Kitabı oku: «Der Weltenschreiber», sayfa 3
Kapitel 4
Der Geruch von Essen, frischem Kaffee und Tabak hing träge in der milden Nachtluft und erfüllte die kleinen Gassen entlang des Flussufers. Dank des ungewöhnlich warmen Frühsommertages saßen die Menschen auch weit nach Mitternacht noch auf den Terrassen der Cafés oder flanierten unter den Bäumen im Schein der Straßenlaternen am Wasser entlang. Paris zeigte sich in diesen Juninächten als verträumte Stadt jenseits aller Zeit und Hektik.
Matthew saß am Ufer der Seine unter einer Kastanie und stellte fest, dass er wieder nüchtern war. Er hatte sich den Platz auf der Bank am frühen Abend gesichert, ausgestattet mit einer Flasche Rotwein, einer Schachtel Zigaretten und dem festen Vorsatz, ihn nicht vor dem nächsten Morgen zu räumen. Tatsächlich hatte er sein Vorhaben nur zweimal kurz unterbrochen. Nach einer knappen Stunde – das leere Starren auf das Wasser hatte sich doch als noch eintöniger erwiesen, als er angenommen hatte – war er in den Kiosk gegenüber gegangen, um sich ein Exemplar des Le Mercure zu kaufen. Gegen elf Uhr hatte er sich schließlich zwei Becher Kaffee organisiert, die ihm beim Ausnüchtern helfen sollten.
Wenn seine Freunde zu Hause in England ihn fragten, warum um Himmels Willen er nach fünf Jahren seine Tage immer noch in Paris verbrachte, pflegte Matthew mit einem etwas schiefen Grinsen zu antworten »Ich kam wegen des Jobs, aber ich bleibe wegen des guten Essens.« Die Wahrheit sah etwas anders aus. Mary war der einzige Grund gewesen, warum er sich immer noch auf der falschen Seite des Kanals aufhielt. Und jetzt, da sie ging, waren ihm Job und Essen ziemlich egal. Normalerweise würde er sich unter der Woche auch nicht betrinken, anstatt pflichtbewusst überflüssige Präsentationen für seinen Vorgesetzten vorzubereiten.
Matthew blickte auf die Uhr. Halb zwei Uhr morgens. Sie war wahrscheinlich schon vor vier Stunden damit fertig gewesen, ihre Sachen aus der Wohnung zu holen, aber er wollte noch nicht dorthin zurück. Die Bank würde es noch etwas länger mit ihm aushalten müssen.
Der Wind frischte auf und trieb einige Blätter an der Bank vorbei. Eine vergessene Plastiktüte schwebte träge hinterher. Matthew betrachtete den nächtlichen Himmel. Die Lichter der Stadt wischten alle Sterne hinweg und ließen nur eine glühende Dunkelheit zurück. Noch war nichts von den Wolken zu sehen, die der Westwind von der Kanalküste heranbrachte, aber der Wetterbericht hatte für den Morgen kräftige Regenschauer angekündigt. Es hatte etwas Tröstliches, dass diese Wolken aus Richtung Großbritannien kamen. Wenigstens würde sich das Wetter Matthews Stimmung angleichen und er müsste auf dem Weg ins Büro keine händchenhaltenden Paare im Sonnenschein sehen.
Viertel vor zwei. Er konnte jetzt wahrscheinlich gefahrlos in seine Wohnung zurückgehen, seine halbleere Wohnung, in der nun ein halbleeres Bett stand. Matthew stand auf, stellte ungehalten fest, dass seine Beine vom stundenlangen Sitzen eingeschlafen waren und wartete leicht schwankend ab, bis dieses furchtbare Kribbeln einsetzte. In seiner Erinnerung waren Parkbänke wesentlich bequemer gewesen, aber mit fortgeschrittenem Alter (Fortgeschrittenes Alter? Reiß dich zusammen, Mann, du bist erst einunddreißig!) musste man sich wohl schon andere Orte suchen, um Trennung und Selbstmitleid im Wein zu ertränken.
Das vorsichtige Belasten des rechten Fußes signalisierte so etwas wie Gangbereitschaft. Matthew hängte sich seine braune Ledertasche über die Schulter, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und wandte sich zum Gehen. Seine Wohnung lag westlich von hier, er würde also den Wolken entgegen gehen. Trotz der letzten Stunden und der quälenden Müdigkeit verspürte er plötzlich den Wunsch, viel weiter zu gehen. Aus der Stadt, die nun keine Bedeutung mehr für ihn hatte, hinaus. Vielleicht bis zur Küste oder gleich über das Meer.
