Kitabı oku: «Der Mann der sich verbarg»

Yazı tipi:

Frederik Hetmann

Der Mann der sich verbarg

Nachforschungen über B. Traven

FUEGO

– Über dieses Buch –

Bücher über den Abenteuerautor B. Traven sind bisher zumeist mit der Aufklärung des Verwirrspiels mit Namen beschäftigt gewesen, das dieser Schriftsteller zeit seines Lebens betrieb. B. Traven, dessen Werke weltweit in einer Auflage von über 30 Millionen gedruckten Exemplaren kursieren und der zu späteren Ruhmeszeiten 1948 auch als Drehbuchautor bei der Verfilmung seines Romans »Der Schatz der Sierra Madre« in Hollywood auftauchte und dessen Sympathien mit den proletarischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts in fortgesetztem politischem Engagement mündeten, hatte mit dem Verwirrspiel um seine Person ein emsiges Beschäftigungsfeld.

Frederik Hetmann setzt sich in seinem Buch nun vor allem mit der Frage auseinander, was einen Menschen dazu brachte, auf diese Weise seine Identität zu verschleiern.


Vorrede

... Heiratsdokumente, Sterberegister, Geburtsbücher, Verkaufsregister, Steuerlisten, überhaupt alles, was Papier ist mit Stempel und Schreiberei. Wenn das alles einmal verbrannt ist, dann weiß niemand mehr, wer er ist, wie er heißt, wer sein Vater war und was seinem Vater gehörte. Dann kommen keine Erben mehr angelaufen, die mit Papieren in der Luft herumwedeln. Dann seid ihr die einzigen Erben, und dann bleibt ihr die einzigen Erben, weil niemand mehr etwas beweisen kann. Wozu braucht ihr denn Geburtsregister? Ihr habt Hunger, und das ist Beweis genug, dass geboren wurdet und dass ihr lebt. Und wozu braucht denn die Welt Heiratsregister? Du lebst mit der Frau, die dich gern hat, und machst ihr Kinder, und dann seid ihr eben verheiratet. Was braucht ihr denn da noch Papiere, damit ihr es wisst. Die Papiere sind nur da, damit man euch die Erde, die ihr bebaut, wieder wegnehmen kann. Wer die Erde bebaut, dem gehört sie ...

B. Traven, Die Rebellion der Gehenkten

Wer war dieser Mann, dem wir es verdanken, wenn wir in unserer Jugend eine Ahnung davon bekamen, wie die Wirklichkeit dieser Welt aussieht?

Wer war er?

Ich kann mich noch genau daran erinnern, was damals seine Bücher für mich bedeuteten: mit dabei zu sein auf dem Totenschiff, über dessen Mannschaftsquartier der Spruch stand, ähnlich dem, den Dante schrieb für das Tor der Hölle:

Wer hier eingeht,

Des Nam' und Sein ist ausgelöscht.

Er ist verweht,

Von ihm ist nicht ein Hauch erhalten

In der weiten, weiten Welt

Er kann zurück nicht gehn,

Nicht vorwärts schreiten,

Da, wo er steht, ist er gebannt.

Ihn kennt nicht Gott und keine Hölle.

Er ist nicht Tag, er ist nicht Nacht.

Er ist das Nichts, das Nie, das Nimmer.

Er ist zu groß für die Unendlichkeit

Und ist zu winzig für das Sandkörnlein,

Das seine Ziele hat im Weltenall

Er ist das Niegewesen

Und das Niegedacht!

... mit dabei zu sein, als sie herumgingen, gestrandet, arbeitslos, nur noch ein paar Cents in der Hosentasche, im Hafen von Tampico.

... mit dabei zu sein, als sie sich gegenseitig an die Kehle sprangen in wahnwitziger Gier.

... mit dabei zu sein, wenn schließlich der Goldstaub in alle Winde verweht wird;

... mit dabei gewesen zu sein,

als der General aus dem Dschungel kam,

die alte Ordnung abgeschafft wurde,

und die Revolutionsverfassung in Kraft trat,

Viva la Rebelion! Tierra y Libertad!

als Land an die besitzlosen Campesinos gratis verteilt wurde. –

Wer war dieser Mann,

der uns auf all diese Reisen und Wege mitnahm,

der unser soziales Gewissen

mit nichts als Wirklichkeit und noch einmal Wirklichkeit

vielleicht noch mehr aufstachelte als die Verse der Bergpredigt?

Wer war dieser Mann, der uns bestätigte,

es gäbe Menschen, die seien schon bei lebendigem

Leibe gestorben, ohne es zu merken,

wer aber der Not ins Gesicht sehe,

wer bereit sei, sich auf die Seite derer zu stellen,

die elend sind,

rechtlos,

ausgebeutet,

betrogen,

getreten,

hungernd, nicht nur nach Brot,

sondern auch nach Wissen und Würde,

der bleibe lebendig, überlebe seinen Tod?

Wer war dieser Mann,

der Gespenster einsetzte in unsere Herzen?

Gespenster, die mein Bewusstsein seit damals

nie mehr völlig verließen.

Gespenster, die immer wieder aufschreien, toben,

kreischen, randalieren und rebellieren,

die umgehen in meinen Träumen

unter Zähneknirschen,

wenn ich höre von

Mordtaten und abermals Mordtaten

im Auftrag einer christlich-demokratischen Junta

in El Salvador,

von der Enteignung arabischer Bauern auf der Westbank,

wenn ich lese über die Folterungen

von Leningrad bis Santiago de Chile;

von Vietnamesen, die auf löchrigen Planken treiben,

unter die Seeräuber fallen

und denen kein Hafen sich öffnet

zwischen Formosa und Singapur;

wenn ich mich erinnere

an die Gesichter der lebendigen Hungerleichen

von Kindern in den Versorgungsstellen für hungernde und kranke Kinder des nigerianischen Urwaldes in einem der vielen Kriege ums Erdöl,

wenn das Bild des Türken

mich von der letzten Seite der Zeitung aus anspringt,

illegal eingereist

in unsere wunderstrahlende Republik

und abgeschoben in seine Heimat

vor die Läufe der Erschießungskommandos.

Wer war dieser Mann,

der die Macht besaß, Trägheit und Gleichgültigkeit

in unseren Seelen nie ganz obsiegen zu lassen?

Wer?

Ein desertierter amerikanischer Matrose?

Ein vor den Bolschewisten1 geflüchteter Großfürst?

Ein Farbiger, der es gewagt hatte,

in den Südstaaten der USA eine weiße Frau zu lieben?

Ein deutscher Offizier aus dem Kapp-Putsch?

Ein Leprakranker,

so entstellt im Gesicht,

dass er sich niemandem mehr zeigen wollte?

Jack London,

der eingesehen hat, dass nichts erfolgloser ist

als Erfolg,

der Selbstmord vortäuschte,

in Yukatan untertauchte,

weiterlebte und weiterschrieb?

Die Frage: Wer war der Mann, der sich Traven nannte? haben die Detektive der Literatur weitgehend gelöst. Es war ein mühsames, langwieriges, kostenaufwendiges Geduldsspiel.

Am Ende steht das Bild des Mannes, der sich Anonymität wünschte, der vergessen zu werden wünschte.

Die Stationen seines Lebens sind nun genau bekannt. Er ist seiner Tarnung entkleidet. Als ob man jemandem die Kleider vom Leib gerissen hätte.

Wissensdurst Neugier, Scharfsinn, Sensationslust haben triumphiert.

Man kann über das Leben dieses Mannes einen Dokumentarfilm drehen. Jeder Fakt, jede Aussage ist mit Dokumenten belegbar. Aber wissen wir damit mehr über diesen Menschen? Wir kennen die Situation, scheinen außerordentlich genau informiert zu sein und wissen doch das Entscheidende nicht.

Eine Frage ist verlorengegangen im Eifer der detektivischen Ermittlungen. Es wird jetzt Zeit, sie zu stellen. Die Frage lautet: Warum versucht jemand mit aller Gewalt, die Welt den Namen, unter dem er geboren worden ist, vergessen zu lassen?

Warum versucht jemand unter soviel Eifer, Phantasie und Aufwand, in der Anonymität unterzutauchen?

Diese Frage ist die Frage meines Buches. Die Antwort, so behaupte ich, besagt nicht nur etwas über das Wesen dieses Mannes und über seine Zeit. Sie besagt etwas über uns.

In dem Zimmer, in dem ich schreibe, hängt ein Jutesack an der Wand, ein alter Kaffeesack aus Mexiko, auf dem steht in blauer Farbe, anzusehen wie eine Tätowierung,

CAFÉ ALTAMIRA

und darüber in verwaschenem Rot

ALTURA CHIAPAS.

Wer ist der Mann, der sich Traven nannte?

Schon längst habe ich mir vorgenommen,

diesen Sack mit Geschichten zu stopfen.

Was erlebte dieser Mann, der sich Traven nannte?

Was hat er gedacht, gefürchtet gewünscht?

Ich habe ihn für Euch ausgegraben.

Kommt her und beseht sein Leben.


Geburt

»Sie sollten aber Papiere haben, damit Sie mir beweisen können, wer sie sind«, sagte der Polizeioffizier.

»Ich brauche keine Papiere; ich weiß, wer ich bin«, sagte ich.

B. Traven, Das Totenschiff

Am 23. Februar 1882 gegen 10 Uhr morgens bringt in der damals zum Deutschen Reich, heute zur Volksrepublik Polen gehörenden Kleinstadt Schwiebus (Świebodzin) die 23jährige Textilarbeiterin Hormina Wienecke ein Kind männlichen Geschlechts zur Welt, das die Vornamen Hermann Albert Otto Maximilian erhält. Als Kindsvater gibt die Geburtsurkunde einen Adolf Rudolf Feige an, dessen Beruf mit »Töpfer« bezeichnet wird. Der Standesbeamte könnte aber stattdessen wohl auch Ziegelei-Arbeiter geschrieben haben.

Dieser Adolf Rudolf Feige ist der Sohn eines Webers aus Finsterwalde. Er ist um ein Jahr älter als die Kindsmutter. Er erkennt, was ja nicht selbstverständlich ist, die Vaterschaft am 30. Mai 1882 noch einmal ausdrücklich an. An eben diesem 30. Mai heiraten Adolf Rudolf Feige und Hormina Wienecke.

Zu diesen Fakten, die herausgefunden zu haben das Verdienst Will Wyatts ist, muss noch einiges angemerkt werden.

Mit ihren 23 Jahren ist Hormina oder Hermine, wie die deutsche Schreibweise dieses Vornamens lautet, nicht mehr gerade jung. Dass Mädchen vor der Ehe schwanger werden und darauf erst heiraten, war in der sozialen Gruppe, aus der Hormina kommt, so selten nicht. Die Moralvorstellungen in diesem Punkt sind im Bürgertum damals gewiss strikter als heute gewesen, in der Unterschicht war das nicht unbedingt so. Zu heiraten, das kostete Geld, und wer am Rande des Existenzminimums lebt, der ist gezwungen, sich unter Umständen über die Moral hinwegzusetzen. Der Grund dieser verspäteten Heirat kann ganz einfach gewesen sein.

Adolf Feige leistet zu dieser Zeit seinen Militärdienst ab, der im Deutschen Kaiserreich zwei Jahre dauert. Urlaub zu bekommen, um noch rasch zu heiraten, ehe das Kind geboren wurde, scheint damals nicht ohne Weiteres möglich gewesen zu sein. Adolf hat Hormina geheiratet, sofort, nachdem der Militärdienst beendet war.

