Kitabı oku: «O du fröhliche, o du grausige»
Friederike Schmöe
O du fröhliche, o du grausige
Weihnachtskrimi

Zum Buch
Wenn dein Leben implodiert Bella pflegt ihren dementen Vater, schreibt für die Zeitung, versorgt Ehemann und Tochter, engagiert sich für den dörflichen Weihnachtsmarkt, und nun kriecht auch noch ihr liebeskranker Bruder bei ihr unter. Wie gern würde sie aus der Familienarbeit aussteigen und nur noch schreiben! Als sie eines Abends auf der Landstraße eine sterbende Frau findet, scheint der Moment gekommen: Sie macht die Fahrerflucht zu »ihrem Fall«. Doch im Dorf stößt ihr Interesse an dem Unfall auf Unverständnis. Plötzlich erweisen sich die sonst freundlichen Nachbarn und angeblichen Freunde als Gegner. Aber Bella lässt nicht locker. Jemand in ihrer Nachbarschaft hat Dreck am Stecken, und sie will herausfinden, wer für den Tod der jungen Frau verantwortlich ist. Immer weiter dringt sie in die Beziehungen hinter den malerischen Fassaden vor, bis das Dorf sich gegen sie wendet. Um sich zu verteidigen, muss sie die Fäden dieses Falles entwirren. Doch wie es aussieht, stürzt sie damit ihre Familie ins Unglück …
Geboren und aufgewachsen in Coburg, wurde Friederike Schmöe früh zur Büchernärrin – eine Leidenschaft, der die Universitätsdozentin heute beruflich nachgeht. In ihrer Schreibwerkstatt in der Weltkulturerbestadt Bamberg verfasst sie seit 2000 Kriminalromane und Kurzgeschichten, gibt Kreativitätskurse für Kinder und Erwachsene und veranstaltet Literaturevents, auf denen sie in Begleitung von Musikern aus ihren Werken liest. Ihr literarisches Universum umfasst u. a. die Krimireihen um die Bamberger Privatdetektivin Katinka Palfy und die Münchner Ghostwriterin Kea Laverde.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © united lenses / photocase.de
ISBN 978-3-8392-6660-1
Vorbemerkung
Manchmal muss man in einem Buch allerlei erfinden: zum Beispiel gänzlich neue Tageszeitungen, Redaktionen und ihre Leiter. Sie sind einfach Buchfiguren. Darauf basiert das Prinzip »Roman«. Gleiches gilt für Impfgegner und -befürworter, Bioladenkunden und Wirte. Sie sind nur in unseren Köpfen existent. Ebenso wie Dörfer. Und Siedlungen. Das liebliche Maintal und seine Umgebung jedoch habe ich so gezeigt, wie es mir schon oft begegnet ist – gerade in einem trüben Winter.
Fröhliche Weihnachten.
1
Schneegriesel trieb über den Parkplatz. Bella lehnte an ihrem Mini und rauchte. Im Bioladen gingen die Lichter aus. Nur noch ihr Wagen stand da und ein E-Auto mit der Aufschrift: »Mittel fürs Leben«. Meine Güte, dachte Bella. Tief inhalierte sie den Rauch. Was für eine Wohltat nach Stunden in dem stickigen Raum voller Knalltüten. Sie war bis zuletzt geblieben, um noch kurz mit dem Arzt zu sprechen. Dr. Wolfram Brandenburg, Impfgegner, kein schlechter Rhetoriker. Ihr sollte es recht sein. Sie war gegen alles geimpft worden, ihre Generation hatte sogar noch eine ordentliche Portion Pockenvakzin verabreicht bekommen. Sie war 50 geworden, ihr Geburtstag vor ein paar Wochen hatte es ihr vor Augen geführt, es hatte geklappt, sie war einfach nicht totzukriegen, Zigaretten und Impfungen hin oder her. Jedenfalls nicht so leicht. Sie steckte Nebenwirkungen genauso weg wie Krankheiten. Gleich im Rachenraum abtöten, die Bakterien, dachte sie, nahm einen letzten Zug. Warf die Kippe weg. Die Glut erlosch zischend in einer Schneepfütze.
Wolters schickte natürlich immer sie zu diesen Terminen. Impfgegner und -befürworter zusammen in einem Bioladen, zwischen Regalen voller schlapper Lauchstangen, Flaschen mit Schwarzkümmelöl und veganen Weihnachtsplätzchen. Was sollte dabei wohl rauskommen? Angekündigt war das Ganze als Infoveranstaltung. Beigewohnt hatte sie einer verbalen Keilerei. Die Impfbefürworter ließen es sich nicht nehmen, eine eigene Abordnung zu schicken. Hier galt es einmal mehr, das Vaterland zu verteidigen. Bella stieg in den Wagen. In ihr machte sich das deutliche Gefühl bemerkbar, dass ihre verbleibende Lebensspanne zu kurz geworden war für Besprechungen, in denen aufgeblasene Egos die Messer wetzten.
Das Licht im Laden ging aus. Wendy Gleichsam, Bioladeneigentümerin, schlüpfte durch die Tür, sperrte sorgfältig ab und hastete durch den Griesel zu ihrem Elektroauto. Bella stöhnte leise, während sie über die beschlagenen Scheiben wischte. Sie kaufte hier ihren Kaffee und wollte das gerne weiterhin tun. Also besser nicht zu bissig über den heutigen Abend schreiben. Ihr Bioeinkaufserlebnis war sowieso kompliziert. Der Bioladen lag in der Neubausiedlung. Die Bewohner aus dem Dorf ließen sich hier nicht blicken und gaben schon gar kein Geld aus, um diesen »verteufelten Kram« zu unterstützen. Bioladen: Das war eine Sache für die Latte-Macchiato-Bewohner der Siedlung, die Neuen, die Zugezogenen, für die, die im Homeoffice arbeiteten. Patchworkfamilien mit der neuesten IT-Technik im Haus. Mit denen traf man nur in der Dorfschule zusammen. Allein das führte schon zu Fehden.
Ich habe keinen Nerv mehr für diesen Quatsch.
Siedlung – neu; Dorf – alt. So lautete das Naturgesetz der Gemeinde Silldorf zwischen Main und Autobahn, in nicht allzu ferner Nachbarschaft der Weltkulturerbestadt Bamberg. Bella und Diethard hatten, als ihre Tochter ein Baby war, hier gebaut. Das war fast 25 Jahre her. Sie waren ins Dorf hineingewachsen, quasi eine organische Bepflanzung desselben. Damals hatte es die Siedlung noch gar nicht gegeben. Mittlerweile herrschte eine Art subtiler Krieg zwischen Siedlung und Dorf, und die Auswirkungen sickerten bereits in die verschworene Dorfgemeinschaft hinein. Nach Jahren des Lebens und Lebenlassens wuchs Unmut und entschieden triviale Fragen, wer noch mit wem grillte und mit wem im »Dorfkrug« anstieß.
Seufzend startete Bella den Motor. Im Dorf würden sie jedes Wort, das sie in der Tageszeitung schrieb, daraufhin abtesten, ob sie vielleicht zu wohlmeinend mit dem Siedlungszeug umging: dem Bioladen, dem Impfgegner. Dr. Brandenburg hatte seine Praxis natürlich in der Siedlung. Seine Patienten kamen nicht aus dem Dorf. Soweit man wusste.
Sie fuhr langsam los. Die Straßen hier waren breiter und heller beleuchtet als im alten Dorf. Man leistete sich modernere Lampen, ganz klar. Hastig arbeiteten die Scheibenwischer gegen die wässrigen Flocken an. In den Fenstern blinkte Weihnachtsschmuck. Manche stellten auch beleuchtete Rehe in ihre Vorgärten. Bella fragte sich, was Weihnachten mit beleuchteten Rehen zu tun hatte.
Am liebsten würde sie gar nichts über den Abend schreiben. Wolters klarlegen, dass nichts von dem, was heute im Bioladen salbadert worden war, für die Allgemeinheit interessant genug wäre, um es in der Zeitung breitzutreten. Ihr Redakteur würde gespielt erstaunt die rechte Augenbraue hochziehen. Es war doch ein Thema. Alle Medien waren voll davon. Solidarische Gesellschaft. Impfpflicht und so. Bella empfand das Wort rein phonetisch schon als Zumutung. Aber wenn sie Wolters gegenüber meckerte, würde er sie auf lange Sicht erst recht in die Hausfrauenecke abschieben, Sparte »Rezept des Tages«. Diese Drohung geisterte bei jedem Telefonat mit Wolters durch die Leitung und blähte sich jedes Mal zum Monstrum auf, wenn sie als feste Freie nicht bei jedem Anruf aus der Redaktion Gewehr bei Fuß stand. Dabei hatte sie eine Familie zu versorgen. Den Mann, den Vater. Dazu ein Haus. Sie musste für Melanie bereitstehen, falls die ihre alte Mutter mal brauchte. Und jetzt schien auch noch Rolf bei ihr unterkriechen zu wollen. Beim Gedanken an ihren Bruder spürte sie die heftige Sehnsucht nach einem Bier. Nein, besser nach etwas Härterem.
