Kitabı oku: «Ich überlebte Rumbula»

Frida Michelson, geb. 1906, lebte und arbeitete zur Zeit der deutschen Besetzung als Schneiderin in Riga. Ihr unglaublicher Bericht über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, über Zwangsarbeit, Ghettoisierung und den anschließenden Massenmord im Wald von Rumbula, dem sie knapp entkam, ist ein einzigartiges authentisches Dokument. Ende 1971 konnte Frida Michelson mit ihren beiden Söhnen nach Israel auswandern. Sie starb dort im Jahr 1982. (Aufnahme n.d. Krieg)
Frida Michelson
Ich überlebte Rumbula

© E-book-Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2020
© der deutschen Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH,
Hamburg 2020
© 1973, 2005, 2011, 2014 David Silberman
Deutsche Fassung nach der Übersetzung von Matthias Knoll herausgegeben
vom Harro von Hirschheydt Verlag, Riga
Alle Rechte vorbehalten.
Covergestaltung: Uwe Melichar
Coverabbildung: Frida Michelson in einem selbstgenähten Kostüm in Jūrmala, 1934
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher „Europa“, 1945
eISBN 978-3-86393-553-5
Auch als gedrucktes Buch erhältlich, ISBN 978-3-86393-093-6
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter
www.europaeische-verlagsanstalt.de
Inhalt
Der Beginn der Tragödie
Varakļāni
Die Rigaer Präfektur / Zwangsarbeit
Ghetto
Die erste Aktion
Die zweite Aktion
Auf der Flucht. Familie Bērziņš
Untergetaucht in Riga
Pesla
Frau Šeink
Olivia Viļumson und ihre Familie
Überwintern in Riga
Wieder bei Frau Šeink
Letzte Prüfungen
Die Befreiung
Die Jahre nach dem Krieg
David Silberman Zur Entstehung des Buches. Ein Nachwort
Paula Oppermann Massenerschießung in Rumbula und der Holocaust in Lettland. Eine Chronologie
Anmerkungen
Editorischer Hinweis:
Der vorliegenden deutschen Fassung liegt die Übersetzung der 2014 erschienenen lettischsprachigen Ausgabe „Es izdzīvoju Rumbulā“ (Ich überlebte in Rumbula) von Matthias Knoll zugrunde. Die lettische Übersetzung aus dem Russischen von Ilze Eris basiert auf der dritten Fassung der russischsprachigen Ausgabe „Фрида Михельсон: Я пережила Румбулу“ (Moskau/Riga 2011). Mit Zustimmung des Co-Autors David Silberman (s. auch in dieser Ausgabe sein Nachwort „Zur Entstehung des Buches“) wurde der Text anhand der 1979 in den USA erschienenen erweiterten englischsprachigen Ausgabe „I survived Rumbuli“ (Holocaust Library, New York 1979) ergänzt.
Der Beginn der Tragödie
Der 22. Juni 1941 ist ein warmer und sonniger Sonntag, meine jüngere Schwester Necha1 und ich sind in fröhlicher Stimmung, denn heute kommt unsere Mutter zu uns nach Riga zu Besuch. Sie lebt mit ihrem Mann, unserem Stiefvater, in Līvāni2. Wir bereiten alles für ihren Empfang vor, und wollen ihr Rigas schönste Ecken zeigen und sie danach nach Jūrmala3 bringen.
Während wir auf dem Bahnsteig stehen und auf den Zug warten, können wir unsere Freude über das bevorstehende Wiedersehen kaum bändigen. So lange ist sie nicht bei uns gewesen … Sieh nur, da kommt der Zug, unsere Mutter steigt aus, und wir laufen ihr entgegen. Doch Mutter ist in einer merkwürdig gedrückten Stimmung, sie umarmt uns und beginnt, ohne wie üblich alle möglichen Fragen zu stellen, gleich über ihre Sorgen zu sprechen:
„Ach Kinder, ich habe in letzter Zeit so schreckliche Vorahnungen und das Gefühl, dass ich mich beeilen müsste, euch zu sehen.“
Wir versuchen, sie zu beruhigen, und gehen gemeinsam in meine Wohnung in der Krišjāņa Barona iela.4 Das Essen ist schon vorbereitet, wir bewirten unsere Mutter, erzählen ihr Neuigkeiten und sprechen über Bekannte. Dann lassen wir sie ein wenig ausruhen und sie schläft ein.
Ich gehe derweil zum Laden, um Eiscreme zu kaufen. Auf der Straße herrscht ganz ungewohnter Lärm. Irgendetwas ist passiert. Plötzlich ertönt eine aufgeregte laute Stimme aus der Menge:
„Hitler hat die Sowjetunion angegriffen! Es ist Krieg! Gerade wurde es im Radio gemeldet, ich habe es selbst gehört!“
Ich bleibe stehen wie vom Donner gerührt. Also doch Krieg … und was bedeutet das für uns? Ich renne nach Hause, um die schreckliche Nachricht zu überbringen. Damit ist unser Fest zu Ende und auch die Freude über unser Wiedersehen. Es beginnen Stunden des Wartens, die ganze Zeit verfolgen wir beunruhigt die Nachrichten im Radio.
Zwei Tage später, am Nachmittag des 24. Juni, taucht ein deutsches Bombergeschwader über der Stadt auf, etwa dreißig Flugzeuge. Irgendwo in einiger Entfernung detonieren die ersten Bomben. Aus Flakgeschützen werden Salven auf die Flugzeuge abgefeuert, aber ohne Erfolg – keines von ihnen fängt Feuer. Pausenlos heulen die Sirenen, im Radio verkündet eine Stimme monoton: „Luftangriff! Luftangriff!“
Der Hausmeister klopft an die Wohnungstür: Alle Hausbewohner müssen sich unverzüglich in den Schutzraum im Keller begeben. ‚Was soll das schon für ein Schutzraum sein‘, überlege ich. ‚Wenn das Haus getroffen wird, würden wir darunter ohnehin alle bei lebendigem Leibe begraben werden.‘
Am nächsten Tag macht sich Mutter bereit, zurück nach Līvāni zu fahren. Als wir sie zum Bahnhof begleiten, ist uns schwer ums Herz; wer weiß, wo, wann und ob wir uns überhaupt wiedersehen werden, wenn die Erde unter den Füßen brennt.
Mein Bruder Schalom5 ist als Freiwilliger zur Roten Armee gegangen. Ich beschließe, für eine Weile in Varakļāni bei unseren Verwandten unterzuschlüpfen. Ich bin davon überzeugt, dass die Rote Armee rasch mit dem Feind fertig wird. Meine Schwestern Sarah6 und Necham wollen jedoch in Riga bleiben. Beim Abschied schärfe ich ihnen ein, dass sie, wenn die Front näher rückt, Riga sofort verlassen und nach Russland fliehen sollten.
Varakļāni
Ich habe noch eine Fahrkarte ergattert und es geschafft, einen Zug nach Varakļāni7 zu bekommen, zu unseren Verwandten, den Talvinskis. Wie es sich zeigt, fahren viele Menschen in diese Richtung. Der Zug ist dermaßen überfüllt, dass die Türen der Wagen offen bleiben – sogar auf den Stufen stehen Leute. Als der Zug losfährt und Geschwindigkeit aufnimmt, strömt frische Luft in den Wagen, aber auch Rauch von der Lokomotive. Es herrscht Gedränge, die Reisenden haben besorgte Gesichter. Keiner spricht, nur hin und wieder ist das Aufschluchzen von Kindern zu hören. An den Bahnhöfen steigt weder jemand ein noch aus. Ich werde von der Menge fast erdrückt, vom Gewicht des Koffers fangen Hüften und Rippen an zu schmerzen. Erst in Krustpils steigt endlich ein großer Teil der Fahrgäste aus, und ich kann mich hinsetzen.
Meine Sitznachbarin schaut aus dem Fenster und überlegt laut für sich: „Ich glaube, hier steigen die Leute in einen anderen Zug um und fahren weiter nach Daugavpils oder Zilupe, um über die Grenze nach Russland zu gehen.“ Ohne jede Vorwarnung fährt der Zug plötzlich los und wir lassen den überfüllten Bahnhof von Krustpils hinter uns.
Ich überlege, ob es die richtige Entscheidung war, nach Varakļāni zu fahren. Was passiert, wenn die Deutschen Lettland einnehmen und besetzen?
So erreichen wir Stirniene8, und ich haste in Richtung Ausstieg. Am Bahnhof stehen Pferdegespanne bereit, um die Passagiere je nach Bedarf weiterzubefördern. Abends gegen acht treffe ich in Varakļāni ein.
Die Talvinskis freuen sich über mein Kommen, doch auch hier wird die Wiedersehensfreude von dem Auftauchen deutscher Bomber über Varakļāni überschattet.
Es vergehen Tage voller Unruhe. Auf der Hauptstraße sind Lastwagen und Kriegsgerät unterwegs – die Roten treten den Rückzug an.9 Unter ihnen sieht man auch Fahrzeuge der einheimischen Bevölkerung – alle ziehen in einem großen Strom gen Osten.
Bald lässt der Verkehr nach, und ein Meer übermüdeter Fußgänger taucht auf – sowohl Rotarmisten als auch Zivilisten, Familien mit Kindern. Einige von ihnen frage ich, woher sie kommen und wohin sie gehen. Niemand weiß etwas Sicheres zu sagen, man vermeidet, direkte Antworten zu geben.
Es ist klar, dass die Front näher gerückt ist und diese Soldaten als Letzte geblieben waren. Demnach rücken die Deutschen vor. Aufregung und Panik machen sich breit. Wir wissen nun, dass es hier nicht mehr sicher ist und man irgendwohin fliehen, sich retten muss. Alle packen ihre Koffer, andere machen sich schon auf den Weg, dennoch geschieht alles in großer Heimlichkeit. Niemand spricht darüber.
Auch meine Tante Talvinska packt, von der allgemeinen Stimmung angesteckt, ihre Sachen. Ihr Sohn hat ein Pferd besorgt, spannt es ein und lädt allerlei Gebrauchsgegenstände auf. Ich sitze auf dem Wagen und warte auf die Übrigen. Die Tante kann sich einfach nicht von ihren Bekannten losreißen, die sie umzustimmen versuchen:
„Wo wollen Sie denn hin? Wir sind doch alte Leute und haben niemandem Böses getan, uns wird man in Ruhe lassen.“
Die Tante beginnt zu zweifeln. In diesem Augenblick kommt ein jüdisches Mädchen zu uns und berichtet, sie sei mit dem Zug nach Zilupe gefahren, aber nicht über die Grenze gekommen. Niemand von der großen Masse an Flüchtlingen sei nach Russland reingelassen worden, deshalb sei sie nach Varakļāni zurückgekehrt. Nun wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen.
Es vergeht eine Stunde, zwei … Wir erfahren, dass man mit Pferdegespannen nirgendwo mehr hinkommt und dass die Straßen unter dem Beschuss einheimischer Kollaborateure stehen würden.
Meine Verwandten wollen nun außerhalb der Stadt bei einer befreundeten Bauernfamilie das Ende der Gefechte abwarten. Das Dörfchen liegt etwa drei Kilometer hinter Varakļāni. Dorthin fahren wir mit unserem Gespann. Gegen Abend sind wir da. Der Bauer führt uns ins Haus und hilft uns, uns für die Übernachtung einzurichten.
Am nächsten Morgen verlassen wir das Haus, um uns ein Bild von der Lage zu machen. Aus dem nahen Wald kommt ein etwa zwanzig Jahre alter, breitschultriger Mann mit rosigem Gesicht und Bastschuhen an den Füßen. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, tritt er an den Bauern heran. Sie gehen ein Stück abseits und unterhalten sich flüsternd. Danach sagt uns der Bauer, dass wir in die Stadt zurückkehren könnten – dort sei wieder alles ruhig und niemand würde uns behelligen.
Der junge Mann wirkte wenig vertrauenerweckend, und wir sind nicht so richtig überzeugt, ob das stimmt. Der Bauer verspricht, selbst nach Varakļāni zu gehen, um sich einen Eindruck von der dortigen Lage zu machen. Mehrere Stunden später kehrt er zurück und bestätigt, dass in der Stadt tatsächlich alles friedlich sei, und rät uns, unverzüglich aufzubrechen.
Zum Abschied werden wir noch üppig verköstigt, die Tante dankt dem Bauern, bezahlt großzügig für die Aufnahme, und wir kehren nach Varakļāni zurück. Tatsächlich ist dort alles ruhig.
