Kitabı oku: «Wohin die Flüsse fliessen»
Frederik Hetmann
WOHIN DIE FLÜSSE FLIESSEN
Geschichten aus der Neuen Welt von St.Louis bis San Francisco
Mit Bildern von Günther Stiller
FUEGO


- Über dieses Buch -
Das große Thema des amerikanischen Westens ist die Begegnung des Menschen mit einer ebenso grandiosen wie übermächtigen Natur und das aufeinander prallen zweier Kulturen: der naturverbundenden, magischen Welt der Indiander mit der durch Eroberungsdrang und missionarisches Sendungsbewusstsein geprägten Zivilisation der Weißen.
Frederik Hetmann erschließt mit dieser neuen, in sich vollständigen Geschichtensammlung, die inhaltlich an das Buch »Wohin der Wind weht« anknüft, ein weiteres unbekanntes Gebiet auf der Landkarte der Phantasie.
In Augenzeugenberichten, Lebensläufen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen erzählt er von den ersten Europäern, die durch die Prärien, Wüsten und Felsengebirge nach Westen zogen, Leiden und Strapazen von Glücksrittern, Trappern, Scouts und Siedlern. Im Kontrast dazu stehen die seelenvollen Mythen, Märchen, Sagen und Lieder der Indianderstämme zwischen Missouri und Rio Grande, die der Autor in diesem Buch zusammengetragen hat. So entfaltet sich hier ein prächtiges Mosaik lebendigen Erzählgutes neben Geschichten und Liedern voller Empfindsamkeit und zeitloser Schönheit aus der amerikanischen Pionierzeit mit eindrucksvollen Grafiken von Günther Stiller.
Der vorangegangende Band mit dem Titel »Wohin der Wind weht« enthält die Folklore des Ostens uns Südens der USA: Lieder, Märchen, Legenden und Sagen, wie man sie zwischen Boston und New Orleans sang und erzählte; Hexen- und Teufelsgeschichten der Puritaner, Berichte und Familienfehden, Protestgeschichten und biblische Stoffe der Schwarzen in Amerika. Frederik Hetmann fügt das packende und handfeste Erzählgut der Pionierzeit hier zu einem lebendigen Hausbuch zusammen, das für jugendliche und erwachsene Leser interessant ist: eine poetische Collage der USA, eindrucksvoll illustriert von dem vielfach ausgezeichneten Buchgrafiker Günther Stiller.
In einer Höhle in einem engen Canyon nahe Tessajara
ist die Felskammer mit Händen bemalt,
eine Vielzahl von Händen im Zwielicht, eine Wolke
menschlicher Handflächen,
nichts mehr,
kein anderes Bild. Und keiner, der uns sagt,
ob die braunen, scheuen, stillen Menschen, die tot sind,
damit Religion oder Magie bezweckten
oder absichtslose Hervorbringungen von Kunst; aber
über den Abstand der Zeit hin
sind diese sorgfältig
gezeichneten Hände wie eine versiegelte Botschaft,
die besagt: Seht, wir waren auch
menschliche Wesen, wir hatten Hände, nicht
Pfoten. Glück auf den Weg,
ihr Volk mit geschickteren Händen,
ihr, die ihr uns ablöst in diesem Land,
erfreut euch seiner Jahreszeiten, seiner Schönheit,
bis ihr selbst abgelöst werdet durch andere,
denn ihr seid menschlich.
Robinson Jeffers
Für David con un abrazo

Gebt mir Stille, Wasser, Hoffnung,
Gebt mir Kampf, Eisen, Vulkane ...
Pablo Neruda
Buffalo Bill ist hin
der zu reiten pflegte
auf einem wasserglatt-silbernen Hengst
und runterholte einzweidreivierfünf Taubenebenmalso
Herrje
wie gefällt dir dein blauäugiger Knabe, Mister Tod.
E. E. Cummings
Die Kaninchen sind hier so groß wie Hasen und haben die Ohren eines Esels, die Frösche haben den Körper einer Kröte und den Schwanz einer Eidechse. Die Bäume fallen bergauf, und der Blitz zuckt aus dem Erdboden hervor.
Socrates Hyacinth
Stimme oben,
Stimme des Donners,
spricht aus dem Dunkel
der Wolke;
Stimme unten,
Grashüpfers Stimme,
spricht von dem
Grün der Pflanzen.
So möge die Erde
schön sein für euch.
Scott Momaday
Lasst sehen, ist dies wirklich,
Lasst sehen, ist dies wirklich,
Lasst sehen, ist dies wirklich,
ist dieses Leben wirklich,
das ich lebe?
Ihr Götter, die ihr überall wohnt,
Lasst sehen, ist all dies wirklich.
Lied der Pawnee, Überprüfung einer Vision
Ein Buch zu zeigen, dass es einen anderen Westen gibt. Einen Westen, der anderes war als nur Spielwiese menschlicher Aggressionen, Platz für Ellbogenfreiheit, einen Westen, der anderes war als Kulisse für Männer überlebensgroß, schießwütig, blauäugig.
Ich will gern zugeben, dass ich selbst lange Zeit von dem Mythos, dessen Strahlkraft beträchtlich ist, getäuscht worden bin. Ich hatte mir eingebildet, man brauche der verfälschten, der auf Märchen geschminkten Wirklichkeit nur die tatsächliche Wirklichkeit entgegenzusetzen und alles sei wieder im Lot.
In dieser Vorstellung befangen, habe ich eine ganze Anzahl von Büchern über den Wilden Westen der USA geschrieben, von der guten alten unverwüstlichen Amerika Saga über Sheriffs, Räuber, Texas Rangers und Cowboys, Rinder, Schienenstrang bis hin zu einer Sammlung von Texten von und über Viehtreiber, Im Sattel der Cowboys. Diese Bücher haben bei aller thematischen Verschiedenheit doch eines gemeinsam: sie versuchen, den Westen authentisch zu präsentieren. Der Leser soll erfahren, »wie es wirklich war«, nachdem ihm hundertfach in der Trivialliteratur, im Film und im Fernsehen die Facetten der Illusion vorgeführt worden sind.
Ich halte heute diesen Ansatz für falsch.
Was ist damit gewonnen, dass der Leser erfährt, die Herren Revolverschützen seien nur noch etwas schmutziger, schießwütiger und im Aussehen unattraktiver gewesen, als sie uns im Film oder bei Karl May vorgestellt werden? Der Mythos bleibt, und letztlich trägt so auch ein Buch, das mit authentischem Material arbeitet, zur Konservierung und Verinnerlichung dieses Mythos bei.
Nun kann jemand aber auch fragen: Was ist schon dabei? Befriedigen Wildwestgeschichten letztlich nicht nur ein Bedürfnis nach Illusionen, das sich zwangsläufig in einer Umwelt monotoner Arbeitsabläufe und zu einem Höchstmaß gesteigerten zivilisatorischen Komforts ergibt, sind sie nicht für uns, was die Rittergeschichten für den armen Don Quijote waren?
Weil wir sozialversichert, air-conditioned und zentralgeheizt (wie lange noch?) leben, delektieren wir uns, im Sessel zurückgelehnt, an Strapazen, Gefahren und harten Lebensbedingungen, die nicht die unsrigen sind, und erleben bei allem Schauder über das Leben und Treiben damals auch noch die stolze Genugtuung, wie herrlich weit wir es doch gebracht haben.
Ganz ähnlich scheint mir die Wildwestgeschichte der Groschenromane und der durchschnittliche Wildwestfilm einen Spielraum zum Ausleben unserer sonst nicht abzuführenden Aggressionen zu bieten.
Nun sollten aber Kunstprodukte, wenn sie als solche ernst genommen werden wollen, nicht lediglich zur Ersatzbefriedigung dienen, sondern wenigstens versuchen, kritisch auf das bewusstsein ihrer Zeit zu reagieren und – sei es als Utopie – neue Möglichkeiten des Reagierens auf das jeweilige Thema vorzuweisen. In einer Zeit, die so sehr wie die unsrige von Aggressionen bedroht ist, lassen sich aggressive Methoden auch nicht länger als harmlos belächeln.
In einer Welt, in der der rücksichtslose Raubbau an Bodenschätzen und eine Hybris von der Allmacht der Technik und von der Verfügbarkeit der Natur die Menschheit an den Rand einer Katastrophe geführt haben, fällt es schwer, ungebrochen jenen Fortschrittstraum, als dessen erster Akt die Eroberung und Erschließung des Westens der USA ursprünglich verstanden wurde, zu glorifizieren oder auch nur unkritisch abzuspiegeln.
Dass der Mythos vom Westen, den es zum Wohl der Menschheit in Besitz zu nehmen und auszubeuten gelte, später in einen größeren Rahmen übertragen wurde, beweisen beispielsweise jene Antworten, die der damalige US-Außenminister Kissinger 1972 in einem Interview mit der italienischen Publizistin Oriana Fallaci gegeben hat:
»Dr. Kissinger, wie erklären Sie sich den unglaublichen Superstar-Status, wie erklären Sie sich die Tatsache, dass Sie fast berühmter und populärer geworden sind als der Präsident?« »Der Hauptgrund liegt wohl in der Tatsache, dass ich immer allein gehandelt habe. Amerikaner bewundern dies ungemein. Amerikaner bewundern den Cowboy, der allein eine Karawane über Land führt, den Cowboy, der ein Dorf oder eine Stadt zu Fuß allein betritt. Allein und ohne Pistole, weil er einmal nicht schießen will. Er handelt. Das ist alles. Er setzt den Hebel an der richtigen Stelle an, zur rechten Zeit. Eine Wildwestgeschichte, wenn Sie so wollen.« »Ich verstehe. Sie sind also so eine Art Henry Fonda, unbewaffnet und bereit, mit den bloßen Fäusten für ehrenhafte Ideale zu kämpfen. Auf sich allein gestellt, tapfer.« »Nicht unbedingt tapfer. Bei diesem Cowboy bedarf es keiner Tapferkeit. Es reicht eben hin, dass er allein ist, dass er anderen zeigt, wie man ein solches Dorf betritt, wie man eine Aufgabe auf eine bestimmte Art löst. Dieser romantische überraschende Charakter gefällt mir. Allein zu handeln war immer ein Teil meines Stils oder meiner Technik, wenn Sie so wollen. Auch Unabhängigkeit. Und endlich Überzeugtheit. Ich bin immer unbedingt von der Notwendigkeit dessen, was ich tue, überzeugt.«
Lassen wir einmal außer acht, welche – meiner Ansicht nach erschreckenden – Rückschlüsse auf den Zustand von Demokratie gegen Ende des 20. Jahrhunderts in den USA von diesem Text her möglich werden; konzentrieren wir uns allein auf die Verbindung dieser Äußerung zum Mythos, so wird klar, dass gewisse Projektionen und Illusionen von der ursprünglichen Szenerie auf einen gewissermaßen weltweiten »Wilden Westen«, der freilich auch im Nahen oder Fernen Osten liegen kann, übertragen worden sind.
Auch klar sein sollte, dass es somit beim Nachvollzug und bei der Verinnerlichung der Taten von Cowboys, Sheriffs und Indianern unter Umständen um mehr geht als um »Kinderspiele«.
Vergegenwärtigen wir uns auch noch einmal die politisch-ideologischen Züge, die dem Mythos von Anfang an innewohnten: Aus dem vollständigen Text von William Gilpins »Mission des Nordamerikanischen Volkes«, den der Leser in diesem Buches findet, lassen sich durch Isolation einiger Schlüsselworte die politischen Antriebskräfte bzw. die Ideologie der Interessengruppen, die den Mythos propagierten, klar erkennen.
Da heißt es unter anderem, es sei die »unerledigte Bestimmung des amerikanischen Volkes, den Kontinent zu unterwerfen«. Das im Englischen gebrauchte Verb ist »subdue«, und die Wortwahl ist hier bezeichnend. Dunkelheit soll in Licht verwandelt werden. Alte Nationen will man eine neue Zivilisation lehren, die Wissenschaft soll perfektioniert werden, um schließlich »to shed blessings round the world« (in etwa: solche Segnungen über die ganze Welt hinaus zu breiten). Bezeichnend ist schließlich, dass diese Aufgabe eine gottwohlgefällige, unsterbliche Mission genannt, also mit der Ausübung einer religiösen Pflicht in Zusammenhang gebracht, wird.
Es gibt hinreichend viele Zeugnisse dafür, dass jenes bewusstsein, das sich bei Gilpin so pompös-pathetisch ausdrückt, in banalerer Form in fast allen Gruppen der westwärts ziehenden Menschen (Entdecker, Trapper, Scouts, Siedler, Goldsucher, Rancher und Farmer) vorhanden gewesen ist. Bis heute hat es sich in etwas entlegeneren Gegenden der USA unverwandelt und ungebrochen erhalten. Wer auf die uns allen nur zu bekannten negativen Seiten dieses bewusstseins hinweist, darf nicht übersehen, dass die Erfüllung der damals als Mission verstandenen Aufgabe ohne eine solche Überhöhung, Stilisierung und Mythologisierung wahrscheinlich nie gelungen wäre.
Die Verklärung dessen, was einen unterwegs im Westen und am Ende des Trail erwartete, die Illusion von dem fernen Land als einem, in dem Milch und Honig fließen, waren nötig, damit sich Menschen trotz der Kunde über die schrecklichen Strapazen und Gefahren überhaupt auf den Weg machten.
Aus dieser Überhöhung und deren Zusammenstoß mit der Realität ergibt sich eine besondere Form der amerikanischen Folk-Erzählung: die Tall-Tale, die »Übertreibungsgeschichte«. Freilich hat sie auch noch einen anderen, psychologischen Antrieb, nämlich prahlerisch auftrumpfend den Schrecken aus sich herauszustellen, den einem die als übermächtig empfundenen Naturphänomene eingaben, und ihn so zu überwinden.
Nun ist zu Anfang von einem anderen Bild des amerikanischen Westens die Rede gewesen. Einem Gegenbild! Kann es das überhaupt geben?
War nicht der Westen allemal hart, grausam, primitiv, ellbogenstoßend gewalttätig? Gewiss war er das, wie auch viele Texte dieses Bandes belegen. Aber es gibt tatsächlich nicht nur andere Schattierungen in diesem bekannten Bild, sondern, wie ich meine, tatsächlich ein ganz anderes Bild, das verdrängt worden ist.
Um dieses andere Bild des amerikanischen Westens aufzufinden, müssen wir hinter das Bild des Westens vom Marlboro-Country, hinter das Bild des »Wilden Westens«, in dem Mr. Colt angeblich alle Menschen gleich machte, hinter das Bild vom »Gelobten Land«, ja selbst noch hinter das von den Spaniern geprägte Bild vom Westen als El Dorado zurückgehen.
Tun wir das, stoßen wir auf einen Westen, der höchstens an seinen Rändern vom Weißen Mann besetzt war, einem Westen, in dem Indianerstämme, die sich selbst nicht selten »das Volk« nannten, noch in einer sich selbsterhaltenden, magischen Welt lebten.
Nicht zuletzt deswegen sind in diesem Band zahlreiche Texte von Indianern aufgenommen worden, um dieses Bild vom amerikanischen Westen, um das Bild einer frühen Menschheit, wieder hervortreten zu lassen.
»Der wichtigste Impuls hinter den Geschichten, Gedichten, ja selbst hinter der Wirtschaftsführung der Indianer«, so haben Frank Bergon und Zeese Papanikolas festgestellt, liege in der Anstrengung, die Trennungslinie zwischen dem Mythischen und Realen aufzuheben.
Weiter heißt es bei den beiden Autoren:
»Der Kojote, die Eulenspiegel- und Sinnsuchergestalt in den indianischen Mythen, ist darauf bedacht, den ihm angemessenen Platz im Universum zu finden, und zwar so, dass dieses in seiner Ganzheit nicht verletzt wird. In einem Medizinlied der Yuma-Indianer heißt es: ,Der Wasserfloh zieht die Schatten des Abends durch das Wasser hin auf sich.' Im indianischen bewusstsein hat ein am Rand der Schöpfung stehendes Geschöpf ebensoviel Gewicht wie der ganze Aspekt des Abends. Andrew Garcia, ein junger mexikanischer Händler, der 1870 durch Montana reiste, fand neben der Wegspur überall an den Bäumen die Hufe von Rehen hängen. Die Indianer hatten sie dort aufgehängt, um, wie sie erzählten, dem Reh-Volk zu verstehen zu geben, dass sie von der erlegten Jagdbeute alles aufgebraucht hatten mit Ausnahme der unbrauchbaren Hufe. Noch sahen die Indianer keine Notwendigkeit, sich umweltschützend in dem uns bekannten Sinn zu verhalten. Sie fingen Lachse während der Laichzeit im Frühjahr oder trieben Büffel über eine Klippe, denn solange Achtung gegenüber der Natur lebendig war und man durch die entsprechenden Zeremonien die Leute aus dem Tiervolk beruhigte, bestand Harmonie und der Vorrat an Lachsen und Büffeln blieb unerschöpflich. Nur wenn Tiere sinnlos getötet wurden oder wenn, wie das der Stamm der Washos glaubte, Tierreste, besonders Knochen, verschwendet wurden, zogen die Tiere fort und erlaubten es dem Menschen nicht mehr, sie zu seinem Nutzen zu töten.«
Es liegt mir fern, die Indianer als edle Wilde zu stilisieren. Festgehalten werden soll im Hinblick auf das andere Bild: Das Verhältnis der Indianer zur Natur, zu dem Land, in dem sie als Jäger, Fischer, teilweise aber auch als Ackerbauern lebten, war grundlegend anders als das der eindringenden Weißen.
Wie sich diese Auffassungen voneinander unterschieden, wird in diesem Band durch die Gegenüberstellung von indianischen und angloamerikanischen Texten mit weltanschaulichen Aussagen klargestellt.
