Kitabı oku: «Deutschland – deine Politiker»

Yazı tipi:

Friedemann Weckbach-Mara

Deutschland –

deine Politiker

Machtkämpfe, Staatsgeheimnisse, Amtsmissbrauch und Privates von Helmut Schmidt bis Angela Merkel

mitteldeutscher verlag

Friedemann Weckbach-Mara (Kürzel: fwm) wurde 1947 in Uchtelfangen (Saarland) geboren. Nach dem Volontariat in Bonn begann er 1976 seine Arbeit als Mitglied der Bundespressekonferenz, zunächst bei der „Bild“-Zeitung und „Bild am Sonntag”. In der Zeit beriet er mit ausdrücklicher Zustimmung des Chefredakteurs Loki Schmidt mit ihrem Engagement zum Schutz gefährdeter Pflanzen. Ab 1983 war fwm bei „ddp, Deutscher Depeschendienst AG“ in Bonn erst Chef vom Dienst, dann stellvertretender Chefredakteur, zuletzt Chefredakteur der Neugründung ddp-TV. Im April 1985 übernahm fwm als Chefkorrespondent die Leitung der Parlamentsredaktion des Kölner „Express“, in dem er 1986 die SDI-Verträge veröffentlichte. 1989 Buchveröffentlichung: „Unser Bundespräsident – Reisen, Reden, Leben des Richard von Weizsäcker“. Im selben Jahr holte ihn Michael Spreng zu „Bild am Sonntag“, wo er als Chefkorrespondent deren Hauptstadtredaktion leitete. Nach dem Ausscheiden von Spreng wechselte fwm 2001 als Chefkorrespondent zur „Welt am Sonntag“, übernahm dort 2003 die Leitung der Parlamentsredaktion. 2005 wurde er politischer Chefkorrespondent der Berliner Zeitung „B. Z.“ und „B. Z. am Sonntag“. Seit Juli 2011 ist fwm freier Autor.

Für Ute

Inhalt

Cover

Titel

Der Autor

Widmung

Vorwort

I. Politiker entdecken ihre neue Liebe

Nachrichtenfälschung mit Hans-Dietrich Genscher

Genschers PR-Freundschaft

Die Scheidungsbeichten

Bonner Politiker heiratet seine Ostagentin

Der Ewiggestrige verlässt den Bundestag

II. Geheimnisse um kranke Politiker

Ludwig Erhard stirbt

Vertuschungsversuche und Todeskämpfe der Mächtigen

So war das mit Schäuble wirklich

III. Skandale, Amtsmissbrauch und der Griff in die Kasse

Watergate in Deutschland

Der Griff in die Staatskasse

Krause und die Minister-Putzfrau

Möllemann und der Einkaufschip

Amigo-Affäre mit Stoiber

Sozialwohnungen für Abgeordnete

Ex-Juso-Chef verlangt das große Geld

Reisespesen mit Kohl als Kronzeuge

Lustreisen im Verkehrsministerium

Kommt ein Teppich auf Staatskosten geflogen

IV. Von Terroristen und Spionen

Deutscher Terror im Ausland und bei uns

Ein Umschlag mit Geld für Willy Brandt

Der Terror kommt nach Deutschland

Sonderbehandlung für Politikerkinder

Pannen im Kampf gegen den Terror

Terroristen gehen in die Falle

Khomeinis Dichtung und Wahrheit

Verschollen in Libyen

Eine große Frau, ein Verrückter und nackte Gewalt

Bonner Nachtleben und Stimmenkauf im Bundestag

Ostspione in Westministerien

Der letzte große Spionage-Coup der DDR

Ein Bundestagspräsident am Abgrund

So kam das Staatsgeheimnis SDI in die Zeitung

Deshalb starb der Rote Admiral des BND

BND intern

Ein Spion in Ausbildung

V. Im Auslandseinsatz

Richard von Weizsäcker in schwieriger Mission

Mit der Jugendfreundin bei der Queen

Das war Lady Di live

Kohls Gorbi-Fauxpas mit Folgen

Jetlandung auf der grünen Wiese

Die Katastrophentour mit Weizsäcker

Berater von Loki Schmidt

Mit der Kanzlergattin im Dschungel von Borneo

Der Trick zum Vorzimmer der russischen Macht

Mit der Bundeswehr im Kriegsgebiet

Krieg um Afghanistan

VI. So stürzen Kanzler

Im Auf und Ab von Bundeskanzler Helmut Schmidt

Risse in der Koalition

Helmut Schmidt und der NATO-Doppelbeschluss

Helmut Schmidt im Umgang mit dem Osten

Interview im Dauerlauf am Strand

Partnertausch: Lambsdorff lässt die Koalition platzen

Stimmungsmache: Kanzlerkandidat unter Naziverdacht

Blüm muss CDU-Chef werden

SPD-Kanzlerkandidat Johannes Rau verliert

Die Mauer fällt

SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine verliert

Die Wende: So wird Kohl in Moskau zum Kanzler der Einheit

Kinkel und Stoiber als neue Politstars

Stoiber greift nach der Macht

Ein Interview wird zum Gebrüll

Helmut Kohls Funkstille und der Zusammenstoß mit Angela Merkel

Präsidentensuche auf dem Weg zum Wahljahr

Der letzte Sieg des Helmut Kohl

Ringen mit Kinkel

Herzogs Träume von einer Steuerreform

Kohls letzter Kampf

Gerd besiegt Helmut

Das Riesenrad am Personalkarussell

VII. Kohls Kriegserbe und Merkels Weg zur Macht

Neustart bei der Union

Vom Interview-Mut verlassen

Was Fischer unter Gastfreundschaft versteht

Wie Schröder mit Irakkrieg und Hochwasser gegen Stoiber gewinnt

Das erste TV-Duell

Halbwahrheiten im Irakkrieg

Nachwort – Rundgang durch den Reichstag

Anhang

Danksagung

Impressum

Fußnoten

Vorwort

Ein Satz, den Historiker Ludwig XIV. zuschreiben, geht mir nicht aus dem Sinn: „Zwei Dinge darf das Volk niemals erfahren: was wirklich in der Wurst ist und wer wirklich die Macht hat.“

Mit der Wurst bin ich schnell durch. Spät, sehr spät habe ich meine erste Currywurst gegessen, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder uns im Dezember 1999 in der neuen Berliner Kanzlervilla am Ende des Interviews für „Bild am Sonntag“ dazu einlud. Erst schickte er seine Leibwächter mit sonorer Stimme zum Einkaufen, dann ließ er die Berliner Originalkost (Hamburger mögen mir die Bezeichnung verzeihen) auf Porzellan mit Silberbesteck servieren. Dazu gab es Champagner. Beim anschließenden Schreiben des Interviews rebellierte mein Innenleben mächtig, aber inzwischen habe ich mit der Currywurst meinen Frieden gemacht und genieße sie gelegentlich, Champagner eher seltener.

Mit der Macht ist es komplizierter. Das habe ich in gut 30 Jahren als Hauptstadtkorrespondent immer wieder erlebt. Wer wo an den Fäden zieht, ist schon eine spannende Geschichte, besonders wenn man als Journalist an zahlreichen vertraulichen Gesprächen teilnehmen kann. Allerdings durfte ich über die Hintergrundinformationen gerade wegen der Vertraulichkeit bisher nicht berichten. Erst mit dem Ende der 17. Wahlperiode, also für die Zeit nach der Bundestagswahl 2013, bekam ich von den wichtigsten Gesprächspartnern grünes Licht für dieses Buch. Dafür danke ich meinen Freunden in der Politik.

Das Erlebte reicht von der ganz menschlichen Seite wie dem immer wiederkehrenden Austausch der Ehepartner unter Politikern, verschwiegene Krankheiten über Partnertausch zum Regierungswechsel bis zu Terrorgefahren, Krieg und der Arbeit von Geheimdiensten. Natürlich gehören dazu auch Indiskretionen wie die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen oder die Erinnerung daran, wie Helmut Kohl Angela Merkel aufforderte, mit mir nicht mehr zu reden, sie mich später zwar einen „gefürchteten Journalisten“ nannte, mir aber trotzdem regelmäßig Interviews gab. Übrigens auch Kohl wieder, als seine Umfragewerte sanken.

Die Summe der Einzelereignisse mag eine kleine Antwort auf die große Frage geben, wer wirklich die Macht hat, wie das so läuft in unserer Politik und wie aus Stimmungen Stimmen werden. Dabei greife ich auf meine unveröffentlichten Recherchedokumente und einige meiner 6.500 veröffentlichten Artikel zurück.

I.Politiker entdecken ihre neue Liebe

Nachrichtenfälschung mit Hans-Dietrich Genscher

Beginnen wir doch gleich mit dem größtmöglichen Ärgernis, das Reporter zu bieten haben, mit der Falschmeldung. Wie sie entstand und was daraus wurde. Zuletzt habe ich das so richtig erlebt, als der Kurzzeit-Bundespräsident Christian Wulff1 noch CDU-Vize und niedersächsischer Ministerpräsident war. 2008 trennte er sich von seiner Ehefrau Christiane. Eindrucksvoll legte er ein dankbares Bekenntnis zu wunderbaren gemeinsamen Zeiten mit ihr ab – so eindrucksvoll, dass sich jeder fragen konnte, warum die Trennung überhaupt stattfand. Dann wurde sein Scheidungsgrund bekannt: Er tauschte nach 19 Ehejahren seine gleichaltrige Ehefrau gegen die 13 Jahre jüngere Bettina Körner. Nur, wie sieht sie aus? Sofort begann die Suche nach einem Foto der Neuen. Plötzlich kommt sonntags eines auf den Markt, von dem einschlägige Klatschinformanten behaupten: „Das ist sie.“ Prompt prangt das Foto Montag exklusiv auf Seite Eins. Sieht prima aus.

Den Sonntag hatte ich bei meiner Familie in Bonn verbracht, nahm am Montag die Frühmaschine nach Berlin. Im Flugzeug las ich die tolle Exklusiv-Story, ohne zu wissen, wie sie zustande kam. Kaum hatte ich nach der Landung das Handy wieder eingeschaltet, da meldete sich Wulffs Sprecher, der schwergewichtige Olaf Glaeseker (im Amt bis zu seiner Entlassung am 22. Dezember 2011): „Warum haben Sie mich nicht angerufen? Das Foto ist falsch.“ Erschrocken versprach ich Aufklärung und den baldigen Rückruf. Gespannt fuhr ich zu den Kollegen.

In unserem Großraumbüro angekommen, gibt es die nächste Überraschung: Blond, schlank mit Schuhen wie aus dem Bleistiftspitzer, so steht dort die aufstrebende, junge Redakteurin vor mir und verblüfft mich mit dem Satz: „Warum denn recherchieren? Es liest sich doch gut.“ So ein Unsinn. Mit einer Richtigstellung auf Seite Eins umgehen wir nur mühsam eine formale Gegendarstellung. In der Überheblichkeit des Älteren brumme ich: „Das hat es früher nicht gegeben.“ Dabei denke ich an die beschauliche Bonner Republik am schönen Rhein. An der Spree ist alles ein paar Nummern größer. Da eilen allein zu Silvester dreimal mehr begeisterte Menschen zum Brandenburger Tor, als Bonn insgesamt Einwohner hat. Aber von wegen, früher war alles besser. Schon Sekunden nach dem Anflug von Wehmut fällt mir das Wahljahr 1976 ein.

◆

Damals war ich mit Ausweisnummer 168 gerade neues Mitglied der Bundespressekonferenz. Das ist laut Satzung „ein Zusammenschluss deutscher Parlamentskorrespondenten, die aus Berlin und/oder Bonn ständig und weit überwiegend über die Bundespolitik berichten“. Der eingetragene Verein ist regelmäßig Gastgeber für Pressekonferenzen. Dabei gelten drei Zitierregeln, die auch sonst im Umgang mit Informanten eingehalten werden: A unter Eins = zur beliebigen Verwendung, B unter Zwei = zur Verwendung ohne Quelle und ohne Nennung der Auskunftgebenden, C unter Drei = vertraulich. Also Stillschweigen. Das war in Bonn eine unumstößliche Regel.

Bei meinem ersten großen Auftrag in der Parlamentsredaktion der „Bild“-Zeitung ging es allerdings weniger um Zitierregeln, dafür umso mehr um eine faustdicke Lüge.

Wir schreiben den ersten September 1976. Der neue Außenminister und FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher2 ist auf Wahlkampftour. Ein BMW mit Journalisten fährt im Kreis Uelzen dem Promi-Tross hinterher und stößt mit einem „Triumph“-Sportwagen frontal zusammen. Zwei Personen werden schwer verletzt. Ein Kollege stirbt. Als die Nachricht über den Ticker der Agenturen läuft, rufe ich bei Genschers Büroleiter Klaus Kinkel3 an und erfahre: „Herr Genscher war schon weg, als der Unfall passierte, er hat davon nichts mitbekommen.“ Mein Büroleiter Michael Spreng schickt ein Fernschreiben – damals gab es noch diese ratternden Dinger mit Lochstreifen – an die Zentralredaktion: „Lieber Hans-Erich, das Rührstück mit Genscher geht nicht. Er war schon weg, als der Unfall passierte.“ Für uns war ist Thema durch. Am nächsten Morgen fahre ich hoffnungsfroh zur Heinrich-Brüning-Straße in die Redaktion. Auf meinem Schreibtisch liegt die „Bild“-Zeitung mit der Schlagzeile: „Genscher kniete im Gras – sein Freund starb“.

Ich kann es nicht fassen. Unter der Autorenzeile „Von Friedemann Weckbach-Mara“ steht wörtlich: „Kreidebleich, am ganzen Körper zitternd, kniete Außenminister Genscher im Gras neben der grauenhaften Unfallstelle an der Landstraße. Nacheinander hielt er die Hand der schwer verletzten Journalisten. Fassungslos presste der Minister hervor: ‚Es ist ja furchtbar.‘ Zu seinem Vertrauten Verheugen4 gewandt: ‚Sagen Sie alle Termine ab.‘“

Als vermeintlicher Autor stand ich plötzlich im Zentrum der Kollegenschelte, sie starteten eine Unterschriftensammlung gegen mich und meine Lügenstory, wie sie es nannten. Ich hatte keine Chance zur Richtigstellung. Während ich noch meine Wunden leckte, kam die Stimmungsmache mit der Rühr-Story im Wahlkampf außerhalb Bonns gut an. Genscher fuhr mit 7,9 Prozent seinen ersten Wahlsieg als FDP-Chef ein, und die Zeitung hatte eine wahrlich exklusive Story. Eine für mich neue Variante von Geben und Nehmen zwischen Politikern und Journalisten.



Der Artikel zum Unfall

Genschers PR-Freundschaft

Andererseits besiegelte der Vorgang eine enge, dauerhafte Freundschaft zwischen Genscher und Redakteur Hans-Erich Bilges, dem tatsächlichen Autor des originellen Textes. So eng, dass sie in einer einträglichen PR-Firma dauerhaft zusammenfanden. Mehr über „Genschers PR-Firma“ im Anhang.

Kein Wunder also, dass Genscher zu allen Zeiten eine besondere Vernetzung mit Chefredaktionen genießen konnte. Dieser enge Kontakt ermöglichte es ihm sogar, ein ungeliebtes Interview zurückzuziehen, das er gar nicht gegeben hatte, sondern sein umtriebiger Parteifreund Jürgen Möllemann.5 Mehr noch – selbst eine unerwünschte Schlagzeile konnte Genscher mit diesen Kontakten schon mal verhindern, wie wir später im Kapitel über Regierungswechsel erfahren werden. Besonders wenn es um sein Privatleben ging, zog er alle Register, um Veröffentlichungen zu bremsen. Dabei griff er auch schon mal zur Unwahrheit, etwa um seine Krankheit zu vertuschen.

Die Scheidungsbeichten

Dagegen war bei seiner Scheidung nicht so viel Mühe notwendig, denn zu der Zeit stand das Thema nicht besonders hoch im Kurs der Medien. Entsprechend gab es im Gegensatz zu späteren Scheidungen nur ein paar kleine Meldungen, als Genscher 1969 seine Ehefrau Luise gegen seine jüngere Sekretärin Barbara Schmidt tauschte. Genscher-Mutter, Neu-Ehefrau und Tochter aus erster Ehe bildeten mit ihrem Hans-Dietrich schnell eine harmonische Familie und keiner fragte mehr nach.

Erst Ende der 80er Jahre wurde der Partnertausch unter Politikern offener diskutiert. So kam CSU-Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (1925–2012, Bundesminister des Inneren 1982–1989, für Verkehr bis 1991) im Februar 1988 schnell in die Schlagzeilen, als er nach 17 Ehejahren die Scheidung von seiner Frau Christel verkündete. Man habe sich schließlich längst getrennt. Nun wolle der 62-jährige eine 30-jährige Arzthelferin heiraten. Ein neues Haus für beide sei schon im Bau.

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Als sich Willy Brandt6 1980 von seiner zweiten Frau Rut7 scheiden ließ, sorgte das mehr unter den Genossen als in den Medien für Diskussionen. Aufsehen erregten schon eher Fotos, die zeigten, wie er mit seiner neuen Frau Brigitte Seebacher (*1946, 26 Jahre jünger als Rut) in der Bonner Beethovenhalle zum Bundespresseball kam. Üblicherweise tragen Damen bei der Gelegenheit vorzugsweise lange Abendkleider. Dagegen erschien die eingetauschte neue Frau Brandt im kurzen Kleid, das viel Bein zeigte. Er strahlte an ihrer Seite verschmitzt in die Kameras. Noch Jahrzehnte später ging die angesehene Fernsehjournalistin Wibke Bruhns darüber hart mit Brandt ins Gericht. Gefragt, ob dieser tatsächlich ein großer Frauenfreund gewesen sei, sagte sie der „Hör zu“ im Februar 2012:


Willy Brandt in der „Express“-Parlamentsredaktion. Rechts mein damaliger Stellvertreter Georg Streiter, wurde 2011 Vizeregierungssprecher in Berlin

Er hat ein Buch geschrieben, „Über den Tag hinaus“, in dem er nicht ein einziges Mal seine Frau Rut erwähnt. Auch die Art, wie er sich getrennt hat nach über 30 Jahren Ehe für diese Ziege … – wie heißt die noch mal?

„Hör zu“: Brigitte Seebacher.

Ja. Nicht zu glauben. Er hatte ein tief gestörtes Verhältnis zu Frauen. Von ihm selbst hörte sich das ganz anders an. Als er im Dezember 1986 in meine Bonner „Express“-Redaktion kam, erzählte uns Brandt – damals SPD-Bundesvorsitzender – über seine neue Ehefrau Brigitte: „Für mich ist es eine große Hilfe, wenn wir miteinander über Geschichte und langfristige Zusammenhänge reden.“

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Freundinnen neben der Ehefrau blieben im Gegensatz zu Scheidungen in der Bonner Republik über Jahrzehnte schlicht tabu. Davon profitierte CSU-Chef und Bundesfinanzminister Theo Waigel8, Katholik wie Zimmermann. Jahrelang hatte Waigel schon die ehemalige Skiläuferin Irene Epple (Olympiazweite 1980, 18 Jahre jünger als Theo Waigel) zur Freundin, aber das war kein Thema für die Öffentlichkeit. Parteiintern schon eher. Mitten im Wahlkampf plakatierte die örtliche CSU nur einen Steinwurf von Waigels Haus entfernt ein riesiges Plakat mit überlebensgroßer Stoiber-Familie. Glücklich strahlten sie in Richtung Waigel, ganz nach dem Motto: Seht her, unsere Familie ist in Ordnung. In der Zeit versprach Waigel gleich reihenweise den stillhaltenden Journalisten in die Hand, jeder würde exklusiv erfahren, wenn es offiziell zu Trennung und neuer Heirat käme.

Die Vorgeschichte blieb so erst einmal in der Schublade: 1988 verließ er die Diplomvolkswirtin Karin Waigel nach 22 Ehejahren. Der Minister lebte allein in seinem Heimatdorf Oberrohr (660 Einwohner), Karin blieb in der Münchner Stadtwohnung, Tochter Birgit (damals 16 Jahre) kam ins Internat.


Waigel als Gast auf meiner Geburtstagsfeier

Am 23. Oktober 1994 erschien Waigel (damals 54 Jahre) um 19.00 Uhr in der Münchner Innenstadt beim Notar. Nach zwei Stunden war der Scheidungsvertrag unterschrieben. In der Folgewoche besiegelte das zuständige Familiengericht in Günzburg die Scheidung. Ergebnis: Der CSU-Chef zahlte seiner Frau einen monatlichen Unterhalt in Höhe von knapp 6.000 D-Mark, statt Abfindung erhielt Karin Waigel die Eigentumswohnung (Schätzwert damals: 550.000 D-Mark) mit Möbeln. Am 26. November 1994 folgte die Hochzeit um 11.00 Uhr im Standesamt der neuen Heimat Seeg im Allgäu. Mit Kohl und Co. Im nächsten Jahr kam der Sohn zur Welt und die drei wurden eine erkennbar glückliche Familie.

