Kitabı oku: «Old Shatterhand, das bin ich»
Frederik Hetmann
Old Shatterhand, das bin ich
Die Lebensgeschichte des Karl May
FUEGO
- Über dieses Buch -
Seine Leser hat Karl May (1842-1912) in die exotische Welt des Orients und des amerikanischen Westens versetzt, als wäre er selbst auf den Spuren von Winnetou und Old Shatterhand, Hadschi Halef Omar und Kara Ben Nemsi gewandelt. 33 Bände "Reiseerzählungen" hat er verfasst und ist doch so gut wie nie aus seiner sächsischen Heimat herausgekommen. Abenteuerlich war sein Leben trotzdem - Gefangenschaft, Geheimnis und Zweikampf im Namen der Ehre sind darin immer wiederkehrende Situationen. Aufgewachsen mit 13 Geschwistern in einer bescheidenen Weber-Familie, wird er aus materieller Not straffällig. Eine hart urteilende Justiz und seine schon da überschwängliche Phantasie treiben ihn immer tiefer in kriminelle Verstrickungen: Was mit einem Kleinstdiebstahl begann, endet in Amtsanmaßung und Hochstapelei. Im Zuchthaus entdeckt Karl May, 32-jährig, seine erzählerische Begabung. Er schreibt Dorfgeschichten und sentimentale Romane, bevor er die "Reiseerzählungen" zu seinem eigentlichen Motiv macht.
Frederik Hetmann erzählt den sozialen und kulturhistorischen Hintergrund von Mays Schaffen und stellt dessen wichtigste Werke in pointierten Rezensionen vor.
Dieses Buch ist Henner Grube gewidmet.
»Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle.«
Karl May
»Das Leben dieses Märchenerzählers war selbst wie ein Märchen – so phantastisch, so bedeutungsschwer. [...] Seine persönliche Schuld, seine Reue, sein innerer Widerspruch, sein Kampf mit sich selbst spiegeln die ›Menschheitsklage‹, die scheinbare Heillosigkeit des menschlichen Daseins überhaupt.«
Hermann Wohlgschaft
»Es gibt nur Hegel und Karl May.
Alles dazwischen ist eine unreine Mischung.«
Ernst Bloch

Karl May [Aufnahme Erwin Raupp, 1907]
Prolog
»Im Bett zu liegen, krank zu sein, nicht in die Schule zu gehen und Karl May lesen zu dürfen hat ja stets seine trostreichen Reize in diesem Leben gehabt.«
Hermann Broch
Es ist um diesen Mann Karl May ein Geheimnis. Ernst Bloch, der Philosoph der Hoffnung und Utopie, nennt ihn einen der besten deutschen Erzähler.1 Für Hermann Hesse ist Karl May »der glanzvollste Vertreter eines Typs von Dichtung, [...] die man etwa Dichtung der Wunscherfüllung nennen könnte«.2
Es gibt auch andere Stimmen: Max Brod beispielsweise hat Karl Mays Bücher bedeutungslos und fad gefunden.
Klaus Mann schreibt die Tatsache, dass Adolf Hitler Karl May gelesen hat, dass ihm sogar Einzelheiten aus dessen Leben vertraut gewesen sind, den rassistischen, nationalistischen und sadistischen Tendenzen bei May zu und findet, das Dritte Reich sei Mays »äußerster Triumph, die schaurige Verwirklichung seiner Träume gewesen«.3
Einige Nationalsozialisten hingegen hielten Karl May für einen Marxisten, Pazifisten und Befürworter jeder Rassenmischung.
Lange hält sich in der Öffentlichkeit der Vorwurf des »Schundautors«, des »Verführers der Jugend«, des Schriftstellers, der ein Verbrecher war.
Von Arno Schmidt wird in Sitara und der Weg dorthin Mays ganzes Werk vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der erotischen Verdrängungen eines Homosexuellen entziffert.
Bis schließlich 1965 Hans Wollschläger durch einen psychoanalytischen Ansatz der komplexen Persönlichkeit Karl Mays verständnisvoll, aber ohne Beschönigung gerecht zu werden versucht.
Allein schon diese Auswahl teils empfehlender, teils abwertender Beurteilungen, in denen auch eine gewisse Überschätzung des Phänomens Karl May klar zu erkennen ist, macht neugierig und regt dazu an, sich näher mit Karl May zu beschäftigen, um sich eine eigene Meinung zu bilden.
Das vorliegende Buch ist für jugendliche Leser gedacht, jedoch soll es auch der erwachsene Leser, der mit dem Leben und Werk Karl Mays nicht fachmännisch vertraut ist, als eine Art Einführung zur Hand nehmen können.
Als Kind bin ich selbst ein eifriger Karl-May-Leser gewesen. Was mich damals für seine Romane einnahm, war nicht so sehr die Vermittlung von geographischem Wissen, das ihm selbst - jedenfalls in seinen so genannten »Reiseerzählungen« – sehr wichtig war. Vielmehr war es der traumhafte Zustand, in den diese Geschichten, nicht zuletzt durch die Fähigkeit des Autors, in ihnen Spannung zu erzeugen, den Elf- oder Zwölfjährigen versetzten. Bestimmt hat mir aber auch ihre moralische Eindeutigkeit, der immer gewährleistete Sieg des Guten über das Böse, gefallen.
Die Perspektive, unter der ich mich nun fünfzig Jahre später der Person und dem Werk von Karl May annähere, ist eine völlig andere.
Sie ergibt sich aus einem Erlebnis 1968, das vielfältige Nachwirkungen auf meine Tätigkeit als Autor hatte. Damals bereiste ich mit einem Stipendium die USA. Ich recherchierte für eine Sozialgeschichte des Schwarzen Amerika4 bei den Bürgerrechtsorganisationen und in den Gettos der Afro-Amerikaner. In Washington meinten meine amerikanischen Gastgeber, ich solle nun auch einmal das Bild des anderen, »sauberen«, eindrucksvoll-schönen Amerika zu Gesicht bekommen, wohin ich denn wolle? Dabei dachten sie wohl an touristische Attraktionen wie die Niagarafälle, Hollywood oder Disneyland. Ich aber sagte, ich wolle zu den Indianern.
Diese Antwort versetzte meine Gastgeber in Verlegenheit. Offenbar interessierte sich damals in Regierungskreisen niemand besonders für die indianische Minderheit im Land, obwohl Anhänger der Red-Power-Bewegung gerade eben in Washington das Bureau of Indian Affairs, jene Abteilung des US-Innenministeriums, die für die Reservationen zuständig ist, besetzt hatten, um auf ihre Probleme hinzuweisen. Auch möglich, dass man einen Gast aus dem Ausland nicht gerade mit den Problemen der Native Americans konfrontieren wollte. »Warum denn ausgerechnet zu den Indianern?«, fragte man mich kopfschüttelnd.
Wahrscheinlich nur, weil mir keine andere Begründung einfiel, erzählte ich, dass in Deutschland die meisten Jugendlichen irgendwann einmal Karl Mays Romane gelesen haben, dass Karl May bekanntlich erst nach Abfassung seiner Romane in den USA gewesen und nie in den amerikanischen Westen gekommen sei. Ich wollte das anders angehen: Erst der Augenschein, dann das Schreiben.
Schließlich führte meine Bitte dazu, dass ich einem Arzt, der Navajo-Kinder gegen Tuberkulose zu impfen hatte, zugeteilt wurde. Mit ihm reiste ich zwei Wochen durch die größte Indianerreservation der USA, die der Navajo in Arizona und New Mexico. Meine Vorliebe für die archaische Bildwelt der indianischen Mythen und Märchen wurde dabei mit der indianischen Lebensweise im 20. Jahrhundert konfrontiert. Ich bin dann wiederholt im Südwesten und Mittelwesten in indianischen Reservationen gewesen, und es sind im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Sammlungen indianischer Mythen und Märchen entstanden, auch Erzählungen und Sachbücher für Jugendliche wie für Erwachsene.5
Ich teile also, wenn man so will, die Indianerbegeisterung Karl Mays.
Ein weiterer Ansatz ergibt sich aus meiner Lust und Neugier, das Wesen umstrittener Personen zu erkunden. Da blickt man bei Karl May, was die verschiedenen Rollen angeht, die er im Laufe seines Lebens verkörpert, auf ein weites Feld: Kind armer Leute, angehender Lehrer, Hochstapler, Zuchthäusler, Arbeitssklave eines Schundverlages, Großschriftsteller und Selbstdarsteller, betrogener Betrüger, Reisender und schließlich nach leidenschaftlich betriebener Sinnsuche: Weltbürger und Pazifist in Zeiten eines chauvinistischen Nationalismus und deutscher Großmannssucht.
Einer von Mays Biographen hat erklärt, seine Person sei für viele seiner Leser hinter den Millionenauflagen, den Gesammelten Werken, den Taschenbuchausgaben, hinter Festspielen und Filmen verschwunden.6 Deshalb scheint es mir wichtig, den »unbekannten« Karl May vorzustellen, und zwar in engem Bezug zu seinem Werk, denn in fast allen Texten Mays lassen sich verschlüsselte Darstellungen und Lösungsversuche seiner eigenen Lebensprobleme erkennen.
Würde mich jemand fragen, weshalb dies eine Geschichte ist, die junge Menschen heute angeht, so würde ich antworten: Weil man an ihr miterlebt, wie ein vom Schicksal benachteiligter und verletzter Mensch sich am Ende am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf, in den er durch seine Torheiten hineingerät und zu versinken droht, herausarbeitet, sich einen Beruf wählt und Erfolg hat. Wie also dieser kriminell gewordene junge Mann zu einer sinnvollen Lebensaufgabe gelangt, jener nämlich, andere Menschen zu unterhalten, indem er Geschichten erzählt. Schon das allein, denke ich, wäre Grund genug, um Leben und Werk dieses rätselhaften Menschen, über den die Urteile seiner Zeitgenossen und der Nachwelt so weit und schroff auseinandergehen, genau zu betrachten und sein faszinierendes Schicksal zu rekonstruieren.
I. Armer Leute Kind
»In meinen Büchern identifiziere ich mich mit der Menschheit, der es genau ebenso ergeht, wie es damals mir ergangen ist: sie hat ihre Seele verloren; infolgedessen ergeht sich ihr Geist in Irrtümer, die nicht eher behoben werden können, als bis ihre Seele sich wieder zurückgefunden hat.«
Karl May
Karl Friedrich May wird am 25. Februar 1842 gegen 22 Uhr in der erzgebirgischen Kleinstadt Ernstthal in Sachsen als fünftes Kind des Webers Heinrich August May (1810-1888) und seiner Frau Christiane Wilhelmine geb. Weise (1817-1885) im Hause Niedergasse 11 (später 122) geboren.
Als er zur Welt kommt, lebt von seinen vor ihm geborenen Geschwistern nur noch die vierjährige Auguste Wilhelmine. Drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, sind der zu dieser Zeit äußerst hohen Säuglingssterblichkeit zum Opfer gefallen. Die Mutter wird zwischen ihrem neunzehnten und fünfundvierzigsten Lebensjahr vierzehn Kinder gebären. Neun davon sterben schon in frühester Kindheit.
