Kitabı oku: «Lydia»

Yazı tipi:

Frieda Hartmann

Lydia

Frieda Hartmann

Lydia

Roman

Mit einem Nachwort von

Hansruedi Kugler

orte Verlag

© 2016, orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Reprint des 1938 im Verlag H. Feuz, Bern, erschienenen Romans.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen,

fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und

auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Satz: orte Verlag, Schwellbrunn

ISBN 978-3-85830-195-6

ISBN eBook: 978-3-85830-196-3

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1

«Schwizerländli ist jo chli,

aber schöner chönt’s nöd si.»

So klang eine jugendliche Mädchenstimme durch die laue, von Blütenduft erfüllte Frühlingsluft und vermischte sich mit dem hellen, melodischen Klang der grossen und kleinen Herdenglocken. Mitten in Gras und Blumen lag die kleine Sängerin, die Hände unterm Kopf verschränkt, in einem ausgewaschenen hellen Kattunkleidchen und gleicher Schürze. Freilich, sie hatte gut singen, die braune Hirtin, denn nichts beschwerte ihr junges Herz. Gar friedlich weideten die schweren, braunen Kühe, und auch die lebhaften roten Toggenburger Ziegen liess sich das saftige Futter schmecken. Wolkenlos blaute der Himmel über ihr, und in der Ferne grüssten die Berge, ein wundervolles Panorama: Säntis, Stockberg, Schindelberg, die Churfirsten, die Speerkette. Drunten im Tal, eingebettet in liebliches Grün, lagen die Dörfer und Weiler, und wie eine silbrige Riesenschlange durchzog die Thur das Tal; bis hinauf zu den tannenumkränzten Bergeslehnen lagen die Bauerngehöfte zerstreut, gross und breit die einen, klein und niedrig die andern. Tiefer Friede lag über der ganzen Gegend; manch abgehetzter Städter hätte die sorglose Hirtin um das Bild, das sich ihren Augen bot, beneidet.

Ein wohlgenährtes Geisslein näherte sich dem nahen Grünhag, stellte sich auf die Hinterbeine und naschte von den jungen Brombeer- und Haselstauden. Vorsichtig sah es sich nach allen Seiten um, dann zwängte es den Kopf zwischen zwei Stecken, in der festen Absicht, dem Nachbarn einen Besuch abzustatten. Aber diese Handlung ging leider nicht ohne Lärm vor sich, und mit einem Ruck richtete sich die Geisshirtin auf.

«Halt, was gibt’s denn dort!», schalt sie Züsel, die Ziege. «Was machst wieder, komm schnell, komm! Ho, Geissli, Gizgizgiz!»

Das ertappte Geisslein bewegte unruhig den kurzen Schwanz. «Mäh!», machte es kläglich und schuldbewusst, «mäh, mäh!» Das Mädchen griff in die Schürzentasche und hielt eine Handvoll Salz hin. «Komm, Züseli, komm!», schmeichelte es, «schau, was ich hier Gutes habe.» Mit ein paar Sprüngen war das Geisslein neben ihr, um sich den Leckerbissen zu sichern; aber schon war ein ganzes Rudel bei dem Mädchen; jedes wollte zunächst sein, und die kleine Hirtin hatte Mühe, ihren Platz zu behaupten. Aufgebracht, mit ein paar kräftigen Kläpsen jagte sie die drängende Gesellschaft fort. «Ihr dummen Viecher», schimpfte sie, «glaubt ihr denn, ich habe einen ganzen Zentner Salz im Sack. Ob ich wohl noch alle habe?», und sie fing an zu zählen, eifrig mit dem Finger zeigend, «ein, zwei, drei, vier – zwölf, ja, ich habe heute Vormittag nie mehr gehabt. Wo wohl Anny mit ihren Geissen hockt?» Friedlich zerstreuten sich die Geissen wieder, das Mädchen zog ein kleines Sackmesser aus der Tasche, schnitt sich am Hag eine Rute und zeichnete schöne, gleichmässige Ringe in die saftige Rinde. Ein spitzbübisches Lächeln erschien auf ihren Lippen, dann sang sie mit schmetternder Stimme:

«Dert obe uf em Bergli,

da stoht e bruni Heidelidum;

dert obe uf em Bergli,

da stoht e bruni Chue.»

Mitten in den klangvollen Jodel hinein rief eine ängstliche Stimme: «Lydia, Lydia!»

Auf einer Anhöhe stand ein Mädchen, ziemlich in der gleichen Grösse wie die Angerufene, blond und rund, während Lydia braun und schmal war. Unwillig über die Störung wandte Lydia den Kopf. «Was ist?» – «Hilf mir doch, die Geissen sind mir zur Elsbeth», kam’s weinerlich zurück.

«Hättest halt besser aufpassen sollen», entgegnete Lydia schnippisch, «meinst gewiss, ich hole sie dir, damit mich die Elsbeth wieder wacker anschnauzen kann.» Im selben Augenblick ertönte von der Scheune her ein kurzer, scharfer Pfiff.

«Jesses, der Vater», entfuhr es den beiden Mädchen, und schon erscholl eine herrische Stimme: «Wollt ihr sofort die Geissen holen, oder muss ich euch Beine machen?» – «Komm, wir gehen unter dem Hügel durch», schlug Lydia vor, «da sieht uns der Vater nicht», und im Hui setzten sich zwei Paar nackte Beine in Bewegung, und Schürzenzipfel und Zöpfe flogen. Beim Lattenzaun, der die beiden Güter trennte, angelangt, hielten sie atemlos inne und spähten umher. «Wo sind jetzt die Geissen?»

Anny zog die Schwester durch den Gatter. «Schau, dort neben dem Haus ist der Cäsar, die Geissen sind gewiss hinter dem Haus.»

«Wohl, das wird wieder gut», jammerte Lydia, «die Elsbeth wird wohl – heiliger Bim-Bam, dort ist sie ja, schau, wie sie dreinschaut, sie ist sauwild; wenn wir nur umkehren dürften.»

Doch das Umkehren verging den beiden, denn die gefürchtete Nachbarin drohte, sofort zum Vater zu gehen, wenn sie nicht augenblicklich die Geissen holten und in Zukunft besser hüteten. Mit hochroten Köpfen schossen die beiden davon und trieben die Missetäter heimwärts. «Der Bock ist ja noch da», rief die aufgebrachte Frau.

«Der kommt dann schon, lasst ihn nur machen», rief Lydia über die Achsel zurück; sie wusste gut genug, warum sie ihn machen liess.

«Ja, das wäre noch schöner», räsonierte die dicke, kleine Frau, sie kannte zwar die Grillen von Cäsar, aber fort musste er trotzdem, und das sofort.

Wohl wagte sie sich nicht zu nahe an den stolzen Ziegenvater heran; ein paar Meter von ihm entfernt schlug sie mit dem mächtigen Stock auf den Boden: «Sch, sch, sch, du freches Stinktier, mach, dass du fort kommst!»

Der Ziegenbock, ein Rassentier seines Stammes, hielt es unter seiner Würde, auf diese Aufforderung zu reagieren, ruhig frass er weiter, aber doch nicht, ohne vorsichtig nach seiner Widersacherin zu schielen.

Kampfesmutig wagte die Frau einen weitern Vorstoss; sie hob den langen Stecken, um dreinzuschlagen; ein kurzes, zorniges Meckern, der gewaltige Bock schob sich auf die Hinterfüsse, und die erschreckte Frau suchte mit erstaunlicher Schnelligkeit Schutz hinter einem Baum. Aber der Bock war zu empört, um gleich von seiner Friedensstörerin abzulassen; zwei-, dreimal wiederholte er das gleiche Manöver, immer um den Baum herum, und Lydia, die das sah, bekam nun doch Angst. Schnell lief sie zurück. «Komm, Cäsar, komm!» Sie stellte sich fast unmittelbar vor den erzürnten Bock und lenkte so seine Aufmerksamkeit auf sich.

Freilich ging es auch bei ihr nicht ohne Kampf ab; aber sie war flink, eine rasche Drehung, ein kräftiger Hieb auf den Rücken des widerspenstigen Tieres, dann ein kurzes, zorniges Meckern, und mit mächtigen Sprüngen und fliegender Mähne jagte er seinen Weibern nach.

«Die Elsbeth wird wohl in Zukunft den Bock in Ruhe lassen», kicherte Lydia, als sie die Schwester erreicht hatte, «ich bin fast zerplatzt vor Lachen, die kann noch springen, wenn’s pressiert.» «Komm, wir jagen die Geissen unter dem Hügel durch in die untere Wiese», schlug Anny vor, «dann hüten wir beieinander.» Als sie an den Platz kamen, wo Lydia vor einer Viertelstunde so gemütlich gesessen, war keine einzige Geiss mehr zu sehen, und die Kühe weideten friedlich wie zuvor.

«So, da siehst du’s», – Lydia war dem Weinen nahe –, «alles ist fort, und du bist, schuld.» – «Ich helf’ dir ja», beschwichtigte Anny.