Ich schaue, wie es unseren Verwandten und Bekannten geht. Aber die meisten verstecken sich noch irgendwo. Einem meiner Cousins, Gūtmans, ist es offenbar noch gelungen, mit seiner Familie das Land zu verlassen. Ich erfahre, dass manche lediglich in die Dörfer der Umgebung geflüchtet sind und andere sich in Kellern versteckt haben. Insgesamt weiß keiner von dem anderen, jeder steht für sich allein.
Am nächsten Tag tauchen die ersten Deutschen in der Stadt auf. Gerüchte gehen um, dass es sich um Fallschirmspringer handelt. Sie stoßen auf keinerlei Widerstand. Ganz im Gegenteil – es finden sich Einheimische, die sich anbieten, sie mit der Gegend vertraut zu machen, und ihnen zeigen, wo Juden wohnen. Die Deutschen beginnen sich in der Stadt einzurichten und machen auch Runden durch die Häuser der Juden, wobei sie Lebensmittel und nicht selten auch Schmuck fordern.
Ein deutscher Soldat tritt an den Brunnen gegenüber von unserem Haus, und bevor er Wasser schöpft, ruft er uns zu:
„Wenn das Wasser vergiftet ist und auch nur ein einziger Deutscher Schaden nimmt, werden Hunderte von Juden dafür mit dem Leben bezahlen!“
Am nächsten Morgen besuche ich ein paar entfernte Verwandte, die gleich hinter der Stadtgrenze wohnen. Sie haben eine sechzehnjährige Tochter. Die Sonne scheint, und wir beide machen es uns vor dem Haus auf dem Rasen bequem. Ich versuche, die Anspannung der vergangenen Tage abzuschütteln, doch auf einmal wird unser Frieden von einer lauten Stimme auf Deutsch gestört: „Fräuleins! Fräuleins!“
Das junge Mädchen wird schreckensbleich, schmiegt sich an mich und versteckt sich hinter meiner Schulter. Ein betrunkener Deutscher kommt auf uns zu gestolpert und fragt:
„Sind Sie zu haben, Fräuleins?“
Das arme Mädchen zittert noch mehr vor Angst, doch ich antworte ihm ruhig und kaltblütig:
„Gehen Sie dort zu diesem Haus, da gibt es viele Frauen. Die werden Ihnen gefallen, glauben Sie mir, sie werden Ihnen sofort um den Hals fallen. Sie werden wirklich zufrieden sein –“, und zeige dabei auf ein großes Wohnhaus.
Der Deutsche, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann, droht, er würde mit mir abrechnen, falls ich ihn belogen haben sollte, begibt sich aber dennoch in die angegebene Richtung. Wir laufen schnell ins Haus und verstecken uns auf dem Dachboden. Durch einen Spalt beobachten wir die Straße und warten ab, was nun passiert. Der Deutsche betritt tatsächlich das bewusste Haus, kommt aber bald wieder herausgewankt und schießt mit der Pistole in die Luft. Er sucht uns und fragt Passanten, wo wir geblieben sind. Jetzt zittere auch ich vor Angst. Erst als er die Suche abbricht und davonstiefelt, beruhigen wir uns einigermaßen.
Am gleichen Tag beobachten wir, wie ein Lette, indem er auf ein großes Roggenfeld zeigt, einem deutschen Offizier verrät, wo sich sowjetische Soldaten versteckt halten. Kurz darauf tauchen mehrere bewaffnete Deutsche auf. Sie gehen in Richtung Kornfeld und führen bald eine Gruppe verletzter und erschöpfter Rotarmisten als Kriegsgefangene ab.
Solche Szenen wiederholen sich auch am folgenden Tag. Eine Gruppe Gefangener nach der anderen wird durch die Straßen getrieben. Wir blicken ihnen mitleidig nach, ohne den Blick von den Todgeweihten abzuwenden. Ich werde das Gefühl nicht los, dass uns dasselbe Schicksal bevorsteht.
Nach einigen Tagen wird bekannt gegeben, dass Juden keine Verbindung mehr zu Nichtjuden unterhalten dürfen – sie dürfen nicht mit ihnen in einer Schlange anstehen, keinen nichtjüdischen Arzt konsultieren oder anderweitig „arische“ Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Lebensmittel können Juden fortan nur noch in einem speziell ihnen zugewiesenen Laden auf dem Marktplatz einkaufen.
Vor diesem Laden bilden sich jetzt jeden Tag lange Schlangen, doch mit Ware wird er schlechter beliefert als die übrigen Geschäfte – und so werden wir nie richtig satt. Dadurch kommt es vor, dass in der Schlange um den Platz und um die Zuteilung der Lebensmittel gestritten wird oder einfach nur aus heiterem Himmel. Die deutschen und einheimischen Passanten lachen dann hämisch, wenn sie das sehen, und machen spöttische Bemerkungen.
Einmal stand ein psychisch krankes jüdisches Mädchen in der Schlange – um die neunzehn, zwanzig Jahre alt. Sie konnte ihr Mienenspiel nicht kontrollieren. Es sah so aus, als würde sie Fratzen schneiden und ohne Grund lachen. Ihr Verhalten zog die Aufmerksamkeit der Deutschen auf sich. Sie beobachteten das Mädchen eine Weile, dann befahlen sie ihm, aus der Schlange hervorzutreten und zu singen und zu tanzen. Als sich das Mädchen weigerte, schlugen die Deutschen sie erbarmungslos mit ihren Peitschen. Das Mädchen fing an, bestialisch zu schreien, und die Deutschen bogen sich vor Lachen.
Jeden Tag werden von den Deutschen auf der Straße willkürlich jüdische Passanten, vorwiegend ältere Menschen, rausgegriffen und gezwungen irgendwelche Arbeiten zu verrichten. Meistens lassen sie sie wieder und wieder ein und dieselben Straßen, Höfe und Räume fegen …
Von Zeit zu Zeit veranstalten sie auch „Säuberungen“ in den Häusern wohlhabender Juden. Sie raffen Lebensmittel zusammen, stopfen sich die Taschen mit wertvollen Dingen voll und nehmen sich alles, was sie wollen. Hin und wieder verschleppen sie auch junge Jüdinnen in ihr Hauptquartier. Dort werden sie vergewaltigt, zusammengeschlagen und aus dem Fenster im ersten Obergeschoss geworfen. Um sich möglichst unattraktiv zu machen, waschen und kämmen sich die jüdischen Mädchen nicht mehr und tragen schmutzige Kleidung. So sahen die ersten Tage der Nazi-Okkupation in Varakļāni aus.
Eine offizielle Verordnung fordert, dass alle Bauern aus der Umgebung von Varakļāni sich am folgenden Sonntag auf dem Marktplatz versammeln sollen. Auch ich gehe hin, um zuzuschauen, verkleide mich aber so, dass mich niemand erkennen kann.
Dann fangen die Deutschen an, verschiedene Waren in die Menge zu werfen, hauptsächlich allerlei Kleinigkeiten – Zigarettenpäckchen, Streichhölzer, Kaffee, Nähzeug. Die Leute versuchen, die Sachen zu ergattern, reißen sie sich gegenseitig aus den Händen, manche prügeln sich und es kommt zu einem Handgemenge, Schreie ertönen – jemand wird sogar zu Tode getrampelt.
Die Deutschen schießen mehrfach in die Luft und verteilen nichts mehr. Die Menge murrt unzufrieden, die Situation ist bis aufs Äußerste aufgeheizt. Alle warten, dass noch etwas passiert.
Wahrscheinlich wollten sie damit ein Kennenlernen mit den Einwohnern organisieren und sich mit blumigen Reden als Befreier präsentieren. Mit Geschenken und Versprechungen wollten sie die Bevölkerung gewogen stimmen und gegen „Bolschewiken und Juden“ aufhetzen. Doch sie verloren die Kontrolle über die Menge, so dass die Reden ausblieben und die Veranstaltung scheiterte. Anschließend wurde verkündet, dass das Kennenlernen zu Ende sei und die Leute sich unverzüglich zu zerstreuen und nach Hause zu gehen hätten.
In der Stadt gehen Gerüchte um, dass alle Juden ermordet werden. Die lettischen Bekannten, Freunde, Nachbarn sprechen nicht mehr mit uns, gehen auf der Straße mit abgewandtem Kopf vorbei, als würde es uns nicht mehr geben. Die Freundschaft ist vorbei.
Alle Anzeichen deuten auf einen unausweichlichen Tod hin, und mich überkommt Verzweiflung und quälende Angst. Es ist unmöglich, an irgendetwas anderes zu denken, bei jedem Klopfen an der Tür oder einer fremden Stimme erbebe ich. Wahrscheinlich kommen sie uns jetzt holen, gleich ist es so weit …
Wir beschließen, uns zu vergiften, bevor man uns zur Ermordung führt. Die Tante hat ein wenig Rattengift, das sie für alle verteilt. Wir wollen nicht, dass Deutsche nach uns hier einziehen und sich wohlfühlen, deshalb zerkratzen wir die Möbel, reißen die Tapeten herunter, schütten Tinte auf den Teppich, verwüsten den gesamten Haushalt und schlachten die Hühner …
So vergehen mehrere Tage. Am 15. Juli wird bekannt gegeben, dass alle, die als Flüchtlinge nach Varakļāni gekommen sind, an ihren Wohnort zurückkehren können. Ich gehe aufs Polizeirevier, um mich zu erkundigen, ob es wahr sei, dass man nach Hause zurückkehren dürfe und ob ich eine Bescheinigung bekommen könne, die mir gestattet, nach Riga zu fahren. „Sie können fahren, wohin Sie wollen“, antwortet mir der Polizist, „aber wir stellen keinerlei Genehmigungen aus und übernehmen keine Garantie für die Fahrt.“
Ich bin fest entschlossen, sofort loszufahren, muss aber irgendwie zum Bahnhof kommen. Ich gehe zum örtlichen lettischen Fuhrunternehmer mit der Bitte, mich für einen guten Preis zum Bahnhof zu bringen, aber er lehnt kategorisch ab: Ariern sei es strengstens untersagt, mit Juden zu sprechen, geschweige denn sie zu befördern.
Ich muss also einen jüdischen Fuhrmann finden. Ich bekomme die Adresse eines Juden und wende mich mit derselben Bitte an ihn, doch er hat Angst zu fahren: Unterwegs könne man uns beide erschießen, er aber habe Frau und Kinder. Endlich gelingt es mir, einen anderen Juden, der ein Pferd besitzt, zu finden und zu überreden. Am Nachmittag bringt er mich zum nächstgelegenen Bahnhof – nach Stirniene, acht Kilometer hinter Varakļāni.
Auf dem Bahnhof sind bereits viele Menschen versammelt – Männer, Frauen, Kinder, offensichtlich gestrandete Flüchtlinge.
„Wie sind Sie denn hergekommen?“, frage ich einige.
„Genauso wie Sie“, wird mir unwillig geantwortet.
Sie sind verschlossen, und jede Familie bleibt für sich, von keinem ist Genaueres herauszubekommen. Bald fährt der Zug nach Krustpils ein. Die Menschen steigen ein, und der Zug fährt weiter.
Nicht weit von mir sitzen zwei Jüdinnen, Mutter und Tochter. Die Mutter weint, schnieft und jammert – möglicherweise wurde einer ihrer Angehörigen ermordet. Die Tochter versucht, sie zu beruhigen. Die neben ihnen sitzenden Lettinnen stellen unverhohlen ihr Missfallen zur Schau und setzen sich demonstrativ auf andere Plätze.
Am Abend erreichen wir Krustpils, doch der Zug fährt nicht weiter: Endstation. Der größte Teil der Fahrgäste bleibt jedoch im Wagen; erst morgen soll ein Zug nach Riga fahren.
Die Zeit verstreicht nur langsam. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie im Bahnhofsgebäude Juden in einer Schlange am Fahrkartenschalter stehen und registriert werden. Mir scheint, dass einige von ihnen mit demselben Zug wie ich aus Varakļāni gekommen sind. Die Frage, was das alles zu bedeuten hat, lässt mir keine Ruhe. Ich steige aus dem Zug und gehe in Richtung Fahrkartenschalter, doch eine Frau in der Schlange bedeutet mir mit der Hand, ich solle nicht näherkommen. Unauffällig gehe ich weiter.