Sie hatte Rolfs Anruf vor ein paar Tagen nicht ernst genommen. Doch das Schicksal würde sie ereilen, Bruderherz stand in den Startlöchern, sich einmal mehr bei ihr auszuheulen. Diesmal war ihm Ehefrau Nummer zwei abhandengekommen. Sie war von einem anderen schwanger. So was kam vor, aber für Rolf brach die Welt zusammen. Jennifer war 20 Jahre jünger als er und wollte ein Kind. Rolf wollte nicht. Also hatte sie Gegenmaßnahmen ergriffen. Und Rolf? Ihr Bruder, vier Jahre älter als Bella, wusste immer noch keinen anderen Rat, als bei seiner Schwester um Unterschlupf zu flehen. Sich die ramponierte Seele streicheln zu lassen. So wie früher. Als die kleine Schwester der einzige Rettungsanker gewesen war.
Bella schnaubte. Sie bog in den Flurbereinigungsweg, die inoffizielle Verkehrsverbindung zwischen Siedlung und Dorf. Offiziell war sie nur für Nutzfahrzeuge frei, die Einheimischen machten jedoch ausführlich von ihr Gebrauch. Zwei weitläufige Äcker trennten die beiden Wohngebiete, genannt »die Narbe«. Im Sommer wuchs hier Mais für die Biogasanlage der Siedlung. Jetzt im Winter machte die schwere, dunkle, von einer dünnen, halb gefrorenen Schneekruste bedeckte Erde ihrem Namen alle Ehre. Wulstig und hässlich präsentierte sich die »Narbe« im Licht der Scheinwerfer. Bella fragte sich, ob der Grund in nicht allzu ferner Zukunft auch noch als Baugebiet ausgewiesen würde, die Siedlung mithin noch näher an das Dorf heranrücken würde. Das gäbe unter Garantie Hauen und Stechen!
Ich habe das Ganze echt satt. Total satt.
Grantig wischte sie mit der Hand den Beschlag von der Windschutzscheibe. Die Lüftung arbeitete auf Hochtouren. Sie stellte das Radio an, 22-Uhr-Nachrichten.
Verdammt, sie hatte jetzt keinen Nerv für die Grässlichkeiten der Welt. In ihrer eigenen Umgebung gab es genug aufgeblähte Egos.
Eine Windbö knallte von der Seite gegen den Mini. Nicht mehr viel und ich hebe ab, dachte Bella missmutig. Sie nahm Gas weg und spähte angestrengt auf den Acker. Was um Himmels willen lag da? Hatte da einer Feuerholz verloren? Drei Meter neben der Straße? Sie trat auf die Bremse.
Fuck.
Bella würgte den Motor ab, sprang aus dem Auto, rannte. Schnee peitschte ihr ins Gesicht.
»Hallo? Hören Sie mich? Hallo?«
Am Rand der Scheinwerferkegel sah sie ein wachsweißes Gesicht voller dunkler Flecken, umrahmt von nassem dunklen Haar. Blut an der Schläfe. Blut im Schnee darunter. Schneegriesel auf der Kleidung. Der eine Arm seltsam verdreht, die Beine wie locker untergeschlagen.
Ich glaub das jetzt nicht.
»Hallo?« Bella hockte sich hin, tastete am Hals der jungen Frau nach dem Puls. War da was? Unmöglich festzustellen, vielleicht ja, vielleicht nein.
Die Andeutung eines Stöhnens entrang sich der Kehle der Frau.
»Scheiße!«, schrie Bella in die Dunkelheit. »Hören Sie, halten Sie durch, ich rufe den Notarzt.« Sie rannte zum Auto, riss ihr Handy aus der Mittelkonsole. Setzte den Notruf ab und schnappte dann eine Decke vom Rücksitz. Breitete sie über der Frau aus. Ihr Herz jagte. Das passierte jetzt ständig. Ein sekundenlanges hektisches Pumpern, dann war es vorbei. Bella starrte auf ihre zitternden Hände, bevor sie die eine kalte der Frau ergriff.
»Sie sterben jetzt nicht, kapiert? Das geht einfach nicht. Bald ist Weihnachten. Da wird nicht gestorben.«
Wieder ein Stöhnen. Der auffällige Schal stach ins Auge: rot mit bunten Punkten.
Zu lustig für das hier.
»So ist es brav. Gleich kommt ein Rettungswagen.«
Bella hielt die Hand der Frau, deren Gesicht ihr leidlich bekannt vorkam und dann doch wieder nicht. Wie konnte man jemanden wiedererkennen, der in einer Dezembernacht sterbend neben dem Flurbereinigungsweg zwischen zwei Äckern lag? Ganz am Rand der Lichtkegel glaubte sie, etwas Dunkles vorbeiflitzen zu sehen. Nur ein Zucken. Ein Tier?
Halte durch, Mädchen, betete Bella, Gott, wenn es dich gibt, tu was.
Als vom Dorf her Blaulicht durch die Nacht geisterte, keuchte die Frau einmal tief auf. Danach war es still, seltsam still, als hätte sich auch der Wind zurückgezogen.
2
»Jetzt pass mal auf, Wolters. Ich will diese Story, klar?« Bella blies Rauch ins Telefon.
»Spinnst du? Deshalb rufst du mich mitten in der Nacht an?« Der Leiter der Redaktion »Main« war zu erschöpft, um auf seine berüchtigte Drehzahl von 180 zu kommen.
»Ich habe die Frau gefunden, Wolters, sie ist mir unter den Händen gestorben. Im Schnee. Auf der ›Narbe‹.«
»Wo?«
»Zwischen Silldorf alt und Silldorf neu.«
»Ihr seid ja plemplem, da, wo du herkommst.«
»Ich komme nicht von hier. Ich wohne hier.«
»Jetzt leck mich doch mit deinen Spitzfindigkeiten!«, brüllte Wolters ins Telefon.
»Ich schreibe über den Unfall. Ich.« Bella streckte den Arm aus, griff nach der Bierflasche. Sie zitterte. Stellte die Flasche wieder ab, ohne zu trinken.
»Warum sollte überhaupt jemand darüber schreiben? Wir kriegen die Polizeimeldung rein und drucken sie.«
»Dass du dich da nicht mal irrst.« Bella liebte es, Wolters’ Hoffnungen zu zerstören. »Die Frau ist angefahren worden. Das hat die Polizei noch am Unfallort festgestellt.«
»Fahrerflucht?«
»Sieht so aus.«
»Klasse, Bella, wirklich. Wer sagt mir, dass nicht du es warst?«
»Du hast sie ja nicht mehr alle.«
»Das sehe ich anders. Du rufst mich mitten in der Nacht an, weil …«
»Verdammt, ich habe eine halbtote Frau gefunden. Die ist mir unter der Hand weggestorben. Exitus. Scheiße, Wolters!«
»Okay, du hast einen Schock. Trink ein Bier oder nimm eine Tablette oder beides zusammen. Komm erst mal runter.«
»Wolters, du kannst mich mal am Abend besuchen. Ich will den Fall. Du wirst sehen, da ist was draus zu machen. Erinnere dich morgen an mich.«
»Wie denn nicht«, grunzte Wolters wütend und legte auf.
»Arsch!« Bella ließ ihr Telefon auf den Küchentisch fallen.
3
»Du warst spät dran, letzte Nacht!« Diethard goss Kaffee in seine Tasse. »Lief lang, die Veranstaltung, was?«
»Hm«, murmelte Bella. Sie war nicht ganz wach. Nicht einmal ansatzweise. Wenngleich sie nicht mehr schlief. Sie befand sich irgendwo zwischen Schlaf und Wachen. In einem ganz eigenen Chaos, in dem die Naturgesetze nicht galten. Oben war unten und unten oben. Innen außen. So in der Art.
»Bist du jetzt schlauer? Impfen oder nicht?« Diethard schmierte Kräuterquark auf sein Brot. »Nicht, dass es für uns noch etwas bedeutet. Das Kind ist groß.«
»Hm.«
Amüsiert betrachtete Diethard Graukorn seine Frau. »Müde?«
Nerv mich nicht, entgegnete die lautlose Bella. Die Bella, die aus Höflichkeit das meiste für sich behielt.
Eigentlich ist alles wie immer, nur habe ich gestern spät in der Finsternis des Winters auf der »Narbe« einer verletzten Frau die Hand gehalten, während sie starb. Aber wenn ich jetzt den Mund öffne, um dir das zu sagen, kommt nichts raus. Weil das eben immer so ist. Die Inkubationszeit der beschissenen Nachrichten.
»Du hättest ausschlafen können«, fuhr Diethard ungerührt fort, was Bella beruhigte, denn in ihrem unscharfen Morgenempfinden war sie sich nicht sicher, ob sie ihre Antwort eben nicht doch laut ausgesprochen hatte.
»Hab was mit der Redaktion zu bereden.« Sie griff nach der Kaffeekanne. Leer. »Shit.«
»Fag mal, waff if jetzt mit deinem Bruder? Kommt er oder nicht?« Krümel spritzten aus Diethards Mund.
Bella stemmte sich hoch.
Kaffee! Sonst garantiere ich für nichts!
Sie kratzte das verbrauchte Pulver aus der French Press, gab frisches hinein, heizte das Wasser auf. 95 Grad.
»Bella? Was meinst du wegen Rolf? Wir hatten Weihnachtspläne, weißt du noch?«
»Grrrnnprrwsch«, murmelte Bella und goss das heiße Wasser in die Kanne.
