber Gott, Gehorsam gegenüber der Wissenschaft, der Realität; all‘ dies ist eine Frage des Zeitgeistes . Gehorsam gegenüber den „guten Sitten“, gegenüber dem, was anständig ist.

Das gleiche Spiel funktioniert auch mit ganzen Völkern. In Windeseile wurden nach dem Krieg in Deutschland überzeugte Nazis (und ein paar muß es ja schon von ihnen gegeben haben, auch wenn im Nachhinein jeder im „passiven“ Widerstand gewesen sein will) zu überzeugten Demokraten und die Wenigsten haben bewußt gelogen.

Vieles von dem, was wir denken, für gut und richtig halten, ist ein Produkt des heiligen Zeitgeistes, das Wenigste von all‘ dem ist entstanden, indem wir in Einklang mit unseren echten Bedürfnissen und Empfindungen gedacht und gehandelt haben. Doch wir lassen unsere Impulse ausfiltern und bewerten sie selbst nach fremden Maßstäben, nach dem, was „man“ von uns erwartet und üben Gehorsam gegenüber diesem Erwartungsgespenst.

Je weiter wir voranschreiten, je größer unser nietzscheanischer Wille zur Macht und zur Autarkie wird, um so mehr kringeln sich die vampirischen Schmarotzer um unsere Füße, die teilhaben wollen an unserer Macht. Sie sind es, die uns in Handlungen drängen, die wir sonst nie getan hätten, sie erreichen es, daß wir uns schuldig fühlen, wenn wir uns nicht (scheinbar) altruistisch herniederbeugen zu ihnen und mit-leid-en. Kennst du Menschen, die du nur anrufst oder besuchst, weil sie es von dir erwarten, du aber eigentlich nie richtig Lust darauf hast? Die es verstehen, dir ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie etwas von dir wollen. Die dich schuldig fühlen lassen, wenn du dich nicht mit ihnen beschäftigst?

Sie sind fast immer die ersten, die sich von uns abwenden, wenn wir straucheln und oft diejenigen, die uns mit ihren Fangzähnen zerreißen und uns gierig herunterschlingen, sollten wir fallen.

Hier liegt eine große gut getarnte und sehr, sehr tiefe Fallgrube.

Denn auch wir sind wie schmarotzende Pflanzen im Schatten der großen Bäume, die uns weit überragen. Wir haben unsere Wurzeln in ihre verschlungen, nähren uns von ihrer Nahrung, gedeihen in ihrem Schatten. Dort auf der Lichtung inmitten des Waldes, auf dem Hügel steht ein Baum, der allein, stolz und selbstbestimmt stehen wollte; die Herbststürme des Lebens, von der Setschlange in ihrer Hölle entfacht, haben seine Äste zerbrochen. Der herabzuckende Blitz eines Gottes hat seinen Stamm gespalten, der nun auf der feuchten Erde liegt. Und die eine oder andere kleine Pflanze wächst aus dem morschen Holz, nährt sich nun von seinem modrigen Stolz. Erst, wenn wir uns nicht einmal dem „beugen“, was ein LaVey, ein Aquino, ein Webb, ein Crowley oder auch ein Eremor als setianisch/satanistischen Weg beschreiben, sondern unseren Schritte und Glaubenssätze ständig überprüfen, den gnostischen Weg gehen und eigene Erfahrung über Glauben setzen, uns mit der Frage beschäftigen „was ist mein wahrer Wille?“, ganz gleich ob im Sinne des transzendenten „Thelema“ Begriffes eines Meister Therion oder im Stile des psychologischen Primärimpulses, an dem sich unser Leben ausrichtet; erst dann sind wir in der Lage, unserem Selbstverrat zu begegnen und Wege zu suchen, größere Freiheit zu erlangen. Konfrontiere dich mit verschiedenen Paradigmen, experimentiere. Widerstehe der Besessenheit des Geistes, unbedingt in einer klaren, einfach strukturierten Welt leben zu wollen, alles Neue ein für alle mal einordnen zu müssen. Lasse das Subtile, den Widerspruch und die Komplexität zu. Laß Stärke nicht zur Starre verkommen. Esse vom Baum der Erkenntnis. Sehe die Welt durch deine eigenen Augen und sei bereit für das, was kommt. Sage keine Einladung zu einer schamanischen Schwitzhütte oder einer dynamischen Meditation ab, weil man das als Satanist nicht macht. Schau vielleicht auch mal wieder in der Kirche vorbei, es sind Menschen dort, von denen du möglicherweise etwas lernen kannst.