Auch eine dritte Möglichkeit kann nicht ausgeschlossen werden, und es gibt zumindest einige nicht unwesentliche Indizien, die es nahelegen, diese Situation mit zu bedenken.

Hormina könnte ein Kind von einem anderen Mann erwartet haben. Der zahlt ihr eine Abfindung, mit diesem Geld wird ein Bräutigam gekauft, ein Mann, der etwas Geld gut gebrauchen kann. Später heiratet er die Kindsmutter.

Es gibt Gerüchte, denen zufolge der tatsächliche Vater des als Otto Feige ins Geburtsregister eingetragenen Kindes niemand anders gewesen sei als der spätere letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II.

Wenn man Fotografien von Otto Feige als erwachsener Mann mit denen Wilhelm II. vergleicht, ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden. Das allein ist natürlich kein hinreichender Beweis für die Vaterschaft des hohen Herren.

Andererseits ist auch der Umstand, dass der damalige Kronprinz Wilhelm um die Zeit der Zeugung des Kindes, genau am 26. Februar 1881, die Prinzessin Auguste Victoria von Schleswig-Holstein geheiratet hat und danach mit seiner jungen Frau als Offizier in Potsdam lebte, kein letztgültiger Beweis gegen den Wahrheitsgehalt solcher Gerüchte.

Mehr dagegen besagen schon die Meinungen seriöser Biographen, Wilhelm sei alles andere als ein Frauenheld gewesen, ja, er habe sich überhaupt zeit seines Lebens mehr zu Männern als zu Frauen hingezogen gefühlt.

Bei genauerer Betrachtung scheint an den Gerüchten betreffend die Vaterschaft Wilhelms II. kein wahres Wort. Wie sie entstanden sind, ist hingegen leicht erklärbar.

Die Schadenfreude und der Klatsch, als sich Horminas Schwangerschaft herausstellte. Getuschel hinter vorgehaltener Hand. So vielleicht:

»Ein hoher Herr soll's gewesen sein ... ein Adeliger, was Besseres eben, du verstehst schon, und der gutmütige Adolf hat sich's dann anhängen lassen müssen. Da sieht man's ja wieder mal. Mit Geld ist eben alles zu machen. Wer genug Geld hat, der kann sich sogar einen Vater für das Kind kaufen, das er so einem armen Ding anhängt.«

Die Phantasie der Menschen setzt sich selten enge Grenzen. Das Kitschig-Sensationelle ist manchem Arbeiter und Kleinbürger eine wunderbare Möglichkeit, sich aus der eigenen Bedürftigkeit und dem grauen und monotonen Alltag in das Märchendasein der Prinzen und Könige hineinzuträumen.

Wenn der Erste, der ein solches Gerücht aufbrachte, vielleicht noch von irgendeinem vornehmen, adligen Herrn gesprochen hat, wurde beim Zweiten, der das Gerücht weitererzählte, schon ein Herzog und beim Dritten schon ein Prinz daraus.

Auch die Vorbilder für solche Phantasien lassen sich benennen. Die Romane der Marlitt oder andere Trivialromane aus dieser Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind Beispiele. Der Traum vom armen Kind, dessen wirklicher Vater lange verborgen bleibt, und dessen Auftritt mit einem Donnerschlag alle Probleme löst, gehört schon zu den klischeehaften Mustern in der Handlung solcher Romane.

Es ist die Zeit der Gründerjahre, des Imperialismus, eines Deutschen Reiches, das als Weltmacht ernst genommen werden will, eine Zeit, in der das Männliche und das Militärische hoch im Kurs stehen. Die Kehrseite einer solchen Verherrlichung und Bewunderung enthält Suche und Unsicherheit.

Wer die Mutter eines Kindes ist, wird sich zumeist mit großer Sicherheit sagen lassen. Wer der Vater eines Kindes ist, nicht. In Gerüchten, in Tagträumen, in den Handlungen der Geschichten von Trivialliteratur werden Wunschvorstellungen befriedigt, reagieren sich Ängste ab. Wunsch vieler Armer war es, plötzlich ganz reich zu sein. Geheime Angst vieler, mit militaristischem Männlichkeitswahn auftrumpfender Helden ist es vielleicht gewesen, von ihren Frauen hintergangen zu werden. Man fürchtet sich selbst vor dererlei, aber das darf man nicht zugeben. Also überträgt man solche Ängste auf andere: »Dieser Rudolf soll gar nicht der Vater des kleinen Otto sein, hab ich gehört!«

Kindheit

Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut zu erzählen, ist eine Gabe, my boy.

Sie sind ein Künstler, wissen Sie das?

B. Traven, Das Totenschiff

Es gibt eine merkwürdige Tatsache, die auch dazu beigetragen haben mag, dass solche Gerüchte entstanden und fortlebten. Adolf hat Hormina geheiratet und ihr seinen ehrlichen Namen gegeben. Das Kind aber, das sie schon vor der Eheschließung zur Welt gebracht hat, der kleine Otto, bleibt bei ihren Eltern.

Otto muss zunächst seine Großeltern als Eltern erlebt haben. Sie haben ihn ausgesprochen verwöhnt Gerade, weil die Großeltern so liebevoll mit dem kleinen Otto umgegangen sind, ist die Bindung an sie stark, wird er sie gar nicht als Großeltern, sondern als Eltern kennengelernt haben.

Der Aufenthalt bei den Großeltern endet, als Otto etwa sechs Jahre alt ist. Um das Jahr 1888 wird der Großvater krank, und Hormina setzt durch, dass sie ihr erstgeborenes Kind zu sich nehmen darf. Sie hat inzwischen zwei weitere Kinder zur Welt gebracht, Willi Ende des Jahres 1884 und Gertrud im Mai 1888. Otto verträgt diese Verpflanzung in die andere Familie schlecht. Außerdem protestieren die bisherigen Pflegeeltern. Großmutter und Großvater fällt es schwer, sich ein Leben ohne ihr Ottochen vorzustellen. Hormina verspricht, den Jungen zurückzubringen, sobald es ihrem Vater bessergehe. Aber es wird nicht mehr besser mit dem Alten, und Otto bleibt bei seinen Eltern.

Es gibt einen naheliegenden Grund, weshalb das Kind in den ersten Lebensjahren bei den Großeltern untergebracht worden ist: Die finanzielle Lage des Ehepaars Feige scheint in diesen Jahren nicht allzu rosig gewesen zu sein. Die Feiges übersiedeln zunächst in Adolfs Heimatort Finsterwalde, in den nächsten Jahren ziehen sie nach Grünberg. Dort werden ihnen weitere drei Kinder geboren. Als Otto zehn ist, geht es wieder nach Schwiebus zurück. 1893 kommt seine Schwester Margarethe zur Welt 1895 sein Bruder Ernst. Damit hat nun der reichliche Kindersegen sein Ende.

Die Mutter ist eine regsame Frau. Sie schreibt die Briefe für andere Leute, die nie schreiben gelernt haben. Sie ist geschickt in Handarbeiten. Sie spielt mit den Kindern Theater, und die Amateurgruppe reist mit den einstudierten Stücken sogar zu Gastspielen in die Ortschaften der Umgebung. In der Familie gibt sie den Ton an. Wenn sie sagt, wir müssen dies oder jenes tun, heißt das, ihr Mann hat das zu erledigen.

Ottos Situation in dieser Familie hat seine bis 1981 lebende Schwester mit dem Satz umschrieben:

»Er fühlte sich nie bei uns zu Hause.«

Rückschauend schildert sie ihn als »eigenwilligen Einzelgänger«, der sehr stark auf seine Kleidung achtete und sein Eigentum behütete. »Er zog sich fast immer von den anderen zurück, las sehr viel.« Sein jüngster Bruder Ernst hat es nicht viel anders dargestellt: »Er war ein eigenartiger, seltsamer Junge, der ganz in seiner eigenen Welt lebte, in einer Welt, in der es für andere keinen Platz gab.« Otto Feige ist ein guter Schüler. Er möchte aufs Gymnasium, später dann Theologie studieren, um Pfarrer werden. Für den Sohn eines Ziegelei-Arbeiters ist das nur möglich, wenn er ein Stipendium bekommt. Aussichten darauf hat Otto in Schwiebus, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Eltern für den Lebensunterhalt des Gymnasiasten und späteren Studenten aufkommen. Genau daran aber scheitern Ottos hochfliegende Pläne.

Die Eltern, die insgesamt für sechs Kinder aufkommen müssen, bestehen darauf, dass der Älteste nach Abschluss der Volksschule abgeht und eine Schlosserlehre bei der Firma Meier in Schwiebus beginnt.

Inzwischen hat sich die Berufssituation des Vaters geändert. Adolf Feige hat in Schwiebus als Hausmeister gearbeitet. Er hat sich umschulen lassen, um in einer in der Nähe liegenden Brikettfabrik den Posten eines Vorarbeiters zu bekommen. 1900 – sein Sohn Otto ist jetzt 18 Jahre alt – hört Adolf Feige, dass eine andere Brikettfabrik in Wallensen, Niedersachsen, Arbeiter sucht. Dort gibt es Werkswohnungen, eine Betriebskrankenkasse, die Aussicht auf eine Altersrente. Also zieht Adolf mit der Familie nach Niedersachsen um.

Nur Otto und sein Bruder Willi bleiben in der Lehre in Schwiebus zurück.

Auch als Otto ausgelernt hat, hält er sich offenbar noch einige Zeit in der Stadt auf. Anfang des Jahres 1902 wird er, nun zwanzigjährig, zum Militär eingezogen und dient für zwei Jahre bei den Bückeburger Jägern. Die Geschwister erzählen später, dass Otto auf seine schmucke grüne Uniform stolz gewesen sei, und dass er in ihr bei den Mädchen Eindruck gemacht habe.

Bis dahin ist, was die äußeren Ereignisse angeht, das Leben des Otto Feige so verlaufen wie das vieler Jugendlicher aus jener sozialen Schicht, in die er hineingeboren worden ist: Volksschule, Handwerkslehre, Militärdienst

Aber es muss in diesen Jahren in Otto Feige noch anderes vor sich gegangen sein.

Er wirkt auf Menschen, die ihn näher kennen, als Außenseiter. So die Aussagen seiner Geschwister. Er erweist sich als intelligent, will höher hinaus als die Mehrzahl seiner Altersgenossen.

Wie kommt es, dass Otto als «anders« empfunden wird, es wohl tatsächlich auch ist?

Nicht ausgeschlossen, sogar wahrscheinlich, dass er sich diese Frage selbst auch gestellt hat, als es Konflikte gab zwischen seinem eigenen Berufswunsch und der Festsetzung der Eltern: »Du kommst in die Lehre zu Meier, Punktum!«

Es ist eine Zeit, in der gemeinhin keine langen Diskussionen zwischen Eltern und Kindern über solche Fragen stattfinden. Was der Vater festsetzt, hat zu geschehen. Die Großmutter, die nach dem Tod des Großvaters mit in der Familie Feige lebt, konnte ihm da wohl auch nicht helfen, wenn man auch weiß, dass sie ihn sonst verwöhnt und den anderen Enkelkindern vorgezogen hat. Die Entscheidung der Eltern ist vernünftig.

Trotzdem wird es heruntergewürgten Zorn bei Otto gegeben haben, vielleicht auch Pläne, wie er sich dem Willen der Eltern entziehen könnte. Einfach durchbrennen, zur See fahren. Aber durchgebrannt ist er nur in der Phantasie.