Als weitere Annäherung an das andere Bild mag zudem hier das Zitat aus einem Essay dienen, das N. Scott Momaday, Kiowa-Indianer von Herkommen und in der Welt des Weißen Mannes Universitätsprofessor in Stanford und Romanautor, unter dem Titel »A First American Views His Land« in einer Nummer des National Geographie Magazine veröffentlicht hat. Er schreibt:
»Der amerikanische Eingeborene der Gegenwart ist ein Mensch mit einem ausgeprägten ästhetischen Wahrnehmungsvermögen, das sich in seiner Kunst, seinem Handwerk, in seinen religiösen Zeremonien, in seinen Geschichten und seinen Liedern, in seiner reichen mündlichen Überlieferung, ausdrückt. Mein Großvater Mannedaty war in seinen reiferen Jahren ein Farmer geworden. Sein Großvater war noch ein Büffeljäger gewesen. Er war ein Kiowa, und bei den Kiowas gab es keine agrarische Tradition. Aber er musste seinen Lebensunterhalt verdienen, und das alte geliebte Dasein des Herumschweifens auf der Prärie und der Büffeljagd war für immer vorbei. Selbst unter diesen Umständen aber blieben sein bewusstsein, sein Wille und sein Geist dieser Landschaft verbunden. Es gab für ihn nichts anderes. Er hätte sich nicht vorstellen können, ohne dieses Land zu leben. In Der Weg in die Rainy-Mountains habe ich eine kleine Erzählung niedergeschrieben, die zur oralen Tradition meiner Familie gehört. Sie weist hin auf etwas Wesentliches in der Einstellung der amerikanischen Eingeborenen zur Landschaft. ,Im Osten des Hauses meiner Großmutter, südlich des Pecanwäldchens, liegt eine Frau in einem wunderbaren Kleid begraben. Die Mammedatys wussten einst, wo sie begraben lag, aber heute weiß es keiner mehr. Wenn man unter dem Vordach des Hauses steht und nach Osten in Richtung auf Carnegie schaut, weiß man, dass die Grabstätte der Frau irgendwo im Blickfeld sein muss. Aber ihr Grab ist nicht näher markiert. Sie wurde in einer Kiste beigesetzt, und sie trug ein sehr schönes Kleid. Wie schön es doch war. Es war eines dieser feinen Wildledergewänder und geschmückt mit Elchszähnen und Perlen. Das Kleid liegt immer noch dort unter der Erde.' Es scheint mir, dass diese Erzählung vor allem eine Erklärung der Liebe zum Land, zur Landschaft mit ihren verschiedenen Elementen darstellt - die Frau, das Kleid und diese Ebene werden am Ende eine Wirklichkeit, Ausdruck des Schönen in der Natur. Es scheint mir eine spezifische Haltung der eingeborenen Amerikaner, die Dinge so auszudrücken ... Sie werden nicht explizit erinnert – der Name der Frau, die genaue Lage des Grabes, all das ist für den Geschichtenerzähler nicht so wichtig. Wichtig ist die Verwandlung der Frau in die Landschaft, eine Verwandlung, die noch durch die Erwähnung dieses besonders schönen und einzigartigen Gewandes, eines indianischen Kleides, besonders akzentuiert wird.«
Wer den Westen heute bereist, sich abseits der großen Straßen und touristischen Trampelpfade bewegt, wird, auch wenn er kein Indianer ist, begreifen, was Momaday meint, wenn er sagt, Land und Landschaft hätten für die Indianer eine spirituelle Dimension.
»Daraus ergibt sich logisch»«, so fährt Momaday fort, »dass in einer solchen Auffassung ein ethischer Imperativ enthalten ist. Ich denke: Insofern ich das Land, die Landschaft bin, ist es angemessen, dass ich mich im Geist der Landschaft bestätigen lasse, mich in ihm meiner vergewissere. Ich werde mein Leben in der Welt feiern und in der Welt meinen Lebenssinn erkennen. In der natürlichen Ordnung bringt sich der Mensch in die Landschaft ein. Gleichzeitig stellt die Landschaft, das Land, für ihn eine fundamentale Erfahrung dar. Der Prozess der Einbringung und der Zustimmung ist vor allem eine Funktion der Einbildungskraft. Er kommt zustande durch einen Akt der Imagination, der eine besondere Ethik hat. Wir sind, was wir uns einbilden zu sein. Der amerikanische Eingeborene ist jemand, der sich selbst auf eine ganz bestimmte Art und Weise sieht. Durch seine Erfahrung schließt diese Vorstellung von sich selbst diese enge Beziehung mit der Landschaft mit ein.«
Hier wird das Gegenbild jener von Herrschaftsansprüchen, Aggression, Sendungsbewusstsein, Besitzgier und Materialismus geprägten Mythe sichtbar. Es wäre falsch, zu behaupten, dass dieses Bild nur von den Indianern gesehen worden wäre. Es hat in der Geschichte bis heute immer wieder auch Weiße gegeben, die sich dieses anderen Bildes in Augenblicken oder dauerhaft bewusst geworden sind, die es als sinnerfüllt und mit einer Ethik, also mit einer Anweisung zum richtigen Leben, ausgestattet erkannt haben.
Zugeben will ich gern, dass ich für diesen Band mit Vorliebe Texte ausgewählt habe, die das Bild der Naturschönheit und der magisch-spirituellen Naturverbundenheit des Menschen im Westen eindringlich hervortreten lassen.
Bedürfte es dazu einer Begründung, so ließe sich sagen, dass eben dieses Bild in der Tradition des Weißen Mannes über Jahrhunderte hin eher verschüttet fortlebt. Es ist ein Bild mit vielen Zwischentönen, ein Zen-Bild, das unter Pulverdampf, Yippie-Gekreisch und Messergeblitz zurücksank in einen Hintergrund von Stille.
Warum habe ich versucht, dieses Bild hervorzuheben, seine Details sichtbar werden zu lassen?
Es geht nicht – um Missverständnissen vorzubeugen – um ein »Zurück zur Natur«.
Es geht mir viel eher darum, aufzuzeigen, dass eine Einstellung des Menschen zur Natur, die vorwiegend unter dem Gesichtspunkt von Herrschaft und materieller Rücksichtslosigkeit vonstatten geht – abgesehen davon, dass sie die Menschheit durch die Auspowerung ihrer natürlichen Ressourcen in eine selbstmörderische Sackgasse führt –, ein fundamentales Bedürfnis des Menschen, nämlich das spirituelle, unberücksichtigt lässt.
Gewiss wird es kein Zurück mehr geben. Gewiss ist der Traum von einem solchen Zurück nur neue Illusion, die sehr bald zuschande gehen und jene, die diesen Traum träumen, in noch tieferer Enttäuschung zurücklassen wird.
Es wäre aber manches gewonnen, wenn unser Glaube an die Unabdingbarkeit immer rascheren und größeren Zuwachses an materiellen Gütern Zweifeln wiche. Zweifeln darüber, ob der Mensch ein Recht hat, Natur aus erster Hand völlig zu zerstören. Zweifel, ob die sich dabei ergebende Zuwachsrate an zivilisatorischem Komfort ungestraft weiter und weiter gesteigert werden kann. Zweifel an einem Glück, welches nur in einem Mehr und abermals Mehr an materiellem Besitz besteht.
Das große Thema der Folklore des amerikanischen Westens ist die Begegnung des Menschen mit einer ebenso grandiosen wie übermächtigen Natur. Diese Natur ist heilend und zerstörend, schön und schrecklich, aber an sich weder gut noch böse; doch allemal muss der Mensch auf sie reagieren. Er kann versuchen, sie zu beherrschen. Er kann versuchen, sich in ihr einen Platz zu bestimmen und in Balance mit den anderen ihr zugehörigen Kräften und Wesen zu leben. In diesem Spannungsfeld vollzieht sich das wahre Drama des amerikanischen Westens. Es interessiert mich nicht nur als historische Reminiszenz. Es interessiert mich als Vorgang, an dem sich für unsere Position hier und heute sinngebende Hinweise ablesen lassen.
Ganz bewusst habe ich bei der Auswahl der Texte zu diesem Band Augenzeugenberichte, Lebensläufe, Briefe, Tagebuchauszüge (die ja auch Formen des Volk-Erzählens darstellen) neben Mythen, Märchen, Sagen und Lieder gestellt. Wohin die Flüsse fliessen schließt sich als in sich abgeschlossener Band an das Buch Wohin der Wind weht an, der die Folklore des Ostens und des Südens der USA versammelte. Er wird sich mit einem bereits konzipierten Band Solange das Gras grün ist, der ausschließlich den amerikanischen Indianern gewidmet sein soll, zu einer Trilogie abrunden, in der dann sich hoffentlich jener traumhafte Entwurf einlöst, den ich am Anfang des ersten Buchs so umschrieben habe: Was ich mir vorstelle, ist dies: einen Flickenteppich aus Geschichten zu nähen, und schließlich wird daraus eine Landkarte der Fantasie.
Frederik Hetmann
Nomborn im Westerwald, Februar 1980

Die Großen Ebenen und das Felsengebirge
Tja, das ist schon ein seltsames Land, Fremder, darauf können Sie wetten. Mit lauter seltsamen Dingen. Die Leute hacken hier Holz mit dem Vorschlaghammer und mähen das Gras mit der Hacke. Jeder Busch trägt Dornen und jedes Insekt einen Stachel. Die Flüsse führen kein Wasser, außer bei Überschwemmungen. Die Flüsse werden immer kleiner, je weiter man talwärts kommt, 's gibt kein Wild, außer Kaninchen, aber die sind so groß wie Schakale. Ein paar Wachteln, aber alle mit Federbüscheln auf dem Kopf und ebenfalls wild wie Schakale. Kein Frost, keinen Tau. Keiner kommt hierher, es sei denn, er musste von irgendwo fort. Keiner bleibt hier, außer er muss.
James F. Rusling
Wo immer man Ungezwungenheit, unkonventionelles Benehmen, einen festen Händedruck, eine offene Tür, eine geschliffene Redeweise und Unbekümmertheit fand, dort war der Westen.
Carey McWilliams
Die Flucht aus der Unterwelt
Immer haben sich die Menschen gefragt, wie die Welt begann, immer haben sie Geschichten darüber erzählt, wie die Welt geschaffen wurde. Die Indianer machen da keine Ausnahme. Sowohl die Stämme der Großen Ebenen wie auch die der Waldgebiete im Norden stellten sich den Himmel als den Ursprung alles Lebens vor. Aber die Stämme in den Wüsten und Steppen des Südwestens dachten an die Unterwelt, wenn sich ihre Gedanken mit der Frage des Anfangs beschäftigten, wahrscheinlich, weil aus der Erde das für sie lebenspendende Wasser hervorsprudelte. Dies ist eine Schöpfungsmythe aus dem Stamm der Hopi, die auf den Tafelbergen im heutigen Bundesstaat Arizona ihre Dörfer und Heiligtümer haben. Der Text enthält einen kuriosen Hinweis auf die von den Spaniern nach Nordamerika eingeführten Pferde.
In der Unterwelt gab es nichts als Wasser. Zwei Frauen – Huruing Wuhti im Osten und Huing Whuti im Westen – wohnten weit voneinander entfernt und die Sonne reiste zwischen ihren Wohnungen hin und her. Da beschlossen die Frauen, Land zu erschaffen. Sie teilten das Wasser, damit die Erde erscheine. Aus Lehm formten sie zuerst Vögel – die gehörten der Sonne, dann Tiere – die gehörten den beiden Frauen. Endlich formten sie auch menschliche Wesen und rieben sie zwischen ihren Handflächen, damit sie Verstand bekämen.
Aber die neuerschaffenen Menschen in dem unterirdischen Paradies waren töricht. Sie verstießen gegen die Gebote der beiden Frauen. Sie taten Böses, und ihr unglücklicher Häuptling teilte sie in zwei Gruppen. Allen Frauen, Mädchen und weiblichen Kindern befahl er, in ihren Dörfern zu bleiben. Alle Männer, Jünglinge und Knaben wies er an, den breiten Fluss zu überschreiten und sich am anderen Ufer Wohnung zu suchen. Vier Jahre blieben die Geschlechter voneinander geschieden. Nach dieser Zeit waren die Frauen nahezu verhungert, weil sie es nicht verstanden, den Boden zu bestellen. Sie gingen in Lumpen, weil die Männer für sie keine Kleider webten. Da hatte der Häuptling ein Einsehen und ließ die Männer zu den Frauen zurückkehren. Doch bald nahmen die Missetaten wieder zu und das Wasser des Meeres stieg und überschwemmte mehr und mehr Land.
Es gab vier Gebirge in der Unterwelt, und im Gebirge im Nordosten wohnte die Spinnenfrau. Der Häuptling ließ Gebetsstöcke herstellen und Gebetsfedern bemalen, und dann sandte er einen jungen Mann in dieses Gebirge. Die Spinnenfrau dankte dem Jüngling für diese Geschenke und fragte ihn, was er sich wünsche. Der junge Mann sprach:
»Um uns ist Wasser, es steigt und steigt und stiehlt uns mehr und mehr von unserem Land. Sag uns einen Ort, an dem das nicht so ist und wo wir wohnen können.
Die Spinnenfrau erwiderte: »Da weiß ich Rat. Über euch liegt ein solcher Ort. Sag deinem Volk, es soll eilig herkommen.«
Die Spinnenfrau führte die Menschen auf die Spitze ihres Berges und dort pflanzte sie zwei Arten von Fichten. Die Bäume wuchsen gen Himmel, ihre Astspitzen stießen an den Himmel, aber der Himmel war fest und hart, und die Bäume vermochten die Kuppel des Himmelsgewölbes nicht zu durchstoßen. Die Spinnenfrau überlegte, was da zu tun sei.
Nun pflanzte sie ein Schilfgras und eine Sonnenblume. Die Pflanzen wuchsen auf, fanden einen Spalt im Gewölbe des Himmels und durchstießen seine harte, feste Decke. Acht lange Tage kletterte das Volk aus der Unterwelt an den Pflanzen hinauf und als die Menschen endlich Sipapu, das heißt den Spalt, der die Welten scheidet, erreicht hatten, sagte der Spottvogel jedem von ihnen, zu welchem Stamm er in der neuen Welt gehöre. Aber der Spottvogel wurde heiser und jene, die später kamen, hörten keine Stimme mehr. Da stiegen sie traurig wieder zurück in die Unterwelt.
Der Zauberer des Volkes aber sprach: »So soll es von nun an bleiben in alle Ewigkeit. Wenn einer stirbt, soll er dort hinuntergebracht werden.«
Als die ersten Menschen die Erde betraten, war es dort dunkel; die Sonne schien noch nicht, und es gab in der oberen Welt nur ein einziges Wesen. Man nannte es das große Knochengerippe. Es war arm, hatte nur ein winziges Feuer und wenig Mais. Die Menschen aber beschlossen, eine Sonne und einen Mond zu machen wie in der Unterwelt. Und als sie beides geschaffen hatten, warfen sie die Gestirne hinauf an den Himmel. Dann brachen sie auf, um die Stelle zu suchen, an der in Zukunft die Sonne jeden Morgen aufgehen würde. Die weißen Menschen zogen nach Süden, die Indianer der Ebene nach Norden, und die Hopi blieben in der Mitte der oberen Welt. Ehe sie aber aufbrachen, kamen alle überein, dass jene, die zuerst die Gegend um Sonnenaufgang erreichten, den anderen befehlen durften, dort zu bleiben, wo sie gerade waren. Die weißen Menschen waren klug. Sie schufen sich das Pferd und kamen so zuerst in der Gegend des Sonnenaufgangs an, und als sie ihr Ziel erreicht hatten, stürzten viele Sterne zur Erde. Da wussten die Indianer, dass die Weißen Sieger geblieben waren im Wettlauf zum Ort des Sonnenaufgangs. Die Hopi aber und die anderen Stämme des Südwestens, die nicht fortgezogen waren, siedelten auf dem dürren Land, das sie noch heute bewohnen. Dort sind sie der Stelle nahe, an der alle Menschen durch den großen Spalt aus der Unterwelt in diese Welt heraufgestiegen sind.
Die ersten Europäer, die durch den Westen zogen
Juan Ponce de León, der Eroberer von Puerto Rico, war der erste Spanier, der in die Gegend der heutigen Vereinigten Staaten gelangte. Im März 1513 sichtete er einen Sandstrand, hinter dem dichter tropischer Urwald lag. Er nannte dieses Land »Florida«, nach Pascua Florida, dem spanischen Osterfest. Möglicherweise suchte er den Quell der Ewigen Jugend, aber er fand den Tod durch die Hand jener Indianer, die er als Sklaven fortzuschleppen versuchte. Auf seinen zwei Reisen war er sich darüber klargeworden, dass Florida eine Halbinsel sein müsse. Andere spanische Seekapitäne erkundeten den Golf von Mexiko und die Atlantikküste.
Die Nachricht von den Siegen des Cortés in Mexiko und von den Reichtümern, die er und Pizarro bei den Indianern erbeutet hatten, veranlassten andere Conquistadores (Eroberer), die nicht so erfolgreich gewesen waren, sich weiter im Norden nach Gold und Städten umzuschauen.
Narvaéz, einer von ihnen, wurde zum letzten Mal auf einem leckgeschlagenen Fahrzeug im Golf von Mexiko gesehen, aber einer seiner Männer, Cabeza de Vaca, überlebte die lange Wanderung quer durch Texas ins nordöstliche Mexiko. De Soto entdeckte den Mississippi und wurde an seinen Ufern begraben. Andere Spanier erreichten den Grand Canyon und die Mündung des Colorado. Sie segelten die Westküste hinauf, bis über den 42. Breitengrad, aber die Bucht von San Francisco entdeckten sie vorerst nicht. Hier folgen einige aufschlußreiche Auszüge aus den Schriften und Berichten der spanischen Eroberer und Entdecker:
Álvar Nuñez Cabeza de Vaca
Nackt unter Indianern
Ich musste bei den Capoques mehr als ein Jahr bleiben. Wegen der harten Arbeit, die sie mir aufluden, und der rüden Behandlung entschloss ich mich, zu dem Volk der Charruco in den Wäldern des Festlandes zu fliehen. Mein Leben war einfach unerträglich geworden. Zu aller anderen Arbeit musste ich mir aus dem Wasser oder aus dem Boden des Zuckerrohrfeldes Wurzeln ausgraben. Meine Finger waren so wund, dass sie zu bluten anfingen, wenn ich einen Strohhalm berührte. Die gebrochenen Zuckerrohrstengel schnitten in meine Haut, denn ich bewegte mich da ohne Kleider.
