Kitabı oku: «Amerika Saga»
Frederik Hetmann
Amerika Saga
Von Cowboys, Tramps und Desperados
Mit Holzschnitten von Günther Stiller
FUEGO
- Über dieses Buch -
Ausgezeichnet als bestes Jugendbuch mit dem
deutschen Jugendbuchpreis 1965
Jurybegründung: Frederik Hetmann hat mit viel Interesse und Liebe amerikanische Volksbücher, Sagen, Legenden, Märchen, Balladen und Lieder gesammelt, in der deutschen Sprache neu gestaltet und in vier Kapiteln - »Der Osten«, »Der Westen«, »Das Industriezeitalter« und »Der Süden« - zu einem faszinierenden Buch gegliedert. So entstand ein Werk neuen Stils, das Geschichte und Geschichten vermittelt. Dem Leser wird ein vielseitiges und unmittelbares Bild von der amerikanischen Pionierzeit dargeboten, das aufräumt mit Klischeevorstellungen vom »Wilden Westen«. Alle Formen amerikanischen volkstümlichen Erzählens wurden herangezogen und zu einem geschlossenen farbigen Mosaik amerikanischer Geschichte zusammengeführt. In seinem sachlichen und literarischen Gehalt ist das Buch gleich wertvoll. Es führt hin zu seine Wurzeln der heutigen amerikanischen Short-Story und dem Blues unserer Tage. Die Gestaltung entspricht dem besonderen Wert des Buches.
Für Nor in Liebe
Casey sprach:
»Ich weiß eine Handvoll Geschichten,
aber vor allem mag ich die Menschen.«
John Steinbeck

Vorwort
Amerika, o Amerika!
Dieses Buch will Geschichte und Geschichten aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika erzählen: wie dieses Land, welches sich das Land der Freiheit nennt, entstand, wie es sich entwickelte, wie es träumte, lebte, arbeitete, wie es Geschichten erzählte, wie es Lieder sang, wie es ein Land wurde, in dem, stärker vielleicht als anderswo, die Menschen ihren Traum vom irdischen Glück, von einem menschenwürdigen Dasein und von einer gerechten Gesellschaft zu verwirklichen trachteten.
Die Absicht ist die eines Abenteuers. Unsere Fantasie soll durch die Geschichte, durch die Legenden, Sagen, Märchen, Balladen und Lieder dieses Landes streifen. Die Szenerie für dieses Abenteuer ist das große Viereck, das sich auf unseren heutigen Landkarten etwa durch die Städte Boston, New Orleans, San Francisco und Seattle markieren ließe.
Die Szenerie ist eine Landmasse, die in ihren Grenzen fast alle Landschaftsformen der Erde vereinigt, in der es Wüsten und fruchtbare Ebenen, große Wälder und Steppen, mächtige Ströme, hohe Gebirge, Salzseen, schroffe Felsküsten und palmenbestandene Sandstrände gibt. Eine Landmasse, die fast alle Wunder der Natur und all ihre Schätze birgt und auf der sich drei menschliche Rassen begegnen: Indianer, Schwarze und Weiße.
Die Szenerie ist ein weiter Raum, wo in den Jahren seiner Besiedlung ebenso wie noch heute Platz war für Helden, Feiglinge, Wohltäter und Bösewichte, für Idealisten und Realisten, für Träumer und Pioniere, für Abenteurer und Weise. Die Szenerie ist ein Staat, der unvollkommen blieb wie alle menschlichen Einrichtungen, dessen Bürger aber bis heute den Sinn für die Würde des Menschen und für seine Grundfreiheiten bewahrt haben, und die für die Vervollkommnung dieser Prinzipien und ihre Erhaltung im eigenen Land wie in allen anderen Ländern dieser Erde bereit sind, sich einzusetzen und zu kämpfen.
Die Geschichte und die Geschichten dieses Landes sind gemeinsam zu erzählen, denn eines kommt ohne das andere nicht aus, und beides hat seine Bedeutung und seine Richtigkeit. Weder die nüchterne Tatsache noch die Vorstellung der Fantasie allein enthält die ganze Wahrheit. Erst für den, der beide sieht, hört, bedenkt und prüft, wird der Blick frei auf das wahre Schicksal des Menschen, das Menschen immer wieder am meisten bewegt hat, noch dazu, wenn es sich unter so einzigartigen Umständen vollzieht.
Vielleicht vermag ein kurzer Bericht über die Entstehung dieses Buches am besten etwas über seine Absicht auszusagen. Als Kind und als Jugendlicher lebte ich in jenem Teil Deutschlands, der hinter dem Eisernen Vorhang lag. Für uns Schuljungen der Jahre 1945 bis 1948 war Amerika nicht nur ein Indianertraum, vielmehr verband sich dieses Wort in unserer Vorstellung mit den Gedanken an Reichtum und Überfluss, aber auch an politische Freiheit. Daraus aber formte sich in unserer Fantasie eine schimmernde Seifenblase. Amerika, o Amerika! Amerika war unser Land der Fantasie schlechthin. In gewissem Sinn hat mich meine Neugier dazu gebracht, diesem Traum von Amerika, dem Traum von der Neuen und ganz anderen Welt bis heute auf der Spur zu bleiben. Sechs Jahre lang sammelte ich amerikanische Volkslieder, Sagen, Legenden, Märchen. Ernüchterungen, aber auch erneutes Staunen waren das Ergebnis.
Wen die Fantasie einmal mit einem großen Traum infiziert hat, der wird allergisch gegen Träume, die in Konfektion hergestellt werden. Sooft ich einen Wildwestfilm sah, sagte ich mir, dass die Wahrheit erregender, fantastischer und zugleich auch erstaunlicher gewesen sein müsse, als es die Drehbuchschreiber von Hollywood uns vorgaukeln. So kam ich dazu, Gerichtsakten des Staates Texas zu studieren und die verschiedenen Versionen von Volksliedern in der Alten und in der Neuen Welt zu vergleichen und die Geschichten um den Schinderhannes Amerikas, Jesse James, an der Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges zu messen; und plötzlich war ich mittendrin in jener schimmernden Seifenblase, die für den Schuljungen unerreichbar fern über den Horizont geschwebt war. Ich betrachtete sie nun von innen, aber siehe da, sie schimmerte noch immer.
Sich dem Wesen eines Landes auf dem Umweg über die Gebilde seiner Fantasie nähern: So könnte man den Versuch umschreiben, den dieses Buch unternimmt. Dass wir dabei auf manches Bekannte, aus der eigenen Sagen- und Märchenwelt Vertraute stoßen werden, muss uns nicht wundem, denn im Reich der Fantasie bestand die Gemeinschaft zwischen Diesseits und Jenseits des Atlantik schon lange, ehe die Politiker den Zusammenhang zwischen Europa und Amerika in Bündnissen zu formulieren versuchten.
Frederik Hetmann
Der Osten

Eine Nation wird geboren
Von den ersten Siedlern bis zum Unabhängigkeitskrieg 1600 – 1800
Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Nordamerika beginnt mit zwei Siedlungsunternehmen um das Jahr 1600. Jamestown in Virginia und Plymouth im heutigen Staate Massachusetts sind zwar nicht die ersten Siedlungen in der Neuen Welt Schon gibt es in Nordamerika Niederlassungen der Franzosen in Kanada; schon haben die Spanier in New Mexico Städte gegründet, und schon haben ebenfalls Spanier die Halbinsel Florida besiedelt. Aber nicht aus diesen Kolonien sollte sich die nordamerikanische Nation entwickeln, sondern aus den beiden unscheinbaren Kolonien Jamestown und Plymouth. Was war das Besondere an ihnen?
Die Männer, die am 13. Mai 1607 unter dem Befehl eines Christopher Newports in Hampton Roads landeten und die Siedlung Jamestown mit der Errichtung eines Forts, einer Kirche und einer Anzahl kleiner Hütten gründeten, waren Abenteurer, aber sie waren auch freie Männer. Zwar hatte sie die Handelsgesellschaft, die Virginia Company, über den Ozean geschickt, aber sie besaßen auch ein königliches Patent, das ihnen »alle Freiheiten, Gerechtsamkeiten und Privilegien eines Bürgers in England« garantierte.
Die ersten Jahre waren schwer. Einmal wollten die Männer die neue Siedlung schon wieder aufgeben, denn ihre Vorräte waren alle aufgezehrt. Sie wanderten zur Mündung des Flusses, an dem Jamestown lag, und sichteten dort das ersehnte Versorgungsschiff aus England. Da fassten sie wieder neuen Mut.
Nach sechs, sieben Jahren war das Schlimmste überstanden. Man baute Tabak an, der sich in England zu einem guten Preis verkaufen ließ. Das Verhältnis zu den Indianern wurde durch eine Eheschließung zwischen einer Häuptlingstochter und einem Anführer der Engländer freundlich gestaltet. Am 30. Juli 1619 trat in der Holzkirche von Jamestown die erste gesetzgebende Versammlung von Virginia zusammen. Zweiunddreißig Männer, Repräsentanten von elf verschiedenen Ansiedlungen, nahmen daran teil. Diese Männer tagten noch unter dem Vorsitz des Gouverneurs, der die Krone repräsentierte, aber sie legten auf ihren Beratungen den Grundstein für die Eigenverantwortlichkeit der Menschen in der Neuen Welt, die sich von da an mehr und mehr entwickelte. Und noch etwas hatte sich im Verhältnis der Menschen zueinander in dieser Siedlung am Rande der Wildnis geändert. Niemand genoss hier aufgrund seines Berufes oder seiner Herkunft besondere Vorrechte.
1619 schrieb ein gewisser John Pory einen Bericht über Virginia. Darin heißt es:
»Unser Kuhhirt hier geht am Sonntag ausstaffiert und ganz in glänzend bunte Seide gekleidet; und die Frau des Kohlenträgers aus Croydon trägt ihren Hut aus Biberfell mit einem artigen Hutband aus Perlen … ein jeder so, wie er es durch seiner Hände Arbeit verdient, sagen die Leute hier!«
Das war eine Verlockung, die über Jahrhunderte hin für Menschen in vielen europäischen Staaten nichts von ihrem Reiz verlieren sollte.
Die andere Siedlung lag nördlich von Virginia. Dort waren am 11. November 1620 die Pilgerväter mit ihrem Schiff Mayflower gelandet.
Sie waren eine englische Calvinisten-Gemeinde aus dem Dorfe Scrooby in Nottinghamshire, die die Kirchenoberhoheit des Königs von England ablehnte und deshalb hatte auswandern müssen. Es waren Menschen, die Religionsfreiheit suchten. Fast alle Männer waren Familienväter und brachten Frauen und Kinder mit.
Ihr Status in der neuen Welt war kompliziert. Der König Jakob von England hatte ihnen ein Privileg verweigert, sie aber wissen lassen, er werde ihre Siedlung dulden, solange aus dem Unternehmen keine Unruhe und kein Aufruhr erwachse. Daraufhin hatten sich die Calvinisten an die Virginia Company gewandt, um von ihr Land im Staate Virginia zu kaufen. Es wurden Verträge geschlossen, die aber nur für das Interessen- und Einflussgebiet dieser Handelsgesellschaft galten.
Als die Pilgerväter nach 64 Tagen Überfahrt endlich Land sichteten, befanden sie sich nicht in Virginia, sondern viel weiter nördlich. Dass sie blieben und hier siedelten, kann wahrscheinlich nur damit erklärt werden, dass sie sich vor einer weiteren Schiffsreise fürchteten. In einer Kajüte ihres Schiffes kamen sie zusammen und gaben ihrer Siedlung eine Verfassung, in der es heißt: »... um die erste Kolonie in den nördlichen Provinzen von Virginia zu gründen … verbinden wir uns zu einer verfassungsgebenden Versammlung, zu unserer besseren Einrichtung und zu unserem Schutz, und urkundlich verfügen wir und setzen ein und entwerfen solche gerechte und gleichmäßige Gesetze, Verordnungen, Beschlüsse, Konstitutionen und Ämter.«
Diese Urkunde wurde von 41 Männern unterschrieben, und ein gewisser John Carver wurde zum ersten Gouverneur der Kolonie gewählt.
Im ersten Winter starben zwar mehr als die Hälfte der Einwohner dieser Kolonie, aber der nächste Sommer brachte eine gute Ernte. Mit großer Zähigkeit und Entschlossenheit setzten sich die Siedler durch. Als die Indianer ihnen ein Bündel Pfeile in einer Schlangenhaut als Kriegsherausforderung schickten, füllten sie die Haut mit Gewehrkugeln und sandten sie so an den Indianerstamm zurück.
Von größter Bedeutung für das Gesicht des neuen Landes, das hier wuchs, war, dass in den beiden ersten Kolonien die Bürgerrechte, das Recht auf Selbstverwaltung und das Recht auf freie Religionsausübung als wichtige Errungenschaften für ein glückliches Zusammenleben von freien Menschen erkannt wurden.
Von 1620 an wuchsen die Kolonien rasch, und Siedler kamen nun nicht nur aus England, sondern auch aus anderen europäischen Staaten: italienische Glasbläser, Griechen aus Smyrna, Holländer, Schweden, Deutsche, Franzosen. Und sie alle brachten ihre Besonderheiten und ihr Brauchtum mit. Die Schweden beispielsweise führten das Blockhaus in der Neuen Welt ein, die Deutschen lehrten die anderen Siedler besondere Ackerbaumethoden, die Franzosen kannten sich im Weinbau aus.
Aber auch die Märchen, Lieder und Sagen all dieser Völker kamen mit den Einwanderern in die Neue Welt, vermischten sich dort untereinander, wie sich auch die nationalen Gruppen bald vermischten; auch wurde vieles in der neuen Umgebung und unter dem Eindruck der neuen Bilder anders weitererzählt.
1664 nahmen die Engländer das einzige nicht zu England gehörende Stück Land, nämlich die holländische Siedlung Neu-Amsterdam, kampflos in Besitz. Die englische Flagge wurde gehisst und die Stadt in New York umbenannt.
1776 gab es an der Küste des Atlantischen Ozeans auf einer Strecke von sechzehnhundert Kilometern zwischen Maine und Georgia 13 Kolonien, in denen unter der Flagge Englands etwa zwei Millionen Menschen lebten. Von Virginia und Plymouth hatten sich immer neue Niederlassungen nach Norden und nach Süden ausgebreitet.
Die Kolonien waren, je nach ihren Gründern, sehr verschieden. Pennsylvania war von William Penn als eine Provinz der Quäker proklamiert worden. Georgia war von einem Mann namens Oglethorpe als philanthropisches Experiment gegründet worden, um unverdient in Schuldhaft geratenen Engländern in der Neuen Welt die Chance zu geben, neu anzufangen. In Maryland hatte sich der katholische Adelige Lord Baltimore niedergelassen, ihm waren viele katholische Priester und Laien gefolgt.
Etwa um das Jahr 1750 kommt bei allen Gegensätzlichkeiten die Vorstellung unter den Kolonisten auf, dass sie Amerikaner seien und dass sie vom englischen Mutterland gewisse Vorstellungen trennten. Der Franzose Hector St. John de Crèvecœur, der damals zwanzig Jahre in New York gelebt hatte, umschreibt die Prinzipien dieses neuen Gefühls der Verbundenheit untereinander und der Verschiedenheit gegenüber England wie folgt:
»Wir besitzen keine Fürsten, für die wir uns placken, für die wir Not leiden und bluten. Hier sind die Menschen so frei, wie sie sein sollten. Was ist aber der Amerikaner, der neue Mensch? Er ist entweder ein Europäer oder der Nachfahr eines Europäers, daher rührt diese sonderbare Blutmischung, die man nirgends sonst finden wird: Ich könnte euch eine Familie zeigen, wo der Großvater ein Engländer war, der eine Holländerin zur Frau nahm, deren Sohn eine Französin heiratete und deren vier Söhne sich nun vier Frauen von verschiedener Nationalität genommen haben. Hier verschmelzen sich Individuen aller Nationen zu einer neuen Rasse, deren Anstrengungen und Nachkommen eines Tages große Veränderungen in der Welt hervorbringen werden. Der Amerikaner ist ein neuer Mensch, der gemäß neuen Prinzipien handelt; er muss also neue Ideen hegen und sich neue Meinungen bilden ...«
Was waren diese neuen Ideen? Zunächst einmal war man sich in allen Kolonien darüber einig, dass kein Mensch um seines Glaubens oder seiner Meinungen willen verfolgt werden dürfe. Auch Herkunft und Abstammung waren Privatsache, aus der niemand ein Vorrecht herleiten konnte, aus der aber auch niemand ein Nachteil erwachsen sollte. Damit waren zwei der wichtigsten demokratischen Grundrechte schon durch die natürliche Entwicklung im Bewusstsein aller Menschen verankert. Die frühe Gewöhnung an lokale Selbstverwaltung hatte durch Generationen ein demokratisches Bewusstsein entwickelt und einen Sinn für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bestärkt, der irgendwann einmal mit dem Mutterland in Konflikt geraten musste.
Dies vor allem auch deshalb, weil das Mutterland die Kolonien als Ausbeutungsobjekt betrachtete und weil die Amerikaner im englischen Parlament, das auch die Gesetze für die Kolonien machte, nicht vertreten waren. Die ersten Anzeichen für eine offene Auflehnung gegen England zeigten sich bei der Verfügung eines Stempelgesetzes, das alle Zeitungen, Flugschriften, Gewerbescheine, Handelsrechnungen und Aktenstücke mit einer Steuer, belegte. In verschiedenen Kolonien wurden die Steuermarken verbrannt und deren Verkäufer gezwungen, ihre Geschäfte aufzugeben. England musste das Stempelgesetz schließlich aufheben, erkannte aber sehr wohl, dass seine Autorität in den Kolonien damit beträchtlich ins Wanken geriet. Der Premierminister von England schlug deshalb vor, den Tee mit einer Nominalsteuer zu belegen, um das Prinzip des Besteuerungsrechts durch das Mutterland zu demonstrieren.
Am 6. Dezember 1773 warfen daraufhin als Indianer getarnte Patrioten die gesamte Ladung eines englischen Schiffes, das Teesäcke brachte, im Hafen von Boston über Bord. Im April 1775 kam es auf einer Gemeindewiese in Lexington im Staate Massachusetts zur ersten bewaffneten Auseinandersetzung. Amerikanische Minutemen, eine Gesellschaft von Kolonisten, die sich gelobt hatten, eine Minute nach Beginn der Revolution ins Feld zu ziehen, wurden von einem englischen Offizier aufgefordert, auseinanderzugehen. Sie bewachten eine Barrikade, und die englischen Liniensoldaten waren angerückt, um die Munitionsvorräte zu konfiszieren.
»Bleibt stehen, Leute! Schießt nicht, solange nicht auf euch geschossen wird! Aber wenn sie einen Krieg haben wollen, so soll er hier beginnen«, sagte der Anführer der Amerikaner. Dann gaben die Engländer die ersten Schüsse ab. Der Kampf um die Unabhängigkeit hatte begonnen. Er dauerte sieben Jahre. Nicht immer stand es günstig für die Amerikaner. Ihr Oberbefehlshaber George Washington wurde wie ein Fuchs durch das Gelände von New Jersey gejagt, er teilte mit seinen zerlumpten Soldaten den Frost und den Hunger – und er kapitulierte nie.
Im Juni 1776 stellte der Abgeordnete Henry Lee aus Virginia im Kontinental-Kongress, einer Art verfassunggebender Versammlung, den Antrag, »dass die vereinigten Kolonien von Rechts wegen freie unabhängige Staaten sein sollten«.Nach einer Debatte von einem Monat wurde der Antrag am 4. Juli 1776 angenommen und die Unabhängigkeitserklärung verkündet. Ihr Kernstück ist der zweite Paragraf, der die Grundsätze, das politische Glaubensbekenntnis, der neuen Nation enthält:
»Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: Dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass Leben, Freiheit und das Streben nach Glück dazugehören, dass zur Wahrung dieser Rechte Regierungen eingesetzt sind unter den Menschen, die ihre gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten erhalten; dass wann immer eine Regierungsform diesen Zwecken abträglich ist, es das Recht des Volkes sein soll, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen, die die Regierten auf ebensolche Prinzipien gründen, und deren Macht dergestalt einzurichten, wie es ihnen am meisten Aussicht zu bieten scheint, ihnen ihr Glück und ihre Sicherheit zu schaffen.«
Mithilfe der französischen Flotte und französischer Waffen konnten die Kolonien den Krieg gegen England schließlich erfolgreich beenden. Am 19. Oktober 1781 ergab sich die letzte englische Armee in Yorktown in Virginia.