Bonner Politiker heiratet seine Ostagentin

1995 erzählte mir mein langjähriger Bekannter Karsten Voigt9 von einer Ost-West-Heirat der besonderen Art – seiner eigenen: Erst hatte die 36-jährige DDR-Journalistin Brigitta Richter jahrelang für den Ostberliner Geheimdienst MfS den damals 54-jährigen Voigt (zu der Zeit außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des NATO-Parlaments) ausspioniert, dann gaben sich beide am ehemaligen Tag der Deutschen Einheit (17. Juni) in Berlin vor dem Standesbeamten das Jawort. Für seine „ganz große Liebe“ aus der DDR hatte er sich nach 20 Ehejahren von der Architektin Inge Voigt scheiden lassen: „Wir haben uns ohne Streit einvernehmlich getrennt. Durch die Politik lebt man sich halt auseinander.“

Oder anderweitig zueinander. Denn bereits Jahre vor dieser Scheidung hatte Voigt seine Neue in Westberlin auf einer Tagung kennengelernt. Ein „Aha-Erlebnis“ (Voigt) mit Folgen. Die beiden telefonierten regelmäßig und trafen sich immer häufiger. Kurz vor dem Fall der Mauer kam sie über Ungarn in den Westen. Voigt: „Ich habe sie damals auf dem Flughafen abgeholt.“

Danach arbeitete sie in seinem Abgeordnetenbüro, später in einer Berliner Werbeagentur. Dass seine neue Geliebte ein Stasi-Spitzel war, sah Karsten Voigt mit „großer Gelassenheit. Natürlich musste sie nach Gesprächen mit mir berichten, sonst hätte sie ja nie mehr ausreisen dürfen. Doch das gehört alles längst der Vergangenheit an.“

Genauso wie die Erinnerung daran, dass der einstige MfS-Führungsoffizier von Brigitta Richter diese beim Verfassungsschutz angeschwärzt hat, Voigt und seine Geliebte von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) vernommen wurden und am Ende der zuständige Richter wegen „geringer Schuld“ auf Klageerhebung verzichtete. So gab es keine Hindernisse mehr für ihre deutschdeutsche Liebesgeschichte.

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Ganz anders verlief Mitte der 90er Jahre der Frauenwechsel des Rudolf Scharping.10 Der damalige Bundesverteidigungsminister hatte mir wie so oft eine Exklusivgeschichte zugesagt und übrigens wie immer auch eingehalten. Diesmal ging es um sein neues Familienleben.

Seit Monaten gab es Trennungsgerüchte. Zur Klarstellung lud er mich zum gemeinsamen Gespräch mit seiner Noch-Ehefrau Jutta, die ich zuvor mehrmals bei Urlaubsinterviews getroffen hatte. Sein Plan war einfach: „Wir machen eine große Geschichte mit Ihnen und das war es dann. Wir hoffen, dass danach unser Privatleben respektiert wird, und werden uns künftig zu diesem Thema nicht mehr äußern.“ Ein Verfahren, das sich mehrfach bewährt hat, wenn man es einhält.

Wir treffen uns in der gemeinsamen Wohnung in Lahnstein. Rudolf und Jutta Scharping nach 29 Ehejahren: „Ja, wir werden uns trennen und scheiden lassen. Aber es wird keine Schlammschlacht geben. Im Gegenteil. Wir bleiben auch nach der Trennung Freunde.“ Die drei Töchter sind zu dem Zeitpunkt 18, 24 und 26 Jahre alt. Als Grund für ihren Entschluss nennen Rudolf und Jutta Scharping „die Belastung durch die Politik, den Umgang damit und unterschiedliche Lebensperspektiven“. Aber: „Trotzdem werden wir uns auch in Zukunft gegenseitig unterstützen, uns immer wieder sehen, Feste miteinander feiern, denn auch in Zukunft verbinden uns die Kinder, eine große Familie, viele Freunde und die gute gemeinsame Zeit der Vergangenheit. Jeder von uns beiden hat seinen eigenen beruflichen Weg eingeschlagen.“

Auf die Frage nach einem neuen Partner antworten sie gemeinsam: „Eine neue Beziehung ist kein Grund für die Scheidung.“ Zumindest nicht für sie, denn nach unserem Gespräch fuhr Rudolf Scharping für ein paar Tage in Urlaub nach Südfrankreich – und traf sich schon bald immer häufiger mit seiner Neuen.

Erst ein paar Jahre später sickern Gerüchte darüber durch, aber noch kennt niemand den Namen der Neuen. Über Handy rufe ich Scharping in Irland an. Es ist Freitag, der 25. August 2000. Ich habe Sorge, dass mir die Exklusiv-Story im Laufe der nächsten Woche durch die Lappen geht. Denn als Leiter der „BamS“-Parlamentsredaktion brauchte ich die Story nun mal punktgenau zum Sonntag. Das sieht er ein („Ich halte Wort!“) und verkürzt seine Gesprächsrunde mit dem irischen Amtskollegen und den europäischen Sozialdemokraten, beordert seine Challenger der Luftwaffe und verabredet sich mit mir für den folgenden Samstag um elf Uhr am Bonner Flughafen.

Vor dem Gebäude der Flugbereitschaft will ich auf die Panzerlimousine des Ministers warten, doch nichts davon ist in Sicht. Plötzlich sehe ich in einem einsamen roten VW Touran den Mann am Steuer heftig gestikulieren. Er ist es, ganz allein. Ich steige ein und frage, wohin der Fotograf kommen soll: „Später, wir fahren erst einmal los. Er soll in Richtung Taunus fahren, mehr sagen wir ihm unterwegs.“ Mehr Geheimniskrämerei geht nicht. Unterwegs erinnere ich ihn daran, dass am Samstag um 18.00 Uhr normaler Redaktionsschluss ist. Er drückt auf die Tube. Am Elzer Berg geht es noch einmal gut. Die Blitzlichtkameras reagieren nicht.

Erst nach Stunden erfahre ich, ab welcher Kreuzung Marc Darchinger, der erfahrene Foto-Kollege und Sohn des legendären Jupp Darchinger, hinter uns herfahren darf. Vorbei an kleinen Taunusdörfern, kommen wir zu einer romantisch verborgenen Block-Hütte. Er steigt aus, wir warten noch. Vor der Garage steht ein Jaguar und schon bin ich bis zur Halskrause voller Vorurteile. Das unfeine Wort von der Cartier-Hippe geht mir durch den Kopf: „Was will er nur mit der?“ Doch dann kommt eine völlige unkapriziöse Frau in einfachem T-Shirt auf uns zu: „Schön, dass Sie da sind, kommen Sie doch rein!“ Meine Vorurteile gehen über Bord. Rudolf Scharping kommt um die Ecke wie ein verliebter Pennäler mit einem Silbertablett, auf dem er für seine neue große Liebe Kristina Gräfin Pilati-Borggreve (damals 51) jede Menge Gummibärchen in Herzform angeordnet hat. Beide posieren turtelnd vor der Kamera. Als alles im Kasten ist, suchen wir gemeinsam wie verabredet die Fotos aus. Sie sollten für Marc Darchinger zum Verkaufsschlager werden.

Ich stimme mit Scharping den Text ab. Dann suchen wir im Dorf nach einer geeigneten Telefonverbindung zum Übermitteln der Fotos und werden beim örtlichen Arzt fündig. Die Zeit drängt. Erst die Fotos, dann gebe ich meinen Text durch. Ungläubig unterbricht mich die Redaktionssekretärin: „Das gibt’s doch nicht, hat er das wirklich gesagt, das ist ja wie bei Hedwig Courths-Mahler.“ Ich brumme: „Ruhe, weiterschreiben!“, und gebe durch: Das erste Wochenende ohne Heimlichkeit, dort, wo sie sich bisher nur ganz diskret treffen konnten – in der romantischen Block-Hütte eines verschwiegenen Freundes im Taunus. Beide wirken frisch verliebt wie Schüler: „Kopf und Herz sind sehr jung. So passen wir beide sehr gut zusammen“, strahlt Scharping seine „Tina“ an. Sie, die so erfolgreiche Anwältin und Notarin aus Frankfurt. Er hat seine Ministerakten dabei, sie ihre Prozessakten – aber erst mal fallen sie sich in die Arme: „Jetzt hat die Arbeit eine Pause!“ Rudolf Scharping ist erleichtert, dass er endlich seine neue Liebe auch öffentlich zeigen kann: „Wir wollen zusammenleben, so lange uns der liebe Gott leben lässt. Und vor allem ist jetzt Schluss mit der Heimlichkeit. Jetzt brauchen wir nicht mehr zu Hause kochen, sondern können auch mal essen gehen, tanzen, ins Konzert und ins Theater. Hartmut Engler von der Gruppe ,Pur‘ hat vor ein paar Tagen angerufen und uns ins Konzert eingeladen. Jetzt können wir ja in aller Öffentlichkeit zusammen hingehen.“ Er nennt sie: „eine gut aussehende, kluge, sehr zärtliche und fürsorgliche Frau, dabei selbständig und selbstbewusst.“ Und Tina schwärmt: „Ich bin wunschlos glücklich und hoffe, dass es ganz, ganz lange so bleibt.“

Seine blind anmutende Verliebtheit hält an. Alle sollen seine Tina sehen. So lässt er sich später sogar mit ihr im Pool auf Mallorca ablichten. Der Flug dorthin im Luftwaffenjet und die Plansche-Fotos, während seine Soldaten in gefährlichem Auslandseinsatz sind, werden für ihn zum politischen Sargnagel. Er muss 2002 das Verteidigungsministerium verlassen, aber Tina hält zur Verwunderung skeptischer Beobachter (mich eingeschlossen) zu ihm. Sie lässt sich für ihren Rudolf scheiden und 2003 heiraten beide neu.

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Von einer besonders verblüffenden neuen Heirat mit ungewöhnlichem Hintergrund erfuhr ich Ende 2001. In der zweiten Dezemberwoche rief mich die grüne Außen- und Sicherheitspolitikerin Angelika Beer11 an, um mir diese „Überraschung“ zu versprechen: „Sie waren doch gerade in Skopje. Es hat etwas damit zu tun, aber mehr noch mit der Art, wie Sie über Scheidungen und neue Verbindungen von Politikern geschrieben haben. So wie die anderen will ich auch Ihnen etwas anvertrauen.“ Ich war mächtig gespannt. Wir verabredeten uns zum Mittagessen im „Tucher“ am Brandenburger Tor. Das ist nicht nur ein Treffpunkt-Restaurant, sondern mit seiner großen Galerie zugleich so etwas wie ein Buchladen mit Messer und Gabel. Da kann man Bücher nicht nur lesen, sondern auch kaufen.

Bei Salat und Mineralwasser plauderte Angelika Beer über ihren „Mann fürs Leben“. Selbst langjährige Freunde überraschte die bekannte Antimilitaristin mit der Mitteilung, dass der Neue an ihrer Seite ausgerechnet Oberstleutnant der Bundeswehr ist. Das erklärt sie so: „Ich besuche regelmäßig die Bundeswehr auch im Ausland. Dabei habe ich mehrmals den deutschen Militärattaché in Mazedonien getroffen. Es waren normale Dienstgespräche. Wir haben viel über Bundeswehreinsätze diskutiert. Am 17. September hat beim Abschied nach einer Besprechung der Blitz aus heiterem Himmel eingeschlagen. Der Abschied war nur von kurzer Dauer und seit dem 1. Dezember steht für uns fest, dass wir unser weiteres Leben gemeinsam verbringen werden.“

Oberstleutnant Peter Matthiesen (damals 55) ordnete für sie sein ganzes bisheriges Leben neu, zog in Skopje aus der gemeinsamen Wohnung mit seiner Ehefrau aus: „Nach 27 Ehejahren habe ich ihre Gefühle tief verletzt. Ich hoffe auf eine gütliche Trennung. Wir sind und bleiben darüber im Gespräch.“ Er hat sieben Kinder: „Die drei Kinder in Mazedonien sind sehr enttäuscht. Es ist sicher schwer für sie. Aber ich laufe nicht weg, sondern bin auch in Zukunft für sie da.“ Auch Angelika Beer hatte mit ihrem 27-jährigen Sohn Markus aus einer kurzen frühen Ehe gesprochen, er freute sich auf ein gemeinsames Treffen, zumal es das neue Paar offenbar sehr ernst meinte. Für beide war „das Zusammensein das schönste Weihnachtsgeschenk. Die Heimlichkeit hat ein Ende. Wir lieben uns und stehen dazu.“

Als sie mir damals ihre neue Liebe gestand, schaute Angelika Beer so glücklich drein, dass ich zum Ende unseres Gesprächs aufstand, ein wunderschön gestaltetes Buch mit Liebesgedichten aus dem Regal nahm, um es ihr zu schenken. An der Kasse setzte die Verkäuferin ein maximal breites Grinsen auf. Für sie war sonnenklar, warum ich Angelika Beer Liebesgedichte schenkte. Unser Lachen darüber konnten wir gerade noch bis zum Restaurantausgang unterdrücken.

Später erzählte sie mir am Telefon, dass seine Scheidung zügig lief. Ihr Oberstleutnant verließ nicht nur seine bisherige Familie, sondern auch die Bundeswehr, um nur noch mit seiner Angelika zu leben.

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So schnell ging es nicht beim engagierten Sozialdemokraten Rudolf Dreßler.12 Vielmehr dauerte es gut drei Jahre, bis er mir am 23. April 1999 abends in Niederdollendorf seinen Scheidungserfolg verkündete: „Dieser Freitag ist einer der glücklichsten Tage in meinem Leben.“ Frisch geschieden von seiner zweiten Ehefrau Leocadia, meinte der damalige SPD-Fraktionsvize: „Ich bin froh, dass wir uns am Ende außergerichtlich gütlich geeinigt haben. In 15 Minuten war die Scheidung vollzogen.“ Gegenüber seiner zweiten Frau wollte er „nicht kleinlich sein“: Sie bekam die Hälfte aus dem Verkaufserlös des einst gemeinsamen Wohnhauses in Wuppertal und noch monatlich fast die Hälfte seiner Diäten von rund 13.000 D-Mark. Den Beginn seines neuen Lebensabschnitts feierten Rudolf Dreßler und seine neue Partnerin, die Journalistin Doris Müller (39), im Gasthof „Bredershof“ in Niederdollendorf bei Bonn. Dort tranken wir gemeinsam ein Glas Sekt „auf die deutschen Richter“. Für sie war nun der Weg frei für ein unbeschwertes gemeinsames Glück: „Sobald die Gerichtsurkunde zugestellt ist, wollen wir heiraten.“ Taten sie auch. Als ich ihn Jahre später als hilfsbereiten Botschafter in Israel traf, hielt das Glück immer noch an.

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Etwas weniger offensiv agierte sein Parteifreund Hans Eichel.13 Er wollte sich nur einmal outen und dann sollte Ruhe sein. Dazu rief mich sein Sprecher Torsten Albig (der spätere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein) an mit dem Hinweis: „Ja, er lebt getrennt. Aber auch ein Minister braucht eine Schulter zum Anlehnen. Wir machen die Story exklusiv mit Ihnen und das war es.“ Er hat sich daran gehalten. So erfuhr die Öffentlichkeit mitten in der wichtigen Haushaltsdebatte des Bundestages vom neuen Glück des Finanzministers, das so gar nicht zu seinem bisherigen Erscheinungsbild passen will. Farblos, ein Mann ohne Sinn für das Schöne im Leben. Und dann die Meldung, er hat eine Neue: Gabriela Wolf, 47, eine Architektin aus Kassel. Eichel: „Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren und sind seit über einem Jahr miteinander befreundet.“ Beide hatten sich 1978 auf einem Volksfest bei Kassel kennengelernt und kamen sich sehr schnell näher. Eichel: „Weitere Erklärungen zu unserer Beziehung werden wir nicht abgeben und bitten die Medien, unsere Privatsphäre zu respektieren.“ Damit zogen beide eine klare Trennlinie zur Selbstdarstellung von Parteifreund Rudolf Scharping.

Noch weniger mitteilsam ging es bei Oskar Lafontaine14 zu. Er wollte den Partnerwechsel am liebsten ganz ohne Medien vollziehen. Von 1967 bis 1982 war er mit Ingrid verheiratet. 1982 folgte Margret für sechs Jahre und 1993 Christa Müller („Püppi“). Dieser Frauenwechsel wurde erst am 14. Januar 1994 durch ein kleines Wort publik. Beim Sülze-Essen in Oskars Heimatort Dillingen-Pachten langte der damalige Saar-Ministerpräsident mit seiner Begleiterin kräftig zu und verblüffte die Genossen mit dem Satz: „Ich bedanke mich auch im Namen meiner Frau Christa Müller.“ So kam heraus, dass der damals 50-jährige Oskar seine strohblonde Freundin Christa Müller (damals 37) nach fünf gemeinsamen Jahren in aller Stille standesamtlich geheiratet hatte – mit anschließenden Flitterwochen auf der Karibik-Insel St. Lucia. Zuvor hatte er auf vorsichtige Fragen, ob Christa Müller seine Ehefrau Nummer drei werde, mal mürrisch, mal grinsend geantwortet: „Das geht sie einen feuchten Kehricht an.“ Noch ungnädiger reagierte er nach dem Verlassen von SPD und seiner Christa Müller. Inzwischen zum Star der SED-Nachfolgeorganisation Linkspartei avanciert, erschien die 26 Jahre jüngere Vorzeigefrau der Kommunistischen Plattform immer öfter an seiner Seite. Als der Spiegel 2009 erstmals über eine Affäre Lafontaines mit Sahra Wagenknecht (damals verheiratet mit Filmproduzent Ralph-Thomas Niemeyer) berichtete, reagierte der Ertappte indigniert. Erst im November 2011 bekannte der inzwischen 68-jährige Lafontaine wie beiläufig zum Ende seiner Rede auf dem Linke-Parteitag in Saarbrücken: „Ich lebe seit einiger Zeit getrennt und bin seit einiger Zeit mit Sahra eng befreundet.“ Damit sollte Schluss dieser Debatte sein: „Es ist alles gesagt.“ Bleibt nachzutragen, dass sie am 22. Juni 2012 ganz zu ihm zog, sich dort offiziell anmeldete und von Hochzeit sprach.

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Im Laufe der Jahre veränderte sich die Berichterstattung über dieses Privatthema. Inzwischen musste schon viel geschehen, um damit in die Schlagzeilen zu kommen. Gerhard Schröder15 schaffte das erst im dritten Anlauf. Zunächst war er drei Jahre mit Eva (bis 1971) verheiratet, dann folgten Anne (bis 1983) und Hiltrud (Hillu), die ihm im März 1996 die Koffer vor die Tür stellte. Das war dann eine Schlagzeile wert.

Als Schröder später Kanzlerkandidat wurde, fragten einige Genossen besorgt, ob es im Wahlkampf Probleme mit Schröders Privatleben geben könne. Fraktionschef Peter Struck beschwichtigte damals: „Wir haben auch über sein Privatleben gesprochen, aber das gibt für die Konservativen nichts her. Gerd heiratet ja immer seine Frauen.“ Und tatsächlich kündigte Doris Köpf (*1963) im Juni 1996 an, sie werde voraussichtlich im folgenden Jahr zu ihrem Gerd ziehen.

Kennengelernt hatte sie ihn schon viel früher. Dazu ein kurzer Rückblick auf das Jahr 1987. Im September wurde ich auf die strebsame junge Journalistin aufmerksam. Ihre Arbeit bei der „Bild“-Zeitung ließ bei ihr schon nach wenigen Monaten Wandergelüste aufkommen. Also holte ich sie zum 1. Oktober in meine Parlamentsredaktion des „Express“. Die vielseitig interessierte, mädchenhaft junge, blonde Doris Köpf kniete sich voll in die Arbeit und gewann rasch Kontakte zu Politikern. Früh lernte sie Wolfgang Kubicki (FDP) näher kennen, aber auch Prominente aus der CSU wie Peter Gauweiler und besonders Johnny Klein. Ebenso namhafte CDU-Politiker und Berufskollegen wie Sven Kuntze, den Vater ihrer Tochter. Als ich meine Redaktion zur Hauseinweihung einlud, saß sie abends mit ihm platzsparend auf unserer Kaminbank.


Doris Köpf mit Klaus Töpfer in der „Express“-Parlamentsredaktion

Unter den SPD-Politikern lernte sie schon bald Gerhard Schröder („Gerd“) kennen, den sie 1997 heiratete und mit ihrer Tochter zu ihm zog.

Kurz drauf erklärte sie mir: „Ich habe die SPD-Mitgliedschaft beantragt und erwarte jeden Tag mein Parteibuch, auf das ich mich sehr freue.“ Bekanntlich war es ihr damit ernst, denn 2012 startete sie sogar eine Kariere als Landtagsabgeordnete.


Joschka Fischer als junger Grüner

Mit dieser vierten Heirat kam bei Autofan Schröder spätestens im Jahr seiner Kanzlerwahl 1998 der Spruch auf, dass er nun wie beim Audi-Markenzeichen auf dem Kühlergrill den vierten Ring am Finger habe. Sein Vizekanzler Joschka Fischer16 brachte es bald danach auf die fünf olympischen Ringe. Etwas sparsamer war Franz Müntefering17, kurz Münte genannt, mit seinen Ringen.