Genährt werden Phantasien und Tagträume durch die Bücher, die Otto liest, nämlich – und darin nun unterscheidet er sich durchaus nicht von vielen Jungen seines Alters – Coopers Der letzte Mohikaner und Hunderte von Seefahrergeschichten und Piratengarne.

Der Held in Coopers Buch ist das Waisenkind Natty Bumpo. Es wird von Missionaren gefunden und aufgezogen, aber zu seiner wahren Identität findet es erst, als es unter die Indianer gerät. Seine verschiedenen Namen »Lederstrumpf«, »Wildtöter«, »Falkenauge« und »La Longue Carabine« besagen etwas über die Achtung, die ihm die Indianer entgegenbringen.

Viel später wird der erwachsene Mann, der einmal Otto Feige geheißen hat, die Indianer der südlichsten Provinz Mexikos, Chiapas, kennenlernen, Indianer, die relativ unberührt von den Einflüssen westlicher Zivilisation leben. Indianer, bei denen ein Mensch nicht nach dem beurteilt wird, was in Papieren und offiziellen Dokumenten über ihn steht, sondern spontan, nach den Erfahrungen, die man hier und jetzt mit ihm macht.

Die Pubertät ist auch die Zeit, in der sich in der Auseinandersetzung mit den Eltern das Ich, das Selbst, das Eigenständige im Wesen eines Menschen entwickelt und ausprägt. Ich habe unterstellt, dass in Schwiebus bei Ottos Geburt Gerüchte herumerzählt worden sind. Eines Tages kommen sie Otto zu Ohren. Er muss sich mit der Vorstellung auseinandersetzen: Der Mann, an den ich mich als Kind mühsam genug gewöhnt habe, ist vielleicht gar nicht mein Vater. Mein Vater ist ein Adeliger, ein Prinz, der Kaiser. Toll!

Otto sagt sich: »Kein Wunder, dass ich anders bin als sie.«

Was als Klatsch, als Häme auf ihn zukommt, könnte er zur psychologischen Selbstverteidigung benutzt haben: »Ihr könnt mich demütigen, mich verständnislos behandeln. Eines Tages wird sich mein richtiger Vater zeigen. Dann wird sich alles ändern.«

Wenn Otto solche »Spinnereien« ausgesprochen hat, mag er von manch einem ausgelacht worden sein.

»Der Kaiser sein Vater ... lächerlich. Warum nicht gleich der liebe Gott!«

Wenn solche Tagträume als Trost, als Schutz gegen die Verletzungen durch eine raue Umwelt, der man sich nicht gewachsen fühlt, helfen sollen, muss ihre Glaubwürdigkeit verstärkt werden ... durch eine Geschichte. Sie muss so glaubwürdig klingen, dass sie auch andere überzeugt. Selbst dann, wenn ihr Wahrheitsgehalt gering ist. So könnte Otto begonnen haben, Geschichten zu erfinden.

Ich stelle mir vor, einmal erzählte er die unwahrscheinliche Geschichte vom anderen Vater, vom reichen, mächtigen Mann so gut, dass sie ihm einer glaubte, dass sie jemanden beeindruckt, dass sie Otto Ansehen verleiht.

So wird ihm etwas höchst Wunderbares klar: gut Geschichten zu erzählen bedeutet, etwas Wirklichkeit werden lassen, was es vorher nur als Phantasie gegeben hat. Gewöhnlich entsteht so Literatur. Aber diese Fähigkeit taugt unter Umständen auch noch zu etwas anderem. Man kann so das Leben Wirklichkeit werden lassen, das man sich wünscht. Man nimmt einen Namen. Man erfindet zu diesem Namen Erlebnisse, Daten, Ereignisse, die die Daten miteinander verbinden. Ein anderer Mensch ist geboren. Man kann sich selbst durch diesen Vorgang unsichtbar machen. Man kann so das schützen, worauf sonst alle herumtrampeln, was sie misshandeln, beleidigen, verletzen ... wozu man, allein aus sich selbst heraus, nicht stark genug ist, um es zu bewahren: das Selbst.

Es spielt keine Rolle, ob Otto bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr diese mit dem Geschichtenerfinden verbundene Eigenschaft schon genau erkannt hat. Solche Entdeckungen vollziehen sich unter vielen Proben und Rückschlägen. Man kann eine Begabung dazu haben, aber selbst dann baut sich die Fähigkeit dazu erst langsam auf. Man wird zuerst Aufschneider, Angeber, ja Lügner genannt. Daran erkennt man, dass die Zuhörer das, was Fiktion ist, noch als solches durchschauen, dass es einem noch nicht gelungen ist, sie davon zu überzeugen, hier sei von Wirklichkeit die Rede. Man muss seine Erfindung verbessern. Die Fakten müssen glaubwürdiger gewählt werden. Die Art des Erzählens ist noch nicht raffiniert genug. Bis man dann endlich einmal den Triumph erlebt: Sie haben es geglaubt. Es ist mir gelungen, aus der Möglichkeit Tatsächlichkeit werden zu lassen. Das ist wirklich ein Triumph.

Café Altamira: die Frühzeit Mexikos

Sehen Sie, Señor, unsere indianischen Götter sind nicht tot. Das wissen wir genau. Sie geben uns Regen und Sonnenlicht, sie geben uns Mais und Blumen, ein gesundes und langes Leben.

B. Traven, Land des Frühlings

Stellen wir uns vor: Es gibt einen Mann, der einen Wunsch solcher Art hat, wie wir ihn hin und wieder alle einmal haben. Er will fort von Allem. Fort ans Ende der Welt. Dort, so meint er, könne er allem Ärger, aller Angst, aller Bedrohung entgehen. Dort, so hofft er, werde sich das Paradies auf Erden finden lassen.

Für den Mann, der sich B. Traven nannte, liegt das Paradies auf Erden in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat von Mexiko. Er wird sich am Ende seines Lebens wünschen, dass die Asche seines Leichnams über diesem Land ausgestreut werden solle. Man hat diesem Wunsch entsprochen.

Über Chiapas hat B. Traven ein ungewöhnliches Reisetagebuch verfasst. Es heißt Land des Frühlings. Das Buch ist in Deutschland zum ersten Mal 1928 und danach in einer Prachtausgabe mit zahlreichen Originalfotos 1981 bei der Büchergilde Gutenberg, dem Stammverlag Travens, wiedererschienen. Auf den ersten Seiten dieses Buches wird Chiapas beschrieben, beschrieben, wie man nur ein Traumland schildern kann:

Die gewaltigen Ruinen von Palenque, mit ihren grandiosen Überresten von Palästen und Tempeln, die Ruinen anderer untergegangener, verlassener oder vergessener uralter indianischer Städte bei Tonala, bei Ocosingo und an vielen andern Plätzen sind ein Beweis dafür, dass in Chiapas einstmals eine hochentwickelte Kultur bestand, die keinen Einfluss von Asien oder Europas aufweist und die völlig auf eigener Erde gewachsen war. Was in den Dschungeln und Urwäldern von Chiapas, unter dem überwucherten Schutt von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Bergrutschen noch der Entdeckung wartet, kann vielleicht eines Tages zu der Erkenntnis führen, dass in Chiapas die Anfänge menschlicher Zivilisation und Kultur gesucht werden müssen.

Diese Ansicht Travens wird durch die wissenschaftlichen Forschungen nicht bestätigt. Hans Helfritz schreibt in seinem Buch Amerika – Inka, Maya und Azteken:

»Nach dem Stand der heutigen Forschung können wir mit einiger Bestimmtheit sagen, dass 20.000 bis 12.000 Jahre v. Chr. jagende Nomadenstämme von Asien nach Alaska eingewandert sind. Ihr Lebensunterhalt wurde durch die Jagd auf große Tiere des Pleistozän bestimmt. Kulturell standen die paläo-asiatischen Völker etwa auf derselben Stufe wie Gruppen des höheren Paläolithikums in der Alten Welt […]. Nach dieser ersten Einwanderungswelle erschienen auf dem ganzen amerikanischen Kontinent Gruppen von Völkern, die zwar auch noch der Jagd nachgingen, sich aber mehr und mehr mit dem Sammeln von Früchten und Muscheln beschäftigten. Ihre Vertreter könnte man mit den mesolithischen Gruppen der Alten Welt vergleichen. Sie erreichten Südamerika vielleicht zwischen dem 8. und 5. Jahrhundert v. Chr.

Von 5000 bis 3000 v. Chr. erschien eine dritte asiatische Einwanderungswelle in Nordamerika. Sie gehörte einer Zivilisation an, die man die zirkumpolare genannt hat. Man glaubt in diesen Stämmen die ursprünglichen Träger der sogenannten Eskimal-Alëuten-Kultur zu erkennen und stellt sie auf die Stufe des frühen Neolithikums. Am Ende dieser Periode können wir bei dieser Gruppe den Gebrauch des Kupfers, die Herstellung von Keramik, von Geweben und Lederarbeiten und das Halten von Hunden feststellen, die den Polarhunden verwandt sind.«

In der Einführung zu Land des Frühlings merkt man, dass es sich hier um das Loblied auf eine Wahlheimat handelt, um einen Bericht, in dem Wirklichkeit, die tatsächlich phantastische Züge hat, Wunsch und Traum sich überblenden.

Chiapas wird für Traven zum irdischen Paradies, wie es wohl alle Menschen im Stillen suchen und nur wenige es finden.

In seinen Tälern und Niederungen hat der Staat durchaus tropisches Klima. Auf dem Hochland der Sierra Madre, die in zwei Armen von Westen nach Osten und von Westen nach Südosten den ganzen Staat durchzieht, ist das Klima, ähnlich dem Spätfrühling in Mitteleuropa, ziemlich beständig das ganze Jahr hindurch. Es gibt auf der Erde keine Pflanze, keine Frucht und auch kein Tier, die nicht in einem Teil dieses Staates ebenso gut gedeihen wie in ihrer Urheimat …

Auch was die Bevölkerung angeht, so hat Chiapas für Traven eine besondere Bedeutung: Es ist das Land der Indianer schlechthin:

Der Staat hat [Mitte der Zwanziger Jahre] etwa vierhunderttausend Einwohner, von denen wenigstens dreihunderttausend reinblütige Indianer sind, die ihre eigene Sprache sprechen und die in ihren eigenen Städten, Dörfern und Siedlungen wohnen, wo sie nur ihren Caciquen, Häuptling, als Bürgermeister oder Ortsvorsteher haben. Diese Indianer haben nicht nur ihre eigene Sprache erhalten, sondern sie leben auch noch nach ihren eignen uralten Sitten und Gebräuchen, die sich von den unsrigen völlig unterscheiden und die durch die Europäer und durch die katholische Religion nur wenig und nur äußerlich beeinflusst worden sind.

Im Staat Chiapas finden wir den Indianer, den Ureinwohner des Kontinents, in allen Stufen der Zivilisation.

Die Lacandonen sind völlig unzivilisiert Sie leben auf der primitivsten Stufe, sie siedeln nicht in Dörfern, bauen entweder gar keine Wohnhütten oder nur solche aus Zweigen. Die Mehrzahl der Indianer im Staate darf als halbzivilisiert betrachtet werden. Es sind die Indianer, die als Kleinlandwirte und zumeist in ihren eigenen Kommunen leben …

Hier wird klar, weswegen Traven die Indianer bewundert: Die genossenschaftlichen Formen ihres Zusammenlebens sind dem Anarchisten2 sympathisch.