Also überlegte ich, wie ich bei den Waldbewohnern unterkommen könne, die mir etwas gnädiger zu sein schienen. Die einzige Möglichkeit war, es mit Handel zu versuchen. Meine hauptsächlichen Tauschwaren bestanden in Seeschnecken, Muscheln, die zum Schneiden benutzt werden, Seebohnen und in der Frucht des Mesquite-Baumes, die einer Bohne ähnlich ist. Die Indianer gebrauchen sie als Medizin und bereiten mit ihr Getränke für ihre Tänze und Feste.
All diese Dinge trug ich landeinwärts. Durch Tauschhandel brachte ich Häute, rote Farbe, mit denen sich die Indianer ihre Gesichter einreiben, hartes Rohr für Pfeile, Feuerstein für Pfeilspitzen, die man mit Sehnen und Harz befestigt, und Quasten aus Rehhaaren, die sie rot färben, zurück zur Küste.
Diese Beschäftigung gefiel mir. Ich konnte reisen, wohin ich wollte. Ich war nicht gezwungen zu arbeiten. Ich war kein Sklave mehr. Wo immer ich hinkam, behandelten mich die Indianer freundlich. Sie gaben mir zu essen, weil sie meine Waren schätzten. Sie freuten sich, wenn ich kam. Ich wurde bekannt. Jene, die mir persönlich noch nicht begegnet waren und nur auf Umwegen von mir gehört hatten, suchten meine Bekanntschaft.
Die Strapazen, die ich auf diesen Reisen ausstand, lassen sich gar nicht alle beschreiben. Ich hielt mich in dieser Gegend fast sechs Jahre auf, allein unter Indianern und nackt wie sie ...
Hinweise auf Schätze
Unter den Gegenständen, die die Leute uns gaben, befand sich auch eine große kupferne Rassel, die sie Andres Dorantes schenkten. Sie erzählten, sie hätten sie von ihren Nachbarn bekommen. Woher, wollten wir wissen? Sie sei aus dem Norden mitgebracht worden, dort gebe es viele davon, erwiderten die Eingeborenen, die Kupfer als sehr wertvoll ansehen. Wo immer es auch herkommen mochte, es musste dort eine Schmelze geben, in der man Kupfer in Hohlformen goss.
Sie brachten mir einen Mann, der, wie sie sagten, vor längerer Zeit in die Schulter getroffen worden war und dem noch eine Pfeilspitze im Herzen steckte. Er sagte, er habe große Schmerzen. Ich sah mir die Wunde an und stellte fest, dass der Pfeil den Knorpel durchschlagen hatte. Mit einem Steinmesser öffnete ich den Brustkasten des Mannes und stellte fest, dass die Spitze seitwärts steckte und schwer zu entfernen war. Aber ich schnitt weiter, und schließlich gelang es mir tatsächlich mit dem Messer, die Pfeilspitze zu entfernen. Sie war sehr groß. Mit einem Rehknochen, den ich als Nadel benutzte, bewies ich weiterhin mein chirurgisches Geschick. Ich nähte mit zwei Stichen, während mir das Blut entgegenspritzte, und dämpfte den Blutfluss mit Haaren eines Fells. Die Eingeborenen erbaten sich die Pfeilspitze. Ich gab sie ihnen. Die ganze Bevölkerung lief zusammen, um den Gegenstand anzustarren, und sie schickten ins Hinterland, damit auch die Leute von dort kämen.
Die Indianer feierten die Operation mit den üblichen Tänzen und Zeremonien.
Am nächsten Tag zog ich die Fäden. Dem Patienten ging es gut. Mein Schnitt erschien nur wie eine Linie in seiner Handfläche. Er sagte, er spüre keine Schmerzen.
Nun hatte diese Heilung so zu unserem Ruhm in der Gegend beigetragen, dass wir von den Leuten alles hätten haben können. Wir zeigten ihnen die Kupferrassel, die wir vor kurzem bekommen hatten, und sie erzählten, dass ganze Schichten dieses Materials an jenem Platz vergraben lägen, von dem auch dieser Gegenstand herkomme, und dass das Material sehr geschätzt sei. Die Leute, die es verarbeiteten, wohnten angeblich in festen Häusern.
Wir stellten uns vor, dass das Land, von dem sie sprachen, am südlichen Meer liegen müsse, wo es viel reichere Mineralvorkommen zu geben schien als im Norden ...
Die Leute gaben uns unzählige Rehfelle und Baumwolldecken, die letzteren von weit besserer Qualität als jene aus Neu-Spanien; Perlen, Ketten, hergestellt aus Korallen der südlichen See, schöne Schildkrötenpanzer aus dem Norden. Tatsächlich schenkten sie uns fast alles, was sie besaßen, einschließlich eines ganz besonderen Geschenks, nämlich fünf diamantenen Pfeilspitzen, wie sie sie bei ihren Zeremonien verwenden.
Ich fragte sie, wo diese herkämen. Sie erwiderten, aus einem hohen Gebirge im Norden, wo es Städte mit vielen Menschen gebe und große Häuser, und dass sie die Pfeilspitzen gegen Federbüschel und Papageienfedern eingetauscht hätten.
Rettung mit Schwierigkeiten
Wir dankten Gott, unserem Herrn. Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, noch auf Christenmenschen zu stoßen, und konnten kaum unsere Erregung verbergen. Doch wir hatten zunächst die Befürchtung, dass diese Männer, von denen uns erzählt worden war, Entdecker sein könnten, die nur einen kurzen Besuch gemacht hatten. Aber wir liefen rascher und unterwegs hörten wir mehr und mehr von den Christen. Wir sagten den Eingeborenen, wir seien hinter diesen Männern her, um sie davon abzuhalten, zu töten, Sklaven zu rauben und den Indianern alles fortzunehmen. Darüber wurden unsere Freunde sehr froh. Wir durcheilten ein riesiges Gebiet, das wir völlig menschenleer fanden. Die Einwohner waren aus Furcht vor den Christenmenschen in die Gebirge geflohen.
Mit schwerem Herzen sahen wir hin über das bewässerte, fruchtbare und schöne Land, das nun verlassen war, verbrannt, die Leute dünn und schwach, zerstreut oder eingeschüchtert in Verstecken lebend.
Da sie nicht hatten säen können, mussten sie von Wurzeln und Rinde leben. Wir teilten ihren Hunger während des ganzen Weges. Jene, die uns aufnahmen, konnten uns kaum etwas geben. Sie sahen aus, als würden sie am liebsten sterben. Sie brachten uns Decken, die sie vor den anderen Christenmenschen versteckt hatten, und erzählten uns, wie diese die Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht und die Hälfte aller Männer, Frauen und Kinder davongetrieben hätten. Wer entkommen war, irrte als Flüchtling umher. Die Überlebenden waren zu verschreckt, um irgendwo länger zu bleiben, unfähig oder nicht mehr willens, die
Äcker zu bestellen, wollten sie lieber sterben als noch einmal so Fürchterliches erleben.
Während sie sich über unsere Gesellschaft zu freuen schienen, erfuhren wir, dass die Indianer, die näher zur Grenze hin lebten, sich vielleicht an uns rächen würden. Als wir aber dorthin kamen, empfingen diese uns mit derselben Achtung und Zuvorkommenheit wie die anderen auch, ja sie waren sogar noch freundlicher, was uns erstaunte. Es ist klar, wenn man diese Menschen für das Christentum gewinnen und sie dazu bringen will, unsere kaiserliche Majestät anzuerkennen, so kann dies gewiss nur durch Freundlichkeit geschehen ...
Am Tag darauf holten wir vier von ihnen (den Christen) ein, die zu Pferde waren. Sie waren völlig verblüfft, als sie mich sahen, ohne Kleider und in Gesellschaft von Indianern. Sie starrten mich lange Zeit an und dachten vorerst gar nicht daran, mich zu begrüßen, näher zu kommen oder Fragen zu stellen.
»Bringt mich zu eurem Kapitän«, sagte ich schließlich, und wir liefen zusammen eine halbe Meile zu einem Platz (nahe Ocoroni), wo wir ihren Kapitän, Diego de Alcarez, trafen. Als wir miteinander sprachen, gestand er mir ein, dass er überhaupt nicht wisse, wo er sei. Er habe keinen einzigen Indianer mehr einfangen können. Er wisse nicht, wohin die Indianer sich verkrochen hätten. Seine Männer seien hungrig und erschöpft.
Danach hatten wir eine heftige Auseinandersetzung mit ihm, denn er wollte die Indianer unseres Zuges als Sklaven nehmen. Wir wurden so zornig, dass wir uns fortmachten und uns nicht darum scherten, dass dabei viele Bogen türkischer Machart, Beutel und die fünf diamantenen Pfeilspitzen verlorengingen. Und sich dann auch noch vorzustellen, dass wir diesen Glaubensgenossen einen Vorrat an Kuhhäuten und anderen Dingen gegeben hatten, die unsere Träger so weit hatten schleppen müssen!
Alcarez hatte seinen Dolmetscher angewiesen, den Indianern klarzumachen, dass wir Angehörige einer vor langer Zeit untergegangenen Rasse seien, seine Gruppe aber die Herren des Landes, denen man gehorchen und dienen müsse, während man sich um uns nicht zu kümmern brauche.
Die Indianer achteten nicht darauf. Sie berieten sich und erwiderten dann, die Christenmenschen seien Lügner. Wir waren von Sonnenaufgang gekommen, die anderen von Sonnenuntergang. Wir hatten Kranke geheilt, sie Gesunde getötet. Wir seien nackt und barfuß gewesen, sie bekleidet, zu Pferde und mit Lanzen bewaffnet. Wir hätten nichts versteckt, sondern das geteilt, was man uns gegeben habe, während die anderen raubten und niemandem etwas schenkten.
Nur mit größter Überredungskunst gelang es mir, sie zu veranlassen in ihre Dörfer heimzukehren. Ich redete ihnen zu und sagte ihnen, sie sollten ihre Ortschaften wieder aufbauen und keine Furcht haben.
Obwohl man der Landschaft die Vernachlässigung schon anzumerken beginnt, ist dies ohne Zweifel eine der fruchtbarsten Gegenden in ganz Indien. Hier wachsen drei Ernten im Jahr. Die Bäume tragen viel Früchte. Schöne Flüsse und üppige Quellen gibt es überall. Es gibt auch gold- und silberhaltiges Erz. Die Menschen sind gutwillig und bereit, jenen Christen, die sich als ihre Freunde erweisen, zu helfen. In diesem Land mangelt es, kurz gesagt, an nichts. Man kann wahrlich sagen: Es ist gesegnet.
Fray Marcos de Niza
Die sieben Städte von Cibola
Bei der Expedition des Mönchs Marcos de Niza, die nach Norden zog, um nach Gold zu suchen, befand sich auch ein schwarzer Negersklave der Spanier aus Marokko. Esteban hatte die lange Wanderung de Vacas von Louisiana nach Mexiko mitgemacht. Von daher kannte er sich bei den Indianern gut aus. Das war auch der Grund, weshalb der spanische Vizekönig dem Mönch den schwarzen Sklaven mitgegeben hatte.
Aber Esteban entfernte sich vom Haupttrupp. Unter den Indianern trat er als Zauberer und Wundertäter auf. Er versammelte bald ein Gefolge von über hundert Männern und Frauen um sich. Erst in Cibola (Zuñi) endete sein Zug, als er nämlich von dem Kaziken oder Hohepriester der Ortschaft Unterwerfung forderte. Die Zuñi fielen auf den angeblichen Zauberer nicht herein. Sie setzten ihn gefangen. Seine Anhänger stoben davon. Nach sorgfältigem Verhör wurde er totgeschlagen und seine Leiche vor der Stadt den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen.
Mit dem nachfolgenden Mönch Marcos hatte Esteban eine Absprache getroffen. Gab es gute Nachricht, so würde er an Marcos einen Boten mit einem kleinen Kreuz schicken, bei besserer Nachricht würde das Kreuz etwas größer sein. Der indianische Bote, der bei Marcos erschien, schleppte schließlich ein Kreuz, das übermannsgroß war. Natürlich fühlte sich der Spanier durch diese Botschaft ermuntert und hoffte auf große Schätze. Was er mit seiner Expedition weiter erlebte, schildert er selbst in einem Bericht für den Vizekönig nach Rückkehr von seiner Reise so:
Es scheint mir wichtig, hier wiederzugeben, was dieser indianische Bote, den mir Esteban geschickt hat, über dieses Land erzählt. Er sagt und bleibt dabei, dass in dieser ersten Provinz sieben sehr große Städte liegen, alle unter einem Herrscher, mit großen Häusern aus Stein und Mörtel. Die kleineren Häuser sind ein Stockwerk hoch, mit Terrassen darüber, andere haben zwei oder drei Stockwerke. Das Haus des Herrschers soll gar vier Stockwerke hoch sein. Diese Häuser sind alle in ordentlicher Art miteinander verbunden. Er sagt auch, dass die Eingänge zu den besten Häusern viele Verzierungen aus Schildpatt haben, welches dort im Überfluss vorkommt, und dass die Leute in diesen Städten wohlgekleidet sind. Er erzählte mir viele andere Einzelheiten, sowohl über die sieben Städte wie auch über die weiter entfernt liegenden Provinzen, von denen er sogar behauptete, diese seien noch bedeutender als diese sieben Städte. Um herauszufinden, wie er denn zu diesem Wissen komme, haben wir ihn genau verhört, aber er wusste auf alle Fragen eine Antwort.
Begleitet von ihm und von meinen Indianern und den Dolmetschern setzte ich meine Reise fort, bis wir Cibola vor uns sahen. Es liegt in einer Ebene am Fuße eines runden Hügels.
Die Stadt hat ein hübsches Aussehen. Mit den Häusern verhält es sich so, wie es mir von den Indianern beschrieben worden ist: sie sind alle aus Stein mit Terrassen und flachen Dächern. Jedenfalls stellt es sich mir von einem Hügel aus so dar. Die Ortschaft ist weit größer als die Stadt Mexico. Manchmal war ich versucht, in den Ort hinabzusteigen. Ich wusste, dass ich dabei mein Leben aufs Spiel setzen würde, und ich hatte Gott mein Leben angeboten an dem Tag, an dem ich zu dieser Reise aufgebrochen war. Am Ende aber, da ich mir die Gefahren vorstellte, fürchtete ich, dass, sofern ich umkommen würde, die Nachricht über dieses Land mit mir untergehen werde, und das wäre doch schade, denn es ist bestimmt das größte und beste von allen Ländern, die wir bisher entdeckt haben.
Als ich dem Häuptling, der mit mir war, zu verstehen gab, wie sehr ich von Cibola beeindruckt sei, sagte er mir, dies sei die kleinste der sieben Städte und Totonteac sei viel größer und schöner als die sieben. Es habe dort so viele Häuser und so viele Menschen, dass gar kein Ende abzusehen sei.
Auf meinem Rückweg überlegte ich, ob ich nicht in jenes Tal eindringen solle, bei dem die Sierras enden.
Ohne Gefahr für mein Leben wäre das nicht möglich gewesen, und deshalb sagte ich mir, es sei besser, wenn die Spanier erst herkämen, sich hier niederließen und das Land mit den sieben Städten beherrschten. Danach werde man das Tal ohne Schwierigkeiten auskundschaften können. Ich sah vom Eingang des Tales her sieben ziemlich große Ortschaften in einiger Entfernung und ein Stück grünes Land mit gutem Boden. Rauch stieg dort auf. Man sagte mir, es gebe dort Gold, und die Eingeborenen verarbeiteten es zu Gefäßen und zu Ohrringen. Sie formten daraus aber auch dünne Blätter, mit denen sie sich den Schweiß fortwischten. Bei dem voranstehenden Bericht, muss man zwischen den Zeilen lesen. Marcos de Niza konnte unmöglich geradeheraus zugeben, dass seine Expedition ein Fehlschlag gewesen war. Also war er bestrebt, die Legende von den sieben Städten, Goldfunden und großen Schätzen weiter zu nähren. Als sich aber 1540 Coronado auf die Suche machte, kam der Schwindel heraus, jedenfalls was Cibola anging.
Pedro de Castañeda
Coronado in Cibola
Am nächsten Tag erreichten wir besiedeltes Land, und wir sahen die erste Ortschaft. Das war Cibola, und derart waren die Flüche, die man gegen den Mönch Marcos ausstieß, dass ich zu Gott betete, damit er ihn beschützen möge. Es handelt sich um ein kleines, unansehnliches Dorf, wie man es überall finden kann. Es gibt Landgüter in Neu-Spanien, die aus der Entfernung stattlicher aussehen. Es ist eine Ortschaft von etwa 200 Kriegern, die Häuser sind drei, manchmal vier Stockwerke hoch, aber die Gebäude sind klein und haben nur ein paar Räume ohne Innenhof. Ein Meter in der Tiefe misst jedes Zimmer. Die Leute aus dem ganzen Bezirk hatten sich dort versammelt. Es gibt in der Tat sieben Ortschaften in der Provinz, und einige sind größer und stärker als Cíbola.
Diese Leute warteten auf die Armee, die in Abteilungen vor dem Dorf Aufstellung genommen hatte.
Ais sie sich weigerten, Frieden zu halten gemäß den Bedingungen, die ihnen die Dolmetscher genannt hatten, und sich erdreisteten, eine feindselige Haltung einzunehmen, wurde Santiago (Kriegsruf der Spanier, nach dem heiligen Jakob) befohlen, und sie wurden in die Flucht geschlagen. Die Spanier griffen das Dorf an. Bei der Einnahme gab es gewisse Schwierigkeiten, weil der enge und winklige Zugang gut verteidigt wurde.
Während des Angriffs wurde der General (Coronado) mit einem großen Stein niedergeschlagen und wäre wohl gar noch getötet worden, hätten nicht Don Garcia Lopez de Cardenas und Hernando de Lavarado sich über ihn geworfen und ihn fortgezerrt, wobei sie selbst von nicht wenigen Steinen getroffen wurden. Aber dem Eifer der Spanier hielten die Eingeborenen schließlich doch nicht stand. Nach etwa einer Stunde drang man in die Ortschaft ein und besetzte sie. Man entdeckte Lebensmittelvorräte dort, und die hatte man am nötigsten. Danach war die ganze Provinz befriedet.
Weiter nach Norden
Aber auch Coronado war nur allzu gern bereit, Gerüchten von Goldfunden und großen reichen Städten im Norden Glauben zu schenken.
