Kitabı oku: «Der arme Jack»

Yazı tipi:

Frederick Marryat
Der arme Jack

Roman

Saga

Erstes Kapitel.

In welchem ich, wie die meisten Leute, welche ihre eigene Geschichte erzählen, mit der Geschichte anderer Leute beginne.

Allen Grund habe ich zu glauben, dass ich im Jahre unseres Herrn 1786 geboren wurde; denn auf die wiederholten Fragen an meinen Vater erhielt ich unabänderlich stets dieselbe Antwort: „Nun, Jack, Du liefst ein paar Monate vor der Überpflanzung der Druiden auf die ‚Melpomene‘ vom Stvpel.“ Inzwischen habe ich in Erfahrung gebracht, dass sich dieses denkwürdige Ereignis im Januar 1787 zutrug. Mein Vater rechnete übrigens stets in derselben Weise, denn wenn ich hin fragte, um welche Zeit irgend ein Begebnis stattgefunden habe, pflegte er zu erwidern, so und so viel Jahre oder Monate nach diesem oder jenem Seegefecht oder einem sonstigen merkwürdigen Ereignis. Als ich zum Beispiel eines Tages von ihm wissen wollte, wie lange er dem König gedient habe, antwortete er: „Ich kam kurze Zeit vor der Schlacht von Bunkers-Hill in Dienst, in welcher wir die Amerikaner hübsch aus Boston hinausleckten.“a)

Von dem anno domini hatte er durchaus keinen Begriff. Wer mein Grossvater war, kann ich dem Leser nicht mitteilen, da er sich ohnehin auch nicht sonderlich dafür interessieren wird. Mein Vater war ein Mann, der stets nur die Zukunft im Auge hatte und jeden Rückblick auf die Vergangenheit hasste: er sprach nie von seinem Vater oder seiner Mutter, vielleicht weil er sie gar nicht kennen gelernt hatte. Was ich gelegentlich aus ihm herausbringen konnte, beschränkte sich darauf, dass er auf einem Kohlenschiffe von South-Shields gedient hatte und dass er sich einige Monate nach dem Ablaufe seiner Lehrzeit an einem schönen Morgen an Bord eines Kriegsschiffes befand, ohne sich Auskunft geben zu können, wie er dazu gekommen war, denn man hatte ihn ohne seine Einwilligung und in einem Zustande von Besinnungslosigkeit an der Seite hinaufgehisst. Man zieht vielleicht hieraus den Schluss, dass er damals betrunken war; aber dies kann ich nicht durch sein eigenes Zugeständnis bekräftigen, denn er sagte darüber bloss: „Jenun, Jack, die Sache verhält sich so, dass ich, als ich aufgelesen wurde, nicht ganz pompusb) war.“ Zu unterschiedlichen Zeiten erhielt ich von ihm noch folgende Berichte: dass er dem Besahnmars beigegeben wurde und drei Jahre in Westindien diente, dass er von da aus zu dem grossen Mars überging und fünf Jahre in dem mittelländischen Meere Dienste that, dass er zum Kapitän des Fockmarses gemacht wurde und sechs Jahre die ostindischen Meere bestrich, und endlich, dass er das Beischiff des Kapitäns der ‚Druide‘ führte, einer Fregatte, die während des Friedens mit der übrigen zu einem gleichen Dienste beorderten Flotte im Kanale kreuzte. Nachdem ich so die genealogische und chronologische Einleitung zu meiner Geschichte in nuce gegeben habe, komme ich zu einem Teile, über den ich mich mehr in seinen Einzelnheiten auslassen muss.

Die Fregatte, auf welcher mein Vater als Beischiffsführer des Kapitäns diente, stand unter dem Kommando des Sir Herkules Hawkingtrefylyan, Baronet. Er war sehr arm und doch sehr stolz, denn Baronete galten in jenen Tagen als nichts Gewöhnliches. Er war ein sehr grosser, sechs Fuss hoher Mann von stattlicher Haltung und hatte ein beträchtliches sogenanntes Bogenfenster an der Vorderseite. Seine Haare trug er stark gepudert, verlangte die ceremoniösesten Beweise der Achtung, und meinte seinen Offizieren schon ein sehr grosses Kompliment zu erweisen, wenn er sie nur anredete. Der Ehre, an seine Tafel gezogen zu werden, konnten sich nur wenige rühmen, und auch diese wenigen wurden vielleicht nicht öfter, als einmal im Jahre geladen. Aber, wie gesagt, er war sehr arm und obendrein verheiratet — ein Umstand, der mich daran erinnert, auch seine Gattin den Lesern vorzustellen. Sie hatte, da dem Schiffe der Kanaldienst angewiesen war, ihre Wohnung in der Nähe des Hafens, zu welchem die Fregatte gehörte, und kam hin und wieder an Bord, um eine Fahrt mitzumachen, wenn die ‚Druide‘ ihre Station gegen Osten oder Westen hin wechselte. Lady Herkules, wie wir sie dem Befehle des Sir Herkules gemäss nennen mussten, war eine wohlbeleibte Frau und noch zehnmal stolzer, als ihr Gatte, dabei aber sehr schön; die Schiffsmannschaft blickte stets mit der grössten Ehrfurcht zu ihr auf, so oft sie an Bord erschien.

Sie hatte einen grossen Widerwillen gegen Schiffe und Matrosen, liess sich selten herab, die Offiziere einer Beachtung zu würdigen, und besass einen ausserordentlichen Abscheu gegen Pech und Teer. Sir Herkules selbst fügte sich unter ihr Machtgebot; hätte sie an Bord gelebt, so würde sie ohne Frage das Schiff kommandiert haben; zum Glück für den Dienst aber war sie stets heftig seekrank, so oft sie eine Fahrt mitmachte, und konnte daher keinen Schaden stiften. „Ich entsinne mich“, sagte mein Vater zu mir, „dass wir einmal nach Portsmouth hinunter segelten, um Mundvorrat einzuholen. Lady Herkules, die in ziemliches Gewicht hatte, lag nachts seekrank in ihrer Häengematte, und da das Ziehtau nachgab, so purzelte sie köpflings auf das Deck nieder. Der Steward wurde von der Schildwache herbeigerufen, und nun gab es eine schreckliche Zänkerei. Man schickte natürlich nach mir, weil ich die Matte aufgehangen hatte. Sir Herkules hatte eine Decke über seine Schulter geworfen und stolzierte in auflodernder Leidenschaft, während sein Hemd im Winde wehte, umher. Ausserdem traf ich noch den Offizier der Wache, den man aus Versehen herbeigeschickt hatte, der aber jetzt Befehl erhielt, augenblicklich die Kajüte wieder zu verlassen — und eine weitere Person im Spiele war meine geringe Person, die sich nicht anders dachte, als sie werde in Eisen gelegt werden und sieben Dutzend zum Frühstück erhalten. Sir Herkules wusste nicht, was er anfangen sollte, denn er stürmte eben gegen jedermann los, während ihn Mylady, den Kopf unter ihrer Decke, nicht schlecht ausschalt. Sie erklärte, sie wolle keinem Manne erlauben, in die Kajüte zu kommen und ihr wieder aufzuhelfen. So unanständig, so unzart, so abscheulich — sie schäme sich für Sir Herkules, dass er nach Männern schicken könne; wenn sie nicht augenblicklich die Kajüte verliessen, so werde sie schreien und in Ohnmacht sinken — ja, das werde sie — und was weiss ich alles, was sie sonst noch thun wollte! Gut, wir warteten eben draussen, bis endlich Sir Herkules und Mylady mit einander zu parlamentieren begannen. Sie war zu leidend, um aus ihrem Bette aufstehen zu können, und er vermochte sie nicht ohne Beistand hinaufzuhissen. Schätz’ wohl übrigens, dass sie es nachgerade müd’ wurde, mit dem Kopf drei Fuss tiefer als mit den Fersen zu liegen, weshalb sie endlich einwilligte, uns hereinzulassen, damit wir sie wieder zurecht brächten, vorausgesetzt, dass sie zuvor passend bedeckt sei. Gut; zuerst musste Sir Herkules seine zwei Bootsmäntel über sie werfen, aber das wollte ihr nicht genügen. Er riss deshalb das grüne Tuch von dem Tische, aber auch dies war noch nicht genug für ihre zarte Empfindsamkeit, denn sie rief noch immer unter den Tüchern hervor nach mehr Bedeckung. Sir Herkules schickte deshalb nach zwei Schiffsflaggen, rollte das Tuch über sie auf, bis es so hoch war wie ein Heuschober, und liess uns dann hereinkommen, um die gnädige Frau wieder auf die Latten zu legen. Zum Glück war es kein schlüpfriger Stich, der zu dem Sturze Anlass gegeben hatte, denn das Ziehtau war unter Myladys eigener Last gewichen, so dass mein Rücken diesmal verschont blieb. Lass Dir’s gesagt sein, Jack, Weiber sind nicht gut an Bord.“

Ich muss übrigens jetzt noch eine wichtigere Person einführen, als sogar Lady Herkules war — nämlich meine Mutter. Es heisst im Sprichwort: „Wie der Herr, so der Knecht“, und ich kann wohl beifügen: „Wie die Frau, so die Dienerin.“ Lady Herkules war schön, aber ihr Kammermädchen noch schöner. Die meisten Leute, welche Selbstbiographieen schreiben, berichten über ihre Eltern, wenn sie arm sind, dass dieselben ihnen nichts als einen guten Namen hinterlassen hätten. Manche Eltern können nicht einmal dies thun, aber alle sind im stande, ihren Kindern jedenfalls einen hübschen Namen mitzugeben, wenn sie’s bei der Taufe nicht so gar über Bausch und Bogen nehmen. Meine Mutter hiess Araminta, was, wie mein Vater richtig bemerkte, „ein bischen über dem Gewöhnlichen“ stand. Sie war ursprünglich als eine Kinderwärterin in Dienst getreten und hatte in ihrer ersten Stelle ein Jahr und neun Monate ausgehalten. In der zweiten blieb sie zwei Jahre und vier Monate, worauf sie dieselbe aufgab, um sich zu verbessern, und in gleicher Eigenschaft ein Unterkommen in einer Familie fand, bei der sie abermals zwei Jahre und einen Monat weilte. Nach dieser Zeit trat sie in den Dienst der Lady Herkules, welche damals mit einem einjährigen Kinde gesegnet war. Das Kind starb im dritten Lebensjahre, und meine Mutter rückte nun zur Kammerjungfer der gnädigen Frau vor — ein Avancement, durch das sie ganz verderbt wurde, denn sie benahm sich nun hochmütiger als ihre Gebieterin selbst, und trug ihre Nase zehnmal höher. Ja, als mein Vater sie zum erstenmal anzureden versuchte (denn als Beischiffsführer kam er viel ins Haus hinauf), wandte sie sich mit der unaussprechlichsten Geringschätzung von ihm ab. Nun war mein Vater zu jener Zeit ungefähr dreissig Jahre alt und hielt sich für kein Dünnbier, wie man zu sagen pflegt. Er war ein grosser, hübscher Mann und hatte ein so gutes Aussehen, dass man ihn an Bord der ‚Druide‘ nur den „schönen Jack“ zu nennen pflegte. Ausserdem trug er einen Haarzopf von ganz ausserordentlicher Dicke und Länge, auf den er sich nicht wenig zu gute that, da er bis zu den Hosen hinunterreichte. Seine Haare waren schwarz, glänzend, und seine Schmachtlocken (wie die Matrosen den Haarwisch nennen, den sie über ihren Schläfen gedreht tragen) von der gewinnendsten Beschaffenheit. Mein Vater erzählte mir, als er meine Mutter zum erstenmal mit ihrer Oberbramsegelkappe auf der Hinterseite ihres Kopfes, die so ganz anders als das Fahrzeug im allgemeinen war, gesehen habe, sei er sehr geneigt gewesen, sie zu entern; wie sie ihn aber in dem gedachten Stil abkappte, holte „der schöne Jack“, um den sich die Damen von Sally-Port und Castle-Rag rissen, im Nu seinen Wind, zog seine weissen Hosen auf und zeigte ihr die Ferse, so dass sie stets den Anblick seines Rückens hatte, so oft sie sich gegenseitig begegneten. Für geraume Zeit würdigte er sie keines Blickes. Nun übte die Thatsache, dass mein Vater ihre Verachtung erwiderte, die gewöhnliche Wirkung. Anfangs war sie sehr wild und bezeichnete ihn, wenn sie mit Lady Herkules über ihn sprach, nur als den „stolzen Beischiffsführer, der sich mit seinem unflätigen Haarzopfe für einen weit grössern Mann halte, als Sir Herkules selbst sei.“ Mein Vater dagegen nannte sie unter der Bootsmannschaft „die stolze Kammerkatze“. So gingen die Sachen eine Zeitlang fort, bis meine Mutter, die meines Vaters schöne Proportionen ohne Unterlass im Auge hatte, jeden Tag einen anständigeren Mann in ihm fand und endlich durch einige Annäherungen von ihrer Seite ein gemeinschaftliches Einverständnis herbeiführte.

Zweites Kapitel.

Mein Vater handelt nach der Weise der meisten Matrosen — er schliesst eine thörichte Heirat. Eine von den Folgen derselben tritt mit dem Schlusse dieses Kapitels ans Licht.

Ich habe zuletzt bemerkt, dass meine Mutter und mein Vater endlich zu einem guten, wechselseitigen Einvernehmen kamen; gleichwohl aber trug Mamsell Araminta (denn so wollte sie durchaus genannt werden) Sorge dafür, meinen Vater wissen zu lassen, sie halte es für eine Herabwürdigung ihrer selbst, dass sie ihre reizende Persönlichkeit an den Beischiffsführer eines Kapitäns hingebe. Sie teilte ihm mit, ihr Vater sei ein königlicher Diener gewesen (und man konnte ihn in der That wohl in diesem Lichte betrachten, da er als Briefträger bei der Stadtpost funktioniert hatte), und ihre Mutter habe die ersten Persönlichkeiten des Landes auf ihrem Kerbholze (sie war nämlich Milchfrau); sie selbst aber habe einen jungen Baronet verpflegt und sei jetzt nicht nur eine Kammerjungfer, sondern sogar die Kammerjungfer einer gnädigen Frau. Diese wichtige Mitteilung nahm sich mein Vater tief zu Herzen und konnte kaum seinen Ohren trauen, als er vernahm, dass ihm das gute Glück einer derartigen Eroberung beschieden war; indes wird die Folge lehren, dass seine Heirat nicht sehr glücklich ausfiel. Er pflegte mir zu sagen: „Jack, lass Dir raten und heirate nie über Deinen Stand. Du kannst dabei mich zum Beispiel nehmen. Nichts anderes wollte mir gut genug sein, als die Kammerjungfer einer gnädigen Frau, obschon ich nicht einmal das Recht hatte zu einer blossen Kammerjungfer aufzublicken, wäre Deine Mutter lieber nur ein einfaches Dienstmädchen gewesen, so hätte alles gut ausfallen können.“ Doch derartige nachherige Erwägungen kommen zu spät, ich selbst wundere mich nicht über die Verblendung meines armen Vaters, denn „siehst Du, Jack,“ sagte er zu mir, „nachdem ich daran gewöhnt gewesen war, nichts als Pointweiber zu sehen, die so schlaff in ihren Stengen und so ungeordnet in ihrem Takelwerk waren, traf ich mit einem Fahrzeuge, wie Deine Mutter, zusammen — so schmuck und nett, alle Taue angespannt, die Stagen wohl gesetzt, jeden Tag in der Woche weisses Hängemattentuch ausgebreitet, mit einem Shawl unter Segel, gleich einer seidenen Flagge, und einer schelmischen Marssegelhaube mit rotem Wimpel. Ei, es war in der That, als ob ich Gesellschaft hielte mit einer zierlichen, kleinen Fregatte, die mit einer Flotte von Kohlenschiffen den Kanal hinunterrollt. Aber wie dem sein mag, hübsche Federn machen nicht gerade hübsche Vögel, und schön ist, wer schön thut.“

Meines Vaters Vermählung wurde jedoch durch Umstände beschleunigt. Eines Morgens hatte er eben sein Tabakröllchen aus der Backe genommen, den Mund mit dem Rücken seiner Hand abgewischt und war eben im Begriffe, einen keuschen Kuss auszutauschen, als Lady Herkules zufälligerweise in die Küche herunterkam — ein höchst seltenes Ereignis, das sich bei einer Dame von ihrem hohen Geiste durchaus nicht erwarten liess. Sie ertappte meinen Vater und meine Mutter auf der That, machte mit einem Ausrufe des Entsetzens „Schiff um“, wie es mein Vater nannte, „und wrickte im Nu die Treppe hinauf“. Ein schallendes Geklingel rief meine Mutter vor, so dass mein Vater in nicht sehr angenehmer Spannung zurückblieb, denn er berechnete, inwieweit Sir Herkules „das Küssen des Kammermädchens einer gnädigen Frau“ unter den Kriegsartikel, der von Verachtung der Vorgesetzten handelt, bringen könne, und wie viele Dutzend Küsse sein Rücken als Erwiderung durch die Katze erhalten dürfte. Während er sich in diese lieblichen Betrachtungen vertiefte, goss Lady Herkules alle nur erdenklichen Anathemas gegen den Mangel an Zartgefühl und Anstand aus, den sich meine Mutter hatte zu Schulden kommen lassen; dabei teilte sie ihr mit, es sei rein unmöglich, dass sie die Ausschmückung ihrer Person noch länger einem Geschöpfe anvertrauen könne, welches sich durch einen tabakkauenden Matrosen befleckt habe, denn wie die Schrift sagt: „wer kann Pech anrühren, ohne sich zu besudeln?“

Obgleich sich meine Mutter vorgenommen hatte, im Falle sich’s bei der Frage um die Stellung oder um den Gatten handle, den letzteren festzuhalten, so schien es ihr doch rätlich, die gnädige Frau womöglich zu versöhnen. Sie zog daher ein Nesseltaschentuch heraus, bedeckte, während Ihre Gnaden schmähten, ihr Gesicht damit und weinte. Lady Herkules fuhr fort zu zürnen, bis sie ausser Atem war und innehalten musste. Meine Mutter erwiderte dann mit tiefer Demut, unter vielen Thränen und häufigem Schluchzen, „man habe ihr freilich in der letzten Zeit so zugeredet (hupp), dass sie endlich ihr Versprechen gegeben habe, zu (hupp) heiraten; aber nur unter einer einzigen Bedingung — ja, in der That — (hupp), dass die gnädige Frau ihre Zustimmung gebe — entschieden unter keiner andern (hupp) — nein, gewiss nicht, auf Ehre! Mr. Sounders sei (hupp) ein vortrefflicher, junger Mann — (hupp) — Sir Herkules so zugethan (hupp), und habe eine so hohe Achtung vor der gnädigen Frau, dass (hupp — hupp — hupp —) er ihr Herz gewonnen habe.“

Mittlerweile war die gnädige Frau wieder zu Atem gekommen und unterbrach meine Mutter damit, dass sie derselben bemerklich machte, wenn auch alles wahr sei, was sie erwidert habe, so sehe sie doch keinen Grund ein, warum sie sich solche unanständige Freiheiten erlaube; überhaupt habe nicht einmal Sir Herkules von ihr eine derartige Gunstbezeugung genossen, bis er ihr den Ring an den Finger gesteckt. Dann seien allerdings derartige Dinge zulässig — jedoch immerhin nur gelegentlich. Und noch obendrein in der Küche! Sie bemerkte ferner, ob man wissen könne, dass der Beischiffsführer nicht bereits weiss Gott wie viele Weiber habe. Es würde sie nicht überraschen, wenn jener lange Haarzopf nicht schon wenigstens fünf — ja vielleicht sechs oder sieben besitze. Darauf erwiderte meine Mutter: „Nur die Dankbarkeit gegen sie (hupp), weil sie ihre Zustimmung gegeben, mit (hupp) Sir Herkules zu sprechen (hupp), damit er bei der gnädigen Frau ein Fürwort einlege (hupp), habe Mr. Sounders veranlasst (hupp), sich — eine — solche — Freiheit (hupp — hupp — hupp —) zu nehmen — was er nie — zuvor gethan habe, (hupp) — nie! nie — auf Ehre nie! —“ Sie konnte nicht weiter vor Schluchzen.

Diese Erklärung wirkte etwas besänftigend, und die Kammerjungfer einer gnädigen Frau brachte in der Folge durch Demut und Schmeicheleien ihre Gebieterin dahin, dass sie einwilligte, die Sache mit Sir Herkules ins reine zu bringen, als einzigen Grund für ihr Einschreiten angebend, dass es besser sei, wenn nach der Vertraulichkeit, welche zwischen ihnen vorgegangen sei, die Heirat je eher je lieber stattfinde. Die Wünsche der gnädigen Frau waren Befehle. Sir Herkules erklärte meinen Vater für einen Narren, und das Paar ging mit einander zur Kirche.

Meine Mutter hatte, wie bereits bemerkt, ein gutes Aussehen und mochte etwa zwei oder drei Jahre älter sein, als mein Vater. Sie war übrigens von schlimmer Gemütsart, empfindlich, rachsüchtig, und hatte stets eine grosse Freude daran, andere Leute zu ärgern. Wenn ihr dies dann gelungen war, so pflegte sie stets ihre Bemerkungen mit den Worten zu schliessen; „so, jetzt hab’ ich Dir doch die Galle ein bischen aufgeregt!“ War sie durch die Entgegnungen der andern in üble Laune versetzt worden, so versuchte sie ihren Verdruss durch Singen zu verbergen, und da sie sich so viele Jahre in der Kinderstube aufgehalten hatte, so wählte sie zu ihren Liedern gewöhnlich solche, mit denen man Kinder zu beschwichtigen oder zu unterhalten pflegt. „Sounders,“ konnte sie ausrufen, „bist Du nicht der grösste Narr, der je auf zwei Beinen gegangen ist, dass Du Dir so viel auf Deinen langen Haarzopf einbildest? Könnte man doch glauben, ich hätte einen Affen, einen Orangutang geheiratet statt eines Mannes. So, jetzt habe ich Dir die Galle ein wenig aufgeregt! Man kann nicht einmal den Mund aufthun.“

Meine Mutter wusste wohl, wo sie anklopfen musste, und dieser Angriff auf den Zopf war mit Sicherheit darauf berechnet, meinen Vater aufzubringen, der dann nicht gerade in höflichen Reden antwortete, bis endlich auch sie in Ärger und dann halb kreischend hinaussang —

„Heididel, heididel, die Katz und die Fidel,

Die Kuh sprang über den Mond“ u. s. w.

Und so quiekste sie fort, bis sich ihr Zorn abgekühlt hatte.

Die Folgen ihrer ehelichen Verbindung mit einem Beischiffsführer wurden bald sichtbar. Sechs Monate nach ihrer Verheiratung erklärte Lady Herkules das Aussehen meiner Mutter für ganz unanständig und durchaus nicht mehr geeignet, sich in dem Dienste einer Dame von ihrem grossen Zartgefühl zu präsentieren. Mrs. Sounders, die noch obendrein mit jedem Tage träger wurde, erhielt daher ihre Aufkündigung, packte nach Ablauf des Monates in grossem Zorne ihre Schachteln auf, schlug, als sie das Haus verliess, die Thüre hinter sich zu und sang im allerhöchsten Schlüssel ihrer Stimme:

„Dikori Dikori Dock

Die Maus lief hinauf zu der Glock“ u. s. w.

Mein Vater wünschte, dass sie an Bord der Fregatte wohne, aber dazu wollte sie ihre Einwilligung nicht geben, indem sie erklärte, es sei zwar wahr, dass sie sich und ihre Familie durch eine Heirat mit einem Beischiffsführer herabgewürdigt habe, aber so weit wolle sie sich denn doch nicht erniedrigen, dass sie sich unter die gemeinen Kreaturen an Bord mische. In diesem Entschlusse hatte meine Mutter, wie ich glaube, recht; aber ihrer Entlassung und Ungnade folgte der weitere Umstand, dass mein Vater seine Stelle verlor und dem grossen Mars zugeteilt wurde — aus keinem anderen Grunde, als weil es so der Wille und Befehl von Lady Herkules war.

Die gnädige Frau zog in Betracht, dass sie durch meines Vaters Dazwischenkunft eine gute Dienerin verloren hatte, und fasste daher einen solchen Widerwillen gegen ihn, dass sie ihn nicht wie gewöhnlich als Beischiffsführer ins Haus kommen lassen wollte; auch war sie ferner der Ansicht, wenn er die Funktion nicht mehr versehe, so sei er auch nicht zu den Rationen berechtigt. Nach kaum sieben Monaten war also meinem Vater die Heirat zu einer Quelle bitteren Verdrusses geworden: er gehörte nicht länger zu den Unteroffizieren und hatte auch von seinem Solde eingebüsst. Der Stolz meiner Mutter war verletzt, und wenn sie schon nicht als die Gattin von des Kapitäns Beischiffsführer an Bord bleiben mochte, so hatte sie jetzt noch weniger Lust dazu, nachdem er zu einem gemeinen Matrosen degradiert war. Was meinen Vater betrifft, so war er das leibhaftige Bild des Elends, denn jetzt hatte er keinen anderen Trost mehr, als dass er sein Tabaksröllchen im Munde umherwarf und seinen Zopf band.

Doch alles in der Welt ist dem Wechsel unterworfen, und so trat denn auch für die Fregatte ein Wechsel des Stationsplatzes ein, da sie ins Ausland kommandiert wurde. Sir Herkules verabschiedete sich von seiner gnädigen Dame, welche sich nun nach Tonbridge-Wells zurückzog, und mein Vater von meiner Mutter, die sich nach Woolwich begab. Sie hatte sich in ihrem Dienste einiges Geld erspart, und mein Vater händigte ihr allen Sold ein, den er erhielt, als die Schiffsmannschaft vor der Ausfahrt der Fregatte bezahlt wurde. Ich muss Sir Herkules die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er, sobald er die Soundings und den Einfluss seiner Frau im Rücken hatte, meinen Vater wieder in sein früheres Amt einsetzte. Sounders war übrigens in der That der hübscheste und beste Matrose im Schiffe und verstand sich vortrefflich auf seinen Dienst, hatte auch ausserdem unter Rodney gefochten und die Belagerung von Gibraltar mitgemacht.

Ich muss jedoch zu meiner Mutter zurückkehren, welche sich nach der Abreise meines Vaters in einer Vorstadt von Woolwich einmietete. Von der abermaligen Standeserhöhung meines Vaters wusste sie nichts, und da sie nicht wünschte für die Gattin eines gemeinen Matrosen gehalten zu werden, so bezeichnete sie ihren Mann als den Kapitän eines Kauffahrers, welcher den Transport von Truppen nach Westindien übernommen habe. Diese Angabe verschaffte ihr Aufnahme in Gesellschaften, die über ihrer wahren Stellung standen, und da sie hiedurch genötigt war, mehr Geld auszugeben, als sie erschwingen konnte, so schwanden ihre Finanzen rasch dahin. Im Laufe der Zeit trat ich ans Licht — ein hübsches Bübchen, das aber zu nichts aufblicken konnte, als zu einer fast bettelarmen Mutter, einem abwesenden Vater (wenn er überhaupt noch am Leben war), dem Werkhause und dem Himmel.

Drittes Kapitel.

In welchem sich meine Mutter als ein zärtliches Weib beweist, zugleich aber auch ihren aufopfernden Patriotismus an den Tag legt.

Ich hatte mein zweites Lebensjahr zurückgelegt, ehe Nachrichten von meinem Vater einliefen. Alle Auskunft, die meine Mutter erlangen konnte, bestand darin, dass die Schiffsmannschaft der ‚Druide‘ auf eine andere Fregatte, namens ‚Melpomene‘ überpflanzt worden sei, da erstere für nicht mehr seewert erklärt und demgemäss zu Port-Royal ausser Dienst gestellt und abgebrochen worden war.