»Vielleicht bis zum Rand der Nacht«, murmelte er und zündete sich eine Zigarette an. Leise kicherte er ob des pathetischen Satzes.
»Wohl eher nur bis zum Rand der Seite«, fügte unerwarteterweise eine kratzige Stimme hinter ihm hinzu. Matthew wirbelte auf dem Absatz herum und stolperte über seine eigenen Füße. Er konnte sich noch fangen, bevor er stürzte, aber zumindest seine Zigarette schickte er ungewollt auf einen langen Parabelflug in Richtung Fluss.
Auf der Bank saß ein älterer Mann in einer abgewetzten braun-karierten Tweedhose und einem Hemd, das sicherlich einmal weiß gewesen war. Matthew konnte sein Alter nicht schätzen, aber an den Schläfen hatten sich bereits graue Strähnen in das braune Haar gemischt.
Er schaute sich um, aber der Fremde musste buchstäblich vom Himmel gefallen oder aus einem Kanalschacht geschlüpft sein. Jetzt blickte er Matthew über die Ränder seiner Brille hinweg an. Als er sprach, klang die Stimme des Mannes nicht mehr nur kratzig. Eher schien es, als lagerten Generationen an Staub auf seinen Stimmbändern, so heiser war das Flüstern jetzt.
»Bitte, junger Mann – hätten Sie ein Glas Wasser?«
Kapitel 5
Schon als Kind lernt man einige elementare Regeln für das tägliche Überleben. Schau nach beiden Seiten, bevor du über die Straße gehst. Leg dich in der Schule nicht mit den Größeren an. Finger weg von Drogen. Und lass niemals, niemals einen Fremden in deine Wohnung.
Vielleicht war es weingetränkter Fatalismus, der Matthew dazu brachte, letztere Regel zu ignorieren. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er die letzten vier Monate sowieso mit einer scheinbar völlig Fremden zusammengelebt hatte.
Matthew hatte nicht lange nachgedacht, bevor er ihn hierher gebracht hatte. Er hätte den Mann natürlich in ein Krankenhaus bringen können, aber es schien ihm weiter nichts zu fehlen. Die Polizei wollte er ebenso wenig rufen. Der Fremde wirkte leicht desorientiert, aber nicht auf eine bedenkliche Art – er konnte geradeaus laufen, deutlich sprechen und wusste zumindest, dass er in Paris war. Wie alt mochte er sein? Vielleicht fünfzig? Egal, auf alle Fälle wirkte er altmodisch. Er erinnerte Matthew an die Leute aus den verstaubten Politik-Gesprächsrunden im Fernsehen der Siebziger, die beige gemusterte Anzüge trugen, dazu überdimensionierte Brillen mit ständig kränklich wirkenden gelbgetönten Gläsern, und bei denen die bemitleidenswerten Kameraleute sich stets heroisch bemühten, die dicken Nebelbänke aus Zigarettenrauch im Studio überhaupt zu durchdringen.
Entscheidend war, dass der Mann sich viel zu schnell für irgendein Alter bewegt hatte. Nur Sekunden, bevor Matthew aufstand, war er nirgendwo in der Nähe der Bank zu sehen gewesen. Er war förmlich aus der Sitzfläche gewachsen. Das allein genügte, um Matthews Interesse zu wecken. Sein Job war ihm unwichtiger als jemals zuvor – hier gab es ein Rätsel zu lösen. Er konnte wahrlich etwas Abwechslung gebrauchen.
Matthews Wohnung lag in Petit-Montrouge, gerade fünfzehn Minuten Fußweg von der Bank entfernt. Es war eine Altbauwohnung im dritten Stock eines ruhigen Hinterhauses. Der Weg führte durch einen Innenhof, in dem sich Unkraut einen unablässigen Kampf mit den steinernen Bodenplatten lieferte und zwei längst reifenlose Fahrräder selig vor sich hin rosteten, während sie von besseren Zeiten träumten. Hinter der schweren Eingangstür führte eine enge Treppe nach oben. Essensgeruch hing in dem dunklen Flur.
