Kitabı oku: «Monsieur Violet's Reisen und Abenteuer in Californien, Sonora und dem Westen von Texas»

Yazı tipi:

Frederick Marryat
M. Violet’s Reisen und Abenteuer

Californien, Sonora und dem Westen von Texas

Neu aus dem Englischen

von

Dr. Carl Kolb

Saga

Vorwort.

Es ist unnöthig, dem Leser mitzutheilen, in welcher Weise ich mit dem Manne bekannt wurde, aus dessen Notizen und Bemerkungen ich das vorliegende Werk zusammengetragen habe. Ueber die Richtigkeit und Glaubwürdigkeit dessen, was mein Berichterstatter behauptet, unterhalte ich keinen Zweifel, da ich ihn während der ganzen Zeit, die ich auf gegenwärtige Schrift verwendete, zur Seite hatte und mir somit Gelegenheit gegeben war, Erläuterungen einzuholen und Verbesserungen vorzunehmen.

Wir besitzen viele Werke über die Indianerstämme im Norden von Amerika, ihre frühere Geschichte und ihre gegenwärtigen Verhältnisse; die Stämme des Westens sind aber nur sehr unvollkommen bekannt. Letztere bestehen hauptsächlich aus den Pawnees, Schwarzfüssen, Krähen, Comanches, Apaches, Arrapahoes, Wakoes und Shoshones, von denen nur die drei ersteren bis jetzt besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Die Comanches wurden zwar von Mr. Catlin besucht, über ihre Sitten oder ihre Geschichte ist jedoch wenig bekannt. Auch über die Apaches und Arrapahoes fehlen Beschreibungen, obschon man mit ihnen bereits in Berührung gekommen ist, während man dagegen von Wakoes gar nichts weiss und die Shoshonen bloss von Ross Cox und Mr. Catlin als ein mächtiger Stamm bezeichnet werden, ohne dass jedoch diese Berichterstatter aus eigener Einsichtnahme sprechen könnten.

Die Pawnees, Schwarzfüsse und Krähen gehören zu der Algonquin-Raçe, während die übrigen Stämme, welche man füglich die Beduinen der grossen westlichen Wüsten nennen kann, unserer Erzählung zufolge ursprünglich von den Shoshones oder — wie sie gewöhnlich genannt werden — Schlangenindianern abstammen.

Diese Schrift enthält, wie man finden wird, viele werthvolle Belehrungen, nicht bloss über die Indianerstämme, sondern auch über Californien, das westliche Texas und die wüsten Prärien im mittleren Amerika, deren Gebiete und Bewohner wir bisher gleich wenig kannten.

Wenn der Leser einen romanhaften Anflug in dieser Erzählung entdeckt, so darf er dies nicht mir zur Last legen. Die vorkommenden Abenteuer sind allerdings romantisch und müssen es schon ihrer Natur nach seyn; indess habe ich den Ton derselben sogar noch gemildert.

Einige Schilderungen, die Naturgeschichte dieser Gegenden betreffend, könnten auffallend erscheinen, aber in unbekannten Ländern muss man sich darauf gefasst machen, auch unbekannten Geschöpfen zu begegnen. Ich kann nur sagen, dass die betreffenden Berichte der strengsten Prüfung unterworfen wurden und dass ich sie nicht nur deshalb, sondern auch um der Achtbarkeit des Mannes willen, der mir die Details lieferte, für vollkommen richtig halte.

Die Ansichten und Bemerkungen, auf welche der Leser gelegentlich treffen wird, rühren gleichfalls nicht von mir her. Ich habe das Werk bloss geschrieben und es für passend erachtet, dieses kurze Vorwort beizufügen, damit man ermessen möge, in wie weit ich für den Inhalt verantwortlich bin oder nicht.

Erstes Kapitel.

Die Revolution von 1830, welche Carl den Zehnten des französischen Thrones beraubte und so viele andere grosse plötzliche Veränderungen herbeiführte, wurde für Viele verderblich, namentlich aber für manche alte Familien, welche dem Hofe zugethan waren und den verbannten Monarchen in seinem Unglücke nicht verlassen wollten. Unter den Wenigen, welchen es gestattet war, Carl des Zehnten Geschick persönlich zu theilen, befand sich mein Vater, ein edler Burgunder, der schon in einer früheren Verbannungsperiode der königlichen Familie von seiner unwandelbaren Treue und Anhänglichkeit an die legitimen Eigenthümer der Krone von Frankreich Beweise abgelegt hatte.

Als der unglückliche König in dem alten Residenzschlosse von Holyrood eine Zuflucht gefunden hatte, sagte mein Vater der Heimath für immer Lebewohl, schloss sich mit mir, seinem einzigen, erst neunjährigen Sohne, dem Gefolge des Monarchen an und liess sich in Edinburg nieder.

Wir weilten nicht lange in Schottland. Carl der Zehnte entschloss sich, seinen Aufenthalt in Prag zu nehmen. Mein Vater reiste voraus, um die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, und sobald sich sein Gebieter in der alten Königsstadt niedergelassen hatte, suchte er seinen Schmerz auf Reisen zu vergessen. Trotz meiner Jugend war ich sein Begleiter. Im Laufe von drei Jahren besuchten wir Italien, Sicilien, Griechenland, die Türkei, Aegypten und das heilige Land, worauf wir nach Italien zurückkehrten und ich als zwölfjähriger Knabe dem Erziehungsinstitute der Propaganda zu Rom übergeben wurde.

Für einen Verbannten, der mit glühender Liebe an seinem Vaterlande hängt, gibt es keine Ruhe. Von dem theuren Frankreich ausgeschlossen, konnte mein Vater nirgends einen Ort finden, der ihn seinen Kummer vergessen liess, und er blieb so rastlos und unglücklich, als nur je.

Kurz nach meiner Aufnahme in die Propaganda traf er mit einem alten Jugendfreunde zusammen, den er seit einer Reihe von Jahren nicht mehr gesehen hatte: einst waren beide froh und glücklich gewesen, auf ihrem gegenwärtigen Geschicke lasteten jedoch in gleicher Weise Leiden und Ruhelosigkeit. Dieser Freund war der italienische Fürst Seravalle, den ein nicht minder bitterer Kelch zu Theil geworden. Als Jüngling hatte er tief den moralischen und physischen Zerfall seines Vaterlandes gefühlt und einen Streich zu führen versucht, um es wieder zu seinem früheren Glanze zu erheben. Er trat an die Spitze einer Verschwörung, verwandte einen grossen Theil seiner Reichthümer auf die Verfolgung seines Zieles, wurde von seinen Bundesbrüdern verrathen und fand ein vieljähriges Gefängniss in dem Schlosse San Angelo.

Wie lange seine Gefangenschaft währte, weiss ich nicht anzugeben; wahrscheinlich war sie aber von sehr langer Dauer, denn wenn er in späteren Zeiten hin und wieder von seinem früheren Leben sprach, so bezog er alle Ereignisse auf die Jahre „während welcher er in seinem Kerker oder in dem Hofgefängnisse des Capitols sass,“ auf dem viele seiner Vorfahren ganzen Nationen Gesetze vorgeschrieben hatten.

Endlich wurde der Fürst wieder in Freiheit gesetzt, aber die Gefangenschaft hatte keine Aenderung in seinen Gesinnungen oder Gefühlen hervorgebracht. Seine Liebe zum Vaterlande und der Wunsch einer Wiedergeburt desselben waren noch so kräftig, als je; er trat daher bald an die Spitze der Carbonaris, einer Verbindung, welche in späteren Jahren durch die Beharrlichkeit und die Leiden eines Maroncelli, eines Silvio Pellico und vieler Anderer berühmt geworden ist.

Er wurde abermals entdeckt und festgenommen, diesmal aber nicht dem Gefängnisse überantwortet. Die Regierung fühlte sich zu schwach, und die bekannten freisinnigen Ansichten des Fürsten hatten ihn bei den Trasteverini oder den Bewohnern der nördlich von der Tiber gelegenen Gegenden so beliebt gemacht, dass schon aus Politik weder Gefängnissstrafe noch Todesurtheil erkannt werden konnte. Soviel ich mich erinnere, wurde er auf zehn Jahre verbannt.

Während dieses langen Exils wandelte der Fürst Seravalle über verschiedene Theile des Erdballs und kam endlich nach Mexico. Er verweilte in Verakruz und reiste dann in’s Innere, um die Trümmer der alten Städte in der westlichen Welt zu untersuchen. Von dem Durste nach Wissen und der Liebe zu Abenteuern getrieben, erreichte er endlich die Westküste von Amerika, zog durch Californien und traf endlich auf die Shoshonen oder Schlangenindianer, deren grosses Gebiet sich von dem stillen Weltmeere an bis fast an den Fuss der Rocky Mountains erstreckt. Die Lebensweise und der angeborene Adel dieser Indianerstämme gefielen ihm so sehr, dass er geraume Zeit unter ihnen verweilte und sich zuletzt entschloss, nach Ablauf seiner Verbannung zwar wieder in die Heimath zurückzukehren, ohne sich jedoch in jenem undankbaren Lande niederlassen zu wollen; denn er hatte bloss die Absicht, sein Vermögen zu holen und es zu Nutz und Frommen den Shoshonen zu verwenden. Vielleicht veranlasste den Fürsten Seravalle noch ein anderes gewaltigeres Gefühl, wieder zu den Indianern zurückzukehren, unter denen er so lange gelebt hatte — ich meine den Zauber, welcher ein naturgemässes Leben besonders dann dem Manne der Civilisation bietet, wenn er entdeckt hat, wie hohl und herzlos wir durch die sogenannte Bildung werden.

Kein einziger Indianer, der an einer Schule und unter den üppigen Freuden einer Stadt erzogen wurde, hat je gewünscht, unter den Blassgesichtern seine bleibende Wohnstätte zu nehmen, während im Gegentheile viele Tausende von Weissen, von der höchsten bis zu der niedersten Civilisationsstufe, das Leben unter den Wilden lieb gewannen, unter ihnen weilten und in ihrem Kreise starben, obgleich sie vielleicht hätten Schätze sammeln und wieder in ihre Heimath zurückkehren können.

Dies mag sonderbar erscheinen, ist aber dennoch wahr. Jeder einsichtsvolle Reisende, der einige Wochen in den Wigwams gutmüthiger Indianer zubrachte, wird zugeben, dass er sich sogar während dieses kurzen Aufenthaltes ungemein angezogen fühlte. Wie mag es erst denen ergehen, die Jahre lang unter den Indianern gelebt haben?

Kurz nachdem der Fürst in Italien angelangt war, um seine wohlwollenden Absichten zur Ausführung zu bringen, erneuerte er mit meinem Vater die alte Freundschaft — eine Freundschaft, in früher Jugend geschlossen und so kräftig, dass sie nicht einmal durch ihre entgegengesetzten politischen Ansichten geschwächt werden konnte. Der Fürst befand sich damals zu Leghorn; er hatte ein Schiff gekauft und es mit Ackerbaugeräthen und unterschiedlichen Werkzeugen für häusliche Künste beladen; desgleichen nahm er einige alte Kanonen, eine grosse Anzahl Lütticher Karabiner, Schiesspulver und so weiter, Materialien für Erbauung eines guten Hauses und einige Artikel zur Zierde an Bord. Um diesen ausserordentlichen Aufwand zu bestreiten, hatte er alle seine grossen Besitzungen veräussert. Ausserdem warb er noch Maurer, Schmiede und Zimmerleute an und nahm auch einige seiner früheren Pächter mit sich, die sich gut auf die Kultur des Oelbaumes und des Weines verstanden.

Er war fast ganz zum Aufbruche vorbereitet, als er im Herbst 1833 mit meinem Vater zusammentraf, ihm seine Erlebnisse und künftigen Plane mittheilte und ihn fragte, ob er ihn nicht begleiten wolle. Mein Vater, den als blasé au fond die ganze Welt anwiderte, kam dem Fürsten auf mehr als halbem Wege entgegen.

Unsere Güter in Frankreich waren zur Zeit der Revolution unter grossen Opfern veräussert worden, und so bestand meines Vaters gegenwärtige Habe nur aus Geld und Juwelen. Er beschloss, Alles zu wagen und sich mit dem Fürsten in jenem fernen Lande niederzulassen. Die Ladung, wie auch die Theilnehmer an der Expedition erhielten demnach eine entsprechende Erweiterung.

Der Fürst hatte bereits zwei Priester vermocht, ihn in der Eigenschaft von Missionären zu begleiten. Mein Vater, dem meine Erziehung sehr am Herzen lag, versah sich mit einer grossen Bibliothek und zahlte dem Prior eines Dominikanerklosters eine grosse Summe, dass er einem weiteren würdigen Ordensmanne, der sich gut für die Leitung meiner Erziehung eignete, mitzugehen erlaubte. Zwei von den drei Religiösen, welche an unserer Expedition Theil nahmen, hatten bereits grosse Reisen gemacht und das Zeichen des Kreuzes östlich vom Ganges im Reiche der Birmanen und in Thibet aufgepflanzt.

Um alle Schwierigkeiten zu umgehen, die vielleicht von der Regierung erhoben worden wären, hatte sich Fürst Seravalle der Vorsicht bedient, das Ziel seiner Reise als Guatemala zu bezeichnen, und die Bewohner von Leghorn glaubten seiner Angabe. Guatemala und Acapulco lagen jedoch weit südlich, als wir an dem Orte unserer Bestimmung anlangten.

Endlich war Alles vorbereitet. Mein Vater berief mich von der Propaganda ab — man schiffte zuletzt noch die Rebstöcke und so weiter ein und die Esmeralda trat ihre langweilige, keineswegs sichere Fahrt an.

Zweites Kapitel.

Ich war damals noch nicht dreizehn Jahre alt; aber trotz meiner Jugend hatte ich doch schon viele Reisen gemacht und jene Kenntnisse erworben, die man durch das Auge erlangt — vielleicht die beste Erziehung in den früheren Lebensperioden. Ich übergehe die Einförmigkeit einer Reise, bei der man fast eine Ewigkeit nichts als Himmel und Wasser sieht; sie ging glücklich von statten, denn ich kann mich nicht erinnern, dass wir je in irgend einer bedeutenden Gefahr geschwebt hätten.

Nach fünf Monaten erreichten wir die Küste und gelangten mit einiger Schwierigkeit in die Mündung eines Flusses, der in die Mündung der Trinity-Bay fällt, 41° nördlicher Breite und 124° 28′ Länge.

Wir ankerten ungefähr vier Meilen über der Mündung. Der Fluss liegt dort in der Mitte der Shoshonen-Küste und die Eingebornen besuchen ihn an jener Stelle bei ihren jährlichen Fischerstreifzügen. Zum Gedächtniss unserer Landung erhielt er von den Indianern den Namen: „Nu elejé sha wako“ oder Wegweiser der Fremden.

Die Landungsstelle bildete mehrere Wochen den Schauplatz einer seltsamen Rührigkeit. Der Fürst Seravalle war während seines früheren Aufenthalts als Krieger und Häuptling unter die Shoshonen aufgenommen worden, und jetzt kamen die Indianer schaarenweise aus dem Innern, um den Blassgesichts-Häuptling zu bewillkommnen, der seine rothen Kinder nicht vergessen hatte. Sie halfen uns das Schiff ausladen, versahen uns mit allen Arten von Wild und hatten unter Anweisung des Zimmermanns bald ein grosses Magazin erbaut, in welchem wir unsere Güter und Werkzeuge gegen die Einwirkungen des Wetters schützen konnten.

Sobald wir unsere Ladung untergebracht hatten, machten sich der Fürst und mein Vater, von den Häuptlingen und Aeltesten des Stammes begleitet, auf den Weg, um einen Ort für die Ansiedelung auszuwählen. Während ihrer Abwesenheit wurde ich der Obhut einer Häuptlings-Squaw anvertraut, deren drei hübsche Kinder meine Spielgefährten waren. Nach drei Wochen kehrte die Spähpartie wieder zurück; sie hatte an den westlichen Ufern des Buona-Ventura-Flusses einen Platz ausgelesen, der an dem Fusse eines hohen, kreisförmigen Gebirges lag, wo die verhärtete Lava und der verwitterte Schwefel, der das Gestein bedeckte, auf frühere vulkanische Ausbrüche hindeutete. Längs des Flusses standen hohe, als Bauholz taugliche Bäume, und ganz in der Nähe befanden sich ungeheure Kalksteinbrüche, während die kleineren Ströme einen Thon lieferten, aus welchem sich treffliche Ziegel fertigen liessen.

Die Spanier hatten schon früher diesen Ort besucht und dem Gebirge den Namen „St. Salvador“ gegeben; unsere Niederlassung erhielt jedoch ihre Benennung nach dem indianischen Namen des Fürsten und hiess „Nanawa ashta jueri ê,“ oder Wohnung des grossen Kriegers. Da unser Landungsplatz zur Zeit des Fischens von den Indianern häufig besucht wird, so beschloss man, auch hier ein viereckiges Fort, ein Magazin und ein Bootshaus zu errichten. Sechs oder sieben Monate war Alles in grosser Thätigkeit, als mit einemmal ein Umstand sich ereignete, der unsere Anstrengungen entmuthigte.

Obgleich es im ganzen Lande von Vieh wimmelt und einzelne Stämme, deren ich später erwähnen werde, grosse Heerden besitzen, so wissen die Shoshonen doch durchaus nichts von Viehzucht, deren sie auch recht wohl entrathen können, da ihr ausgebreitetes Gebiet alte Arten von Wild in grosser Menge birgt. Dies war jedoch dem Fürsten nicht genehm, da er einen Ehrgeiz darin suchte, unter dem Stamme Ackerbau und häuslichere Gewohnheiten einzuführen. Er schickte deshalb die Esmeralda ab, um von Monterey oder Santa Barbara Vieh beizuschaffen. Von dem Schiff wurde jedoch nichts mehr gehört. Die Mexikaner gaben an, sie hätten das Wrack eines Schiffes in der Nähe von Cap Mendocino bemerkt, was uns natürlich auf die Vermuthung brachte, dass die Trümmer unserer verunglückten Brigg angehörten.

Ihre Mannschaft war also gleichfalls zu Grunde gegangen, und wir empfanden den Verlust schwer. Sie hatte aus dem Kapitän, seinem Sohn und zwölf Matrosen bestanden; zugleich hatte man auch fünf Personen, die zu unserem Haushalt gehörten, mitgeschickt, um verschiedene Aufträge zu besorgen. Diese waren Giuseppe Polidori, der jüngste unserer Missionäre, einer unserer Büchsenmacher, ein Maurer und zwei italienische Bauern. So traurig übrigens auch diese Schickung war, war sie doch nicht im Stande, die Thätigkeit der Zurückgebliebenen zu mindern. Die Felder wurden gelichtet, Gärten angelegt, und mit der Zeit verwischte sich die Erinnerung an das schmerzliche Ereigniss in der Aussicht einer glücklichen Zukunft.

Sobald wir uns völlig eingerichtet hatten, wurde das Werk meiner Erziehung nach einem neuen Plane wieder aufgenommen, der übrigens viele Aehnlichkeit mit der Erziehungsmethode der Militärschulen in Frankreich hatte, sofern alle meine Freistunden auf Leibesübungen verwendet wurden. Den beiden trefflichen Missionären habe ich viel zu danken, und ich verbrachte mit ihnen manche angenehme Stunde.

Wir waren im Besitze einer sehr grossen und auserlesenen Bibliothek, und unter ihrer Leitung wurde ich bald mit den Künsten und Wissenschaften der civilisirten Welt vertraut. Ich studirte die allgemeine Geschichte, erhielt Unterricht im Lateinischen und Griechischen, und lernte auch bald mehrere neue Sprachen. Meine Lehrer behandelten mit mir vorzugsweise die Geschichte der alten Völker Asiens, um mich in den Stand zu setzen, ihre Theorien zu verstehen und ihren Lieblingsuntersuchungen über den Ursprung der grossen Ruinen im westlichen und mittleren Amerika folgen zu können, wobei meine geringen Kenntnisse, welche ich in der Propaganda vom Arabischen und der Sanscrit-Sprache gewonnen hatte, mit jedem Tage erweitert wurden..

Soviel über die Studien, die ich unter der Anleitung der guten Väter betrieb; der übrige Theil meiner Erziehung war ganz indianisch. Ich wurde der Obhut eines gefeierten alten Kriegers übergeben, der mich den Bogen, den Tomahawk und die Büchse brauchen, den Lasso werfen, das wildeste Pferd lenken und das unbändigste Fohlen zähmen lehrte. Hin und wieder erhielt ich auch Erlaubniss, die Eingebornen auf ihren Jagd- und Fischereiausflügen zu begleiten.

In dieser Weise fuhr ich mehr als drei Jahre lang fort, mich mit Kenntnissen der verschiedensten Art zu bereichern. In der Zwischenzeit erweiterte sich die Colonie allmählig, und es schien alle Aussicht vorhanden zu seyn, die wilden Shoshonen zu einem civilisirteren Leben heranzubilden.

Doch der Mensch denkt, Gott lenkt. Ein weiterer schwerer Schlag betraf den Fürsten, der alle seine Hoffnungen vernichtete. Nach dem Verlust des Schiffes hatten wir ausser den Missionären und uns selbst nur noch acht Weisse in der Colonie, und der Fürst beschloss, sieben davon auszuschicken, um den Einkauf des sehnlich erwünschten Viehes zu besorgen, indem er nur den alten Diener meines Vaters zurück behielt.

Sie traten ihre Sendung an, kehrten aber nicht wieder zurück. Wahrscheinlich wurden sie von Apaches-Indianern erschlagen, obgleich auch der Fall denkbar ist, dass sie uns, der bisherigen einfachen und gleichförmigen Lebensweise müde, verliessen, um sich in den entlegenen Städten Mexiko’s niederzulassen.

Diese zweite Katastrophe drückte schwer auf den Geist des guten alten Fürsten. Alle seine schönen Hoffnungen waren zu Grabe getragen und die Bilder, die er sich für den Abend seines Lebens ausgemalt hatte, für immer zernichtet. Er hatte seinen Stolz darein gesetzt, seine indianischen Freunde von ihrer wilden Lebensweise abzubringen, und dieses Ziel liess sich nur durch Handel und Ackerbau erringen.

Die Felder um die Ansiedlung herum waren nun bereits seit vier Jahren unter Anleitung der Weissen von den Weibern und jungen Indianern bebaut worden. Die Beschäftigung sagte ihnen zwar durchaus nicht zu, aber der Fürst gab die Hoffnung nicht auf, dass die Shoshonen, mit der Zeit durch das gute Beispiel belehrt, die Vortheile des Feldbaues einsehen und veranlasst werden dürften, das Land für sich selbst urbar zu machen.

Vor unserer Ankunft war der Winter für denjenigen Theil der Indianer, welcher nicht mit nach den Jagdgründen ziehen konnte, von grossen Entbehrungen begleitet gewesen, während es jetzt Mais, Kartoffeln und andere Vegetabilien in Fülle gab — wenigstens für die Umwohner der Ansiedelung. Sobald wir aber alle unsere weissen Ackerbauer und Werkleute verloren hatten, mussten wir die Entdeckung machen, dass die Indianer sich vor der Arbeit scheuten.

Alle unsere Bemühungen waren also nutzlos, denn ihre Vortheile zeigten sich noch nicht augenfällig genug, und die versuchte Umwandlung hatte zu kurz gedauert, so dass die guten, aber auch stolzen und trägen Shoshonen das Grabscheit wieder verliessen und in ihre alte Gleichgültigkeit zurückversanken.

Aergerlich über diesen Wechsel, beschlossen der Fürst und mein Vater, einen Aufruf an die ganze Nation ergehen zu lassen, ob man sie nicht vielleicht überzeugen könne, wie weit glücklicher sie seyn würden, wenn sie für ihren Unterhalt auch den Boden bebauten. Es wurde ein grosses Fest gegeben und das Calumet geraucht, worauf sich der Fürst erhob und die Indianer nach ihrer eigenen Weise anredete. Da ich kurze Zeit zuvor als Häuptling und Krieger anerkannt worden war, wohnte ich natürlich gleichfalls der Versammlung bei. Der Fürst sprach:

„Wollt ihr nicht die mächtigste Nation des Westens werden? Ihr wollt es. Wenn nun dies der Fall ist, so müsst ihr die Erde, eure Mutter, um ihren Beistand anflehen. Es ist wahr, dass eure Prairieen von Wild wimmeln, aber die Weiber und Kinder können euch nicht folgen auf dem Jagdpfade.

„Müssen nicht die Krähen, die Bonnaxes, die Flachköpfe und die Umbiquas den Winter über hungern? Sie haben keine Büffel in ihrem Lande und nur wenige Hirsche. Was haben sie zu essen? Ein paar magere Pferde, vielleicht einen Bären und das stinkende Fleisch der Fischotter oder Biber, welche sie in der geeigneten Jahreszeit mit Schlingen fangen.

„Würden sie sich nicht überglücklich schätzen, ihr Pelzwerk gegen den Mais, den Tabak und die guten getrockneten Fische der Shoshonen auszutauschen? Jetzt verkaufen sie ihre Felle an die Yankees, aber die Yankees bringen ihnen keine Nahrungsmittel. Die Flachköpfe nehmen das Feuerwasser und die Decken von Händlern, aber sie thun es nur deshalb, weil sie nichts Anderes bekommen können und ihre Felle verderben würden, wenn sie dieselben für sich behielten.

„Würden sie nicht lieber mit euch tauschen, da ihr ihnen viel näher seyd? Ihr würdet ihnen gute Nahrung geben, damit sie mit ihren Kindern den Winter über leben und während des langen Schnees, während der traurigen Monate der Dunkelheit ihre Weiber und Greise erhalten könnten.

„Wenn nun die Shoshonen für die Pelze Mais und Tabak geben könnten, so würden sie reich werden; sie erhielten die besten Sättel von Mexiko, die besten Büchsen von den Yankees, die besten Tomahawks und Decken von den Kanadiern. Wer könnte dann den Shoshonen widerstehen? Wenn sie jagen wollten, würden hunderte von den übrigeu Eingeborenen den Waldpfad für sie lichten oder mit ihren Händen das Gras ausraufen zu einem Weg in der Prairie. Ich habe gesprochen.“

Alle Indianer erkannten an, dass seine Rede gut sey und voll Weisheit; aber sie waren zu stolz, um zu arbeiten. Ein alter Häuptling antwortete daher für den ganzen Stamm:

„Nanawa Ashta ist ein grosser Häuptling; er ist tapfer! der Manitou spricht sanft zu seinen Ohren und lehrt ihn das Geheimniss, welches das Herz eines Kriegers gross oder klein macht. Aber Nanawa hat ein blasses Gesicht — sein Blut ist fremdes Blut, obgleich sein Herz stets ist bei seinen rothen Freunden. Doch nur der weisse Manitou spricht mit ihm, und wie vermöchte der weisse Manitou die Natur der Indianer zu kennen? Er hat sie nicht geschaffen, ruft sie nicht zu sich, gibt ihnen nichts, lässt sie arm und elend, und behält Alles für die Blassgesichter.

„Es ist auch ganz Recht, dass er so handelt. Der Panther wird nicht säugen das Junge der Hirschkuh, noch wird der Falke sitzen auf den Eiern der Taube. Es ist Leben, es ist Ordnung, es ist Natur. Jeder hat für die Seinigen zu sorgen, für weiter nicht. Mais ist gut, Tabak ist gut, er erfreut das Herz der alten Männer, wenn sie betrübt sind. Tabak ist das Geschenk der Häuptlinge an die Häuptlinge. Das Calumet spricht von Krieg und Tod; es spricht aber auch von Frieden und Freundschaft. Der Manitou machte den Tabak ausdrücklich für den Menschen — er ist gut.

„Aber Mais und Tabak müssen von der Erde genommen werden; man muss sie bewachen viele Monde, und sie pflegen wie Kinder. Dies ist eine Arbeit, die nur für Weiber und Sklaven passt. Die Shoshonen sind Krieger und frei. Wollten sie in der Erde graben, so würde ihr Gesicht schwach werden, und ihre Feinde würden sagen, sie seyen Maulwürfe und Dächse.

„Wünscht der gerechte Nanawa, dass die Shoshonen verachtet werden von den Krähen oder den Reitern im Süden? Nein! er hat gefochten für sie, ehe er hinging, um zu sehen, ob die Gebeine seiner Bäter wohlbehalten seyen; und gab er ihnen nicht nach seiner Rückkehr Büchsen und Pulver, lange Netze, um den Salm zu fangen, und Eisen in Menge, um ihre Pfeile für die Büffel ebenso fruchtbar zu machen, als für die Umbiquas?

„Nanawa spricht gut, denn er liebt seine Kinder; aber der Geist, der zu ihm flüstert, ist ein Blassgesichtsgeist, der nicht zu sehen vermag unter die Haut eines rothen Kriegers, denn sie ist zu zäh: auch nicht in sein Blut, denn es ist zu dunkel.

„Und doch ist der Tabak gut, desgleichen auch der Mais. Die Jäger der Flachköpfe und der durchbohrten Nasen würden im Winter kommen und darum betteln. Ihre Felle würden die Hütten der Shoshonen erwärmen und mein Volk würde reich werden und mächtig; sie könnten sich zu Herren machen über das ganze Land, von dem Salzwasser bis zu dem grossen Gebirge, und die Hirsche kämen, um ihre Hände zu lecken, und die wilden Pferde würden weiden um ihre Wigwams. Dies ist die Weise, wie die Blassgesichter reich und stark werden; sie pflanzen Mais, Tabak und süsse Melonen; sie haben Bäume, die Feigen und Pfirsiche tragen; sie mästen Schweine und Ziegen und zahme Büffel. Sie sind ein grosses Volk.

„Ein Rothhautkrieger ist nichts als ein Krieger; er ist stark, aber arm; er ist kein Murmelthier, kein Dachs oder ein Präriehund; er kann nicht den Boden aufgraben; er ist ein Krieger und weiter nichts. Ich habe gesprochen.“

Natürlich stand der Ton, in welchem diese Rede gehalten war, zu sehr im Einklange mit den Vorstellungen der Indianer, um nicht mit Bewunderung aufgenommen zu werden. Der alte Mann setzte sich nieder, worauf sich ein Anderer erhob, um gleichfalls zu sprechen:

„Der grosse Häuptling hat gesprochen; sein Haar ist weiss wie der Flaum des Schwans; seiner Winter sind viele gewesen; er ist weise. Warum sollte ich nach ihm sprechen, da seine Worte wahr sind? Der Manitou hat meine Ohren und meine Augen berührt, als er redete (und er redete wie ein Krieger); ich hörte sein Kriegsgeschrei. Ich sah die Umbiquas in die Sümpfe eilen und wie schwarze Schlangen sich unter das Gebüsch verkriechen. Ich erspähte dreissig Skalps an seinem Gürtel; seine Beinkleider und Moccassins waren genäht mit dem Haar der Wallah Wallahs.1)

„Ich sollte nicht sprechen; ich bin noch jung und habe keine Weisheit; meine Worte sind wenig, ich sollte nicht sprechen. Aber in meinem Gesichte hörte ich einen Geist; er kam herauf mit den Lüften und drang in mein Inneres.