Wenn du Angst hast, daß deine finsteren Freunde dich sehen könnten, schlage sofort diese Buch zu, verbrenne es und opfere eine schwarze Katze.

Der Pfad der Einweihung durch Set führt dich weiter über deine Grenzen hinaus, als es dir möglicherweise zur Zeit bewußt ist.

Bevor du den ersten Schritt auf diesem Pfad machst, sei dir sicher, daß du nicht morgen statt Satanismus ein anderes Hobby hast, mit dem du dich beschäftigst. Sei dir sicher, daß du den Weg weitergehen willst, wohin auch immer. In deiner Zeit, auf deine Art und Weise. Humorvoll und spielerisch oder ernsthaft und diszipliniert, langsam und gründlich oder schnell und furchtbar intensiv, experimentell oder traditionell. Oder alles zusammen.

Erfolg ist dein Beweis, Tapferkeit dein Schild. Gehe weiter, schreite voran.


Einweihung durch Set
Die Set-Leiter

Du steigst herauf zu Gott. Set gesellt sich zu dir.

Ägyptischer Himmelsfahrtstext


Als „die Set-Leiter emporsteigen“ bezeichneten die Ägypter das Aufsteigen in den Himmel, Set hatte hier die (weibliche) Funktion der tragenden (erduldenden) Erde, der Leiter, des Weges; aber auch die Aufgabe als Freund und Helfer dem Aufsteigenden zur Seite zu stehen, also einen aktiven Part auszuüben. Set ist der Begleiter in der Fremde, in der Ödnis, in der Dunkelheit, ein Freund auf dem Weg (im Leben wie im Tod). Gleichzeitig ist er Initiator, der große In-Frage-Steller des Erreichten, der Sand im Getriebe, dein Spiegel und dein Lehrmeister. Set ist Herr über die Tore des Lebens und des Todes, er bringt den Tod, die Verdammnis, doch als er gemeinsam mit seinem Bruder Horus die Könige Ägyptens krönte, sprach er zu ihnen: „Ich setze dir die Krone und auch die Scheibe aufs Haupt. Ich verleihe dir Leben, Stärke und Gesundheit.“

Set ist dein Initiator. Er zerstückelt dich wie Osiris, verteilt deine Leichenteile in den entlegensten Winkeln des Reiches. Er bringt Zauberkraft und Macht, treibt dich an, dich dem Leben zu stellen und voranzuschreiten.

Stehst du eines Tages am Rande der Welt, so stößt er dich weiter. Noch während du hinabstürzt in die Tiefen der Unterwelt, bemerkst du, daß dein Weg noch nicht beendet ist. Wenn dir die Geschöpfe der Nacht das Fleisch von den Knochen reißen, schreit dein Körper nach Leben, doch dein Wille verlangt nach Einweihung. Deine Augen brechen und dein Herz wird aus deiner Mitte gerissen, da es schwerer ward als die Feder der großen Göttin Maat. Das Totengericht wirft es hinab in die Gruben des Monstrums Ammit, damit er es verschlinge.

Wenn dein Körper offenliegt als nutzlose Hülle, dein Blut sich mit Eiter und dem Inhalt deines Magens und deines Darms mischt, dir die Zähne einzeln herausgebrochen werden, dein Knochen von der Gewalt der Bewohner der Unterwelt zersplittern in tausend Stücke und deine Lunge zerrissen daliegt vor den Resten deines Seins. Wenn alles, was du erlebt hast, was du glaubtest zu wissen, was du dachtest zu besitzen, wenn all‘ deine Freunde, deine Feinde und all‘ die, von denen du dachtest, sie seien dir egal, in fernen Welten weilen, nur nicht hier, welcher Geist soll deine Intelligenz fassen, auf die du dir soviel eingebildet hast? Welches Herz soll fühlen, lieben, kämpfen? Wo ist dein Gott?