Die Vorfahren Mays sind fast alle Bauern, Handwerker und Weber gewesen. Über die dramatischen Todesumstände der beiden Großväter ist Genaueres bekannt. Der Großvater mütterlicherseits, Christian Friedrich Weise, hat sich 1832 eines Nachts im Keller eines Nachbarn erhängt. Über den Tod des Großvaters väterlicherseits erzählt Karl May:
»Er war zu Weihnacht nach dem Nachbarort gegangen, um Brot zu holen. Die Nacht überraschte ihn. Er kam im tiefen Schneegestöber vom Weg ab und stürzte in die damals steilste Schlucht des Krähenholzes, aus der er sich nicht herausarbeiten konnte. Seine Spuren wurden verweht. Man suchte lange Zeit vergeblich nach ihm. Erst als der Schnee verschwunden war, fand man seine Leiche und Brote.« (Karl May: Mein Leben und Streben, Hildesheim u.a. 1997, S.9)
Freilich ist das nicht die ganze Wahrheit: Der Großvater kam vom Weg ab, weil er betrunken war. Das Totenbuch vermerkt in seinem Falle: »Unordentliche Lebensart.«
Anhand von zeitgenössischen Statistiken kann man sich ein genaueres Bild von der sozialen Lage der Bevölkerung von Ernstthal, einer kleinen Stadt in der Nähe von Zwickau, machen: »Von den 2630 Einwohnern ernähren sich 80 Prozent von der Heimweberei, die seit der Blütezeit zu Beginn des Jahrhunderts unaufhaltsam niedergegangen ist und zum Existenzminimum jetzt wenig über ein Drittel beiträgt; ›Nebenberufe‹ müssen aushelfen. Schmuggel und anderes; in Scharen verlassen Auswanderer die kümmerliche Heimat, hinüber ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten; die öffentlichen Einrichtungen – etwa das Schulwesen – sind durch Schulden in Unordnung; 84 Haushalte zählt 1845 eine Akte zu den Ärmsten der Armen. Mangelkrankheiten bestimmen Leben und Sterben: Das, was man gegenwärtig diskret als Unterernährung zu bezeichnen pflegt, ist wohl auch Ursache für die Erblindung des Kindes kurz nach der Geburt; sie wird erst – lange von törichten Kuren verpfuscht – im fünften Lebensjahr durch Eingreifen Dresdner Ärzte behoben. Bei schimmligen Brötchen, Unkrautsuppe und Kartoffelschalensud gedeiht nicht eben mehr als ein ›Kellerkeim von Junge‹, ein krankes, schwaches Kind, welches noch im Alter von sechs Jahren auf dem Boden rutschte, ohne stehen und laufen zu können, aber umso mehr das Verlangen nach dem Anderen, das hinter solcher Wirklichkeit wäre, nach der besseren Welt, die mit Gedanken zu erreichen, in der mit Gedanken frei zu schalten sei: Ich habe in meiner Kindheit stundenlang still und regungslos gesessen und in die Dunkelheit meiner kranken Augen gestarrt.«7
Ob Karl May in den ersten Lebensjahren vollständig blind gewesen war, ist mittlerweile umstritten. Der in Berlin lebende Arzt Johannes Zeilinger überprüfte akribisch alle möglichen zeitgenössischen Krankheitsursachen einer Erblindung, dazu die Sehfähigkeit Karl Mays anhand seiner Brillen, die im Museum in Radebeul aufbewahrt werden. Nach alledem kommt er zu dem Schluss: »So ist in doppelter Hinsicht die Blindheitsepisode des jungen May eine ophthalmologische Unmöglichkeit.«8 Es scheint demnach durchaus denkbar, dass es sich vielmehr um eine der zahlreichen Mystifikationen handelt, mit denen May in späteren Jahren sein Leben zu umgeben pflegte.
War nicht auch der Sänger der Antike, Homer, blind gewesen? Das Motiv der Blindheit taucht immer wieder in den Romanen Karl Mays auf.
Karl Mays eigene Aufzeichnungen sind das einzige direkte Zeugnis, das über seine Kindheit vorliegt. Gegenüber seinen Lebenserinnerungen mit dem Titel Mein Leben und Streben (später enthalten in dem Band Ich) sind, bei aller Anschaulichkeit gerade der Passagen über Kindheit und Jugend, gewisse Vorbehalte angebracht. Es hat sich herausgestellt, dass der Phantasiebegabte nicht unbedingt die Wirklichkeit nachgezeichnet hat, sondern häufig der Versuchung erlag, Wunschträumen nachzugeben und die Situation zu erklären.
Bei allem Elend und der materiellen Not der Familie scheint das kleine Haus, das die Mutter – freilich samt der auf ihm liegenden Schulden – geerbt hatte, wenigstens in den Augen der Kinder ein Ort der Geborgenheit, ja sogar einer gewissen Behaglichkeit gewesen zu sein.
Karl May erzählt: »Mutter hatte ganz unerwartet von einem entfernten Verwandten ein Haus geerbt und einige kleine, leinene Geldbeutel dazu. Einer dieser Geldbeutel enthielt lauter Zweipfennigstücke, ein anderer Dreipfenniger, ein dritter lauter Groschen. In einem vierten steckte ein ganzes Schock Fünfzigpfenniger, und im fünften und letzten fanden sich zehn alte Schafhäuselsechser, zehn Achtgroschenstücke, fünf Gulden und vier Thaler vor. Das war ja ein Vermögen! Das schien der Armut fast wie eine Million. Freilich war das Haus nur drei schmale Fenster breit und sehr aus Holz gebaut, dafür aber war es drei Stockwerke hoch und hatte ganz oben unter dem First einen Taubenschlag, was bei anderen Häusern bekanntlich nicht immer der Fall zu sein pflegt. Großmutter, die Mutter meines Vaters, zog in das Parterre, wo es nur eine Stube mit zwei Fenstern und die Haustür gab. Dahinter lag ein Raum mit einer alten Wäscherolle, die für zwei Pfennig pro Stunde an andere Leute vermietet wurde. [...] Im ersten Stock wohnten die Eltern mit uns. Da stand der Webstuhl mit dem Spulrad. Im zweiten Stock schliefen wir mit einer Kolonie von Mäusen und einigen größeren Nagetieren, die eigentlich im Taubenschlage wohnten und des Nachts nur kamen, uns besuchen. Es gab auch einen Keller, doch er war immer leer. Einmal standen einige Säcke Kartoffeln darin, die gehörten aber nicht uns, sondern einem Nachbar, der keinen Keller hatte. Großmutter meinte, daß es viel besser wäre, wenn der Keller ihm und die Kartoffeln uns gehörten. Der Hof war grad so groß, daß wir fünf Kinder uns aufstellen konnten, ohne einander zu stoßen. Hieran grenzte der Garten, in dem es einen Hollunderstrauch, einen Apfel-, einen Pflaumenbaum und einen Wassertümpel gab, den wir als ›Teich‹ bezeichneten. Der Hollunder9 lieferte uns den Tee zum Schwitzen, wenn wir uns erkältet hatten, hielt aber nicht sehr lange vor, denn wenn das Eine sich erkältete, fingen auch alle Anderen an zu husten, und wollten mit ihm schwitzen. Der Apfelbaum blühte immer sehr sehr schön und sehr reichlich; da wir aber nur zu wohl wussten, dass die Äpfel gleich nach der Blüte am besten schmecken, so war er meist schon Anfang Juni abgeerntet. Die Pflaumen aber waren uns heilig. Großmutter aß sie gar zu gern. Sie wurden täglich gezählt, und niemand wagte es, sich an ihnen zu vergreifen. Wir Kinder bekamen doch mehr, viel mehr davon, als eigentlich auf uns fiel.« (Leben und Streben, S.13f.)
Der Alltag in den zwei dicht beieinanderliegenden Städtchen Hohenstein und Ernstthal, »deren Gäßchen sich stellenweise wie die Finger zweier gefalteten Hände ineinanderschoben«, wie May es ausdrückt, wird in seinen Lebenserinnerungen höchst anschaulich abgebildet. Hier ist nichts geschönt oder verklärt. Ja, man erhält bei diesen eingesprengten Milieuschilderungen eine Vorstellung davon, wie es in einer Kleinstadt in den entlegeneren Landesteilen Deutschlands im sonst als so behaglich gerühmten Biedermeier zugegangen sein mag:
»Die Hauptbeschäftigung bildete die Weberei. Der Verdienst war kärglich, ja oft überkärglich zu nennen. Zu gewissen Zeiten gab es wochen-, zuweilen monatelang wenig oder gar keine Arbeit. Da sah man Frauen in den Wald gehen und Körbe voll Reisig heimschleppen, um im Winter Feuerung zu haben. Des nachts konnte man auf einsamen Pfaden Männern begegnen, welche Baumstämme nach Hause trugen, die noch während der Nacht zu Feuerholz zersägt und zerhackt wurden, damit wenn Haussuchung kam, nichts gefunden werden konnte. Es galt für die armen Weber fleißig zu sein, und den Hunger abzuwehren. Am Sonnabend war Zahltag. Da trug ein jeder sein ›Stück zu Markte‹: Für jeden Fehler, der sich zeigte, gab es einen bestimmten Lohnabzug.« (ebenda, S.82)
Am Wochenende wird viel getrunken und es werden Glücksspiele gemacht, bei denen nicht selten ein ganzer Wochenverdienst den Besitzer wechselt. Der Pfarrer, der Arzt, der Rechtsanwalt sind die einzig gebildeten Personen am Ort. Die Häuser sind klein, die Gassen eng. Jeder beobachtet jeden. »Man wußte alles, aber man schwieg. Nur zuweilen, wenn man es für nötig hielt, ließ man ein Wörtchen fallen, und das war genug. Man kam dadurch zur immerwährenden, aber stillen Hechelei, zur niedrigen Ironie, zu einem scheinbar gutmütigen Sarkasmus, welcher aber nichts Reelles an sich hatte.« (ebenda, S. 83f.)
Es ist zu bedauern, dass Karl May diese Atmosphäre und die Menschen, die sich in ihr bewegten, in keinem seiner Romane ausführlich dargestellt hat. Eine Ausnahme bildet der Schlussteil von Der verlorene Sohn, einer der Kolportageromane, von denen noch zu reden sein wird.
Karl May kannte sich im Kleinstadtmilieu gut aus. Es weht Mief durch diese Stadt und da ist viel kleinbürgerliche Gemeinheit, die ihn empört: »So hatte sich aus den sonnabendlichen Kartenspielen ein lichtscheues Unternehmen gebildet, welches den Zweck verfolgte, verbotenes, ja sogar betrügerisches Kartenspiel zu pflegen. Die Betreffenden kamen zusammen, um sich in der Zubereitung und im Gebrauch flacher Karten zu üben. Sie etablierten sich in einer vor der Stadt gelegenen Wirtschaft. Sie schickten Zubringer aus, um Opfer einzufangen. Da saß man nächtelang und spielte um hohe Einsätze. Mancher kam da mit vollen Taschen und ging mit leeren fort. Man erzählte sich von jedem neuen Coup, der gemacht worden war. Man sprach von den erbeuteten Summen, und man freute sich darüber, anstatt daß man sich diese Betrügereien vorwarf. Man verkehrte mit den Falschspielern wie mit ehrlichen Leuten. Man leistete ihnen Vorschub. Ja man achtete, man rühmte ihre Pfiffigkeit, und man verriet nicht das geringste von allem, was man von ihnen wußte. Daß hierdurch eigentlich das ganze Städtchen an dem Betruge gegen die herbeigeschleppten Opfer beteiligt wurde, und Jedermann, der von diesen Gaunereien wußte, sich streng genommen, als Hehler zu betrachten hatte, das leuchtete keinem Menschen ein.« (ebenda, S. 84)
Selbst wenn man unterstellt, dass durch die moralisierende Polemik manch eigene Verfehlungen Mays in ein milderes Licht getaucht werden sollen, muss die Atmosphäre einer solchen Kleinstadt beklemmend gewesen sein. Gewiss war jenes soziale Klima auch eine Konsequenz der politischen Zurücksetzung und Enthaltsamkeit des Bürgertums: Weil man politisch nicht oder nur eingeschränkt mitreden durfte, wetzte man seine Zunge desto heftiger an den menschlichen Schwächen der Nachbarn.
Von seinem Vater berichtet May, er sei aufbrausend, jähzornig, unbeherrscht und gegenüber den Kindern gewalttätig gewesen, »ein Mensch mit zwei Seelen. Die eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch, voll Übermaß im Zorn, unfähig sich zu beherrschen. Er besaß hervorragende Talente, die aber alle unentwickelt geblieben waren, der großen Armut wegen. Er hatte nie eine Schule besucht, doch aus eigenem Fleiß fließend lesen und sehr gut schreiben gelernt. Er besaß zu allem, was nötig war, ein angeborenes Geschick. Was seine Augen sahen, machten seine Hände nach. Obgleich nur Weber, war er doch imstande, sich Rock und Hose selbst zu schneidern und seine Stiefel selbst zu besohlen. Er schnitzte und bildhauerte gern, und was er da fertig brachte, das hatte Schick und war gar nicht so übel. Als ich eine Geige haben mußte und er kein Geld auch zu dem Bogen hatte, fertigte er schnell selbst einen an. Dem fehlte zwar ein Wenig an schöner Schweifung und Eleganz, aber er genügte vollständig, seine Bestimmung zu erfüllen. Vater war gern fleißig, doch befand sich sein Fleiß stets in Eile. Wozu ein anderer Weber vierzehn Stunden brauchte, dazu brauchte er zehn; die übrigen vier verwendete er dann zu Dingen, die ihm lieb waren«.
Für die Kinder und wohl auch für die Ehefrau hatte solch konzentriertes Arbeiten auch eine Schattenseite, die May nicht verschweigt.
»Während dieser zehn anstrengenden Stunden war nicht mit ihm auszukommen; alles hatte zu schweigen; niemand durfte sich regen. Da waren wir in steter Angst ihn zu erzürnen. Dann wehe uns! Am Webstuhl hing ein dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte ›birkene Hans‹, vor dem wir Kinder uns besonders scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor Züchtigungen im großen ›Ofentopfe‹ einzuweichen, um ihn elastischer und also eindringlicher zu machen. Übrigens, wenn die zehn Stunden vorüber waren, so hatten wir nichts mehr zu befürchten; wir atmeten alle auf, und Vaters andere Seele lächelte uns an. Er konnte dann geradezu herzgewinnend sein, doch hatten wir selbst in den heitersten und friedlichsten Augenblicken das Gefühl, daß wir auf vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment einen Ausbruch erwarten konnten.« (ebenda, S. 9f.)