Briefe waren übrigens nicht von meinem Vater eingelaufen, denn er führte keinen sonderlichen Schulsack mit sich, da er zwar lesen, aber nicht schreiben konnte. Mittlerweile waren die Ersparnisse meiner Mutter aufgebraucht; sie kam sehr in Nöten, weil sie befürchten musste, die Täuschung, welche sie in betreff ihres Standes geübt hatte, möchte an den Tag kommen. In der That gingen bereits unterschiedliche Vermutungen über die Wahrheit ihrer Geschichte um, weil ihr Mann so lange abwesend blieb. Sie hatte bereits die letzte Guinee wechseln lassen, als ein Brief von meinem Vater einlief, der ihr von Portsmouth aus schreiben liess, das Schiff werde in einigen Tagen ausbezahlt, und dann „wolle er alle Segel aufklappen und unversehens an Bord seiner Alten sein.“

Meine Mutter war entzückt über den Inhalt des Schreibens, obgleich sie sich nicht wenig über die Titulatur „Alte“ ärgerte und die Beschimpfung bei einer passenden Gelegenheit zu ahnden beschloss. Sie erteilte daher eine freundliche Antwort, berichtete meinem Vater, mit welch’ einem hoffnungsvollen Kinde er gesegnet sei, und bedeutete ihm, er solle zu Greenwich mit ihr zusammentreffen; denn sie hatte sich vorgenommen, ihn nicht in Woolwich zu empfangen, damit ihre falschen Angaben nicht an den Tag kämen. Sie verabschiedete sich von allen ihren Freundinnen und teilte ihnen mit, ihr Gatte sei gesund und mit ansehnlichen Mitteln zurückgekehrt, habe ihr aber befohlen, nach Greenwich zu kommen. Nachdem sie sich, ihrer Ansicht nach so befriedigend, aus dieser kleinen Schwierigkeit geholfen hatte, packte sie auf und eilte nach dem genannten Orte, wo sie ihren angenommenen Rang fallen liess und sehr ungeduldig auf ihren Gatten wartete. Endlich langte er an: er sass mit vielen andern auf einem Landkutschen-Aussenplatz, den Hut mit Bändern geziert und in der einen Hand eine Pfeife, während er in der andern eine Zinnkanne schwang. Ich brauche kaum beizufügen, dass er mehr als halb betrunken war. Dennoch fand er eine gute Aufnahme; nachdem er sie mit Küssen fast erstickt hatte, nahm er mich auf seine Kniee, warf ihr alles noch übrige Geld in den Schoss und trank noch drei weitere Krüge Porter, worauf sie sich sehr friedlich und liebevoll zur Ruhe begaben.

Ich bedauere, sagen zu müssen, dass diese Freundschaft nicht von langer Dauer war. Die Manieren und die Sprache meines Vaters, welche vielleicht die Achtung vor Lady Herkules zur Zeit, als er meiner Mutter Bekanntschaft machte, gemildert hatte, waren jetzt weit roher, wie denn auch die nette Reinlichkeit, die er als Beischiffsführer eines verheirateten Kapitäns pflichtschuldig zeigen musste, durchaus an ihm vermisst wurde. Da er ausserdem jetzt nicht länger unter der Mannszucht stand, so war er fast jeden Abend betrunken — ein Zustand, in welchem er sich sehr störrisch zeigte und nicht auf die Mahnungen seiner Gattin achtete. Die Folge davon war, dass meine Mutter, nachdem sie von ihm fünfzig Pfund erhalten hatte, zuerst das Geld einschloss und dann „ihr Mundwerk gehen“ liess. Es gab nun stündlich Zank, und man konnte jetzt das „So — nun habe ich Dir die Galle aufgeregt“, und das „Heididil, Heididil“ vom Morgen bis in die Nacht hören.

Mein Vater pflegte in die Grogschenken zu gehen, um mit seinen Tischgenossen zu tanzen und zu zechen. Da ihn meine Mutter nicht nach so gemeinen Plätzen begleiten konnte, so ging er allein hin und kam nachts sehr spät oder gar nicht, jedenfalls aber sehr betrunken nach Haus. Auch pflegten die Weiber und guten Freundinnen der übrigen Matrosen ihr Hohnworte nachzurufen, wenn sie ausging, weil sie besser sein wolle, als andere.

Eines Tages, als sie Arm in Arm mit meinem Vater ausging, traf sie unglücklicherweise mit einer von ihren Woolwicher Bekannten zusammen. Dies war der herbste Schlag für sie, da sie sich vorgenommen hatte, nach Woolwich zurückzukehren — eine um so schlimmere Entdeckung, da sie jetzt von ihren alten Freundinnen gemieden, von ihresgleichen aber verunglimpft wurde. Ich kann das Benehmen meiner Mutter nicht verteidigen und muss gestehen, dass sie kein Mitleid verdiente, denn sie hatte diese leidige Stellung durch ihre eigene Thorheit und ihren Stolz herbeigeführt. Die Folge davon war übrigens, dass ihr Temperament noch mehr verbittert wurde, und weil sie an meinem Vater unaufhörlich zu tadeln hatte, so geriet er eines Abends, als er mehr wie gewöhnlich betrunken war, so in Zorn, dass die „Kammer-Jungfer einer gnädigen Frau“ eine tüchtige Ohrfeige erhielt, welche für sie die einzige Kerze auf dem Tische zu einer grossen Illumination machte. Dieser Schlag wurde nie vergessen oder vergeben, obschon mein Vater am andern Tage sehr reuig war und mit Besserungsversprechen um Verzeihung bat.

Um diese Zeit brach die französische Revolution aus und man sah einem Kriege mit Frankreich entgegen. Die Pressbanden wurden ausgeschickt; die Matrosen, welche davon wussten, hielten sich versteckt, bis sie die Stadt verlassen würden. Meine Mutter hatte jedoch ihren Entschluss gefasst; sie suchte einen Offizier auf, der einen Presshaufen kommandierte, gab ihm ihre Adresse, setzte meinem Vater Branntwein vor, bis er zur Betäubung betrunken war, liess die Bande ein, und noch vor Morgen befand sich mein Vater wohlbehalten an Bord des ‚Tender‘, der vor dem Tower lag. Mein Vater entdeckte diese Verräterei von ihrer Seite erst eine Weile nachher, was, wie ich später berichten werde, Anlass zu einer sehr erbaulichen Scene zwischen beiden gab. Am andern Tage erschien meine Mutter an Bord des ‚Tender‘, um meinen Vater zu besuchen, hielt ihr Nesseltaschentuch an die Augen, presste seine Hand zwischen dem eisernen Gitter und beklagte bitterlich ihr gemeinsames, hartes Los; als er sie aber bat, sie solle ihm in einer Blase ein wenig Branntwein zuschmuggeln, damit er sich einigen Trost verschaffen könne, warf sie ihren Kopf zurück und erklärte, „nichts könne sie veranlassen, etwas so Unschickliches zu thun.“ Mein Vater wandte sich darauf ab und beklagte den Tag, an dem er die Kammerjungfer einer gnädigen Frau geheiratet hatte.

Ein paar Tage nachher brachte ihm meine Mutter seine Kleider und zwei Pfund von seinem eigenen Gelde. Da ein Krieg in Aussicht stand, suchte sie ihn zu bereden, dass er sie bevollmächtige, sein Prisengeld einzuziehen; mein Vater war aber in dieser Beziehung klüger geworden und weigerte sich aufs entschiedenste. Er wandte ihr den Rücken zu und sie trennten sich.

Ich werde vorderhand meinen Vater seinem Glückssterne folgen lassen und mich mit dem meiner Mutter abgeben. Aus seiner Weigerung, die von ihr vorbereitet mitgebrachte Urkunde zu unterzeichnen, den Schluss ziehend, dass sie von meinem Vater in Zukunft nur wenig zu erwarten habe, und wahrscheinlich auch die Gefahr ins Auge fassend, welcher ein Seemann „durch Schlacht, Feuer und Schiffbruch“ ausgesetzt ist, nahm sie sich vor, ihre Hilfsmittel besser zu Rate zu halten und zu versuchen, ob sie nichts für sich selbst thun könne. Anfangs dachte sie daran, wieder in einen Dienst zu gehen und mich in Kost zu geben, aber sie entdeckte, dass meines Vaters Rückkehr nicht ohne Folgen geblieben und sie abermals im Begriffe war, Mutter zu werden. Sie mietete sich daher eine Wohnung in Fishers-Alley, einer kleinen, noch jetzt bestehenden Strasse in Greenwich, und gebar im Laufe der Zeit eine Tochter, welche sie Virginia nannte — nicht so sehr aus Achtung gegen ihre frühere Gebieterin, welche den gleichen Namen getragen hatte, sondern weil ihr diese Benennung besonders klangvoll und ladyartig vorkam.

Viertes Kapitel.

In welchem der Leser alles erfährt, was mir über meine erste Jugend im Gedächtnis geblieben ist. — Die Wahrheit des alten Sprichwortes bewiesen, „dass es ein kluges Kind sein muss, das seinen Vater kennt“.

Der Leser muss nicht erwarten, dass ich ihm viel von dem erzähle, was während der ersten vier Jahre meines Daseins vorging. Ich entsinne mich, dass eine Diele vor die Thür unseres Hauses, welche nach Fisher’s-Alley hinausging, gelegt wurde, um mich und später meine Schwester zu hindern, auf die Gasse hinauszukriechen. Fisher’s-Alley ist eine so enge Strasse, dass man die Nachbarn auf der entgegengesetzten Seite in ihrem Zimmer sprechen hören kann; ich pflegte mich gewöhnlich auf das Bett zu stützen, um zu lauschen, wenn die betrunkenen Männer und die angeheiterten Weiber mit einander zankten oder sich balgten. Meine Mutter, welche sparen wollte, hatte das ganze Haus gemietet und es möbliert. Ich hörte sie daher jeden Tag an der Thür sagen: „Herein spaziert, Gentlemen; ich habe ein nettes, reinliches Zimmer und kochend heisses Wasser“ — denn die Matrosen pflegten einzusprechen, um bei ihr Thee nebst anderm Getränk zu sich zu nehmen und zu rauchen. Ein Gleiches war auch hin und wieder bei den alten Pensionären der Fall, von denen meine Mutter mehrere hatte kennen gelernt. Ich war stets zerlumpt und schmutzig, denn meine Mutter vernachlässigte und misshandelte mich. Nach der Geburt meiner Schwester trug sie alle ihre Liebe auf Virginia über, die ein sehr schönes Kind war und stets gehätschelt und gut gekleidet wurde.

Von alle dem weiss ich nur wenig mehr, als dass mich meine Mutter mehrere Mal prügelte, weil ich meine Schwester „Jenny“ nannte. Ich folgte hierin nur dem Beispiele anderer, die ein Gleiches thaten; wenn aber meine Mutter dies hörte, so wurde sie stets sehr zornig und sagte ihnen, ihr Kind habe keinen so gemeinen Namen. Die Leute pflegten dann zu lachen und riefen nun absichtlich Virginia mit Jenny an, so oft sie vorbeikamen oder das Kind an der Thür sahen. Nachdem ich mein viertes Lebensjahr zurückgelegt hatte, begann ich über die Diele wegzuklettern, da es mir im Hause gar nicht mehr gefiel. Als ich älter wurde, pflegte ich nach den Quaitreppen am Ufer zu gehen — wo jetzt das neue Wirtshaus, der „Trafalgar“, steht — auf die Ebbe zu achten und alles, was ich finden konnte, zum Beispiel Holz- und Taustücke, aufzulesen. Auch wunderte ich mich über die Schiffe, die im Strome lagen, und über die Fahrzeuge, welche auf- und niedersegelten. Bisweilen blieb ich lange aus, um den Mond und die Lichter an Bord der vorbeifahrenden Schiffe zu betrachten; dann schlug ich wohl auch meine Augen zu den Sternen auf und sagte den Vers vor mich hin, den meine Mutter die kleine Virginia gelehrt hatte —

„Hübscher, kleiner Funkelstern,

Warum bist so fern, so fern

Über unserm Erdgetümmel,

Wie ein Diamant am Himmel?

Bei derartigen Nachtwandelpartieen durfte ich wohl darauf zählen, nichts als etwa eine tüchtige Prügelsuppe zum Abendessen zu erhalten, worüber dann Virginia aufwachte und zu weinen begann, weil meine Mutter mich schlug; denn wir liebten einander zärtlich. Die Mutter pflegte jeden Abend meine Schwester auf ihre Kniee zu nehmen und sie ihr Nachtgebet hersagen zu lassen. Mit mir that sie dies nie, weshalb ich auf das achtete, was Virginia hersprach, und dann in eine Ecke ging, um es für mich zu wiederholen. Ich konnte mir gar nicht denken, warum Virginia beten lernen sollte und ich nicht auch.

Wie bereits gesagt, vermietete meine Mutter Wohnungen und hielt ein vorderes Parterrezimmer für Leute, die da ihren Thee trinken und rauchen wollten. Wenn dann die Pensionäre kamen, so pflegte ich meinen Schemel herbeizuholen oder auf ihren Knieen zu sitzen und hörte auf ihre Geschichten, wobei ich mir alle Mühe gab, sie zu verstehen, obschon mir ihre wunderliche Sprache mehr als zur Hälfte unbegreiflich war. Auch brachte ich ihnen Feuer für ihre Pfeifen und besorgte ihre Aufträge. Alt Ben, der Walfischjäger, wie man ihn nannte, war derjenige, welcher sich am meisten mit mir abgab und mir sagte, ich werde mit der Zeit ein Mann werden — eine Kunde, die mich damals sehr erfreute. Ich fertigte ein kleines Boot für meine Schwester, das mich viel Mühe kostete, Ben half es mir anstreichen. Ich brachte es Virginia und wir beide waren sehr vergnügt darüber; als es jedoch meine Mutter zu Gesicht bekam, warf sie es ins Feuer und sagte, das sei „unschicklich.“ Wir beide weinten darüber und Alt Ben sagte in seinem Zorne meiner Mutter etwas, worauf sie Anlass nahm, den ganzen Tag nachher „Heididel, Heididel“ zu singen. Dies sind die klaren Erinnerungen aus meinem frühesten Leben, mit denen sich der Leser begnügen muss.

Als ich acht Jahre alt war, erschien mein Vater wieder (etwa sechs Jahre nach dem letzten Besuche) — jetzt erfuhr ich zum erstenmal, dass er noch am Leben war; denn bei seiner Abreise war ich noch zu klein gewesen, um mich seiner erinnern zu können, und aus dem Munde meiner Mutter vernahm ich nie, dass er sich noch eines leiblichen Daseins erfreute.

Der Vater traf also eines Tages sehr unerwartet ein, da er seine Rückkehr nicht angemeldet hatte. Meine Mutter schlug mich eben mit der Bratpfanne, weil ich meine Finger in das Fett getaucht hatte, in welchem sie gerade einige Schinkenschnitten röstete. Sie war sehr zornig und während sie auf mich lospaukte, zerrte Virginia sie an den Schössen, indem sie die Mutter weinend bat, doch aufzuhören.

„Du kleiner Wicht“, rief meine Mutter, „Du wirst gerade ein solches Seeungeheuer werden, wie Dein Vater war — Du Schwein, musst Du denn immer Deine Finger in die Bratpfanne stecken? So, da hast Du es.“

Mit diesen Worten setzte sie die Pfanne nieder und begann, so laut sie konnte, zu singen: „Still, still, Bübchen, Mietzchen hat ein Liebchen“ — „Ja, gelt, jetzt habe ich Dir die Galle rege gemacht“, fuhr sie fort, indem sie nach der Hinterthür ging.

Alles das hatte mein Vater an der Thür mitangesehen, ohne selbst bemerkt zu werden. Er kam herein.

„Wie heisst Du, Knabe?“ sagte er zu mir.

„Tommy Sounders“, versetzte ich, mich reibend, denn die Bratpfanne war sehr heiss gewesen.

„Und wer ist denn dieses kleine Mädchen?“ fragte er.

„Meine Schwester Virginia — aber“, fuhr ich fort, „wer seid Ihr? Wollt Ihr zur Mutter?“

„Habe eben jetzt kein besonderes Verlangen nach ihr“, sagte mein Vater, indem er die Schwester aufhob und sie küsste, dann aber mich auf den Kopf pätschelte.

„Möchtet Ihr Bier oder Tabak haben?“ fragte ich. „Wenn Ihr mir Geld gebt, will ich gehen und holen; auch kann ich den Überschuss richtig zurückbringen.“

„Gut, das sollst Du, Jack, mein Junge“, versetzte er, indem er mir einen Shilling gab.

Ich kehrte bald mit zwei Pfeifen, Tabak und Bier zurück und wollte ihm auch den Überschuss des Geldes geben, den er mir jedoch schenkte, um Äpfel dafür zu kaufen. Virginia sass auf seinem Knie und wurde von ihm geliebkost. Die Mutter war noch nicht aus der Hinterküche zurückgekommen. Ich fühlte mich natürlich sehr freundlich gestimmt gegen einen Mann, der mir mehr Geld geschenkt hatte, als ich je in meinem Leben besessen, nahm meinen Schemel und setzte mich an seine Seite, während er, die Schwester auf seinem Knie und den Porterkrug vor sich, seine Pfeife rauchte.

„Schlägt Dich Deine Mutter oft?“ fragte mein Vater, die Pfeife aus dem Munde nehmend.

„Ja, wenn ich etwas Unrechtes thue“, versetzte ich.

„O! nur wenn Du etwas Unrechtes thust, he?“

„Sie sagt, es sei Unrecht und dann muss es wohl wahr sein.“

„Du bist ein guter Knabe“, entgegnete mein Vater. „Kriegst Du auch Deine Schläge, mein liebes Kind?“ fuhr er gegen Virginia fort.

„Oh nein“, ergriff ich das Wort. „Die Schwester wird nie geschlagen. Die Mutter liebt sie zu sehr, aber mich liebt sie nicht.“

Mein Vater paffte weiter und schwieg.

Ich muss dem Leser mitteilen, dass das Aussehen meines Vaters ganz anders geworden war, als ich es bei dem Beginne dieser Erzählung geschildert habe. Er war jetzt Hochbootsmannsmate und trug an einem Stück Tau eine silberne Pfeife um den Hals, mit welcher die kleine Virginia eben spielte. Er war breiter und stämmiger geworden, als es bei Matrosen im Alter von vierzig Jahren gewöhnlich der Fall ist, hatte ausserdem die Narbe eines furchtbaren Säbelhiebs im Gesichte, welche die ganze linke Hälfte, von der Augenbraue an bis zum Kinne, teilte. Dies verlieh ihm einen sehr wilden Ausdruck; aber dennoch war er ein schöner Mann und sein Haarzopf hatte auf eine überraschende Weise an Länge und Dicke zugenommen. Wie ich später erfuhr, war sein Schiff nicht abgelohnt worden, sondern befand sich zur Ausbesserung in dem Dock-Yard; er hatte einen Urlaub von vierzehn Tagen erhalten. Wir waren unter einander sehr gesellig — ohne dass ich oder meine Schwester nur die mindeste Vorstellung davon hatte, in welcher Beziehung wir zu dem fremden Manne ständen — als sich endlich Alt Ben, der Walfischjäger, hereinwälzte.

„Cervus“, sagte Ben, meinem Vater zunickend. „Tommy, hol’ mir eine Pfeife Tabak.“

„Da ist Pfeife und auch Tabak, Messmate“, versetzte mein Vater. „Setzt Euch und thut Euch gütlich, alter Knabe.“

„Will kein freundliches Anerbieten zurückweisen“, entgegnen Ben. „Habe dafür zu lange im Dienste gestanden. Und auch Ihr habt etwas mitgemacht, denke ich“, fuhr er fort, meinem Vater voll ins Gesicht sehend.

„Ist ein Riss von einem französischen Offizier“, erwiderte mein Vater und fügte dann nach einer Pause bei: „Aber er hat’s nicht erlebt, damit dick thun zu können.“

Ben nahm die dargebotene Pfeife, füllte sie und war bald an der Seite des Vaters mit emsigem Paffen beschäftigt.

Fünftes Kapitel.

Mein Vater uud meine Mutter sehen sich nach sechsjähriger Trennung wieder. — Sie entdeckt, dass er nicht mehr Beischiffsführer, sondern Hochbootsmannsmate ist.

Während mein Vater und Ben in der gedachten Weise beschäftigt sind, will ich dem Leser eine Schilderung über die Persönlichkeit des letzteren geben.

Ben war ein sehr grosser, breitschulteriger, alter Bursche, ein wenig gebeugt von der Last der Jahre. Er musste damals wenigstens sechzig, wo nicht mehr, gezählt haben, war aber noch immer ein kräftiger, muskulöser Mann. Seine nicht kleine Nase war krumm geschlagen — wie er mir sagte, durch den Schwanz eines Walfisches, der einem Boote, in welchem er Steuermann gewesen, die Nippen eingepeitscht hatte. Sein Mund war sehr gross und nur mit wenigen Zähnen versehen, da er dieselben durch denselben Unfall verloren hatte. Viele Jahre war er auf dem Walfischfang beschäftigt gewesen, bis er endlich gepresst wurde und acht oder neun Jahre an Bord einer Fregatte als Schiemann dienen musste. Das Rollen einer Spiere bei einer Bö zerbrach ihm den Knöchel und brachte ihn als Invaliden nach Greenwich. Das beschädigte Bein war steif, weshalb er sich vermittelst eines dicken Stockes forthelfen musste. Ben hatte mich, seit meine Mutter in Fishers-Alley eingezogen war, sehr lieb gewonnen; er war mein Freund seit den ersten Tagen, und ich erwies ihm die grösste Anhänglichkeit.

Nach ein paar Minuten schob ihm mein Vater den Porterkrug hin. Ben trank und sagte sodann:

„Es sind hübsche Kinder, beide — ich kenne sie gut.“

„Und was für eine Art Fahrzeug ist die Mutter?“ versetzte mein Vater.

„Oh! je nun, sie ist zu Zeiten ein bischen wunderlich — thut immer so mächtig, besonders mit ihrer Gentilität.“

„Wisst Ihr auch, warum?“ entgegnete mein Vater.

Ben schüttelte den Kopf.

„Dann will ich’s Euch sagen — weil sie einmal Kammerjungfer bei einer gnädigen Frau gewesen ist.“

„Nun“, erwiderte Ben, „ich verstehe nicht viel von Titeln, gnädigen Frauen und dergleichen Dingen, aber es thut mir leid, dass sie so in der Welt heruntergekommen ist. Denn abgesehen von ihren gentilen Grillen ist sie ein guter Weiberschlag in ihrer Weise, hält auf ihren Ruf und verdient sich ein ehrliches Auskommen.“

„Um so besser für sie“, sagte mein Vater, der seine Pfeife wieder füllte und jetzt schweigend zu rauchen fortfuhr.

Da meine Mutter nicht gerufen wurde, blieb sie die ganze Zeit abwesend, weil sie in der Hinterküche ihre Wäsche zu besorgen hatte.

Virginia war nun ganz zutraulich geworden und spielte mit dem grossen Backenbarte meines Vaters, während er hin und wieder seine Pfeife beiseite legte, um sie zu küssen. Ich hatte eben den Porterkrug auf meinen Knieen, weil er mir gesagt hatte, ich solle auch einen Zug thun, als die Mutter in das Zimmer trat.

„Ei, Mr. Benjamin, es nähme mich nicht wunder — aber — oh, Himmel, er ist’s!“ rief meine Mutter. „Oh! Geschwinde — sal wolatily!“

„Was will die von einer Sall? zum Teufel, was fällt Dir ein!“ sagte mein Vater, sich erhebend und meine Schwester auf den Boden setzend.

„Es giebt, glaube ich, keine Sall in der Nachbarschaft,“ versetzte Ben, gleichfalls aufstehend; „aber Mrs. Sounders scheint durch irgend etwas ganz gegen den Mast geworfen zu sein. Jack, lauf und hole einen Eimer Wasser.“

„Jack, Du bleibst, wo Du bist,“ rief meine Mutter, von dem Stuhle aufspringend, auf welchen sie sich geworfen hatte. „Oh, du mein Himmel! Die Erschütterung war so plötzlich — ich bin so verwirrt — wer hätte auch gedacht, dass ich Dich wieder sehen würde!“

„Seid Ihr ihr Bruder?“ fragte Ben.

„Nein, ich bin nur ihr Mann,“ versetzte mein Vater.

„Der Tausend, höre ich da zum erstenmal, dass sie einen hat — aber ich will linksum machen, denn Mrs. Sounders ist, wie ich sehe, viel zu gentil, um vor Leuten zu küssen.“

Ben nahm sodann seinen Stock auf und verliess das Haus. Ich muss hier bemerken, dass mein Vater während seiner Abwesenheit mit einem von seinen Pressern zusammengetroffen war und von ihm in Erfahrung brachte, dass eine Weibsperson die Mitteilung gemacht habe, infolge deren er aufgegriffen wurde. Er liess sich von dem Manne, welcher zugegen gewesen, als meine Mutter den Offizier besuchte, ihre Person beschreiben, und die Schilderung traf in allen Punkten so genau zu, dass mein Vater nicht zweifeln konnte, er sei von seiner eigenen Gattin verraten worden. Dieses Bewusstsein hatte sich seit Jahren tief in seine Brust eingefressen; er war nach Hause gekommen, nicht nur um zu sehen, wie es daselbst zuginge, sondern auch um meiner Mutter ihren tückischen Verrat vorzuhalten.

Ob meine Mutter Gewissensbisse empfand, oder ob sie aus den Blicken meines Vaters bemerkte, dass ein Sturm im Anzuge sei, weiss ich nicht; sobald sich aber Ben entfernt hatte, schloss sie die Hausthür, dass die Nachbarn nichts hören möchten. Nachdem dies geschehen war, kehrte sie zu meinem Vater zurück, der seinen Sitz wieder eingenommen hatte und weiterrauchte.

„Nun,“ sagte sie, die Schürze vor ihre Augen haltend, „Du bist gute sechs Jahre weggewesen und hast es mir überlassen, mich, so gut es gehen mochte, mit diesen zwei armen, verwaisten Kindern durchzuschlagen.“

„Du weisst am besten, warum ich ging,“ versetzte mein Vater, „und durch wessen Vermittelung ich so eilig abmarschierte.“

„Ich?“ entgegnete meine Mutter.

„Ja, Du,“ antwortete mein Vater.

„Nun, und was weiter?“ rief sie.

„Ich will Dir sagen, was weiter,“ erwiderte mein Vater, indem er aufstand und ein anderthalb Fuss langes Tau von anderthalb Zoll Dicke aus seiner Tasche nahm. „Sieh her, Weibsbild! Als ich in Erfahrung brachte, dass ich durch Deine Hinterlist an Bord des ‚Tender‘ geschickt wurde, drehte ich mir diesen Strick, und ich habe ein teures Gelübde abgelegt, ihn stets in meiner Tasche zu tragen, bis ich Dich damit bedienen könne. Jetzt ist die Zeit gekommen.“

Und mit diesen Worten schwang mein Vater das Tau. Meine Mutter wollte nach der Thür fliehen, aber er gewann ihr den Vorsprung ab, drehte den Schlüssel um, ergriff zu meinem und Virginias grossen Erstaunen die Mutter, hielt sie auf Armslänge vor sich hin und erteilte ihr mehrere Hiebe — freilich keine schweren, wie ich zugeben muss, die ihr also nicht besonders wehthun konnten.

„So,“ sagte mein Vater, „es ist ein Glück für Dich, Du saubere Kammerjungfer von einer gnädigen Frau, dass ich nicht mit Dir zusammentraf, als ich mir diesen Strick drehte. Auch kommt es Dir zu gute, dass der alte Knaster da, welcher eben erst das Haus verliess, Dir ein gutes Zeugnis beilegt, sonst hättest Du die Tücke, die Du mir gespielt hast, bitterer empfinden sollen. Ich habe übrigens meinen Eid gehalten und Du darfst Deine Sterne segnen, dass es nicht schlimmer ausgefallen ist.“

Meine Mutter, die während ihrer Züchtigung sich mäuschenstille verhalten und nur ein sehr zorniges Gesicht gemacht hatte, warf sich jetzt, nachdem mein Vater seine Rede beendigt, sein Tau aufgerollt und es in die Tasche gesteckt hatte, plötzlich auf den Boden und schrie aus Leibeskräften Mordio. Der Lärm rief die Nachbarn herbei, ganz Fishers Alley geriet in Aufruhr und unser Haus wurde von Leuten belagert, die die Thür einzubrechen versuchten — denn meine Mutter fuhr fort zu schreien, und die arme kleine Virginia war so erschrocken, dass sie fast ebenso laut kreischte.

„Ich hätte gute Lust, Dir noch einmal übers Fell zu kommen,“ sagte mein Vater, indem er das Tau abermals aus seiner Tasche zog. „Aber nein, weil Du es einmal willst, so soll es alle Welt erfahren.“

Damit steckte er seinen Strick wieder ein und ging hinaus, um die Thür aufzuschliessen. Als meine Mutter bemerkte, was jetzt vorgehen sollte, erhob sie sich augenblicklich und eilte nach ihrem Gemach die Treppe hinauf. Mein Vater erzählte hierauf den Nachbarn, was sich zugetragen und warum seine Frau eine Züchtigung erhalten habe, worauf das gemeinschaftliche Verdikt sämtlicher Bewohner von Fishers Alley dahin lautete, es sei ihr recht geschehen. Ben, der Walfischjäger, der mit den andern draussen stand, nahm sich der Sache meines Vaters an, und sobald sich die Leute zerstreut hatten, lud ihn Mr. Sounders abermals zu seiner Pfeife und seinem Kruge ein.