Wenn es keinen Gott außer dem Menschen gibt, warum bist du dann nichts als Nahrung für die Geschöpfe der Unterwelt, die schrecklich, furchteinflößend, nur von einem Impuls in der Existenz gehalten werden: Fressen, was in die Unterwelt gelangt. Zerreißen, was lebt.

Wo sind deine Werke bleibender Größe? Wo ist nun der Wert deines Geldes, deiner Leidenschaft, deiner Gutmütigkeit, deines Hasses? Wer hat dein stolzes Ego gesehen? Ein Bewußtsein, daa den Tod überdauert? Reinkarnation? Geistwesen? Lichtgeschöpf? Nachtschatten? Ein Gott gar`? Und auch dieser Gedanke, diese Hoffnung, dieser Strohhalm wird dir entrissen, bis da nichts mehr ist. Und wenn du glaubst, das Nichts fassen zu können, wenn du versuchst, es zu verstehen, philosophisch zu durchdringen, so wird auch dieser Impuls vernichtet, ganz gleich ob du nicht sein oder aus dem Nichts hervorgehen willst, das Nichts wird verschlungen und dein Wille mit ihm.

Schweigen. Stille. Stille. Stille.

Ausgerottet ist für jeden lebendigen Geist die Erinnerung an dich, niemand sieht mehr dein jämmerliches Streben nach Dauer. Nicht, daß die Lebendigen dich bewußt ignorieren würden. Es ist so, als wenn du nie da warst, dein Grabstein ist seit Äonen in der Erde versunken, deine Kinder selbst schon lange tot, deine Geliebten fortgeweht aus den Zweigen des Lebensbaumes, deine Werke getilgt wie eine verworfene Idee des Universums. All‘ deine Tränen sind vergebens. Hörst du noch den Nachhall deines Lachens, als dich das Glück berührte? Wie zufällig hat es dich damals für einige Zeit gestreift.

Deine erste Geliebte, erinnerst du dich? Ihre Brüste, die du zärtlich liebkost hast: nichts als sich zersetzendes Fettgewebe in wurmdurchdrungener Dunkelheit des kalten Grabes. Auch diese Erinnerung entreißt dir der Sturm, den die Schlange in entfernten Bergeshöhlen entfacht. Selbst der Sturm wird verschlungen von dem schwarzen Loch inmitten deines Bewußtseins, dann wird selbst das Bewußtsein hineingezogen. Schließlich verschwindet auch das Sein.

Schweigen. Stille. Stille. Stille.

Wenn du auf den Lichtpunkt wartest, auf das Samenkorn, aus dem neues Leben erwachen soll: Da ist keine fruchtbare Erde. Da ist kein Licht. Da ist nichts, da du nicht bist. Schweigen ohne still sein zu wollen. Stille erdulden. Demut? Mut?

Du solltest dich nun aus der Dunkelheit emporarbeiten, wieder geläutert hineingelangen ins Dasein. Aber dir fehlt jeglicher Impuls, der dich in Bewegung setzen könnte. Du hast keinen Körper, um dich- zu erheben und kein Gefühl, daß dich hoffen läßt, keine Intuition, die dich antreibt, keine Intelligenz, die eine Lösung sucht, denn du bist gelöst, aufgelöst, fern von allem, was du warst, unendlich fern von allem, was du sein wolltest. Warten. Ausharren. Schweigen. Stille. Warten.

Alles an dir ist erstorben und kalt. So, wie es immer war. So, wie es immer sein wird. Dieser Moment ist das traurige Abbild der Ewigkeit, nichts dreht sich um dich und auch du ruhst. Lebensräder hat es nie gegeben. Kreisläufe, Geburt, Tod, Liebe, Freundschaft, Haß und Neid, alles ist so fern, daß du dich nicht einmal mehr daran erinnern kannst.