Die besten Geschichten von Gran Quiviria, wie die Indianer dieses Goldland bezeichneten, erfuhr Coronado von einem Sklaven der Pecos-Indianer, der weit draußen in den Ebenen nach Osten von den Komantschen gefangengenommen worden und in die Dörfer der Pecos verkauft worden war. Der Sklave behauptete, er sei in Gran Quiviria geboren. Er behauptete auch, dass der Herr dieses Landes seinen Mittagsschlaf unter einem großen Baum abhalte, an dessen Zweigen eine große Zahl kleiner goldener Glöckchen hingen, deren Geläut ihn einschläfere. Die ganz gewöhnlichen Teller seien dort aus Gold gemacht und die Krüge und Schalen auch.
Coronado hörte dem »Türken«, wie die Spanier den Sklaven getauft hatten, voller Begeisterung zu.
Einige der Pecos-Indianer meinten, der »Türke« übertreibe, aber die Spanier glaubten ihm jedes Wort, weil sie sich wünschten, dass alles wahr sein möge. Die Indianer gaben Coronado Proviant, stellten ihm Führer und Dolmetscher, und den »Türken« schenkten sie ihm noch als Dreingabe.
Der Plan der Indianer war es, dass der Sklave die Spanier in die Gegend der dürren Ebenen führen sollte, die man später den Llano Estacado nannte und die im nördlichen Teil des heutigen Texas liegen. Dort würden die Weißen alle samt ihren Pferden an Hunger und Durst sterben. Der »Türke« aber hatte seine eigenen Pläne. Von dem Augenblick an, da er Coronado zum ersten mal gesehen hatte, stach ihm dessen vergoldete Rüstung in die Augen. Wenn Coronado nun in der wasserlosen Ebene umkäme, würde ihm die Rüstung gehören. Er malte sich aus, wie wundervoll es sein werde, in dieses kleine Haus aus Eisen zu schlüpfen. Kein Pfeil und keine Lanze würden ihm dann etwas anhaben können.
Als die spanische Streitmacht von den Pecos-Indianern aufbrach, ritt der »Türke« neben Coronado. Wenn dieser müde wurde und nicht so schnell weiter wollte, ließ sich der »Türke« besonders prächtige Einzelheiten einfallen. Sein Erfindungsgeist kannte keine Grenzen. Er erklärte Coronado, dass in Gran Quiviria an Gold ein solcher Überfluss herrsche, dass selbst die Ärmsten von goldenen Tellern äßen. Er erzählte, jeder der weiter nichts als Goldschmuck trage, werde verächtlich angesehen. Der einzige Gegenstand aus Gold, den der König in seinem Palast dulde, sei ein goldener Spucknapf.
So wuchs Coronados Neugierde von Tag zu Tag auf der langen Reise, während der »Türke« hin und wieder einen Seitenblick auf Coronados Rüstung warf und fand, es gäbe nichts Prächtigeres auf Erden.
Aber die Hoffnungen und Pläne des »Türken« wurden Zuñichte. Statt zu verhungern, stießen die Spanier in den Ebenen auf große Büffelherden. Es war ein regenreicher Sommer gewesen, und die Tiere waren deswegen weit nach Süden gekommen.
Coronado marschierte nach Norden, bis er den heutigen Arkansas-River erreicht hatte. Er überquerte den Fluss und folgte seinem Lauf ein ganzes Stück nach Osten. Unterwegs befragte er immer wieder Indianer.
Endlich nach fünf Monaten einer anstrengenden Reise, tauchte Gran Quiviria vor den Spaniern auf. Gran Quiviria, wo alle Häuser aus Stein waren und wo es soviel Gold geben sollte, dass die vornehmen Leute über Gold nur verächtlich die Nase rümpften.
Was Coronado tatsächlich fand, war ein kleiner schmutziger Ort an einem sumpfigen Fluss. Die Häuser waren mit Bündeln des blauen Präriegrases gedeckt. Die Bewohner entpuppten sich als halbnackte Indianer, die Mais züchteten, von dem sie sich ausschließlich ernährten, wenn es kein Büffelfleisch gab. Coronado zog seine Abteilung zusammen. Er und seine Männer hatten 1500 Meilen im Sattel zurückgelegt. Mindestens während der Hälfte des Weges hatten sie von halbgarem Büffelfleisch gelebt, und nun stellte sich heraus, dass dieses Gran Quiviria dem schäbigsten Dorf in Neu-Mexico glich.
Coronado war ein Mann, der es gewohnt war, behutsam vorzugehen. Er ließ den Indianerkönig holen und ihn durch andere Dolmetscher als den »Türken« fragen, ob er irgendeinen größeren Schatz besitze. Der König antwortete, ihm gehöre der größte Schatz im ganzen Land. Coronado horchte auf. Vielleicht hatte der »Türke« doch die Wahrheit gesagt. Seine Stimmung verbesserte sich erheblich. Nach einer schier endlos dauernden Zeremonie, bei der die Friedenspfeife geraucht wurde, gab der König endlich einen Befehl an einen seiner Diener. Dieser schritt zu der einen Ecke des Raumes und holte von der Decke herab einen Kasten aus einem Stück Schwarzpappelholz. Er war dort oben mit Stricken befestigt. Der König löste umständlich die Verschnürung, schob den Deckel zurück. Coronado und seine Unterführer beugten sich neugierig vor, um einen Blick in den Kasten zu werden. Der König griff in den Kasten. Der erste Gegenstand, den er hochhielt, war eine schwarze Haarlocke an einem Stück vertrockneter Haut. Dies, so verkündete er, betrachte er als seinen größten Schatz. Es war die Skalplocke und der Skalp seines größten Feindes, des Häuptlings der Leyas.
»Und dies hier«, fuhr der König fort, »ist auch ein Schatz, der mir sehr wert und teuer ist.« Und bei diesen Worten hielt er eine Krähenklaue hoch.
»Der Medizinmann hat sie von einem Zaubervogel abgeschnitten, und sie ist eine sehr gute Medizin gegen bösen Zauber!« Dann holte er aus dem Kasten noch ein Stück Kupfer hervor, erklärte, dies sei ein Zaubermitte! gegen Blitzschlag, und bot es großzügig Coronado als Geschenk an.
Die Spanier hörten sprachlos zu und der König zog immer mehr seltsam geformte Steine, Knochenstücke, Muschelschalen und kleine Beutel mit farbiger Erde aus dem Kasten und gab langwierige Erklärungen dazu. Als er zu Ende war, stand Coronado auf, bedankte sich bei dem König und verließ das Haus.
Er ging zu seinem Zelt und schickte nach dem »Türken«. Die spanischen Soldaten fanden ihn dabei, die Bevölkerung gegen die Fremden aufzuwiegeln.
»Schlagt sie tot«, rief er gerade, »ich will euch dann auch jedem ein Stück von dem vergoldeten Haus schenken, in dem der Häuptling der Fremden herumläuft.«
Die spanischen Soldaten rissen ihn mit sich fort. Kaum hatte der »Türke« Coronados Zelt betreten, da warf man ihm eine Schlinge aus Leder über den Hals, die zwei starke mexikanische Indianer langsam zuzogen. Der »Türke« starb einen qualvollen Tod.

Madoc oder die weißen Indianer
Prinz Madoc war der Sohn des letzten unabhängigen Fürsten von Wales, Owen Gwynned. Als Owen starb, begann zwischen seinen beiden Söhnen Hywell und Davyz eine blutige Fehde um die Thronfolge. Es gab aber noch einen dritten Sohn, und ihn ekelte es vor dem blutigen Streit unter Verwandten. Also entschloss er sich, Wales zu verlassen und irgendwo anders zu siedeln. Mit drei Schiffen voller Gefährten segelte er nach Westen und landete schließlich in der Neuen Welt. Amerika gefiel Madoc so gut, dass er eine Gruppe Kolonisten dort zurückließ, noch einmal nach Wales zurückkehrte und ein zweites Mal mit 3000 Auswanderern aufbrach. Diesmal befehligte er eine Flotte von zehn Schiffen.
Madocs Kolonie gedieh. Die Menschen waren rege, aber auch kriegerisch gesinnt. Bald breiteten sie sich aus und hielten nach neuem Land Ausschau. Voller Wild sollte es sein. Sie durchquerten den Kontinent. Sie gelangten bis nach Mexiko. Sie suchten Trails, bauten Befestigungen, befuhren den Mississippi und andere große Flüsse mit ihren kleinen Booten. Sie gaben ihre Sprache und ihre Religion an die Indianerstämme weiter, denen sie begegneten. Nicht alle Indianer waren den Fremden wohlgesinnt. Endlich schlossen sich mehrere Stämme zusammen und zogen gegen die weißen Männer ins Feld. Eine blutige Schlacht fand im Mittelwesten statt. Madocs Truppen wurden aufgerieben. Er selbst fand den Tod. Ohne Anführer verwilderten die Auswanderer in ihren Sitten mehr und mehr. Endlich war ihnen überhaupt nicht mehr bewusst, dass ihre Vorfahren aus Europa herübergekommen waren. Sie hatten sich in ihren Lebensgewohnheiten ganz und gar denen der Indianer angeglichen. Aber sie hatten weiße Haut, und sie sprachen immer noch ihre Muttersprache.
Jahrhunderte später reiste Pfarrer Morgan Jones von Virginia nach South Carolina und fiel unterwegs Indianern in die Hände. Sie gaben ihm zu verstehen, er möge sich zum Sterben bereit machen. Jones in seiner Todesfurcht verfiel in seine Muttersprache. Auf Walisisch beklagte er sein Schicksal und begann in dieser Sprache seine Gebete zu sprechen. Zu seinem Erstaunen antwortete einer der Indianer in seiner Muttersprache, und im Augenblick waren sich alle Krieger darin einig, dass man den Pfarrer am Leben lassen wolle. Jones blieb mehrere Monate bei diesem Stamm und versuchte, die Indianer durch Predigten, die er in Walisisch hielt, zum Christentum zu bekehren.

Ein Schöpfungslied der Navajos
Ihr sagt, da waren keine Menschen.
Rauch breitete sich über der Erde aus.
Ihr sagt, da waren keine Menschen,
nur Rauch.
Der erste Mensch, so sagen sie, trat aus dem Rauch hervor.
Er brachte mit sich verschiedene Kleider und kostbare Dinge.
So sagen sie.
Rauch hing ausgebreitet über der Erde.
Er brachte mit sich weißen Mais und gelben Mais.
So sagen sie.
Rauch hing überall.
Er brachte mit sich die verschiedenen Tiere und die Dinge, die wachsen.
So sagen sie.
Rauch war da, ausgebreitet.
Die erste Frau war die erste, die hervortrat.
So sagen sie.
Sie brachte mit sich verschiedene kostbare Dinge und Kleider.
So sagen sie.
Rauch hing da.
Sie brachte mit sich den gelben Mais und den mehrfarbigen Mais.
So sagen sie.
Rauch hing ausgebreitet.
Sie brachte mit sich die verschiedenen Tiere und die Dinge, die da wachsen. So sagen sie.
Rauch hing überall, so sagen sie.
Da gab es noch keine Menschen.
Rauch war ausgebreitet überall.
Es gab noch keine Menschen.
Nur über allem hing Rauch.
Ehe der weiße Mann kam
Ein Weißer wollte von einem Indianer wissen, wie Amerika genannt worden sei, ehe der Weiße Mann es entdeckte. »Es wird wohl ein schwieriges Wort sein«, fügte er hinzu, »bitte, sprechen Sie es langsam und deutlich aus, damit ich es mir notieren kann.«
Der Indianer schüttelte den Kopf. »Es ist ganz einfach«, antwortete er, »wir nannten es unser!«
Roter Saynday trifft weißen Saynday
Eine Wintergeschichte der Kiowa
Die Kiowa-Indianer lebten im südwestlichen Oklahoma. Saynday ist einer jener Trickster-Helden, die in vielen indianischen Mythen auftauchen. Alice Marriott, die die Sommer- und Wintergeschichten Mitte der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts bei den Kiowa gesammelt hat, meint von der Gestalt des Saynday: »Noch am ehesten lässt sich Saynday in der europäisch-amerikanischen Literatur mit Till Eulenspiegel oder mit Merlin vergleichen ... wie viele Saynday-Geschichten es in der Welt der Büffel gibt, wage ich gar nicht zu schätzen. Es mögen hundert sein, vielleicht aber auch tausend ...«
Saynday kam daher, und wie er so seines Weges ging, sah er einen weißen Mann. Der weiße Mann trug einen 20-Gallonen-Stetson-Hut, eine Wildlederweste mit allerlei Schnickschnack daran. Er hatte Wildlederhandschuhe mit langen Fransen an, seine Hosen waren aus Wildkatzenfell, und an den Beinen trug er ein Paar Cowboystiefel. Er ritt ein gutes Pferd mit weißer Mähne und weißem Schwanz, von der Rasse, die man Palomino nennt. Und der weiße Mann und sein Pferd wussten, dass sie eine gute Figur machten.
Saynday blieb stehen und musterte sie genau.
»Ja«, sagte er bei sich, »ein solches Pferd und solche Kleider hätte ich auch gern.« Also ging er auf den weißen Mann mit dem schönen Palomino-Pferd und den eleganten Kleider zu und fragte: »Wie heißt du?«
»Saynday««, sagte der weiße Mann.
»Saynday? Nein, das kann nicht sein. Saynday, das bin ich. Saynday, das ist ein Indianername.«
»Ich bin der weiße Saynday.«
»Wirklich«, sagte der rote Saynday, »nun, ich bin der Saynday der Indianer.« – »Tja«, sagte der andere, »wenn das so ist ... von dir habe ich schon viel gehört. Aber ich habe mir dich ganz anders vorgestellt. Du siehst nicht wie jemand aus, der den Leuten ständig etwas zu reden gibt.«
Er musterte den Indianer-Saynday, der nur ein Paar alte Mokassins und ein schäbiges Gewand trug und darin recht komisch aussah.
»Na ja«, sagte der rote Saynday, »ich bin eben der alte gute Onkel Saynday. Saynday der Indianer. Ich bin der Mann, der immer daherkommt ...«
»Gut«, sagte der weiße Saynday, »besonders großartig siehst du aber nicht aus.« – »Wohl wahr«, sagte der rote Saynday, »aber ich finde, du hast die schönsten Kleider, die ich je gesehen habe.«
»Ach weißt du, das ist nur mein Anzug für alle Tage«, sagte der weiße Saynday, »ich habe ihn mir aus dem Montgomery-Versandhaus schicken lassen.«
»Er steht dir gut«, sagte der rote Saynday, »und ein gutes Pferd hast du auch.« Der weiße Mann sagte nichts. Er wusste wohl, dass es das beste Pferd in seinem Stall war. »Man hat mir gesagt«, fing er an, »du spieltest den Leuten immer Streiche.«
»Das ist richtig«, antwortete der rote Saynday, »bisher habe ich noch fast jeden hereingelegt.«
»Kommt es denn nie vor, dass dir ein Streich misslingt?« erkundigte sich der weiße Saynday.
»Nun ja, hin und wieder schon ... aber nicht sehr oft. Ich fange es immer ziemlich schlau an.«
»Das sagt man«, meinte der weiße Saynday, »und eben deswegen wollte ich dir schon immer einmal begegnen. Ich möchte nämlich behaupten, dass du mich nicht hereinlegen kannst.«
»Vielleicht hast du recht, vielleicht ich.«
»Weich jetzt nicht aus ...«, sagte der weiße Saynday, »ich wette, es gelingt dir nie und nimmer, einen Mann wie mich hereinzulegen.«
»Hier auf der Stelle würde es mir nicht gelingen«, antwortete der rote Saynday, »du weißt ja, wie es bei uns Indianern so geht. Wir müssen unsere Zaubermedizin zur Hand haben. Auch ich benutze für meine Streiche eine solche Medizin, ich habe sie gerade nicht bei mir, sonst würde mir jeder Streich gelingen.«
»Du prahlst nur«, sagte der weiße Saynday, »ich wette, du besitzt überhaupt keine Zaubermedizin. Alles Schwindel und fauler Zauber. Du versuchst jetzt nur, dich herauszureden, weil du erkannt hast, dass deine billigen Tricks bei mir nicht verfangen.«
»Nein, nein«, antwortete der rote Saynday, »es ist schon so, ohne meine Medizin bin ich machtlos.«
»Wo hast du denn diese wunderbaren Sachen?«
»Zu Haus!«
»Und wo bist du zu Haus?«
»Dort drüben«, sagte der rote Saynday und deutete mit dem Kopf unbestimmt in eine Richtung.
»Ist es weit?«
»Nicht sehr weit«, sagte der rote Saynday, »aber doch schon ein ganzes Stück.« – »Wie weit?« fragte der weiße Saynday ungeduldig.
»Ich sagte ja ... ein ganzes Stück ... jedenfalls zu weit, um zu laufen.«
»Warum reitest du nicht?« – »Sehr einfach ... ich besitze kein Pferd«, sagte der rote Saynday, »wo soll ein armer Indianer ein Pferd hernehmen?«
»Du könntest dir eines kaufen!«
»Wo soll ein armer Indianer Geld hernehmen?«
»Also schön, ich mache dir einen Vorschlag«, sagte der weiße Saynday, »ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, dir bei einem deiner Streiche zuzuschauen. Ich bin bereit, dir mein Pferd zu leihen, damit du zu deiner Hütte reiten und rasch deine Zaubermedizinen holen kannst.«
»Sehr freundlich von dir«, antwortete der rote Saynday, »aber das geht nicht. Ich würde mir ja gern dieses schöne Pferd von dir ausleihen, aber es wäre nicht recht, wenn ein armer Indianer ein so edles Tier reiten würde.«
»Ach was. Es ist ein Rodeo-Pferd. Von mir aus darfst du es reiten ... wenn du dich im Sattel halten kannst.«
»Gut«, sagte der rote Saynday, und es klang so, als habe er immer noch gewisse Zweifel, »ich kann es ja mal versuchen.« Der weiße Saynday stieg ab, und der rote Saynday schwang sich in den Sattel. Das schöne Palomino-Pferd trug einen Sattel mit Silberplatten und silberne Steigbügel, und am Sattel hingen zwei Pistolen, deren Griffe mit Silber und Elfenbein eingelegt waren. Auch das Zaumzeug war prächtig. »Dieses feine Zaumzeug ...«, sagte der rote Saynday bewundernd, »willst du es nicht besser abnehmen, ehe ich das Pferd reite?«
Der weiße Saynday wurde ungeduldig.