Die kleine Virginia, die noch immer sehr erschrocken war, hatte sich zu der Mutter hinaufgeschlichen; ich aber fühlte im Gegenteil die höchste Achtung gegen einen Mann, der es wagen konnte, eine Person zu züchtigen, die mich so oft abgestraft hatte; dazu erfüllte mich das Bewusstsein, dass er mein Vater sei, mit einer Zärtlichkeit gegen ihn, die ich nicht unterdrücken konnte.

Ich war alt genug, um zu begreifen, warum meine Mutter eine derartige Behandlung erfahren hatte, und konnte nicht umhin, den Zorn des alten Herrn zu teilen. Ich blieb daher unten und holte den verlangten Porter.

Ich glaube, dass mein Vater anfangs willens war, eine viel schwerere Züchtigung über meine Mutter zu verhängen, dann aber das Haus zu verlassen und mich mitzunehmen, denn von Virginias Geburt hatte er keine Kunde. Was aber auch seine Absicht am Morgen gewesen sein mochte, soviel ist gewiss, dass er bis zu einer späten Stunde mit Alt Ben, dem Walfischjäger, plauderte und rauchte, während ich daneben sass und zuhorchte.

Sechstes Kapitel.

Ein schöner, angenehmer Abend nach einem Sturme, in welchem die Kunst des Angelns in einer Weise eingeführt wird, die selbst die Kunst eines Isaak Walton hätte erreichen können.

„Ich bitte um Verzeihung, Messmate,“ sagte Ben, sobald er und mein Vater vertraulicher geworden waren, „aber darf ich so frei sein zu fragen, wie Ihr’s anfingt, um diese Naht über Euern Figurenkopf zu kriegen? Wenn ich recht hörte, so habt Ihr etwas von einem Franzosen gesagt, und da der Krieg nun schon zwei Jahre dauert, so kann ich mir denken, dass Ihr etliche Mal mit den Musjös angebunden habt.“

„Schätz wohl,“ versetzte mein Vater. „Nun, alter Knabe, ich will zuvor meine Pfeife annetzen und dann Euch alles erzählen — ’s wird nicht lange dauern. Die Boote wurden ausgesetzt — —“

„Von welchem Schiffe, Messmate?“

„Ganz richtig, ich habe in der Mitte angefangen. Nun, von dem Schiffe, zu dem ich jetzt gehöre, von dem ‚Audacious‘ — wir lagen mit dem Geschwader auf der Höhe von Ferrol — Signal gemacht, nach Südosten zu jagen — jeden Stich aufgeklappt — nach zwei Kanonenbooten, die an der Küste hinunterliefen. Leichte Winde — kamen gut landeinwärts und wurden dann von einer Windstille befallen. Die Kanonenboote waren vier Meilen weiter und brauchten ihre Ruder — unsere Boote kamen zur Jagd heraus. Ich war der Führer der ersten Pinasse — ein verteufelt schnelles Boot, Messmate, kann ich Euch sagen, mit einer feinen Messingkanone — ruderte zweimal so schnell als der Feind und kam Hand über Hand an ihn — beide Kutter und die andere Pinasse hielten mit uns gleiche Geschwindigkeit, während die alte Lansche eine halbe Meile im Stern war. Nun seht Ihr, Sir, habe ich das ganze Bild vor Euch aufgerollt, oder nicht?“

„Vollkommen,“ versetzte der alte Ben.

„Wohlan denn, es war ein langer Zug, und das erinnert mich, dass ich jetzt gleichfalls einen langen Zug thun will. Bietet mir den Krug herüber, Messmate.“

Mein Vater that einen schrecklich langen Zug aus dem Zinnkruge, händigte ihn dann Ben ein und fuhr fort:

„Wir waren bald in Schussweite; sie wandten jetzt ihre Schnäbel gegen uns, tüchtig auf uns losfeuernd. ’s waren gute Kugeln, denn sie rissen uns drei unserer Steuerbordruder weg, ehe wir nahe genug kommen konnten, um das Feuer mit unserem kleinen Geschütz zu erwidern. Je nun, die zweite Pinasse und die Kutter kamen heran, teilten die Kugeln mit uns, und endlich humpelte auch die alte fette Lansche nach, welche die ganze Zeit wie ein alter Eber grunzte und ihre Kugeln und Kartätschen austeilte. In der Lansche war der erste Leutnant, der natürlich kommandierte und Befehl erliess, dass sich die Boote mehr trennen sollten, was ganz recht war, weil so die Kugeln mehr verteilt wurden. Dann ging das Wort herum, wenn das Horn töne, sollten wir auf das vorderste Kanonenboot zurudern und es entern. Versteht Ihr mich, Messmate?“

„Vollkommen,“ versetzte Ben, zur Antwort die Pfeife aus dem Munde nehmend.

„Gut denn; gebt mir den Krug herüber.“

Mein Vater leerte ihn diesmal und trug mir auf, ihn wieder füllen zu lassen.

„Dann höre ich aber Eure Geschichte nicht,“ entgegnete ich.

„Sorge nicht, Knabe,“ erwiderte Ben; „ich verspreche Dir, dass Dein Vater beilegen soll, bis Du wieder zurück bist.“

„Ja, so soll’s sein, Jack,“ sagte mein Vater.

Nachdem ich nun mit aller Behendigkeit meine Aufgabe erfüllt hatte, fuhr mein Vater wieder fort:

„Gut, da waren wir alle und warteten auf das Horn; jedes Boot kroch allmählich weiter, so dass wir einen schönen Vorsprung hatten, wie man’s in einem Wettrennen zu halten pflegt. Als endlich das Signal gegeben wurde, ging’s mit uns dahin, wie Rauch, mit lauter doppelt bemannten Rudern. Meine Pinasse langte zuerst an dem Kanonenboote an, dann knallten die Kutter herbei — wir alle windwärts — während die zweite Pinasse und die Lansche leewärts von dem Feinde standen, ’s braucht nicht viel Klettern, um an Bord eines Kanonenbootes zu kommen. In der That, wir waren darauf, ehe wir aus dem Boote waren, denn die Franzosen hatten Piken, so lang, als der Spankerbaum. Aber wir gerieten bald zwischen die Spitzen und nun kam’s zum Handgemenge. Ich muss ihnen nachsagen, sie standen gut im Kampfe und hielten sich stets brav. Wir mögen zwar über sie lachen und sie Johnny Crapauds nennen, aber sie sind eine tapfere Nation, obgleich keine guten Seeleute. Auch glaube ich, der Fehler liegt in ihrer Sprache, denn sie ist zu lärmend, als dass man den Dienst recht verstehen könnte, und sie werden nie ordentliche Matrosen werden, bis sie englisch lernen.“

„Ich habe nie französisch kommandieren hören“, sagte Ben, „und kann gar nicht begreifen, wie’s überhaupt nur möglich ist.“

„Nun, ich hab’s gehört“, versetzte mein Vater, „und jedes Wort, das sie brauchen, ist so lang, wie die Bolinie des grossen Marses: die Stenge ist über die Seite, ehe sie damit zu Ende kommen können. Würdet Ihr’s wohl glauben? Ich fragte einen dieser Burschen, wie der Fockmast in seiner Sprache heisse, und was denkt Ihr wohl, sagte er? Ich will auffliegen, wenn er ihn nicht ein ‚Mattemissäng‘ nannte (und das ist das einzige bischen Französisch, was ich kann); aber wie ist’s möglich, mit einem solchen Gefasel ein Schiff zu leiten?“

„Rein unmöglich“, entgegnete Ben.

„Nun, da ich ein bischen aus meinem Kurs abgegiert bin, so könnten wir, schätz wohl, einen andern Zug thun, eh’ ich aufs neue anhole?“

Nachdem beide getrunken hatten, nahm mein Vater seine Erzählung wieder auf.

„Gut, Messmate, ich war so bald auf dem Schanddeck, wie die anderen, und da kam wie der Blitz ein Säbel aus mich nieder. Ich hatte just noch Zeit, meinen Stutzer aufzuheben, um mir den Kopf zu schützen, und dann fand ich, dass es der Säbel des französischen Leutnants war, der das Kanonenboot kommandierte. Er war ein grosser, sauber gebauter Offizier mit Locken, die ihm an der Seite herunterhingen, wie Pudelhaare — jedes Röllchen nicht dicker, als ein Taugarn, und vielleicht ihrer tausend — er hatte eigentlich Schaum vor dem Munde (das ist wieder ein Fehler bei diesen Franzosen — sie nehmen die Dinge nicht kaltblütig, sondern setzen sich um nichts in Leidenschaft). Da denke ich bei mir selbst, es geht doch nicht, dass Du Dich in dieser Weise zerstücken lässt, denn als ich parierte, prickelte mir die ganze Hand unter der Gewalt des Hiebes. Ich stürzte also auf ihn los und stiess ihm das Heft meines Stutzsäbels in den Mund. Er fiel und seine eigenen Leute traten ihn unter die Füsse, während wir mit Hammer und Zangen auf sie losgingen. Mittlerweile verursachte das Entern der Lansche und der Pinasse im Lee (denn sie konnte nicht sobald herankommen als wir), eine Diversion, und trieb den Franzmann zu Paaren, der nun kaum wusste, wohin er sich wenden sollte. Da jedoch auf der andern Seite mehr von unseren Leuten waren, so drehten sich die meisten, und mittlerweile hatte sich auch der französische Offizier auf die Kniee geworfen. Während ich eben geschäftig war und ihn nicht sehen konnte, versetzte er mir diesen Hieb über den Figurenkopf, der gerade nicht zur Erhöhung meiner Schönheit beiträgt. Nun, es kam Hieb für Hieb, Messmate. Ich nahm mir nur Zeit, dem Bettler einen einzigen Blick zuzuwerfen, und trieb ihm, wie er gerade ganz aufstehen wollte, meinen Hirschfänger in den Schädel, so dass er umpurzelte und sich nie wieder erhob. — Das ist meine Geschichte.“

„Schätz wohl, Ihr habt das Fahrzeug genommen?“

„Ja, und seine Kameraden dazu. Aber viele haben ihre Tischnummer und ich alle meine Schönheit verloren. Gebt mir den Tabak herüber, Messmate — und Jack hole noch einen Krug Bier.“

Als ich zurückkehrte, fand ich beide stumm neben einander rauchend; nach einer Weile aber sagte mein Vater:

„Kamerad, da ich Euch gesagt habe, wie ich zu dieser Kerbe gekommen bin, so könnt Ihr mir, schätz wohl, zur Erwiderung auch erzählen, wie es zuging, dass Eure Nase so hart steuerbord fixiert wurde. Das ist ehrlich Spiel.“

„Habt vollkommen recht“, versetzte Ben. „Je nun, seht Ihr, ich habe die meiste Zeit meines früheren Lebens im Walfischgewerbe gedient. Ich machte drei Reisen nach dem Norden, aber das Fangen des Walfisches gilt für nichts. Ihr müsst südwärts nach dem Sparmacitty jagen, wenn Ihr einen rechten Spass sehen wollt.“

„Ich habe nie in diesem Fache gedient“, entgegnete mein Vater, „wohl aber Leute ein wahres Teufelsgarn darüber spinnen hören.“

„Nun, das können sie auch, ohne der Wahrheit Abbruch zu thun, Kamerad. Ihr müsst nämlich wissen, der Sparmacitty nimmt die Harpune nicht so ganz ruhig hin, wie der schwarze Walfisch; er kämpft hart bis aufs letzte und ist bisweilen sehr frei mit seinen Kinnbacken. Die ganz grossen sind am leichtesten zu töten, weshalb wir stets, wenn’s möglich ist, diese aussuchen, da sie uns weniger Mühe machen, und mehr Öl geben. Die gefährlichsten aber sind die halberwachsenen, welche wir die „Vierzig-Tonnen-Ochsen“ nennen, weil sich ungefähr so viel Thran aus ihnen gewinnen lässt.“

„Nun“, entgegnete mein Vater, „hol mich Gott, wenn ich je zuvor wusste, dass man Walfische Ochsen nennt.“

„Ja, das ist unser Ausdruck“, sagte Ben; „und jetzt zu meiner Geschichte! Wir waren drunten auf der Höhe von Japan, als gegen ein Uhr nach Tagesanbruch der Ausluger auf dem Stengenkopfe das Signal gab, durch das man gewöhnlich einen blasenden Walfisch ankündet. ‚Da spritzt er.‘ Und dies wiederholt er jedesmal, so oft sich der Fisch erhebt. Wir hatten damals saubern Raum, denn wir waren eben erst auf unsern Fischergrund gekommen und hatten’s gewaltig eifrig. Die Boote waren im Nu niedergelassen, und wir ruderten dahin. Wir standen ungefähr eine Viertelmeile von dem Walfische, als er zu unserem grossen Verdrusse seine Arme auftoppte — —“

„Was ist das, Kamerad?“ fragte mein Vater.

„Je nun, Ihr seht, das ist im Grunde der rechte Ausdruck, denn der Schwanz des Sparmacitty sieht just aus, wie die Arme eines Ankers. Jetzt versteht Ihr mich natürlich?“

„Ja, und Ihr wollt damit vermutlich sagen, dass er hinunterging.“

„Ganz recht; denn wie könnte er köpflings niedertauchen, ohne dass er seinen Schwanz in die Luft toppte?“

„Man lebt und lernt, so lang’ man lebt“, bemerkte mein Vater. „Fortgemacht, alter Knabe.“

„Nun, da Ihr nicht wissen könnt, was Ihr nie gehört habt, so muss ich Euch jetzt sagen, dass diese Tiere so regelmässig sind, wie die Glockenzüge auf einem Kriegsschiff; wenn sie hinuntergehen, um sich Nahrung zu holen, so bleiben sie genau so lange, als auf einem gemächlichen Schiffe Zeit zum Essen gestattet ist — das heisst auf den Punkt siebenzig Minuten; Ihr wisst, eine Stunde ist die regelmässig zugestandene Frist, und die andern zehn Minuten sind eine Vergünstigung des wachthabenden Offiziers oder des ersten Leutnants. Wir wussten, dass wir so lange auf ihn warten mussten, zogen deshalb unsere Ruder auf und legten bei.“

„Dann haben, schätz wohl, diese Sparamitty-Kunden eine Uhr in ihrer Tasche“, sagte mein Vater lächelnd.

„Es ist demungeachtet eine wahre Rechnung, Kamerad, von der sie nie abgehen. Wie und warum sie so ihre Zeit kennen, weiss nur Gott, der ihnen den Instinkt dazu gab. Es ist eins von den Wundern der Tiefe, welche nur diejenigen schauen können, welche sich auf die grossen Gewässer begeben.“

„Das geht über meine Fassungskraft“, versetzte mein Vater, „und doch habe ich Tiere mit grossem Verstand gesehen. Auf einem Schiffe hatten wir ein Schaf, das Tabak kauen und Grog trinken konnte. — Nun fahret fort.“

„Gut, wir hatten ungefähr eine halbe Stunde gewartet, als wir ein Signal an dem Stengenkopf des Schiffes sahen, aus dem wir entnehmen konnten, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf einen andern Punkt richten müssten. Wir blickten deshalb am Horizont umher und bemerkten, dass etwa drei Meilen von uns eine ganze Schule von jungen Ochsen stand. Wir zählten im ganzen vier Boote, und der erste Mate forderte das meinige nebst einem der übrigen auf, Jagd nach den Bestien zu machen, während er mit den andern beiden auf das Wiederkommen des alten Walfisches warten wollte. Gut, wir fuhren ab und trafen bald auf die Schule. Solche Tiere sind die widerlichsten beim Walfischfang, denn sie sind nicht nur sehr wild, sondern obendrein leicht zu verscheuchen. Ich las mir eines davon aus und versuchte in seine Nähe zu kommen; aber es war sehr scheu, hob endlich seinen Kopf ganz aus dem Wasser und schwamm mit einer Geschwindigkeit von zehn Meilen in der Stunde davon. Daraus konnten wir entnehmen, dass es die ihm drohende Gefahr kannte. Ich hatte eben daran gedacht, den Burschen aufzugeben und es mit einem andern zu versuchen, als er plötzlich wieder umwandte und gerade auf die Boote zukam. Daraus erkannten wir, dass er Unheil brütete, aber während er auf uns zuschwamm, kam er so dicht an dem andern Boote vorbei, dass ihm der Steuermann die Harpune tüchtig in den Leib werfen konnte. Dies machte ihn noch wilder; er stand gerade vor dem Boote und pflügte ganze Wellen auf, als er weiter schoss. Ich hatte mich im Bug mit der Harpune aufgepflanzt und die übrige Mannschaft war bereit, rückwärts zu rudern, um der Bestie auszuweichen. Der Kerl kam heran, und als seine Schnauze noch etwa sechs Fuss von uns abstand, ruderten wir scharf seitwärts, bei welcher Gelegenheit ich ihm die Harpune tief in die Finne gab. „Alles sternwärts!“ lautete das Geschrei wie gewöhnlich, um das Tier klar von uns abzuhalten. Es peilte alsbald, das heisst, es ging köpflings hinunter, und das fürchteten wir am meisten. Denn Ihr müsst wissen, dass wir nur zweihundert Faden Leine in jedem Boote hatten. Da nun beide Harpunen in ihm staken, so konnten wir, im Falle es tief eintauchte, nicht eine an die andere anschlagen, denn der Walfisch geht bisweilen ganz senkrecht hinunter, und nimmt vier Leinen oder achthundert Faden mit sich. Wir erwarteten deshalb, wir würden diesmal sowohl die Bestie, als auch die Leinen verlieren, denn wenn sie ausgelaufen sind, müssen wir sie entweder kappen oder mit hinuntergehen. Gut, die Leine lief so geschwind ab, dass wir Wasser aufgiessen mussten, damit sie sich nicht entzündete, wir dachten bereits, dass alles vorüber sei, denn die Leinen hingen schon zu zwei Dritteilen im Wasser, und es ging noch immerfort so schnell, als je, als plötzlich ein Stillstand eintrat. Wir holten die schlaffen Leinen wieder herein und sahen endlich das Tier eine Viertelmeile entfernt wieder auftauchen. Nun ging es an ein Hurra, denn wir meinten es jetzt schon zu haben. Der Walfisch schoss mit in die Höhe gereckter Nase recht in das Wind-Auge und taute die beiden Boote mit einer Geschwindigkeit von zwanzig Meilen in der Stunde fort. Unsere Vordersteven pflügten durch die See und warfen das Wasser wie Federn auf beide Seiten der Buge, während die Sonnenstrahlen durch die Sprühe drangen und einen glänzenden Regenbogen bildeten. Wir hofften, das Tier werde bald müde und wir im stande sein, unsere Leinen einzuholen, damit wir ihm nahe genug kämen, um ihm unsere Lanzen zu geben. Das war aber nur eine Hoffnung, wie Ihr bald hören werdet. Plötzlich machte der Walfisch Halt, drehte um und kam mit aufgesperrtem Rachen geradeswegs auf uns zu. Wir konnten jetzt weiter nichts thun, als beiseite gehen und ihm drei Lanzen geben. Er schien nicht schlüssig zu sein, welches Boot er angreifen wolle, denn er gähnte, da wir sehr nahe bei einander waren, bald gegen das eine, bald gegen das andere. Endlich schoss er geradeswegs auf unsern Nachbar zu; doch der Bootsetzer wich ihm geschickt aus, während wir ihm näher ruderten und ich ihm die Lanze bis an den Schaft in die Seite stiess. Er bäumte sich jetzt, als ob er wieder weilen wollte, warf aber dabei mit seinen Armen unser Boot etwa zwanzig Fuss hoch in die Luft. Es wurde gerade in zwei Hälften geschlagen und einer der Bootsdosten flog quer gegen meine Nase, die seitdem nicht wieder gerade werden wollte. Da habt Ihr es nun, Kamerad, und ich will es Euch nicht übel nehmen, wenn Ihr das Bier ein bischen herüberbietet, denn das lange Garn hat meine Kehle etwas trocken gemacht.“

„Wenn Ihr einen Zug gethan habt, alter Knabe, so könnt Ihr mir eben so gut auch sagen, wie die Geschichte ausgegangen ist“, bemerkte mein Vater.

„Je nun, sie endigte damit, das wir erstlich den Walfisch und zweitens das Boot mit seinem Gezeug verloren. Wir wurden von dem andern Boote aufgelesen und hatten dabei keine Zeit zu verlieren, denn die Witterung des Walfischbluts hatte die Haifische herbeigeholt. Der Walfisch peilte wieder, und wir sahen uns genötigt, die Leinen zu kappen und an Bord zurückzukehren. Aber Gott behüte, Kamerad, ich könnte Euch noch manches viel längere Garn spinnen, vielleicht geschieht’s auch dieser Tage.“

„Gut, es wird mir lieb sein“, versetzte mein Vater; „aber Eure Fischgeschichte da ruft mir einen etwas kuriosen Fisch ins Gedächtnis, den ein Junge an Bord eines Kriegsschiffes fing. Ich denke übrigens, wir wollen jetzt das Krüglein leeren und Jack nach einer frischen Füllung fortschicken; wenn er zurückkommt, kann ich Euch das weitere erzählen.“

„Nichts macht mir mehr Vergnügen“, entgegnete Ben, „als den Abend, wie eben jetzt, in nüchterner Weise mit Erzählen und Anhören von langen Garnen zu verbringen — wie, Du bist doch nicht schläfrig, Jack?“

„Oh nein“, antwortete ich, „nicht im geringsten. Ich will den Porter holen, aber lass den Vater nicht anfangen, bis ich wieder zurück bin. Das Haus wird bald geschlossen; soll ich mehr als einen Krug bringen?“

„Ja, Jack, aber kein Bier mehr“, erwiderte mein Vater, mir etwas Silbergeld in die Hand drückend. „Ein Krüglein meinetwegen noch, aber dann eine Flasche Rum. Wir wollen uns in dieser Weise eine Nachtmütze aufsetzen, alter Knabe.“

Ich beeilte mich, das Bier und den Branntwein zu holen und war bald wieder zurück. Mein Vater und Ben füllten ihre Pfeifen auf, und der erstere begann folgendermassen:

„Als ich Schiemann an Bord der ‚Melpomene‘ war, hatten wir einen alten Burschen, namens Fletcher, als ersten Leutnant. Er war ein gutherziger Mann und plagte die Mannschaft nicht ohne Grund, hielt aber gleichwohl gewaltig viel auf einen pünktlichen Dienst und übersah keine Nachlässigkeit oder Ordnungswidrigkeit, obgleich er bei einem bischen Lerchen die Augen zudrückte, nach dem Hinterschiffe ging und dergleichen that, als sehe und höre er nichts. Seine gewöhnliche Phrase lautete: ‚meine Bursche, Ihr habt Eure Pflicht zu thun und ich die meinige.‘ Und dies wiederholte er wohl fünfzigmal des Tages, so dass man ihn zuletzt nur die ‚alte Pflicht‘ nannte. Ich meine ihn noch zu sehen, wie er auf und ab ging, das Spähglas unter seinem linken Arme und die rechte Hand in die Brust gesteckt, als ob er nach einem Floh suche. Sein Hut war an der Vorderseite sehr zerrissen und abgenützt, weil er ihn beständig abnahm, statt bloss an ihn hinaufzustechen, wenn er auf das Halbdeck kam. War es dann so weit mit ihm, dass der Kopf durchschien, so pflegte er ihn umzuwenden und die Hinterseite nach vorn zu bringen. Dies that dann solange gut, bis derselbe, wie die Yankees sagen, ‚nur ein Fetzen‘ und Mr. Fletcher genötigt war, einen neuen zu kaufen.

„Gut, wir hatten einen Knaben an Bord, der eines Tages eintrat, als der Kapitän zu Torquai ans Land gegangen war, um mit einem Freunde zu dinieren. Er hiess Jack Jerwis. Sein Vater und seine ganze Sippschaft waren seit undenklichen Zeiten Fischer gewesen, Jack selbst hatte, fast von der Wiege an, von einem Jahresende bis zum andern seinem Vater helfen müssen. Ihr begreift also wohl, dass ihm das Fischen zur andern Natur geworden war, die sich auch, nachdem er an Bord gekommen, nicht verlor; denn es war ihm nie wohler, als wenn er seine Leine über Bord werfen oder in irgend einer Ecke eine Angel einflechten konnte. Er hatte nur den Namen Jack, der Fischer, und war im ganzen ein netter, rühriger, gutwilliger Junge.

„Nun gab es eine kleine Schwierigkeit zwischen der alten Pflicht und Jack, dem Fischer. Die alte Pflicht wollte keine Leine über Bord werfen lassen, wenn das Schiff im Hafen lag, denn er sagte, es gewinne den Anschein, als habe man an Bord nichts zu thun, wenn man sich Zeit zum fischen nehme. Jack hatte daher seine Leine noch nicht zehn- oder zwölfmal aufgezogen, als er selbst aufgeholt wurde. ‚Wem gehört diese Leine?‘ fragte die alte Pflicht. ‚Mir, Sir‘, sagte Jack, an seinen Hut langend. ‚Ich gestatte kein Fischen, junger Mensch‘, sagte der erste Leutnant, ‚habt Ihr mich verstanden? — Das Fischen ist verboten. Ihr habt Eure Pflicht zu thun, Bürschlein, und ich die meinige.‘

„Jack, der erst zwei oder drei Tage an Bord war und wahrscheinlich nie eingetreten wäre, wenn er gewusst hätte, dass ein solches „Veto“ (wie es der Hochbootsmann zu nennen pflegt) eingelegt werden könnte, sah ganz erstaunt darein und sagte:

„‚Wie, darf ich nicht fischen, Sir?‘

„‚Nein, junger Mensch, Ihr dürft nicht fischen ohne Erlaubnis, und diese wird im Hafen nie erteilt. Wenn ich Euch wieder darüber ertappe, kriegt Ihr zwei Dutzend vor der Kanone. Merkt Euch das. Ihr habt Eure Pflicht zu thun und ich die meinige.‘

„Nun konnte Jack seine Gewohnheit nicht aufgeben, sondern fischte jetzt des Nachts, und zwar die ganze Nacht hindurch aus den Fockputtingen. Da traf sich’s aber, dass der Schiffskorporal in der Mittelwache ihn erwischte und dem ersten Leutnant hievon Meldung machte.

„‚So, Ihr habt also wieder gefischt, Sir?‘ sagte die alte Pflicht.

„‚Nein, Sir?‘ versetzte Jack, ‚nicht gefischt — nur Nachtleinen gelegt.‘

„Ah, so!‘ entgegnete der erste Leutnant, ‚nur Nachtleinen gelegt! Nun, so sagt mir, worin liegt denn der Unterschied?‘

„‚Mit Erlaubnis, Sir‘, sagte Jack, an seinen Hut langend, ‚der Unterschied ist — — dass es nicht das nämliche ist.‘

„‚Gut, Sir, ich sehe nur einen einzigen Unterschied und will demgemäss handeln. Ihr habt Eure Pflicht zu thun und ich die meinige.‘

„Der Waffenmeister hatte die Köpfe und Ohren der Knaben gehörig hin- und hergepufft und sie nach ihren Übungen entlassen, so dass Jack bereits dachte, man werde nicht weiter nach ihm fragen; aber er war im Irrtum.

„Nachdem mit dem Einbruche der Nacht die Hängematten niedergepfiffen waren, beschied der Waffenmeister die Knaben herauf, und Jack wurde nach der Kanone gebracht, wo er seine zwei Dutzend erhielt.

„‚So, Bürschlein‘, sagte die alte Pflicht, als man die Stricke wieder losmachte, ‚wenn das Fischen bei Nacht kein Fischen ist, so ist eine Züchtignng bei Nacht auch keine Strafe. Wir sind jetzt quitt. Ihr habt Eure Pflicht zu thun und ich die meinige.‘

„Ich glaube nicht, dass Jack einen grösseren Unterschied in den Nacht- und Taghieben fand, als der erste Leutnant im Tag- und Nachtfischen; wie dem übrigens sein mag, er legte für eine Weile seiner Liebhaberei Zwang an. Endlich traf sich’s aber, dass der erste Leutnant von dem Hafenadmiral zur Tafel gebeten wurde, und obgleich er nur selten das Schiff verliess, so konnte er doch eine derartige Aufmerksamkeit nicht wohl zurückweisen. Er ging deshalb ans Land, und sobald es dunkel war, hielt Jack seine Abwesenheit für eine zu gute Gelegenheit, sich einen Fisch zu holen; er begab sich demgemäss in die Besahnputtingen und warf seine Leine aus. Nun, er fischte (ob er etwas gefangen hat oder nicht, weiss ich nicht zu sagen), bis das Boot angebreyt wurde, in welchem der erste Leutnant wieder an Bord kam, und nun hielt es Jack für Zeit, seine Leine heraufzuholen. In demselben Augenblicke geschah aber ein Ruck, und Jack, der daraus entnahm, dass ein Fisch anbiss, hätte ums Leben nicht seine Leine heraufziehen können — denn seht Ihr, er war ein Fischer mit Leib und Seele. Er vertraute also auf die Vorsehung und hoffte, der erste Leutnant werde in seine Kajüte hinuntergehen, sobald er auf das Deck käme.