Alles, was du jetzt noch bist, ist ruhend. Schweigend.

Nicht mehr wartend. Auf was auch? Da ist kein verheißenes Etwas, auf das es sich lohnt zu warten, da ist nichts, was naht, vor dem du Angst haben müßtest, denn du bist Stille in einem endlosen Meer von Schweigen. War jemals etwas anderes als Stille? Warst du jemals bewegt durch dieses Ding oder jenes? Du bist dir nicht mehr sicher, ob nicht alles immer so war, wie es jetzt ist: In sich ruhend.

Da ist nichts. Alles, was ist, ist Stille.

Doch die Stille hat kein Gegenteil mehr, niemals war da ein Wort, ein Flüstern, niemals war da ein Todesschrei. So erlischt selbst die Stille. Niemals ist ein Rad zur Ruhe gekommen; es hat sich zu keiner Zeit gedreht. Es gibt keine Möglichkeit mehr für Kreisläufe, keine Erinnerung mehr an Bewegung. So erlischt am Ende auch die Ruhe.

Set? Set – Leiter hinauf in die Oberwelt, in den Himmel gar? Set entreißt der kalt klammernden Todesstarre den freien Willen und die Möglichkeit, eine Entscheidung zu fällen. Set ist nun ganz nah bei dir, du spürst seine Nähe, den Atem des Herrn des Lebens im Tod und des Herrn des Todes im Leben. Er macht dir seine Frage zum Geschenk: „Willst du ins Dasein gelangen aus eigener Kraft, willst du dich erheben aus dem Morast des Vergessens?“

Entscheide jetzt. Sinkst du zurück in den traumlosen Schlaf jenseits der Zeit, an einem Ort, den niemand kennt? Oder willst du dich erheben? Dann ergreife die Hand, die Set dir entgegenstreckt als Bruder und Freund.

Dann verlierst du den Zustand jenseits der Dualität, ohne Freude, ohne Leid, ohne Licht und ohne Finsternis, ohne Frieden und ohne Kampf. Du gewinnst das Leben. Und du bezahlst deine Entscheidung mit dem Tod.

Steige die Set-Leiter herauf zu dem Gott, der du wirst. Set gesellt sich zu dir.

Einweihung durch Set
Einweihungszentren der Atlanter oder Weizenkuchen?


Als Grabmale der Pharaonen sind uns die Pyramiden hinlänglich bekannt. Da jedoch der Bau einer Pyramide mehr Zeit in Anspruch genommen hat als die Amtszeit eines Pharaos, und gewisse Räumlichkeiten für einen reinen Begräbnisplatz unnötig erscheinen, gibt es durchaus auch ernsthafte alternative Theorien.

Ich will nun gar nicht auf Pi, die „Pyramidenzahl“ 3,1415926535... eingehen, auf astronomische Beobachtungsstationen und ähnliche, weitgehend bekannte Aspekte.

Der Begriff der „Pyramide“ kommt vom griechischen „pyramis“, was ganz schlicht „Weizenkuchen“ bedeutet, da die äußere Form der Pyramiden bei den Griechen offensichtlich Hungergefühle ausgelöst hat. Heute würden sie wahrscheinlich Toblerone heißen.

Die Ägypter nannten die Pyramiden jedoch „mer“, was laut Naomi Ozaniec frei übersetzt „Instrument des Aufstiegs“ bedeutet.

Nehmen wir die Große Pyramide von Giseh, so sind wir beeindruckt von der Größe, von der exakten Ausrichtung der Seiten in die vier Himmelsrichtungen. Aus der „Königskammer“ gibt es einen Schacht, der auf den Orion ausgerichtet ist, der mit Osiris (und den gottgleichen Pharaonen) identifiziert wird. Aus der „Königinnenkammer“ zielt ein Schacht auf Sirius/Sothis, den Stern der Isis und des Set. Hier wird deutlich, was mit dem „Instrument des Aufstiegs“ für den toten Pharao und seine Gemahlin gemeint war.