»Weshalb solche Umstände! Dazu müsstest du erst noch einmal absteigen. Nein, nein, wir haben schon genug Zeit vertan. Reite endlich los und hole deine Zaubermedizinen. Wenn du ohne sie zurückkommst, glaube ich kein Wort mehr von dem, was man sich über deine Streiche erzählt.«
»Nun gut«, sagte der rote Saynday, und er stieß dem Pferd die Knie in die Flanken. Da tat das schöne Palomino-Pferd einen Luftsprung und bäumte sich auf, als sitze eine Tarantel unter dem Sattel.
»Da haben wir's«, rief der rote Saynday, »das habe ich befürchtet! Es lässt keinen Fremden reiten. Vergessen wir die Zaubermedizin. Daraus wird nichts.
»Bei mir geht das Tier ganz ruhig«, sagte der weiße Saynday.
»Freilich …, an dich ist es gewöhnt. Es ist an deine Kleider gewöhnt, an deinen Hut und an deine Stiefel. Ich trage keine Kleider, von Hut und Stiefel gar nicht zu reden, deshalb scheut es bei mir.«
»Vielleicht liegt es daran. Ja, das könnte sein«, sagte der weiße Saynday, »hier, nimm meine Kleider. Zieh sie an. Dann wird das Pferd nichts merken.«
»Ich weiß nicht«, sagte der rote Saynday, »soll ich wirklich ...? Ich meine, ich könnte dir deine schönen Kleider verderben. Nein, vielleicht ist das doch kein so guter Einfall.«
Der weiße Saynday wurde immer ungeduldiger.
»Soll ich den ganzen Tag hier herumsitzen und darauf warten, dass du jemandem einen Streich spielst? Wenn du meinst, du kannst mir einen deiner Tricks vorführen – gut! Wenn nicht, sag es bitte gleich. Ich habe nämlich viel zu tun.«
»Ich glaube schon, dass ich dir einen meiner Tricks vorführen kann«, sagte der rote Saynday, »... wenn ich nur erst meine Zaubermedizin zur Hand habe.« – »Also dann …, worauf warten wir noch. Du ziehst jetzt meine Kleider an, nimmst mein Pferd und holst deine Medizin, so schnell du kannst.«
»Mir soll's recht sein«, sagte der rote Saynday.
Sie ließen das schöne Palomino-Pferd mit schleifenden Zügeln grasen und der weiße Saynday zog seine Kleider aus, die der rote Saynday anlegte, während er in dessen alte Fetzen stieg. Der rote Saynday setzte sich den Hut des weißen Saynday auf, zog dessen Hosen und Stiefel an, dann auch noch dessen Hemd und dessen Weste. Er ließ sich alles geben, was der weiße Mann besaß.
Als er dann gestiefelt und gespornt dastand, sah er wirklich recht stattlich aus. Noch einmal fragte er:
»Ist es dir auch wirklich recht so?«
»Aber ja doch«, antwortete der weiße Saynday, »ganz gewiss.«
Also ging der rote Saynday hinüber zu dem schönen Palomino-Pferd, nahm den Zügel auf und stieg in den Sattel, und als er oben saß, ließ er das Pferd angalloppieren und ritt gegen den Mount Scott hin davon.
Nach einem kurzen Stück wandte er sich noch einmal um und rief dem weißen Saynday zu:
»Wolltest du nicht sehen, wie ich die Leute hereinlege? Nun, jetzt hast du's gesehen. Auf Nimmerwiedersehen.«
Wie man miteinander redet
»Der vielleicht größte Unterschied zwischen Ost und West«, sagt der alte Schaffner, »liegt darin, wie man mit einem Fremden redet. Der Missouri ist die Trennungslinie im Hinblick auf das Miteinanderreden. In dem Augenblick, in dem die Passagiere östlich von Omaha und Council Bluffs gelangen, schweigen sie einander an. Fremde sind Fremde, und sie werden einander um so fremder, je näher man der Ostküste kommt.«

What Was Your Name in the States?
Ein ironisches Lied, dessen Text bezeichnend ist für die Atmosphäre des amerikanischen Westens. Dort war es Sitte, nie einen Fremden mit Fragen nach seiner Vergangenheit zu bedrängen. Es herrschte die Auffassung, es sei Raum genug für alle in dem neuen Land. Ein Mensch sollte nach dem beurteilt werden, wie er sich hier und jetzt gab. Seine Vergangenheit war gleichgültig.


What was your name in the States?
Was it Thompson or johnson or Bates?
Did you murder your wife and fly for your life?
Say, what was your name in the States?
Wie haben Sie in den Staaten geheißen?
Hießen Sie Thompson oder Johnson oder Bates?
Haben Sie ihre Frau ermordet und mussten Sie fliehen,
um am Leben zu bleiben?
Wie haben Sie sich in den Staaten genannt?
Westward-Ho!
1803 erwarben die USA für 15 Millionen das sogenannte Louisiana-Territorium von Frankreich. Der damalige Präsident der USA hatte sich nach Zweifeln und Zögern zu diesem Kauf entschlossen, um so den für den Handel der USA so wichtigen Hafen von New Orleans in die Hand zu bekommen.
Das gewaltige Gebiet erstreckte sich vom Missouri bis zum Red-River im Süden, im Osten war der Mississippi die Grenze, die genaue Westgrenze war praktisch unbekannt. Jefferson, der sich von jeher für den Westen interessiert hatte, sandte eine Anzahl von Entdeckern aus, um das neue Land erkunden und kartographisch vermessen zu lassen. Lewis und Clark zogen vom Missouri zum-Columbia River, Zebuion Pike, der den Oberlauf des Mississippi verfolgt hatte, stieß in die Colorado-Rockies vor. Weiter nach Süden hin wurden die Expeditionen Thomas Freemans, William Dunbars und George Hunters von den Spaniern aufgehalten und mussten umkehren. Die spanische Einflusssphäre im Südwesten reichte damals von Mexiko bis nach Oregon, von den Rocky Mountains bis zum Pazifik. Die Möglichkeit, in dem gewaltigen Louisiana-Territorium einen neuen Staat zu gründen, war Ziel einer geheimnisvollen Verschwörung des Aaron Burr, der schließlich festgenommen und des Hochverrats angeklagt wurde, als er mit einer Mannschaft von 60 Anhängern 1807 gegen New Orleans zog.
Wie unterschiedlich amerikanische Politiker in der Folgezeit das neuerworbene Land beurteilten, belegen die folgenden zwei Texte:
Rede des Senators
George McDuffie
am 25. Januar 1843 im Senat
Welches ist nun der Charakter dieses Landes? Nun, wenn ich recht verstehe, sind ungefähr 7000 Meilen auf dieser Seite der Rocky Mountains unbewohnbar. Gebirge, in denen kaum Regen fällt, sind unbewohnbar. Sie haben unfruchtbaren sandigen Boden. Auf der anderen Seite – wir wissen das von einem intelligenten Gentleman, der vom State Department in dieses Land geschickt wurde, gibt es drei aufeinanderfolgende Ketten, die sich bis zum Pazifik ausdehnen, Gebirge, die völlig unpassierbar sind, ausgenommen gewisse Stellen, an denen es Einschnitte oder Niederungen gibt, die zu erreichen man aber Umwege von mehr als hundert Meilen in Kauf nehmen muss. Nun, was wollen wir also in diesem Fall machen? Wer wird dahin gehen, entlang einer Linie von Militärposten, wer wird von dem einzigen Teil dieses Territoriums Besitz ergreifen, der bewohnbar ist – der Teil an der Küste, ein Streifen von weniger als hundert Meilen Breite, denn, wie ich schon ausgeführt habe, der Rest des Territoriums ist nahezu unzugänglich, er besteht aus Gebirgen oder Unterländern, bedeckt mit Steinen und vulkanischen Überresten, es regnet dort nie außer im Frühjahr, und selbst an der Küste fällt zwischen April und Oktober kein Regen; für den Rest des Jahres aber hört es dort wiederum nicht mehr auf zu regnen. Nun, meine Herren, wie soll man dort Landwirtschaft treiben? Für diesen Zweck würde ich für das ganze Territorium nicht eine Prise Schnupftabak geben. Ich wünschte bei Gott, es gehörte uns nicht. Ich wünschte, es stellte eine unüberwindliche Barriere dar, um uns gegen die Einfälle anderer zu schützen! Dies ist der Charakter dieses Landes. Und nun frage ich Sie: Wen sollen wir dorthin schicken?
William Gilpin
Manifest Destiny
Der überlegende und weise Mensch ist darauf bedacht, die Pläne der Vorsehung zu ergründen, im großen Buch der Natur zu lesen, den Willen des Schöpfers zu erahnen und zu begreifen, was davon zu verstehen ihm gegeben ist. Zwei Jahrhunderte ist unsere Rasse über diesen Kontinent dahingegangen. Von nichts sind wir auf 20 Millionen angewachsen. Von nichts sind wir auf dem Gebiet der Landwirtschaft, des Handels, der Zivilisation und an natürlicher Stärke in die erste Reihe der Nationen auf dieser Welt aufgerückt. Insofern haben wir unser Schicksal, unsere Bestimmung vollzogen und bei dieser Aufgabe etwas zuwege gebracht, was niemand bestreiten wird. Auf dieser Schwelle lesen wir die Zukunft. Die noch unvollendete Bestimmung des amerikanischen Volkes ist es, diesen Kontinent zu unterwerfen, über dieses riesige Gebiet dahinzustürmen, bis zum Pazifischen Ozean, die vielen hundert Millionen von Menschen dazu zu veranlassen, eine neue Ordnung des menschlichen Zusammenlebens aufzurichten, die Versklavten freizusetzen, die gebrechlichen Nationen gesunden zu lassen, Dunkel in Licht zu verwandeln, aufzuschrecken den Schlaf von Hunderten, Tausenden von Jahren, den alten Nationen eine neue Zivilisation zu vermitteln, die Bestimmung der menschlichen Rasse zu bestätigen, die Menschheit einem Höhepunkt entgegen zu führen, die Versteinerten anzustoßen, damit sie wieder lebendig werden, die Wissenschaft zu vervollkommnen, die Geschichte durch die Eroberung des Friedens zu krönen, einen neuen Ruhm für die Menschheit zu erwerben, die Welt in einer Völkerfamilie zusammenzuführen, die Bedrohung der Tyrannei Zuñichte zu machen, Nächstenliebe zu üben, den Fluch von der Menschheit zu nehmen, der die Verwirklichung der Humanität unmöglich macht, und diese Segnungen über die ganze Welt auszubreiten.
Eine göttliche Aufgabe, eine unsterbliche Mission. Lasst uns rasch den Weg angehen. Möge das Herz eines jeden Amerikaners erglühen vor Patriotismus. Möge ein jeder die erhabene Bestimmung dieses unseres geliebten Landes als Teil seines religiösen Glaubens begreifen und zu ihrer Verwirklichung beitragen.
John C. Frémont/Charles Preuss: Zwei Männer im Westen
Zeigt der voranstehende Text, dass die Eroberung des Westens inzwischen Teil eines amerikanischen Glaubensbekenntnisses geworden war, dass es im Osten der USA nicht wenige Menschen gab, die es als eine den Amerikanern von Gott oder der Vorsehung zugedachte Aufgabe betrachteten, ihre Lebensart und ihre sozialen und politischen Grundsätze über den ganzen Kontinent hin und schließlich in alle Welt auszubreiten, so schildern die nachstehenden Abschnitte aus zwei Tagebüchern die Wirklichkeit des Westens und die Empfindungen zweier entschlossener Männer angesichts der übermächtigen Naturerscheinungen. Am 2. Mai 1842 verabschiedete sich der 29jährige Unterleutnant John Charles Frémont von seiner hübschen 17jährigen Frau in Washington und brach auf – zunächst mit der Eisenbahn, dem Kanalboot und der Postkutsche – zur Erforschung des Westens. Auf einem Dampfboot zwischen St. Louis und Independence traf Frémont den Mountain-Man Kit Carson und warb ihn als Scout an. Frémonts Expedition folgte dem Kansas, Big Blue und den North-Platte-Flüssen, um einen Wagen weg nach Oregon zu erkunden. Diese Route wurde bereits von Wagen bis Fort Laramie benutzt. Die zweite Frémont-Expedition 1843--44 nahm die Reststrecke der Oregon-Trails kartographisch auf. Sie diente zum Teil aber auch der Spionage, zur Vorbereitung des Krieges mit Mexiko, bei dessen Ende die USA ihr Territorium bis zum Rio Grande und zum Gila-River vorschoben. Frémonts Bericht wurde zu der populärsten Beschreibung des Westens. Dafür sorgte nicht zuletzt auch sein Schwiegervater, Senator Benson aus Missouri, einer der leidenschaftlichsten Anwälte der Ausweitung der USA nach Westen. Auf seiner Expedition wurde Frémont von dem aus Deutschland stammenden Kartographen Charles Preuss begleitet. Wie aus dem Tagebuch des letzteren hervorgeht, hat dieser offenbar ein recht kritisches Verhältnis zu seinem Expeditionsleiter gehabt.
John C. Frémont
Die Großen Ebenen
22. Juni 1842
Bei dem großen Baum, an dem wir zu Mittag Rast machen wollten, fanden wir kein Wasser. Der Kleine Creek war völlig trocken und auf dem angrenzenden sandigen Gelände sahen wir die ersten Kakteen. Wir hielten uns hier kurz mit der Suche nach Wasser auf. Nach einem strengen Tagesmarsch von 28 Meilen kampierten wir gegen 5 Uhr nachmittags am Little Blue, wo sich bei unserer Ankunft Szenen abspielten, wie man sie sonst wohl nur in der arabischen Wüste erlebt. Kaum waren wir angekommen, da stürzten sich Männer und Pferde in den Strom und badeten und tranken.
Wir befanden uns nun im Gebiet der Pawnee, die häufig Reisegesellschaften auf ihrem Weg zum Gebirge überfallen und ihnen die Pferde wegzunehmen pflegen. Wenn sie stark genug sind, plündern sie und tun den Weißen die unterschiedlichsten Arten von Beleidigungen an. Deswegen wurde zum ersten mal jetzt eine Nachtwache aufgestellt. Unsere Route am nächsten Morgen führte uns das Tal hinauf. Es wurde begrenzt von Hügeln mit sanften Abhängen, die ungewöhnlich grün und schön aussahen. Der Fluss war an die fünfzig Fuß breit und drei oder vier Fuß tief. Am Ufer standen Schwarzpappel- und Weidenbäume, häufig sah man auch Eichenwäldchen, in denen Scharen wilder Truthühner hausten. Überhaupt gab es in dieser Gegend Wild im Überfluss. Häufig sahen wir Elche auf den Hügeln, Antilopen kreuzten unseren Weg, und oft brach ein Reh aus einem Gebüsch. Der Weg am Nachmittag führte über die oberen Prärien, mehrere Meilen vom Fluss entfernt, und wir bezogen bei Sonnenuntergang an einem der kleinen Nebenflüsse Lager, wo viel Zinnkraut unseren müden Tieren als gutes Futter diente. Wir waren an diesem Tag 31 Meilen vorangekommen. Von Westen zog eine schwarze Wolkenwand auf, und zwischen 9 und 10 Uhr nachts brach ein Gewitter los, dem heftige Windstöße vorausgingen. Der Regen fiel in solchen Bächen, dass es schwierig war, gegen den Wind zu stehen und dabei zu atmen, ständig rollte der Donner, und der ganze Himmel erzitterte von Blitzen. Es war stockdunkel gewesen, aber die Blitze zerrissen die Dunkelheit mit blendendem Licht. Carson hatte von zehn bis Mitternacht Wache, und ihm waren zwei unserer jungen Reisegefährten beigegeben, die Herren Brant und R. Benton. Es war ihre erste Nacht auf Wache, und eine solche Einführung war nicht gerade dazu angetan, sie mit den angenehmen Seiten der Expedition vertraut zu machen. Mehrere Dinge kamen zusammen, die dazu führten, dass sie sich recht unbehaglich fühlten: Geschichten über verzweifelte und blutrünstige Indianerkämpfe liefen im Lager um, und unser Standort war schlecht gewählt. Wir waren auf allen Seiten von mit Bäumen bestandenen Senken umgeben, und da wir auf einer Fläche von mehreren hundert Fuß lagerten, waren die einzelnen Wachposten weit voneinander entfernt. Hin und wieder konnte ich Randolph hören, der – von irgendeinem Geräusch in der Dunkelheit aufgeschreckt – den Befehlshabenden bei der Wache rief, um ihn auf etwas aufmerksam zu machen. Aber sie standen es durch und übernahmen später regelmäßig ihre Wachen. Am nächsten Morgen erlebten wir einen falschen Alarm, wie er in diesen Gegenden immer wieder vorkommt. Als wir das Tal hinaufzogen, zeigte sich irgend etwas auf dem gegenüberliegenden Hügel, verschwand aber wieder, ehe ein Glas zur Hand war und wir es genauer in Augenschein nehmen konnten. Ein Mann, der sich in einiger Entfernung hinter dem Zug befunden hatte, kam angejagt und brüllte: Indianer, Indianer! Er war nahe genug gewesen, um sie zu zählen, jedenfalls behauptete er das und hatte 27 ausgemacht. Ich ließ sofort anhalten. Die Waffen wurden hervorgeholt und schussfertig gemacht. Kit Carson warf sich auf eines der Pferde, die bei Jagden geritten werden, überquerte den Fluss und ritt die Prärien auf der anderen Seite ab, um sich Klarheit über die Operationen der Indianer zu verschaffen.
Auf einem schönen Pferd, ohne Sattel, barhäuptig, war Kit beim Ritt über die Prärie ein Bild von einem Reiter. Er brauchte nicht lange, um festzustellen, dass die 27 Krieger in Wirklichkeit sechs Elche gewesen waren, denen es in den Sinn gekommen war, neugierig unsere Karawane zu betrachten, und die nun davontrabten, so schnell sie konnten. Dies war unser erster Alarm und die Aufregung war eine erfreuliche Abwechslung in der Monotonie des Tages.