Eigentlich konnte Matthew Altbauwohnungen nicht ausstehen. Selbst bei voll aufgedrehter Heizung schienen sie im Winter niemals richtig warm zu werden und die hohen Decken ließen jeden Raum wesentlich schmaler und enger erscheinen, was bei ihm regelmäßig ein beklemmendes Gefühl hervorrief. Irgendjemand auf Matthews Abschiedsfeier in London hatte behauptet, solche Wohnungen wären très chic und würden den Bewohner als dynamisch und geschmackvoll auszeichnen. Der selbe Jemand hatte auch behauptet, Prag sei die Hauptstadt Bulgariens. Nach allem, was Matthew wusste, war dieser Jemand ein Vollidiot.
Als er die Tür öffnete und nach ein paar Schritten das halbleere Wohnzimmer betrat, kroch Ernüchterung in sein Bewusstsein. Mary hatte ihren Auszug schnell und gründlich abgewickelt. Einer der beiden grauen Sessel war ebenso verschwunden wie die zwei Stehlampen und die Vorhänge. Statt des Regals, in dem sie ihre wenigen Bücher und CDs aufbewahrt hatte, stand nur ein schiefer Stapel alter Zeitschriften neben dem Sofa. Und ohne nachzusehen hatte er die Gewissheit, dass sie die exakte Zahl an Getränkegläsern mitgenommen hatte, die beim Einzug in ihren Kartons gewesen waren.
Matthew bat den Fremden, auf dem Sofa Platz zu nehmen und ging in die Küche. Er zog eine Flasche Wasser aus dem Korb neben dem Kühlschrank und holte ein Glas aus dem Schrank. Fast wieder im Flur, drehte er sich noch einmal um, streckte seinen Arm zum obersten Fach des Hängeregals und tastete das Brett ab. In der hintersten Ecke fand er tatsächlich noch eine Packung Kekse, bekam sie mit zwei Fingern zu greifen und balancierte sie langsam über den Handrücken auf sichere Höhe. Er war überzeugt, dass er einen bescheuerten Anblick lieferte, aber gemessen an der Menge des konsumierten Weins kam er sich doch recht geschickt vor.
Im Wohnzimmer saß der Fremde auf dem Sofa und blickte das gegenüberliegende Regal mit den verbliebenen Büchern an. Matthew stellte alles auf dem Tisch ab und goss seinem Gast ein Glas Wasser ein. Der Mann dankte ihm, hob das Glas an den Mund und nahm einen Schluck. Er verharrte einen Augenblick, stürzte das restliche Wasser dann aber gierig in einem Zug hinunter und stellte das Glas auf die Tischplatte.
»Das ist ganz sicher das Beste, was ich seit langer Zeit getrunken habe«, sagte der Mann lächelnd. Er schenkte sich selbst ein weiteres Glas ein, ließ es aber noch auf dem Tisch stehen.
»Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft, Monsieur. Ich hätte wirklich nicht gewusst, wo ich hin sollte.«
»Gern geschehen«, antwortete Matthew und ließ sich in dem verbliebenen Sessel nieder. Nachdem er sich selbst etwas Wasser eingeschenkt hatte, beugte er sich vor, zog den Aschenbecher vom anderen Ende des Tisches zu sich heran und begann, in seiner Tasche nach den Zigaretten zu wühlen. »Übrigens, ich heiße Matthew Harlington.«
»Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.« Der Mann lachte. »Da lassen Sie mich in Ihre Wohnung und kennen nicht einmal meinen Namen. Ich bin Henri Dupoit.«
Matthew fand die Zigaretten, zog eine aus der etwas zerknüllten Packung und zündete sie sich an. Er lehnte sich zurück. »Stammen Sie aus Paris?«
»Ja. Ich wohne nicht weit von hier, auf der anderen Seite der Seine.« Seine Stirn legte sich in Falten, als ob ihm gerade ein rätselhafter Gedanke in den Sinn kam. »Genaugenommen wohnte ich da«, fuhr er fort. »Entschuldigen Sie, aber welches Jahr haben wir?«
Matthew verschluckte sich an dem Wasser, das er gerade trinken wollte. Der folgende Hustenanfall bewahrte ihn zumindest davor, sofort antworten zu müssen. War der Mann vielleicht doch nicht mehr ganz richtig im Kopf? Oder hatte sich das Leben gerade in einen Science-Fiction-Film verwandelt? Matthew erwartete fast, dass Dupoit ihn als nächstes nach Sarah Connor fragen würde.