Als Grabmal erstaunt uns dieser „Weizenkuchen“ jedoch durch das Fehlen einer Mumie...

Ein abwärtsführender Gang weist auf den niedrigsten Stand des Nordsterns oder Alpha Draconis, hier ist eine Verbindung zur Drachen(schlange) als Symbol der Eingeweihten, die sich „Söhne des Drachen“ nannten, offensichtlich.

Es gibt Theorien, nach denen früher Nachfahren der atlantischen Kultur in Ägypten lebten, die sich später mit einem Volk aus dem östlichen Äthiopien mischten. Diese brachten ihre Lehren mit nach Ägypten und errichteten die Pyramiden.

Interessant ist, daß einige Begriffe aus dem Altägyptischen stark an das Sanskrit erinnern. So erinnert zum Beispiel die Göttin Maat stark an Mahat (universale Weisheit).

Der alte Name des Osiris, Ausar, ähnelt dem Sanskritwort Asura, welches göttliche, wenn auch rebellische Geister beschreibt, die sich ähnlich der gefallenen Engel im Christentum mit den Göttern (Devas) befehden. Ausar wurde zu Asar, Asar in der ptolomäischen Dynastie zu Asarphi (durch Verschmelzung mit dem Apisstier, auch Osarapis) Asarphi zu Asarapis, Asarapis zu Sarapis, Sarapis zu Serapis. Zusammen mit seiner Gattin Isis wurde Serapis immer mehr zu einem Universalgott, zum „Erretter“ und zum Vorbild des „Heilandes“ der Urchristen. Mit dem aufkommenden Christentum wurden die ägyptischen Kulte des Serapis als lästige Konkurrenz heftig bekämpft (interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Serapis bis zuletzt nicht nur als Sonnengott, sondern in Erinnerung an die Zerstückelung durch Set auch als Unterweltsgott verehrt wurde).

Nach diesen Theorien waren „mer“ gigantische Einweihungszentren. Der absteigende Gang, der auf Alpha Draconis ausgerichtet ist, führt in einen grob behauenen Raum „unter“ der von außen sichtbaren „mer“. Dies symbolisierte den Abstieg in die Unterwelt, aus der sich der Initiant durch den sogenannten Brunnenschacht über eine Set-Leiter herauszwängen mußte. Er gelangte zur Großen Galerie, wo die Priesterschaft ihn vor die Wahl stellte, in die kleinen oder großen Mysterien eingeweiht zu werden. Entschied sich der Anwärter für die kleinen Mysterien, so wurde er in die Königinnenkammer geführt und geprüft. Entschied er sich für die „großen“ Mysterien, gelangte er in die Königskammer, um sich seinen Aufgaben zu stellen. War er schließlich ein Eingeweihter, hatte er die Möglichkeit, wieder eins zu werden mit den göttlichen Energien oder als „Meister“ in menschlicher Form auf der Erde zu wirken und seinerseits ein Einweihender zu sein. Hier fallen die Ähnlichkeiten zum Buddhismus auf, nach dem ein Buddha eben diese Wahl hat, als Wesen jenseits der Dualität zu „existieren“ oder wieder zu inkarnieren.

Möglicherweise gab es aber auch die große Prüfung in der Großen Galerie, nach deren erfolgreichem Abschluß der Eingeweihte sich entweder für das Aufgehen im Orion entscheiden mußte und zur Königskammer gelangte, oder zum weiteren Wirken auf der Erde die Königinnenkammer auswählte. Hierfür spricht, daß der Schacht aus der Königinnenkammer zwar auf Sirius ausgerichtet ist, aber nicht das Äußere der Pyramide und damit den Himmel erreicht, somit ein weiteres freiwillige „Gebundensein“ in Materie symbolisieren könnte.


Anrufung des Anubis

Anubis!

Bewacher der Tore,

öffne den Weg für mich.