„Nanawa ist mein Vater, der Vater von uns Allen; er liebt uns, wir sind seine Kinder. Er hat einen grossen Krieger der Blassgesichter mit sich gebracht, der ein mächtiger Häuptling war in seinem Stamme; er hat uns einen jungen Häuptling gegeben, der ein grosser Jäger ist; in wenigen Jahren wird er ein grosser Krieger seyn und unsere Jünglinge in den Kriegspfad führen auf die Ebenen der Wachinangoes.2) Der Owato Wanisha3) ist ein Shoshone, obgleich seine Haut blässer ist, als die Blüthe der Magnolie.

„Nanawa hat uns auch zwei Makota Konayas4) gegeben, unsere Jünglinge Weisheit zu lehren; ihre Worte sind süss, sie sprechen zum Herzen; sie wissen Alles und machen die Menschen besser.

„Nanawa ist ein grosser Häuptling und sehr weise; was er sagt, ist recht — was er wünscht, muss geschehen, denn er ist unser Vater und gab uns Kraft, unsere Feinde zu bekämpfen.

„Er hat Recht: die Shoshonen müssen ihre Wohnungen gefüllt haben mit Mais und Tabak. Die Shoshonen müssen stets bleiben, was sie sind und was sie waren — ein grosses Volk. Doch der Häuptling von vielen Wintern hat es gesagt; die Igel und die Füchse mögen die Erde aufwühlen, aber die Augen der Shoshonen sind immer ihren Feinden zugekehrt in den Wäldern oder den Büffeln in den Ebenen.

„Dennoch soll der Wille von Nanawa geschehen, aber nicht durch einen Shoshonen. Wir wollen ihm geben genug Weiber und Hunde; wir wollen ihm Sklaven bringen von den Umbiquas, den Cayusen und den Wallah Wallahs. Sie sollen den Mais und den Tabak pflegen, während wir jagen oder weitere Sklaven holen, sogar bis in den grossen Gebirgen, oder bei den Hunden des Südens, den Wachinangoes. Ich will die Cochenille5) schicken meinen jungen Kriegern; sie werden ihr Gesicht bemalen und mir folgen auf den Kriegspfad. Ich habe gesprochen!“

Ein solches Ende hatten die Hoffnungen, das wilde Volk, unter dem wir lebten, zum Ackerbau heranzubilden; es nahm mich übrigens nicht Wunder; denn so, wie sie waren, fühlten sie sich glücklich. Was hatten sie auch sonst noch nöthig ausser ihren reinlichen, kegelförmigen Hütten aus Fellen, ihrem guten, gemächlichen und hübschen Anzug, und ihren hübschen, tugendhaften und treuen Weibern? Hattten sie nicht ein unbegränztes Feld auf den Prairieen vor sich? Waren sie nicht die Herren über Millionen von Elendthieren und Büffeln? — Sie bedurften nichts, als Tabak. Und doch war es Schade, dass es uns nicht gelang, ihnen Geschmack an der Civilisation beizubringen. Sie waren von Natur Gentlemen — wie überhaupt fast alle Indianer, wenn sie nicht dem Trinken ergeben sind, hatten eine sehr gute Erziehung und trugen das unzweideutige Siegel des Adels auf ihrer Stirne.

Die Berathung wurde abgebrochen, da sowohl die christlichen als politischen Grundsätze des Fürsten Seravalle unmöglich dem Gedanken Raum geben konnten, die Sklaverei auszudehnen. Er beugte sich demüthig unter den Willen der Vorsehung und bemühte sich, durch andere Mittel das hohe Ziel zu erreichen, den Geist dieser reinen, edlen Wilden zu erleuchten.

Drittes Kapitel.

Diese zeitweilige Auflösung unserer landwirtschaftlichen Niederlassung fiel in’s Jahr 1838. Bis dahin hatte ich, die letzten paar Monate ausgenommen, meine Zeit ausschliesslich unter meine civilisirten und uncivilisirten Lehrer getheilt. Trotz meiner besseren Bildung war ich aber doch ein Indianer, nicht nur in meinem Anzuge, sondern auch in meinem Herzen.

Ich habe bereits erwähnt, dass ich bei der von dem Fürsten zusammenberufenen Berathung anwesend war, da ich bereits unter die Häuplinge gehörte, obgleich ich erst siebenzehn Jahre zählte. Meine Aufnahme wurde durch folgenden Fall veranlasst.

Als wir Kunde von der Ermordung oder dem Verschwinden der sieben Weissen erhielten, welche der Fürst zu Beischaffung von Vieh nach Monterey geschickt hatte, wurde ein Haufen abgesandt, um der Spur der Vermissten zu folgen und auszukundschaften, was aus ihnen geworden sey. Auf meine Bitte wurde der Befehl über diesen Streifzug mir anvertraut.

Wir setzten über die Buona-Ventura und verfolgten die Fährte unserer Weissen zweihundert Meilen weit aufwärts; nun aber verloren wir dieselbe und fanden mit einemmale unser nur aus fünfzehn Mann bestehendes Häuflein von ungefähr achtzig Krähen, unsern unversöhnlichen Feinden, umringt.

Durch List gelang es uns, nicht nur durchzubrechen, sondern auch sieben der Gegner zu überrumpeln. Meine Begleiter wollten sie auf der Stelle tödten, was ich aber nicht zugab; wir banden sie daher auf ihre eigenen Pferde fest und beeilten uns, so gut wir konnten, obschon die Krähen uns entdeckt hatten und Jagd auf uns machten. Wir hatten fünfzehn Tage zu reisen, bis wir wieder in der Heimath anlangten, und wurden von einem Feinde verfolgt, der uns an Zahl sieben- oder achtmal überlegen war. Durch listige Wendungen, bei denen ich nicht verweilen will, und die Güte unserer Pferde gelang es uns, ihnen zu entwischen und unsere Gefangenen wohlbehalten in die Ansiedelung zu bringen. Zum Kampfe war es nun allerdings nicht gekommen, aber Gewandtheit gilt gleichfalls als eine gute Eigenschaft. Ich wurde daher bei meiner Rückkehr unter die Häuptlinge aufgenommen und erhielt den indianischen Namen Owato Wanisha oder Geist des Bibers, durch den meine Schlauheit und Hurtigkeit angedeutet werden sollte. Damit jedoch der Rang eines Kriegerhäuptlings auf mich übertragen werden könne, war es durchaus nöthig, dass ich mich auf dem Schlachtfelde ausgezeichnet hatte.

Ehe ich in meiner Erzählung fortfahre, muss ich Einiges über meine Lehrer, die Missionäre, bemerken. Der Jüngste davon, Polidori, ging mit der Esmeralda zu Grunde, als er von Monterey Vieh holen wollte; die Anderen waren der Padre Marini und Padre Antonio — beide sehr talentvolle und gelehrte Männer. In den asiatischen Sprachen waren sie ungemein bewandert, und mit Entzücken folgte ich ihren Untersuchungen und den verschiedenen Theorien, welche sie in Betreff einer frühen Auswanderung der Indianer über das stille Weltmeer aufstellten.

Beide waren geborene Italiener. Sie hatten viele Jahre unter den westlich vom Ganges wohnenden Völkern zugebracht und waren in ihrem vorgerückten Lebensalter nach dem sonnigen Italien zurückgekommen, um in der Nähe des Ortes zu sterben, wo sie einst als Kinder spielten. Als sie jedoch mit dem Fürsten Seravalle zusammentrafen und von den wilden Stämmen hörten, unter denen er gelebt hatte, so hielten sie es für ihre Pflicht, denselben das Evangelium zu bringen und sie zu unterrichten.

So traten diese edlen Männer — alt, hinfällig und mit einem Fusse schon im Grabe — auf’s Neue der Mühesal und Gefahr entgegen, um unter den Indianern die Religien der Liebe und des Erbarmens zu verbreiten, deren Dienste sie sich geweiht hatten.

Bei den Shoshonen waren jedoch ihre Bekehrungsversuche vergeblich, denn die Indianer haben einen ganz eigenen Charakter. Falls sie nicht leidend sind oder unterdrückt werden, mögen sie auf das nicht hören, was sie „die glatten Honigworte der Blassgesichtweisen“ nennen, und wenn es doch einmal geschieht, so fechten sie jedes Dogma, jeden Glaubenspunkt an und bleiben unüberzeugt. Die Missionäre beschränkten sich deshalb mit der Zeit darauf, Werke der Barmherzigkeit zu üben, indem sie durch ihre ärztlichen Kenntnisse den Kranken Beistand leisteten und durch moralische Lehren den ungestümen, bisweilen grausamen Charakter dieses wilden, ununterrichteten Volkes milderten.

Zu den Vortheilen, welche die Shoshonen unseren Missionären verdankten, gehörte auch die Einführung der Vaccination. Anfangs waren sie freilich sehr misstrauisch dagegen und leisteten sogar heftigen Widerstand; endlich gewann aber doch die Einsicht der Indianer die Oberhand, und ich glaube nicht, dass nach unserer Ansiedelung auch nur Ein Shoshone geboren wurde, ohne dass ihm die Kuhpocken eingeimpft worden wären. Die Padres Marini und Polidori unterwiesen die eingebornen Heilkünstler in dem Verfahren, das jetzt allenthalben geübt wird.

Ich kann hierorts die Geschichte der wackern Missionäre zu Ende bringen. Als ich einen Streifzug nach Monterey machte, dessen Einzelnheiten ich demnächst angeben werde, wurde ich von Padre Marini begleitet; denn da ihm sein Bekehrungsgeschäft unter den Shoshonen nicht glücken wollte, so glaubte er in den spanifchen Ansiedelungen von Californien nützlich werden zu können. Bald nach unserer Ankunft zu Monterey trennten wir uns, und ich habe seither nichts mehr von ihm gesehen oder gehört, obgleich ich noch Gelegenheit haben werde, aus Anlass unserer Reise nach dieser Stadt und unseres dortigen Aufenthalts von ihm zu sprechen.

Der Andere, Padre Antonio, starb in der Ansiedelung vor meinem Zuge nach Monterey, und die Indianer bewahren noch jetzt seine Kleidung, sein Messbuch und ein Cruzifix als die Reliquien eines edeln Mannes. Der arme Padre Antonio! Ich hätte wohl die Geschichte seines früheren Lebens kennen mögen. Auf seinen Zügen lag der Stempel einer tiefen Schwermuth; es mochte ihr wohl irgend ein herzbrechender Kummer zu Grunde liegen, den die Religion zwar zu mildern, aber nicht zu beseitigen im Stande war.

Nach seinem Tode nahm ich Einsicht von seinem Messbuch. Die weissen Blätter waren vorn und hinten mit frommen Betrachtungen beschrieben, enthielten aber ausserdem noch ein paar Worte, welche über eine gewisse Periode seines Lebens mehr sagten, als ganze Bände. Die ersten Worte lauteten: „Julia, obiit, A. D. 1799. Virgo purissima, Maris stella. Ora pro me.“ Auf dem folgenden Blatte stand: „Antonio de Campestrina, Convient. Dominicum. In Roma, A. D. 1800.“

Er war alfo nach dem Tode eines ihm theuren Wesens in’s Kloster gegangeu — vielleicht seine erste und einzige Liebe. Der arme Mann! wie oft habe ich nicht grosse Thränen über seine welken Wangen niederrinnen sehen! Doch er ist heimgegangen und sein Kummer ruht im Grabe. Auf der letzten Seite des Messbuches befanden sich ebenfalls zwei Linien von zitternder Hand — wahrscheinlich kurz vor seinem Tode geschrieben: „J, nunc anima anceps; sitque tibi Deus misericors.“

Trotz des bisherigen Fehlschlagens gab der Fürst Seravalle seine Plane dennoch nicht auf. Dem Rathe meines Vaters zufolge wollte man nun versuchen, einige Mexikaner und Canadier herbeizuziehen, damit sie dem Feldbau neuen Aufschwung gäben; denn ich darf hier wohl bemerken, dass sowohl der Fürst, als mein Vater, längst den Entschluss gefasst hatten, unter den Indianern zu leben und zu sterben.

Dieser Auftrag sollte durch mich zur Ausführung gebracht werden. Es stand mir ein langer Ausflug bevor, denn wenn es mir in Monterey nicht gelang, meinen Zweck zu erreichen, so sollte ich entweder mit einer Partie von Apaches-Indianern, die mit den Shoshonen stets im Frieden lebten, oder mit einer der mexikanischen Karavanen nach Santa Fé gehen.

In Santa Fé gab es stets eine grosse Anzahl von Franzosen oder Canadiern, die alljährlich im Auftrage der Pelzwerk-Kompagnien von Saint Louis herkamen, so dass wir einige Aussicht hatten, Leute für uns zu gewinnen. Wären meine Bemühungen jedoch fruchtlos, so sollte ich, da ich dann bereits zu weit gegangen sey, um allein zurückkehren zu können, mit den Pelzhändlern von Santa Fé auf dem Mississippi nach St. Louis ziehen, dort einige werthvolle Juwelen verkaufen, Leute zu Bildung einer starken Karavane miethen und auf der Astoria-Fährte unsere Ansiedelung wieder aufsuchen.

Da übrigens meine Abenteuer so zu sagen erst mit dem Antreten dieser Sendung beginnen, so will ich, ehe ich die Geschichte derselben gebe, den Leser einen Blick in die Geschichte und Ueberlieferungen der Shoshonen oder Schlangenindianer thun lassen, unter denen ich trotz meiner Jugend doch schon zu Rang und Würden gelangt war.

Viertes Kapitel.

Die Shoshonen oder Schlangenindianer sind ein tapferes und zahlreiches Volk; sie bewohnen einen grossen und schönen Landstrich, der von Osteu nach Westen fünfhundertundvierzig und von Norden nach Süden beinahe dreihundert Meilen breit ist. Ihr Gebiet liegt zwischen 38° und 43° nördlicher Breite und erstreckt sich von 116° westlich von Greenwich bis zu den Küsten des stillen Meltmeers, also nahe bis zu 125° westlicher Länge. Das Land ist reich und fruchtbar, namentlich in der Nähe der zahlreichen Ströme, wo der Boden bisweilen eine tiefrothe, an andern Stellen aber eine ganz schwarze Farbe hat. An Abwechslung fehlt es nicht, und obgleich der grösste Theil unter die Klasse der sogenannten wellenförmigen Prairieen gehört, so gibt es doch auch sehr viel Waldung, namentlich an den Flüssen und in den Niederungen, während die Landschaft überhaupt malerisch wird durch die zahlreichen, phantastisch gestalteten Gebirge, die durchaus nicht mit einander zusammenhängen und schon vermöge ihrer ursprünglichen Formationen grosse Verschiedenheit bieten.

Fast überall findet man Massen von gediegenem Kupfer, und zwischen zwei Bergketten, die sich parallel von den Flüssen Buona-Ventura und Calumet in westlicher Richtung hinziehen, sind nur zwei oder drei Fuss unter der Oberfläche reiche Lagen von Bleiglanz. Schwefel und Magnesia liefern die nördlichen Districte in Fülle, während in dem Sand der südlichen Flüsse Goldstaub vorkömmt, der gelegentlich von den Indianern gesammelt wird. Das Land wird von drei edlen Strömen durchzogen — der Buona-Ventura, dem Calumet und dem Nu-elije-sha-wako oder Fremdenfluss, während zwanzig kleinere Flüsse mit ungestümem Geräusch von den Gebirgen herabstürzen, bis sie in die Prairieen eintreten, wo sie glatt in langen Schlangenlinien zwischen blumigten Ufern und unter dem dichten Laubwerk der westlichen Magnolie hingleiten. Die Ebenen sind, wie bereits bemerkt, sanft wellenförmig und bilden vortreffliche, natürliche Weiden von Moskitogras, blauem Gras und Klee, auf welchen sich zahlreiche Heerden von Büffeln und Mustangs oder wilden Pferden in ruhiger Sicherheit nähren, aus der sie nur zur Jagdjahreszeit aufgeschreckt werden.

Die Shoshonen6) sind ohne Frage ein sehr altes Volk. Es würde unmöglich seyn, zu sagen, wie lange sie sich schon in diesem Theile des Festlandes niedergelassen haben. Der Schnitt ihres Gesichtes deutet auf asiatischen Ursprung und ihre zierliche, bilderreiche Redeweise erinnert an die anmuthige Abwechslung von Sadis herrlichsten Gedichten.

Ein Beleg von ihrem Alter und fremden Ursprunge gibt der Umstand, dass nur wenige ihrer Ueberlieferungen sich auf ihre dermaligen Wohnplätze beziehen, sondern auf Länder jenseits des Meeres hindeuten, wo ewiger Sommer herrscht, die Bevölkerung zahllos ist und die Städte aus grossen Palästen bestehen, die, ähnlich den Ueberlieferungen der Hindus, „lange vor der Schöpfung des Menschen von guten Geistern gebaut wurden“.

Es unterliegt keinem Zweifel, und ist auch von den übrigen Stämmen zugegeben, dass die Shoshonen den Urstamm der Comanches, Arrapahoes und Apaches, dieser Beduinen der mexikanischen Wüsten, bilden. Sie sprechen alle dieselbe schöne und harmonische Sprache, haben die gleichen Ueberlieferungen und zerfielen erst so kürzlich in ihre Unterabtheilungen, dass sie die Perioden der Trennung mit verschiedenen Ereignissen der spanischen Binnenland-Eroberungen im nördlichen Theile von Sonora in Verbindung bringen können.

Es ist nicht meine Absicht, lange bei speculativen Theorien zu verweilen; indess muss ich doch bemerken, dass Ueberlieferungen, denen man Vertrauen schenken darf, von Nationen oder Stämmen ausgehen müssen, welche durch unvordenkliche Zeiten feste Wohnsitze gehabt haben. Dass das nördliche Festland Amerikas zuerst von Asien aus bevölkert wurde, kann wohl nur wenig beanstandet werden, und wenn dies der Fall ist, so liegt die Voraussetzung nahe, dass diejenigen, welche zuerst herüberkamen, die vordersten und passendsten Gebiete einnahmen. Die Einwanderer, welche nach ihrer Landung auf ein Clima und einen Strich, wie in Californien, trafen, brachen wahrscheinlich nicht wieder auf, um einen besseren zu suchen. Dass ein Aehnliches auch bei den Shoshonen der Fall war, dass sie Abkömmlinge der frühestesten Einwanderer sind und dass sie nie das Gebiet verliessen, wo sich ihre Vorfahren angesiedelt hatten, wird durch alle ihre Traditionen bestätigt.

Gegen die Berichte, welche Missionäre und Reisende über eine wenig bekannte Volksraçe erstatten, müssen wir vorsichtig seyn, da sie selten mit den besseren und höheren Classen, welche geeignete Auskunft zu ertheilen wissen, in Berührung kommen. Sichere Kenntnisse werden weniger dadurch, dass man ihren Stamm aufgenommen, sondern vornehmlich durch den Umstand gewonnen, dass man als Häuptling in ihre Aristokratie eintritt.

Setzen wir den Fall, dass ein Fremder nach Wapping oder an einen andern englischen Ort käme und die nächsten Besten über die Religion, die Gesetze und die Geschäfte von England ausfragen wollte, so würde er nur sehr ungenügende Berichte erhalten; in ähnlicher Weise verhält es sich mit den Missionären und Reisenden unter diesen Nationen, die nur selten weiteren Zutritt erhalten. Unter den besseren Classen der Indianer müssen wir also Auskunft über ihre Geschichte, ihre Ueberlieferungen und ihre Gesetze suchen, und was ihre Religion betrifft, so wird ein Fremder nie in ihre Lehrsätze eingeweiht werden, wenn er nicht in früher Jugend unter das Volk selbst geräth und ein Angehöriger desselben wird.

Mögen die Missionäre in den Berichten an ihre Gesellschaften sagen, was sie wollen, so machen sie doch keine Bekehrungen, etwa die geheuchelte eines landstreicherischen Trunkenboldes ausgenommen, und derartige Menschen gehören ohnehin schon zu den Auswürflingen ihrer Stämme.

Die Ueberlieferungen der Shoshonen bestätigen vollkommen meine Annahme, dass ihre Altvorderen zu den frühesten asiatischen Einwanderern gehörten; sie berühren die Geschichte späterer Wanderzüge, gegen welchen die ersten Ansiedler einen schweren Kampf zu bestehen hatten, um ihre Gebiete zu behaupten, sprechen von der Zerstreuung der neuen Emigranten nach Norden und Süden und geben Bericht über die Ausbreitung der Bevölkerung, wodurch einzelne Theile der Stämme veranlasst wurden, weiter im Osten ihr Auskommen zu suchen.

Wie sich erwarten lässt, finden wir, dass die Traditionen der östlichen Stämme, welche hin und wieder vor ihrem Erlöschen gesammelt wurden, unbedeutend und abgeschmackt sind. Der Grund liegt darin, dass sie nach dem Osten gedrängt wurden und dort auf andere Indianerstämme trafen, welche vor ihnen nach diesen Gegenden vertrieben wurden und sich bereits dort angesiedelt hatten; so begann denn alsbald ein Leben voll anhaltender Feindseligkeit und beharrlichen Wechsels der Wohnstätte. Wenn aber ein Volk durch viele Generationen hindurch unausgesetzt Krieg führt und wandert, so liegt die Annahme ganz nahe, dass ein so bewegtes Leben der Fortpflanzung von Volkssagen keinen Raum gibt und letztere am Ende für den Stamm verloren gehen müssen.

Wenn wir also nach zuverlässigen Berichten forschen wollen, müssen wir sie dort suchen, wo die Bevölkerung seit unvordenklichen Zeiten ihre Wohnstätte nicht gewechselt hat, und um eine wahrscheinliche Geschichte dieser grossen, kriegerischen Völker, ihrer Erhebung und ihres Falles zu schreiben, hat man die Thatsachen im Südwesten des Oregon, desgleichen in den nördlichen Theilen von Californien und Sonora zu sammeln. Die westlichen Apachen oder die Shoshonen bieten mit ihren Alterthümern und den Trümmern eines entschwundenen Ruhmes dem forschenden Geiste ein ergreifendes Interesse, während in ihrer bilderreichen Ausdrucksweise derjenige, welcher in den asiatischen Sprachen bewandert ist, leicht den alten Ursprung entdecken wird.

Es ist merkwürdig, wie allgemein sich Ueberlieferungen unter Nationen verbreiten, welche die Wohlthat der Buchdruckerkunst entbehren. Auch in Europa war zuverlässig vor dieser grossen Entdeckung die grosse Masse weit besser mit ihrer alten Geschichte vertraut, als es in unsern Tagen der Fall ist, denn damals gingen die Ueberlieferungen von Familie zu Familie über; es war die geheiligte Pflicht eines jeden Hausvaters, sie ebenso unverfälscht seinem Sohne mitzutheilen, als sie von seinen Vorfahren auf ihn gekommen waren. Ebenso verhält sich’s bei den Indianern, welche in einer langen Periode ihre Heimath nicht gewechselt haben. Während der Jagdjahreszeit, in den langen Abenden des Februars, theileu die Stammältesten den jungen Kriegern alle ihre geschichtlichen Ueberlieferungen mit, und würde ein Gelehrter einer derartigen „Vorlesung über die Vergangenheit“ anwohnen, so müsste er zugeben, dass in Harmonie, Beredtsamkeit und logischem Vortrage ein Rothhautredner nicht leicht zu übertreffen ist.

Die Shoshonen besitzen klare Hindeutungen auf die fernen Länder, aus denen sie eingewandert sind. Ueber die Zeit dieses Ereignisses schweigen sie; indess müssen sie doch unter die ersten Ankömmlinge gehört haben, denn sie schildern mit grosser topograpischer Genauigkeit all’ die blutigen Kämpfe, welche sie gegen spätere Einwanderer zu bestehen hatten. Oft geschlagen, wurden sie dennoch nie erobert und haben stets den Boden behauptet, den sie von Anfang an für sich ausgelesen.

Ungleich den grossen Familien der Dahcotahs und Algonquins, welche noch die vorherrschenden Züge der wandernden Nationen im südwestlichen Asien bewahren, scheinen die Shoshonen in allen Perioden ein kriegerisches Volk gewesen zu seyn, das jedoch nie seinen Wohnsitz wechselte. Reich waren sie nie, und ebenso wenig befanden sie sich je im Besitz sonderlicher Kenntniss von Künsten und Wissenschaften. Ihre Traditionen über die frühere Heimath sprechen von reichen, gebirgigen Gegenden mit balsamischen Lüften und Bäumen, welche schöne und süsse Früchte trugen; wenn sie aber grosse Städte, Paläste, Tempel und Gärten berühren, so geschieht es stets in Beziehung auf andere Nationen, mit welchen sie in beharrlichem Kriege lebten; daraus möchten wir schliessen, dass sie Abkömmlinge der Mantschu-Tartaren sind.

Zu beiden Seiten der Buona-Ventura liegen auf ihrem Gebiete viele grossartige Ueberreste zerstörter Städte; obgleich nun diese mit einer früheren Periode ihrer Geschichte im Zusammenhange stehen, wurden sie doch nicht von den Shoshonen erbaut.

Die Fontainen, die Aquäducte, die grossen Kuppelgebäude und die langen anmuthigen Obelisken, die an dem Fusse massenhafter Pyramiden in die Höhe steigen, deuten unzweifelhaft auf die lange Anwesenheit eines sehr civilisirten Volkes; auch mögen die Berichte der Shoshonen über diese geheimnissvollen Ueberreste dem Forscher als Schlüssel zu der merkwürdigen Thatsache dienen, dass tausend ähnliche Ruinen überall auf dem ganzen amerikanischen Festlande gefunden werden. Ich gebe im Nachstehenden eine Schilderung von Ereignissen aus einer sehr ferneren Periode, wie sie von einem alten, weisen Shoshonen während der Jagdjahreszeit in den Prairie-Abendlagern erzählt wurde:

„Es ist schon lange, lange her — als die Pferde noch unbekannt waren in Lande7) und bloss der Büffel die weiten Ebenen durchstreifte; damals gab es noch riesige, schreckliche Ungeheuer. Die Zugänge zu den Bergen und Forsten wurden von den bösen Geistern gehütet,8) während die Seeküste, von ungeheuren Eideren bewohnt,9) oft der Schauplatz schrecklicher Kämpfe war zwischem dem Menschen, dem ältesten Sohne des Lichts, und den gewaltigen Kindern der Nacht und der Finsterniss. Damals hatte auch das Land, in dem wir jetzt leben, eine andere Gestalt. Funkelnde Steine wurden in den Flüssen gefunden; die Gebirge hatten noch nicht ausgespieen ihre glühenden Eingeweide und der grosse Herr des Lebens zürnte noch nicht mit seinen rothen Kindern.

„In einem Sommer — und es war ein schrecklicher — blieb der Mond (das heisst die Sonne) lange Zeit stehen; er war von rother Blutfarbe und gab weder Nacht noch Tag. Takwantona, der Geist des Bösen, hatte die Natur überwunden und die weisen Männer der Shoshonen sagten viel schweres Unglück voraus. Die grossen Aerzte erklärten, dass das Land bald getränkt werden würde mit dem Blute seines Volkes. Sie baten umsonst und opferten, gleichfalls ohne Erfolg, zweihundert ihrer schönsten Jungfrauen auf den Altären des Takwantona. Der böse Geist lachte und antwortete ihnen nur mit seinem zerstörenden Donner. Die Erde bebte und riss entzwei; die Wasser hörten auf, in den Flussbetten zu strömen, und grosse Massen von Feuer und brennendem Schwefel wälzten sich von den Gebirgen herunter, Tod und Entsetzen mit sich bringend. Wie lange dies währte, welcher Lebende vermöchte es zu sagen? Da stand der blutige Mond — es war weder Licht noch Dunkel, und wie hätte der Mensch Zeit und Jahreszeit unterscheiden können? Es dauerte vielleicht nur das Leben eines Wurms, vielleicht aber auch das lange Alter einer Schlange.

„Der Kampf war furchtbar, aber endlich zerbrach der gute Herr des Lebens seine Fesseln. Die Sonne schien wieder. Es war zu spät! Die Shoshonen lagen im Staube und ihr Herz war klein geworden. Sie waren arm und hatten keine Wohnungen; sie waren wie der Hirsch in den Prairieen, gehetzt von dem hungrigen Panther.

„Und ein fremdes, zahlreiches Volk landete an den Ufern des Meeres. Es war reich und stark, deshalb machte es die Shoshonen zu seinen Sklaven und baute grosse Städte, wo es seine ganze Zeit zubrachte. Menschenalter verschwanden. Die Shoshonen waren Weiber — sie jagten für die mächtigen Fremden; sie waren Lastvieh, denn sie schleppten Holz und Wasser zu ihren grossen Wigwams; sie mussten fischen für ihre Herren, während sie selbst hungerten in der Mitte des Ueberflusses. Wieder entschwanden Menschenalter. Die Shoshonen konnten es nicht mehr ertragen, sondern entliefen in die Wälder, auf’s Gebirge und an die Küsten des Meeres. Und siehe! der grosse Vater des Lebens lächelte ihnen wieder; die bösen Geister wurden alle zerstört und die Ungeheuer in den Sand begraben.

„Sie wurden bald stark und grosse Krieger; sie griffen die Fremden an, zerstörten ihre Städte und trieben sie wie Büffel, weit nach dem Süden, wo die Sonne immer brennt, und von wo aus sie nicht mehr zurückkehrten.

„Seit dieser Zeit sind die Shoshonen ein grosses Volk gewesen. Oft und vielmal sind wieder Fremde gekommen, aber sie waren arm und klein an Zahl, konnten also leicht getrieben werden nach dem Osten und Norden in die Länder der Krähen, der Flachköpfe, der Wallah-Wallahs und der Jal-Alla-Pujees (der Calapusen).“

Ich habe diese Tradition aus Vielen gewählt, da sie, die bildliche Ausschmückung abgerechnet, einen sehr richtigen Leitfaden für die Geschichte der Shoshonen in früheren Perioden zu geben scheint. Sogar der Umstand des Zugeständnisses, dass sie eine Zeit lang Sklaven jener Volksraçe waren, welche die Städte bauten, deren Trümmer noch jetzt Zeugniss ablegen von ihrer Grösse — bildet einen kräftigen Beweis für die Verlässlichkeit der Angabe im Allgemeinen. Auf die gegenwärtigen Shoshonen und ihre Gebräuche werde ich in einem spätern Theile meiner Erzählung zurückkommen

Fünftes Kapitel.