Soweit Traven selbst, und nun meine Vorstellung: Ich stelle mir vor, dass es in Chiapas ein Café Altamira gibt, eine armselige Herberge, ein Blockhaus mit Vordach. Der Busch beginnt gleich gegenüber. Es ist Regenzeit, die dort gewöhnlich, wie ich von Traven weiß, von Anfang bis Ende September dauert. Ich weiß aus seinen Aufzeichnungen weiterhin, dass es auch dann nur drei Stunden ununterbrochen regnet und höchstens gegen Abend noch einmal ein heftiger Regenschauer niedergeht. Aber in jenem Jahr – es könnte doch sein! – regnet es mehr als gewöhnlich. Es hat so heftig geregnet, dass sie ihre Reise haben unterbrechen müssen. Der weiße Mann und sein Begleiter, ein Indio, sitzen, zur Untätigkeit verurteilt, in dieser primitiven Herberge, liegen vielleicht auch tagsüber in Hängematten, die langsam schaukeln, wobei die Stricke ein knarrendes Geräusch von sich geben. Durch das Bewusstsein des Weißen, der vor seinen Augen Regen rinnen sieht und dessen Körper gleichmäßig hin- und herbewegt wird, zieht als ein breiter Strom von Bildern die Geschichte jenes Landes, in das es ihn verschlagen hat.

An die Azteken denkt er, jenes Volk, das Mexico City zum ersten Mal begründete, jenes Volk, für das die Begegnung mit den »weißen Göttern« zur Katastrophe wurde.

Was war, ehe die Weißen kamen?

Zuerst lebten die Azteken, wie ihre Annalen berichten, als ein wanderndes Volk. Nach ihrem Stammeshelden nannten sie sich Mexitli und gaben so diesem ganzen Land seinen späteren Namen. Um das Jahr 1090 brachen sie aus dem »Land der weißen Farbe«, Aztlan, auf. Ganz ähnlich wie das Volk Israel, dem sein Gott ein gelobtes Land versprochen hatte, vertrauten auch die Azteken auf das Wort ihres Gottes Huitzilopochtli, am Ende aller ihrer Irrfahrten würden sie in einer ihnen vorbestimmten Heimat glücklich werden.

In den Chroniken über die Züge der Azteken werden Namen von Städten und Landschaften erwähnt, die aber nichts anders bedeuten, als dass diese Suche in alle vier Himmelsrichtungen führte. Am Ende – so wieder die mythischen Berichte – kommen die Azteken nach Tollan oder Tula, zum Weltmittelpunkt, unter dem man sich realgeschichtlich das Zentrum des zu dieser Zeit schon bestehenden Toltekenreiches vorzustellen hat. Sie empfangen dort die Gaben der höheren Kultur.

Belegbar durch archäologische Funde ist, dass die Azteken an der Zerstörung Tollans beteiligt gewesen sind und etwa zwanzig Jahre dort gelebt haben. Dann aber setzten sie ihre Wanderung fort. Sie gelangten auf das Gebirgsplateau im Inneren Mexikos, in die Hochebene Anahuac, das »Land nahe dem Wasser«. Damit war die sich dort befindende Seenplatte gemeint.

Allerdings ist diese Namensgebung erst durch die europäischen Geographen viel später erfolgt. Sie nahmen das aztekische Wort für »Meeresküste« und ordneten es dieser Hochebene voller Seen zu. Über die Wanderungen der Azteken berichten alte Bilderschriften im Codex Boturini oder im Atlas Goupil-Boban, wie die fachmännischen Bezeichnungen für diese Manuskripte lauten. Sie beschreiben die Zeit von der letzten Sintflut bis zur Gründung der Hauptstadt des späteren Aztekenreiches in Tenochtitlan. In einer Schrift wird der Ort dieser Stadt als ein hoher Berg dargestellt, der aus dem Wasser aufragt. In einer anderen sieht man an diesem Ort einen Altar. In einer Höhle am Fuß des Berges gibt Huitzilopochtli Hinweise über den weiteren Verlauf der Reise. Und eine Zahl, die sich auf dem Bild findet, ermöglicht wieder eine historische Zuordnung dieses Ereignisses. Es könnte 1168 stattgefunden haben. Die Strapazen der Wandernden hatten zunächst noch kein Ende.

Am »Berg der Heuschrecken« liefern sie sich mit den Nachkommen der Tolteken eine Schlacht. Sie werden besiegt und danach versklavt. Da sie sich als Krieger Verdienste erwerben – man vermutet, dass sie eine ihren Herren unbekannte Kriegs- oder Waffentechnik gekannt haben –, erhalten sie schließlich die Freiheit zurück und nehmen danach ihre Wanderungen über die Hochebene wieder auf. Sie erreichen die Inseln der Seenplatte. Dann vollzieht sich auf einer Insel im Texcoco-See ein orakelhaftes Ereignis:

»Hier gewahrten sie einen Adler von außergewöhnlicher Größe und Schönheit, der auf einem Feigenkaktus saß. Seine Flügel waren gegen die aufgehende Sonne hin entfaltet, und in seinen Krallen hielt er eine Schlange. In dieser Erscheinung glaubten die Azteken das Zeichen des Himmels zu erblicken und legten daher dort den Grundstein zu ihrer künftigen Hauptstadt Tenochtitlan. Es ist derselbe Platz, den heute das Zentrum der Stadt Mexico einnimmt.«

Zunächst dürfte sich an der Stelle in den Jahren zwischen 1325 und 1370 ein recht bescheidener Altar aus Binsen und Blättern, geschmückt mit den Abzeichen des Schutzgottes Huitzilopochtli, gestanden haben.

Sehr schnell aber entwickelte sich eine blühende Stadt. Voraussetzung dazu war eine agrarkulturelle Großtat: die Anlage der »Chinampas« oder der »schwimmenden Gärten«.

»Zunächst wurden rechteckige Flöße aus Flechtwerk und Schilf gebaut, auf die man etwa 1 Meter hoch schwarze Erde häufte. Hierauf legte man wieder eine Schicht Flechtwerk und Schilf, dann wieder Erde und so fort, bis die Flöße eine Höhe von 3 bis 5 Metern erreicht hatten. Nun konnte man sie bepflanzen, zunächst mit Gras und Schilf und an den Rändern mit Weiden, die dem Ganzen Halt gaben. Nach etwa vier Jahren haben diese kleinen schwimmenden Inseln durch die ständige Berieselung und Düngung mit immer wieder neu aufgetragenem Schlamm so viel an Boden gewonnen, dass man auf ihnen alle Arten von Gemüse und Blumen ziehen und sogar leichte kleine Strohhütten, Chinanales, errichten konnte.«

Der kulturelle Sprung, den die Azteken taten, ist erstaunlich. Innerhalb von zwei oder drei Jahrhunderten scheinen sie von primitiven Jägern zu Ackerbauern und Stadtbewohnern geworden zu sein, wobei sie allerdings von früheren Kulturvölkern, den Teotihuakanern und den Tolteken viele Errungenschaften übernahmen, um aber danach alle Spuren dieser Einflüsse sorgfältig zu verwischen. Es wäre möglich, dass die Vernichtung der Staatsarchive unter dem Aztekenkönig Itzcoatl im 15. Jahrhundert eben zu diesem Zweck geschah.

Eine weitere wichtige, machtpolitische Grundlage für den raschen und strahlenden Aufstieg des Aztekenreiches war der Bund der Staaten von Mexiko (der Azteken), von Texcoco und Tlocopan. Sie hatten vereinbart, sich in Kriegen gegenseitig zu unterstützen, und die Beute jeweils gerecht untereinander aufzuteilen.

Recht bald führten Wohlstand, Sicherheit und kulturelle Fertigkeiten im Aztekenreich dazu, dass die Bevölkerung beträchtlich zunahm. Das Reich weitete sich bis zum Atlantischen und Stillen Ozean und bis in den Bereich der heutigen Länder Guatemala und Nicaragua hin aus. Die in Kriegen eroberten Gebiete wurden dem Kernland nie einverleibt, sondern mit Hilfe starker Garnisonen besetzt gehalten.

Im Reich selbst gab es einerseits eine kleine Elite, zu der Krieger, Priester und Beamte gehörten, die sehr aufwendig und komfortabel lebten. Im Schatten standen die Bauern, die in ihren Stroh- und Lehmhütten inmitten von Maisfeldern und Agavenpflanzungen auch damals ein eher bescheidenes Dasein führten, aber das anspruchsvolle Leben der Oberschicht möglich machten.

Allerdings war es auch genau diese Schicht der Bauern, die den Untergang des Reiches nach dem Eindringen der Spanier relativ unbehelligt überstand.

Es ist erstaunlich, dass ein so großes, kulturell differenziertes Reich wie das der Azteken praktisch ohne Geld auskam. Die Steuern wurden in Naturalien erhoben, über ihre Einziehung, die jährlich, in manchen Gegenden sogar alle 80 Tage stattfand, wachten an jedem Ort Beamte, über ein gutausgebautes Straßennetz liefen nicht nur diese Einnahmen ins Zentrum des Landes, über sie trugen Kuriere auch Nachrichten über alle wichtigen Vorkommnisse nach Tenochtitlan. »Alle zwei Meilen war eine Post-Station, Techialoyan genannt. Ein Eilbote lief mit seinen Depeschen, die in der Form von hieroglyphischen Bilderbogen angefertigt waren, bis zur ersten Station. Dort wurden sie von einem anderen Eilboten in Empfang genommen und von ihm zur nächsten Station weiterbefördert. Auf diese Weise durcheilten die Nachrichten mit unglaublicher Schnelligkeit das Land. Besonders gut scheint das Stafettensystem auf dem Weg von der atlantischen Küste zur Hauptstadt funktioniert zu haben, denn schon wenige Tage, nachdem die Schiffe des Cortes auf der Reede des heutigen Veracruz Anker geworfen hatten, traf die erste Gesandtschaft Moctezumas (Montezuma ist die spanische Schreibweise des Namens) aus der 450 Kilometer entfernt gelegenen Hauptstadt bei Cortes ein und überreichte ihm Gastgeschenke. Zusammen mit der Gesandtschaft kamen auch Leute, deren Aufgabe es war, von allem, was sie dort bei den fremden Ankömmlingen sahen, Bilderbogen anzufertigen; es waren die ›Bildreporter Moctezumas‹.«

Sehr leicht ist es den nach Amerika kommenden Spaniern gefallen, die Religion der Azteken und der mit ihnen in einem kulturellen Zusammenhang stehenden Nachbarvölker als unmenschlich und grausam in Verruf zu bringen und daraus eine Berechtigung für die Unterwerfung und Kolonialisierung dieser Gebiete abzuleiten. Betrachtet man die Religion der Azteken unvoreingenommen, so kommt man zu einem wesentlich anderen Bild. Bei allem, was man über diese Religion hört, und was einem zunächst vielleicht befremdlich erscheint, sollte man sich des Satzes von George C. Vaillant erinnern:

»Die aztekische Religion erwuchs aus der Begegnung mit den Naturkräften, aus der Furcht vor ihnen und aus dem Versuch, sie in Grenzen zu halten.«

Unser immer nur von der Sichtweite des Christentums und Europas als Mittelpunkt der Welt ausgehendes Denken macht in der Beurteilung dessen, was grausam und barbarisch sei, merkwürdige Unterschiede.

Die Menschenopfer der Azteken werden ohne weiteres als primitiv und barbarisch eingestuft. Wenn aber im Alten Testament in frühester Zeit ebenfalls von Menschenopfern die Rede ist (Abraham/Isaak), wird dies als besonders intensive Form der Gottesliebe interpretiert.