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Wie das mit Münte anfing, erfuhr ich erst 2004 auf seiner Wahlkampftour. Es war die Zeit des Sturzflugs der SPD. Im sauerländischen Arnsberg (katholisch, CDU) empfingen gerade mal 68 Bürger, einschließlich Bierzapfer, den hohen Gast aus Berlin auf ihrem Marktplatz. Der regionale Spitzenkandidat Franz-Georg Schröder gab mir seine Visitenkarte. Auf der und auf seinem kleinen Werbe-Smart stand alles Mögliche von „ganz nah dran“ bis zu seinem Namen, aber kein Wort von Sozialdemokratie, nicht einmal das Kürzel SPD. So wollte er dem Abwärtssog der eigenen Schröder-Partei entgehen. Dann setzte auch noch Regen dem Sommerfest ein Ende. Schröder war da vorsichtiger als Münte, kam erst Stunden später in die Schützenhalle von Sundern, um den Genossen weltmännisch Mut zuzusprechen. Münte blieb eher hausbacken, erzählte mal wieder, wie er nach dem Krieg den SPD-Ortsverein „Altes Testament“ gründete, benannt nach der Region aus zwölf Gemeinden. Und das in der Kneipe mit dem beziehungsreichen Namen „Himmel“.

Am Abend wurde es bei diversen Bierchen etwas persönlicher. Christoph Plass beklagte erst seine Probleme mit der Netzhaut, gab sich als ältester Freund von Münte aus und erinnerte an die vergangenen Jahre der engen Gemeinsamkeiten. Ihn beschäftigte immer noch, dass sein Freund „damals“ die Mutter von der eigenen Ehefrau Renate (verheiratet seit 1961) bis zum Ende pflegen ließ und „sich gleichzeitig bereits eine neue Frau gesucht“ habe.

Ende 1980 folgte die Scheidung. 1995 heiratete er seine Freundin Ankepetra, die SPD-Bundestagsmitarbeiterin. Im katholischen Sauerland kam das nicht so gut an. Aber im fernen Berlin erlebten wir ihn nur in erkennbarer Liebe zu seiner zweiten Frau. Dass seine Tochter Mirjam aus erster Ehe ihre Freundin Sabine offiziell heiratete, war nach der Jahrtausendwende schon keine Sensation mehr.

Anhaltender waren da die Schlagzeilen, als sich Münte 2007 immer mehr um seine krebskranke Ankepetra kümmerte und deswegen sogar am 13. November als Arbeitsminister und Vizekanzler zurücktrat. Die Bundeskanzlerin hatte ihm eine Auszeit angeboten. Doch er wollte keine halben Sachen.

Ein klarer Fall von Rücktritt aus Liebe. Am 31. Juli 2008 verstarb seine Ankepetra.

Monate später spielte eine Frau, jünger als seine Tochter, im Leben des Franz Müntefering zunehmend eine Rolle. Sie kannten sich aus der Parteiarbeit mindestens seit 2004.

Als im Mai 2009 das neue Glück des Franz Müntefering durchsickert, erlebe ich reihenweise staunende Genossen wie Peter Struck, die sich fragen, ob das ernst gemeint ist. Die damaligen Daten sind auch bemerkenswert: Münte 69 Jahre, Michelle Schumann 29 Jahre. Aber sie heiraten. Kurz nach den Flitterwochen auf Madeira („Zwei Wochen. Das war der längste Urlaub meines Lebens.“) kommt er Ende Januar 2010 mit seiner Michelle ins Berliner Tempodrom zu Peter Maffay, der zu seinem 60. rockt. Ich frage das junge Paar, wer von beiden der größere Maffay-Fan sei. Münte: „Ich bin 1,76 Meter, sie ist 1,63 Meter.“ Was immer das heißen soll. Sein Glück erscheint dauerhaft. Sie strahlt ebenfalls. Und sie hat noch beruflich einiges vor. Mit dem großen alten Mann der SPD an ihrer Seite startete sie 2013 in den Bundestagswahlkampf, um als Abgeordnete in Müntes Fraktion einzuziehen, der selbst nicht mehr antrat.

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Ein fraktionsinternes Bäumchen-Wechsel-Dich lieferten im Frühjahr 2000 die SPD-Bundestagsabgeordneten Christine Lambrecht (damals 35) und Hans-Joachim Hacker (50). Sie fielen zwar sonst nie auf, aber als die Mannheimerin Lambrecht ihren Freundinnen ein süßes Geheimnis anvertraute, machte das schnell die Runde. Die Noch-Verheiratete bekam ein Kind von ihrem Fraktionskollegen aus Schwerin. Der Familienvater mit vier Kindern reichte daraufhin die Scheidung ein und verkündete: „Ich werde alle Verpflichtungen erfüllen, aber die Trennung von Tisch und Bett ist unumkehrbar.“ Seine Begründung: „Die Politik ist sicherlich ein Grund, warum wir uns nach 25 Ehejahren auseinandergelebt haben. Natürlich ist das neue Leben hier in Berlin auch ein wesentlicher Grund.“

Der Ewiggestrige verlässt den Bundestag

Das war nur noch eine Meldung auf Seite Drei. Denn der Partnertausch bei Hinterbänklern reichte nach der Jahrtausendwende kaum noch für eine Schlagzeile. Der ziemlich konservative CSU-Politiker Norbert Geis wirkte da eher wie ein übriggebliebenes Fossil, als er 2012 „Spiegel“-Redakteuren kurz vor seinem eigenen Kariereende als Abgeordneter zu Protokoll gab, er könne jemanden nicht wählen, wenn dieser sein Heiratsversprechen nicht einhält. Selbst Bundespräsident Joachim Gauck18 wollte Geis raten, seine „persönlichen Verhältnisse zu ordnen, um nicht angreifbar zu sein“. Was immer das heißen sollte: Rückkehr zur Ehefrau, von der Gauck getrennt lebt, oder Trennung von der heutigen Lebensgefährtin? Unsinn. Über solches Ansinnen ist die Zeit erfreulicherweise hinweg.

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Ein so kompliziertes Privatleben allerdings, wie es Horst Seehofer19 jahrelang praktizierte, finden die Bürger (und vor allem die Bürgerinnen) wohl zu jeder Zeit spannend.

Angefangen hat diese Seehofer-Berichterstattung mit dem Hinweis, dass sich der Familienvater in Berlin eine Geliebte hält. Das machte richtig neugierig, als Anfang Januar 2007 auch noch herauskam, dass die Neue an seiner Seite schwanger war. Klar: Die Abende im Regierungsviertel fernab der Familie sind einsam. Im fünften Stock des riesigen schlangenförmigen Appartement-Hauses für Politiker nahe dem Reichstag aß Horst Seehofer oft zum Tagesabschluss allein eine deftige Brotzeit oder er ging zum Abschluss noch zu einem der vielen Empfänge. Genau dabei hat er 2004 die gut 20 Jahre jüngere quirlige Büroleiterin seines damaligen Fraktionskollegen Laurenz Meyer kennengelernt. Sie war mehr als einen Kopf kleiner, schlank, sehr gebildet – und eben da. Aus interessanten Gesprächen bei Abendempfängen wurden Gemeinsamkeiten während der Berliner Tage des Horst Seehofer. Zunächst in großer Verschwiegenheit.

Der erste Wohnsitz Ingolstadt blieb seine eine Welt, Berlin die andere. In beiden fühlte er sich wohl.

Plötzlich ist seine Berlinerin im vierten Monat schwanger. Sie vertraut ihr süßes Geheimnis Kolleginnen auf dem Flur und im Fitnessraum an, zeigt stolz das Ultraschallbild. Seehofer selbst schwieg dazu („Kein Kommentar“) und verzichtete nach Mitteilung seines Ministeriums „vorerst“ auf öffentlichkeitswirksame Auftritte. Dazu verschickte das Bundeslandwirtschaftsministerium am 18. Januar 2007 um 11.16 Uhr dieses Fax auf Briefbogen der Anwaltskanzlei Prinz, Neidhardt, Engelschall in Hamburg und Berlin:

„Zu den zahlreichen Medien-Veröffentlichungen der vergangenen Tage über mein Privatleben möchte ich nur folgendes mitteilen. Über meine privaten und familiären Angelegenheiten werde ich mich in der Öffentlichkeit nicht äußern. Eine Diskussion auf dieser Ebene ist unter meinem Niveau. Als Politiker bin ich es gewohnt, wenn die Sache es erfordert, mit harten Bandagen zu kämpfen. Dies ist auch der Maßstab, an dem ich meine politische Arbeit gemessen sehen will. Traurig finde ich allerdings, dass in bestimmten Medien eine Kampagne läuft, die insbesondere auch meine Familie stark beeinträchtigt. Ich werde hiergegen nachhaltig mit allen rechtlichen Möglichkeiten vorgehen und habe diese Vorgänge an meine Anwälte von der Sozietät Prinz übergeben. Berlin, den 17. Januar 2006 Horst Seehofer.“

Dabei feierte Horst Seehofer noch einen Monat zuvor im bayerischen Ingolstadt fernab von seiner Geliebten mit Ehefrau Karin und den drei Kindern im gemütlichen Vororthaus seinen 21. Hochzeitstag.

In seinem Wahlkreis ist er zu der Zeit die absolute Nummer Eins, wird mit dem Rekordergebnis von 65,9 Prozent gewählt. Sein Versprechen seit zehn Jahren: „Die Kinder sind jetzt in einem Alter, wo die Probleme von meiner Frau allein nicht mehr zu bewerkstelligen sind. Ich werde mir da auch mehr Zeit nehmen müssen.“ Daran hält er sich nach außen sichtbar, gibt sich gern als Familienmensch. Die weiß-blaue Welt scheint für ihn in Ordnung, die Kinder haben viel Verständnis für den arbeitsintensiven Berufsalltag. Sich selbst sah Seehofer zu keiner Zeit als Querdenker, sondern „schlicht und einfach als standfest: Ich bemühe mich, dass Denken, Reden und Handeln übereinstimmen – eigentlich die natürlichste Sache für jeden Menschen.“ In seiner persönlichen Alltagspraxis sah das dann allerdings so aus: Seehofer ließ lange Zeit offen, ob er mit neuer Frau und deren Kind oder mit seiner bisherigen Ehefrau und deren Kindern künftig zusammenleben wolle.

Da es in Bayern gleichzeitig um das politische Erbe des langjährigen Landesvaters Edmund Stoiber ging, geriet das Privatleben zum Politikum. Ganz nach dem Motto: „Horst Seehofer hat sich im Kampf um den CSU-Vorsitz disqualifiziert.“ Wer die heile Familie als politisches Argument zelebriert, obwohl er sich gleichzeitig mit einer weiteren Frau auf ein Kind freut und sie in der Hoffnung auf ein gemeinsames Leben wiegt, der erschien so manchem Beobachter schlicht unglaubwürdig. Genau das habe ich ihm an einem langen Abend bei Rotwein erzählt, während er sich über die Verfolgung durch Journalisten beklagte – in einigen Fällen nicht ganz zu Unrecht. Im Beisein seiner damaligen Sprecherin saßen wir im Steak-Restaurant, das in den Innenhof des ZDF-Hauptstadtstudios reicht. Die Kellnerin stellte schon Stühle hoch, brachte uns aber trotzdem noch Rotwein. Seehofers unterhaltsame Ausdauer kannte ich nicht zuletzt von meiner eigenen Geburtstagsparty Jahre zuvor. Nur diesmal war das Gespräch ernster und, ehrlich gesagt, ohne richtiges Ergebnis, denn wir verabschiedeten uns herzlich, aber mit geteilter Meinung.

Im folgenden Februar gab es erste Anzeichen für eine Neuordnung. Es hieß, die Aussöhnung mit Ehefrau Karin (damals 48) in Ingolstadt komme „gut voran“. Allerdings war das Problem mit seiner gut 20 Jahre jüngeren Ex-Geliebten in Berlin noch nicht gelöst. Sie fand sich nur schwer damit ab, dass Seehofer nun doch bei seiner Familie bleiben und sie in der Hauptstadt allein lassen könnte.

Am 14. Februar kritisierte der Kölner Kardinals Joachim Meisner im dortigen „Express“: „Wenn ein Politiker permanent ein Desaster nach dem anderen in seiner Familie erlebt, heißt es bei uns: Blendet das Private aus, in der Politik geht es um etwas ganz anderes. Warum? Haben wir es denn bei ihm mit zwei verschiedenen Menschen zu tun? Oder ist er eine gespaltene Persönlichkeit? Dann ist er schizophren und gehört zum Arzt, aber nicht auf einen Ministersessel. Wenn wir über Wertevermittlung reden, muss man an das private Leben öffentlicher Personen besondere Ansprüche stellen dürfen. Was soll denn ein mehrfach geschiedener Politiker über eheliche Treue sagen? Da lachen doch alle.“ Im Fall Seehofers müsse man sich fragen: „Wie will er denn Vorsitzender einer christlichen Partei werden?“ Wurde er auch diesmal nicht.

Offiziell verkündete Seehofer zu der Zeit noch, er werde sich „in absehbarer Zeit zu Medienberichten über eine angebliche Affäre äußern.“ Seine Wähler hätten ein Recht auf eine klare Aussage, aber man müsse ihm die Chance für die nötige Klärung zubilligen. Seine Geliebte ließ sogar von ihrem Anwalt verkünden, dass sie schweigen werde.

Doch nicht von langer Dauer.

Als ihr dämmerte, dass Seehofer zu seiner Frau zurückkehren werde, ging sie in die Offensive. Auf Seite Eins der „Bunten“ vom 1. August präsentierte sie sich mit vollem Namen samt Tochter Anna Felicia und beklagte, die Art und Weise der Trennung habe sie „tief getroffen und verletzt. Ich war bestürzt und konnte es nicht begreifen“. Seehofer habe zuerst seine Parteifreunde und erst dann sie informiert. Die junge Mutter weiter: „Leider hat er mir seine Entscheidung nicht persönlich, sondern am Telefon mitgeteilt. Vor allem hätte ich sie als Betroffene gern als Erste erfahren.“ Sie sei jedoch „erleichtert, dass jetzt endlich diese Ungewissheit weg ist.“ Der CSU-Politiker habe ihr „bis zum Schluss Hoffnungen gemacht.“ Sie hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert, bis er sich entscheidet. Mit einem druckfrischen Exemplar dieser Anklage unterm Arm fuhr ich ins bayerische Markt Rettenbach. Dort hatte die CSU zur Diskussion mit Seehofer geladen. Der Adlersaal war proppenvoll, die Gäste gespannt auf ihren großen Redner aus dem fernen Berlin. Der kommt pünktlich um 20.00 Uhr, redet viel über die Bedeutung der Landwirtschaft, EU, Hilfen aus Brüssel und über die CSU, deren Vorsitzender er gern würde. Als er mit korrekt weiß-blauer Krawatte verspricht: „Ich werde die deutschen Interessen in der EU mit Nachdruck vertreten“, kommt Gemurmel auf. Seehofer irritiert: „Was ist das für ein Echo?“ Parteifreund Kurt Rossmanith aus der Region: „Die wollen wissen, wie lange du noch im Amt bist.“


Seehofer, mit dem „Bunte“-Titel konfrontiert

Seehofer ballt die Faust: „Da werden sich manche noch wundern, wie lange ich im Amt bin. Ich bin schon durch so manches Stahlbad gegangen.“

Ich wechsle im Saal mehrfach meinen Platz. Mit Bierkrug in der Hand, Wurstsalat auf dem Teller, sagt mir mancher hinter vorgehaltener Hand, was er heute von Seehofer hält: „Die Art des Umgangs mit seiner Ex-Freundin und seine Entscheidungsschwäche schaden seinem Ansehen.“ Die Sekretärin Gerlinde Kössler („Ich bin 50 plus, wie die CSU in Bayern“) redet frei heraus: „Das Wie seines Umgangs lässt Rückschlüsse auf seinen Charakter zu. Das schadet dem Seehofer sicher, obwohl er als Minister so kompetent wirkt.“ Der wohlbeleibte Jochen Wölfe (damals 53) sieht das ganz anders: „Das hätt’ die doch wissen müssen, dass der Seehofer Horst verheiratet ist.“

Nach seiner Rede als Wahlkämpfer um das Amt des CSU-Vorsitzenden wird Horst Seehofer immer einsilbiger. Im Ausgang des Landgasthofs Adler nahe Ottobeuren meint er zu mir: „Da ist ja sogar ein Gast aus Berlin.“ Doch sein Lächeln schwindet sofort, als ich ihm die Titelseite mit dem Interview seiner (inzwischen wohl eher) Ex-Geliebten Anette Fröhlich zeige und wissen will: Was halten Sie davon?

Seehofer: „Dazu kein Kommentar.“

Frage: Schadet Ihnen das bei der Bewerbung um den Parteivorsitz?

Seehofer: „Auch dazu kein Kommentar.“

Frage: Wie finden Sie denn die Fotos von Ihrer Tochter?

Seehofer: „Dazu sage ich nichts.“

Frage: Wo fahren Sie denn jetzt hin?

Seehofer: „Ich fahre jetzt dorthin, wo ich hingehöre.“

Spricht’s und entschwindet, den goldenen Ehering am rechten Ringfinger, im illustriertenfreien Audi nach Hause. Zum Abschied spielt die Kapelle „Auf, auf zum fröhlichen Jagen“. Zur selben Zeit ist Anette Fröhlich bei ihren Eltern in Franken.

Die Distanz zwischen Horst Seehofer und ihr wird nun auch im ganz persönlichen Gespräch deutlich. Unter vier Augen redet er mir gegenüber nur noch von „Frau Fröhlich“ und kehrt offiziell zur Familie zurück. Es wächst zwar Gras über das zeitweilige Doppelleben, aber nicht schnell genug. Am 29. September verliert Seehofer die Wahl um den CSU-Vorsitz mit 39,1 Prozent. Wirtschaftsminister Erwin Huber gewinnt mit 58,19 Prozent. CSU-Parteichef in München wird Seehofer im Oktober 2008. Fünf Jahre später residiert seine Ex-Anette in Berlin als verbeamtete Sprecherin der staatlichen Regulierungsbehörde – zur Überraschung der 2.700 Mitarbeiter im Bonner Stammhaus der Behörde.

II.Geheimnisse um kranke Politiker

Ludwig Erhard stirbt

Heimlichkeiten beim Privatleben gab es lange Zeit erst recht im Umgang mit Krankheiten von Politikern. So blieb die verhängnisvolle Ursache für das Leiden von Ludwig Erhard20 für die Öffentlichkeit lange im Dunkeln, obwohl der Hergang sehr klar war: Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders hatte sich Anfang März 1977 die Rippen schwer geprellt, als sein damals 33-jähriger Fahrer Dieter Räbsch mit 1,3 Promille einen leichten Verkehrsunfall baute. Der Fahrer bekam einen neuen Job als Bote. Erhard erholte sich von den Folgen des Unfalls nie mehr ganz. Zwar durfte er am 27. April das Krankenhaus verlassen, aber er hatte bereits Gedanken an den Tod. Erhard rief seine engsten Mitarbeiter zu sich: Die beiden Sekretärinnen Dorothea Bilda (seit 20 Jahren bei ihm) und Eva-Marie Schattenberg (seit 14 Jahren) sowie seinen engsten Vertrauten Karl Hohmann, schenkte jedem zum Abschied eine wertvolle Grafik des Mahlers Ernst Günter Hansing (1929–2001). Dann ordnete er seinen Nachlass: Die Ludwig-Erhard-Stiftung soll mit 1,5 Millionen D-Mark junge Wissenschaftler fördern. Außerdem verleiht sie jährlich eine 120 Gramm schwere Goldmedaille „für Verdienste um die soziale Marktwirtschaft“. Für die beiden Töchter wird eine halbe Million D-Mark in bar vorgesehen.


Ludwig Erhard bei einem seiner letzten Interviews

An diesem Mittwochabend sah Erhard sich das Fußballspiel Deutschland-Nordirland (5 : 0) im Fernsehen an, bekam aber schon nach dem Spiel wieder heftige Brustschmerzen und fuhr am folgenden Donnerstag mit einem Krankenwagen zurück ins Bonner Elisabethkrankenhaus. Chefarzt Dr. Hubert Westermann konnte die Schmerzen lindern und das Fieber auf 38 Grad senken. Der Vater des Wirtschaftswunders hing am Tropf und fiel meist in einen Dämmerschlaf. Bei einem kurzen Aufwachen am Abend des 2. Mai sagte er mit erstaunlich fester Stimme „Ich weiß, dass ich sterben muss.“ Das waren seine letzten Worte. Am Mittwoch, den 4. Mai, wurde seine Tochter Elisabeth Klotz an das Krankenbett ihres Vaters gerufen. Ein absolut zuverlässiger Informant erklärte mir, dass keine Hoffnung mehr bestehe und Erhard die kommende Nacht sicher nicht überstehen werde. Dazu durfte ich ihn als einen ungenannten Arzt zitieren: „Wir haben alles versucht. Es gibt keine Chance mehr.“ Mit dieser Exklusiv-Information entschieden wir uns für die Schlagzeile „Erhard stirbt“. Die „Bild“-Ausgabe vom 5. Mai war damit längst gedruckt, als Dr. Westermann um 2.50 Uhr offiziell den Tod feststellte. Sechs Stunden später erhoben sich Abgeordneten des Deutschen Bundestages von ihren Plätzen, um den großen Kollegen zu ehren, denn Erhard war seit 26 Jahren bis zu seinem Tode Abgeordneter. Beim Staatsakt erklärte Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Wir Sozialdemokraten waren häufig ganz anderer Meinung als Ludwig Erhard, aber ich weiß schon seit langem und habe ihm das auch selbst gesagt: Der schnelle wirtschaftliche Aufstieg wäre ohne Ludwig Erhard so nicht möglich gewesen. […] Wir verneigen uns vor ihm in Dankbarkeit und Respekt.“ Bundespräsident Scheel appellierte: „Es ist an uns, ob wir sein Erbe in gedankenlosem Egoismus verschleudern oder aber zur Mehrung der Freiheit unserer Bürger nutzen.“ Bei diesem Staatsakt fehlte lediglich SPD-Chef Willy Brandt, der sich mit Genossen in Oslo traf.