Die Vermutung, dass die Begeisterung Hadschi Halef Omars für Peitschenhiebe und die Abneigung gegen solche Abstrafung bei Kara Ben Nemsi in den Orientromanen Mays hier ihren Erfahrungsgrund hätten, geht bestimmt nicht fehl.
Die vom Sohn gerühmten Fähigkeiten des Vaters hat Claus Roxin in einer biografischen Skizze näher betrachtet. Er schreibt: »Das einzige erhaltene Schriftstück von seiner [des Vaters] Hand, eine aus dem Jahr 1856 stammende Bitte an das Armenkomitee zu Ernstthal um Unterstützung für seine Mutter, zeigt freilich, dass er die Regeln der Orthografie und des Satzbaus höchst unzulänglich beherrschte. Dagegen neigte er – und hierin war er seinem Sohn am ähnlichsten – zu fantastischen Unternehmungen. Die kärglichen Geldmittel der Familie verschleuderte er durch dilettantische Versuche, mit Hilfe eines Taubenhandels zu Reichtum zu kommen; und anlässlich der Revolution von 1848 übte er sich im ›höheren Kommando‹, indem er Offizier und General spielte und seinen kleinen Sohn als ›sächsische Armee‹ exerzieren ließ. [...] Immer wieder drängte es ihn aus der sozialen Deklassierung zu öffentlicher Wirksamkeit. Er gehörte 1834 zu den Gründungsmitgliedern der Bürgergarde in Ernstthal, einer von den Bürgern selbst organisierten Hilfspolizei, zu deren ›Vertrauensmann‹ er auch gewählt wurde. Ob er im April 1848 am Sturm auf das Waldenburger Schloss des Fürsten von Schönburg mitgewirkt hat, wissen wir nicht; es ist unwahrscheinlich. Doch beteiligte er sich 1849 an der Gründung des Ernstthaler Vaterländischen Vereins, einer linksdemokratischen Gruppe. Auch der erwähnte Brief an den Armenverein ist nicht frei von provozierenden Tönen. Doch ist Heinrich August May – anders als sein weit begabterer Sohn – nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen.«10
Komplizierter stellt sich das Bild der Mutter und das Verhältnis Karls zu ihr dar. Er verherrlicht sie als »Märtyrerin«, die still ihre Pflicht tut und sich für die Familie aufopfert. »Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem Mund gehört. Sie war ein Segen für jeden, mit dem sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre Kinder. Sie konnte noch so schwer leiden, kein Mensch erfuhr davon.« (Leben und Streben, S. 9)
Auch das ist eine idealistische Stilisierung. Karls Mutter war überfordert. Nicht nur durch die wahnwitzige Zahl der Geburten und Kindstode. Schließlich ist sie es auch, die die bedrohliche materielle Situation der Familie einigermaßen stabilisieren hilft, nachdem der Vater durch seinen missglückten Taubenhandel das bisschen Geld, das durch die Erbschaft der Mutter ins Haus gekommen ist, vertut und dann gar noch einen ebenso verlustreichen Handel mit Lebensmitteln beginnt.
Dass das Verhältnis der beiden Ehepartner nicht konfliktfrei war, schildert Karl May selbst ausführlich: »Dieses unstäte, unnütze Leben [des Vaters] forderte nicht, sondern fraß das Glück des Hauses; es fraß sogar auch noch die übrigen Leinenbeutel. Mutter gab gute Worte vergeblich. Sie härmte sich und trug still, bis es Sünde gewesen wäre, weiter zu tragen. Da faßte sie einen Entschluß und ging zum Herrn Stadtrichter Layritz. [...] Sie stellte ihm ihre Lage vor. Sie sagte ihm, daß sie zwar ihren Mann sehr, sehr lieb habe, aber vor allen Dingen auch auf das Wohl ihrer Kinder achten müsse. Sie verriet ihm, daß sie außer den bisher erwähnten Beuteln noch einen besitze, den sie ihrem Mann noch nicht gezeigt, sondern verheimlicht habe. Der Herr Stadtrichter Layritz solle doch die Güte haben, ihr zu sagen, wie sie das Geld anlegen könne, um sich und ihre Kinder zu sichern. Sie legte ihm den Beutel vor. Er öffnete ihn und zählte. Es waren sechzig harte, blanke, wohlgeputzte Taler. Darob großes Erstaunen! Der Herr Stadtrichter Layritz dachte nach; dann sagte er: ›Meine liebe Frau May, ich kenne Sie. Sie sind eine brave Frau, und ich stehe für Sie ein. Unsere Hebamme ist alt; wir brauchen eine jüngere. Sie gehen nach Dresden und werden für dieses Geld Hebamme. Ich werde das besorgen! Kommen Sie mit der ersten Zensur zurück, so stellen wir Sie sofort an. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Kommen Sie aber mit einer niedrigeren Zensur, so können wir Sie nicht gebrauchen. Jetzt aber gehen Sie heim, und sagen Sie Ihrem Mann, er solle sofort einmal zu mir kommen; ich hätte mit ihm zu reden.‹
Das geschah. Mutter ging nach Dresden. Sie kam mit der ersten Zensur zurück, und der Herr Stadtrichter Layritz hielt Wort; sie wurde eingestellt.« (ebenda)
May bringt seine medizinische Behandlung in Dresden, die zur Aufhebung seiner »Blindheit« führt, mit dem Aufenthalt der Mutter dort und ihrer Bekanntschaft mit einer ärztlichen Kapazität in Verbindung, die sie mit dem Kind schließlich konsultiert. Zwischen den Zeilen steht: Ohne diese zufällige Verbindung, die sich durch die Ausbildung der Mutter zur Hebamme bei Professoren in der »Großstadt« ergab, hätte es sich die Familie nicht leisten können, den Sohn von einem Facharzt in Dresden behandeln zu lassen.
Das Haus in der Niedergasse ist 1837 an die Mutter vererbt worden. Es ist aber mit einer Hypothek und – was den heutigen Leser erstaunen mag – mit Fronabgaben an den Grafen von Schönburg-Hinterglauchau belastet. Außerdem müssen immer 20 Gulden und 5 Groschen bereitliegen, die bei dessen eventueller Heimkehr aus der Fremde an den Schwager der Erblasserin, Christian Gottlob Klemm, auszuzahlen sind.
1845 muss die Familie May dieses geerbte Haus für 515 Reichstaler verkaufen und wohnt ab da in einem Haus am Markt zur Miete. Ein Teil des Verkaufserlöses dient dazu, die Hebammenausbildung der Mutter in Dresden zu bestreiten.
Während der Abwesenheit der Mutter erkranken die daheim unter der Obhut der Großmutter zurückgebliebenen Kinder an Blattern. Aus Mays Darstellung der Krankheit, bei der sich der Kopf seiner Schwester in einen unförmigen Klumpen Fleisch verwandelt und der Arzt die Lippen freischneiden muss, damit man dem Kind etwas Milch einflößen kann, erfährt man, wie wenig die Medizin damals bei dieser Seuche den Menschen zu helfen vermochte, vor allem, wenn es sich um arme Patienten handelte.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit hängt die bedrängte Lage der Mays auch mit der Verschärfung der Berufssituation der Handweber zusammen. Aus England, wo die Industrialisierung früher begonnen hat als in Deutschland, kommt billigere Ware auf den kontinentalen Markt. Die Not der als Heimwerker arbeitenden Weber nimmt unerträgliche Formen an. Das führt 1844 zu dem großen Weberaufstand in Schlesien, den Gerhart Hauptmann in seinem Drama Die Weber geschildert hat.
Auch in der Heimat Mays kommt es im April 1848 zu Unruhen, die der kleine Karl wohl wahrgenommen haben dürfte. Beim Sturm auf die Residenz des Fürsten Schönburg-Waldenburg wird von der erregten Volksmenge, unter der sich viele Weber und Strumpfwirker befinden, das Schloss in Brand gesteckt und geplündert.
Offenbar haben die Ereignisse zur Folge, dass die Mutter in ihrer Funktion als Hebamme versucht, endlich ihre Forderungen nach einem Mindestlohn und einer Entschädigung bei Arbeitsausfall durchzusetzen. Die Eingabe wird beim Glauchauer Amt gemacht. Das erklärt sich für nicht zuständig und verweist die Bittstellerin an den Gemeinderat von Ernstthal, der den Antrag ablehnt. Ihr Insistieren und das Hin und Her bei den Behörden in Glauchau und Ernstthal haben schließlich nur zur Folge, dass man sich daran erinnert, Heinrich May habe sich bei der Anstellung seiner Frau bereit erklärt, auf die Almosenzuwendungen für seine Mutter zu verzichten, die bis dato immer noch gezahlt wurden. Diese Zahlungen werden jetzt gestrichen.
Jene Person, die auf das Kind und die Entwicklung seiner »mächtigen Innenwelt« den wesentlichsten Einfluss genommen hat, dürfte seine Großmutter mütterlicherseits, Johanne Christiane Kretschmar, die »Hohensteiner« Großmutter, gewesen sein. May schildert sie als »eine arme ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von Gottes Gnaden«. In seinen Lebenserinnerungen heißt es: »Großmutter erzählte eigentlich nicht, sondern sie schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte. Jeder, auch der widerstrebendste Stoff gewann Gestalt und Kolorit auf ihren Lippen. Und wenn zwanzig ihr zuhörten, so hatte jeder einzelne von den zwanzig den Eindruck, daß sie das, was sie erzählte, ganz allein für ihn erzähle. Und das haftete; das blieb. Mochte sie aus der Bibel oder aus ihrer reichen Märchenwelt berichten, stets ergab sich am Schluß der innige Zusammenhang zwischen Himmel und Erde, der Sieg des Guten über das Böse und die Mahnung, daß alles auf Erden nur ein Gleichnis sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im niedrigen, sondern nur im höheren Leben liegt. Ich bin überzeugt, daß sie das nicht bewußt und in klarer Absicht tat; dazu war sie nicht unterrichtet genug, sondern es war angeborene Gabe, war Genius und der erreicht bekanntlich das, was er will, am sichersten, wenn man ihn weder kennt noch beobachtet.« (ebenda, S. 29)
Zweifellos haben wir in der Großmutter eines jener mündlichen Erzählgenies vor uns, wie sie sich vor allem auch in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert dadurch erhalten haben, dass mündliches Erzählen über viele Generationen hin die Abendunterhaltung der Unterschicht war.
Gewiss kann man in der Hohensteiner Großmutter das Vorbild für die einzige wirklich überragende Frauengestalt in Mays Romanen sehen: Marah Durimeh, jene Gestalt, die ihm als Verkörperung der Weltseele gilt. Während die anderen Frauen meist nach Klischees des Zeitgeschmacks gezeichnet sind und seltsam blass und leblos bleiben, wird mit Marah Durimeh gewissermaßen eine Frau mit Charisma entworfen, entsprechend dem Archetypus der »weisen Alten«.
Viele Geschichten der Großmutter, so Karl May, stammten aus einem Buch mit dem orientalischen Titel:
Der Hakawati in Asia, Africa, Turkia, Arabia, Persia und India sampt eyn Anhang mit Deytung, explanation und interpretation, auch viele Vergleychung und Figürlich seyn von Christianus Kretzschmann
Der aus Germania war.
Gedruckt von Wilhelmus Candidus
A.D.: M.D.C.V.
Enthalten in dieser Märchensammlung war auch Das Märchen von Sitara, dessen Botschaft – Überwindung des Gewalt- und Übermenschen hin zum Edelmenschen - zum Kerngedanken in Mays Alterswerk werden sollte.
Jeder, der noch der Generation angehört, in der Kinder Märchen vorgelesen bekamen, kann sich an solche Zauberbücher der kindlichen Phantasie erinnern, wie es das Märchenbuch der Großmutter gewesen sein muss.