«Ja, sieh, hier im Hag haben sie wieder ein Loch gemacht.» Still und vorsichtig, damit es vom zweiten Nachbarn nicht auch noch Rüffel absetzte, trieben sie die naschhaften Tiere zurück, und bald sassen die geplagten Hirtinnen einträchtig bei der ruhig weidenden Herde.

«Du, Lydia, was hast du vorhin für ein Lied gesungen?» – «Ah, du meinst ‹Dert obe uf em Bergli›; das hat mich gestern nach der Kinderlehre die Trine gelehrt; gelt, es ist schön; komm, ich sing den zweiten Vers; den ersten wirst wohl gehört haben», und sie hub an:

«Und wenn sie d’Schwizer melched,

so lueged d’Schwobe Heidelidum,

und wenn sie d’Schwizer melched,

so lueged d’Schwobe zue.»

«Das ist schön und lustig, der Jodel gefällt mir gar gut», lobte Anny, und sie fingen wieder von vorne an. Nachher probierte Lydia sogar aufs Geratewohl die zweite Stimme, und beide fanden, es töne überaus prächtig, und die Kühe und Geissen, die satt und friedlich käuend im Gras lagen, schienen dazu zu nicken. «Bim, bum» machten die grossen und kleinen Glocken, im nahen Baum zwitscherte ein Vogel, vom Dorfe her klangen die Mittagsglocken, und unablässig schmetterten die beiden Mädchen ihr «Diriaho» in den strahlenden Frühlingstag hinein.

Eine Stunde später sass die ganze Familie des Hof-Mattes, so hiess der Vater der beiden Hirtinnen landauf und -ab, beim Mittagessen. Oben am Tisch sass der Bauer in kurzärmeligem weissem Hemd und Zwilchhose, kaum mittelgross, mit klugem, energischem Gesicht. Energisch und entschlossen war auch der Blick der grauen Augen, denen so leicht nichts entging, was sie sehen sollten. An seiner Seite sass die Bäuerin, die allzeit treue und besorgte Mutter der grossen Familie, klein, rund und rotwangig, mit einem Gesicht voll Liebe und Herzensgüte. Lydia sass neben dem Vater, dies war das Recht des jeweiligen Jüngsten seit Anbeginn, voraussichtlich sollte sie dies auch am längsten behalten. Anna hatte den Platz neben der Mutter; dann kamen dem Alter nach die andern Söhne und Töchter. Freilich, alle waren nie daheim, die Ältesten hatten schon einen eigenen Hausstand gegründet, längst war der Mattes Grossvater.

Kaum 22 Jahre alt, hatte er das Heimwesen von seinem Vater geerbt, seine junge, arbeitsame Frau heimgeführt. Ein gerüttelt und geschüttelt Mass voll Arbeit ward der arbeitsamen kleinen Frau zuteil. Die Kinder kamen eins ums andere, dazu der grosse Hof. Der Mattes war, wenigstens in jungen Jahren, durchaus nicht immer derjenige, der die ungeheure Arbeitslast erkannte, die auf seiner Frau ruhte. Bis zur letzten Stunde schaffte die nimmermüde Frau, dann legte sie sich hin, und wenn in der alten Wiege wieder ein Kleines schrie, lächelte sie froh: «Gottlob, ’s ist wieder vorbei; ja, wenn sie nur allemal gesund und alle Glieder gerade haben; sie werden ja auch wieder gross und können schaffen helfen.» Fragte einer den Bauern: «Du, Mattes, wie hoch willst eigentlich?», dann lächelte er sein karges, trockenes Lächeln und meinte: «Muss Geissbuben haben. Die andern werden alle Jahr grösser, und ich brauche sie anderswo, zum Geissen und Kühe Hüten sind sie bald gross genug.»

Ja, die Geissen, die waren dem Hof-Mattes sein Steckenpferd. Mochten seine Buben und Mädel schimpfen, mochten seine Nachbarn, mit denen man sonst auf bestem Fusse stand, räsonieren und reklamieren, alles half nichts, ein Rudel Geissen von der besten Rasse wollte der Mattes haben neben seinem Stall voll Kühen; sein Hof ohne Geissen, das wäre ja gar nicht mehr der Matteshof.

Beim Essen wurde wenig gesprochen; der Bauer gab einige Befehle für den Nachmittag und wollte über dies und jenes Auskunft haben, dann wandte er sich an Otto, seinen jüngsten Sohn, und Lydia. «Ihr könnt dann morgen mit den Rindern und Geissen in den Berg.» Ganz ruhig sagte er dies, als sei weiter nichts dabei, und doch war’s Lydia, als wollte ihr vor Schreck der Atem vergehen. Noch eben hatte sie die langen Fäden bewundert, die ihre Käsknöpfli zogen, aber sie kam mit der Gabel nicht mehr weiter. Auf halbem Wege hielt sie inne und sah den Vater mit entsetzten Augen an. «Ich? …», fragte sie, und es verschlug ihr fast die Stimme vor Angst und Schrecken. Der Vater sagte weiter kein Wort; er schien ihre Not nicht zu bemerken, aber als ihr verängstigter Blick die Mutter suchte, sah diese sie an, warnend, aber auch mitleidig und begütigend.

Lydia hatte plötzlich keinen Hunger mehr, und doch hatte sie vorhin fest im Sinne gehabt, noch einen ganzen Teller voll zu schöpfen. Mit grosser Mühe würgte sie die paar Gabeln voll hinunter; ihr war, als stecke ein grosser Brocken im Hals, der weder hinauf noch hinunter wollte. – Als erste verliess sie den Tisch, und als die Mutter einige Zeit später in die Küche kam, stand sie am Fenster und weinte.

Sachte strich die Mutter über den braunen Mädchenscheitel: «Musst nicht weinen, Kind, kannst es halt nicht ändern.»

«Warum kann denn nicht Anny gehen, sie ist doch älter als ich», schluchzte das Mädchen.

«Wir können Anny hier nicht entbehren.»

«Ich kann grad so gut schaffen wie sie, ich weiss schon, Anny schickt ihr halt nicht, weil sie sich immer fürchtet; aber mich fragt ihr halt nicht», trotzte Lydia.

«Vater hätte viel zu tun, wenn er alle fragen wollte, was ihnen beliebe, lass dir nur nichts anmerken, sonst gibt’s dann noch ein Donnerwetter; überhaupt», fügte sie dann begütigend hinzu, «ist die Sache gar nicht so gefährlich, wie du tust, das Vieh könnt ihr den ganzen Tag auf der Weide lassen, schaffen müsst ihr ja auch nicht streng, und zu essen geb ich euch gut und genug mit, und weisst», lächelte sie gütig, «nächste Woche wird das Säuli geschlachtet, da gibt’s dann Blutwürste, und einen ganz grossen Braten könnt ihr dann auch machen.»

Aber alles verfing nichts bei dem Mädchen, ganz erbärmlich schluchzte es auf: «Aber ich fürchte mich, Mutter, ich fürcht mich ganz schrecklich; im Berghaus hat es Geister, und ich darf nachts nicht droben schlafen, ganz sicher nicht.»

Die Mutter, die sich am Herde zu schaffen machte, wandte sich rasch um. «Was sagst?» – «Geister hat’s droben, der Laui-Joseph hat’s gesagt, ganz sicher hat’s Geister.»

«Jesses auch, um Himmels willen, was bringst du da für einen Blödsinn», die Mutter lachte hell auf. «Geister gibt’s ja gar keine, weder im Berg noch sonst wo.» – «Aber der Laui-Joseph hat’s doch gesagt; sein Grossvater hat einmal dort gewohnt, der habe es oft rumoren gehört.» – «Jetzt hör mal endlich auf mit dem dummen Quatsch, ich bin jetzt 50 Jahre alt, habe aber noch nie etwas von Geistern gespürt, und bin schon Tage und Wochen im Berg droben gewesen; hoffentlich glaubst du mir mehr als dem alten Plauderi.»

Lydia antwortete nichts, sie hörte den Vater gegen die Küchentüre zuschreiten und machte sich schleunigst aus dem Staube. «’S ist mir schon gar nicht recht, dass die beiden Gofen allein in den Berg müssen», bemerkte die Mutter besorgt, «denk, es sind noch Kinder, der Otto dreizehn und die Lydia zehn Jahre alt, und die zu etwa zwanzig Rindern; wenn’s was gäbe mit dem Vieh oder gar mit dem Feuer.»

«Ich kann die Grössern nicht entbehren; sie können ja aufpassen», fertigte der Bauer die besorgte Mutter kurz ab. Als er hinter das Haus kam, sass Lydia auf einer Beige Haglatten und weinte bitterlich. «Was hast?», fragte der Vater kurz. – «Ich geh nicht gern in den Berg», schluchzte Lydia verzweifelt.

«’S wird dich wohl niemand fressen», kam’s schon im Fortgehen zurück, und alsbald war der Bauer um die Ecke verschwunden.