Vertuschungsversuche und Todeskämpfe der Mächtigen

Beim späteren Bundeskanzler Helmut Schmidt21 sollte die erste schwere Erkrankung in seiner Amtszeit ganz geheim bleiben. Es ist der 12. Oktober 1981. Schmidt fliegt im Alter von 62 Jahren mit dem Hubschrauber zu seinem Arzt Dr. Völpel ins Bundeswehrzentralkrankenhaus von Koblenz. Offizielle Erklärung: „Fieberhafter Infekt.“ Diese Beschwichtigung war kein Einzelfall.


Helmut Schmidt beim Interview vor seiner Krankheit

So hatten „Spiegel“, Nachrichtenagenturen und Zeitungen bereits am 27. Januar 1981 gemeldet, Bundeskanzler Schmidt sei herzkrank und habe keine rechte Lust mehr am Regieren. Das Dementi des damaligen Regierungssprechers Kurt Becker: „Der Kanzler ist gesund und in einem erstklassigen Leistungszustand. Da müssen Intriganten am Werk gewesen sein, die ich aber noch nicht ausgemacht habe.“ Am 13. Oktober 1981 meldete Becker harmlos „einen fieberhaften Infekt“. Meine Recherche vor Ort ergab dagegen: Tatsächlich ist Schmidt während einer Voruntersuchung im Bundeswehrzentralkrankenhaus mehrmals bewusstlos geworden.

Statt der angeblichen Grippe beginnt unter Leitung von Professor Satter und Dr. Völpel um 17.00 Uhr der einstündige Eingriff: Unter örtlicher Betäubung erhält Schmidt einen Herzschrittmacher, 40 Gramm schwer, so klein wie eine flache Streichholzschachtel, gibt 70 Stromstöße in der Minute. Danach erstes Telefonat mit seiner Loki, die mir hinterher sagt: „Jetzt bin ich sehr erleichtert, dass er mir sagte, es geht ihm wieder besser.“ Seinem Vertrauten Wischnewski kündigt er an: „Nächste Woche bin ich wieder an Deck.“ Am 17. Oktober lässt Loki Schmidt ein weißes Papierband vor die Tür zum Krankenzimmer ihres Mannes spannen, zerschneidet es am Abend, als Helmut Schmidt die Tür öffnet: „Ein Symbol für den neuen Lebensabschnitt.“ Noch Jahrzehnte später erleben wir, wie er geistig topfit mit über 90 Jahren am Schreibtisch sitzt, Schnupftabak und Zigarette in der Hand Rauchverbote als „Prohibition“ (englisch ausgesprochen) abtut oder in Talkshows hellwach die große Politik erklärt.

Die damalige Geheimniskrämerei um die ersten Tage im Krankenhaus ist auch nicht auf seinem Mist gewachsen, sondern das Werk des glücklosen Regierungssprechers Kurt Becker mit seinen 16 Monaten Amtszeit. Im Umgang mit Krankheiten seines Chefs hatte er sich offenbar an früheren Beispielen orientiert. So erlitt der damalige SPD-Chef Willy Brandt Mitte November 1978 einen Herzinfarkt. Erste vorsichtige Meldungen darüber dementierte die Parteizentrale energisch. Statt eine Lungenentzündung und einen Infarkt der vorderen Herzwand einzugestehen, beschimpften Brandt-Mitarbeiter die Journalisten und verbreiteten: „Der SPD-Vorsitzende hat eine Grippe. kein Anlass zur Sorge!“ Ähnlich ging auch Schmidts Amtsnachfolger Helmut Kohl22 Jahre später vor.

Im November 1995 erklärte das Bonner Bundeskanzleramt immer wieder, Helmut Kohl habe eine schwere Grippe und schone sich für die Asien-Reise. Kohls Helfer schilderten sogar detailliert, wie der Kanzler zu Hause in Oggersheim von Ehefrau Hannelore23 mit frischem Zitronen- und Orangensaft und heißem Tee kuriert werde. Doch das alles war nicht einmal die halbe Wahrheit: Tatsächlich hatte Helmut Kohl so starke Schmerzen, dass er in die Mainzer Universitätsklinik fuhr. Dort gab es statt Zitronensaft eine Operation an der Prostata. Gleichzeitig erfuhren wir, dass Kohl sechs Jahre zuvor schon einmal von Professor Rudolf Hohenfellner operiert wurde und 1992 ein zweites Mal.

Als das Magazin „Focus“ am 4. November um 8.16 Uhr die Nachricht über Kohls Prostata-Operation veröffentlichte, dementierte die Bundesregierung den Krankenhausaufenthalt des Kanzlers zunächst entschieden. Um 10.36 Uhr tickerte Reuter: „Bericht über Kohls Operation dementiert“. Dann, gegen 11.00 Uhr, erklärte ein Regierungssprecher vorsichtig: „Wir suchen jetzt nach einer offiziellen Sprachregelung.“ Um 12.04 Uhr tickerte die Agentur ap: „Kohl war doch an Prostata erkrankt – Neu: Bundespresseamt relativiert frühere Aussagen“. Kohl sei an einem „grippalen Infekt, verbunden mit einer Prostata-Infektion“ erkrankt.

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Noch dauerhafter als Schmidt und später Kohl verschwieg Vizekanzler Genscher seine Krankheiten. Über Jahre dementierte er heftig alle Berichte über Herzinfarkte. Davon ist mir der 24. November 1977 in besonderer Erinnerung. Für diesen Donnerstag hatten wir, wie Tage zuvor bereits angekündigt, die Leser aufgerufen, Vizekanzler, Außenminister und FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher bei uns in der Redaktion anzurufen. Zwei Extraleitungen waren für die Telefonaktion geschaltet. Der Ankündigungstext ließ auf einen erfolgreichen Tag hoffen: „Heute, wenige Tage nach der weltbewegenden Reise Sadats nach Israel, können Sie mit Bundesaußenminister Genscher zwischen elf und zwölf Uhr am ‚Bild‘-Telefon über alle wichtigen Fragen sprechen: Wird die FDP 1980 wieder mit der SPD zusammengehen? Was halten Sie von einer Großen Koalition? Wann gibt es eine internationale Konvention gegen Luftpiraten? Wird die Regierung neue Initiativen ergreifen, um die Zahl der Arbeitslosen von fast einer Million spürbar zu senken? Wie bewähren sich die CDU/FDP-Regierungen in Niedersachsen und im Saarland?“


Hannelore Kohl in der Bonner Beethoven-Halle (links meine Frau Ute)


Der junge Hans-Dietrich Genscher im Interview

Kurz nach neun Uhr kam ein Anruf, Genscher habe leider Fieber, deshalb müsse an seiner Stelle FDP-Fraktionschef Wolfgang Mischnick kommen. Spontan rief ich in Genschers Privatwohnung an. Seine Frau, die ich von zahlreichen Auslandsreisen an der Seite ihres Mannes kannte, wirkte bedrückt und meinte, es gebe einen Verdacht auf Herzinfarkt. Doch schon wenige Minuten danach rief Genschers Sprecher bei mir an und erklärte mit aller Bestimmtheit, ich hätte Frau Barbara Genscher falsch verstanden. Von Herzinfarkt könne keine Rede sein. Es gebe den Verdacht auf eine verschleppte Lungenentzündung. Deshalb sei er am späten Mittwochabend begleitet von seiner Frau in das Bonner Malteser-Krankenhaus gebracht worden. Das mussten wir so hinnehmen. Trotzdem habe ich in der Folgezeit mehrmals Genscher direkt darauf angesprochen. Er hat mir stets klipp und klar gesagt, es habe nie einen Herzinfarkt gegeben. Bei dieser glatten Lüge betonte er sogar: „Dass es keinen Herzinfarkt gab, kann man heute bei jedem EKG erkennen.“


Mit Barbara Genscher in Moskau

Erst im November 1981 gestand Genscher beim Redaktionsbesuch: „Ich hatte am 23. November 1977 einen Herzinfarkt. Deshalb musste ich damals sechs Wochen pausieren.“ Der dritte Herzinfarkt holte ihn im Sommer 1989 ein, dazwischen gab es immer wieder verschwiegene Herzrhythmusstörungen. 2005 kam ein lebensgefährlicher Darmverschluss hinzu und am 27. März 2012 musste er, gerade 85 Jahre geworden, an der Herzklappe operiert werden.

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Im Gegensatz zu Genscher ging Franz Josef Strauß24 mit seinen Erkrankungen offen um. Als es mit ihm zu Ende ging, wurde die Krankengeschichte traurig kompliziert. Der CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern steuerte noch mit seinen 73 Jahren leidenschaftlich gern das Flugzeug und wie Kenner bestätigten gekonnt. So auch bei seinem letzten Flug. Da gab es plötzlich einen Druckabfall in der Kabine. Begleiter berichteten, dass er „bilderbuchmäßig“ die Maschine im schnellen Sinkflug stabilisierte. Trotzdem bereitete der heftige Druckabfall den Passagieren erhebliche Unannehmlichkeiten. Für den Kreislauf älterer Menschen ein Problem, das oft länger anhält. Offenbar auch bei Strauß. Zurück in München, ging er mit Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU, bekannter Verfassungsrechtler, für ein Jahr bis April 1989 Verteidigungsminister) am 1. Oktober 1988 zum Oktoberfest und gleich anschließend auf die Jagd ins Revier des Fürsten Johannes von Thurn und Taxis.


Franz Josef Strauß, in Bonn auf der Straße zum Interview eingefangen

Um 16.00 Uhr bricht er vor der Jagdhütte zusammen. Herbeigeeilte Notärzte stellen „tiefe Bewusstlosigkeit“ fest und unternehmen die üblichen Wiederbelebungen. Dabei können schon mal Rippen brechen. Beim Luftröhrenschnitt erwischt es auch die Speiseröhre. Ein Rettungshubschrauber fliegt den Patienten ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg. Zusätzliches Medizingerät wird aus München eingeflogen. Doch Strauß wacht nicht mehr auf. Am 3. Oktober 1988 stirbt er um 11.45 Uhr. Nachfolger im CSU-Vorsitz wird Theo Waigel.

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Der große SPD-Politiker Peter Struck25 hatte da zunächst mehr Glück mit seinen Schlaganfällen und Herzinfarkten. Es ist der 24. Juni 2000. Ich fahre nichtsahnend zu dem sympathischen Vollblutpolitiker nach Uelzen. Er sitzt mir vergnügt mit der obligatorischen Pfeife gegenüber, da sehe ich eine frische Narbe am Hals. Freimütig erzählt er: „Ich war zur Routineuntersuchung beim Hausarzt und sagte ihm, dass ich wiederholt sekundenlang Sehstörungen habe. Da hat er mich direkt zum Chef der gefäßchirurgischen Abteilung unseres Krankenhauses hier in Uelzen geschickt. Mit Ultraschall und Computertomographie stellte der Arzt fest, dass meine Halsschlagader zu 95 Prozent verschlossen war. Kurz danach wurde ich operiert.“ Dabei wurden aus der zum Gehirn führenden Halsschlagader die Ablagerungen aus Kalk, Fettrückständen und Blutgerinnsel entfernt: „Wenn ich heute die Narbe im Spiegel sehe, wird mir bewusst: Ich war kurz vor einem Schlaganfall, wäre sicherlich linksseitig gelähmt und möglicherweise als Pflegefall im Rollstuhl gelandet. Ich bin froh, dass ich noch einmal davongekommen bin.“ Struck versprach damals seiner Frau Brigitte weniger Tabak und mehr Bewegung. Für seine Berliner Wohnung kaufte er einen Hometrainer, der aber schnell zum Kleiderständer mutierte. Die Pfeife blieb sein Markenzeichen, auch als im Reichstag ein Rauchverbot verhängt wurde.

Dann der nächste Schlag für ihn Anfang Juni. Spät und sehr müde geht Verteidigungsminister Peter Struck zu Bett. Es ist lange nach Mitternacht, da wacht er auf. Ihm ist übel, er fühlt sich wie gelähmt, versucht mit seinen Personenschützern zu telefonieren, heraus kommt aber nur unklares Gestammel. Die Leibwächter erkennen sofort, dass ein Notarzt kommen muss: „Chef, der Arzt ist schon unterwegs.“ Der Schlaganfall wird in der Charité behandelt. Die Öffentlichkeit erfährt nichts davon. Sein Sprecher und Freund Norbert Bicher erklärt die Abwesenheit des Ministers mit Kreislaufproblemen und einem Schwächeanfall. Zehn Wochen muss Struck um seine Rückkehr ins gesunde Leben kämpfen, seine Sprache wiederfinden. Gerüchte vom möglichen Schlaganfall kursieren in Berlin, aber Bicher schweigt so lange eisern, bis Struck wieder – wenn auch mit etwas Mühe – reden kann. Mitte August erklärt Struck seinen Schlaganfall in der Nacht vom 9. zum 10. Juni und fügt hinzu, dank der Behandlung in der Berliner Charité sei er jetzt wieder fit: „Die gesundheitlichen Probleme sind ausgeräumt – und ich bin wieder hundertprozentig einsatzfähig. Ich habe dem Kanzler gesagt: Du kannst auf mich zählen. Bis 2006 auf jeden Fall – und wenn der Wähler es will, dann auch darüber hinaus.“


Selbst in der „Challenger“ der Luftwaffe griff Peter Struck zur Pfeife

Auch diesmal raten ihm die Ärzte zu mehr Bewegung und das Pfeiferauchen aufzugeben. Wie zur Bestätigung sagt er mir: „Ich weiß, nach dem Schlaganfall ist vor dem Schlaganfall.“ Er nimmt zahlreiche Medikamente und ist froh, noch einmal davongekommen zu sein, denn mit erkennbaren Sprachproblemen wäre seine Politikerlaufbahn jäh zu Ende gegangen.

Stattdessen folgten noch glückliche Jahre, bis ihn der dritte Herzinfarkt kurz vor Weihnachten 2012 einholte. Die Beerdigung am 3. Januar verlief in Uelzen (vom Regenwetter abgesehen) ganz nach seinen Wünschen mit militärischen Ehren und beim Gottesdienst in St. Marien mit Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben …“

So war das mit Schäuble wirklich

Ähnlich wie Struck nach seinem schweren Schlaganfall fürchtete auch Wolfgang Schäuble26 nach seiner schweren Schussverletzung trotz fortschreitender Genesung um seine politische Zukunft. Gemeint ist nicht der Rollstuhl, mit dem er sich unglaublich schnell zurechtfand, sondern eine Gesichtsoperation, die durch seine Schussverletzungen notwendig wurde. Diese OP war hochgradig riskant.

Dazu ein kurzer Rückblick auf das, was er seinen Unfall nennt. Den Vertrag zur Wiedervereinigung (294 Seiten lang) hatte Schäuble bis zum 31. August 1990 maßgeblich verhandelt. Nun ist Wahlkampf. Freitagabend, 12. Oktober. Sechs Beamte des Bundeskriminalamtes sichern die Umgebung und den Innenraum der Brauereigaststätte „Bruder“ in Oppenau (Schwarzwald). Ein Streifenwagen steht vor der Tür. Drinnen spricht Innenminister Wolfgang Schäuble über die Widervereinigung. 280 Zuhörer applaudieren lautstark. Um 21.55 Uhr geleitet der örtliche CDU-Chef Gerd Hoferer seinen prominenten Gast zum Ausgang. Dort wartet Schäubles Tochter Christine (damals 19). Als ihr Vater fast den Ausgang erreicht hat, zieht Dieter Kaufmann (damals 37) unter seiner Lederjacke eine entsicherte Pistole vom Typ „Smith & Wesson“, Kaliber 38, feuert aus 60 Zentimeter Entfernung und trifft den Minister mit zwei Kugeln in Brust und Unterkiefer. Die dritte Kugel verletzt Schäubles Leibwächter Klaus-Dieter Michalski (damals 28) an Bauch und Hand, als der Hauptwachtmeister schützend vor den Minister springt. Zehn Minuten später ist der Notarzt da. Eine Kugel steckt bei Schäuble noch im Kiefer, die zweite in der Wirbelsäule. Hubschrauber, Krankenhaus, Notoperation.

Der Täter gesteht, die Waffe seinem Vater gestohlen zu haben und erweist sich als psychisch krank.

Am nächsten Tag wacht Schäuble gegen 16.00 Uhr aus der Narkose auf. In einem langen Telefonat gibt er mir aus seinem Krankenzimmer das erste Interview. Dabei schildert er seine Umgebung so genau, dass mir unser Gespräch vorkommt, als wäre ich bei ihm vor Ort: Im hellgestrichenen Krankenzimmer der Rehaklinik von Langensteinbach sitzt neben einem Berg von Akten ein Mann, der sein schweres Schicksal akzeptiert hat. Gefasst und voller Zukunftspläne spricht er zum ersten Mal darüber: „Den Umständen entsprechend geht es mir inzwischen ganz ordentlich, wobei die Ungewissheit, was aus der Lähmung wird, bleibt. Ich konzentriere mich einstweilen darauf, das Leben im Rollstuhl zu lernen und hoffe, in absehbarer Zeit wieder zumindest zeitweilig in Bonn zu sein.“

In seinem Ministerium sind die schweren Türen schnell ausgetauscht, damit er sie vom Rollstuhl aus selbst öffnen kann, Fußschwellen werden beseitigt. Bald kann Schäuble mit dem Rollstuhl perfekt umgehen, sich selbst herausstemmen. Sein Privathaus in Gengenbach (Baden-Württemberg) wird rollstuhlgerecht umgebaut. Er meistert das neue Leben.



Wolfgang Schäuble auf Sylt vor dem Attentat und danach mit dem Hand-Bike

Doch da war noch ein anderes Problem, das Außenstehenden verborgen blieb: Die zweite Kugel hatte Schäubles Wange schwer verletzt. Da musste noch etwas geschehen. Dazu sagte er mir: „Mein Arzt hat zu Vorbereitung die Operation an einer Leiche geübt, denn er musste sehr vorsichtig mit den Nervensträngen sein. Ein Schnitt auch nur um einen halben Millimeter daneben und mein Gesicht wäre unweigerlich schief geblieben. Mit einem so schiefen Mund wäre meine Politikerlaufbahn zu Ende gewesen.“ Wäre. War sie aber nicht. Die Operation verlief erfolgreich.

Wie zäh er auch physisch kämpft, konnte ich später mehrmals erleben. So lud er mich zum Interview „mit Radtour“ in seine Heimat ein. Bei dem Wort entstand bei mir eine kleine Schrecksekunde der Sprachlosigkeit, bis er erläuterte: „Ich fahre mit meinem Hand-Bike.“ Gemeint war der Rollstuhl mit Handkurbel, die im Gegensatz zum Fahrrad parallel gedreht wird. Da mein Rad nicht in den Kofferraum ging, nahm ich meine Inline-Skates mit.

So fuhren wir gemeinsam über die asphaltierten Wege der Weinberge von Gengenbach in der Nähe von Offenburg. Er hielt problemlos das Tempo und zeigte mir mit einem Hauch von Stolz, dass sein T-Shirt über den starken Muskeln der Oberarme schon bedenklich spannte. Und in Berlin staunte ich jedes Mal, wenn wir uns beim Sommerfest des Bundespräsidenten trafen. Traditionell regnet es an dem Tag, zumindest ist meist der Rasen nass und schwer. Trotzdem schuftete Schäuble sich mit bewundernswerter Energie durch das Menschengetümmel.

Bei jeder Begegnung habe ich seine Energie gespürt, mit der er kämpft, privat wie in der Politik. Daher war es für mich geradezu selbstverständlich, dass Schäuble auch 2013 erneut für den Bundestag kandidierte.

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Georg Leber vor seiner Erkrankung

Bei dem legendären Sozialdemokraten Georg Leber ging es 1976 auch buchstäblich ums Überleben.

Am Dienstag, den 10. November, hat er bei starken Schmerzen im Bauchbereich 40 Grad Fieber. Die Wehrdebatte im Bundestag wird abgesetzt. Oberstabsarzt Dr. Schiefgen gibt ihm eine Penicillinspritze. Mitten in Generals- und Spionageaffären will Leber unbedingt weiter arbeiten. Mittwochmorgen sitzt Leber27 mit Schüttelfrost kreidebleich am Kabinettstisch (sein Staatssekretär kuriert gerade eine Lungenentzündung aus, der Generalinspekteur liegt mit Schädelbruch im Krankenhaus).

Schmerzgebeugt steigt er nach der Sitzung in seinen dunkelblauen Opel Diplomat, bricht auf der Fahrt zusammen. Ein Rettungshubschrauber bringt ihn nach Koblenz ins Bundeswehrzentralkrankenhaus. In einer zweistündigen Operation entfernen die Ärzte den Blinddarm. Da wir seit Jahren vertrauensvoll miteinander umgehen, empfängt er mich früh in seinem Krankenzimmer, schenkt mir ein Bundeswehrtaschenmesser (wie scharf es ist, spürte unsere Tochter später unfreiwillig am Finger) und erzählt mir mit seiner tiefen, ruhigen Stimme: „Der Blinddarm war so vereitert, dass jeden Moment die akute Gefahr des Durchbruchs bestand. Ich hatte Riesenglück, dass ich noch einmal davongekommen bin.“

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Das konnte auch Johannes Gerster28 sagen, obwohl seine Chancen besonders problematisch waren. Die Diagnose: Krebs an den Lymphknoten.