Wegen der weit reichenden Konsequenzen, die die Lektüre dieses Buches für das Werk Karl Mays gehabt hat, hat sich natürlich die Forschung stark dafür interessiert, die genaue Identität des Buches festzustellen. 1933 kommt der aus Greifswald stammende Volkskundler L. Darnedde bei seinen Nachforschungen zu folgendem Ergebnis:
»Auf den ersten Blick könnte der Titel für ein Buch aus dem Jahr 1605 durchaus richtig sein. Allerdings wirkt der Zusatz ›der aus Germania war‹ wirklich störend. Allerdings würde der angeführte Titel allein noch nichts Ausschlaggebendes gegen ein Vorhandensein dieser Märchensammlung besagen. Nun aber schrieb May den Abschnitt seiner Biographie, aus dem dieses Zitat stammt, im Jahre 1910 nieder. Wie konnte er in diesem Jahr einen Titel noch mit wörtlicher Genauigkeit wiedergeben, den er in seiner Kindheit (also in den Jahren 1845-50) gehört hatte? Nur eins ist da möglich: May muss noch im Jahre 1910 das zitierte Buch in seiner Bibliothek besessen haben. Der am meisten Erfolg versprechende Weg war also eine Nachfrage bei der Nachlassbibliothek Mays. Eine dahingehende Anfrage beim Karl-May-Verlag wurde folgendermaßen beantwortet: ›Karl May hat eine eigene und sehr umfangreiche Bibliothek (etwa 2500 Bände) hinterlassen, die sich in der Villa Shatterhand in Radebeul befindet. Das gefragte Buch Der Hakawati ist leider verschollen. Wir (d.h. der Verlag) haben bereits jahrelang bei allen deutschen Büchereien nach diesem Werk geforscht. Nichts lässt sich darüber ermitteln, obwohl der Dichter gerade zu diesem Buch sehr genaue Angaben in der Bibliografie macht.‹
Eine weitere Rundfrage durch das Auskunftsamt der deutschen Bibliotheken war gleichfalls erfolglos. Es ist wohl nicht zu viel, wenn daraus der Schluss gezogen wird, dass May im Jahre 1910 das fragliche Buch kaum besessen hat. Gerade aus der Genauigkeit der Titelangabe folgt dann aber weiter, dass dieser Titel höchstwahrscheinlich von May selbst konstruiert wurde.«11
Der den Fall untersuchende Volkskundler stolperte vor allem über den Zusatz »der aus Germania«. Den verräterischen Hinweis, dass das Buch ganz einfach erfunden ist, liefert jedoch May in seiner Autobiografie selbst.
»Er bringt nämlich in seiner Kindheitsgeschichte ein Märchen mit der Behauptung, dass dieses Märchen von seiner Großmutter bei ihren Erzählungen aus dem Hakawati stets bevorzugt worden sei. Dieses so genannte Märchen, betitelt Das Märchen von Sitara ist ein Erzählgebilde, das in keiner Weise etwas mit dem Begriff ›Märchen‹ zu tun hat. Es entspricht weiterhin weder dem kindlichen Fassungsvermögen noch dem Bildungshorizont der Erzählerin, wie es Mays Großmutter gewesen sein muss. [...] Dass dieses so genannte Märchen in Beziehung zu Mays Schaffen überhaupt steht und nicht in der Kindheit gehörte Erzählung ist, beweist auch die Einfügung der dichterischen Beschreibung der Geisterschmiede aus [Mays Drama] Bibel und Babel in dieses ›Märchen‹. Und wie May, der Proletariersohn, sein Leben lang nach dem Ideal des Edelmenschen strebte, wie er in allen seinen Werken dieses Ideal in oft sehr krasser Schwarzweiß-Manier zeichnete, sei es als Kara Ben Nemsi, als Winnetou oder Old Shatterhand, so hat er auch in diesem ›Märchen‹ lediglich seine stark dualistische Weltanschauung symbolisiert. Als nichts weiter als das ist Das Märchen von Sitara zu werten.«12
Inzwischen ist die Karl-May-Forschung noch ein Stückchen weiter. Wir wissen von Samia Al Azharia, der Herausgeber in eines Bandes Arabische Märchen, dass »Hakawati« in Syrien die Bezeichnung für einen nicht beruflichen Märchenerzähler ist. Nimmt man hinzu, dass Karl May 1899 auf seiner großen Orientreise auch Syrien berührt hat, so wäre dies vielleicht eine Spur, wie er auf dieses Wort als Titel für besagtes Märchenbuch verfallen ist.
Auf die nächstliegende Erklärung scheint die Forschung nicht verfallen zu sein. Der Name des Verfassers des Märchenbuches Christianus Kretzschmann ist nahezu identisch mit dem der Großmutter Johanne Christiane Kretschman.
Man sieht an diesem Beispiel, wie schwierig es sein kann, die May'schen Privatmythen bis zu ihrer Entstehung hin zu verfolgen. Zudem ist dieser Fall ein gutes Beispiel dafür, welche penible Forschungsarbeit, meist angestoßen von den in der Karl-May-Gesellschaft versammelten begeisterten Lesern des Autors, inzwischen geleistet worden ist. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Selbst noch die entlegenste Einzelheit in Leben und Werk ist durch das Vergrößerungsglas betrachtet worden.
Im Jahr 1851 sieht der neunjährige Karl May zwei Puppenspiele: Das Müllerröschen oder die Schlacht bei Jena und Dr. Faust oder Gott, Mensch und Teufel. Diese Erlebnisse und seine Mitwirkung bei einer Theateraufführung nach der Erzählung Preziosa von Pius Alexander Wolf (1782-1828) dürften bei ihm die Lust zum Fabulieren, aber auch den Wunsch, anderen zu helfen, geweckt haben.
»Kurze Zeit darauf lernte ich Stücke kennen, die nicht von der Volksseele, sondern von Dichtern für das Theater geschrieben worden waren, und das ist der Punkt, an dem ich auf meine Trommel zurückzukommen habe. Es ließ sich eine Schauspielertruppe für einige Zeit in Ernstthal nieder. Es handelte sich also nicht um Puppen-, sondern um wirkliches Theater. [...] Die Künstler fielen in Schulden. Dem Herrn Direktor wurde himmelangst. Schon konnte er die Saalmiete nicht mehr bezahlen, da erschien ihm der Retter, und dieser Retter war — ich. Er hatte beim Spaziergang meinen Vater getroffen und ihm seine Not geklagt. Beide berieten. Das Resultat war, daß der Vater schleunigst nach Hause kam und zu mir sagte: ›Karl, hole deine Trommel herunter, wir müssen sie putzen. [...] du bist der Tambour und bekommst blanke Knöpfe und einen Hut mit weißer Feder. Das zieht die Zuschauer herbei. Es wird bekannt gemacht.« (Leben und Streben, S. 59)
Der neunjährige Karl May als Trommler für die in Not geratene Kunst! Als Helfer der Bedrängten. Wie oft werden die Helden in seinen Romanen in dieser Rolle auftreten!
Mit Freude erinnert sich Karl May später zurückblickend an den ihm von Kantor Strauch kostenlos erteilten Orgel-, Klavier- und Violinunterricht. Auch in die Volksschule geht der Junge gern, er gilt dort anscheinend als besonders begabt. Dies hat jedoch zur Folge, dass der Vater höher mit ihm hinauswill und ihn – statt ihm zu erlauben, mit anderen zu spielen – ganze Bücher abschreiben lässt und darauf drängt, er soll schon jetzt Latein, Englisch und Französisch lernen.
Todesfälle sind in der Familie häufig. 1851 stirbt Karl Mays Großmutter Friederike Weise, im selben Jahre am 20. September der erst im April geborene Bruder, 1852 stirbt die zwei Wochen alte Schwester Anna Henriette. Im Mai 1854 kommt abermals ein Bruder zur Welt, der jedoch schon im August stirbt. Elf Monate später gebiert die Mutter wiederum einen Jungen. Auch er lebt nicht länger als knapp vier Monate.
Die materielle Situation in der Familie ist und bleibt in all den Jahren schwierig. Achtzig Arbeitsstunden in der Woche muss ein Weber leisten, um die Existenz seiner Familie wenigstens notdürftig zu sichern.
Wie bedrückend die Not der Familie May ist, geht allein aus dem Speisezettel hervor: Suppen aus Kartoffelschalen; überbrühter Lattich, am Wegrand gepflückt; Mahlrückstände aus einer Mühle; vertrocknete Brötchen, die der Bäcker nicht mehr zum normalen Preis verkaufen kann und billiger abgibt.
Vor Elend und Tod flüchtet sich Karl ins Lesen. Dass Lesen bildet, davon kann in diesem Fall keine Rede sein. Die ferne Welt, die der Junge lesend aufnimmt, stürzt ihn in Verwirrung: 1854 will der Zwölfjährige, dazu angeregt von einem Auswandererzug in die Vereinigten Staaten, Englisch lernen - eine Sprache, die er ebenso wenig beherrschen wird wie die vierzig anderen Sprachen, die er später zu sprechen vorgibt! Das Geld für den Sprachunterricht verdient er sich als Kegeljunge in der Hohensteiner Schankwirtschaft Engelhardt.
In ebendieser Wirtschaft betreibt die Frau des Wirtes eine Leihbibliothek mit immerhin 1540 Bänden. Zum Bestand gehören unter anderem Eugène Sues Die Geheimnisse von Paris und Alexandre Dumas' Der Graf von Monte Christo.
»Und doch gab's in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek und zwar was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche Büchersammlung wie dies war, nochmals gesehen. Sie rentierte sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in beiden Städtchen gab. [...] Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher, einstweilen darin zu lesen. Später sagte er, ich könne sie alle lesen, ohne dafür zu bezahlen, und ich las sie, ich verschlang sie; ich las sie drei-, viermal durch! Ich nahm sie mit nach Haus. Ich saß ganze Nächte lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen. Sie wußten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen in ihn.« (ebenda, S. 59)
Freude ist selten, Freude macht es ihm, wenn sein Pate, der Schmied Christian Friedrich Weißpflug, von seinen Reisen in ferne Länder erzählt. Freude und Schauder bereiten ihm gewiss auch Bücher aus der Hohensteiner Leihbibliothek. Schundromane sind das zumeist, an die seine Feinde später mit dem Hinweis erinnern werden, hier sei der Grundstock für seine Kriminalität gelegt worden.
Die ersten literarischen Versuche Mays fallen in diese Zeit. 1853 gründete der Verleger Ernst Keil die Wochenzeitschrift Die Gartenlaube, die rasch beim Publikum sehr beliebt wurde und sich einer großen Verbreitung erfreute. Um das Jahr 1858 will May schon seine ersten Indianergeschichten zusammen mit einem langen Brief an den Verleger Keil geschickt haben, der sich immerhin die Mühe machte, die Versuche durchzusehen und den angehenden Autor, den er durchaus in dem Jungen sah, vor übertriebenen Erwartungen zu warnen. In weiteren fünf Jahren, so hieß es in dem Antwortbrief, sei er vielleicht so weit, dass man wieder einmal über eine Veröffentlichung reden könne.
Nach der Lektüre des Räuberromans Rinaldo Rinaldini von Goethes Schwager Vulpius läuft der vierzehnjährige Karl aus dem Elternhaus fort. Er hinterlässt einen Zettel, auf dem steht: »Ihr sollt nicht blutig arbeiten, ich gehe nach Spanien und hole Hülfe.« Er kommt in einem Tag bis Zwickau, wo er Verwandte aufsucht. Gerührt holt ihn der Vater dort wieder ab. »Der Weg betrug fünf Stunden. Wir sind in dieser Frist still nebeneinander hergegangen; er führte mich an der Hand. Nie habe ich deutlicher gefühlt, wie lieb er mich eigentlich hatte. Alles, was er vom Leben wünschte und hoffte, das konzentrierte er auf mich. Ich nahm mir heilig vor, ihn niemals wieder solches Leid, wie das heutige, an mir erleben zu lassen. Und er? Was mochten das wohl für Gedanken sein, die jetzt in ihm erklangen? Er sagte nichts. Als wir nach Hause kamen, mußt ich mich niederlegen. [...] Von meinem Ausflug nach Spanien wurde nie ein Wort gesprochen.« (ebenda, S. 98)
Zu Ostern wird Karl konfirmiert. Er träumt davon, Arzt zu werden. Ärzte werden in seinen Geschichten eine wichtige Rolle spielen: Kara Ben Nemsi wird in Kairo im Harem als Arzt tätig werden. Aber Arzt, das ist zu hoch gegriffen. Begabung und gute Zeugnisse sind nicht ausreichend. Der für Söhne aus armer Familie gerade noch erreichbare Beruf in der Gruppe der »Studierten« ist der des Volksschullehrers. Auch diesen Berufsweg kann Karl May nur einschlagen, weil der Kirchenpatron, der Graf von Hinterglauchau, den Jungen, der nun auf das Lehrerseminar nach Waldenburg kommen soll, mit jährlich 20 Talern zu unterstützen verspricht.
II. Einer soll Lehrer werden
»Warum gibt es so viele Verlorene?