Von neuem gab sich Lydia ihrem Herzeleid hin, als sie Otto mit einem ziemlich derben Puff aufschreckte. «Warum plärrst so?»

«Weil ich in den Berg muss.»

«Ich muss auch gehen, und tu nicht so dumm, das ist doch nichts Schreckliches.»

«Aber ich fürcht’ mich vor den Geistern, weisst, der Laui-Joseph hat’s doch erzählt, es geistert droben.»

«Bist eine dumme Gans, glaubst dem alten Waschweib allen Blödsinn; es gibt keine Geister, ganz sicher und heilig nicht.»

Zaghaft, mit einem Hoffnungsschimmer hob die kleine Geisshirtin das verweinte Gesichtchen. Wenn der Otto sagte sicher und heilig, war schon etwas dran; sie zankte sich ja oft mit ihm; aber heimlich hatte sie doch Respekt vor dem klugen Buben.

«Mir ist schon allerhand eingefallen, was wir treiben wollen», sagte Otto eifrig, und die beiden streckten die Köpfe zusammen und tuschelten und lachten heimlich. Otto war ein findiger Kopf und Lydia seine getreue Helferin, wenigstens da, wo es galt, unnützes Zeug und Dummheiten zu machen.

Schon zeitig war es auf dem Matteshof lebendig. Stillschweigend wurde das Morgenessen eingenommen. Otto packte wacker ein, während Lydia kaum einen Bissen hinunterbrachte. Die zuversichtliche Stimmung von gestern war wie weggeblasen. Wohl hatte sie mit der Mutter Erlaubnis allerlei eingepackt, um die Stube in dem alten Haus etwas heimeliger zu machen; aber all das tröstete sie wenig. Heute war Dienstag, und bis zum Sonntag sollte sie die Mutter nicht mehr sehen, dies war das schwerste von allem.

Rinder, Kälber, Geissen und Schafe, alles war aus den Ställen getrieben. Das war ein Durcheinander, ein Muhen, Meckern und Blöken, ein Gumpen und Beineln. Die alte Geiss rief kläglich nach ihrem Jungen, das sich gestern Abend ein Bein verstaucht hatte und nun daheim bleiben musste, und das schwarze Schaf hatte seine beiden Lämmer verloren, lief wie besessen zurück zur Scheune, und zwei-, dreimal ringsherum, trotzdem die beiden Jungen bei der Herde waren und schrecklich blökten.

In all den Lärm hinein ertönte die Stimme des Mattes, kurz, laut und herrisch, dass es einem General Ehre gemacht hätte. Endlich war alles auf der eingezäunten Strasse. Wortlos, die grossen Braunaugen voller Tränen, reichte Lydia der Mutter die Hand.

«Sei tapfer, Kind», mahnte die Mutter gütig, «wein nicht, sonst sieht’s der Vater, und gelt, ihr tragt mir Sorg zum Feuer. So und jetzt geh schnell, behüt euch der Herrgott!» Damit wandte sich die Mutter um und ging dem Hause zu. Lydia aber folgte schweren Herzens der übermütigen Herde.

«Wie viel Holz, glaubst, dass es braucht, bis der Braten weich ist?», fragte Otto, der Rindersenn, seinen Handbuben, die Lydia. Lydia stand an dem alten Herd in der russigen Küche und briet ein prächtiges Stück Schweinefleisch goldgelb. Die kleine Köchin überlegte einen Augenblick, dann meinte sie bedächtig: «Schon sicher zwei Zainen voll. Weisst, es wäre doch schad, wenn der Braten nicht lind genug würde, schau doch, wie schön gelb er wird.»

«Ich wollte, es wär’ schon Mittag», nickte Otto geschäftig, «mir wässert schon der Mund danach», und er warf Klotz um Klotz in den grossen Ofen. «So, ich glaube, es tut’s jetzt.»

«Wirf lieber noch ein paar hinein», riet Lydia, «weisst, es ist ein alter Ofen, und die brauchen viel Holz. So, ich stelle den Braten in das Stubenrohr, und jetzt gehen wir auf die Weide und lesen Steine auf, damit wir Hunger kriegen.»

Friedlich graste die Herde auf der nahen Weide. Voll Eifer trugen die beiden Steine an einen Haufen. «Ja, die grossen hätten wir jetzt, dies wäre noch schnell gegangen, aber was machen wir mit den kleinen?», fragte Lydia. «Nimm sie in die Schürze!», schlug der praktische Bruder vor. «Was wollen wir sonst machen?» – «Aber wenn sie kaputt geht?» Otto lachte: «’S wär’ nicht viel hin, um die ist’s, mein’, nicht schade, um so einen ausgewaschenen Lumpen.» Also wurde die Schürze mit viel Eifer immer wieder voll gemacht, schon ein ordentliches Stück war gesäubert; aber, o weh, die Schürze kriegte ein Loch, das grösser und grösser wurde, und zuletzt war’s rein unmöglich, noch etwas darin zu transportieren. «Mutter wird schön schimpfen, wenn sie es sieht», meinte Lydia bekümmert. Doch Otto machte: «Sei froh, dass sie kaputt ist»; und als sich Lydias besorgtes Gesichtchen nicht aufheitern wollte, schlug er vor: «Komm, wir wollen mal nach dem Braten sehen, es ist bald Zeit zum Essen.»

«Ja, wenn nur unser Braten genug Wasser hat, vielleicht hätten wir mal nachsehen sollen», mit diesen Worten eilten die beiden dem Hause zu.

«Herrje, wie ist das eine Hitze», schrie Lydia auf, als sie die Stubentüre öffnete, «wie in einem Bratofen»; und sie eilte zum Fenster und riss einen ganzen Fensterflügel auf.

«Unser Braten, ich glaub, der hat warm genug gehabt», mit diesen Worten riss Otto die alte gusseiserne Ofentüre auf, die ganz rot vor Hitze war. Entsetzt wich er zurück; aus dem Ofenrohr schlug ihm eine glühende Hitze entgegen.

«Hier, nimm den alten Lismer und wind ihn um die Hände», riet Lydia, «wir müssen den Braten herausnehmen, sonst geht er kaputt.»

«Wenn er nicht schon ist», keuchte Otto, indem er mit Todesverachtung das alte Email-Kacheli herausfischte.

Besorgt und neugierig hob Lydia den Deckel, eine Flamme schlug den beiden daraus entgegen, ein zweistimmiger entsetzter Aufschrei; im nächsten Augenblick lief Otto zum Fenster und schleuderte das gefährliche Kacheli in weitem Bogen zum Fenster hinaus. Bleich und zitternd vor Schreck blieben sie am Fenster stehen. «Wo ist wohl der Braten?» fragte Lydia zaghaft. «Komm wir holen ihn, alles wird wohl nicht fort sein, man sieht’s von hier aus nur nicht recht», beruhigte Otto; aber ach, einen Augenblick später standen die beiden vor den spärlichen Überbleibseln ihres herrlichen Mittagessens, zwei halbverkohlte Beinlein, sonst nichts. Zerknirscht, mit den Tränen kämpfend, setzten sie sich vor das Haus, mit einem Stück trockenen Brotes, nicht einmal Milch wärmten sie. «Z’leid nicht!», trotzte Otto. «Was wollen wir nun anfangen?», fragte Lydia, als sie das Stück Brot mit einigen stillen Tränen heruntergeschluckt hatte. – – – «Ja so, du schläfst; hast eigentlich recht. Wenn man nur trockenes Brot hat, mag man halt nicht schaffen.» – Mit einem abgrundtiefen Seufzer zog sie die Schürze untern Kopf und schlief wenige Minuten später tief und fest.

Erst als einige schwere Regentropfen ihnen ins Gesicht schlugen, wachten die beiden auf und flüchteten ins Haus.

«Jetzt können wir doch sicher keine Steine mehr auflesen, meine Schürze ist kaputt, und regnen tut’s auch noch, was wollen wir nun machen?»

«Du, weisst was mir geträumt hat?», fragte Otto. «Wie soll ich das wissen?»

«Mir hat geträumt, ich sei ein Kurgast im Rietbad, weisst, dort in der Quelle oben bin ich in einer Hängematte gelegen, und hab ein schönes Buch gelesen und geschaukelt, fein war’s.»

«Was ist denn eine Hängematte?»

«Herrjeh, hast du dies denn noch nie gesehen?», und so anschaulich als möglich schilderte er ihr die Sache. «Könnten wir die hier nicht auch machen?», fragte Lydia unternehmungslustig. «Wir haben ja kein Netz.»

«Aber unser Leintuch, das wär doch stark genug.» «Draussen regnet’s ja.»

«Kann man’s denn nicht in der Stube auch machen?» «Dummes Ding, man muss doch Bäume haben, vier Bäume.»

Lydia sah wehleidig zum Fenster hinaus. Wenn die Sonne schien und sie im Freien sein konnte, ging es ja ganz gut, aber wenn es trüb und regnerisch war, kam das Heimweh nach der Mutter, und wohl auch ein wenig die Gespensterfurcht.