„Nun, das Schiff lag damals quer in der Flut und der Wind blies gegen die Strömung. Die Steuerbordseite, die für den Wind leewärts, für die Strömung aber windwärts lag, war abgeräumt und für das Boot bemannt worden weshalb Jack zuversichtlich in der Hoffnung lebte, der erste Leutnant werde an dieser Seite anfahren; aber er war im Irrtum. Wollte vielleicht der Offizier Musterung halber das Schiff umfahren — ich weiss es nicht; genug, er ruderte quer vor den Bugen vorbei, ging um den Stern und kam auf die Backbordseite. Jack duckte sich unter das Lee der Jungfern und der Taljereepen, um nicht entdeckt zu werden; aber der erste Leutnant, der den klaren Horizont auf der andern Seite hatte, bemerkte die halb aufgezogene Leine, und da er ein Auge, wie eine Katze hatte, so entging ihm auch Jack nicht.

„‚Ah, ich sehe, Sir — Mr. Jervis, Ihr fischt wieder. Ganz gut‘, rief der erste Leutnant im Vorbeifahren von den Sternschooten des Bootes aus. ‚Ihr habt Eure Pflicht zu thun und ich die meinige.‘

„‚Das ist so gut, wie zwei Dutzend morgen früh bei der Musterung‘, dachte Jack, welcher sein Pech verfluchte und in sehr melancholischer Stimmung seine Leine aufzuziehen begann, die er, sobald er entdeckt worden, wieder hatte fallen lassen. Nun traf es sich, dass beim Hinaufsteigen der Fuss der alten Pflicht ausglitt. Wie dies zuging, kann ich nicht sagen, denn ich hörte, er sei nicht im mindesten grogig gewesen — aber er fiel zwischen dem Schanddeck des Boots und der Schiffsseite herunter, just wie ein Tiefloth, und verschwand. Es waren so wenige Leute auf dem Deck, dass nicht viel Lärmen darüber erhoben wurde — man tauchte etlichemal mit den Enterhaken nach ihm unter — aber vergebens — die alte Pflicht war fort.

Inzwischen holte Jack auf der andern Seite langsam seine Leine auf, war aber noch nicht halb damit fertig, als er ein schweres Strammen fühlte. Er dachte, ein grosser Meeraal sei dem Köder gefolgt, wie dies bisweilen der Fall ist, und zog und zog aus Leibeskräften. Was brachte er aber endlich heraus? Niemand anders als die alte Pflicht, welche durch die Flut unter dem Schiffsboden weggefegt und von Jack angehakt worden war, als er seine Angel an sich zog. Er sagte mir später, er habe im ersten Augenblicke, als er gesehen, dass es der erste Leutnant sei, gute Lust gehabt, wieder loszulassen; dies währte jedoch nur einen Augenblick. Die Worte des Offiziers klangen noch in seinen Ohren: ‚Ihr habt Eure Pflicht zu thun und ich die meinige‘ — und Jack that seine Pflicht. Er rief aus, er habe die alte Pflicht gefangen und das Boot kam herum, um sie an Bord zu nehmen. Der alte Knabe war ganz bewusstlos; da er aber nur kurze Zeit im Wasser gelegen hatte, so schaffte man ihn zu Bette, wo ihn der Wundarzt bald wieder ins Leben zurückrief. Am andern Morgen ging er wieder wie gewöhnlich auf dem Deck einher, die rechte Hand in der Brust und das Spährohr unter seinem linken Arm, als ob nichts vorgefallen wäre.

„Wir alle sagten Jack, dass er diesmal sicher sei, er aber schien unsere Ansicht nicht zu teilen. Er schüttelte blos den Kopf — nun, Ihr werdet sehen, wer recht hatte.

„Als am nächsten Morgen die Knaben in Linie gemustert wurden und ihre Pfoten aushielten, wandte sich der erste Leutnant um und sagte:

„‚Jervis, Ihr habt gestern Nacht gegen meinen Befehl gefischt.‘

„‚Ja, Sir‘, versetzte Jervis, ‚und habe einen ersten Leutnant gefangen‘, denn Jack hatte eine gute Portion Witz in sich.

„‚Ja, Sir, und das sind bisweilen wunderliche Fische‘, versetzte die alte Pflicht; ‚aber vergesst nicht, dass Ihr auch zwei Dutzend gefangen habt. Ihr müsst Eure Pflicht thun und ich die meinige.‘

„Nun, Ihr könnt Euch denken, dass viele von uns nach hinten schauten, nur um zu sehen, was stattfinden würde, denn wir waren nicht wenig erstaunt über den Einfall, Jack für die Rettung von des ersten Leutnants Leben mit zwei Dutzend zu belohnen; natürlich verhielten wir uns aber mäuschenstille. Jack wurde angebunden; der erste Leutnant flüsterte dem Waffenmeister ein Wörtchen zu, der dann wiederum dem Hochbootsmannsmaten William etwas ins Ohr raunte. Die Folge dieses Geflüsters war, dass die Katze unserem Jack kaum fühlbar aufgelegt wurde — und zwar so leicht, dass der erste Leutnant wegging, um nicht als dabei beteiligt zu erscheinen. Jack wurde wieder losgemacht, ohne auch nur eine halbe Thräne im Auge zu haben, und nun ging die alte Pflicht auf ihn zu.

„‚Ihr habt gestern Nacht gegen meine Befehle gefischt und deshalb Eure Bestrafung erhalten. Ihr habt aber auch mein Leben gerettet, weshalb es meine Pflicht ist, Euch zu belohnen. Die Züchtigung konnte ich Euch nicht erlassen, da Euch sonst der König bezahlt haben würde, während es doch mir zusteht, es zu thun. Ich bin kein reicher Mann, aber hier habt Ihr zehn Guineen in Eure Tasche und hier meine goldene Uhr. Verbraucht die ersteren nützlich und behaltet die andere — merkt Euch übrigens, Jack Jervis, wenn Ihr je wieder im Hafen über dem Fischen ertappt werdet, so erhaltet Ihr zuverlässig Eure zwei Dutzend für die Mühe. Ihr habt Eure Pflicht zu thun und ich die meinige.‘“

„Nun, Kamerad, das ist eine kuriose Geschichte und handelt von noch kurioseren Leuten. Ich hätte mir nichts daraus gemacht, mit dieser alten Pflicht zu segeln. Schätz wohl, wir trinken seine Gesundheit.“

„Von ganzem Herzen, denn Ihr habt recht, alter Knabe. Wenn wir wissen, was wir zu gewärtigen haben, so müssen wir stets darauf gefasst sein, aber einige von den Offizieren, mit denen ich segelte, schlugen um, wie ein Verklicker, und da weiss man nie, wie man mit ihnen dran ist. Ich erinnere mich — — aber he, Jack, schätz wohl, Du thust Dich ein — Deine Augen zwinkern und blinzeln wie die einer Eule im Sonnenschein. Du bist müde, Knabe; geh’ daher zu Bette. Heute Nacht werden keine Fäden mehr erzählt.“

Ich war allerdings sehr müde und konnte meine Augen kaum mehr offen halten; ich ging daher die Treppe hinauf und schlief, als ich meinen Kopf auf das Kissen legte, sogleich ein.

Siebentes Kapitel.

In welchem meine Mutter dem Vater eine Schriftlehre giebt. — Schmerz des letzteren über die Trennung von einem alten Freunde. Er macht meiner Mutter Vorstellungen und verlässt das Haus.

Am andern Morgen erwachte ich zeitig, denn ich hatte mich die ganze Nacht unruhig hin- und hergeworfen und von den ungewöhnlichen Ereignissen des vorigen Tages geträumt. Es war noch dunkel; ich rief mir das Vorgefallene ins Gedächtnis, mir eben Gedanken darüber machend, was aus meinem Vater geworden sei, als ich in meiner Mutter Zimmer ein Geräusch hörte. Ich lauschte — die Thür that sich auf und sie ging die Treppe hinunter.

Dies überraschte mich. Trotz meiner Jugend wusste ich doch den rachsüchtigen Charakter zu würdigen, den meine Mutter bei jeder Gelegenheit zeigte, und konnte, in der Angst um meinen Vater, nicht mehr im Bette bleiben. Ich zog meine Beinkleider an und schlich ohne Schuhe leise die Treppe hinunter. Die Thür des Vorderzimmers war weit offen und ich sah hinein. Das Licht fiel matt durch das Fenster, das gegen die Strasse hinausging. Der Tisch war mit ausgerauchten Pfeifen, Tabak und grossen Lachen vergossenen Bieres und Branntweins bedeckt, das Sofa leer, und mein Vater, der sich augenscheinlich in der Nacht schwer betrunken hatte, lag, das Gesicht abwärts, auf dem mit Sand bestreuten Boden. Meine Mutter stand in ihrem kurzen Bettkittel und Flanellunterrock über ihm — die Zähne verbissen, die Fäuste geballt und die Arme erhoben, während ein wilder Ausdruck der Rache in ihrem Gesichte blitzte. Es war mir damals, als habe ich sie nie so hässlich — ja ich darf wohl sagen, so schrecklich — gesehen, ja selbst jetzt noch lässt sich dieser Eindruck nicht aus meinem Gedächtnisse verwischen. Nach einigen Minuten kniete sie nieder und legte ihr Ohr dicht an seinen Kopf, als wollte sie sich überzeugen, ob er fest schlafe; dann nahm sie ein Messer von dem Tische, befühlte die Schneide, blickte auf meinen hingestreckten Vater und erhob es. Ich wollte laut hinausschreien, aber das Entsetzen lähmte die Zunge vollständig. Sie schien nachzudenken; nach einer Weile legte sie das Messer wieder auf den Tisch, drückte die Fläche ihrer Hand an die Stirn, und dann überflog ein Lächeln ihre düsteren Züge. „Ja, und wenn er mich umbringt — aber so wird’s besser gehen,“ murmelte sie endlich. Sie ging nach dem Schranke, nahm eine Schere heraus, kniete bei meinem Vater nieder und begann ihm den langen Zopf vom Kopfe zu trennen. Mein Vater schlief zu fest, um bei dieser Operation zu erwachen. In einer Minute war der Zopf abgeschnitten, und meine Mutter erhob sich, ihren Raub mit dem Ausdrucke der höchsten Verachtung zwischen Finger und Daumen haltend. Dann legte sie ihn sachte an seine Seite und schloss die Schere wieder in den Schrank. Da ich vermutete, sie werde jetzt zurückkommen und die Treppe hinaufgehen, so verbarg ich mich in der Hinterküche. Ich hatte richtig geschlossen, denn einen Augenblick später hörte ich sie nach ihrem Gemach hinaufsteigen.

Ich muss sagen, dass ich sehr entrüstet über dieses Benehmen meiner Mutter war, denn sie hatte nicht nur keinen Anlass dazu, sondern nicht einmal die Strafe erhalten, die sie für ihren früheren Verrat mit Recht verdient hatte. Möglich übrigens, dass, wie bei den meisten Leuten, mein Urteil durch die üble Behandlung beeinflusst war, die sie mir hatte zu teil werden lassen. Ich machte mir eine Weile Gedanken, was wohl die Mutter zunächst thun würde, da sie doch wohl kaum im Hause bleiben und dem Zorne meines Vaters entgegentreten konnte, wenn er die Entdeckung machte. Wahrscheinlich suchte sie ihm zu entkommen, aber dies sollte sie nicht. Ich schlich daher leise in das Vorderzimmer und rüttelte an meinem Vater, um ihn zu wecken. Dies war lange Zeit eine vergebliche Mühe — er murrte, brummte, es schien unmöglich, ihn zu sich zu bringen. Auf dem Tische stand noch ein halbgefüllter Wasserkrug, den ich jetzt ergriff und allmählich in den Nacken meines Vaters ausgoss, da ich schon früher bemerkt hatte, dass man mit betrunkenen Matrosen ein ähnliches Verfahren vornahm. Dies übte nach ein paar Minuten die gewünschte Wirkung. Er wandte sich um, öffnete die Augen und sah mich, als ich den Finger an meine Lippen legte, um ihm Stillschweigen aufzuerlegen, mit stieren Blicken an. Die Zeit drängte. Ich hörte meine Mutter oben umhergehen und fürchtete, sie könnte das Haus verlassen, ehe mein Vater zur Besinnung gekommen wäre. Ich nahm daher den Zopf vom Boden auf und hielt ihm denselben vor die Augen. Dies schien ihn zu überraschen; er sah ihn ein paar Sekunden an und griff dann, als argwöhnte er endlich, was vorgegangen sei, mit der Hand nach der Hinterseite seines Kopfes, wo er die an ihm begangene Verstümmelung entdeckte. Plötzlich sprang er auf und schien mit einem Male ganz nüchtern zu werden. Den Zopf aus meiner Hand reissend, betrachtete er ihn, warf sich, als er den Verlust nicht mehr bezweifeln konnte, auf das Sofa und weinte wie ein Kind.

„Ich habe mitangesehen, Vater, wie es die Mutter that,“ flüsterte ich ihm ins Ohr.

Dies schien ihn zu sich zu bringen. Er raffte sich auf, wischte die Augen mit dem Rücken seiner Hand, knirschte mit den Zähnen und schüttelte den Kopf. Dann warf er seinen Zopf auf den Boden, betrachtete ihn, und eine tiefe Schwermut breitete sich über sein Gesicht. Nach einigen Minuten kreuzte er seine Arme und brach in folgende Klage aus:

„Nein, nie würde ich es geglaubt haben, wenn man mir gesagt hätte, dass wir beide uns einmal trennen sollten. Wie viel Jahre hat es bedurft, bis du zu deiner gegenwärtigen Länge heranwuchsest — wie oft habe ich dich geflochten, gekämmt und eingebunden. Mancher Aal wurde dir zu lieb abgezogen, und manche Elle Band hast du mich gekostet — du warst der Neid meiner Schiffsgenossen, die Freude der Weiber und der Stolz des armen Tom Sounders. Ich dachte, wir würden uns auf Erden nie scheiden, und hoffte, es werde mir, im Fall ich Vergebung meiner Sünden finde und ein sauberes Log zeigen könne, gestattet sein, dich auch in einer künftigen Welt zu tragen. Aber da bist du — abgetrennt für das ganze Leben, wie ein Glied, das im Treffen durch eine Kugel weggerissen wird und sich nie wieder splissen lässt. Was soll ich sagen, wenn ich wieder an Bord komme? Statt eines langen Zopfes bringe ich eine kurze Geschichte mit. Und das Weib meines Busens konnte dies thun! Nun, ich habe zu hoch hinauf geheiratet, und nun ist mir mein Stolz gelegt worden. Jack, heirate nie die Kammerjungfer einer gnädigen Frau, denn es scheint, dass das Vieh nur um so giftiger ist, je länger es seinen Namen dehnt.“

Er hatte kaum geendet, als ich meine Mutter die Treppe herunterkommen hörte: sie hatte Virginia angekleidet und wollte sie mitnehmen.

„Bst!“ sagte sie leise zu Virginia, „sprich nicht, mein Kind, damit Du nicht Deinen taugenichtsigen Vater weckest.“

Sie hatte dies kaum ausgesprochen, als sie, Virginia auf dem einen und ein grosses Bündel auf dem andern Arme, eintrat. Sobald sie bemerkte, dass mein Vater wachte und die von ihr geübte Rache kannte, stiess sie einen lauten Schrei aus, liess Virginia samt dem Bündel fallen, eilte nach ihrer Stube hinauf und schloss sich ein.

Die arme kleine Virginia schlug mörderliches Gezeter über diesen sehr ungewöhnlichen (und ich glaube galgenwürdigen) Akt des Kinderfallenlassens von seiten einer Mutter an. Ich eilte auf sie zu und trug sie nach dem Sofa, während mein Vater mit zusammengepressten Lippen zuerst zwei oder drei Halbdeckschritte durch das Zimmer machte, dann die Hausthür verschloss, den Schlüssel in die Tasche steckte und die Treppe hinaufging, um meiner Mutter, die sich vermutlich recht gerne als „nicht zu Hause“ hätte melden lassen, einen Besuch zu machen. Es giebt übrigens zudringliche Leute, die keine Zurückweisung annehmen wollen. Mein Vater nahm daher einen Anlauf von drei oder vier Schritten und brachte das ganze Gewicht seines Fusses gegen die Thür, sodass diese aufflog.

Anfangs war meine Mutter nicht sichtbar, weshalb er glaubte, sie möchte entwischt sein; endlich aber erspähte er ihre Beine unter dem Bette. Sie an ihren Extremitäten packend, zog er sie ohne Rücksicht auf Schicklichkeit heraus, bis er sie, den Fuss auf ihren Leib aufgesetzt, in der Mitte des Zimmers hatte. Welch eine Lage für die Kammerjungfer einer gnädigen Frau! Ich hatte Virginia auf das Sofa niedergesetzt und war die Treppe hinaufgeschlichen, um zu sehen, was nun weiter stattfand. Mein Vater und meine Mutter waren in den erwähnten Stellungen, als ersterer folgendermassen anfing:

„Ich habe sagen hören, ein Mann soll sein Weib mit nichts Dickerem dreschen, als sein eigener Daumen ist. Das mag sein — und ich erinnere mich, dass der Zahlmeister zu dem ersten Leutnant, welcher den Matrosen die langen Haare wegsprechen wollte, sagte, dies sei eine Felonie, die unter den Akt der Verstümmelung gehöre. Ich weiss nicht, ob der erste Leutnant eine Felonie daraus gemacht haben würde oder nicht, aber so viel ist gewiss, dass er’s für Meuterei erklärt hätte. Du verdienst kein Erbarmen und sollst es auch nicht erhalten. Ich will jetzt diesen Zopf an Dir in Anwendung bringen — und wenn das Züchtigungswerkzeug schwer auffällt, so merke Dir wohl, dass Du es Dir selbst geschnitten hast. Du hörst vielleicht nicht zu der Zeit, wenn ich mit Dir fertig bin; deshalb will ich Dirs jetzt sagen. Ich werde das Ende spitzen, eine Maus an diesem meinem Zopf anbringen und mich nie davon trennen. Ich werde ihn aufbewahren zu Deinem eigenen besonderen Gebrauch und für niemand anders. Ja, und so oft ich zurückkomme, darfst Du sicher darauf zählen, dass Du diesen Zopf zu kosten kriegst, ohne zu schlucken, Du saubere Kammerjungfer einer gnädigen Frau.“

Nach dieser ungewöhnlich langen Rede, auf welche meine Mutter keine Antwort gab, da ihre Augen in starrem Entsetzen auf dem geschwungenen, fast armsdicken Zopfe hafteten, begann mein Vater seine Drohungen in Vollzug zu setzen. Schlag folgte auf Schlag, das Geschrei meiner Mutter wurde immer schwächer und schwächer, bis sie endlich augenscheinlich besinnungslos dalag. Dann eilte ich auf meinen Vater zu, klammerte mich an seine Kniee an und rief: „O, Vater, sie ist tot!“

Diese Bemerkung bewog ihn abzulassen. Er sah ihr ins Gesicht — ihre Augen waren geschlossen und ihre Kinnladen niedergesunken.

„Nun, sie hat für diesmal genug gehabt“, sagte mein Vater nach einer Pause. — „Vielleicht zu viel sogar. Aber wenn ich auf diesen Zopf in meiner Hand blicke, so ist’s mir, als könnte ich ihr noch mehr geben. Und wenn sie auch tot ist, so wird mich, glaube ich, der Richter nicht hängen lassen, wenn ich ihm zeige, was ich verloren habe. Lieber hätte ich jeden Tag in der Woche meinen Arm oder Bein hingegeben. Ist sie tot, so bin ich jedenfalls aufs bitterste gereizt worden — ein Heiliger im Himmel hätte da nicht an sich halten können!“

Meine Mutter liess während dieser Bemerkungen keine Spur des wiederkehrenden Lebens blicken, und endlich wurde er ernstlich unruhig.

„Jack“, sagte er, „ich muss meinen Stecken schneiden, oder man könnte mich ins Fegefeuer setzen. Sobald ich das Haus geräumt habe, läufst Du nach einem Doktor, dass er nach Deiner Mutter sehe; aber vergiss nicht, jenem alten Burschen, der in der letzten Nacht mit mir gezecht hat, alles mitzuteilen, wie sich’s zugetragen hat. Mag kommen, was da will, die Leute werden sagen, dass ich hinreichend gereizt wurde — und Jack, wenn die Leichenschauer ins Haus kommen, so vergiss nicht, die Wahrheit zu sagen. Du weisst, ich wollte die Alte nicht totschlagen — gelt mein Junge? Denn habe ich nicht gesagt, dass ich den Zopf aufheben wolle, um ihr eine andere Dosis zu geben, wenn ich wieder zurückkomme? Dies beweist, dass ich nicht willens war, der Wind möchte ihr ausgehen — Du begreifst das, Knabe. Ich sagte, ich wolle ihr eine andere Dosis geben — hast Du gehört, Jack? — Und —“ fuhr mein Vater fort — „ich werde auch Wort halten, falls ich sie, wenn ich wieder zurückkehre, noch über dem Boden finde.“

Mein Vater ging sodann die Treppe hinunter. Die kleine Virginia war auf dem Sofa wieder eingeschlafen. Er küsste sie sanft, drückte mir die Hand und gab mir eine Krone. Dann riegelte er die Thüre auf, steckte das Ende seines Zopfes in die Brusttasche, rollte ihn um seinen Leib, eilte die Strasse hinunter und war bald ausser Sicht.

Achtes Kapitel.

In welchem der Doktor einen Besuch macht und kein Honorar erhält. — Ich sehe mich genötigt, sehr hart zu arbeiten, um mir meinen Lebensunterhalt zu verschaffen.

Ich vergass die Einschärfungen meines Vaters nicht, denn ich war zu erschrocken. In der Mitte der Kirchstrasse, unfern Fishers Alley, wohnte ein Doktor — ein kleiner Mann mit einem zwischen zwei breiten Schultern eingesunkenen grossen Kopfe, kleinen blinzelnden Augen, einer Mopsnase und fast kahlem Scheitel, während an den Seiten sein Haar lang und wallend niederhing. Wenn übrigens auch seine Schultern breit waren, so stand doch sein übriger Leib nicht in demselben Verhältnisse, denn dieser wurde nach unten zu immer schmäler, so dass seine Hüften nichts weniger als breit und seine Beine so dünn wie Gaisfüsse waren. Sein eigentlicher Name war Todpoole, aber die Leute nannten ihn stets Tadpolec), und ohne Frage erinnerte auch sein Äusseres an ein derartiges Tierchen. Er war ein witziger kleiner Mann und stand im Rufe grosser Geschicklichkeit.

„Doktor Tadpole“, rief ich vom laufen ganz ausser Atem, „kommt hurtig — meine Mutter ist übel dran.“

„Wo fehlt’s?“ fragte er, über einen Mörser wegblickend, in welchem er eben etwas mit der Pistille rieb. „Äusserlich oder innerlich?“

Obgleich ich nicht wusste, was er damit meinte, so versetzte ich doch: —

„Beides, Doktor, und noch viel mehr.“

„Das ist in der That schlimm“, entgegnete Tadpole, noch immer reibend.

„Aber Ihr müsst augenblicklich kommen“, rief ich. „Kommt mit — hurtig!“

„Festina lente, guter Knabe — das ist Latein für Hut und Stiefel. — Tom, sind meine Stiefel rein?“

„Ja, Sir“, antwortete ein gelbrübenköpfiger Junge, den ich wohl kannte.

Der Doktor legte seine Pistille hin, setzte sich auf einen Stuhl nieder und begann ganz gemächlich seine Stiefel anzuziehen, während ich vor Ungeduld mit dem Fusse stampfte.

„So beeilt Euch doch, Herr Doktor — Ihr werdet meine Mutter tot finden.“

„Jack“, sagte der Doktor grinsend, indem er seinen zweiten Stiefel anzog, „die Leute sterben nicht so schnell, ehe der Doktor kommt — es geschieht stets nachher. Übrigens freut es mich, zu sehen, dass Du Deine Mutter so sehr liebst. — Tom, ist mein Hut gebürstet?“

„Ja, Sir“, entgegnete Tom, den Hut des Doktors bringend.

„Wohlan denn, Jack, jetzt bin ich bereit. — Tom, gieb auf den Laden acht, und iss mir nicht die Stange Bärendreck — hörst Du?“

„Ja, Sir“, antwortete Tom mit einem Grinsen von einem Ohre bis zum andern.

Der Doktor folgte mir hurtig, da er aus meiner Ungeduld schloss, es müsse etwas Ernstliches vorgefallen sein. Er ging nach dem Zimmer meiner Mutter hinauf, ich beeilte mich, die Thür zu öffnen, als ich zu meiner Überraschung die Mutter vor dem Spiegel stehen sah, wie sie sich eben die Haare ordnete.

„Nun!“ rief meine Mutter, „das ist ein sauberes Benehmen — wer wird in dieser Weise in ein Frauengemach dringen?“

Der Doktor machte grosse Augen und ich desgleichen. Endlich rief ich:

„Ach, der Vater glaubte, er habe sie tot geschlagen.“

„Ja“, entgegnete meine Mutter, „und er ist fortgegangen mit dieser Last auf seinem Gewissen, was doch einigen Trost gewährt. Er wird nicht so schnell wieder zurückkommen — er glaubt einen Mord begangen zu haben. Das gefühllose Vieh! — Nun, ich habe meine Rache gehabt.“

Und als sie ihr Haar aufband, kreischte sie hinaus:

„Das kleine Dämchen

Verlor ihr Lämmchen

Und konnt’ nicht sagen,

Wo es zu finden.

Sie fand es endlich,

Doch ach wie schändlich,

Es hat gelassen

Den Schwanz dahinten.“

„Nun, Doktor, so ist alles Verstellung gewesen“, rief ich.

„Ja — und der Doktor hat einen Metzgergang gemacht.“

„Gänschen Gänschen Gieren —

Wohin thust spazieren?

Treppe auf und Treppe ab

Zu den Jüngferchen hinab.“

Der Doktor zuckte die Achseln, dass der Kopf ganz dazwischen verschwand und sagte endlich:

„Deine Mutter braucht mich nicht, Jack — das ist sonnenklar. Guten Morgen, Mrs. Sounders.“

„Recht guten Morgen, Doktor Tadpole“, versetzte meine Mutter mit einem tiefen Knix. „Ihr werdet mich verbinden, wenn Ihr dieses Gemach verlasst und gefälligst die Thür hinter Euch schliesst.“

Während der Doktor und ich hinausgingen, fuhr die Mutter fort zu singen:

„Und dann traf ich ’nen kleinen Mann,

Der konnt’ nicht ’s Vater Unser;

Ich fasst am linken Bein ihn an

Und warf ihn die Trepp’ hinunter.“

Sobald wir in der Wohnstube unten anlangten, teilte ich dem Doktor mit, was vorgefallen war.

„Gewiss, ich habe geglaubt, sie sei tot“, fügte ich bei, nachdem ich meine Geschichte beendigt hatte.