Eine besondere Bedeutung in den religiösen Vorstellungen der Azteken spielte der Mythos von der mehrmaligen Zerstörung und Neuschaffung der Welt, was bestimmt mit den in der Umwelt beobachteten Naturgewalten (Vulkane, Wirbelstürme etc.) zusammenhängt.

Dieser Mythos wiederum, der beispielsweise auch auf dem im Haupttempel Tenochtitlans gefundenen Kalenderstein angedeutet wird, führte zu einer besonderen Entwicklung der Astronomie und des Zahlenwesens.

Die Entstehung der Welt erklärten die Azteken mit einem »allgegenwärtigen Gott, der alle Gedanken kennt«. Er war aber so groß, so gewaltig, so allmächtig und wunderbar, dass er vom Menschengeist nicht gedacht werden konnte. Wohl auch, um den verschiedenen Naturerscheinungen gerecht zu werden, erfand man sich dreizehn Hauptgötter und mehr als zweihundert Götter niederen Ranges. Der Wichtigste unter allen war zweifellos Huitzilopochtli, ein Kriegsgott, der sich den Menschen als Kolibri zeigte und mit der Stimme eines Kolibris zu ihnen sprach. Von seiner Vogelgestalt her meinte man darauf schließen zu können, dass es sich ursprünglich um einen mächtigen Häuptling mit einem Tanzmantel oder einem Kopfschmuck aus dem Federkleid dieses Vogels handelte, der schließlich zum Gott erhoben wurde. Als Kriegsgott ist Huitzilopochtli der Sohn der Sonne, der Morgenstern, der seine feindliche Schwester, den Mond, besiegt und das Heer der Sterne vor sich hertreibt. Die Seelen der gefallenen Krieger und der Geopferten aber werden zu Kriegern im Heer der Sterne. Der Mond hingegen ist Urbild der weiblichen Seele und Ort ihrer Rückkehr nach dem Tod des Menschen.

Neben Huitzilopochtli steht Tezcatlipoca oder »der rauchende Spiegel«.

Man könnte sagen, er sei das Böse, auch als ein Doppelgänger Huitzilopochtlis, als Verkörperung des Nachthimmels, des Winters und der Himmelsrichtung Norden. Jedenfalls befürchtete man immer, dass er Verbrechen begehe, die die kosmologische Ordnung entscheidend störe. Deswegen wurde ihm einmal im Jahr der schönste gefangene Krieger geopfert. Angeblich waren seit Anfang der Welt die Götter darum besorgt, den Durst der Sonne mit Blut zu stillen, weil sie sonst das Land verbrennen würde.

Wichtig ist, dass die Azteken Tezcatlipoca und auch ihren anderen Göttern ursprünglich nur Tieropfer, vor allem Hunde und Wachteln darbrachten. Die Menschenopfer – vom Opfer selbst angeblich nicht als Grausamkeit empfunden – kamen erst zweihundert Jahre vor dem Einfall der Spanier auf. Ihre Einführung scheint im ursächlichen Zusammenhang mit der Ausweitung des Reiches gestanden zu haben.

Je größer die Macht der Menschen auf Erden war, desto machtvoller im magischen Sinn mussten auch die Opfer werden. Zuerst waren es jeweils immer nur einzelne Menschenopfer. Die Chronisten berichten später von 20.000 Menschenopfern in einem Jahr, und 1486 sollen bei der Einweihung eines Tempels zu Ehren Huitzilopochtlis sogar 70.000 Menschen ihr Leben gelassen haben.

Man könnte sagen, dass die eigenen Taten und das Verlangen nach Macht Angst vor dem Zorn der Götter hervorriefen. Dies sollte dadurch wiedergutgemacht werden, indem man etwas sehr Wichtiges und Wertvolles an die Götter hingab.

Für eine solche Deutung spricht übrigens auch, dass der beim Großen Opferfest Getötete ein Jahr gehätschelt, verwöhnt, geschmückt, ja regelrecht verehrt wurde.

Überhöhte Besteuerung der Vasallenprovinzen und eine sich immer mehr ins Irrsinnige steigernde Ausweitung der Menschenopfer, sowie eine zunehmende Ausweitung der Rituale gehören bestimmt mit zu den Voraussetzungen für den raschen Sturz des Aztekenreiches nach Eintreffen der Spanier.

Dabei spielte nun die Mythen um eine Gestalt eine wichtige Rolle, deren Wesen und Bedeutung noch heute viele Geheimnisse umgibt, während sie andererseits über den Zusammenbruch des Aztekenreiches hinaus Symbolgestalt indianischen Bewusstseins in Mexiko geblieben ist: Quetzalcoatl.

Bei den Azteken ist er ein Wind- und Regengott. Er verkörperte den Vegetationszyklus. Aber es lässt sich schwer ausmachen, ob da erst ein mächtiger König, ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten war, der eben deswegen als göttlich verehrt wurde, oder ob sich ein König der Gestalt oder Maske eines Gottes zur Verstärkung der eigenen Macht und Würde bediente.

Quetzalcoatl taucht schon bei dem zeitlich früheren Volk, bei den Tolteken auf und wird dort auf mythische Weise mit der Gründung der Hauptstadt Tollan in Verbindung gebracht:

»Im Jahr 1 Rohr wurde Ce Acatl Topiltzin, der Priester (1 Rohr Federschlange) geboren, der sich Quetzalcoatl nannte. Und es heißt, dass seine Mutter eine Frau namens Chimalman war. Und so, sagt man, kam Quetzalcoatl in den Schoß seiner Mutter: indem sie einen großen, herrlichen grünen Türkis verschluckte.«

Dieser Mann wird also zum Priesterkönig und zum mythischen Begründer des Toltekenreiches. Seine Ausbildung in der Jugend erhält er in der Priesterschule von Xochicalco, wo man den damals in Mexiko noch ziemlich unbekannten Regengott verehrte.

Er ist es, der Tula oder Tollan gegen beträchtliche Widerstände zur Hauptstadt des Toltekenreiches macht, dessen fünfter Herrscher er gewesen ist.

Historisch setzt man seine Regierungszeit auf 947 bis 999 n. Chr. an, so steht es in der Chronik der Königreiche, und für die Richtigkeit dieser Angabe spricht dass auf einer bildlichen Darstellung Quetzalcoatls sich die Datierung 8 Feuerstein = 980 n. Chr. Findet. Um das Jahr 1000 scheint der heilige König der Tolteken von Feinden oder Widersachern gestürzt worden zu sein. Er konnte entkommen und gelangte auf die Halbinsel Yukatan zu den Mayas, die ihn aufnahmen und verehrten. Die Verschmelzung toltekischer Kunst- und Architekturstile mit denen der Mayas, die sich um diese Zeit vollzieht, könnte hier ihre Wurzeln haben.

Anderen Berichten zufolge wurde der tugendhafte Priesterkönig von Dämonen zur Sünde verführt. Er vernachlässigte seine religiösen Pflichten und verließ, als er seine Verfehlungen erkannte, voll Trauer mit seinem Gefolge die Königsstadt Tollan. Sahagun schildert die Flucht Quetzalcoatls folgendermaßen: »Alle Häuser aus Muschelschalen und Silber, die er besaß, ließ er zerstören, ehe er ging ... Die Tropenbäume verwandelte er in Dornenakazien, und die Tropenvögel ließ er davonfliegen ... Auf seinem Weg ruhte er auf einem Stein sitzend aus. Hände und Füße drückten sich in den Felsen ab – er nannte den Ort Temacpalco. Nach Tollan zurückblickend, musste er weinen. Auf seinem weiten Zug kam er durch die Gegend des Schneegebirges; da starben seine Diener, Bucklige und Zwerge, vor Kälte. Traurig weinte er und stimmte Trauergesänge an. Er blickte in die Ferne zum Schneegebirge Poyauhtecatl bei Tecamachalco (womit der Pico de Orizaba gemeint ist). Endlich am Ufer des Meeres angelangt, ließ er Coatlapechtli, ein ›Schlangenfloß‹, bauen. Darin sitzend wie in einem Schiff, fuhr er über das Meer; niemand weiß, wie er nach Tlapallan, dem ›Land der Morgenröte‹ kam.«

»Danach«, schreibt Hans Helfritz, »verliert sich die Gestalt Quetzalcoatls in einem unentwirrbaren Durcheinander von Mythos und Geschichte. Immer wieder taucht jedoch die Sage auf, dass Quetzalcoatl eines Tages hier als Gott zurückkehren werde.«

Mehr über das Gottwesen Quetzalcoatls erfahren wir in dem Buch von Jose Lopez Portillo. Dort heißt es:

»... er ist Gott der Vorsehung, der Ernährung ... ist Herr der Morgenröte, stellt das Gleichgewicht zwischen Geist und Materie her, ist Herr der Buße. Doch über all seine mythischen Taten ragt jene heraus, mit der Quetzalcoatl nach der vierten Zerstörung der Welt die Menschheit neu erschuf.

Die Götter fürchteten sich vor einer unbewohnten Erde. Wie in allen Religionsmythologien brauchten die Götter den Kult der Menschen. In diesem Mythos wird ein Kampf zwischen Leben und Tod begonnen. Als Quetzalcoatl in die Unterwelt hinabsteigt, um die Menschheit neu zu schaffen, stellt sich Mictlantecuhtli diesem Vorhaben entgegen und erschwert die Aufgabe Quetzalcoatls. Zuerst stellt er ihn auf die Probe und gibt ihm eine Spiralmuschel zu blasen, welche keine Löcher aufweist. Würmer, Bienen und Hummeln eilen Quetzalcoatl zu Hilfe. Als er die kostbaren Knochen in seinen Besitz gebracht hat, fällt er in ein Loch, eine Falle, welche Mictlantecuhtli hatte graben lassen. Die Knochen werden zerstreut und untereinandergeworfen und von Wachteln angepickt. Xolotl, sein Zwillingsbruder oder Nahual, hilft ihm, nach kurzem Tod und Wiederauferstehung nach Tamoanchen zu gelangen. Quilaztli, eine irdische Gottheit, mahlt die Knochen, und Quetzalcoatl tut Buße, indem er sein männliches Glied über ihnen ausbluten lässt; auf diese Art erschafft er die Macehuale. Seinem Beispiel folgen auch alle anderen Götter, welche bereits in Teotihuacan Opfer dargebracht hatten, um die Sonne und den Mond zu schaffen; nun sühnen sie, um die Menschen zu verdienen. So beginnt das Leben in der Fünften Sonne, und aus den genannten Gründen wird der gewöhnliche Mensch Macehualli genannt, was heißt ›der, welcher durch das Opfer [der Götter] verdient wurde‹.«

Damit erweist sich die Funktion Quetzalcoatls als eine ganz ähnliche wie die von Jesus im jüdisch-christlichen Religionszusammenhang. Man begreift damit besser, in welche Aufregungen, Schwierigkeiten und Zweifel die Ankunft Cortes, den die Azteken für Quetzalcoatl hielten, diese gestürzt haben mag.

Die Situation ist durchaus jener vergleichbar, die entstehen würde, wenn in unsere Welt der abermals auferstandene Christus käme. Indem Quetzalcoatl mit der Erschaffung der jetzigen Menschen verbunden ist, die er durch Selbstopfer erreicht hat, klärt sich einmal die Bedeutung der Menschenopfer, und man sieht diese in einem nicht mehr so grausamen Licht. Wie sich der Gott für die Menschen opferte, will sich der Mensch für den Gott opfern.