»Ist das Ihr Ernst?«, entfuhr es ihm, und noch im selben Augenblick biss er sich auf die Lippe und bereute die Frage. »Ich meine: Wissen Sie das nicht? Können Sie sich nicht erinnern?«
»Nein, leider nicht.« Dupoit wirkte keinesfalls gekränkt. Wahrscheinlich hatte er solch eine Reaktion erwartet. Das sprach zumindest dafür, dass er nicht völlig verrückt sein konnte.
»Es ist 2012.« Matthew warf einen Blick auf die Datumsanzeige seiner Uhr. »Mittwoch, der 6. Juni, um genau zu sein«, fügte er hinzu.
Der nachdenkliche Ausdruck in Dupoits Augen wich nun blankem Entsetzen. »Mein Gott«, flüsterte er und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. »Dreißig Jahre schon.«
Nun beugte Matthew sich vor. »Was meinen Sie?«, fragte er.
Der Mann blickte auf. Er war merklich bleich im Gesicht und konnte kaum verbergen, dass ihm Tränen in den Augen standen. Als er sprach, klang seine Stimme plötzlich sehr brüchig.
»Ich kann Ihnen das nicht erzählen. Sie werden es mir sowieso nicht glauben.« Seine Lippen zitterten leicht. »Ich kann es ja selbst kaum glauben.«
Jetzt wollte Matthew die Geschichte natürlich unbedingt hören. »Nun, nach dem, was ich die letzten Tage durchgemacht habe«, sagte er, »bin ich mir sicher, dass mich nichts mehr wirklich schockieren wird.« Er musste unwillkürlich lächeln. Erinnerungen blitzten auf, wie seine Mutter ihm Lewis Carroll vorgelesen hatte, als er noch klein war. »Und sollte man nicht noch vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge glauben?«
Matthew meinte, ein leichtes Lächeln um Dupoits Mund spielen zu sehen. Zumindest wirkte er jetzt nicht mehr so, als ob er jeden Augenblick bewusstlos werden könnte.
»Nun, vielleicht schulde ich Ihnen tatsächlich eine Erklärung. Vor dem Morgen kann ich sowieso nichts unternehmen.« Er zögerte. »Aber sind Sie sich da ganz sicher? Es wird lange dauern.«
Matthew lehnte sich wieder zurück und lachte. »Wissen Sie, mein Leben hier hat sich sowieso schon in Nichts aufgelöst. Meine Freundin ist weg und mit ihr auch mein kleiner Freundeskreis hier, auf den wird sie nämlich genauso Anspruch erheben wie auf ihre scheußliche Bettwäsche. Morgen werde ich also meinen furchtbaren Job kündigen. Ich werde alles packen, meine Erinnerungen an diese Stadt so gut wie nur möglich begraben und den Umzug nach London vorbereiten.« Oh ja, in eine moderne Wohnung mit niedrigen Decken und einer echten Heizung.
Er schlug die Beine übereinander und zündete sich noch eine Zigarette an.
»Was mich angeht – ich habe die ganze Nacht Zeit.«
***
Über dem weiten Hügelland versinkt die Sonne allabendlich mit der Konsequenz eines wiederkehrenden Traumes. Die wenigen Wolken glimmen in zarten Rottönen vor einem Himmel, dessen klares Blau sich dunkelnd der Nacht entgegenschleicht. Die ersten Sterne stehen schon hoch, aber ihre Konstellationen sind ihm vollkommen unbekannt.
Von einer Anhöhe aus – seiner Anhöhe, denn er sitzt hier an jedem einzelnen dieser unzähligen Abende – beobachtet er, wie der Nebel über die hohen Gräser zieht und die Ruine eines kleinen Turmes erreicht. Er war nur ein einziges Mal zu diesem Turm hinabgestiegen, im freundlichen Licht eines Vormittags, nachdem der Nebel versunken und die Sicht wieder klar war. Aber es war tatsächlich nur eine Ruine. Das Dach war längst eingefallen und bis auf einige faulende Holzmöbel konnte er nichts hinter den bröckelnden Mauern finden. Die Zeit hatte gleichgültig an Steinen und Holz gearbeitet. Und das an einem Ort, an dem es sonst keine Zeit zu geben scheint. Wie lange ist er schon hier? Und was genau bedeutet hier?