„Jack, als ich Dich fragte, wo es Deiner Mutter fehle, innerlich oder äusserlich, antwortetest Du, in beidem und in noch vielem dazu. Du hattest recht — sie ist innerlich, äusserlich und noch obendrein höllisch schlecht“, sagte der Doktor lachend. „So hat sie also den Zopf Deines Vaters amputiert? Ha, die Delila! Schade, dass man nicht ihr den Kopf amputieren konnte, dann könnte vielleicht noch etwas Gutes aus ihr werden. — Gott befohlen, Jack; ich muss gehen und nach Tom sehen, der mir inzwischen gewiss eine ellenlange Stange Bärendreck aufgezehrt hat.“

Bald nachher erschien Ben, der Walfischjäger, um nach meinem Vater zu fragen; ich teilte auch ihm mit, was vorgefallen war. Er entrüstete sich höchlichst über das Benehmen meiner Mutter, ein Gleiches war auch bei allen Bewohnern von Fishers Alley der Fall, sobald die Geschichte ruchbar wurde. Wenn meine Mutter ausging oder sich mit einer Nachbarin zankte, so rief man ihr unabänderlich zu: „Wer hat über ihren eigenen Mann die Presser geschickt?“ oder: „Wer hat ihrem Gatten den Zopf abgeschnitten? — War dies ein gentiler Possen?“ Darüber ärgerte sich meine Mutter dermassen, dass sie mit jedem Tage mürrischer und misslauniger wurde; auch glaube ich, sie würde die Strasse verlassen haben, wenn sie nicht das Haus auf lange Zeit gemietet hätte. Sie hasste mich jetzt aufs bitterste und versäumte keine Gelegenheit, um ihren Groll an mir auszulassen, denn sie wusste, dass ich meinen Vater geweckt und sie gehindert hatte, dem Ausbruche seines Zornes auszuweichen. Die Folge davon war, dass ich selten anders als zum schlafen nach Haus kam. Ich schleuderte an dem Ufer umher, ging ins Wasser und ruderte bisweilen in den Fähren, während ich sie zu andern Zeiten hereinholte und für die Passagiere bereit hielt. Ich fing an, mich den Fährleuten nützlich zu machen und wurde sehr oft mit einem Stück Brot und Käse oder einem Trunk Bier aus ihren Krügen belohnt. Das erste Jahr nach dem Besuche meines Vaters erhielt ich selten eine ordentliche Mahlzeit, wohl aber Schläge die Menge, und zwar bisweilen aufs grausamste. Als ich jedoch stärker wurde, rebellierte ich und wehrte mich dabei mit so gutem Erfolg, dass ich zwar jetzt noch mehr gehasst, aber doch weniger gezüchtigt wurde.

Ein einziger Auftritt zwischen meiner Mutter und mir mag als Pröbchen für die übrigen dienen. Ich kam nach Hause, die Hosen aufgeschlagen und meine aufgeschnürten Bundstiefel voll Wasser, so dass es darin gurgelte, so oft ich auftrat, und der Sandboden von der Vorderstube an bis zu der Hinterküche mit meinen Spuren bezeichnet wurde. Meine Mutter sah die Fährte, die ich zurückgelassen hatte, wurde zornig und begann wie gewöhnlich zu singen:

„Ein Frosch, der wollte freien gehen,

Heisa, sagte Rowly.“

„Ich sehe, der kleine Wicht ist da gewesen —“

„Die Mutter that’s nicht gerne sehen,

Heisa, sagte Rowly.“

„Ja, ich will ihn rollen mit dem Rollholz, wenn ich ihm auf den Leib komme. Er ist schlimmer, als jener bestialische Wasserhund des Sir Herkules, der sich über meinen besten Mousselinkleidern schüttelte. Nun, wir wollen sehen. Zu essen soll er nichts kriegen; er mag zusehen, wie er anderwärts dazu kommt.

„Der kleine Jack Hecke

Sass in einer Ecke

Vor dem Christstollen, dick wie ein König;

Er steckt hinein seinen Daum,

Zieht heraus eine Pflaum

Und schreit: ‚Welch ein guter Knab’ bin ich!‘“

„Ja wohl, ein guter Knab’ — ein Balg, gut für nichts, just wie sein Vater. Oh, Himmel! wenn ich ihn nur von dem Halse hätte!

„Es war ein altes Weib,

Die hatt’ nur einen Schuh,

Sie hatt’ so viele Kinder

Und hatte nichts dazu;

Sie gab ihnen etwas Brühe,

Drum balgten sie sich in die Wett’:

Drauf peitschte sie all’ nach der Reihe,

Und schickte sie zu Bett.“

„Und wenn ich Dich nicht auch peitsche, soll der Fehler nicht an mir liegen, weiter sage ich nichts. Virginia, meine Liebe, Du musst nicht auf den Boden speien — das ist nicht gentil. Nur Matrosen und Yankees thun dies. — Ah, Du garstiges kleines Vieh — so, da bist Du!“ rief meine Mutter, als ich eintrat. „Siehst Du, was für einen schmutzigen Boden Du mir gemacht hast, Du undankbare kleine Bestie? Nimm dies und dies und dies!“ fuhr sie fort, indem sie mir die nassen Borsten des langen Kehrbesens mit solcher Gewalt ins Gesicht stiess, dass mir die Nase blutete. Ich widerstand dem ersten und zweiten Stosse, aber der dritte regte meine Galle auf. Ich ergriff das mir zugekehrte Ende des Besens und versuchte, ihn ihr zu entwinden. Es folgte nun Stoss gegen Stoss, denn ich war sehr stark; sie kreischte aus Leibeskräften, während sie es versuchte, den Besen aus meiner Hand zu reissen. Aber ich hielt fest und schob mit aller Macht gegen sie hin — kurz es ging ganz wie in der Puppenkomödie, wo Polichinell sich mit dem Teufel um die Krücke balgt. Endlich, nachdem sie mich für eine halbe Minute in eine Ecke gedrängt hatte, stürzte ich auf sie zu, trieb sie geraden Wegs in die andere und versetzte ihr mit dem Handgriffe einen tüchtigen Stoss vor den Magen, so dass sie den Kampf aufgab und, sobald sie wieder zu Atem kam, ausrief:

„O, Du abscheuliches, undankbares, ungentiles Vieh! Du kleine Viper! Ist dies die Weise, wie Du Deine Mutter behandelst — und sie beinahe umbringst? Oh, Himmel!“

„Warum lasst Ihr mich nicht gehen? Jenny schlagt Ihr nie.“

„Wer ist Jenny, Du heilloser, taugenichtsiger Bube? Deine Schwester heisst Virginia; gut, Du sollst kein Mittagessen haben, kann ich Dir sagen.“

Ich steckte meine Hand in die Tasche, nahm ein verdientes Sechspencestück heraus und hielt es zwischen meinem Daumen und Zeigefinger.

„Werde ich nicht?“

„Du frecher Bube! — Aber so geht’s, wenn thörichte Leute Kindern Geld geben und sie dadurch verderben.“

„Gott befohlen, Mutter.“

Mit diesen Worten sprang ich über das an der Thüre befestigte Brett und ging wieder an das Ufer hinunter. In der That war ich nun ein regelmässiger Schmutzigel, las halbe Pence im Wasser auf, bot meinen zerlumpten Arm den Leuten, welche aus den Fähren stiegen und begrüsste sie stets mit der Anrede: „Habt Ihr nicht einen halben Penny für den armen Jack, Euer Gnaden?“ den ich auch hin und wieder erhielt, bisweilen aber statt dessen einen Stoss erntete, je nachdem die Leute gerade gut oder übel gelaunt waren. Wenn ich nicht an dem Ufer war, leistete ich gewöhnlich Ben, dem Walfischjäger, Gesellschaft, denn der Invalide war nach dem Besuche meines Vaters gegen mich freundlicher als je. Auch machte ich mir mehrere andere Pensionäre zu guten Freunden und pflegte auf ihre langen Garne zu horchen, die mir nun zur Quelle grossen Vergnügens wurden. Zu anderen Zeiten half ich den Fährleuten ihre Nachen reinigen oder die Fugen bestreichen. Kurz ich war da und dort und überall, nur nicht zu Hause — stets thätig, stets beschäftigt und, wie ich wohl beifügen kann, fast immer nass. So oft ich nach Hause kam, schmähte meine Mutter, aber ich machte mir nichts daraus. Die grösste Strafe, die sie mir angedeihen lassen konnte, bestand darin, dass sie mir am Sonntag ein reines Hemd verweigerte; aber endlich brachte ich Halbpence genug zusammen, um nicht nur meine Kost, sondern auch meine Wäsche zu bestreiten, so dass ich mit jedem Tage unabhängiger und glücklicher wurde.

Es gab noch viele andere Wege, auf denen mir während der Sommerszeit Geld zufloss. So pflegten zum Beispiel Gesellschaften nach dem Schiff und andern Wirtshäusern zu kommen, um daselbst Themsefische zu speisen.

Ausser mir gab es noch viele andere Knaben, welche das Ufer zu ihrem Tummelplatze machten; wir traten dann gewöhnlich unter die Fenster, die Aufmerksamkeit der Wirtshausgäste durch alle in unseren Kräften liegenden Mittel auf uns ziehend, um sie zu veranlassen, dass sie uns Halbpence zuwürfen, um die wir uns balgen konnten. Die Fremden thaten dies gewöhnlich, um sich die Zeit bis zum Diner zu vertreiben, oder sich und die Damen durch den Anblick unseres Übereinanderkugelns zu unterhalten. Bisweilen warfen sie ein Sechspencestück in den Fluss, wo das Wasser ungefähr zwei Fuss tief war und wir uns durchnässen mussten, um es herauszulangen. Sie waren in der That sehr grossmütig, wenn es ihre Belustigung galt, und wir machten ihnen alle Arten von Anerbietungen, die wir nach ihrem Geschmack wählten, um ihren Taschen Geld zu entlocken.

„Soll ich für sechs Pence meinen Kopf in den Schlamm tauchen, Sir?“ konnte einer von uns rufen, der aber alsbald durch einen andern ausgestochen wurde.

„Ich wälze mich über und über im Schlamm, Gesicht und alles, Sir, wenn ich die sechs Pence erhalte!“

Bisweilen bemerkte ich ein liebliches Gesicht, das voll Mitleid auf unsere Lumpen und unsere verwahrloste Aussenseite niederblickte, und dann machte mir das Geld, das mir zugeworfen wurde, viel mehr Vergnügen; aber die Mehrzahl von denen, welche uns um der eigenen Unterhaltung willen Silber hinschleuderten, würden uns keinen Heller gegeben haben, wenn wir sie um Gottes willen darum angegangen hätten.

Man darf jedoch nicht glauben, dass ich die beneidenswerte Stelle des „armen Jacks“ sobald erhielt, denn auch die niedrigste hat ihre Bewerber, und unter den vielen müssigen Knaben, welche das Ufer zu ihrem Tummelplatze machten, gab es eine recht bedeutende Konkurrenz. Als ich mich anfangs dafür aufthat, wurde ich oft von älteren und stärkeren zurückgedrängt, die mir zuriefen: „Fort mit Dir! Es ist nicht der arme Jack — ich bin der arme Jack!“ Ich liess mir dies anfangs gefallen und hielt mich an die verirrten Halbpence, die mir gelegentlich zugeworfen wurden, dabei auf meine Behendigkeit bauend. Ich kriegte nie Streit mit andern Knaben, da meine Gutmütigkeit allbekannt war, und erst die Bedrückung weckte in mir die Idee des Widerstandes. Einer der Knaben, der älter und grösser als ich war, versuchte mir ein Sechspencestück zu entreissen, das ich durch meine Hurtigkeit gewonnen hatte.

Früher hatte ich mir nichts daraus gemacht, wenn ich weggedrängt oder sogar mit Wasser und Schlamm beworfen wurde; aber dies war ein Akt der Gewaltthätigkeit, den ich mir nicht gefallen lassen konnte. Die Folge davon war eine Balgerei, in welcher ich zu meiner eigenen grossen Überraschung (denn ich kannte meine Stärke nicht), wie auch zur Verwunderung aller Umstehenden, Sieger blieb. Ich zerbläute meinen Gegner, bis er ins Wasser taumelte, setzte ihm zu, bis er stürzte und drückte dann seinen Kopf in den Schlamm, bis er fast erstickt war. Dann liess ich ihn los, worauf er heulend zu seiner Mutter nach Hause ging. Für diese Heldenthat wurde ich mit dem Beifall der alten Pensionäre und anderer Zuschauer, wie auch mit einem Schilling, der mir aus dem Fenster des Wirtshauses zuflog, belohnt. Ben, der Walfischjäger, der den Strauss mit angesehen, sagte mir am andern Tage, dass ich meine Fäuste merkwürdig gut gebraucht habe; ich solle nur höhere Parade halten und werde dann einen trefflichen Kämpfer abgeben. Er war selbst ein alter Boxer und gab mir einige Anweisungen, die ich nicht vergass, und bald nachher in praxi auszuführen Gelegenheit hatte. Zwei Tage später stiess mich ein anderer mir an Grösse überlegener Knabe, während ich mich als „armer Jack“ geltend machen wollte, so derb beiseite, dass ich die Treppen hinunter ins tiefe Wasser fiel und daher die Lacher gegen mich hatte. Aus dem Untertauchen machte ich mir nichts, aber das Gelächter konnte ich nicht ertragen. Sobald ich daher die Treppen wieder gewonnen hatte, stürzte ich auf ihn zu und warf ihn hinunter, so dass er in eine Fähre fiel und sich, wie nachher gefunden wurde, den Rücken sehr beschädigte. Demungeachtet kam er wieder heraus, um mich zu zerbläuen, und jetzt gab es eine regelmässige Boxerei, da die Pensionäre und Fährleute sich ins Mittel legten, uns beide nach dem höheren Grunde nahmen und ein ehrliches Spiel überwachten. Ben, der Walfischjäger, übernahm die Rolle meines Sekundauten, und wir griffen an. Ohne die erlittene Verletzung und die Lehren, die mir Ben erteilte, als ich zwischen jedem Gange auf seinem Knie sass, wäre mein Gegner viel zu mächtig für mich gewesen. Dennoch gab es einen sehr harten Strauss, ich wurde furchtbar zerschlagen — aber ich konnte nicht nachgeben, da so viele auf meinen Sieg gewettet hatten, und Ben sagte mir am Ende eines jeden Ganges, wenn ich nur noch ein einziges Mal aushalte, werde ich des Sieges sicher und der arme Jack für immer sein. Diese letztere Andeutung spornte mich zur äussersten Kraftanstrengung. Wir kamen scharf ins Handgemenge; mein Gegner wurde geworfen, ohne wieder aufstehen zu können, da er jetzt die Folgen seiner früher erlittenen Beschädigung aufs empfindlichste verspürte. Der arme Bursche! Er litt grosse Schmerzen, wurde nach Hause getragen und musste ärztlichen Beistand brauchen, da sich ein Abscess in seiner Seite bildete. Es stand lange an, bis er wieder gesund wurde, und als er wieder herauskam, war er so bleich, dass ich herzliches Mitleid mit ihm hatte. Wir waren nachher stets die besten Freunde, ich gab ihm manchen Halbpenny, bis ich endlich Gelegenheit hatte, ihm wirksamer zu dienen.

Ich erwähnte diese beiden Kämpfe, weil sie mir einen grösseren Ruf verschafften, als ich verdiente. Dieser Ruf ersparte mir ohne Zweifel noch viele weitere Schlachten und sicherte mir die Meisterschaft über die andern Knaben am Ufer. Die Fährleute gewannen mich so lieb, dass sie alle übrigen Jungen wegzuschicken pflegten, und so war ich endlich der anerkannte, echte, gesetzliche und legitimierte „arme Jack von Greenwich“.

Neuntes Kapitel.

In welchem ich gegen die angenommene Regel der Seefahrerkunde einen Kreuzzug mache. Bei meiner Rückkehr von einer kalten Expedition treffe ich auf einen kalten Empfang.

Kaum hatte ich mir den unbestrittenen Besitz eines Amtes verschafft, als ich auch hinreichend Geld gewann, um mich ganz unabhängig von meiner Mutter zu machen. Gelegentlich verschaffte ich mir aus dem Laden eines alten Weibes, die mit allem nur Erdenklichen handelte, eine alte Jacke, Beinkleider und ein paar Schuhe, und wenn ich Kalfaterwerk oder triftig gewordene Holzstücke auflas, pflegte ich meine Beute an die alte Nanny (denn dies war der einzige Name, unter dem die Hökerin bekannt war) zu verkaufen. Meine Mutter hatte durch ihre schlimme Gemütsart und ihr ewiges Gezänk mit den Nachbarinnen alle ihre Hausleute vertrieben, so dass sie sich jetzt auf das Waschen feiner Leinwand verlegen musste, eine Beschäftigung, auf die sie sich gut verstand und die ihr viel Geld einbrachte. Ich muss ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie eine sehr fleissige Frau und in manchen Dingen sehr geschickt war. Sie machte auch Kleider und Hauben für die niedrigere Volksklasse, die sehr mit ihren Leistungen zufrieden war, und arbeitete eifrig für sich und meine Schwester, deren Anzug und Äusseres sie sich mehr als je angelegen sein liess, denn sie erzeigte Virginia eben so viel Liebe, als sie mir Hass bewies. Wer mich in meinen alten, bis an die Kniee aufgeschlagenen Hosen, in meiner zerrissenen Jacke und in meiner vom Wasser gesteiften Kappe neben der reinlich und sogar luxuriös gekleideten Virginia stehen sah, würde nie geglaubt haben, dass wir Geschwister wären. Die Mutter suchte zwar stets Virginia davon abzuhalten, dass sie mir Aufmerksamkeit erwies, wenn wir uns je auf der Strasse begegneten; aber die Schwester liebte mich mit jedem Tage mehr und pflegte, ungeachtet der mütterlichen Vorstellungen, sobald sie mich sah, auf mich zuzueilen und mit ihrem hübschen Händchen meine schmutzige Jacke zu pätscheln, so dass ich eigentlich stolz auf Virginia war. Sie wurde täglich schöner und hatte einen so guten Charakter, dass selbst die Mutter ihn nicht zu verderben vermochte.

Ich hatte mir den unbestrittenen Posten des armen Jack im Herbste erkämpft, im Winter darauf stiess mir ein Abenteuer zu, das, wie der Leser zugeben wird, durchaus nicht angenehm war und beinahe eine Amtserledigung zum Besten eines andern herbeigeführt hätte.

Es war im Monat Januar — der Strom schwamm voll Treibeis, denn wir hatten mehrere sehr kalte Tage gehabt; das hatte zur Folge, dass sich nur wenige Leute den Fähren anvertrauen mochten, weshalb ich nur wenig Beschäftigung und noch weniger Verdienst fand. Eines Morgens stand ich auf den Lauertreppen, rieb mir, während der Atem wie der Dampf eines Theekessels aus meinem Munde kam, die von der scharfen Kälte gerötete Nase und blickte nach der Sonne, die eben über einen Wolkenrand auftauchte, als mir ein Fährmann zurief und mich fragte, ob ich mit ihm den Strom hinuntergehen wolle, da er einen Maten nach seinem Schiffe bringen müsse, das mehrere Meilen unterhalb Greenwich läge; wenn ich Lust habe, so wolle er mir sechs Pence und ein Frühstück geben. Ich hatte seit vielen Tagen nur wenig verdient und willigte deshalb ein, da ich meiner Mutter für nichts verbindlich sein mochte.

Nach einer Stunde brachen wir auf. Wir hatten keinen Wind, das Wasser war glatt und die Sonnenstrahlen blitzten in den schwimmenden Eisschollen, welche sich an den Seiten unserer Fähre rieben, als wir sie mit unserem scharfen Schnabel durchschnitten. Obgleich wir die Ebbe für uns hatten, stand es doch drei Stunden an, bis wir das Schiff erreichten. Der Mate zahlte das Fährgeld und gab uns etwas zu trinken. Wir wärmten uns etwa eine Stunde in der Schiffsküche und plauderten mit den Matrosen. Endlich sprang eine Brise auf, und der Kapitän befahl den Matrosen, die Anker aufzuziehen. Wir ruderten ab und hofften, da die Flut eingetreten war, noch vor Einbruch der Nacht Greenwich wieder zu erreichen.

Der Himmel umwölkte sich; es trat ein schweres Schneegestöber ein, so dass wir nicht sehen konnten, in welcher Richtung wir ruderten. Der Wind blies sehr steif und schneidend kalt; dennoch arbeiteten wir uns nach Kräften ab, nicht nur, um wieder zurückzukommen, sondern auch, um uns zu erwärmen. Unglücklicherweise hatten wir zu viel Zeit an Bord des Schiffes verloren, und da uns ausserdem das Schneegestöber hinderte, geradeaus zu fahren, so trat die Ebbe wieder ein, ehe wir zwei Dritteile unseres Weges zurückgelegt hatten. Erschöpft von Kälte und Anstrengung arbeiteten wir noch immer nach Kräften und hielten uns so nahe als möglich ans Ufer. An dem Ende einer Krümmung sahen wir uns genötigt, nach der andern Seite des Flusses zu fahren, und während wir dies thaten, wurden wir durch die Strömung gegen eine grosse Boje getrieben, so dass sich unsere Fähre füllte und im Nu umschlug. Wir klammerten uns an und wurden zwischen den schwimmenden Eisschollen abwärts gefegt, während es noch immer schwer auf unsere Köpfe niederstöberte. Ich war fast erfroren, als es mir gelang, den Boden der Fähre zu erklimmen, während der Schiffer sich nur festhalten konnte. So wurden wir nun beide – in dem Winde, der unsere nassen Kleider durchschnitt, schaudernd, und während der Schnee noch immer auf uns niederschlug und unsere Füsse zwischen dem Treibeis fast erfroren — von der Ebbe der Mündung des Flusses zugetragen und waren nicht im stande, auch nur zwei Ellen weit um uns zu sehen, folglich auch nicht in der Lage, von jemand bemerkt zu werden, der uns möglicherweise hätte Beistand leisten können. Wir fühlten uns zu sehr durchkältet, um sprechen zu können, und blieben daher stumm, warfen aber einander Blicke zu, in denen nicht die lieblichsten Vorahnungen für unsere Zukunft zu lesen waren. Das Eis bildete sich immer mehr zu grösseren Massen, an unseren Kleidern hingen dicke Zapfen, und aus unsern Extremitäten war alle Empfindung verschwunden. Es war jetzt pechfinster; wir fühlten uns so schwach, dass wir nur mit Mühe unsere Stellungen behaupten konnten. Endlich legte sich das Schneegestöber, der Himmel heiterte sich auf, der klare, volle Mond trat hinter den Wolken hervor; aber unser Fall schien hoffnungslos zu sein — wir fühlten, dass wir noch vor Morgen zu Grunde gehen mussten. Ich versuchte alle Gebete herzusagen, die ich meine Schwester hatte sprechen hören; aber meine Zähne klapperten, ich konnte keinen Laut hervorbringen. Endlich bemerkte ich ein vor Anker liegendes Schiff, — die Strömung musste uns daran vorbeiführen. Wir kamen dicht in seine Nähe, und es gelang mir, einen Ruf auszustossen — aber es erfolgte keine Antwort. Ich schrie abermals — vergeblich. Sie lagen alle in ihren warmen Betten, während wir vorbeischwammen und uns zu Tode froren. Die neu erwachten Hoffnungen, welche mein erstarrtes Herz wieder in Gang gebracht hatten, machten jetzt der tiefsten Trostlosigkeit Platz, ich gab mich verzweifelnd für verloren. Ich brach in Thränen aus, aber ehe sie noch halb meine Wangen niedergerollt waren, blieben sie als Eisperlen stehen.

„Jetzt bin ich in der That der arme Jack“, dachte ich, „und werde nie wieder meinen Vater oder Virginia sehen.“

Da sah ich mit einemmale ein anderes Schiff vor uns. Ich bot alle meine Kräfte auf und schrie schon lange zuvor, ehe wir an seiner Seite anlangten. Der leichte Wind trug meine Stimme abwärts und sie wurde von einem Manne, der auf dem Decke stand, vernommen. Er ging nach dem Vorderschiff, und ich bemerkte, dass er über die Buge schaute. Ich rief abermals, um seine Aufmerksamkeit in unsere Richtung zu lenken, denn unsere Fähre war nun mit einer so starken Eisrinde bedeckt, dass man sie wohl für einen grösseren Eisklumpen halten konnte. Ich bemerkte, wie er sich abwandte, und hörte, dass er mit einer Handspake auf das Deck schlug. Wie pochte mein Herz! Ich fühlte fast keinen Frost mehr. Als wir an dem Schiffe vorbeikamen, rief ich wieder und wieder, worauf der Mann antwortete:

„Ja, ja, nur noch einige Minuten Geduld, und ich will nach Euch schicken.“

„Wir sind gerettet“, rief ich dem Fährmann zu.

Aber er war ganz besinnungslos und augenscheinlich steif an die Stelle gefroren, wo er sich anklammerte. Nach wenigen Minuten hörte ich den Schall von Rudern, und dann machten sie Halt. Das Boot legte ruhig neben uns an, damit wir durch die Erschütterung nicht ins Wasser geworfen werden möchten, und die Leute, welche uns einnahmen, brachten uns bald an Bord zurück. Dort goss man uns zuerst ein Glas Branntwein ein, streifte uns die gefrorenen Kleider ab, rieb unsere Glieder und legte uns in warme Decken. Sobald ich im Bette war, hiess mich der Mate ein Glas heissen Grogs trinken und verliess mich. Ich versank bald in tiefen Schlaf, während man noch immer fortfuhr, mit meinem Gefährten Wiederbelebungsversuche anzustellen. Als ich am andern Morgen erwachte, war ich ganz wohl, auch der Fährmann war auf dem Wege der Erholung, obgleich er die Hängematte noch nicht verlassen konnte. Der Mate, welcher die Wache gehabt und uns gerettet hatte, teilte uns mit, die Fähre sei wohlbehalten an Bord; das Schiff gehe übrigens stromaufwärts, wir thäten daher besser, wenn wir blieben, wo wir wären. Ich erzählte ihm unsern Unfall, kroch in meine Kleider, die man in der Schiffsküche getrocknet hatte, und ging auf das Deck. Mein Gefährte, der Schiffer, kam nicht so gut davon: seine Füsse waren erfroren, und er verlor vier Zehen, ehe er wieder hergestellt wurde. Auffallend ist bei der Sache, dass er, ein erwachsener Mann, viel mehr Schaden nahm als ich; ich kann es mir nur dadurch erklären, dass mich meine Gewohnheit, mich stets im Wasser umherzutummeln, mehr gegen die Kälte abgehärtet hatte. Wir blieben zwei Tage an Bord, während welcher Zeit wir mit grosser Freundlichkeit behandelt wurden.

Es war ein schöner, heller Morgen, als das Schiff an dem Hospitale vorbeikam. Wir ruderten mit unserer Fähre ab, landeten an den Treppen und sprangen ans Ufer, wo wir von allen Umstehenden mit Freuden begrüsst wurden, da man uns natürlich für verloren gehalten hatte. Man glaubte, wir seien in dem Schneegestöber zu Grunde gegangen. Der alte Ben war unter den Anwesenden und begleitete mich nach dem Hause meiner Mutter.

„Ich bin zu der Alten gegangen, um ihr die Sache in einer anständigen Weise beizubringen“, bemerkte Ben; „aber ’s ist wahr, ich kann nicht sagen, dass sie sich’s sehr zu Herzen zu nehmen schien. Wär’s die kleine Jenny gewesen, so würde sie sich die Augen ausgeweint haben.“

Ich langte in Fishers Alley an, die Nachbarn schauten zum Fenster heraus. Als ich ihnen zunickte, riefen sie: „Ei da kommt ja der Jack wieder. Wo bist Du gewesen, Jack?“ So ging’s von Mund zu Mund, bis diese Rufe endlich auch das Ohr meiner Mutter erreichten. Sie schaute heraus und sah mich mit dem alten Ben vor der Thüre stehen.

„Da ist Euer Sohn, Mistress!“ sagte Ben. „Ihr dürft Gott für die Gnade danken.“

Aber meine Mutter schien nicht sehr dankbar dafür zu sein. Sie wandte sich um und ging hinein. Ich folgte ihr, während Ben an der Thüre stehen blieb und nicht wenig verwundert war, dass sie nicht auf mich zuflog und mich küsste. Im Gegenteil, sie musste sehr unmutig über meine Rückreise gewesen sein, denn sie begann zu singen:

„Jack und Görg

Gingen hinauf den Berg,

Um den Wassereimer zu füllen;

Jack fiel herab,

Zerstiess sich die Kapp,

Und Görg holt sich auch seine Schwielen.“

Dann brach sie los:

„Und wo bist Du diese ganze Zeit über gewesen, Du junger Taugenichts? Muss mich der Schlingel in nutzlose Unkosten versetzen, dass all mein Geld für nichts und wieder nichts weggeworfen ist.“

Ich blickte auf den Tisch und bemerkte, dass sie an einem schwarzen Kleidchen und Hütchen gearbeitet hatte, um die kleine Virginia in Trauer zu hüllen, denn sie versäumte nie eine Gelegenheit, um meine Schwester aufzuputzen.