Darüber hinaus wird auch verständlich, warum, über die Katastrophe des Untergangs des Aztekenreiches hinaus, gerade diese mythologische Gestalt in der Volkstradition und Folklore Mexikos weitergelebt hat. Sie hat mit dem Beginn der indianischen Welt zu tun. Sie steht für einen der wichtigsten religiösen Bezüge dieses Kulturkreises.

Der Mann, der in der Hängematte im Café Altamira liegt, der Mann, dem die Bilder aus der frühen Geschichte jenes Landes durch den Kopf gehen, in das er entflohen ist, um vergessen zu werden und das Paradies zu suchen, kennt das Argument, dass die Spanier nur deshalb Mexiko erobern konnten, weil sie mit ihren Musketen und Feldschlangen das überlegene Waffensystem besaßen.

Aber haben die Waffen wirklich alles entschieden? Wenn ihn diese Frage nicht loslässt, so deshalb, weil hinter ihr eine andere Frage steht, die ihn seit Langem beschäftigt: Wer siegt im Lauf der Geschichte? Wer geht unter? Wer überlebt? Nach welchen Gesetzmäßigkeiten regeln sich Überleben oder Untergang?

Es fallen ihm Sätze ein, die er kürzlich gelesen hat »Wenn die Azteken auch nicht selten überraschend aus dem Hinterhalt zuschlugen, so hielten sie sich doch an die altüberlieferten Kriegsregeln, und wenn sie Verträge schlossen, so hielten sie sich auch daran. Den Spaniern aber, die einen ›totalen Krieg‹ führten, war jedes Mittel recht.

Sie kannten keine Gnade und keine Duldung einer fremden Religion; für sie gab es nur eine einzige Religion, die Religion ihres Kaisers Karl V. ›Die Mexikaner unterlagen‹, sagte Jacques Soustelle, ›weil ihr Denken, das auf politischem und religiösem Gebiet einer überlieferten Vielheit gehorchte, einem Kampf gegen die Dogmatik der staatlichen und religiösen Einheit nicht gewachsen war.‹«

Der Schauspieler

... ein Wahlrecht, dass demjenigen Mann, der eine oder zwanzig große Zeitungen besitzt oder sich die Mühe macht, einige Millionen geschickt abgefasster Flugblätter drucken und verbreiten zu lassen, die Möglichkeit bietet, soviel Einfluss auf die Wahl zu gewinnen, als er nur immer mag. Ein Wahlrecht, das den Beichtstuhl und die Kanzel, das Ehebett und das Sterbelager zu politischen Propaganda-Zwecken gebrauchen lässt, ist in der Tat das freieste Wahlrecht der Welt.

B. Traven, Im freiesten Staate der Welt

Zurück durch die Zeit. Zurück durch den Raum. Zurück aus der Provinz Chiapas nach Wallensen in Niedersachsen, in die gute Stube der Familie Feige.

Aus dem Militärdienst heimgekehrt, hat sich dort der älteste Sohn eingerichtet. Er ist völlig verändert. Er bekennt sich plötzlich zu einer sehr radikalen Form des Sozialismus3. Oder war es gar Anarchismus? Durch seine Geschwister, die fast achtzig Jahre später glaubhaft über sein plötzlich erwachtes Interesse an Politik berichten, wissen wir um die Spannungen in der Familie, die sich dadurch ergaben. Wir wissen gar nichts darüber, wie es zu dieser Radikalisierung bei ihm gekommen ist.

Vermutungen sind möglich: Die Wut über den Drill und den Schliff bei den »Preußen«, also beim Militär; die Begegnung mit einem Menschen, der Eindruck auf ihn gemacht hat und ihm solche Gedanken nahebrachte, könnten der Anlass gewesen sein. Vielleicht aber ist er auch in einem Buch darauf gestoßen. Denkbar auch, dass die Aktionen der Anarchisten in Frankreich, die »Politik der Tat«, von der er in jeder Tageszeitung hätte lesen können, ihn begeisterten und mitrissen.

Nun klebt er Plakate an die Wände der guten Stube, und auf dem Buffet stapeln sich Flugblätter. Er nimmt keine Arbeit an, stattdessen probt er Reden. Die Arbeiter müssen über die Ausbeutung durch die Fabrikherren aufgeklärt werden.

Die Arbeiter haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, aber eine Welt zu gewinnen. [ ... ] Der Arbeiter muss eines Tages die politische Gewalt ergreifen, um die neue Organisation der Arbeit aufzubauen; er muss die alte Politik, die die alten Institutionen aufrechterhält, umstürzen, wenn er nicht, wie die alten Christen, die das vernachlässigt und verachtet haben, des Himmelreichs auf Erden verlustig gehen will ... Gewalt ist es, an die man eines Tages appellieren muss, um die Herrschaft der Arbeit zu errichten.

Solche Sätze kommen in den Reden vor, die er übt. Die Eltern und Geschwister lauschen hinter der geschlossenen Tür, und was sie da hören, verstört sie beträchtlich. Was ist nur aus ihrem Otto geworden? Wer hat dem Jungen dieses rote Gift in die Hirnwindungen gespritzt? Kaum hat man einigermaßen sein Auskommen, ist gesichert gegen Krankheit und Alter, da muss dies geschehen. Wenn er noch wenigstens ein Sozi wäre. Die Sozialistengesetze, die die Partei in die Illegalität zwangen, sind 1890 aufgehoben worden. Dass man sozialdemokratisch wählt, dafür hätten zumindest die Landarbeiter in Wallensen noch Verständnis. Aber ihr Otto ist ja einer, der vor Gewalt nicht zurückschreckt. In seinen Reden kommt auch der Satz vor: »Dem guten Willen die offene Hand, dem schlechten die Faust.« Er findet die Sozialdemokratie, die auf parlamentarischem Weg Reformen anstrebt, zu zahm. Von ihm kann man hören, dass die Sozialdemokratie ein Papsttum züchte, schlimmer als die katholische Kirche.

»Kannst du dich nicht ein bisschen mäßigen, Junge«, bittet die Mutter, »wir werden in Verruf kommen, wenn das so weitergeht. Und immer diese Zänkereien mit Vater beim Abendbrot. Es hat doch nun mal keinen Zweck. Du wirst ihn nicht überzeugen. Und er dich nicht. Und die Welt ist auch immer noch die gleiche, seit sie Gott geschaffen hat.«

Er liest ihr als Antwort ein Zitat vor, das von seinem Lieblingsdichter Shelley stammt, ein Zitat, mit dem die biedere Frau wohl nicht viel anfangen konnte:

»Kein Gesetz hat das Recht, die Menschen abzuschrecken, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zu üben. Der Mensch soll die Wahrheit sprechen, bei welcher Gelegenheit auch immer. Eine Pflicht kann niemals ein Verbrechen sein; und was nicht verbrecherisch ist, kann folgerichtig auch nicht schädlich sein.«

Er war doch immer still, schüchtern, unauffällig – aber lass ihn reden oder schreiben, und plötzlich wird er frech, aufsässig, rücksichtslos und ungebärdig. Er denkt nicht daran, seine Ansichten zu verbergen. Es macht ihm ausgesprochenen Spaß, die Familie und seine Umgebung damit zu schockieren. Ein wenig ist es auch die Rache dafür, dass man ihn um die Chance gebracht hat, aufs Gymnasium und danach auf die Universität zu gehen. Der Vater sagt eines Tages: »So geht das nicht weiter. Solange du die Füße noch unter unseren Tisch streckst, hast du dich anständig zu benehmen.«

»Und was ist anständig, lieber Vater?«, fragt Otto. »Ist es etwa anständig, eine Frau für drei Monate ins Gefängnis zu schicken, nur weil sie behauptet hat, der deutsche Kaiser wisse wenig davon, wie ein Arbeiter lebe?«

»Lass den hohen Herrn aus dem Spiel!«

Otto schießt der Gedanke durch den Kopf, dass dieser hohe Herr vielleicht sein Vater ist. Nein, das kann nicht sein. So ein Scheißkerl ist nicht sein Vater, darf nicht sein Vater sein. Er verbittet sich das. Und dann fällt ihm ein, dass niemand sich seinen Vater aussuchen kann. Er muss grinsen. Das reizt Adolf Feige. Er springt plötzlich auf, haut die Faust auf den Tisch. Er nennt Otto einen Tagedieb, einen Faulenzer, einen Schmarotzer, einen vaterlandslosen Gesellen und was nicht alles noch. Adolf Feige stellt seinem Sohn ein Ultimatum:

»Entweder du hast dir bis nächste Woche eine Arbeit gesucht, oder ich werde deinen Krempel eigenhändig raus auf die Gass' werfen.«

»Ich gehe schon von allein«, sagt Otto, »und du kannst gewiss sein: Für immer!«

Das nimmt niemand ernst. Am nächsten Morgen ist Otto verschwunden. Er hat, wie sich später herausstellt, alles Geld von seinem Sparbuch abgehoben. Er hat seinen Koffer gepackt, den er während seiner Militärzeit gekauft hat.

»Wenn er nichts mehr zu fressen hat, wird er schon wieder heimkriechen, der Lauser«, sagt der Vater grob. »Das glaube ich nicht«, wagte die Mutter zu erwidern, »dazu ist er viel zu stolz.«

»Stolz würde ich das nicht nennen ... hochnäsig ... hat ja immer gemeint, er sei was Besseres. Und du und deine Leut ihr habt ihn auch noch darin bestärkt.«

»Und du und seine Geschwister ... ihr habt, seitdem er bei uns ist, immer auf ihm herumgehackt. Das hat auch alles noch schlimmer werden lassen.«

Otto kommt nicht zurück. Sie werden sich nach ihm umgehört haben, nachdem ihre erste Wut verraucht war. Bei ihrem engen Familienzusammenhang müssen sie erklären, warum Otto an diesem Geburtstag oder jener Hochzeit nicht teilnimmt.

Es gibt ein Bild von der Silberhochzeit der Eltern. Da hat man einfach einen anderen jungen Mann mitfotografiert, dem den Kopf abgeschnitten, und Ottos Kopf auf diesen Hals gesetzt. Otto selbst finden sie nicht.

Zum ersten Mal in seinem Leben hat er es verstanden, sich unauffindbar zu machen. Was er treibt, wovon er lebt, wie er sich durchschlägt, ist ein Rätsel.

Niemand hat es je in Erfahrung bringen können.

Er selbst hat später nur Andeutungen gemacht. Er habe als Agitator unter den Arbeitern im Ruhrgebiet gelebt und sei von dem kompromisslerhaften Verhalten der Sozialdemokratischen Partei schwer enttäuscht worden.

Nach den Erfahrungen der Revolution 1918, nachdem die Räteherrschaft im Freistaate Bayern und der sogenannte Spartakusaufstandes4 in Berlin durch die von einer sozialdemokratischen Regierung herbeigerufenen Freikorpsverbände niedergeschlagen wurden, wird er schreiben:

Der freiste Staat der Welt in der Tat: Wucherer und Schieber, Raubmörder und Mörder von Revolutionären leben in Wonne und Wollust. Arbeiter und Revolutionäre werden hingeschlachtet, in Gefängnissen und Zuchthäusern gemartert. Dass es einmal so kommen würde, wenn die Sozialdemokraten die Macht hätten, habe ich sozialdemokratischen Arbeitern bereits im Jahr 1905 gesagt.

Wenn das stimmt, und man traut ihm solche Äußerungen durchaus zu, dann sind die Folgen vorstellbar.