Charles Preuss
Das elende Leben auf der Prärie
6. Juni 1842
Lager abgebrochen und 15 Meilen den Kansas-River hinaufgezogen. Wütend über diesen kindischen Frémont. In der Nacht fiel eine Menge Regen, die mich zwang aufzustehen. Alles nass.
Welch ein Durcheinander in dieser Mannschaft, schmutziges Essen. Aber wie soll auch ein närrischer Leutnant mit einer solchen Aufgabe zurechtkommen. Dies ist mein erster Tag, den ich reitend verbringe. Glücklicherweise bekam ich ein sanftes Pferd. Dennoch wurde ich von der ungewohnten Anstrengung etwas steif.
12. Juni
Viel Regen in der Nacht. Schlief in einem schlechten Zelt. Ewig Grasland. Hin und wieder eine Baumgruppe. Frémont zieht diese Prärie jeder anderen Landschaft vor. Für mich ist das so, als ob jemand ein Buch mit leeren Seiten lieber hat als eine gute Geschichte. Der Ozean hat immer noch seine Stürme und Eisberge, die herrlichen Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge. Aber die Prärie? Zum Teufel mit diesem Leben. Wäre ich doch nur in Washington bei meinem alten Mädchen.
Jagte einen Wolf, die Männer versuchten ihn zu erschießen, verfehlten aber.
19. Juni
Kein Sonntag für uns. Ich habe nicht einmal mehr ein sauberes Hemd zum Anziehen. Zum Teufe! mit der Wascherei. Fingen eine große Schildkröte, die heute Abend eine Suppe geben soll. Sofern unser Koch, dieser Spitzbub, so etwas kochen kann.
Unser großes Chronometer ist schlafen gegangen. Dahin kommt es immer, wenn das Ei klüger sein will als die Henne. Bisher kann ich nicht behaupten, dass ich eine sehr hohe Meinung von Frémonts astronomischen Manipulationen bekommen hätte. Wir haben auch mit dem Botanisieren angefangen. Ich wünschte, ich hätte einen Drink.
25. Juni
Hatte eine bemerkenswert schlechte Nacht. Erst ein Gewitter mit sturzbachartigem Regen, der unser elendes Zelt durchweichte. Dann wurde es so warm, dass sich die Mosquitos benahmen, als seien sie vom Teufel besessen. Tatsächlich habe ich auch nicht eine Minute die Augen zugetan.
Heute morgen gegen 10 waren wir schon drei Stunden unterwegs, da kommt plötzlich der törichte Brant angeritten und behauptet, er habe auf der anderen Seite des Flusses Indianer gesehen. Wir hielten, und unsere beiden Scharfschützen gingen sich umsehen, während wir unsere Pistolen und Gewehre für den Ernstfall bereitmachten. Nach einer halben Stunde stellte sich heraus, dass Mr. Brant nicht Indianer, sondern Elche gesehen hatte. Nachdem wir ihn gehörig ausgelacht hatten, zogen wir bei sengender Hitze (94 Grad Fahrenheit = 34 Grad Celsius) weiter.
2. August
Gestern Nachmittag und heute morgen hat Frémont seinen Daguerreotype aufgebaut, um die Felsen zu fotografieren, er hat auf diese Art fünf Platten verdorben. Nichts war darauf zu erkennen. So geht das oft mit diesen Amerikanern. Sie wissen alles, sie können alles, aber wenn es dann zur Probe aufs Exempel kommt, versagen sie kläglich. Letzte Nacht wurden ein paar Pferde unruhig. Als wir mit Laternen hingingen, hieß es, die Indianer seien in der Nähe.
Frémont vertat den Morgen mit seiner Maschine. Nachdem wir ungefähr zehn Meilen geritten waren und unser Lager aufgeschlagen hatten, sehen wir in dem Gebirge uns gegenüber, ungefähr sechs Meilen entfernt, Rauch aufsteigen. Diesmal sind es bestimmt Indianer. Wir müssen also wieder auf der Hut sein. Wahrscheinlich werden wir keine Ruhe kriegen, bis der Missouri vor uns auftaucht ...
John C. Frémont
Die Rocky Mountains
Von Zeit zu Zeit kamen wir an Stellen, an denen eine Anzahl von Quellen aus dem Fels entsprangen, und bei 1.800 Fuß über den Seen erreichten wir die Schneegrenze.
Von da an mussten wir ununterbrochen klettern. Bisher trug ich ein Paar dicke Mokassins, jetzt zog ich ein leichtes, dünnes Paar an, das ich für diesen Zweck gekauft hatte. Ich erklomm eine Art von Gebirgskamm, der wie ein Stützpfeiler gegen die Wand stand und der durch Wind und Sonneneinstrahlung, aber auch wegen seiner Steilheit, fast völlig schneefrei war. Dort hinauf kam ich rasch voran. Unsere Vorsicht zu Anfang hatte mir Kräfte sparen helfen. Ich spürte nichts mehr von der gestrigen Krankheit. Nach ein paar Minuten erreichten wir eine Stelle, wo der Stützpfeiler überhing, und dort ging es mehrere hundert Fuß senkrecht hinunter.
Mich mit Händen und Füßen in den Spalten zwischen den Blöcken festhaltend, gelang es mir, dort vorbeizukommen, und als ich die Spitze erreichte, sah ich meine Gefährten in einem kleinen Tal unter mir. Ich stieg zu ihnen ab, und wir kletterten weiter, und nach kurzer Zeit erreichten wir die Höhe. Ich sprang auf dem Gipfel herum. Ein Schritt mehr, und ich wäre auf ein riesiges Schneefeld 500 Fuß unter mir abgestürzt. Am Rand des Feldes war ein steiler Abfall aus schierem Eis, danach fiel das Feld über etwa eine Meile hin weniger steil bis zum Fuß einer anderen niedrigeren Kette ab. Ich stand auf einem schmalen Grat, ungefähr drei Fuß breit, mit einer Inklination von ungefähr 20 Grad Nord und 51 Ost. Nachdem ich meine erste Neugier befriedigt hatte, stieg ich ab, und die anderen folgten. Ich sorgte dafür, dass immer nur einer über die unsichere und gefährliche Säule herabkam, bei der einen schon ein Hauch in den Abgrund wehen konnte. Wir stellten das Barometer auf dem Gipfel in den Schnee und befestigten einen Stecken in einer Spalte. Und so flatterte die Nationalfahne, wo noch nie eine Fahne zuvor geflattert haben mag.
Während des Aufstiegs am Morgen hatten wir, außer dem schon erwähnten spatzenähnlichen Vogel, kein Zeichen von Tierleben erblickt. Die Stille war fast erdrückend, und eine schreckliche Einsamkeit drängte sich dem Bewusstsein als die ausgeprägteste Eigenschaft dieses Ortes auf. Hier am Gipfel war die Stille absolut, ungebrochen von irgendeinem Geräusch, wir kamen uns vor, als seien wir über die Region, in der es Leben gibt, hinausgelangt, aber während ich auf einem Felsen saß, kam eine einsame Biene von einem Flug aus dem östlichen Tal daher und ließ sich auf dem Knie eines der Männer nieder.
Es war ein seltsamer Ort, der eisige Fels und der höchste Gipfel der Rocky Mountains, seltsam für jemanden, der Sonnenschein liebt und Blumen, und die Vorstellung gefiel uns, dass wir die einzigen waren, denen es gelungen war, diese Gebirgsbarriere zu überqueren – einsame Pioniere, die vom Vorankommen der Zivilisation kündeten.
Ich denke, hätten wir etwas nachgedacht, wir hätten die Biene ihren Flug fortsetzen lassen, aber so verfuhren wir nach dem Gesetz dieses Landes, wo sich alle belebte Natur im Kriegszustand zu befinden scheint. Wir fingen sie und steckten sie zwischen die Seiten eines großen Buches, unter die Blumen, die wir auf dem Hinweg gesammelt und zum Pressen dort verwahrt hatten.
Das Barometer zeigte 18.293, das Thermometer 44 Grad Fahrenheit, wenn man bedenkt, dass sich der Gipfel an die 13.570 Fuß über dem Meeresspiegel erhebt, so wird man sagen können, dass dies der größte Höhenflug einer Biene war.
Charles Preuss
Nicht die Schweizer Alpen
5. August 1842
Frémont treibt sich im Gebirge herum und sammelt Steine, während wir mit dem Lunch auf ihn warten. Ich bin hungrig wie ein Wolf. Dieser Bursche weiß nichts über Mineralogie und Botanik. Und doch sammelt er jede Kleinigkeit, will sie später in Washington bestimmen lassen und wird in seinem Bericht damit angeben. Soll er sammeln soviel er will – wenn wir nur nicht mit dem Essen auf ihn warten müssen.
Heute sagte er, die Luft sei hier oben zu dünn. Deswegen habe es auch mit seiner Daguerreotypie nicht geklappt. Alter Junge, du hast keine Ahnung davon. Das ist es.
8. August
Wie gesagt, diese Rocky Mountains sind nicht die Schweizer Alpen. Aber es ist wahr, sie haben großartige, seltsam geformte Felsen. In ein paar Tagen werde ich in der Lage sein, mehr darüber zu sagen.
17. August
Es war schrecklich, über die Felsen und durch das Wasser zu klettern. Wir sind zwei-, dreimal sehr hoch gewesen, zwischendurch mussten wir immer wieder hinunter ins Tal, weil es von einem Gebirge zum anderen ging. Der Scout, Carson, lief zu rasch. Das führte zu einem Wortwechsel. Frémont, aufgeregt wie gewöhnlich, bestimmte einen jungen Mann dazu, die Führung zu übernehmen. Natürlich konnte er nicht als Scout dienen. Frémont bekam Kopfschmerzen. Er beschloss, den Berg am nächsten Morgen ausgeruht und mit kühlerem Blut zu ersteigen. Irgend jemand kam auf die Idee, über den Schnee zu gehen, der ganz weich war, und dann ging alles ganz gefahrlos. Der Scout – de Couteau – versuchte vorsichtig einen Schritt, und die anderen folgten seiner Spur. Wir erreichten bald den Gipfel. Am höchsten Punkt war es so eng, dass jeweils nur einer dort stehen konnte. Pistolen wurden abgefeuert, die Fahne entrollt, und wir riefen mehrmals »Hurra!« Dann wurde ein Barometer aufgestellt, und ich las zweimal ab. Einmal zeigte es 18.320, dann 18.293, die entsprechenden Daten beim Thermometer waren 45,3 und 44 Grad Fahrenheit, was bedeutet, dass es fast 10.000 Fuß gewesen sein müssen. Während des gesamten Ausfluges ließ mir Frémont nur wenige Minuten Zeit für meine Arbeit. Wenn wir in Washington die Karte zeichnen müssen, wird er seine unkluge Hast bereuen. Der nächste Morgen war der 16. August. Wir brachen vor Sonnenaufgang auf. Wir wollten an der Stelle frühstücken, an der die übrigen neun Männer mit dem Rest der Maultiere warteten. Unser Scout, Basil, verlor den Weg oder dachte, er könne einen besseren finden. Aus diesem Grund gerieten wir in ein wahres Labyrinth von Felsen und kleinen Seen, dass wir kaum noch wussten, wie herauskommen. An die zwanzigmal mussten wir absteigen und die Tiere mit Gewalt über die Felsen stoßen. Wir kletterten ihnen hinterdrein und ritten dann wieder ein Stück. Es war fast Mittag, als wir die Stelle erreichten, die nach Luftlinie nur zwei Meilen entfernt war. Aber statt dort Männer, Maultiere und ein Frühstück zu finden, hing da nur ein Zettel an einem Pfosten, auf dem Kit Carson uns mitteilte, er sei mit den anderen zum Basislager am See abgestiegen. Er hatte angenommen, dass wir auf einer kürzeren Route ebenfalls dorthin unterwegs seien. Frémont begann wieder zu wüten, wollte alle entlassen und auf der Stelle heim etc., etc. Natürlich bekam er davon wieder seine Kopfschmerzen.
Völlig eingeschneit
11. Februar 1844
Wir sind jetzt völlig eingeschneit. Der Schneesturm ist über uns hergefallen. Der Wind hat alle Spuren ausgelöscht, die wir mit unglaublichem Aufwand für unsere Pferde getreten hatten. Die Pferde liegen jetzt zwanzig Meilen zurück und sollen heute Abend eintreffen – oder genauer, man erwartet sie jetzt eigentlich nicht mehr. Wie sollten sie durchkommen? Im Augenblick kann niemand sagen, was geschehen wird. Es ist gewiss, dass wir Pferdefleisch essen müssen. Es würde mir nichts ausmachen, hätten wir wenigstens Salz. Der Salzmangel bringt mich noch um. Ich fühle mich schrecklich schwach und habe wenig Appetit.
4. März
Ich habe ein paar Zwiebeln ausgraben können. Es war eine schwere Arbeit, denn ich habe nur ein Taschenmesser, und sie sitzen tief zwischen den Felsen. Die Wetteraussichten sind schrecklich. Oh meine Liebste! Wenn du wüsstest, wie übel ich im Moment dran bin. Gerade eben habe ich mein Abendessen zusammengekratzt. Auf dem Weg hierhin fing ich ein paar Frösche. Ich riss ihnen die Beine aus und kaute die Schenkel.
27. März 1844
Es ist wahr, dieses Tal (San Joaquin in Kalifornien) ist ein Paradies. Gras, Blumen, Bäume, herrlich klare Flüsse, Tausende von Rehen, Elche, wilde Pferde, wunderbarer Lachs. Ich werde mich wahrscheinlich auf dem Grundstück von Captain Sutter ansiedeln.
Hier gibt es Tausende von Enten; Gänse stehen herum, als seien sie zahm. Die Indianer machen schöne Decken aus ihren Federn. Man kann einen fetten Ochsen töten, ohne auch nur um Erlaubnis fragen zu müssen. Es wird nur erwartet, dass man dem Eigentümer die Haut und den Talg überlässt. Und wie hier alles wächst! Die faulen Spanier kratzen, statt zu pflügen, den Boden nur etwas mit einer Hacke auf, und doch gedeiht alles prächtig. Trauben und Feigen in Hülle und Fülle.
Sutter hat mit dem Weinbau nach deutscher Art begonnen. Die Indianer sind so zahm und friedfertig, dass Sutter sie für alle Arten von Arbeiten benutzen kann. Der Lohn für 14 Tage Arbeit an einem Bewässerungsgraben in einem Weizenfeld besteht in einem Hemd. Natürlich gehen sie alle nackt, denn es herrscht ewiger Frühling. Wie kommt es nur, dass man über ein Land, welches solche Vorteile bietet, im Osten so wenig weiß? Vielleicht weil die Walfänger und Matrosen alles geheim halten, damit ihnen ihr vorteilhafter Handel mit Häuten und Talg nicht durch die Konkurrenz von einfallsreicheren Siedlern verdorben wird. Selbst jetzt weigern sie sich, von den wenigen Siedlern, die es hier gibt, Briefe mitzunehmen.
28. März
Wir haben viel Ärger mit den wilden Maultieren. Es ist schon neun Uhr am Vormittag. Dieser Fluss hier heißt Stanislaus, ein Nebenfluss des San Joaquin. Alle Flüsse führen Hochwasser wegen der Schneeschmelze. Wie angenehm, aus diesem herrlichen Frühling zu den weißen Mauern hinauf zu schauen, wo wir so litten. Eines ist gewiss: wenn ich in den Vereinigten Staaten nicht ohne große Anstrengungen meinen Lebensunterhalt verdiene, zieh' ich um. Wenn ich mit diesem Job fertig bin, reise ich über Vera Cruz in Mexico und Acapulco in die Bucht von San Franzisco und siedle mich dort an.
John C. Frémont
Ein Land der Gegensätze
15. April 1844
Wir folgten noch ein Stück dem Lauf des Creeks talwärts, und unser Scout sagte uns, dass das Wasser sehr bald verschwinden werde, also wandten wir uns direkt nach Süden. Der Trail, auf dem wir uns bewegten, schien am östlichen Rand jenes Landstriches zu verlaufen, durch den man reisen konnte. Jenseits davon gab es kein Gras und kein Wasser mehr. Wir überquerten einen niedrigen Ausläufer des Gebirges, der den Creek begrenzte, und kamen in eine Art Ebene unterhalb dieser Vorberge hinunter. Links von uns lag die Wüste, sie war offenbar unbegrenzt. Ein heißer Nebel lag bei Tage über der Landschaft.und verlieh ihr ein weißes, gleißendes Aussehen; hier und da gab es ein paar dürr wirkende Buttes (isolierte Hügel), und einzelne schwarze Bergketten tauchten plötzlich auf. »Dort«, sagte unser Führer und wies mit der Hand darauf, »das sind die großen Llanos (die Mohave-Wüste). No hay agua, no hay zacate – nada – da gibt es weder Gras, noch Wasser – nichts. Jedes Tier, das sich dorthin verirrt, stirbt.«
Es war tatsächlich ein abstoßender Anblick. Kaum zu glauben, dass auf so kurze Entfernung in der Landschaft sich ein Wechsel von solcher Krassheit abzeichnete. Man hätte lange reisen können, bis man ein Tal mit mehr Pflanzen und Wäldern, mehr Vögeln und Tieren und mit mehr Quellen finden würde als das Tal von San Joaquin, das wir verlassen hatten. Aber nur ein paar Meilen Ritt, und nackte Wüste breitete sich vor uns aus, eine Gegend, vor der sich der kühnste Reisende voller Schrecken abwenden würde.