Sie müssen verloren gehen, weil man ihnen schon den ersten, kleinen Fehltritt nicht verzeiht.«
Karl May, Im Reiche des Silbernen Löwen IV
Im September 1856 besteht Karl May die Aufnahmeprüfung zum Lehrerseminar. Er ist an seiner neuen Ausbildungsstätte alles andere als zufrieden. Die Atmosphäre an der Lehrerbildungsanstalt ist pedantisch nüchtern und reaktionär. In der Demokratiebewegung des Jahres 1848 waren viele Lehrer engagierte Demokraten. Dem versucht man entgegenzusteuern. Eine bessere Bildung der unteren Volksschichten soll verhindert, demokratische Umtriebe und liberale Ideen schon im Ansatz unterbunden werden. Derlei Grundsätze gelten nicht nur für Preußen, sondern auch im Königreich Sachsen. »Restaurative Einstellung, systemtreue Frömmigkeit und staatserhaltende Anpassung wurden folglich goutiert und gefördert«, schreibt Wohlgschaft.13
Mays Kritik ist unpolitisch, er murrt vor allem über die Art und Weise, in der religiöse Fragen am Seminar behandelt werden, und Theologie und Religionsunterricht nehmen im Lehrplan einen breiten Raum ein. In der Haus- und Lebensordnung für das Schullehrer-Seminar in Waldenburg heißt es dazu: »Der Seminarzögling soll, eingedenk des von ihm gewählten Berufes, wie zu allen Zeiten, so auch während der Dauer seines Aufenthalts im Seminar, eines christlichen frommen Sinns sich befleißigen. Dieser Sinn wird sich kundgeben in andächtiger Theilnahme an den täglichen Hausandachten und am öffentlichen Gottesdienste, in würdiger Begehung der Abendmahlsfeier, in Vermeidung alles Sittlich-Unlauteren, in Gedanken, Worten und Handlungen, in Gehorsam gegen die Lehrer, in pünktlicher Befolgung der Anstaltsordnungen, in einem verträglichen, milden und gefälligen Verhalten gegen die Mitschüler, in einem bescheidenen, anspruchslosen und aufmerksamen Betragen gegen die übrigen Hausbewohner und gegen Fremde.«
Der Tageslauf scheint frei nach dem englischen Sprichwort »Early to bed and early to rise, make a man healthy, wealthy and wise« festgelegt worden zu sein. Man stelle sich die Reaktion eines heutigen Schülers oder Studenten vor, dem man Folgendes vorschreiben würde:
»§ 9 [...] Im Seminar wird an den Wochentagen um früh ½ 5, im Winter um 5, sonntags im Sommer um 5, im Winter um 6 Uhr aufgestanden. Nach der Abendandacht hat sich jeder Zögling bis ¾ 10 Uhr zu Bett zu begeben.
§ 10. Der Seminarist hat nach dem Aufstehen sein Bett zu machen, sich zu waschen, die Zähne zu reinigen, die Haare zu kämmen und sich vollständig anzukleiden. In den Früh- und Abendstunden des Winters dürfen warme Schuhe und ein schlafrockähnliches Oberkleid getragen werden; zu jeder anderen Zeit muss der Zögling mit Stiefeln oder Lederschuhen und mit Rock und Jacke, bei der Frühandacht am Sonntag mit Sonntagskleidern angethan sein.
§ 11. Das Schuhwerk und die Alltagskleider werden gleich nach dem ersten Frühstück, die Kleider und Stiefel für den Sonntag während der frühen Nachmittagsstunden des Sonnabends gereinigt. Reinigungsort ist im Sommer der Hof, im Winter der untere Hausflur.
§ 12. Im Sommer wird einige Mal in der Woche an einem sicheren Orte des Muldeflusses gebadet. Der die Tagesinspection führende Seminarleiter oder ein Hülfslehrer begleitet die Zöglinge. Im Winter wird von Zeit zu Zeit eine Hauptreinigung des Körpers in einem dafür eingerichteten Zimmer vorgenommen. Die hierfür zu beobachtende Ordnung wird vom Director näher bestimmt.«
Insbesondere der »hölzern pedantische« Ton, in dem diese Bestimmungen abgefasst sind, gibt einen Eindruck davon, wie autoritär der Alltag im Lehrerseminar reglementiert war. Mir fallen dazu Heinrich Heines Verse aus Deutschland, ein Wintermärchen ein, die da lauten:
»Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer der rechte Winkel,
In jeder Bewegung im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.
Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt ...«14
Dies ist eine Beschreibung von Soldaten des preußischen Militärs 1844. Das Seminar muss eine gute Vorschule für den Militärdienst gewesen sein:
»§ 39. Des Sonntags darf der Seminarist außer der Stadt befindliche anständige Wirtschaften besuchen und sich hier Bier und Milch zu seiner Erquickung reichen lassen. Der Genuss spirituöser Getränke ist, sowie Kartenspiel und Kegelspiel um Geld, verboten. An den Wochentagen darf keine Wirthschaft besucht werden.«15
Karl May selbst erlebte den Alltag im Seminar so: »Es gab täglich Morgen- und Abendandachten, an denen jeder Schüler unweigerlich teilnehmen mußte. Das war ganz wichtig. Wir wurden sonn- und feiertäglich in corpore in die Kirche geführt. Das war ebenso richtig. Es gab außerdem bestimmte Feierlichkeiten für Missions- und ähnliche Zwecke. Auch das war gut und zweckentsprechend. Und es gab für sämtliche Seminarklassen einen wohldurchdachten, sehr reichlich ausfallenden Unterricht in Religions-, Bibel- und Gesangbuchlehre. Das war selbstverständlich. Aber es gab bei alledem Eines nicht, nämlich gerade das, was in allen religiösen Fragen die Hauptsache ist, nämlich es gab keine Liebe, keine Milde, keine Demut, keine Versöhnlichkeit. [...] Es fehlte ihm [dem Unterricht] jede Spur von Poesie. Anstatt zu beglücken, zu begeistern, stieß er ab. Die Religionsstunden waren diejenigen Stunden, für welche man sich am allerwenigsten zu erwärmen vermochte.« (Leben und Streben, S. 94
Bezeichnend für die Atmosphäre im Seminar sind die Umstände, unter welchen 1858 zwei Seminaristen ausgeschlossen werden. Sie sollen angeblich ein rüdes Wesen an den Tag gelegt haben, wozu unter anderem gehört hat, dass sich der eine einigen Schulmädchen »unsittlich genähert« habe, was immer darunter verstanden worden sein mag. Bei diesem Delikt bleibt nach hochpeinlicher Untersuchung fraglich, ob es überhaupt stattgefunden hat. Das ändert nichts an der Einschätzung, der Seminarist eigne sich nicht für den Lehrerberuf. Es bleibt bei dem Ausschluss aus dem Seminar.
In ebendiesem Jahr 1858 erlebt May eine schwere Enttäuschung. Er hat sich in die gleichaltrige Anna Preßler, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, verliebt. Für sie hat er schwärmerische Gedichte geschrieben und noch Jahre später wird ihn die literarische Verarbeitung dieses Ereignisses beschäftigen.16 Anna, die ihm offenbar zunächst Hoffnungen gemacht hat, gibt dann jedoch dem Schnittwarenkrämer Carl Hermann ihr Jawort. Der ist die bessere Partie.
Bei seinen Mitschülern ist Karl May offenbar nicht sehr beliebt. Sie belächeln ihn und nehmen ihn nicht für voll. Er hat keine Freunde.
Schon in den Jahren auf dem Lehrerseminar scheint May geschrieben, aber auch komponiert zu haben. »Die paar Pfennige, die ich erübrigte«, heißt es in seinem Lebensbericht, »wurden in Schreibpapier angelegt.« (Leben und Streben, S. 99)
Als May sich in der vorletzten Klasse des Hauptseminars befindet, kommt es zu einem Zwischenfall. Als so genannter »Lichtwochner« hat er sich um die Reinigung der Leuchter und das Aufstecken neuer Lichter zu kümmern. Dabei bringt er sechs Kerzen auf die Seite und versteckt sie in seinem unverschlossenen Koffer in der Rumpelkammer. Er will sie in den Ferien mit nach Hause nehmen, um seiner Familie eine Freude zu machen. Was dann geschieht, verzeichnet ein Protokoll des Seminarleiters wie folgt:
»Dem Hohen Gesamtconsistorium habe ich Folgendes gehorsamst zu berichten. Kurz vor Beginn der diesjährigen Weihnachtsferien wurde von dem Proseminaristen Schäffler angebracht, dass ihm aus einer kleinen Lade zwei Thaler abhanden gekommen seien. Da hier eine Entwendung vorzuliegen schien, so wurde sofort eine Untersuchung angestellt, bei der sich jedoch keine genügenden Verdachtsgründe gegen irgendeinen Zögling ergaben.
Auf die Nachfrage, ob auch ändern Zöglingen Geld abhanden gekommen sei, wurde von dem Seminaristen Haupt mitgetheilt, dass ihm aus seiner Beinkleidertasche während der Nacht das Portemonnaie samt dem darin befindlichen Gelde von circa 15 ngr. abhanden gekommen. Der Umstand, dass Haupt die Beinkleider in den Schlafrock sorgfältig eingewickelt hat, sie aber früh auf dem Fußboden liegend gefunden, musste der Vermuthung Raum geben, dass auch hier eine Entwendung stattgefunden habe.
Der Director versammelte nun, nach gängiger Berathung mit den Seminarlehrern, den Seminarcötus und machte es jedem Zögling zur Ehren- und Gewissenssache, zur Ausmittlung des Hausdiebes auf alle Weise mitzuwirken.
Infolge dieser Aufforderung kamen zwei Schüler der ersten Seminarklasse, Ilisch und Illing, zum Director und theilten mit, dass der Seminarist May in der Zeit seines Lichtamtes sechs ganze Lichter behalten und in seinem Koffer über 14 Tage verborgen ge- halten habe. Hier hätten sie sie, weil der betreffende Koffer unverschlossen gewesen sei, zufällig gefunden. Sie hätten diese Lichte weggenommen und dem fungierenden Lichtwochner übergeben. Unter den Mitschülern sei der Fall besprochen worden; eine Anzeige bei dem Lehrer, der die Anstaltslichte unter Verschluss hat und ausgibt, oder beim Director hätten sie aber um deswillen nicht zu thun vermocht, weil sie die traurigen Folgen für May und dessen arme Eltern gefürchtet hätten. Es versteht sich von selbst, dass bei den Schülern wegen Verheimlichung dieses Falles ein Verweis gegeben wurde.
Die Seminarlehrer traten nun sofort wieder in Conferenz. May konnte hier das Factum nicht ableugnen, gestand aber die böse Absicht nicht zu, behauptete vielmehr, er habe die Rückgabe der Lichter nur vergessen. Hiergegen wurde ihm bemerkt, dass er bei Ausrichtung seines Lichtwochneramtes gar keine Veranlassung gehabt habe, mit so vielen Lichtern in die entlegene Rumpelkammer oder auch nur in deren Nähe zu kommen, wenn er in jener Kammer gleichwohl sechs Lichter abgelegt, eingewickelt und wochenlang verheimlicht habe, so zeuge das alles nicht für, sondern wider ihn.«17
Über den Vorfall wird dem Ministerium Meldung gemacht. Dieses verfügt Mays Entfernung aus dem Seminar und begründet diese Maßnahme mit seiner »sittlichen Unwürdigkeit für den Beruf«. Ausschlaggebend für diese Entscheidung dürfte, neben der Kerzenaffäre, noch ein anderer Vorfall gewesen sein, bei dem der Seminarist May auffällig geworden war:
»Bei der Beurtheilung dieses Falles«, heißt es in den Schulakten, »kommt auch die seitherige Aufführung Mays in Betracht. Die Lehrer haben bei diesem Schüler hie und da über arge Lügenhaftigkeit und über rüdes Wesen Klage geführt. Wie schwach sein religiöses Gefühl sein müsse, geht unter andrem aus folgendem Falle hervor.
Als die Anstalt in der Fastenzeit dieses Jahres zum heiligen Abendmahl gewesen, hatte sich May von dem angeordneten Besuch des Nachmittagsgottesdienstes absentirt. Dem die Tagesinspection führenden Lehrer hatte er seine heimliche Entfernung anfänglich abgeleugnet und sogar Mitschüler genannt, neben denen er in der Kirche gesessen haben wollte. Dem Director gestand er sein Unrecht und bat sehr um Verzeihung, die ihm dann auch vor dem Lehrercollegio für diesmal zu Theil ward. Der Fall war aber ganz dazu angethan, dass man dem May die Verdorbenheit seines Gemüthes und Herzens gleichsam offen darlegen konnte. Der Ernst, mit dem das geschah, schien auch einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.
Weiterhin ist zu bemerken, dass in der ersten und zweiten Seminarclasse, die beide von der Conferenz abgehört wurden, die moralische Überzeugung sich offen und allgemein aussprach, dass May nicht bloß in Betracht des vorliegenden Falles, sondern auch noch sonst im Verdacht der Unehrlichkeit bei ihnen stehe, obwohl sie ihn im Einzelnen nicht überführen konnten.«18
Zu vermuten ist, dass sich Karl May gegen den sehr strikt und engherzig auf Disziplinierung der Zöglinge ausgerichteten Seminarbetrieb hin und wieder aufgelehnt hat. Wahrscheinlich hat er auch die recht formalen Vorstellungen der Seminarleitung von religiöser Unterweisung kritisiert.
Doch »arge Lügenhaftigkeit«? Trifft das zu? Hierzu ist zu sagen, dass bei Karl May die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung, zwischen Einbildung und Lügenhaftigkeit sehr fließend sind. Und dies wird ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringen.