Sobald Alles vorbereitet war, erhielt ich meine schliesslichen Weisungen, nebst Briefen an den Gouverneur von Monterey, denen noch ein schwerer Beutel von Dublonen für meine Ausgaben beigefügt war. Ich verabschiedete mich von dem Fürsten und meinem Vater, schiffte mich mit sechs wohlbewaffneten Indianern und dem Padre Marini in einem langen Kanoe auf der Buona-Ventura ein, wurde von der Strömung fortgetragen und verlor bald unsere einsame Ansiedelung aus dem Gesichte.

Wir mussten dem Strome folgen bis zu den südlichen Seen der Buona Ventura, wo wir unsere Indianer entliessen und uns einigen Halbzucht-Wachinangoes anschlossen, welche in den Prairieen Mustangs, oder wilde Pferde, gefangen hatten und nun mit denselben nach Monterey zürückkehrten.

Der Ausflug war wunderschön. Der Frühling hatte eben begonnen und beide Flussufer waren mit Immergrün bekleidet; das Gras wuchs üppig und in allen Richtungen sahen wir ungeheure Heerden von Büffeln und wilden Pferden weiden. Bisweilen galoppirte ein edler Hengst mit fliegender Mähne und wehendem Schweife bis an’s Wasser herunter und sah uns nach, als sey er neugierig, unsere Absichten zu erfahren; hatte er uns dann zur Genüge beaugenscheinigt, so kehrte er langsam wieder zurück, aber dennoch von Zeit zu Zeit nach uns hinsehend, wie wenn er doch noch nicht ganz überzeugt wäre, ob uns zu trauen sey.

In der dritten Nacht lagerten wir an dem Fusse eines Obelisken in der Mitte einiger edlen Ruinen. Sie waren für die Shoshonen ein geheiligter Ort. Ihre Traditionen erzählten ihnen von einer andern Raçe, welche früher hier gelebt hatte, von ihnen aber nach dem Süden getrieben worden war. Dieses letztere Ereigniss muss schon vor Jahrhunderten stattgefunden haben, denn die Hand der Zeit, so mild in diesem Klima, und die Hand des Menschen, wie wenig sie auch hier nach Beute begierig ist, hatte diese Stadt schwer heimgesucht.

Wir verweilten noch am folgenden Tage an der Stelle, da Padre Marini nach Schnitzwerk oder Hieroglyphen spähen wollte, aus denen er Folgerungen ziehen könnte; aber unsere Bemühungen waren vergeblich und wir konnten nicht länger zögern, da wir fürchteten, die Pferdejäger würden vor unserer Ankunft ihr Lager aufbrechen. Wir nahmen daher unsere Reise wieder auf, und unterwegs erging ich mich mit dem heiligen Vater in langen Gesprächen über den hohen Grad von Civilisation, der unter der verloren gegangenen Raçe geherrscht haben musste, da sie so schöne Gebäude zu errichten im Stande war.

In weiteren vier Tagen gelangten wir an das südliche Ufer des St. Jago-Sees. Wir kamen noch in guter Zeit an, entliessen unsere Indianer und setzten, nachdem wir zwei vortreffliche Maulthiere gekauft hatten, unsere Reise in Gesellschaft der Pferdejäger fort, mitten unter Hunderten ihrer Gefangenen, welche laut ihre Bestimmung beklagten und ihre Entrüstung über die Ungerechtigkeit des ganzen gegen sie geübten Verfahrens dadurch ausdrückten, dass sie von hinten und von vorn nach Allem schlugen, was in das Bereich ihrer Hufe kam. Aber trotz diesem sehr unmanierlichen Benehmen unserer Arrestanten langten wir doch am sechsten Abend zu Monterey an.

Der Leser wird im Verlaufe entdecken, dass meine Abenteuer mit dieser Reise nach Monterey ihren Anfang nahmen; ich will ihn daher nur noch erinnern, dass ich um diese Zeit mein achtzehntes Jahr noch nicht erreicht hatte. Ich konnte mich noch des civilsirten Zustandes erinnern, unter dem ich vor meiner Ankunft unter den Indianern geweilt hatte, und da wir auch in der Ansiedelung keiner Gemächlichkeit und Bequemlichkeit entbehrten, so schwebte mir auch noch dunkel vor, was in Italien und anderswo vorgegangen war. Aber ich war ein Indianer geworden und blickte bis zu der Zeit, in welcher mir diese Reise aufgetragen wurde, auf die Schauplätze meiner Jugend nur mit Verachtung zurück.

Dass dieses Gefühl durch den Gedanken, ich werde wohl nie wieder zu denselben zurückkehren, bedeutend genährt wurde, ist mehr als wahrscheinlich; denn von dem Augenblick an, als ich gehört hatte, dass ich nach Monterey gehen sollte, klopfte mein Herz ungestüm und mein Puls verdoppelte seine Schläge. Ich weiss kaum, was ich mir eigentlich dabei vorstellte; soviel ist jedoch gewiss, dass ich mir die Idee von einem irdischen Paradies gebildet hatte.

Nun, wenn auch nicht gerade ein Paradies, so ist Monterey doch gewiss ein sehr angenehmer Ort. Ja sogar jetzt noch gewinnt er in meiner Erinnerung eine Art seltsamen Zaubers, obgleich ich seitdem nüchterner und, wie ich glaube, auch ein wenig weiser geworden bin. Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein gewisser Nimbus von Glück sich über diese kleine Stadt verbreitet. Jedermann fühlt sich wohl, Alles singt und lächelt, und jede Stunde ist dem Vergnügen oder der Ruhe geweiht.

Da sieht man nichts von schmutzigen Strassen und einem holperigten Pflaster — keine Fabriken mit ihrem ewigen Rauch — keine Polizeidiener, die sich wie eben so viele Kreuzbuben ausnehmen — keine Cabs oder Omnibus, welche rechts und links den Koth um sich spritzen — vor Allem aber nichts von jenen pünktlichen Geschäftsmännern, die ihren Bestellungen nacheilen, wie Dampfmaschinen pustend, Jedermann mit ihren Ellenbogen imkommodirend und die Apfelstände umwerfend. Nein, von alle dem trifft man nichts zu Monterey.

Man hat dort eine endlos tiefe Bay von schönstem Blau, deren Ufer mit hohen, prachtvollen Bäumen bewachsen sind. Ein Prairierasen breitet sich wie ein Teppich aus, dessen Dessin aus allerliebsten wilden Blumen besteht. Darauf befinden sich Hunderte von Hütten, von den Ranken des Weinstocks überwachsen. Im Mittelpunkte steht das Präsidio oder Gouvernementgebäude, auf der einen Seite ein anmuthiger Kirchthurm, auf der andern die starken Mauern eines Klosters. Ueber das Ganze breitet sich ein Himmel vom tiefsten Kobaltblau, einen angenehmen Gegensatz bildend gegen das dunkle Grün der hohen Fichten und die unbestimmten, nicht zu schildernden Tinten an dem Horizont der Prairieen im Westen.

Selbst die Hunde sind zu Monterey höflich, und die Pferde, welche allenthalben umherweiden, laufen auf den Reisenden zu, als wollten sie seine Ankunft bewillkommnen. Der Grund davon liegt jedoch in dem Umstande, dass man in jener Gegend einen Beutel Salz am Sattelknopf mitzuführen pflegt, an dem die Thiere ihre Nasen reiben, und es ist klar, dass sie kommen, um sich etwas von dem Inhalte des gedachten Beutels zu erbetteln, von dem sie sehr grosse Liebhaber sind. Mit Menschen und Thieren steht man schnell auf einem vertraulichen Fusse; auch die dort wohnenden Engländer sind, was doch gewiss viel heissen will, zufrieden und sogar die Amerikaner — eine noch wunderbarere Erscheinung — beinahe ehrlich. Welch’ eiu herrliches Klima muss nicht dieses Monterey seyn!

Die dort herrschende Gastfreundschaft ist unbegränzt. „Die heilige Jungfrau segne Dich,“ sagte ein alter Mann zu uns, als wir anlangten; „weile hier und beehre mein Dach.“ Ein Anderer eilte herzu und drückte uns mit vor Wohlwollen funkelnden Augen die Hände. Ein Dritter nahm unsere Maulesel beim Zügel und führte uns nach seiner Thüre, aus der ein halb Dutzend hübscher Mädchen mit blitzenden, dunkeln Augen und langen dünnen Fingern herauskamen, um uns die Sporen und Moccassins abzunehmen.

Königin der Städte in Californien! Schon in deinem Namen liegt Poesie für mich, und so muss es Allen ergehen, welche Ehrlichkeit, Bonhommie, Einfachheit und das dolce far niente lieben.

Ungeachtet der vielen dringenden Einladungen, die wir erhielten, begab sich Padre Marini nach dem Kloster, während ich bei dem alten Gouverneur mein Quartier nahm.

Alles war mir neu und entzückend; denn ich zählte noch nicht achtzehn Jahre, und in diesem Lebensalter hat man seltsame Träume und Vorstellungen von schlanken Taillen und hübschen, schalkhaft lächelnden Gesichtern. Mein Geist war hin und wieder zurückgekehrt zu den Auftritten der Vergangenheit, als ich noch eine Mutter und eine Schwester hatte. Dann seufzte ich nach einer Gespielin, mit der ich tanzen und walzen konnte auf dem Rasen, während unser grauhaariger Diener auf seiner Violine einige veraltete en avant deux spielte.

Jetzt hatte ich Alles dies gefunden, und es war eine fröhliche Zeit. Allerdings half der Beutel mit Dublonen wunderbar mit. Eine Woche nach meiner Ankunft hatte ich mir einen prächtigen, mit Silber ausgelegten Sattel, statt meiner Tuchbeinbekleidung Sammthosen, einen Federhut, glänzende Schuhe, einen rothen Sammtgürtel und den grossen Kapuzenmantel angeschafft, der bisweilen für Sommer und Winter, für Tag und Nacht das einzige Gewand eines west-mexikanischen Grand ausmacht. Ich sage, es war eine fröhliche Zeit, und ich wusste mich trefflich darein zu schicken.

Ich tanzte, sang und machte den Hof. Mein alter Reisegefährte, der Missionär, machte mir zwar Vorstellungen, aber die Mädchen lachten über ihn, und ich setzte ihm klärlich aus einander, dass er Unrecht habe. Wenn meine englischen Leser nur wüssten, welch’ ein süsses, allerliebstes kleines Ding ein Mädchen in Monterey ist, so würden Alle ihre Bündel schnüren, nach Californien gehen und dort heirathen. Und doch wäre es Schade, denn mit ihren falschen Begriffen von Camfort, mit ihrer Vorliebe für Kohlenfeuer und ungare Beefsteaks, zugleich mit ihren finsteren Ansichten von Schicklichkeit, würden sie den Ort bald verderben und ihn so steif und düster machen, als nur ein sektirerisches Dorf in den vereinigten Staaten seyn kann, das neben seinen neun Banken, seinen achtzehn Kapellen und seiner einzigen ABC-Schule ein so ungeheures, steinernes Gefängniss hat, dass es die ganze Einwohnerschaft beherbergen könnte.

Der Gouverneur war der General Morreno, ein alter Soldat von ächt castilischem Stamme — stolz auf sein Blut, auf seine Töchter, auf sich selbst, auf seine Würden, kurz auf Alles, aber demungeachtet voll Wohlwollen und Gastfreundlichkeit. Sein Haus stand Allen offen (das heisst, so fern sie sich weissen Blutes rühmen konnten) und die Zeit entschwand mir wie ein ununterbrochener Festtag, indem ein Vergnügen dem anderen folgte — die Musik dem Tanze und das Augenspiel dem Kusse, ebenso wie die Limonade dem Wein oder die Crêmes den Trauben und Pfirsichen. Unglücklicherweise hat aber die Natur in unserer Bildung einen Missgriff begangen, und leider muss der Mensch nach dem Vergnügen eben so gut ausruhen, als nach der Arbeit. Das ist recht Schade, denn das Leben ist kurz, und durch den Schlaf wird so viele Zeit verloren; so dachte ich wenigstens, als ich achtzehn Jahre alt war.

Monterey ist eine sehr alte Stadt und wurde im siebenzehnten Jahrhuudert von einigen portugiesischen Jesuiten gegründet, welche hier einen Missionsposten anlegten. Den Jesuiten folgten die Franziskaner, gute, milde, träge und freundliche Leute, die den Scherz liebten, ohne der Sittlichkeit nahe zu treten, gegen Laster und Liebe donnerten, aber doch völlige Absolution ertheilten und leichte Bussen auflegten. Diese Mönche wurden von der mexikanischen Regierung verjagt, weil sie ihren Reichthum zu besitzen wünschte. Es war ein Unglück für Monterey, denn statt der gütigen, gastfreundlichen und edelmüthigen Ordensgeistlichen erschienen Agenten und Beamte der Regierung aus dem Innern, welche durch nichts an ihren neuen Aufenthalt geknüpft waren und sich wenig um das Glück der Bewohner kümmerten. Die Folge davon ist, dass die Californier dieser Bedrücker herzlich müde sind; sie haben einen natürlichen Widerwillen gegen Zollbeamte und können sich namentlich nicht mit dem Gedanken versöhnen, zu Führung der mexikanischen Könige, die für sie kein Interrsse haben, ihre Dollars herzugeben. Eines Morgens — es wäre ihnen beinahe schon einmal gelungen — werden sie die mexikanische Flagge von dem Präsidio herunternehmen, Kommissarien und Zollbeamte fortjagen, sich von Mexiko unabhängig erklären und ihre Hafen allen Nationen öffnen.

Monterey enthält ungefähr dreitausend Seelen, einschliesslich der Halbzucht und der Indianer, welche sich in den verschiedenen Wohnungen als Dienstboten gebrauchen lassen. Die Einwohner sind reich, und da sie keine Gelegenheit haben, ihr Geld nach Weise der östlichen Städte zu verschleudern — denn ihre Vergnügungen kosten sie nichts — so halten sie viel auf Ausschmückung ihrer selbst, ihrer Pferde und Sättel, und verwenden darauf soviel, als sie zu erschwingen vermögen. Ein Sattel im Preise von hundert Pfunden ist unter den reicheren jungen Leuten, die auf ihre Rosse und deren Geschirr stolz sind, etwas sehr Gewöhnliches.

Das weibliche Geschlecht kleidet sich reich und mit bewunderungswürdigem Geschmack. Die Mädchen tragen weisse Atlaskleider und lassen ihr langes, schwarzes Haar über die Schultern niederfallen. Zu Hause ist ihre Stirne mit reichem Juwelenschmuck geziert, wenn sie aber ausgehen, bedecken sie ihr Gesicht mit einem langen, weissen Schleier, durch den ihre Augen wie Diamanten funkeln.

Die verheiratheten Frauen ziehen eine bunte Tracht vor und befestigen ihr Haar vermittelst eines grossen Kammes dicht am Kopfe. Sie besitzen auch noch eine andere bezaubernde Eigenthümlichkeit, welche sie jedoch mit den Männern gemein haben — ich meine eine schöne Stimme, weich und tremulirend bei den Weibern, reich, kräftig und majestätisch aber bei ihren Herren. Ein amerikanischer Reisender sagt irgendwo: „Ein gemeiner Ochsentreiber zu Pferd, der einen Auftrag übernimmt, scheint wie ein Gesandter in einer Audienz zu sprechen. Die Californier sind in der That ein Volk, auf denen ein schwerer Fluch lastet; sie haben Alles verloren, nur nicht ihren Stolz, ihre Sitten und ihre Stimme.

In Monterey folgt eine Belustigung der andern, und zwischen Hahnenkämpfen, Wettrennen, Fandangos, Jagen, Fischen, Rudern und so weiter entschwindet die Zeit. Das Klima ist merkwürdig gesund; Epidemien hat es nie gegeben und man weiss überhaupt kaum, was Krankheit ist. Kein Zahnweh, kein sonstiges Leiden, kein Spleen; die Leute sterben an Zufälligkeiten oder an Altersschwäche. In der That geht zu Monterey ein eigenthümliches Sprüchwort: „El que quiere morir, que se vaya del pueblo“ — das heisst: „wer zu sterben wünscht, muss die Stadt verlassen.“

Während meines dortigen Aufenthalts hatte ich ein ziemlich gefährliches Abenteuer zu bestehen. Die Bay ist eine der schönsten von der Welt, ungefähr vierundzwanzig Meilen lang und achtzehn breit, und ich hatte mich mit einigen meiner Freunde einer grossen Partie angeschlossen, welche an der Mündung derselben fischen wollte. Der Missionär Padre Marini, der sich nicht ganz wohl fühlte, meinte, die Seeluft könnte ihn wohl bekommen, und schloss sich deshalb unserer Gesellschaft an. Wir hatten viele Boote; das, in welchem der Padre und ich Platz gefunden hatten, war ein hübsch geformtes, kleines Ding, welches zu einem amerikanischen Schiffe gehörte. Es wurde mit zwei Rudern in Bewegung gesetzt und hatte einen kleinen Mast nebst Segel.

Unser Fischen nahm einen guten Fortgang; wir waren Alle sehr vergnügt und gingen an’s Land, um etliche unserer Opfer zum Nachmittagsmahl zu braten. Im Laufe des Gesprächs kam Jemand auf einige alte Ruinen zu reden, die sich fünfzehn Meilen nördlich an der Mündung eines kleinen Flüsschens befänden. Der Missionär war begierig, Einsicht davon zu nehmen, und wir beschlossen, unsere Begleiter nach Monterey zurückkehren zu lassen, während wir Beide an Ort und Stelle übernachten wollten, um am andern Morgen einen Ausflug nach den Ruinen zu machen. Wir erhielten von einem andern Boot einen grossen steinernen Wasserkrug, zwei Decken und eine Doppelflinte. Sobald sich unsere Begleiter entfernt hatten, ruderten wir nach der Nordspitze der Bay, wählten uns ein passendes Nachtquartier, bauten, uns mit den Rudern, dem Mast und dem Segel eine Art Obdach, zündeten ein Feuer an und machten’s uns bequem. Es war einer jener schönen, milden Abende, die man nur in der Bay von Monterey findet; der sanfte, duftige Wind säuselte leise durch die Blätter, und mit dem Eintritte der Nacht, als der silberne Mond mit Myriaden Sternen über uns blinkte, kam der Missionär, nachdem er die Scene in langem Schweigen betrachtet hatte, auf die Vergangenheit und andere Klimas zu sprechen.

Er erzählte von Hurdwar, einem fernen Missionsposten im Norden von Indien, dicht an den Himalayas. Die Hindus nennen den Ort „Stadt der tausend Paläste“ und sagen, sie sey von den Genien an derselben Stelle erbaut worden, wo Vishnu nach einer seiner geheimnissvollen Verwandlungen, in welcher er Siva oder Sahavedra, den Geist des Bösen, besiegte, mehrere Wochen ausgeruht habe. Obgleich weniger bekannt, ist Hurdwar doch ein weit heiligerer Ort als Benares. Einmal im Jahre kommen hier Leute aus allen Gegenden zusammen, um mehrere Tage lang in den reinigenden Fluthen des Ganges ihre Waschungen vorzunehmen. In dieser edlen Stadt wird auch eine der grössten indischen Messen — vielleicht die grösste in der ganzen Welt — abgehalten, und da diese in denselben Monat fällt, in welchem die andächtigen Hindus ihre Wallfahrten vornehmen, so stellen sich auch zahlreiche Karavanen aus Persien, Arabien, Kaschmir und Lahore ein, um längs der Ufer des Flusses ihre Bazars zu errichten, die eine viele Meilen lange Strasse bilden. Die Menschenmasse, die sich zu solchen Zeiten zusammenfindet, soll mehr als eine Million Köpfe betragen.

Der Padre Marini hatte dort mehrere Jahre ganz allein als Missionär gewirkt. Seine bekehrte Heerde war freilich nur klein, und er hatte wenig zu thun; aber doch konnte sein Geist nicht durch das Studium all’ der ihn umgebenden Wunder gefesselt werden. Sein Herz war traurig, denn ein jahrelanger Kummer lastete schwer auf ihm und er fühlte sich elend. Ehe er sich der Abgeschiedenheit des mönchischen Lebens hingab, verbrachte er seine Zeit in der Gesellschaft eines jüngern Bruders, den er sehr liebte. Der junge Mann, welcher Medicin studirte, besass schöne Anlagen und verband mit denselben einen Fleiss, der ihn in seinem Berufe vorwärts zu bringen versprach. Als Marini in’s Kloster ging, begab sich sein Bruder nach der Türkei, wo Aerzte stets eine gute Aufnahme zu finden hoffen dürfen, und liess lange nichts von sich hören. Der Mönch war eben im Begriffe, nach einem fernen Missionsposten abzugehen, als er endlich die Kunde erhielt, welche so zerstörend auf seinen Seelenfrieden wirkte.

Sein Bruder war nämlich von Konstantinopel aus nach Persien gegangen, wo er in sehr angenehmen Verhältnissen lebte; der Ehrgeiz hatte ihn jedoch veranlasst, den Glauben seiner Väter abzuschwören und ein Anhänger Mohameds zu werden. Das war eine sehr traurige Nachricht, über welche der Mönch viele Thränen vergoss. Im ersten Jahre seines Aufenthalts zu Hurdwar traf er mit einem jüdischen Kaufmann zusammen, der eine persische Karavane begleitet hatte. Dieser Mann kannte seinen abtrünnigen Bruder, und theilte dem Padre mit, derselbe sey in Ungnade gefallen und führe nun zur Strafe für seine Apostasie ein Leben voll Elend und Entbehrungen.

Der Mönch schickte nun innige und glühende Gebete zum Himmel, flehte um Vergebung für seinen Bruder und opferte für dessen Seelenheil seine Bussübungen auf. Der arme Mann! er dachte, wenn er ihn nur sehen und sprechen könnte, so würde es ihm gelingen, ihn in den Schooss der Kirche zurückzuführen; aber ach! sein Beruf fesselte ihn an Hurdwar, das er nicht verlassen durfte. Eines Tages — es war zur Zeit der Messe — wandelte er fern von dem Flusse hin, um die Verblendung des Heidenthums nicht ansehen zu müssen, und sein Geist war im Gebete vertieft. Da schlugen mit einemmale ungewöhnliche Tone an seine Ohr — wohlbekannte Töne, die ihn an seine Heimath, an das schöne Italien erinnerten. Sie kamen aus einer kleinen Hütte, die nur zehn Schritte von ihm entlegen war. Die Scenen vergangener Tage tauchten in seiner Erinnerung auf, und sein Herz fing an ungestüm zu pochen. Der Mönch erkannte eine Barcarole, die er oft in jüngeren Tagen gesungen hatte; aber obgleich die Weise lebhaft war, klang doch die Stimme traurig und wehmüthig. Er trat leise näher und stellte sich an den Eingang der Hütte. Der Fremde fuhr zusammen und erhob sich! Die Trennung hatte lange gewährt; aber weder die gefurchten Wangen und das blasse Antlitz des Einen, noch der Turban des Andern konnte sie täuschen — die beiden Brüder sanken sich in die Arme.

Bei ihrer Rückkehr zählte die persische Karavane einen Treiber weniger, denn der Renegat lag auf seinem Sterbebette in der bescheidenen Wohnung seines Bruders. Abermals ein Christ und auf’s Neue versöhnt mit seinem Gotte, harrte er ruhig der Abberufung nach einer besseren Welt. Während einer zweiwöchigen Krankheit bereute er seine Verirrung und flehte um Erbarmen. Nach seinem Tode begrub der Mönch in derselben kleinen Schasminlaube, wo er den Muselmann gefunden hatte, den zum Christenthum zurückgekehrten Bruder, setzte ein Kreuz auf sein Grab und trauerte lange um ihn; aber eine schwere Last war von seiner Brust genommen und seit der Zeit hatte er sich wieder glücklich gefühlt, denn jetzt bedrückte nichts mehr seinen Geist, was ihn in der Ausübung seines heiligen Dienstes hätte hindern können.

Nachdem mir der Padre Marini diesen Abschnitt aus seiner Lebensgeschichte erzählt hatte, wünschte er mir gute Nacht und wir schickten uns zur Ruhe an. Ich ging nach dem Boote, in welchem ich mich ausstreckte, das Gesicht dem funkelnden Gewölbe über mir zugekehrt, und stellte Betrachtungen über die Erzählung des Mönchs an, bis ich endlich einschlief.

Sechstes Kapitel.

Es fröstelte mich und ich erwachte. Es war bereits Tag. Ich stand auf und blickte umher, musste aber finden, dass ich in hoher See schwamm, weit ab von der Küste, deren Umrisse von den goldenen Farben des Morgens gesäumt wurden. Das Tau und der Pfahl, an welchem ich das Boot festgemacht hatte, schleppte im Wasser hinten nach, während mich der sanfte Landwind mehr und mehr von dem Gestade entfernte. Eine Weile war ich ziemlich verschüchtert; die Ruder lagen am Lande, und ich hatte kein Hülfsmittel, meinem kleinen Nachen eine erwünschte Richtung zu geben.

Vergeblich ruderte ich mit den Händen und mit dem Pfahle, den ich an Bord genommen hatte. Ich wandte mich um und um, nach allen Richtungen des Kompasses, aber vergeblich. Endlich begann ich nachzudenken. Die See war glatt und ruhig, folglich keine unmittelbare Gefahr vorhanden. Wenn der Padre am Morgen erwachte, so musste er natürlich meinen Unfall entdecken und sah auch vielleicht das Boot; er eilte dann nach der Stadt, konnte aber freilich nicht vor Abend dort anlangen, denn er war ein alter Mann, und der Weg betrug ungefähr fünfundzwanzig Meilen. Dann wurden mir Boote nachgeschickt, vielleicht sogar der mexikanische Schooner, der in der Bay war. Am nächsten Morgen durfte ich zuversichtlich auf Rettung hoffen, und das grösste Unglück, das mir somit begegnen konnte, bestand in dem Fasten und in der Einsamkeit eines Tages. Dies schlug ich übrigens nicht hoch an; ich fügte mich deshalb in mein Schicksal und machte aus der Noth eine Tugend. Zum Glück für mich gehörte das Boot einem Amerikaner, der ein grosser Freund von Fischen war, und enthielt daher viele Gegenstände, die ich zuvor übersehen hatte. Zwischen dem vordersten Dost und dem Bug befand sich eine halb mit Asche gefüllte Tonne, daneben lagen einige Stücke Steinkohlen und etwas, dürres Holz; unter den Sternschoten stand ein kleiner Schrank, in welchem ich eine Bratpfanne, eine Salzbüchse, einen zinnernen Napf, einen Topf mit Honig und einen zweiten mit Bärenfett, endlich einige Kräuter fand, die von den Californiern statt des Thees benützt werden. Zum Glück waren der Wasserkrug, meine Fangleinen und die Köder von rothem Flanell und weisser Baumwolle gleichfalls an Bord. Ich warf die letzteren aus und schickte mich, an, mein Cigarito zu rauchen. In diesen Gegenden führt nämlich Jedermann Stein, Stahl, Schwamm und Tabak bei sich.

So entschwanden mir die Stunden. Da meine Fischerei gut von Statten ging, so zündete ich ein Feuer an und briet mir einige schöne Makrelen; aber nachgerade erreichte die Sonne ihre höchste Höhe und die Hitze wurde so unerträglich, dass ich weine Kleider, sogar auch mein Hemde ausziehen und über die Bänke breiten musste, um Schutz zu erhalten. Mittlerweile hatte ich das Land ganz aus dem Gesichte verloren und konnte nur hin und wieder einige kleine schwarze Punkte, die Spitzen der hohen Fichten, bemerken.

Sobald mein Mahl beendigt war, machte ich ein Schläfchen; ich weiss indess nicht, wie es kam, denn statt der anständigen zwei Siesta-Stunden, die der Spanier zu Verdauung seines Diners als Tonicum braucht, wachte ich erst um Sonnenuntergang wieder auf, und auch da nur deshalb, weil ich eine Bewegung zu fühlen begann, die nichts weniger als angenehm war. In der That begannen auch die Wellen sich in scharfen, schaumbedeckten Zacken zu heben, und die milde Landbrise hatte sich in einen kühlen, scharfen Westwind umgewandelt.

Die günstige Richtung des Windes war indess ein Trost, und während ich meine Kleider anlegte, begann ich zu erwägen, dass unter einem zweckmässigen Gebrauch des Steuers und durch meine aufrechte Stellung im Boote mein Körper gewissermassen als ein kleines Segel dienen könnte. Da hörte ich auf der Backbordseite meines Bootes wohl zwanzig Stimmen ein „Hi, hi, hi!“ brüllen. Wie man sich denken kann, fuhr ich erstaunt zusammen, und als ich mich umwandte, bemerkte ich fünfzig Ellen vor mir ein grosses, von zehn Rudern bewegtes Boot vor den Wellen treiben. Es war mit Leuten, Fässern und Tonnen ungefüllt, und Einer am Steuer gab Signale, augenscheinlich, um mich zum Haltmachen einzuladen. Ein paar Minuten später waren wir dicht neben einander, und ich darf wohl behaupten, dass unser Erstaunen gegenseitig war — das ihrige, weil sie mich allein und ohne Ruder sahen, das meinige, weil ich ein so jammervolles Schauspiel erblicken musste. Sie bildeten augenscheinlich die Mannschaft eines gescheiterten Schiffes und mussten, ihrem Aussehen nach, furchtbare Anstrengungen und Entbehrungen durchgemacht haben. Mein steinerner Krug war voll; ich händigte ihn dem Manne am Ruder ein, welcher der Kapitän zu seyn schien; aber die biedere, wohlwollende Seele goss ein wenig Wasser in den Napf und reichte ihn zuerst allen seinen Begleitern, ehe er selbst kosten wollte. Der Krug mochte ein paar Gallonen enthalten, war aber natürlich bald geleert.

Ich gab ihnen eine gebratene Makrele, die ich für mein Nachtessen aufbewahrt hatte, und die Leute händigten sie dem Kapitän ein, der sie, trotz seiner edelmüthigen Weigerung, sogleich essen musste. Dies bemerkend, zeigte ich ihnen neun oder zehn andere frische Fische, von denen ein paar sehr gross waren, und bedeutete ihnen, sie sollten dieselben kochen. Sie sangen und lachten: ja wohl da, Fisch kochen! Nein, es bedarf einer geringen Kochkunst, wenn man am Hungersterben ist. Sie theilten sich brüderlich darein, und dieser Mundvorrath, nebst dem Honig für den Kapitän und dem Bärenfett für die Matrosen, schien sie Alle mit neuem Leben begabt zu haben.