Otto rannte in die Stube: «Du, Lydia, wir nehmen doch ein Leintuch und machen einfach vier Löcher in die Decke, das gibt eine prächtige Hängematte.»

Lydia war gleich Feuer und Flamme. – «Ich habe in der Grümpelkammer einen grossen, alten Bohrer gesehen, mit dem geht’s schon.» Mit glühenden Wangen machten sich beide an die Arbeit. Daran, was der Vater zu der Sache sagen würde, dachte keines von beiden.

«Wenn wir nur genug Schnüre oder Stricke haben.» Otto zog einige solche Sachen aus dem Hosensack, schüttelte den Kopf: «’S langt nicht.»

«An der Gadenwand hängt noch ein Heuseil vom letzten Jahr.»

Wie ein Wirbelwind stob das Mädchen davon und zerschnitt es ohne Bedenken in vier Teile. – «Du, schau, das wird fein, grad recht in der Länge, aber das Loch ist noch zu klein, ich bring’s nicht durch.

«Nimmst halt das Sackmesser und machst es grösser», gebot Otto. Gesagt, getan, und gegen Abend hing die schönste Sänfte an der Decke. Nur einmal konnte jedes probieren, dann war’s leider Zeit zum Eintreiben, aber morgen war ja auch noch ein Tag.

«Das war ein gelungener Einfall», lobte Otto, doch Lydia durchfuhr es plötzlich heiss. «Wenn Vater kommt und die Löcher sieht und das kaputte Seil!»

«Abah», machte der Bub leichthin, «morgen ist Markt, da kommt er nicht, nachher nehmen wir’s wieder weg, Vater wird dann nicht gerade zuerst nach der Decke gucken.»

Bequem ausgestreckt, die Hände unterm Kopf verschlungen, lag Otto in der neuerstellten Sänfte. Lydia sass daneben auf einem alten wackligen Stuhl und sorgte dafür, dass die Sänfte wacker in Schwung kam, und in schönster Eintracht und Harmonie sangen sie zweistimmig das Lied:

«Wie fein und lieblich, wenn unter Brüdern,

wenn unter Schwestern, die Eintracht wohnt.»

Da, mitten im zweiten Vers, brach Lydia jäh ab und sprang mit allen Zeichen des Entsetzens vom Stuhle auf: «Der Vater!» Ein verzweifelter Blick nach der Tür, der Vater war schon im Gang, jetzt öffnete er die Türe, es gab kein Entrinnen mehr. Ein Sprung auf die Bank, ein Gump zum offenen Fenster hinaus und wohlbehalten landete der kleine Flüchtling auf dem Erdboden. Ohne sich nur eine Sekunde zu besinnen, rannte sie dem nahen Walde zu, wo sie sich keuchend unter das schützende Dach einer grossen Wettertanne warf. Dass das Schicksal den armen Bruder erreichte, war ihr schon während der Flucht klar geworden, denn wie die Posaunen des jüngsten Gerichts klang sein klägliches Heulen an ihr Ohr. Der Vater hatte den armen Sünder denn auch wirklich erwischt. Im Bestreben, so schnell als möglich aus seiner Hängematte zu kommen, stolperte Otto beim Hinabspringen, und ehe er das Fenster gleichfalls erreichte, hatten ihn des Vaters Hände erfasst. Der hatte sofort die ganze Sachlage erkannt.

«Du Lausbub, du fauler Strick», schimpfte er aufs höchste erbost, den Buben wie eine junge Katze hin und her schüttelnd, «nicht einmal den Stall habt ihr gemacht, Steine habt ihr auch keine aufgelesen, dazu macht ihr in die Decke noch solche Löcher, und – Himmeldonnerwetter – das Seil, das schöne Seil habt ihr auch kaputt gemacht.» Es gab sogar noch Schläge; wenn der Mattes Prügel gab, traf er gut.

«So, ich glaube, du hast jetzt für deine Dummheiten», damit liess der Vater seinen Buben los, «aber dem Gof würden auch noch ein paar Tätsch gehören. So, und jetzt fahr sofort ab mit dem Zeug da», und er gab dem zerknirschten Sennen noch eine ganze Reihe Befehle, «und wenn es nicht gemacht ist, bis ich wieder komme, und das Vieh im Dreck ist, dann schaut, wie’s euch geht», so schloss er seine väterliche Strafpredigt.

Mit klopfendem Herzen sah Lydia den Vater aus dem Hause treten. Der sah sich um, als ob er sie suchte. Sprungbereit, atemlos wartete sie, bis sie sah, welche Richtung er einschlug. Sie wäre ohne Besinnen durch dick und dünn geflohen, gleichviel wohin, nur nicht in seine Hände. Erleichtert atmete sie auf. Gott Lob und Dank, er schlug den Weg nach dem Dorfe ein, jetzt stieg er den Hügel hinunter, jetzt sah sie nur noch seinen rotbraunen Sammethut, und nun war auch dieser verschwunden. Auf allen Vieren kroch sie unter der Tanne hervor und reckte und streckte die steif gewordenen Glieder. Was wohl Otto machte? Otto stand am Fenster und wandte sich beim Eintritt der Schwester halb um.

«Hat’s weh getan; hat er dich fest geschlagen?» frug sie mitleidig.

«Aff du, musst noch fragen», fuhr er sie an, «du hast gut lachen.»

«Ich lach doch gar nicht», verteidigte sich das Mädchen, dann ging sie in die Küche, das Mittagessen zu kochen; sie begriff des Bruders Zorn vollkommen.

Nach dem Mittagessen brachten sie endlich die Ställe in Ordnung, das heisst Lydia musste alles allein besorgen. Otto sass in der Tenne auf der Leiter und hielt sich den Kopf. Obschon sie die schwere Arbeit kaum bewältigen konnte, tat sie es doch ohne Murren, denn immer noch lag ihr Ottos klägliches Heulen in den Ohren.

Später mussten auf des Vaters Befehl die Äste einer gefällten Tanne von der Weide nach dem Hause geschafft werden; einmal half Otto, dann war er plötzlich spurlos verschwunden. Unterdessen schaffte das Mädchen weiter, band mit einem Strick vier bis fünf Äste zusammen, um schneller fertig zu werden. Wie kleine Bächlein rann der Schweiss über das erhitzte Gesichtlein; aber sie schaffte es doch, und wenn der Groll über den Bruder in ihr aufsteigen wollte, dachte sie an die Schläge, die er gekriegt, während sie im Schutze der alten Tanne lag, und endlich, endlich waren auch die letzten Äste wohlversorgt vor dem Hause.

Eben bog Otto um die Ecke und hielt einen grossen Strauss Frauenschuh in die Höhe. «Schau da, so schöne grosse, einige sogar doppelt.» Als Lydia ihm erklärte, es seien alle Äste hier, schenkte er ihr gnädig den halben Strauss, und der Friede war wiederhergestellt. Am Abend aber, als das Vieh wohlversorgt in den Ställen war, wurde halt doch wieder geschaukelt.

*

Nun gingen die gefürchteten vier Wochen schon dem Ende entgegen. Lydia war herzlich froh darüber; denn immer quälte sie das Heimweh nach der lieben Mutter, und ganz geheilt von der Geisterfurcht war sie eben doch nicht. – Immer krachte und knackte es in dem alten Hause. Bei dem kleinsten Luftzug klopfte da ein Laden, dort ein loses Brett, und bei jedem noch so natürlichen Geräusch schrak sie zusammen, wenn sie allein im Hause war. Immer schossen ihr die gruseligen Geistergeschichten des alten Joseph durch den Sinn. Musste Otto einmal ins Dorf, hielt sie sich nie länger als nötig im Hause auf, war’s Sonnenschein, setzte sie sich unweit des Hauses ins Gras, sang oder träumte vor sich hin, bei Regenwetter, und ob’s noch so kalt und unfreundlich war, kauerte sie sich in irgendeinen geschützten Winkel vor dem Hause, tausendmal lieber, als allein in der warmen Stube zu bleiben. – So war’s ja auch kein Wunder, wenn sie sich heimsehnte. So unerschrocken und draufgängerisch sie sonst war, in dieser Beziehung war sie ein richtiges Hasenherz, sie schämte sich auch dessen und liess weder dem Bruder noch der Mutter gegenüber jemals etwas verlauten. Aber heimlich zählte sie die Stunden, bis sie ihr unfreiwilliges Handbubenamt ablegen konnte.

Zwei Tage vor der Abfahrt erlebten die beiden nochmals ein kleines Abenteuer. Ganz unvermutet stiessen sie auf der Weide auf einen Beerenplatz. Zwischen Steingeröll und Disteln hervor lachten ihnen die köstlichsten Erdbeeren entgegen. Lydia schrie laut auf vor Freude, es waren die ersten Früchte in diesem Jahr, und schnell wurden sie in die Nastücher gepflückt. «Du, das gibt ein feines Mittagessen», jubelte das Mädchen, «weisst, wir zerstossen die Beeren und geben Zucker dazu, mit Brot und Butter schmeckt es dann fein.»