Eine meiner Mitreisenden kommt mir entgegen und sagt mit gedämpfter Stimme: „Weißt du, was ich gesehen habe?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: „Ich habe gesehen, wie Juden in einen Güterwaggon gepfercht wurden. Als sie drinnen waren, wurde er mit Brettern zugenagelt. Dort …“ Sie weist in die Richtung.
Tatsächlich steht dort ein mit Brettern vernagelter Waggon, der an zwei Stellen auf Deutsch mit Kreide mit „183 Juden“ beschriftet ist.
Als wir wieder im Zug sind, erzählt sie es auch den übrigen Reisenden. Ihre Worte jagen mir kalte Schauer über den Rücken, doch ich verrate mich nicht. Ich beginne ein ungezwungenes Gespräch mit meinen Sitznachbarinnen. Allmählich versiegen die Gespräche. Ich tue so, als sei ich müde, und schließe die Augen. Der Gedanke, dass sich in dem Güterwaggon Menschen befinden, geht mir nicht aus dem Kopf. Immer wieder sehe ich die Aufschrift „183 Juden“ vor mir. So viele Menschen können nur stehend in so einen Waggon passen. Welches Schicksal steht ihnen bevor? Sie werden ersticken und zugrundegehen. Ich bekomme Gewissensbisse. Ist es richtig, dass ich mich hier als Arierin maskiere, während mein Volk in Agonie stirbt? Aber einer muss doch überleben, um von dem Geschehenen zu berichten! Vielleicht hat der Allerhöchste mich dazu ausersehen, Zeugin zu sein? Ja, ich muss alles tun, was in meinen Kräften steht, um zu überleben – vom Verrat natürlich abgesehen! Ich muss um mein Leben kämpfen!
Die Vorstellung, dass ich wundersamerweise verschont werde, um als Zeugin zu überleben, stärkte mich in den schweren Momenten der Verzweiflung und gab mir die Kraft, um meine Existenz zu kämpfen, als der Tod schon ganz nahe war.
Es wird bereits heller. Vor Aufregung habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Es dämmert und dann geht strahlend die Sonne auf, doch mein Herz ist von Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit bedrückt.
Die Mitreisenden erwachen, machen sich zurecht und warten auf den Zug nach Riga. Meine Nachbarinnen folgen dem Beispiel anderer, indem sie sich auf einem grünen Rasenplatz hinter dem Bahnhofsgebäude niederlassen, ihren Proviant auswickeln, essen, trinken, sich unterhalten und fröhlich sind. Ich beschließe, mich ihnen anzuschließen, um nicht aufzufallen. Eine von mehreren Frauen umringte Lettin in mittleren Jahren hat ein Kartenspiel in der Hand und legt auf einer auf dem Gras ausgebreiteten Decke die Karten: Sie möchte die Karten fragen, ob ihr Sohn noch am Leben sei. Eine der Umstehenden fragt, ob die Karten nicht auch verraten können, ob ihrem Mann und ihrer Tochter nichts Schlimmes zugestoßen sei und wo sie sich derzeit befänden.
Ich mische mich in das Gespräch ein und sage, dass ich wahrsagen könne. Sie freuen sich und bitten mich in ihre Mitte. Das Kartenspiel wird mir gereicht, und ich lege los. Natürlich lege ich die Karten zum Guten aus: Ihre Angehörigen seien am Leben, bald würden sie sich alle wiedersehen und glücklich sein, allen Frauen prophezeie ich eine sonnige Zukunft. Mit dieser Beschäftigung vergeht die Zeit. Gegen ein Uhr mittags wird der Zug nach Riga bereitgestellt und es kommt Bewegung in die Reisenden, sie begeben sich zum Zug. Trotz des Gedränges bleiben die einzelnen Gruppen zusammen. Ich weiche nicht von der Seite der Lettinnen und ergattere neben ihnen einen Fensterplatz.
Ein Pfiff ertönt, die Lokomotive faucht, und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Wir sind unterwegs in Richtung Riga. Das eintönige Rattern der Räder, das Schaukeln des Wagens und die schlaflos verbrachte Nacht tun das ihre – ich gleite allmählich in den Schlaf.
„Kindchen, du hast wohl einen Albtraum gehabt?“, weckt mich meine Sitznachbarin. „Du hast furchtbar gestöhnt im Schlaf.“
„Was habe ich gesagt?“ Sofort bin ich hellwach.
„Du hast ‚Nein, nein!‘, gerufen, als ob dich jemand schlagen würde.“
Ich bemerke, dass ein Mitreisender, der an der Tür steht, mich nicht aus den Augen lässt. Ich versuche, ihn nicht anzusehen, wende mich ab und schaue aus dem Fenster. Doch als sich unsere Blicke für einen Moment treffen, überkommt mich eisige Kälte und Angst. Ich spüre seinen Wunsch, mich für jeden hörbar als Jüdin zu entlarven, dann bin ich erledigt. Ich reiße mich zusammen und beginne mit meinen lettischen Nachbarinnen ein Gespräch:
„Danke, dass Sie mich geweckt haben! Keine Ahnung, was in mich gefahren ist. Normalerweise schlafe ich tagsüber nicht.“
Meine Sitznachbarin bietet mir etwas zu essen an. Ich sage, ich müsse auf meine Figur achten, und wir lachen. Ich sehe, dass auch der Blick meines Bedrohers weich wird, er setzt sich hin und löst den Blick von mir. Erleichtert atme ich auf.
Der Zug läuft in Gostiņi ein. Aus Riga kommt uns ein langer Zug mit offenen Plattformwaggons entgegen, auf denen sich Hunderte lettischer Freiwilliger befinden, überwiegend junge Burschen in den graugrünen Uniformen der Selbstschutzeinheiten und der Armee der Ulmanis-Ära. An ihren Ledergürteln sind Waffen befestigt. Ich höre sie rufen:
„Sind bei euch im Wagen irgendwelche Juden?“
Mein Herz bleibt stehen vor Angst, das Blut schießt mir ins Gesicht – gleich werden sie hereinstürzen und mich ergreifen. Doch in diesem Augenblick ertönt am Fenster eine laute Antwort:
„In unserem Wagen sind keine Juden.“
Der Mitreisende, der mich mit seinem durchdringenden Blick so misstrauisch beobachtet hat, wiederholt ebenfalls diese Worte. Ich atme erleichtert auf, unser Zug fährt wieder weiter. Einige Stunden später bin ich endlich in Riga und mache mich sofort auf den Weg nach Hause.
Die Rigaer Präfektur / Zwangsarbeit
Es ist der 16. Juli. Auf dem Weg zu meiner Wohnung gehe ich durch die bekannten Rigaer Straßen, die immer von so vielen Juden bevölkert waren, doch jetzt ist nur selten einer zu sehen. Zusammengesackt und mit bekümmerten Gesichtern ziehen sie dahin, niedergedrückt von der Last der Sorgen und der Angst. Hingegen sieht man auf Schritt und Tritt geschniegelte deutsche Soldaten. Mit strahlenden Gesichtern spazieren sie mit lettischen Fräuleins herum, die sich mit hellen Kleidchen und weißen Hüten herausgeputzt haben. Sie genießen das Leben, scherzen, lachen und flirten.
Meine Seele ist von Kummer und Trauer erfüllt. Ich besteige eine Straßenbahn. In ihr befindet sich kein einziger Jude. Vielleicht ist es uns untersagt, mit der Tram zu fahren? Bald habe ich mein Haus in der Krišjāņa Barona iela erreicht. Weil ich keinen Schlüssel habe, komme ich nicht in die Wohnung hinein, also gehe ich zum Hausmeister Koslowski hinunter, der im selben Aufgang wohnt. Seine Frau öffnet die Tür. Ohne jede Einleitung, sogar ohne sie überhaupt begrüßt zu haben, frage ich sie, ob sie etwas von meinen Schwestern weiß.
„Das letzte Mal habe ich sie ein paar Tage vor dem Einmarsch der Deutschen gesehen“, antwortet sie. „Als sie die Wohnung verließen, wollten Ihre Schwestern den Schlüssel bei uns hinterlegen, aber ich habe ihn nicht angenommen.“
„Haben sie mir nichts ausrichten lassen?“
„Nein. Sie haben auch nicht gesagt, wo sie hingehen. Aber falls sie versucht haben, nach Russland zu fliehen“, die Koslowski zögert kurz, „dann wurden sie wahrscheinlich festgenommen und getötet. Hier sind entsetzliche Dinge geschehen.“
„O Gott!“
Ich bringe kein Wort mehr heraus. Stehe da wie angewurzelt. Mir wird schwarz vor Augen, ich drohe ohnmächtig zu werden. Die Hauswartsfrau nimmt mich bei der Hand, führt mich in die Wohnung und setzt mich auf einen Stuhl. Als ich wieder bei Kräften bin, bieten mir Nachbarn an, bei ihnen in einem freien Zimmer zu übernachten.
Nachdem ich am nächsten Morgen meinen Koffer bei den Hauswartsleuten untergestellt habe, gehe ich in die Stadt; vielleicht treffe ich Bekannte und kann die Lage klären. Doch sowie ich die Straße überquert habe, ergreifen mich zwei bewaffnete lettische Polizisten mit rot-weiß-roten10 Armbinden.
„In der Falle, Vögelchen!“, ruft der eine aus. „Bringen wir sie weg!“
„Was soll ich denn für ein Vögelchen sein?“, frage ich unwillkürlich, verblüfft von dem unerwarteten Zugriff. „Sie werden mich wohl mit jemandem verwechselt haben.“
„Red’ nicht so viel und beweg’ dich!“, herrscht mich der zweite Polizist an.
Sie zerren mich an den Armen durch die Straße, als drohte ich zu fliehen. Wir erreichen die Präfektur. Die Polizisten bringen mich in einen Keller, erst dann lassen sie mich los. In dem Raum befinden sich bereits zahlreiche Festgenommene – Männer und Frauen, junge und alte.
Ich bitte die Wachleute, rasch nach Hause laufen zu dürfen, um das Allernotwendigste zu holen – ich hatte nichts am Leib als ein dünnes Kleidchen. Meine Worte treffen auf taube Ohren, niemand wird hinausgelassen – nicht einmal Mütter, deren Säuglinge zu Hause geblieben sind: Die Frauen weinen und flehen, sie nur für einen Moment hinauszulassen, damit sie jemanden beauftragen können, die Kinder zu beaufsichtigen und zu füttern. Nichts vermag die harten Herzen der Polizisten zu erweichen – weder Worte noch Tränen …
In der Präfektur berichten mir Rigaer Juden von den Gräueltaten der Nazis in den ersten Tagen der Okkupation: Tausende von Frauen und Männern seien auf den Straßen aufgegriffen oder bei der Arbeit oder zu Hause festgenommen und ins Zentralgefängnis oder andere Gefängnisse gebracht worden. Die meisten Verhaftungen seien in der Nacht vorgenommen worden, wobei die Täter die Menschen ohne Bekleidung, im bloßen Nachthemd aus den Betten holten …
Insbesondere sei die jüdische Intelligenz in den Fokus geraten: Ingenieure, Juristen, Ärzte, Architekten, die Leiter von Produktions- und Handelsunternehmen. Sobald die Nazis jemanden dieser Berufsgruppen erkannten, holten sie ihn aus der Menge der Festgenommen heraus und erschossen ihn auf der Stelle.
Tausende von Juden, darunter auf den Straßen aufgegriffene Kinder, zwangen sie, die Ermordeten fortzuschaffen und zu begraben sowie Straßen und Gebäude zu reinigen. Vielen wurde befohlen, sinnlose Arbeiten zu verrichten, um die nationalsozialistischen Täter zu belustigen und ihre Opfer zu erniedrigen. Die Zwangsarbeit dauerte vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit, und die Menschen mussten in der glühenden Sonne ohne Essen und Trinken arbeiten.
Nur ein Teil der zum Arbeiten Gezwungenen durfte nachts nach Hause zurückkehren. Sie erhielten aber den Befehl unter Androhung von Strafe, morgens wieder auf der Präfektur zu erscheinen, um dort für weitere Arbeiten eingeteilt zu werden. Die meisten aber wurden nach der Arbeit wieder direkt zur Präfektur gebracht, wo sie, ohnehin schon völlig erschöpft, auch noch die Nacht in unerträglicher Enge und stickiger Luft auf dem Boden hockend zubringen mussten und im Morgengrauen erneut zu schwer Sklavenarbeit genötigt wurden.