Der Kapitän und vier von der Mannschaft traten mit Rudern in meinen Nachen. In diesem Augenblicke begannen die Sterne sichtbar zu werden; ich deutete auf einen im Osten als Wegweiser, und wir pflügten dem Ufer zu, wobei wir von dem Winde und den Wellen sehr begünstigt wurden. In einem seltsamen Gemische von Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch machte mir der Kapitän begreiflich, sein Schiff sey eine russische Brigg gewesen, die von Asitka im russischen Amerika aus nach Acapulko in Mexiko fahren wollte, um Getreide, Talk und Branntwein zu holen; sie sey bei nächtlicher Weile in Brand gerathen, und die Mannschaft habe kaum Zeit gehabt, das Langboot niederzulassen. Mundvorrath hatten sie nicht mitnehmen können, denn die Tonnen und Fässer, die sie in der Eile an Bord gebracht hatten, waren ihnen unnütz; ohne ihre Entfernung von der Küste zu kennen, und sowohl der Nahrung als des Wassers entbehrend, hatten sie achtundvierzig Stunden gerudert, bis sie endlich, eine gute halbe Stunde vor meinem Erwachen, mein Boot entdeckten. Sie meinten anfangs, es sey leer; als sie mich aber aufstehen sahen, riefen sie mir zu, in der Hoffnung, ich könne sie zu einem Landungsplatze führen. Ich erzählte ihm sodann, wie es eben gehen mochte, meine Abenteuer und versprach ihm für den nächsten Tag Lebensmittel in Fülle; ebenso gut hätte ich übrigens schweigen können, denn der arme Mensch, der sich jetzt sicher fühlte, war in Folge der gewaltigen Anstrengungen in tiefen Schlaf versunken.

Mit dem Anbruche des Morgens landeten wir an der Mündung eines kleinen Flusses, in deren Nähe sich einige schöne Ruinen befanden. Es war dieselbe Stelle, die ich mit dem Padre aufzusuchen beabsichtigt hatte. In der Umgegend weideten einige wilde Pferde; ich putzte mein Gewehr, lud es und schoss eines der Thiere; aber während dies geschah, hatte sich die erschöpfte, hungrige Mannschaft an dem Strande ausgestreckt und bekundete durch ihr Nasenconcert, dass nach so schweren Anstrengungen ihr dringendstes Bedürfniss in Ruhe bestand. Ihre Anzahl betrug mit Einschluss des Kapitäns zwanzig Köpfe.

Ich hatte zuviel unter den Indianern gelebt, um nicht im Stande zu seyn, gegen Erschöpfung anzukämpfen und rasch zu handeln. Die Sonne stand noch nicht drei Stunden am Himmel, als ich bereits die besten Theile des Pferdes gekocht hatte. Die Unglücklichen schliefen noch immer und ich fand, dass es nicht leicht war, sie zu wecken. Endlich kam ich auf einen Gedanken, der auch richtig zum Ziele führte: ich stiess nämlich den Ladstock meines Gewehres in ein Stück dampfendes Fleisch und hielt es so, dass der Duft davon gerade unter ihre Nasen streichen musste. Kein Zauberstab hätte wirksamer seyn können; in weniger als zwei Minuten kauten und schluckten sie sammt und sonders an ihrem Frühstücke mit einem Eifer, in welchem gewiss keine Schläfrigkeit mehr zu erkennen war. Es ist keine Kleinigkeit, zwanzig hungrige Russen zufrieden zu stellen; aber doch nimmt Alles zuletzt ein Ende. Einer davon kniete vor mir nieder und küsste meine Füsse. Der arme Mensch! er meinte, ich hätte Wunder was für ihn und seine Gefährten gethan und vergass darüber ganz, dass ich ihnen vielleicht mein eigenes Leben verdankte.

Die Leute waren sehr ermüdet; als sie jedoch hörten, sie könnten bis zum Nachmittag eine Stadt erreichen, trafen sie in aller Behendigkeit Vorbereitungen zum Aufbruche. Wir ruderten langsam an eine Küste hin, denn Aufbruche. Wir ruderten langsam an eine Küste hin, denn die Hitze war ungeheuer und die Ruderer fühlten sich bald völlig erschöpft. Um ein Uhr landete ich an meinem früheren Lagerplatze. Der Padre hatte natürlich die Ruder, das Segel und die Decken zurückgelassen. Mein Boot war im Augenblicke aufgetakelt und aus den Decken fertigten die im Langboot ein Segel, indem sie zugleich aus einem Ruder und einer langen Stange, die sie zusammenbanden, eine Art Nothmast errichteten. Als wir die Nordspitze der Bay umfuhren, bemerkte ich den mexikanischen Schooner und viele Boote ziemlich weit draussen in der See, ohne Zweifel um nach mir zu fahnden.

Um sechs Uhr Abends landeten wir unter dem Zuruf eines verwunderten Volkshaufens vor Monterey.

Ich war allgemein beliebt, und mein Verlust hatte grosse Unruhe veranlasst; als ich daher landete, wurde ich von allen Seiten mit Fragen angegangen. Die Frauenzimmer waren mir besonders gewogen; einige küssten mich (beiläufig bemerkt, nur diejenigen d’un certain age), und alle waren der Meinung, ich solle auf dem Altar der Jungfrau Maria ein halb Dutzend Kerzen opfern. Unter ihnen befand sich jedoch ein Wesen, das um mich sogar geweint hatte; es war Isabella, eine von des Gouverneurs Töchtern, ein Mädchen von fünfzehn Jahren. Der General war gleichfalls sehr erfreut, mich wieder zu sehen. Er war mir sehr gewogen, weil wir beim Cigarrenrauchen mit einander Schach spielten und ich mich von ihm matt machen liess, obgleich ich ihm die Königin und den ersten Zug zum Voraus hätte geben können. Ich will hier sotte voce bekennen, dass mir dieser kluge Wink von den Töchtern an die Hand gegeben wurde, welche wünschten, dass ich Gnade in seinen Augen finden möchte.

„Dios te ayuda niño,“ sagte der Gouverneur zu mir (ich fürchtete, wir würden nimmer mit einander Schach spielen). „Que tonteria, andar a dormir in una barca, quando se lo podia sobre tierra firma!“ (Welche Narrheit, in einem Boote zu schlafen, wenn es auf gutem, festem Grunde geschehen kann!)

Ich erzählte ihm die Geschichte von den armen Russen, und trotz seines Stolzes traten ihm Thränen in die Augen, denn er war sehr wohlwollend. Er nahm den Kapitän in seine Wohnung, und ertheilte Befehl, die Mannschaft gut unterzubringen. Die Gastfreundschaft der Bewohner von Monterey hatte jedoch nicht so lange gewartet, und die armen Bursche vergassen bald unter der Aufmerksamkeit, die man ihnen zu Theil werden liess, ihre ausgestandenen Gefahren. Fünfzehn Tage später brachte sie der mexikanische Schooner nach der Bay von St. Franzisco, wo eben eine nach Asitka bestimmte russische Kriegsbrigg angelangt war. Sie schieden jedoch nicht mit leeren Händen von uns. Sobald die Bewohner von Monterey ihre leidenschaftliche Vorliebe für Talk und Branntwein bemerkt hatten, gaben sie ihnen von diesen liebenswürdigen Erfrischungen in so reichlicher Menge, dass sie für eine lange Weile ihren Kummer ertränken konnten. Was den Kapitän betraf, so wurde ihm ganz jene Aufmerksamkeit zu Theil, zu der er durch sein wackeres Benehmen berechtigt war; am Abende vor seiner Abreise erhielt er einen ziemlich grossen, mit Leinwand und Kleidern gefüllten Koffer zum Geschenk.

Zur Feier meines glücklichen Entkommens wurde eine heitere Nacht verbracht. Man hatte Kanonen gelöst und Flaggen aufgehisst, um die Boote zurückzurufen, und Abends um zehn Uhr tanzte, sang und sprang die ganze Einwohnerschaft auf dem Rasen, als sey es der letzte vergnügte Tag in unserem ganzen Leben.

So entschwanden vier Wochen, und ich muss zu meiner Schande zugestehen, dass ich absichtlich zwei Gelegenheiten versäumte, um nach Santa Fé zu kommen. Eines Morgens jedoch wurden alle meine weiteren Wonneträume zerstreut. Ich sann eben über meine erste Liebeserklärung nach, als unser alter Diener mit vier indianischen Wegweisern anlangte. Er hatte die Ansiedelung vor sieben Tagen verlassen und den ganzen Weg zu Wasser gemacht. Sein Auftrag lautete, mich wieder zurückzubringen, wenn ich Monterey noch nicht verlassen habe. Die Botschaft, die er brachte, lautete sehr traurig Der Fürst war von den Krähen ermordet worden. Die Shoshonen hatten einen Krieg begonnen, um seinen Tod zu rächen, und mein Vater, der mit jedem Tage mehr hinschwand sah in Bälde einer Wiedervereinigung mit seinem vorangegangenen Freunde in einer bessern Welt entgegen. Arme Isabella! Ich hätte dieses Beiwort auch auf mich ausdehnen können, aber die verhängnissvollen Botschaften regten mich in einem Grade auf, dass ich nur wenig Zeit fand, an Freude und Liebe zu denken. Meine augenblickliche Rückkehr wurde zu einer heiligen Pflicht, und ausserdem erwarteten die Shoshonen, dass ich mit ihnen meinen ersten Kriegspfad antreten werde.

Der alte Gouverneur hielt es für räthlich, dass ich den Heimweg zur See machen sollte, da die Arrapahoes-Indianer in jenem Augenblicke Feinde der Shoshonen wären und wahrscheinlich mich abzuschneiden versuchen würden, wenn ich die Buona Ventura hinaufführe. Vor meiner Abreise erhielt ich einen Besuch von einem Irländer, einem wilden jungen Burschen aus Cork, Namens Roche, der voll Scherz und Lebhaftigkeit war. Er war an der Küste von einem der amerikanischen Schiffe ausgerissen und, trotz der ausgesetzten vierzig Dollars Belohnung, nicht wieder entdeckt worden, so dass das Fahrzeug ohne ihn absegeln musste.

General Morreno war anfangs sehr aufgebracht und wollte den armen Teufel in’s Gefängniss legen; aber Roche benahm sich so possierlich und wusste die Uebel, welche er wegen seines katholischen Glaubens an Bord erfahren haben wollte, so schlau darzustellen, dass sich nicht nur die Geistlichkeit, sondern überhaupt ganz Monterey in’s Mittel legte. Roche erwies sich bald als eine sehr werthvolle Erwerbung für die Einwohnerschaft, denn er war ein unermüdlicher Tänzer und ein guter Violinspieler. Ausserdem hatte er sich bereits an die mexikanische Sitte und Sprache gewöhnt, und in der Pferde- oder Büffeljagd that es ihm Niemand zuvor. Er wusste den alten Frauen lange Geschichten von den Wundern Erins, St. Patrick’s Mirakeln und dem Steine zu Blarney zu erzählen Kurz, man gewann ihn bald sehr lieb, und er hätte reich und glücklich werden können, wenn er in Monterey einen bleibenden Wohnsitz gewählt haben würde. Sein wilder, abenteuerlicher Geist erlaubte ihm jedoch nicht lange, sich des dortigen ruhigen Lebens zu erfreuen, und als er hörte, dass eine schöne Aussicht vorhanden war, in der „Ansiedelung der Granden“ den Schädel eingeschlagen zu kriegen, bat er um die Erlaubniss, sich meiner Partie anschliessen zu dürfen.

Ich liess mir Roche’s Begleitung gefallen und schiffte mich mit ihm, meinem Diener nnd den Indianern an Bord des Schooners ein. Die guten Leute machten mir zum Abschiede viele Geschenke; ja, ich hätte mit den Pistolen, dem Pulver, den Pferden, den Musketen, den Messern und den Säbeln, welche ich in dieser Weise zusammenbrachte, eine ganze Legion bewaffnen können. Der Gouverneur, seine Töchter und alle diejenigen, welche in den Booten Platz finden konnten, begleiteten mich bis zum nördlichen Theile der Bay, und ich sagte ihnen mit beklommenem Herzen Lebewohl.

Siebentes Kapitel.

Nichts hätte glücklicher ablaufen können, als unsere Seefahrt. Am vierten Tage legten wir in der Entfernung einer Viertelmeile vom Ufer bei; wir standen genau unter dem 39° nördlicher Breite, an der Südspitze eines Gebirges, welches die gekrümmte Wirbelseite genannt wird. Die Indianer landeten zuerst in einem kleinen Kanoe, mit welchem wir uns vorgesehen hatten, um uns zu überzeugen, ob die Küste sicher sey, und am Abend war der Schooner schon weit auf seinem Rückwege, während wir eine Cachette machten, um das Gepäcke zu verbergen, das wir nicht mitführen konnten. Selbst meinen Sattel hüllte ich in ein Stück Leinwand und verscharrte ihn in einem tiefen Muschelbette. Unter Anderem hatte ich in Monterey zwei grosse, mit Zinn bedeckte Koffer voll englischen Feuerwerks zum Geschenke erhalten; dieses that in der Folge Wunder und rettete viele Scalpe, als alle Hoffnung auf Rettung schon gänzlich aufgegeben war. Die Bewohner von Monterey sind sehr grosse Freunde von Feuerwerk, und jedes Schiff, das wegen des Rauchwaarenhandels nach Californien geht, ist mit grossen, derartigen Vorräthen versehen.

Nachdem wir alle unsere Effekten geborgen hatten, reisten wir anfangs in östlicher, dann in nordwestlicher Richtung weiter, weil wir hofften, auf einige dem Stamme angehörende Pferde zu stossen. Wir hatten auch ganz richtig gerechnet, denn mit Tagesanbruch trafen wir auf eine natürliche Kleeweide, wo ihrer zu Hunderten schliefen oder grasten. Da wir jedoch schon mehr als dreissig Meilen gewandert waren, beschlossen wir, auszuruhen, ehe wir unsere Reise wieder aufnähmen.

Ich hatte kaum eine Stunde geschlafen, als ich durch eine Berührung meiner Schulter geweckt wurde. Anfangs meinte ich zu träumen; wie ich aber die Lider öffnete, bemerkte ich, dass einer meiner Indianer den Finger an die Lippen hielt, um mir Stillschweigen einzuschärfen, während seine Augen der offenen Prairie zugekehrt waren. Ich blickte alsbald nach dieser Richtung und traf daselbst auf einen Anblick, der wohl geeignet war, alle Schläfrigkeit zu verscheuchen. Etwa eine halbe Meile von uns stand ein Trupp von etwa zwanzig Indianern in ihrer Kriegsmalerei sammt Zugehör, die in aller Stille damit beschäftigt waren, die Pferde zu binden. Natürlich gehörten sie nicht zu unserem Stamme, sondern zu den Umbiquas, einem diebischen Volke an unserer Nordgränze, das sich besonders auf’s Pferdemausen legt, namentlich, wenn es mit keiner Gefahr verbunden ist. Im gegenwärtigen Falle hielten sie sich für sicher, da die Shoshonen gegen die Krähen ausgezogen waren, weshalb sie auch mit aller Musse unsere besten Thiere auswählten. Glücklicherweise hatten wir uns in dichtem Gebüsche und an einer Stelle gelagert, die so uneben war, dass sie von den Rossen gemieden wurde; andernfalls wären wir wohl entdeckt worden, und meine Abenteuer hätten wahrscheinlich hier ihre Endschaft erreicht.

Wir weckten unsere Begleiter und verloren keine Zeit, einen Kriegsrath zu bilden. Den Kampf konnten wir nicht wagen und mussten sie deshalb mit den Pferden abziehen lassen; es blieb und weiter nichts übrig, als ihnen zu folgen und die Gelegenheit zu ersehen, einen entscheidenden Schlag zu führen. Gegen Mittag, nachdem die Diebe sich so viele Thiere gesichert hatten, als sie mit sich zu führen vermochten, wandten sie uns den Rücken zu und zogen gen Westen in die Richtung der Fischerstation, wo wir unser Bootshaus errichtet hatten — die Stelle unserer Landung nach unserer Ankunft von Europa.

Wir folgten ihnen den ganzen Tag, ohne etwas Anderes zu essen, als die Schleen der Prairie. Am Abende brach einer meiner Indianer, ein erfahrener Krieger, allein auf, um in ihrem Lager zu spähen; dieses gelang ihm und er erfuhr bei dieser Gelegenheit aus gewissen Zeichen, welche seinen schlauen Scharfblick nicht täuschen konnten, den Plan ihrer Expedition. Das Bootshaus enthielt ein grosses Segelboot und ausserdem sieben oder acht Nachen, desgleichen auch einen Vorrath getrockneter Fische, unsere Netze und dergleichen. Da wir seit mehreren Jahren Frieden gehabt hatten, so war das Haus oder der Posten ohne Besatzung, die zehn oder zwölf Indianerfamilien ausgenommen, deren Wohnungen in der Nähe lagen.

Nun hatten die Umbiquas ursprünglich nur Pferde zu stehlen beabsichtigt; sobald sie aber die Entdeckung machten, dass die wenigen Krieger, welche zu diesen Familien gehörten, nach den Ansiedelungen gegangen waren, um Feuerwaffen und Munition zu holen, so beschlossen sie, den Posten anzugreifen und einige Scalpe mitzunehmen, ehe sie mit unseren Netzen, Booten, Fischen und so weiter zur See und zu Lande nach ihrer Heimath zurückkehrten. Dies war freilich eine bedenkliche Sache. Wie oben bemerkt, hatten wir unseren Zimmermann und Schmied verloren, und da uns deshalb unsere kleine Flotte nur um so kostbarer wurde, so nahmen wir uns vor, sie auf jede Gefahr hin zu retten. Einen Indianer nach der Ansiedelnng zu schicken, wäre nutzlos gewesen, da dadurch unsere kleine Streitkraft nur geschwächt worden wäre und doch Hülfe zu rechter Zeit nicht zu gewarten stand. Es war daher besser, wenn wir den Posten vor den Umbiquas zu erreichen suchten, denn dort waren wir unter dem Schutze dicker Holzstämme und, mit den Vortheil unserer Büchsen, den Feinden wohl gewachsen, da diese nur zwei Gewehre besassen, während die Waffen der Uebrigen aus Lanzen, Bogen und Pfeilen bestanden. Unser Kundschafter hatte aus ihrem Gespräche noch weiter erspäht, dass sie auf dem Seewege gekommen waren, und dass ihre Kanoes irgendwo an der Küste, in der Nähe des Posten lägen.

Fünfzig Meilen nördlich von uns befand sich die Gabel des Nu-elijé-sho-wako-Flusses, nach welcher die Umbiquas gehen wollten, um dem Wasser näher zu seyn und auf den Pfad von der Ansiedelung nach dem Posten zu treffen. So konnten sie auch jeden Boten auffangen, im Falle ihre Expedition bereits entdeckt wäre. Der gerade Weg nach dem Posten war bedeutend kürzer, aber nach dem ersten Tagmarsche war weder süsses Gras, noch Wasser mehr zu finden. Der Grund wurde uneben und war mit dickem Gebüsche bedeckt, welches den Pferden keinen Durchgang gestattete; aber auch ausserdem wählt ein Indianer stets denjenigen Weg, den er für gefahrlos hält. Wir beschlossen daher, die nächste Richtung nach dem Posten einzuschlagen und der Zufall begünstigte uns in merkwürdiger Weise. Die Indianer und mein alter Diener schliefen, während ich mit dem Irländer Roche Wache hielt. Da bemerkte ich bald, dass sich in der Prairie hinter uns etwas bewegte, ohne dass ich den Grund davon unterscheiden konnte. Die Büffel kamen nie so weit westlich, und auch Wölfe liessen sich um diese Jahreszeit nicht blicken. Ich kroch deshalb aus unserem Gebüsche und befand mich nach wenigen Minuten mitten in einem Rudel von Pferden, die sich nicht hatten greifen lassen, wohl aber die Spur ihrer Kameraden verfolgten, um zu sehen, was aus ihnen geworden sey. Ich kehrte um, weckte die Indianer und theilte ihnen diesen Vorfall mit; sie sprangen mit ihren Lassos auf, während ich mich mit Roche jetzt dem Schlafe hingab.

Lange vor Morgen führte uns der indianische Kundschafter drei Meilen westlich, hinter eine Erhöhung der Prairie. Das war eine Vorsichts-Massregel, denn sie hinderte einen etwaigen Umbiqua-Nachzügler, uns zu bemerken — ein etwas unangenehmes Ereigniss, das sich sonst nicht leicht hätte vermeiden lassen, da wir nur zwei Meilen von den Feinden lagerten und die Prairie bis auf die erwähnte Erhöhung eben lag. Dort erblickten wir sieben kräftige Pferde mit unseren Lassos gezügelt. Wir hatten zwar keine Sättel, aber die Noth lehrt auch ohne eine derartige Bequemlichkeit reiten. Meine Indianer hatten ausserdem ein jähriges Fohlen getödtet, und von dem Fleische genug mitgenommen, dass wir zwei Tage davon leben konnten; als wir daher aufbrachen, was lange vor den Umbiquas geschah, hatten wir die Aussicht, den Fischerposten dreissig Stunden früher zu erreichen.

Wir wussten, dass die Feinde des Tags zwei Stunden ausruhen würden, da sie natürlich ihre gestohlenen Pferde in einem guten Zustand erhalten wollten und ihnen eine lange Reise bevorstand, ehe sie auf ihrem eigenen Gebiete anlangten. Bei uns war der Fall anders. Wir hatten nur vierzig Meilen zurückzulegen, die wir zu Pferde machen konnten, und brauchten uns ausserdem nicht darum zu kümmern, was später aus den Thieren wurde. Wir schonten daher ihre Beine nicht, und die muthigen, wohlgenährten Rosse, die zwei Monate ohne Arbeit geweidet hatten, trugen uns schnell genug vorwärts. Sie schienen nicht einmal müde zu seyn, als wir an dem Ufer eines kleinen Flusses Halt machten, um sie zu tränken und verschnauben zu lassen, obschon wir einen scharfen Ritt von achtundzwanzig Meilen gemacht hatten.

Gegen eilf Uhr langten wir auf dem Bereiche des felsigen Grundes an. Hier ruhten wir drei Stunden und nahmen ein Mahl ein, dessen wir sehr bedurften, da wir seit unserer Abreise von dem Schooner nichts als Beeren und Schlehen genossen hatten. Ueber dem Verscharren unserer Effecten hatten wir nämlich ganz vergessen, uns mit Mundvorrath vorzusehen.

Unsere Flucht, oder vielmehr unsere Reise verlief ohne irgend einen merkwürdigen Vorfall. Wie wir erwartet hatten, kamen wir anderthalb Tage vor den Umbiquas auf dem Posten an und waren jetzt natürlich auf ihren Empfang vorbereitet. Die Weiber, die Kinder und alle werthvollen Gegenstände waren bereits nebst reichlichem Wasservorrath in das Bootshaus geschafft, um für den Fall vorgesehen zu seyn, dass der Feind es in Brand zu stecken versuchte. Die Nähe eines feindlichen Kriegshaufens war nämlich schon ein paar Tage zuvor entdeckt worden, denn als drei Kinder nach einer unfern gelegenen Bay hinuntergingen, um einige junge Seehunde zu fangen, bemerkten sie vier an einem Felsen befestigte Kanoes, während ein wenig weiter oben zwei junge Männer bei einem Feuer sassen und ganz gemächlich einen jungen Seehund brieten. Natürlich kehrten die Kinder wieder um, und die drei alten Männer, welche in dem Posten geblieben waren, zogen aus, um sich die Scalpe der ebenberührten Fremden zu holen. Bei unserer Ankunft waren sie noch nicht zurückgekehrt; aber am Abend ruderten sie mit den Scalpen der beiden Umbiquas, welche sie überrascht hatten, und mit den Kanoes den Fluss herauf, um Letztere in dem Magazine zu verschliessen.

Unsere Stellung war in der That kräftig zu nennen. Im Norden hatten wir einen grossen, reissenden Fluss, im Süden einen vierzig Fuss breiten und zehn Fuss tiefen Graben, der das Gebäude von einem schönen freien Grunde, ohne Busch, Baum oder Hinterhalt — schied; die beiden Flügel waren durch kleine, zwanzig Fuss hohe Ziegelthürme geschützt, in denen sich Schiessscharten befanden, während die Thüren zehn Fuss über dem Boden erhaben und die Leitern natürlich aufgezogen waren. Der einzige andere Zugang, der in der That auch der hauptsächlichste war, führte nach dem Flusse, war also nur durch Schwimmen zu erreichen. Das Fort selbst bestand aus Mauersteinen und Ziegeln, und die dicke, mit Kupfer beschlagene Bohlenthüre konnte wohl für lange Zeit der Gewalt der Aexte oder des Feuers Trotz bieten. Unsere einzige Besorgniss betraf die leicht entzündliche Eigenschaft des Daches, das nur mit Fichtenschindeln bedeckt war. Gegen einen hiedurch möglichen Zufall sicherten wir uns jedoch, indem wir Wasser nach den oberen Räumen brachten; auch konnten wir, wenn es nöthig wurde, zu jeder Zeit Löcher in das Dach hauen, um unsere Feuerlöschanstalt zu erleichtern. Inzwischen bedeckten wir aber diejenigen Theile, welche am meisten ausgesetzt waren, mit einer Thonverkleidung.

Wir waren nur unserer zehn, darunter sieben mit Gewehren bewaffnete gute Schützen. Ausserdem hatten wir auch sechs Weiber und neun Kinder, Knaben und Mädchen bei uns, denen im Falle eines nächtlichen Angriffs verschiedene Posten angewiesen waren. Die sechs Krieger, die ausgezogen waren, um aus der Ansiedelung Feuerwaffen zu holen, wurden in kurzer Zeit zurückerwartet; bis dahin brauchten wir nur vorsichtig zu seyn, des Feindes zu harren, und sogar seinen ersten Angriff ohne Benützung unserer Gewehre hingehen zu lassen, damit er über unsere Kraft im Ungewissen bliebe.

Einer der Alten, ein verschmitzter Bursche, der seiner Zeit als ein tapferer Krieger gedient hatte, brachte einen Plan in Vorschlag, den wir befolgten. Er wollte nämlich in Begleitung eines Andern in die Nähe der Stelle gehen, wo die Kähne verborgen gewesen, und das Feuer unterhalten, damit der Rauch allen Argwohn beseitige. Wenn nun die Umbiquas vor dem Posten anlangten, so schickten sie ohne Zweifel einen ihrer Leute ab, um die Kahnhüter aufzubieten; diesen wollten sie dann lebendig zu greifen suchen und ihn an den Posten bringen. Demgemäss wurde eines der Kanoes in den Fluss gelassen, und spät am Abend traten die zwei Indianer, gut mit Schiessgewehren bewaffnet, ihre Expedition an.

Achtes Kapitel.

Die Umbiquas kamen endlich; ihr Mangel an Vorsicht zeigte, dass sie sich des Sieges sicher fühlten. In keinem Falle vermutheten sie Feuerwaffen in dem Blockhause, denn sie machten fünfzig Ellen vor dem östlichen Thurme Halt, und man musste gegen Roche eigentlich Gewalt anwenden, um ihn zu verhindern, dass er von seinem Gewehre Gebrauch machte. Die Pferde waren nicht bei ihnen; wir sahen sie jedoch bald auf der andern Seite des Flusses in einer kleinen offenen Prairie, gehütet von zwei Männern aus dem Haufen, welche einige Meilen weiter oben das Wasser gekreuzt hatten, einmal, um die Thiere im Falle einer Gefahr zur Hand zu haben, und dann, um ihnen einen besseren Weideplatz zu verschaffen, als dies auf dem südlichen Ufer möglich war. Dies war ein Umstand, auf den wir nicht gerechnet hatten; indess stellte, sich im Ganzen doch heraus, dass er uns von grossem Nutzen war.

Die Wilden untersuchten die Aussengebäude sehr genau und gewannen dadurch die Ueberzeugung, es sey gänzlich unmöglich, den Platz durch gewöhnliche Mittel anzugreifen. Sie schossen einige Pfeile und einmal sogar ein Gewehr nach den Schiessscharten ab, um sich zu überzeugen, ob kampffähige Mannschaft im Innern zu finden sey; da wir uns übrigens vollkommen ruhig verhielten, so steigerte sich ihre Zuversicht und Einige zogen an den Ufern des Flusses weiter, um zu sehen, was sich an dem Haupteingange ausrichten lasse. Das Resultat ihrer Inspection schien sie nicht zu befriedigen, denn sie zogen sich ungefähr hundert Ellen zurück, um ihre Plane zu besprechen.

Aus ihren Geberden war klar, dass einige das Gebäude in Brand stecken wollten; doch dieser waren nur Wenige, denn die Andern schienen einzuwenden, dass dadurch die im Innern befindlichen Gegenstände verzehrt würden, welche sie doch nicht gerne aufgeben mochten, namentlich, da eigentlich keine Gefahr zu besorgen stünde. Endlich deutete Einer, vermuthlich ein Häuptling, zuerst mit den Fingern in die Richtnng, wo sie ihre Kanoes gelassen hatten, dann auf den Fluss, und zuletzt auf den Fleck des Horizontes, wo die Sonne aufgeht. Nachdem er zu sprechen aufgehört hatte, standen zwei seiner Leute auf und schlugen die Richtung nach Südwest ein. Ihr Plan war leicht zu erkennen. Diese zwei Männer sollten in Vereinigung mit denen, welche man an der Küste zurückgelassen hatte, die Kähne um die Spitze bringen und in den Fluss einfahren. Hiezu brauchten sie wohl die ganze Nacht, und um Sonnenaufgang wollten sie die Hauptthüre mit ihren Tomahawks angreifen und zerstören.

Mit dem Eintritte der Dunkelheit wurden wir etwas beklommen, denn wir wussten nicht, über welchem teuflischen Plane die Indianer vielleicht brüteten. Ich stellte in jede Ecke des Blockhauses Schildwachen, und wir warteten schweigend, während unsere Feinde, die ein grosses Feuer angezündet hatten, ihre Lebensmittel kochten. Allerdings konnten wir den Inhalt ihrer Worte nicht hören, aber doch war es augenscheinlich, dass sie den Posten als ihrer Gewalt Verfallen betrachteten. Die Hälfte davon legte sich zum Schlafen nieder, und gegen Mitternacht wurde die Stille durch keinen Laut mehr unterbrochen, während auch ihre halbverbrannten Stämme aufhörten, in hellen Flammen zu lodern. Ich wusste wohl, dass es am Morgen scharf hergehen würde, und meinte deshalb, es sey wohl das Beste, wenn ich mich jetzt durch einige Stunden Schlaf erfrischte; aber ich war im Irrthum.