Es ist Freitag, nicht gerade der 13., sondern der 23. April 1993, als wir uns in seiner Mainzer Wohnung treffen. Äußerlich ruhig erzählt der erfahrene CDU-Politiker: „Ende November kam ich nach einer langen Klausurberatung über Asylgesetze nach Hause mit einem dicken Hals. Meine Frau sagte gleich, das kommt nicht vom Ärger, morgen gehst du zum Arzt. Gut, dass ich ihrem Rat gefolgt bin, denn am folgenden Montag ging alles Schlag auf Schlag. Vom Hausarzt zum Radiologen. Mein Hals war wirklich inzwischen so geschwollen, dass Speise- und Luftröhre bereits verbogen wurden. Das hätte ich nicht lange überlebt. Am Donnerstag wurden mir Lymphknoten herausoperiert, um zu sehen, was los ist.“ Statt auszuruhen, fährt er wieder nach Bonn zu den Beratungen über neue Asylgesetze: „Ich wollte dabei sein, wenn wir das Ergebnis langer harter Arbeit einfahren.“ Danach zu Hause der nächste Besuch im Krankenhaus: „Die Ärzte machten so ein komisches Gesicht, das ließ nichts Gutes ahnen. Dann haben sie mir eröffnet, dass die Lymphknoten von Krebs befallen waren. Das nennen die Ärzte wohl Hodgkinsche Krankheit. Ich war zuerst sehr niedergeschlagen, bin richtig in die Knie gegangen. Dann habe ich an meine Familie gedacht, wie schwer es für sie ist, eine solche Nachricht aufzunehmen. Nach schweren Stunden und Tagen hatte ich mich wieder gefangen und bin seitdem entschlossen, zu kämpfen.“

Seine Frau Regina lädt zur Fischsuppe. Ihr Mann sinniert: „Wir sind Spatzen in Gottes Hand. Mir hat der Glaube sehr geholfen.“ Der Katholik fügt hinzu: „Ich weiß, ich kann die Krankheit niederkämpfen. Ich werde sie besiegen. Diesen Kampf aufzunehmen, ist die wichtigste Voraussetzung, um wieder gesund zu werden. Ich sage das auch offen, um anderen Mut zu machen, die vielleicht an dieser Krankheit verzweifeln würden.“ Ein bisschen Arbeit, aber nicht zu viel, ist sein Rezept. Deshalb hat er mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Fraktionschef Wolfgang Schäuble verabredet, dass er „vorläufig keine Termine in Bonn wahrnehme. Nur an meiner wöchentlichen Sprechstunde halte ich eisern fest, denn ich meine, jeder Abgeordnete ist das seinen Wählern schuldig. Nachher wird es meine 1.984. Sprechstunde.“ Aus dem Kanzleramt erfahre ich, dass Kohl ihn schon morgens um 8.15 Uhr angerufen hat, um ihm Mut zu machen: „Gerster, du schaffst das schon.“

Nach Operationen und einer Chemotherapie über fünf Monate meint er: „Gestern war ich das letzte Mal für Stunden am Tropf, da habe ich heute noch Pudding in den Beinen. Als nächstes kommt die Bestrahlungstherapie auf mich zu.“ Er blickt auf den Rhein und fügt etwas trotzig hinzu: „Bis auf die eine Krankheit bin ich ja gesund. Freunde, Bekannte, meine Kinder und meine Frau sagen immer wieder: Du packst das doch. Heute bin ich überzeugt, sie haben Recht, ich werde es packen und komme in zwei Monaten wieder gesund nach Bonn zurück.“

Auf der Heimfahrt von diesem ergreifenden Termin rufe ich meine Frau an. Den Tränen nahe gestehe ich ihr: „Ich werde schreiben, was ich bei dem Treffen erlebt habe, aber es fällt mir schwer, seinen Optimismus und seine Hoffnung zu teilen.“ Erfreulicherweise ein Irrtum. Johannes Gerster habe ich als gesunden Freund noch Jahre später in Jerusalem und in Mainz getroffen.

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Ebenfalls mit großer Zuversicht ging Manfred Wörner (1934–1994, ab 1982 Bundesminister der Verteidigung und seit 1988 erster deutscher NATO-Generalsekretär) mit seiner Krebserkrankung um. Als ich Anfang Januar 1994 morgens mit ihm telefonierte, schwärmte er von seiner neuen Krebsdiät, die ihn heilen würde. Genau daran habe ich mich erinnert, als ich im März 2011 die Berliner Charité nach erfolgreicher Darmkrebsoperation verließ. Der großartige Chirurg Professor Dr. Joachim M. Müller gab mir mit auf den Weg: „Sie sind wieder gesund. Lassen Sie sich jetzt nichts Falsches einreden. Es gibt keine Diät gegen Krebs, leben Sie einfach gesund weiter.“ Das sah Wörner anders. Der sportlich-dynamische Jetpilot litt seit 1992 an Darmkrebs, wurde im April operiert, doch der Krebs kam wieder. Ende Juni 1993 dauerte die zweite Operation sechs Stunden. Dann rieten ihm seine Ärzte zur – wie sie es nannten – ‚Krebsdiät‘. Seit dem Sommer aß er nur noch Nüsse und Gemüse, kein Fleisch, trank jede Menge Karottensaft. Trotzdem musste er Mitte Dezember erneut operiert werden. Vorsorglich blieb er bis Heiligabend in der Klinik. Diesmal waren die Ärzte zuversichtlich, dass alles überstanden sei. Wörner selbst nannte es „ein Wunder“ und fügte hinzu: „Meine Ärzte waren selbst überrascht. Der Darm ist völlig krebsfrei. Nur an der Narbe saßen noch zwei Geschwülste, die aber schon in Auflösung waren.“ Seine Diät sollte die Gesundheit absichern. Leider ohne Erfolg. Am 13. August erlag Manfred Wörner dem Darmkrebs.


Johannes Gerster gesund in Jerusalem


Manfred Wörner im Interview

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Dagegen war die Krankheit von Hans Eichel geradezu eine Lappalie, mit der er im Februar 2001 er sehr offen umging. Gut beraten von seinem Sprecher Torsten Albig machte Eichel seinen Krankenhausaufenthalt ganz bewusst öffentlich: Als Ursache für seinen Bandscheibenvorfall wurde eine Verrenkung bei der Hausarbeit („Putzen“) des sparsamen Ministers genannt. Das kam gut an. War wohl auch fast wahr. Nach der Bandscheibenoperation besuchte ich ihn in seinem kargen Krankenzimmer. Professor Wolfgang Lanksch erklärte mir am ersten Februarwochenende 2001 im Eichel-Krankenzimmer: „Die Operation hat 50 Minuten gedauert. Es ist alles so gut verlaufen, dass Herr Eichel bereits am Freitag zum ersten Mal aufstehen konnte. Er wird auch schneller als sonst üblich am Montag oder Dienstag das Krankenhaus verlassen. Doch dann muss er mindestens 14 Tage kürzer treten, sich schonen. Am besten gar nicht sitzen, erst recht nicht im Flugzeug.“ Der Eingriff ist für Mediziner zwar Routine, doch Professor Lanksch schränkte ein: „Natürlich kann eine solche Operation auch schiefgehen. Wenn die Nervenwurzeln verletzt werden, hat der Patient hinterher noch mehr Lähmungserscheinungen und Schmerzen, die sogar chronisch werden können. In Deutschland gibt es etwa 40.000 bis 50.000 Bandscheibenoperationen. Ich muss aber leider sagen, dass viele davon gar nicht notwendig wären.“ Zur Vorbeugung, um einen Bandscheibenvorfall zu verhindern, wusste Professor Lanksch auch keinen Rat: „So was trifft selbst Hochleistungssportler genauso wie Nicht-Sportler. Ab dem 15. Lebensjahr degeneriert die Bandscheibe bei jedem Menschen. Das Einzige, was man wirklich raten kann, ist: möglichst wenig sitzen.“

Genau das nahm sich Hans Eichel zu Herzen: „In Zukunft vertausche ich meinen Schreibtisch mit einem Stehpult. Das finde ich ohnehin ganz angenehm.“ Angst hatte Eichel nach eigenen Worten vor der Operation „überhaupt keine. Mir geht es auch schon wieder richtig gut. Ich hoffe, bald ist alles wieder wie vorher.“ Wurde es auch.

III.Skandale, Amtsmissbrauch und der Griff in die Staatskasse

Watergate in Deutschland

Erheblich länger hatten so manche Politiker an ganz anderen Problemen zu knabbern. Vor allem an ihren Skandalen bis hin zum Amtsmissbrauch. Das gilt besonders für eine Affäre an der norddeutschen Waterkant, die unsere Republik so heftig erschütterte, dass schon früh das Wort von ‚Waterkantgate‘ die Runde machte. In Anlehnung an die Watergate-Affäre, bei der im Juni 1972 Einbrecher in den Räumen der Demokratischen Partei im Washingtoner Watergate-Häuserblock erwischt wurden, wie sie für das Wahlkomitee von US-Präsident Richard Nixon beim politischen Konkurrenten Abhörwanzen anbringen wollten. Zwei Jahre später trat bekanntlich Nixon zurück.

Für CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel29 kam das Ende viel schneller. Bei seinem SPD-Herausforderer Björn Engholm30 dauerte es umso länger. Er stieg erst noch mächtig auf, wurde als angeblich unwissendes Barschel-Opfer dessen Nachfolger, SPD-Bundesvorsitzender und sollte bereits Kanzlerkandidat werden, als ihn seine Lügen einholten und er alles verlor.

Auch im kleinen Kiel (240.000 Einwohner) gab es in der Affäre Barschel-Engholm wie in Washington den geplanten Einsatz von Wanzen. Aber nicht etwa, um den ungeliebten Gegner – in dem Fall die SPD – auszuspionieren, sondern um den falschen Verdacht aufkommen zu lassen, der Gegner SPD habe Wanzen bei der CDU-Spitze eingesetzt. Es war auch sonst alles etwas komplizierter. Im Hauptstadt-Distrikt der USA mit 7,6 Millionen Einwohnern gab es die Partei der Bösen mit dem Präsidenten an der Spitze und die Oppositionspartei der ahnungslosen Guten. Anfangs sah es zwar auch in Kiel danach aus, aber nur anfangs.

Und das kam so: Punktgenau am Montag vor der Landtagswahl vom 13. September in Schleswig-Holstein meldet der „Spiegel“, dass SPD-Spitzenkandidat Björn Engholm von Privatdetektiven beschattet wird, gegen ihn eine anonyme Anzeige wegen Steuervergehen vorliege und das alles mindestens mit Wissen des amtierenden CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel. Dann legt der „Spiegel“ nach. Am Samstag direkt vor der Wahl liefert das Magazin in Vorabmeldungen eine eidesstattliche Erklärung, wonach Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer (*1939) die Anzeige wegen Steuerhinterziehung und die Bespitzelungsaktion in direktem Auftrag seines Chefs Uwe Barschel gestartet habe. Genauer, Barschel habe ihm im Januar die anonyme Anzeige bei der Steuerfahndung und ein Schreiben an den Finanzminister „selbst diktiert“. Die Typenräder der genutzten Schreibmaschine seien danach „in einen privaten Mülleimer“ geworfen worden. Obendrein habe Barschel „persönlich“ Ende Januar angeordnet, Engholm zu überwachen. Eine zuverlässige Agentur solle mit Fotos beweisen, dass Engholm als smarter Frauentyp „homosexuell“ sei, zugleich aber auch ein „ausschweifendes Leben mit dem anderen Geschlecht führt“. Die Kosten von 50.000 D-Mark für die Bespitzelung Engholms wollte demnach der Direktor des Schwarzkopf-Kosmetikkonzerns, Karl Josef Ballhaus, übernehmen.

Pfeiffers Schmutzkampagne steigerte sich von Warnungen vor „rotgrünem Chaos“ über Engholm als Mann mit „Gummirückgrat“, der „Kommunisten und Neonazis“ in den Staatsdienst holen und „Abtreibung bis zur Geburt freigeben“ will. Mit Telefonaten streute er das Gerücht, Engholm sei AIDS-infiziert, er und seine SPD wollten „straffreien Sex mit Kindern“.

Am Dienstag vor der Wahl will Pfeiffer nach eigenen Angaben von Barschel auch noch die Anweisung erhalten haben, eine „Wanze oder ein ähnliches Abhörgerät“ zu beschaffen. Angebracht nicht im Engholm-Büro, sondern am Telefon des Ministerpräsidenten, sollte die Wanze dort bei einer von Barschel angeordneten Überprüfung als SPD-Werk gefunden werden. Dazu habe Barschel gesagt, wenn das gelingt, dann „sähe Herr Engholm ja wohl schlecht aus“. Später wird Pfeiffer dazu erklären, diese geplante Abhörintrige habe ihn veranlasst, nicht mehr mitzumachen.

Besorgt fragt der amtierende SPD-Bundesvorsitzende Hans-Jochen Vogel am 8. September bei SPD-Landeschef Günther Jansen an, was es mit dem „Spiegel“-Artikel über die Barschel-Aktionen gegen Engholm auf sich habe. Jansen sinngemäß: Es gibt Informationen, dass dies stimmen könne. Vogel darauf: „Um Gottes Willen, das ist doch unmöglich! Seid bloß vorsichtig und macht jetzt im Wahlkampf keinen Fehler!“


Der Kieler Skandal im ersten Überblick

Was Jansen verschweigt: Zu dem Zeitpunkt hatte Pfeiffer bereits selbst die gesamte SPD-Spitze von Schleswig-Holstein über seine Schmutzkampagne informiert, ohne dass ihn jemand aus der SPD aufgefordert hätte, damit aufzuhören. Diese guten Kontakte der SPD zu Pfeiffer liefen als geheime Kommandosache weiter. So entsteht in der Öffentlichkeit der kuriose Eindruck, dass Pfeiffer in direktem Auftrag des amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Barschel den ahnungslosen SPD-Kandidaten mit einer nie dagewesenen Schmutzkampagne um einen Wahlerfolg bringen soll. Diese angebliche Wahrheit wird durch Pfeiffer selbst gerade rechtzeitig vor der Wahl am 13. September bekannt. Die Stimmung der Wähler für die CDU schlägt um und bringt der SPD jede Menge Stimmen. So verliert die CDU mit Ministerpräsident Uwe Barschel ihre Regierungsmehrheit im Kieler Landtag. Die SPD legt von 43,7 auf 45,2 Prozent zu, die CDU fällt von 49 auf 42,6 Prozent und die FDP schafft mit 5,2 Prozent (2,2 Prozent) den Sprung in den Landtag.

Noch am Wahlabend behauptet Pfeiffer, er könne alles über den schuldigen Barschel belegen, und der „Spiegel“ versichert: „Die Geschichte ist hundertprozentig wasserdicht.“ Außerdem habe Pfeiffer kein Geld bekommen. In der Wahlnacht betont der in Wirklichkeit längst informierte Björn Engholm mehrfach, dass er unwissendes Opfer der Pfeiffer-Machenschaften sei.

Der erste Untersuchungsausschuss des Kieler Landtags verstärkt zunächst bis zur vorgezogenen Neuwahl den Eindruck von Barschel als Oberbösewicht und Pfeiffer als dessen gehorsames Werkzeug für die Schlammschlacht. Engholm betont immer wieder, von den Pfeiffer-Hintergründen nichts gewusst zu haben. Der SPD-Spitzenkandidat beschwört diese Unwahrheit sogar vor dem Ausschuss. Dass Pfeiffer nach seinen krummen Machenschaften am Ende auch noch bares Geld von der SPD-Spitze bekam, soll selbstverständlich geheim bleiben.

Pfeiffers Aussagen wurden im folgenden Untersuchungsausschuss immer fragwürdiger. Doch das spielt in der öffentlichen Meinung kaum eine Rolle. Es blieb erst einmal dabei: Die Schwarzen sind die Bösen, die Roten die ahnungslos Guten. So gewann Björn Engholm als scheinbar wahrheitsliebender SPD-Spitzenkandidat am 8. Mai 1988 die vorgezogene Neuwahl in Schleswig-Holstein mit 54,8 Prozent. Er wurde als neuer Regierungschef am 29. Mai sogar SPD-Bundesvorsitzender und designierter Kanzlerkandidat.

Was dann geschah, klingt im 21. Jahrhundert mit seiner multimedialen Vernetzung schlicht unglaublich: Nicht nur SPD-Mitglieder, deren Anhänger bis in den Journalismus, sondern die Öffentlichkeit insgesamt hatte genug von den kritischen Veröffentlichungen über Engholm. Er war nun mal Ministerpräsident und Vorsitzender der altehrwürdigen SPD, da sollte es langsam gut sein mit der Kritik über ihn. Schlussstrich unter seine Vergangenheit war angesagt.

Weil ich aber immer neue Belege für Engholms Lügenversion fand, blieb ich trotzdem am Thema dran. Engholm reagierte gereizt, beschwerte sich bei meinem Verleger massiv, diffamierte mich als Kampagnenjournalist „wie in den Nazi-Zeiten“. Auch etliche Genossen verlangten, es müsse endlich Schluss sein. Doch Verleger Alfred Neven DuMont blieb gelassen und ließ mich im „Express“ weiter arbeiten, auch am Thema Engholm. So notierte ich, dass der Barschel-Mitarbeiter Pfeiffer bereits am 22. April 1987 und damit Monate vor der Barschel-Abwahl dem Bremer Finanzsenator Claus Grobekker (*1935, SPD-Finanzsenator bis 1991) erklärt hatte, er sei in der Kieler Staatskanzlei beschäftigt und suche einen Kontakt zur SPD. Mit Erfolg. In vier Gesprächen (am 16., 21., 27. Juli und am 3. August 1987) offenbarte Reiner Pfeiffer seine üblen Wahlkampfmethoden in angeblichem Barschel-Auftrag ausführlich dem Kieler SPD-Sprecher Klaus Nilius und in weiteren Gesprächen die anderen SPD-Oberen.

Am 18. September beteuert Barschel über vier Stunden vor der Presse seine Unschuld, bekräftigt dies durch eine siebenseitige Erklärung an Eides statt und erklärt in die Mikrofone: „Über diese Ihnen gleich vorzulegende eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort, ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“

Danach verkündet Engholm wahrheitswidrig in seiner Pressekonferenz: „Wir haben das nachgeprüft. Es gibt weder beim Landesvorstand, noch beim Fraktionsvorstand, noch bei mir, noch sonst wo eine erkennbare Anlaufstelle für Pfeiffer.“

Barschel tritt als Ministerpräsident zurück, beteuert aber weiter, Pfeiffer nicht mit den Schmutzkampagnen beauftragt zu haben und verbringt Anfang Oktober einen Urlaub auf Gran Canaria.

Am 11. Oktober gehen die beiden „Stern“-Reporter Sebastian Knauer und Hanns-Jörg Anders (Fotograf) durch die offene Tür in das Zimmer Nummer 317 im Genfer Hotel „Beau-Rivage“. Dort sehen sie kurz vor ein Uhr durch die halboffene Badezimmertür den toten Uwe Barschel bekleidet in der Badewanne. Die Reportage mit dem Foto geht um die Welt. Nach dem offiziellen Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen hat sich Barschel mit Medikamenten das Leben genommen, aber Zweifel daran werden nie ganz ausgeräumt. Noch Jahrzehnte danach gibt es Meldungen über Geheimdienste und Waffenlieferungen, die als Hintergrund für den Barschel-Tod herhalten sollen. SPD-Bundesgeschäftsführerin Anke Fuchs erklärt direkt nach dem Tod: „Barschel war wohl dem Druck nach dem Aufdecken der Affäre nicht mehr gewachsen gewesen. Sein Tod sollte uns Anlass sein, über den Umgang miteinander, den politischen Stil und die politische Kultur unserer Demokratie nachzudenken.“

Am 14. Oktober erfahre ich aus Schweitzer Polizeikreisen, dass es dort ein Foto gebe, auf dem Pfeiffer im Gespräch mit SPD-Landeschef Günther Jansen zu sehen ist. Dieses Foto habe ein Mann mit Tarnnamen „Robert Roloff“ Barschel in Genf übergeben. Damit habe dieser möglicherweise die Aktionen seines Referenten Pfeiffer als Komplott enttarnen wollen. Die Meldung sorgt in der SPD für Unruhe. Hatte doch Barschel in seinen letzten Telefonaten aus Genf mit seiner Frau Freya und seinem Bruder Eike „ganz begeistert von Beweisen seiner Unschuld und von einem Komplott politischer Gegner“ gesprochen, die er „möglicherweise enttarnen könne“.

Im Oktober fasst Wolfgang Kubicki (damals noch stellvertretender FDP-Fraktionschef, später Fraktionschef im Kieler Landtag) zusammen, was Engholm noch jahrelang leugnen wird: „Wir fordern Björn Engholm jetzt glasklar auf, sich an seine eigenen Worte zu erinnern. Dann bleibt ihm nur der Rücktritt als Spitzenkandidat. Denn juristisch und menschlich gilt: Wer wissentlich gegen sich selbst schmutzige Tricks geschehen lässt, ohne einzugreifen, ist kein Opfer, wie Engholm gern von sich behauptet. Es passte vielmehr der SPD in ihre Strategie, die CDU am Ende des Wahlkampfes als Dreckschleuder zu entlarven.“ Und mehr noch: „Führende SPD-Mitglieder haben, nach Pfeiffers eigenen Angaben, ihm zur Seite gestanden, obwohl dieser seinen ersten Auftrag von der CDU hatte. So was nennt man nicht nur im Krimi Doppelagent.“

Mitte Februar 1988 erfahren wir, dass Pfeiffer 165.000 D-Mark vom „Spiegel“ kassiert hat. Am 10. November 1988 übergibt Nilius an Pfeiffer mindestens 25.000 D-Mark, die SPD-Landeschef Günther Jansen nach eigenen Angaben über Monate in kleineren Beträgen in der Schublade gesammelt haben will. Daraus entsteht das Wort von der „Schubladenaffäre“. Trotzdem kann Engholm seine Karriere weiter auf dem Fundament seiner Lüge ausbauen.