Gleich in den ersten Tagen nach der Besetzung seien Hunderte von Juden zur Präfektur gebracht und gefoltert worden. Greise mit langen Bärten zwang man, Tallit und Tefillin anzulegen und sowjetische Lieder zu singen und dazu zu tanzen. Bei Weigerung drohte man ihnen mit Erschießung. Mädchen und junge Frauen wurden gezwungen, sich vor ihren Verwandten und Bekannten nackt auszuziehen und unzüchtige Geschlechtsakte zu vollziehen, viele wurden von den Selbstschutzleuten vergewaltigt. Durch das Erlittene verloren einige den Verstand.
Manche Opfer zwang man auch, in mörderischem Tempo unter Knüppelschlägen eine Treppe hinauf und hinunter zu rennen, bis sie, besonders Ältere und Kranke, tot zusammenbrachen.
Bestialisch gepeinigt wurden insbesondere diejenigen, die in die Folterkammern der lettischen Faschistenorganisation Pērkonkrusts in der Valdemāra iela 19 gerieten. Die Pērkonkrustler taten sich in besonderem Maße durch antisemitische Hetze hervor, sie waren die aktivsten Mörder bei den Massenvernichtungsaktionen und begingen als Erste Raubzüge in den Wohnungen ihrer Opfer.
Entsetzen packt mich, als ich von der unfassbaren Barbarei der Deutschen und ihrer Handlanger erfahre. Mir wird erzählt, dass vor einigen Tagen eine ganze Gruppe jüdischer Frauen nach der Arbeit auf einem offenen Feld lediglich deshalb erschossen wurde, weil sie „schlecht“ gearbeitet hätten.
Ob das vielleicht eine Falle ist? Vielleicht wurden wir hergebracht, damit sie morgen wieder jemanden zum Erschießen haben? Was soll ich tun? Ich beginne, eine Lücke zu suchen, durch die ich entkommen könnte, doch vergeblich, alle Türen sind verriegelt und bewacht.
Mehrere Stunden vergehen unter zermürbendem Warten. Dann wird die Tür geöffnet, ein Polizist tritt ein und verkündet: Zwölf Frauen werden zum Arbeiten aufs Land gebracht. Er beginnt mit der Selektion, und auch ich werde ausgewählt. Auch auf ein gebrechliches und gebeugtes Mütterchen fällt die Wahl. Die Angst steigt. Es heißt, dass die alten Leute gar nicht erst zur Arbeit gebracht werden, sondern gleich zu den Gruben.
Der Schutzmann11 befiehlt, uns in einer Kolonne aufzustellen. Wir werden über die Daugava zum Bahnhof Zasulauks gebracht. Ein Güterzug fährt ein. Uns wird befohlen, einzusteigen, und die Waggontüren werden verriegelt. Nach etwa einer Stunde hält der Zug, die Türen werden geöffnet, und wir müssen uns in Reih und Glied aufstellen. Wir sind von Polizisten umzingelt, unsere Namen werden auf irgendeiner Liste eingetragen. Das ist ein gutes Zeichen – also sind wir nicht zur Erschießung hergebracht worden.
Als ich mich umsehe, erkenne ich die Gegend, wir befinden uns in Jelgava, wo ich viele Bekannte hatte: Vielleicht entdecke ich ja ein bekanntes Gesicht. Doch in der Stadt sieht man nur ganz wenige Zivilisten, es kommen uns fast ausschließlich deutsche Soldaten und Polizisten entgegen. Dann sehe ich einen Konvoi von Einheimischen, offenbar festgenommene kommunistische Aktivisten. Sie wirken erschöpft und gequält, ihr Anblick ist mitleiderweckend.
Nach der Registrierung befiehlt ein Polizist, uns in Bewegung zu setzen. Übernächtigt schleppen wir uns die staubige Straße entlang. Einige Frauen sind schon völlig entkräftet. Hinter einem Wald geht prachtvoll die Sonne unter. Wohin wir marschieren, wissen wir nicht.
Nach einem Marsch von etwa zehn Kilometern gelangen wir endlich an einen Einsiedlerhof wohlhabender Bauern. Es ist bereits später Abend. Aus dem Haus kommt uns der Wirt entgegen, ein Lette in mittleren Jahren. Nachdem er mit dem Aufseher etwas besprochen hat, weist er uns einen Platz im Stall auf dem Heuboden an, wo wir übernachten sollen.
Erschöpft von dem langen Marsch und verängstigt von allem Erlebten, kriechen wir hinauf. Die meisten von uns haben seit über vierundzwanzig Stunden nichts gegessen, der Durst ist quälend, und wir haben Angst. Was erwartet uns?
Eine Lage Heu bedeckt den Boden. Es gibt nichts, womit man sich zudecken kann. Wir sammeln das Stroh zu einem Häufchen zusammen, lassen uns eng zusammengezwängt irgendwie darauf nieder und fallen vor enormer Erschöpfung bald alle in Schlaf. Noch vor Sonnenaufgang werden wir mit einem lauten Anschnauzer geweckt:
„Aufstehen, Zeit zum Arbeiten!“
Wir krabbeln hinunter, wo uns der Aufseher schon erwartet und zu einer Küche bringt. Endlich gibt man uns zu essen. Wir erfahren, dass wir ein Zuckerrübenfeld jäten müssen.
Das riesige Feld ist von Unkraut überwuchert, die Blätter der Rüben sind kaum noch zu erkennen. Der Boden ist lehmig und hart, es ist schwer, das Unkraut herauszuziehen. Für uns Städterinnen, die wir an solche Arbeit nicht gewöhnt sind, zu schwer und anstrengend. Bald haben alle blutige und schwielige Hände. Der Aufseher überprüft häufig, ob wir auch schnell genug arbeiten.
Jeden Tag teilt er uns ein bestimmtes Stück von dem Feld zu – das Pensum, welches wir zu schaffen haben – und schärft uns mit Nachdruck ein, dass wir, wenn wir schlecht arbeiten, erschossen werden. Uns ist klar, dass er seine Drohungen jederzeit wahr machen kann, und wir bemühen uns, alles zu seiner Zufriedenheit zu machen – wir arbeiten so gut wir können, wenn auch mit letzter Kraft. Als wir mit den Äckern des einen Bauern fertig sind, werden wir zu einem anderen Bauern gebracht. Die Arbeit ist dieselbe.
Unser Arbeitstag dauert von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Weder uns noch unsere einzigen verschwitzten Kleider, die wir am Leibe tragen, dürfen wir waschen. Schmutz und Schweiß haben sich in den Körper eingefressen, die Haut juckt, und es tauchen schon Läuse auf. Auch die Haare können wir uns nicht kämmen – weder haben wir einen Kamm, noch wird uns eine Arbeitspause gewährt. Zumindest werden wir verköstigt.
Manchmal sind die Nächte frostig. Dann drängen wir uns eng aneinander, doch auch das hilft nicht – es ist derart kalt, dass man nicht einschlafen kann. Die Schinderei und die unmenschlichen Verhältnisse, die glühende Sonne auf dem offenen Feld und die kalten Nächte bewirken das ihrige – wir sind entkräftet und Krankheiten breiten sich aus.
Unser altes Mütterchen wird auf dem Acker plötzlich ohnmächtig. Wir ziehen sie in den Schatten, legen sie ins Gras, verdecken sie, damit sie vom Aufseher nicht bemerkt wird, und versuchen, sie mit kaltem Wasser wieder zu sich zu bringen.
Am nächsten Tag bekommt ein junges Mädchen einen Sonnenstich. Sie hat unerträgliche Kopfschmerzen, muss sich ununterbrochen übergeben, und wir befürchten, dass sie stirbt. Es gelingt uns aber, den Aufseher zu überreden, dass er uns erlaubt, sie in den Schatten zu legen und ihr zu helfen – natürlich nur unter der Bedingung, dass wir übrigen Frauen das Pensum der Kranken übernehmen.
Einmal wurde auch mir beim Arbeiten schlecht und schwarz vor Augen, mir wurde schwindelig vor Schmerzen und ich bekam Nasenbluten. Ich drückte die Nase mit der Hand zu, brachte die Blutung mit einem in kaltes Wasser getauchten Lappen zum Stillstand, sammelte mich ein wenig und ging weiterjäten. Sich hinlegen oder ausruhen darf man nicht, dafür kann man mit dem Leben bezahlen. So ziehen sich die Tage dahin.
Einmal fährt ein fremder Aufseher auf dem Fahrrad an uns vorbei. Als er jüdische Frauen auf dem Feld arbeiten sieht, wird er hysterisch. „Wo kommen diese Jüdinnen her? Wer hat sie hergebracht? Wer ist der Verantwortliche?!“, poltert er und richtet die Waffe auf uns. „Ich!“, ruft unser Aufseher und eilt mit seinen Papieren auf ihn zu.
Nach einem scharfen Wortwechsel ist es „unserem Verteidiger“ gelungen, den Fremden zu überzeugen, dass er der bevollmächtige Aufseher dieser Gruppe Jüdinnen sei. Der zornige Radfahrer fährt unzufrieden weiter. Unsere Bäuerin sagte später: Wenn unser Aufseher nicht in der Nähe gewesen wäre oder seine von der Präfektur ausgestellte Vollmacht nicht hätte vorweisen können, dann wären wir alle wahrscheinlich auf der Stelle erschossen worden.
Nach diesem Zwischenfall sprach es sich in der Gegend herum, dass auf den Feldern Jüdinnen aus der Stadt arbeiten. Da sie uns nicht einfach erschießen konnten, lauerten die örtlichen Speichellecker der Nazis auf Gelegenheiten, uns erniedrigen zu können. Rudelweise versammelten sie sich vor dem Stall, in dem wir übernachteten, schossen in die Luft, randalierten und grölten herum, als hätten sie den Verstand verloren. Das belastete unsere ohnehin schon angeschlagene Gesundheit und die angespannten Nerven noch zusätzlich.
In unserer Gruppe gab es eine Lehrerin, die alle Hoffnung aufgegeben und die Beherrschung verloren hatte, und die wieder und wieder sagte, dass man uns hier halb zu Tode schinden und danach abschlachten würde, und dass es besser sei, dem gleich selber ein Ende zu machen. Ich hielt dagegen und versuchte, die Übrigen zu beruhigen, insbesondere die Geschwächten, indem ich darauf hinwies, dass zurzeit die Arbeit unsere Rettung sei, sie helfe uns, über unsere unglückliche Lage hinwegzukommen, und dass wir nach Hause zurückkehren würden.
Die Lehrerin war beleidigt und redete nicht mehr mit mir, weil es mir gelungen war, die Frauen zu überzeugen. Auch mit einem achtzehnjährigen Mädchen aus Krāslava stritt ich mich; sie drückte sich systematisch vor der Arbeit und versteckte sich im hohen Gras, um zu schlafen. Das machte mich so zornig, wo doch unser greises Mütterchen jätete, ohne auch nur einmal aufzublicken. Alle waren über dieses Verhalten empört, aber niemand wollte sich mit ihr anlegen. Darum beschloss ich, ihre Taktik zu durchkreuzen, und bat den Aufseher, er möge jeder Einzelnen von uns einen bestimmten Abschnitt zu jäten zuweisen. Er war einverstanden. So war denn auch die junge Frau gezwungen, zu arbeiten wie alle anderen.
Inzwischen ging mir die Arbeit ganz gut von der Hand, ich jätete schnell und ordentlich. Nachdem ich mit dem eigenen Pensum fertig war, half ich dem Großmütterchen und auch dann hatte ich noch Zeit übrig. Denjenigen, die ihr Pensum erledigt hatten, erlaubte der Aufseher, zu einem Flüsschen hinunterzugehen, um uns und unsere Kleider zu waschen, die wir dann am Leibe trocknen ließen. So arbeiteten wir etwa sechs Wochen lang, bis wir sämtliche Rübenfelder der Umgebung fertig gejätet hatten.
Am Tag, an dem wir die Arbeit beendeten, teilte uns der Aufseher mit, dass eine neue Anordnung ergangen sei: Alle Juden müssten einen sechsstrahligen gelben Davidstern tragen, der gut sichtbar an der Kleidung angenäht ist.
Da wir keinen gelben Stoff hatten, befestigen wir Kartonsterne an unseren Kleidern. Als wir uns zum ersten Mal die gelben Brandmarkungen der „minderwertigen Rasse“ anstecken, brechen manche in Tränen aus, auch die Lehrerin fällt sofort über mich her:
„Ich hab’s doch gesagt, dass uns so oder so ein furchtbarer Tod erwartet. Wozu mussten wir uns für die noch abschuften, bevor wir eine Kugel in den Kopf bekommen?“
Der Aufseher bringt die Frauengruppe zum Fluss12, wo ein kleiner Flussdampfer auf uns wartet.