Nun gingen die Kolonisten daran, die Pfosten des Hauses der neuen Nation zu zimmern. Am 2 5. Mai 1787 trat in Philadelphia eine Versammlung von 55 Männern zusammen, um die Verfassung auszuarbeiten. Die Gegensätze waren groß. Die kleinen Staaten waren auf die großen Staaten eifersüchtig. Die Begüterten wollten ihren Besitz schützen. Die Armen wünschten billigen Kredit. Schließlich einigte man sich auf ein Regierungssystem, das auf dem Prinzip der Gewaltenteilung beruht: In den »zehn Zusätzen« zur ursprünglichen Verfassung wurden 1789 vom ersten amerikanischen Kongress die demokratischen Grundrechte im »Bill of Rights« zum Gesetz erhoben.
Der erste Präsident des jungen Staates wurde George Washington, ihm folgte John Adams. Stephen Vincent Benet charakterisiert ihn wie folgt: »Klein, anmaßend, kritisch, unabhängig, sarkastisch, ein Anwalt, der Sohn eines Farmers, der Urenkel eines arbeitslosen Zimmermanns, der aus England im Jahre 1636 emigriert war, äußerte John Adams überall offen seine Meinung. – Er war begabt, stachlig, bissig – und einer großen und selbstlosen Ergebenheit für sein Land fähig. Er, der Neuengländer, wirkte und kämpfte dafür, Washington, den Mann aus Virginia, zum Oberbefehlshaber der Armee zu machen, weil er glaubte, dass dies der beste Mann für dieses Amt sei. Dieser Mann von starren Grundsätzen stritt mit Thomas Jefferson aus Grundsatz, schrieb bittere und giftige Worte über Jefferson in sein Tagebuch – und versöhnte sich im Alter mit Grazie und Milde ... Dieser Anwalt, der nie ein Seemann war, schuf die amerikanische Flotte. Es fehlten ihm die leichten Talente, die einen Mann liebenswürdig machen. Aber er war einer der ersten politischen Denker Amerikas – und sein sarkastischer, kritischer, eigensinniger Geist lebt noch heute fort in New England.«
Auf John Adams folgte als dritter Präsident Thomas Jefferson, ein grauäugiger Mann mit rotem Haar, ein Schriftsteller, Philosoph und erfahrener Politiker, der Louisiana von Frankreich kaufte und so den USA den Besitz von New Orleans und die Herrschaft über das Flusssystem des Mississippi sicherte.
Aaron Burr, ein ehrgeiziger Politiker aus New York, war von Jefferson zu Beginn seiner zweiten Amtsperiode ausgeschaltet worden. Nach einem Streit mit' dem bekannten Politiker Alexander Hamilton forderte er diesen zum Duell und tötete ihn. Darauf tauchte er unter und versuchte eine Privatarmee mit der Absicht aufzustellen, im Süden der USA einen eigenen Staat zu gründen. Burrs Pläne wurden verraten und die Verschwörung noch rechtzeitig verhindert.
Die endgültige Festigung des jungen Staates erfolgte jedoch erst im zweiten Krieg gegen England, der 1812 wegen Handelsstreitigkeiten begann. In Wahrheit aber wollte diesen Kampf eine Gruppe von Bodenspekulanten, die beabsichtigte, Kanada zu annektieren.
Fast überall waren die Engländer siegreich. Sie nahmen schließlich sogar Washington ein und zündeten das Weiße Haus an. 1814 gelang es ihnen in einem Gefecht am Niagara, das für beide Seiten sehr verlustreich war, den Einmarsch der Amerikaner nach Kanada zu verhindern. Nur in der Schlacht von New Orleans schlug der erfahrene Indianerkämpfer Andrew Jackson eine starke englische Armee unter Edward Pakenham. Doch fand dieser Sieg schon nach Unterzeichnung des Friedensvertrages statt, der 1814 in Gent ausgehandelt worden war.
Dieser Krieg hatte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Nation unerhört gestärkt und den Amerikanern großes Selbstvertrauen gegeben. Auch wurden sie von nun an von den europäischen Großmächten als beachtenswerte Kraft angesehen. Während sich all diese Ereignisse mehr oder minder im schon erschlossenen Osten und Südosten der USA abspielten, wanderte die Grenze im Westen unaufhaltsam weiter vorwärts. Um 1800 floss der Siederstrom vor allem in die Täler von Ohio und Mississippi. Kentucky und Tennessee wurden besiedelt, und 1820 waren Indiana und Illinois im Nordwesten und Alabama und Mississippi im Südwesten schon als Staaten in die Union aufgenommen. Für die Besiedlung spielten natürlich die Zufahrtswege eine große Rolle. Zunächst ging der Verkehr in Flößen und Booten über den Ohio und seine Nebenflüsse, die durch ein Kanalnetz erweitert wurden. Später wurde die Cumberland Road, die 1811 begonnen wurde, zur Hauptverkehrsader in den Westen. Sie führte von Cumberland in Maryland über die Berge nach Zanesville und Columbus in Ohio und Terre Haute in Indiana und wurde bis nach Vandalia in Illinois verlängert. Ebenfalls 1811 baute Nicholas Roosevelt das erste Dampfboot, das nun zwischen Pittsburgh und New Orleans verkehrte und allmählich die Flach- und Kielboote vertrieb. Im Süden und Südwesten aber lockten die großen Weideflächen von Texas und New Mexiko.
Texas gehörte zur mexikanischen Republik, die nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes von Spanien entstanden war. 1821 gründete Stephen W. Austin die erste amerikanische Siedlung in Texas. Als der General Santa Ana in Mexiko eine despotische Militärdiktatur errichtete, rebellierten die amerikanischen Siedler und riefen den Freistaat Texas aus, der nach blutigen Kämpfen – unter anderem bei El Alamo, wo das Grenzeridol Colonel David Crockett fiel – sich schließlich auch behaupten konnte.
Mit der Aufnahme von Texas in die Union im Jahre 1844 endete der erste Abschnitt der amerikanischen Geschichte. Die nächsten hundert Jahre sollten nicht weniger stürmisch verlaufen wie die Zurückliegenden.
Woher Spuyten Duyvil seinen Namen hat
Eine Saga aus New York
Jenes Flussbett, das die äußerste Grenze von Manhattan Island bildet, ist hierzulande unter dem Namen »Spittin' Divvle«, bekannt. Die richtige Bezeichnung hingegen lautet eigentlich »Spuyten Duyvil« und leitet sich von einer Prahlrede her, die ein gewisser Anthony van Colaer zur Zeit der holländischen Kolonie tat.
Dieser furchterregende Ehrenmann, berühmt für seinen buschigen und wildgezwirbelten Schnurrbart, war Trompeter der Garnison von Neu-Amsterdam, das seine Leute gerade für vierundzwanzig Dollar gekauft hatten. Und so laut und schrill stieß er ins Horn, dass bei dem Kampf zwischen Holländern und Indianern in der der Pfirsichplantage an der Dey Street seine Trompetenstöße die Indianer mehr erschreckten als die Flintenschüsse seiner Kameraden. So fanden die Holländer, dass Manhattan wohl allein von Anthony und seiner Trompete bewacht werden könne, denn, so sagten sie sich, solange er zur Stelle war, müsse jedes heranrückende Regiment der Engländer durch den frenetischen Klang seiner Trompete in Taubheit versetzt werden.
Peter Stuyvesant, der Gouverneur von Neu-Amsterdam, bezeugte seine Vorliebe für den Trompeter damit, dass er ihn zum Esquire (also in den niedrigen Adelsstand) erheben ließ. Als der Gouverneur nun die Nachricht vom Heranrücken einer englischen Streitmacht erhielt, die seine unbefestigte Stadt einnehmen wollte, befahl er Anthony, eilig mit seiner Trompete in allen Dörfern am Hudson Kriegsalarm zu blasen. Der neu ernannte Edelmann nahm Hals über Kopf Abschied von den sechs oder acht Damen, die sich seiner Gunst erfreuten, und brach auf: die Trompete auf der einen Seite, eine steinerne Flasche von weit größerem Gewicht auf der anderen Seite
Es war ein stürmischer Abend, und als er am Ende der Insel ankam, lief er eine Weile wütend auf und ab, tat dann einen kräftigen Schluck aus seiner Steinflasche, um sich Mut zu machen, und schwor mit Nachdruck und Pathos, er werde über den Strom schwimmen … dem Teufel zum Trotz.
Er sprang ins Wasser und hatte die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als der Leibhaftige, den man niemals herausfordern soll, in der Gestalt eines riesigen Fisches erschien, der kochendes Wasser ausspuckte und wild mit der Schwanzflosse um sich schlug. Der furchtbare Fisch packte Anthony beim Bein, aber zuvor konnte der Trompeter noch einmal sein Instrument an die Lippen setzen und gleichsam seinen letzten tiefen Seufzer in das Horn hauchen.
Lang und heulend klang der Ton über den Fluss und durch die Wälder. Dann wurde der arme Anthony von dem Seeungeheuer in die Tiefe gezogen. Ein paar Monate soll man noch das Leuchten seiner roten Nase gesehen haben, dann hatte ihn der Teufel für seinen Vorwitz endgültig in die Hölle auf dem Meeresboden verbannt.
Da er nun aber nicht die Männer aus den Dörfern am Hudson mit seiner Trompete herbeirufen konnte, wurden die Holländer in Amerika geschlagen. Die Engländer gewannen Neu-Amsterdam ohne Blutvergießen, und bald flatterte von jenen Türmen, von denen Anthony der untergehenden Sonne sein Trompetensignal nachgeschickt hatte, die Fahne mit dem Kreuz des heiligen Georg.

Die Geschichte von Peter Rugg
Eine Geistergeschichte aus New England
Ich, Jonathan Dunwell, reiste im Jahre 1820 von New York nach Boston. Ich nahm das Paketboot bis Providence, und als ich dort ankam, erfuhr ich, dass alle Plätze in der Kutsche nach Boston schon besetzt waren. Da ich es eilig hatte und nicht warten wollte, nahm ich das Angebot des Kutschers an, neben ihn auf dem Bock mitzufahren. Als wir etwa zwölf Meilen zurückgelegt hatten, legten die Pferde plötzlich ihre Ohren flach an den Kopf und der Kutscher fragte:
»Haben Sie einen Regenmantel mit?«
»Nein«, antwortete ich, »warum auch?«
»Sie werden ihn bald brauchen«, sagte der Kutscher, »haben sie nicht gesehen, wie die Pferde die Ohren anlegten?«
»Freilich«, antwortete ich, »aber ...?« – Ich verstand die Anspielung nicht, denn während wir sprachen, war auch nicht ein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen, und die Sonne schien.
Kurz darauf entdeckte ich in der Ferne einen schwarzen Punkt, der schnell näherkam.
»Da, sehen Sie«, sagte der Kutscher, »das ist er ... der Windmacher. Er schleppt immer eine Wolke schottischen Nebels hinter sich her. Ich kenne das schon, bin ihm oft begegnet, und noch jedes Mal bin ich bis auf die Knochen nass geworden.«
In eben diesem Augenblick kam uns ein Wagen entgegen, der von einem schwarzen Pferd gezogen wurde. Auf dem Wagen saßen in einem breiten alten Stuhl ein Mann und ein Kind.
Offenbar hatte der Mann es sehr eilig, denn er trieb das Pferd mit der Peitsche an, und bald war das Fahrzeug hinter uns am Horizont verschwunden. Da aber hoben die Pferde wieder ihre Ohren und liefen ruhig und sicher.
»Wer ist dieser Mann?«, fragte ich den Kutscher, »er fährt ja, als ob der Teufel hinter ihm her sei.«.
»Niemand kennt ihn«, sagte der Kutscher, »aber ich habe ihn und das Kind oft gesehen. Wahrhaftig, mehr als hundertmal bin ich ihm schon begegnet, und immer hat er mich nach dem Weg nach Boston gefragt, selbst wenn er offensichtlich gerade aus Richtung Boston kam. Schließlich ist es mir zu dumm geworden. Ich spreche nicht mehr mit ihm. Deswegen hat er mich auch so sonderbar angeschaut.«
»Hält er denn nirgends an?«
»Immer nur, um nach dem Weg nach Boston zu fragen. Und es mag sein, wo es will, immer wird er hinzufügen, er habe es sehr eilig, denn er müsse noch vor Einbruch der Nacht in Boston sein.«
Die Kutsche fuhr nun den steilen Weg nach Walpole hinauf, und man konnte weit über das Land hinsehen. Immer noch war das Wetter schön, aber der Kutscher meinte:
»Schauen Sie einmal dort hinüber. Ja, in die Richtung, aus der er gekommen ist. Der Windmacher zieht die Stürme hinter sich her. Sie kommen ihm nie entgegen.«
Auf der Höhe angelangt, deutete der Kutscher nach Osten.
»Sehen Sie da die schwarze Wolke. Da braut sich der Sturm zusammen. Vielleicht kommen wir noch bis zu Polleys Rasthaus, ehe es Regen gibt.«
Die schwarze Wolke kam schnell näher, und als sie über uns stand, wurde sie größer und größer, und bald zuckten auch Blitze aus der Wolke hervor. Der Kutscher erklärte mir, wenn man genau hinsehen würde, könne man in jedem Blitz ganz deutlich den Mann auf dem Wagen mit dem schwarzen Pferd erkennen, aber ich hielt das für ein Hirngespinst. Den Blitzen folgten die ersten Regentropfen, und bis wir in Polleys Rasthaus waren, goss es in Strömen. Doch bald war das Gewitter vorüber, und die Regenwolken zogen in Richtung auf Providence ab;
Einige Minuten später fuhr ein gut gekleideter Mann in einem offenen Zweisitzer beim Rasthaus vor, und die anderen Passagiere der Kutsche fragten ihn sogleich, ob er auch dem Mann auf dem Wagen begegnet sei. Er war dem unheimlichen Gefährt begegnet, und der Mann mit dem Kind hatte ihn nach dem Weg nach Boston gefragt.
»Im Augenblick, als er wieder anfuhr«; erklärte der Mann in der Chaise, »war es, als sei sein Wagen gerade von einem Blitzschlag getroffen worden. Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, aber sein Pferd machte nur einen gewaltigen Satz und preschte dann mit noch größerer Geschwindigkeit los.«
Während man sich noch unterhielt, kam ein Händler dazu, der mit einem Wagen voll Zinngeschirr umherreiste. Auch ihn fragten die Reisenden, ob er den Mann mit dem Kind und dem schwarzen Pferd getroffen habe.
»Ja«, sagte der Händler, in den letzten vierzehn Tagen sei er ihm in vier verschiedenen Staaten begegnet. Jedes Mal habe er sich nach dem Weg nach Boston erkundigt und immer sei dann ein Gewitterregen gekommen, der seine Waren fast vom Karren gespült habe. Das Sonderbarste aber sei, dass, lange ehe er den Mann mit dem Wagen getroffen habe, sein Pferd sich nicht mehr von der Stelle gerührt habe und zitternd mit angelegten Ohren mitten auf der Straße stehen geblieben sei. »Alles in allem«, sagte der Händler, »habe ich nicht die mindeste Lust, diesem Burschen noch einmal zu begegnen. Er und sein Gespann sind mir nicht recht geheuer.«
Das war alles, was ich über den Mann mit dem schwarzen Pferd in Erfahrung bringen konnte.
Drei Jahre später aber hielt ich mich in Hartford auf und wohnte im Bennet-Hotel. Da hörte ich einen Mann neben mir sagen:
»Da geht Peter Rugg mit seinem Kind. Der Arme ist ganz durchnässt und weiter fort von Boston als je zuvor.«
»Peter Rugg!«, sagte ich, »wer ist Peter Rugg?«
»Ja«, sagte der Mann neben mir, »wenn man das so genau wüsste. Er ist ein berühmter Reisender. Die Wirte aber sehen ihn nicht allzu gern, denn er hält nie an, um zu essen oder zu trinken. Ich frage mich, warum ihn die Regierung nicht als Postreiter beschäftigt.«
»Ha«, sagte ein anderer Mann, der dabeistand, »das hört sich gut an, aber wie lange würde wohl ein Brief nach Boston brauchen, wenn man ihn Peter Rugg mitgeben würde! Seit zwanzig Jahren ist er nach Boston unterwegs!«
»Aber«, so fragte ich wieder verwundert, »macht dieser Mann denn nirgends Rast? Spricht er nie mit jemandem? Ich bin ihm schon einmal vor drei Jahren in der Nähe von Providence begegnet und hörte schon damals allerlei seltsame Geschichten über ihn. Bitte mein Herr, sagen Sie mir, was sie von ihm wissen.«
»Sir«, antwortete der Mann, »wer über diesen Fall etwas weiß, der schweigt … aus Respekt. Ich kann Ihnen nur soviel sagen: Auf diesem Mann ruht ein Fluch des Himmels. Ich bedauere ihn.«
»Sie sprechen sehr verständnisvoll«, sagte ich, »aber wenn Sie ihn schon so lange kennen, so sagen Sie mir doch bitte wenigstens, ob sich sein Aussehen in all den Jahren verändert hat?«
»Nun ja. Er sieht verhungert aus, und sein Kind sieht fast älter aus als er selbst. Man könnte auch sagen, er sieht aus wie ein Stück Ewigkeit oder als ob es ihn sehr nach einem ruhigen Ort verlange, wo er sein müdes Haupt zur ruhe betten kann.«
»Und wie sieht sein Pferd aus?«
»Es ist besser in Schuss. Es wirkt lustiger und zeigt mehr Feuer und Lebhaftigkeit als vor zwanzig Jahren. Das letzte Mal, als ich mit Rugg sprach, fragte er mich, wie weit es nach Boston sei. Ich antwortete ihm, es seien genau hundert Meilen. ›Ach‹, antwortete er mir, ›warum lügen Sie? Es ist grausam, einen Reisenden hinter das Licht zu führen. Bitte sagen Sie mir den nächsten Weg nach Boston!‹
Ich wiederholte, es seien hundert Meilen. ›Wie kann das sein‹, sagte er? Ich habe gestern Abend gefragt, und da waren es nur fünfzig Meilen. Ich bin die ganze Nacht gereist, und nun sollen es hundert sein?« – ›Ja‹, sagte ich, ›Sie sind in die falsche Richtung gereist. Sie müssen umkehren.‹ – ›Ach‹, sagte er, ›immer umkehren. Boston fährt um wie der Wind. Mal liegt es hier und mal dort auf dem Kompass. Einer sagt mir, es liege im Osten, ein anderer sagt mir, es liege im Westen, und selbst die Wegweiser sind alle falsch.‹ – ›Aber wollen sie nicht rasten‹, fragte ich ihn, ›Sie müssen doch müde sein, und durchnässt sind sie auch!‹ – ›Ja‹, sagte er, ›seitdem ich von zu Hause fort bin, war immer schlechtes Wetter.‹ – ›Dann warten Sie doch, und ruhen Sie sich aus‹ – ›Ich kann nicht. Ich muss noch vor Einbruch der Nacht daheim sein. Ich bin sicher, Sie irren sich, wenn Sie sagen, es sind noch hundert Meilen.‹ Dann gab er seinem Pferd die Zügel und war im Augenblick verschwunden.«
»Ist Peter Rugg sein richtiger Name oder hat er ihn nur angenommen?«, fragte ich.