Kaum hatte ich meine Augen geschlossen, als ich das eintönige, regelmässige Geräusch von Aexten vernahm, welche Bäume fällen. Ich blickte vorsichtig umher; die Töne kamen aus der Entfernung. Aber an den Flussufern sowohl, als hinter dem Lager der Wilden bewegten sich dunkle Gestalten in allen Richtungen. Wir entdeckten endlich, dass die Umbiquas Leitern machten, um die Thüren unserer kleinen Thürme zu ersteigen. Dies war uns natürlich ziemlich gleichgültig, da wir wohl auf den Empfang der Feinde vorbereitet waren; indess wollten wir sie doch bis auf den letzten Augenblick über unsere Stärke im Ungewissen lassen und solange mit unseren Schiessgewehren zögern, bis wir sicher seyn konnten, mit der ersten Salve ihrer Fünf zu erlegen. Unsere Indianer nahmen ihre Bogen und wählten nur solche Pfeile, wie sie von den Kindern beim Fischen benützt werden, um die Gegner auf den Glauben zu bringen, ihre Wunden und die Vertheidigung des Gebäudes sehen blos das Werk einiger kecken und entschlossenen Knaben.

Gegen Morgen erschienen die Umbiquas mit zwei Leitern, jede von drei Mann getragen; sie schlichen umher und gaben ihre Anweisungen mehr durch Signale als durch Worte. Nach den Schiessscharten blickten sie oft in die Höhe; aber das Licht des Tages war noch zu schwach, als dass sie uns hätten entdecken können, und ausserdem glaubten sie vollkommen sicher seyn zu dürfen, da wir die ganze Nacht über die grösste Stille beobachtet hatten. In der That meinten sie, das Bootshaus sey verlassen und der gewisse Grad von Vorsicht, den sie bei ihren Schritten beobachteten, war mehr die Wirkung des behutsamen indianischen Charakters, als eine Aeusserug der Furcht vor etwa möglichem Widerstande.

Die zwei Leitern wurden je an einem der Thürme angelegt und auf jeder stieg ein Indianer heran. Anfangs warfen sie spähende Blicke durch die Oeffnungen zu beiden Seiten der Thüre, aber wir verbargen uns. Dann bildeten sämmtliche Umbiquas mit ihren Bogen und Speeren einen Halbkreis um die Leitern und bewachten die Schiessscharten. Auf den Befehl des Häuptlings sielen die ersten Hiebe, und die Indianer auf den Leitern begannen mit ihren Tomahawks gegen beide Thüren loszuschlagen. Während übrigens der Umbiqua an der östlichen Thüre den dritten Streich führte, wankte er und fiel die Leiter hinunter. In demselben Augenblicke verkündigte ein Schrei von dem andern Thurme her, dass wir dort den nämlichen Erfolg erzielt hatten.

Die Umbiquas zogen sich Hals über Kopf mit ihren Todten zurück und stiessen ein wüthendes Gezeter aus, das drei von unseren Knaben, dem erhaltenen Befehle gemäss, mit einem schrillen, trotzenden Kriegsruf erwiederten. Die Umbiquas waren hierüber ganz ausser sich, benahmen sich aber fortan klüger. Die Pfeile, durch welche ihre Kameraden getödtet worden, waren zwar Kinderpfeile, indess konnte es doch keinem Zweifel unterliegen, dass sie von Kriegern abgeschossen worden waren. Sie zogen sich hinter einen vorspringenden Felsen an dem Ufer des Flusses, nur dreissig Schritte von uns entfernt, zurück, um sich gegen unsere Geschosse zu decken. Dort bildeten sie einen Kriegsrath und harrten ihrer Leute und Kähne, welche eigentlich schon längst hätten zurückkommen sollen. In diesem Augenblicke zerstreute sich der Nebel, der über dem Flusse geschwebt hatte, und wir konnten das andere Ufer sehen, wo sich uns ein Anblick zeigte, der unsere Aufmerksamkeit fesselte. Auch dort ging ein Zerstörungsdrama vor sich, obgleich in einem kleineren Massstabe.

Uns gerade gegenüber befand sich ein Kanoe, dasselbe, auf welchem Tags zuvor unsere zwei Indianer ihren Ausflug angetreten hatten. Die zwei Umbiquas, welche die gestohlenen Pferde hüteten, waren nur einige Schritte davon entfernt, und da sie es augenscheinlich erst kurz zuvor entdeckt hatten, wussten sie noch nicht, welche Schritte sie einschlagen sollten. Sie hatten mit nicht geringer Verwirrung das Kriegsgeschrei und das Gezeter ihrer eigenen Leute gehört; sobald aber der Nebel ganz entschwunden war, bemerkten sie ihren Haufen hinter dem Schutze des Felsen und schickten sich, wahrscheinlich auf gegebene Signale, zu einer Kreuzung des Flusses an. Wie sie eben den Kahn losbinden wollten, blitzte es auf, und zweimal folgte ein lauter Knall; die Indianer fielen nieder — sie waren todt. Unsere beiden Kundschafter, welche sich im Gebüsch versteckt hatten, kamen jetzt zum Vorschein und begannen in aller Ruhe die Scalpe zu nehmen, ohne den Pfeilhagel zu achten, den die zeternden Umbiquas gegen sie entsandten. Dies war jedoch nicht Alles; die Feinde hatten sich in ihrer Wuth und Hast hinter dem Schirme des Felsen hervorgemacht und boten nun ein schönes Ziel; sobald daher der Häuptling zurückblickte, um zu sehen, ob auch von Seite des Bootshauses her eine Bewegung zu fürchten sey, fielen weitere vier seiner Leute unter unserem Feuer.

Das fürchterliche Geschrei, welches nun folgte, vermag ich nicht zu beschreiben, obgleich mir alle Einzelnheiten dieses meines ersten Kampfes noch frisch im Gedächtniss sind. Die Umbiquas nahmen ihre Todten auf und wandten sich gegen Osten in die Richtung des Gebirgs, wo sie allein noch dem Untergang zu entkommen hofften. Ihre Zahl hatte sich jetzt bis auf zehn gemindert, und in ihrem Aeusseren sprach sich Trauer und Niedergeschlagenheit aus. Sie fühlten, dass es ihnen beschieden war, nie wieder in ihre Heimath zurückzukehren.

Wir vernahmen von unsern Kundschaftern, dass die sechs Krieger des Postens von der Ansiedelung zurückgekommen wären und irgendwo im Hinterhalte lägen; dies wirkte entscheidend auf uns. Wir stiegen die Leitern hinab, welche die Indianer zurückgelassen hatten, und schlugen den Prairiepfad ein, um dem Feinde nach allen Seiten den Rückzug abzuschneiden.

Ich will mich beeilen, diese Gemetzelscene zu Ende zu bringen. Die Umbiquas trafen auf den Hinterhalt, aus welchem weitere vier von ihren Leuten erlegt wurden; der Rest zerstreute sich in der Prairie, wo sie vergeblich einen augenblicklichen Zufluchtsort in den Klüften zu finden bemüht waren. Vor Mittag hatten wir Alle getödtet, einen Einzigen ausgenommen, der sich durch Schwimmen über den Fluss rettete. Er langte jedoch nie wieder in seiner Heimath an, denn lange Zeit nachher erkärten die Umbiquas, dass von jener verhängnissvollen Pferdediebstahls-Expedition nicht ein Einziger zurückgekehrt sey.

So endete mein erster Kampf, ohne dass ich selbst auch nur einen Drücker berührt hätte. Oftmals nahm ich ein sicheres Ziel; dann aber begann mein Herz zu klopfen und mein Finger erlahmte, wenn ich dachte, dass meine Kugel einem Menschenleben gelte. Dies hinderte jedoch nicht, dass ich höchlich belobt wurde; und fortan war Owato Wanisha ein Krieger.

Am nächsten Tag verliess ich mit meinen Leuten — ich meine damit die sieben, die mich von Monterey her begleitet hatten — das Bootshaus, und da wir Alle gut beritten waren, so erreichten wir in kurzer Zeit die Ansiedelung, die ich vor mehr als drei Monaten verlassen hatte.

Ich fand die Verhältnisse günstiger, als ich gefürchtet hatte, denn mein Vater schien sich von dem erlittenen Schlage rasch wieder zu erholen, und unser Stamm hatte auf einem stürmischen Einfall in das südliche Gebiet der Krähen den Letzteren eine schwere Züchtigung angedeihen lassen. Unsere Leute kehrten mit hundertundfünfzig Scalpen, vierhundert Pferden und sämmtlichen Vorräthen an Decken und Tabak zurück, welche die Krähen kurz zuvor gegen ihr Pelzwerk von den Yankee’s eingetauscht hatten. Unsere feindseligen Nachbarn blieben für lange Zeit zaghaft und entmuthigt — ja, sie wagten es in demselben Jahre kaum, ihre eigenen Jagdgründe zu besuchen. Mit dem Tode des Fürsten Seravalle verhielt sich’s, wie ich aus dem Munde solcher vernahm, die dabei zugegen waren, folgendermassen —

Ein Jahr nach unserer Ankunft aus Europa hatte der Fürst Gelegenheit, durch eine Gesellschaft heimkehrender Händler Briefe nach St. Louis am Missouri zu schicken. Mehr als drei Jahre waren verflosseu, ohne dass er eine Antwort erhielt; aber ein paar Tage nach dem Antritte meiner Montereyer Reise vernahm der Fürst von einer Shoshonenpartie, die von Fort Hall zurückkehrte, dass daselbst eine grosse Karavane erwartet werde. Er beschloss daher, sich selbst nach dem Orte zu begeben, um unterschiedliche Metallwaaren, deren wir bedurften, einzukaufen und weitere Weisungen nach St. Louis ergehen zu lassen.

Dort angelangt, fand er zu seiner grossen Ueberraschung nicht nur Briefe für sich mit unterschiedlichen Güterballen, sondern auch einen französischen Gelehrten, der von einer wissenschaftlichen Gesellschaft noch Californien geschickt worden war. Der Letztere war durch den Bischof und dem Präsidenten des College zu St. Louis an uns empfohlen; er hatte auch fünf französische Jäger als Wegweiser bei sich, die viele Jahre ihres Lebens in Streifzügen, von den Rocky Monetains an bis zu den südlichen Ufern von Untercalifornien, verbracht hatte.

Der Fürst verliess seine Shoshonen bei dem Fort und trug ihnen auf, die Waaren bei einer passenden Gelegenheit nachzubringen, während er in Begleitung seiner neuen Gäste den Rückweg nach unserer Ansiedelung antrat. Am zweiten Tage ihrer Reise trafen sie auf einen starken Kriegshaufen der Krähen, ohne jedoch etwas zu fürchten, da die Shoshonen zu jener Zeit mit allen ihren Nachbarn im Frieden lebten. Die treulosen Krähen jedoch, welche eben so wenig als der Fürst wussten, dass sich eine Shoshonen-Jagdpartie in unmittelbarer Nähe befand, wollten eine so schöne Gelegenheit, ohne viele Gefahr reiche Beute zu erwerben, nicht aus der Hand geben. Sie liessen die Weissen ihres Weges ziehen, folgten ihnen aber in einiger Entfernung nach und überraschten sie Abends in ihrem Lager so plötzlich, dass an ein Waffenergreifen nicht zu denken war.

Die Gefangenen wurden mit ihren Pferden und ihrem Gepäcke nach der Stelle geführt, wo ihre Ueberwinder Lager gemacht hatten und nun alsbald Berathung abhielten. Der Fürst machte dem Häuptlinge bittere Vorwürfe über seine Verrätherei, denn er wusste nicht, dass die Krähen die grössten Schufte zwischen den Gebirgen sind. Die Händler und sämmtliche Indianerstämme schildern sie als „Diebe, die nicht wissen, was es heisst, ein Versprechen zu halten, oder eine ehrenhafte Handlung zu begehen.“

Niemand wird ihnen je Vertrauen schenken, als etwa ein Fremder. Sie sind so feig, als grausam. Mord und Raub bilden die Grundzüge ihres Daseyns, und Wehe den Händlern oder Jägern, denen die Krähen während ihrer Ausflüge begegnen, wenn sie nicht wenigstens ein Zehntheil der feindlichen Streitmacht betragen. Einen Beleg von ihrer Feigheit mag der Umstand abgeben, dass einmal Roche, ein junger Pariser Namens Gabriel und ich zufällig auf ein Lager von dreizehn Krähen und drei Arrapahoes trafen; sie überliessen uns ihre Zelte, ihr Pelzwerk und ihr getrocknetes Fleisch, indem nur die Arrapahoes sich zum Kampfe anschickten, aber auch bald einen der Ihrigen verloren hatten.

Kehren wir jedoch zum Gange unserer Geschichte zurück. Der Häuptling hörte den Fürsten Seravalle mit verächtlicher Miene an, dadurch klärlich zeigend, dass er ihn kenne, und dass er ihm nicht sehr geneigt sey. Um jedoch seinen Hass auf die beste Weise auszubeuten, stellte er die doppelsinnige Frage an seine Gefangenen, was sie geben wollten, um ihre Freiheit zu erhalten. Auf ihre Antwort, sie seyen bereit, zwei Büchsen, zwei Pferde und hundert Dollars abzutreten, erklärte er, die ganze Habe, die sie mit sich führten, sey ohnehin schon sein Eigenthum, und er verlange noch mehr von ihnen: einer der Kanadier solle nämlich mit fünf Krähen nach Fort Hall gehen und Letztere im Auftrag des Fürsten sechszig Decken, zwanzig Büchsen uud zehn Fässchen Pulver in Empfang nehmen. Mittlerweile wolle er die Gefangenen in das Gebiet der Krähen mitnehmen, wohin man die Güter nachbringen solle; sobald dann dieselben angelangt wären, könnten die Weissen freien Fusses weiter ziehen. Der Fürst, der jetzt die Absicht der Feinde verstand und recht wohl wusste, dass man ihnen nie erlauben würde, wieder zurückzukehren, wenn sie sich einmal in den festen Plätzen der Krähen befänden, wies diesen Vorschlag zurück, machte aber, um Zeit zu gewinnen, mehrere andere, die natürlich nicht genehmigt wurden. Sobald der Häuptling sah, dass er wahrscheinlich nicht weiter erhalten werde, als er schon jetzt im Besitze hatte, so warf er seine heuchlerische Maske ab und trat mit einemmale in seinem wahren Charakter auf, indem er seine Opfer zu beschimpfen begann.

„Die Blassgesichter,“ sagte er, „seyen gemeine Hunde und zu grosse Memmen, um gegen die Krähen zu fechten. Sie seyen noch weniger, als Weiber, indem sie sich in die Hütten der Shoshonen verbärgen und ihnen ihre Büchsen borgten, so dass diese jetzt hinreichend Pulver und Feuerwaffen hätten, um von Allen gefürchtet zu werden. Jetzt aber wollten sie die Blassgesichter tödten, um zu sehen, welche Farbe das Blut von Memmen hätte. Wären sie einmal todt, so könnten sie fernerhin weder Büchsen, noch Pulver an die Shoshonen verschenken, die sich dann wie Prairiehunde in ihre Löcher vergraben und es nie wieder wagen würden, den Pfad eines Krähen zu kreuzen.“

Der Fürst antwortete dem Häuptlinge mit Verachtung. „Die Krähen,“ sagte er, „sollten nicht so laut reden, damit sie nicht von den Shoshonen gehört würden, und eine Lüge sollte man nie unter freiem Himmel aussprechen. Was seyen die Krähen gewesen, ehe die weissen Männer an die Ufer der Buona-Ventenra gekommen? Sie hätten ja nicht einmal ein eigenes Land, denn der eine Theil davon sey von den Schwarzfüssen, der andere von den Arrapahoes und den Shoshonen genommen worden. Ferner seyen die Krähen wie die Tauben, von den Gebirgs-Falken gejagt. Sie lägen in tiefen Spalten der Erde und kämen nur bei Nacht zum Vorschein, aus Furcht, einem Shoshonen zu begegnen. Die Weissen hätten übrigens die Shoshonen um ihre Ansiedelung versammelt und sie gelehrt, im Frieden mit ihren Nachbarn zu bleiben. So sey es vier Jahre gehalten worden, und die Krähen hätten Zeit gehabt, andere Wigwams zu bauen. Warum handelten sie nun wie Wölfe, die ihre Wohlthäter bissen, statt ihnen Dankbarkeit zu erweisen?“

Trotz seines Alters hatte der Fürst doch viel Feuer in sich namentlich, wenn sein Blut in Wallung gerieth. Er war in Allem, mit Ausnahme der Wildheit, ein Shoshone geworden und verachtete aus dem Grunde seines Herzens die schuftigen Krähen. Der Häuptling dagegen griffen nach der Handhabe seines Tomahawks — so tief fühlte er den bittern Hohn seines Gefangenen. Da liess sich mit einemmale Rasseln vernehmen; eine Büchse knallte und einer der Krähen sprang hoch in die Luft, um als Leiche zusammenzustürzen.

„Der Häuptliug hat zu laut gesprochen,“ sagte der Fürst; „ich höre den Tritt eines Shoshonen. Die Krähen werden gut thun, sich in’s Gebirge zu flüchten, sonst wird ihr Fleisch die Hunde unseres Dorfes mästen.“

Die Gluth des Zornes und des tiefen Hasses schoss über das Gesicht des Häuptlings; aber er stand mit allen seinen Leuten regungslos und lauschte auf die Töne, um sich zu überzeugen, in welcher Richtnng sie der Gefahr entfliehen sollten.

„Furcht hat die Krähen in Steine verwandelt,“ nahm der Fürst wieder auf; „was ist aus ihren leichten Füssen geworden? Ich sehe die Shoshonen.“

„Der Hund von einem Blassgesicht wird sie nicht mehr sehen,“ versetzte der Wilde, indem er seinen Tamahawk in den Schädel des unglücklichen Fürsten begrub, dem es in dieser Weise vorbehalten war, in einem fernen Lande einen unrühmlichen Tod zu sterben.

Die andern Gefangenen, welche gebunden waren, konnten natürlich keinen Widerstand leisten. Der französische Gelehrte und seine zwei Führer waren im Nu geschlachtet. Aber ehe die Uebrigen geopfert werden konnten, flog eine gut gezielte Salve in den dichtesten Krähenhaufen, der alsbald aus einander stürzte, um in den Wäldern Verstecke zu suchen, während zwanzig aus ihrer Mitte, darunter ihr grausamer Häuptling, todt und verwundet auf dem Platze blieben. Dann brachen aus dem Dickicht dreissig Shoshonen hervor, welche alsbald auf die Flüchtlinge Jagd machten und nur einen von den Ihrigen zurückliessen, um die drei noch lebenden Jäger zu befreien und über der Leiche ihres gemordeten Freundes und Gesetzgebers zu wachen.

Eine halbe Stunde spielte nun aus den gegenseitigen Verstecken ein scharfes Plänklerfeuer zwischen den Shoshonen und Krähen. Letztere verloren zehn weitere Scalpe, und als sie endlich einen mit Büschen und Dornsträuchen bewachsenen Hügel erreichten, zahlten sie eifrig Fersengeld, ohne nur zu versuchen, die ihnen nachgeschickten Salven zu erwiedern. Die bejammernswürdigen Opfer wurden nach der Ansiedelung gebracht, und an dem Tage ihrer Beerdigung brachen die Shoshonen nach dem Lande der Krähen auf. Das Ergebniss des Feldzugs habe ich bereits mitgetheilt.

Ich traf bei meinem Vater die drei Jäger, von denen zwei im Begriffe waren, nach Californien aufzubrechen; der dritte aber, ein junger Pariser, Namens Gabriel, zog es vor, bei uns zu bleiben, und war immer mein treuer Begleiter, bis wir uns an den Ufern des Mississippi trennten, als ich von dort aus die Richtung nach dem atlantischen Ocean einschlug. Er und Roche kehrten bei jener Gelegenheit wieder zu den Shoshonen zurück. Ein Leben voll wilder und gefährlicher Abenteuer hatte zu viel Anziehendes für sie, als dass sie es hätten aufgeben mögen, und der Irländer that ein Gelübde, wenn er je wieder in das Bereich der Civilisation zurückkehre, so werde er nach Monterey ziehen, denn dies sey der einzige Ort, wo er auf seinen langen Wanderungen ein Volk gefunden habe, das seinen Ideen zusage.

Als ich bei dem Zusammentritte einer grossen Versammlung dem Stamme den Angriff mittheilte, den die Umbiquas auf das Bootshaus gemacht hatten, und den Erfolg desselben berichtete, zollten mir alle Anwesenden lauten Beifall. Ich wurde auf der Stelle zum Kriegerhäuptling gewählt, und dieselbe Versammlung fasste den Entschluss, ohne Zögerung eine Abtheilung auszuschicken, um die Umbiquas zu züchtigen. Mein Vater gestattete nicht, dass ich mitging, da die Angelegenheiten des Fürsten in Ordnung gebracht und die Schulden, die er zu Fort Hall contrahirt hatte, bezahlt werden mussten. Ich sah mich deshalb genöthigt, zwei Monate lang die Verrichtungen eines Buchhalters zu vollziehen, Rechnungen zu schreiben und so weiter — eine ziemlich langweilige Beschäftigung, der ich nicht den mindesten Geschmack abgewinnen konnte. Inzwischen nahm der Feldzug gegen die Umbiquas einen noch erfolgreicheren Fortgang, als der gegen die Krähen; überhaupt war es ein glorreiches Jahr für die Shoshonen und sie werden sich desselben noch lange Zeit als einer Periode erinnern, zu welcher ihre Beinbekleidung und ihre Moccassins im buchstäblichen Sinne des Worts mit Menschenhaaren genäht waren und die auf der Prairie unbegraben bleichenden Gebeine ihrer Feinde sogar die Wölfe abhielten, über die Buona-Ventura herüberzukoommen. In der That war das Jahr so ereignissvoll, dass mein Buch über Gebühr anschwellen müsste, wenn ich Alles aufzählen wollte.

Die Cachette an unserem Landungsplatze hatte ich nicht vergessen. Wir schafften Alles nach dem Bootshause, und da die heissen Sommertage die Ansiedelung bereits nicht sehr angenehm zu machen begannen, so zogen wir nach der Seeküste, während der grössere Theil des Stammes nach den Wellenprairieen des Südens auf die Jagd zog.

Die Geschenke der Einwohner von Monterey erwiesen sich für meinen Vater als eine sehr werthvolle Erwerbung. Es waren viele Bücher darunter, die er sich zueignete; sein Alter und seine Gebrechlichkeit vertrugen sich nicht mehr mit den Anstrengungen des indianischen Lebens, weshalb er die Einsamkeit aufsuchte und sich gerne mit Lectüre abgab. Was Gabriel und Roche betraf, so wurden wir nun unzertrennlich; unsere Charakter waren zwar in manchen Punkten ganz verschieden, aber der Umstand, dass wir stets zusammen lebten und dasselbe Zelt mit einander theilten, knüpfte doch ein inniges Band brüderlicher Einigkeit.

Der Leser wird seiner Zeit finden, dass wir manche waghalsige That ausführten und viele vergnügte Tage mit einander verbrachten. Dies geschah sowohl in den nördlichen Städten von Mexiko, als in den westlichen Prairieen von Texas, wo wir mit den Comanches jagten und gelegentlich einige schuftige Texianer entlarvten, die in den entfernten Ansiedelungen unter der Maske der Indianer an ihren eigenen Landsleuten Raub und Mord zu begehen pflegten.

Neuntes Kapitel.

Die Bemerkungen, die ich über die Shoshonen zu machen gedenke, lassen sich eben so gut auch auf die Comanchen, Apachen und Arrapahoes anwenden, da sie nur Unterabtheilungen und Sprösslinge des ursprünglichen Stammes sind. Die Wakoes, die von andern Reisenden noch nicht erwähnt, ja noch nicht einmal gesehen wurden, werde ich nachher beschreiben.

Es ist hier wohl der Ort, anzudeuten, dass die Shoshonen, obgleich sie mit den Comanchen und Apachen stets im Frieden leben, doch seit geraumer Zeit gegen ihre andern Abkömmlinge, die Arrapahoes, desgleichen auch gegen sämmtliche Dahcotah- und Algonquins-Stämme, die Krähen, die Kickarees, die Schwarzfüsse, die durchbohrten Nasen und andere, Krieg führten.

Was nun erstlich die Religion der Schlangenindianer betrifft, so wirft diese höchst interessante Frage vielleicht mehr Licht auf ihren Ursprung, als aus ihren Ueberlieferungen, Sitten und Gebräuchen erholt werden kann. Soweit ich die Indianer kenne, glaube ich, dass sie vielleicht nicht so religiös, jedenfalls aber weit gewissenhafter sind, als die meisten Christen. Sie glauben Alle an einen einzigen Gott, den Manitou, den sie als den Urheber alles Guten verehren; sie sind jedoch der Ansicht, die menschliche Natur sey zu niedrig, um mit dem „Herrn über Alles“ zu verkehren, weshalb sie in der Regel die Elemente und sogar gewisse Thiere zu ihren Vermittlern wählen, etwa wie dies bei den Katholiken ihren Heiligen gegenüber der Fall ist.

Der grosse Manitou wird von allen wilden Stämmen Nordamerika’s gleichförmig verehrt, und nur der vermittelnde Geist wechselt, obgleich Letzteres nach der Wahl des Einzelnen geschieht und keine nationale Grundzüge dabei stattfinden. Die Kinder lehrt man den „Kishe Manito“ (den Allmächtigen) kennen, weiter nicht. Erst wenn der Knabe in das Jünglingsalter übergeht, wählt er sich eine eigene Gottheit, eine Art Penaten, den er in seinen Träumen kennen lernt. Wenn ein junger Mensch seine Absicht kund gibt, den Geist aufzusuchen, so tragen ihm seine Eltern auf, drei Tage zu fasten; dann nehmen sie ihm Bogen und Pfeile weg und schicken ihn weit hinaus in die Wälder, in’s Gebirge oder in die Prairieen, damit er daselbst die Heimsuchung erwarte.

Ein leerer Magen und Unthätigkeit in der einsamen Wildniss sind gewiss geeignet, wache Träume hervorzurufen. Der junge Mensch denkt an Wasser, Büffel oder Fisch, wenn er hungrig und durstig ist, an Feuer und Sonnenschein aber, wenn er friert. Bisweilen trifft er mit einem Gewürm zusammen, und seine Einbildungskraft verarbeitet derartige natürliche Ursachen oder Erscheinungen so lange, bis sie ganz davon erfüllt ist.

In dieser Weise werden Feuer, Wasser, Sonne, Mond, ein Stern, ein Büffel oder eine Schlange, Gegenstände seiner Gedanken, und natürlich träumt er auch von dem, über was er zuvor gebrütet hat.

Er kehrt dann nach Hause zurück, gräbt auf einen Stein, ein Stück Holz oder auf eine Haut die Gestalt des „Geistes,“ den sein Traum gewählt hat, trägt ihn beständig auf dem Leibe und redet ihn an als einen Fürsprecher, durch den seine Gelübde gehen müssen, ehe sie den furchtbaren Herrn aller Dinge erreichen können.

Einige unter den Indianern erhalten durch ihre Tugenden und ihre regelwässige Lebensweise das Privilegium, sich unmittelbar an den Schöpfer zu wenden, und werden dann in den Bund eingeführt, an dessen Spitze die Ceremonienmeister und die Vorsteher der geheiligten Hütten stehen, welche Novizen aufnehmen und Würden ertheilen können. Ihr Ritus ist geheim, und nur die Mitglieder können Zugang finden. Diese Priester sind, wie vordem die der Isis und Osiris, sehr gelehrt und besitzen erstaunliche Kenntnisse von der Naturgeschichte; desgleichen verstehen sie sich gut auf Astronomie und Botanik, bewahren die Ueberlieferungen und grossen Ereignisse der Stämme auf und bedienen sich gewisser Hieroglyphen, die sie in die geheiligten Hütten malen — eine Zeichenschrift, welche ausser den Angehörigen ihrer Kaste Niemand zu entziffern vermag. Die Wenigen, welche auf ihren Wanderungen von einer Schlange „geträumt“ und sie zu ihrem „Geiste“ gemacht haben, werden unabänderlich „Aerzte“. Die Indianer fürchten dieses Gewürm und bringen es mit dem bösen Geiste in Verbindung, obgleich es in den westlichen Thälern, mit Ausnahme der Gebirge an dem Columbia-Flusse, wo man auf eine Menge Klapperschlangen trifft, keine giftigen Arten gibt. Als „Kishe Manito“ (der gute Gott), in der Gestalt eines Büffels auf die Erde kam, um die Leiden der rothen Menschen zu erleichtern, wurde er von dem bösen Geiste, „Kinebec“ (Schlange) bekämpft. Dieser Theil ihres Glaubensbekenntnisses ist fast ausschliesslich im Stande, den Braminenursprung zu beweisen.

Der „Arzt“ flösst den Indianern Ehrfurcht und Schrecken ein; er ist zwar geachtet, hat aber weder Freunde, noch Weiber oder Kinder. Er verkehrt mit dem bösen Geiste, ist der Mann der dunkeln Thaten, holt seine Kenntnisse von der Erde und aus den Felsklüften, weiss Gifte zu mischen, und ist der einzige, der den „Anim Teki“ (Donner), nicht fürchtet. Mit seinen Zauberformeln kann er Krankheiten heilen, aber auch tödten. Sein Blick ist der Blick der Schlange; er macht das Gras welken, bannt Vögel und Thiere, verwirrt das Gehirn des Menschen und schleudert Furcht und Düster in dessen Herz.

Die Weiber der Shoshonen, der Apachen und Arrapahoes, wie überhaupt aller, die der Shoshonenrace angehören, sind in Betreff ihres Körperbaus den Squaws der östlichen Indianer weit überlegen. Ich kann sie nicht besser schildern, als wenn ich sage, dass sie mit den Araberweibern die grösste Aehnlichkeit haben. Von Person und in ihrem Hauswesen sind sie sehr reinlich, und da alle ihre Stämme sowohl männliche als weibliche Sklaven haben, so wird der Wuchs eines Shoshonenweibes nicht durch schwere Arbeit verkümmert, wie dies bei den Squaws der östlichen Stämme der Fall ist. Gegen ihre Gatten sind sie sehr treu, und ich glaube zuversichtlich, dass jeder Angriff auf ihre Keuschheit vergeblich seyn würde. Sie reiten so rüstig als die Männer und sind in dem Gebrauch der Bogen und Pfeile gut erfahren. Ich war einmal Zeuge, wie ein sehr schönes, zehnjähriges Shoshonen-Mädchen, die Tochter eines Häuptlings, während ihr Pferd in vollem Galopp einherjagte, mit ihrem Geschosse im Laufe von ein paar Minuten neun wilde Truthühner tödtete, auf welche sie Jagd machte.