„Ihr werdet schon sehen“, ereiferte die Lehrerin sich wieder, „sie bringen uns hin, wo es niemand sieht, und ersäufen uns!“ „Hört nicht auf sie, nur keine Panik, das wird nicht geschehen“, unterbreche ich die Lehrerin, „wir haben doch gut gearbeitet. Wir werden nach Hause zurückkehren.“
Nachdem er ein paar Worte mit dem Steuermann gewechselt hat, befiehlt uns der Aufseher, den Dampfer zu besteigen. Sobald wir uns alle hingesetzt haben, legt das Schiffchen ab.
„Wo werden wir hingebracht?“, fragen die zu Tode geängstigten Frauen eine nach der anderen den Aufseher.
Er weicht einer Antwort aus. Bedrückt sitzen wir da und ängstigen uns, dass jeden Augenblick etwas Schreckliches passieren kann. Aber das Schiffchen fährt und fährt, der Motor brummt monoton, bis schließlich in der Ferne die bekannten Türme von Riga auftauchen. In diesem Moment erfasst uns eine so große Freude, als ob es in dieser Stadt keine Nazis mehr geben würde. Der Dampfer legt an, der Aufseher sagt, dass wir nach Hause gehen können. Vor Glück fallen wir einander um den Hals, selbst die Lehrerin ist wie neugeboren – sie weint vor Freude, es scheint, als könne sie den Worten des Aufsehers immer noch nicht glauben. Herzlich verabschieden wir uns voneinander und gehen auseinander.
Ich gehe wieder zu meiner Wohnung – in der Hoffnung, meine Schwestern dort anzutreffen oder zumindest irgendein Zeichen oder einen Hinweis, aus denen sich schlussfolgern ließe, ob sie tatsächlich wegfahren und fliehen konnten. Mit diesen Gedanken erreiche ich meine Wohnung, doch an der Tür ist eine Bekanntmachung mit der Überschrift „Beschlagnahmt“ befestigt.
Heißt das, dass meine Wohnung und meine Habe jetzt den Deutschen gehören? Was tun? Ich nehme allen Mut zusammen und gehe auf die Präfektur. Dort wende ich mich forsch an den Diensthabenden mit der Armbinde. Ich erkläre ihm, dass ich heute aus Jelgava zurückgekommen sei, wo ich zusammen mit anderen Jüdinnen anderthalb Monate zur Zufriedenheit Feldarbeit verrichtet habe, und nun käme ich nicht in meine Wohnung, weil jemand sie beschlagnahmt habe. Ich wolle nur ein paar Habseligkeiten und Kleidung holen: einen Mantel, Kleider und Handtücher; alles andere – Gebrauchsgegenstände, Möbel und die Wohnung selbst – möge ihnen überlassen bleiben. Nachdem der Diensthabende mich sorgfältig gemustert hat, beginnt er in verschiedenen Büchern herumzublättern und vergleicht die Einträge.13 Schließlich sagt er:
„Ja, tatsächlich, es stimmt alles, Sie haben gut gearbeitet. Warten Sie einen Augenblick, ich werde Sie begleiten und nachsehen, was da los ist.“
Im Unterschied zu anderen Schutzleuten erscheint mir dieser Mann mit Armbinde menschlich. Er stellt sich sogar mit Namen vor und verhält sich höflich mir gegenüber.
Ich bringe ihn bis vor meine Wohnungstür. Nachdem er sich kurz die Bekanntmachung angesehen hat, drückt er sogleich entschlossen den Klingelknopf. Die Tür wird geöffnet, und auf der Schwelle steht eine junge lettische Dame von etwa dreißig Jahren – gekleidet in mein schwarzes Kostüm (das ich als Erinnerungsstück bis auf den heutigen Tag aufgehoben habe)!
„Guten Tag, meine Dame!“, beginnt der Polizist Svipste das Gespräch.
„Krisone“, stellt sich die junge Frau vor.
„Wer hat die Beschlagnahmung an der Tür angebracht?“
„Ich!“, antwortet die Krisone.
„Mit welcher Berechtigung?“
„Einige deutsche Offiziere, meine Freunde … Sie haben gesagt, dass ich hier wohnen kann. Übrigens, ich bin jetzt auch die Verwalterin dieses Hauses.“
„Gibt es einen Grund für die Großzügigkeit der deutschen Offiziere Ihnen gegenüber?“
„Nun, ich bin ihnen hier und da, sagen wir, ein bisschen gefällig.“
Auf dem Gesicht des Polizisten zeigt sich ein Grinsen.
„Sie haben gesetzeswidrig gehandelt, Frau Krisone, und sich eigenmächtig etwas angeeignet, was Ihnen nicht gehört. Können Sie denn eine Genehmigung vorweisen?“
„Nein.“
Ich nutze die peinliche Situation aus und mische mich in das Gespräch.
„Übrigens, das Kostüm, das sie trägt, gehört mir.“
Die Krisone errötet und wird verlegen wie ein aufgeschrecktes Vögelchen.
„Treten wir ein und schauen uns um!“, bittet Svipste mich in die Wohnung.
Die Krisone ist eine ziemlich schlechte Hausfrau. Noch nie war meine Wohnung derart verludert – leere Flaschen, benutzte Gläser, Geschirr mit Essensresten, Zigarettenstummel auf Sofa und Parkett … Offenbar hat hier nicht nur eine feucht-fröhliche Feier stattgefunden.
Sarahs Schlafzimmer ist mit Kleiderschachteln, Pelzen und Schuhen vollgestopft.
„Das sind nicht unsere Sachen“, erkläre ich dem Polizisten.
Die stammen wahrscheinlich aus anderen Wohnungen von Juden. In Svipstes Augen taucht ein Fünkchen Habgier auf. Für einen Augenblick sehen sich die beiden Kontrahenten an: Svipste voller Neid und Gier, die Krisone hingegen voll Angst und Hass.
„Frau Krisone, Sie müssen diese Wohnung noch heute verlassen! Rühren Sie nichts an, was nicht Ihnen gehört, und geben Sie auf der Stelle das schwarze Kostüm seiner Eigentümerin zurück!“, so die entschiedene Anweisung.
Svipste gestattet mir, in der Wohnung zu bleiben. Er fügt hinzu, er würde bald jemanden herschicken, um alle fremden Sachen abzuholen. Ich danke ihm, habe jedoch Angst, in meiner Wohnung zu bleiben – man kann ja nicht wissen, was die Verwalterin alles anstellen kann. Schnell packe ich eine Tasche: etwas Wäsche, ein paar Kleider, den Mantel, ja, auch mein schwarzes Kostüm, und verlasse die Wohnung, ohne mit ihr noch ein einziges Wort zu wechseln.
Bevor ich das Haus verlasse, schaue ich noch beim Hauswart vorbei. Als die Koslowskis mich erblicken, werden sie überaus verlegen. Die Hauswartsfrau erblasst, dann errötet sie … Es scheint, als würde sie ein Gespenst sehen – Schweißperlen treten ihnen auf die Stirn.
„Ich habe nichts damit zu tun! Mein Mann … Ihm wurde befohlen … So ist das Gesetz. Sie haben sogar deinen Koffer mitgenommen!“, rechtfertigt sie sich.
Wir wissen beide, dass sie lügt. Trotzdem fährt sie fort:
„Deine Sachen sind nicht bei uns. Die Krisone, diese Schlampe, die sich in deiner Wohnung breitgemacht hat …“
Die Koslowska holt Luft und wechselt erleichtert das Thema:
„Sie hat sämtliche jüdischen Wohnungen im Haus ausgeraubt. Sie veranstaltet Feiern und führt ein wüstes Leben, alle Nachbarn beschweren sich. Warum bekommt die Krisone all die guten Sachen, und wir nur irgendwelchen Krempel?“
„Das wissen Sie selber am besten!“, antworte ich, schlage die Tür hinter mir zu und verlasse das Haus.
‚Wohin soll ich jetzt gehen? Wer könnte mich wohl aufnehmen? Ich werde zu Sonja Bobrowa gehen‘, überlege ich, ‚sie ist eine gute Freundin und wird mich nicht wegschicken.‘
Sonja Bobrowa wohnt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Bruņinieku iela auf Höhe der Kreuzung Avotu iela.14 Als sie mich sieht, freut sie sich wirklich von Herzen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich fange an zu weinen, Sonja beruhigt mich. Ich berichte von meinen Sorgen und Nöten, erzähle alles, was ich erlebt habe. Sonja fühlt mit mir und wischt sich hin und wieder eine Träne ab.
Später bereitet sie mir ein Bad. Nach langer Zeit kann ich endlich meine langen Haare kämmen. Ich lebe regelrecht auf. Das Kleid, das ich bei der Feldarbeit getragen habe, muss weggeworfen werden – es war schon fast aufgelöst und verrottet an meinem Leib. Nach all dem Durchgemachten, den Nächten über dem Stall in ständiger Todesangst, ausgezehrt von der übermäßig schweren Arbeit, bedeutet selbst eine einzige Nacht im Warmen bei lieben, gastfreundlichen Freunden in einem bequemen Bett eine wahre Glückseligkeit für mich. Vor dem Krieg hätte ich das nicht zu schätzen gewusst.
Doch meine beschwingte Stimmung verfliegt schon bald, als ich Sonja bitte, mir zu erzählen, was in Riga während meiner Abwesenheit vorgefallen ist. Ich will wissen, wie die Lage für die Juden ist, was wir zu erwarten haben. Sie empfiehlt mir, mich lieber zu erholen und das Gespräch auf den nächsten Tag zu verschieben, doch ich gebe nicht nach.
„Es gibt nur Schreckliches zu berichten“, beginnt Sonja. „Fast alle Synagogen sind geschändet und zerstört. Du kennst doch die große Choral-Synagoge in der Gogoļa iela.15 Sie existiert nicht mehr. Ein solches Baudenkmal! So viele alte Kunstschätze wurden in dieser Synagoge aufbewahrt! Nichts ist übrig geblieben … Das Gebäude und der Innenhof waren voller Menschen – Männer, Frauen, Kinder, alte und junge Leute … Flüchtlinge aus Litauen. Weiter als bis nach Riga sind sie nicht gekommen. Sie fanden Zuflucht in der Synagoge, doch dann … Eines Tages haben die Pērkonkrustler16 das Gotteshaus umzingelt, aus dem Hof, von der Straße und aus den umliegenden Häusern Juden hineingetrieben, rundherum Bretter und Stroh aufgestapelt und sie in Brand gesteckt. Meine Freunde, die das Ganze gesehen haben, berichteten von unmenschlichen und herzzerreißenden Schreien. Auf alle, die versuchten, aus den Fenstern zu springen, wurde sofort geschossen.
Dasselbe machten sie mit der Synagoge in der Stabu iela 63. Sie warteten, bis der beliebte Rabbi Kilow hingebracht wurde, trieben ihn in den Tempel zu seinen Gemeindemitgliedern und setzten das Gotteshaus in Brand.
Auch in die alte Synagoge in der Maskavas iela wurden die Juden aus den umliegenden Häusern zusammengetrieben. Als im Gebäude kein Platz mehr war, zwangen sie Juden, indem sie ihnen mit Erschießung drohten, Bretter und Stroh um die Synagoge zu legen, Petroleum darüberzuschütten und alles in Brand zu stecken. Als der Tempel in Flammen stand, haben die Pērkonkrustler auch sie erschossen. Mein Gott, wird das jemals jemand erfahren und diese furchtbaren Ereignisse ins Buch der Geschichte schreiben – die Flammen, die Schüsse und die Schreie, die sich mit dem Gelächter der betrunkenen Mörder vermischten?“
Sie erzählt, dass auch andere jüdische Heiligtümer in Riga ein ähnliches Schicksal ereilte – auf beiden jüdischen Friedhöfen wurden die Gebetshäuser niedergebrannt.
Auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Šmerlikamen in den Räumen, die für die Totenwäsche vorgesehen waren, kamen die Chewra-Kadischa17-Mitarbeiter und ihre Familien in den Flammen ums Leben.