«’S ist schon gut, dass wir sie nicht zuerst braten müssen, weisst, wie haben wir uns auf den Braten gefreut, und zuletzt gab’s trockenes Brot», lachte Otto.

Er stand am Herd und passte auf die Milch auf, Lydia sass an der Fensterbank und zerdrückte mit einem Löffel die Beeren in einer kleinen Schüssel. Plötzlich fuhr sie wie elektrisiert empor. «Heiliges Gewitter! der Vater kommt.» – «Wo?» – «Ganz nahe dem Haus, Jesses, was mach ich jetzt mit den Beeren, die müssen fort, sonst meint der Vater, wir tun nichts als Beerensuchen.»

«Fahr ab damit», befahl Otto hastig, «aber sofort!» Lydia wusste in ihrer fürchterlichen Aufregung nicht wo aus noch ein, schob sie ins Ofenrohr, riss sie wieder heraus, dann in den Küchenkasten.

«Aber nein, da kann der Vater sie sehen», herrschte Otto sie an.

«Ja, aber wohin denn?», fragte Lydia verzweifelt, denn schon kam der Vater gegen die Haustür, jetzt war er im Gang.

«Fahr doch ab!» Otto stampfte zornig und blies dann mit vollen Backen in die übervolle Milchpfanne hinein.

Lydia flitzte zur Tür hinaus, eben in dem Moment, als der Vater zur andern hereinkam, ein kurzer, bedauernder Blick traf den Inhalt der kleinen Schüssel, und wupps flog alles miteinander in den Jauchekasten. Gottlob, da unten würde der Vater die Beeren nicht sehen, und so harmlos als möglich trat sie einen Augenblick später in die Küche. Der Vater ging bald wieder. Diesmal war es ohne Schelten abgelaufen. Den eben aufgetragenen Kaffee schlug er aus, gab einige Befehle und entfernte sich.

«Wo hast du die Beeren?», fragte Otto, als der Vater ausser Hörweite war.

Lydia wurde rot und war dem Weinen nahe.

«Ich habe sie in den Jauchekasten geschmissen.»

Otto war erst sprachlos, dann überhäufte er sie mit Schmeichelnamen, doch Lydia wehrte sich energisch. «Du hättest es ganz sicher nicht besser gemacht, hast ja immer nur befohlen: ‹Fahr ab, fahr ab, es ist gleich wohin›, hättest mir ja raten können, wenn du gescheiter gewesen wärest.»

Wenig fehlte und die beiden wären sich in die Haare gefahren, daheim wär’s sicher nicht so glatt abgelaufen, hier aber waren sie zu sehr aufeinander angewiesen. «Wo hast du denn das Beckeli?», wollte Otto wissen.

«Das liegt halt auch drunten, es ist mir aus der Hand geschlipft», gestand Lydia kleinlaut.

«Guten Appetit!», sagte Otto und spuckte auf den Boden, die beiden sahen sich an und lachten, lachten, lachten, und das einfache Mittagessen schmeckte ihnen auch ohne Erdbeeren.

2

Wieder blühte der alte Kirschbaum hinter dem Hause, schon zum achten Mal seit Lydias Hirtenzeit, und auf der Wiese weideten die Kühe und Ziegen; aber statt der beiden Mädchen sass ein Bub dabei, den der Mattes auf den Hof genommen. Sonst schien die Zeit wenig geändert zu haben, die Ziegen waren naschhaft und wandersüchtig wie ehedem, und der kleine Geissbub hatte einen heillosen Respekt vor der Nachbarin, die noch jeden Frühling und Herbst die Geissen zum Kuckuck wünschte.

Trat man aber in die grosse, helle Stube, gewahrte man sofort eine Veränderung. Da, wo früher die Diplome für gute Viehzucht und Alpwirtschaft gehangen, hing jetzt das Bild der verstorbenen Mutter. Ja, sie war tot, die gütige, unscheinbare Frau, seit sechs Jahren schon. Im Hochsommer hatte sie sich hingelegt, nachdem sie schon lange so müde und matt gewesen war. «Mein Herz ist nicht mehr in Ordnung; ich muss einmal zum Arzt»; und zum erstenmal in ihrem Leben ging sie zum Doktor. Grosse Herzschwäche hatte die Diagnose des Arztes gelautet, nichts, gar nichts mehr schaffen, ruhen sollte sie. «Ruhen, ich? Nichts mehr schaffen? Zusehen, wie die andern jetzt im Hochsommer schinden und schaffen müssen? Nein, Herr Doktor, das kann ich nicht, es wird schon noch gehen.» Aber es ging nicht mehr. Niemand wollte dies glauben, nicht der Gatte, nicht die Kinder, am wenigsten aber sie selbst, die bis jetzt immer und immer nur an ihre Familie gedacht und für sie gelebt. Der Gedanke, dass die Mutter von ihnen gehen könnte, schien allen einfach unfassbar, und doch rückte das Ende mit jedem Tag, mit jeder Stunde näher, und keines konnte sich dieser fürchterlichen Wahrheit verschliessen.

Da war es wieder die Mutter, die sich zuerst durchgerungen, die die Ihren aufrichtete und tröstete, die trotz langen, langen Stunden der Todesnot nur darauf bedacht war, sie auf den rechten Weg zu weisen, um sie dereinst wiederzusehen. Eine Heldin war sie im Leben, eine noch grössere im Sterben; denn obschon sie sehen musste, wie nötig sie Mann und Kind noch wäre, sie fügte sich ohne Murren und Klagen in den Willen ihres Gottes und befahl ihre Familie seiner treuen Hut. Als dann die Sterbestunde nahte und die ganze Kinderschar um ihr Bett versammelt war, da legte sie auf jedes Kindes Haupt segnend die treuen Hände, mit einem Blick voll unendlicher Liebe umfasste sie die Ihren, und ein glückliches Lächeln umspielte die blassen Lippen der Sterbenden.

«Wie bin ich doch so glücklich», sagte sie, «mit keinem König tauschte ich, ihr alle habt mich lieb und werdet mich nie vergessen, und dereinst werde ich euch wiedersehen. Herrgott, lass keines meiner Kinder verlorengehen! Herr, hilf! Herr, stehe mir bei!» Ein kurzer Todeskampf, dann war’s vorbei. Eine einfache, schlichte Bauernfrau war aus dem Leben geschieden; aber im Herzen der Ihren lebte sie fort, und ob auch manches stürzte und strauchelte, verloren konnte keines gehen, denn das Gebet und der Segen einer frommen Mutter hat Riesenkräfte, die alle Zeiten überdauern.

*

Im weissen, gestickten Zwilchkittel, roter Scharlachweste und braunen Halbleinhosen, dem rotbraunen Samthut auf dem fast kahlen Kopf und dem selbstgeschnittenen Haselnussstecken in der sehnigen Faust, trat der Hof-Mattes aus seinem Hause. Er hatte wohl etwas gealtert, aber noch war sein Gang elastisch, und hell und scharf der Blick. Ein paar Schritte machte er, dann kehrte er um: «Lydia!» Kurz und herrisch wie früher klang seine Stimme. Am Fenster erschien eine schlanke Mädchengestalt. «Ja, Vater.»

«Es ist möglich, dass ich am Abend nicht heimkomme, vielleicht schlafe ich auf der Alp, schaut gut zur Sach. Leb wohl.»

«Leb wohl, Vater, komm bald wieder.» Lydia sah dem Vater nach, bis er um die Wegbiegung war, dann atmete sie tief auf, und in übersprudelnder Fröhlichkeit die Schwester umfassend, wirbelte sie in der Stube herum und sang: «Ist d’Katz us em Hus, so tanzet d’Mus.»

Lachend machte sich Anny frei. «Hast ein Rädlein zu viel oder freust dich so, dass dein Freund kommt?»

«Mein Freund?» echote Lydia, «ich denk, er ist der deine so gut wie meiner, oder eigentlich müssen wir sagen, Freund Max ist mir so lieb als Freund wie als Vetter.»

«Ob Hans uns nicht bald vergisst, wenn er in der Fremde ist», meinte Anny nachdenklich. Einen raschen Blick warf Lydia auf der Schwester ernstes Gesicht, dann lächelte sie zuversichtlich und froh.

«Wo denkst du hin, so ist denn doch Hans nicht, dies wär’ ja eine heitere Freundschaft; aber du, ich geh’ ein wenig hinter das Haus, komm mit!

«Geh nur, ich komme bald nach.»