Das nicht nur für Karl, sondern für die ganze Familie katastrophale Ereignis des Hinauswurfs hat auch gravierende Auswirkungen auf Mays Weltanschauung: »Ich lernte zwischen dem Christentum und seinen Bekennern zu unterscheiden. Ich hatte Christen kennengelernt, die unchristlicher gegen mich verfahren waren, als Juden, Türken und Heiden verfahren konnten.« (Leben und Streben, S. 102)
Mays religiöse Überzeugung verändert sich. Was in den frommen Traktätchen für naive Kirchgänger gepredigt wird, überzeugt ihn nicht mehr. Er beginnt an einem auf das kirchliche Dogma festgelegten Glauben zu zweifeln und entwickelt selbständige religiöse Vorstellungen. Sie tun sich beispielsweise 1870 in dem höchst eigenartigen Fragment »Ange et Diable« kund.
In »Ange et Diable«, das in einem ziemlich unvollkommenen Französisch gehalten ist19, tritt uns ein gegen kirchliche Autoritäten und Dogmatismus rebellierender Karl May entgegen. Er plant sogar zu diesem Thema einen sechs Bände umfassenden »socialen Roman«.
Die Reaktionen seiner Umwelt bei der Affäre um die entwendeten Kerzen hat May nie ganz verwunden und seine grüblerischen Erinnerungen schließlich 1897 in dem Roman Weihnacht umgesetzt.
Der Roman beginnt damit, dass der Gymnasiast May ein Weihnachtsgedicht von 32 Strophen schreibt. Aus dem Schüler-Dichter wird in der Handlung des Buches nach einem Zeitsprung von einigen Jahren Old Shatterhand, der im Missourigebiet und im Felsengebirge eine Verfolgungs- und Rettungsreise unternimmt. Der Direktor des Seminars in Waldenburg tritt dort als »Prayerman«, als Traktätchenhändler auf, der sich im Laufe der Handlung als getarnter Bandit entpuppen wird. Von biographischer Bedeutung ist im Roman die Gestalt des mit dem Erzähler befreundeten Schulkameraden Carpio. Zu einem mühselig-harten Lebensweg gezwungen, flüchtet Carpio in ans Krankhafte grenzende Illusionen. Carpios Scheitern und Tod kann der Ich-Erzähler, Old Shatterhand, zwar nicht verhindern, doch gelingt es ihm, Carpios Elend dadurch zu mildern, dass er diesem das Gefühl gibt, wenigstens von einem Freund verstanden zu werden. Gewiss ist dies eine Wunschvorstellung von Karl May selbst, die er hier auf eine seiner Gestalten überträgt, und sie gibt Aufschluss über seine Situation im Seminar.
Wieder auf den »einzigen Fehler«, nämlich die in Waldenburg beiseite geschafften Kerzen anspielend, schreibt May da erstaunlich aufsässig: »Ich finde zwischen Gott und Teufel keinen Unterschied. Wer ist wohl schlimmer - ein Gott, welcher wegen EINES EINZIGEN Fehlers EINES EINZIGEN Menschenpaares, an dessen Fehlerhaftigkeit er noch dazu als Schöpfer die Schuld trug, Millionen und aber Millionen unschuldiger Menschen ins Unglück stürzt [...] oder ein Teufel, welcher dann und wann eine ungehorsame Menschenseele als Fricassee verspeist?«20
Schon an diesen beiden Beispielen lässt sich ersehen, wie eng bei Karl May Leben und Werk verbunden sind, wie er gravierende Ereignisse seines Lebens mit seiner Phantasie bearbeitet und in die Handlung seiner Bücher einfließen lässt. Ein ganzes Heer von Karl-May-Interpreten ist vor allem in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts tätig gewesen und hat diese Zusammenhänge aufgedeckt.
III. Ein junger Mann wird kriminell
»Meine Absicht war es ja niemals gewesen, Volks- oder gar Fabrikschullehrer zu bleiben; ich hatte ganz Anderes geplant.«
Karl May
Nach Gnadengesuchen von May selbst und vom Pfarrer seines Heimatortes, die schließlich auch vom Seminarleiter in Waldenburg unterstützt werden, kann Karl May immerhin nach einer weiteren Aufnahmeprüfung seine Ausbildung zum Volksschullehrer am Seminar in Plauen fortsetzen.
Auf die Ähnlichkeit der Lebensumstände in einem Lehrerseminar mit denen in einer Kaserne ist schon hingewiesen worden. In Plauen war dies nicht anders als in Waldenburg. Sittenhaftigkeit im Sinn der Amtskirche wurde großgeschrieben und rigoros erzwungen.
So sah die Aufsichtsbehörde zum Beispiel Onanie als schlimmes Laster der Seminarzöglinge an und versuchte radikal gegen diese »Seuche« vorzugehen. Es fanden, von Lehrern und Ärzten betrieben, regelrechte Hexenjagden statt, von denen abstruse Protokolle überliefert sind. Auch im Rechenschaftsbericht über den Zustand des Lehrerseminars Plauen im Jahre 1860 nimmt dieses Thema einen ungewöhnlich breiten Raum ein. Die Tendenz, die dabei deutlich wird, ist typisch für die damaligen Vorstellungen von Sexualerziehung. Die Sprache, in der sie sich ausdrückt, ist für uns heute nicht ohne Komik:
»Was die traurigen sexuellen Verirrungen betrifft, so hat das Lehrercollegium in der Gemäßheit der hohen Verordnung vom 10. October sich bemüht, alles, was in seinen Kräften steht, zu thun und dem Übel zu steuern und die Gefallenen mit Gottes Hülfe zu retten. Der gehorsamst Unterzeichnete hat nicht nur durch fortgesetzte Beobachtung und sorgfältige Beaufsichtigung der Zöglinge sowie durch mehrmalige Erinnerung an die Heiligkeit des 6. Gebotes und durch eindringliche Warnung vor der fraglichen Versündigung den Verirrungen zu begegnen gesucht, sondern auch den Verirrten seelsorgerlich sich angenommen. Er ließ alle, welche dem Oberlehrer Kühn die Sünde eingestanden hatten, nach und nach einzeln, manche zu wiederholten Malen, zu sich kommen, führte ihnen mit väterlichem Ernste die Unsittlichkeit und Verderbnis der Verirrung zu Gemüthe und forderte sie unter Bezeugung wahrer Theilnahme auf, über ihr gegenwärtiges Verhalten in fraglicher Beziehung ein wahrheitsgetreues, offenes Bekenntnis abzulegen; mehrere erklärten, dass sie wohl früher, aber im Seminar nie in dieser Beziehung sich vergangen hätten; die anderen betheuerten, dass sie, seitdem sie zur Erkenntnis der Verwerflichkeit und Schädlichkeit der Verirrung gekommen seien, sich fest vorgenommen hätten, sich nie wieder in der Art zu versündigen, und dass sie diesem Vorsatz bisher treu geblieben seien. Nachdem sie diese Erklärung auf die Erinnerung, dass sie dieselbe im Angesichte Gottes gegeben ansehen sollten, wiederholt und mit ihres Namens Unterschrift bekräftigt hatten, wurden sie eindringlich ermahnt, ohne Unterlass zu wachen und zu beten, um nicht wieder auf den Weg des Verderbens zu gerathen.«21
Ganz abgesehen von der verteufelnden Haltung der Schulbehörde und der Seminarleitung in puncto Selbstbefriedigung, vermitteln diese Ausführungen auch eine Vorstellung vom bigotten und unfreien Geist, der in diesen Anstalten herrschte. Vorhaltungen über die Sündhaftigkeit des Menschen hörten die angehenden Lehrer jeden Tag. Viele von ihnen mögen sie später an ihre eigenen Schüler weitergegeben haben.
Am 9., 10. und 12. September 1861 unterzieht sich der neunzehnjährige Karl May der Lehramtskandidatenprüfung. Werfen wir einen Blick auf die Liste der Prüfungsthemen.
»Von dem apostolischen Ausspruch ›Lasset alles ordentlich zugehen‹ anknüpfend, erstreckte sich das Examen über die Schulordnung, wobei hauptsächlich auf die innere Seite derselben Rücksicht genommen wurde [...]. Der Referent [Prüfer] ließ sich dann zum Behuf der Prüfung in der Weltgeschichte die Völker in der Reihe aufführen, in welcher sie auf den Schauplätzen der Geschichte hervorgetreten sind bis zum Russischen Reiche. [...] hierauf legte der Oberlehrer Lohse, an den Kriegsschauplatz des letzten Jahrzehnts anknüpfend, einzelne Fragen aus der Geographie über Krim, Russland, Frankreich und China vor.«
Bei der Prüfung nimmt die Befragung zu religiösen Themen einen breiten Raum ein. So wird May etwa über Johannes 4,14 »katechisiert«. In Grammatik wird er über das Eigenschaftswort geprüft. Danach hat jeder Examinand einen Choral mit den anwesenden Schulknaben zu singen. Zuletzt wird von den Examinanden eine Predigt aus der Hofackerschen Sammlung vorgelesen.
Zwei der elf Kandidaten fallen durch. May selbst besteht mit der Gesamtnote »gut«. In »Verhalten» erhält er die Beurteilung »Mit Zufriedenheit«, was darauf hindeutet, dass vergangene Sünden nicht ganz vergessen sind.
Seine erste Stelle als Hilfslehrer tritt Karl May am 1. Oktober 1861 an der Armenschule in Glauchau an. Er verdient nun 175 Taler im Jahr samt 25 Taler Mietzuschuss - und gerät nach knapp drei Wochen abermals in Schwierigkeiten, die sich nach den Akten wie folgt darstellen:
»Es erscheint hier der hiesige Kaufmann Herr Ernst Theodor Meinhold in der großen Färbergasse u. gibt an, dass der Hilfslehrer Carl Friedrich May bei ihm seit dem 5ten October d.J. sich in Wohnung und Kost gegeben, während dieser Zeit aber in der unwürdigsten Weise durch Lügen u. Entstellungen aller Art sich bemüht habe, die Ehefrau von ihm abwendig und seiner schändlichen Absichten geneigt zu machen. [...] Herr Meinhold führt ferner aus, dass der p. May ohne sein Vorwissen den Lehrling verführt habe, ihm aus der Ladenkasse 1 rt 5 ngr zu borgen. Wenn nun auch letztere Summe zurückgegeben sei, so findet er dennoch das Versehen des May mit einem jungen, unerfahrenen Menschen unverantwortlich, da er als Lehrer einen solchen in seinen Pflichten zu befestigen, nicht aber irre zu machen habe.«22
Die Sache wird untersucht. May bestreitet schändliche Absichten, muss aber ungehörige und unsittliche Annäherungen einräumen. 1861 wird May aus seiner ersten Lehrerstelle fristlos entlassen.
In der Autobiographie Karl Mays wird der Vorfall nicht erwähnt. Wohl aber ist von Forschern ein Satz aus dem Kolportageroman Der Weg zum Glück auf die junge Frau bezogen worden, der May zu nahe getreten sein soll. Die Stelle lautet: »Ihre vollen Formen, das blendende Weiß ihres Teints, die prächtigen Augen, die berauschenden Lippen, das – das Alles nahm seine Sinne gefangen.«
Auch eine Bemerkung in dem Roman Die Todeskarawane scheint auf diese Affäre bezogen: »Saduk verkehrte viel im Haus des Muschtashed und sah die Tochter desselben. Sie gefiel ihm und er war ein schöner Mann. Er [...] wagte es, zu ihr von seiner Neigung zu sprechen. Der Muschtashed befand sich unbemerkt in der Nähe und ließ ihn festnehmen.«23
Nach Auskunft einer Schwester Karl Mays wurden er und Frau Meinhold bei einem Kuss überrascht.
Es ist ungeklärt, ob das Kind, das Henriette Meinhold neun Monate später zur Welt bringt, mit May gezeugt worden ist.
Welcher Art Mays Gefühle bei dieser Beziehung gewesen sind, bekennt der junge Lehrer Max Walther in Der Weg zum Glück: »Ich liebte sie wirklich von ganzem Herzen. Nach dem Scheiden schwärmte ich für sie und dichtete auf sie Liebesgedichte, wie ich sie so schön vielleicht in meinem Leben nicht wieder dichten werde.«24
Es gelingt Karl May innerhalb kurzer Zeit, als Lehrer in einer Fabrikschule in Altchemnitz eingestellt zu werden. Seine Schüler sind von schwerer Arbeit erschöpfte Kinder.
Als er in diesem Winter zum Weihnachtsfest zu seinen Eltern heimfährt, nimmt er eine Uhr, eine Pfeife und eine Zigarrenspitze jenes Mannes mit, mit dem er das Zimmer teilt, wohl nicht in der Absicht, sie zu stehlen, wohl aber um mit den Gegenständen daheim zu renommieren.