»Was?« Diethard sah sie verdutzt an. »Du hast es doch nicht vergessen?«
»Nein, Liebster, wie könnte ich.« Der Satz kostete sie alle Kraft. Wie ein Junkie sog sie den Kaffeeduft ein. Allein der Geruch half manchmal. Heute war kein solcher Tag. »Er wollte am Wochenende kommen.«
»Heute ist schon Donnerstag.«
»Also morgen. Er kommt morgen. Wahrscheinlich. Oder übermorgen.« Bella hielt sich an der Arbeitsplatte fest. Ihr Gehirn war nicht ausreichend durchblutet. Daran musste es liegen. Die Welt schwankte.
Diethard seufzte theatralisch. »Möge er sich nicht bis Weihnachten hier einnisten. Bei seiner ersten Ehekrise lief es auf einen Langzeitaufenthalt hinaus.«
»Er muss arbeiten, also keine Sorge.«
»Umso besser. Und Emmy passt auf deinen Vater auf?«
»Ab nächster Woche hat sie Zeit.« Bella rieb sich das Gesicht und schob dabei ihre Augenbrauen, Wangen und Mundwinkel in eine Position, die man als angemessen freundliche Mimik für »morgens sieben Uhr im Winter, und es ist draußen dunkel und scheißkalt« bezeichnen konnte. Die patente, geschiedene, freie Emmy Barth, die normalerweise zweimal die Woche bei ihr putzte, hatte sich bereit erklärt, ab nächster Woche täglich ins Haus zu kommen, um Bellas Vater Gesellschaft zu leisten. Nach seinem Unfall und der folgenden Operation hatte die schleichende Demenz eine ziemliche Beschleunigung vorgelegt. Unmöglich, ihn in seinem Haus in Bamberg allein zu lassen. Seit einer Woche wohnte er bei Bella und Diethard. Diethard betrachtete sich als nicht zuständig.
»Ich muss los«, verkündete er stolz, als mache er sich auf den Weg, den letzten Säbelzahntiger zu erlegen.
Gute Idee.
»Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?«
»Hm.« Bella nickte halbherzig. Sie war nicht der Mensch, der sofort lossprudelte. Je tiefer etwas ging, desto schwieriger war es für sie, davon anzufangen. Auch wenn sie Diethard gern ihr Herz ausgeschüttet hätte – es würde Zeit brauchen, bis das Ventil sich öffnete. Und ganz bestimmt wäre es nicht am Morgen so weit.
»Ich habe mich nur gefragt …« Unbestimmt deutete er auf drei leere Bierflaschen.
Hätte ich die mal lieber in den Keller gebracht.
»Ich war genervt gestern.«
Diethard drückte ihr die Schulter, wie man es bei einem Jugendlichen machen würde, der sein erstes großes Fußballturnier verloren hat, und verschwand murmelnd in der Diele. Kurz darauf hörte sie, wie sein Wagen ansprang und sich in die Reihe der Silldorfer einordnete, die zum täglichen Existenzkampf aufbrachen.
Bella drückte den Stempel der Kaffeekanne nach unten. Als sie ihren großen Becher, auf dem »Meine Tageszeitung am Main« stand, betankte, schlich ihr Vater in die Küche.
»Guten Morgen, Melanie«, flötete er fröhlich.
»Morgen, Papa«, flötete Bella zurück. Sie beschloss, es fürs Erste als Privileg zu betrachten, dass ihr Vater sie für ihre Tochter hielt.
4
»Bella Graukorn? Ich kenne Sie. Sie schreiben für ein Heimatblättchen, wie?«
Danke für das Kompliment.
»So sieht es aus. Ich werde über den Unfall gestern in Silldorf berichten.«
Bella zündete sich eine Zigarette an. Den Pathologen musste sie sich warmhalten. Sie kannte ihn von einem Bericht über eine Veranstaltung im Naturkundemuseum. Netter Typ, vier Kinder, alleinerziehend. Wie er das hinbekam, war ihr ein Rätsel.
»In Silldorf? Ich dachte, die Frau lag auf einem Flurbereinigungsweg? Zwischen zwei Äckern?« Der Pathologe hustete. »Jedenfalls ist sie angefahren worden. Hat etliche Knochenbrüche, gestorben ist sie allerdings an dem Milzriss, der ebenfalls durch den Unfall verursacht wurde. Sie ist innerlich verblutet. Im Prinzip hat es die Milz in zwei Teile gerissen.«
Bella schrieb mit.
»Können Sie etwas über den Autotyp sagen?«
»Von dem Unfallverursacher? Es war jedenfalls kein Kleinwagen, das kann ich Ihnen versichern. Da wird die Polizei mal schön die Stecknadel im Heuhaufen suchen dürfen. Die Leute fahren ja jetzt alle solche Dickschiffe. Passen in keinen Parkplatz rein und bleiben im Parkhaus stecken. Dann meckern sie rum, dass der Beton sich nicht dehnt. Extra für sie. Sonst noch Fragen?«
»Gibt es irgendwelche Details?« Sie drückte die Kippe aus und kramte in der Jeanstasche nach der Packung mit den Mentos.
»Als Schmankerl für die Leser Ihrer Zeitung?«
»Nein, als Hinweis auf etwas, das wichtig werden könnte, um herauszufinden, wer sie überfahren hat.« Sie schob sich ein Bonbon in den Mund.
»Sie starb nicht gleich. Brach zusammen und lag dann benommen auf der Straße, vielleicht auch ohnmächtig.« Der Pathologe hustete wieder. »Wahrscheinlich wurde sie bei hoher Geschwindigkeit gerammt. Der Aufprall schleuderte sie seitwärts auf den Acker. War wohl keine sanfte Landung, sie hat sich dabei die Schädelbasis gebrochen. Ihr Anorak ist ganz voller Erde. Schätze, sie schaffte es, ein paar Meter zum Weg zurückzurobben, bevor sie gänzlich zusammenbrach. Ohnmächtig wurde oder auch nicht. Die Lage der verletzten Knochen lässt darauf schließen, dass sie sich noch einmal bewegt hat. Gekrochen ist, vermutlich.«
Bella ließ das sacken. Vor ihren Augen flackerte das Blaulicht über die schneebedeckten Äcker.
»Sie meinen, die Frau hat alles bei Bewusstsein mitbekommen?«
»Um das sicher sagen zu können, müsste ich Hellseher sein. Wir checken noch, ob sie Alkohol oder Drogen im Blut hatte. Immerhin ist ein Flurbereinigungsweg in der Nacht auch nicht das Gelbe vom Ei für eine Frau heutzutage, wie?«
»22 Uhr. Noch nicht ganz Nacht.«
»Finster aber trotzdem.« Der Pathologe schnäuzte sich. »Verzeihung. Schnupfenviren sind so ziemlich das Gefährlichste, was wir in unseren Breiten haben. Absolut tödlich, wenn man’s zu Ende denkt. Glaubt nur keiner.«
»Ich habe die Frau gefunden.«
»Oh.« Er schwieg einen Moment. »Tut mir leid. Keine angenehme Erfahrung.«
»Sie ist gestorben, während ich neben ihr hockte und auf den Rettungswagen wartete.«
»Wie gesagt, es gibt Entspannenderes. Wollen Sie deshalb drüber schreiben?«
Ich will drüber schreiben, weil ich eine Chance suche, endlich wieder als feste Mitarbeiterin zu einer Redaktion zu gehören. Als eine mit richtigen Storys. Mit einem richtigen Gehalt. Mit Urlaub und Weihnachtsgeld.
»Mein Redakteur hat mir die Angelegenheit zugeteilt.«
»Tja, der Ober sticht den Unter, nicht?«
»Auf welches Alter schätzen Sie sie ungefähr?«
»Sie war um die 20. Eher jünger als älter. Ich muss jetzt weiterarbeiten.«
»Danke für die Auskunft.« Bella legte auf.
Der Typ nervte, aber er hatte recht: Welche Frau würde gern nachts bei Schneetreiben auf den Äckern herumspazieren? Kaum eine.
Und welcher Irre raste mit einem SUV in der Dunkelheit mit hoher Geschwindigkeit über die »Narbe«? Es gab zu viele Irre.
Bella legte den Stift weg. Auf ihrem Zettel stand ganz unten:
Wer ist sie?
Warum war sie nachts auf der »Narbe«?
5
»Papa, ich muss kurz weg. Kommst du zurecht?«
Josef Blum richtete seinen hageren Körper auf. Eben noch hatte er über Diethards Tablet gebeugt eine Netflix-Serie angesehen.
»Natürlich, Melanie.«
Sie setzte sich neben ihn. »Bella.«
»Ach. Bella.« Ein Lächeln leuchtete auf. »Meine Lieblingstochter. Wo ist denn Melanie?«
»In Bamberg. Sie studiert, Papa, und hat ihre eigene Studentenbude.«
»Stimmt, stimmt.« Josef strich sich über die Stirn, als geriete er ins Schwitzen bei dermaßen vielen Informationen. »Wann kommt sie denn heim?«
»Vielleicht am Wochenende«, wich Bella aus, wohl wissend, dass ihr Vater die Antwort bald vergessen haben würde. Ihre Tochter Melanie probierte sich gerade in ihrem eigenen Leben aus, hatte einen Freund, einen gewissen Ed, ein schlaksiger Knabe, der seinen Pubertätspickeln noch nicht ganz entwachsen war. Manches Mal hatte Bella Melanie gebeten, bei ihrem Großvater nach dem Rechten zu sehen, vielleicht ein- oder zweimal die Woche, aber selbst dazu war Melanie sich zu fein gewesen.