«Bist etwa noch nicht hübsch genug für deinen Max?», neckte Lydia, machte sich aber gleich aus dem Staube, als sie den erzürnten Blick der Schwester sah. Spähend blickte sie nach der Anhöhe, wo die beiden herkommen sollten, denn sie kamen gewiss wieder zu Fuss; aber niemand zeigte sich. Mit einem wohligen Seufzer streckte sie sich auf dem Liegestuhl aus, und ihre Gedanken gingen zurück zu der Zeit, als ihr Vetter zum ersten Mal mit seinem Freunde erschienen war. Sie hatte sich bis dahin sehr wenig um die jungen Burschen bekümmert. Nicht dass ihr nicht dieser oder jener ein wenig gefiel; aber sie hatte trotz dem fröhlichen Übermut ihre ganz bestimmten Grundsätze, denen sie um jeden Preis treu bleiben wollte. Sie hatte sich fest vorgenommen, nie einen Mann zu küssen, bis sie sich verlobte, ihr Verlobungskuss sollte der erste sein, den sie verschenkte. Sie wollte ihre Liebe nicht vergeuden und verzetteln, bald an diesen, bald an jenen; nein, aufpassen wollte sie auf sich selbst und warten, bis der Rechte kam, und diesem allein sollte ihre ganze, grosse Liebe gehören, ungeschwächt.

O, sie hatte ein Ideal, die junge, fröhliche Lydia, niemandem verriet sie dies, aber so, ganz so, wie sie es meinte, sollte er einmal sein, gross, blond und stark, so stark, dass man sich ein bisschen vor ihm fürchten musste; lieb und gut, natürlich, aber manchmal, wenn sie ihm etwa trotzte, dann müsste er sie ganz fest und streng ansehen und sagen: «Da hindurch geht’s jetzt, Kleines», und sie, sie würde sich fügen müssen, eben weil er der Stärkere war.

Keinem hatte sie bis jetzt Interesse entgegengebracht, bis dann Vetter Max vor bald einem Jahr mit seinem Freunde auf der Bildfläche erschien. Nicht dass dieser Freund mit ihrem Ideal Ähnlichkeit gehabt hätte, o nein, nicht die Spur, wenigstens nicht äusserlich; aber er gefiel ihr trotzdem ganz gut. Der junge Mann, der trotz seiner Jugend so ernste, ja strenge Ansichten vertrat, imponierte dem frohen Mädchen. Nicht mit faden, schmeichelnden Worten hatte er sich den beiden Schwestern genähert, nein, ruhig und ernst, wohl zum Teil eine Folge seiner harten Jugend, war er fast immer auch in der Nähe der oft ziemlich übermütigen Lydia.

Schon beim zweiten Besuch mit seinem Freunde hatte er sein Verhältnis zu ihr klargelegt. – Keine Liebeleien wollten sie haben und keine Heimlichkeiten. «Freundschaft», hiess die Parole. Begeistert, mit dem gläubigen Vertrauen ihrer achtzehn Jahre, nahm Lydia die Sache auf. Ja, das war das richtige. Sie hatte sich eigentlich schon manchmal nach einem ernsten, klugen Menschen gesehnt, aber keiner der Burschen hätte sie ja verstanden; entweder man hätte über sie gelacht oder dann mehr erwartet, als sie zu geben gewillt war. Nun war er ja gekommen, ihr Freund, ihm vertraute sie schrankenlos, mit ihm konnte sie ernste und heitere Gespräche führen, wie es gerade kam, konnte ihn, wenn sie der Übermut plagte, auch etwa necken und ein wenig quälen, ohne zu fürchten, missverstanden zu werden. Spaziergänge und Bergtouren hatten sie schon eine ganze Menge gemacht, manch fröhlichen, genussreichen Spaziergang verdankten sie den Freunden, und nichts hatte bis jetzt ihre Freundschaft getrübt. Nun kam Hans heute zum letzten Male, wohl für lange Zeit. Er hatte anderswo eine Stellung gefunden; und wie es sie auch um seinetwillen freute, leid tat es ihr eben doch. Nun würde es wohl wieder recht langweilig werden. Max allein machte gewiss den Weg nicht so oft.

In diesem Augenblick ertönte von der Höhe herab ein heller Jauchzer und noch einer. Mit einem Ruck richtete sich das Mädchen auf, und schon kamen die beiden in langen Sprüngen, wie zwei übermütige Jungen, von der Höhe herab, nahmen mit flottem Sprung den hohen Lattenzaun und begrüssten in strammer, militärischer Haltung das lachende Mädchen, das als Willkommensgruss jedem einen kleinen Nasenstüber verabreichte.

«Wo ist Anny?», fragte Max.

«Sie ist noch im Haus, geh, führ sie hinaus, ich glaube, sie ist eingeschlafen.»

«Ja, das hättest du wohl nicht fertig gebracht», neckte Max, «ganz sicher hast du fast geweint vor Angst und Heimweh.»

«Du Grosshans, hast scheint’s wieder nichts als Dummheiten im Kopf, geh und hole die Schwester und etwas für den Durst auch noch.»

Hans zog den Kittel aus. «Du erlaubst, gelt, es hat heiss gemacht.»

«Bitte, mache es dir bequem; nicht wahr, es ist schön unter dem blühenden Baume?» Der junge Mann atmete tief auf. Mit innigem Blick umfasste er die schmale Mädchengestalt.

«Ja, es ist schön hier, und das Schönste und Lieblichste von allem bist du, Lydia.»

Schnell wandte Lydia dem Freunde den Kopf zu, dann lachte sie froh und ungezwungen. «Heiliges Gewitter, Hans, fängst du in deinen alten Tagen noch an, Komplimente zu machen, gelt, das lässest bleiben, es steht dir nicht gut.»

Mit einer erregten Gebärde fuhr sich Hans durch den dunklen Haarschopf. «Aber mir ist wirklich ernst, Lydia, ich –»

«Ich glaube, ich muss dir etwas zu trinken holen, du phantasierst vor lauter Durst», und lachend eilte sie ins Haus.

Mit heissem Blick sah Hans der Enteilenden nach, dann liess er sich schwer seufzend in den Lehnstuhl fallen: Sie merkt es nicht, sie ist noch ein Kind und glaubt an den albernen Quatsch von Freundschaft und dergleichen, und ich als einfältiger Narr habe ihr dies Zeug in den Kopf gesetzt und mich selbst belogen.

In diesem Augenblick erschien Max unter der Türe, hinter ihm die beiden Mädchen. Ein grosses Servierbrett mit Gläsern und Flaschen vor den Freund hinstellend, gebot er: «Trink, alter Freund, und schluck deinen Abschiedsschmerz noch für einige Stunden hinunter.» – «Gut wäre dies schon für den Durst», meinte der lustige Max nach einiger Zeit, «aber für den Hunger ist’s halt nicht.» Ein wenig betreten sah Lydia die Schwester an, ihr Blick schien zu fragen: Was machen wir nun? Geheimnisvoll lächelnd verschwand Anny im Haus und kam mit einem goldenen Kuchen zurück.

«Wann hast du den gemacht?», staunte Lydia. Max aber lachte.

«Ja, weisst, unser kleines Anneli ist halt ein heimlicher Engel, darum ist sie auch so lieb und rund; aber gelt, so ein Kuchen könnte dem Hof-Mattes seine Jüngste nicht machen.»

«Was, ich?» Lydia stellte sich in Positur. «Du täuschest dich gewaltig, mein Kleiner. Ein ganzes Jahr habe ich in der Fremde ausgehalten, alles habe ich gelernt, rein alles, sogar das Kuchenbacken, gerade der erste ist mir so gut geraten, dass ich ihn ganz allein essen durfte.»

Alle lachten, Max aber neckte: «Da hat’s ein Mann bei dir einmal gut; pass auf, Hans, dass du dir nicht später mal den Magen überladest. – Machen wir denn heute keinen Spaziergang? Ich möchte so gerne noch ein bisschen klettern.»

«Wohin denn?»

«Ach, irgendwo hin, es ist einerlei, nur nicht immer stillsitzen; komm, Hansel, reg dich! Bist ein Duckmäuser heute.» Unter Plaudern und Scherzen stiegen die vier die Anhöhe hinauf, nur Hans blieb wortkarg. Nach und nach blieben Max und Anny etwas zurück. Jetzt war der Wald erreicht.

«Was hast du denn heute nur?», fragte Lydia, sich umwendend, den Freund, als sie immer nur einsilbige Antworten erhielt. «Habe ich dich erzürnt, du bist gar nicht wie sonst.»

Mit einem raschen Schritt trat er neben das Mädchen und ergriff ihre Hand: «Lydia, macht’s dir denn gar nichts, dass ich fortgehe, ist’s dir denn ganz gleich?» Heiss, fordernd, senkte sich sein Blick in die unschuldigen Mädchenaugen. Verwirrt über diesen Blick senkte Lydia den Kopf, während ihr ein heisses Rot in die Wangen stieg. «Sag, dass es dir ein bisschen weh tut, dass du es nicht gern hast, wenn ich gehe», bat Hans.

Lydia atmete tief auf, ihr war plötzlich so beklommen zumute, und ganz entgegen ihrer frischen Art meinte sie kleinlaut: «Du weisst doch, dass es mir nicht gleichgültig ist, wenn du gehst, du wirst mir oft genug fehlen; aber das Jammern hilft ja nichts, du gingest auch so.» Schweigend durchschritten die beiden den Wald. Hans behielt die Mädchenhand in der seinen, und Lydia wagte nicht, sie ihm zu entziehen. Der Wald war zu Ende, die Höhe erreicht. Neben einem blühenden Schlehenbusch liess sich das Mädchen nieder. «Ist’s nicht schön hier, Hans? Siehst du unser Haus?»