»Ich glaube, es ist sein richtiger Name. Warum sollte er seinen wahren Namen verleugnen? Wenn Sie ihn das nächste Mal sehen, können Sie ihn ja fragen.«
Und nun geschah das Allerunheimlichste. Ich drehte mich um, und was sah ich? Über die Straße fuhr ein Wagen, gezogen von einem schwarzen Pferd, und er wäre wohl eilig weitergefahren, hätte ich nicht mich ihm in den Weg gestellt und gesagt:
»Sir, darf ich Sie ansprechen! Ich glaube, Ihr Name ist Peter Rugg. Wir sind uns schon mehrere Male begegnet, und gerade habe ich mich mit einem anderen Herren über Sie unterhalten … und nun kommen Sie plötzlich selbst daher.«
»Mein Name ist Peter Rugg«, antwortete der Mann auf seinem Wagen geistesabwesend, »ich habe mich verirrt. Ich bin müde und meine Kleider sind durchnässt. Würden Sie die Freundlichkeit haben, mir zu sagen, wie ich auf dem schnellsten weg nach Boston komme?«
»Wohnen Sie in Boston? In welcher Straße, bitte?«
»In der Middle Street«
»Wie lange sind Sie schon aus Boston fort?«
»Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Jedenfalls ist es lange her.«
»Aber wie kommt es, dass Sie und das Kind ganz nasse Kleider haben? Es hat hier den ganzen Tag keinen Tropfen geregnet!«
»Aber flussaufwärts regnet es stark. Jetzt muss ich weiter. Wenn ich mich noch länger aufhalten lasse, komme ich heute nicht mehr nach Boston. Was würden Sie mir raten … soll ich die alte Straße fahren oder die Chaussee?«
»Nun, über die alte Straße sind es 117 Meilen, auf der Chaussee aber nur 97.«
»Das stimmt nicht. Ich weiß genau, es sind nur 40 Meilen von Newburyport nach Boston.«
»Aber wir sind hier nicht in Newburyport, sondern in Hartford.«
»Lügen Sie nicht. Dies hier ist Newburyport, und der Fluss, dem ich gefolgt bin, ist der Merrimac.«
»Keineswegs. Wir sind in Hartford, und der Fluss hier ist der Connecticut.«
Er sah mich ungläubig an und sagte dann:
»Nun verändert man auch noch den Lauf der Flüsse. Die Städte stehen schon längst nicht mehr, wo sie einst gestanden haben. Aber sehen Sie doch, im Süden ziehen Wolken auf. Wir werden heute Nacht Regen bekommen. Ach, dieser furchtbare Eid.«
Es hielt ihn nicht länger. Er trieb das schwarze Pferd an, und im Hui war er davon.
Es wird verständlich erscheinen, dass mich nun das Geheimnis des Peter Rugg nicht mehr losließ. Bei meinem nächsten Besuch in Boston beschloss ich, weitere Erkundigungen einzuziehen. Mrs. Croft, eine alte Dame, die in der Middle Street wohnt, erzählte mir:
»Im letzten Sommer hielt gegen Abend vor der Tür der verstorbenen Mrs. Rugg ein Wagen, der von einem schwarzen Pferd gezogen wurde. Auf dem Bock saß ein Fremder, der ein Kind bei sich hatte. Der Fremde fragte mich nach Mrs. Rugg, und ich sagte ihm, diese Dame sei vor zwanzig Jahren gestorben. Der Fremde entgegnete, das sei nicht möglich. Ich solle ihn nicht täuschen und Mrs. Rugg herausrufen. Ich versicherte ihm noch einmal, dass Mrs. Rugg nun an die neunzehn Jahre tot sei und in diesem Haus niemand außer mir selbst lebe. Der Fremde schwieg eine Weile, sah sich um und meinte dann, es habe sich in der Straße manches verändert, aber dies sei das Haus, das er suche. Dann fragte er mich, ob ein gewisser John Foy von See zurückgekommen sei. Das sei ein Verwandter, der vielleicht sagen könne, was aus Mrs. Rugg geworden sei. Ich fragte den Fremden, wo denn dieser Mr. Foy wohne, und er nannte mir den Namen einer Straße, die es überhaupt nicht gibt. Wir redeten dann noch eine Weile und immer wieder nannte der Fremde Namen von Straßen und Plätzen, die ich nie zuvor gehört hatte. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, wurde er ganz verwirrt, dachte einen Augenblick nach und sagte dann, er müsse sich wohl getäuscht haben. Dies sei gar nicht die Stadt Boston. Er murmelte dann noch etwas wie ›wieder keine Ruhe heute Nacht‹ und fuhr davon.«
Das war alles, was Mrs. Croft wusste, aber sie verwies mich an einen älteren Mann, der Mr. James Feit hieß. Er wohnte nur ein paar Häuser entfernt und war dafür bekannt, sich an alle Ereignisse, die in den letzten fünfzig Jahren in der Nachbarschaft passiert waren, genau erinnern zu können.
Mr. Feit erzählte mir, er habe Rugg in seiner Jugend gekannt, ja, und sein Verschwinden damals habe einiges Aufsehen erregt, aber schließlich sei es auch wiederum nicht so ungewöhnlich, dass Männer einfach weglaufen. Entweder, weil sie mit sich selbst nicht zu Rande kommen, oder aber, weil sie mit irgendeinem anderen Menschen nicht länger zusammenleben wollen, manchmal auch, weil sie Schulden haben. Aber Rugg habe ja sein Kind mitgenommen, sein eigenes Pferd und einen breiten Stuhl, auch könne nicht die Rede davon sein, dass er etwa von seinen Gläubigern bedrängt worden sei.
»Ja«, sagte Mr. Feit, »das. ist schon recht sonderbar. Aber wissen Sie, zu meinen Zeiten passierten noch ganz andere Dinge, ohne dass man je in der Zeitung ein Wort darüber gelesen hätte.«
»Mein Herr«, sagte ich erregt, »Peter Rugg lebt. Ich habe ihn selbst mit Pferd, Stuhl, Kind und Wagen gesehen. Deshalb bitte ich Sie, mir alles zu erzählen,was Sie wissen.«
»Nun, mein Freund«, sagte James Feit, »dass Peter Rugg noch lebt, will ich nicht leugnen, aber dass Sie Peter Rugg, mit seinem Kind zusammen gesehen haben, halte ich für ausgeschlossen, wenn Sie dabei an ein kleines Kind denken. Denn: Jenny Rugg, lassen Sie mich nachdenken ... nun, sie wird damals etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Wenn sie heute noch lebte, wäre sie sechzig. Peter Rugg aber wäre dann neunzig. Er war zehn Jahre jünger als ich.«
Mehr wusste nun auch der gute Mr. Feit nicht zu sagen. Ich verabschiedete mich und lief zum Malborough-Hotel zurück, wo ich Quartier bezogen hatte.
Wenn Peter Rugg seit dreißig Jahren reiste, so überlegte ich mir, warum sollte er nicht bis zum Ende aller Zeiten reisen. Wenn die gegenwärtig lebende Generation wenig von ihm wusste, so sagte ich mir weiter, so würde schon die nächste Generation nichts mehr über ihn wissen. Was würde dann aus dem armen Peter und seinem Kind werden?
Am Abend erzählte ich im Freundeskreis mein Abenteuer in der Middle Street.
»Ha!«, sagte einer der Männer aus der Runde, »glauben Sie wirklich Peter Rugg gesehen zu haben? Ich habe meinen Großvater von diesem Mann erzählen hören.«
»Gut«, sagte ich, »dann lassen Sie uns die Geschichte, die Sie von Ihrem Großvater wissen, einmal hören, damit ich sie mit meinen eigenen Erlebnissen und Erkundigungen vergleichen kann.«
»Peter Rugg«, so begann er, »lebte, wenn man meinem Großvater glauben darf, in dieser Stadt in der Middle Street. Er war wohlhabend, hatte Frau und Kinder, und sein Lebenswandel war einwandfrei. Nur spielte ihm von Zeit zu Zeit sein aufbrausendes Temperament einen Streich. Dann fluchte er, schimpfte und hätte am liebsten Türen und Fenster zertrümmert. Ja man sagt sogar, dass ihm bei solchen Zornesausbrüchen die Haare zu Berge standen, so sehr konnte er sich erregen. Überkam ihn ein solcher Wutanfall, so hatte er vor nichts Respekt, er verhöhnte dann alles auf der Erde und im Himmel. Von dieser Eigenart abgesehen wär er ein guter und rechtschaffener Mann.
Es war spät im Herbst, als eines Tages Rugg mit seiner Tochter in einem Wagen über Land fuhr. Auf dem Rückweg wurde er von einem furchtbaren Sturm überrascht. Er hielt in West Cambridge an und suchte dort einen alten Freund, einen gewissen Mr. Cutter, auf, der ihn einlud, doch über Nacht da zu bleiben. Aber Rugg lehnte dieses Angebot ab. Mr. Cutter drängte ihn. Er sagte: ›Sehen Sie doch, wie es stürmt, es ist schon dunkel, Ihre Tochter wird sich fürchten, und das Unwetter wird immer schlimmer.‹ – ›Mag es noch schlimmer werden‹, sagte Rugg zornig, ›ich komme heim, trotz des Gewitters. Das wäre ja gelacht. Wollen doch sehen, ob mich das Wetter daran hindern kann. Entweder ich schaffe es auch bei diesem Gewitter, oder ich will nie mehr heimkommen.‹ Bei diesen Worten schlug er mit der Peitsche auf das Pferd ein und war im nächsten Augenblick in der Dunkelheit verschwunden. Aber er kam nicht zu Hause an, weder in dieser Nacht noch in der nächsten, noch wurde von ihm, als man ihn zu suchen begann, irgendeine Spur gefunden. Lange Zeit hörte seine Frau in stürmischen Nächten Peitschengeknall und das Rattern von Wagenrädern vor dem Fenster. Auch die Nachbarn hörten solche Geräusche, und so kam es dahin, dass sie nachts aufpassten und mit Laternen hinaus rannten. Und was sahen sie? Peter Rugg, neben sich das Kind, fuhr mit seinem Wagen in rasender Fahrt an seinem eigenen Haus vorbei und vergeblich versuchte er das Pferd vor dem Wagen zu zügeln! Am nächsten Tag zogen Freunde der Familie aus, um den verlorengegangenen Mann zu suchen. Sie fragten in allen Schänken und in allen Ställen der Stadt, fanden aber nirgends eine Spur. Mit der Zeit wurde Rugg mit seinem Kind, dem Stuhl und dem schwarzen Pferd vergessen. Erst als wieder Gerüchte aufkamen, man habe Rugg mit seinem Gefährt auf der Straße zwischen Suffield und Hartford gesehen, stellten seine Freunde weitere Nachforschungen an. Aber je mehr sie suchten, fragten und forschten, um so mehr verwirrte sich die ganze Geschichte. Einmal sollte Rugg in Connecticut gesehen worden sein, den nächsten Tag wieder in New Hampshire, wieder ein anderes Mal hatte in Rhode Island ein Mann mit einem Kind nach dem Weg nach Boston gefragt. Was aber die Angelegenheit endgültig in ein geheimnisvolles Licht tauchte, war der Vorfall bei Charlestown Bridge.
Der Zolleinnehmer berichtete, dass dort in sehr dunklen und stürmischen Nächten, in denen man die Hand vor den Augen nicht erkennen konnte, ein Gespann in rasender Fahrt, ohne anzuhalten, über die Brücke rollte. Das geschah so häufig, dass der Zolleinnehmer der Sache auf den Grund zu gehen beschloss. Er versteckte sich gegen Mitternacht hinter einem Pfeiler etwa in der Mitte der Brücke, und tatsächlich hörte er bald ein klapperndes Gefährt in großer Geschwindigkeit über die Brücke fahren. Als es heran war, sprang er aus seinem Versteck hervor und warf einen dreibeinigen Schemel nach dem Pferd, aber nichts geschah. Nur das Aufschlagen des Schemels auf das gegenüberliegende Brückengeländer war zu hören. Der Zolleinnehmer glaubt sicher sagen zu können, dass der Schemel durch den Körper des Pferdes hindurch geflogen ist. Ob Peter Rugg auf diesem Gefährt saß, vermochte der Zolleinnehmer nicht mit Sicherheit auszumachen, und immer, wenn ihn jemand fragte, winkte er bald ab und wollte nicht mehr davon reden. So aber bleibt Peter Rugg, sein Kind, sein Pferd und sein Wägen ein Geheimnis bis auf unsere Tage.«
Dies war es, was einer der Männer aus der Runde zu sagen wusste, und mehr habe auch ich über den geheimnisvollen Peter Rugg aus Boston nicht in Erfahrung bringen können.
Der Teufel und Tom Walker
Die folgende Geschichte erschien zuerst unter dem Titel »Tales of a Traveller«. Als Autorenname war bei dieser Publikation »Geoffrey Crayon, Gent« angegeben. 1849 jedoch taucht sie in den gesammelten Werken des ersten großen amerikanischen Dichters, Washington Irving, auf.
Wenige Meilen von Boston in Massachusetts liegt an der Küste des Ozeans eine fjordartige Meeresbucht, die sich viele Meilen landeinwärts hinzieht und schließlich in einem dichtbewaldeten Sumpf und Morast endet. An dem einen Ufer ist die Bucht mit schönen dunklen Bäumen bewachsen, das andere Ufer fällt steil ab, und auf den nackten Felsklippen stehen nur hier und da ein paar große alte Eichen. Unter einem dieser Bäume soll – so heißt es in alten Geschichten – der Pirat Captain Kid einen unermesslich großen Schatz versteckt haben.
Tatsächlich erscheint das Gelände als Schatzversteck sehr geeignet. Durch die Bucht konnte das Geld mit Booten von den Schiffen landeinwärts geschafft und bei Nacht heimlich an das schmale Sandufer am Fuße der Felsklippen gebracht werden. Die Erhebung ließ sich gut als Ausguck benutzen, und die Eichenbäume als markante Orientierungspunkte ermöglichten es, jederzeit den Ort wiederzufinden. Die alten Geschichten wissen auch zu berichten, dass der Teufel selbst seine Hand im Spiel hatte, als der Schatz versteckt wurde, und diesen dann in Verwahrung nahm, aber das ist, wie man weiß, bei großen Schätzen nichts Ungewöhnliches, zumal dann nicht, wenn sie ihr Besitzer auf unrechtmäßige Art erworben hat. Wie dem auch sei: Captain Kid kehrte nie zurück, um die Reichtümer, die er versteckt hatte, wiederzuholen. Er wurde in Boston gefangengenommen, nach England geschickt und dort als Seeräuber gehängt.
Um das Jahr 1727, als New England häufig von Erdbeben heimgesucht wurde und es manchem großen Sünder weich in den Knien wurde, lebte nahe diesem Ort ein hässlicher böser Mann mit Namen Tom Walker. Sein Weib war nicht viel besser als er selbst, und so rabenschwarz waren ihre Seelen, dass sie gar versuchten, sich gegenseitig zu betrügen. Was immer der Frau in die Hände fiel: Sie versteckte es. Gackerte eine Henne, schon war sie im Stall und suchte nach dem frisch gelegten Ei, um es an sich zu bringen. Ihr Mann war immer damit beschäftigt, ihre Verstecke aufzuspüren, und oft gab es über das, was doch ihr gemeinsames Eigentum hätte sein sollen, wilden Streit zwischen den beiden. Sie lebten in einem heruntergekommenen Haus, das einsam stand und aussah, als sei es von der Schwindsucht befallen. Die Bäume im Garten waren verkümmert, nie stieg Rauch aus dem Schornstein, nie wagte es ein des Weges ziehender Reisender, vor dieser Tür haltzumachen.
Das Gehöft und seine Bewohner hatten einen schlechten Ruf. Toms Weib war groß und dürr, von wildem Temperament. Sie sprach laut und hatte lange Arme. Oft konnte man ihre schrille Stimme weithin hören, wenn sie mit ihrem Mann stritt, dessen Gesicht deutliche Spuren von Tätlichkeiten zeigte. Eines Tages kam Tom Walker von einem Besuch bei einem weit entfernt wohnenden Bekannten zurück. Da er den Heimweg abkürzen wollte, hielt er sich nicht auf dem Pfad, sondern lief quer durch den Sumpf. Und wie es oft mit den Abkürzungen geht, es stellte sich bald heraus, dass er hier langsamer vorwärts kam als auf dem ausgetretenen Weg. Das Sumpfland war bewaldet mit düster ausschauenden Kiefern und Ulmen, von denen manche bis zu neunzig Fuß hoch waren. Ihr dichtes Blattwerk ließ kaum einen Schimmer des Tageslichts bis zum Boden dringen, und in ihren Zweigen nisteten Eulen. Oft stolperte Tom in Sumpflöcher, die mit Weiden und Moosen überwuchert waren. Dann musste er sich mühsam aus knöcheltiefem Schlamm hervorarbeiten. Es gab auch schwarze Sumpftümpel mit stehendem brackigem Wasser, in dem Kaulquappen, Ochsenfrösche und Wasserschlangen lebten. Hier und da dösten halbverfaulte Baumstümpfe wie schlafende Krokodile aus dem Zwielicht hervor.
Tom bahnte sich vorsichtig seinen Weg durch den Sumpfwald. Er sprang von Wurzelstock zu Wurzelstock oder balancierte wie eine Katze über umgestürzte Bäume. Ab und zu schrak er von dem grell-höhnischen Ruf der wilden Enten zusammen, die er von einem der fauligen Tümpel aufschreckte. Schließlich gelangte er auf ein Stück Land mit festem Untergrund, das wie eine Halbinsel in die Sümpfe hineinragte. Hier hatten in den Kämpfen mit den ersten Siedlern die Indianer ihr Lager gehabt und eine Art Fort errichtet, in dem sie bei Kriegszügen ihre Frauen und Kinder zurückließen. Von der alten Indianerfestung war nichts geblieben als ein paar Grundmauern, die im Laufe der Zeit in den Boden eingesunken und von Büschen überwuchert worden waren.
Schon spät, bei Abenddämmerung, kam Tom Walker an das alte Fort und beschloss, dort einen Augenblick auszuruhen. Jeder andere Mensch hätte wohl diesen düsteren Ort, über den unheimliche Geschichten umgingen, gemieden. Tom Walker aber war nicht der Mann, sich vor solchem Altweibergeschwätz zu fürchten. Er setzte sich auf einen umgestürzten Stamm, hörte auf den Schrei einer Baumkröte und lehnte sich vorn über auf seinen Spazierstock.
Da war es ihm, als stoße die Stockspitze gegen etwas Hartes. Er stocherte mit dem Stock in der Erde herum, und siehe da, ein gespaltener Schädel, in dem noch ein Tomahawk steckte, kam zum Vorschein.
»Ha«, sagte Tom Walker und stieß mit der Fußspitze an den Schädel, um so die Erde, die daran hing, abzuklopfen. – »Lass den Schädel in Ruhe«, sagte eine tiefe Stimme. Tom blickte auf, und da saß auf einem Baumstamm, ihm gegenüber, ein großer schwarzer Mann.
Tom wunderte sich, denn er hatte zuvor nicht das leiseste Geräusch gehört. Sein Erstaunen wuchs, als er bemerkte, dass der Mann, der weder ein Indianer noch ein Schwarzer sein konnte, von einem seltsam glühenden Licht umgeben war. Sein Gesicht war rußverschmiert. Er hatte langes schwarzes Haar, das nach allen Seiten hin von seinem Kopf abstand, und trug eine Axt über der Schulter. Eine Weile sah er Tom. mit rotglühenden Augen schweigend an. Dann sagte er:
»Was stocherst du hier auf meinem Grund herum, he!«
»Dein Grund«, antwortete Tom höhnisch, »nicht mehr dein Grund und Boden als meiner. Das Land gehört dem Diakon Peabody.« – »Diakon Peabody soll verdammt sein«, sagte der Fremde, »und eines Tages wird er zur Hölle fahren, wenn er sich nicht bald mehr um seine eigenen Sünden kümmert. Schau einmal dorthin, da kannst du sehen, wie es mit diesem Peabody steht.«
In der Richtung, in die der Fremde deutete, sah Tom einen großen kräftigen Baum, der an den Wurzeln schon so verfault war, dass ihn der nächste kräftige Wind fällen musste. Auf der Borke des Baumes aber stand zu lesen: Diakon Peabody, ein bedeutender Mann, der seinen Reichtum damit erwarb, dass er die Indianer betrog.
Und als sich Tom nun weiter umsah, entdeckte er, dass viele der großen Bäume, die hier standen, den Namen eines angesehenen Mannes trugen. Alle waren sie mehr oder minder krank oder angefault, und jener Stamm, auf dem Tom selbst saß, musste eben gerade gefällt worden sein. Auch er trug einen Namen. Crowningshield stand darauf. Und Tom erinnerte sich, dass so ein mächtiger und reicher Mann hieß, der gern mit seinem Reichtum prahlte, den er, wie man sich zuflüsterte, als Pirat erworben hatte.