Ihr Anzug ist eben so geschmackvoll, als züchtig. Er besteht aus einem weiten Hemde von weicher Hirschhaut, mit knapp anliegenden Aermeln, das fast immer blau ader roth gefärbt ist; darüber befindet sich vom Gürtel an ein anderes Gewand, das vier oder sechs Zoll über das Knie hinunterfällt und aus Schwanenflaum, Seide oder Wolle gefertigt ist. Sie tragen Beinkleider von dem nämlichen Materiale, aus welchem das Hemd besteht, und bedecken ihre zierlichen, kleinen Füsse mit schön gearbeiteten Moccasfins. Ausserdem tragen sie noch eine Schärpe von reichem Gewebe und lassen ihre weichen, langen Rabenhaare, die sie gewöhnlich mit Blumen, bisweilen aber auch mit sehr werthvollen Juwelen zieren, in üppiger Fülle über die Schultern niederwallen. Ihre Hand- und Fussgelenke sind von Spangen umgeben, und wenn man einem dieser jungen und anmuthigen Geschöpfe begegnet, wie es mit leuchtenden Augen und aufgeregtem Gesichte der Jagd obliegt, so wird man unwillkürlich an die Schilderungen erinnert, die uns Ovid von den Nymphen der Diana gibt10).

Obgleich die Weiber an den tieferen Mysterien der Religion keinen Theil nehmen, so wird es doch einigen gestattet, sich der Gottheit zu weihen und ein Keuschheitsgelübde abzulegen, wie die Vestalinnen des Heidenthums oder die Nonnen in den katholischen Klöstern. Sie kleiden sich wie die Männer von Kopf bis zu Fuss in Leder und malen ein Bild der Sonne auf ihre Brust. Diese Weiber sind Kriegerinnen, ziehen aber nie in’s Feld, sondern bleiben immer zurück, um die Dörfer zu beschützen. Sie leben einsam und sind gefürchtet, werden aber nicht geliebt; denn der Indianer hasst Alles, was sich eine ungebührliche Gewalt anmasst, die von der Natur angewiesenen Schranken überschreitet oder die ihm angewiesene Bestimmung nicht erfüllt.

Die schönen Sommerabende verwenden die jungen Indianer auf Liebeswerbung. Hat einer seine Wahl getroffen, so gibt er seinen Eltern davon Kunde, welche sofort das Weitere auf sich nehmen. Man bringt Geschenke vor die Thüre der Schönen; werden sie nicht angenommen, so ist die Sache abgethan und der junge Mann muss sich irgendwo anders umsehen; im andern Falle folgen Gegengeschenke zum Zeichen des Einverständnisses. Letztere bestehen in der Regel aus weiblichen Arbeiten, Hosenbändern, Gürteln, Moccasins. Dann findet eine Zusammenkunft zwischen den Eltern statt; sie schliesst mit einer Rede des Brautvaters, welcher seine „Taube“, „Lilie“, „Flüsterstimme des Windes“ oder wie fie sonst heissen mag, lobt. Sie ist eine gute Tochter gewesen, und wird deshalb auch ein gehorsames Weib seyn; ihr Blut ist das eines Kriegers — sie wird ihrem Gatten edle Kinder gebähren und ihnen singen von seinen grossen Thaten u. s. w. u. s. w. Endlich kommt der Vermählungstag heran. Ein Mahl aus Wurzeln und Früchten wird bereitet, und alle Verwandten sind gegenwärtig, den Bräutigam ausgenommen, dessen Waffen, Sättel und sonstige Habe hinter der Schönen aufgestellt siud. Die Thüre der Hütte ist offen und die Schwelle mit Blumen geschmückt. Um Sonnenuntergang stellt sich der junge Mann mit grosser Würde in seinem Benehmen ein. Hat er neben dem Mädchen Platz genommen, so fangen die Gäste an zu essen, ohne zu sprechen; sobald jedoch von den Müttern ein Zeichen gegeben wird, stehen sie auf, um sich zu entfernen. Nun kreuzt das Brautpaar die Hände, und der Bräutigam redet jetzt zum erstenmale, indem er fragt: — „Treu der Hütte, treu dem Vater, treu seinen Kindern?“ Sie antwortet leise: „Treu, stets treu, in Freude und Leid, im Leben und im Tode“ — „Penir, penir-asha, sartir nú cohta, lebeck nú tanim.“ Dies ist die letzte Formel und die Ceremonie jetzt beendigt. Sie mag sehr einfach und vielleicht lächerlich erscheinen, mir aber kam sie beinahe erhaben vor. Die Ansichten sind Früchte der Erziehung und der Gewohnheiten.

Der Gatte bleibt ein ganzes Jahr bei seinem Schwiegervater, an den er seine Jagdbeute, sowohl Häute, als Wildpret abtragen muss. Nach Ablauf dieser Periode ist seine Dienstzeit vorüber, und er kann dann mit seiner Gattin entweder zu seinem eigenen Vater zurückkehren, oder sich eine Hütte bauen. Der Jäger bringt sein Wild nach Hause, wenn es nicht zu schwer ist, und damit ist sein Geschäft zu Ende; das Weib zieht die Haut ab, trocknet sie und salzt das Fleisch ein. Ist übrigens der Gatte ein Jäger ersten Ranges und somit seine Zeit kostbar, so ziehen das Weib selbst oder weibliche Verwandte von ihr aus, um die Beute an Ort und Stelle aufzusuchen. Wenn ein Mann stirbt, trauert die Wittwe zwei bis vier Jahre; ein Gleiches thut der Mann, wenn seine Gattin stirbt, nur ist er hiezu nicht so streng verpflichtet, als das Weib, und es trifft sich oft, dass er nach Ablauf von zwei Jahren seine Schwägerin heirathet. Die Indianer halten dies für natürlich und sind der Meinung, ein Weib werde sorgfältiger gegen die Kinder ihrer Schwester seyn, als gegen die Kinder einer Fremden. Unter den bessern Klassen verlobt man die Kinder schon in einem Alter von einigen Monaten; dergleichen Zusagen sind heilig und werd en nie gebrochen.

Gegen den Mord haben die Indianer im Allgemeinen sehr strenge Gesetze, die sich unter den Stämmen so ziemlich gleich verhalten. Sie zerfallen in zwei gesonderte Abtheilungen — Mord, begangen von einem Angehörigen des Volkes, und Mord, begangen von einem Fremden.

Begeht ein Einheimischer einen Mord an einem Stammesgenossen, so entweicht oder er überliefert sich der Gerechtigkeit. Im letzteren Falle tödtet ihn der nächste Verwandte des Erschlagenen öffentlich und in Gegenwart aller Krieger. Hat sich der Mörder geflüchtet, so wird er nicht verfolgt, sondern sein nächster Verwandter hat für die That einzustehen und muss die Strafe derselben erleiden, wenn er innerhalb einer gegebenen Frist den eigentlichen Uebelthäter nicht beigeschafft hat. Eine solche richterliche Tödtung wird schnell vermittelst eines Tomahawkhiebes vollstreckt. Oft bemüht sich der Häuptling, die betreffenden Theile zu veranlassen, dass sie die Friedenspfeife mit einander rauchen; gelingt dies, so hat Alles ein Ende — wo nicht, so muss ein Opfer fallen. Dies ist ein strenges Gesetz, das nicht selten viel Unheil zur Folge hat. Die Blutrache hat sich oft von Generation auf Generation vererbt, und Mord folgte aus Mord, bis endlich eine der feindlichen Familien den Stamm verliess.

Ohne Zweifel ist es derartigen Umständen zuzuschreiben, dass grosse Familien oder Gemeinschaften von Wilden, welche die gleichen Grundzüge tragen und die nämliche Sprache reden, sich in so viele gesonderte Stämme getheilt haben. Die Shoshonen erzeugten die Comanchen, Apachen und Arrapahoes, während später von den Comanchen wieder die Tonquewas, von den Apachen die Lepans und die nun ausgestorbenen Texas11), von den Arraphoes aber die Nahawoes ausgingen. Unter den Nadowessiern oder Dahcotahs ist die Spaltung noch grösser gewesen; aus ihnen bildeten sich die Konsas, die Mandans, die Tetons, die Yangtongs, die Sassitongs, die Olla-gallahs, die Sionen, die Wallah-wallahs, die Cayusen, die Schwarzfüsse und endlich die Winnebagoes.

Von der Algonquin-Raçe sind nicht weniger als einundzwanzig verschiedene Stämme ausgegangen: die Micmacs, die Etchemins, die Abenakis, die Sokokis, die Pawtucket, die Pokanokets, die Narragansets, die Pequods, die Mohegans, die Lenilenapen, die Nanticoken, die Powatans, die Shawnees, die Miamis, die Illinois, die Chippewas, die Ottawas, die Menomonier, die Sacs, die Füchse und die Kickapoos, welche sich später wieder in mehr als hundert Nationen zertheilten.

Kehren wir jedoch wieder zu den Gesetzen über den Mord zurück. Es trifft sich oft, dass der Neffe oder der Bruder des Mörders sein Leben zur Sühne anbietet. Nicht selten werden namentlich von den ärmeren Familien derartige Selbstopferungen angenommen, obschon dieser Verwandte nicht dem Tode geweiht wird, sondern nur sein Verhältniss zu seinen früheren Angehörigen aufgeben muss; er wird eine Art Sklave oder Vasall für Lebenszeit unter den Hinterbliebenen des Erschlagenen. Bisweilen, jedoch nur in sehr seltenen Fällen rettet der Schuldige sein Leben durch ein eigenthümliches, sehr altes Gesetz. Wenn der Ermordete eine Wittwe mit Kindern hinterlässt, so kann diese den Verbrecher als ihr Eigenthum ansprechen: er wird dem Namen nach ihr Gatte — das heisst, er muss jagen und für den Unterhalt der Familie sorgen.

Ist der Mörder aus einem feindlichen Stamme, so wird ohne Verzug der Krieg erklärt; gehört er jedoch einem befreundeten Volke an, so wartet man drei oder vier Monate ab, ob die Häuptlinge nicht kommen, um sich zu entschuldigen und Ersatz anzubieten. Im letztern Falle bringen sie Geschenke und legen dieselben an der Thüre des Berathungshauses nieder, in welchem sich auf der einen Seite die Verwandten des Erschlagenen, auf der anderen die Häuptlinge und Krieger des Stammes, in der Mitte aber die Gesandten befinden. Von diesen eröffnet Einer die Ceremonie, indem er eine Friedensrede hält, während ein Anderer den Verwandten die Pfeife anbietet. Wird sie nicht angenommen und hegt der grosse Häuptling des Stammes eine besondere Achtung gegen die andere Nation, so steht er auf und bietet selbst das Columet der Versöhnung an. Weigern sich die Verwandten noch immer, so werden sämmtliche Kinder des Ermordeten bis auf den Säugling herab, in die Hütte gerufen, und man reicht jetzt die Pfeife zum drittenmale herum. Wenn nun ein Kind, wäre es auch nur ein paar Monate alt, das Calumet berührt, so betrachten die Indianer dies als eine Entscheidung des Maniton; die Pfeife geht im Kreise, die Geschenke werden hereingebracht und zu den Füssen der Kläger niedergelegt. Andernfalls aber kann nur das Leben des Mörders den Stamm zufrieden stellen.

Wenn die Häuptlinge des Stammes, welchen der Mörder angehört, ihr Dorf verlassen, um Versöhnung zu stiften, so bringen sie das verlangte Opfer, das wohl bewaffnet ist, mit sich. Steht ber Mörder als Mensch und Krieger in hoher Achtung, so folgen ihm die Häuptlinge seines Stammes mit einer grossen Anzahl von Leuten, welche, ehe sie in die Berathungshütte treten, ihre Gesichter bemalen: die Farbe ist bei Einigen schwarz mit grünen Flecken, bei Andern ganz grün, nach Weise der Friedenspfeife, welche stets eine grüne Färbung hat.

Die Verwandten des Ermordeten stehen auf der einen Seite der Hütte, die Krieger des andern Stammes ihnen gegenüber. In der Mitte befindet sich der Häuptling, neben dem der Träger der Friedenspfeife und der Mörder steht. Der Häuptling hält sodann eine Rede und nähert sich mit dem Pfeifenträger und dem Mörder den Verwandten des Erschlagenen; er bittet sie, jeden insbesondere, von der dargebotenen Pfeife zu rauchen und wendet sich, wenn ihn der Eine zurückgewiesen hat, an den Andern.

Diese ganze Zeit über steht der wohlbewaffnete Mörder an der Seite des Häuptlings, rückt langsam näher und hat stets seinen Bogen oder Karabiner angelegt, um auf jeden der Verwandten zu schiessen, der es versuchen sollte, ihm an’s Leben zu gehen, ehe die Pfeife von der Gesammtheit zurückgewiesen wurde. Ist dies endlich geschehen, und wünscht der Häuptling den Frieden, oder kümmert er sich nicht viel um den Mörder, so gestattet er mit seinen Leuten, dass der Letztere getödtet werde; im Gegentheile aber erheben sie das Schlachtgeschrei, vertheidigen das Leben ihres Stammesgenossen und von nun an beginnt der Kampf zwischen den beiden Völkern.

Gewöhnlich nimmt man aber die Friedenspfeife an, ehe man es also zum Aeussersten kommen lässt.

Ich komme nun auf die Waffen und die Ausrüstung der Shoshonenkrieger, bemerke übrigens zu gleicher Zeit, dass sich Alles, was ich darüber sage, auch auf die Apachen, die Arrapahoes und die Comanchen beziehen lässt, indem sich die Shoshonen vor Letzteren nur durch ihre grössere Geschicklichkeit auszeichnen. Der Shoshone ist immer beritten und sitzt fest auf einem kleinen, leichten, selbstgefertigten Sattel ohne Steigbügel, von denen sie keine Freunde sind. Nur die Häuptlinge und berühmten Krieger führen diese Zugehör als ein Merkmal der Auszeichnung, um so mehr, da die Sättel mit Bügeln in der Regel Trophäen sind, die von einem besiegten Feinde gewonnen werden.

In dem Schmuck ihrer Pferde zeigen sie so viel Geschmack, wie die Mexikaner, die Krähen oder die östlichen Indianer, denn sie glauben, dass die natürliche Schönheit und Anmuth des Thieres durch bunten Prunk an Harmonie verlieren würde. Das einzige Merkmal von Auszeichnung, das sie an ihren Rossen anbringen (und zwar nur die Häuptlinge), besteht in ein paar Adlerfedern an der Zaumrosette unter dem linken Ohre. Der Shoshone behandelt sein Pferd wie einen Freund, hätschelt es, pflegt es und misshandelt es nie; es ist daher immer in einem vortrefflichen Zustande und bildet mit seinen stolzen Augen und seiner majestätischen Haltung das Ideal eines schönen, anmuthigen Thieres. Der elegante Putz und die zierliche Gestalt eines Shoshonenreiters harmonirt wunderbar mit dem wilden, stolzen Aeussern seines Rosses.

Der Shoshone lässt seine schön gekämmten Locken in dem Winde flattern und drückt sie nur durch eine dünne, metallene Krone an seinen Kopf, in welcher dieselben Federn stecken, wie an der Rosette seines Thieres. Diese Krone besteht entweder aus Gold oder Silber, und diejenigen, welche derartige Metalle nicht zu erschwingen vermögen, fertigen sie aus Schwanenflaum oder Hirschhaut, zur Zierde die Stacheln des Stachelschweins benützend. Die Arme sind bloss und die Handgelenke mit Spangen von dem Materiale der Krone umgeben. Der Körper ist vom Halse bis zum Gürtel mit einem kleinen Hemde von weichem Hirschleder gehüllt, das sich faltenlos anschmiegt. Vom Gürtel an bis zum Knie wallt ein weites Uebergewand aus schwarzem, braunem, rothem oder weissem Wollenoder Seidenstoffe, den der Indianer zu Monterey oder St. Franzisco aus den Händen der Valparaiso- und Chinahändler bezieht; seine Füsse sind vom Knöchel an bis zur Hüfte mit Beinkleidern aus Hirschleder bedeckt, das mit vegetabilischen Säuren roth oder schwarz gefärbt und mit Menschenhaaren zusammen genäht ist, welche an der Aussenseite umherfliegen oder sich in Zöpfe verschlingen. Ueber den Knöcheln befinden sich wieder metallene Spangen, der Fuss selbst aber steckt in einem eleganten Moccasin, bisweilen mit schönen, runden, erbsgrossen Scharlachmuscheln verziert, die man unter den fossilen Ueberresten des Landes findet.

Das Obergewand ist durch einen Gürtel um den Leib befestigt; die Squaws fertigen denselben gewöhnlich aus den zarten Fasern den Seidenbaums, einer Abart der Wollenstaude, welche stets mit langen, fast untastbaren, aber doch sehr starken Fäden bedeckt ist. Diese werden zusammengewoben und schön gefärbt. Zuverlässig würden solche Schärpen, die zwölf bis fünfzehn Fuss Länge haben, von den Pariser und Londoner vornehmen Damen zu grossen Preisen bezahlt werden, denn ich habe oft ein derartiges Gewebe in meine Hand eingeschlossen, ohne dass ihr Umfang merklich dadurch vergrössert worden wäre.

In dem Gürtel steckt links das Messer und rechts der Tomahawk. Bogen und Köcher hängen an drei Zoll breiten Schwanenflaumriemen über die Schultern, während die lange, mit reichem Schnitzwerk und blanker Kupfer- oder Eisenspitze versehene Lanze horizontal an der Seite des Pferdes getragen wird. Wer einen Karabiner besitzt, befestigt denselben auf der linken Seite an einen Ring und Haken; der Schaft reicht bis an den Gürtel und die Mündung ragt ein wenig über das Knie vor.

Die jüngeren Krieger, die keine Karabiner besitzen, führen statt derselben ein kleines Bündel von Wurfspiessen (die Ierrids der Perser), mit denen sie sehr gut umgehen können, denn ich habe oft gesehen, dass sie eine derartige Waffe auf zehn Schritte Entfernung einem Büffel zwei Fuss tief in die Seite zu werfen im Stande sind. Zu Vervollständigung ihrer Angriffsrüstung gehört noch der Lasso, ein fünfzehn Fuss langer Lederriemen von der Dicke eines kleinen Fingers, der von dem Sattelknopfe herunterhängt. Dies ist eine schreckliche Waffe, gegen die man selbst mit einer Flinte nicht gut ankämpfen kann, denn der Lasso fliegt mit der Schnelligkeit des Gedankens, und ein Versuch, sich umzuwenden und Feuer zu geben, reicht zu, um das unvermeidliche Geschick herauszufordern. Das einzige Mittel, der verhängnissvollen Schlinge zu entgehen, besteht darin, dass man die Zügel des Pferdes über den Kopf erhebt und sowohl Lanze als Karabiner diagonal von den Körper hält, zugleich aber auch mit der Rechten das Messer fasst, um es augenblicklich benützen zu können.

Wenn unter solchen Vorsichtsmassregeln der Lasso einem über den Kopf fällt, muss er ausgleiten und der Wurf ist verloren; ist man aber behend genug, mit dem Messer die Schleife zu durchschneiden, während sie zurückgezogen wird, so gewinnt man den Vortheil oder steht doch wenigstens mit dem Gegner gleich, auf den man sich werfen kann, da er zu besserer Handhabung des Lasso Bogen, Lanze und Büchse zurückgelassen oder doch zu sehr befestigt hat, nm sie in kurzer Zeit gebrauchen zu können. Seine einzige Waffe besteht also in dem Messer und dem Tamahawk, und wenn man will, kann man jetzt seinen eigenen Lasso brauchen. In diesem Falle wendet sich die Stellung, obschon ein derartiger Kampf die grösste Gewandtheit fordert.

Es trifft sich oft, dass ein Indianer, wenn ihm sein Lasso durchschnitten ist und der Feind gegen ihn anrückt, in vollem Galopp Büchse und Lanze von dem Boden, wo er sie fallen liess, wieder aufnimmt, und dann ist natürlich der Sieg in seinen Händen. Es gelang mir einmal, einem derartigen Lasso-Ueberfalle zu entgehen. Ich wurde von einem Krähenindianer verfolgt, der seine Schlinge dreimal vergeblich nach mir schleuderte; bei dem vierten Wurfe zerschnitt ich sie, wandte mich gegen ihn um, jagte ihm nach und erschoss ihn mit einer von meinen Pistolen. Die Schlinge bildete bei jedem Wurfe einen vollkommenen Kreis, dessen Mittelpunkt genau über meinen Kopf fiel; der Durchmesser reichte von dem Halse bis zu dem Schweife meines Pferdes, und hätte ich nicht Büchse, Lanze, Bogen und Köcher weggeworfen, so wäre ich unvermeidlich auf den Boden gezogen worden. Alle westlichen Indianer und Mexikaner sind in Handhabung dieser Waffe ausserordentlich gut erfahren.

Vor der Ankunft des Fürsten Seravalle hatten die Shoshonen Schilde, legten dieselben aber bald als eine unnütze Belästigung ab. Die Geschicklichkeit, welche auf eine geeignete Handhabung dieser Schutzwaffe verschwendet wurde, hat jetzt einem besseren Gebrauche der Lanze Platz gemacht. Ich zweifle, ob in den Tagen der Turniere die tapferen Ritter ihren Damen eine grössere Gewandtheit zeigen konnten, als ein Shoshone im Kampfe gegen einen Arrapahoe oder eineu Krähen entwickelt.12)

Das bewunderungswürdigste Kunststück eines Shoshouen, eines Comanchen oder Apachen, besteht übrigens in der Leichtigkeit, womit er sich bei einem Angriff auf einen Feind längs seines Pferdes herunterhängt und so dem Gegner ganz unsichtbar macht; will ihm dann der Letztere eine Wunde beibringen, so muss es durch den Leib des Thieres geschehen. Trotz dieser schwierigen und gefährlichen Lage wissen sie übrigens doch ihre Waffen mit Gewandtheit und Sicherheit zu benützen. Die Art, wie sie ihr Gleichgewicht behaupten, ist sehr einfach; sie stecken ihren rechten Arm bis zur Schulter in die Schlingen des Lasso, der, wie gesagt, an dem Sattelknopf oder um den Hals des Pferdes hängt; ihre Füsse finden einen Haltpunkt in den zahlreichen Schleifen aus Hirschleder, die vom Sattel herunterfallen. In dieser Weise bleibt ihnen der linke Arm zu Handhabung des Bogens frei; den rechten können sie soweit benützen, um den Pfeil anzuziehen, und nun ersehen sie ihre Gelegenheit, ohne so leicht ihres Zieles zu verfehlen, wenn sie nicht bereits verwundet sind. Ich bemerkte bereits oben, dass die Shoshonen auf den Rath des Fürsten Seravalle ihre Schilde bei Seite legten; aber dieser, ihr väterlicher Freund, lehrte sie auch die europäische Reitertaktik. Sie hatten Verstand genug, die Vortheile einzusehen, die daraus zu erzielen waren, und verbanden dieselbe so gut, wie möglich, mit ihrer eigenen.

Die Shoshonen greifen nun schwadronenweise mit der Lanze an, bilden Carrées, wenden mit wunderbarer Genauigkeit und führen viele schwierige Manöver aus. Da sie jedoch ihrer eigenen Kriegsweise nicht entsagt haben, so bietet es einen höchst auffallenden Anblick, wenn man etwa fünfhundert Pferde mit tapferen Burschen im Sattel zum Kampfe anspringen und auf ein gegebenes Signal alle Reiter verschwinden sieht, während die Rosse in geschlossener Linie gleichsam aus eigenem Antrieb auf die feindlichen Krähen loszuspringen scheinen.

Ich habe vielleicht schon zu lange bei den Sitten und Gebräuchen dieses Volkes verweilt, kann mir es aber donnoch nicht versagen, meinen Lesern noch einen Beleg von den Kenntnissen zu geben, welche die höheren Klassen besitzen. Wie oben bemerkt, sind sie gute Astronomen, und ich kann ebensogut beifügen, dass sie aus der Anschauung merkwürdige geometrische Kenntnisse gewonnen haben. Ich fragte einmal einen jungen Häuptling, wie er die Höhe einer prächtigen Fichte anschlage. Es war Nachmittags gegen drei Uhr. Er begab sich nach dem Ende des von der Fichte geworfenen Schattens, steckte einen Pfeil in den Boden und mass dann sowohl die Länge desselben, als die Länge des von ihm geworfenen Schattens: ferner mass er den Schatten der Fichte, bildete aus dem Pfeile und den beiden Schatten eine Proportion und machte mir das Resultat namhaft. So handhabte er die Regel de Tri, ohne sie zu kennen.

Das merkwürdigste Beispiel trug sich jedoch zu, als wir einen breiten, reissenden Strom kreuzen wollten, bei welcher Gelegenheit es nöthig wurde, zum Anhaltspunkte für Ross und Reiter ein Seil hinüberzuwerfen. Es fragte sich nun, wie lang das Seil seyn müsse, das heisst, wie breit der Fluss sey. Ein alter Häuptling ritt vor, um die Aufgabe zu lösen, und that dies in folgender Weise. Er ging nach dem Ufer des Flusses und bezeichnet sich eine Stelle als Mittelpunkt; dann wählte er auf der andern Seite des Ufers rechts und links zwei Bäume, die dem Augenmass nach gleichweit von ihm abstanden. Als dies geschehen war, ritt er von dem Flusse zurück, bis er einen Punkt erreichte, der, wie ihm sein Gesicht sagte, mit den gedachten Bäumen ein gleichseitiges Dreieck bildete. Verzeichnen wir hier zur Erläuterung eine Figur:

Er hatte in dem vorstehenden Umrisse die Bäume A und B gewählt, war nach E zurückgegangen und hatte hier seine Lanze eingesteckt. Dann ritt er in der Richtnng ED zurück, bis die Strecke dem Augenmass nach AE gleich war, und befestigte in D wieder eine Lanze. Das gleiche Verfahren beobachtete er mit EC, und in C wurde die dritte Lanze eingesteckt. Da nun die Entfernung von F zu E gerade so gross seyn musste, als die von E zu G, so brauchte er nur den Raum zwischen dem Flussufer und E zu messen, und diese von EG abzuziehen, um die gewünschte Flussbreite zu erhalten.

Ich glaube nicht, dass diese Berechnung, die sich als vollkommen richtig erwies, länger als drei Minuten währte; auch darf man dabei nicht vergessen, dass das ganze Verfahren im Angesichte des Feindes stattfand. Kehren wir übrigens zu meiner Geschichte zurück.

Zehntes Kapitel.

Als ich über den unglücklichen Tod des Fürsten Bericht erstattete, habe ich bereits angegeben, dass die Krähen den Weissen, welche sich unter den Shoshonen aufhielten, nicht geneigt waren. Dieser Groll beschränkte sich jedoch nicht allein auf diesen Stamm, sondern verbreitete sich auch auf alle übrigen, die dem Buona-Venturaflusse auf zwei- oder dreihundert Meilen nahe wohnten, und es war in der That nicht zu verwundern. Seit unserer Ankunft hatten die Shoshonen einen gewissen Grad von Taktik und eine Einheit im Handeln gewonnen, die allein schon hinreichend war, alle ihre Feinde im Zaume zu halten, abgesehen von dem gewaltigen Uebergewicht,, das ihnen durch die grosse Anzahl von Feuerwaffen und die fast unerschöpfliche Munition gesichert wurde. Alle andern Völker waren eifersüchtig auf ihre Kraft und ihre Hülfsquellen, und diese Eifersucht wirkte in einem Grade auf sie, dass sie den Entschluss fassten, vereint einen Hauptstreich zu führen, um nicht nur das Uebergewicht der Shoshonen zu vernichten, sondern sich auch in den Besitz der unermesslichen Reichthümer zu versetzen, den, wie sie thörichterweise meinten, die Europäer in ihre Ansiedelung gebracht hätten.

Schon geraume Zeit vor den Vorfällen, die ich bereits in Betreff der Umbiquas und der Krähen berichtet habe, gingen Boten von Stamm zu Stamm umher, und die Stämme hatten sogar allen ihren gegenseitigen Privathass vergessen, um eine Verbindung gegen den gemeinsamen Feind zu bilden, den sie in den Shoshonen sahen. Ohne Zweifel war es bereits diesen Einleitungen zuzuschreiben, dass sich die Krähen und Umbiquas so kühn zeigten, obschon die rasche und erfolgreiche Wiedervergeltung, welche die Shoshonen übten, wohl geeignet war, den kriegerischen Geist, der um uns gährte, ein wenig abzukühlen. Als sich jedoch endlich auch die Arrapahoes dem Bunde angeschlossen hatten, eröffneten die Aliirten mit einemmale den Feldzug und brachen nach allen Richtungen in unser Gebiet ein.

Diese Ueberrumpelung setzte sie in die Lage, im Laufe der ersten drei Wochen Alles fortzuführen, was sie trafen, da die Mehrzahl unserer Krieger auf der Jagd war. Sobald aber Letztere Kunde von der Gefahr erhielten, eilten sie zurück und gaben der Sache bald eine andere Wendung. Der verlorne Grund wurde Zoll um Zoll wieder gewonnen. Die Arrapahoes, welche viel gelitten hatten, traten von der Verbindung zurück, und da wir jetzt von dem Süden aus nichts mehr zu fürchten hatten, so kehrten wir unsere Streitkräfte gegen die nördlichen Gränzwohner. Trotz des Abfalls der Arrapahoes waren aber die vereinigten Stämme doch noch dreimal so stark an Zahl, als wir — eine furchtbare Macht, wenn es ihnen nicht an Einheit und Einklang im Handeln gefehlt hätte. Ihr Heerhaufen bestand aus ungefähr fünfzehntausend Kriegern — ein Gemische aus Umbiquas, Callapoos, Cayusen, durchbohrten Nasen, Bonnaxes, Flachköpfen und einer Anzahl Krähen, welch’ letztere sich ihre kürzliche Niederlage nicht zur Lehre hatten dienen lassen. Die Ueberlegenheit unserer Waffen, unserer Taktik, unserer Mannszucht und unserer Befestigungskunst nebst den guten Diensten, die uns ein paar alte, plumpe, spanische Vierpfünder leisteten, setzten uns in den Stand, in kurzer Zeit nicht nur die ganze Verbindung aufzulösen, sondern auch einige unserer verrätherischen Nachbarn für immer zu unterdrücken und zu vernichten. Da es für einen Fremden langweilig seyn würde, den Bewegungen des ganzen Feldzuges zu folgen, so will ich mich auf die Rolle beschränken, die ich dabei spielte.13)

Wir waren in vier Kriegshaufen getheilt: der eine stritt im Nordost gegen die Bonnaxes und die Flachköpfe, der zweite an den Gabeln der Buona-Ventura und des Calumet gegen die Cayusen und durchbohrte Nasen, der dritte blieb in der Nähe der Ansiedelung, um sie gegen Ueberrumpelung zu schützen, während ein kleinerer vierter, zu dem auch ich gehörte, unter dem Kommando meines Vaters das Bootshaus an der Fischerei besetzt hielt. Ausser diesen vier Abtheilungen waren noch mehrere wohlbewaffnete Rotten zu Wasser und zu Land in das Gebiet der Umbiquas geschickt worden.