»Am Wochenende.« Josef Blum blickte auf seinen Arm. »Warum habe ich den Gips?«
»Das ist nur eine Schiene, Papa, keine Sorge. Die kommt bald weg. Nur um deine Knochen zu stabilisieren, verstehst du?«
Josef hatte sich vor zwei Wochen die Hand gebrochen. Die anschließende Operation inklusive Narkose hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. So sehr, dass Bella ihn zu sich nach Hause holte, wo er nun in Melanies Zimmer wohnte und zunehmend die Orientierung verlor.
»Wann werde ich eigentlich operiert?«
Er fragte ab und zu nach. Dabei war er längst operiert. Bella brach es das Herz, wenn er sie so konfus und ängstlich ansah, als fürchte er sich jedes Mal neu vor dem Eingriff.
»Du hast es schon hinter dir. Vor 14 Tagen. Weißt du noch?« Bella hatte jede freie Minute bei ihm in der Klinik verbracht, weil er extrem abbaute und seine Verwirrung sich nur legte, wenn er seine Tochter bei sich hatte. Ihren Redakteur hatte sie mit permanenter Abwesenheit auf die Palme gebracht und ihre Artikel nach diversen Abendterminen in tiefer Nacht getippt.
»Ach so? Wie gut!« Erleichtert wandte der alte Mann sich wieder dem Tablet zu.
»Schau dir in Ruhe deine Serie an!« Bella küsste ihn auf die stoppelige Wange. »Ich bin nur kurz weg, in Ordnung?« Für Momente überlegte sie, ob sie ihre Nachbarin Hilde bitten sollte, ihrem Vater Gesellschaft zu leisten, verwarf den Gedanken jedoch gleich wieder. Hilde nervte auf ganzer Linie und stellte ohnehin dermaßen viele Ansprüche an Bella, dass sie besser unsichtbar blieb. Wenn sie daran dachte, dass sie ab Sonntag für den dörflichen Weihnachtsmarkt eingespannt war, wurde ihr blümerant. Wie jedes Jahr erwartete Hilde Kaminsky und mit ihr die Dorfgemeinschaft, dass jeder sich mit allen seinen Mitteln und Kräften für den Weihnachtsmarkt engagierte. Bella hatte bereits daran gedacht, Diethard zu bitten, seinen Jahresurlaub auf die Vorweihnachtszeit zu legen, um dieser Verpflichtung zu entkommen. Aber Hilde war unerbittlich. Als nicht berufstätige Vollzeitmutter ans Haus gefesselt, welches ihre beiden pubertierenden Söhne Tim und Simon täglich in wildes Chaos verwandelten, suchte sie sich Bestätigung im Organisieren des Dorflebens. Der Weihnachtsmarkt war darin der uneingeschränkte Mittelpunkt, sozusagen Epizentrum des wahren und rechten Lebens.
Josef war bereits in seinen Film vertieft.
Rasch schlüpfte Bella in ihren Anorak und glitt aus dem Haus.
6
Bella bremste den Mini ab. Es schneite aus grauen Wolken. Friedfertiges Grauweiß bedeckte die »Narbe«. Von Seiten des Dorfes war der Flurbereinigungsweg durch Flatterband gesperrt. Vermutlich auch von der Siedlungsseite. Ein Wagen parkte direkt vor dem Band. Bella hielt daneben, setzte ihre rote Pudelmütze auf, kramte ihren Presseausweis aus der Seitenablage und marschierte los.
Ein Mann in einem dicken Parka stand an der Stelle, wo Bella die Frau gestern gefunden hatte, und starrte verdrießlich auf den Boden. Unbeholfen ging er in die Hocke.
»Grüß Gott!«, rief Bella gegen den Wind.
»Hier ist gesperrt. Haben Sie zufällig das Band gesehen?«
»Bella Graukorn. Ich schreibe für die Tageszeitung.« Sie zog ein Päckchen Mentos aus der Tasche. »Möchten Sie?«
»Von mir aus.« Er nahm eins. »Sind das nicht die lebensgefährlichen Kaubonbons? An denen man stirbt, wenn man sie mit Cola isst?«
»Dann trinken Sie halt kein Cola dazu.«
Er steckte den Drops in den Mund. »Danke für den Rat.«
»Sind Sie von der Polizei?«
Der Mann knurrte etwas Unverständliches.
»Ich habe die Frau gestern Abend gefunden.«
»Ach, Sie waren das? Ich habe Ihre Zeugenaussage gelesen. Wir werden Sie vielleicht noch einmal reinbestellen müssen.«
»Haben Sie schon …«
»Nein, ich habe noch nicht.«
Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mir von patzigen Mitmenschen den Schneid abkaufen lasse!
»Der Unfallfahrer muss das Opfer auf den Acker geschleudert haben. Sie hat sich dann noch zum Weg zurückgeschleppt«, brachte sie ihr Wissen vor.
Der Mann stemmte sich hoch, stülpte zum Schutz vor dem Schnee die Kapuze über den spärlich behaarten Kopf.
»Was wollen Sie hier?«
»Mein Trauma bewältigen.« Bella streckte die Hand aus. »Und meine Arbeit machen. Schließen Sie Frieden mit mir, ich bin kein Sicherheitsrisiko.«
»Oberkommissar Köhler. Werner.« Er schlug ein. Eiskalte Pranke. »Der Schnee hat die Spuren zugedeckt, aber sehen Sie diese Vertiefung da im Acker?« Er deutete hin. »Da ist sie aufgeschlagen. Der Aufprall hat sie durch die Luft geschleudert. Die Spurenlage war gestern Nacht noch ein bisschen besser. Wir haben Fotos. Sie ist dann tatsächlich bis hierher gekrochen.«
»Wo ich sie gefunden habe. Ich dachte zuerst, da liegt ein Stück Holz oder was weiß ich.« Bella schob fröstelnd die Hände in die Anoraktaschen. »Wissen Sie, wer sie ist?«
»Noch nicht. Sie?«
»Ich habe sie nicht erkannt. Das Gesicht sah schrecklich aus. Irgendwie kam es mir leidlich bekannt vor. Aber ihre Züge waren verzerrt, und sie hatte schwarze Flecken unter den Augen.«
»Wohnen Sie da drüben?« Köhler wies auf das Dorf.
»Ja. Seit gut 20 Jahren.«
»Stammt das Opfer aus dem Dorf?«
»Nicht, dass ich wüsste. Wie gesagt, ihr Gesicht war extrem entstellt.« Bella wies mit dem Kinn zur Siedlung. »Vielleicht stammt sie von der dunklen Seite.«
»Sie machen wohl Witze.«
»Nein, die beiden Ortsteile sind einander nicht grün.«
»Ach?« Köhler funkelte Bella an. »Ihr mögt euch nicht? Dabei waren Sie doch gestern dort drüben, wenn ich die Aussage richtig gelesen habe.«
»Beruflich. Infoveranstaltung. Ich muss drüber schreiben.«
»Und jetzt auch noch über den Unfall.«
»Genau.«
»Der ist natürlich viel interessanter.«
»Trifft zu.«
Köhler grinste. »Sie sind wenigstens ehrlich.«
»Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe kein Problem mit der Siedlung. Ich kaufe sogar im Bioladen ein.«
»Was Sie nicht sagen.«
»Aber es gibt Hardliner.«
»Da bin ich ja froh, dass ich nur in Sachen Fahrerflucht ermitteln muss.«
»Was wissen Sie über den Wagen?«, hakte Bella sofort ein.
»Ein ziemliches Kaliber. Leider ist mit den Reifenspuren nicht viel anzufangen. Zu nass, und dann sind ja andere auch noch über den Weg gefahren.«
»Ich zum Beispiel. Verdammt, warum konnten wir sie nicht retten?«
»Das fragt man sich immer.« Köhler seufzte. »Allzu oft findet sich keine befriedigende Antwort. Wir haben keine Hinweise bei der Toten gefunden. Keinen Ausweis, nichts.«
»Keine Handtasche?«
»Das hätte mich glücklich gemacht.«
»Was trug sie für Kleidung?«
»Allerweltssachen. Nichts besonders Teures, nichts besonders Billiges.«
»Spazierengehen würde eine Frau nicht bei diesem Wetter. Nachts um 22 Uhr. Bei Schneetreiben.«
»Meine Leute haben Fußspuren ausgemacht, die zu ihr passen. Sie kam von da drüben.« Er zeigte genau in den Scheitelpunkt am nördlichen Ende des Ortes, wo beide Gemeindeteile beinahe zusammenwuchsen. »Dort oben ist der ›Dorfkrug‹. Wir haben herumgefragt. Sie wurde dort nicht gesehen. Ehrlich gesagt, die Spuren sind nicht allzu aussagekräftig.«
Bella knetete ihre Unterlippe. »Wäre auch wenig wahrscheinlich. Wenn sie im Wirtshaus war, warum ging sie dann nicht direkt ins Dorf oder in die Siedlung? Sondern hier raus auf den Acker?«
»Liebeskummer?«
»Hat mein Bruder gerade.«
Köhler stampfte mit den Füßen, um warm zu werden. Es sah aus wie ein bäriger Steptanz. »Sie wollte vielleicht allein sein. Nur mal Luft schnappen.«
»Glauben Sie das wirklich?«
»Jedenfalls war sie nicht im Wirtshaus. Der Wirt kannte sie gar nicht.«
»Haben Sie ihm ein Foto von der Toten gezeigt? Dann wundert’s mich nicht.« Bella grub ihren Notizblock aus der Anoraktasche. »Was kann ich schreiben? Dass niemand sie kennt? Dass sie nicht im ›Dorfkrug‹ war? Dass es Fußspuren gibt? Die fehlende Handtasche, dass sie keinen Ausweis dabei hatte?«
Köhler hob die Schultern. »Von mir aus. Rufen Sie mich an, wenn Sie Fragen haben.« Er reichte Bella eine Visitenkarte.