„Fünfzehn gute Schillinge sind zum Fenster hinausgeworfen — nur durch Dein dummes Zurückkommen. Deine Schwester hätte so schön und interessant darin ausgesehen. Das arme Kind! und jetzt werden ihre Hoffnungen zu Wasser. Doch lass Dir’s nicht zu Herzen gehen, mein Liebling; Du wirst Dein Kleid doch bald tragen, wenn er in dieser Weise fortmacht.“

Virginia schien sich’s durchaus nicht zu Herzen gehen zu lassen, denn sie küsste und pätschelte mich, wie sie denn überhaupt hoch erfreut war mich wiederzusehen. Aber meine Mutter ergriff sie bei der Hand, nahm den halbgefertigten Anzug und das Hütchen unter den Arm, und ging mit ihr die Treppe hinauf nach ihrem Zimmer, unterwegs vor sich hinsingend:

„Es war einmal ein alter Mann,

Der lebt’ in einem Loch,

Und wenn er nicht gestorben ist,

So lebt er immer noch.“

„Das ist mir eine saubere mütterliche Liebe! hole sie der Henker, aus was mag doch ihr Herz bestehen,“ liess sich eine Stimme vernehmen.

Ich wandte mich um: es war der alte Ben, der unbemerkt die Scene mit angesehen hatte.

Zehntes Kapitel.

In welchem ich den glücklichsten Vorfall in meinem Leben erzähle und Ben, der Wallfischjäger, mir eine sehr sonderbare Geschichte anvertraut.

Unter den Pensionären befand sich einer, den ich dem Leser vorstellen muss, da er in dieser Geschichte eine bedeutsame Rolle spielt. Er hiess Peter Anderson und stammte aus dem Norden — wie ich glaube von Greenock. Er hatte viele Jahre als Geschützmeistersmate gedient, war in einem Treffen schwer verwundet worden und hatte dann sein Unterkommen zu Greenwich gefunden. Im Greenwich-Hospitale war er Hochbootsmann, das heisst, er hatte die Aufsicht über einen Saal mit fünfundzwanzig Mann, und Ben, der Walfischjäger, war ihm in der letzten Zeit als Mate beigegeben worden. Er hatte eine gute Schule genossen und viel gelesen, so dass man ihm kaum eine Frage vorlegen konnte, auf die er nicht eine befriedigende Antwort bereit hatte. In Streitsachen, namentlich wenn sie gewisse Punkte des Dienstes betrafen, den er an den Fingern herzählen konnte, ward er stets als Schiedsrichter aufgerufen; auch war er obendrein ein sehr religiöser, rechtschaffener Mann. Ich hörte ihn nie fluchen, er wies im Gegenteile diejenigen zurecht, welche sich in seiner Gegenwart eine derartige Unanständigkeit erlaubten. Er hatte sich im Dienst einiges Geld erspart; die Interessen davon samt seiner Hochbootsmannslöhnung setzten ihn in den Stand, nicht nur sich viele kleine Bequemlichkeiten zu verschaffen, sondern auch gegen andere freigebig zu sein. Ehe Ben nach Andersons Saal versetzt worden war, hatten sie sich gegenseitig nicht sonderlich gekannt; aber seit dieser Zeit waren sie fast stets beisammen, so dass ich jetzt auch mit Anderson vertraut wurde, den ich zuvor nur vom Ansehen gekannt hatte. Er war ein sehr ehrwürdig aussehender Greis mit grauen Locken, die ihm bis auf die Schultern niederhingen, zugleich aber auch ein stämmiger, herzlicher alter Knabe, und da ihm Ben von mir erzählt hatte, so schenkte er mir bald Aufmerksamkeit und schien viel Interesse an mir zu nehmen. Als ich nach der im vorigen Kapitel erzählten wunderbaren Rettung zurückkehrte, teilte ihm Ben das Benehmen meiner Mutter mit. — Ein paar Tage nachher brach sich die Kälte, und als ich die Männer besuchen wollte, traf ich beide, wie sie sich eben in dem gemütlichen Sonnenschein wärmten.

„Wie steht’s, Jack?“ sagte der alte Ben. „Hast Du nicht Lust, einen abermaligen Ausflug den Strom hinunter zu machen?“

„Wenn ich wieder gehe,“ versetzte ich, „so hoffe ich meine sechs Pence leichter zu verdienen.“

„Es ist ein wahres Wunder, dass Du davon kamst,“ sagte Peter Anderson. „Du darfst dem Allwissenden wohl recht dankbar für Deine Rettung sein.“

Ich machte grosse Augen, denn ich hatte nie zuvor gehört, dass dieser Ausdruck auf die Gottheit angewendet werde.

„Ihr meint wahrscheinlich Gott,“ sagte ich endlich, denn ich dachte mir, er könnte kaum etwas anderes darunter verstehen.

„Ja, Knabe; hat Dich Deine Mutter nie diesen Namen kennen gelehrt?“

„Sie lehrte mich gar nichts, denn alle Gebete, die ich weiss, habe ich meiner Schwester abgelauscht.“

„Und was weisst Du denn, Jack?“

„Ich kann das Vaterunser und das ‚nun ich mich schlafen lege‘; das ist, glaube ich, alles.“

„Wie alt bist Du jetzt, Jack?“

„Ich bin drei Jahre älter als Virginia. Ich hörte die Mutter sagen, dass letzthin ihr sechster Geburtstag gewesen sei; vermutlich bin ich also neun.“

„Kannst Du das ABC?“

„Ja, einiges davon; ich lernte es auf den Booten.“

„Aber Du kannst nicht lesen?“

„Nein, kein Wort.“

„Hat Dir Deine Mutter nie etwas von der Bibel gesagt?“

„Mir nicht; aber ich hörte, wie sie mit Virginia davon sprach.“

„Gehst Du nie zur Kirche?“

„Nein, nie — die Mutter nimmt die kleine Virginia mit; von mir sagt sie aber, ich sei zu zerlumpt und zu ungentil.“

„Warum vernachlässigt Dich Deine Mutter? Vermutlich bist Du ein schlimmer Knabe?“

„Das ist er nicht,“ nahm Ben das Wort; „der Grund liegt nicht darin. Doch davon ist jetzt nicht die Rede, obschon ich Jack’s Partei ergreifen muss. Fahrt fort, Peter.“

„Möchtest Du gerne lesen lernen, Jack?“ sagte Anderson. „Und möchtest Du zuhören, wenn ich Dir die Bibel vorlese, bis Du sie selbst lesen kannst?“

„Das wäre mir freilich lieb,“ versetzte ich. „Es giebt viele Knaben am Ufer, die sogar kleiner sind, als ich, und doch lesen und schreiben können.“

Peter Anderson versprach mir, mich zu unterrichten, vorausgesetzt, dass ich mich gut aufführe. Er sagte, ich solle jeden Nachmittag um sechs Uhr nach seiner Kajüte kommen (eine Zeit, welche meinem Berufe als „armer Jack“ etwas ungelegen kam); er wolle mir dann Unterricht erteilen. Ehe er noch ausgesprochen hatte, schickte einer der Hospitalleutnants nach ihm, und Ben blieb zurück, um mir zu beweisen, wie wertvoll es mit der Zeit für mich sein würde, wenn ich lesen und schreiben könne.

„Ich selbst habe keine Schule genossen, Jack,“ sagte er, „und weiss daher diesen Mangel zu würdigen. Hätte ich Lesen und Schreiben verstanden, so könnte ich jetzt etwas Besseres sein, als ein armer Greenwich-Pensionär, obschon ich Gott danke, dass ich nichts Schlimmeres bin. Seit ich ein Mann bin, habe ich es nur ein einziges Mal bereut, dass ich nichts gelernt habe — nämlich mein ganzes Leben lang. Ja, Jack, ich wollt’ diesen meinen rechten Arm darum geben, — freilich ist er jetzt nicht mehr viel wert, aber zu seiner Zeit konnte er eine Harpune bis ans Heft werfen — aber doch ist ein rechter Arm ein rechter Arm bis ans Ende unserer Tage, dennoch würde ich ihn mit Freuden hingeben, wenn ich lesen und schreiben könnte. Nun, aus dem Schreiben machte ich mir nicht so viel, aber ich gäbe ihn her, wenn ich nur Gedrucktes lesen könnte, denn dann wäre ich im stande, wie Peter Anderson, die Bibel zu lesen. Siehst Du, Jack, wenn wir an Sonntagen in die Kapelle gehen, so ist unter zehn von uns nicht einer, der mit seinem Buche dem Pfarrer folgen kann. Wir müssen eben zuhören, und wenn er fertig ist, sind wir’s auch — wir müssen dann warten, bis er wieder predigt. Muss ich mich also nicht schämen, Jack, dass ich nicht lesen kann, und darf nicht jeder, der es versteht, stolz darauf sein? — Nein, nicht stolz, aber dankbard). In unseren jungen Tagen, Knabe, denken wir nicht viel an die Bibel; aber wenn wir unsere Anker für die andere Welt zu lichten im Begriffe sind, so tragen wir Verlangen, unsere Zweifel und Bedenken wegzulesen. Sie ist die einzige Karte, nach der Du sicher steuern kannst. Ich denke, Eltern haben viel zu verantworten, die ihr Kind nicht Lesen lernen lassen, obschon ich meinem Vater und meiner Mutter keinen Vorwurf machen kann, da ich sie nie gekannt habe.“

„Wie, Ihr habt sie nie gekannt?“

„Nein, Knabe, nie. Ich habe Vater und Mutter verloren, als ich erst ein Jahr alt war. Er ertrank, und meine Mutter — sie starb auch, die arme Seele!“

„Und wie starb Eure Mutter, Ben?“

„’s ist eine traurige, traurige Geschichte, Jack, und ich mag nicht daran denken. Sie wurde mir lange nachher von einem Menschen erzählt, der wenig daran dachte, mit wem er sprach.“

„O, so teilt mir’s auch mit, Ben.“

„Du bist zu jung für eine solche Geschichte, Knabe — sie ist zu schrecklich.“

„Wie, etwa noch schlimmer als das Erfrieren, wie es mir letzthin beinahe ergangen wäre?“

„Ja, mein Junge, noch schlimmer, obgleich dies für ein so junges Bürschlein, wie Du bist, schlimm genug gewesen wäre.“

„Gut, Ben, ich will Euch nicht bitten, mir’s zu erzählen, wenn es Euch Schmerz macht. Aber Ihr habt doch nichts Unrechtes gethan?“

„Wie hätte ich als ein zweijähriger Knabe etwas Unrechtes thun können, da ich noch obendrein zu jener Zeit fünftausend Meilen von meinen Eltern entfernt war, Du kleiner Narr? Nun, ich weiss nicht, Jack, ob ich Dir’s nicht dennoch erzählen soll, weil Du dann finden wirst, was für ein Trost im Bibellesen ist — aber Du musst mir versprechen, nie davon zu reden. Ich glaube, ich bin ein einfältiger, alter Kerl, wenn ich Dir die Geschichte mitteile, Jack, aber ich habe Dich lieb, Knabe, und möchte Dir nichts abschlagen. So lege Dich denn neben mir vor Anker. Die Glocken werden zwar zum Mittagessen angezogen und ich verliere meine Mahlzeit; aber Du sollst eine Geschichte haben, und wir brauchen dann keine Unterbrechung zu fürchten.

„Mein Vater wurde für die See erzogen, Jack, und war bis in sein dreissigstes Lebensjahr ein schmucker junger Mann; dann machte ihn aber ein Sturz von der grossen Raa für den schweren Dienst im Takelwerk unfähig. Freilich, da er nur für die See erzogen war, so passte er nicht ans Land, und weil er ein reinlicher, ordentlicher Bursche war, so erhielt er die Stelle eines Zahlmeister-Stewards auf einem Indienfahrer. Später diente er als Kapitän-Steward an Bord mehrerer Schiffe. Er war ursprünglich von Yarmouth ausgesegelt, und als er von einer Reise nach Hause kam, um seine Verwandten zu besuchen, traf er mit meiner Mutter zusammen, mit der er sich splissen liess. Er liebte sein Weib sehr, und ich glaube, sie ihn auch, da sie eine treue und gute Frau war. Er war wieder zur See, als ich geboren wurde. Seine Reise führte ihn abermals nach Indien, und als er zurückkam, war ich zwei Jahre alt. Ich kann mich weder seiner, noch meiner Mutter erinnern. Er nahm aufs neue den Posten eines Kapitän-Stewards auf einem Westindienfahrer an, und der Kapitän, mit dem er schon früher gesegelt war, liess sich’s gefallen, dass er sein Weib mit sich nahm, um eine Bedienung für die weiblichen Passagiere zu haben. So blieb ich zu Yarmouth bei einer Kindswärterin, bis sie wieder zurückkämen — aber dies ist nie geschehen, Jack, und meine ersten Erinnerungen führen mich auf das Werkhaus zurück. Als ich alt genug war, wurde ich auf die See geschickt. Man hatte mir gesagt, mein Vater und meine Mutter seien auf dem Meere umgekommen, aber niemand konnte mir sagen, in welcher Weise — ich dachte daher wenig mehr daran, denn ich hatte sie nicht gekannt, und wen man nicht kennt, um den kümmert man sich nicht, und wenn es sogar Vater oder Mutter wäre.

„Gut, ich machte in den Walfischfahrzeugen vier oder fünf Reisen nach dem Norden und war nun ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt, als ich meinte, ich müsse doch auch wieder nach Yarmouth zurückgehen und mich zeigen; denn trotz meiner Jugend war ich doch Harpunier und Steuermann — Stellen, auf die ich mir nicht wenig einbildete. Ich dachte, ich wolle hingehen und nach dem alten Werkhaus sehen, denn es war das einzige Ding, dessen ich mich erinnern konnte, und wollte sehen, ob der Meister und die Meisterin noch am Leben wären, denn sie hatten sich, als ich in der Anstalt war, sehr freundlich gegen mich benommen. Wie gesagt also, ich ging nach Yarmouth — da war das Werkhaus, und der Meister und die Meisterin lebten beide noch in guter Gesundheit. Ich gab mich ihnen zu erkennen, und die alten Leute, die mich durch ihre Brillen ansahen, konnten gar nicht glauben, dass ich der kleine Ben sei, der für sie das Wasser zu pumpen pflegte. Ich hatte Geld in der Tasche und liebte die alten Leute, die mir alles anboten, was sie mir geben konnten, ohne auf Wiederersatz zu zählen, und da ich nichts Besseres zu thun wusste, so wohnte ich bei ihnen und bezahlte sie schön. Dem alten Manne gab ich einige Raritäten, der alten Frau einen Theetopf und dergleichen und blieb bei ihnen, bis es wieder Zeit war zum ausfahren. Nun siehst Du, Jack, unter den alten Leuten im Werkhaus war ein Mann, der gleichfalls zur See gedient hatte; mit dem unterhielt ich mich oft lange und gab ihm Tabak, den er nicht kaufen durfte, weil man nichts der Art im Werkhaus erlaubte, was eine schwere Drangsalierung ist. Ich habe deshalb oft gedacht, dass ich in kein Werkhaus gehen möchte, weil man dort kein Röllchen Tabak haben kann. Das Haar dieses Mannes war so weiss wie Schnee, vielleicht zu weiss für seine Jahre, denn er war wohl mehr hinfällig und abgelebt, als alt. In einem Zustande nach dem Kirchspiele zurückgekehrt, dass er seinen Unterhalt nicht erwerben konnte, hatte man ihn nach dem Werkhause geschickt. Ich kann nicht begreifen, warum man einen solchen Platz ein Werkhaus nennt, in dem man gar nichts thut. — Gut! Charley, wie man ihn nannte, wurde sehr krank; es hatte den Anschein, als ob es nicht mehr lange mit ihm dauern würde. Wenn daher der Hausmeister und die Hausmeisterin gerade zu thun hatten, so pflegte ich mich mit ihm zu unterhalten. Er war meistens sehr ruhig und gefasst; auch sagte er, er befinde sich leidlich, obschon er wisse, dass es mit ihm schnell dem Ende zugehe.

„‚Doch hier ist mein Trost‘, sagte er, indem er auf die Bibel deutete, die er auf seinen Knieen liegen hatte. ‚Wäre dieses Buch nicht‘, fuhr er fort, ‚so würde ich zu Zeiten glauben, ich müsse mir selbst den Garaus machen‘.

„‚Ei‘, sagte ich, ‚was habt Ihr denn gethan? Seid Ihr denn so gar gottlos gewesen?‘

„‚Wir sind alle sehr gottlos‘, erwiderte er; ‚aber das ist’s nicht gerade — ich bin so viele Jahre umspukt worden, dass ich fast ein Narr wurde.‘

„‚Nun‘, sagte ich, ‚was könnt Ihr denn gethan haben, dass Euch ein Spuk verfolgte? — Ihr habt doch nicht einen Mord begangen?‘

„‚Ach, ich weiss nicht, was ich sagen soll‘, versetzte er. ‚Wenn ein Mensch zusieht und einen Mord nicht verhindert, ist es nicht das gleiche? Ich habe nicht mehr lange zu leben und es ist mir, als ob ich glücklicher sein könnte, wenn ich mein Gewissen erleichtere, denn ich habe das Geheimnis lange Zeit mit mir herumgetragen. Ich denke, dass Ihr, der Ihr ein Matrose seid und wisst, was Matrosen zu erdulden haben, ein Mitgefühl habt und mir vielleicht sagt (denn ich bin etwas unruhig darüber), ob Ihr glaubt, dass mich bei der Sache ein grosser Vorwurf trifft. Ach, ich habe seit dieser Reihe von Jahren genug gelitten und hoffe, es wird nicht vergessen bleiben, wenn ich vor den Richterstuhl gerufen werde — was zuverlässig mit uns allen statthaben muss, falls die Worte dieses Buches, in das ich ein festes Vertrauen setze, wahr sind.‘“

„Er schien sehr angegriffen zu sein, nahm einen Trunk Wasser und fuhr dann folgendermassen fort:

„‚Vor dreiundzwanzig Jahren war ich Matrose an Bord des Westindienfahrers ‚Wilhelm und Karolina‘, der für Jamaika bestimmt war. Wir hatten zwei oder drei weibliche Passagiere auf dem Schiffe und die Frau des Stewards besorgte ihre Bedienung. Sie war eine schöne junge Frau, und als sie mit ihrem Gatten an Bord kam, sagte sie zu mir, sie hätten ein einziges Kind, das sie zu Hause gelassen hätten. Nun seht Ihr, Yarmouth ist mein Geburtsort, und obgleich ich den Mann nicht kannte, war mir doch ihre Familie nicht fremd. Wir wurden daher sehr vertraut, unterhielten uns über unsere Freunde und so weiter. Ich erwähne dies der späteren Vorgänge halber. Wir kamen wohlbehalten zu Jamaika an und blieben wie gewöhnlich einige Zeit vor der Insel, ehe die Drogers ihr Kargo herumbrachten und uns in den Stand setzten, wieder nach England zurückzufahren.

„‚Nun, wir kriegten die Inseln klar und kamen gut gegen Norden, wo uns eine schreckliche Bö überfiel und unsere Masten zerbrach. Drei Wochen rollten wir mit untergetauchtem Schanddecke umher, denn wir führten eine sehr schwere Ladung und hatten unsere Gissung verloren. Endlich machten wir die Entdeckung, dass wir zu den Riffen im Süden der Bahama-Inseln hinunter geblasen worden waren. Einmal hatten wir Notmasten aufgerichtet, sie aber nnglücklicherweise durch den Sturm wieder verloren; wir konnten daher nichts thun, denn wir hatten keine kleinen Spieren oder Segel mehr, und unsere Hoffnung beschränkte sich nur auf ein Zusammentreffen mit irgend einem Schiffe, das uns Beistand leisten konnte.

„‚Dies Glück wurde uns übrigens nicht, und eines Morgens, als die See eben sehr hoch ging, entdeckten wir, dass wir gegen eine Felsenreihe hinunter getragen wurden, die kein Entkommen in Aussicht stellte. Wir konnten jetzt nichts weiter thun, als die Boote aussetzen und in denselben unser Glück versuchen. Der Kapitän war sehr ruhig und gefasst; er liess alles Erforderliche hineinschaffen, rief die Mannschaft auf und setzte ihr seine Absichten auseinander. Sämtliches Wasser samt dem Mundvorrat wurde in die Lansche gebracht, denn die See ging so hoch, dass die kleinen Boote kein derartiges Kargo führen konnten; auch vereinigte man sich dahin, dass alle Boote bei einander bleiben sollten, bis das Wetter milder würde; dann sollte der nötige Bedarf ausgeteilt werden. Nachdem alles bereit war, wurden wir in die uns angewiesenen Fahrzeuge beordert. Der Steward befand sich mit seinem Weibe in dem gleichen Boote mit mir, ich hatte letztere sorgfältig in den Sternschooten untergebracht, da ich ihr guter Freund war. Nun wurde der Steward von dem Kapitän beauftragt, etwas Vergessenes zu holen; während er fort war, schlug eine schwere Welle gegen das Schiff, welche eine so starke Bresche in dasselbe hineinbrach, dass alles in Verwirrung geriet und man mit den kleinen Booten zurückweichen musste, damit sie nicht versenkt würden. Das Langboot wartete allein noch auf den Kapitän, der mit dem Maten und dem Steward hineineilte, da dies noch die einzigen drei Personen gewesen waren, und nun zog sich alles zurück. Ich erwähne dies als den Grund, warum der Steward (nur vorübergehend, wie wir damals glaubten) von seinem Weibe getrennt wurde. Wir waren noch keine fünf Minuten von dem Schiffe ab gekommen, als wir in unserem Boote die Entdeckung machten, dass wir kaum gegen Wind und Wellen ankämpfen konnten, die uns mehr und mehr nach den nahen Riffen hinuntertrieben. Die Lansche, die ein schwerruderndes Boot und tief beladen war, konnte sich ohnehin nicht wehren, und in einer Viertelstunde waren wir Zeugen des Jammers, wie sie mit ihrer Mannschaft und mit unserem sämtlichen Mund- und Wasservorrate von der Brandung verschlungen wurde. Ich will’s nicht versuchen, den Schmerz der Stewards-Frau zu schildern, als sie ihren Mann vor ihren Augen ertrinken sah. Sie war ohnmächtig, und es stand geraume Zeit an, bis sie wieder zu sich kam, denn niemand konnte sein Ruder auch nur für eine Minute verlassen, um ihr beizustehen, da wir für unser Leben arbeiten mussten. Endlich kam sie wieder zur Besinnung. Das arme Geschöpf — ich fühlte für sie. Gegen Abend lullte der Wind ein, und es gewann den Anschein, dass wir schön Wetter kriegen würden; aber wir hatten nichts zu essen, nur ein einziges Fässchen Wasser in dem Boote und waren von der Anstrengung völlig erschöpft.

„‚Wir wussten, dass wir nordwärts rudern mussten, um die Bahama-Inseln oder vielleicht eine der kleinen Quaies im Süden derselben zu erreichen, wo wir Schildkröten und möglicherweise auch Wasser erhalten konnten. Sobald sich daher die See gelegt hatte, was sehr bald geschah, steuerten wir den Schnabel unseres Bootes in die gedachte Richtung und ruderten die ganze Nacht hindurch. Mit Tagesanbruch waren die andern Boote nicht mehr zu sehen. Eine völlige Windstille lag auf der See, die noch immer lange Wellen warf, und wir teilten unser Wasser aus, um nach einer Ruhe bis zum Abend aufs neue unsere Arbeit aufzunehmen.

„‚Wir ruderten hart bis zum Morgen, aber die aufgehende Sonne brachte uns die heisse Glut eines fast tropischen Himmelsstriches. Es war unmöglich, unsere Ruder fortzuführen, ohne zu trinken, und da niemand das Kommando übernommen hatte, so war all’ unser Wasser aufgezehrt, obgleich wir noch keine fünfzig Meilen nordwärts gekommen waren. Am dritten Morgen legten wir uns erschöpft auf den Boden des Fahrzeuges nieder; viele starben nicht nur vor Durst, sondern auch vor Hunger dahin. Wir hatten uns vorgenommen, bei Nacht wieder zu den Rudern zu greifen, aber einige wollten, andere konnten nicht arbeiten, so dass endlich diejenigen, welche sich willig gezeigt hatten, gleichfalls ihr Vorhaben aufgaben.

„‚Die Stewards-Frau sang zuweilen Psalmen und wechselte mit Weinen ab. Sie hatte eine sehr schöne Stimme, aber ihre Lippen waren bald aus Mangel an Wasser wie zusammengeleimt und sie konnte nicht länger singen.

„‚Als die Sonne am vierten Tage aufging, liess sich noch immer kein Schiff blicken. Einige rasten nach Wasser, und andere kauerten sich aus Verzweiflung unter die Bootsdosten. Gegen Abend umwölkte sich endlich der Himmel und es fiel ein schwerer Regen, der uns erfrischte. Wir zogen der Stewards-Frau einen Rock ab, breiteten ihn aus und fingen das Wasser auf; dann tranken wir alle, bis unser Durst gelöscht war, saugten sogar an unsern nassen Jacken, um uns zu laben — aber immer noch fühlten wir uns von nagendem Hunger gequält. Wir schliefen in jener Nacht, aber am nächsten Morgen blitzten die Augen eines jeden, und wir alle machten Gesichter, als ob wir einander aufzehren könnten. In dem Buge des Bootes begann ein Flüstern, und ein Neger, der bei uns war, zog sein Messer heraus und wetzte es an dem Schanddecke des Bootes. Niemand fragte ihn nach dem Grunde. Wir sprachen nicht, machten uns aber unsere Gedanken. Es war schrecklich, unsere hohlen Wangen — unsere tief eingesunkenen, wie glühende Kohlen leuchtenden Augen — unsere langen Bärte und die hageren Gesichter anzusehen. Jeder war bereit, seine Hand gegen den andern zu erheben. Das arme Weib beklagte sich nie oder sprach auch nur ein Wort, seit es zu singen aufgehört hatte — seine Gedanken waren augenscheinlich anderswo. Sie sass stundenlang regungslos da, die Augen auf das stille, blaue Wasser geheftet, als wollten sie bis in die Tiefe dringen.

„‚Endlich kam der Neger nach dem Hinterschiffe, und jeder von uns war auf der Hut, als er vorbeiging, denn wir hatten ihn das Messer wetzen sehen. Er begab sich nach den Sternschooten, wo das arme Weib sass; wir alle wussten, was er beabsichtigte, denn er handelte nur nach unsern eigenen Gedanken. Sie hing noch immer über dem Schanddeck, die Augen abwärts gerichtet, und achtete nicht auf seine Annäherung. Er ergriff sie am Haare und zerrte ihren Kopf gegen sich hin. Sie breitete nun ihre Arme gegen mich aus und rief mit matter Stimme meinen Namen. Aber ich — o der Schande — blieb auf dem Hinterdost sitzen. Der Neger stiess sein Messer gerade unterm Ohr in ihren Hals, und sobald die Arterie zertrennt war, heftete er seine dicken Lippen auf die klaffende Wunde, um ihr Blut aufzusaugen.

„Als die That geschehen war, erhoben sich auch andere, um ihren Anteil zu holen; aber der Neger hielt seine blitzenden Augen auf sie gerichtet und streckte, sobald er seinen Durst gestillt hatte, den einen Arm mit dem Messer aus, während er mit dem andern ihren Leib umfing und die sterbende Gestalt unterstützte. Die Haltung war die der Zärtlichkeit, während die That — Mord war. Es hatte den Anschein, als ob er sie liebkose, während das Blut ihres Lebens durch seine Kehle hinunterfloss. Endlich zogen wir alle unsere Messer, der Neger erkannte, dass er endlich seinen Raub oder sein Leben aufgeben musste. Er liess das Weib los, und es fiel, mit dem Gesicht nach vorne, zu meinen Füssen nieder. Die Frau war tot, und dann — stillten wir unsern Hunger.

„‚Noch drei Tage entschwanden, und abermals hetzte uns der Mangel an Wasser in Wahnsinn — als wir endlich eines Schiffes ansichtig wurden. Wir jubelten, drückten uns die Hände, warfen unsere Ruder aus und arbeiteten darauf los, als ob die Not unsere Kräfte nicht hätte beeinträchtigen können. Noch immer herrschte Windstille, und als wir uns dem Schiffe näherten, warfen wir die Überreste des armen Weibes in die See, den Haifischen zum Frasse. Wir kamen mit einander überein, nichts von ihr zu sagen, denn wir schämten uns vor uns selbst.