Unmittelbar vor uns, in einiger Entfernung nach Süden und sich in östlicher Richtung von den Gebirgen abspaltend, verlief eine Sierra, die an ihrem östlichen Ende (vielleicht 50 Meilen entfernt) einige schneebedeckte Gipfel aufwies, Berge, auf denen, wie uns unser Führer erklärte, der Schnee das ganze Jahr liegen blieb. Unser Reiterzug hatte ein seltsam-groteskes Aussehen, und es war unmöglich, nicht über unsere Zusammensetzung und unsere Situation in dieser fernen Einsamkeit nachzudenken. Zwei Grad vom Pazifischen Ozean entfernt, schon so weit nach Süden, wie Monterey liegt, immer noch weiter nach Süden abgedrängt auf der einen Seite durch die Wüste, auf der anderen Seite durch eine Gebirgskette, geführt von einem zivilisierten Indianer, begleitet von zwei anderen Indianern, die aus den wilden Stämmen auf der Sierra kamen, ein Chinook vom Columbia und wir Amerikaner, Franzosen, Deutsche – alle bewaffnet; vier oder fünf Sprachen, die man gleichzeitig hört, über hundert Pferde und Maultiere, alle halb wild; amerikanische, spanische und indianische Kleidung und Ausrüstungsgegenstände! Unser Marsch war eine Art Prozession. Scouts vorweg und an den Flanken, eine Vorhut und eine Nachhut, die Packtiere, Gepäck und das gehörnte Vieh in der Mitte, alles in allem zog sich dieser Treck über eine Viertelmeile hin. Auf diese Weise reisten wir, mehr als ob wir nach Asien gehörten als in die Vereinigten Staaten.

Francis Parkman: Über den Oregon-Trail
Die folgenden zwei Kapitel stammen aus einem klassischen Werk der Reise- und Abenteuerliteratur über den Wilden Westen. Es trägt den Titel The Oregon Trail. Sein Verfasser, Francis Parkman, war, als er in den Wilden Westen ritt, 23 Jahre alt. Mit ihm reiste sein Studienfreund Quincy Adams Shaw. Parkman, ein junger Mann aus gutem Haus mit angegriffener Gesundheit, war Naturfreund und ein großer Spaziergänger. Den Wilden Westen kannte er, wie Shaw auch, nur vom Hörensagen. Beide jungen Männer waren waghalsig und tapfer, und zwar in einem Maße, dass man sich fragt, ob sie immer tatsächlich voll und ganz begriffen, welche Gefahren sie umgaben. Bei Parkman verbanden sich diese Eigenschaften mit einer eigensinnigen Entschlossenheit, alles nur irgend Mögliche über die Indianer zu lernen. Parkman benutzte bei seiner Reise schon jene Landkarte, die Frémont auf seiner Expedition angefertigt hatte. Zwei andere Personen in der Reisegesellschaft der beiden jungen Männer waren der Scout Henry Chatillon, ein großer kräftiger Mann, der sich rühmen konnte, schon 30 Bären getötet zu haben, und oft zu Fuß Büffel jagen ging, und Deslauriers, ein ausgelassener Maultiertreiber französischer Abstammung, dem die Abenteuer einer solchen Reise gerade recht kamen.
Der Platte-River und die Wüste
Wir waren nun am Ende unserer einsamen Reise über den St.-Joseph-Trail. Am Abend des 23. Mai (1845) lagerten wir nahe der Kreuzung mit dem alten Trail der Auswanderer nach Oregon. Wir waren an diesem Nachmittag lange geritten und hatten vergebens versucht, Holz und Wasser zu finden, bis wir endlich den Himmel bei Sonnenuntergang sich in einem Teich spiegeln sahen, der von Büschen und Felsen umstanden war. Das Gewässer lag am tiefsten Punkt einer Senke, von der die sanfte Prärie in eleganten Erhebungen wie die Wellen im Ozean nach allen Seiten anstieg. Wir schlugen unsere Zelte auf, nicht jedoch ehe Henry Chatilion einen etwas ungewöhnlichen Gegenstand auf einer fernen Bodenerhebung bemerkte. Aber in der feucht-dunstigen Atmosphäre des Abends verschwamm alles. Als wir nach dem Abendessen um das Feuer lagen, drang ein tiefer und ferner Laut, eigenartig genug in der Einsamkeit der Prärie, an unsere Ohren: Gelächter und die schwachen Stimmen von Männern und Frauen. Seit acht Tagen waren wir keinem menschlichen Wesen mehr begegnet, und diese Geräusche in unserer Nachbarschaft hatten eine außerordentlich heftige Wirkung auf uns.
Als es dunkel zu werden begann, kam ein bleichgesichtiger Bursche zu Pferde den Abhang herunter, er platschte durch den Teich und ritt zu unseren Zelten. Er trug einen riesigen Mantel und einen breiten Hut, von dessen Rand die Feuchtigkeit des Abends auf seine Ohren herabtroff. Ein zweiter Mann folgte, gedrungen, kräftig und intelligent aussehend. Er stellte sich als der Anführer eines Auswandererzuges vor, der eine Meile vor uns Lager bezogen hatte. Um die zwanzig Wagen seien es, so berichtete er, der Rest des Zuges befinde sich auf der anderen Seite des Big Blue und warte dort auf eine Frau, die in den Wehen liege. Unter den Leuten war Streit ausgebrochen.
Es waren dies die ersten Auswanderer, die wir überholten, allerdings hatten wir zahlreiche und melancholische Spuren von ihnen im Verlauf unserer Reise gefunden. Manchmal kamen wir an dem Grab von einem vorbei, der unterwegs erkrankt und gestorben war. Die Erde war gewöhnlich aufgewühlt und dicht mit Wolfsspuren bedeckt. Einige waren der Verstümmelung entgangen. Eines Morgens nahm ein Brett unsere Aufmerksamkeit gefangen, das auf der Spitze eines grasbedeckten Hügels aus dem Boden ragte. Wir fanden darauf unbeholfen eingegraben, offensichtlich mit einem glühenden Stück Eisen:
Mary Ellis
Gestorben am 7. Mai 1845
im Alter von zwei Monaten
Solche Grabmäler waren häufig.
Am folgenden Morgen brachen wir spät aus unserem Lager auf. Wir waren knapp eine Meile geritten, da entdeckten wir vor uns auf der Prärie eine gleichmäßige Kette von Gegenständen, die sich auf den Horizont zu bewegte.
Eine Bodenwelle verbarg sie dann gleich wieder vor uns, aber als wir eine Viertelstunde später auf der anderen Seite wieder abwärts ritten, sahen wir schon ganz dicht vor uns den Auswandererzug mit seinen schweren weißen Wagen und dahinter eine große Herde Rinder.
Ein halbes Dutzend gelbgesichtiger Männer zu Pferde fluchte und schimpfte. Ihre unbeholfenen, sperrigen Gliedmaßen steckten in braunem Homespun, zugeschnitten von den Händen eines häuslichen Damenschneiders.
Als wir uns ihnen näherten, riefen sie uns zu:
»Wie geht's euch, Jungen? Reitet ihr nach Oregon oder nach Kalifornien?« Als wir rasch an den Wagen vorbeitrabten, tauchten hinter den Planen Kindergesichter auf. Auch ausgemergelte Matronen oder dralle Mädchen, die mit vorn saßen, ließen ihr Strickzeug sinken und starrten uns neugierig an. Neben einem jeden Wagen lief der Besitzer und trieb die Ochsen an, die langsam gingen und schwer zu ziehen hatten. Es war leicht zu sehen, dass Furcht und Streit noch nicht ausgestanden waren; einige der Männer blickten uns auch so sehnsüchtig an, wie wir da so leicht und rasch vorbeiritten, schauten dann ungeduldig auf ihr schweres Gefährt und den schwerziehenden Ochsen.
Andere wollten nicht weiter, ehe nicht der Trupp, der zurückgeblieben war, zu ihnen aufgeschlossen war.
Viele murrten über ihren Anführer und erklärten, sie würden ihn absetzen. Diese Unzufriedenheit wurde von einigen Ehrgeizlingen genährt, die sich eine Chance ausrechneten, an seine Stelle treten zu können.
Die Frauen waren teils voller Klagen über ihr aufgegebenes Heim, teils voller Ängste über die Wüste und die Wilden, die ihren Weg bedrohten.
Wir ließen den Zug bald weit hinter uns und hofften, ihm nicht wieder zu begegnen.
Doch der Wagen unseres Kameraden blieb zu lange in einem tiefen schlammigen Graben stecken, und ehe er wieder freikam, tauchte die Emigrantenkarawane wieder auf. Wagen nach Wagen glitt in den Schlamm. Da es fast Mittag war und der Platz Wasser und Schatten versprach, sahen wir, wie sie sich anschickten zu kampieren. Bald bildeten die Wagen einen Kreis, die Rinder grasten, und die Männer mit den mürrischen Gesichtern sahen sich nach Holz und Wasser um. Nicht alle schienen dabei erfolgreich. Als wir das Gelände verließen, sah ich einen großen Burschen, der in einen Zinnbecher starrte, den er mit Wasser gefüllt hatte.
»Sehen Sie mal«, sagte er mit dem nasalen Akzent derer aus dem Osten, »es ist voller Tiere!«
Der Becher, den er uns hinhielt, wimmelte in der Tat nur so von Tieren und Pflanzen.
Als wir den kleinen Hügel hinaufritten und auf die Weide zurückschauten, konnten wir leicht erkennen, dass es im Lager der Auswanderer immer noch Ärger gab. Die Männer drängten sich zusammen, und eine heftige Aussprache war im Gange. R. fehlte an seinem angestammten Platz in der Kolonne, und der Captain erzählte uns, dass er zurückgeblieben sei, um sein Pferd von einem Schmied beschlagen zu lassen, der sich mit im Zug befand. Etwas flüsterte uns ins Ohr, dass sich Unheil zusammenbraute. Wir ritten weiter und erreichten bald einen kleinen Bach mit einigermaßen sauberem Wasser. Da hielten wir an und aßen. Immer noch hing der eine Mann zurück. Schließlich tauchten er und sein Pferd in einer Entfernung von einer Meile auf der Spitze eines Hügels auf, und dicht dahinter zeigte sich langsam ein großer weißer Gegenstand.
»Wen bringt der Bursche denn da mit?«
Einen Augenblick später löste sich das Geheimnis. Langsam und feierlich, einer hinter dem anderen, rollten vier Wagen, von Ochsengespannen gezogen, über die Kuppe des Hügels und rumpelten langsam bergab.
Es schien, dass es während des Beschlagens des Pferdes unter den Auswanderern offen zum Bruch gekommen war. Einige bestanden darauf weiterzuziehen oder verlangten, man solle bleiben. Wieder andere forderten sogar dazu auf umzukehren. Kearsley, ihr Kapitän, rief voller Abscheu:
»Und nun, Jungen, wenn jemand weiter will, so komme er mit mir.«
Vier Wagen mit zehn Männern, einer Frau und einem kleinen Kind schlossen sich zu einer Gruppe zusammen, die weiter wollten, und R., wie gewöhnlich zu Schabernack aufgelegt, lud sie ein, sich uns anzuschließen. Die Furcht vor den Indianern – denn ein anderes Motiv sehe ich nicht – muss ihn veranlasst haben, diese beschwerliche Allianz einzugehen. Die Männer, die sich uns anschlossen, waren etwas ungehobelt in ihren Sitten, aber offen, tapfer und vernünftig. Ihnen zu sagen, wir wollten nicht mit ihnen reisen, wäre nicht in Frage gekommen. Ich erinnerte Kearsley lediglich daran, dass, sofern seine Ochsen nicht mit unseren Maultieren Schritt hielten, wir nicht auf ihn warten würden. Wir waren nicht willens, uns bei unserer Reise noch weiter aufhalten zu lassen, aber er antwortete sofort, die Ochsen »werden mitkommen, und wenn nicht, so würde er Anweisung geben, sie anzutreiben.«
Am nächsten Tag geschah es, dass unsere englischen Kameraden einen Unfall hatten. Die Deichsel ihres Wagens brach, und das Gefährt landete in einem Bachbett. Wir hatten einen Tag Arbeit damit. Unterdessen waren die Auswanderer weitergezogen, und so eifrig strebten sie mit ihren kraftvollen Ochsen voran, dass es wegen der gebrochenen Deichsel und anderem Unglück eine volle Woche dauerte, bis wir sie wieder überholten. Als wir sie endlich eines Nachmittags wiederentdeckten, krochen sie ruhig am sandigen Ufer des Platte-Rivers dahin. Aber unterdessen erlebten wir noch so allerlei. Es war auf dieser Etappe der Reise mit Überfällen der Pawnee zu rechnen. Wir gingen deshalb abwechselnd auf Wache. Die Nacht wurde in drei Wachgänge aufgeteilt, jeweils zwei Mann blieben munter. Deslauriers und ich hielten Wache zusammen. Wir marschierten nicht mit militärischer Präzision vor unseren Zelten auf und ab. Unsere Disziplin war keineswegs so strikt. Wir hüllten uns in unsere Decken und setzten uns ans Feuer. Und Deslauriers verband seine Aufgaben als Koch mit seinen Pflichten als Wachtposten und kochte dabei den Kopf einer Antilope fürs Frühstück. Verglichen mit einigen anderen unserer Gesellschaft waren wir immer noch Muster von Wachposten, denn gewöhnlich legte der Wachende sein Gewehr auf den Erdboden, steckte die Nase in die Decke und dachte an seine Geliebte oder an sonst irgend etwas, woran er gern dachte. Dies mag ja noch angehen bei Indianern, die gewöhnlich nichts weiter unternehmen, als den Reisenden ihre Pferde oder Maultiere zu stehlen, obgleich man den Pawnee am besten alles Schlimme zutraut, aber in gewissen Gebieten weiter im Westen muss der Wachende unbedingt darauf achten, dass ihn nicht die Flammen des Feuers beleuchten, weil er sonst einem scharfäugigen Schützen für seine Kugel oder seinen Pfeil ein sicheres Ziel bietet.
Unter den verschiedenen Geschichten, die an unserem Lagerfeuer erzählt wurden, ist eine, die Boisverd zum besten gab und die hierher gehört. Er war als Trapper mit mehreren Gefährten am Rand des Blackfoot-Lands unterwegs geesen. Der Wachhabende wusste, dass er sehr vorsichtig sein, sich aus dem Lichtkreis des Feuers heraushalten und nach allen Seiten hin ständig Ausschau halten musste. Schließlich sah er eine dunkle kriechende Gestalt, die sich geräuschlos in den Lichtkreis zu stehlen versuchte. Hastig entsicherte er sein Gewehr, aber das Klicken des Schlosses drang an das Ohr des Indianers, dessen Sinne angespannt waren. Er hob seinen Bogen, auf dem schon ein Pfeil lag und schoss in Richtung des Geräuschs. So zielsicher war er, dass der Pfeil die unglückliche Wache durch den Hals traf. Dann stieß der Indianer einen wilden Kreisgsschrei aus und rannte davon.
Als ich mir meinen Gefährten ansah, der blasend und wedelnd über sein Feuer gebeugt saß, kam es mir in den Sinn, dass ich bei einem Angriff in ihm keinen sehr wirksamen Helfer haben würde.
»Deslauriers«, sagte ich, »würdest du fortlaufen, wenn die Pawnee auf uns schießen sollten?«
»Ah! oui, oui, Monsieur!« erwiderte er sehr entschieden. In diesem Augenblick drang ein Gemisch vieler gedämpfter Laute, Bellen, Geheul, Jaulen und Wimmern an unser Ohr. Es klang von der Prärie her, als ob dort eine Versammlung von Wölfen jeden Alters oder Geschlechts stattfinde. Deslauriers schaute mit einem Lachen von seiner Arbeit auf und begann die Laute mit täuschender Genauigkeit nachzuahmen. Darauf kam das Geräusch mit verdoppelter Kraft, so als sei der Musikant wütend über die erfolgreichen Anstrengungen seines Rivalen. Es war ein kleiner Wolf, nicht größer als ein Spaniel, der ganz allein in einiger Entfernung saß: ein Präriewolf, ein harmloser kleiner Kerl mit einem grimmigen Gesicht, von dem höchstens zu befürchten ist, dass er zwischen den Pferden herumschleicht und die Lederseile durchnagt, mit denen sie festgebunden sind. Es gibt auf der Prärie Tiere, die bei weitem nicht so harmlos sind. Zum Beispiel die weißen und grauen Wölfe, deren tiefes Heulen wir in Abständen von fern und nah hörten.
Zum Schluss verfiel ich in ein Dösen, und als ich daraus erwachte, fand ich Deslauriers fest schlafend. Wütend über eine solche Disziplinlosigkeit, wollte ich gerade seine Wachsamkeit dadurch anstacheln, dass ich ihm mit dem Lauf meines Gewehrs in die Rippen stupste. Aber dann, als meine erste Wut verraucht war, beschloss ich, ihn noch eine Weile schlafen zu lassen und ihm erst später vorzuhalten, wohin eine solche Pflichtvergessenheit führen könne.
Ich ging unter den Pferden umher, um nachzuschauen, ob dort alles in Ordnung sei. Die Nacht war feucht, kalt und stockdunkel. Das Gras bog sich unter eisigen Tautropfen. War man ein, zwei Ruten weit gegangen, konnte man die Zelte nicht mehr sehen, man sah überhaupt nichts mehr außer den undeutlichen Umrissen der Pferde, die tief atmeten oder sich auch noch im Schlaf bewegten.
Weit fort, jenseits der schwarzen Linie der Prärie, gab es eine erste Spur von Licht, die allmählich zunahm wie das Glühen einer Feuersbrunst, bis endlich die breite Scheibe des Mondes, blutrot und riesig vergrößert durch den Dunst, sich langsam aus der Dunkelheit hob, gefleckt von ein oder zwei Wolken. Und als sich das Licht über die düstere Prärie ergoss, schien ein wildes und ernstes Heulen nahebei den unerwünschten Eindringling zu begrüßen. Es war etwas Eindrucksvolles und Unheimliches an diesem Ort und zu dieser Stunde, denn nur ich und die Tiere waren im Umkreis von ein paar Meilen wach und bei Bewusstsein.
Einige Tage verstrichen, und wir näherten uns dem Platte-River. Eines Morgens ritten zwei Männer auf uns zu, wir beobachteten sie mit jener Neugier, die in der Einsamkeit der Ebenen durch eine solche Begegnung hervorgerufen wird. Sie waren offensichtlich Weiße. Das erkannten wir an der Art, in der sie ritten, aber entgegen dem, was sonst in dieser Gegend Brauch ist, trug keiner von ihnen ein Gewehr bei sich.