»Der Fabrikherr, dessen Schule mir anvertraut worden war, hatte kontraktlich für Logis für mich zu sorgen. Er machte sich das leicht. Einer seiner Buchhalter besaß auch freies Logis, Stube mit Schlafstube. Er hatte bisher beides besessen; nun wurde ich zu ihm einquartiert; er mußte mit mir teilen. Hierdurch verlor er seine Selbständigkeit und seine Bequemlichkeit; ich genierte ihn an allen Ecken und Enden, und so läßt es sich wohl begreifen, daß ich ihm nicht sonderlich willkommen war und ihm der Gedanke nahe lag, sich auf irgend eine Weise von dieser Störung zu befreien. Im übrigen kam ich ganz gut mit ihm aus. Ich war ihm gewöhnlich gefällig und behandelte ihn, da ich sah, daß er das wünschte, als den eigentlichen Herrn des Logis. Das verpflichtete ihn zur Gegenfreundlichkeit. Er hatte von seinen Eltern eine neue Taschenuhr bekommen. Seine alte, die er nun nicht mehr brauchte, hing unbenutzt an einem Nagel an der Wand. Sie hatte einen Wert von höchstens zwanzig Mark. Er bot sie mir zum Kaufe an, weil ich keine besaß; ich lehnte ab, denn wenn ich mir einmal eine Uhr kaufte, so sollte sie eine neue bessere sein. Freilich stand dies noch in weitem Felde, weil ich zuvor meine Schulden abzubezahlen hatte. Da machte er selbst mir den Vorschlag, seine alte Uhr, wenn ich in die Schule gehe, zu mir zu stecken, da ich doch zur Pünktlichkeit verpflichtet sei. Ich ging darauf ein und war ihm dankbar dafür. In der ersten Zeit hing ich die Uhr, sobald ich aus der Schule zurückkehrte, sofort an den Nagel zurück. Später unterblieb das zuweilen; ich behielt sie sogar stundenlang in der Tasche, denn eine so auffällige Betonung, daß sie nicht mir gehörte, kam mir nicht gewissenhaft, sondern lächerlich vor. Schließlich nahm ich sie sogar auf Ausgängen mit und hing sie erst am Abende, nach der Heimkehr, an Ort und Stelle. Ein wirklich freundschaftlicher oder gar herzlicher Umgang fand nicht zwischen uns statt. Er duldete mich notgedrungen und ließ es mich zuweilen absichtlich merken, daß ihm die Teilung der Wohnung nicht behage. Da kam Weihnachten. Ich teilte ihm mit, daß ich die Feiertage bei den Eltern zubringen würde, und verabschiedete mich von ihm, weil ich nach Schluß der Schule gleich abreisen wollte, ohne erst in die Wohnung zurückzukehren. Als die letzte Schulstunde vorüber war, fuhr ich nach Ernstthal, nur eine Bahnstunde lang, also gar nicht weit. Die Uhr zurückzulassen, daran hatte ich in meiner Ferienfreude nicht gedacht.« (Leben und Streben, S. 103f.)
Der rechtmäßige Besitzer, jener Buchhalter also, der May, aus welchen Gründen auch immer, nicht wohlgesinnt ist, stellt Strafanzeige. May wird festgenommen, er streitet zunächst ab, die Gegenstände in seinem Besitz zu haben. Sie werden dann aber bei ihm gefunden. Schließlich behauptet er, er habe sie nach Weihnachten zurückgeben wollen. In einer durch zwei Instanzen laufenden Gerichtsverhandlung wird May zu sechs Wochen Gefängnis nicht wegen Diebstahls, sondern wegen »widerrechtlicher Benutzung von fremden Sachen« verurteilt. Diesmal nützen auch Gnadengesuche nichts. Vom 8. September bis zum 20. Oktober 1863 verbüßt er die verhängte Strafe im Gerichtsgefängnis zu Chemnitz. Nach seiner Entlassung sind alle Versuche, wieder als Lehrer tätig zu werden, erfolglos. Sein Name ist aus der Liste der Lehramtskandidaten gestrichen worden.
May ist tief betroffen. Er empfindet die Strenge, mit der die Justiz gegen ihn vorgegangen ist, als empörend ungerecht – zumal er vermutet, dass seine soziale Herkunft aus der Unterschicht, die Kerzenaffäre und das Disziplinarverfahren in Glauchau sich bei diesem Richterspruch strafverschärfend ausgewirkt haben.
Die Konsequenz, die er daraus zieht, mag man als unreif beurteilen, sie ist aber andererseits aus seiner Situation heraus verständlich. Er sinnt auf Rache. »Die Rache sollte darin bestehen, daß ich, der durch die Bestrafung unter die Verbrecher Geworfene, nun auch wirklich Verbrechen beging.«25
Über die Ereignisse zwischen Karl Mays Entlassung aus dem Gefängnis und seiner erneuten Straffälligkeit ist wenig bekannt. Seine Behauptung, er sei in dieser Zeit in Amerika gewesen, gilt als widerlegt. Nun gibt es aber in der Nähe seines Heimatortes ein Dorf mit Namen Amerika. Bei Mays Hang zur Erfindung phantastischer Geschichten ist es möglich, dass ihn diese Namensgleichheit zu der Behauptung inspiriert haben könnte, er sei um diese Zeit in Amerika gewesen. Wahrscheinlicher ist, dass er eine Auswanderung plante, sie aber nicht ausführen konnte, weil er keinen Pass bekam.
Er verfasste in diesen zwei Jahren Kompositionen. Auch gibt er später an, schon damals literarische Arbeiten konzipiert zu haben. Tatsächlich scheint er sich mit Sprach- und Musikunterricht und als Leiter des örtlichen Gesangvereins eher kümmerlich durchs Leben geschlagen zu haben.
Irgendwann dürften seine spärlichen Einkünfte selbst für das Existenzminimum nicht mehr ausgereicht haben. Die Folge von Straftaten, die er nun begeht, um sich über Wasser zu halten, rufen bei einem unvoreingenommenen Beobachter, ohne dass sie entschuldigt werden sollen, ein leises Schmunzeln hervor. Bezeugen sie doch auch, ganz ähnlich wie die Geschichte um den so genannten Hauptmann von Köpenick, die Autoritätsgläubigkeit weiter Bevölkerungsschichten damals.
Den ersten Streich führt May in Penig, einer Kleinstadt nördlich seines Heimatortes Ernstthal. Er bestellt dort, unter dem Namen Dr. med. Heilig auftretend, bei einem Schneider fünf Kleidungsstücke, die auch angefertigt werden. Als er sie abholt, spielt er die Rolle eines Mediziners so gekonnt, dass ihn der Schneider bittet, einen augenkranken Hausbewohner zu untersuchen. Er stellt ein Rezept für den Kranken aus und entschwindet dann, unter dem Vorwand, er müsse zu genauerer Diagnose daheim bestimmte Instrumente holen, mit den angefertigten Kleidungsstücken.
In Chemnitz erbeutet er unter falschem Namen und als Lehrer auftretend einige Pelze. Auch in Leipzig erschwindelt er sich, diesmal unter dem Namen Hermes – bekanntlich in der griechischen Mythologie der Gott der Kaufleute und Diebe – einen Biberpelz. Die Beute lässt er durch einen ahnungslosen Mittelsmann in einem Pfandhaus versetzen.
Die Polizei kommt ihm auf die Spur. Er wird verhaftet, wie es im Protokoll heißt, mit einem Beil unter dem Rock, und ist sofort geständig. Einen Teil der Beute hat er versetzt, einige der ergaunerten Kleidungsstücke werden noch bei ihm gefunden. Im Juni 1865 wird er wegen dreifachen Betruges zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus verurteilt.
Die Erwartung, die die Gesellschaft mit einer im Arbeitshaus zu verbüßenden Haft verbindet, ist es, den Straffälligen durch Arbeit zu bessern. May kommt zunächst auf die Schreibstube, fertigt später Geld- und Zigarrentaschen an und wird schließlich wegen guter Führung in die oberste Disziplinarklasse befördert. Er wird als Musiker im Arbeitshaus tätig, hilft dem Direktor bei statistischen Arbeiten und scheint auch in der immerhin 4000 Bände umfassenden Gefängnisbibliothek tätig geworden sein. Den Grundstock für seine recht umfassende literarische Bildung dürfte er dort gelegt haben.
Seine Vorstellungen über die Lesebedürfnisse eines Strafgefangenen formuliert er später in seinen Lebenserinnerungen. Dabei drückt er in Wirklichkeit aus, welche Bedeutung Lesen für ihn selbst besitzt:
»Wenn ich behaupte, daß ich die literarischen Bedürfnisse der Volksseele kennenlernte, so bitte ich, diese Bemerkung ernst zu nehmen. Man soll nicht sagen, daß jeder Volksbibliothekar genau dieselben Erfahrungen machen könne, denn das ist nicht wahr. Ein Leser in Freiheit und ein Leser in Haft, das sind zwei ganz verschiedene Gestalten. Bei letzterem kann das Lesen geradezu zum seelischen Existenzbedürfnis werden […].« (Leben und Streben, S. 132)
Wer als heutiger Karl-May-Leser findet, hin und wieder tue der Autor bei der Zugabe von Moralin in seinen Romanen etwas zu viel des Guten, wird die Ursache dafür in dessen Erfahrungen im Gefängnis finden:
»Der Gefangene hat während der Detention [Haft] auf alle seine leiblichen Sonderrechte zu verzichten. In leiblicher Beziehung ist er nicht mehr Person, sondern nur noch Sache, eine Nummer, die in den Büchern eingetragen wird und bei der man ihn auch nennt. Um so kräftiger, ja ungestümer tritt seine innere Gestalt, seine Seele hervor, um sich, ihre Rechte und Bedürfnisse, geltend zu machen. Der Leib ist gezwungen, sich in die Gefängniskleidung und Gefängniskost zu fügen. Wehe, wenn man den Fehler begeht, den gleichen Zwang auf die Seele ausüben zu wollen! Sie strebt mit Macht heraus aus den Gefängniskleidern, und sie verlangt mit Heißhunger nach einer Kost, an der sie ethisch gesunden und erstarken kann, um sich von den Fesseln, in denen sie bisher schmachtete, zu befreien. Man glaube mir, kein Sträfling wünscht das Böse für sich; sie alle wünschen das Gute. Im tiefsten Herzensgrunde hat jeder den Trieb, nicht nur körperlich, sondern auch moralisch frei zu sein, sogar der scheinbar Unverbesserliche. Woher aber soll diese nackte, hungrige Seele sich gut kleiden und gut nähren, nämlich gut im ethischen Sinne? Aus sich selbst heraus? Aus den sonntäglichen Anstaltspredigten? Aus den wenigen, kurzen Besuchen des Anstaltsgeistlichen und anderer Beamten? Aus dem Zusammenleben mit den Strafgefährten? Man beantworte diese Fragen, wie man will, die Hauptquelle aller Erziehung, Besserung und Emporhebung kann bei derartig gegebenen Verhältnissen nur die Bibliothek sein.« (ebenda, S. 132f.)
Nun lässt sich gegen diese idealistischen Ansichten manches einwenden, beispielsweise ist Mays Vorstellung, alle Strafgefangenen wünschten sich einen ethischen Crash-Kurs, doch etwas arg blauäugig; ebenso sein Vertrauen in deren Willen zum Guten und in die Wirkung »guter« Bücher, was immer man überhaupt darunter verstehen will. Eines jedoch deckt dieses Zitat auf: die Wurzel, aus der sein Wille entsprang, später als Schriftsteller eine Literatur der »Erziehung, Besserung und Emporhebung« zu schaffen, ein Programm, das er auf alle seine Publikationen – freilich nicht immer zum Vorteil für ihre literarisch-künstlerische Qualität – angewendet hat.
Es entsteht auch schon hier im Arbeitshaus das so genannte Repertorium C. May, eine Auflistung jener Schriften, die er später einmal schreiben will.26
Anfang November 1868 wird May vorzeitig entlassen.
Er kehrt in seinen Heimatort zu den Eltern zurück, kann dort jedoch nicht recht Fuß fassen. Wann immer Straftaten bekannt werden, fällt der Verdacht zunächst auf ihn. So wird er etwa einer Brandstiftung bezichtigt und nicht einmal die eigene Mutter mag glauben, dass er es nicht gewesen ist.
Erste literarische Versuche, wenn sie überhaupt einen Abnehmer finden, bringen nicht genug ein.
Eine neue Kette von Straftaten beginnt. May gibt sich als Polizeileutnant aus, der angebliches Falschgeld beschlagnahmen soll. Ein zweiter Versuch ähnlicher Art misslingt, aber er entkommt seinen Verfolgern.
Er lernt zwei Amerikaner kennen, die ihm anbieten, ihn als Hauslehrer für ihre Kinder in die Neue Welt mitzunehmen. Seinen Eltern teilt er von unterwegs mit, er werde dieses Angebot annehmen. Es ist dann aber offenbar nichts daraus geworden.