„‚Ihr seht, ich habe keinen Mord begangen, ihn aber auch nicht verhindert, aber seitdem verfolgt mich stets die Spukgestalt dieses armen Weibes. Ohne Unterlass sehe ich sie und den Neger vor mir und denke dabei an den schauderhaften Vorfall. Ich fühle, dass ich sie hätte retten sollen — sie streckt stets ihre Arme gegen mich aus, ich höre ihren matten Ruf: ‚Charles‘! — dann lese ich meine Bibel — sie verschwindet und es ist mir, als habe ich Vergebung gefunden. — Sagt mir, was haltet Ihr davon, Kamerad?‘

„‚Je nun‘, versetzte ich, ‚Umstände zwingen uns oft zu Handlungen, die wir sonst nie für möglich halten würden. Ich war nie in einer solchen Lage und kann daher nicht sagen, wie weit sich Leute verlockt fühlen können — aber sagt mir, Kamerad, wie hiess der Mann jener armen Frau?‘

„‚Der Mann hiess Ben Rivers.‘

„‚Rivers, sagt Ihr?‘ versetzte ich in höchster Bestürzung.

„‚Ja‘, antwortete er; ‚so hiess sie. Sie war aus dieser Stadt — doch was liegt an dem Namen — sagt mir, was Ihr von der Sache haltet, Kamerad!‘

„‚Nun‘, erwiderte ich, denn ich war ganz verwirrt, ‚ich will Euch was sagen, alter Bursche — so weit ich dabei beteiligt bin, so habt Ihr meine Vergebung, und nun muss ich Euch Lebewohl sagen. — Gebe Gott, dass wir uns nie wieder sehen.‘

„‚Haltet noch ein wenig‘, sagte er; ‚verlasst mich nicht in dieser Weise. Ach! ich sehe wie es ist — Ihr haltet mich für einen Mörder.‘

„‚Nein, das thu’ ich nicht‘, versetzte ich; ‚nicht gerade — dennoch wird’s kein Schade sein, wenn Ihr Eure Bibel lest.‘

„Und so stand ich auf und verliess das Zimmer — denn siehst Du, Jack, obgleich er vielleicht in der Sache entschuldigt werden kann, so mochte ich doch nicht in der Gesellschaft eines Menschen bleiben, der meine eigene Mutter aufzehren half!“

Ben hielt inne und seufzte tief. Ich war so erschüttert durch seine Erzählung, dass ich kein Wort sprechen konnte. Endlich fuhr Ben fort:

„Ich konnte nicht mehr in der Stube — nicht mehr im Werkhaus — nicht mehr in der Stadt bleiben. Ehe die Sonne unterging, war ich fort, und seitdem bin ich nicht mehr dort gewesen. Aber jetzt muss ich hineingehen; Jack — vergiss nicht, was ich Dir gesagt habe, und lerne die Bibel lesen.“

Ich versprach ihm dies und erhielt noch am nämlichen Abend von Peter Anderson meinen Unterricht. Dies ging so lange fort, bis ich lesen konnte. Dann lehrte er mich Schreiben und Rechnen; aber bis es zu dem letzteren kam, trugen sich viele Vorfälle zu, die ich dem Leser mitteilen muss.

Elftes Kapitel.

In welchem der Doktor einige sehr neue Kurmethoden namhaft macht, die von dem besten Erfolge begleitet sind.

Seit meinen früheren Erinnerungen hat sich Greenwich dermassen verändert, dass es mir etwas schwer fallen wird, den Leser bezüglich der Lokalitäten gebührend zu unterrichten. Enge Strassen sind niedergerissen und schöne Häuser aufgebaut worden; die kleinen Wirtshäuser haben neuen Gasthöfen Platz gemacht; die Hökerbuden, welche nur die Bedürfnisse der Matrosen befriedigten, sind prächtigen Läden gewichen. Früher waren die gewöhnlichen Mittel für den Reiseverkehr lange Postkutschen mit einem Korb hinten, in dem sechs Personen sitzen konnten, und Diligencen, die an den Elefanten mit dem Schlosse erinnerten — jetzt hat man Eisenbahnen und Omnibusse. Früher brachte das Fährboot den Marinere) und sein Weib mit seiner Seekiste nach dem Landungsplatz hinunter — jetzt speien Dampfboote ihrer Hunderte zumal aus. Selbst der Gesamtanblick von Greenwich hat sich sehr verändert und ist da und dort durch hohe Türme, die Magazine für Kugeln und Fabrikwaren, oder durch ein in der Ferne kühn sich erhebendes Gebäude unterbrochen, während die prächtige Gestalt des Dreatnought fast den halben Strom ausfüllt und nun, nachdem er früher mit seinen schrecklichen Zähnereihen Tod und Verderben verbreitete, die menschlichere Bestimmung der Hilfe und des Beistandes erhalten hat.

Ich erwähne dies, weil das Haus, in welchem früher Doktor Tadpole wohnte und das ich dem Leser besonders zu schildern wünsche, nicht mehr existiert.

Als ich im Jahre 1817 oder 1818 Greenwich verliess, stand es noch, freilich in einem sehr verfallenen Zustand. Ich will eine kleine Skizze davon geben, da sich sein Bild tief meinem Gedächtnis eingeprägt hat.

Es war ein schmales Gebäude von dunkelroten Ziegeln, viel verziert und wahrscheinlich zur Zeit der Königin Elisabeth gebaut. An jeder Seite der Thür standen zwei Bänke, denn ehe es in Doktor Tadpoles Besitz kam, war es ein Bierhaus gewesen, das sich eines starken Zuspruches von seiten der Matrosen erfreute. Der Doktor hatte die Bänke nicht wegschaffen lassen; sie boten bei schönem Wetter denjenigen, welche auf Arzneien oder ärztlichen Rat warteten, grosse Bequemlichkeit; auch war er ein heiterer, geselliger Mann, der es gern sah, wenn sich die Leute vor seinem Hause niederliessen und er mit ihnen plaudern konnte. In der That trug dies viel dazu bei, ihm Ruf zu verschaffen; er wurde dadurch unter den niedrigen Klassen so bekannt, dass niemand, der Arznei oder Rat brauchte, an jemand anders, als an Doktor Tadpole dachte. Dabei war er sehr freigebig und wohlwollend, weshalb kaum eine arme Person in der Stadt war, die nicht in seiner Schuld stand, weil er die Unbemittelten selten wegen der Bezahlung beunruhigte. Er hatte glücklicherweise ein kleines Vermögen, da er sonst kaum die vielen Verluste in seinem Geschäfte geduldig hätte hinnehmen können. In früherer Zeit war er Wundarzt in der Flotte gewesen und man sagte ihm (vermutlich mit Recht) nach, dass er sehr geschickt in seiner Kunst sei. Als er sich gegen einen Akt der Bedrückung von seiten seines Kapitäns rechtfertigte (denn in jenen Zeiten war der Dienst ganz anders, als heutzutage), hatte er das Missfallen des Flottenkollegiums auf sich gezogen und deshalb den Dienst verlassen. Seine Feinde (denn sogar der Doktor hatte seine Feinde) behaupteten, sein Amt sei ihm abgenommen worden, während seine Freunde sagten, er habe dasselbe aus Widerwillen aufgegeben — im Grunde eine Frage von sehr geringer Bedeutung. Der Doktor ist nun tot und hat in der Stadt Greenwich den Ruf der Mildthätigkeit und des Edelmutes zurückgelassen, dessen ihn niemand berauben kann. Er wurde auf dem Kirchhofe zu Greenwich begraben; und selten wohl ist eine Leiche unter einer zahlreicheren, freiwilligen Trauerbegleitung der Erde zurückgegeben worden. Der Arme zahlte ihm voll die Schuld der Dankbarkeit, wenn er auch seine anderen Posten unentrichtet liess, und als das Testament des Doktors eröffnet wurde, stellte sich heraus, dass der Verstorbene sämtliche in letztere Kategorie gehörende Forderungen erlassen hatte. Friede sei mit ihm und Ehre seinem Andenken!

Doktor Tadpoles Laden war in einer sehr seltsamen Weise ausgestattet und erregte viel Bewunderung. Während seines Flottendienstes hatte er unterschiedliche, naturhistorische Gegenstände gesammelt, die er für sich präpariert hatte. Die untere Reihe von Flaschen in dem Fenster war mit Schlangen, Eidechsen und andern Reptilien gefüllt, die zweite bestand aus Bouteillen, wie man sie auch noch jetzt gewöhnlich sieht — grosse Kugeln, die blaue und gelbe Mixturen enthielten und vorn mit goldenen Hieroglyphen bezeichnet waren; aber zwischen denselben stand stets ein ausgestopftes Tier, in der Regel ein kleiner Affe oder etwas der Art. Die dritte Flaschenreihe war die unbegreiflichste, niemand konnte sagen, was sie enthielt, und wenn der Doktor gefragt wurde, so pflegte er zu lachen und den Kopf zu schütteln. Dies machte die Leute besonders neugierig. Ich glaube, es waren hauptsächlich Präparate des Magens und anderer tierischer Eingeweide; aber der Doktor sagte stets, dies sei eine Reihe voll „Geheimnissen“, und er pflegte sich damit zu belustigen, dass er auf die Fragen des andern Geschlechts ausweichende Antworten gab. Von der Decke herunter hingen einige grössere, naturhistorische Exemplare, hauptsächlich Schädel und Knochen von Tieren, und auf den inneren Simsen lagen unterschiedliche Steine, Kiesel und Marmorfigurenbruchstücke, die der Doktor während seines Aufenthaltes im mittelländischen Meere gesammelt hatte. Mit einem Worte, der Laden enthielt ein seltsames Gemisch und die Leute konnten nicht genug die Augen aufsperren, wenn sie eintraten. Der Doktor hielt sich eine alte Frau, welche für ihn kochte und das Haus reinigte, sonst hatte er keine weitere Bedienung, als den bereits erwähnten Knaben Tom. Letzterer war ein gutmütiger Junge, nur, wie sein Meister sagte, ein allzu grosser Freund des Bärendrecks; übrigens pflegte der Doktor, wenn Tom nicht dabei war, nur darüber zu lachen, indem er sagte: ‚’s ist zwar wahr, dass Tom mir meinen Bärendreck stibitzt; übrigens kann ich ihm nachsagen, dass er sehr ehrlich in betreff der Jalappe und des Rhabarber ist, denn von letzterem habe ich noch nie auch nur einen Gran vermisst.‘

Neben dem Doktor wohnte eine andere Person, die ein kleines Tabaksgeschäft hatte — ein Lieblingszufluchtsort der Pensionäre und anderer Leute. Es war eine Irländerin mit starkem Provinzialdialekt und ihrer Aussage nach Witwe. Wer ihr Gatte gewesen, hatte nie genügend ermittelt werden können, denn wenn ihr die Frage vorgelegt wurde, wusste sie der Antwort stets auszuweichen. Sie sagte nur, er habe St. Felix geheissen und kein besonderes Gewerbe betrieben. Sie war ungefähr zwei- oder dreiundzwanzig, sehr schön und von angenehmen Manieren, was vielleicht mit eine Ursache der lästersüchtigen Vermutungen war, mit denen man sich so gerne trägt. Einige sagten, ihr Mann sei noch am Leben, andere behaupteten, er sei auf sieben Jahre deportiert worden, und viele (unter denen sich auch meine Mutter befand) wollten wissen, dass sie kein „Verehelichungsdokument“ vorzuzeigen habe. In der That nahmen derartige böswillige Gerüchte kein Ende, wie es stets zu gehen pflegt, wenn Männer unglücklicherweise einen Ruf haben oder Weiber hübsch sind. Aber die Witwe schien sich durchaus nicht daran zu kehren, was die Leute sagten; sie war stets lebhaft und heiter und ausserdem bei den Männern sehr beliebt, was auch die Weiber ihr nachsagen mochten. Doktor Tadpole hatte ihr, seit sie sich in Greenwich niedergelassen, den Hof gemacht, sie waren die besten Freunde, obschon die Bewerbung des Arzneikünstlers nicht vorzurücken schien. Demungeachtet liess er selten einen Tag entschwinden, ohne ihr einen Besuch zu machen, den sie auch in allen Gnaden annahm. Obgleich sie alle Arten von Tabak verkaufte, gestattete sie den Leuten doch nicht, in ihrem Laden zu rauchen, weshalb denn auch aus demselben alle Stühle entfernt waren — eine Hausregel, von der sie nur zu Gunsten des Doktors eine Ausnahme machte. Er stellte sich gewöhnlich abends ein und durfte, mit der Zigarre im Munde, an dem Ladentisch stehen, während sie sich mit einander unterhielten. Diese Nachricht brachte die Leute auf den Gedanken, dass sie den Doktor heiraten werde; zuletzt aber wurde man des Wartens müde, und es bildete sich in Fishers Alley und seiner Umgebung allmählich für Dinge, welche auf unbestimmte Zeit verschoben werden sollten, das Sprichwort aus: „Ja, das wird geschehen, wenn die Witwe den Doktor heiratet.“

Eines Abends schickte mich Ben zu Mrs. St. Felix, um von ihr seine Tabaksbüchse füllen zu lassen, und als ich daselbst anlangte, fand ich den Doktor im Laden.

„Nun, Master Tom Sounders oder Herr armer Jack“, sagte die Witwe, „was steht zu Befehl?“

„Sauschwänzel“f), sagte ich, den Penny auf den Tisch legend.

„Ist’s für Deinen Vater, Jack? Denn wie ich höre, ist er dessen bedürftig.“

„Nein“, versetzte ich, „’s ist für den alten Ben. — Der Vater ist wahrscheinlich weit weg von hier.“

„Und gedenkst Du ihm zu folgen, Jack? Doch meiner Ansicht nach bist Du das gerade Gegenteil von einem guten Matrosen, da Du mit dem Kiel oben kreuzest, wie Du’s bei Deiner ersten Reise hieltest.“

„Es ist wohl nicht die angenehmste Weise zu segeln, Jack?“ bemerkte der Doktor.

„Im Winter nicht“, lautete meine Antwort.

Die Witwe mass die Länge des Tabaks, wie die Putzmacherin ihre Zwirnbänder, von der Spitze des Fingers an bis zum Knöchel, und schnitt ihn ab.

„Wollen Sie mich jetzt mit einer Cigarre verbinden?“ sagte der Doktor. „Ich denke, dies ist die sechste, nicht wahr, Mrs. St. Felix? So, da ist mein Shilling.“

„In der That, Doktor, wenn ich nicht fürchtete, die schiefen Gesichter, die ich beim Arzneischlucken mache, könnten mir meine Schönheit verderben, so wäre ich fast anstandshalber verpflichtet, mir etwas aus Ihrem Laden zu bestellen, nur um Ihre Kundschaft auch ein wenig zu erwidern.“

„Ich hoffe, Sie werden’s nie brauchen, Mrs. St. Felix. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie nach allem schicken, was Ihnen ansteht, nur nehmen Sie keine Arznei.“

„Nun, so soll mein Mädchen, die Jane, eine Dosis einnehmen, da sie ohnehin so fett wird. Aber nur kein Laudanum, Doktor; dies kann sie bei ihrer Schläfrigkeit nicht brauchen. Um sie darauf vorzubereiten, habe ich ihr diesen Morgen erst gesagt, dass sie bleich aussehe.“

„Mrs. St. Felix, Sie müssen mich entschuldigen, aber ich dulde es nicht, dass Sie sich in meine Praxis mischen. Ich verschreibe Arznei, wenn ich es für nötig halte, und da Jane zur Zeit vollkommen wohl ist, so soll sie nichts kriegen.“

„Und Sie haben sich nicht in mein Hauswesen zu mischen, Doktor. Wenn es mir gefällt, so müssen Jane, der Hund, die Katze und das Kätzchen — alle vier, die meinen Haushalt ausmachen — an einem Tage Arznei nehmen. Sagen Sie mir, Doktor, wie viel Brechwurzel ist nötig, um dem Kätzchen übel zu machen.“

„Mrs. St. Felix, ich bin kein Veterinärarzt und kann deshalb die Frage nicht beantworten.“

„Veterinär? Ei, ich glaubte, die gäben sich bloss mit dem Doktern an den Pferden ab.“

„Ich bitte um Verzeihung, ihre Praxis erstreckt sich weiter, wie ich Ihnen aus eigener Anschauung beweisen kann. Ich war einmal bei einem derartigen Herrn in London und bemerkte, dass er ungefähr ein Dutzend kleiner Schosshunde in einem grossen Zimmer eingesperrt hatte. Die armen, kleinen, ungebärdigen, wedelnden Dinger waren wegen schwerem Atem und Gott weiss was sonst noch, zu ihm geschickt worden — und wie glauben Sie wohl, dass er sie kurierte?“

„Das ist eine Frage, die ich an Sie stellen sollte, Doktor.“

„Gut denn, er teilte mir sein Geheimnis mit. Er band sie alle an, gab ihnen nichts zu fressen, liess sie Wasser trinken, und in drei Wochen waren sie im schönsten Zustande, und so mutwillig wie Zickelchen. Nichts als Diät, Mrs. St. Felix.“

„Ich möchte lieber glauben, es war die Nicht-Diät, Doktor. Wahrhaftig, so will ich Jane auf drei Wochen anbinden und sehen, ob nichts als Wasser ihre Beschwerden kurieren kann. Master Jack, warum bringst Du Ben seinen Tabak nicht?“

„Oh, er ist eben beim Nachtessen, und so hat’s keine Eile“, versetzte ich. „Ich höre Euch gerne sprechen.“

„Gut; ’s giebt dann doch weniger Lästerung, wenn Du da bleibst und uns zuhörst, als wenn wir Dich wegschicken. Was macht die kleine Miss Virginia, die Schwester des armen Jack?“

„Sie ist ganz wohl und würde Euch gar zu gerne besuchen; aber die Mutter erlaubt’s nicht.“

„Vielen Dank an Deine Schwester für dieses Kompliment — auch das Deiner Mutter nicht zu vergessen. So hat’s also Deine Mutter aufgegeben ‚Thee zu machen unter anständigen Bedingungen?‘“

„Ja, weil die Leute nicht mehr kommen wollen.“

„Nun, das ist ein genügender Grund, selbst wenn sie keinen andern hätte. Wasser braucht sie freilich nicht zu sieden, da sie nie aus dem heissen Wasser kommt. Doktor, Sie sind ja stumm wie ein Fisch. Sie sagten mir, wie ich Jane und die Hunde kurieren könne — welche Dosis brauche ich wohl für eine Katze und ein Kätzchen?“

„Für einen halben Penny Leber in kleine Stücke geschnitten.“

„Das gesteh’ ich; ein solches Medikament wird leicht genug ihre Kehlen hinuntergehen.“

„Da wir aber von Leber sprechen, Mrs. St. Felix — ich habe einmal einen Freund gekannt, der etliche Gänse von einem Leberleiden kurierte.“

„Waren die armen Kreaturen lange in Ostindien gewesen?“

„Nein, aber dennoch in einem sehr heissen Klima. Sie müssen nämlich wissen, dass er während des letzten Friedens in Frankreich drüben war und um seiner Gesundheit willen die Bäder von Montpellier brauchte. Er wohnte bei einem alten Franzosen. Nun sehen Sie, Mrs. Felix, im Süden von Frankreich ist es Sitte, gewisse Pasteten zu machen, die sehr geschätzt sind und pâtés de foie gras genannt werden — das heisst auf französisch Gänseleberpasteten.“

„Ich dächte, Gänseleberpasteten könnte es in unserer guten Muttersprache heissen, Doktor. Doch gleichviel; fahren Sie fort mit Ihrer Geschichte.“

„Da ist ein Kunde, Mrs. St. Felix. Bedienen Sie ihn zuerst, dann will ich weiter erzählen.“

Ein alter Pensionär trat herein, legte seinen halben Penny auf den Ladentisch, verlangte für einen Farting Schnupftabak und liess sich den Überschuss herauszahlen.

„Das ist eine Einnahme, Doktor“, sagte die Witwe, nachdem der Mann den Laden verlassen hatte. „Meinen Sie nicht, dass ich noch reich werde? Nun fahrt fort; ich bin so begierig auf die Leber, wie meine eigene Katze.“

„Gut; die Aufgabe dabei ist, den Umfang der Gänselebern zu vergrössern, das heisst ein regelrechtes Leberleiden hervorzubringen. Zu diesem Ende setzt man die armen Tiere in einen heissen Käfig neben dem Küchenfeuer, stopft ihnen das Futter durch eine Röhre in den Hals und giebt ihnen vollauf Wasser zu trinken. Dies bringt die Krankheit hervor, und die Leber der geschlachteten Gänse wiegt oft drei oder vier Pfund, während die Tiere selbst blosse Skelette sind.“

„Und die Franzosen essen diese kranken Lebern?“ unterbrach ihn die Witwe mit einer Geberde des Ekels.

„Ja, das thun sie und sind darauf so versessen, wie mein Knabe Tom auf den Bärendreck. Gut, jener Doktor, mein Freund, kriegte Streit mit seinem Wirt, der sich rühmte, seine Gäuse hätten die grössten Lebern in ganz Montpellier, und sich gewaltig viel darauf zu gute that. Mein Freund wusste, dass er ihn mit nichts mehr ärgern konnte, als wenn er ihm seinen Erfolg vereitelte. Da er nun eine grosse Quantität Cheltenhamer Salz bei sich hatte, so pflegte er jeden Morgen eine ziemliche Portion in das Wasser zu werfen, von welchem die Gänse tranken. Dies übte dieselbe Wirkung wie auf Männer und Weiber, und statt mit jedem Tage kränker zu werden, wurden die Gänse immer gesünder und lebhafter. Der Franzose stopfte und stopfte, machte den Käfig noch heisser, fluchte und zerraufte sich sogar das Haar, weil seine Gänse gesund und wohl blieben; aber je mehr er sie krank zu machen suchte, desto mehr Salz gab der Doktor, der auf diesem Wege seinen Zweck erreichte und sich rächen konnte.“

„Gut, das ist ein possierliches Geschichtlein, Doktor; und da ich nun weiss, wie eine derartige Krankheit zu kurieren ist, so will ich Ihnen die erste, beste, kranke Gans zuschicken.“

„Vielen Dank; es fehlt ohnehin nie an Gänsen, die nach dem Doktor schicken.“

„Das ist freilich wahr; und nun, Master Jack, hast Du genug für Deinen Penny. Ich gebe es nicht zu, dass Du Ben länger warten lässest.“

„Erzählen Sie keine weiteren Märchen mehr, Doktor?“ sagte ich.

„Ha, Du schmutziger Vagabund, meinst Du, ich habe Märchen erzählt? Fort mit Dir! Und hörst Du, da Du um die Ecke kommst, so sage Tom, dass ich augenblicklich zurückkehren werde.“

„Würde dies nicht ein Märchen sein, Doktor?“ versetzte ich, während ich zur Thür hinausging.

Ich hörte noch, wie beide lachten, konnte aber nicht verstehen, was sie sagten.

Zwölftes Kapitel.

Ich wende mich an die alte Nanny und gewinne einen neuen Anzug. — Vorteil einer guten Kleidung — man kann darin mit Damen spazieren gehen.

Der Leser muss mir nicht zu viel zutrauen, wenn ich ihm sage, dass ich seit Peter Andersons Unterricht eine eigentliche Sehnsucht hatte, zur Kirche zu gehen; denn, obgleich seine Lehren mein Verlangen danach steigerten, so muss ich doch einräumen, dass der stärkste Beweggrund darin lag, dass meine Mutter mich nicht mitnehmen wollte, während sie sich doch von Virginia begleiten liess. Ferner wurde meine Neugierde durch meine völlige Unwissenheit hinsichtlich aller Dinge, die zum Gottesdienste gehörten, gesteigert, denn ich hatte bis jetzt bloss das Geläute der Glocken vernommen und vielleicht im Vorbeischlendern Halt gemacht, um eine kleine Weile auf die Orgel und den Gesang zu hören. Bisweilen wartete ich auch, um die Leute herauskommen zu sehen; dann aber konnte ich nicht umhin, meine Lumpen mit ihrem reinlichen, schmucken Anzuge zu vergleichen.

Dieser Wunsch quälte mich unaufhörlich, aber je mehr ich Erwägungen darüber anstellte, desto unmöglicher schien es mir, denselben befriedigen zu können. Wie hätte ich auch in meinen zerfetzten und schmutzigen Kleidern in die Kirche gehen können — und welche Aussicht stand mir bevor, andere zu erhalten? Allerdings brachte ich im Durchschnitt wöchentlich achtzehn Pence zusammen, aber davon blieb nichts übrig. Gab mir vielleicht meine Mutter Kleider? Nein, darauf durfte ich nicht rechnen, denn sie brummte sogar wegen des bischen Essens, um das ich sie ansprach. Wenn ich im Bette lag, erwog ich mir die Sache wieder und wieder. Ben hatte kein Geld, Anderson mochte ich nicht darum bitten, und so dachte ich endlich an Doktor Todpole, obschon ich mich scheute, über mein Bedürfnis mit ihm Rücksprache zu nehmen. Endlich fiel mir ein, mich erst zu erkundigen, wie viel Geld ich brauchen würde, ehe ich weitere Massregeln einschlüge. Ich begab mich daher am nächsten Morgen nach einer Kleiderhandlung und fragte den Jungen, welcher im Laden mithelfen musste, was ich für ein paar blaue Hosen, Weste und Jacke bezahlen müsse. Der Bursche entgegnete mir, ich könne für zweiundzwanzig Shillinge einen ganz netten Anzug erhalten. Zweiundzwanzig Shillinge! — Wie ungeheuer erschien mir damals die Summe. Und dann brauchte ich erst noch einen Strohhut, ein paar Schuhe und Strümpfe. Ich fragte nach dem Preise der letzteren Artikel, und fand, dass mein Anzug unter dreiunddreissig Shillinge nicht vollständig hergestellt werden konnte. Ich geriet recht in Verzweiflung, denn die Summe schien mir ein ganzes Vermögen zu sein. Ich setzte mich nieder, um zu berechnen, wie lange es anstehen dürfte, bis ich mit je sechs Pence wöchentlich (denn mehr konnte ich nicht erschwingen), so viel Geld erspart hätte; da ich aber damals noch nichts von Zahlen verstand, so zeigte sich als Resultat meines Nachdenkens, es sei eine so lange Zeit dazu erforderlich, dass sie ausser dem Bereiche meiner Rechenkunst liege.

An einem Sonnabende sass ich sehr melancholisch auf den Stufen am Landeplatz, dachte an den morgigen Sonntag und hatte meine Hoffnung, je zur Kirche gehen zu können, bereits ganz aufgegeben, als ein Themsefischer, namens Freeman, der zu Greenwich lebte und ein Bekannter von mir war — ich hatte ihm oft schon in seinen Geschäften geholfen — mir zurief, ich solle kommen und ihm Beistand leisten. Ich leistete seiner Aufforderung Folge, half ihm die Segel beschlagen, holte sein kleines Boot, in welchem er die Fische lebendig aufbewahrte, an Bord, hisste die Netze an den Mast auf und brachte alles in Sicherheit. Dabei machte ich mir meine Gedanken, dass er wahrscheinlich morgen zur Kirche gehen werde, während es mir nicht möglich sei, was ihn veranlasste, mich nach dem Grunde meiner Traurigkeit zu fragen. Ich sprach mich offen gegen ihn aus.

„Da kann ich Dir freilich nicht helfen, Jack“, sagte er, „denn es sind eben jetzt böse Zeiten; ja auch im andern Falle könnte ich nichts für Dich thun, denn ich habe selbst zu viele Kinder. Doch sieh her — da ist ein hübsches langes Stück fünfzölligen Taus, das ich aufgelesen habe, und das wohl einen Shilling wert ist. Nimm es (denn ich stehe doch ein wenig in Deiner Schuld) und bringe es der alten Nanny. Sie ist zwar eine wunderliche Person, aber wenn Du’s probierst, giebt sie Dir doch vielleicht das Geld. Wenn sie will, kann sie’s wohl thun, und da Du schon so lange mit ihr in Verkehr stehst, so willigt sie vielleicht ein, wenn Du ihr versprichst, jede Woche etwas beiseite zu legen und sie dann wieder zu bezahlen.“

Dieser Gedanke war mir nie eingefallen, denn ich wusste, dass die alte Nanny sehr genau und in ihrem Handel mit mir arg knauserig war. Ich dankte jedoch Freeman für sein Tau und seinen Rat, fest entschlossen, gleich nach dem Landen wenigstens einen Versuch zu machen.

Ich habe bereits früher die alte Nanny als eine Frau aufgeführt, welche mit Matrosenbedürfnissen handelte und mir das, was ich am Ufer auflas, abzukaufen pflegte. Sie war eine wunderliche Alte und schien alles zu wissen, was vorging, obschon ich nicht zu sagen vermag, wie sie zu ihren Nachrichten gelangte. Im allgemeinen war sie sehr geizig, obgleich man ihr nachsagte, sie habe sich ein- oder zweimal eine gute Handlung zu schulden kommen lassen. Niemand kannte ihre Geschichte, man wusste weiter nichts von ihr, als dass sie die alte Nanny sei. Sie sprach selten von ihrer Verwandtschaft, und einige Leute sagten, wenn man die Wahrheit wüsste, so würde sich’s herausstellen, dass sie sehr reich sei; aber wie sollte man überhaupt in dieser Welt zur Wahrheit kommen?