Im August 1992 treffen wir (inzwischen als Redakteure der „Bild am Sonntag“) den Ministerpräsidenten und SPD-Chef Björn Engholm im Kieler Restaurant „Damper“ zum Interview mit Abendessen. Bei merkwürdig zerschnittenem (statt filetiertem) Fisch, Wein und Bier geht es um Asylgesetze und soziale Gerechtigkeit. Barschel und Co. sollten nach eindringlichem Hinweis der Parteisprecher tabu sein. Doch am späteren Abend fragen wir höflich, wie es denn war, als er damals von den Pfeiffer-Machenschaften erfuhr. Zu meinem Chefredakteur Michael Spreng gewandt, meint Engholm sinngemäß, als darüber gesprochen wurde, sei er „in einer existenziellen Krise“ gewesen. Mehr will er nicht sagen. Meine unbewiesene Vermutung läuft darauf hinaus, dass er wohl zum Zeitpunkt der ersten Information ein paar Gläser getrunken hatte und deshalb in einer Art Bewusstseins-Grenzbereich die Bedeutung nicht realisierte und dann konsequent verdrängte. Mit Erfolg, bis er fünf Jahre nach seiner Lügen-Aktion zur Kanzlerkandidatur greift. Da wird es plötzlich für die Öffentlichkeit wieder interessant, Details aus dem wahren Leben des Möchtegern-Kanzlers zu erfahren. Die Chance habe ich natürlich genutzt.

Anfang März 1993 erklärt mir Wolfgang Kubicki (inzwischen FDP-Fraktionschef): „Engholm will die Bevölkerung für dumm verkaufen.“ CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble meint: „Erst hieß es, Engholms engste Mitarbeiter hätten sich nicht getraut, ihren Chef einzuweihen, weil dieser solche problematischen Informationen nicht verkraften könne. Dann gesteht der Ministerpräsident unter dem Druck der Öffentlichkeit, dass er doch etwas wusste, aber keinen Handlungsbedarf gesehen habe. Engholm disqualifiziert sich damit selbst als Ministerpräsident und Kanzlerkandidat.“

Andere Medien haken nach. Engholm gesteht am Hessen-Wahlabend dem Sender VOX auf die Frage, ob die Affäre Pfeiffer/Jansen ihn als Kanzlerkandidaten beschädigt habe: „Objektiv kann man das nicht leugnen.“ Die Verwicklungen würden „nicht ohne Folgen bleiben“.

Ende April meldet auch der „Spiegel“, dass Engholm über die Machenschaften des Reiner Pfeiffer, früher als bisher zugegeben, gewusst hat und darüber den Untersuchungsausschuss falsch informiert habe.

Anfang Mai gesteht Engholm in der „BamS“ seine Lügengeschichte, die er für eine „Petitesse“ gehalten habe und erklärt am 3. Mai seinen Rücktritt von allen Ämtern. Mehr dazu im Anhang unter „Waterkantgate 1987–1993“.

Der Griff in die Staatskasse

Andere Fälle von Amtsmissbrauch verliefen zwar nicht so langwierig, waren aber auch nicht ohne. So geriet Anfang August 1990 Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD) mit Gratisflügen in die Schlagzeilen. DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann (CDU) hatte ihm Honeckers Luxus-Hubschrauber gleich mehrmals kostenlos zur Verfügung gestellt, obwohl die Flugstunde normalerweise 4.611 D-Mark kostete. Mit an Bord Ehefrau und Freunde. Und da waren noch die Gratis-Flüge von Klaus Wowereit (SPD, *1953, Berlins Regierender Bürgermeister ab 2001), die meine findigen BZ-Kollegen 2012 beschrieben. Demnach hatte Wowereit nicht nur wie Christian Wulff Urlaub auf der spanischen Finca von Party-König Manfred Schmidt verbracht, sondern war auch im Privatjet von Unternehmer und Ex-Bahnchef Heinz Dürr nach London geflogen. Demnach kostete die Cessna 525 (Kennzeichnen S-IAME) auf der Strecke Berlin-London/Luton-Berlin am 13./14. Juli 2002 ganze 5.625 Euro. Senatssprecher Meng: „Da Herr Wowereit für die Kosten des Fluges mit Herrn Dürr nicht bezahlen musste, hat er privat den Preis eines Linienfluges nach London über 300 Euro einem guten Zweck gespendet, dem Beratungszentrum für Schwule ,Mann-o-Meter‘.“ Dann wuchs Gras darüber.

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Weit höhere Wellen schlug ein Diätenskandal in der DDR-Volkskammer. Deren Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl31 schickte Bundeskanzler Helmut Kohl ein Fax („Eilt sehr!“) mit Kopie an DDR-Chefunterhändler Günther Krause (nach der Wiedervereinigung CDU-Verkehrsminister) und den Bonner Unterhändler Wolfgang Schäuble. Als amtierendes Staatsoberhaupt der DDR warnte sie vor den Folgen, wenn nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober nur 144 Volkskammerabgeordnete in den gesamtdeutschen Bundestag einziehen, aber die restlichen 256 vorzeitig „ausscheiden und ihre Rechte als Abgeordnete verlieren“. Unverblümt drohte sie, dies könne zu Verärgerungen und „Unsicherheiten für die Schlussabstimmung über den Einigungsvertrag“ führen. Deshalb empfahl sie „dringend“ allen Volkskammerabgeordneten den gewohnten Status „bis zum 2. Dezember 1990“ zu sichern. Das würde ihnen die Einnahmen von 5.900 D-Mark (plus 2.300 DM Kostenpauschale und 3.600 DM Entschädigung) um zwei Monate verlängern. Kostenpunkt für den deutschen Steuerzahler:


Damit war der große Karriere-Traum zu Ende

3.020.800 D-Mark. Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Innenminister Wolfgang Schäuble waren sich sofort einig, dass eine Verlängerung des Abgeordneten-Status’ für alle nicht infrage kommt. Ein Freund gab mir eine Kopie des Erpressungsschreibens, das wir am 16. September als Faksimile veröffentlichten. Alle Nachrichtensender griffen den Skandal auf, Bergmann-Pohl schlug eine Welle der Empörung entgegen. Der innenpolitische Sprecher der FDP, Burkhard Hirsch, sagte mir: „Wenn Bonn darauf eingehen würde, bekäme die Abstimmung DDR den Makel, gekauft zu sein. Das wäre unerträglich. Dieses Schreiben von Frau Bergmann-Pohl wird in die deutsche Parlamentsgeschichte als Negativbeispiel eingehen.“ Damit waren alle Hoffnungen für Frau Bergmann-Pohl begraben, als Nachfolgerin von Rita Süssmuth32 Bundestagspräsidentin zu werden.

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Allerdings kam auch Rita Süssmuth schon bald nach ihrer Wiederwahl in Negativschlagzeilen. Anfang März 1991 fanden Kollegen des Magazins „Stern“ heraus, dass ihr Mann mehrmals am Steuer des präsidialen Dienst-Mercedes saß. Schnell wurde daraus ein Streit zwischen den politischen Parteien, zumal sie gerade für eine Gesetzesänderung stritt, damit Abtreibung nicht länger wie bisher unter Strafe gestellt bleibe.

Da die Vorwürfe vom Ehemann am Steuer des Dienstwagens in allen Details auf dem Markt waren, gab es für die nächste Sonntagsausgabe nichts mehr zu holen. Also entschied ich mich für die umgekehrte Variante nach dem Motto: Jetzt redet die Angeschuldigte exklusiv. Als Begleitmusik gaben wir eine Umfrage in Auftrag: Nach dem Ergebnis des Meinungsforschungsinstituts Forsa hielten es 68 Prozent für möglich, dass die Vorwürfe gegen Rita Süssmuth von politischen Gegnern hochgespielt wurden, um sie wegen ihrer abweichenden Ansichten in Misskredit zu bringen. Nur 24 Prozent der 1.014 Befragten hielten das nicht für möglich. Überraschend: Noch nicht einmal ein Fünftel der Wahlberechtigten (17 Prozent) hielten die Dienstwagenaffäre für so schwerwiegend, dass die Bundestagspräsidentin deshalb zurücktreten müsse. 77 Prozent sagten, für einen Rücktritt bestehe kein Anlass. 40 Prozent glaubten allerdings, dass durch die Affäre die Glaubwürdigkeit der deutschen Politik weiter Schaden leide. 53 Prozent fürchteten keinen weiteren Schaden.


Rita Süssmuth besucht die „BamS“-Parlamentsredaktion

Genau dazu wollte ich mein Interview führen. Rita Süssmuth kam wie meistens eine halbe Stunde zu spät. Dann lief das Bandgerät. Zumindest glaubte ich das. Doch am Ende war nichts drauf. Erstmals in meiner Laufbahn. Also rekonstruierte ich nach meinen kurzen Notizen ihren O-Ton: „Natürlich würde ich mich als Bürger empören, wenn ich so etwas lese. Aber das hat mit den Tatsachen nichts zu tun. In Wirklichkeit handelt es sich um eine durchsichtige Kampagne gegen mich – nicht mehr und nicht weniger.“ Nein, den Dienstwagen habe ihr Mann nie privat genutzt, sondern: „Mein Mann hat mich häufig gefahren. Er hat für mich mit dem Dienstwagen den Chauffeur gespielt – wenn ich zum Beispiel in meinem Wahlkreis zu Veranstaltungen musste; oder er ist gefahren, wenn er in meinem Auftrag an politischen Veranstaltungen teilgenommen hat. Dadurch haben wir oft den Fahrer gespart.“

Das kam an, der Sturm legte sich. Bis der nächste kam. Plötzlich wurden ihre Flüge mit der Flugbereitschaft der Bundeswehr zu ihrer Tochter in die Schweiz bekannt. Ein Freund spendierte mir die Daten aus den Unterlagen der Flugbereitschaft. Demnach war die damalige Bundestagspräsidentin im Zeitraum vom 1. Januar 1995 bis 8. Juni 1996 insgesamt 152,55 Stunden mit Bundeswehrmaschinen unterwegs. Dabei entstanden Betriebskosten in Höhe von 1,283 Millionen D-Mark. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, verlangte eine Prüfung der Süssmuth-Flüge durch die Finanzbehörden: „Das für Frau Süssmuth zuständige Finanzamt sollte prüfen, ob die Flüge von Frau Süssmuth zu privaten Treffen mit ihrer Tochter als geldwerter Vorteil zu zählen und damit zu versteuern sind. Schließlich gilt genau dieses Prinzip für jeden Steuerzahler, der seinen Dienstwagen auch privat nutzt. Mit dieser Frage sollte sich zumindest das Finanzamt auseinandersetzen, das die Steuererklärung von Frau Süssmuth prüft.“ Doch dann sprang ihr Bundestagsvizepräsident Hans-Ulrich Klose (SPD) zur Seite. In seinem Bericht für den Ältestenrat des Bundestags kam er zu dem Ergebnis, Frau Süssmuth habe „die Flugbereitschaft nur zu dienstlichen Anlässen in Anspruch genommen“. Denn in der Schweiz gab es nicht nur die Tochter, sondern auch Hinweise auf rein zufällig dort zeitgleich mit dem Tochterbesuch stattfindende Redaktionsbesuche und ähnliche Diensttermine. Wieder davongekommen.

Als Konsequenz schlug der Bundesrechnungshof dem Haushaltsausschuss eine Neuregelung vor: „Grundsätzlich sollen Dienstfahrzeuge nur noch für Dienstfahrten genutzt werden.“ Das sollte auch für Minister gelten. Doch daraus wurde nichts. Es blieb dabei, Minister sind immer im Dienst und dürfen immer mit dem Dienstwagen fahren.

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Das nahm auch Ulla Schmidt33 in Anspruch. Die SPD-Gesundheitsministerin ließ sich sogar im Spanienurlaub gern vom Fahrer in ihrer Dienstlimousine chauffieren. Natürlich musste dieser dazu eigens auf Staatskosten anreisen (auch mit seinem Sohn an Bord) und in der Urlaubsregion schöne Tage verbringen.

Peinlich aufgeflogen ist das Ganze, als spanische Medien im Juli 2009 meldeten, dass die sozialdemokratische Ministerin aus Deutschland bei der spanischen Polizei den Diebstahl ihres Dienstwagens (Mercedes S-Klasse) gemeldet habe. Zwei Tage später erklärte ihr Ministerium dem verblüfften Berlin, sie habe den Wagen im Urlaub „privat und dienstlich genutzt“. Die Ministerin selbst meinte zur Begründung: „Ich habe in Spanien Deutschland repräsentiert.“ Dazu hatte sie das Auto samt Fahrer ganze 72 Kilometer dienstlich genutzt. Dann kamen immer neue Details ans Licht. Plötzlich gestand sie, dass im letzten Jahr ein Verwandter von ihr im offiziellen Dienstwagen zu ihrem Urlaubsort nach Südspanien gefahren ist. Ulla Schmidt versprach: „Ich persönlich würde die gleiche Entscheidung nicht noch einmal treffen, weil es trotz einer korrekten Anwendung der Richtlinien solche Debatten gibt.“ Und schon war sie aus dem Schneider.

Krause und die Minister-Putzfrau

Weniger gut kam Bundesverkehrsminister Günther Krause, damals 34, davon. Der einstige Hoffnungsträger der DDR-CDU stolperte er über die Vermittlung von Raststätten-Konzessionen und seine eigene Putzfrau. Anfangs behauptete er, sich an Bemühungen der holländischen Firma Van der Valk um Konzessionen für Raststätten nicht erinnern zu können. Dann erfuhr ich von Briefen, die belegten, wie sehr sich Krause für die Raststätten-Firma eingesetzt hatte. Er schlug etwa vor, dass „neben den sechs Standorten auch an der Autobahn nach Rostock und noch zusätzlich an der Verbindung der jetzigen Fernverkehrsstraße von Lübeck nach Stralsund“ – Hinweis: dort lag Krauses Wahlkreis – „ein solches Vorhaben realisiert werden kann.“ Die Kritik an diesem Krause-Engagement zog sich länger hin, bis 1993 der nächste Schlag kam. Mitte März wurde die sogenannte Putzfrauen-Affäre bekannt. Wieder stritt er zunächst alles ab. Dann wurde belegt, dass er 660 D-Mark vom Arbeitsamt als Zuschuss zum Lohn seiner Putzfrau Edith Boelter kassiert hatte. Mehr noch. Krause und seine Frau Heidrun (damals 36) hatten massiv um den Zuschuss gefeilscht, denn das Arbeitsamt wollte zunächst nur 257 D-Mark (30 Prozent) zum Monatslohn von Frau Boelter (858 DM) zuschießen. Erst mit ihrem zweiten Antrag setzte das Ehepaar Krause den Zuschuss von 70 Prozent durch, der dann rückwirkend gezahlt wurde.

Auch Unionspolitiker, die Krause lange im Amt halten wollten, befürchteten nun, dass sein Negativ-Image zur Belastung für die Regierung würde. Ein Abgeordneter: „Krause wird Kohls Möllemann.“ Am 6. Mai 1993 musste Krause zurücktreten. Später folgten Offenbarungseid, Prozesse wegen Untreue, Betrug und Steuerhinterziehung.

Möllemann und der Einkaufschip

Tragisch im Sinne des Wortes endete Jürgen Möllemann, der vier Monate vor Krause zurücktreten musste, obwohl er so gern FDP-Bundesvorsitzender geworden wäre: 1993 stolperte er mit 47 Jahren über einen kleinen Einkaufchip.

In vielen vertrauensvollen Gesprächen mit ihm entstand über Jahre fast so etwas wie Freundschaft. Deshalb rief ich ihn warnend an: „Jetzt wird es eng. Das ist wie mit einer Lawine, die schon so lange bedrohlich am Berg hängt, dass nur noch jemand in die Hände klatschen muss, und schon geht alles krachend zu Tal.“ Seine Antwort war ehrlich wie immer: „Ich bin schon längst jenseits der Schmerzgrenze.“ Doch der Schmerz kam, obwohl es gemessen an seinen früheren Eskapaden eher einen kleineren Anlass gab. Also doch vergleichbar mit der Lawine. Ursache war diesmal ein Werbebrief auf offiziellem Ministerbogen zu Gunsten seines angeheirateten Vetters. Dieser produzierte kleine Plastikchips, die man statt der Geldmünze in das Schloss von Einkaufswagen schieben kann, was im Ministerbrief als „pfiffige Geschäftsidee“ gepriesen wurde und später im Volksmund „Möllemännchen“ hieß.

Massive Kritik kam aus der eigenen Partei mit Sätzen wie: „Ich habe große Zweifel, dass ein solcher Minister noch der deutschen Wirtschaft und seiner Partei erfolgreich dienen kann.“ Selbst der damalige FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff machte „ein Fragezeichen hinter dem Namen von Bundeswirtschaftsminister Möllemann“.

Diese Kritik galt einem Mann, der selbst nie einen Zweifel daran gelassen hatte, wohin er will: ganz nach oben. 1969 trat Möllemann aus der CDU aus und in die FDP ein, weil bei den Liberalen schneller Karriere zu machen war: vom Grundschullehrer (Deutsch, Geschichte, Sport) 1972 in den Bundestag, 1982 Staatssekretär, 1987 Bildungsminister, 1991 Wirtschaftsminister, dann sogar Vizekanzler. Den Kollegen in Bonn war der Senkrechtstarter unheimlich. Es hagelte Spitznamen: „Magic Molli“, „Speedi“, „Mümmelmann“, „Minenhund“. Als PR-Fachmann (Mitinhaber einer Werbeagentur) störte ihn das wenig. Sein Motto: „Besser, die Leute reden schlecht über mich als gar nicht.“ Dabei war er im Amt auch stets fleißig, schuftete – bis ihn die Lust auf Schlagzeilen neu packte. Er versprach sogar, zehn Milliarden Mark Subventionen einzusparen und zurückzutreten, wenn ihm dies nicht gelänge. Es gelang nicht. Am 21. Januar wurde Günter Rexrodt (FDP) Möllemanns Nachfolger im Ministerium. Möllemann verstrickte sich danach bekanntlich in Spendenaffären und zunehmende Eigenentscheidungen, die nicht mit der FDP-Spitze abgestimmt waren. Das alles aufzuzeigen, ergibt Stoff genug für ganze Bücher.

Amigo-Affäre mit Stoiber

Im skandalträchtigen Jahr 1993 musste Bayerns Ministerpräsident Max Streibl (1932–1998, Ministerpräsident seit 1988) am 27. Mai seinen Hut nehmen. Zu viele Reisen mit Amigos in Flugzeugen des Rüstungskonzerns MBB waren ans Tageslicht gekommen. Auch sein damaliger Innenminister und CSU-Parteifreund Edmund Stoiber geriet in den Strudel der Amigo-Affäre, trat aber rechtzeitig die Flucht nach vorn an. Sein Berater und Sprecher Friedrich Wilhelm Rothenpieler erwies sich als wahrer Freund mit seinem Rat: Schnell intern alles überprüfen und dann in einer Pressekonferenz alles auf den Tisch. Stoiber gab selbst zu, jahrelang zu privaten und dienstlichen Zwecken mit Flugzeugen des Rüstungskonzerns MBB gejettet zu sein, außerdem für etliche Urlaubsreisen kostenlose Leihwagen von Mercedes, BMW und Audi benutzt zu haben. Strauß habe Wert auf gemeinsame Urlaube gelegt, rechtfertigte Stoiber Privat-Flüge beider Familien in MBB-Jets nach Frankreich und Italien: „Wer Franz Josef Strauß kannte, kann sich gut vorstellen, dass das keine reinen Vergnügungsreisen waren.“ Dazu gestand der frühere CSU-Generalsekretär und Chef der Münchner Staatskanzlei: „Mir ist bewusst, dass heute in der Öffentlichkeit solche Firmen-Leistungen kritisch betrachtet werden. Ich beurteile das heute anders als früher.“ Er beauftragte einen Steuerberater mit der Prüfung der Reisen. Das Geständnis brachte ihm ein paar Tage Schlagzeilen ein, dann war die Story alt und überholt. So kam er davon.