Ist er als Agitator dieser Partei oder einer Gewerkschaft aufgetreten, so dürfte ihn nach der Familie nun auch noch die Partei hinausgeworfen haben.

Eine Kommunistische Partei gibt es damals in Deutschland nicht. Es gibt einen linken Flügel, eine kleine Gruppe innerhalb der Sozialdemokratie, die dem Revisionismus, wie ihn Eduard Bernstein Ende des Jahrhunderts vorgeschlagen hat, energischer widerspricht als die Mehrheit der Partei, ein Grüppchen von Männern und Frauen, das unter Umständen mit Massenstreiks die bürgerliche Gesellschaftsordnung umstürzen will, wie das eben in diesen Jahren im zaristischen Russland versucht worden ist, eine Gruppe, die entschieden jedem Militarismus und allen Rüstungsprogrammen entgegentritt. Und sie haben es schwer, diese Männer und Frauen. Schwer auch mit den eigenen Genossen. Eine wichtige Persönlichkeit auf diesem Flügel der Partei ist Rosa Luxemburg, die sich allerdings zu diesem Zeitpunkt in Warschau in Haft befindet. Sie hat geholfen, die Revolution von 1905 vorzubereiten und ist festgenommen worden. Die deutsche Sozialdemokratie wird sie freikaufen.

Es fällt schwer, sich Otto Feige, der sich nun bald »Ret Marut« nennen wird, als linientreues, dem Revisionismus zuneigendes Parteimitglied vorzustellen. Aber bei aller Radikalität seiner Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus wird er auch immer ein eifriger Verteidiger der Rechte des Individuums sein. Er wird klar zu machen wissen, dass der Sowjetkommunismus mit seinem Gesellschaftsideal wenig zu tun hat. Im Grunde kritisiert er schon sehr früh, zunächst im Rahmen der bürgerlich-monarchistischen Gesellschaft, eine Form der Herrschaft, die später gerade in sozialistischen Staaten zu den fürchterlichsten Auswüchsen führt: die Bürokratie. Er widersetzt sich »der entsetzlichen Angewohnheit, alles … in ein Register einzutragen, in eine Rubrik zu bringen«. Verlogenheit empört ihn, Heuchelei ebenso.

Standesdünkel, die sinnlosen Kriege der imperialistischen Mächte, die das Lebensglück einfacher Menschen zerstören; die wahnwitzige Gewohnheit, Glück oder Unglück des Menschen von einem Stück Papier oder einem Stempel abhängig zu machen.

Hier muss nun auf einige Schriftsteller und einen Philosophen hingewiesen werden, mit deren Werken Otto Feige bzw. Ret Marut in dieser Zeit in Berührung gekommen ist. Da ist vor allem der Philosoph Max Stirner mit seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum. Um besser Widerstand gegen Zeitgeist und Gesellschaft leisten zu können, wird darin dem Menschen geraten, ein Doppelleben zu führen: Als registrierte Person soll er sich untergehen lassen, für die Öffentlichkeit tot sein. Hinter der Maske eines Pseudonyms, die ihn tarnt und schützt, soll er die Position des »Empörers« um so entschiedener vertreten.

Ein anderer Gedanke knüpft sich an die geometrische Figur der Spirale. Das Leben ist eine Folge von Toden und Auferstehungen. Man muss untergehen, um sich in Wahrheit zu erfahren. Man muss sterben, um lebendig zu werden. Oder, um Stirner wörtlich zu zitieren: »Die Wahrheit besteht in nichts anderem als in dem Offenbaren seiner selbst«, (man könnte auch sagen der eigenen Identität) »die Befreiung von allem Fremdem, die äußerste Abstraktion oder Entledigung von aller Autorität, die wiedergewonnene Naivität.«

Es ist hier nicht die Frage, wie originell diese Philosophie ist, und was sich für oder gegen sie sagen lässt. In unserem Zusammenhang ist entscheidend, dass sie doch offenbar auf eine ganze Anzahl von Schriftstellern auf der Schwelle zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert beträchtlichen Eindruck gemacht hat. Romain Rolland greift in seinem großen Entwicklungsroman Johann Christof solche Gedanken auf, wenn er in der Einleitung zum letzten Band schreibt: »... was meine Seele war, ich werfe sie hinter mich wie eine leere Hülle. Das Leben ist eine Folge von Toden und Auferstehungen. Lass uns sterben, Christof, auf dass wir wiedergeboren werden.«

Der anarchistische Schriftsteller und Philosoph Dr. Ernst Samuel publiziert unter dem aus einem Anagramm gebildeten Pseudonym Anselm Ruest. Ein Verwandter von ihm, Salomo Friedlaender, der heute gerade wieder als Autor von phantastischen Kunstmärchen bekannt wird, dreht einfach das Wort »anonym« um und nennt sich Mynona. Gustav Landauer benutzt für frühe Arbeiten den Decknamen »Kaspar Schmidt«, bei dem es sich nun wiederum um den bürgerlichen Namen von Max Stirner selbst handelt. Inwieweit auch Tucholskys zahlreiche Pseudonyme – sieben an der Zahl – unter denen er in der Weltbühne schrieb, solche Wurzeln haben, wäre zu untersuchen. Fragt man sich ganz allgemein nach dem Grund für diese Lust am Pseudonym, so gibt darauf Rolf Recknagel in der Einleitung zu B. Traven/Ret Maruts Frühwerk eine meiner Ansicht nach sehr einleuchtende Antwort: »All diese Autoren«, so schreibt er, »gerieten meist als Jugendliche in krassen Widerspruch zu ihrem Elternhaus einschließlich der ganzen Sippschaft und Klasse. Sie brachen aus, entschwanden hinter Decknamen für ihre Attacken ...«. Hinzuzufügen ist höchstens noch, dass vielen – und unter ihnen auch Otto Feige/Ret Marut – das Land, in das sie hineingeboren waren, Deutschland, zuwider war:

Könnte ich doch nur ein Fremdstämmiger werden, um keine Blutgemeinschaft mit diesem ... Deutschland mehr zu besitzen.

Und es entspricht nun gewiss auch der literarischen Zeitströmung des Expressionismus, wenn man die ganze alte Welt als dem Untergang geweiht ansieht und Hoffnung nur in einer neuen Welt zu sein scheint, in die man aufbrechen will, um neu geboren zu werden.

»Rettung kommt durch Fragen und Suchen und Wandern! Deshalb lasst uns dorthin wandern, wo Wahrheit, Weisheit, Errettung und Licht ist.«

Und ab er so gesprochen hatte, brach er auf in ein fernes Land noch am selben Abend.

In diesem Zusammenhang ist dann auch die Wahl des Pseudonyms »Marut« zu verstehen. Die Marut (Plural) kommen in den altindischen Gesängen des Rigveda vor. »Sie treten auf als Sturmwesen, welche die Wolken lockern und weichmachen; sie sind Rudras Genossen beim Sieg über die Dämonen ... ihren Ursprung weiß keiner; nur sie allein wissen um ihren Geburtsort untereinander. Mit Schwingen bedecken sie einer den anderen und kämpfen zusammen.« (Max Schmid)

Bilder der Anonymität und der Solidarität sind also in Ottos neuem Namen verbunden. Es ist, als ob dieser Name ausdrücken solle: Ich will einer von jenen Empörern sein, die sich mit einem Pseudonym vermummen, um wirksamer kämpfen zu können.

Nach drei Jahren, die im Dunkel liegen, und die Otto als politischer Agitator, auf jeden Fall aber unter höchst unsicheren und schwierigen materiellen Verhältnissen verbracht hat, taucht er unter dem Namen Ret Marut und als Schauspieler wieder auf.

Diese Berufswahl scheint so konsequent, dass man von selbst darauf kommen könnte, auch, wenn sie sich durch kein Dokument belegen ließe.

Wie der Geschichtenerzähler, der aus der Phantasie Wirklichkeit werden lässt, sich ganz und gar in seine Geschichte versenken und in ihr aufgehen muss, so muss der Schauspieler sich vollkommen mit seiner Rolle identifizieren.

Schauspieler sein heißt unter anderem, in eine andere Gestalt schlüpfen, sie zu Leben erstehen und sie sterben zu lassen.

Es ist dies ein ganz ähnlicher Prozess, wie ihn Ottos Lieblingsphilosoph als Lebenshaltung empfiehlt. Eine gewisse Begabung für die Schauspielerei mag Otto durch seine Mutter gehabt haben, die, wie wir hörten, mit den Kindern Laientheater spielte. Man muss dazu bedenken, dass Schauspieler einer der wenigen Berufe ist, in die man unter Umständen auch ohne Zeugnisse und Papiere hineinspringen kann. Jedenfalls war dies zu Anfang des Jahrhunderts noch möglich.

Dass man sich als Schauspieler durchaus im Widerstand gegen die bestehende Gesellschaftsordnung empfinden kann, erweist sich an einer von Ret Marut verfassten Groteske mit dem Titel Der Schauspieler und der König. Ein König und ein Schauspieler sind befreundet. Sie treffen sich gelegentlich. Es ist das vermeintlich so ganz Andere des Künstlerdaseins, was den Schauspieler für den König interessant macht. Der Schauspieler hingegen scheint ein Mensch zu sein, der genau weiß: Man darf nur spielen, was dem König gefällt, sonst ist es bald mit dessen Theater-Begeisterung und der Freundschaft zwischen zwei Menschen aus so unterschiedlichen sozialen Gruppen vorbei. Wörtlich heißt es bei Ret Marut weiter:

Eines Nachmittags gingen beide im Park spazieren. Den Abend vorher hatte der Künstler einen König gespielt. Ein Shakespearscher König war es nicht. Die mochte der königliche Theaterfreund nicht leiden. Denn die Könige Shakespeares waren trotz ihres Gottesgnadentums ganz richtige Menschen, die lieben und hassen, morden und regieren – je nachdem, wie es ihnen gerade in den Kram passte.

Die Rolle des am letzten Abend dargestellten Königs hatte jedoch ein Dichter geschrieben, der mit achtzehn Jahren Anarchist, später aber Geheimer Hofrat wurde.

Begreiflich, dass diese Rolle dem König sehr gefiel und Anlass wurde, dass er sich mit dem Schauspieler über das Königsproblem unterhielt.

»Was hast Du für ein Empfinden, lieber Freund, wenn Du einen König darstellst?«

»Ich fühle mich ganz und gar als König, so dass ich keine Geste machen könnte, die dem Charakter des Königs nicht entsprechen würde.«

»Das begreife ich sehr gut. Die Masse Statisten, die sich, den Regie-Anordnungen folgend, vor Dir zu beugen haben, halten das Gefühl königlicher Würde in Dir wach und suggerieren dem Publikum, Du seiest ein echter König.«

»Für das Publikum bleibe ich auch ohne Statisterie ein König – selbst dann noch, wenn ich ganz allein auf der Szene stehe und einen Monolog spreche!«

Diese rein künstlerische Auffassung des Schauspielers reizte den König, zwischen sich und dem Bühnenkönig einen scharf begrenzten Vergleich zu ziehen: »Eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem wirklichen und dem Theaterkönig ist aber doch vorhanden. Du magst noch so vorzüglich den König gespielt haben: Mit dem Augenblick, wo sich der Vorhang senkt, hörst du auf, König zu sein. Die Suggestion und die Statisterie machen Deiner Herrlichkeit ein Ende, sobald sie versagen. Ich aber, mein Lieber, bleibe König, selbst, wenn ich im Bett liege!«

Darauf sagte der Schauspieler: »Mein lieber Freund, der Vergleich passt auf uns beide. Wir fuhren vorhin im Wagen bis zum Tor des Parkes. Auf den Straßen standen und liefen unzählige Leute. Sie grüßten – Du danktest. Sie schrien aus Leibeskräften: Vivat – und Hoch – Du lächeltest etwas blasiert. Aber wenn diese Leute einmal aufhören, freiwillig Statisterie zu bilden, dann hörst Du – nicht nur im Bett, sondern am hellen Tage – dann hörst auch Du, mein Freund, auf, ein wirklicher König zu sein!«

Der König blieb mit einem scharfen Ruck stehen. Er sah den Schauspieler fest an. Seine Lippen wurden blass und zuckten. Plötzlich drehte er sich um.