Abgesehen von dem Turm gibt es keine Gebäude in der Umgebung. Er hat viele ausgedehnte Wanderungen unternommen, aber stets darauf geachtet, bei Einbruch der Nacht wieder auf der Anhöhe zu sein. Zwischen den Grashalmen zu sitzen, den Rücken an einen großen und angenehm flachen Stein gelehnt, gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit, das er auf seinen Erkundungsgängen niemals spürt. Seltsam in diesem kargen und so leeren Land.
Der Wind frischt auf und es wird merklich kühler. Er würde gerne ein Feuer machen, aber es gibt in der näheren Umgebung kein Holz und den Turm möchte er nicht noch einmal betreten. Er tröstet sich mit dem Gedanken, dass er sowieso keine Streichhölzer hat. Sicher, er könnte lernen, wie man ein Feuer auf andere Art entfachen kann. Zeit genug hätte er.
Es gibt auch kein Essen oder wenigstens Wasser. Seit er hier ist, plagen ihn ein nie gekannter Hunger und Durst, auch wenn es seinem Körper nichts auszumachen scheint, dass er weder das eine noch das andere stillen kann. Manchmal – wenn er Glück hat an zwei, drei Tagen die Woche – regnet es, und obwohl er durchnässt noch stärker friert, öffnet er begierig den Mund, um wenigstens den schlimmsten Durst zu löschen. Wenn er doch nur ein paar Eimer oder Flaschen hätte ...
Alte Zeilen kommen ihm in den Sinn: ein gemaltes Schiff auf einem gemalten Ozean. Der sanfte Wind täuscht nicht über die Flaute hinweg.
Die Nächte sind lang unter dem unbekannten Sternenhimmel. Allein der Alabastermond wirkt vertraut, auch wenn er jede Nacht als Vollmond kommt und nur eine flache Bahn über den Himmel zieht, niemals hoch über dem Horizont. Er verbringt die dunklen Stunden mehr dämmernd als schlafend, mit halbgeöffneten Augen in den Himmel blickend, wo sich manchmal eine Sternschnuppe zeigt, silbern blitzend oder in einem kräftigen Jadegrün. Dann sinkt er etwas tiefer in den Halbschlaf, während er auf den Morgen wartet.
Er ist allein und ohne Kompass.
Kapitel 6
Sarah blickte sich in dem kleinen Raum um. Ihr erster Eindruck war der von Leere gewesen. Aber Kargheit traf es besser. In dem Zimmer befanden sich ein Schreibtisch und ein Stuhl. Sonst nichts. Die Wände waren kahl, bar jeden Details. Keine Bilder, keine Lichtschalter, keine Tapete. Die vielleicht einst weiße Farbe wirkte schmutzig. Das wenige Licht, das es schaffte, in den kleinen Raum vorzudringen, kam von einem winzigen vergitterten Fenster, das sich fast in Höhe der Decke an einer Seite des Zimmers befand.
Sarah näherte sich langsam dem Schreibtisch. Der Raum kam ihr trostlos vor, als wolle er ihr eine traurige Geschichte erzählen und fände nur nicht die richtigen Worte. Der Schreibtisch war aus dunklem Holz und übersät mit Kerben und Brandlöchern. Das Ganze hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Schlachtfeld als mit dem Mobiliar eines Schriftstellers. Sarah erschauerte bei dem Anblick, ohne genau zu wissen, weshalb.
Neben den Einkerbungen und Löchern hatte auch blaue Tinte ihre Spuren auf dem Schreibtisch hinterlassen. Auf seiner Platte bildeten die unterschiedlich geformten Flecken ein Muster, dessen Bedeutung nicht zu erraten war. Oder doch?
Ein paar von ihnen zogen mit einem Mal Sarahs Aufmerksamkeit auf sich. Es war, als würden sich unter den Flecken Buchstaben verbergen, die grob übermalt worden waren. Sie versuchte, die Schriftzeichen darunter zu erraten und kam zu dem Schluss, dass es sich bei zweien um ein R handeln müsse. Ein weiterer könnte einmal ein A gewesen sein. Und in der Zeile darüber – noch ein R? Und davor ein O? Sarah hielt inne. Die Buchstabenkombination kam ihr vage bekannt vor. Sie dachte angestrengt nach, aber die Erinnerung ließ sich nicht greifen.