Auch auf dem Alten Jüdischen Friedhof in der Moskauer Vorstadt wurden sämtliche Gebäude mitsamt Dutzenden von Menschen, die in sie hineingetrieben wurden, niedergebrannt. Mich erfasst das Grauen angesichts dieser Barbarei, die an meinem Volk verübt wurde. Obwohl ich schrecklich müde bin, kann ich nicht einschlafen. Der Verstand weigert sich, das Gehörte zu akzeptieren. Das, was die Menschen vor ihrem qualvollen Tod erleiden mussten, übersteigt alles Vorstellbare.
Ich erfahre, dass es den Juden außerhalb Rigas nicht besser ergeht. Auch wenn die Nachrichten über das, was in Kleinstädten und Dörfern vor sich geht, noch bruchstückhaft und unzusammenhängend übermittelt werden, ist bekannt, dass die Juden dort auf Befehl der SS-Leute und von den einheimischen Handlangern der Nazis durchgeführten Massenermordungen vollständig vernichtet wurden. Lediglich in den größeren Städten wie Liepāja18 und Daugavpils19 sollen noch einige wenige Juden übrig geblieben sein, ebenso dass die Ortsschilder von Tukums, Jelgava, Bauska und anderen Städten bereits mit dem Zusatz „judenrein“20 versehen wurden.
Schon in den ersten Tagen der NS-Okkupation hatte sich zwischen den Juden und der sie umgebenden Welt eine Wand der Entfremdung und Isolation gebildet. Juden durften ihre Wohnorte nicht verlassen. Ariern wurde jeglicher Kontakt zu Juden untersagt. Jede Berührung zwischen Letten und Juden wurde vermieden und so erfuhren die Juden nichts.
Insofern ist es sehr schwer herauszufinden, was in der näheren Umgegend von Riga vor sich geht, ganz zu schweigen von weiter entfernten Orten. Einige Juden, die von der Zwangsarbeit in anderen lettischen Städten zurückgebracht wurden und wussten, was in den Kleinstädten und Dörfern vor sich ging, sprachen jedoch nicht darüber – entweder um nicht noch weitere Trauernachrichten zu überbringen, von denen es Riga schon mehr als genug gab, oder um nicht Panik zu verbreiten. Weshalb wurden in der Provinz sämtliche Juden ermordet, in Riga hingegen nur ein Teil? Vielleicht waren sie Opfer derselben Massakerwelle, die in den ersten Julitagen auch mehrere Tausend Rigaer Juden fortgerissen hat? Oder aber … Man darf gar nicht daran denken! Erwartet uns wirklich auch ihr furchtbares Schicksal?
Ghetto
Ende August leuchtete für die Rigaer Juden am finsteren Himmel ein kleiner Hoffnungsstrahl auf – aus dem Zentralgefängnis wurden mehrere Dutzend jüdischer Ärzte und Handwerker entlassen, die unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen verhaftet worden waren. Man wollte so gern hoffen, dass auch Tausende anderer Inhaftierter noch am Leben waren und nach Hause zurückkehren würden.
Doch das, was die wenigen Überlebenden und aus dem Gefängnis Entlassene berichteten, gab leider keinen Anlass für Hoffnungen. Die Gefangenen waren ohne Unterbrechung in großen Gruppen aus dem Zentralgefängnis weggebracht worden, aber keiner von ihnen wurde jemals wiedergesehen. Später erfuhr man durch die Einwohner der Gegend um den Wald von Biķernieki von ihrem Schicksal – den ganzen Juli über seien Lastwagen voller Menschen an ihren Häusern vorbeigefahren, und aus dem Wald seien ununterbrochen Schüsse zu hören gewesen. Bei der Rückfahrt seien die Lastwagen leer gewesen. Danach zweifelte niemand mehr daran, dass die Nazis sie dort im Wald von Biķernieki ermordet hatten.21
Doch was hatte es zu bedeuten, dass Schneider, Schuhmacher und andere Handwerker freigelassen werden? Vielleicht benötigen die Deutschen sie in ihren Armeewerkstätten? Aber die Ärzte? Jüdischen Ärzten ist es doch untersagt, Arier medizinisch zu behandeln und umgekehrt.
Verschiedene Theorien gingen herum. Vielleicht gestatteten die Nazis aus Furcht vor dem Ausbruch von Epidemien unter den Juden, die keinen Zugang mehr zu Krankenhäusern und anderer medizinischer Versorgung hatten, die Einrichtung einer kleinen Ambulanz für Juden am südlichen Ende des Ghettos an der Ecke Maskavas und Līvānu iela?
Alle Maßnahmen zur Isolierung der Juden von der „arischen“ Welt werden mithilfe der sogenannten Judenräte durchgeführt, die vermeintlich als Selbstverwaltungsinstanzen gebildet wurden.22 Um das Los der terrorisierten Juden zu erleichtern, wenden sich einige Mitglieder des Judenrates an die deutschen Behörden; bald jedoch stellt sich heraus, dass schon die Idee der Bildung eines Judenrates selbst eine insgesamt betrügerische Scheinaktion war, die nur dazu dient, die Vernichtung der Todgeweihten besser zu organisieren.
Am nächsten Tag nehme ich allen Mut zusammen, noch einmal in meine Wohnung zu gehen. Es ist ein beklemmendes Gefühl. Die Juden, die unterwegs sind, gehen mit auf Brust und Rücken aufgenähten Sternen auf der Fahrbahn. Wie gewohnt benutze ich den Gehsteig. Ein Jude hält mich an und belehrt mich:
„Sie sind wahrscheinlich gerade erst in Riga eingetroffen und wissen noch nicht, dass es uns Juden schon lange untersagt ist, den Gehsteig zu benutzen. Nehmen Sie sich in Acht, jemand könnte Sie sehen und melden! Dafür droht die härteste Bestrafung!“
Ich verlasse den Fußweg und sehe mich vorsichtig um. Die Juden gehen auf dem Kopfsteinpflaster, genauer gesagt, im Rinnstein zwischen Fahrbahn und Gehweg, um nicht unter die Räder von Fuhrwerken oder Automobilen zu geraten. Es ist gefährlich und erniedrigend und vermittelt den Ariern unmissverständlich, dass sie im neuen Europa über der „minderwertigen Rasse“ stehen.
Gebrandmarkt mit dem gelben Zeichen, das wie ein Herbstblatt an ihnen haftet, schreiten die Juden getrennt von den anderen in einer langen Reihe wie im Gänsemarsch dahin. Als ich dieses Bild zum ersten Mal erblicke, muss ich unwillkürlich lächeln, obwohl die Situation todtraurig ist.
Ich stehe vor meiner Wohnungstür und horche – alles ist still. Ich klingele. Die Verwalterin Krisone öffnet, übergibt mir entsprechend der Order von Polizist Svipste den Schlüssel und verlässt die Wohnung.
Ich beginne, meine Habe durchzusehen, und versuche herauszufinden, was mit meinen Schwestern geschehen sein könnte. In den Schränken finde ich Kleider von Sarah und Nechama, die sie beim Verlassen des Landes mit Sicherheit mitgenommen hätten. In der Wohnung herrscht große Unordnung, alles ist schmutzig und stinkt. Unsere besten Sachen und auch die Kisten mit der gestohlenen Kleidung in Sarahs Zimmer sind weggeschafft worden.
Ich habe Angst, mich länger dort aufzuhalten, und überlege, zu welcher meiner lettischen Bekannten ich gehen könnte, um ihnen meine Sachen anzubieten. Die Gedanken bleiben bei Frau Mežule stehen – ich kenne sie gut, sie ist eine meiner Vorkriegskundinnen. Ich beschließe, zu ihr zu gehen.
Als ich ankomme, begrüßt sie mich herzlich, und ich berichte ihr meinen Kummer. Ich zeige ihr Muster von Kleiderstoffen, sie müsse nur zur Krisone gehen und sich als meine Kundin ausgeben, die ihre Stoffe abholen wolle. Nachdem sie sich für Stoffart und -farbe entschieden hat, geht Frau Mežule zur Verwalterin und erhält das Geforderte auch.
Nach einer Weile will ich noch mal in meine Wohnung gehen, klingele zuerst aber an der gegenüberliegenden Wohnungstür bei Frau Lamberte23. Als sie mich erblickt, wird sie ganz aufgeregt und berichtet, dass es in der vergangenen Nacht hier ein fürchterliches Spektakel gegeben habe – man hätte mich gesucht. Gegen meine Wohnungstür sei so laut gehämmert worden, dass alle Nachbarn wach geworden seien und sie im Treppenhaus nachgesehen habe, was da los ist. Vor der Tür hätten zwei „Bebänderte“ gestanden und sie angeschnauzt, sie solle augenblicklich verschwinden, sonst würden sie schießen. Am Morgen habe sich herausgestellt, dass es sich um die Brüder der Verwalterin gehandelt habe, zwei freiwillige Handlanger der Nazis – Pērkonkrustler. Sie waren gekommen, um mich zu verhaften, angeblich als Kommunistin. Die Krisone habe später mit ihren prominenten Verwandten geprahlt und dem Status, den ihre Brüder unter dem neuen Regime innehätten.
„Sie haben Glück gehabt“, beendet die mitfühlende Nachbarin ihren Bericht, „dass Sie nicht zu Hause übernachtet haben – diese Bestien hätten Sie nicht am Leben gelassen.“
Mir ist nun klar, dass ich mich hier nicht mehr blicken lassen darf.
Ein nächster Erlass ordnete an, dass alle arbeitsfähigen Juden arbeiten müssen. Ich muss also schleunigst Arbeit finden. Sonja Bobrowa vermittelt mich als Dienstmagd an einen deutschen Offizier, der sich in der ehemaligen Wohnung ihres Bruders Dāvids in der Elizabetes iela Ecke Jumaras iela24 mit seinem Adjutanten einquartiert hatte. Sonjas Bruder Dāvids wurde in den ersten Tagen der Okkupation festgenommen und erschossen, seine Frau Šeina hingegen schaffte es, zusammen mit dem Kind, dem kleinen Ābrams, das Land zu verlassen. So war von der ganzen Familie nur noch Sonjas alte Mutter Estere in der Wohnung zurückgeblieben.25
Zu meinen Pflichten gehört es, die Wohnung des Offiziers sauber zu halten, die Wäsche zu waschen und andere Hausarbeiten zu verrichten. Am Anfang war das nicht so einfach, weil ich mich erst an die Pedanterie und Gepflogenheiten der Deutschen gewöhnen musste. Der Adjutant brachte mir aber bei, alles nach deutscher Art und Weise zu verrichten. Wie alle anderen Juden auch, erhielt ich für meine Arbeit weder Lohn noch Brot. Und trotzdem konnten mich viele um meine neue Arbeitsstelle beneiden, beispielsweise diejenigen, die den ganzen Tag unter freiem Himmel Reparaturarbeiten machen oder Schutt wegräumen mussten, oder auch die vielen Juden, die in verschiedenen deutschen Militäreinrichtungen schwere Zuchthausarbeit leisten mussten.
Als ich einmal von der Arbeit heimging, kam mir ein Junge in Schuluniform entgegen. Er kam näher und trat mir plötzlich so kräftig in den Unterleib, dass ich zu Boden aufs Pflaster fiel. Ich fing an zu weinen – nicht so sehr aus körperlichem Schmerz als wegen der erlittenen Erniedrigung. Nachdem ich wieder aufgestanden war, wandte ich mich an einen Polizisten, der an der Straßenecke stand, um mich zu beschweren.
„War er ein Jude oder ein Nichtjude?“, erkundigte sich der Polizist, offenbar gewillt, mich in Schutz zu nehmen.
„Das ist doch einerlei, er ist ein Rabauke. Schauen Sie, dort ist er, dieser Junge da in Schuluniform“, rief ich entrüstet aus.
Der Polizist lachte auf und erklärte:
„Er kann mit dir machen, was er will – dir ins Gesicht spucken, dich erwürgen, das ist sein Recht. Er ist hier der Herr!“
Mich packte das Entsetzen. In seinen Augen war ich weniger als ein Hund – ein Insekt, das jeder ohne jede Konsequenzen einfach zertreten konnte.
Mein Arbeitgeber, der Offizier, führt ein gutes Leben. Jeden Tag kommen lettische Fräuleins zu ihm. Sie schließen sich ein, lachen und vergnügen sich.
Eines Morgens, als ich zur Arbeit komme, treffe ich drei auffällig gekleidete junge Frauen an. Als sie mich sehen, fangen sie an zu lachen. „Die Jüdin ist zum Arbeiten gekommen? Na, heute wirst du eine Menge zu tun haben. Geh’ gleich mal zur Toilette, da wartet schon schöne Arbeit auf dich.“
Lachend schlagen die Mädels die Tür hinter sich zu. Sie hatten die Toilette absichtlich dermaßen besudelt, dass ich es nicht zu beschreiben vermag. Das alles spurlos in Ordnung zu bringen, war einfach ekelhaft. Ein derart niederträchtiges Verhalten hatte ich nie zuvor erlebt.