«Ja, Lydia, an die lieben Stunden bei dir, an euer liebes, altes Bauernhaus werde ich oft genug denken, wenn ich einsam und allein in der Fremde bin. Ich habe ja gar niemand sonst, nicht Vater, nicht Mutter, niemand, der bei meinem Abschied nur ein feuchtes Auge bekommt und sich nach mir sehnt.» Schwer aufseufzend liess er sich neben dem Mädchen nieder.

«Ich werde sehr oft an dich denken, Hans», tröstete Lydia, «besonders an schönen Sonntagen, wir haben es so schön gehabt beisammen. Siehst du, wie tief der Säntis noch im Schnee steckt; wie lange geht’s wohl, bis ich wieder dort hinaufkomme?»

«Wer weiss, ob du nicht dieses Jahr mit einem andern da hinaufgehst.»

«Ich? Mit wem denn?» Lydia lachte belustigt. «Nein, Hans, das glaube ich nun gar nicht, so einen guten Freund, wie du mir warst, finde ich gewiss keinen mehr; überhaupt, ich finde, man kann nur einen Freund haben, meinst du nicht?»

«Ja, jetzt sagst du, ich sei dein Freund, du wirst mir eine Zeit lang schreiben, dann plötzlich heisst es: Die Lydia hat einen Schatz.»

Halb belustigt, halb bestürzt sah Lydia den Freund von der Seite an, dann schüttelte sie den feinen Kopf. «Was sollte ich denn mit einem Schatz anfangen?», meinte sie lächelnd, «ich, mit meinen achtzehn Jahren? Vater hat gesagt, bevor wir vierundzwanzig wären, kriegen wir keine Aussteuer. Glaubst, ich hätte Lust, sechs Jahre glückliche Braut zu spielen?» Schwer stützte Hans den Kopf in die Hände.

«Was hast du, Hans, ist dir nicht gut? Du bist gar nicht wie sonst.»

«Ich habe Kopfweh, lass mich ein wenig schlafen, auf deinem Schoss, Lydia», bettelte er. Lydia legte ihre kühle Hand auf des Freundes Stirne.

«Ja, da du Kopfweh hast, schläfst halt ein bisschen und nachher bist wieder munter.»

Hans nahm ihre Hand und presste sie an seine Lippen. «Mädchen, liebes, wenn ich dich mitnehmen könnte!»

Mit fast mütterlicher Gebärde strich ihm Lydia die dunklen Haare aus der Stirn. «Du kannst mir ja schreiben, sehr oft, und ich schreibe dir auch wieder, dies ist auch schön.» Keinen Augenblick kam ihr der Gedanke, dass Hans anders als sie fühlen könnte.

Der süsse Duft blühender Veilchen vermischte sich mit dem kräftigen Harzgeruch des nahen Waldes. Eine Amsel sang ihr schmelzendes Lied, und bald da, bald dort erschallte heller Kuckucksruf.

Die Hände leicht um den Kopf des schlafenden Freundes geschlungen, sass Lydia und träumte. Träumte von einem grossen, blonden Jüngling, der nach drei, vier Jahren vielleicht hier neben ihr sitzen würde. Küssen würde er sie und ihr all die lieben Worte geben, die sie etwa in Büchern gelesen; für diesen einen einzigen wollte sie alle ihre Liebe und Zärtlichkeit aufsparen. Dass ihr Zukünftiger schwarz statt blond, klein statt gross sein könnte, daran dachte das schwärmerische junge Mädchen keinen Augenblick. Aus dem Wald ertönte Maxens Ruf.

«Hans, wir müssen heim!» Hans fuhr empor und strich sich die Haare aus der Stirn. «Hast du gut geschlafen?», neckte Lydia.

«Jetzt, ja, wie lange weiss ich nicht, und von dir habe ich geträumt.»

Neugierig wandte sich Lydia zu ihm: «Etwas Schönes hoffentlich?»

«Auf dem Säntis sind wir gestanden, du und ich ganz allein. Ich sah die Sonne aufstehen, du warst ganz eingehüllt in Licht und Glanz, und dann –»

«Und dann?», frug Lydia neugierig.

«Dann habe ich dich geküsst und du mich», sagte Hans langsam und schwer.

Lydia wandte sich ab, um die brennende Röte zu verbergen, die langsam in ihr Gesicht stieg. Ton und Blick des Freundes verwirrten sie. «Ja, es träumt einer oft dumme Sachen», bemerkte sie, nur um etwas zu sagen; damit wollte sie dem Walde zueilen; aber mit einem Satz war Hans neben ihr und zwang sie stillezustehen.

«Es sind keine dummen Sachen, Lydia, ich habe davon geträumt die letzten Wochen und Monate; und einmal, bevor ich gehe, muss ich dich küssen, du Liebes, du!» Ehe sich Lydia von ihrem Schreck erholt, riss er sie in seine Arme und bedeckte ihr glühendes Gesicht mit Küssen. Lydia wehrte sich nicht. Noch nie hatte ein Mann sie geküsst, sie fühlte, wie ein heisser Strom durch ihren Körper rann. Sekundenlang gab sie sich diesem beglückenden Gefühl hin, dann schoss ihr mit Blitzesschnelle durch den Sinn: Er ist dein Freund, und Freundschaft und Küssen gehört nicht zusammen, er hat dich getäuscht.

Mit einem wilden Ruck riss sie sich los. «Hans, was hast du getan?» Fast wie ein Schrei klang es von den Mädchenlippen, während grosse Tränen aus ihren Augen rollten. Bleich stand der junge Mann vor ihr.

«Verzeih, Lydia, ich hätte es nicht tun dürfen, aber ich habe dich halt so lieb!» Lydia zuckte bei diesen Worten zusammen, als hätte sie einen Schlag ins Gesicht bekommen. «Also war’s nicht Freundschaft. Du hast es nur gesagt, damit du zu mir kommen darfst.»

Hans ergriff die Hände des Mädchens und presste sie fast schmerzhaft. «Nein, Lydia, nein, es ist nicht Freundschaft, jetzt nicht mehr. Freundschaft in unserem Alter ist Unsinn. Überhebung, nichts als tolle Schwärmerei und Selbstbetrug.»

Mit einem zornigen Ruck entriss ihm Lydia die Hände, sie wusste und fühlte nur eins: Er hat dich betrogen, zum Narren gehalten. «Also hast du mich belogen, angeschwindelt die ganze Zeit, nur damit du mit mir sein durftest, hast vielleicht noch gelacht über die dumme Gans, die solchen Unsinn glaubte», ihre Stimme überschlug sich vor Zorn und Schmerz.

«Aber Kind, Lydia, das ist doch gar nicht wahr», beschwor der Erregte, «komm, sei lieb, ich will dir alles sagen.» Hans ergriff die Hände und wollte sie an sich ziehen, sie beruhigen. Doch sie entriss sie ihm, und im nächsten Augenblick traf ein klatschender Schlag seine Wange. Hoch aufgerichtet, mit Zorn sprühenden Blicken, aus denen die ganze Empörung loderte, der ein temperamentvolles 18-jähriges Mädchen fähig ist, sah sie den armen Sünder an. – «Da hast den Lohn und die Antwort, das steht wohl nicht in deinen Grundsätzen, aber das andere ist auch nicht darin gestanden.» Dies sagend, wandte sie sich aufschluchzend um und rannte in den Wald hinein.

Bleich bis in die Lippen stand Hans da, dann lachte er kurz und bitter auf. Minutenlang stand er auf demselben Fleck, ohne sich zu rühren. Aus dem Wald klang des Freundes Ruf. Schwer atmete er auf, dann wandte er sich und trat den Heimweg an. Planlos stürzte Lydia in den Wald hinein. Irgendwo ein einsames Plätzchen suchen und recht nach Herzenslust weinen können, dies war ihr einziger Gedanke. Doch da erschallte ganz in der Nähe Maxens Stimme. «Hans, Lydia, wo seid ihr, Donner und Doria, es ist Zeit auf den Zug.» Jetzt tauchte er zwischen den Bäumen auf. «Wo steckt ihr auch, suchen muss man euch wie Stecknadeln. Wo ist Hans?»

«Hans ist vorausgegangen», log Lydia. «Wo ist Anny?»

«Sie ist heim, kochen müsse sie», und der lustige Max lachte gezwungen.

Max war verstimmt, dies sah Lydia sofort. Ob wegen Anny oder ihretwegen? Als sie den Waldsaum erreichten, sahen sie Hans mit weitausholenden Schritten auf einem näheren Weg heimzu eilen. Widerwillig, erst auf Maxens wiederholtes Rufen und Pfeifen, wartete er auf die beiden, und ziemlich wortkarg wurde der Heimweg zurückgelegt.