»Narren!« bemerkte Henry Chatillon, »so durch die Prärie zu reiten. Wenn die Pawnee sie aufspüren, ist es um sie geschehen.«
Die Pawnee hatten sie schon aufgespürt, und sie waren eben dabei, über sie herzufallen. Tatsächlich wurden die beiden nur durch unser Auftauchen gerettet. Shaw und ich kannten einen von ihnen, einen Mann namens Turner, dem wir in Westport begegnet waren. Er und sein Gefährte gehörten zu einem Auswanderertreck, der ein paar Meilen weiter rastete. Sie waren umgekehrt, um nach einem Ochsen Ausschau zu halten, der abhanden gekommen war. Aus Unbedachtsamkeit hatten sie ihre Gewehre zurückgelassen. Das wäre ihnen beinahe teuer zu stehen gekommen.
Noch ehe wir heran waren, tauchte ein halbes Dutzend Indianer auf. Als sie sahen, dass die beiden Männer praktisch wehrlos waren, griffen sie Turners Pferd am Zaumzeug und hießen ihn absteigen. Turner war völlig unbewaffnet, aber der andere holte eine Pistole aus der Tasche, worauf die Pawnee zurückwichen. Gerade in diesem Augenblick erschienen einige von unseren Männern. Die Indianer hieben auf ihre kleinen struppigen Pferde ein und preschten davon. Aber sie waren keineswegs eingeschüchtert. Turner bestand närrischerweise darauf weiterzureiten.
Lange nachdem wir ihn verlassen hatten, spät am Nachmittag, mitten auf der unheimlichen und öden Prärie, stießen wir plötzlich auf eine breite Spur der Pawnee, die von ihren Dörfern am Platte-River zu ihren Kriegs- und Jagdgründen weiter südlich führte.
Hier finden jeden Sommer Wettkämpfe statt. Tausende von Wilden – Männer, Frauen und Kinder, Pferde und Maultiere, beladen mit ihren Waffen und Geräten, und eine Vielzahl ungehorsamer, wölfischer Hunde, die noch nicht so weit zu Haustieren geworden sind, dass sie bellen, sondern viel mehr nur jaulen wie ihre wilden Verwandten der Prärie, – kommen dort zusammen.
Die ständigen Winterdörfer der Pawnee stehen am unteren Platte-River, aber den Sommer über wandert der größere Teil der Einwohnerschaft über die Ebenen – gemeine, feige Banditen, die durch die Tausende von Raubüberfällen und Morden die Bestrafung durch die Regierung mehr als verdient haben. Letztes Jahr soll ein Dakota-Krieger in einem dieser Dörfer eine erstaunliche Tat vollbracht haben. Mitten in der Nacht schlich er sich ganz allein an. Er kletterte an den Zeltstangen eines der großen Zelte hinauf und schaute durch das Rauchloch von oben herab auf die schlafenden Bewohner. Dann ließ er sich herab, schürte mit seinem Messer das Feuer etwas, damit er besser sehen konnte, und wählte kaltblütig seine Opfer. Einen nach dem anderen erstach er dann und skalpierte sie. Plötzlich erwachte ein Kind und schrie. Er sprang aus dem Zelt, stieß den Kriegsruf der Sioux aus, rief seinen Namen triumphierend und schoss dann auf die dunkle Prärie hinaus. Hinter ihm geriet das Dorf in Aufruhr. Die Hunde jaulten. Die Frauen kreischten. Aufgebrachte Krieger stießen wilde Schreie aus.
Unser Freund Kearsley, so stellten wir fest, als wir ihn wieder eingeholt hatten, war ein erfahrener Waldläufer, geübt im Umgang mit der Waffe, aber hier auf der Prärie befand er sich so ganz und gar nicht in seinem Element. Weder er noch einer seiner Männer hatte bisher einen Büffel zu Gesicht bekommen, und sie hatten auch nur sehr vage Vorstellungen von der Art und dem Aussehen dieses Tieres.
An dem Tag, nachdem wir den Platte-River erreicht hatten, sahen wir eine Vielzahl kleiner schwarzer Flecken in der Ferne, die sich bewegten.
»Nehmt eure Gewehre, Männer«, sagte Kearsley, »wir wollen uns frisches Fleisch zum Abendessen holen.«
Diese Aufforderung war völlig hinreichend. Die zehn Männer verließen ihre Wagen und machten sich in wilder Eile, die einen zu Pferde, andere zu Fuß, an die Verfolgung der Büffel.
Unterdessen verstellte eine hohe, grasbewachsene Kette den Blick auf das Wild. Aber als sie nach einer halben Stunde Rennens oder Reitens auf der Höhe ankamen, sahen sie sich plötzlich dort ungefähr dreißig Pawnee zu Pferde gegenüber. Das Erstaunen war gegenseitig. Da sie nichts außer Pfeil und Bogen bei sich hatten, meinten die Indianer, ihr letztes Stündlein habe geschlagen und das Schicksal, von dem sie wussten, dass sie es mehr als reichlich verdient hatten, habe sie ereilt. Also begannen sie plötzlich, die herzlichsten Begrüßungen zu brüllen, und rannten mit übertriebener Freundlichkeit auf die Männer vom Missouri zu, um ihnen die Hände zu schütteln. Diese aber waren ihrerseits recht froh, dass es zu keiner kriegerischen Auseinandersetzung kam.
Eine niedrige, gewellte Kette sandiger Hügel begrenzte vor uns den Horizont. An diesem Tag ritten wir zehn Stunden, und es wurde schon dunkel, als wir die Senken und Schluchten zwischen den unheimlichen kleinen Hügeln erreichten. Endlich kamen wir auf die Höhe, und das langerwartete Tal des Platte-River lag vor uns. Wir hielten an und genossen freudig diese Aussicht.
Meile um Meile dehnte sich vor uns eine Ebene so flach wie ein See aus, und durch sie zog sich der Platte-River mit einem Dutzend von Armen. Manchmal erhob sich auf einer schattigen Insel eine Baumgruppe, aber das war auch die einzige Abwechslung, die sich dem Auge bot. Kein Lebewesen schien sich in der endlosen Landschaft zu rühren, außer den Eidechsen, die über den Sand und durch das Gras und das Holzbirnendickicht zu unseren Füßen huschten.
Jetzt begann die unangenehmste Strecke auf unserer Reise. Noch lagen vierhundert Meilen zwischen uns und Fort Laramie. Um diesen Punkt zu erreichen, würden wir wahrscheinlich mehr als drei Wochen brauchen.
Während der ganzen Zeit befanden wir uns in der Mitte eines langen, sandigen Streifens, der wie ein ausgerollter Gürtel fast bis zu den Rocky Mountains reicht. Zwei Ketten von Sandhügeln, modelliert in den wildesten und phantastischsten Formen, flankierten das Tal in einer Entfernung von ein oder zwei Meilen zur Rechten und Linken, jenseits davon lag nackte, weglose Wildnis, die sich über Hunderte von Meilen auf der einen Seite bis zum Arkansas, auf der anderen Seite bis zum Missouri ausdehnte. Vor und hinter uns war die ebene Monotonie durch nichts unterbrochen, soweit das Auge reichte. Manchmal glühte es unter der Sonne auf. Ein unbewachsener Strich heißen Sandes. An anderen Stellen wuchs langes grobes Gras. Schädel und ausgebleichte Knochen von Büffeln lagen überall verstreut. Tausende von Spuren der Tiere fanden wir im Sand, und von Zeit zu Zeit stießen wir auf diese kreisförmigen Dellen, die davon herrühren, dass sich die Tiere im Sand wälzen. Aus jeder Schlucht, jedem Einschnitt zwischen den Hügeln führten tiefe, ausgetretene Pfade herab, auf denen die Tiere zweimal täglich zum Platte-River zogen, um aus dem Fluss zu trinken. Der Fluss selbst war ein dünnes Tuch raschfließenden, wirbelnden Wassers, eine halbe Meile breit und zwei Fuß tief. Seine niedrigen Ufer sind zumeist ohne Buschwerk und Bäume und bestehen aus jenem losen Sand, den das Wasser mitführt. Es ist damit so angereichert, dass es sich einem zwischen den Zähnen festsetzt, wenn man trinkt. Die nackte Landschaft ist ermüdend und monoton. Doch die wilden Tiere und Stämme, die sich im Tal des Platte-River aufhalten, sorgen dafür, dass es dem Reisenden nicht langweilig wird.
Von denen, die dort durchgekommen sind, gibt es wohl keinen, der nicht irgendwann einmal voller Dankbarkeit sich an sein Pferd und an sein Gewehr erinnerte, ohne die er verloren gewesen wäre.
Zeitig an jenem Morgen, nachdem wir den Platte-River erreicht hatten, näherte sich ein langer Zug schmutziger Wilder unserem Lager. Alle waren zu Fuß. Ihre Pferde führten sie an einer Leine aus Büffelleder hinter sich her. Ihre ganze Kleidung bestand aus einem Gürtel und aus einer alten Büffelhaut, schon ziemlich abgetragen, die sie über die Schulter hängen hatten. Der Kopf war kurz geschoren bis auf ein Haarbüschel, das vom Scheitel bis zur Stirn reichte und sehr an die langen Borsten auf dem Rücken einer Hyäne erinnerte. Sie trugen Pfeil und Bogen in der Hand, und die mageren kleinen Pferde waren beladen mit getrocknetem Büffelfleisch. So sahen die ersten Indianer aus, die wir aus der Nähe sahen. Und sehr gleichgültig wirkten sie – diese echten Wilden der Prärie. Es waren jene Pawnee, die Kearsley am Tag zuvor getroffen hatte, und sie gehörten zu einer großen Jagdgesellschaft, die die Prärie in der Umgebung durchstreifte. Sie ritten rasch vorbei, einen Steinwurf weit von unseren Zelten entfernt, wie es Art der Indianer ist, wenn sie etwas im Schilde führen oder ein schlechtes Gewissen haben.
Ich ging hinaus, um sie zu begrüßen, und hatte ein freundliches Gespräch mit dem Häuptling, dem ich ein halbes Pfund Tabak schenkte. Offenbar war er über diese unverhoffte Beute sehr erfreut.
Diese Burschen oder einige ihrer Kameraden hatten einen Überfall auf einen Auswanderertreck, der sich vor uns befand, ausgeführt.
Zwei Männer waren von ihnen abgefangen worden. Aber sie hatten ihre Pferde angetrieben und versucht zu entkommen. Die Pawnee stießen darauf ein furchterregendes Geheul aus und schossen. Einer der Männer wurde von mehreren Pfeilen, die ihn in den Rücken trafen, getötet. Der andere entkam, und es gelang ihm, die Reisegesellschaft zu warnen. Die verängstigten Auswanderer wagten daraufhin mehrere Tage nicht mehr weiterzuziehen noch getrauten sie sich, auch nur die Leiche zu bergen.
Unser Klima in New England ist mild und angenehm, verglichen mit dem am Platte-River. An eben diesem Morgen zum Beispiel war es stickig, und die Sonne ging auf mit betäubender, drückender Hitze. Plötzlich sammelte sich im Westen dunkles Gewölk, und im nächsten Augenblick warf es uns eiskalten Hagel ins Gesicht. Seltsam benahmen sich dabei auch die Pferde, sie zeigten äußerstes Unbehagen, hielten ihre Schweife wie geprügelte Hunde, zitterten und stießen Laute aus, die uns an das Geheul der Wölfe erinnerten. Wrights langer Maultierzug machte kehrt vor dem Sturm wie eine Schar Schneevögel, die ein Wintergewitter vertreibt. Wir hielten für ein paar Minuten an und duckten uns hinter die Hälse unserer Pferde. Wir mochten nichts sagen, obwohl uns der Captain aus dem hochgestellten Mantelkragen hervor ansah, das Gesicht blutrot, die Muskeln um den Mund von der Kälte zusammengezogen zu einem unheimlichen an Agonie erinnernden Grinsen. Er murmelte etwas, das wie ein Fluch klang, der wohl die Unglücksstunde betraf, an der er von daheim aufgebrochen war. Aber der Sturm dauerte nicht lange. Als die Wucht des Windes nachließ, schlugen wir unsere Zelte auf und lagerten für den Rest des unheimlichen und niederdrückenden Tages. Die Auswanderer kampierten auch in der Nähe. Da wir die ersten waren, hatten wir uns alles Holz, das vorhanden war, gesichert, und unser Feuer flackerte lustig. Um das Feuer versammelte sich bald eine ganze Gruppe von wilden Gesellen, die nass geworden waren und nun froren. Am gefährlichsten von allen kamen mir zwei oder drei halbwilde Männer vor, die das verwegene Leben eines Trappers in den Rocky Mountains geführt oder für die Fell-Gesellschaften in den Indianerdörfern Handel getrieben hatten. Sie stammten alle aus Kanada. Ihre harten, vom Wetter gezeichneten Gesichter und buschigen Schnurrbärte schauten unter den Kapuzen weißer Umhänge hervor mit einem bösen, brutalen Ausdruck, als müsse man diesen Burschen jede Schufterei Zutrauen. Und tatsächlich trifft dies für viele von ihnen auch zu.
Am folgenden Tag überholten wir Kearsleys Wagen und von nun an waren wir für eine Woche oder zwei Weggefährten. Einen Vorteil hatte diese Allianz jedenfalls. Da wir nun mehr Männer waren, wurden die mühseligen und anstrengenden Nachtwachen für den einzelnen kürzer.
Der Büffel
Vier Tage am Platte-River und immer noch keinen Büffel! Die aus dem letzten Jahr herrührenden Spuren waren zahlreich und da das Holz äußerst rar war, fanden wir in dem getrockneten Büffeldung, der wie Torf brennt, einen erwünschten Ersatz. Eines Morgens hatten die Wagen das Lager gerade verlassen. Shaw und ich saßen schon im Sattel, nur Henry Chatillon hockte noch mit untergeschlagenen Beinen vor der zusammengesunkenen Glut des Feuers und spielte nachdenklich mit dem Schloss seines Gewehrs, während sein gedrungenes Wyandot-Pony ruhig hinter ihm stand und ihm über die Schulter sah. Schließlich stand er auf, tätschelte den Hals des Tieres, das er in übertriebener Lobpreisung seiner Eigenschaften »Fünfhundert Dollar« getauft hatte, und stieg in melancholischer Stimmung auf.
»Was ist denn, Henry?«
»Ach, ich fühle mich einsam, ich bin nie zuvor hier gewesen, aber ich sehe drüben hinter den Hügeln, dass alles schwarz ist, ... schwarz von Büffeln.«
Am Nachmittag verließ ich die Reisegesellschaft, um eine Antilope aufzuspüren. In einer Entfernung von einer oder zwei Meilen zur Rechten sah ich die großen weißen Wagen und die schwarzen Punkte der Reiter. So langsam bewegten sie sich, dass sie stillzustehen schienen. Und weit auf der Linken erhob sich die zerklüftete Kette einsamer Sandhügel. Die riesige Ebene wogte vor hohem Gras, das die Bäuche unserer Pferde berührte. Näher und ferner bewegten sich Antilopen und Wölfe, die haarigen Rücken der letzteren tauchten immer wieder mal auf und verschwanden wieder, während sie sich scheu herumtrieben. Die Antilopen, mit der ihnen eigenen Neugier, kamen nahe heran, so dass ihre kleinen Hörner und weißen Hälse über den Grasspitzen zu sehen waren, während sie uns mit ihren runden, schwarzen Augen anstarrten.
Ich stieg ab und feuerte spaßeshalber auf die Wölfe. Henry schaute sich aufmerksam in der Landschaft um, schließlich stieß er einen Ruf aus, hieß mich wieder aufsteigen und deutete in die Richtung der Sandhügel. Eine Meile von uns wanderten zwei schwarze Punkte über den unbewachsenen, flimmernden Abhang eines dieser Hügel und verschwanden dann hinter dem Gipfel.
»Los!« rief Henry und bearbeitete die Flanken von »Fünfhundert Dollar«. Ich folgte, und wir ritten rasch durch das Gras bis zum Fuße des Hügels.
Von einer der Öffnungen her verlief eine tiefe Rinne, die sich zur Prärie hin erweiterte. Wir ritten dort hinein und waren im Augenblick von düsteren Sandhügeln umgeben. Die Hälfte ihrer steilen Abhänge war nackt, der Rest mit Grasbüscheln und verschiedenen Unkräutern bewachsen, unter ihnen auch der reptillienhaften Prickly Pear. Der Himmel verdunkelte sich plötzlich, und ein kalter böiger Wind kam auf. Die seltsamen Sträucher und die traurigen Hügel sahen wild und verlassen aus. Aber Henrys Gesicht war ganz angespannt. Er riss etwas Haar von der Büffelhaut unter seinem Sattel ab und warf es hoch, um so die Windrichtung auszumachen. Wir ritten ziemlich genau in Windrichtung und mussten deshalb alles daransetzen, einen großen Bogen um die Tiere zu schlagen.
Wir mühten uns, aus der Rinne über einen Sattel hinunter in eine andere zu gelangen, die sich wie eine Schlange um die Hügelkuppen wand und so tief war, dass sie uns völlig verbarg. Wir ritten auf dem Boden dahin, schauten durch die Büsche, und plötzlich zügelte Henry sein Pferd und glitt aus dem Sattel. Eine Viertelmeile entfernt, auf dem Kamm eines Hügels, bewegte sich eine lange Prozession von Büffeln, einer hinter dem anderen. Sie schienen uns sehr würdig und völlig ungezwungen. Dann kamen noch mehr aus einer Senke herauf. Einer nach dem anderen erklomm den grasbedeckten Abhang des anderen Hügels, dann tauchten ein zottiger Schädel und ein Paar kurze Hörner aus einer Rinne in der Nähe auf, und mit ruhigen, gemessenen Schritt kam einer nach dem anderen von den riesigen Tieren in Sicht. Sie zogen quer durch das Tal, ohne etwas von einem Feind zu ahnen. Im Augenblick lag Henry flach auf dem Bauch und bewegte sich durch das Gras auf diese ahnungslosen Opfer zu. Er hatte sein Gewehr wie auch meines bei sich. Bald sah ich ihn nicht mehr, während die Büffel immer noch in das Tal drängten. Für längere Zeit war es still. Ich saß da, hielt sein Pferd, als plötzlich in rascher Folge zwei Schüsse fielen. Die ganze Kette der Büffel verfiel sofort in einen unbeholfenen Trott und war bald darauf hinter der Kante des Hügels verschwunden. Henry stand auf und sah ihnen nach.
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