Anubis!

Hüter der Schwelle,

geleite mich in die Nacht.

Anubis!

Führer der Seelen,

nimm die Schatten von meiner Ba.

Anubis!

Sucher der Fährten,

führe mich zu meinem Selbst.

Anubis!

Bereiter des Weges,

verfeinere meine Sinne.

Anubis!

Schwarzer Schakal!

Totenführer! Totengott!

Führe mich zur Erkenntnis.

Anubis! Anubis! Anubis!


Zeit


Auch, wenn dies kein wissenschaftliches Buch über Ägyptologie ist, so ist es wichtige Voraussetzung zum Verständnis der in diesem Buch dargelegten Sachverhalte, nicht nur zur Geschichte des Set einiges zu erfahren, sondern wenigstens eine kurze Zeittafel der Geschichte Ägyptens zu betrachten. Die gesamte Geschichte des alten Ägypten ist nur zu verstehen, wenn man sich die spezifische Geographie dieses Landes ansieht.

Ein rund eintausend Kilometer langer Streifen Fruchtbarkeit erstreckte sich im Niltal, eingeschlossen von Wüsten, die vor Eindringlingen schützten und das Niltal isolieren. Bereits in grauer Vorzeit mögen sich im fruchtbaren Niltal Menschen angesiedelt haben, die später, vor rund fünftausend Jahren, die erste Hochkultur der Menschheit gründeten. Was aus heutiger zeitlicher Entfernung anmuten mag wie eine Hochkultur von vielen, nur eben die erste, hatte eine Qualität und eine Stabilität, die dem Reich der Pharaonen eine exponierte Stellung zuweist. Manche Pharaonen regierten länger als unsere Bundesrepublik alt ist. Die Herrscherfamilien stellten über Jahrhunderte die neuen Pharaonen, zwischen dem ersten und dem letzten der Pharaonen ist mehr Zeit vergangen als zwischen der Gründung Roms und unserer Gegenwart.

Die Zeitangaben hinter den Königsnamen beziehen sich auf die Zeit der Herrschaft:

Frühgeschichte (bis 3032 vor unserer Zeitrechnung)

Die ältesten Fundstücke aus dem Niltal sind Steinwerkzeuge und ca. einhunderttausend Jahre alt. Die Menschen lebten in unterschiedlichen Kulturgemeinschaften zusammen, die 3300 vor unserer Zeitrechnung in Oberägypten die „Nullte Dynastie“ hervorbrachten. In der „Nullten Dynastie“ wurden die in Unterägypten ansässigen Kulturgemeinschaften in das Reich integriert. Ein königliches Zeichen ist der Doppelfalke Set-Horus, über den an anderer Stelle in diesem Buch genaueres berichtet wird.

Archaische Zeit (bis 2707 vor unserer Zeitrechnung)

Unter König Menes wird Memphis die erste Hauptstadt von Gesamtägypten. In der „Ersten Dynastie“ folgen ihm die Herrscher Atoti, Djer, Wadj, Dewen, Adijib, Semerchet, Qaa; in der „Zweiten Dynastie“: Hetepsechemui, Nebra, Ninetjer, Wenegnebti, Sechemib, Neferkara, Neferkasokar, Hudjefa.

Altes Reich (bis 2170 vor unserer Zeitrechnung)

Die ersten großen Bauvorhaben werden in der „Dritten Dynastie“ umgesetzt: Das erste Bauwerk aus Stein ist die Stufenpyramide von Sakkara, errichtet vom Nachfolger Nebkas, dem König Djoser (2690 – 2670). Es folgen die Könige Sechemchet, Chaba, und in der „Vierten Dynastie“ errichtete Snofru (2639 – 2604) nach zwei mißglückten Versuche die erste „richtige“ Pyramide. Nach ihm erschuf Cheops (2604 – 2581) die erste große Pyramide von Giseh. Sein Sohn Djedefra identifiziert sich als erster Pharao mit dem Sonnengott Ra. Es folgen Chephren, Bicheris, Mykerinos, Schepseskaf, Thamphtis. In der „Fünften Dynastie“ Userkaf, Sahura, Neferirkara, Schepseskara, Neferefra, Niuserra, Menkauhor, Djedkara Asosi, Unas. Der Fruchtbarkeitsgott Osiris löst Ra in seiner Stellung ab. Es folgen die „Sechste, Siebte und Achte Dynastie“ mit zweiundzwanzig Königen.