»Danke.« Sie gab ihm ihre. »Was haben Sie hier eigentlich gesucht?«
»Eine Inspiration. Und Sie?«
»Wahrscheinlich das Gleiche.«
Bella stapfte zum Flatterband zurück. Als sie gerade in ihr Auto steigen wollte, fuhr ein Pick-up vor. Der Fahrer drückte kurz auf die Hupe.
»Hier geht’s nicht durch.« Bella wies auf das Band. »Hallo, Ferdinand.«
Der grobschlächtige Mann hinter dem Steuer ließ das Fenster herunter. »Was ist das denn für eine Sauerei!«
»Wolltest du in die Siedlung?« Bella grinste in sich hinein. Ferdinand Weißgerber, ein eingefleischter Dörfler, mied die Neubausiedlung wie Pest und Cholera.
Er schlug mit der Pranke auf sein Lenkrad. »Dass so etwas bei uns passiert! Fahrerflucht! Sauerei.«
Bella nickte. »Ganz meine Meinung.«
»Dem breche ich alle Knochen, der das gemacht hat.« Er ließ das Fenster hoch und wendete, dass der Schnee nur so spritzte.
7
Zufrieden klickte Bella auf »senden«. Ihr Artikel für die morgige Ausgabe würde noch rechtzeitig in der Redaktion sein. Nach dem mühsamen Mittagessen mit ihrem Vater, der wie ein trotziges Kind das Gemüse auf dem Teller herumschob, hatte sie ihn dazu gebracht, sich hinzulegen. Eine geschenkte Stunde, in der sie sich abgemüht hatte, die wenigen Informationen zu einem Bericht zusammenzustellen, der genügend Fragen beantwortete, aber auch noch Raum für Neugierde ließ. Der Todesfahrer musste wahrscheinlich jemand aus dem Dorf oder der Siedlung gewesen sein. Bei dem Aufprall war in der Karosserie des Wagens mit Sicherheit eine Delle entstanden. Früher oder später fiele das auf. Bella rieb sich die Hände. Wie in den beiden Jahren vor Melanies Geburt, als sie für das damals gerade stark gewordene Lokalradio als Reporterin arbeitete, genoss sie das fiebrige Gefühl, an einem Rätsel dran zu sein, das verzwickt, aber dennoch zu knacken war. Wie das Kreuzworträtsel freitags in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Diethard abonniert hatte.
Doch jetzt begann das Modul »Freizeit«.
Die bestand darin, nach ihrem Vater zu sehen. Josef kam mit seiner verbundenen Hand gut zurecht, und auch sonst war er mobil genug, um im ganzen Haus umherzutrotten und mitunter Dinge von ihrem angestammten Platz zu einem anderen zu bringen. Bella und Diethard versuchten sich anzugewöhnen, Portemonnaies, Schlüssel und Handys samt Ladekabeln im Schlafzimmer unter Verschluss aufzubewahren. Natürlich vergaß einer von beiden das meistens. Erst gestern Morgen hatte es eine Krise gegeben, weil Diethard seinen Autoschlüssel nicht finden konnte. Sein Schwiegervater hatte ihn in der Gästetoilette auf einer Ersatzklorolle deponiert.
Bella stand vom Stuhl auf, das Ziehen im Kreuz ignorierend. Sie musste sich dringend um einen besseren Schreibtischstuhl kümmern, das alte Ding würde ihr noch das Rückgrat brechen. Die meisten Möbel in ihrem winzigen Studio stammten aus vergangenen Dekaden: Schreibtisch, Rollschrank und Aktenablage hatte sie von ihrem Vater abgestaubt, als der in Pension ging und keinen Wert mehr darauf legte, täglich Stunden in einem Arbeitszimmer zu verbringen.
Auf dem Flur knipste sie das Licht an. Draußen war es schon fast wieder dunkel. Hatte sie doch länger als gedacht hier gesessen? Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen.
»Papa?«
Stille im Haus.
Nicht nervös werden, Bella.
»Papa?«
Nichts. Sie sah rasch in die Zimmer im ersten Stock, ließ auch das Bad nicht aus, flitzte dann nach unten. Das Wohnzimmer: leer. Küche: leer. Gästetoilette: leer. Diele: leer. Josefs Winterstiefel standen ordentlich auf der Abtropfmatte.
Fuck!
Wenn er ausgerückt ist und draußen zu Schaden kommt, verzeihe ich mir das nicht.
Hektisch schnappte Bella ihren Anorak, stieg in ihre Boots und griff nach der Taschenlampe.
Kann das sein, dass er weg ist und ich nichts gemerkt habe?
Der verdammte Artikel hatte sie total in Beschlag genommen. Bella riss die Haustür auf. Es regnete. Oder graupelte. Irgendwas zwischen Regen und Schnee. Rasch sah sie auf die Uhr. Halb vier. Ihr fiel auf, dass die Beleuchtung nicht ansprang. Wahrscheinlich stimmte etwas mit dem Bewegungsmelder nicht. Sie betätigte den Schalter. Das Außenlicht warf einen milchigen Lichtkegel in den düsteren Garten.
»Papa?« Bella lief ums Haus herum.
Bitte, liebes Universum, sorg dafür, dass er wenigstens hier im Garten ist.
Auf der Terrasse wartete die Gartengarnitur auf den Frühling. Das konnte noch dauern. So ungefähr vier Monate, rechnete Bella resigniert nach. Ihr Mund war ganz trocken. Sie warf einen Blick über die Buchsbaumhecke. Drüben bei den Kaminskys brannte das Terrassenlicht. Die Jungs hatten sich an einem Schneemann versucht, der mittlerweile schlapp in den Seilen hing. Mit 14 mochte man sich noch auf den Winter freuen. Später war alles nichts als Mühsal. Winterreifen, Streusalz, Stürze, Auffahrunfälle, Winterdepression. Sie kniff die Augen zusammen. War das nicht …
»Papa!«, rief sie nun lauter.
Ihr Vater stand auf der Terrasse der Kaminskys und spähte ins Wohnzimmer, beide Hände um die Augen gelegt. Bella schwankte zwischen Erleichterung, ihren alten Herrn auf dem Radar zu haben, und Ärger, dass er sich ausgerechnet bei den Kaminskys herumtrieb. Nun würde sie in Hildes Fänge geraten und …
Die Terrassentür drüben wurde geöffnet.
»Aber Herr Blum!«, flötete eine Stimme.
Bella machte, dass sie sich durch die Hecke quetschte.
»Papa!«, rief sie. »Hilde! Entschuldige bitte!«
Ihre Nachbarin stand in der Terrassentür, blinzelte betont verwirrt in Bellas Richtung und schaffte es, gleichzeitig Josef anzustrahlen, der ohne Jacke und in Hausschuhen nun die Hand ausstreckte und Hildes schüttelte. Hilde Kaminsky lachte. Das blonde Haar, das nach neuer Farbe und einer Feuchtigkeitsspülung förmlich schrie, stand in alle Richtungen ab.
»Meine Güte, Herr Blum, schön, dass Sie mal reinschauen! Ich freue mich immer über Besuch! Sie wissen doch, ich bin den ganzen Tag mit den Buben allein, und bis Herbert abends nach Hause findet …«
»Ja, wir Männer sind Rabenväter.« Josef grinste spöttisch.
Womit er nicht ganz falsch liegt, wenngleich er sich selbst wahrscheinlich nicht dazurechnen würde, dachte Bella. Die Alltagsprobleme hatte Josef in ihrer Kindheit gern seiner Frau überlassen, um dann bei besonderen Anlässen hart durchzugreifen. Seine Autorität als Familienoberhaupt klarzumachen. Obwohl Bella als sein Liebling kaum ins Fadenkreuz geraten war.
»Kommt doch rein! Hallo, Bella!« Hilde zwinkerte ihr zu.
»Danke, Hilde, wir müssen heim, ich habe das Abendessen auf dem Herd.«
Gelogen. Sie weiß es wahrscheinlich. Egal. Ich will jetzt nicht bei Kaminskys auf dem Sofa hocken.
»Nur kurz, bitte, Bella. Dein Vater ist ganz durchgefroren.«
Verdammte Schuldgefühle.
Mein Vater, der seinen Sohn im Winter ausgesperrt hat. Um es ihm mal zu zeigen.
Genervt streifte Bella die Stiefel und mit ihnen die destruktiven Erinnerungen ab und folgte ihrem Vater in Hildes Wohnzimmer. Das wohlorganisierte Tohuwabohu einer Familie mit 14-jährigen Zwillingsjungen umfing sie. Technikkram lag herum, Zeitschriften, Radhelme, Parkas.
»Ich mache uns einen Tee. Nicht wahr, ein Tee tut jetzt gut, oder Herr Blum?«
Josef sah seine Tochter Hilfe suchend an.
»Zu spät«, flüsterte sie ihm zu.
Er grinste, als habe sie einen schlüpfrigen Witz gemacht.
Er ist immer noch mein Vater. Der sich für mich nie fiese Strafen ausgedacht hat. Anders als für seinen Sohn.
Hilde war schon in Aktion. Die Kaminskys hatten im vergangenen Sommer umgebaut, Mauern durchbrochen und eine Kücheninsel ins Wohnzimmer gesetzt. Bella mochte das. Hilde nicht.