»Dieser Stamm hier wird gleich verbrannt«, sagte der schwarze Mann in triumphierendem Ton, »du siehst, an Feuerholz für den Winter habe ich keinen Mangel.«
»Aber was für ein Recht hast du, hier auf Diakon Peabodys Grund und Boden Holz zu fällen?«, fragte Tom.
»Ich habe ein Vorzugsrecht«, antwortete der andere, »dieser Wald war mein Eigentum, lange bevor es je weiße Männer in dieser Gegend gab.«
»Ich bitte dich, sage mir dann, wer du bist«, fragte Tom.
»Ach, weißt du, ich habe verschiedene Namen. In manchen Gegenden bin ich ein wilder Jäger, in anderen ein Bergmann. Hier nennt man mich meist den schwarzen Waldgänger. Ich bin der, dem bei den Indianern dieser Ort geweiht war und dem zu Ehren sie ab und zu hier einen weißen Mann am Marterpfahl verbrannten. Seitdem die roten Männer von euch weißen Wilden ausgerottet worden sind, mache ich mir oft ein Vergnügen daraus, die Progrome gegen Quäker und Wiedertäufer anzuführen. Ich bin der Schutzherr der Sklavenhändler und der Großmeister der Hexen von Salem.«
»Woraus, wenn ich mich nicht gewaltig täusche, doch wohl folgert, dass man dich gemeinhin den Teufel heißt«, sagte Tom.
»Du hast recht. Ich stehe zu deinen Diensten«, antwortete der schwarze Mann.

So soll das Gespräch zwischen den beiden begonnen haben. Man könnte nun meinen, einem Menschen, der an einem solch wilden und einsamen Ort dem Teufel begegne, müsse vor Schreck das Blut in den Adern geronnen sein. Aber Tom war ein hartgesottener Bursche und zu lange lebte er schon mit einem zänkischen Weib zusammen, um sich noch vor dem Teufel zu fürchten.
Man erzählt, dass die beiden nach dieser Vorstellung noch ein langes und ernstes Gespräch miteinander führten, ehe Tom sich auf den Heimweg machte. Der schwarze Mann soll ihm dabei von den Schätzen des Captain Kid erzählt haben. Er gab zu verstehen, dass dessen Reichtümer sich in seiner Verwahrung befänden und nur durch ihn einem Menschen zugänglich gemacht werden könnten. Schließlich bot er an, all das Geld und Gold an einen Ort zu schaffen, wo es immer für Tom zur Hand sei. Natürlich stellte er auch Bedingungen. Doch wie sie lauteten, wurde nie bekannt, da sich Tom Walker über diesen Punkt des Gespräches immer ausschwieg. Doch müssen sie sehr hart gewesen sein, denn Walker, der gewöhnlich sehr hinter dem Geld her war, bat sich Bedenkzeit aus. Auch hatte er seine Zweifel: »Was für einen Beweis«, so fragte er, »gibt es dafür, dass du die Wahrheit sprichst?« – »Ich will dir ein Zeichen geben«, sagte der schwarze Mann und legte seinen Finger auf Toms Stirn. Dann wandte er sich rasch um und war im nächsten Augenblick im Gebüsch verschwunden. Als Tom zu Hause ankam, stellte er fest, dass das schwarze Zeichen auf seiner Stirn mit nichts abzuwaschen war. Es schien in die Haut hineingebrannt zu sein.
Das Erste aber, was ihm seine Frau erzählte, war, dass Absalom Crowningshield, der reiche Seeräuber, plötzlich gestorben sei. »Mag der Freibeuter in der Hölle schmoren«, dachte Tom bei sich, »ich habe jetzt wenigstens die Gewissheit, dass ich nicht nur geträumt habe. Es gibt den schwarzen Mann. Und auch mit dem Schatz mag es dann wohl seine Richtigkeit haben.«
Gewöhnlich hätte Tom ein Geheimnis wie das Wissen um einen verborgenen Schatz wohl für sich behalten, aber unter diesen besonderen Umständen fand er es doch besser, sein Weib ins Vertrauen zu ziehen. Das hatte aber nur zur Folge, dass ihre Habgier noch wuchs. Sie drängte ihren Mann, rasch das Angebot des Teufels anzunehmen und den Schatz an sich zu bringen.
Nun war Tom eigentlich gar nicht abgeneigt, für Geld seine Seele dem Teufel zu verkaufen. Als ihm aber seine Frau dazu riet, widersprach er, ganz einfach, weil der jahrelange Streit mit seinem Weib ihn dahin gebracht hatte, immer gerade das nicht zu tun, was sie von ihm verlangte. Natürlich schalt sie ihn nur wieder, aber das bewirkte nur, dass er noch eigensinniger auf seinem Willen beharrte.
Endlich entschloss sich das Weib, selbst mit dem Teufel ins Geschäft zu kommen. Sollte ihr der Schatz zufallen, so würde ihr Mann nichts davon erfahren. Auch sie kannte keine Furcht, und so ging sie am Abend eines Sommertages zu den Ruinen des alten Indianerforts. Viele Stunden blieb sie fort. Als sie zurückkam, war sie verschlossen und gab nur ausweichende Antworten. »Ja«, sagte sie, dem schwarzen Mann sei sie tatsächlich begegnet, doch hätten sie nicht handelseinig werden können. Sie müsse wohl noch einmal mit ihm reden, doch warum dieses zweite Gespräch nötig sei, wollte sie nicht sagen.
Am nächsten Abend lief sie wieder in die Sümpfe und trug in ihrer Schürze etwas Schweres mit. Tom.wartete und wartete. Sie kam nicht.zurück. Es wurde Mitternacht, es wurde Morgen und schließlich Mittag, und immer noch wartete er vergebens.
Mit der Zeit wurde Tom unruhig und fürchtete, es könne ihr etwas zugestoßen sein. Inzwischen hatte er auch herausgefunden, dass sie in der Schürze wohl die silberne Teekanne, die Löffel und überhaupt alles, was es im Haus an Wertgegenständen gab, mitgenommen haben musste. Noch ein Tag und noch eine Nacht vergingen. Die Frau kam nicht zurück. Mit anderen Worten, und um die lange Geschichte kurz zu machen, Tom Walkers Weib blieb verschwunden, und nie wieder hörte man etwas von ihr. Natürlich nahm Tom das Verschwinden seines Weibes nicht untätig hin. Er suchte den Sumpfwald nach ihr ab, aber er fand nichts als ihre Schürze, die an einer Zypresse hing. Als er aber nach dem Kleidungsstück greifen wollte, schwebte es wie ein Vogel ohne Körper davon.
Mit der Zeit fand sich Tom Walker mit dem Verlust seiner Frau und der Wertsachen ab. Ja er begann langsam so etwas wie Dankbarkeit für den schwarzen Mann aus dem Wald zu empfinden, der ihn von seiner zänkischen Alten erlöst hatte. Das; gab ihm schließlich den Wunsch ein, den Teufel doch wieder einmal zu treffen, aber was immer er auch tat, der schwarze Mann ließ sich nicht mehr sehen. Denn man muss wissen, auch der Teufel macht sich gern rar. Es ist nicht so leicht, ihn zu beschwören, und er weiß sehr genau, wann er seine Karten ausspielen muss, um ein Spiel zu gewinnen.
Endlich, als Tom schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, den Schatz doch noch zu gewinnen, traf er den schwarzen Mann, der die Kleidung eines Holzfällers trug und ein Lied pfiff, auf einer. Waldlichtung. Er schien sich wenig um Tom zu scheren und wollte pfeifend weitergehen, und erst als Walker lange vergeblich auf ihn eingeredet hatte, ließ er sich dazu herab, stehen zu bleiben, um noch einmal über den Seeräuberschatz zu verhandeln. Über die eine Bedingung braucht hier kein Wort verloren zu werden, denn sie ist aus allen Verträgen, die der Teufel je einem menschlichen Wesen vorgeschlagen hat, nur zu wohl bekannt. Doch in diesem Fall bestand der Böse noch auf einer zweiten Klausel. Er forderte von Tom Walker, dass alles Geld und Gold wiederum in einem teuflischen Unternehmen angelegt werden müsse. Mit anderen Worten, er schlug Tom Walker vor, Sklavenhändler zu werden. Das lehnte Tom ab. Er war ein böser Mensch, ohne Zweifel, das war er. Aber selbst der Teufel konnte ihn nicht dazu verleiten, sich am Sklavenhandel zu beteiligen.
Als der Teufel merkte, dass Tom in diesem Punkt auf keinen Fall mit sich reden ließ, machte er einen anderen Vorschlag. Er verlangte, Tom solle seinen neu gewonnenen Reichtum im Geldleihgeschäft anlegen.
Hiergegen hatte Tom nichts einzuwenden, denn es war ein Geschäftszweig, in dem er sich schon immer zu arbeiten gewünscht hatte.
»Du wirst also nächsten Monat in Boston eine Geldleihe eröffnen«, sagte der schwarze Mann.
»Schon morgen, wenn du willst«, sagte Tom Walker.
»Du wirst das Geld mit zwei Prozent im Monat ausleihen.«
»Ich schlage vor, ich nehme vier Prozent.«
»Du wirst viele Kaufleute in den Bankrott treiben!«
»Ich werde sie dem Teufel in die Hölle schicken«, schrie Tom Walker eifrig.
»Du wirst mein Wucherer werden«, sagte der Schwarze freudig, »wann soll ich dir den Schatz geben?«
»Noch heute Nacht.«
»Abgemacht«, sagte der Teufel.
»Abgemacht«, sagte Tom Walker. Sie schüttelten sich die Hände und besiegelten den Vertrag. Schon ein paar Tage später saß Tom Walker hinter dem Schalter einer Geldverleihe in Boston. Sein Ruf verbreitete sich schnell. Er konnte immer Geld beschaffen. Und man wird sich erinnern, dass damals zur Amtszeit von Gouverneur Belcher das Bargeld knapp war. Es war die Zeit der Kredite, die nur auf dem Papier standen. Das Land war überschwemmt mit Schuldverschreibungen der Regierung. Die berühmte Bodenbank war soeben gegründet worden. Jedermann spekulierte. Die Leute verloren den Kopf über den gewagtesten Plänen mit neuen Siedlungen in der Wildnis. Überall wiesen Bodenspekulanten Landkarten vor, auf denen sagenhafte Bodenschätze verzeichnet standen.
Zu dieser Zeit und unter diesen Umständen wird es verständlich erscheinen, dass Tom Walkers Geschäft blühte. Die Kunden rannten ihm die Türen ein. Arme kamen, die Abenteuerlustigen kamen. Die hochspielenden Glücksritter, die Bodenspekulanten und die ruinierten Geschäftsleute blieben nicht aus. Sie alle liefen zu Tom Walker. Und scheinbar war er für alle der gute Helfer in der Not. Jedoch nur, um sie am Ende desto erbarmungsloser und grausamer auszubeuten oder sie ganz und gar zu vernichten.
Auf diese Art brachte er es zu großem Reichtum. Er baute sich ein großes Haus, schaffte sich schöne Karossen an und trieb großen Aufwand mit seiner Kleidung.
Als Tom alt und grau wurde; kamen ihm ganz andere Gedanken. Alles, was diese Welt zu bieten hatte, besaß er, aber wie würde er in jener anderen Welt einmal dastehen? Mit Bedauern dachte er an den Vertrag, den er einst im Sumpfwald mit dem schwarzen Mann geschlossen hatte, und er sann darauf, den Teufel um seinen Lohn zu betrügen. Plötzlich wurde er ein eifriger Kirchgänger. Er betete laut und viel, ja er setzte sich sogar dafür ein, dass Quäker und Wiedertäufer nicht verfolgt werden sollten. Trotz alledem konnte er die Angst nicht loswerden, dass der Böse doch eines Tages unbarmherzig von ihm die Schulden eintreiben werde, die auf jenem alten Vertrag verzeichnet standen. Der Teufel, so dachte er sich, solle ihn nicht unvorbereitet überraschen, und deshalb lag auf dem Tresen seiner Geldausleihe stets eine Foliobibel, in der er las, wenn er gerade einmal keinen Kunden bediente.
Auch erzählt man sich, Tom Walker sei auf seine alten Tage etwas seltsam geworden. So habe er seine Pferde mit umgekehrten Hufen beschlagen lassen und ihnen auch den Sattel auf den Bauch gebunden, weil er gelesen hatte, dass am Tag des Jüngsten Gerichts alles von oben nach unten gekehrt.werden würde. Doch muss der Erzähler hier einfügen, dass er solche Verrücktheiten einfach nicht glauben will und es den alten Weibern überlässt, sie für bare Münze zu nehmen.
An einem heißen Sommernachmittag in den Hundstagen war es, als in Boston eine schwarze Gewitterwand am Himmel aufzog. Tom saß in seinem Geschäft. Er trug eine weiße Leinenkappe und einen Morgenmantel aus indischer Seide. Er war gerade damit beschäftigt, die Schulden eines Bodenspekulanten zu berechnen, für den er angeblich immer große Freundschaft empfunden hatte, und den diese Abrechnung nun endgültig ruinieren musste. Sein Gläubiger stand bei ihm und bat um ein paar Tage Aufschub.
»Wenn du auf der Stelle das Geld von mir forderst, bin ich bankrott, und du bringst meine Familie ans Hungertuch«, jammerte der Mann.
»Nächstenliebe beginnt im eigenen Haus«, antwortete Tom, »in schweren Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste.«
»Du hast doch soviel Geld mit mir verdient«, sagte der Spekulant, »bitte, hab doch wenigstens diesmal ein Einsehen!«
»Der Teufel soll mich holen«, schrie ihm Walker ins Gesicht, »wenn ich auch nur einen Pfennig an dir verdient habe.«
In diesem Augenblick klopfte jemand laut an der Eingangstür. Tom ging hin, um zu öffnen. Und wen sah er da? Draußen stand ein schwarzer Mann, der am Halfter ein schwarzes Pferd hielt, das ungeduldig mit den Hufen stampfte.
»Tom«, sagte der schwarze Mann mit finsterer Stimme, »ich komme dich holen.«
Tom sprang zurück. Aber es war zu spät. Nichts half ihm die kleine Bibel, die er immer in der Westentasche bei sich trug. Nichts half ihm die große Foliobibel, die auf dem Tresen lag. Der schwarze Mann packte ihn im Nacken, hob ihn auf das Pferd, sprang selbst hinter Tom auf und jagte mit ihm durch den Gewitterregen davon. Der Morgenrock flatterte im Wind, und bei jedem Schritt sprangen Funken unter den Hufen des Pferdes hervor. Im Nu waren die beiden Reiter verschwunden.
Tom Walker kehrte nie zurück, um jene Schuldenberechnung abzuschließen. Ein Landmann aber will an diesem Tag die beiden Reiter auf einem Pferd gesehen haben, wie sie in die Sümpfe hineingaloppierten. Dann soll ein Blitzschlag zur Erde gezuckt sein, so stark und mächtig, dass er ein ganzes Waldstück in Brand steckte. Die guten Leute von Boston schüttelten ihre Köpfe und zuckten die Schultern, aber sie waren so vertraut mit Hexen, Gespenstern und mit den Gewohnheiten des Teufels, dass sie sich über all diese seltsamen Vorkommnisse weniger ängstigten, als man annehmen sollte.

Jonny Appleseed
oder: der Wanderer, der Gutes tat
Ah einem schönen Frühlingstag des Jahres 1806 beobachteten Siedler in Jefferson County, Ohio, ein seltsames Fahrzeug mit. einem sonderbaren Mann und einer ungewöhnlichen Ladung.
Mit zwei aneinandergebundenen Kanus transportierte er eine Ladung Apfelkerne nach dem Westen. Er fuhr den Ohio hinunter bis nach Marietta, wo er in den Miskingum-Fluss einbog, dem er bis zur Mündung des White Woman Creeks folgte. Damit nicht genug: Nun fuhr er den Mohican hinauf und kam schließlich über den Black-Fork-Fluß in die Richland Counties, ein Landstrich in der Nähe des heutigen Pittsburgh. Überall auf dieser langen und mühsamen Reise tat der einsame Mann, was er bereits fünf Jahre früher in Ohio getan hatte: Er rodete Land in der Wildnis, legte Baumschulen an und verschwand wieder. Das war der Mann, den man später in jedem Blockhaus zwischen Ohio und den großen Seen Jonny Appleseed nannte.
Jonathan Chapman hieß er in Wirklichkeit und wurde um das Jahr 1775 in Boston geboren. Nach seinen eigenen Angaben war er um die Zeit seines ersten Auftauchens am Licking Creek etwa sechsundzwanzig Jahre alt. Liebeskummer hatte ihn in die Wildnis getrieben. Aber niemand weiß, wie er auf den Entschluss verfiel, sein ganzes Leben künftig an entlegenen Orten Apfelbäume zu pflanzen.
Sein Saatgut holte er sich aus den Obstkeltereien in West-Pennsylvania. Nur selten verlud er seine Fracht auf ein Packpferd, meist schleppte er sie in Lederbeuteln auf seinen eigenen Schultern. Er folgte dem alten Indianerweg nach Westen, der von Fort Duquesne über Fort Sandusky nach Detroit führte. Mit alten Landkarten lässt sich seine Wegstrecke berechnen. Sie muss über 160 Meilen geführt haben.
Die Gegend, durch die er zog, war damals nur dünn besiedelt. Alte Siedler berichten, dass die Ufer der Flüsse und Bäche meist mit dichtem Unterholz bestanden waren, während näher am Wasser langes Gras mit Schlingpflanzen und Weiden wucherte. In den Wäldern gab es Wölfe, Bären, Rehe und ganze Rudel sehr kampflustiger Wildschweine. Im Gras lebten die Massasauga und andere gefährliche Reptilien, und zwar in solchen Mengen, dass einer der Siedler erzählen konnte, er habe im ersten Jahr nach seiner Landnahme auf einem kleinen Stück Prärie, das er vor dem Pflügen abmähte, zweihundert schwarze Klapperschlangen totschlagen müssen. Der Grenzer, der sich durch sein Gewehr hinreichend gegen Angriffe durch wilde Tiere oder feindliche Indianer gesichert fühlte, wusste sich im Kampf gegen die unsichtbar im Gras lauernden Feinde keinen anderen Rat, als seine Lederhosen und Mocassins mit dichten, dicken Ballen aus dürrem Gras zu umwickeln.
Durch diese Gegenden wanderte Jonny mit seinem Ledersack voll Apfelsaat auf der Schulter barfuß auf der Suche nach einem Stück Erde, das schön gelegen wie auch fruchtbar sein musste. Dort streute er dann seine Saat aus, umgab den Platz mit einem schützenden Gatter und überließ dann die Saat mit einem Gebet Gottes Pflege. Waren aus den kleinen braunen Kernen Setzlinge geworden, so kamen die Siedler der Umgebung und pflanzten sie auf ihre Rodungen.
Er war ein kleiner, hagerer Mann, hatte langes dunkles Haar, einen struppigen Bart und wache schwarze Augen, die von intensiver Lebendigkeit funkelten. Seine Kleidung spottete jeder Beschreibung. Sie bestand aus abgelegten Hosen und Hemden, die er im Tausch gegen Apfelschösslinge eingehandelt hatte. In seinen späteren Jahren schien ihm auch diese Mode noch zu luxuriös. Er begnügte sich dann mit einem einzigen aus einem Kaffeesack verfertigten Kleidungsstück, das, wie er selbst sagte, »einen sehr guten Mantel abgibt und zugleich der beste Anzug ist, den sich ein Mann wünschen kann«.
Am Liebsten wanderte er barfuß. An einem ungewöhnlich kalten Novembertag begegnete John einem Siedler, der ihm ein Paar Schuhe aufdrängte, die ihm selbst zu klein waren. Ein paar Tage später traf dieser Mann Jonny in dem kleinen Dorf Mansfield wieder, das heute eine große, aufblühende Stadt ist. Zu seiner Verwunderung musste er feststellen, dass Jonny wieder barfuß des Weges kam. Erzürnt über soviel vermeintlichen Eigensinn, stellte er den Beschenkten zur Rede: Jonny hatte die Schuhe einer armen, ebenfalls barfuß daher kommenden Familie geschenkt, die nach Westen zog. »Sie waren noch schlechter dran«, erklärte er.