Mit raschen Schritten ging er zum Wagen und fuhr zurück.

Allein.

Die Freundschaft war aus.

Die Freunde sahen sich nie wieder.

Und nie wieder besuchte der König ein Theater.

Er wurde ein Denker.

Bekam die fixe Idee, ein ganz gewöhnlicher Sterblicher zu sein.

Musste infolgedessen abdanken.

Starb fünf Jahre später.

Im Wahnsinn.

Sagte man.

Für die Spielzeit 1907/08 erwirbt Ret Marut am Theater in Essen eine Mitgliedskarte der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. 1908 spielt er in Suhl im Thüringer Wald, in der nächsten Saison in dem ebenfalls im Thüringer Wald gelegenen Ohrdruf. Von dort ist eine polizeiliche Meldekarte erhalten, in der als Geburtsort San Francisco, als Geburtsdatum der 25.2.1882 angegeben ist. Von Ohrdruf geht Marut nach Crimmitschau in Sachsen, eine Stadt mit Textilindustrie, eine »der ältesten Zentren der deutschen Arbeiterbewegung«. Dort hat es 1903/04 einen großen Streik gegeben. Bei einer Rede vor Streikenden in Chemnitz ist jener Satz gefallen, der 1904 zu Rosa Luxemburgs erster Gefängnisstrafe wegen Majestätsbeleidigung geführt hat:

»Der Mann, der von der guten und gesicherten Existenz der deutschen Arbeiter spricht, hat keine Ahnung von den Tatsachen.«

Eines der ersten Stücke, in denen Marut in Crimmitschau auftritt, ist das Lustspiel Im bunten Rock. Der ihn betreffende Abschnitt in der Theaterkritik der Lokalpresse lautet:

»Der im Waffenrock steckende junge Gelehrte Dr. Wendland machte einen vortrefflichen Eindruck; wir wollen Herrn Marut unsere Anerkennung dazu aussprechen.« Auch als Pfarrvikar weiß er durch »Haltung, Gang und Mienenspiel« zu gefallen und erregt Heiterkeit, während er in dem Schauspiel Die Else vom Erlenhof den jähzornigen Heiratskandidaten Bertel »recht effektvoll« spielt. Das ist alles »Schmiere«, oder wie Marut es später selbst nennt »Zirkus«. Aber auch an einer »Schmiere« kann man lernen. Vielleicht wird die Heuchelei und doppelte Moral bürgerlicher Gesellschaft selten so augenscheinlich wie im Milieu dieser kleinen Bühnen. Einerseits sind Schauspielerinnen und Schauspieler Ausgestoßene, andererseits braucht man sie doch ... zur Ablenkung, für einen Pseudo-Kunstgenuss. Kunst soll schön sein, Theater: damit man sich zeigen kann, weil der Mensch nun mal etwas fürs Gefühl braucht und sich nach soviel Gewerbefleiß auch mal entspannen muss. Aber bitte, Kunst möge nur nicht ernst machen. Sie soll schmücken, bestätigen, verklären, erheben, nicht aufschrecken, kritisieren, die Zähne zeigen.

Im März 1909 tritt nach allerlei Komödien und Possen, nach viel Schmieren- und Klamauktheater, Marut in einem Theaterstück auf, das vom Thema her sehr wohl kritisch, desillusionierend, entlarvend sein könnte. Es heißt Heines Leiden. Es schildert den Aufenthalt des jungen Heine in Hamburg. Ein junger Mann, der seine ersten Gedichte geschrieben hat, soll partout Kaufmann werden, im Kontor des reichen Onkels Salomo. Und er hat auch noch das Unglück, sich in seine schnippische Cousine zu verlieben. Heine wird später über diese Situation den knapp-ironischen Vers schreiben:

»Es ist die alte Geschichte

doch ist sie ewig neu und

wem sie just passieret,

dem bricht das Herz dabei.«

Marut spielt den jungen Heine. Und was schreibt der Crimmitschauer Anzeiger? – Mit Wohlwollen?

»Wir freuen uns, Ret Marut einmal in einer größeren Rolle gesehen zu haben, die uns sein Spiel besser würdigen ließ. Er ist in unseren Berichten des öfteren vielleicht sehr knapp weggekommen. Um so mehr ist es uns ein Bedürfnis, heute durch rückhaltlose Anerkennung seiner gestrigen Leistung Versäumtes nachzuholen. Über Heine liegt der Zauber der Jugend, des Werdenden, des Großes Versprechenden; die Begeisterung für die Kunst, der eigenartige Reiz des in heißer stürmischer Liebe entbrannten Jünglings, dessen Herz zugleich innige Dankbarkeit gegen den Onkel erfüllt, der ihm viel Gutes erwiesen; oft aber erfüllte ihn tiefe schmerzliche Bitterkeit, dass er den Erwartungen aller derer, die ihn lieben, nicht entsprechen kann. Alles dies wusste Ret Marut in überraschend lebenswahrer Weise zur Darstellung zu bringen. Vornehm in Miene, Wort und Haltung, packend in seiner Leidenschaftlichkeit war sein Heine eine durchaus sympathische Persönlichkeit, der man die wärmste Anteilnahme nicht versagen konnte ...«.

Da hat man die Kunstgesinnung der Kleinbürger, die auch den jungen Brecht so aufreizte.

In Crimmitschau verliebt sich Ret Marut in die Schauspielerin Elfriede Zielke, die häufig, wie aus den Theaterkritiken zu ersehen, in denselben Stücken wie er aufgetreten ist. 1910 geht Marut mit ihr vorübergehend nach Berlin. Vielleicht um seine Ausbildung als Schauspieler zu vervollständigen, vielleicht aber auch, um den Versuch zu unternehmen, als freier Schriftsteller zu leben, denn schon zu dieser Zeit hat er kleine Satiren, Kurzgeschichten, bösartige Parabeln verfasst.

Elfriede Zielke erzählt er den ersten jener zahllosen von ihm erfundenen Lebensromane. Er will auf einem Schiff geboren worden sein. Die Geburtsurkunde liege in San Francisco bzw. habe sich dort befunden. Das Erdbeben oder der sich anschließende große Brand in der Stadt im Jahre 1906 hätte das Dokument leider vernichtet. (Auffällig, dass die Jahreszahl 1906 in etwa mit Ottos neuem Leben als Ret Marut übereinstimmt.)

Seine Mutter, sie soll eine Irin gewesen sein, hat angeblich, als er zwölf Jahre alt war, Selbstmord begangen. Danach sei er von einer Gouvernante erzogen worden, und als Tänzer in der ganzen Welt herumgekommen.

Rudolf Recknagel weist in seinem Buch über B. Traven darauf hin, dass dieser Lebenslauf ganz offensichtlich aus der Handlung eines Romans von Hermann Bang mit dem Titel Die Vaterlandslosen abgeleitet worden ist.

Geboren wurde er auf der Insel der Vaterlandslosen, das ist die Donauinsel Adah-Kaleh unweit des Eisernen Tores. Seine Mutter, eine Dänin, starb aus Schwermut und Sehnsucht nach ihrer Heimat. Die Erziehung Joans erfolgt durch eine Gouvernante. Der Vater weilt meist in London. Joan bleibt bis zu seinem Lebensende heimatlos und einsam.«

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Ret Marut Kollegen erzählt, sein Vater sei rumänischer Abstammung.

Als das Gespräch aufs Heiraten kommt, erklärt Marut seiner Freundin, die inzwischen ein Kind von ihm erwartet, sie müsse ihn nach England begleiten. Nur dort seien die nötigen Papiere zu beschaffen.

Am 20. März 1912 kommt das Kind Elfriede Zielkes und Ret Maruts zur Welt: eine Tochter, die den Namen Irene erhält.

Marut hat inzwischen eine Tour mit einer Wanderbühne durch Pommern, Ost- und Westpreußen, die Provinz Posen und Schlesien hinter sich und ist am Stadttheater in Danzig engagiert. Auch Elfriede spielt bald wieder. Im August 1913 treffen sie sich noch einmal zu einem vierzehntägigen Urlaub in Tangermünde, wo Elfriede ein Engagement hat.

Ende 1914 kommt es zwischen ihnen endgültig zum Bruch, und zwar unter bühnenreifen Umständen.

Elfriede Zielke hat einen Verehrer, den sie offenbar in der Erwartung, Ret Marut werde sie doch noch heiraten, mehrfach abgewiesen hat. Nun – der Erste Weltkrieg ist inzwischen ausgebrochen – hat sich jener Herr Garding hinter die Mutter seiner Angebeteten gesteckt, die ihre Tochter gern unter der Haube sähe. Herr Garding ist zum Militär einberufen worden. Über die Mutter gelingt es ihm, von Elfriede die Zustimmung zur Eheschließung zu erpressen, »weil er sonst im Krieg den Freitod suchen würde«.

Seit Mai 1912 hat Marut ein Engagement am Schauspielhaus Düsseldorf. Er erhält ein Monatsgehalt von 170 Mark brutto, spielt meist Nebenrollen. Ohne zusätzliches Entgelt arbeitet er auch noch an der Theaterzeitschrift Masken mit. Im Sommer 1914 spielt er am Künstlertheater in München, das aber nach Kriegsausbruch schließt. Marut tingelt in Solingen, Köln, Metz und Straßburg. Am 30. Juni wird ein mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus bestehender Vertrag für die nächste Saison nicht erneuert. Er will gleich Urlaub nehmen. Als die Leitung des Theaters das ablehnt, kündigt er mit einem Brief, der einen einzigen geheimnisvoll klingenden Satz enthält:

Ich stehe vor dem Abschluss sehr weitgehender Verpflichtungen, die meine absolute Objektivität und völlige Parteilosigkeit dem Schauspielhaus gegenüber bedingen.

In Düsseldorf hat er die Schauspielschülerin Irene Mermet (Bühnenname: Irena Alda) kennengelernt. Das Mädchen ist 1893 in Köln geboren. Sie ist die Adoptivtochter des Kaufmanns Fritz Mermet, hat 1913/14 der frei-sozialistischen Siedlungsgemeinde (Volkslandbund) angehört. Sie hat dann für kurze Zeit eine Schauspielschule besucht, die sie mit 450 Mark Schulden verlässt. Mit ihr zusammen reist Marut nach München, um dort einen Kleinverlag für anarchistisch-pazifistische Schriften zu eröffnen, der Irene Mermets Namen trägt, während er ab September 1917 damit beginnt, die Zeitschrift Der Ziegelbrenner herauszugeben. Schon die Notiz im Impressum verrät etwas von der rabiat-anarchistischen Nonkonformität dieses Blattes. Sie ist zugleich auch ein bissiger Tadel über gewisse damals wie heute übliche Unarten im Pressewesen:

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
256 s. 11 illüstrasyon
ISBN:
9783862871346
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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