Erste Zwischenzeit (bis 2020 vor unserer Zeitrechnung)

Ägypten zerfällt aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten in vereinzelte Fürstentümer. In Herakleopolis herrschen ingesamt achtzehn Könige in der „Neunten und Zehnten Dynastie“.

Mittleres Reich (bis 1793 vor unserer Zeitrechnung)

In der „Elften Dynastie“ vereinigt König Mentuhtep II. das Reich. Kunst, Kultur und Handel erblühen erneut. Insgesamt herrschen fünfzehn Könige bis zum Ende der „Zwölften Dynastie“. Der Gott Amun taucht auf.

Zweite Zwischenzeit (bis 1550 vor unserer Zeitrechnung)

Die fünfzig Könige der „Dreizehnten Dynastie“ lassen das Reich erneut zerfallen. Die Herrschaft der in Ägypten einmarschierten Hyksos dauert bis zum Ende der „Siebzehnten Dynastie“. Die Hyksos machen Set zu ihrem Reichsgott und verehren ihn zusammen mit Astarte als Götterpaar. Die Ägypter selbst herrschen nur noch in Oberägypten, bis Ahmose I. (1550 – 1525) Unterägypten zurückerobert, die Hyksos vertreibt und so das Neue Reich begründet.

Neues Reich (bis 1069 vor unserer Zeitrechnung)

Der zehnte Pharao der „Achtzehnten Dynastie“ ist Echnaton (1351 – 1334), der den Monotheismus einführt, Athon ist nun einziger Gott. Sowohl die Religionsform als auch die Nachlässigkeit in der Herrschaft Echnatons isolieren Ägypten erneut, obwohl es unter seinem Vater zu riesiger Ausdehnung und kultureller Blüte gekommen war. Tutanchamun (1333 – 1323) führte die alte Religion wieder ein. Die Götter Set und Ptah gewannen erneut an Bedeutung. In der „Neunzehnten Dynastie“ kam es unter Sethos I. („der zu Set gehört“, 1290 – 1278) zu einem neuen Aufschwung.

Die setianischen Arbeiter, die das Grab für Sethos I. erschufen, hinterließen dort ihr Zeichen: Ein inverses Pentagramm. Dies ist ein Beweis, daß die Zuordnung des inversen Pentagramms zu Satan-Set keine nachträglich vorgenommene ist, sondern seit mindestens 3300 Jahren besteht. Es folgen die Pharaonen Ramses II., Merenptah, Amenmesse, Sethos II., Siptah. In der „Zwanzigsten Dynastie“ Sethnacht „Set ist stark!“ (1186 – 1182) und Ramses III. bis Ramses XI., der letzte im Tal der Könige begrabene Herrscher.

Dritte Zwischenzeit (bis 655 vor unserer Zeitrechnung)

Das Land zerfällt erneut in zersplitterte Fürstentümer. Insgesamt sechsunddreißig Könige herrschen von der „Einundzwanzigsten Dynastie“ bis zur „Fünfundzwanzigsten Dynastie“.

Spätzeit (bis 335 vor unserer Zeitrechnung)

Zwar konnte das Reich in der „Sechsundzwanzigsten Dynastie“ noch einmal geeint werden, in der „Siebenundzwanzigsten Dynastie“ herrschten jedoch über hundert Jahre die Perser in Ägypten bis Amyrtaois (404 – 399) diese vertreiben konnte. Es folgten immer wieder Kriege mit den Persern, die Ägypten in der „Einunddreißigsten Dynastie“ (342 – 335) wieder unter ihre Kontrolle brachten. Ein kleiner Querverweis: Perserkönig Dareios I., der Ägypten zwischen 522 und 485 beherrschte, findet sich übrigens auch im Kapitel „Zarathustra, Geburtshelfer Satans“ wieder.