»Setzt euch!«
Bella schob ihren alten Herrn auf einen Barhocker direkt neben dem Frühstücksboard.
»Mach’s dir bequem, Papa.« Entmutigt warf Bella einen Blick auf seine vom Schnee durchweichten Pantoffeln. Sie würde ihm neue kaufen müssen.
»Die Hocker wollte Herbert unbedingt haben. Ich vermisse meine gemütliche Küchenecke«, verkündete Hilde.
Josef Blum zwinkerte seiner Tochter verschmitzt zu und griff nach der Zeitung, die aufgeschlagen auf dem Board lag.
»Die Jungs sind mit Schulfreunden auf die Eisbahn nach Haßfurt gefahren. Hoffentlich toben sie sich da mal so richtig aus.« Hilde sah Bella scheel an. »Stimmt das«, fragte sie halblaut. »Du hast die Tote entdeckt?«
Die wesentlichen Informationen hatten sich also bereits im Dorf herumgesprochen.
»Sie war noch am Leben, als ich sie gefunden habe, kurz darauf starb sie.« Bella schluckte.
»Wie schrecklich!« Hilde streute Kräuter in eine Kanne. »Weißt du, wer sie ist?«
»Nein. Wolters hat mir die Story gegeben.« Bella beschloss, dass diese Version für Hilde genau die richtige war.
»Du schreibst darüber?«
»Hm«, machte Bella. Wieder flackerte das Blaulicht vor ihrem inneren Auge. Sie hörte das Aufstöhnen der Frau. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und ein Schauder kroch ihr übers Rückgrat. »Du hast nicht zufällig einen Kognak da?«
War da wirklich ein Tier gewesen? Dieses Zucken in der Dunkelheit?
Verschwörerisch griff Hilde nach einer Flasche. »War eigentlich für die Weihnachtsbäckerei gedacht.«
Oh verdammt. Weihnachten.
»Ich meine, ich habe längst mit den Plätzchen angefangen. 16 Sorten mache ich, jedes Jahr, meine Männer würden das merken, wenn ich nur 14 oder gar zehn backe. Sobald es um Plätzchen geht, sind sie gnadenlos.« Sie goss großzügig drei Gläser voll. »Wer ist die Frau?«
»Weiß ich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass ich sie schon mal gesehen hätte, aber ehrlich gesagt, sie war so entstellt, überall Blut, der Mund verzerrt, Flecken unter den Augen, außerdem war es ja dunkel …« Bella biss sich auf die Lippe. Sie hatte nicht vor, Hilde mit allzu vielen Details auszustatten.
»Meine Güte, ich kann mir vorstellen, wie sehr dich das mitgenommen hat. Was wolltest du denn bloß so spät dort draußen?«
Bella sah zu ihrem Vater hinüber, der in der Zeitung blätterte, als säße er beim Zahnarzt im Wartezimmer.
»Ich hatte einen Termin in der Siedlung.«
»In der Siedlung?« Hilde Kaminsky klang, als habe Bella einen Ausflug ins Fegefeuer unternommen. »Was wolltest du da denn?«
»Beruflich. Eine Veranstaltung im Bioladen.«
»Hör mir bloß auf.« Hilde sah Bella finster an. »Diese Tussi, wie heißt sie noch gleich, Wendy oder so, die wollte glatt einen Stand auf unserem Weihnachtsmarkt aufstellen. Der habe ich gleich erklärt, was los ist.«
»Echt?«
»Na, hör mal. Das ist unser Weihnachtsmarkt. Und gesunde Knabbereien backen die Weißgerbers. Mit Honig von ihren eigenen Bienen. Was brauchen wir da einen Bioladen, Bella!« Endlich schob Hilde ihr ein Glas hin. »Hier.«
»Danke.« Bella stürzte den Kognak hinunter. Die wohlige Wärme breitete sich zugleich in Kopf und Bauch aus. Jetzt noch eine Zigarette und sie käme runter. Auf ein erträgliches Level.
Wenn ich nur wüsste, wer sie ist.
Sie griff nach Josefs Glas.
»Du gehst aber ran!« Hilde ließ ihr Schulmädchenkichern hören. »Und dein Vater?«
»Er sollte lieber keinen Alkohol trinken, er nimmt noch Schmerztabletten und alles Mögliche andere.«
Josef Blum war in die Zeitung vertieft und achtete nicht auf das Gespräch der beiden Frauen.
Sie stießen an. Bella spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
Ihr Handy ließ die Drumsticks wirbeln.
»Gehst du nicht ran?«
»Nur eine Nachricht. Kann ich später anschauen.«
Wahrscheinlich Diethard.
Hilde hob den Zeigefinger.
»Apropos Chatnachrichten! Bella, hör mal, die Maffelders und wir, wir haben eine Idee.« Ihr Blick fiel auf die Teekanne. »Ach du Schreck, den Tee habe ich ja ganz vergessen.« Sie schaltete den Wasserkocher ein.
»Ich höre.«
Bella mochte die Nachbarn gegenüber nicht besonders. Die beiden bespitzelten die Umgebung mit Leidenschaft. Renate Maffelder lebte für die Überwachung der Straße, und ihr Mann Egon führte Listen über Pkws, die nicht ins Dorf gehörten. Beide frühpensionierte Lehrer, ausgelaugt vom Berufsleben und dabei zu jung und fit, um nicht neue Herausforderungen zu suchen.
»Weißt du, in letzter Zeit sind viele unbekannte Fahrzeuge hier unterwegs gewesen. Im Sommer, wenn es lange hell ist, kriegt man das eher mit, aber Renate schwört, dass seit einem Monat immer wieder ein dunkler SUV herumfährt. Getönte Scheiben und so. Wir haben Bedenken, dass es jemand sein könnte, der Häuser ausspioniert.« Hilde sah kurz zu Josef, der immer noch las, wobei er die Lippen bewegte. »Es geht ihm nicht gut, oder?«, flüsterte sie.
»Die Verwirrung kommt von der Narkose. Es dauert einfach, bis er sich wieder orientiert.«
Falls er sich je wieder vollständig orientiert.
»Tja, bei den alten Leutchen ist das nicht so einfach.« Der Wasserkocher klackte. Hilde goss den Tee auf. »Also, hör zu: Wir wollen eine Nachbarschafts-Chatgruppe einrichten. Simon hilft mir, hat er gesagt. Mit uns allen drin. Die alte Garde, du weißt schon. Die wichtigsten Familien im Dorf. Damit wir uns gegenseitig informieren können, wenn was passiert.«
Was soll schon passieren! Wir gehen uns höchstens selbst an die Gurgel.
»Außerdem hat Renate einen Schwager, der ist bei der Polizei, und den würde sie mal einladen, dass er uns aufklärt, was zu tun ist, zum Schutz vor Einbrüchen. Ihr seid dabei?«
Hilde Kaminskys Tonfall machte deutlich, dass Widerspruch nicht vorgesehen war.
»Sicher«, erwiderte Bella daher.
Ich bin das so leid.
»Hier, die Tassen!« Hilde stellte Geschirr auf das Frühstücksboard. »Herr Blum, nehmen Sie Zucker?«
»Nimmt er nicht«, sagte Bella.
»Aber mit dem größten Vergnügen«, rief Josef Blum.
8
Kaum hatte sie ihren Vater nach Hause bugsiert, stürzte er sich auf Diethards Tablet.
»Zieh die Hausschuhe aus, Papa, die sind klatschnass. Ich bringe dir trockene Socken.«
Er schüttelte die Pantoffeln ab, ungeduldig, als könne er es nicht ertragen, auch nur eine Minute länger auf seine Serie zu verzichten. Normalerweise hätte Bella sich neben ihn gesetzt, einfach, um ihm Gesellschaft zu leisten und ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Sie wusste nicht einmal, mit was für einem Blödsinn er sich die Zeit vertrieb. Doch mittlerweile plagte sie das Bedürfnis nach Nikotin derart, dass sie in die Küche hinüberging und nach der Schachtel griff. Zugleich checkte sie ihr Handy.
Sie hatte eine Nachricht von Oberkommissar Köhler verpasst.
»Todesopfer identifiziert.«
Knapper ging’s nicht.
Kurz nach sechs. Das würde sie vor Redaktionsschluss noch hinkriegen. Sie rief ihn zurück.
»Na endlich. Dachte schon, Sie hätten kein Interesse an der Story mehr.«
»Mein Vater wird dement. Ich musste ihn im Nachbargarten aufsammeln.« Bella dachte an die ruinierten Hausschuhe.
Keine Sache des Geldes. Aber neue zu kaufen kostet Zeit. Die ich nicht habe.
»Tut mir leid.«
»Muss es nicht.« Sie setzte sich an den Küchentisch. Hildes gestylte Kücheninsel spukte ihr durch den Kopf. Sie stippte eine Zigarette aus der Schachtel. »Wer ist sie?«
»Mariella Fonti. 22. Aupair-Mädchen bei Peter und Sabine Kessler in Silldorf.«
»Die Kesslers! Das gibt’s ja nicht.« Bellas Feuerzeug klickte.
»Sie rauchen?«, knurrte Köhler.