Um sich abzulenken und dem Gedanken Zeit zu geben, sich unbewusst in ihr zu formen, unterzog sie den Schreibtisch und auch den Stuhl einer näheren Prüfung. An dem Stuhl war nichts Besonderes. Einfach, hölzern, grob geschnitzt. Die Sitzfläche war sichtbar abgenutzt, was Sarah stutzig machte. Ein derart abgenutzter Holzstuhl war ihr noch nicht untergekommen. Er musste über Jahrhunderte hinweg in Gebrauch gewesen sein! Die Universität von Paris war zwar alt, aber so alt? Vermutlich war der Stuhl ursprünglich nicht für diesen Raum angefertigt, sondern erst später hierher geschafft worden.
Sarah wandte sich dem Schreibtisch und vor allem der einzelnen Schublade zu, die direkt unter der Tischplatte mittig angebracht war. Das Schloss schien verbogen, so als wäre schon einmal jemand hier gewesen und mit Gewalt in die Geheimnisse der Lade eingedrungen. Dieser Gedanke traf Sarah unvorbereitet und auch der nachfolgende warf sie für einen kurzen Moment aus der Bahn. Ihr Großvater! Wie hatte sie nur so blind sein können?
Seit Monaten hatte sie fast täglich einen Blick auf die drei Notizzettel geworfen, die eingerahmt in ihrem Flur hingen. Die Notizen ihres Großvaters, die sie aus dem Fundus der Universitätsbibliothek ungefragt entwendet hatte. Und dort – auf einem der Papiere – standen einzelne Buchstaben, die ihr Großvater notiert hatte. Deshalb war ihr die Buchstabenfolge so bekannt vorgekommen! Auf dem Notizzettel stand Le Morte Darthur. Sarah merkte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen. War das möglich? Hatte sie endlich eine Spur gefunden, die es ihr erlaubte, die Nachforschungen zu verfolgen, die ihr Großvater vor seinem Verschwinden betrieben hatte? Eine Spur, der sie – wie damals ihr Großvater – nachgehen konnte? Würde sie nun endlich erfahren, was aus ihm geworden war?
Sarah zwang sich selbst zur Ruhe. Zwar hatte sie – vielleicht – einen Teil der Notizen ihres Großvaters entschlüsselt, aber noch war nicht klar, ob sie das wirklich weiter brachte. Sie wusste ja nicht einmal, wie viele solcher Notizen es ursprünglich gegeben hatte! Die drei losen Zettel, die sie, nun ja, gefunden hatte, waren sicher nicht alles gewesen.
Trotzdem nahm sie sich vor, diesem Hauch einer Fährte nachzugehen. Sie zog ihr eigenes Notizbuch hervor und schrieb den Titel von Sir Thomas Malorys Buch hinein, wobei sie die Buchstaben, die sie meinte, unter den Tintenflecken erkannt zu haben, unterstrich.
Anschließend wandte sie sich wieder der Schreibtischschublade zu. Mit wenig Hoffnung, darin etwas zu finden, zog sie den Schub langsam heraus und blickte gespannt hinein. Sie behielt recht damit, dass kein Gegenstand darin lag. Dennoch aber war die Lade nicht direkt leer. Auf den hölzernen Unterboden hatte irgendjemand mit Tinte eine Skizze gezeichnet, die Sarah nun verwirrt ansah. War das eine Karte? Wenn ja, hatte sich niemand die Mühe gemacht, sie zum besseren Verständnis mit Namen zu versehen.
Dort, die gestrichelte Linie könnte eine Grenze darstellen. Und der Strich, der sich in Schlangenlinien um sie herum bewegte war dann vielleicht ein Fluss? Sarah merkte schnell, dass sie mit dieser Karte nichts anfangen konnte. Dennoch wollte sie diesen Hinweis nicht einfach unbeachtet zurücklassen, also übertrug sie die Zeichnung so genau wie möglich in ihr Notizbuch und schloss anschließend die Schublade.
Zum Nachzeichnen der Karte hatte sie auf dem hölzernen Stuhl Platz genommen, der trotz seiner harten Sitzfläche erstaunlich bequem war. Nun blieb sie noch einen Augenblick lang sitzen und verinnerlichte die Atmosphäre, die in diesem kargen, dämmerigen Zimmer herrschte. War hier tatsächlich jemand gesessen, stundenlang vielleicht, um zu schreiben? Sarah schloss die Augen und rief sich den Notizzettel ihres Großvaters in Erinnerung, auf dem Malorys Buchtitel vermerkt war. Dort stand noch etwas anderes, sie sah es im Geiste direkt vor sich:
Theorie:
Arbeitsplatz eines Weltenschreibers, Malorys Muse?