Griechisch-römische Zeit (bis zur Eroberung durch die muslimischen Araber im Jahre 640 unserer Zeitrechnung)

Alexander der Große „befreite“ Ägypten von den Persern und begründete damit die griechische Herrschaft. Dann kamen die Ptolemäer als Herrscher. Die letzte Königin von Ägypten, Kleopatra, schloß ein Bündnis mit Rom und vor allem ein privates Liebesbündnis mit Mark Antonius. Im Jahre einunddreißig vor unserer Zeit kam es zur berühmten Seeschlacht von Actium, in der Kaiser Octavian (später Augustus) über Marc Antonius triumphierte, Ägypten zur römischen Provinz machte. Kleopatra und Marc Antonius begingen gemeinsam im Jahre dreißig vor unserer Zeitrechnung Selbstmord. Später herrschte Theodosius I., der im Jahre 392 unserer Zeitrechnung alle traditionellen „heidnischen“ Kulte verbietet, die ägyptischen Tempel schließt. Nicht nur die Set-Priester nehmen ihre Zauber-Papyri unter den Arm und verschwinden. Die Hochkultur Ägyptens wurde vom aufkommenden Christentum endgültig beendet. Ein aufgestachelter christlicher Mob brannte Tempel nieder. Die Medu Neter, die heiligen Zeichen der Götter, die Hieroglyphen, wurden verboten.

Mit der Religion und Kultur der Ägypter starb auch ihre Schrift. Erst durch den Fund des Steins von Rosette im Jahre 1799, auf dem in Hieroglyphen, demotischer Schrift und Griechisch der gleiche Text steht, gelang es Jean-François Champollion im Jahre 1821, die ersten Hieroglyphen zu entziffern. Er gab der Wissenschaft damit den ersten richtigen Schlüssel zur Kultur der Ägypter.

Die Vorläufer der Hieroglyphen, die ältesten Schriftzeichen der Menschheit, wurden im mittelägyptischen Abydos gefunden. Sie befinden sich auf kleinen Elfenbeinplatten und sind ca. 5300 Jahre alt. Auf einer dieser Schriftplatten befindet sich auf der linken Seite etwas, das von den Forschern als „Himmelsblitz“ beschrieben wurde. Dieser Himmelsblitz unter einer Gewitterwolke erinnert sehr an das Uas-Szepter der Stärke und der Macht, das vom Kopf eines Caniden gekrönt, wahrscheinlich eine Set-Darstellung ist. Rechts daneben befindet sich eine Berggruppe, auf der sich eine Schlange windet. Diese Schlange wird einer Theorie zufolge als „phonetische Lesehilfe“ gesehen, die den Konsonanten des Wortes „Berg“ angeben soll. Es ergibt sich jedoch auch eine interessante Assoziationskette. Man erinnere sich an die Vorstellung der alten Ägypter, daß Set in Form einer Schlange in Bergeshöhlen wohnt und dort die Stürme und Gewitter entfacht. Dies bleibt natürlich nur eine Vermutung, in einem sind sich die Wissenschaftler jedoch einig: Daß die Gesamtdarstellung auf diesem Elfenbeinplättchen für die Himmelsrichtung „Westen“ steht. Dies läßt wiederum das Herz eines jeden Freundes der (Wasser-) Schlange des Westtores, Leviathan, höher schlagen. Zumal auch Set mit der im Westen untergehenden Abendsonne korrespondiert und die Ägypter am Fundort der Schriftplatten, Abydos, das Grab des Osiris verehrten, an dessen Tod der Wüstengott Set dem Mythos nach maßgeblich beteiligt war.


Tief in der Wüste entdeckt man am ehesten, was ein Mensch ist.

Antoine de Saint-Exupery


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23 aralık 2023
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392 s. 21 illüstrasyon
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9783944180021
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