Sozialwohnungen für Abgeordnete

Danach sorgten Ende Oktober Bonner Politiker gleich reihenweise für Schlagzeilen, weil sie in staatlich subventionierten Wohnungen zu Mini-Mieten lebten. Auslöser war mein Artikel, in dem ich aufzählte:

Genau 10.366 D-Mark bekommt ein Bundestagsabgeordneter im Monat an Diäten. Dazu gibt’s 5.978 D-Mark als steuerfreie Kostenpauschale – unter anderem, um eine Zweitwohnung in Bonn zu bezahlen. 134 Abgeordnete machen damit ein Riesengeschäft. Sie kassieren wie Großverdiener und wohnen billig wie Sozialmieter – und zwar auf Kosten der Staatskasse. Die Apartments in bester Stadtlage sind in den Fraktionen heißbegehrt, man muss schon einige Bonner Jahre auf dem Buckel haben, um einziehen zu dürfen. Zu den Billig-Mietern gehören Bundespostminister Wolfgang Bötsch (CSU), die SPD-Spitzenpolitiker Rudolf Dreßler und Herta Däubler-Gmelin sowie Ex-Unionsfraktionschef Alfred Dregger. Auch die Ex-Minister Heinz Riesenhuber (CDU), Jürgen Möllemann (FDP) und Hans Engelhard (FDP) haben schon als Regierungsmitglieder von dem Mietskandal profitiert und wohnen noch heute in ihrem Appartement. Nur 280 D-Mark bezahlen die Politiker für ihre 41-Quadratmeter-Unterkünfte mit Kochecke und Balkon ganz in der Nähe des Bundestages Das ist eine Kaltmiete von knapp 6,83 Mark pro Quadratmeter. Vermieter ist die bundeseigene Immobilienfirma Baugrund. Die Appartements wurden Anfang der sechziger Jahre mit Bundeszuschüssen gebaut.

Wegen dieser Zuschüsse, so fordert die Kölner Oberfinanzdirektion, müssen die Bundestags-Appartements juristisch behandelt werden wie normale Sozialwohnungen. Das heißt: Wer zu viel verdient und zu wenig zahlt, muss eine „Fehlbelegungsabgabe“ entrichten. 247 D-Mark pro Monat verlangt die Behörde von jedem Abgeordneten.

Doch der SPD-Abgeordnete Peter Conradi, Wohnungsbau-Experte seiner Partei, zerstörte selbst diesen Versuch, ein wenig Mietgerechtigkeit herzustellen. Conradi wälzte die einschlägigen Gesetze und stellte fest: Nach der Rechtslage in Nordrhein-Westfalen dürften für die Abgeordneten-Appartements in Bonn insgesamt lediglich 8,20 Mark pro Quadratmeter verlangt werden. Die Oberfinanzdirektion kuschte vor dem Widerspruch des Abgeordneten und reduzierte die Fehlbelegungsabgabe auf 56 D-Mark.

Conradi, der sofort seine Nachbarn – wie Minister Bötsch – über seinen Erfolg informierte, blieb uneinsichtig. Er sagte mir: „Wenn das Land die Gesetze ändert, zahle ich auch mehr, vorher nicht.“ Die 134 Abgeordneten zahlten künftig also – Miete plus Abgabe – nur 336 D-Mark für ihr Appartement statt der sonst üblichen 800 D-Mark im Monat.

Die damalige Bundeswohnungsbauministern Irmgard Schwaetzer (FDP) beendete dann doch die Vorzugsbehandlung mit dem Hinweis: „Die Fehlbelegungsabgabe ist auf Sozialwohnungen zugeschnitten und daher für diese Abgeordneten-Wohnungen nicht geeignet. Daher bleibt uns nur ein Ausweg, um diese offensichtliche Ungerechtigkeit zu beseitigen: Wir verpflichten die zuständige bundeseigene Wohnungsgesellschaft, die öffentlichen Kredite vorzeitig zurückzuzahlen. Damit fallen diese Wohnungen aus der Mietpreisbindung heraus und werden mietrechtlich praktisch wie frei finanzierte Mietwohnungen behandelt. Abgeordnete brauchen eine Bleibe in Bonn, aber keine Begünstigungen wie bedürftige Sozialmieter.“

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Anfang 1994 hätte Carola von Braun (FDP) beinahe ihr politisches Köfferchen packen und ihren Job als Parteichefin und Fraktionsvorsitzende der Liberalen im Berliner Abgeordnetenhaus an den Nagel hängen müssen. Sie hatte immerhin acht Friseur-Rechnungen (1.238 DM) über die Fraktionskasse abgerechnet. Fraktionsgelder sind zum großen Teil Zuschüsse aus dem Landeshaushalt – also Steuergelder. Die Politikerin (Jahresgehalt 165.000 DM) rechnete auch für 8.000 D-Mark Flüge ab, um bei den Bundesvorstandssitzungen ihrer Partei in Bonn dabei zu sein. Rechtsanwalt Ekkehard Plöger (auch FDP-Mitglied) bekam von der haarigen Angelegenheit Wind, stellte Strafantrag wegen Veruntreuung von Steuermitteln.

Kritik auch aus Bonn. FDP-Haushaltsexperte und Fraktionsvize Wolfgang Weng: „Das ist völlig unmöglich und spottet jeder Beschreibung.“ Felix-Erik Laue, Landesvorsitzender vom Berliner Bund der Steuerzahler, ging noch weiter: „Ein eklatantes Beispiel für Selbstbedienung, Frau von Braun sollte sich aus der Politik zurückziehen.“

Die FDP-Fraktion sah das nicht so eng und beließ nach einer Abstimmung Carola von Braun (Nichte des verstorbenen Raketenforschers Wernher von Braun) in ihrem Amt. Noch einmal gutgegangen.

Ex-Juso-Chef verlangt das große Geld

Mitte Juni 1994 traf ich wie so oft Wolfgang Roth (*1941, Juso-Vorsitzender 1972–1974, Bundestagsabgeordneter 1976 bis September 1993) mittags bei „Ossi“ an der Bar. Es war der Bonner Polit-Treffpunkt im Bundeshaus unter der gastronomischen Leitung von Ossi Cempellin. Roth mit Bier in der Hand spottete wie üblich, weil ich zum Essen ein Glas Milch trank. Aber sonst verstanden wir uns über die Jahre recht gut. Bis ich auf seine neuen Geldforderungen zu sprechen kam.

Zur Erinnerung: Mehr als 10.000 D-Mark solle niemand in Deutschland monatlich verdienen dürfen, hatte er 1974 als Vorsitzender der Jungsozialisten gefordert. Im weiteren Verlauf seiner Karriere hat der Mann aus Schwaben den Wert des Geldes durchaus schätzen gelernt. Inzwischen schien er sogar zu jenen Politikern zu gehören, die nicht genug davon bekommen können. Jedenfalls verklagte Roth (damals 53) den Deutschen Bundestag, dem er 17 Jahre lang angehörte. Es ging dabei um Pensionszahlungen in sechsstelliger Höhe. Roth, zuletzt Wirtschaftssprecher seiner Fraktion, wechselte 1993 von Bonn nach Luxemburg und wurde dort Vizepräsident der EU-eigenen Europäischen Investitionsbank. Monatsgehalt: gut 26.000 D-Mark. Seine Amtszeit endete 1999. Roth stand danach als 58-jährigem sofort eine Pension für seine Bundestagszeit in Höhe von knapp 8.000 D-Mark zu.

Doch dem SPD-Mann war das zu wenig. Er wollte zusätzlich 3.000 D-Mark monatlich für sechs Jahre als Bankdirektor kassieren. Als die Bundestags-Verwaltung ihm ankündigte, die Luxemburger Pension werde mit den Bonner Zahlungen verrechnet, reicht Roth die Klage ein. Er hält die Bonner Rechtsposition für „eine blanke Unverschämtheit“. Bei seinem zweiten Bier sagte Roth: „Ich muss doch wohl für die sechs Jahre, die ich in Luxemburg tätig bin, eine zusätzliche Pension bekommen. Hier geht es schließlich um etwa 3.000 Mark, bei durchschnittlicher Lebenserwartung also um ein Gesamtruhegeld von zusätzlich gut 200.000 Mark. Es kann doch wohl nicht sein, dass ich am Ende mit dem Viertel meines letzten Einkommens in Rente gehen soll, nur weil die Pension aus Luxemburg mit der des Abgeordneten verrechnet wird.“ Hinter verschlossenen Türen schüttelten selbst Parteifreunde den Kopf über ihren langjährigen Fraktionsvize. Aber Roth setzte sich durch. Danach habe ich ihn nicht mehr bei Ossi gesehen.

Reisespesen mit Kohl als Kronzeuge

Mit Reisespesen der besonderen Art machte 1996 ein Bonner Staatsmanager von sich reden und berief sich dabei auch noch auf Bundeskanzler Helmut Kohl, der das gar nicht lustig fand.

Wie mir ein Freund erzählte und mit Dokumenten belegte, reiste der Chef der staatlichen Deutschen Entwicklungshilfe-Gesellschaft (DEG), Rainer von Othegraven (damals 59), mit Frau Marie-Luise regelmäßig dreimal im Jahr hochoffiziell zu den festlichen Empfängen der Weltbank. Mal stiegen die beiden im Washingtoner Nobelhotel „Madisson“, mal im Madrider „Palace“-Hotel ab – und immer ging alles, vom First-Class-Flug bis zum Luxushotel, auf Kosten der deutschen Staatsfirma. Für die Dame gab es sogar Tagegeld. Auf Wunsch stand ihr selbstverständlich ein eigener Dolmetscher zur Verfügung.

Der Bundesrechnungshof fand heraus, dass die aufwendigen Reisen des Geschäftsführers des deutschen Staatsunternehmens in der Zeit von 1990 bis 1994 insgesamt rund 820.000 D-Mark gekostet haben. Zwischen 66 und 86 Tage pro Jahr war Rainer von Othegraven (Jahresgehalt: 470.000 DM) unterwegs. Dazu steht in dem vertraulichen Gutachten des Bundesrechnungshofs auf Seite 11: „Auf die Ehefrau entfielen dabei an Fahrtkosten und Tagegeld mindestens 170.000 D-Mark.“

Ausgaben, die nach Auffassung der Rechnungsprüfer nicht korrekt sind: „Der Bundesrechnungshof ist der Ansicht, dass die DEG die Kosten für die Mitreise der Ehefrau des Geschäftsführers nicht hätte übernehmen sollen.“

Das sah Rainer von Othegraven völlig anders. Der DEG-Chef sagte mir am Telefon: „Das Reisen mit der Ehefrau hat absolut einen Sinn. Es ist Teil meines Erfolgs. Die Herren Kohl und Kinkel machen das ja auch so.“

Dagegen heißt es auf Seite 18 des Rechnungshofberichts: „Der Bundesrechnungshof sieht in Übereinstimmung mit dem Bundesministerium der Finanzen in den geleisteten Erstattungen über einen Zeitraum von fünf Jahren einen Verstoß gegen die eindeutige Regelung des Anstellungsvertrages.“

Kaum hatte ich darüber berichtet, reagierte das Kanzleramt empört auf die Othegraven-Behauptung, der Bundeskanzler handle schließlich genauso wie er. Dieser Vergleich mit Kanzler und Vizekanzler ging der Regierung entschieden zu weit. Sofort schwenkte der reisefreudige Othegraven um und wollte das so nicht mehr gesagt haben. Am Rosenmontag, den 19. Februar, zog der „Spiegel“ nach mit dem Hinweis, dass Othegraven nach Angaben des Bundesrechnungshofes eindeutig gegen seinen Anstellungsvertrag verstieß.

Das rief das Kanzleramt erneut auf den Plan. Kohl und seine Mitarbeiter zogen gegen mich als Urheber der Story alle juristischen Register, verlangten von mir Gegendarstellung, Unterlassungserklärung und was sonst noch möglich schien, denn Kohl wollte nicht in einem Atemzug mit der Reiseaffäre genannt werden.

Zu dem Zeitpunkt war ich gerade auf die Insel Juist dem Karneval entflohen. Eigentlich wollte ich sofort wieder zurück nach Bonn, aber es herrschten Eis und Schnee wie selten. Fähre und Flugzeuge standen still. Also gingen die meterlangen Faxe zwischen meinem Anwalt, meinem Büro und meinem Hotel hin und her. Da der Kohl-Anwalt gleich alles wollte, entschied der zuständige Richter, dass es notwendig sei, in der Sache zu ermitteln, statt sofort einer Gegendarstellung zu entsprechen. Gut für uns, denn Gegendarstellungen sind sonst bei Einhaltung der einfachen Rechtsnorm sehr leicht auch ohne sachliche Richtigkeit durchzusetzen. Am Ende hatten wir das Recht auf unserer Seite. Kohls Anwalt bekam nichts, nicht einmal die Gegendarstellung. Nur Othegraven bekam einen Rüffel.

Lustreisen im Verkehrsministerium

Ebenfalls um vermeidbare Kosten ging es 2002 im Bereich von Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD). Seine Mitarbeiter hatten beim Kauf wichtiger Geräte einen Aufpreis verlangt, um attraktive Fernreisen zu finanzieren. Das erfuhr ich aus streng vertraulichen Protokollen der Innenrevision des Ministers. Diese sechsköpfige Sondereinheit zur Bekämpfung von Korruption ist zuständig für die Beobachtung von über 13 Milliarden Euro staatlicher Investitionen des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.

Nach dem Vermerk gestand am 29. Januar 2002 Dr. Volker W. dem Personal-Referatsleiter Volker Sch.: „Während meiner Zeit als Mitarbeiter im Sachgebiet M 35, unter Leitung von Herrn Dr. T. war ich schon von Beginn an öfter verwundert, dass er selbst, aber auch seine Mitarbeiter bei einer Neubeschaffung eines Großgerätes in das Ausland fuhren, um dort die Geräteeinweisungen, meist einwöchiger Einführungskurs, teilweise aber auch mehrmals, zu bekommen.“ In dem anschließend angefertigten Vermerk zum Disziplinarverfahren beschreibt Volker W., wie das von ihm gewünschte Messgerät, ein Massenspektrometer, für sein Arbeitsgebiet genehmigt wurde: Der dafür angesetzte Beschaffungsbetrag von 500.000 D-Mark wurde nicht ausgeschöpft, es blieben 75.000 D-Mark „übrig, die schnell ausgegeben werden mussten“. Dafür wurde ein „Ion-Trap-Detektor“ genehmigt mit der Aufforderung, den Anschaffungspreis soweit zu erhöhen, dass ein einwöchiger Auslandskurs für einen Mitarbeiter in Kalifornien ermöglicht würde. So habe ein Mitarbeiter für eine Woche nach Kalifornien fliegen können. Das sei „kein einmaliger Vorgang, sondern mehrfach so geschehen, selbst in jüngster Zeit“. So sind die Korruptionsbekämpfer des Verkehrsministeriums im nachgeordneten Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) auf weitere besonders schöne Traumreisen gestoßen, die dessen Mitarbeiter auf Staatskosten unternommen haben. Scarlett B. durfte im Oktober 2001 aus dem kühlen Hamburg für zwei Wochen in die tropische Inselwelt von Indonesien fliegen. Zwei Tage später folgte ihre Kollegin Elke H. nach Surabaya. Zur Begründung heißt es in ihren Reiseanträgen übereinstimmend: „Probeentnahme von Wasser- und Sedimentproben im Surabaya River und der Madura Bight.“


Der Bundesrechnungshof urteilt über das Bundesverkehrsministerium


Laut Bundesrechnungshofbericht von 2012 eine unzulässig abgerechnete Veranstaltung im Bereich des Bundesverkehrsministers

Nach dem Bericht an das Forschungszentrum Karlsruhe (Aktenzeichen 4391/01-M3) hat die Ermittlung der Schadstoffe im indonesischen Fluss Brantas in einem Jahr den Steuerzahler insgesamt 134.000 D-Mark gekostet, darunter Reisekosten für zwei Personen mit 12.000 D-Mark. Dafür haben die zwei Mitarbeiterinnen des BSH in Indonesien Wasser geschöpft, eine der beiden brachte das Schmutzwasser nach Deutschland zur Analyse, Elke H. blieb vor Ort, um noch zwei private Urlaubswochen anzuhängen.

Die offizielle Begründung dieses über Jahre beliebten Reise-Projekts für BSH-Mitarbeiter lautet, es sei ihre Aufgabe, Analysen von Wasserproben als Ergänzung zu automatischen Messungen zu nehmen. Das führte dann zu der Erkenntnis: „Der Brantas ist ein extrem hochbelasteter Fluss durch Einleitungen aus Industrie, Agrarwirtschaft und Kommunen. Es scheint daher angezeigt, ein umfangreiches Umwelt-Screening auf organische Schadstoffe und Schwermetalle durchzuführen. Dies soll in einer ausführlichen Beprobung von Wasser und Sediment erfolgen.“ So waren weiterhin Reisegründe gesichert. Aber nach meiner Veröffentlichung nahmen diese Reisefreuden ein jähes Ende. Allerdings wurden weiterhin Veranstaltungen auf Kosten der Allgemeinheit im Bereich des Bundesverkehrsministeriums beanstandet, wie der nebenstehende Bericht des Bundesrechnungshofes belegt.

Kommt ein Teppich auf Staatskosten geflogen

Um ein eher alltägliches Reisemitbringsel der beliebten Art ging es im Fall von Dirk Niebel34 im Jahre 2012. Der Entwicklungshilfeminister hatte ohnehin schon einen schweren Start, weil seine FDP jahrelang die Abschaffung genau dieses Ministeriums gefordert hatte, da es „überflüssig“ sei. Trotz dieser Ansage vor der Wahl wurde der FDP-Politiker nach der Wahl ebendort Ressortchef und wechselte schon bald zahlreiche Mitarbeiter ohne FDP-Nähe aus. Ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl kaufte Niebel einen Teppich in Kabul, den er ohne Zoll zu bezahlen als Sondergepäck im Jet des BND nach Deutschland transportieren ließ. Kaum stand das in den Zeitungen, da begann die Berliner Staatsanwaltschaft zu ermitteln. Niebel sagte dazu meinem Freund und Kollegen Martin Lambeck treuherzig: „Ich wollte das Kleingewerbe in Afghanistan unterstützen und einen Teppich für mein Esszimmer kaufen.“ Weil ihm das Stück mit 30 Kilo in der Linienmaschine zu schwer war, überließ er dem BND den Transport.

In die Schlagzeilen geraten, wollte er das Stück nachverzollen. Damit nicht genug. Er musste sich in einer aktuellen Stunde des Bundestages entschuldigen. Hohn, Spott und Rücktrittsforderungen waren die Antwort. Das lesenswerte Protokoll dazu steht im Anhang. Und als Clou verkündete Niebel am nächsten Tag auf seiner Homepage, was er herausgefunden habe: „Der Teppich war nicht zollpflichtig. Als eines der am wenigsten entwickelten Länder unterliegt Afghanistan einer Sonderregelung der Europäischen Union, wonach auch Privatpersonen Gegenstände wie Teppiche zollfrei nach Deutschland einführen dürfen.“ Fall erledigt, aber der Spott blieb.

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Zum Schluss noch ein fast versöhnlich harmloser Fauxpas. Es ging um Kohls knappe Wiederwahl im Deutschen Bundestag am 15. November 1994. Trauriger Held war der neue und bis dahin weitgehend unbekannte CDU-Abgeordnete Roland Richter (*1957) aus Karlsruhe. Ohne Wecker verschlief er die Abstimmung und erschien erst, als alles vorbei war. Fraktionschef Wolfgang Schäuble wusch ihm gehörig dem Kopf, die Nation lachte über den Langschläfer und schickte ihm gleich dutzendweise Wecker. „Eine Kohl-Wahl verschlafe ich bestimmt nicht mehr“, versprach er und entschuldigte sich bei Bundeskanzler Helmut Kohl, der versöhnlich reagierte: „Das musst du in den nächsten vier Jahren wieder wettmachen.“ Danach war seine Abgeordnetenkarriere zu Ende.

IV.Von Terroristen und Spionen

Deutscher Terror im Ausland

Kommen wir nun vom Privatleben zu einer besonders gefährlichen Seite der Politik, der Terrorgefahr, die in Deutschland seit den 70ern eine traurig-wichtige Rolle spielt. Dazu ein kurzer Blick auf die Daten. Der Terror gehört naturgemäß zu den wichtigen Beobachtungszielen von BND und Verfassungsschutz. Das galt auch für deren DDR-Gegenspieler, der dortigen Staatssicherheit (Stasi) – spätestens seit dem Erscheinen der RAF. Zu ihr hatte die Stasi sogar ganz besondere Beziehungen. Wie wir später erfuhren gab es aus der DDR Geld und in der DDR ruhige Unterkünfte. So lebte Susanne Albrecht, die mutmaßliche Mörderin des Frankfurter Bankiers Jürgen Ponto, seit 1980 unbehelligt in der DDR mit Mann und Kind, zuletzt im Ostberliner Stadtteil Marzahn, Rosenbecker Straße 3, zweite Etage links.

Ihre selbsternannte Rote Armee Fraktion (RAF) war in gut zwanzig Jahren für mindestens 34 Morde, Terroranschläge und Banküberfälle verantwortlich. Dazu kamen immer wieder gewaltsame Versuche, inhaftierte Terrorgenossen freizupressen.

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) war zwar strikt dagegen. Doch als am 27. Februar 1975 der CDU-Spitzenkandidat Peter Lorenz drei Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl entführt wurde, lag Schmidt mit einer fiebrigen Grippe danieder – diesmal war es wirklich eine Grippe. Freunde aus seiner engsten Umgebung erklärten mir, die Erkrankung sei ein wesentlicher Grund, warum Schmidt den Deal mit den Terroristen nicht verhindert habe. Fünf Terroristen wurden aus Deutschland in den Jemen ausgeflogen und Lorenz kam am 5. März frei. Im folgenden Jahr endete die nächste große Aktion tödlich.