Schöpferische Unterstützung bei Arthus-Saga?
Frage:
Warum die Hinweise auf diesen Ort in Coleridges Werk?
Nächster Schritt:
Malorys Darthur unter die Lupe nehmen
Sarah dachte angestrengt nach. Natürlich war sie diesem Hinweis nachgegangen. Unter den Büchern ihres Großvaters war sie auch auf Malorys Werk gestoßen und hatte es zweimal gründlich gelesen. Ihrer Meinung nach hätte das nicht nur aufgrund des ungewohnten Schreibstils Anerkennung verdient gehabt, sondern auch wegen der nicht allzu knapp bemessenen Seiten. Aber Fehlanzeige. Sie hatte keinerlei Hinweise in dem Buch gefunden. War es ihrem Großvater auch so ergangen? Hatte diese Spur ins Leere geführt? Auf seinem Notizzettel hatte er jedenfalls nichts weiter festgehalten.
Langsam erhob sich Sarah und ging zurück in Richtung der versteckten Tür, die sie in diesen Raum geführt hatte.
Ein letztes Mal wandte sie sich um und erfasste das ganze Zimmer in seiner klösterlichen und geheimnisvollen Kargheit mit einem nachdenklichen Blick. Der Arbeitsplatz eines Weltenschreibers? Was zum Teufel war ein Weltenschreiber? Und konnte wirklich irgendjemand in einem solchen Raum, der weit mehr Ähnlichkeit mit einer Gefängniszelle als mit einem Büro hatte, arbeiten?
Sarah verließ das Zimmer und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Sie verschwand vollständig im Muster der Tapete, während der Raum dahinter in der Vergangenheit verschwand.
Sarah blieb in Gedanken versunken stehen. Um sie herum war alles still. Es musste bereits später Abend sein, die Studenten waren sicherlich schon alle gegangen und die meisten Lehrkräfte ebenfalls. Sie hoffte nur, dass die Eingangstür so eingestellt war, dass man das Gebäude von innen jederzeit verlassen konnte, auch wenn man keinen Schlüssel besaß.
Kurz erwog sie, nach Hause zu gehen, aber die Aussicht auf eine leere unordentliche Wohnung war nicht besonders verlockend. Außerdem wusste sie, dass sie der Schlaf noch eine ganze Weile meiden würde.
Also – was blieb ihr dann? Wie von selbst setzte sie sich in Bewegung, ihre Schritte richteten sich auf das gewohnte Ziel: die Bibliothek. Als ihr bewusst wurde, wohin sie ging, folgte auch die nächste Erkenntnis.
Sie hatte im falschen Buch nach Hinweisen gesucht! Malorys Morte Darthur war zwar der richtige Titel, aber die Ausgabe ihres Großvaters konnte ihr nicht weiterhelfen. Auch Coleridges Gedicht hatte erst in der Bibliotheksausgabe seinen versteckten Inhalt preisgegeben. Was, wenn dies auch bei Malory der Fall war?
Sarah beschleunigte ihre Schritte und stand schon bald vor der Tür zur Bibliothek.
Verschlossen, natürlich! Die Bibliothekare waren längst in den verdienten Feierabend verschwunden. Aber Sarah hatte noch einen Trumpf im Ärmel. Während ihres Studiums hatte sie eine Zeitlang in der Bibliothek ausgeholfen und sich auf diese Weise ein bisschen Geld hinzuverdient. Den Schlüssel hätte sie danach eigentlich wieder abgeben sollen, aber irgendwie fand sie den Gedanken unerträglich, sich von einem Bibliotheksschlüssel trennen zu müssen. Deshalb hatte sie ihn vor der Rückgabe heimlich nachmachen lassen und die Kopie behalten. Vorgeblich als Andenken und weil sie das insgeheime Wissen genoss, jederzeit Zugang zu den Büchern zu haben. Tatsächlich gebraucht hatte sie den Schlüssel bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Sarah holte ihren Schlüsselbund aus der kleinen braunen Umhängetasche und suchte nach dem Objekt, das nun zu seinem ersten Einsatz kommen würde. Sie fand den Schlüssel und steckte ihn ins Schloss. Als sie ihn drehte und die Tür sich öffnen ließ, verspürte sie Erleichterung. Dieses Hindernis wäre überwunden.