Sofort begab sich Lydia in die Küche. Der Kaffee war bereits fertig; aber Anny hatte Sturm, dies sah Lydia sofort, und sie selbst war nicht in der Stimmung, ihn, wie es ihr schon oft gelungen, durch ein paar Scherzworte zu vertreiben. Einsilbig wurde das Essen eingenommen. Scheu sah Lydia zu Hans hinüber, die Sache tat ihr schon furchtbar leid. Den ganzen Weg hatte sie gegrübelt, und der bittere Zorn war gänzlich verflogen. Hans hatte ja Unrecht getan, er hätte sie nicht küssen dürfen; aber sie hatte ihn doch zu hart angefahren und ihm sogar in ihrem schrecklichen Zorn eine Ohrfeige gegeben, dies tat ihr schon bitter leid. Wenn er doch nur den Anfang machen wollte. Sie würde es ihm ja gar nicht schwer machen. Dass er sie geküsst, war im Grunde genommen gar nichts Böses; ganz heiss überlief es sie im Gedanken daran, und dass er sie liebhatte, war ja kein Verbrechen, gewiss hatte er es mit der Freundschaft ganz aufrichtig gemeint, und das andere war erst nach und nach gekommen, und sie hatte ihm ganz zu Unrecht solch bittere Vorwürfe gemacht. Aber ach, sie war so sehr erschrocken, so ganz überrumpelt worden. Wie finster und verschlossen er vor sich hinsah. Wenn es nun zu keiner Aussprache kam, wenn er im Groll von ihr ging! Heiss stiegen ihr die Tränen in die Augen, die sie mühsam mit einem Brocken hinunterschluckte.

Max drängte: «Es ist Zeit auf den Zug!» Und als die beiden Schwestern keine Anstalten machten mitzukommen, fuhr er gereizt auf: «Sapprament, ihr tut alle, als hättet ihr Essig getrunken, was ist denn auch heute Nachmittag, macht doch vorwärts, wir müssen pressieren!»

Mit trotziger Miene räumte Anna den Tisch ab; unsicher sah Lydia zu Hans hinüber, der am Fenster stand und nervös auf das breite Sims trommelte. «Ich glaube, es ist besser, ihr geht allein», sagte sie halblaut, «es ist ja doch ungemütlich.»

«Das wäre noch schöner», fuhr Max auf, «kennt man sich ein Jahr lang, und alles ist in schönster Ordnung, und zuletzt beim Abschied schneiden wir uns solch blöde Gesichter; ihr kommt mit oder ich werde fuchsteufelswild.»

Schweigend machte sich die kleine Gesellschaft auf den Weg. Ganz absichtlich liess Hans Max und Lydia den Vortritt und wartete auf Anny, die zögernd und trotzig folgte.

«Was hast du auch mit Anny gehabt?», fragte Lydia leise.

«Ach, nichts Wichtiges. Eine kleine Meinungsverschiedenheit; aber sie war am Mittag schon ein bisschen rapplig, da hat’s wenig mehr gebraucht; aber, wenn man fragen darf, was habt ihr gehabt? Hans hat Sturm im höchsten Grad.»

«Ja», zürnte Lydia, «er tut grad, als ob ich allein schuld wäre, und den Anfang hat doch er gemacht; aber flattieren tu ich ihm nicht, wenn ihn die Worte reuen, reuen sie mich auch.»

Max lächelte: «Du, Lydia, ich hätte noch ein Anliegen. Wir machen nächstens einen Bummel und nehmen die Mädchen mit. Kommst mit mir? Es wird sicher lustig.»

«Ich?» Lydia stand still, dann lachte sie spöttisch: «Aha, hat unser Mäxel einen Korb geholt bei meiner Schwester?»

Max wehrte sich: «Nein, du kannst Anny fragen, noch kein Wort habe ich deswegen zu ihr gesagt, wir haben uns wegen etwas anderem erzürnt.»

«Aber ich glaube, wenn ich mitkäme, hätte es Anny ungern, frag sie zuerst einmal.»

«Ganz ausgeschlossen, entweder du kommst, oder ich gehe überhaupt nicht», ereiferte sich Max.

«Ich weiss nicht», sann Lydia vor sich hin, «wenn Hans –»

«Wenn Hans wieder lieb ist, komm’ ich nicht, gelt, das hast sagen wollen; geh, flattiere ihm doch, dem Setzkopf, der wird dann lachen, wenn ihm die stolze Lydia aus der Hand frisst.»

Trotzig warf Lydia den Kopf zurück: «Ich hab’ noch keinem flattiert und tu’s auch in Zukunft nicht. Wenn Hans sein Unrecht einsieht und wieder gut ist, bin ich’s auch, sonst – o Herrjeh, wegen dem Mannenvolk krieg’ ich keine grauen Haare.» Sie lachte spöttisch und überlaut. «Also kommst?», drängte Max.

«Ich sag’s dann auf dem Bahnhof, ’s wird nicht so pressieren, komm, wir singen noch eins!» – «Ja, grad z’leid!», nickte Max, und mit heller Stimme sang Lydia: «Das Lieben bringt gross Freud.»

«Singt doch auch!», rief sie bei der zweiten Strophe über die Achsel zurück, aber ihr war gar nicht wohl dabei, viel lieber hätte sie geweint.

Endlich hatte man den Bahnhof erreicht, noch etwas zu früh sogar. Max traf einen Bekannten und liess sich in ein Gespräch ein. Lydia trat etwas zurück.

Jetzt, wenn Hans käme und sie bei der Hand nähme, ein paar Worte nur, dann wäre alles wieder gut. Doch die paar Worte, auf die Lydia so sehnsüchtig wartete, blieben unausgesprochen, langsam ging Hans an ihr vorbei zum Kiosk und brachte Anny einige Bananen. Für sie hatte er weder Wort noch Blick. Da grub sich eine scharfe Falte in die weisse Mädchenstirn; gut denn, er mochte trotzen, sie tat es auch.

Während Anny zurückblieb, begleitete sie die beiden bis zum Bahnwagen. «Leb wohl!» Hans streckte ihr die Hand hin. Da zwang sie ein spöttisches Lächeln auf die zuckenden Lippen: So, bin ich doch noch so viel wert? «Leb wohl!» Flüchtig nur berührte sie seine Hand, ihr ganzer Trotz und Stolz war aufgestachelt. Dann wandte sie sich an Max, der sie fragend ansah: «Ich komm’ dann am Sonntag, mach, dass es lustig wird!» Unnötig laut sagte sie es. Hans wandte sich auf dem obersten Tritt jählings um, ein Blick voll Zorn und Schmerz traf sie, dann verschwand er im Wagen.

Lydia wandte sich hastig um, kein einziges Mal sah sie dem Zug nach. Ob Hans am Fenster stand, sie wusste es nicht, sie wusste nur eines, sie hatte den Freund verloren, durch seine und ihre Schuld.

*

Schweigend, tief verstimmt legten die beiden den ziemlich weiten Heimweg zurück. Lydias Herz war schwer, sie hatte ein stetes Würgen im Halse, aber trotzig schluckte sie die aufsteigenden Tränen hinunter. Weinen wegen einem Manne? Nein, grad z’leid nicht, sie würde denn doch noch ohne Tränen fertig werden. Aber das Fertigwerden ging nicht so leicht, wie sie sich’s vorgestellt, ihr fröhliches Singen und Lachen war verstummt, und auf den Sonntag freute sie sich schon gar nicht. Viel lieber wäre sie überhaupt nicht gegangen, aber selbstverständlich konnte sie ihr Versprechen nicht brechen. Es war denn am Sonntag auch die erste Frage an Max: «Du, sag, was hat Hans am Sonntagabend noch gemacht?» Max zuckte bedauernd die Schultern: «Kleine, mit seiner Freundschaft ist es wohl für immer fertig. Im Bahnwagen hat er kein Wort gesprochen, ohne dass ich’s aus ihm herausgeklaubt hätte, beim Abschied hat er mir ganz flüchtig die Hand gegeben und gesagt: ‹Macht euch lustig am Sonntag, und deiner Lydia kannst sagen, wenn sie eine alte Jungfer werden wolle, müsse sie es nur allen machen wie mir, sie bleibe dann schon sitzen›.» Lydia presste die Lippen zusammen vor Zorn und Schmerz. Aus, also abgetan hatte er die Sache; ohne nur den kleinsten Versuch, wieder Frieden zu schliessen, war er gegangen für immer. Aber so waren die Männer, immer mussten die Frauen die Schuld tragen. Max sah Lydia von der Seite an; er sah, wie sie Mühe hatte, die Tränen zu verbergen. «Nimm es doch nicht so tragisch, Lydia», tröstete er gutmütig, «weisst, ich habe schon lange gemerkt, dass Hans dir gegenüber andere Gefühle hegte, aber was wollte ich machen? Bist wahrscheinlich doch auch etwas grob mit ihm verfahren.»

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