Eines Tages teilt mir der Offizier mit, dass ich ihn verlassen müsse, da eine neue Order ausgegeben worden sei: Alle bei Privatpersonen beschäftigten Juden sind zu entlassen. Ihm passt das gar nicht und er läuft im Zimmer auf und ab, wobei er laut überlegt:
„Schade, schade, eine sehr fleißige Frau. Hör’ mal, vielleicht bist du gar keine echte Jüdin? Vielleicht fließt ein ganz klein wenig arisches Blut in deinen Adern? Dann könnte ich erreichen, dass man dich bei mir lässt, ich würde sagen, dass du meine Geliebte bist. Du bist doch eine schöne Frau!“
„Nein, wo denken Sie hin!“ Ich schüttele den Kopf. „Ich bin durch und durch Jüdin.“
„Schade, wirklich schade, dann werden wir uns wohl trennen müssen“, wiederholt er mehrere Male.
So verlor ich meinen Arbeitsplatz und gleichzeitig auch den Passierschein für die Stadt – den sogenannten „ausveis“.26
Einige Tage später erfuhr ich, dass die Entlassung mit dem Befehl zur Zwangsumsiedlung aller Juden ins Ghetto in der Moskauer Vorstadt in Verbindung stand.27 Zu diesem Zeitpunkt wusste kaum jemand, was das Wort „Ghetto“ bedeutet. Es war ein abstrakter Begriff, obwohl niemand über etwas anderes sprach.
Sonja und ich beschlossen zusammenzubleiben. Wir gingen los, um das Ghetto in Augenschein zu nehmen und uns nach einer passenden Behausung umzusehen.
Wir sahen, dass für die Anlage des Ghettos das Gebiet von der Lāčplēša iela die Ludzas iela entlang bis hin zum Alten Jüdischen Friedhof mit einem Stacheldrahtzaun abgetrennt worden war.28 Ein düsterer und heruntergekommener Bezirk, in dem überwiegend arme Leute wohnen – russische Arbeiter und Handwerker sowie einige einheimische jüdische Familien.
Die Lebensumstände sind hier sehr viel schlechter als in anderen Rigaer Bezirken – viele Häuser haben weder fließend Wasser, noch sind sie ans Abwasser- oder Stromnetz angeschlossen – von Gas oder Zentralheizung ganz zu schweigen. Die kleinen Holzhäuser sind alt, niedrig und viele von ihnen stark heruntergekommen.
Da Juden nicht mehr in der Nachbarschaft von Nichtjuden wohnen dürfen, werden die bisherigen Einwohner der Gegend in die den Juden weggenommenen Wohnungen in „arischen“ Bezirken umgesiedelt.29
Es wird bekannt gegeben, dass im Ghetto pro Person nicht mehr als vier Quadratmeter Wohnfläche vorgesehen sind. Dreißigtausend Menschen müssen in den Gebäuden einiger weniger Häuserblocks untergebracht werden.30 Die Juden sind gezwungen, ihre gesamte Habe zurückzulassen, und dürfen nur das Allernotwendigste mitnehmen. Die Arier, die deren leere Wohnungen beziehen, sind die großen Gewinner.
Sonja und ich laufen durch die Straßen des Ghettos und entdecken ein Lebensmittelgeschäft. Aus allen Ecken von Riga sind schon viele Juden zusammengekommen. Einige stehen nach Lebensmitteln an. Dies ist das einzige Geschäft, wo Juden einkaufen dürfen. Im Laden sind viele Regale leer und die wenigen erhältlichen Lebensmittel sind von minderer Qualität. Manchen gelingt es, auf illegalem Wege von Ariern Lebensmittel zu erwerben.
In der antisemitischen Tageszeitung »Tēvija«31 wird das Warschauer Ghetto32, das bereits seit zwei Jahren existiert, als jüdisches Paradies dargestellt: Dort gebe es allen Komfort, sogar Cafés und ein Theater. Angesichts dessen, was hier vor sich geht – wie Familien und Waisen, denen alles genommen wurde, hierher umziehen müssen – sind wir der Ansicht, dass der Zeitungsartikel Hohn und Lüge ist.
Sonja Bobrowa ist verzweifelt: Sie hat eine kleine Tochter und eine schon sehr betagte Mutter – wie soll sie in derartigen Verhältnissen leben? Ich bin auch äußerst beunruhigt, Hunderte von Fragen peinigen mich, aber ich bin bemüht, meine Freundin zu beruhigen, sage, dass wir uns allmählich einrichten würden, wir werden genauso leben wie Tausende anderer Juden auch, einander helfen, arbeiten und das Beste hoffen.
Endlich haben wir eine kleine Wohnung in der Ludzas iela 37 gefunden und ziehen einige Tage später ein.33 Neben Wohnzimmer, Küche und Trockentoilette gibt es dort nur ein Schlafzimmer. Statt eines Badezimmers gibt es nur eine Spüle und einen Ofen in der Küche. Die Wohnung liegt im Erdgeschoss und hat nur ein einziges Fenster, zu dem Sonjas Mutter hinausschauen kann, um sich die Zeit zu vertreiben.
Ich raffe mich noch einmal auf und gehe in meine alte Wohnung, um ein paar Sachen zu holen. Frau Krisone ist nicht zu Hause. Ich schnappe mir ein paar Decken, Bettwäsche, ein Tischtuch, Kleidung. Meine gutherzige Nachbarin, Frau Lamberte, ermuntere ich, zu nehmen, was ihr gefällt, solange die Krisone noch nicht wieder zurück ist – Möbel, Kleidung und andere Dinge.
Die Wohnung im Ghetto ist verdreckt und voller Parasiten. Die Wände wurden seit dem Bau des Hauses nicht mehr gestrichen. Die Dielenbretter sind ungepflegt und abgetreten. In diesem ganzen Schmutz haben sich Kakerlaken, Spinnen, Flöhe und Mäuse häuslich eingerichtet. Es vergehen mehrere Tage, bis Sonja und ich die Wohnung vollständig gereinigt und von Ungeziefer befreit haben. Der Geruch von Petroleum und Putzmitteln durchzieht das Haus. Mit Vorhängen, einem Tischtuch und einigen Bildern an den Wänden gelingt es, ein Gefühl von Häuslichkeit zu erzeugen.
Schließlich haben wir uns eingerichtet. Jeden Tag verbringen wir lange Stunden damit, nach frischen Lebensmitteln anzustehen. Noch mehr Zeit erfordert es, heimlich Konserven und geräucherte oder gedörrte Lebensmittel von wohlwollend gestimmten Ariern zu erstehen. Wir zahlen den doppelten Preis, da uns das Risiko, das sie eingehen, bewusst ist.
Durch das Wohnzimmerfenster beobachte ich, wie jeden Tag Männer- und Frauen-Kolonnen unter strenger Bewachung durch Zivilisten und deutsche Soldaten aus dem Ghetto zu verschiedenen Arbeitsstellen gebracht werden.
Wir haben uns noch nicht zum Arbeiten registrieren lassen. Wir warten so lange wie möglich damit ab. Niemand erhält Lohn für die Arbeit, auch keine Lebensmittel.
Am 24. Oktober ist das Ghetto mit einem hohen doppelten Stacheldrahtzaun vollständig von der Außenwelt abgetrennt. Das zentrale Zugangstor am Anfang der Sadovņikova iela wird geschlossen, in einer neben ihm aufgestellten Bude befindet sich die Wache. Von diesem Tag an ist der freie Verkehr zwischen der „arischen“ Welt und dem Ghetto unter Todesstrafe verboten.34
Abends statten häufig betrunkene SS- und Pērkonkrusts-Leute dem Ghetto einen Besuch ab und verursachen großes Chaos. Wehe dem, der ihnen über den Weg läuft! Die Opfer werden zusammengeschlagen und häufig auch an Ort und Stelle erschossen. Oft dringen sie in Häuser ein, rauben sie aus, schlagen die Einwohner zusammen und verschleppen den einen oder anderen. Keiner von ihnen kehrt zurück.
Die Wache überprüft penibel die Kolonnen, die ins Ghetto zurückkehren. Wenn die Nazis Lebensmittel bei jemandem entdecken, werden sie ihm abgenommen, und die Schutzleute lassen einen Hagel von Schlägen auf den Schuldigen niederprasseln. Viele werden zu Tode geprügelt, andere erschossen. Die Versorgungslage wird immer schlechter, im Laden gibt es kaum noch Lebensmittel, hauptsächlich nur verfaultes Gemüse. Bislang können die Menschen noch auf ihre Vorräte zurückgreifen, die sie als sie ins Ghetto zogen noch mitbringen konnten, doch in vielen Häusern herrscht bereits Hunger.
Der Winter 1941 bricht früh an und ist streng. Es gibt kein Brennholz. So kommt zum Hunger noch fürchterliche Kälte hinzu. Die Menschen fangen an, die wenigen dort wachsenden Bäume zu fällen, und verheizen ihre Möbel, um sich aufzuwärmen.
Wie können wir weiterleben? Diese Frage quält uns alle. Doch schon sehr bald „erlösen“ die Nazis die Ghettobewohner von dieser Sorge …
Die erste Aktion
Am 28. November erteilen die deutschen Verwaltungsbehörden den Befehl zur Liquidierung des Ghettos: Frauen mit Kindern, Greise und Arbeitsunfähige würden in ein anderes Lager verlegt werden, die arbeitsfähigen Männer wiederum in einem abgesonderten Teil des Ghettos bleiben und Arbeiten in der Stadt verrichten. Gleichzeitig wird bekannt gemacht, dass sich ein jeder reisefertig zu machen habe, wobei pro Person höchstens 25 Kilogramm Gepäck und Lebensmittel mitgenommen werden dürften. Dieser Befehl kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel und verursacht Panik und Chaos. Wohin sollen bei dem strengen Winterwetter so viele Menschen gebracht werden – und obendrein fast ohne Habe? Würden die Familien die Strapazen der ungewissen Reise ohne die Hilfe der Ehemänner, großen Brüder und Väter überstehen?
Doch zum Nachdenken ist keine Zeit – morgen, am 29. November, hat man bereit zu sein, das Ghetto zu verlassen und in ein anderes Lager umgesiedelt zu werden – so lautet die Anordnung.
Im Ghetto herrscht großer Tumult. Die Menschen wimmeln umher wie Ameisen in einem Ameisenhaufen – sie beginnen, fieberhaft Bündel und Rucksäcke mit den allernotwendigsten Dingen und Lebensmitteln zu packen. Die Leute heben die Gepäckstücke an, probieren, wie es sich damit gehen lässt, schätzen ab, wie viel zu tragen ein jeder die Kraft hat. Besonders tragisch ist die Situation für Mütter, die ihre Säuglinge auf dem Arm tragen müssen.
Es war eine grauenvolle Nacht vom Freitag, dem 28. November, auf den Samstag – die letzte Nacht vor der Trennung von den nächsten Angehörigen, den Vätern, Söhnen und Brüdern. Die Menschen begriffen, dass es eine Trennung für alle Zeit sein würde. Sie vermochten weder zu essen noch zu schlafen, aber auch Gespräche wollten nicht in Gang kommen. Gegen Morgen hatte man schon keine Tränen mehr zum Weinen, und alle waren von Hoffnungslosigkeit ergriffen.
Beim ersten Morgengrauen werden die Männer, die im Ghetto bleiben sollten, an der Ecke Ludzas iela und Sadovņikova iela zusammengetrieben. Sie müssen sich in einer Kolonne aufstellen und bei der bitteren Kälte stundenlang warten. Gegen ein Uhr mittags kommt die Anordnung, alle Männer innerhalb einer halben Stunde zu kasernieren. Dabei handelt es sich um einen mit Stacheldraht abgetrennten Teil des Ghettogeländes, der später die Bezeichnung „Kleines Ghetto“ erhielt. Es ist unmöglich, das Durcheinander und das Entsetzen zu beschreiben, die diese Anordnung auslöst. Die Männer laufen zu ihren Familien, um sich zu verabschieden, um ihnen Lebensmittelpakete zu übergeben oder in Empfang zu nehmen. Aufgrund der Erfahrungen der ersten Tage der NS-Okkupation dachten die meisten von uns, alles werde vorbereitet, die arbeitsfähigen Männern zu liquidieren, weshalb sie auf jede erdenkliche Weise versuchten, ihre halbwüchsigen Söhne und jüngeren Brüder ins Große Ghetto zu schleusen – ohne zu ahnen, dass genau das ihren Tod bedeutete.