»Sie nicht?«
»Nicht mehr.«
Bella grinste. »Kenne ich. Es gibt immer ein neues ›Nicht mehr‹. Darf ich das schreiben?«
»Sonst hätte ich es Ihnen nicht mitgeteilt. Herr Kessler wandte sich heute an die Polizei und meldete die junge Frau als vermisst.«
»Verdammt. Ich erinnere mich, dass sie im September eine Französin als Aupair hatten. Sie kam aus den Vogesen. Aber Mariella Fonti klingt eher italienisch.«
»Sie ist Italienerin. Aus Florenz. Von einer Französin weiß ich nichts.«
Bella inhalierte den Rauch. Draußen fuhr ein Wagen vorbei. Sie warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. War das Renate Maffelders gefürchteter Spionage-SUV?
»Kessler behauptete, die Familie hätte am Mittwochabend gar nicht mitbekommen, dass Mariella das Haus verließ«, fuhr Köhler fort. »Als sie am Morgen nicht stramm stand, um sich um den Sohn zu kümmern, suchte er sie. Ihr Zimmer war leer.«
»Hm«, machte Bella. »Die Kesslers sind eine alteingesessene Familie in Silldorf. Peter ist spät Vater geworden. Das Kind ist ein Problemkind, ein fünfjähriger Tyrann mit ADHS, Erdnussallergie und allem Pipapo.«
»Ein Traummodell also.«
»Wenn Sie so wollen.« Bella sah, wie Diethards Wagen in die Einfahrt einbog. So früh? Verdammt, ihn konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen. »Danke für den Tipp jedenfalls.«
»Wir brauchen Zeugen. Wo war Mariella gestern Abend? Laut Peter Kessler haben er beziehungsweise seine Frau das Mädchen um 19 Uhr zuletzt gesehen. Sie aßen gemeinsam zu Abend. Daraufhin zog sie sich auf ihr Zimmer zurück.«
Der Hausschlüssel drehte sich im Schloss.
»Also liegen zwischen dem Verlassen des Hauses und ihrem Tod drei Stunden, in denen sie irgendwas gemacht hat, was dann mit dem Unfall endete.«
»Vielleicht meldet sich jemand, der sie kannte oder sie gesehen hat.«
»Was hat sie denn sonst mit ihrer Freizeit angestellt?«
»Kessler behauptet, nicht viel. Sich mit ihrem Handy beschäftigt. Gelesen. Deutsch gelernt.«
»Konnte sie es gut?«
»Bella?«, rief Diethard aus der Diele.
»Er sagt, ihre Sprachkenntnisse wären ausreichend gewesen. Ich schicke Ihnen Mariellas Foto weiter. Es ist bereits an sämtliche Lokalredaktionen gegangen.«
Er hat mich angerufen, dachte Bella. Welche Hintergedanken hat er? Ein kurzer Anruf in der Redaktion hätte ausgereicht. Und Wolter hat mir bis jetzt nichts von dem Foto gesagt.
»Noch was, Frau Graukorn.«
»Ja?«
»Das Screening ergab, dass sie Amphetamine und Morphine im Blut hatte.«
»Hebt sich das Zeug nicht gegenseitig auf?«
»So einfach ist das nicht. Sie könnte Morphine gegen Schmerzen genommen haben, wollte zugleich wach bleiben und hat deshalb die Amphetamine eingeworfen.«
»Was ist mit der Fahrerflucht?«
»Bisher keine Erkenntnisse.«
Bella hatte den Eindruck, er wollte noch etwas hinzufügen, und wartete ab, doch anscheinend überlegte Köhler es sich in letzter Sekunde anders.
»Bella?« Diethard stürmte die Küche und verstummte, als er Bella telefonieren sah.
»Ich glaube, Ihr Typ wird gewünscht«, bemerkte Köhler.
»Sieht ganz so aus, Herr Oberkommissar.« Sie grinste ihren Mann an. »Einen schönen Abend noch.«
9
»Liebling, ich muss noch dringend was arbeiten. Die Zeit wird knapp.« Sie scrollte auf der Suche nach Wolters’ Nummer durch ihre Anrufliste.
»Ich hatte gehofft, du hättest ein Abendessen fertig. Mir knurrt der Magen.«
»Geht mir genauso. Mach einfach eine Brotzeit zurecht. Josef leistet dir bestimmt Gesellschaft.«
Diethard starrte Bella genervt an. »Also, ich weiß nicht …«
Am anderen Ende der Leitung meldete sich ihr Redakteur. »Was ist?«
»Wolters, die Tote ist identifiziert.«
»Habe ich mitbekommen, kam vorhin rein. Mit Bilddatei.«
Du hast es natürlich nicht für nötig befunden, mich anzurufen, dachte Bella wütend. Im Stillen dankte sie dem Oberkommissar für den Tipp.
»Ich habe eine Extrainfo. Die müssen wir morgen noch bringen. Reservier mir mehr Platz.«
»Du hast Nerven. Ich …«
»Noch ist genug Zeit bis zum Andruck!« Bella holte tief Atem. Bloß jetzt nicht in die Luft gehen. »Mariella Fonti war das Aupair einer Silldorfer Familie. Sie hatte Drogen satt im Blut.«
Wolters blieb eine Weile still. Bella meinte, sein Gehirn ticken zu hören. Also war die Information neu für ihn.
»Ich will den Artikel bis halb acht.«
»Krieg ich hin.« Sie legte auf.
»Bella? Was haben wir denn im Kühlschrank?«, ließ sich Diethard hinter ihr vernehmen.
Hektisch griff Bella nach Handy, Notizblock und Stift.
»Tür aufmachen und reinschauen.«
»Haben wir Tomaten da?«
»Du machst Witze. Mitten im Winter?«
»Wo gehst du denn hin?«
»Ich habe gestern eine sterbende Frau auf der ›Narbe‹ gefunden. Allem Anschein nach lebte sie bei uns im Dorf.«
»Du hast was?« Diethard guckte sie mit offenem Mund an. »Warum hast du nichts erzählt?«
»Weil du längst geschlafen hast, als ich heimkam, und heute Morgen habe ich es nicht hingekriegt.« Was sollte sie schon sagen. Er kannte ihre morgendliche Existenzkrise, seit sie beide zusammenlebten. Fast 30 Jahre.
»Du lieber Himmel. Ich …« Er hörte sich ehrlich erschrocken an.
»Wolters hat mir die Story gegeben. Ich stehe bald wieder der Familie zur Verfügung, aber jetzt muss ich mich sputen. Schau bitte ab und zu nach Josef.«
Diethard hatte selten Verständnis für so eine simple Sache wie einen Redaktionsschluss gehabt. Sie schob sich an ihm vorbei in die Diele. Lugte durch die Wohnzimmertür. Ihr Vater war eingeschlafen. Schlaff hing sein Kinn knapp über der Brust. Leises Schnarchen drang aus dem Zimmer.
Sie schlüpfte in ihre Stiefel.
»Ist noch mehr Brot da?«, hörte sie Diethard rufen. »Die paar Scheiben im Brotkasten reichen wohl kaum.«
Den Anorak vom Haken nehmend, flüchtete sie aus dem Haus.
10
Bella fuhr die paar Meter mit dem Auto. Das Haus der Kesslers hockte hell erleuchtet im Garten. Schneematsch zierte den Rasen, jemand hatte den Weg halbherzig freigeschaufelt. Ein Schlitten lag neben der Hecke, die Kufen nach oben. Als Bella das Gartentor aufstieß, flammte Flutlicht auf.
Sie klingelte, verstaute gleichzeitig Block und Stift in der Anoraktasche.
Das Licht in der Diele ging an. Sabine Kessler öffnete.
»Hallo? Ach, Frau Graukorn …«
Unsicher lugte die junge Frau durch den Türspalt. Peter Kessler hatte sie über ein Internetportal kennengelernt. Im Dorf war darüber getratscht worden. Sabine kam aus dem Steigerwald, das war kilometermäßig kein großes Ding, aber mental durchaus. Peter, der auch mit fast 40 noch keine abgekriegt hatte, lud sich eine viel jüngere Frau aus dem Netz runter. Hinter vorgehaltener Hand hatte man gefeixt. Bella betrachtete das müde Gesicht von Sabine Kessler.
»Einfach Bella. Ich schreibe für die Zeitung.«
»Ich weiß.« Sabine wischte sich über die Stirn. »Es ist so furchtbar.«
Irgendwo im Haus ertönte ein lang gezogener Klagelaut, der schnell in wütendes Gebrüll überging. »Mariella!!!«, plärrte eine Kinderstimme.
»Marlon haben wir natürlich nichts erzählt«, fuhr Sabine fort. »Er hängt so an Mariella!«
»Kann ich vielleicht reinkommen?«, bat Bella. »Es ist recht schattig draußen.«
»Ach so, ja.« Erschrocken über ihre eigene Unhöflichkeit trat Sabine beiseite. »Aber kein Wort zu Marlon! Wir haben ihm gesagt, Mariella musste für eine Weile nach Italien.«
»Ist Mariella gekommen?« Das Kind fegte in die Diele. Ein übergewichtiger Satansbraten mit intelligenten Augen und dem Durchsetzungsvermögen eines Mafiapaten.
»Nein, das ist Bella Graukorn.«
Zornig funkelte Marlon Bella an. »Wo ist Mariella?«
»Das weiß ich leider nicht«, sagte sie. Die Uhr lief. Sie brauchte ein paar emotionale Momentaufnahmen, mit denen sie ihren Artikel aufpeppen konnte. Die leidende Gastfamilie, das unzufriedene Kind, man weint um Mariella. So in der Art.
Marlon rutschte auf seinen Noppensocken durch die Diele, trommelte mit den Fäusten gegen die Wand.