Die Bibliothek war dunkel und Sarah brauchte einen Moment, um diesen ungewohnten Anblick mit der Bücherei in Einklang zu bringen, die sie bis ins Detail kannte. Das nächtliche Licht, das durch die großen Fenster drang, hüllte die in Regalen aufgereihten Bücher in einen gespenstisch schimmernden Mantel.
Für Sarah hatten Bücher von jeher etwas Lebendiges ausgestrahlt, versprachen sie doch ein Geheimnis, das sich in ihnen befand und gelesen werden wollte. In dem düsteren Licht, das nun von draußen hereinkam und ein Gemisch aus Mondschein und Straßenlaternen war, wirkten die Bücher jedoch mit einem Mal tot. Leblos. Verstaubt. Sarah hatte fast den Eindruck, in einer Gruft zu stehen und fuhr erschrocken zusammen, als der grelle Lichtkegel eines vorbeifahrenden Autos über die aufgereihten und gefangen gesetzten Bücher glitt.
Hektisch tastete Sarah nach dem Lichtschalter neben der Tür, um ihn zu betätigen und das Zimmer in helles Kunstlicht zu tauchen, doch im letzten Moment hielt sie irgendetwas davon ab. Vielleicht war es die Unrechtmäßigkeit ihres Handelns. Sarah hatte das Gefühl, als sollte sie sich auch dementsprechend benehmen und es tunlichst vermeiden, bei ihrem nächtlichen Ausflug ertappt zu werden.
Entschlossen drückte sie die Tür hinter sich zu und bahnte sich dann ihren Weg durch die spärlich erleuchtete Bibliothek. Sie wusste, wo sie fündig werden würde. Sie kannte den Raum, das Regal und das Fach.
Sarah nahm Malorys Morte Darthur und zog sich in eine Ecke des Raumes zurück, in der ein Schreibtisch stand. Sie knipste das kleine Leselicht an und setzte sich auf den unbequemen modernen Stuhl, während ihr ein anderes Bild noch allzu deutlich vor Augen stand – der grob gezimmerte Stuhl, der hölzerne Schreibtisch, der karge Raum.
Sarah holte ihr Notizbuch hervor und machte sich daran, das gesamte Werk durchzuarbeiten. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass sie die richtige Ausgabe vor sich hatte. Und sie wusste nun auch bereits, wonach sie suchte: Die Hinweise waren auf genau dieselbe Art und Weise hervorgehoben wie in Coleridges Rime.
Als sie das Buch von vorne bis hinten durchgeblättert hatte, Seite für Seite, immer auf der Suche nach betonten Worten und Sätzen, ließ sich bereits leichtes Dämmerlicht durch die großen Fenster der Bibliothek fallen und verkündete den kommenden Tag. Sarah lehnte sich zurück und blickte lange Zeit auf die neun Abschnitte, die sie in Malorys Werk gefunden hatte.
Sie hatte die Teile zuerst in chronologischer Reihenfolge abgeschrieben, aber sie dann umgestellt, weil sie den Text so für verständlicher hielt.
For thy love I have left my country, ...
... the letters ... said in this wise: Never shall man take me hence, but only he by whose side I ought to ... be
Es war wie bei Coleridge. Ein Hilferuf? Eine Warnung? Irgendwer hatte mit einer zweiten Person sein Land verlassen und war nach Frankreich gekommen. Anscheinend gehörten die beiden zusammen. Keiner sonst sollte sich zwischen sie drängen. Sarah starrte den zweiten Abschnitt an. Er kam ihr seltsam vor. Fast schien es, als würde hier ein Gegenstand sprechen und kein Mensch. Aber wahrscheinlich lag das daran, dass sich derjenige, der diese Hinweise gelegt hatte, mit dem vorhandenen Text hatte begnügen müssen. Und dieser handelte nun einmal von einem Schwert.
... the land and water had flamed all of fire. ... the hot blood made all the sea red of his blood. ... thou art like to fight with some giant thyself, being horrible and abominable ... dreadful dream
Es war die Rede von einem bösen Traum, in dem vergossenes Blut eine Rolle spielte. Ein See, der sich von vergossenem Blut rot färbte... Sarah fühlte sich an das Bild erinnert, das sie erst zu dem verborgenen Raum geführt hatte. Ein Schiff, das über rosarote Wellen in einen rosaroten Sonnenuntergang fuhr. Und dann war da noch eine Warnung – an die Person, mit der er aus einem anderen Land gekommen war? Es hieß, dass ein Kampf gegen einen schrecklichen Riesen bevorstehen würde.