Was seine Kopfbedeckung anging, so war sein Geschmack gleichfalls recht eigenartig. Zuerst benutzte er dazu einen Zinnkessel, in dem er auch seinen Brei kochte. Gegen diese Kopfbedeckung gab es nur einen Einwand: Sie schützte seine Augen nicht vor der Sonne. Deshalb bastelte er sich einen Hut aus Pappe und verzierte ihn mit einer gewaltigen Spitze. In dieser seltsamen Gewandung zog er durch Wälder und Sümpfe und tauchte unverhofft in den Siedlungen der Weißen und den Dörfern der Indianer auf. In seinem Blick und in seiner Art zu reden muss eine seltene Kraft freundlicher Güte gewesen sein, denn es ist bezeugt, dass man ihn trotz seines lächerlichen Aussehens immer mit größter Achtung behandelte. Im Umgang mit Erwachsenen und Jungen war er gewöhnlich wortkarg und zurückhaltend, aber er hatte eine große Zuneigung zu kleinen Mädchen, für die er immer ein paar Bänder oder einen Fetzen bunten Stoffes aus seinen Taschen hervor zauberte.
Die Indianer behandelte Jonny mit großer Freundlichkeit. Die Wilden nannten ihn den »großen Medizinmann«, hauptsächlich wohl wegen seiner seltsamen Erscheinung, seiner exzentrischen Handlungen und besonders wegen seiner Fähigkeit, große Schmerzen zu ertragen. Während des Krieges im Jahr 1812, als die Grenzer von den mit England verbündeten Indianerstämmen überfallen wurden, setzte Jonny Appleseed seine Wanderungen unbeirrt fort und wurde auch nie von den umherziehenden Indianerbanden angegriffen. Oft warnte er auch Siedler vor Überfällen. Als nach der Niederlage des amerikanischen Generals Hull Engländer und Indianer mordend und sengend das Grenzgebiet überzogen und selbst wehrlose Frauen und Kinder töteten, eilte Jonny Tag und Nach durch die Wildnis, um die Menschen vor der herannahenden Gefahr zu warnen. Er gönnte sich keine Ruhe, bis er auch in den entlegensten Hütten seine Botschaft verkündet hatte:
»Der Geist des Herrn ist über mich gekommen und hat mir bedeutet, ich möge laut blasen die Trompete in der Wildnis und Alarm schlagen in den Wäldern, denn, hört, die Völker der Heiden stehen um Euer Haus, und die alles verschlingende Flamme folgt ihnen auf dem Fuß.«
Seine Warnung war ebenso ernst, wie seine Worte dunkel waren. Denn Jonny Appleseed war ein eifriger Schüler der Lehren Emanuel Swedenborgs und behauptete, ständig selbst Gespräche mit Engel und Geistern zu führen. Zwei weibliche Engel, so erzählte er, hätten ihm enthüllt, sie seien ihm in einem anderen Leben als Frauen bestimmt, deshalb dürfe er auch in dieser Welt nicht heiraten. Auf seinen Reisen führte er die Schriften des schwedischen Mystikers mit sich und lieh sie auch aus. Da er aber von jedem der Bücher nur ein Exemplar besaß, zerlegte er die Bände in einzelne Bogen und ließ jeweils ein Kapitel in einer Blockhütte zurück, das er bei seinem nächsten Besuch gegen die Fortsetzung austauschte.
Jonnys Vertrauen auf die Schriften Swedenborgs war unerschütterlich. Als er einmal gefragt wurde, ob er sich denn nie fürchte, barfuß durch die Wälder zu streifen, in denen es von den schrecklichsten Raubtieren nur so wimmelte, erklärte er mit einem selbstsicheren Lächeln, indem er dem Fragenden das Buch ‚entgegenstreckte: »Diese Schriften sind mein unfehlbarer Schutz gegen alle Gefahr jetzt und immerdar!«
Wurde er am Abend eines anstrengenden Tages in einer Blockhütte von gastfreundlichen Siedlern zur Nacht eingeladen, so ließ er sich auf dem Fußboden nieder und holte, nachdem er die Familie gefragt hatte, ob sie »einige Neuigkeiten direkt vom Himmel« hören wollten, einige zerlesene Bücher hervor, unter denen sich immer auch ein Neues Testament befand. Aus diesen Schriften las er vor, und seine Zuhörer wurden von seinem begeisterten Redefluss mitgerissen, auch wenn sie den Inhalt nicht verstanden.
Um 1838, siebenunddreißig Jahre nachdem er zum ersten Mal am Licking Creek aufgetaucht war, hatte sich die Wildnis um den Ohio in ein dicht besiedeltes Land verwandelt. Aus den abgelegenen Blockhütten waren kleine Dörfer geworden, die größeren Niederlassungen waren zu Städten aufgewachsen. Wo früher nur Indianerpfade die Wildnis durchquerten, zogen sich jetzt feste Straßen hin, auf denen Postkutschen verkehrten. Die kleinen Mädchen, denen Jonny einst bunte Bänder mitgebracht hatte, waren inzwischen selbst Mütter geworden, die kleinen Jungen, die seine Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, bewundert hatten, waren zu Familienvätern herangewachsen, die schon ihre Enkel auf den Knien wiegten. Am Licking Creek war seine Arbeit getan. Ein paar Tausend Quadratkilometer Obstplantagen zeugten hier für seine unermüdliche Lebensarbeit. Neun Jahre noch zog er nun weiter nach Westen, dorthin, wo nun die »neue Grenze« gegen die Wildnis hin verlief, und pflanzte in Indiana Apfelbäume. Im Jahr 1847 starb er im Hause eines Siedlers in Allen County, Indiana. Am Abend hatte er gepredigt und in der Nacht, wie immer, auf den rohen Bodenbrettern neben seinen Ledersäcken mit Apfelkernen geschlafen. Am Morgen erwachte er nicht mehr. Der Arzt stellt den Tod fest, sagte aber zugleich, er habe nie einen Verstorbenen so ruhig und friedvoll gesehen.
Noch heute aber erinnern in jedem Frühling die weißen Blüten tausender Obstbäume im Tal des Ohio und in Indiana an jenen Mann, der keinen Feind hatte, der den einsamen Siedlern Freund, Helfer und Prediger war: an Jonny Appleseed, den Wanderer, der allen Gutes tat.

Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett
Die Taten des Jägers, Kongressabgeordneten und Scouts Davy Crockett sind nicht die Erfindung einer üppigen, wild ausschweifenden Phantasie. Davy Crockett hat gelebt, und seine Lebensgeschichte, aus der wir im folgenden einige Episoden wiedergeben, liest sich erregender als jene Produkte späterer Wild-West-Autoren, die sich von dieser faszinierenden Gestalt mit der Skunkschwanzmütze inspiriert fühlten. Er war das Urbild jener etwas ungehobelten, aber doch gutmütigen Hinterwäldlerburschen, die die »Grenze« über die Appalachen nach Westen verschoben. Hart, hemdsärmlig, bärbeißig, mit einem trockenen Humor und einem natürlichen Sinn für Gerechtigkeit begabt, immer zu einem prahlenden Wortgefecht, zu einer Kraftprobe, einem Jagdabenteuer oder zu einem Ritt gegen die Indianer bereit, wurde er zum Idol der amerikanischen Jugend zu Beginn des Neunzehnten Jahrhunderts.
Mit dem Bericht über sein Leben und seine Taten, wie sie sich in seinen Büchern »A Narrative of David Crockett of the State of Tennessee«, »An Account of Colonel Crockett's Tour to the North and Down East« sowie »Colonel Crocketts Exploits and Adventures in Texas« darstellen, erfahren wir zugleich auch ein gutes Stück amerikanischer Kulturgeschichte dieser Epoche.
– Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett –
Meine Kindheit und Jugend
Da manche Menschen offenbar einiges Interesse an der Geschichte eines so unbedeutenden Individuums, wie ich es nun einmal bin, zu haben scheinen, und da schließlich meine Abenteuer niemandem so genau bekannt sein können wie gerade mir, habe ich mich auf das Drängen meiner Freunde und Bekannten hin nun entschlossen, sie niederzuschreiben und somit der Welt eine Darstellung dieser Ereignisse zu hinterlassen, die den Vorteil hat, wahr und echt zu sein. Ich schiebe also alle speichelleckerischen Entschuldigungen beiseite und erinnere mich meines alten Wahlspruchs, der da lautet: nur zu!
Mein Vater hieß John Crockett. Er war irischer Abstammung. Entweder kam er drüben in Irland zur Welt oder, wo nicht, so doch auf der Überfahrt. Er verbrachte die ersten Lebensjahre im schönen Staate Pennsylvania und wurde später Farmer. Der Name meiner Mutter lautet Rebecca Hawkins. Sie war eine gebürtige Amerikanerin aus Maryland und erblickte das Licht dieser Welt irgendwo zwischen den beiden Siedlungen York und Baltimore. Sicherlich wird man mir irgendwann auch einmal erzählt haben, wann meine Eltern heirateten, allein, ich habe es vergessen. Indessen bin ich ganz sicher, dass dieses Ereignis stattgefunden hat, denn andernfalls würde sich heute die Öffentlichkeit kaum mit der Geschichte ihres Sohnes, David Crockett, befassen müssen.
Mein Vater nahm am Unabhängigkeitskrieg teil, kämpfte gegen die Engländer in der Schlacht am Kings Mountain und ließ sich dann im östlichen Tennessee nieder.
Er siedelte dort unter recht gefährlichen Umständen für sich wie für seine Familie, denn es lebten damals noch Indianer in dieser Gegend, die den Weißen feindlich gesinnt waren. Mein Großvater und meine Großmutter wurden in ihrem eigenen Haus von Indianern ermordet. Etwa um dieselbe Zeit geriet der Bruder meines Vaters, dem eine Kugel den Arm gebrochen hatte, in indianische Gefangenschaft. Da er von klein auf taubstumm war, fiel es ihm schwer zu entfliehen. Siebzehn Jahre und neun Monate lebte er bei den Indianern, bis ihn schließlich der älteste Bruder meines Vaters entdeckte und ihn bei einem indianischen Händler freikaufte.
Meine Eltern hatten sechs Söhne und drei Töchter. Ich wurde als fünfter Sohn geboren. Schade, dass ich nicht der siebente Sohn war. Dann nämlich wäre ich durch Gemeindebeschluss zum Doktor bestimmt worden, wie das damals üblich war. Aber ich war nicht der siebente Sohn, und zudem war mein Vater arm, und wir lebten weit ab unter den Hinterwäldlern, und so erlaubten es ihm seine spärlichen Mittel nicht, seinen Kindern eine Erziehung zuteilwerden zu lassen.
Ehe ich nun von meinen eigenen Sorgen und Freuden rede, möchte ich doch zunächst den geschätzten Leser darüber ins Bild setzen, dass ich wie andere Leute auch geboren wurde. Nach alledem, was ich über dieses Ereignis in Erfahrung bringen konnte, geschah dies am 17. August des Jahres 1786. Zu dieser Zeit lebte mein Vater an der Mündung des Lime-Stone-Flusses in den Nolachucky.
Ein Ereignis aus meiner frühen Kindheit ist mir in lebhafter Erinnerung geblieben. Ich weiß nicht, wie alt ich damals gewesen sein mag. Jedenfalls trug ich noch keine Kniehosen, muss also noch ein rechter Dreikäsehoch gewesen sein. Was geschah, war Folgendes:
Meine vier älteren Brüder und ein hochaufgeschossener Junge von fünfzehn Jahren, der Campbell hieß, spielten mit mir am Ufer des Flusses. Sie bestiegen das Kanu meines Vaters, das auf den Strand gezogen lag, brachten es zu Wasser und ruderten davon, ohne mich mitzunehmen.
Etwas unterhalb der Siedlung lag ein Wasserfall. Meine Brüder waren trotz ihres Alters schon geübte Kanufahrer und das Boot gehorchte ihnen, aber Campbell gab ihnen die Ruder nicht, sondern behielt sie selbst. Nach dem, wie er damit umging, musste man annehmen, dass er nie ein Boot gesehen, geschweige denn eines gerudert hatte, denn es trieb überall dorthin, wohin er es nicht haben wollte. Er ruderte und ruderte, verlor mehr und mehr die Gewalt über das Boot, bis plötzlich vor dem Bug der Wasserfall auftauchte. Nicht etwa weil ich um das Leben der fünf Bootsinsassen fürchtete, sondern weil ich wütend war, dass man mich zurückgelassen hatte, schrie ich wie am Spieß. Ein Mann namens Kendall, der auf einem Feld nahe des Ufers arbeitete, hörte mich und sah das Boot schon nahe am Abgrund. Er lief herbei, warf Hemd und Jacke von sich und sprang, nur mit ein paar Kniehosen bekleidet, in den Fluss. Watend und schwimmend erreichte er das Kanu etwa.drei Meter vor dem Fall und musste all seine Kraft aufbieten, um es aus den Strudeln heraus ins ruhigere Wasser zu.schieben.
Kurz nach diesem Vorfall zogen meine Eltern aus dieser Gegend fort und siedelten zehn Meilen vor Greenville. Dort trug sich ein anderes Ereignis zu, das, obwohl ich noch ein kleines Kind war, einen bleibenden Eindruck in meinem Gedächtnis hinterließ. Joseph Hawkins, der Bruder meiner Mutter, war in den Wald gegangen, um ein Reh zu schießen. Er kam an einem Gebüsch vorbei, in dem ein Nachbar von uns Trauben pflückte, denn es war Herbst. Der Körper des Mannes war durch die Büsche verborgen. Von Zeit zu Zeit wurde lediglich seine Hand sichtbar, die Trauben aus dem Dickicht herausreichte.
Da solche Gebüsche oft das Versteck von Wild waren und mein Onkel wirklich nicht ahnen konnte, dass Menschen darin herumkrochen, ließ ihn seine Einbildungskraft die Bewegung der Hand für das Wackeln eines Rehohrs halten. Er drückte ab und, der Teufel wollte es, traf den Mann im Gebüsch durch den Leib. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater durch den Durchschuss ein weißes Taschentuch zog. Nach einiger Zeit heilte die Wunde tatsächlich zu. Was später aus dem Mann geworden ist, weiß ich nicht zu sagen. Doch ist anzunehmen, dass er in Zukunft wenig Gefallen daran gefunden haben mag, in Gebüschen Trauben zu pflücken.
Der nächste Umzug meiner Eltern führte uns an die Mündung des Cove Creeks, wo mein Vater zusammen mit einem Mann namens Thomas Galbreath eine Mühle bauten Sie kamen damit ganz gut voran, und der Bau war schon fast fertig, als eines Tages eine zweite Sintflut einsetzte, die Mühle; Munition, Schlösser und Vorräte fortschwemmte. Nach diesem Unglück entschloss sich mein Vater, dem Mühlengewerbe den Rücken zu kehren. Er zog wieder weiter und ließ sich in Jefferson County im Staate Tennessee nieder, wo er an der Straße zwischen Abbingdon und Knoxville ein Gasthaus eröffnete. Es war ein kleines Gasthaus, denn mein Vater war ein armer Mann. Hier blieb ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr. Und in diesem Alter machte ich, wie jedem Yankee und Hinterwäldler klar sein wird, meine ersten Erfahrungen mit dem Ernst des Lebens.
– Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett –
Der Ernst des Lebens
Ein alter Holländer mit Namen Jacob Siler, der von Knox nach Rockbridge im Staat Virginia reiste, übernachtete im Haus meines Vaters. Er führte eine Rinderherde mit sich, für die er einen Treiber suchte. Mein Vater war damals schlecht dran und konnte freilich nicht ahnen, dass es sein Sohn einmal zum Kongressabgeordneten bringen sollte. Vor allem aber konnte er sich auch wohl kaum vorstellen, was es heißt, einen Jungen meines Alters auf eine solche Reise zu schicken: denn anders kann ich mir nicht erklären, dass er mich an den Holländer verdingte, obwohl dieser alte Mann für mich ein Fremder war, den ich gerade einen Abend kannte. Ein Fußmarsch über vierhundert Meilen lag vor mir. Schweren Herzens nahm ich von meinen Eltern Abschied, aber ich hielt durch, bis wir einen Platz erreichten, der drei Meilen von jener Stelle entfernt war, die man die »natürliche Brücke« nennt. Hier machten wir Rast im Hause des Schwiegervaters von Mr. Siler. Mein Herr war sehr mit mir zufrieden und gab mir für meine Dienste fünf oder sechs Dollar.
Ich nehme jedoch an, dass er mich mit diesem Geld veranlassen wollte, nicht mehr zu meinem Vater zurückzukehren. Mein Vater hatte mich zu strengem Gehorsam erzogen, und so meinte ich zuerst, ich müsse diesem Mann unbedingt gehorchen, oder war jedenfalls viel zu ängstlich, um mich ihm zu widersetzen. So blieb ich und gab auch vor, ganz zufrieden zu sein, bis jedermann in der Familie völlig davon überzeugt war, dies sei mein wahrer Wunsch und Wille. Vier oder fünf Wochen vergingen.
Eines Tages spielte ich mit zwei anderen Jungen am Rand der großen Straße in einiger Entfernung vom Haus, als drei Wagen vorbeikamen. Einer gehörte einem alten Mann namens Dunn, die anderen zwei Wagen trugen den Hausrat seiner beiden Söhne. Alle Fahrzeuge waren gut bespannt, und das Ziel ihrer Reise war Knoxville. Da diese Männer schon einmal im Gasthaus meines Vaters übernachtet hatten, kannte ich sie flüchtig. Ich lief also zu dem alten Mann, nannte meinen Namen und erklärte ihm meine Lage. Dann sagte ich ihm, ich wolle zu meinem Vater und zu meiner Mutter zurück, und bat ihn, mir zu raten, wie das wohl zu machen sei. Die Männer sagten mir, sie beabsichtigten in einem sieben Meilen entfernten Gasthaus über Nacht zu bleiben. Wenn es mir gelingen sollte, mich dort vor Anbruch des nächsten Tages einzufinden, so versprachen sie, würden sie mich mitnehmen. Auch sicherten sie mir ihren Beistand für den Fall zu, dass man mich verfolgen werde. Dies geschah an einem Sonntagabend.
Ich lief zum Haus meines Herrn zurück, und mein Glück wollte es, dass er mit seiner ganzen Familie ausgegangen war. Ich raffte meine Kleider zusammen, nahm das wenige Geld,das ich besaß,und packte all meine Habseligkeiten zu einem Bündel zusammen, das ich unter dem Kopfkissen meines Bettes verbarg. Ich ging zeitig zu Bett und versuchte mit aller Macht nicht einzuschlafen. Denn obwohl ich ein wilder Junge war, liebte ich doch meinen Vater und meine Mutter sehr, und der Gedanke an ein Wiedersehen mit ihnen war stark genug, um die Müdigkeit zu überwinden. Natürlich hatte ich Angst. Was würde geschehen, wenn man meine Flucht zu früh entdeckte? Drei Stunden vor Sonnenaufgang brach ich auf. Als ich ins Freie trat, schneite es heftig. Der Schnee lag zwanzig Zentimeter hoch. Auch hatte ich darauf gehofft, dass der Mondlicht scheinen würde, aber der ganze Himmel war von Schneewolken verhängt. Auf meinem Weg zur großen Straße musste ich mich daher ganz auf meinen Orientierungssinn verlassen. Eine halbe Meile lief ich über Land, ohne sicher zu sein, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich hätte auch die Straße bestimmt verfehlt, wenn nicht an der Einmündung des kleineren Weges Holzstangen in den Boden gerammt gewesen wären. Die Schneedecke erschwerte die Orientierung, allerdings bedeckte der immer noch anhaltende Schneefall auch meine Spuren. Mein Herr würde am nächsten Morgen vergebens nach mir Ausschau halten.
Ich erreichte die verabredete Stelle etwa eine Stunde vor Tagesanbruch. Die Pferde waren schon angespannt und wurden gerade gefüttert. Bald würde man aufbrechen. Mr. Dunn führte mich ins Haus und war sehr freundlich zu mir. Ich war erregt und glücklich. Alle Aufregungen und der Marsch durch die Nacht waren nicht umsonst gewesen. Ich wärmte mich am Feuer, denn es war eisig kalt, und nachdem wir gefrühstückt hatten, fuhren wir los.