Dazu noch einmal kurz die Fakten. Acht Palästinenser und zwei deutsche Terroristen (Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann) bringen am 28. Juni 1976 die Air France Maschine vom Typ Airbus A300 mit Nummer 139 auf dem Weg von Tel Aviv über Athen nach Paris in ihre Gewalt, zwingen den Piloten zum Auftanken in Bengasi und zum Weiterflug nach Uganda, denn der dortige Diktator Idi Amin35 hatte offen seine Sympathie mit Terroristen bekundet. Nach der Landung in Entebbe am Viktoriasee, nur 35 Kilometer von der Hauptstadt Kampala entfernt, begrüßt Amin die Terroristen freundlich und verspricht ihnen jede Hilfe.

Wilfried Böse sondert die jüdischen Geiseln aus, die anderen lässt er laufen. Mit der Aktion wollen sie 53 Terroristen in Israel, Deutschland (sechs Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande), Frankreich und der Schweiz freipressen und verlangen noch fünf Millionen Dollar für die Freigabe des Flugzeuges. Als die ersten Meldungen dazu über den Ticker laufen, bitte ich einen israelischen Freund und Kollegen um Hilfe bei der Recherche, denn schnell wird klar, dass Israel handeln wird.

Israel lehnt die Freilassung der 40 Terroristen ab, Deutschland verweigert die Freilassung der sechs Terroristen, die Schweiz ist nicht bereit, die 38-jährige Baader-Meinhof-Terroristin Petra Krause freizulassen. Aus Frankreich habe ich noch keine Meldung, aber das Ultimatum der Erpresser ist schon aus zeittechnischen Gründen nicht mehr einzuhalten.

Mein Freund informiert mich, dass der israelische Geheimdienst Mossad die Befreiungsoperation vorbereitet. Am 3. Juli landen israelische Transportmaschinen gegen 23.00 Uhr. Sie entladen erst einen schwarzen Mercedes, als wäre dieser für Amin vorgesehen, und Jeeps vom Typ Land Rover. Als zwei ugandische Soldaten die Fahrzeugkolonne auf dem Weg zum Terminal anhalten wollen, werden sie erschossen. Weitere israelische Flugzeuge mit gepanzerten Fahrzeugen und Elitesoldaten landen. Am frühen Morgen erfährt mein Freund mehr: „Kurz nach Mitternacht stürmen zwei Dutzend Elitesoldaten durch Fenster, Türen und Toiletten in die Empfangshalle. Ein Unteroffizier meldet: „Die Terroristen waren für einige Sekunden sprachlos. Sie hatten Handgranaten, konnten sie aber nicht mehr werfen. Wir schossen sofort.“ Als Erste sterben die beiden Deutschen. Sie dösen in der Halle auf Korbsesseln, die Maschinenpistolen auf den Knien. Ein 13-jähriger Augenzeuge: „Sie fielen um und sagten nichts mehr.“ Ein Araber flüchtet in eine Ecke. Er versteckt sich hinter einer Matratze und schießt von dort mit einer Maschinenpistole. Er trifft einen Israeli in den Kopf, der aufgesprungen war, um seinen 12-jährigen Jungen zu suchen. Als die israelischen Soldaten Mündungsfeuer sehen, schießen zehn von ihnen gleichzeitig auf die Matratze. Nach etwa acht Minuten haben die israelischen Soldaten die Terroristen und mindestens zehn ugandische Soldaten in der Empfangshalle getötet. Beim Rückzug aus der Halle wird der 30-jährige Kommandeur Jonathan Netanjahu36 von ugandischen Soldaten aus dem Kontrollturm mit einer MG-Garbe in den Rücken getötet. Sofort schießen die Israelis den Kontrollturm mit Bazooka-Geschützen zusammen und töten alle Soldaten im Turm. Sie fotografieren die sieben Terroristen, lassen sie auf dem Flughafen zurück und fliegen davon.

Idi Amin schwört Rache, lässt Sympathisanten der Aktion ermorden und im August den deutschen Entwicklungshelfer Dietrich Babeck (damals 48) foltern: Babeck kam am 1. Juli auf Einladung des ugandischen Erziehungsministers ins Land, um an der Hochschule Wirtschaftswissenschaften zu unterrichten.

Am 1. August wird er auf offener Straße von Geheimpolizisten umringt und aus dem Auto gezerrt mit der Begründung: „Du siehst so jüdisch aus.“ Unter Stock- und Peitschenfolter wird ihm das Geständnis abgepresst, für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten. Erst am 20. August erfahre ich durch einen Freund den ganzen Hintergrund, so wie Babeck es selbst beschrieb: „Ich wurde mit den Federsträngen meines eigenen Expanders verprügelt, den glühenden Tauchsieder, den ich aus Deutschland mitgebracht hatte, hielten sie mir unter die Füße. Als Beweis für meine angebliche Spionagetätigkeit zeigten sie mir meinen Fotoapparat und meinen Radiorekorder. Der sei meine Funkausrüstung als Geheimagent. Selbst meine Kontonummer und meine Versicherungspolice bezeichneten sie als Spionagematerial. Als ich das erklären wollte, schlugen sie zu. Die Karabinerhaken knallten auf Kopf und Rücken. Da gestand ich schließlich, was sie hören wollten. Am nächsten Morgen sollte ich meine Hintermänner nennen. Ich sagte aber nur die Wahrheit, da schlug ein zweiter Peiniger mit einer Peitsche zu. Ich gab zu, Mitglied Nummer 300 des israelischen Geheimdienstes zu sein mit Codenummer 220. Was der dann noch wollte, habe ich nicht verstanden. Da hielt er mir seine Pistole ins Genick. Ich konnte nicht mehr und sagte: ‚Schieß!‘ Aber er hat mich nicht erlöst. Stattdessen hielten sie mir wieder den Tauchsieder unter die Füße. Als sie dann noch drohten, Nägel durch meine Fingerspitzen zu treiben, erfand ich noch mehr Einzelheiten. Keine stimmte. In der Nacht nach diesem Verhör war ich sicher, dass mein Leben zu Ende ging. Ich hatte keine Hoffnung mehr.“

Der nächste Tag begann mit neuen Verhören. Aber als Babeck in seine Zelle zurückkam, wurde er nur noch von einem Mann bewacht. Das Scherengitter im Hof hatten sie vergessen zu schließen: „Da bat ich meinen Bewacher um ein Glas Wasser, stieß die schlecht verriegelte Tür auf und rannte um meine Leben.“ Das schrieb ich für die Samstag-Ausgabe von „Bild“ mit der Unterzeile „Nur in Bild: Die ersten Aussagen des Hamburger Entwicklungshelfers“.

Der Umschlag mit Bargeld für Willy Brandt

Zur selben Zeit war ein Team der „Bild am Sonntag“ mit großem Aufwand in Uganda unterwegs, um genau das herauszubekommen. Hoffnungsfroh inserierte „BamS“ großflächig nichts ahnend in derselben Samstag-Ausgabe von „Bild“ mit meinem Bericht die Ankündigung, morgen steht in „BamS“, was Babeck erlebt hat. Ein typisches Beispiel für den gesunden Konkurrenzkampf innerhalb des Springer-Konzerns, von wegen alles auf einer Linie, wie etwa lange Zeit von der SPD-Spitze propagiert, bis hin zu dem Beschluss, keine Interviews mit „Bild“ zu führen. Ein Beschluss, der nie konsequent umgesetzt wurde; selbst Ex-Bundeskanzler Willy Brandt schrieb als SPD-Chef Gastkommentare für Bild – gegen Bares. So sein Wunsch bei der Übermittlung seines Textes. Das brachte mich zunächst in Verlegenheit, denn dafür hatten wir in der Redaktion keine Barkasse. Also ging ich zur Kreissparkasse am Fuße des Abgeordnetenhochhauses, genannt „Langer Eugen“ nach Bundestagspräsident Eugen Gerstenmeier aus der Zeit, als das für Bonner Verhältnisse riesige Gebäude errichtet wurde. Dort hob ich von meinem Privatkonto 300 D-Mark ab (für das schmalbrüstige Konto eines Jungredakteurs viel Geld), lieferte die Scheine artig im Umschlag in Brandts Abgeordnetenvorzimmer ab und bekam es mit der nächsten Gehaltsüberweisung vom Verlag zurück.

Der Terror kommt nach Deutschland

Doch zurück zum Thema Terror, der 1977 mit Macht die Schlagzeilen in Deutschland beherrschte. Am 5. September rief mich wenige Minuten vor 18.00 Uhr ein Freund an, der mit dem Polizeieinsatz im Bereich Köln und Bonn befasst war. Kurz und für den frühen Zeitpunkt erstaunlich präzise informierte er mich: „Schwere Schießerei mit Verletzten, Schleyer wurde offenbar entführt. Sie entkamen in einem VW-Bulli.“ Mein Kollege, der zum Arbeitgeber- und BDI-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer (1915–1977) als Wirtschaftsredakteur den Kontakt hielt, hatte die Privatnummer und rief sofort dort an. Ehefrau Waltrude ging ran: „Sie können meinen Mann nicht sprechen, der ist bereits weggefahren.“ Sie wusste also noch nichts von der Entführung.

Es folgte bekanntlich der Versuch, mit Schleyer als Geisel 14 inhaftierte Terroristen freizupressen. In der Zeit habe ich erstmals erlebt, wie im Ernstfall Sicherheitsbehörden, Regierung und Journalisten zusammenarbeiten. Im Krisenstab hatte ich einen guten Freund sitzen, der Jahrzehnte später zu einem international anerkannten Künstler avancierte. Mit ihm konnte ich damals täglich zur verabredeten Zeit ein kurzes Telefonat führen. Manchmal schaute die ganze Redaktion dabei zu, denn das war unsere einzige Originalquelle. Trotzdem war stets klar, dass wir nur schrieben, was nach Rücksprache mit Sicherheitskräften und Regierungssprecher Klaus Bölling (in diesem Amt 1974–1981) vertretbar erschien. So meinte Bölling einmal, es sei aus Sicherheitsgründen hilfreich, wenn wir schreiben, Schleyer werde wohl in einem rollenden LKW gefangen gehalten. Oder am 27. September schrieben wir in Absprache: „Schleyer auf Schiff gefangen?“ Gleichzeitig hörte ich aus dem Krisenstab unmissverständlich, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt zwar alles für Schleyer tun wollte, wozu die Sicherheitskräfte in der Lage waren, aber der Erpressung von Terroristen wollte er nicht nachgeben. Dazu haben ihn erfahrene Sicherheitsexperten ausdrücklich ermutigt. So sagte mir der langjährige Chef des israelischen Geheimdienstes, Iser Harel, der Staat dürfe „unter keinen Umständen nachgeben. Denn jedes Nachgeben bei Kidnapping führt nur dazu, dass beim nächsten Mal die Forderungen noch dreister werden. Wenn sie heute nachgeben, muss morgen ein anderer denselben Preis bezahlen. Mit jeder Nachgiebigkeit der Regierung verringert sich für Terroristen beim nächsten Mal das Risiko. Und wer garantiert, dass selbst bei Nachgiebigkeit der Entführte mit dem Leben davonkommt?“ Zugleich warnte er, dass „Deutschland eine lange Terrorkette bevorsteht“.

Wie entschlossen Helmut Schmidt war, den deutschen Terroristen mit ihren palästinensischen Genossen nicht nachzugeben, darüber gibt es zahlreiche Dokumentationen, bis hin zur Veröffentlichung von Telefonaten wie im „Spiegel“ vom 13. August 2012. Demnach sagte Schmidt seinem Freund und Staatsminister und Hans-Jürgen Wischnewski37 am 14. Oktober 1977, als die entführte Lufthansa-Maschine in Dubai morgens gelandet war: „Hans-Jürgen, auf keinen Fall etwas zulassen, was einen Abflug der Maschine erleichtert oder ermöglicht. Auf keinen Fall. Es muss hingenommen werden, wenn tatsächlich einzelne Menschen getötet werden. Hast Du mich verstanden?

Wischnewski: Ja, ich habe verstanden. Schmidt: Auf keinen Fall zulassen, dass der Abflug erleichtert oder ermöglicht wird. Tötung einzelner Menschen muss hingenommen werden.“

Zuvor war Wischnewski Ende September um den Globus geflogen. Um für alle Fälle gerüstet zu sein, suchte er vorsorglich ein Land, das im Falle einer Einigung mit den Entführern die elf inhaftierten Terroristen aufnähme. Die Reise ging in jeder Hinsicht schief: In Damaskus (Syrien) holte sich die Besatzung seiner Luftwaffenmaschine ein Fischvergiftung, musste durch eine neu eingeflogene Crew ersetzt werden und „Ben Wisch“ (Wischnewskis Spitzname wegen seiner Araber-Verbindungen) bekam die erste Abfuhr.

Über Algerien fielen in 12.000 Metern Höhe drei Triebwerke des vierstrahligen Jet-Star aus. Im Sinkflug meldete der Copilot: „Herr Minister, die Maschine befindet sich in einer Notlage. Wir müssen notlanden.“ In Istre bei Marseille stieg er in eine Ersatzmaschine um. Sein Erkundungstrip nach Asien verlief ähnlich. Um die Reise möglichst geheim zu halten, meldete er sich offiziell krank. Doch der Flug nach Vietnam endete wegen Motorschadens erst einmal in Guam (Mikronesien). Dann wurde der Luftraum über Hanoi gesperrt, nachdem ein Flugzeug wegen extremer Turbulenzen abgestürzt war. Also flog er nach Ho-Chi-Minh-Stadt (vormals Saigon), von dort bis Da Nang. Die restlichen 800 Kilometer ging es im Auto nach Hanoi. Dort wurde er „lediglich aus Höflichkeit“ empfangen, wie wir vor Ort erfuhren. Keine Chance, niemand war zur Aufnahme der deutschen Terroristen bereit. Das bestärkte Schmidt zusätzlich in seiner Haltung.

Den Eindruck gewinnen zu dem Zeitpunkt auch die Entführer. Zur Erinnerung: Sie planen mit palästinensischen Terrorgenossen generalstabsmäßig die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut LH 181, um ihre Forderung zu verstärken. Am 13. Oktober hebt die Boeing um 13.00 Uhr von Palma de Mallorca Richtung Frankfurt am Main ab. An Bord 82 Passagiere (darunter ein Zuckerkranker ohne Insulin im Handgepäck), fünf Besatzungsmitglieder und im Frachtraum zwei Zinksärge mit Leichen zur Überführung in die Heimat. Unter den Passagieren ein vierköpfiges palästinensisches Terrorkommando. Die beiden Frauen aus dem Terrorquartett zogen aus ihren Kosmetikkoffern und die Männer aus einem Radio zwei Pistolen, vier Handgranaten und Plastiksprengstoff, die sie an den laschen Sicherheitskontrollen vorbeischmuggeln konnten.

Die Terroristen zwingen Pilot Jürgen Schumann (37, verheiratet, zwei Kinder) mit vorgehaltener Waffe zur Landung in Rom, wo der 23-jährige Terrorist Zohair Youssif Akache als Anführer der Bande Auftanken verlangt und den Weiterflug über Zypern und Bahrain nach Dubai. Am 14. Oktober um 4.00 Uhr früh erhält der Genfer Anwalt Denis Payot als Vermittler den Anruf eines Unbekannten, der ihm auf Tonband in Englisch das Ultimatum der Terroristen verliest:

Freilassung der elf namentlich aufgelisteten RAF-Terroristen aus deutschen Gefängnissen und für jeden 100.000 D-Mark in bar.

Freilassung von zwei palästinensischen Terroristen aus türkischem Gefängnis, die im Vorjahr in Istanbul beim Überfall auf eine El-Al-Maschine vier Menschen ermordeten.

Die Zahlung von 15 Millionen Dollar nach einer genauen Anweisung.

Vereinbarung mit „irgendeinem“ der Länder Vietnam, Somalia oder Jemen zur Aufnahme der freigelassenen Gefangenen.

Die deutschen Gefangenen müssen über Istanbul ausgeflogen werden, um dort die beiden Palästinenser aufzunehmen.

Wenn die Forderungen nicht bis zum 16. um 9.00 Uhr erfüllt werden, dann „werden Herr Hanns-Martin Schleyer und alle Passagiere und die Besatzung des Lufthansa-Flugzeuges LH 181 sofort getötet“. „Wenn Sie unsere Anordnung erfüllen, werden alle freigelassen.“

„Wir werden uns nicht noch einmal mit Ihnen in Verbindung setzen. Das ist unser letzter Kontakt zu Ihnen.“

„Jeder Versuch der Verzögerung oder Täuschung von Ihrer Seite bedeutet die Hinrichtung von Herrn Hanns-Martin Schleyer und aller Passagiere und der Mannschaft des Flugzeugs.“

Direkt an den Bundeskanzler gerichtet folgt noch die dreiste Botschaft: „Wir haben Helmut Schmidt jetzt genug Zeit gelassen, um sich in seiner Entscheidung zu winden … nach 40 Tagen Gefangenschaft von Schleyer wird es eine Verlängerung des Ultimatums nicht mehr geben.“

Diese Mitteilungen gehen an Zeitungen in Deutschland und Frankreich. Gleichzeitig schicken die Schleyer-Entführer an die französische Zeitung „France Soir“ ein aktuelles Schleyer-Foto, auf dem man ihm die Strapazen der menschenverachtenden Geiselfolter ansieht.

Der Bundeskanzler berät sich mit Regierungs- und Oppositionsspitzen. Dazu erfahre ich, dass auch 15 Angehörige der Flugzeuggeiseln zu ihm ins Kanzleramt kommen. Der zehnjährige Mike Brod bittet: „Herr Bundeskanzler, ich will meine Mutti wiederhaben.“ Sein Vater: „Alle Interessen sind im Krisenstab vertreten – ich möchte einmal wissen, wer die Interessen der Geiseln vertritt.“ Schmidt versprach: „Wir werden alles tun, um die Geiseln lebend zu befreien.“ Dazu war die deutsche Antiterror-Einheit GSG 9 bereits auf dem Weg, gefolgt von Hans-Jürgen Wischnewski.

Plötzlich kommt die Nachricht, dass Terrorchef Akache Flugkapitän Schumann kaltblütig mit einem Kopfschuss ermordet hat. Da fahre ich in den Schwarzwald zur „Bühler Höhe“, um in dem Nobelhotel Bundespräsident Walter Scheel38 zu befragen. Er will kein Exklusiv-Interview geben, sondern appelliert über das Fernsehen: „Mit der sinnlosen Eskalation von Gewalt und Tod muss Schluss sein. Die ganze Welt, Ost und West, steht gegen Sie. Kehren Sie zurück zu menschlichem Handeln. Dieser Augenblick gibt Ihnen eine letzte Chance.“ Die verstreicht.

An der Hotelbar treffe ich Scheels Leibwächter, die wegen der besonderen Terrorlage von der GSG 9 kommen. Tief deprimiert wiederholen sie mehrfach: „Es ist schlimm, dass wir hier Wache schieben müssen und nicht bei dem ersten großen Einsatz dabei sein dürfen.“ Wie der am 18. Oktober direkt nach Mitternacht unserer Zeit unter dem Kommando von Ulrich Wegener mit seinen 60 Helden in Somalias Hauptstadt Mogadischu innerhalb von gerade mal sieben Minuten erfolgreich ablief, ist in Büchern und Filmen ausgemalt. Die Bilanz: Der Terroranführer und zwei Komplizen sind tot. Die arabische Israelin Suhaila Sayeh aus dem Terrorkommando überlebt, Stewardess Gabi Dillmann (23) aus Frankfurt und ein GSG-9-Polizist werden leicht verletzt. Noch am selben Tag töten sich die deutschen RAF-Terroristen Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader in ihren Zellen des Gefängnisses von Stammheim. Am 19. Oktober danken Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Ehefrau Loki, Bundestagspräsident Carl Carstens und 400 Gläubige in der Bonner Kreuzkirche für die glückliche Befreiung der Geiseln und beten zugleich für das Leben von Hanns-Martin Schleyer. Bischof Claas erinnert daran, dass die Schleyer-Entführer dessen Auto mit einem Kinderwagen zum Halten gezwungen hatten: „Was sind das für Menschen, die einen Kinderwagen über die Straße rollen lassen – ein Sinnbild behüteten Lebens?“


Walter Scheel als Bundespräsident

Am selben Tag wird der Leichnam von Hanns-Martin Schleyer in Mülhausen (Elsass) gefunden – von RAF-Terroristen ermordet.

Deutschland dankt Somalias Diktator Siad Barre für die Erlaubnis zum deutschen Einsatz in Mogadischu, sein Botschafter avanciert zum Star auf dem Bonner Parkett, mit Beifall im Bundestag, Sonderbesuch im Kabinett, dem Versprechen neuer Entwicklungshilfe und einem Besuch des Bundespräsidenten. Der entwicklungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jürgen Todenhöfer39, fordert ganz offen, Waffen im Wert von 25 Millionen D-Mark als Dank an Somalia zu liefern. Im Januar 1978 sagt er mir: „Moskau beliefert den somalischen Kriegsgegner Äthiopien massiv mit Waffen. Da können wir Mogadischu nicht länger allein lassen. Die Bundesregierung muss endlich den Mut haben, dem Steuerzahler zu sagen, dass wir dort, wo schwere Gefahren für die Sicherheit unseres Landes und des Westens drohen, unter bestimmten Umständen auch Waffen in Spannungsgebiete liefern.“ Später sollte das im Zusammenhang mit Afghanistan von ihm ganz anders klingen. In Bonn bekommt Botschafter Jusuf Adan Bokah nach der Mogadischu-Befreiung vorsichtshalber einen GSG-9-Mann zur Bewachung.

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25 mayıs 2021
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