Nach Sachsen zurückgekehrt, findet er im Haus seines Paten vorübergehend Unterschlupf. Als ihm bei dem Schmied der Boden zu heiß wird, versteckt er sich, unter Mitnahme von einigen Gebrauchsgegenständen von geringem Wert, in einer Höhle, die heute noch eine Touristenattraktion und Pilgerstätte für Karl-May-Fans darstellt.
Er stiehlt Billardbälle in einem Restaurant und verkauft sie – eine ziemlich kümmerliche Form des Gelderwerbs -, er stiehlt ein Pferd und schlägt es für 15 Taler wieder los. Er gibt sich bei einer Familie in Mülsen St. Jakob als Angestellter eines Advokaten aus, der die Nachricht von einer Erbschaft überbringt. Es gelingt ihm, die Männer der Familie fortzuschicken. Als er mit den Frauen allein ist, behauptet er, in Wahrheit eine Haussuchung wegen des Verdachts von verstecktem Falschgeld vornehmen zu müssen, und erbeutet dabei 28 Taler.
In einem Kegelhaus, in dem er eine Scheibe einschlägt und eingestiegen ist, um dort zu nächtigen, wird er schließlich gestellt. Bei ihm werden falsche Papiere gefunden, die ihn als Generalstaatsanwalt Dr. Schwarze ausweisen.
Man bringt ihn zu den verschiedenen Orten seiner Untaten, um ihn den Geschädigten gegenüberzustellen. Ihm gelingt die Flucht. Obwohl Polizei und Feuerwehr zu einer großen Suchaktion aufgeboten werden, bleibt er vorerst verschwunden. Er besucht zwei Frauen, Mutter und Tochter, in Plößnitz und gibt sich bei ihnen als Schriftsteller und illegitimer Fürstensohn aus.
Schließlich wird er in der Nacht vom 3. zum 4. Januar 1870 in Algersdorf, einem Ort in Nordböhmen, das damals zu Österreich gehört, aufgegriffen und zur Überprüfung seiner Identität nach Tetschen gebracht. Er erfindet eine haarsträubende Geschichte, die er aber offenbar mit großer Überzeugungskraft vorbringt. Heinz Stolte hat sie nach den Gerichtsakten rekonstruiert und dabei gezeigt, dass hier eigentlich der Erfindungsmechanismus eines Romanautors tätig wird. Offenbar braucht es nur einen Namen, Albin Wadenbach, und schon entsteht um diesen Namen eine Familie, eine ganze Welt.
»Niemals, wir wissen das schon, hat auch späterhin der Schriftsteller, der Erzähler Karl May davon lassen können, wenigstens in der literarischen Fiktion, das große ›Ich‹ selber zu sein, was er aus Tiefen der Traumkraft hervor brachte: Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Hier freilich, in der Amtsstube von Bensen, war dies, sich identisch zu erweisen mit seinem Traumgebilde, das dringendste Gebot der Stunde, war es gewiss noch mehr Hochstapelei als Literatur.«27
Ergänzen möchte man: Aber so verschieden waren die Situationen nicht. Hier die Ordnungshüter, dort die Leser. Wahrscheinlich hatten es die Beamten auf dem Polizeiposten noch nie zuvor mit einem Menschen zu tun, der eine erfundene Geschichte, oder soll man sagen eine Lüge, so erfolgreich und überzeugend und auch mit so vielen schwer nachprüfbaren Details versehen vorzutragen in der Lage war. Hermann Wohlgschaft hat in seiner großen Karl-May-Biographie auf die Ähnlichkeit der Geschichte mit Max Frischs Roman Stiller hingewiesen. Auch da behauptet jemand, nicht der zu sein, der er »amtlich« sein sollte. Der Germanist Heinz Stolte hat die Geschichte um die Identität des Landstreichers Wadenbach nach den Originalakten rekonstruiert. Er erzählt sie kommentierend so:
»Aus Orby ist er gekommen, weit über das Meer, von der Insel Martinique, und wir verstehen wohl schon, was diese Insel bedeutet: Sie ist so viel wie Otahiti, wie die Insel der Glückseligen, die Goldinsel der alten Sagen, die Insel Utopia des Thomas Morus. Und Orby (das man auf keiner Landkarte von Martinique hat auffinden können), dieses Orby ist vielleicht auch nichts anderes als jenes ›Orplid, mein Land, das ferne leuchtet‹, was dem gewesenen Seminaristen Karl May aus Mörikes Gedichten im Kopf rumort.
Exotische Ferne, Märchenland steigt herauf, und wer dem Werden eines zentralen Motivs in der Erzählwelt Karl Mays näher nachspüren wollte, käme wohl auch darauf, dass dieser Insel-Mythos, der am Anfang steht, und der Mythos von Sitara, der das Ende kennzeichnet, ausgesponnen im Epos Ardistan und Dschinnistan, aus gleichem Ursprung kommen, ja, dass sie ein und dasselbe sind. Dort jedenfalls, im Jenseits, im Garten Eden, liegt seine wahre Heimat, das glückliche Idyll seiner Kindheit und Jugend. Nichts darin von den Kümmernissen und Nöten von Ernstthal, dem ernsten Tal seiner wirklichen Herkunft. Zwar ist die Mutter schon lange tot, aber der Vater ein reicher Mann. Tabak, Vanille und Hanf wuchsen auf seinen Plantagen, und er, Heinrich Wadenbach, konnte es sich leisten, seinem ältesten Sohn Albin eine ausgezeichnete Erziehung und Bildung mitzugeben. Nicht auf einer gewöhnlichen Schule wurde er unterrichtet, nein, er hat immer einen Hauslehrer gehabt und Privatunterricht genossene Die Landwirtschaft hat er als Praktikant erlernt, aber auch - nebenher - bei einem berühmten Arzt namens Legrand ›practische Kenntnisse in der Medizin‹ erworben. Die Sache mit den praktischen Kenntnissen in der Medizin mag uns hier ja besonders ins Auge springen: Es ist dies eine große Versagung seiner Jugend. Es muss ihn zutiefst frustriert haben, dass sein Lebenswunsch, Medizin zu studieren, nicht in Erfüllung gegangen ist. Hier hat eine seiner Hochstaplerrollen, der Doktor Heilig, ihren Ursprung; aber auch durch das ganze Erzählwerk zieht es sich als ein Leitmotiv in hundert Varianten hindurch: Seine ›practischen Kenntnisse in der Medizin‹ brillieren, wo immer sich im Fluss seiner Geschichte ein Anlass bietet, sodass wir ja nun sogar seit kurzem schon eine medizinische Doktorarbeit über dieses Thema bekommen haben.«28
Wenn das einer liest, der selbst schreibt, so erschrickt er, welche Anhaltspunkte über die eigenen geheimen Wünsche und Verdrängungen man einem geschickten Interpreten bietet. Auch wird klar, wie nahe das Erfinden einer Handlung für eine Geschichte oder einen Roman und Hochstapelei beieinander liegen, eine Tatsache, über die Thomas Mann häufig nachgedacht hat, Überlegungen, die ihn vielleicht schließlich zu seinem amüsant-geistreichen Roman Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull geführt haben. Literatur und Lüge liegen also dicht beieinander. Aber sollen wir deswegen aufhören zu schreiben, zu erzählen?
Mays »Garn« jedenfalls ist noch nicht zu Ende: »Albin Wadenbach hat noch einen jüngeren Bruder namens Franz Friedrich. Der war Kaufmann geworden und hatte es auch zu etwas gebracht. Aber nun war der reiche Vater gestorben, das Schicksal hatte auch hier zugeschlagen. Albin Wadenbach musste Grundbesitz und Ökonomie übernehmen, nun selbst ein Mann von 20000 Dollar Vermögen. Das hätte wohl ein behagliches Leben versprochen, aber die beiden jungen Leute litt es nicht langer in Orby. Die Ländereien wurden zur Verwaltung dem Monsieur Marligny übergeben und man trat die große Reise über den Ozean an. War es eine Suche nach der verlorenen Liebe? Jedenfalls suchten die beiden in der alten Familienheimat Deutschland nach zwei lieben alten Tanten, von denen sie außer den Namen nichts wussten, nicht einmal die Adresse: Malwine Wadenbach die eine, Wirtschafterin bei Rittergutsbesitzer Oberamtmann Poppel in der Nähe von Halle, Frau Ulrich auf einem Rittergut in der Nähe von Görlitz die andere, im Dezember 1869 reisten also Friedrich und Albin durch Deutschland und nahmen dabei, nach Amerikanerart, allerhand Sehenswürdigkeiten in Augenschein. Im Fürstentum Coburg-Gotha schließlich fassten sie den Plan, getrennt auf die Suche zu gehen, jeder nach einer Tante, Friedrich nach der bei Halle, Albin nach der bei Görlitz. Fasst man ihre Lage ins Auge, so muss füglich am gesunden Menschenverstand der beiden jungen Herren gezweifelt werden, zumal sich Albin beim Abschied von den 800 Dollar Reisegeld, die Friedrich, der Kaufmann, bei sich hatte, ›nur das nöthigste Geld‹ aushändigen ließ, Friedrich aus Versehen auch die Ausweispapiere seines Bruders mit sich nahm und beide ganz vergessen hatten, einen Treffpunkt oder eine Postanschrift zu verabreden.«29
Hier ist ein höchst begnadeter Krimischreiber am Werke. Als ich mir den Fall vergegenwärtigte, dachte ich: Die Realität ist ungerecht. Ging es nach meinen Sympathien, so dürfte man einen Mann, der sich all das ausdenkt, nicht bestrafen, vielmehr müsste er belohnt werden.
»Albin Wadenbach wollte von Coburg nach Görlitz, aber es muss auch mit seinen Geographiekenntnissen nicht gut bestellt gewesen sein, denn er reiste, wie er minutiös zu Protokoll gab, statt durch Sachsen, wie es näher gewesen wäre, durch Bayern nach Böhmen über Eger, Carlsbad, Teplitz, Aussig und Tetschen. Dann aber war sein Geld zur Neige gegangen, und da war er denn, nachdem er schon drei volle Tage ohne Geld und Verpflegung und zu Fuß seinen Weg nach Görlitz weiter verfolgt hatte, schließlich in Niederalgersdorf angekommen. ›Ich wollte‹, so versicherte er, ›im Dachboden nur ausruhen, vor Erschöpfung schlief ich ein und erwachte erst früh.‹«30
»Da haben wir die Geschichte«, kommentiert Stolte, »und wenn man weiß, dass der Mann, der sie erzählte, nach Pseudologen-Manier im selben Augenblick, in dem er sie produzierte, an ihre Wahrheit beinahe selber zu glauben vermochte, kann es nicht wundernehmen, dass er seine Verhörer zu überzeugen vermochte.«
So wurde der Diebstahlsverdacht gegen Karl May fallen gelassen, berichtet Stolte, »und eigentlich nur noch einiges routinemäßig in die Wege geleitet, um seine vermeintliche Identität zu überprüfen. Albin Wadenbach selber zeigte sich eifrig, die Beamten in ihrer Nachforschungsarbeit zu unterstützen. Er ließ sich Papier, Tinte und eine Feder geben und schrieb zwei schön stilisierte Briefe, die ich den Lesern unmöglich vorenthalten kann, legen sie doch eindrucksvoll Zeugnis ab von Mays schriftstellerischer Begabung:
›An das Bankhaus Plaut und Comp. in Leipzig, Katharinenstr. 13. Meine erste Bitte an Sie ist die um Verzeihung, dass ich Sie mit einem Schreiben von meinem gegenwärtigen Aufenthalt incommodire; aber, bitte werfen Sie die Schuld auf meine unangenehme Lage. Ich habe ohne Legitimation Böhmen durchreist, um meine Verwandten in der Lausitz zu besuchen, bin von der Polizei aufgegriffen worden und muss mich ausweisen, um meine Freiheit wieder zu erhalten. Diese Ausweisung kann nur durch meinen Bruder Fredrico Wadenbach, Kaufmann aus Orby auf Martinique, geschehen, welcher bei unserer Trennung die betreffenden Legitimationspapiere bei sich behalten hat. – Da nun derselbe einen Wechsel zur Präsentation auf Ihr Haus bei sich führt, sich Ihnen jedenfalls schon vorgestellt hat, so wage ich es, an Sie die ergebene Bitte auszusprechen, ihm umgehend Nachricht von meiner Lage zu geben und ihn zu veranlassen, mich durch seine Gegenwart und Vorzeigung der betreffenden Papiere zu erlösen. – Indem ich Ihnen schon im Voraus für die freundlichen Bemühungen meinen Dank ausspreche, behalte ich mir vor, später bei meiner Gegenwart in Leipzig demselben noch mündlichen Ausdruck geben zu dürfen. Achtungsvoll Albin Wadenbach, Plantagenbesitzer in Orby auf Martinique.‹
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