Die Gedanken an mein Zuhause ergriffen nun ganz und gar von mir Besitz, und ich zählte wohl die Umdrehungen der Wagenräder, jedenfalls aber die Meilen ungeduldig,denn es ging mir nun nicht schnell genug. Ich blieb bei meinem freundlichen Beschützer, bis wir das Haus von Mr. John Cole erreichten. Dort war ich schon so ungeduldig geworden, dass ich mir vornahm, nun das letzte Stück der Reise zu Fuß zurückzulegen, weil ich auf diese Weise doppelt so schnell wie die Wagen vorankommen würde.
Mr. Dunn schien es leidzutun, dass ich mich von ihm trennen wollte, und er bot all seine Überzeugungskraft auf, um mich zurückzuhalten. Aber mein Zuhause, so armselig es auch war, stand mir nun deutlicher denn je vor Augen, und es erschien mir so begehrenswert wie nie zuvor.
Ich blieb noch über Nacht bei Mr. Cole, am anderen Morgen aber brach ich frühzeitig auf. Ich ging zu Fuß weiter, bis ich einen Mann traf, der vom Markt zurückkam. Er hatte ein gesatteltes Packpferd bei sich und bot mir an, auf dem Tier zu reiten. Darüber war ich froh, denn ich war nun sehr müde und hätte, wäre mir nicht dieser freundliche Mann begegnet, durch das eiskalte Wasser des Roanoke waten müssen. Fünfzehn Meilen vor meinem Ziel trennten wir uns. Er ritt nach Kentucky weiter, und ich lief zu Fuß bis zum Haus meines Vaters, das ich gegen Abend erreichte. Den Namen des Gentleman, der mir sein Packpferd andiente, habe ich vergessen, und das tut mir leid, denn er verdiente eigentlich einen Ehrenplatz in diesem Bericht. Jedoch will ich die Erinnerung an einen Fremden, der einem kleinen unbekannten Jungen half, bewahren, solange ich lebe.

Im folgenden Kapitel erzählt Davy, wie er in eine nahe gelegene Privatschule geschickt wird, dort aber nur vier Tage bleibt, weil er sich mit einem älteren Jungen geprügelt hat. Er begleitet einen Wagenzug nach Baltimore und kehrt dann wieder zu seiner Familie zurück. Er ist nun fünfzehn Jahre alt und, so fährt er fort, »es mag für viele, die mich heute als Mitglied des amerikanischen Kongresses kennen, erstaunlich sein, dass ich in diesem fortgeschrittenen Alter auch nicht einen Buchstaben lesen oder schreiben konnte«.
– Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett –
Ich werde Knecht und ich suche eine Frau
Ich blieb einige Zeit im Haus meiner Eltern, bis mir mein Vater eines Tages erzählte, dass er einem gewissen Abraham Wilson 36 Dollar schulde und beschlossen habe, mich diese Summe bei dem Mann abdienen zu lassen. Sechs Monate arbeitete ich bei Wilson, dann war unsere Schuld getilgt. Der Mann wollte mich länger behalten, aber ich lehnte ab. Der Grund war, dass in diesem Haus eine sehr schlechte Gesellschaft verkehrte, es würde viel getrunken und gespielt, und wenn ich länger dort geblieben wäre, hätte ich wohl einen schlechten Ruf gehabt. Deshalb kehrte ich zu meinem Vater zurück und händigte ihm den Schuldschein aus, worüber er sich sehr freute, denn wenn er auch arm war, so war er doch ein ehrlicher Mensch und immer bestrebt, seine Schulden bis zum letzten Cent zu bezahlen. Als Nächstes kam ich in das Haus des ehrlichen alten Quäkers John Kennedy, der aus North Carolina in unsere Gegend gezogen war und bei dem ich für zwei Schilling die Woche als Knecht arbeiten sollte. Eine Probezeit von einer Woche war ausgemacht. Er war zufrieden mit meiner Arbeit, und am Ende der Probezeit erzählte er mir, dass er ebenfalls einen Schuldschein meines Vaters über 40 Dollar habe und mir den Schein zurückgeben wolle, wenn ich sechs Monate bei ihm bliebe. Mir war zwar klar, dass ich selbst nie einen Cent von dem Geld sehen würde, aber ich hielt es für meine Sohnespflicht, meinem Vater so gut wie möglich zu helfen. Ich sagte dem Quäker also zu, und während der ganzen Zeit bei ihm besuchte ich meine Familie nicht ein einziges Mal. Als aber mein Kontrakt erfüllt war, lieh ich mir von meinem Herren ein Pferd und ritt an einem Sonntagabend zu meinen Eltern hinüber.
Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, zog ich den Schuldschein aus der Tasche, und meine Vater nahm natürlich an, Mr. Kennedy habe mich damit zu ihm geschickt, um ihn einzulösen. Er machte ein besorgtes Gesicht und sagte mir, dass er kein Geld habe und nun nicht mehr ein noch aus wisse. Ich erzählte ihm, dass der Schuldschein bereits bezahlt sei. Mein Vater brach in Tränen aus und sagte dann, wie leid es ihm tue, dass er mir nichts dafür geben könne als seinen Dank.
Am nächsten Tag ritt ich zu dem Quäker zurück und begann nun, für ein paar neue Kleider zu arbeiten. Nachdem ich ein Jahr lang gearbeitet hatte, ohne auch nur einen Cent für mich zu verdienen, waren meine Kleider so abgetragen, dass mir keine andere Wahl blieb, als mich noch einmal für zwei weitere Monate zu verdingen. Um diese Zeit kam des Quäkers Nichte, eine junge Frau aus North Carolina auf Besuch. Und nun komme ich zu einer Episode meines Lebens, die ich nie vergessen werde. Ich habe eine Menge über die Liebe reden gehört, und doch glaube ich, dass kein armer Teufel auf der Welt je so mit ihr geschlagen ward wie ich. Hals über Kopf verliebte ich mich in dieses Mädchen, dessen Namen ich allerdings verschweigen möchte. Wenn alle Berge der Umgebung aus purem Gold gewesen wären, ich hätte sie gerne dafür gegeben, einmal offen mit ihr reden zu können. Aber ich hatte Angst, denn jedes Mal wenn ich zu sprechen anfangen wollte, begann mein Herz so heftig zu flattern wie eine Ente in einer Pfütze, oder ich hatte plötzlich eine kalte Kartoffel im Hals, an der ich nahezu erstickte. Eines Tages wagte ich es schließlich doch und sagte ihr, wie sehr ich sie liebte und dass sie unbedingt mein werden müsse, oder ich würde elendiglich sterben oder an Auszehrung langsam dahinsiechen.
Meine Rede schien ihr nicht unangenehm zu sein, aber sie war ein ehrliches Mädchen und wollte niemanden täuschen. Sie erzählte mir, dass sie bereits mit ihrem Vetter, dem Sohn des Quäkers, verlobt sei. Diese Nachricht traf mich schlimmer als die Verkündigung der apokalyptischen Schrecken.
Doch bald sah ich ein, dass hier Hopfen und Malz verloren waren und ich gut daran tat, mir meine Flausen aus dem Kopf zu schlagen. Meinen Misserfolg führte ich auch auf meine Unbildung zurück. Ich war nur vier Tage zur Schule gegangen und konnte, wie der Leser schon weiß, auch nicht einen einzigen Buchstaben schreiben.
Ich musste auf eine Schule, das war es. Und da der Quäker einen schon verheirateten Sohn hatte, der zwei Meilen von unserer Farm eine Schule betrieb, vereinbarten wir, dass ich vier Tage in der Woche dorthin zum Unterricht gehen und zwei Tage in der Woche arbeiten würde, um das Geld für Unterkunft und Verpflegung zu verdienen. Sechs Monate ging das so hin. Ich lernte ein wenig lesen, meinen Namen schreiben und die Grundrechenarten. Das war alles. Meine letzte Begegnung mit den Schulbüchern für immer! Sicherlich, ich hätte mehr lernen sollen, aber ich bildete mir ein, ich müsse nun unbedingt die richtige Frau fürs Leben finden. Und dieses Unternehmen nahm mich so voll und ganz in Anspruch, dass ich das Lernen aufgab.
Ich fand eine Familie, die hübsche Töchter hatte; Mädchen, die ich von klein auf kannte. Die Familie wohnte in unserer Nachbarschaft, und die Mädchen gefielen mir. Ich machte dem einen, dessen Namen ich wiederum verschweigen will, einen Antrag, und sie nahm es gut auf. Ich besuchte sie oft, und schließlich verliebte ich mich sehr heftig in sie. Ich glaube, ich würde es mit einem ganzen Regiment Wildkatzen aufgenommen haben, wenn dies der Preis für ihr »Ja« gewesen wäre. Schließlich heiratete der Sohn des Quäkers meine erste Liebe, und ich wurde mit meinem neuen Mädchen eingeladen. Das Schauspiel einer fremden Hochzeit machte mich fast närrisch.
Ich brachte vorsichtig wieder das Gespräch auf unser Problem, aber mein Mädchen wollte mir wieder eine ausweichende Antwort geben. Ich gab nicht nach und ließ nicht locker, bis sie schließlich »Ja« sagte. Mir schien dies herrlich genug, und ich wähnte mich im Siebenten Himmel. Ich zählte damals achtzehn Jahre. Wir setzten den Tag unserer Hochzeit fest, und ich war sicher, dass ich von diesem Tag an der glücklichste Mann auf diesem Planeten, auf dem Mond oder jedem anderen Stern sein würde.
Ich war zu der Zeit ganz närrisch auf Gewehre und hatte mir eine große Büchse gekauft. Meist trug ich die Waffe bei mir, und wenn ich nun auch wieder bei dem alten Quäker wohnte, der über das Schießen eigenartige Ansichten hatte, gelang es mir doch, manchmal aus dem Haus zu schleichen und mich an den Wettbewerben der Schützen zu beteiligen, die um ein Stück Rind schossen. Doch versuchte ich immer, diese Vorliebe vor meinem Herrn zu verbergen. Er hatte zu dieser Zeit noch einen Knecht bei sich wohnen, der in meinem Alter war und sich in die Schwester meines Mädchens verliebt hatte. Wir beide schlichen uns Nachts oft heimlich aus dem Haus und ritten die zehn Meilen über Land, um die Mädchen zu besuchen. Wir waren immer darauf bedacht, vor Tagesanbruch zurück zu sein, und so wurden unsere Ausflüge nie bemerkt.
Nun hörte ich einmal von einem Wettschießen, das etwa auf halber Strecke zwischen unserer Farm und dem Haus meines Mädchens ausgetragen werden sollte. Ich beschloss, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zuerst wollte ich zum Preisschießen, dann zu meinem Mädchen. Meinem Herrn erzählte ich, ich wolle ein Reh schießen. Es war ein Sonntag und das Erstaunliche geschah: Ich gewann beim Wettschießen den ersten Preis: ein Rind. Ich machte den Preis zu Geld und war bester Stimmung. Jetzt konnte ich die Eltern meines Mädchens besuchen und sie um die Hand ihrer Tochter bitten.
Ich hatte dieses Unternehmen immer wieder hinausgeschoben, aber nun musste es sein. Wir hatten für den Hochzeitstermin den kommenden Sonntag festgesetzt. Selbstzweifel waren mir fremd, fünf Dollar klimperten in meiner Tasche. Die Leute kannten mich schließlich lange genug. Warum sollte ich ihnen als Schwiegersohn nicht recht sein?
In heiterer Stimmung lief ich über Land, bis ich das Haus des Onkels meines Mädchens erreichte. Dort machte ich halt, um die ganze Angelegenheit erst einmal mit den Verwandten zu besprechen, ehe ich zu den Eltern ging. Ich trat ein und traf auf die Schwester meines Mädchens. Ich fragte sie, wie es zu Hause gehe? Sie machte ein so verstörtes Gesicht, dass ich gleich merkte: irgend etwas musste geschehen sein. Als ich sie noch einmal ansprach, brach sie in Tränen aus und sagte dann, ich müsse mich auf eine sehr schlimme Enttäuschung gefasst machen: ihre Schwester heirate morgen einen anderen Mann.
Das kam wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel. Ich war für einige Zeit völlig sprachlos und so schwach, dass ich meinte, ich müsse zusammenbrechen. Nach einer Weile erholte ich mich jedoch von dem Schock, stand auf und ging hinaus, ohne auch nur »Auf Wiedersehn« zu sagen. Ich war verletzt und entmutigt, lenkte meinen Weg heim und erging mich in dunklen Gedanken. Es war mir ganz klar: Als ich geboren wurde, hatte der liebe Gott gewiss vergessen, auch eine Frau für mich zu schaffen. Ich würde immer allein bleiben. Mich wollte niemand haben
All diese Überlegungen halfen freilich wenig. Für viele Wochen fand ich weder Tag noch Nacht meinen Frieden mit mir selbst wieder. Ich aß nichts mehr und sah von Tag zu Tag elender aus. Alle dachten, ich sei krank. Und so war es ja auch. Es war die Schlimmste aller Krankheiten: die Krankheit der Liebe.

– Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett –
Meine schwierige Hochzeit
Mein Trübsinn hielt ziemlich lange an, doch eines Tages griff ich mir mein Gewehr und ging wieder auf die Jagd. Unterwegs machte ich einen Besuch im Haus einer holländischen Witwe, die, wie man mir erzählt hatte, eine sehr hübsche Tochter haben sollte. Ich fand das Mädchen hässlich wie einen Steinzaun. Sie war jedoch sehr gesprächig und lachte über meine Enttäuschung, Sie tröstete mich und riet mir, immer daran zu denken, dass es im Meer immer noch viel mehr Fische als die gibt, welche man schon herausgezogen hat. Das bezweifelte ich, aber wie dem auch sein mochte: Ich war sicher, dass sie nicht zu den Fischen gehörte, die ich fangen wollte.
Ich sagte ihr, ich müsse als Einzelstück auf die Welt gekommen sein, für mich werde sich bestimmt keine Frau finden. Sie widersprach und meinte, wenn ich zu ihrem Erntefest kommen wolle, so werde sie mir dort eines der hübschesten Mädchen zeigen, das ich je zu Gesicht bekommen hätte. Ich war etwas misstrauisch. So ein Mädchen wie mein Mädchen könne es auf der Welt nicht noch einmal geben, aber da es mir gut schien, wieder einmal unter Menschen zu gehen, versprach ich, auf das Erntefest zu kommen.
Als der Tag des Festes heranrückte, nahm ich mir Urlaub und schlug dem Quäker vor, zwei Tage nachzuarbeiten, wenn er auch den anderen Knecht mitgehen ließ. Er lehnte das ab, ja er warnte mich sogar davor, hinzugehen. Es sei nicht die rechte Gesellschaft dort für einen jungen Mann mit einem guten Namen! Ich erinnerte mich an das Versprechen, das ich dem holländischen Mädchen gegeben hatte. Das musste ich halten! Ich schulterte also mein Gewehr und brach auf.
Als ich zu dem Haus kam, in dem das Fest gefeiert werden sollte, war dort schon eine große Gesellschaft versammelt, unter ihnen auch eine alte irische Dame, die Mutter des Mädchens, von dem die Holländerin gesprochen hatte. Das Mädchen selbst war noch nicht da. Ihre Mama aber war nicht schüchtern. Sie kam zu mir, meinte, ich sei ein hübscher Bursche und sie wisse ein liebes Schätzchen für mich. Es konnte keinen Zweifel geben: Man musste ihr gesagt haben, weshalb ich hier war. Im Laufe des Abends wurde ich ihrer Tochter vorgestellt, und ich muss sagen: Ja, die Holländerin hatte nicht übertrieben. Kurz, ehe der Tanz anfing, fragte ich das irische Mädchen, ob sie mit mir einen irischen Tanz, einen »Reel« tanzen wolle. Sie sagte zu und nach dem Tanz setzte ich mich neben sie, und es begann ein sehr freundliches Gespräch. Die Mutter kam hinzu, und so im Spaß nannte sie mich ihren Schwiegersohn. Das verwirrte mich, aber ich fasste es als einen Spaß auf und versuchte zurückzugeben, so gut ich konnte. Den ganzen Abend über war ich immer freundlich zu der alten Dame, denn ich dachte an das alte Sprichwort: Man muss die Kuh einsalzen, wenn man das Kalb fangen will ...
Das Tanzvergnügen dauerte bis zum Morgen, und ich kann mich nicht erinnern, je eine so fröhliche Nacht verbracht zu haben.
Heimgekehrt zu meinem Quäker, schloss ich mit ihm einen Vertrag. Ich würde für seinen Sohn arbeiten und dafür sein Pferd bekommen. Es war das erste Pferd, das ich je besessen habe, und es kostete mich sechs Monate. Fünf oder sechs Wochen vergrub ich mich in die Arbeit, dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste das Mädchen besuchen, das ich auf dem Erntefest kennengelernt hatte. Ich sattelte mein Pferd, und auf ging's. Als ich zum Haus ihrer Eltern kam, war sie nicht daheim. Ich sprach mit ihrem Vater, der ein kluger alter Mann war, auch ihre Mutter war da und gesprächig und lustig wie damals.
Eine Weile später kam das Mädchen von einer Versammlung heim. Sie brachte einen jungen Mann mit, der gewisse Rechte auf sie zu haben schien, denn er tat sehr vertraut mit ihr und ließ mich kaum zu Wort kommen, wenn wir uns unterhielten. Solltest du wieder einmal vor dem falschen Baum bellen? fragte ich mich. Du wirst dir Klarheit verschaffen, das ist das Beste, so oder so! Es begann schon dunkel zu werden, und wenn ich in derselben Nacht zurückreiten wollte, lag noch ein Weg von fünfzehn Meilen vor mir. Da begann das Mädchen dem anderen Gentleman zu verstehen zu geben, dass er nun besser mit seinen eigenen vier Wänden Zwiesprache halte. Sie begleitete ihn zur Tür, kam dann zurück und bestand darauf, dass ich über Nacht bleiben müsse. Auch war es nun all ihren Handlungen und Andeutungen zu entnehmen, dass sie mich dem anderen vorzog.
Aber es dauerte nicht lange, bis sich eine neue Schwierigkeit ergab. Die Mutter des Mädchens stand auf der Seite meines Rivalen, und ich hatte nun sowohl gegen ihren, als auch gegen den Einfluss des anderen Mannes zu kämpfen. Das Mädchen war der Preis, und da sie mich mochte, war ich ganz sicher, schließlich doch den Sieg davonzutragen, mochte kommen, was wollte. Als ich ihren alten Verehrer erst einmal losgeworden war, begann ich mit ihr zu schäkern. Ich blieb bei ihr bis zum Montagmorgen, dann musste ich zu der Quäkerfamilie zurück.
Etwa zwei Wochen später nahm ich mit vielen anderen Männern an einer Wolfsjagd teil. Das war eine Beschäftigung ganz nach meinem Sinn: groß wie das Leben selbst. Ich streifte durch Waldgebiete, die ich nicht kannte. Diese Gegend war nur dünn besiedelt. Unversehens begann sich der Himmel zu bedecken und einen Augenblick später wusste ich nicht mehr, wo ich war. Ich lief in eine Richtung, in der ich eine Behausung vermutete. Aber es war genau der falsche Weg, und als Ratschlag für junge Jäger will ich nur dieses sagen: der Weg nach Hause führt immer dort entlang, wo du instinktiv nicht entlanggehen würdest! Diese Regel stimmt in neun von zehn Fällen. Ich schritt kräftig aus, denn es wurde nun schnell dunkel. Da sah ich ein Mädchen, das eilig vor mir herlief. Ich sagte mir: Wo ein Mädchen ist, kann auch ein Haus nicht weit sein! Also rannte ich ihr nach, bis ich sie eingeholt hatte. Und wer stand da vor mir? Meine kleine irische Freundin, die ich sechs Wochen nicht gesehen hatte! Ein Pferd ihres Vaters war fortgerannt, und auf der Suche nach dem Tier hatte auch sie sich verirrt. Sie war den ganzen Tag gelaufen und sehr müde. Ich wusste mich kaum zu fassen vor Freude. Nie war sie mir so schön vorgekommen wie jetzt in diesem dunklen Wald.
Schließlich kamen wir an einen Weg, der ja irgendwohin führen musste. Wir folgten ihm und gelangten kurz nach Einbruch der Dunkelheit an ein Haus. Hier blieben wir über Nacht. Wir taten kein Auge zu. Wir redeten und kosten, bis es Morgen wurde. Dann trennten wir uns. Sie ging zum Haus ihrer Eltern zurück, das etwa sieben Meilen entfernt lag, und ich lief zurück zu der Quäkerfarm.