Ich befand mich bald in dem Laden der alten Nanny, das Stück Tau über meinen Arm gerollt.

„He, Jack, was bringst Du da — ein Stück guten Taus? Nein, gut kann man’s nicht nennen, denn es ist ganz vermürbt. Warum bringst Du mir denn solche Dinge? Was kann ich damit anfangen?“

„Ei, Mutter“, versetzte ich, „es ist ein nagelneues Seil — noch gar nicht viel gebraucht — das allerbeste Tau, das man nur sehen kann.“

„Junge, Junge, willst Du mich etwa gar belehren? Nun was verlangst Du dafür?“

„Einen Shilling“, entgegnete ich.

„Einen Shilling?“ rief sie. „Wo soll ich einen Shilling finden? Und wenn ich auch einen hätte, warum sollte ich ihn für ein Ding wegwerfen, das keine zwei Pence wert ist und bis zu meinem Tode als Gerümpel in meinem Laden liegen wird? Der Bursche ist verrückt!“

„Mutter“, erwiderte ich, „das Tau ist seinen Shilling wert und Ihr wisst das recht wohl. Gebt mir daher, was ich verlange, oder ich gehe anderswohin!“

„Und wohin willst Du gehen, Du junger Taugenichts? Wohin willst Du gehen?“

„Oh! die Fischer geben mir mehr dafür.“

„Die Fischer geben Dir ein paar alte Plattfische, die Du Deiner Mutter nach Hause bringen kannst.“

„Nun, ich will’s wenigstens probieren“, sagte ich, indem ich mich zum fortgehen anschickte.

„Nicht so hurtig, Jack, nicht so geschwind; schätze wohl, wenn ich den einen Tag einen Penny durch Dich gewinne, so darf ich’s ein andermal nicht so genau nehmen, wenn ich auch etwas verliere, nur um mir die Kundschaft zu erhalten. Gut, ich will Dir sechs Pence geben, obschon ich nicht weiss, wie ich das Geld wieder zurückerhalten soll.“

„Nein, Nanny“, versetzte ich; „ich muss einen vollen Shilling haben.“

„Ha, Du kleiner Spitzbube — einen ganzen Shilling? Nein, den kann ich Dir nicht geben. Aber brauchst Du vielleicht etwas? Bedarfst Du eines Schlüssels für Deine Kiste oder eines ähnlichen Gegenstandes?“

„Ich habe keine Kiste, Mutter, und brauche deshalb keinen Schlüssel.“

„Aber vielleicht steht Dir etwas von den hübschen Sachen in meinem Laden an; Jungens haben stets gewisse Liebhabereien.“

Ich lachte über die „hübschen Sachen“ in ihrem Laden, denn er enthielt nichts als altes Eisen, leere Flaschen, schmutzige Lumpen und Phiolen, und sagte ihr deshalb, dass ich nichts davon haben wolle.

„Nun“, sagte sie, „so setz’ Dich doch ein wenig und sieh’ Dich um; es hat ja keine Eile. — So hat also Mrs. East wieder einen Knaben gekriegt? Schlimm genug für das Kirchspiel, da sie bereits sechs Kinder hatte! — Sieh Dich um und lass Dir Zeit. — Hast Du davon gehört, dass Peter James gestern Abend seinem Weibe die Augen blau geschlagen hat, wie sie ihn aus dem Bierhause holen wollte? Ich möchte wissen, von wem jener Brief ist, den Susanna Davis von der Post erhalten hat. Freilich, ich kann’s erraten — das arme Mädchen! sie hat seit einigen Wochen gar so elend ausgesehen. — Musst nicht so pressieren, Jack; sieh Dich um, es giebt viele hübsche Sachen in meinem Laden. — Davis, der Schlächter, ist also wegen schlechten Fleisches geriemt worden? Ich dachte mir’s wohl, dass es so kommen müsse, und freue mich darüber. — Sieh, da ist ein prächtiges Schloss samt Schlüssel, Jack; Du kannst’s an Deine Truhe legen, wenn Du einmal eine hast. Ich denke, Du solltest dieses nehmen. — Was treibt denn der Doktor? Man spricht allenthalben davon, dass er stets bei der Witwe sitze. — Verdient Deine Mutter hübsch Geld durch ihr Wäschestärken? Ich weiss, Deine Schwester hatte am letzten Sonntag ein gedrucktes Mousselinkleid an, und das muss etwas gekostet haben. — Da ist ein Spaten, Jack — sehr nützlich, um das Ufer damit aufzugraben. — Du kannst etwas finden — Geld vielleicht! Nimm den Spaten und dann bist Du mir noch sechs Pence schuldig. — Bill Freeman hat letzten Sonnabend das letzte Kleid seines Weibes verpfändet. — Dacht’s mir wohl, es werde darauf hinauslaufen, obschon er sagt, es geschehe nur deshalb, weil er bei dem schlechten Wetter keine Fische gefangen habe. Aber ich weiss mehr, als die Leute glauben. — Da ist eine schöne Glasflasche, Jack; willst Du sie nicht Deiner Mutter bringen, dass sie etwas darin einmachen kann? Du siehst, sie ist von weissem Glase. Schau umher, Jack; es giebt allerhand hübsche Dinge hier. — Und des Gouverneurs Tochter heiratet auch; wenigstens glaube ich so, denn ich sah sie letzthin mit einem jungen Gentleman ausreiten, und heutzutage machen vornehme Leute stets zu Pferde den Hof. — Nun, Jack, hast Du noch immer nichts gefunden?“

„Nein, Mutter, und wenn Ihr mir nicht einen Shilling gebt, so gehe ich. Vielleicht wäret Ihr übrigens geneigt, mir zu dem zu verhelfen, was ich brauche, und dann gebe ich Euch das Tau umsonst.“

„Du giebst mir das Tau umsonst?“ versetzte die alte Nanny. „Gut, nimm Platz und lass mich hören, was Du für ein Anliegen hast.“

Ich dachte zwar, es werde mir nicht viel helfen, wenn ich mein Gesuch vorbringe, war aber einmal entschlossen, die Probe zu machen und setzte ihr deshalb meine Wünsche auseinander.

„Hum!“ sagte sie, nachdem sie sich eine Minute besonnen hatte, „Du willst also drei und dreissig Shillinge, um Kleider kaufen und in die Kirche gehen zu können? Deine Mutter kleidet Deine Schwester in gedruckten Mousselin und lässt Dich in Lumpen laufen — willst Du nicht lieber warten, bis Dein Vater wieder nach Hause kommt?“

„Das kann noch Jahre lang anstehen.“

„Nun, Jack, ich gehe nicht zur Kirche — ich bin zu alt — und obendrein zu arm, um mich für die Kirche ankleiden zu können, selbst wenn ich so weit zu gehen im stande wäre. Und warum willst nun Du gehen?“

„Ei, Mutter“, sagte ich, mich erhebend, „wenn Ihr meinen Wunsch nicht erfüllen wollt, so thut’s mir sehr leid, denn ich würde Euch ehrlich bezahlt und Euch noch zu manchem schönen Handel verholfen haben. Behüte Euch Gott!“

„Nicht so eilig, Jack — setz’ Dich, setz’ Dich, Knabe. — Schau Dich im Laden um, und sieh, ob Du nichts finden kannst, was Dir zusagt.“

Nun begann Nanny halblaut mit sich zu sprechen —

„Drei und dreissig Shillinge? Das ist viel Geld — will mich ehrlich bezahlen — und noch etwas zum besten geben! Seine Mutter hat mich letzthin eine alte Katze geheissen — ich glaube der Anzug wäre wohlfeiler zu kriegen, den Knaben betrügt man sehr. — Es würde sie ärgern, wenn sie ihn reinlich gekleidet in der Kirche sehen würde — und ich glaube, der Knabe ist ehrlich. Ein Junge, der in die Kirche gehen will, muss ein guter Junge sein. — Aber Du mein Himmel, es ist so viel Geld!“

„Ich will Tag und Nacht arbeiten, um Euch zu bezahlen, Nanny.“

„Und wohl gemerkt, Jack, ich muss etwas obendrein haben. — Dieses Stück Tau geht drauf. — Du zahlst jede Woche etwas ab.“

„Wenn ich etwas verdienen kann, Mutter, so dürft Ihr so sicher darauf rechnen, als ich hier sitze.“

„Gut, die alte Katze wird mehr für Dich thun, als Deine eigene Mutter thun mag; Du sollst das Geld haben; aber Jack, ich muss wegen der Kleidungsstücke den Handel abschliessen.“

„Ich danke Euch, Nanny, ich danke Euch!“ entgegnete ich, indem ich voll Wonne von meinem Sitze aufsprang.

„Aber heute Abend können wir nichts mehr thun, Jack. Komm daher am Montag wieder zu mir, und wenn ich bis dahin nicht meinen Sinn geändert habe — —“

„Den Sinn geändert?“ sagte ich bekümmert. „Ich glaubte, Ihr hättet mir’s eben für bestimmt versprochen.“

„Nun ja, ich hab’s gethan — und — will mein Versprechen halten, Jack. Komm am Montag, und da Du morgen doch nicht zur Kirche gehen kannst, so sieh zu, ob Dir’s nicht möglich wird, Dir einiges Geld zu verdienen.“

Ich vernachlässigte ihre Einschärfung nicht und war glücklich genug, ihr am Montag Morgen sechs Pence bringen zu können. Nanny ging mit mir in den Kleiderladen nnd dingte um die Kleider, bis sie dieselben auf acht und zwanzig Shilling herunter gemäkelt hatte; dann gab sie Auftrag, den Anzug für mich fertig zu machen, und verlangte, dass man ihn ihr ins Haus schicke. Ich verdiente in jener Woche nur wenig Geld; Nanny schien daher mehr als einmal sehr unglücklich zu sein und ihr freundliches Anerbieten zu bereuen. Als jedoch der Sonntag herbeikam, wurde sie ganz wohlgemut; sie wusch mich sehr sorgfältig und legte mir selbst die Kleider an. Ich kann die Wonne nicht ausdrücken, welche ich in dem Augenblicke empfand, als Nanny mir den Hut auf den Kopf drückte und sagte:

„Nun, Jack, ich würde es in meinem Leben nicht geglanbt haben, dass Du ein so hübscher Junge bist. Du kannst jetzt keck neben Deiner Schwester einhergehen, sie wird sich Deiner nicht zu schämen haben, so hübsch sie auch ist. So, jetzt geh und zeige Dich; vergiss aber nicht, Jack, dass Du mir versprochen hast, Du wolltest mich bald wieder bezahlen und mir noch obendrein im Handel etwas zum besten geben.“

Ich wiederholte mein Versprechen und eilte nach dem Hospital, um Peter Anderson aufzusuchen. Er kannte mich nicht, als ich mich ihm vorstellte. Ich teilte ihm mit, wie und auf welchem Wege ich zu den Kleidern gekommen sei, worauf er mich auf den Kopf pätschelte, mich einen guten Jungen nannte und mir versprach, er wolle mich nach der Hospitalkapelle mitnehmen, wo ich unter den Schulkindern Platz finden könne; er werde dies schon einleiten. Ich traf dann mit Ben und anderen zusammen, die alle nicht wenig erstaunt waren. In der Kapelle konnte ich freilich nicht alles hören, was der Pfarrer sagte, weil die Kanzel sehr entfernt war und die alten Pensionäre viel husteten; demungeachtet erbaute ich mich sehr, und ich hätte nur gewünscht, dass der Gottesdienst weniger lange gedauert hätte. Nach Beendigung desselben verfügte ich mich nach der Wohnung meiner Mutter und traf mit letzterer zusammen, als dieselbe eben mit der kleinen Virginia von der Stadtkirche zurückkehrte.

„Da ist ein hübscher kleiner Knabe, Virginia“, sagte meine Mutter. „Willst Du nicht mit ihm gehen?“

Meine Mutter kannte mich nicht, wohl aber Virginia, die sich augenblicklich losriss, mir in die Arme eilte, lachend sich an mich anklammerte und dann ausrief:

„Ja, Mutter, ich will mit ihm gehen!“

Und dann eilte sie mit mir fort, sehr zum Ärger der gestrengen Mama, die uns gerne nachgeeilt wäre, um sie zurückzuhalten, wenn sie nicht geglaubt hätte, durch schnelles Gehen ihrer Gentilität Abbruch zu thun. Wir gingen daher miteinander fort, sie in grösstem Zorne zurücklassend, und verfügten uns nach dem Hospitale, während Virginia mit vor Entzücken strahlenden Augen allen ihren Freundinnen zurief: „Sieh, das ist Bruder Jack!“ Ich führte sie zu Peter Anderson und dem alten Ben, ungemein stolz darauf, ihnen meine Schwester vorstellen zu können, und Peter Anderson sagte:

„So hätte es eigentlich schon längst sein sollen.“ Dann fügte er bei: „Jack, vielleicht verdienst Du die Woche über wieder kein Geld, und wenn dies der Fall ist, so komm zu mir, denn die alte Nanny darf nicht getäuscht werden. Vergiss es aber nicht, Du musst die Kleider von Deinem eigenen Verdienste bezahlen.“

Da es Zeit zum Mittagessen war, so gingen Virginia und ich mit einander nach Hause. Als wir in Fishers-Alley anlangten, sagte ich zu ihr:

„Die Mutter wird Dir zürnen.“

„Ich kann da nicht helfen, Jack“, versetzte sie. „Du bist mein Bruder und wir haben nichts Unrechtes gethan.“

Als wir zu Hause anlangten, warf mir meine Mutter einen strengen Blick zu, sagte aber nichts, was mich sehr wunderte. Sie war verdriesslich, obgleich ich nicht wissen konnte, wem ihr Ärger galt, Virginia, mir oder meinen neuen Kleidern. Möglich auch, dass ihr wegen der Vernachlässigung, die sie mir erwiesen, das Gewissen Vorwürfe machte. Sie setzte schweigend das Essen auf den Tisch und begab sich nach dem Diner die Treppe hinauf. Virginia und ich benutzten diese Gelegenheit. Letztere setzte ihr Hütchen auf, wir gingen dann ins Freie, um uns bis zur Zeit des Theetrinkens zu ergehen. Als wir zurückkehrten, ergriff die Mutter meine Schwester am Arme und führte sie zu Bette. Die kleine Virginia leistete keinen Widerstand, sondern wandte nur ihr Köpfchen um und lächelte mir zu, während sie sich fortbringen liess. In meinem ganzen Leben hatte ich mich nie so glücklich gefühlt, als an jenem Abend, und während ich in meinem Bette lag, vergegenwärtigte ich mir noch einmal die Ereignisse des Tages.

Dreizehntes Kapitel.

Ich bin so unfashionabel, meine Schulden zu bezahlen. — Bens Meinung über die Rückkehr meines Vaters. — Die Wahrscheinlichkeiten durch Beispiele aus der Liste der Toten und Verwundeten belegt. — Der ‚Orient‘ fliegt auf und der ‚Royal George‘ geht unter.

Die Zeit entschwand und drei Jahre davon wurden zuverlässig nicht nutzlos verbracht. Anderson hatte mich gut unterrichtet. Ich konnte lesen, schreiben und rechnen; auch wurde ich, was der Leser wahrscheinlich für noch bedeutungsvoller hält, gut mit der Bibel bekannt und von meinem Lehrer eifrig an meine Pflichten gegen meine Nebenmenschen erinnert.

Meine Schwester Virginia erhielt gleichfalls eine zweckmässige Erziehung, denn sobald sie sieben Jahre alt war, wurde sie als Tagschülerin nach einem Mädchenseminar geschickt, wo sie guten Unterricht genoss, obgleich der Styl der Schule viel zu vornehm für die Stellung meiner Schwester im Leben gehalten war. Meine Mutter wollte übrigens nicht zugeben, dass sie anderswohin gehe, obschon mehrere passendere Schulen in der Nähe waren, denn sie erklärte, Virginia solle keine Gemeinschaft unterhalten mit den ungentilen Mädchen des Ortes; freilich müsse sie sich’s zum Vorwurf machen, dass sie sich selbst durch eine Verheiratung unter ihrem Range herabgewürdigt habe, aber jedenfalls solle ihre Tochter eine standesgemässe Erziehung erhalten.

Die Nachbarn lachten darüber, aber meine Mutter kümmerte sich nicht darum; sie arbeitete emsig und war stets in der Lage, das Vierteljahrsschulgeld auf den Tag hin zu bezahlen.

Die Sonntage waren für mich Tage der Freude. Ich fühlte mich glücklich, meinen zerlumpten „armen Jack“ abwerfen, meine besten Kleider anziehen und mit meiner Schwester spazieren gehen zu können, denn die Mutter milderte allmählich ihre Härte — vielleicht aus Klugheit, da sie doch nicht wohl einen Einwurf erheben konnte, wenn Virginia mit ihrem reinlich und gut gekleideten Bruder ausging, während meine Schwester ihrerseits jedesmal mein Gesuch um die betreffende Erlaubnis aufs kräftigste unterstützte. In der That gewannen in letzter Zeit meine Bitten mehr die Form einer Rechtsforderung, und meine Mutter schien jeden Zwist mit mir vermeiden zu wollen. Sie wusste, dass ich etwas gelernt hatte, dass ich nicht von ihr abhing und dass ich allenthalben beliebt war. Die günstige Meinung, die andere von mir hegten, bewog sie, mich mit mehr Rücksicht zu behandeln; von gegenseitiger Liebe war trotzdem keine Rede, da wir beide nur eine Art bewaffneter Neutralität beobachteten.

In allen Klassen des Lebens giebt es Abstufungen, und auch das Mädchenseminar, welches Virginia als Tagschülerin besuchte, hatte seine Unterscheidungsgrade. Die vornehmsten unter den jungen Damen waren die zwei Töchter des Mr. Tippet, eines Krämers, dann kam die Hutmacherstochter Miss Beaver. Die Grade schienen in nachstehender Weise bestimmt zu sein: Fabrikinhaber behaupteten den ersten Rang; dann kamen die Spezereihändler; die dritte Klasse bestand aus den Töchtern reicher Fleischer und Pastetenbäcker. Die jungen Damen lebten wegen des Ranges und Vortrittes in ewigem Streit mit einander; man denke sich daher die Stellung der armen kleinen Virginia, deren Mutter eben eine Feinwäscherin war! Anfangs nannte man sie nur die Wäscherstochter und wollte durchaus keinen Umgang mit ihr haben; sie pflegte mir dann am Sonntage, wenn wir mit einander spazieren gingen, ihr Leid zu klagen und mir mitzuteilen, wie sie im Laufe der Woche behandelt worden war. Indes war dies zu ihrem Vorteil und diente dazu, den falschen Stolz und die übertriebenen Ideen zu verbessern, die notwendig unter den Einflüsterungen einer thörichten Mutter in ihr hätten festwurzeln müssen. Auch fühlte sich Virginia nur wenige Wochen unglücklich, denn ihr Charakter war zu sanft, als dass sie sich hätte auf Gegenreden einlassen mögen, und so entwaffnete sie ihre Angreiferinnen um so mehr, da sie um ihres niedrigen Ranges willen schon vornweg nicht in die Lage kam, sich mit ihren Mitschülerinnen um den Vortritt zu streiten. Ihre Milde, ihre Demut und Bescheidenheit gewannen ihr bald sowohl Lehrerinnen als Schülerinnen; besonders aber nahmen die Miss Tippets Virginia unter ihren Schutz, und diese Grossmut brachte alle Opposition zum schweigen. Meine Mutter wünschte auch, dass Virginia Tanzunterricht erhalte. Anfangs wollten die Mädchen freilich nicht mit ihr in die Reihe treten; aber als die ältere Miss Tippet sie zur Partnerin nahm, kam meine Schwester eigentlich zur Geltung; sie wurde nun der Liebling aller, da sich jetzt sämtliche Schülerinnen auf den Schutz, den sie der „kleinen Virginia“ zu teil werden liessen, etwas zu gute thaten.

Ich zahlte sehr bald meine Schuld an die alte Nanny ab, ohne Peter Anderson bemühen zu müssen. Dazu erhielt ich, ohne darum zu bitten, in folgender Weise Beistand. Am zweiten Sonntage nach Empfang meiner Kleider besuchte ich mit meiner Schwester die Witwe St. Felix. Sie sass in der Hinterstube und hatte, wie gewöhnlich, den Doktor zum Gesellschafter. Sie nahm uns sehr freundlich auf, sprach viel mit Virginia und meinte, für den „armen Jack“ sehe ich doch recht hübsch aus.

„Du wirst ganz die Mode des Tages werden“, fuhr sie fort; „aber vermutlich sind, wie bei den meisten fashionablen Gentlemen, Deine Kleider nicht bezahlt.“

Ich versetzte darauf, dass sie allerdings recht habe, indes hoffe ich, wenn mir Gott das Leben und Arbeit schenke, mit meinen Gläubigern ins reine zu kommen.

„Ich habe die Geschichte von dem alten Ben gehört“, entgegnete sie. „Komm morgen zu mir, Jack; ich habe etwas mit Dir zu reden.“

Ich stellte mich am Vormittage ein, worauf sie mir ein Fünfshillingstück in die Hand drückte und sagte:

„Da hast Du von mir eine kleine Beihilfe, damit Du an Deiner Schuld gegen die arme Nanny etwas abtragen kannst. Doch dies ist noch nicht alles, Jack. Ich habe dem Doktor geschmeichelt (ich muss ihm übrigens die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass es nicht viel guter Worte bedurfte), und da hast Du zwei halbe Kronen von ihm, die ungefähr eben so weit reichen werden, wie meine fünf Shillinge. Nun, Jack, Du siehst ja recht glücklich aus; aber aus Dankbarkeit musst Du jetzt, so schnell Du kannst, zu der armen alten Nanny gehen und sie auch glücklich machen, denn sie jammert über ihren Anfall von Edelmut und macht sich den ganzen Tag Grillen, ob Du sie wohl je wieder bezahlen werdest.“

Ich hatte die ganze Zeit über Mrs. St. Felix zugehört, fühlte mich aber von ihrer Güte und ihrem Edelmute so gerührt, dass ich nicht sprechen konnte. Ich hatte schon für geleistete Dienste Geld eingenommen und von Nanny eine Summe erhalten, die ich mit Interessen zurückbezahlen sollte; aber eine so grosse Barschaft als Geschenk — nein, das hätte ich mir nicht entfernt einfallen lassen. Ich konnte meine Gefühle nicht zügeln, sondern liess mein Gesicht auf den Ladentisch sinken, um die rinnenden Thränen zu verbergen.

„Ich kann meinen Dank nicht aussprechen, wie ich wünsche — es ist mir unmöglich“, sagte ich, als ich zu ihr aufblickte.

„Ei, Du thörichter Knabe, Du hast wenigstens das Wort Dank ausgesprochen“, versetzte die Witwe; „und jetzt mache, dass Du fortkommst, denn ich muss ausgehen.“

Diese Unterstützung bewog mich, meine Anstrengungen zu verdoppeln, und in drei Monaten hatte ich auch das Ganze bezahlt. Die letzte Rate erhielt ich von Virginia. Sie wusste, wie viel ich jede Woche abzuzahlen pflegte, und als ich ihr eines Sonntags sagte, ich sei jetzt nur noch einen Shilling und sechs Pence schuldig, eilte sie die Treppe hinauf, um diese Summe für mich herunter zu holen. Seit ich mir die Kleider angeschafft, hatte sie sich’s angelegen sein lassen, der Mutter so viel als möglich abzuschwatzen, und mit Entzücken drückte sie mir das Geld, den ganzen Inhalt ihrer Sparbüchse, in die Hand. Sie küsste mich und begann zn tanzen, obgleich es Sonntag war; dann machte sie mir deu Vorschlag, zu der alten Nanny zu gehen und die Rechnung abzuschliessen. Wir fanden die Alte auf der Treppe ihres Hauses sitzend; die Thür war offen, aber der Laden geschlossen. Am Sonnabend hatte ich ihr zwei Shillinge bezahlt, weshalb sie mich nicht zu sehen erwartete. Virginia gab ihr die achtzehn Pence und sagte:

„Jetzt hat Euch mein Bruder alles bezahlt.“

„Ja, mein Schätzchen, das hat er“, versetzte die alte Nanny; „aber er versprach auch — —“

„Ja, ganz recht“, unterbrach ich sie, „und ich will auch meine Zusage halten. Ich habe Euch noch manchen schönen Handel obendrein versprochen.“

„Du bist ein ehrlicher Knabe, Jack, und was noch sonderbarer ist, Deine Schwester gehört nicht unter die schlimmen Mädchen, obgleich dies nicht der Mutter Verdienst ist. Mein Lieber, wenn es nicht Sonntag wäre, so könntest Du Dir alle die hübschen Sachen in meinem Laden ansehen, vielleicht fändest Du etwas, was Dir gefiele; Du musst morgen wiederkommen.“

Ich dankte der alten Nanny noch einmal für den geschenkten Kredit, worauf wir sie verliessen. Ich hielt Wort und liess ihr lange nachher an den Gegenständen, die ich ihr zum Verkaufe bringen konnte, einen guten Nutzen.

Ich dachte oft an meinen Vater, der nun fast ein Jahr abwesend war, und je weiter die Zeit vorrückte, desto mehr sehnte ich mich, Kunde von ihm zu vernehmen. Selten traf ich mit dem alten Ben, dem Walfischjäger, zusammen, ohne mit ihm über meinen Vater zu sprechen und ihn zu fragen, was er wohl von der Wahrscheinlichkeit seiner Rückkehr halte.

„Ei, Du siehst, Jack“, antwortete Ben, „in solchen Zeiten ist’s schwer zu sagen, ob ein Mensch am Leben ist oder nicht. Jeden Tag hören wir von einem oder dem andern Seegefecht, und deshalb müssen auch jeden Tag einige die Nummer ihres Tisches verlieren. Dann siehst Du auch, Jack, man kann einen Mann jahrelang für tot halten, und zuletzt kommt er doch aus einem oder dem andern französischen Gefängnis wieder zum Vorschein. Ferner verändern Schiffe ihre Stationsorte und Mannschaften ihre Schiffe. Bisweilen scheitern auch Fahrzeuge und versinken mit Mann und Maus, während andere Feuer fangen und auffliegen. Mancher gute Matrose verliert sein Leben dadurch, dass er während einer Bö über Bord fällt — wer weiss davon oder kümmert sich darum? Es ist daher unmöglich, zu sagen, Jack, ob Dein Vater tot oder lebendig ist; wir müssen eben hoffen.“

Dies war keine befriedigende, wohl aber eine sehr vorsichtige Antwort, ich konnte von Ben auch nie eine andere erhalten. Ich begann mir vorzustellen, dass einer von den in Bens Katalog aufgezählten Unfällen sich zugetragen haben könne, und machte mich bereits darauf gefasst, meinen Vater nie wieder zu sehen, als eines Morgens, während ich an dem Landeplatze stand, Ben zu mir heraufkam und sagte:

„Jetzt, Jack, können wir vielleicht etwas von Deinem Vater hören. Es hat eine bedeutende Schlacht stattgefunden, in der an tausend Mann gefangen und verwundet wurden. Ich habe eben von der Geschichte gehört — Nelson peitschte die Franzosen an der Küste von Ägypten (Ben bezog sich hier auf die Nilschlacht), und der ‚Audacious‘, das Schiff, an dessen Bord Dein Vater als Hochbootsmannsmate diente, war mit im Feuer. Du weisst, dass die Namen der Getöteten an die Ämter berichtet werden, damit die Verwandten die an die Gefallenen schuldigen Löhnungs- und Prisengelder einziehen können; — vielleicht also, Jack, kannst Du jetzt etwas von Deinem Vater hören.“

„Aber wenn es so ist, so werde ich nur hören, dass er mit getötet wurde, und danach trage ich kein Verlangen.“

„Nein, Knabe, das thust Du freilich nicht, aber wenn Du eine solche Kunde erhältst, so ist doch das schlimmste schon überstanden, und darin liegt einiger Trost. Ist er nicht unter den Gefallenen, so gehört er vielleicht unter die Verwundeten; möglich auch, dass keins von beiden bei ihm zutrifft, denn in dieser Welt giebt es gar viele Möglichkeiten. Wie dem übrigens sein mag, komm mit mir. Ich sah Anderson mit einem Papier in der Hand in seinem Retreat, wie er es nennt, auf- und abgehen; wir wollen also mit vollen Segeln auf ihn zusteuern und ihn einholen, ehe er zu lesen anfängt.“

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