Anfangs beschränkte sich unser Feldzug an den Ufern des stillen Weltmeers blos auf Scharmützel, gewann aber bald mehr Bedeutung, als sich nach und nach die Callapoos in grösserer Anzahl mit den Umbiquas vereinigten. Wir verloren nicht nur die im Umbiqua-Gebiete gewonnenen Vortheile, sondern mussten uns sogar allmählig bis zu dem Posten zurückziehen, dem wir unsere Rettung verdankten. Wir bestanden nur aus hundertundsechs Mann, während unsere Gegner vierhundertundachtzig zählten, und doch fiel ein Fünftel ihres Haufens in einem einzigen Nachmittag bei Gelegenheit eines verzweifelten Angriffs auf unseren Posten, der in einen bewunderungswürdigen Vertheidigungsstand gesetzt worden war.

Das Dach desselben war mit Kupferplatten bedeckt worden; desgleichen hatten wir auch in verschiedenen Theilen der Mauer Löcher angebracht, um unsere Kanonen benützen zu können, von denen der Feind keine Kunde hatte. Der erste Angriff war tapfer geführt und ihre Kugeln und Pfeile drangen in Menge durch unsere Schiessscharten herein. Sie zeterten wie eine Million von Teufeln, als sie in gedrängten Haufen mit Leitern und Fackeln anrückten, und als sie noch sechszig Schritte entfernt waren, lösten wir unsere, mit Kartätschen geladenen Kanonen, die eine furchtbare Wirkung übten. Demungeachtet wich der Feind nicht zurück, sondern erhob sein Kriegsgeschrei und stürzte mit wahrhaft heldenmüthiger Entschlossenheit vorwärts. Die Kanonen wurden wieder abgefeuert; auch gaben wir eine volle Musketensalve, worauf vierzig unserer Leute einen Ausfall machten. Dieser letzte Angriff war unwiderstehlich; der Feind floh in allen Richtungen und liess seine Verwundeten und Todten zurück. Am nämlichen Abend erhielten wir von der Ansiedelung her achtunddreissig Mann Verstärkung, welche einen grossen Vorrath von Büffelfleisch und zwanzig schöne, fette Fohlen mitbrachten. Dies gereichte uns zu grossem Troste, da wir schon mehrere Tage nur von unsern getrockneten Fischen hatten leben müssen.

Sieben Tage lang sahen wir nichts mehr von dem Feinde. Unsere Kundschafter spähten jedoch in allen Richtungen, und in einer Bay bei George-Point überraschte unser Langboot sechsunddreissig grosse Kähne, in welchen die Callapoos angelangt waren. Die Boote wurden zerstört und ihre Hüter scalpirt. Da die Hitze ungeheuer war, so beschlossen wir, uns nicht mehr in die Mauern des Postens einzuschliessen, sondern bildeten ein geräumiges Lager an der Ostseite des Blockhauses, das wir mit sehr starken Bollwerken versahen. Wahrscheinlich hielten wir dadurch eine ansteckende Krankheit ab, denn der üble Geruch der getrockneten Fische und die dumpfe Luft des überfüllten Gebäudes hatte bereits auf viele unserer Leute, namentlich auf die Verwundeten, einen sehr ungünstigen Einfluss geübt.

Nach Verlauf von acht Tagen kamen unsere Feinde schweigend und entschlossen wieder zum Vorschein. Sie wollten Rache nehmen oder sterben; es stand deshalb ein furchtbarer Kampf bevor. Sie lagerten in der kleinen offenen Prairie auf der andern Seite des Flusses und mochten ungefähr sechshundert Köpfe zählen.

Unser erster Kriegshaufen hatte die Bonnaxes überfallen und zerstreut, als sie auf dem Wege waren, sich den Flachköpfen anzuschliessen; da sie also ihre Absicht nicht auszuführen vermochten, so verbanden sie sich mit den Cayusen und durchbohrten Nasen. Diese drei vereinigten Völker mussten nach einem verzweifelten Kampfe unserem zweiten Haufen weichen, und die Bonnaxes, verzweifelt durch ihre Verluste und die gewisse Aussicht ihres Untergangs, wenn die Shoshonen siegen sollten — schlossen sich jetzt an die Callapoos und Umbiquas an, die einen abermaligen Angriff auf unsere kleine Garnison im Schilde führten.

Wir wären in unserem Posten nothwendig erlegen, wenn die Flachköpfe eine Weile länger ausgehalten hätten; die unversöhnlichen Feinde der Letzteren, die Schwarzfüsse, hatten jedoch die Gelegenheit dieses Feldzuges ersehen und einen Einfall in ihr Gebiet gemacht. Sie baten deshalb um Frieden, und nun schickten uns die beiden grösseren Kriegshaufen Abtheilungen zu Hülfe. Wir waren durch unsere Läufer davon unterrichtet, und da ich zuvor mit meinem Vater die nöthigen Massregeln besprochen hatte, brach ich allein auf, um mit unserer Hülfsmannschaft in den Gebirgspässen zusammenzutreffen. Die heimkehrenden Krieger bestanden aus siebenhundert Mann und hatten in ihren Feldzügen nicht mehr als dreizehn verloren. Sie theilten sich in drei Rotten, und es gelang ihnen, die Prairie, in welcher der Feind lagerte, zu umzingeln. Dann wurde ein Indianer ein paar Meilen weiter oben über den Fluss geschickt, um meinem Vater Nachricht zu bringen.

Der Mond ging um ein Uhr Morgens auf. Zwei Stunden früher sollte die Garnison des Blockhauses, welche während einer viertägigen, harten Belagerung bereits viel gelitten hatte, das Feuerwerk abbrennen, das ich von den Mexikanern zu Monterey erhalten hatte, zugleich aber gut das Ufer auf ihrer Seite bewachen, denn wir wollten über den Feind herfallen, so lange noch die erste Ueberraschung über das ungewohnte Schauspiel anhielt. Alles ging, wie wir gedacht hatten. Bei der ersten Rakete sprangen die Bonnaxes, die Callapoos und die Umbiquas auf; aber ihrer Furcht vor einem Ueberfalle folgte bald bewunderndes Erstaunen, denn sie wussten wohl, dass sie von den Gegnern, welche sie vor sich hatten, nicht angegriffen werden konnten. Die Schwärmerkästen platzten, die Feuerräder warfen ihre grossen Kreise von farbigen Funken, und die Wilden sahen in stummem Erstaunen zu. Aber ihrer Verwunderung folgte Furcht vor einer übernatürlichen Thätigkeit; Verwirrung verbreitete sich unter ihnen, und ihr Schweigen wurde zuletzt durch Hunderte von lauten Stimmen unterbrochen!! Jetzt war der Augenblick gekommen; die zwei Shoshonenhaufen stürzten über ihre erschreckten Opfer her, und als eine Stunde später der Mond über die Prairie aufging, fielen seine milden Strahlen auf vierhundert Leichen. Der ganze Streiterhaufen der Bonnaxes und Umbiquas war gänzlich vernichtet. Die Callapoos, die nur wenig gelitten hatten, zerstreuten sich schon im Anfange des Kampfes und flüchteten sich nach der Küste.

So endete die grosse Föderation gegen die Shoshonen, von denen die Ueberlieferungen des Landes noch nach Jahrhunderten sprechen werden. Diesen wilden Ereignissen folgte jedoch ein schwerer Verlust für mich. Mein Vater hatte, trotz seines hohen Alters, während des letzten Angriffs auf den Posten grosse Thätigkeit gezeigt und sich grossen Entbehrungen und Anstrengungen unterzogen; als jedoch Alles vorüber war und die Büchsenkugeln nicht länger um sein Ohr zifchten, erlag seine Kraft, und zehn Tage nach dem Kampfe starb er an Alter, Erschöpfung und Kummer. Ich begrub ihn einige Meilen von der Küste des stillen Weltmeers. Die wilden Blumen, die auf seinem Grabe wachsen, werden genährt durch das klare Wasser des Nu-elijé-sha-wako, und der ganze Stamm der Shoshonen wird noch lange wachen über dem Aschenhügel des Bleichgesichts aus einem fernen Lande, der ihr Freund und Lehrer war.

Meine beiden Freunde, Gabriel und Roche, waren bei dem letzten Sturme schwer verwundet worden, und es stand geraume Zeit an, bis sie wieder genasen.

Wir verbrachten den Rest des Sommers mit dem Erbauen von Luftschlössern und nahmen uns vor, endlich den Winter zu Monterey zu verbringen. Das Schicksal hatte es jedoch anders beschlossen und eine Reihe von Abenteuern, deren Strom ich nichts entgegensetzen konnte, riss mich durch viele wilde Schauplätze und Gegenden, die ich dem Leser zu schildern gedenke.

Eilftes Kapitel.

Zu Anfang des Herbstes, einige Monate nach dem Tode meines Vaters, jagte ich mit meinen zwei Kameraden Gabriel und Roche in den Prairieen des Südens östlich von der Buona Ventura. Wir hatten eines Abends eine gute Jagd gehabt und waren sehr aufgeräumt. Meine beiden Freunde hatten ein Thema begonnen, über das sie sich nie erschöpfen konnten: der Eine sprach von den. Wundern und Sehenswürdigkeiten seiner Vaterstadt Paris, während der Andere mit der ihm angeborenen Beredtsamkeit die Schönheiten seiner Heimath schilderte und alte irische Legenden erzählte, welche mir ebenso seltsam als hochpoetisch vorkamen.

Da sahen wir uns plötzlich durch einen Haufen von sechszig Arrapahoes umzingelt. An Widerstand oder Flucht war natürlich nicht zu denken. Sie behandelten uns jedoch ehrenhaft und begnügten sich, uns scharf zu bewachen und unsere Flucht zu verhindern. Sie wussten, wer wir waren, und obgleich mein Pferd, mein Sattel und meine Büchse an sich schon eine schöne Beute für jeden Häuptling gewesen wäre, so wurde uns doch nichts abgenommen.

Ich kannte den Führer und redete ihn folgendermassen an:

„Was habe ich dem Morgenstern der Arraphoes gethan, dass ich gefangen und bewacht werde, wie ein Schaf der Wachinangoes?“

Der Häuptling lächelte und legte seine Hand auf meine Schulter.

„Die Arraphoes,“ entgegnete er, „lieben den jungen Owato Wanisha und seine blassgesichtigen Brüder, denn sie sind grosse Krieger und können ihre Feinde schlagen mit schönen blauen Feuern vom Himmel. Die Arrapahoes wissen Alles; sie sind ein weises Volk. Sie wollen Owato Wanisha in ihren eigenen Stamm nehmen, damit er ihnen seine Geschicklichkeit zeige und sie zu Kriegern mache. Er soll genährt werden mit den fettesten und süssesten Hunden. Er wird ein grosser Krieger seyn unter den Arrapahoes. So wollen es unsere Propheten. Ich gehorche dem Willen der Propheten und des Volkes.“

„Aber,“ antwortete ich, „mein Maniton wird mich nicht hören, wenn ich ein Sklave bin. Der Blassgesichts-Manitou hat nur Ohren für freie Krieger. Er wird mir sein Feuer nicht leihen, wenn nicht Zeit und Raum mein Eigenthum sind.“

Der Häuptling unterbrach mich:

„Owato Wanisha ist kein Sklave, kann nie ein Sklave seyn. Er ist bei seinen guten Freunden, welche über ihn wachen, sein Feuer anzünden, ihre schönsten Decken in seinem Zelte ausbreiten und es mit dem besten Wilde aus den Prairieen füllen werden. Seine Freunde lieben den jungen Häuptling, aber er muss ihnen nicht entfliehen wollen, sonst macht der böse Geist die jungen Arrapahoes trunken, wie einen viehischen Krähen, und regt sie auf, dass sie in ihrer Thorheit das Blassgesicht tödten.“

Da wir vorderhand nichts versuchen konnten, fügten wir uns in unser Schicksal und liessen uns auf einem langen, traurigen Wege bis an die östlichen Ufer des westlichen Rio Colorado führen, wo wir in einem der zahlreichen und schönen Arrapahoedörfer anlangten. Hier verbrachten wir den Winter in einer Art ehrenvoller Gefangenschaft. Ein Fluchtversuch würde das Signal zu unserem Tode oder doch zu strengerer Bewachung gegeben haben. Rings umher waren weite, sandige Wüsten, von den Clubs oder Piusen bewohnt, einem grausamen Volksstamme, unter dem sich sogar Kannibalen befinden. Ueberhaupt sind die meisten Stämme am Colorado Menschenfresser, und selbst die Arrapahoes machen hievon bei gewissen Gelegenheiten keine Ausnahme. Einmal trafen wir auf ein verlassenes Lager der Clubmänner und fanden daselbst die Ueberreste von ungefähr zwanzig Körpern, deren Knochen augenscheinlich mit so viel Hochgenuss abgenagt waren, als vielleicht ein Fasanenflügel von einem europäischen Epicuräer. Der Winter entschwand uns düster genug, was wohl Niemand wundern wird. Ausser einigen schönen Hainen, die man hie und da wie Oasen in der Sahara findet, ist der ganze Strich schrecklich uneben und unfruchtbar. Vierzig Meilen über dem Golf von Californien hört der Colorado auf, schiffbar zu seyn, und bietet siebenhundert Meilen weit, bis zu seinen Quellen hinauf, nichts als eine ununterbrochene Reihe rauschender Wasserfälle, die durch eine Kette von fünf oder sechshundert Fuss hohen, senkrechten Felsen begränzt sind, während es sonst den Anschein hat, als sey das ganze Land rings umher bis in den Mittelpunkt von heftigen vulkanischen Eruptionen erschüttert worden.

Endlich war der Winter vorüber, und mit den ersten Wochen des Frühlings erneuerte sich unsere Hoffnung auf Rettung. Die Arrapahoes liessen in ihrer Wachsamkeit nach und boten uns sogar an, wir sollten sie auf einem Ausfluge nach dem Osten begleiten. Wir gingen natürlich mit Freuden darauf ein und gelangten so in die schönen Prairieen von Nord-Sonora. Das Glück begünstigte uns. Die Arrapahoes verfolgten eines Tages eine Spur von Apaches und Mexikanern, um sie zu überraschen und zu tödten, fielen aber in eine Schlinge, so dass ihrer Viele zu Grunde gingen.

Wir trugen kein Bedenken, unsere bisherigen Herren zu verlassen, sondern spornten unsere rüstigen Rosse und fanden bald, dass unsere Befreier eine Abtheilung von Beamten waren, die von Monterey nach Santa Fé reisten und als Geleite zweiundzwanzig Apachen nebst zwölf oder fünfzehn Cibolerosfamilien mitgenommen hatten. Ich kannte die Beamten und freute mich sehr, Nachrichten von Californien zu erhalten. Isabella war noch so schön als je, aber nicht mehr so leichtherzig. Padre Marini, der Missionär, hatte sich nach Peru eingeschifft, und die ganze Stadt Monterey lachte, tanzte, sang und liebte noch immer, wie zu der Zeit, da ich sie verlassen hatte.

Die Beamten gestatteten bereitwillig, dass ich sie nach Santa Fé begleitete, von wo aus ich mit der nächsten Caravane leicht nach Monterey zurückkehren konnte.

Ein Wort über die Ciboleros dürfte nicht uninteressant seyn. Jedes Jahr begeben sich grosse Abtheilungen von Mexikanern, einige mit Maulthieren, andere mit Ochsenkarren, in die Prairieen, um ihre Familien mit Büffelfleisch zu versorgen. Sie betreiben ihre Jagd meistens zu Pferd; ihre Waffe besteht in dem Pfeil, in der Lanze oder bisweilen auch in einem Gewehre, während sie ihre Beute auf die Karren oder Maulesel laden. Sie finden es nicht schwer, ihr Fleisch auch mitten im Sommer zu erhalten, indem sie es in dünne Schnitten zerlegen, in der Sonne ausbreiten, oder in der Eile wohl auch das ganze Thier braten.

Während des Einpöckelns befolgen sie oft die indianische Gewohnheit, das Fleisch mit den Füssen zu treten; sie sagen, dies trage zur Erhaltung bei.

Hieraus gewinnen wir einen merkwürdigen Beleg für die ausserordentliche Reinheit der Atmosphäre in jenen Gegenden. Neben dem Wagen ist von einer Ecke bis zur andern eine Leine gezogen, an der die Fleischstücke hängen bleiben, bis sie eingepackt werden können. Dies geschieht ohne Salz, und doch geht das Fleisch nur selten in Fäulniss über.

Sehr interessant ist die optische Täuschung, welche die feine und durchscheinende Atmosphäre dieser Hochebene bietet. Man könnte fast glauben, man blicke durch ein Fernglas, denn die Gegenstände erscheinen oft kaum in dem vierten Theile ihrer wahren Entfernung — häufig aber auch viel grösser und namentlich weit höher. Ich habe oft Antilopenhaufen für Triebe von Elennthieren oder wilden Pferden gehalten, in grösserer Entfernung sogar für Reiter, was nicht selten zu einem blinden Lärm Anlass gab. Eine Büffelheerde auf einer fernen Ebene zeigt sich oft so, dass ein ungewohntes Auge sie für einen grossen Wald halten könnte.

Eine höchst wunderbare, mitunter aber auch sehr quälende Erscheinung ist die Mirage, oder, wie sie gewöhnlich von den mexikanischen Reisenden genannt wird, „das lügende Wasser.“ In den dürren Ebenen, wo ein Teich so gelegen käme, werden oft sogar die erfahrenen Prairiejäger durch derartige Phänome getäuscht. Der durstige Wanderer erblickt nach stundenlangem Placken unter einem sengenden Himmel endlich einen Weiher — ja, es muss Wasser seyn — es sieht zu natürlich aus, als dass hier eine Täuschung obwalten könnte. Er beschleunigt seine Schritte in der süssen Vorahnung eines erfrischenden Trunkes, aber wie er näher kömmt, weicht das Truggebilde zurück, oder verschwindet ganz; steht er dann endlich auf der muthmasslichen Stelle desselben, so möchte er seinen eigenen Augen misstrauen, wenn er nichts als trockenen Sand unter seinen Füssen findet. Erst nach vielen Täuschungen verzichtet er auf solche Wasserspuren und lässt vielleicht auch einen wirklichen Teich unbeachtet, weil er abermals genarrt zu werden fürchtet.

Die Theorie derartiger trügerischer Wassergebilde, so weit ich davon Kunde erhielt (!), hat mich nie befriedigt. Gewöhnlich schreibt man sie einer Refraktion zu, durch welche ein Abschnit des Himmelsgewölbes unter den Horizont geworfen wird; ich bin übrigens überzeugt, dass sie eine Wirkung der Reflektion sind. Ein Gas, das wahrscheinlich der erhitzten Erde und ihren vegetabilischen Stoffen entströmt, schwimmt über den Hochebenen und besitzt hinreichende Dichtigkeit, um, wenn es in schiefer Richtung betrachtet wird, die jenseitigen Gegenstände zu reflektiren; in dieser Weise gibt der gegenüberliegende Theil des Himmels der Gasmasse, in welcher er sich wiederspiegelt, das Aussehen des Wassers.

Einen Beweis für meine Behauptung gibt der Umstand, dass ich oft bemerkt habe, wie die fernen Erdhügel und Bäume, welche jenseits der Mirage, in der Nähe des Horizonts, lagen, in dem „Teiche“ deutlich umgekehrt erschienen. Wäre nun das Phänomen ein Resultat der Refraktion, so müssten sich diese Gegenstände auch unter der scheinbaren Oberfläche aufrecht zeigen.

Ueberhaupt bemerkt man auf diesen Ebenen viele sonderbare athmosphärische Naturspiele, die dem Forscher ein reiches Feld für interessante Untersuchungen geben würden.

Wir hatten eine sehr angenehme Reise, obgleich wir mitunter schwer vom Hunger heimgesucht wurden. Gabriel, Roche und ich waren jedoch zu glücklich, um darüber Klage zu führen.

Wir machten eben erst eine bittere und lange Sklaverei abgeschüttelt und waren ausserdem der magern, zähen Hunde herzlich satt, welche den Winter über die einzige Nahrung der Arrapahoes sind. Die Apachen, welche von unsern Thaten gehört hatten, zeigten uns grosse Achtung; indess verdankten wir doch ihre Geneigtheit vornemlich der Geschicklichkeit unsers Irländers auf der Violine. Ein mexikanischer Beamter, der im letzten Herbst von Monterey nach Santa Fé abberufen worden war, hatte nämlich ein derartiges Instrument am ersteren Orte zurückgelassen. Da es eine schöne, alt-italienische Geige war, die ohne Zweifel einen bedeutenden Werth besass, so hatte der Eigenthümer einen der Beamten gebeten, sie mitzubringen, und so befand sie sich nun bei dem übrigen Gepäcke auf einem Cibolero-Wagen. Wir bemerkten dies bald und trösteten uns, wenn wir nichts zu essen kriegen konnten, mit Musik. So müde wir auch waren, konnten wir doch in unsern Standquartieren noch stundenlang tanzen — „wenigstens die Blassgesichter“ — bis der arme Roche vor Erschöpfung kaum mehr seine Finger zu rühren vermochte.

Endlich wurden wir unseres erzwungenen Fastens enthoben und konnten nun mit Verachtung auf die bescheidenen Stachelbirnen niederblicken, die so manchen langen Tag unsere einzige Nahrung gewesen waren. Täglich kamen uns jetzt Heerden von fetten Büffeln in den Wurf, und wir verfolgten rüstig die stämmigen Prairieenherren. Einer davon stiess jedoch mein Pferd zu todt und würde ohne Gabriels sicher gezielte Kugel wahrscheinlich auch meinen Abenteuern ein Ende gemacht haben, denn thörichterweise hatte ich meine Büchse gegen Bogen und Pfeile vertauscht, um meine Geschicklichkeit zu zeigen. Diese Eitelkeit kam mich theuer zu stehen, denn obgleich der Bulle ein schönes Thier war, und sieben Pfeile in seinem Halse stecken hatte, verlor ich doch eines der besten Pferde des Westens, und auch mein rechtes Bein wurde bedeutend verletzt.

Da ich in Erfahrung brachte, wir träfen unmittelbar auf unserem Wege eine grosse Republik von Prairiehunden,14) so ging ich mit meinen beiden Begleitern voraus, um ihre Niederlassung zu besuchen. Wir hatten dabei einen doppelten Zweck im Auge, denn erstlich gedachten wir, einen dieser Freistaaten, von denen die Prairiereisenden so viel erzählt haben, in Augenschein zu nehmen, und zweitens wollten wir uns einen hübschen Braten holen, da das Fleisch dieser Thiere vortrefflich schmeckt.

Sechs oder sieben Meilen weit führte uns unser Weg an den Seiten eines sanftansteigenden Gebirges hin. Auf der Höhe angelangt, fanden wir ein schönes Tafelland ausgebreitet, das nach allen Richtungen hin meilenweit reichte. Der Boden schien ungemein reich zu seyn und war üppig mit Musquit-Bäumen bewachsen. Das krause Musquito-Gras gehörte zu der süssesten und nährendsten Art, und die Hunde, die einzig hievon leben, schlagen ihre Stätte nur an solchen Orten auf, wo es in Hülle vorhanden ist.

Nachdem wir diese schöne Prairie erreicht hatten, gelangten wir bald zu den Aussenposten des Hundestaates. Ein paar einzelne Thiere lungerten umher und brachten durch ihr kurzes, scharfes Kläffen ihre ganze Stammgenossenschaft in Aufruhr.

Das erste Gefahrsignal, von den Vorposten aus gegeben, reichte bald bis in den Mittelpunkt der Stadt, und nun sah man in allen Richtungen nichts als ein hurtiges Trappeln dieser quecksilbernen und aufregbaren Ortsbürger, indem jeder nach seiner Hütte oder seinem Loche eilte. So weit das Auge reichen konnte, breitete sich die Stadt aus, und in allen Richtungen war das Schauspiel das gleiche. Wir ritten gemächlich weiter, bis wir auf dem bevölkerteren Theile der Ansiedelung angelangt waren, wo wir Halt machten und uns, nachdem wir unseren Pferden zum Zwecke des Weidens die Zügel abgenommen hatten, zu einem regelmässigen Angriffe auf die Ortsbürgerschaft anschickten.

Die Löcher standen nicht mehr als fünfzehn Schritte von einander und hatten nach verschiedenen Richtungen wohlbetretene Pfade; ja, ich glaubte sogar, in Anlegung der Strassen eine gewisse Regelmässigkeit entdecken zu können.

Wir setzten uns auf einen Aufwurf unter dem Schatten eines Musquitbaums und betrachteten mit Musse das vor uns liegende Schauspiel. Unsere Ankunft hatte sämmtliche Thiere in unserer unmittelbaren Nachbarschaft nach ihrer Wohnung getrieben, aber einige hundert Ellen weiter sass auf dem kleinen Erdhügel vor einer Höhle ein Thier auf seinen Hinterbeinen und blickte ruhig umher, um sich von der Ursache des kürzlichen Getümmels zu überzeugen. Hie und da verliess ein einzelner Bürger, der wagehalsiger war, als sein Nachbar, seine Wohnung, um einen Kameraden zu besuchen; er mochte wohl mit demselben ein paar Worte zu sprechen haben, und trappelte dann wieder zurück, so schnell ihn seine Beine tragen konnten.

Da wir uns ganz still verhielten, so bemerkten wir endlich, dass einige unserer nähern Nachbarn ihre Köpfe vorsichtig aus ihren Löchern steckten und mit pfiffigem Spähen umherschauten. Endlich tauchte hin und wieder ein Hund aus seiner Wohnung auf, hockte auf seinen Lugaus, schüttelte den Kopf und begann zu kläffen.

Wir bewachten drei Stunden die Bewegungen dieser Thiere, und langten gelegentlich eines davon mit unsern Büchsen ab. Unsere Ausbeute betrug nicht weniger, als neun Stück. Ich muss hier eines im höchsten Grade sonderbaren Umstandes erwähnen, welcher Zeugniss ablegt von dem geselligen Tone dieser Thiere und von der Liebe, die sie zu einander hegen.

Eines davon hatte sich auf einen Erdhaufen vor seinem Loche gesetzt und bot uns ein schönes Ziel, während der Kopf eines Kameraden, der wahrscheinlich zu schüchtern war, um sich weiter auszusetzen, aus dem Eingange hervorguckte. Eine wohlgerichtete Kugel streifte dem ersten Hunde den ganzen obern Theil des Schädels ab und schmetterte ihn zwei oder drei Fuss von seinem Posten todt nieder. Während wir wieder luden, kam der andere keck heraus, ergriff seinen Kameraden bei einem Beine, und hatte ihn, ehe wir an dem Loche anlangten, vollkommen aus unserm Bereiche gezogen, obgleich wir’s versuchten, ihn mit den Ladstöcken herauszulangen.

Es lag Gefühl in dieser Handlungsweise, — so zu sagen etwas Menschliches, was die Thiere in meiner Achtung hob, und ich schoss später nie wieder einen Präriehund, wenn ich nicht durch äussersten Hunger dazu getrieben wurde.

Der Prairiehund ist von der Grösse eines Kaninchens, etwas schwerer und gedrungener vielleicht, hat aber viel kürzere Beine. Dem Aeussern nach hat er Aehnlichkeit mit dem Erdschweine des Nordens, obgleich er ein wenig kleiner ist, als das Letztere. Die Prairiehunde sind gesellig und leben nie allein, wie andere Thiere, sondern finden sich stets als ganze Dörfer oder grosse Ansiedelungen. Wenn man sie nicht stört, sind sie ein wildes, fröhliches, unruhiges Völklein, das stets auf dem Zuge ist. Sie scheinen ein besonderes Vergnügen daran zu haben, ihre Zeit zu verplaudern und von Loch zu Loch bei ihren Gevattern Besuche zu machen; wenigstens möchte man dies aus ihrem Treiben glauben. Alte Jäger sagen, wenn sie einen guten Ort für ein Dorf finden und kein Wasser zur Hand haben, so graben sie einen Brunnen, um die Bedürfnisse der Gemeinde zu befriedigen.

Bei mehreren Gelegenheiten kam ich ihren Dörfern, ohne bemerkt zu werden, so nahe, dass ich ihre Bewegungen heobachten konnte. In einer dieser Ansiedelungen sah ich im Mittelpunkte einen sehr grossen Hund, der vor seiner Thüre oder am Eingange seines Bau’s sass und, so viel ich aus seinem eigenen Treiben und dem seiner Nachbarn entnehmen konnte, der Präsident, Schuldheiss oder Häuptling zu seyn schien; jedenfalls war er der „grosse Hund“ des Platzes.

Ich bewachte wenigstens eine Stunde die Bewegungen dieser kleinen Gemeinde, während welcher Zeit der erwähnte grosse Hund wenigstens ein Dutzend Besuche von seinen Kameraden erhielt, welche eine Weile Halt machten, mit ihm plauderten und dann wieder nach ihrem Wohnsitze eilten. Diese ganze Zeit über wich er keinen Augenblick von seinem Posten, und es kam mir vor, als bekunde er in seinem Benehmen eine gewisse Würde, welche ich bei denjenigen, die sich mit ihm unterhielten, nicht entdecken konnte. Ich will nicht behaupten, dass diese Besuche Geschäftssachen betrafen oder etwas mit der Regierung des Dorfes gemein hatten, indess gewann es doch ganz einen derartigen Anschein. Wenn Thiere mit Schlussvermögen begabt sind, oder ihren gesellschaftlichen Verband durch systematische Gesetze zu regeln vermögen, so möchte man dies von den Prairiehunden behaupten.

In verschiedenen Theilen des Dorfes sah ich die Angehörigen hüpfen, scherzen, sich besuchen und hin und wieder Purzelbäume in ihre Löcher machen; mit Einem Worte, sie schienen alle Arten von Kurzweil zu treiben. Ich bemerkte auch eine besondere Art von Eulen unter ihnen, die sich jedoch den Spielen nicht anschlossen, obgleich sie mit den Hunden auf einem guten Fuss zu seyn schienen und in denselben Löchern aus- und eingingen, als wären sie Familienangehörige, oder doch wenigstens Gäste. Auch Klapperschlangen wohnen in diesen Dörfern, obgleich die unter den Mexikanern herrschende Ansicht, als ständen sie auf geselligem Fusse mit den Hunden, ganz lächerlich und grundlos ist.