Es gab viel zu tun, und es vergingen fast vier Wochen, bis ich sie wieder sah. Als ich mein Pferd abgearbeitet hatte, überlegte ich mir, wie mir eine neue Abfuhr wohl bekommen würde. Ach, sagte ich mir, versuch es! Bei unserer nächsten Zusammenkunft setzten wir den Hochzeitstag fest, und dann ging ich zu ihren Eltern. Die alte Dame schien mächtig wütend, und als ich zur Sache kam, warf sie mir einen Blick so schartig wie die Klinge einer Fleischeraxt zu. Der Vater hingegen schien mir wohlgesonnen und behandelte mich freundlich.
Aber es dauerte nicht lange, und die Frau wurde wieder zornig und setzte mich gewissermaßen vor die Tür. Ich dachte, du willst sie an die alten Zeiten erinnern und sehen, wie das wirkt. Also erinnerte ich sie daran, dass sie mich »Schwiegersohn« genannt hatte, längst ehe ich es wagte, sie mir als meine Schwiegermutter vorzustellen.
All das machte gar keinen Eindruck auf sie. Im Gegenteil, ihr irisches Temperament riss sie zu immer neuen Zornesreden hin. Schließlich gab ich mein Zureden auf. Für mich war es schließlich auch nur wichtig, die Tochter auf meiner,Seite zu haben, und in diesem Punkt gab es nun keine Zweifel mehr. Ich fühlte mich von der alten Dame beleidigt, und so sagte ich ihrer Tochter, ich würde sie am nächsten Donnerstag holen kommen. Zwar erklärte ihre Mutter, davon könne gar keine Rede sein, aber ich ließ mich nicht beirren:
Als der Donnerstag herankam, waren im Hause meines Vaters alle Vorbereitungen getroffen, um meine Frau zu empfangen. Zusammen mit meinem ältesten Bruder, dessen Frau, meinem zweiten Bruder, meiner Schwester und zwei anderen jungen Leuten machte ich mich auf, um meine Braut abzuholen. Als wir uns der Siedlung, in der ihre Eltern wohnten, bis auf zwei Meilen genähert hatten, trafen wir eine große Gesellschaft, die von der Hochzeit hatte läuten hören und auf uns wartete.
Als wir vor das Haus der Brauteltern kamen, empfing uns meine zukünftige Schwiegermutter mit bösen Reden. Mein Schwiegervater aber füllte die leeren Flaschen meiner Brautwerber, und diese liefen zu meiner Hochzeitsgesellschaft, um ihnen einzuschenken. Ich ritt mit meinem Pferd bis unter die Haustür und tat so, als käme es mir gar nicht in den Sinn, abzusteigen. Ich fragte das Mädchen, ob sie bereit sei, und sie sagte: »Ja.« Sie bestieg dann das zweite Pferd. Inzwischen war ihr Vater ans Tor gelaufen und versuchte, mich dazu zu bewegen, dazubleiben und in seinem Haus zu heiraten. Er habe keine Einwände gegen unsere Ehe und seine Frau, wie die meisten Weiber, rede zu viel, ich möge mich doch darum bitte nicht kümmern.
Ich antwortete ihm, ich sei bereit zu bleiben, wenn sie mich ebenfalls dazu auffordere. Er ließ sie herbeiholen, sprach mit ihr eine Weile, dann kam sie zu mir, machte plötzlich ein freundliches Gesicht, bat mich um Verzeihung und forderte mich auf, zu bleiben. Sie sagte, dies sei nun mal ihr einziges Kind und sie könne es einfach nicht fassen, dass sie es an mich verlieren solle. Wie die Dinge jetzt aber ständen, sehe sie ein, dass ihr Widerstand sinnlos sei, und sie wolle uns deshalb nun von Herzen alles Gute tun.
Wir stiegen ab, schickten nach dem Pfarrer, und eine Stunde später waren wir verheiratet. Nun begann eine prächtige Hochzeitsfeier, die einen ganzen Tag und eine Nacht lang dauerte. Am nächsten Tag ritten wir zu meinem Vater hinüber, wo schon eine große Gesellschaft auf uns wartete. Wieder waren wir lustig, tranken und aßen gut, bis die letzten Gäste gegangen waren. Ich hatte das Gefühl, nun vollkommen glücklich zu sein. Ich hatte eine Frau, was auf der Welt brauchte ich mehr! Bald stellte sich heraus, dass dies ganz falsch war, denn nun, da ich eine Frau hatte, gab es tausend Dinge auf der Welt, die ich mir darüber hinaus wünschte und aber mir nicht kaufen konnte.
Ein paar Tage blieben wir bei meinem Vater, dann ritten wir zu meinen Schwiegereltern zurück, wo ich, sehr zu meinem Erstaunen, meine alte irische Schwiegermutter in bester Stimmung vorfand. Sie gab uns zwei Kühe und zwei Kälber, und wenn das nun auch wahrlich keine große Mitgift war, so war es doch besser als nichts und weit mehr, als ich erwartet hatte. Ich pachtete eine kleine Farm und ein Blockhaus und machte mich an die Arbeit. Sorgen machte mir der Hausrat. Doch da half uns mein guter alter Freund, der Quäker. Er schenkte uns einen Scheck über fünfzehn Dollar, mit dem meine Frau in dem Dorfladen die tausend Kleinigkeiten kaufen konnte, die uns noch fehlten.
Damit waren wir aller Sorgen vorerst ledig, und es ging uns recht gut. Meine Frau verstand gut mit der Spindel umzugehen und war – wie die meisten irischen Frauen – eine geschickte Weberin. Wir arbeiteten ein paar Jahre lang sehr hart, pachteten Land und zahlten dafür hohe Zinsen, bis es mir eines Tages in den Sinn kam, dies sei vielleicht doch nicht das Leben, das ich mir gewünscht hatte. Nie würde ich so mein Glück machen können. So beschlossen wir, alles aufzugeben und neues Land zu suchen. Wir hatten zwei Söhne. Und ich sagte mir, es sei besser, jetzt aufzubrechen, da die Familie noch klein ist.
Noch zweimal zieht die Crockett-Familie um. Zuerst lässt sie sich in den eben erschlossenen Gebieten am Enten-und-Elch-Fluss nieder. Es sind, wie Davy Crockett rückschauend feststellt, die schönsten Jahre seines Lebens. Die großen Wälder am Elch-Fluss sind wildreich. Er geht oft wochenlang auf die Jagd und verdient gut am Verkauf seiner Beute. 1810 zieht er nach Franklin County und siedelt am Bohnenfluss. Da bricht der Krieg mit den Creek-Indianern aus.
– Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett –
Im Indianerkrieg
Wir wohnten zehn Meilen unterhalb von Winchester, als der Krieg begann. Die Militärs machen heute viel Aufhebens von diesem Ereignis. So meine ich, es könnte ganz interessant sein, es auch einmal aus der Sicht eines einfachen Mannes darzustellen, dem es, als er auszog, um nichts anderes ging als darum, sein Land zu verteidigen. Die Creek-Indianer begannen ihre offenen Feindseligkeiten mit der Bluttat bei Fort Mimms. Es hatte lange keinen Krieg gegeben, aber einige von uns, die noch nicht zu alt waren, um Waffen zu tragen, verstanden sich trotzdem noch auf dieses Geschäft. Ich zum Beispiel hatte mir oft Gedanken gemacht über den Krieg und hatte oft davon reden hören, und immer war ich dann zu dem Schluss gekommen, der Krieg sei eine solch abscheuliche Sache, dass ich mich nie an ihr beteiligen würde. Als ich aber davon hörte, was in Fort Mimms geschehen war, wusste ich im Augenblick, dass ich mit gegen die Indianer ins Feld ziehen musste, und ich hatte auch keine Angst mehr davor, vielleicht dabei sterben zu müssen. Ein Treffen der Miliz würde anberaumt, bei dem die Freiwilligen gemustert werden sollten. Als der Tag herankam, bat mich meine Frau, die meine Absichten kannte, zu bleiben. Sie sagte mir, sie sei fremd in dieser Gegend, kenne keine Menschenseele, auch seien die Kinder noch klein und brauchten einen Vater. Es fiel mir schwer, ihr zu widersprechen, aber Nachbarn von uns waren ermordet worden, und wenn man nun nicht energisch vorging, würden die Indianer als Nächstes die Frauen und Kinder in unserem Landstrich skalpieren. Ich sprach lange mit meiner Frau und hielt ihr vor, wenn jeder Mann erst darauf warten wolle, bis seine Frau damit einverstanden sei, ihn in den Krieg ziehen zu lassen, dann würde alles nur noch viel schlimmer und wir könnten schließlich alle in unserem eigenen Haus den Tod finden. Auch erklärte ich ihr, dass es vielen Familien so gehe wie uns und dass es zudem auch meine Pflicht als Staatsbürger sei, ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Ich weiß nicht, ob sie meine Argumente überzeugten. Als sie sah, dass ich entschlossen war, weinte sie und ging dann wieder an ihre Arbeit.
In Winchester, wo die Musterung abgehalten wurde, hatten sich viele Freiwillige versammelt, denn man sprach damals von nichts anderem als vom Krieg, so wie man heute von nichts anderem als von der Entdeckung neuer Gold- und Silbervorkommen spricht. Wir wurden für 60 Tage angeworben und wählten einen Mr. Jones aus Tennessee zu unserem Hauptmann. Es blieb gerade noch Zeit, dass ich mich von meiner Frau und meinen beiden kleinen Jungen verabschieden konnte, dann rückten wir aus.
Wir kamen durch Huntsville und lagerten bei Beaty's Spring. Hier blieben wir mehrere Tage, da sich die verschiedenen Abteilungen erst sammeln mussten. Schließlich waren wir eine Streitmacht von 1300 Mann, alles Berittene und zum Kampf entschlossen wie Wölfe. Ich glaube, in der Armee waren nur ganze Kerle. Unsere Offiziere wollten keine Feiglinge mitschleppen, dazu war das Unter-nehmen zu gefährlich. Noch einmal sagten sie uns, es stände jedem frei, heimzugehen, aber alle blieben.
Während wir noch bei Beaty's Spring lagerten, kam Major Gibson und suchte Freiwillige, die mit ihm über den Tennessee-River in das Gebiet der Creeks vorstoßen sollten, um dort die Bewegungen der Indianer zu erkunden. Er kam auch zu meinem Captain und bat um zwei gute Waldläufer. Der Captain deutete auf mich und sagte, er wollte seinen Kopf verwetten, dass ich dem Major bis ans Ende der Welt folgen würde. Ich wählte dann den zweiten Mann aus. Er hieß George Russel und war der Sohn des alten Major Russel aus Tennessee. Der Major war zuerst nicht einverstanden. Er sagte, George habe ja noch kaum einen Bart, er brauche Männer und keine Knaben. Ich entgegnete, dass man den Mut eines Mannes nicht nach seinem Bartwuchs messen könne; und da der Major sah, dass ich ziemlich aufgebracht war, sagte er schließlich, ich müsse ja selbst wohl am besten wissen, auf wen ich mich verlassen könne. Er befahl uns, zeitig am Morgen bereit zu sein, und das waren wir.
Mit dreizehn Pferden überschritten wir den Tennessee-River bei Ditto Landing, ritten noch sieben Meilen weiter und schlugen unser Nachtlager auf. Hier stieß nun John Haynes zu uns. Er war Indianerhändler und kannte die Creeks und ihr Land gut. Am anderen Morgen teilten wir unsere Streitmacht. Major Gibson ritt mit sieben Mann zu dem Haus des Cherokesen-Indianers Dick Brown, und ich hatte den Auftrag, Dicks Vater aufzusuchen, um bei ihm Erkundigungen einzuziehen. Am Abend sollten sich die beiden Abteilungen an einer Wegkreuzung wieder treffen. Bei dem Indianer Brown traf ich ein Cherokesen-Halbblut, Jack Thompson, der ebenfalls mit uns ziehen sollte. Er war aber noch nicht bereit, schlug aber vor, uns an der Wegkreuzung zu treffen. Es war mir klar, dass es zu gefährlich war, in der Nähe der Straße zu kampieren, und so verabredete ich mit Jack, er möge, sobald er die Kreuzung erreiche, den Schrei einer Eule nachmachen und ich wolle dann mit demselben Ruf antworten. Meine Männer und ich brachen dann auf, und als wir an den Platz kamen, wo wir Major Gibson treffen sollten, war niemand da. Wir warteten bis zum Einbruch der Dunkelheit, aber die andere Abteilung kam nicht. Etwas abseits der Straße fanden wir eine Höhle und schlugen dort unser Lager auf. Um zehn Uhr hörte ich den Eulenschrei, gab Antwort, und bald war Jack bei uns. Wir warteten bis zum nächsten Morgen auf den Major und seine Leute. Er kam nicht.
Ich sagte meinen Männern, wir seien ausgezogen, um zu kämpfen, und ich würde keinesfalls umkehren, bis ich nicht unsere Aufgabe erfüllt hätte, nämlich herauszufinden, was die Indianer im Schilde führten. Wir zogen weiter bis zu einem Cherokesendorf, das zwanzig Meilen entfernt lag. Nach kurzer Rast zogen wir zu dem Haus eines Mannes, der Radcliff hieß. Er war Weißer, hatte aber eine Indianerin geheiratet und lebte an der Grenze des Stammesgebiets der Creeks. Er hatte zwei Söhne, zwei Burschen, die man kaum auseinanderhalten konnte. Er baute Mais und Kartoffeln an und es schien ihm gut zu gehen. Wir tränkten unsere Pferde und aßen mit ihm, und dabei erzählte er uns, dass eine Stunde vor uns zehn Indianer in Kriegsbemalung in sein Haus gekommen seien. Er fürchtete, sie könnten zurückkommen und uns alle töten.
Ich erklärte ihm, dass es ja gerade meine Aufgabe sei, solchen Banden das Handwerk zu legen, und er könne sicher sein, dass wir genau dies tun würden. Nach dem Essen sattelten wir unsere Pferde. Einige meiner Männer wollten umkehren, aber ich machte ihnen klar, dass sie allein hoffnungslos verloren wären. Wir beschlossen, zunächst einmal zum Lager eines freundlich gesinnten Creek-Stammes zu ziehen, das acht Meilen entfernt lag. Es war nahezu Vollmond und die Nacht war klar. Falls ein Rückzug nötig werden sollte, könnten wir Tag und Nacht reiten.
Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir zwei Schwarzen begegneten, die schöne Indianerponys ritten, und jeder von ihnen trug ein gutes Gewehr. Gewehre und Pferde hatten sie den Indianern gestohlen. Nun waren sie auf der Flucht zurück zu ihren Herren. Es waren Brüder und sie sprachen sowohl die Indianersprache wie auch Englisch. Ich schickte einen von ihnen nach Ditto Landing, den anderen nahmen wir mit. Es war schon dunkel, als wir ins Lager kamen, in dem etwa vierzig Männer, Frauen und Kinder lebten. Sie waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet, und ich machte mir den Spaß, mit ein paar Indianerjungen ein Wettschießen zu veranstalten. Wir waren vergnügt und lustig, als plötzlich der Schwarze angerannt kam und uns sagte, er habe mit den Indianern gesprochen, und diese seien sehr erregt.
Sie fürchteten, die »Rotstöcke«, das war der Name der Kriegspartei, könnten kommen und uns alle töten. Ich ließ den Indianern durch den Schwarzen sagen, dass wir auf der Hut seien. Falls die Rotstöcke bei Nacht einen Überfall wagen sollten, müssten sie sich darauf gefasst machen, dass ich ihnen ihre Kopfhaut abschnitte, um mir daraus daheim ein Paar Mokassins machen zu lassen. Auf diese Antwort hin lachten die Indianer laut.
Gegen zehn Uhr legten wir uns mit den Gewehren im Arm schlafen. Die Pferde standen gesattelt bereit. Ich war noch nicht ganz eingeschlafen, als ich den verrücktesten Schrei vernahm, den ich je aus einer menschlichen Kehle gehört hatte. Der Schwarze sprang herbei und rüttelte mich, denn wenn mir auch das Geräusch nicht entgangen war, so war ich doch keineswegs hellwach. »Die Rotstöcke kommen«, rief er mir zu. Ich fragte ihn, immer noch schlaftrunken, was denn los sei. Er meldete, dass ein Bote der Kriegspartei eingetroffen sei. Die Rotstöcke waren am Tag bei den Zehn Inseln über den Coosa-Fluß gesetzt und rückten nun weiter vor, um die Freiwilligen-Armee anzugreifen. Diese Nachricht ängstigte die uns freundlich gesinnten Indianer des Dorfes so sehr, dass sie in wilder Flucht in die Wälder davonrannten. Innerhalb kürzester Frist war kein Mensch mehr zu sehen.
Ich selbst fühlte mich verpflichtet, diese Information so schnell wie möglich an die Armee weiterzugeben. So warfen wir uns auf unsere Pferde und brachen zu einem Gewaltritt auf. Bis Ditto Landing waren es fünfundsechzig Meilen. Das Cherokesendorf, das wir auf unserem Hinweg besucht hatten, fanden wir verlassen vor. Auch Radcliff war mit seiner Familie geflohen.
All dies war nicht gerade dazu angetan, uns freudig zu stimmen. Es bedurfte keiner übertriebenen Einbildungskraft, um sich vorzustellen, dass es im Bereich des Möglichen lag, dem Gros der indianischen Streitmacht zu begegnen, dem gegenüber fünf Männer bei aller Tapferkeit wenig hätten ausrichten können. Wir ritten zu und erreichten beim ersten Hahnenschrei die Farm des alten Brown. Von dort aus waren es nur noch 30 Meilen bis zum Lager der Armee. In aller Eile tränkten und fütterten wir die Pferde, schlangen selbst ein paar Bissen hinunter und brachen sofort wieder auf.
Gegen zehn Uhr morgens erreichten wir das Lager und ich erstattete Oberst Coffee Bericht. Der Offizier zeigte sich über meine Mitteilung wenig beeindruckt, und das machte mich wütend. Doch ich unterdrückte meinen Zorn, denn ich wusste, dass mir keine Kritik an meinen Vorgesetzten zustand, aber innerlich glühte es in mir, und ich wundere mich, dass der Rauch davon nicht durch meine Kopflöcher flog. Major Gibson war noch nicht zurückgekehrt, und wir waren auf das Schlimmste gefasst.
In dieser Nacht wurden Doppelposten aufgestellt. Am anderen Tag kam der Major zurück und brachte schlimme Nachrichten. Er bestätigte meine Meldung. Nun sah der Oberst endlich ein, dass es ernst wurde. Mir aber wurde eine der vielen Ungerechtigkeiten auf dieser Welt nur zu deutlich vor Augen gerückt. Als ich meine Meldung machte, glaubte man mir nicht, weil ich kein Offizier war. Ich war kein großer Mann, nur ein gemeiner Soldat. Als aber Major Gibson dieselbe Nachricht brachte, war sie plötzlich wahr wie das Amen in der Kirche. Dem Major glaubte der Oberst jedes Wort, denn sogleich ließ er Schanzwerk errichten und schickte einen Kurier ab, der Verstärkungen erbitten sollte.
Davy Crockett nahm an dem Feldzug gegen die Creeks bis zu seinem erfolgreichen Ende teil. Nach der Schlacht bei New Orleans kehrte er zu seiner Familie zurück. Kurz darauf starb seine Frau. Sein jüngerer Bruder und dessen Frau zogen zu ihm, und »obwohl sie sich in jeder Beziehung wie mein Bruder und meine Schwester betrugen, fehlte mir doch eine Frau. Sie sorgten gut für die Kinder, und doch konnten sie ihnen nicht die Mutter ersetzen. So kam ich zu der Erkenntnis, dass ich wieder heiraten müsse.«
Seine zweite Frau war »eine Kriegerwitwe aus der Nachbarschaft« mit zwei kleinen Kindern. Sie brachte ihm eine kleine Farm mit in die Ehe, aber sein unruhiges Blut ließ Crockett schon wieder neue Abenteuer suchen. Er unternahm mit Nachbarn eine Erkundungsreise in das Gebiet der Creeks. Nach einer schweren Krankheit siedelte er mit seiner Familie nach Shoal Creeks über. In diesem Ort wurde er zuerst zum ehrenamtlichen Rechtspfleger, später zum Richter ernannt. Hier begann auch seine politische Karriere, die schließlich als Senator des amerikanischen Kongresses endete.
– Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett –
Die Wahl und das Waschbärfell
Da wir gerade von Wahlen reden, möchte ich eine kleine Anekdote erzählen, die den Leuten im Osten klarmachen soll, wie wir solche Dinge im Grenzland handhaben. Das war, als ich zum ersten Mal für den Kongress kandidierte. In meinem Jägerhemd und mit meiner Büchse über der Schulter machte ich mich auf, um an den Wegkreuzungen zu reden. Viele Wähler versammelten sich dort, um einen Eindruck von der dem rednerischen Talent ihrer Kandidaten zu bekommen.
Job Snelling, ein eitler Yankee, den man irgendwo bei Plymouth-Bay wohl aus der See gefischt haben mochte, um ihn dann mit einer Ladung Kabeljau und Rum in den Westen zu schicken, hatte sich zu diesem Zweck extra einen Schuppen bauen lassen. Es hatte sich bereits eine beachtliche Menschenmenge eingefunden und mein Rivale hatte schon ein gutes Stück seiner Rede vom Stapel gelassen, als ich dazu kam. Ich schlenderte einen Büchsenschuss weit vom Lager umher und tat so, als ob mich das alles gar nichts anginge.
»Da kommt Crockett«, sagte einer.
»Wollen doch mal hören, was er zu sagen hat«, meinte ein anderer. Ich kletterte auf den Baumstumpf, der als Rednerpult diente, und hielt eine improvisierte Rede, eben so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Es dauerte nicht lange, da wurde die Menge so laut, dass ich meine eigene Stimme kaum noch hören konnte. Meine Wähler ließen mich wissen, dass es ihnen unmöglich sei, meinen Ausführungen über ein so trockenes Thema wie das Wohl der Nation länger zu folgen, ohne zuvor ihre Kehlen angefeuchtet zu haben. Ich sollte sie freihalten. Also stieg ich von meinem Sockel hinunter und führte sie zum Schuppen. Sie folgten mir und schrien: »Hussa für Crockett!«, und: »Crockett soll leben!«
Als wir Jobs Schuppen betraten, schenkte der Mann fleißig aus, das Geschäft blühte. Ich verlangte ein Quart vom Besten, aber dieser gemeine Geizkragen wies als Antwort nur auf ein Schild über der Theke, auf dem mit Kreide geschrieben stand: Gezahlt wird heute – geborgt wird morgen! Das brachte mich in ziemliche Verlegenheit, und ich sah auch keinen Ausweg, denn bares Geld ist im Westen sehr rar, und mir ging es gerade zu dieser Zeit ganz ab.
Als die Wähler meine Verlegenheit sahen, wechselten sie die Seiten, und ich stand allein da, so wie die Regierung, wenn sie keine Ämter mehr zu vergeben hat. Mir war sonnenklar, dass die öffentliche Meinung nun gegen mich war und dass, falls ich nicht auch irgend woher Rum beschaffen konnte, ich die Wahlen so sicher verlieren würde, wie es Schlangen in Virginia gibt. Und es musste schnell Rum her, sonst würde mich selbst dieses Feuerwasser nicht mehr retten. Popularität hängt wahrlich manchmal von sehr geringfügigen Kleinigkeiten ab, in diesem Fall von einem Quart Neu-England-Rum.
Nun, das war eine Krise; also ging ich in den Wald mit meinem Gewehr über der Schulter, das in Zeiten der Not sich noch immer als mein bester Freund erwiesen hat. Ich war eine Viertelstunde gelaufen, da wollte es ein gütiges Geschick, dass ich einen fetten Waschbären sah, der gerade auf einen Baum kletterte. Ich drückte ab, und da lag er – tot. Ich zog ihm sein haariges Fell vom Leib und lenkte meine Schritte wieder zum Schuppen und ging zur Theke. Diesmal war ich nicht allein, ein halbes Dutzend Wähler folgten mir. Ich warf das Waschbärfell auf die Theke und verlangte ein Quart Rum, und Job, obwohl er mächtig damit beschäftigt war, auszuschenken, vergaß diesmal tatsächlich auf seine mit Kreide hingeschmierte Hausordnung zu deuten, denn er wusste sehr wohl, dass ein Waschbärenfell allemal ein Quart Rum wert ist, ob nun im Westen oder in New York.
Meine Wähler drängten sich nun wieder um mich und riefen: »Hussa für Crockett! Crockett soll leben!« Als ich merkte, dass die Stimmung wieder umgeschlagen war, erzählte ich ihnen ein paar Schnurren, um sie bei guter Laune zu halten, und bestieg, nachdem ich mich hinreichend über den Wert von Waschbären ausgelassen hätte, wieder draußen den Holzstoß, um ihnen von oben herab zu erklären, was ich, falls sie mich wählten, für das Wohl der Nation zu tun gedächte. Aber ehe ich auch nur die Hälfte meiner Rede hinter mich gebracht hatte, wurden Stimmen laut, die verlangten, man sollte sich nun erst einmal an den Extrakten aus Maiskolben und Melasse in Job Snellingers Schuppen laben. Also zogen wir wieder an die Bar, und unterwegs stellte ich meine Betrachtungen darüber an, in wie starkem Maße das Wohl und Wehe unseres Staates von der Tatsache abhängig sei, ob es einem gelingt, einen Waschbären zu erlegen oder nicht.
Als ich so vor der Theke stand und recht verlegen wurde, da mich Jobs Hausordnung in blasser Kreideschrift tückisch anstarrte, entdeckte ich einen Fetzen Waschbärenfell zwischen den Stangen, die die Bar trugen. Job hatte mein Fell in aller Eile dorthin gestopft. Mit einem raschen Griff zog ich daran und warf es mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt auf die Theke. Job, der sich nicht träumen ließ, was hier gespielt wurde, schob mir eine zweite Flasche herüber, die meine Wähler in übermütiger Stimmung eilig leerten, denn einige hatten meinen Trick bemerkt. Als die Flasche leer war, gingen wir hinaus und wandten uns wieder dem Wohl des Staates zu.
Ich weiß auch nicht warum, jedenfalls waren alle Wähler bald wieder durstig, wieder gingen wir in den Schuppen, und wieder steckte das Fell zwischen den Stangen. Wieder wurde der Rum über die Theke gereicht, und wieder war die Flasche schnell leer. Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn ich nicht mit ein und demselben Waschbärenfell an diesem Tag zehn Flaschen Rum einhandelte, und dies von einem Burschen, der ansonsten wirklich auch nicht auf den Kopf gefallen war.
Dieser Spaß half mir die Wahl zu gewinnen, denn Berichte davon verbreiteten sich unter meinen Wählern mit der Schnelligkeit eines Präriebrandes, und diese folgerten (nicht ganz zu Unrecht, will ich meinen), dass ein Mann, der Job Snelling in einem fairen Geschäft übervorteilen konnte, wohl auch mit dem Präsidenten fertig werden müsse »und deshalb der richtige Mann für den Kongress sei«. Nach gewonnener Wahl erstattete ich Job Snelling den Betrag für die geprellte Zeche, und ich muss sagen, er war ein guter Verlierer. Er lachte und strich das Geld ein.

Bei der Kongresswahl im Juli 1835 unterlag Crockett seinem Gegenkandidaten mit zweihundertunddreißig Stimmen. Bei dieser Wahl, war es zu beträchtlichen Unregelmäßigkeiten gekommen. Der Präsident Andrew Jackson hatte Staatsgelder, die auf einer Privatbank deponiert waren, abgehoben und damit Stimmen gekauft. 25 Dollar war damals eine Wählerstimme wert. Angewidert von solchen Praktiken, fasst Davy Crockett den Entschluss, »die Vereinigten Staaten so lange zu verlassen, bis die Zeit kommt, da auch ein ehrlicher und unabhängiger Mann seinen Weg in der Politik machen kann.« – »Und«, so fährt er fort, »da mir bis dahin wohl hinreichend lange Musestunden verbleiben würden, entschloss ich mich, den Texanern auf ihrem Weg in die Freiheit helfend meine Hand zu reichen. Ja, dergleichen hat mir immer Spaß gemacht, denn wenn es auf dieser Welt etwas gibt, was das Leben lebenswert macht, so ist es die Freiheit.«
– Das abenteuerliche Leben des Davy Crockett –
Der Ritt nach Texas
Es war Herbst geworden. Das Thermometer zeigte schon Frost an, als ich Frau und Kinder verließ. Ich zog einen sauberen Jagdanzug an, setzte eine Fuchspelzkappe auf, von der hinten der Schwanz herunterhing, und nahm mein Gewehr Betsey, das mir, wie jeder weiß, von den Bürgern von Philadelphia in Anerkennung meiner Verdienste im Kampf gegen tyrannische Maßnahmen der Regierung geschenkt worden war. So ausgerüstet, brach ich schweren Herzens in Mill Point auf und fuhr mit einem Dampfboot den Mississippi hinunter, einem neuen Land entgegen. Nach längerer Reise und manchen Abenteuern gelangte ich nach Nacogdoches, einer kleinen Stadt mit Poststation und Gericht in Louisiana, am rechten Ufer des Red-River. Hier lernte ich einen seltsamen Mann kennen. Er war Bienenjäger. Er war weit gereist und erklärte mir, dass er den weiten Ozean der Prärien gut kenne: Besonders in Texas fänden sich viele wilde Bienenschwärme, die einen Honig von ganz ausgezeichneter Qualität sammelten. Es gäbe Menschen, die einen besonderen Sinn für die Gewohnheiten dieser Tiere mitbekommen hätten und deshalb leicht jeden wilden Bienenstock aufspüren könnten. Diese Beschäftigung sei nicht nur bloßer Zeitvertreib, sondern recht einträglich. Allein das Wachs erziele in Mexiko drüben hohe Preise; da in den Kirchen überall Wachskerzen von der Länge und Stärke eines Männerarms brennen. Viele der Bienenjäger würden deshalb aus den Stöcken nur das Wachs entnehmen. »Es ist seltsam«, sagte mir der Mann, »fast nie finden sich Bienenstöcke in einem noch unberührten Landstrich. Für die Indianer sind Bienenschwärme die Vorboten des weißen Mannes. Und es scheint so, als ob sie mit der Grenze der Zivilisation immer weiter nach Westen wanderten.«
Mit dem Bienenjäger und einem Mann namens Thimblerig setzte ich meine Reise fort, und als wir einige Tage über die endlos weite Prärie geritten waren, kam mich eine große Lust auf einen Jagdausflug an.
Wir sprachen davon und der Bienenjäger schenkte mir noch eine Tüte Kaffee und Biskuits, die ihm sein Mädchen in Nacogdoches mitgegeben hatte. Wir tranken auf das Wohl der kleinen Kate und wünschten dem Bienenjäger, der voll Ungeduld auf den Tag wartete, da er sie zur Frau nehmen würde, viel Glück. Während wir tranken und sprachen und einige Einwände gegen meinen einsamen Ausflug geäußert wurden, bemerkte ich, dass der Bienenjäger in einem fort seine Blicke zum Horizont schweifen ließ. Plötzlich hielt er inne, sprang auf, rannte wie vom Wahnsinn gepackt zu seinem Pferd und preschte in die Prärie hinaus. Wir beobachteten, wie Pferd und Reiter kleiner und kleiner wurden und schließlich in der Ferne verschwanden. Ich war völlig verblüfft, und auch Thimblerig meinte, der gute Mann müsse wohl verrückt geworden sein.
Kurz nachdem der Bienenjäger verschwunden war, hörten wir in der Ferne ein Geräusch, das wie das Grollen eines heraufziehenden Gewitters klang. Der Himmel war klar, kein Anzeichen für einen Sturm war zu bemerken; also schlossen wir, dass das Grollen wohl eine andere Ursache haben müsse. Als wir nach Westen schauten, sahen wir am Horizont eine gewaltige Staubwolke.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich.
»Du darfst meine Schuhe ins Feuer werfen, wenn ich es weiß«, sagte mein Gefährte und stülpte sich seinen Hut auf den Kopf.
Wir starrten weiter in die Richtung, aus der der Lärm zu uns herüberdrang. Vielleicht war es ein Tornado, doch was immer es sein mochte, es kam genau auf uns zu. Unsere Pferde hatten aufgehört zu grasen und legten die Ohren an. Wir liefen zu ihnen, fingen sie ein und ritten zu einem Wäldchen – und immer noch schwoll das Geräusch an. Kaum dass wir die schützenden Bäume erreicht hatten, als das heulende und donnernde Etwas nahe genug heran war, um erkennen zu lassen, worum es sich handelte.
Eine Herde Büffel, vier- oder fünfhundert Tiere, stürmte auf uns zu. Und es war, als seien alle Teufel der Hölle losgelassen. Die Tiere galoppierten am Wäldchen vorbei und wären wir ihnen draußen, auf der freien Prärie, begegnet, so hätten sie uns bestimmt totgetrampelt. Mein armes Pferd scheute. Es war so nervös wie ein Politiker, den man eben aus seinem Amt gejagt hat.
An der Spitze der Herde, etwas voraus, lief ein schwarzer Büffelbulle, der das Leittier zu sein schien. Er kam wie ein Wirbelsturm angeprescht und sein Schwanz stand steil in die Höhe. Von Zeit zu Zeit bohrte er wütend seine Hörner in den Boden und warf Erdklumpen auf. Als er ganz nahe herangekommen war, nahm ich mein schönes Gewehr Betsey auf und schoss. Er brüllte und blieb dann plötzlich stehen. Die Tiere hinter ihm taten das Gleiche. Und es ist mir bis heute unverständlich, dass sie sich dem entstehenden Gewühl, nicht die Beine brachen. Der schwarze Bulle stand für ein paar Augenblicke regungslos da, dann warf er seinen schweren Körper herum und preschte davon.
Die ganze Herde folgte ihm, und ich gestehe gern, dass ich bei all meinen Jagdabenteuern nie einen schöneren Anblick gesehen habe. Ich sah den Tieren ein paar Minuten nach, dann gab ich meinem Pferd die Sporen und ritt hinterher.
Ich folgte den Spuren der Herde etwa zwei Stunden. Zuerst sah ich vor mir eine große Staubwolke, die sich nach und nach in eine kleine Wolke am Horizont verwandelte, als der Abstand wuchs. Ich war ganz gefangen genommen von der Erregung dieser Verfolgungsjagd, bis der Horizont auch dieses letzte Anzeichen der Herde verschluckte. Ich hielt an, ließ mein Pferd verschnaufen und ritt dann weiter nach Westen. Nach einer Stunde musste ich mir eingestehen, dass ich nicht mehr wusste, wo ich war. Ich sah mich um und erblickte vor mir, so weit das Auge sehen konnte, Felder, kleine Wäldchen und Weiden, die durch Bachläufe voneinander abgetrennt waren. Aber nirgends war hier der Ton einer menschlichen Stimme oder ein anderes Geräusch zu vernehmen, das von Menschen stammte. Da merkte ich, dass die ganze Szenerie nur eine Täuschung war, die mir die Luft und meine erregten Sinne vorgaukelten.
Vorwärts, der Sonne nach, dachte ich, denn du hast keinen Kompass, und hier ist kein anderer Pfad als jener, den die Hufe deines Mustangs in den Boden graben. Und wahrlich, wenn ich hier auf einen Pfad oder eine Spur gestoßen wäre, hätte ich arge Zweifel gehabt, ob es klug sei, ihr zu folgen. Denn mein Freund, der Bienenjäger, hatte mir erzählt, dass er sich einst in der Prärie verirrt hatte und zufällig, ohne sie zu erkennen, auf seine eigene Spur gestoßen und auf diese Weise einen ganzen Tag im Kreis geritten sei. Ich entschloss mich deshalb, zuzureiten, bis ich an einen Fluss käme, und
dann seinem Lauf zu folgen. Ich ritt eine weitere Stunde dahin, ohne auf die Spur einer menschlichen Behausung zu stoßen. Wild sah ich selten, und in Gedanken beschäftigte mich das Schicksal meines Gefährten, der ganz allein zurückgeblieben war; auch dachte ich über das mysteriöse Verschwinden des Bienenjägers nach. Und während meine Gedanken mit so unerfreulichen Überlegungen beschäftigt waren, wurde ich plötzlich von einer anderen Neuheit überrascht, die nicht weniger wunderbar war als jene, die mir kurz zuvor begegnet war.
Ich war aus einem Wäldchen hervorgeritten, und vor mir lag eine ausgedehnte Prärie, die sich wohl mit einer üppigen Weide eines sehr reichen Ranchers vergleichen lässt, und als ob auch nichts fehlen dürfe, sah ich da eine Herde von nahezu Hundert der schönsten Pferde ruhig grasen. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Verstand klargemacht hatte, dass dies nicht das Werk eines Menschen sei. Dann aber rief ich bewundernd aus: »Gott, wie viel wunderbare Werke hast du für den Menschen erschaffen, und wie wenig haben die Menschen für dich getan!«
Jetzt hatten mich die Mustangs entdeckt. Sie hoben die Köpfe, schwärmten aus und umkreisten mich. Sie kamen zutraulich ganz nahe heran, und dies gefiel meinem eigenen Pferd. Es begann, mit den Wildpferden zu spielen. Hier biss es einen der Mustangs zärtlich am Hals, dort rieb es seine Nase an einem Fell. Mir war nicht ganz geheuer bei alledem. Ich versuchte mein Pferd aus der Herde herauszulenken, aber es war beharrlich und tat, was ihm gefiel. Als es schließlich ermüdete und meinem Willen gehorchte, folgte uns die ganze Herde, dicht gedrängt, mit erhobenen Köpfen und strömenden Mähnen und Schweifen.
Mein Pferd schien Gefallen daran zu finden, die Herde anzuführen, es galoppierte an, und so begann, sehr wider meinen Wunsch und Willen, ein Pferderennen, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte. Wir schossen dahin über die offene Prärie. Mein Pferd immer noch an der Spitze, aber je länger das Rennen dauerte, desto deutlicher wurde es, dass sich mein armer Klepper etwas zu viel vorgenommen hatte. Erst lagen die Wildpferde mit uns Kopf an Kopf, da warf sich mein Pferd noch einmal mächtig ins Zeug, aber schon überholte uns eines der Wildpferde, dann ein Zweites und ein Drittes, und schließlich schoss die ganze Herde an uns vorbei. Inzwischen hatten wir uns dem Ufer eines Flusses genähert. Während meine erschöpfte Mähre im Sand zusammenbrach, durchschwamm die Herde den Fluss. Es war ein großartiger Anblick, wie dieser Strom aus lebendigen Pferdeleibern den anderen Strom kreuzte und sich von dessen Gewalt nicht beirren ließ.
Es dauerte eine Stunde, bis ich mein Pferd wieder auf den Beinen hatte. Da es schon zu dunkeln begann, beschloss ich, mich nach einem Plätzchen für die Nacht umzuschauen. Nahe am Ufer sah ich einen großen Baum mit weit überhängenden Zweigen. Ich machte einige Schritte darauf zu, da hörte ich ein lautes Grölen, das zu besagen schien: »Fremder, dieses Zimmer ist schon besetzt«. Nun wollte ich freilich ganz genau wissen, mit wem ich da mein Schlafgemach zu teilen hätte, und siehe da, fünf oder sechs Schritt von mir entfernt stand sprungbereit eine große mexikanische Wildkatze von jener Art, die man Cougar nennt, und offenbar willens, sich vor dem Schlaf mit einem Nachtessen zu versorgen. Und ohne Zweifel war der Braten, den sie dafür in Aussicht genommen hatte, ich. Strahlenbündel schossen aus ihren großen Augen, und sie fletschte die Zähne wie ein hysterisch gewordener Irrer. Ich riss mein Gewehr hoch und feuerte. Was folgte, war ein wütendes Geheul, aber das Tier stand noch auf den Beinen. Die Kugel hatte es in den Kopf getroffen, und obwohl man im Fell den Einschuss deutlich sah, zeigte sich keine Wirkung. Ich war noch nicht drei Schritte zurückgetreten, da sprang mich die Katze auch schon an. Glücklicherweise konnte ich mich auf die Seite werfen, und das Tier fiel hart zu Boden. Ich schlug mit dem Gewehrkolben zu, aber die Katze wirbelte herum und bekam mich nun zu fassen.
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