Auch in unserer Wohnung sind alle beim Packen, bitten um Rat, was man unterwegs am meisten benötigen würde, alle sind außerordentlich beunruhigt, und trotzdem bemühen wir uns, logisch zu denken: Wenn man uns an einen Ort bringt, wo wir leben sollen, dann können wir so oder so nicht alles Nötige mitnehmen, wenn man uns hingegen … dann ist gar nichts mehr nötig.
Wir beschließen, nur das Allernotwendigste mitzunehmen – möglichst viele warme Kleidungsstücke übereinander anzuziehen und alles andere außer dem Reiseproviant seinem Schicksal zu überlassen.
In sämtlichen Häusern herrscht Aufregung und fiebrige Geschäftigkeit. Einige sind sich unschlüssig, was sie mit ihrem Schmuck machen, ob sie ihn mitnehmen oder verstecken sollen. Die einen nähen ihr Gold in die Kleidung der Kinder, andere wiederum suchen Verstecke in den Wänden, unter den Dielenbrettern oder im Hof, wo sie alles Wertvolle in der Erde vergraben.
Es wird Abend. Die Stimmung ist extrem angespannt. Kolonnen bewaffneter Schutzleute überschwemmen das Ghetto. Einige von ihnen sehen merklich angetrunken aus. Hier und da sind Schüsse zu hören. Es beginnt zu dämmern, immer häufiger ertönen Schüsse.
Gegen sieben Uhr abends kommen Schutzleute in unser Haus gestürmt und befehlen brüllend, sofort auf die Straße hinauszugehen und uns in Fünferreihen zu einer Kolonne aufzustellen. Die Ludzas iela ist bereits voller Menschen. Wir werden von der endlosen Kolonne aufgesogen.
Es herrscht klirrender Frost. Wir, die wir uns zu einer Fünferreihe aufgestellt haben, drängen uns eng aneinander, um ein wenig die Wärme zu halten. In der Nähe wird ununterbrochen geschossen. Nachdem wir so ein paar Stunden dagestanden haben, sind wir bis auf die Knochen durchgefroren. Schutzleute sind keine mehr da, sie sind weitergestürmt, wahrscheinlich treiben sie die Menschen aus anderen Teilen des Ghettos zusammen.
Vorsichtig schlüpfen wir zurück ins Haus, um uns aufzuwärmen. Auch andere folgen uns auf dem Fuß. Bald ist unsere Wohnung so voller Menschen, dass man weder herumlaufen noch sich hinsetzen kann. Alle drängen sich in der Wärme, irgendwie gegen die Wände und Fenster gelehnt, sogar ohne die warme Winterkleidung und die Rucksäcke abgelegt zu haben, denn jeden Moment kann der Befehl zum Aufbruch ertönen.
Stunde um Stunde vergeht mit Warten. Die Kinder fallen vor Erschöpfung in den Schlaf, auch der eine oder andere Erwachsene nickt ein, und allmählich werden alle vom Schlaf übermannt. Nie zuvor habe ich Menschen im Stehen schlafen sehen.
Gegen sieben Uhr morgens werden alle vom Gebrüll der Schutzleute geweckt:
„Alle raus auf die Straße!“
Draußen ist es noch dunkel. Verwirrt und verschlafen eilen die Menschen sich drängelnd aus dem Haus und stellen sich wieder in Fünferreihen auf. Bald darauf erscheinen Schutzleute mit Armbinden und geben bekannt, dass heute nur diejenigen abmarschieren würden, die im Teil des Ghettos zwischen der Lāčplēša iela und der Daugavpils iela wohnen.35 Die Übrigen dürften nach Hause gehen.
Wir laufen zurück, glücklich, dass wir noch eine Weile zu Hause bleiben und uns von der entsetzlichen Nacht erholen können. Man möchte so schnell wie möglich den Rucksack ablegen, sich hinlegen und aufwärmen.
Es beginnt zu dämmern. Ich trete ans Fenster, um nachzusehen, was draußen vor sich geht. Eine von bewaffneten Schutzleuten begleitete endlose Kolonne von Menschen zieht vorüber. Junge und Alte, Frauen mit Säuglingen auf dem Arm, Knaben und Mädchen, Geschwächte, die sich auf die neben ihnen Gehenden stützen – sie alle marschieren irgendwohin … Da höre ich plötzlich mehrere Schüsse und sehe unmittelbar vor unserem Fenster eine entsetzliche Szene. Ein deutscher SS-Mann schießt wahllos in die Reihen der Kolonne. Die von den Kugeln niedergemähten Menschen brechen auf dem Pflaster zusammen. Die Kolonne gerät ins Stocken, Panik bricht aus, die Leute drängen gegen die vorderen Reihen, steigen über die Verletzten hinweg, um schneller an dem bestialischen SS-Mann vorbeizukommen. In der Angst und Hast werden die am Boden Liegenden zertrampelt. Um voranzukommen, werfen einige ihre Bündel fort.
„Schneller, schneller!“, brüllen die Schutzleute unablässig, wobei sie mit ihren Peitschen fuchteln.
Ich beginne unbändig zu schreien:
„Sie erschießen Juden! Sie erschießen Juden! Kommt her, schaut, wie entsetzlich!“
Mit meinem Geschrei schrecke ich die Mitbewohnerinnen auf. Eine nach der anderen kommen sie zu mir und versuchen mich zu beruhigen. Sie fordern mich auf, vom Fenster wegzukommen, sonst würde man mich noch entdecken und auf uns schießen.
Ich kann mich nicht rühren, stehe da wie angewurzelt, als würde eine unsichtbare Macht mir sagen: „Du musst es sehen! Du bist Zeugin. Vor deinen Augen vollzieht sich die Tragödie deines Volkes. Präge dir die Ereignisse ein und vergiss sie nicht!“
Die Kolonne flutet ohne Ende dahin – halb laufen die Menschen, halb marschieren sie, dann stürzen sie wieder rennend vorwärts … Einer fällt hin, der Nächste fällt … Die Leute steigen über sie weg, von den Schutzleuten zur Eile getrieben: „Schneller, schneller!“
Ich bleibe bis mittags am Fenster stehen, bis der Zug des Grauens endet. Plötzlich herrscht Stille, keine lebende Seele ist mehr auf der Straße. Überall tote Menschen, das Blut sickert aus den reglosen Körpern. Es sind überwiegend Greise, Schwangere, Kinder und Behinderte – alle, die das unmenschliche Tempo des Zuges nicht durchhalten konnten.
Die Männer aus dem Kleinen Ghetto erhalten den Befehl, die Straßen innerhalb weniger Stunden zu säubern. Sie legen die Getöteten auf Schlitten und bringen sie zum Alten Jüdischen Friedhof. Ohne Abschied, ohne Segen … Die Leichen werden am Zaun auf einen Haufen gestapelt. Als der Frost ein wenig nachlässt, hebt man zwischen den alten Grabstätten eine große Grube aus und begräbt die Opfer. Uns ist untersagt, dort hinzugehen.
Am nächsten Tag fahren SS-Offiziere in einem offenen Pkw durch die Ghettostraßen. Es sind noch immer Blutlachen zu sehen, nur sind sie jetzt gefroren. Niemand verlässt das Haus. Zufrieden mit dem Ergebnis, fahren die Offiziere wieder weg.
Wohin wurden die Leute gebracht? Es ist nicht möglich, so viele Leute auf einmal zu töten! Genaues weiß niemand, aber jeder hat irgendeine Vermutung. Gerüchte machen die Runde, die Ghettobewohner seien in ein Lager in der Gegend von Salaspils gebracht worden. Wir glauben es und hoffen, dass man auch uns in das Lager bringen wird. Wir, die im Ghetto Gebliebenen, waren immer noch so naiv! Die Menschen dachten, dass es am wichtigsten sei, das Marschtempo durchzuhalten und ans Ziel zu gelangen. Deshalb war jeder bemüht, sich so gut wie möglich auf den Weg vorzubereiten, indem man trainierte schnell zu marschieren und zu rennen.
Seit mehreren Tagen liegt eine ungewöhnliche Stille wie in einer Geisterstadt über dem Ghettogelände. Man sieht weder Deutsche noch Schutzleute, es wird nicht geschossen … Bald tauchen aber wieder die ersten Menschen in den Straßen auf. Sie kommen zusammen und besprechen das Vorgefallene. Man kommt zu dem Schluss, dass sich etwas Derartiges schließlich nicht wiederholen könne, und nach und nach kommen alle in den gewohnten Ghettoalltag zurück. Obwohl sich die Menschen nur langsam von dem Schock erholen, stellt sich die Alltagsroutine wieder ein. Aus Furcht vor Hunger werden die Lebensmittel streng und sparsam auf Tage und Wochen im Voraus eingeteilt.
So wie die anderen haben auch wir das Haus aufgeräumt und geputzt, lassen aber dennoch für alle Fälle die Rucksäcke unausgepackt.
Auch der Ghettoladen hat wieder geöffnet, nur jetzt hat sich die Situation verändert. Vor der „Massenevakuierung“ konnte man nur begrenzte Mengen und die auch nur mit Lebensmittelkarten kaufen. Jetzt werden diese nicht mehr verlangt: Kohl, Kartoffeln, Rüben, Möhren – alles ist in der benötigten Menge erhältlich. Zwar sind die Lebensmittel qualitativ minderwertig, aber die ausgehungerten Leute kaufen sie trotzdem.
Durch Öffnungen in der Umzäunung kommen immer häufiger Männer heimlich aus dem Kleinen Ghetto, ihre Angehörigen zu besuchen, und erzählen, wie verzweifelt die Leidensgenossen sind, die niemanden mehr haben, zu dem sie kommen können.
Am 3. Dezember erreichen uns Gerüchte, dass in der Stadt Näherinnen benötigt werden. Sie würden im Ghetto bleiben können und nicht ins Lager geschickt. Viele Frauen suchen so eine Chance auf Rettung, indem sie vorgeben, Näherinnen zu sein, auch wenn sie nicht die geringste Fertigkeit in diesem Handwerk haben. Mehrere Frauen kommen zu mir, um zu lernen, wie man mit einer Nähmaschine umgeht, zuschneidet und näht. – Am selben Tag beginnt in der Mazā Kalna iela die Registrierung der Näherinnen. Als ich eintreffe, stehen bereits 300 oder 400 Frauen in einer langen Schlange an. Nach der Registrierung werden alle nach Hause geschickt, um Proviant für zwei Tage zu holen und sich zu festgesetzter Stunde an derselben Stelle zu versammeln, danach würden sie in die Stadt gebracht.
Als wir mit unseren Bündeln eintreffen, werden wir bereits von den Schutzleuten erwartet. Wir werden in einer Kolonne aufgestellt und ziehen los. Während wir durch die „arische“ Stadt marschieren, beobachte ich, dass viele Passanten stehen bleiben und uns mit traurigen Blicken nachsehen. Einige weinen sogar, wischen sich die Tränen ab. Offenbar wussten die Stadtbewohner bereits von dem traurigen Ende der verschleppten Juden.
Wir werden durch die ganze Stadt zum Termingefängnis36 am Bahnhof Brasa geführt. Nach einem kurzen Aufenthalt im Gefängnishof werden wir auf einen Dachboden gebracht, der völlig überfüllt ist. Dort treffen wir auf Jüdinnen, die schon vor uns aus dem Ghetto hergebracht worden sind. Wir stehen dicht aneinandergedrängt da, hinsetzen kann man sich nur auf die Knie der Nebenstehenden. Die Tür wird geöffnet, und einige weitere Neuankömmlinge werden noch in den Raum geschoben. Es ist derart stickig, dass einige Frauen ohnmächtig werden. Wasser haben wir nicht, und es gelingt uns nur mit Müh’ und Not, die Ärmsten wieder zur Besinnung zu bringen.
Bei diesem Luftmangel verbringen wir die Nacht. Von den Wachleuten taucht keiner mehr auf. Wir teilen den mitgebrachten Proviant miteinander, leiden aber schrecklichen Durst. Es scheint, als seien wir eigens hergebracht worden, um gequält zu werden. Am nächsten Tag öffnet sich endlich die Tür, und der Wachtposten fragt:
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