Die Schlangen möchte ich als Landstreicher betrachten, die sich nicht so leicht von den regelmässigen Einwohnern abschütteln lassen und die Wohnungen der Hunde benützen, weil sie anderswo keine gemächlichere Quartiere finden können. Wir erlegten eine derartige Bestie in der Nähe eines Baues; sie hatte ein frischgeworfenes Hündlein im Leibe, obschon ich nicht glaube, dass sie über ausgewachsene Thiere Herr zu werden im Stande ist.

Die von uns besuchte Stadt war mehrere Meilen lang und wenigstens eine Meile breit. Rund umher und in der Nachbarschaft befanden sich kleine Dörfer, gleichsam als Vorstädte. Wir zündeten ein Feuer an und kochten drei der erlegten Thiere. Das Fleisch war ungemein süss, zart und saftig, ungefähr wie das des Eichhörnchens, aber fetter.

Zwölftes Kapitel.

Unter den Apachen, die uns begleiteten, waren auch zwei Comanchen, welche vor fünfzehn Jahren Zeugen von dem Tode des bekannten Overton gewesen waren. Da dieser Unglückliche eine kurze Zeit als englischer Agent bei der Pelzkompagnie thätig war, so wird sein wildes, romantisches Ende wahrscheinlich für die vielen Leser, die ihn kannten, Interesse haben; jedenfalls gibt die Erzählung ein Beispiel von der gesetzlosen Laufbahn, zu welcher Viele in der westlichen Wildniss ihre Zuflucht nehmen.

Vor etwa vierundvierzig Jahren hatte sich ein spanischer Händler am Fusse der Grünen Gebirge unter einem Stamme der Tonquewas15) niedergelassen. Er lebte mit einer indianischen Squaw sehr gemächlich und zahlte keine Steuern, indem er im Gegentheil hin und wieder von den Ansiedelungen der Provinz Santa Fé sogar Abgaben in der Form des sogenannten schwarzen Zinses erhob. Bei Gelegenheit eines seiner Ausflüge wurde er jedoch ergriffen und gehangen — ein Ereigniss, das sowohl bei den Spaniern, als den Tonquewas bald in Vergessenheit gerieth. Er hatte ausser seiner Indianerin und einem Kinde ein beträchtliches Vermögen zurückgelassen, das der Stamm für sich einzog, indem er die Wittwe und ihren Sprössling abschüttelte. Sie gerieth zufällig in die Hände eines lustigen, unverheiratheten, canadischen Schlingenjägers, der, aus Ermangelung einer besseren, die Squaw zum Weibe nahm.

Mittlerweile hatte die junge Halbzucht das Alter der Mannbarkeit erreicht und entwickelte frühzeitig ein wunderbares Talent für Sprachen. Die Squaw starb, und der Jäger, der jetzt an die glücklichen Tage zurückdachte, welche er unter dem civilisirten Volke des Ostens verlebt hatte, beschloss, zu demselben zurückzukehren und den jungen Mengling, den er in Folge des langen Umgangs lieb gewonnen hatte, mit sich zu nehmen. Sie kamen nach St. Louis, wo der junge Mensch bald genug Englisch lernte, um sich verständlich zu machen, und als er eines Tages seinen Stiefvater, der die Osagen besuchen wollte, begleitete, ermordete er denselben unterwegs, bemächtigte sich seines Pferdes, seines Gewehrs und der übrigen Habe, um für sich selbst anzufangen.

Geraume Zeit fiel kein Verdacht auf ihn, und wenn es auch der Fall gewesen wäre, so würde er sich sehr wenig darum bekümmert haben. Er zog von Stamm zu Stamm und führte ein unthätiges Leben, das seinem Geschmacke trefflich zusagte; und da er den Indianern in ihrem Verkehre mit den Weissen als Dolmetscher sehr nöthig wurde, so liess man ihn treiben, was er eben mochte. Er liebte jedoch ein unstätes Leben, und die Händler, welche ihn bald unter den Pawnies oder Comanchen, bald unter den Krähen oder Tonquewas sahen, gaben ihm den Beinamen „Turn-Over,“ der später vermöge einer Inversion in Over-Turn überging; daraus das corrumpirte Overton.

Nachgerade entdeckte männiglich, dass Overton ein grosser Spitzbube war; da man ihn jedoch gut brauchen konnte, so beschäftigte ihn die englische Kompagnie von Canada und bezahlte ihn gut. Wie jedoch seine Prinzipale in Erfahrung brachten, dass er fast stets betrunken sey und keinen Anstand nehme, sich Dinge zuzueignen, an die er kein Recht hatte, so entliessen sie ihn seiner Dienste, und Overton kehrte zu seiner früheren Lebensweise zurück. Nun machten ihm einige Yankees Vorschläge, die er annahm; welcher Art dieselben waren, lässt sich nicht genau angeben, indess kann man sich den Inhalt ihrer Vorträge leicht denken, wenn man weiss, dass die Yankees es für eine sehr preiswürdige Handlung halten, im Verkehre die Indianer unter Mitwirkung eines schuftigen Dolmetschers zu betrügen, der natürlich für seinen Verrath eine Quote an dem Profit zieht. Eine Zeit lang vertrugen sich Prinzipale und Dolmetscher vortrefflich mit einander, und da in den vereinigten Staaten nichts wohlfeiler ist, als ein militärischer Titel, so erhielt die Halbzucht Stiefel, Sporen, einen Rock mit Aufschlägen, einen Degen uud den Titel Obrist.

Trotz ihrer Schlauheit waren die Yankees dem Obristen Overton doch bei Weitem nicht gewachsen, denn er betrog sie eben so gut, als er die Indianer hinterging. Die heilige Alliance wurde daher endlich aufgelöst. Er zog sich jetzt nach dem Gebirge zurück und begann unter dem Schutze der mexikanischen Regierung ein allgemeines Plünderungssystem, das er eine Zeit lang mit Glück betrieb. Seine gewöhnlichste Methode bestand darin, dass er im Tausche zwischen den Wilden und den Händlern die Mittelsperson machte. Wenn nun beide Partieen einig geworden waren, sprachen sie natürlich in ihrer guten Laune dem Glase zu, und jetzt war für den Obristen die Zeit vorhanden, zu handeln. Die Indianer machte er glauben, dass die Händler nur warteten, bis sie schliefen, um sie zu erschlagen und ihre Güter wieder zurückzunehmen. Dasselbe Mährchen band er auch den Händlern auf, und es folgte ein Kampf, der um so schrecklicher wurde, je betrunkener die betreffenden Personen waren. Dann lud der Obrist, unter dem Vorwande, Alles in Sicherheit zu bringen, mit einigen in seinem Dienste stehenden Halunken das Pelzwerk und die Güter auf die Maulthiere, begab sich nach Santa Fé und veräusserte seine Beute um den dritten Theil des Werths. Niemand kümmerte sich darum, wie er dazu gekommen war; man kaufte wohlfeil ein, und ein solcher Handelsmann ist stets willkommen.

Seine derartigen Schliche und die offenen Räubereien mehrten sich bald so sehr, dass Overton der Schrecken der Gebirge wurde. Die Wilden schworen, ihn zu scalpiren; die Canadier gelobten, er solle ihnen zu Tode tanzen; die Engländer drohten ihm mit dem Galgen, und die Yankees wollten ihn eine indianische Tortur erstehen lassen. Auch die Mexikaner, die ihren Liebling nicht länger schützen konnten, setzten einen Preis auf seinen Kopf. Unter solchen Umständen warf Overton einen Groll auf die Gesellschaft; er verbarg sich und liess zwei Jahre lang nichts von sich hören, bis eines Tages eine Abtheilung von Comanchen und Tonquewas, die von einem Ausfluge heimkehrten, einen Mann zu Pferde bemerkten. Sie erkannten Overton und machten alsbald Jagd auf ihn.

Die Verfolgung dauerte lange. Overton ritt ein kräftiges, edles Ross, aber der Grund war uneben und gebirgig, so dass er seinen Feinden nicht aus dem Gesichte kommen konnte. Er erreichte übrigens eine Platform, die mit schönen Fichten bedeckt war, und er hielt sich jetzt für geborgen, da sich auf der andern Seite des Gehölzes ein langes, ebenes Thal befand, welches sich viele Meilen weit ausdehnte; dort hoffte er seine Verfolger hinter sich zu bringen und zu entkommen. Wie ein Pfeil schoss er dahin, während das schreckliche Gezeter seiner Feinde noch immer in seine Ohren drang. Er spornte das bereits von Schaum bedeckte Thier und erreichte die Ebene, fand aber zu seinem Schrecken und Erstaunen, dass zwischen ihm und dem Thale eine furchtbare Kluft lag, fünfundzwanzig Fuss breit und zweihundert Fuss tief, mit scharfen Felsenzacken, die so zahlreich waren, wie die Dornen der Stachelbirne. Was konnte er anfangen? Sein müdes Ross weigerte sich, den Sprung zu thun, und hinter sich vernahm er deutlich die Stimmen der Indianer, welche sich gegenseitig ermunterten.

An dem Rande der Kluft lag ein hohler Baumstamm, den man wahrscheinlich herbeigeschleppt hatte, um hier eine Brücke anzulegen. Overton stieg ab, führte sein Pferd bis an den Abgrund und stachelte es mit dem Messer; das edle Thier sprang, aber seine Kräfte waren zu sehr erschöpft, um über die Schlucht wegzusetzen; seine Brust stiess an der entgegengesetzten Kante an, worauf es von Klippe zu Klippe in den Abgrund hinunterstürzte. Sobald dies geschehen war, kroch der Flüchtling nach dem Baumstamm und verbarg sich unter demselben, in der Hoffnung, dennoch zu entkommen; aber vergeblich — denn die Wilden hatten ihn in dem nämlichen Augenblick, als sie aus dem Walde auftauchten, gesehen und in wenigen Minuten den Baumstamm umringt. Da sie nun ihrer Beute sicher waren, so wünschten sie ihn für eine geraume Zeit auf eine moralische Folter zu spannen, indem sie thaten, als wüssten sie nicht, wo er wäre.

„Er hat hinübergesetzt,“ sagte der Eine; „es war der volle Sprung eines Panthers. Wollen wir umkehren, oder hier Lager schlagen?“

Die Indianer kamen überein, eine kurze Frist hier anszuruhen und begannen ein Gespräch. Der Eine betheuerte, wenn er je Overton auffinde, so müsse ihm der Kerl seine eigenen Eingeweide auffressen. Ein Anderer sprach von glühenden Eisen. Kurz, keine Marter blieb unberührt, und die Lage des elenden Overtons muss schrecklich gewesen seyn.

„Sein Scalp ist hundert Dollar werth,“ sagte der Eine.

„Wir kriegen ihn schon noch,“ entgegnete ein Anderer.

„Nun wir aber hier sind, können wir ebensogut uns lagern und Feuer anmachen; da ist ein Stamm.“

Overton bemerkte jetzt, dass er verloren war. Unter dem Baumstamme hervor warf er einen Blick um sich: da standen die grimmigen Krieger, die Bogen in ihren Händen und bereit, ihn bei der ersten Bewegung zu tödten. Er merkte jetzt, dass die Wilden ein grausames Spiel mit ihm getrieben hatten und sich freuten über die schreckliche Ungewissheit, in der er sich befand. Er war war ein Schurke, aber doch tapfer und hatte zuviel Rothhautblut in seinen Adern, als dass er nicht seine Feinde hätte täuschen mögen; er beschloss daher, sich verbrennen zu lassen und den grausamen Verfolgern so ihren Spass zu verderben. Der Indianer rechnet sich’s zum Ruhme, bis auf den letzten Augenblick den Tod zu verhöhnen, und gibt selbst unter den peinlichsten Foltern nur selten durch Schmerzensausrufe das körperliche Leiden zu erkennen.

Der Stamm war bald von Aesten und Blättern umgeben; sie wurden angezündet und die Barbaren sahen stillschweigend zu. Aber Overton hatte seine Standhaftigkeit überschätzt; sein Blut war im Grunde doch nur zur Hälfte indianisch, und als die Flamme seine Kleider erfasste, vermochte er sich nicht länger zu halten. Er brach aus dem Feuer hervor und rannte zweimal in dem Kreise seiner Quälgeister umher. Sie waren still wie das Grab und keine Waffe wurde nach ihm gezielt — als er plötzlich mit der vollen Kraft der Verzweiflung durch den Kreis brach und einen furchtbaren Sprung über den Abgrund nahm. So unglaublich es auch scheinen mag, gewann er mehr als zwei Fuss von dem Boden der entgegengesetzten Seite, und die Wilden stiessen einen Schrei der Bewunderung aus. Aber Overton war erschöpft und sank langsam zurück. Die Indianer legten sich auf den Bauch, um in die Kluft hinunter zu blicken — denn es war eine schwindelnde Tiefe — und sahen, wie ihr Opfer noch immer mit flammenden Kleidern von Klippe zu Klippe rollte, bis Alles dunkel war.

Hätte er auf der andern Seite der Kluft festen Fuss fassen können, so wäre er sicher gewesen, denn eine kühne That wird von den Wilden stets bewundert, und in dem gegenwärtigen Augenblicke hätten sie es verschmäht, von ihren Pfeilen Gebrauch zu machen. Dies war das Schicksal des Obristen Overton.

Dreizehntes Kapitel.

Endlich setzten wir über den Rio Grande und langten ein paar Tage später zu Santa Fé an. Viel ist über diese reiche, romantische Stadt geschrieben worden, wo man vordem, wenn man den Reisenden glauben wollte, Dollars und Dublonen fast auf der Gasse auflesen konnte. Ich vermuthe indess, dass jene Reisebeschreiber den Ort nie gesehen haben, denn er ist ein elendes, schmutziges kleines Loch, von etwa dreitausend Seelen bewohnt, die meisten davon verhungertes, nacktes Halbblut. Kaum wird man anderswo solche Scenen von Niederträchtigkeit und Laster finden; der härteste Despotismus führt seine Geissel, und der höchste Grad von Unsittlichkeit steht in einem erbaulichen Einklange mit Schmutz und Trunkenheit.

Die Bedeutung des Handels von Santa Fé ist sehr übertrieben worden. Die Stadt war früher der gelegenste Punkt, nach welchem, von den amerikanischen Staaten aus, Güter zu Land ver führt werden konnten; dies verhält sich jedoch seit der Colonisation von Texas anders. Demgemäss hat auch der Gewinn des dortigen Verkehrs bedeutend abgenommen. Die Reise von St. Louis am Missouri ist sehr langweilig, da sie an zwölfhundet Meilen beträgt und noch obendrein in Santa Fé kein Ende hat, sondern noch weiter nach Chihuahua fährt. In Vergleichung mit dem, was an der Küste bezahlt werden muss, kommen die Güter unter leichtem Zoll in’s Land, da jeder Frachtwagen, was immer sein Inhalt seyn mag, nur mit fünfhundert Dollars belastet ist, und dieses Privilegium hebt noch einigermassen den Handel. Der eigentliche Markt beginnt jedoch erst zu Chihuahua, denn weiter nördlich trifft der Reisende auf nichts, als auf den tiefsten moralischen und physischen Verfall.

Natürlich entschwand uns die Zeit sehr langweilig, denn die Halbzucht war zu dumm, als dass man sich hätte mit ihr unterhalten können, und die Yankeehändler lebten in einem beharrlichen Branntweintaumel. Wäre Gabriel nicht in der Umgegend bekannt gewesen, so hätten wir unvermeidlich vor langer Weile sterben müssen, so aber machten wir einige Ausflüge zu den Rocheros oder Viehzüchtern, besuchten mehrere Indianerstämme, mit welchen wir jagten, und sahen mit Ungeduld der Zeit entgegen, bis eine Caravane nach dem Westen abging. Eines Tages hatte ich ein ziemlich ernsthaftes Abenteuer. Roche und Gabriel waren auf der Bärenjagd. Aus Ermüdung war ich in einem Rancho zurückgeblieben, wo ich mich vor einigen Tagen vergnügt hatte; Nachmittags aber bekam ich Appetit zu Fisch, und da man mir sagte, drei oder vier Meilen weit unten befinde sich ein Flüsslein voll schöner Barsche, so zog ich mit meiner Büchse und Angelruthe aus. Ich fand die Stelle bald auf und spähete nach einigen Vögeln oder Eichhörnchen, deren Fleisch ich als Köder benützen könnte. Während ich, die Büchse in der Hand, an der Seite des Flusses hinging und auf die Baumzweige Acht hatte, fühlte ich plötzlich ein Kratzen an meinen Beinen und Moccassins und als ich niederblickte, bemerkte ich ein kleines Pantherkätzchen, das um meine Füsse spielte und mich einlud, an seiner Belustigung Theil zu nehmen. Es war ein schönes Thierchen und kaum grösser als eine Hauskatze. Ich setzte mich nieder, legte die Büchse über mein Knie und streichelte das Thier eine Weile, bis es nachgerade sehr zutraulich wurde; auch war ich schon im Begriffe, es mit mir zu nehmen, als ich hinter mir ein lautes wohlbekanntes Gebrüll hörte, worauf ein dunkler, schwerer Körper über meinen Kopf wegsetzte, da das kleine Ding ein wenig von mir zurückgewichen war. Es war ein ausgewachsener Panther, die Mutter des Jungen, an die ich bisher keinen Augenblick gedacht hatte.

Ich stand alsbald auf. Die Bestie, welche ihren Sprung verfehlt hatte, war zwölf Fuss vor mir niedergefallen. Sie duckte sich, peitschte die Erde mit ihrem langen Schweife und blickte mich wild an. Unsere Augen begegneten sich, und ich gestehe, dass mir aller Muth zu entsinken begann. Ich hatte allerdings meine Büchse, aber die mindeste Bewegung, um sie anzulegen, würde dem Thiere als Signal zum Sprunge gedient haben. Endlich kroch es noch immer geduckt zurück und erweiterte die Entfernung um etwa dreissig Fuss, dann machte es einen Kreis um mich, ohne seine Augen von meinem Gesichte zu verwenden, denn das Junge spielte noch immer zu meinen Füssen. Hätte das kleine Thier zwischen mir und der Mutter gelegen, so zweifle ich nicht, dass sie es genommen und damit fortgelaufen wäre. So aber fühlte ich mich in einer höchst seltsamen Lage. Fliehen konnte ich nicht, und der Panther war nicht geneigt, sein Junges zurückzulassen, sondern umkreiste mich fortwährend, und ich drehte mich gleichfalls, die Mündung der Büchse gegen die Bestie hinhaltend.

Mittlerweile erhob ich, ohne die Augen von dem Thiere zu verwenden, Zoll um Zoll mein Gewehr, bis der Schaft meine Schulter erreicht hatte; ich nahm mein Absehen und hielt den Athem an. Das Junge machte einen Sprung, bei dem es sich verletzte, und maute; die Mutter antwortete mit einem zornigen Geheul und war eben im Begriffe, auf mich loszuspringen, als ich abdrückte; sie taumelte zurück und war auf der Stelle todt. Meine Kugel war ihr unter dem linken Auge eingedrungen, hatte den Schädel durchbohrt und einen Theil des Gehirns mit hinausgenommen.

Es war ein schreckliches Thier; hätte ich es gefehlt, so würde mich ein einziger Streich seiner Pfote zu Brei zermalmt haben. Sogar im Tode noch erfüllte mich die Bestie mit Entsetzen, denn sie lag da, die Klauen ausgereckt, als wollte sie ihre Beute erfassen, während ihr die blutende Zunge zum Rachen heraushing. Ich zog ihr die Haut ab, hängte sie an einen Baum, nahm das Junge auf und eilte nach Hause, denn der Fischappetit war mir für den Abend vergangen.

Eine Woche später langte eine Compagnie Händler von St. Louis an. Sie waren von den Indianern angegriffen worden und boten einen kläglichen Anblick. Während ihrer Reise hatten sie einmal sechs Tage nichts zu essen gehabt und mit welkem Grase vorlieb nehmen müssen. Es wird hier am Orte seyn, mit einigen Worten den Ursprung dieser Binnenland-Handelszüge und die Gefahren zu berühren, von welchen sie bedroht sind.

Im Jahre 1807 that Kapitän Pike, der von einer Untersuchungsreise in das Innere des amerikanischen Festlands zurückkehrte, den Kaufleuten der Vereinigten Staaten zu wissen, dass sie einen sehr einträglichen Verkehr mit den Centralprovinzen des nördlichen Mexiko herstellen könnten, weshalb 1812 eine kleine Abtheilung von Abenteurern, nicht über ein Dutzend, unter denen sich Miller Knight, Chambers, und Beard befanden, mit einer kleinen Waarenpartie den mühsamen Zug von St. Louis nach Santa Fé unternahmen.

Nun gehörte es von jeher zu der Politik der Spanier, Fremde nicht in das Innere ihrer Colonieen eindringen zu lassen. Da obendrein um diese Periode Mexiko im Aufstande begriffen war, so wurden Fremde, namentlich Amerikaner, mit um so grösserem Misstrauen betrachtet. Die gedachten Kaufleute wurden deshalb ergriffen, ihre Güter konfiscirt, sie selbst aber in die Gefängnisse von Chihuahua eingeschlossen, wo sie mehrere Jahre eine sehr grausame Behandlung erlitten. Im Frühlinge des Jahres 1821 kehrte Chambers mit den übrigen Gefangenen nach den Vereinigten Staaten zurück, und bald nachher wurde der Handel auf gedachtem Wege gesetzlich. Die Berichte der ersten Abenteurer veranlassten einen Kapitän Glenn von Cincinnati, sich ihnen zu einer Handelsunternehmung anzuschliessen, und nun brach abermals eine zwanzig Mann starke Caravane nach Santa Fé auf. Sie suchten einen kürzeren Weg, um auf den Arkansasfluss zu treffen; aber ihr Unternehmen schlug fehl, denn statt von der Gabel des Canadianstromes aufwärts zu fahren, gingen sie schon an’s Land, wo der Hauptfluss den Missouriweg schneidet.

In dieser schrecklichen Gegend, die sich bis zum Cimaronfluss ausdehnt, gibt es keinen Tropfen Wasser, und sie hatten alle Plagen des Durstes durchzumachen. Um ihre vertrockneten Lippen anzufeuchten, mussten sie ihre Hunde tödten und ihren Maulthieren zur Ader lassen. Dennoch ging Niemand von der Gesellschaft zu Grunde; aber ganz entmuthigt, wechselten sie ihre Richtung und kehrten bis zum nächsten Punkte des Arkansasflusses zurück, wo sie wenigstens Wasser im Ueberfluss haben konnten. Mittlerweile waren ihre Lastthiere so erschöpft geworden, dass sie keine Dienste mehr leisten konnten. Die Güter wurden daher verscharrt, und sie langten ohne weite Beschwerlichkeit in Santa Fé an, wo sie sich andere Maulthiere verschafften und zu ihrer Cachette zurückkehrten.

Viele Leser wissen vielleicht nicht, wie die Händler ihre Ladung, ihre Waffen, und sogar ihren Mundvorrath verbergen. Dies geschieht durch eine grosse krugförmige Aushöhlung der Erde, in welcher die Gegenstände niedergelegt werden. Der Boden der Cachette wird zuerst mit Holz und Leinwand bedeckt, um eine allenfallsige Verderbniss durch Feuchtigkeit zu verhindern. Beim Cachayen (ein canadischer Ausdruck) besteht die Hauptsache darin, dass man keine Spur zurücklässt, welche den Indianern zum Leitfaden dienen könnte. Um dies zu bewerkstelligen, nimmt man die Erde in Decken mit sich fort und wirft sie in grosser Entfernung ab. Der Platz, der in der Regel für eine Cachette gewählt wird, ist eine Anhöhe in der Prairie, hoch genug, um gegen Ueberschwemmung gesichert zu seyn, und die dabei genommenen Massregeln sind so vortrefflich, dass die Händler selten etwas von ihren verlorenen Gütern verlieren, sey es nun durch die Indianer, oder durch den Wechsel des Klimas und die Erdfeuchtigkeit.

Schon im Frühling 1820 zog von Franklin im Westen des Missouri aus eine Gesellschaft, die zwölf mit Gütern beladene Maulthiere bei sich hatte, nach Santa Fé. Sie kreuzten Prairieen, die noch nie der Fuss eines Weissen betreten hatte, ohne andere Führer zu haben, als die Sterne des Himmels, die Morgenwinde vom birge her und vielleicht einen Taschenkompass. Täglich hatten sie durch die Gebiete feindlicher Völker zu ziehen, aber demungeachtet und trotz der vielen andern Schwierigkeiten, die durch den Mangel an Wasser und ihre Unbekanntschaft mit den Gebirgspässen herbeigeführt wurde, langten sie in Santa Fé an.

Die Abenteurer kehrten im Herbst nach Missouri zurück und hatten einen ungeheuern Gewinn gemacht, obgleich ihr Handels-Kapital nur sehr klein gewesen war. Ihre günstigen Berichte erregten gewaltiges Aufsehen, und im Frühlinge des nächsten Jahres brachen Obrist Cooper mit einigen Genossen, zweiundzwanzig an der Zahl, von vierzehn wohlbeladenen Maulthieren begleitet, nach Santa Fé auf. Diesmal lief das Unternehmen sehr glücklich ab; die Kaufleute von St. Louis wurden immer kühner und bildeten im Jahre 1822 eine Karavane von siebenzig Mann, welche für vierzigtausend Dollars Waaren mit sich führten.

So begann dieser Verkehr, der bald einen regelmässigen Charakter annahm. Gesellschaften brachen im Frühlinge auf, um mit unglaublichem Gewinn im Herbst wieder zurückzukehren; der Handel vergrösserte sich, und die Kaufleute verminderten die Anzahl ihrer Kondukteure, bis endlich wiederholte Angriffe von Seiten der Wilden zu einer Vereinigung nöthigten, um sicher reisen zu können.

Anfangs schienen die Indianer geneigt, die Wanderer ohne Störung irgend einer Art ziehen zu lassen; im Sommer 1826 begannen sie jedoch, Maulthiere und Pferde zu stehlen, obgleich bis 1828 kein Todtschlag vorfiel. In diesem Jahre kehrte eine kleine Karavane von Santa Fé zurück und folgte dem Strome der nördlichen Gabel des Canadianflusses. Zwei von den Händlern, die ihrer Reisegesellschaft vorausgeeilt waren, um Wild zu suchen, schliefen an dem Rande eines Baches ein. Sie wurden von einer Indianerrotte erspäht, welche sie überraschte, sich der Büchsen bemächtigte, ihre Scalpe nahm und sich wieder zurückzog, noch ehe die Karavane den Bach, der als Sammelplatz bezeichnet gewesen, erreicht hatte. Als die Gesellschaft nachkam, war eines der Opfer noch am Leben; sie brachten den Mann nach Cimaron, wo er starb und nach Prairiebrauch beerdigt wurde.

Diese Ceremonie war kaum beendigt, als auf einem benachbarten Hügel vier Indianer erschienen, die augenscheinlich von dem Vorfalle keine Kunde hatten. Die aufgebrachten Kaufleute luden sie in ihr Lager ein und ermordeten sie bis auf einen, dem es trotz seiner Verwundung gelang, zu entkommen.

Diese grausame Vergeltung hatte eine schwere Strafe zur Folge. Die Indianer gelobten von dieser Zeit an einen ewigen Krieg — einen Krieg bis zum Messer „in den Forsten und in den Prairieen, inmitten der Flüsse und der Seeen, sogar zwischen den mit ewigem Schnee bedeckten Gebirgen.“

Bald nach diesem Ereignisse wurde eine andere Karavane von den Wilden angefallen. Letztere erbeuteten dabei fünfunddreissig Scalpe, zweihundertundfünfzig Maulesel und Güter im Werthe von dreissigtausend Dollars.

Derartige schreckliche Dramas wiederholten sich ohne Unterlass in jenen weiten westlichen Einöden, und das Schicksal der unglücklichen Kaufleute blieb unbekannt, bis vielleicht eines Tages ein mit Blut und Staub bedecktes, ausgehungertes, lebendiges Skelet einen der militärischen Gränzposten erreichte, um über das blutige Trauerspiel Bericht zu erstatten, dem es allein entronnen war.

Im Jahre 1831 durchzog Mr. Sublette und seine Gesellschaft die Prairie mit fündundzwanzig Frachtwagen. Er und seine Begleiter waren alte Ansiedler unter den Rocky Mountains, welche der Durst nach Gold in Kaufleute umgewandelt hatte; sie reisten ohne Führer, und Keiner aus ihrer Mitte hatte je zuvor den Weg gemacht. Sie wussten nur, dass sie von diesem bis zu jenem Breitegrade zu ziehen hatten. Sie erreichten den Arkansasfluss; aber von dort aus führte kein Weg nach dem Cimaron, als etwa die zahlreichen, Büffelspuren, welche die Prairie durchschneiden und sehr oft die Reisenden täuschen.

Als die Karavane diese Wüste betrat, war der Boden ganz trocken, und die Ansiedler, welche ihren Weg verfehlten, wanderten mehrere Tage fort, unter einer glühenden Sonne alle Schrecken eines fieberhaften Durstes erfahrend. Oft wurden sie durch das Aussehen eines Büffelfährte verführt, und in dieser gefährlichen Lage beschloss Kapitän Smith, einer der Eigenthümer der Karavane, eine solche Spur zu verfolgen, weil er meinte, sie werde ohne Zweifel zu einem Wasserquell oder zu einem Sumpfe führen. Er war allein, hatte aber nie die Furcht gekannt. Er war der entschlossenste Abenteurer, der je die Rocky Mountains überschritt, und wenn nur die Hälfte von dem, was man sich von ihm erzählt, wahr ist, so würden seine gefahrvollen Reisen und sein oft haarscharfes Entkommen viele Bände füllen, die weit romantischer und interessanter wären, als die besten Werke der amerikanischen Novellisten. Der arme Mann! Nachdem er durch eine lange Reihe von Jahren stets den Pfeilen und Kugeln der Indianer entronnen, war es sein Geschick, unter dem Tomahawk zu fallen, und seine Gebeine sollten auf dem Sande der Wüste bleichen.

Er war etwa zwanzig Meilen von seinen Kameraden entfernt, als er hinter einem kleinen Hügel den langgesuchten Gegenstand seiner Wünsche bemerkte. Ein kleiner Strom wand sich glatt in der Mitte der Prairie vor ihm hin. Es war der Fluss Cimaron. Er eilte vorwärts, um seine trockenen Lippen anzufeuchten, aber wie er sich eben über das Wasser vorbeugte, sank er von zehn Pfeilen durchbohrt nieder. Ein Haufen von Comanchen hatte ihn erspäht und lauerte ihm auf. Aber dennoch kämpfte er tapfer. Die Indianer haben seitdem anerkannt, dass Kapitän Smith, trotz seiner Verwundung, noch drei ihrer Leute getödtet habe, ehe er starb.

Dies war der Beginn des Handels von Santa Fé, und derartigen Gefahren ist man sogar noch jetzt in den grossen Einöden des Westens ausgesetzt.

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