»Im Dorf sagen sie, du hättest Mariella gefunden.«
»Ja, das stimmt.«
»Hat sie gelitten?«
»Sie war nicht mehr bei Bewusstsein. Wahrscheinlich wurde sie durch den Aufprall gleich so schwer verletzt, dass sie nichts mehr mitbekam.«
»Hoffentlich.«
»Sabine«, Bella legte der jungen Frau die Hand auf den Arm. »Ich muss dir das so offen sagen: Ich brauche ein bisschen Stoff für die Zeitung. Mariellas Bild ging an die Redaktionen. Man möchte herausfinden, was sie in den drei Stunden, nachdem sie das Haus verlassen hatte, gemacht hat. Bevor der Unfall passierte. Vielleicht hat sie ja jemand gesehen.«
Sabine nickte ergeben.
Marlon wandte sich um und watschelte zu den beiden Frauen.
»Seit wann lebte Mariella denn bei euch?«
»Seit Mitte Oktober.«
»Ich dachte, ihr hättet ein französisches Aupair gehabt.«
»Hatten wir auch, allerdings kam Emilie mit Marlon überhaupt nicht zurecht.«
Wundert mich nicht, dachte Bella, die zusehen musste, wie Marlon an der Jeans seiner Mutter riss. Der Fünfjährige entwickelte eine Heidenkraft, der seine zierliche Mutter kaum standhalten konnte.
»Ich will Mariella. Warum ist Mariella nicht hier? Und Lüneburg!«, kreischte Marlon.
»Lüneburg?«
»Der Beagle«, antwortete Sabine. »Er ist auch weg. Lass das, Marlon.«
»Ihr habt einen Hund?«
»Marlon wollte so gern einen.«
»Lüneburg ist mein Hund!«, trompete Marlon. »Meiner.«
Uff, dachte Bella. Wenn der Beagle genauso schwer erziehbar ist …
»Wir haben Lüneburg aus dem Tierheim geholt. Mariella mochte Hunde. Lüneburg ist drüben am Mainufer aufgefunden worden, er war verletzt, irgendwas an der Pfote, und niemand meldete sich, keiner wollte ihn wiederhaben, also haben wir ihn genommen.«
Die Scheinwerfer eines Wagens krochen über das Dielenfenster. Sabine machte keine Anstalten, Bella den Anorak abzunehmen oder sie weiter ins Haus zu bitten. In der Wärme kroch Bella der Schweiß aus den Poren.
»Wie gefiel es Mariella bei euch?«
»Sie war zufrieden. Fand gleich einen Draht zu Marlon. Ich bin Lehrerin, ich wollte dieses Jahr wieder arbeiten. Es klappte nicht, Marlon blieb nicht bei Emilie, und mein Chef hat mir nahegelegt, es lieber im nächsten Schuljahr zu probieren.«
»Wie sieht es mit Kindergarten aus?«
Sabine winkte ab.
Marlon hatte vom Hosenbein seiner Mutter abgelassen und begann nun, ihre Füße zu traktieren. Wütend kickte er gegen ihre Chucks.
»Hör auf, Marlon«, stöhnte Sabine.
»Was machte sie denn in ihrer Freizeit?«
Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt.
»O, da kommt Peter.«
»Papa!«, kreischte das Kind.
»Bella!«, rief Peter Kessler verdattert. »Was machst du denn hier?«
»Papa!!!!«, brüllte Marlon. Es klang nicht wie eine freudige Begrüßung, eher wie eine wütende Anklage. »Wo ist Lüneburg? Hast du Lüneburg gefunden?«
»Ich bin alle Spazierwege abgefahren, die wir je mit ihm gegangen sind. Nein, ich habe keine Ahnung, wo er steckt.«
Sabine ließ die Schultern hängen. Marlon warf sich auf den Boden und schrie wie am Spieß. Die Eltern durchlebten eine kurze Krise, bis Peter über das Gebrüll hinweg fragte: »Also, was ist los, Bella?«
»Ich brauche etwas für die Zeitung. Mariellas Foto liegt bereits in den Redaktionen. Irgendjemand hat sie vielleicht vor ihrem Unfall gesehen. Möglich, dass sich Zeugen melden.«
»Komm, wir gehen ein Stück.«
Er war schon zur Haustür draußen.
»Tschüss, Sabine, danke«, murmelte Bella und folgte ihm, erleichtert, die kindliche Feuerwehrsirene nicht mehr ertragen zu müssen.
»Sabine wird mit Marlon überhaupt nicht fertig«, beschwerte sich Peter.
Bella dachte an die tickende Uhr und an den Redaktionsschluss. Sie gingen durch den Garten zur Straße. Ein dunkler SUV parkte dort.
»Dein Wagen?«
»Ja.«
Sie liefen langsam den Gehsteig entlang. In den Häusern rundum brannte Licht. Man sah die Bewohner beim Abendessen sitzen, Fernsehgeräte flimmerten. Adventskränze, Lichterketten, Weihnachtsbäume, drinnen wie draußen. Alles irgendwie behaglich. Ein Dorf, das das Beste aus der dunklen Zeit des Jahres machte. Innerer Rückzug, Gemütlichkeit.
»Deine Frau sagt, Mariella fühlte sich wohl bei euch.«
»Ja, und sie hatte einen Draht zu Marlon. Na, sie ließ ihn machen, was er wollte, wahrscheinlich vergöttert er sie deshalb. Und sie überredete uns zu dem Hund. Hat Sabine das schon erzählt?«
»Hatte Mariella sich eingewöhnt? Oder litt sie an Heimweh?«
»Nein, ich glaube nicht. Sie hat abends immer am Handy mit ihren Freunden gechattet, aber das machen alle jungen Leute, und sie lernte eifrig Deutsch. Ich kann nichts Schlechtes über sie sagen. Wer war nur der Idiot, der sie angefahren hat? Und sie dann liegen ließ? Mein Gott, wie kann man das tun!« Peter blieb stehen. Trotz der Kälte stand ihm Schweiß auf der Stirn. Er wischte sich übers Gesicht.
»Die Polizei fand große Mengen Medikamente in Mariellas Blut«, wagte Bella sich vor. »Weißt du davon?«
»Das haben sie mir auch gesagt. Ein gewisser Kommissar Köhler.«
»War sie krank?«
»Mariella? Nein. Wieso?«
»Woher hatte sie dann die Medikamente? Peter, das waren härtere Sachen als Aspirin.«
Irgendwo sprang ein Wagen an. Das Geräusch verlor sich in der Nacht.
»Ich habe keine Ahnung.« Er schwitzte jetzt stark. Der Mantel schlotterte um seinen mageren Körper.
»Hat sie die nur einmal genommen?«
»Worauf willst du hinauf?«
»Möglicherweise hat Mariella euch gar nicht gesagt, dass sie harte Medikamente nimmt. Hat vielleicht eine Erkrankung verheimlicht.«
»Pah! Nie im Leben! Das hätte ich gemerkt.«
»Und der Hund? Ist in derselben Nacht verschwunden?«
»Sieht so aus. Ich komme zurzeit recht spät heim. Es gibt gerade ziemlich viel zu tun. Außerdem bin ich allein im Büro.« Er wand sich. »Daher führt Mariella Lüneburg aus. Führte ihn aus.« Er biss sich auf die Lippen.
Bella verstand ihn. Peter hatte von seinen Eltern ein Hausverwaltungsunternehmen übernommen. Die vielen Abendtermine spielten ihm nun in die Hände. Er wartete ab, bis das renitente Kind im Bett war, bevor er zu Hause aufschlug.
»Marlon wird bald aus der Trotzphase raus sein«, versuchte sie ihn zu trösten. Peter Kessler war ein schüchternes Kind gewesen. Als ihre Tochter geboren wurde, war er ein verklemmter Jüngling mit Akne, der von seinen Altersgenossen wegen seiner Unbeholfenheit gehänselt worden war. Einer, dem man auf Dorffesten fiese Streiche spielte. Dennoch war er in Silldorf geblieben. Auf eine bescheidene Weise hatte er sich freigeschwommen. Zumindest sah es so aus.
»Weißt du, wenn meine Eltern noch leben würden, dann wäre alles leichter. Mit dem Kind und so. Bevor Mariella bei uns wohnte, war Sabine immer allein für alles verantwortlich. Ich konnte keine Elternzeit nehmen. Also dachten wir, ein Aupair wäre ideal. Emilie war ein Reinfall. Wir waren so froh, dass es mit Mariella auf Anhieb klappte.« Er blieb stehen. Bella sah den Atem vor seinem Gesicht. Er keuchte vor Aufregung. »Morgen verständigt die Polizei in Florenz Mariellas Eltern. Mir bricht das Herz, wenn ich dran denke. Wir waren verantwortlich für sie. Ich meine, natürlich war sie erwachsen, aber dennoch … in einem fremden Land … Das fällt doch auf uns zurück.«
»Du hast nicht mitbekommen, wie sie das Haus verließ?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin noch mal weg. Eine Eigentümerversammlung in Zeil. Begann um halb acht und dauerte bis kurz nach zehn. Ich habe das der Polizei schon gesagt.«
Bella konnte seine Verzweiflung förmlich riechen. In ihrer Tasche wirbelten die Drumsticks. Sie zog das Handy heraus.
Hilde Kaminsky hat dich zur Gruppe »Nachbarschaft« hinzugefügt.
Sie verdrehte die Augen.
»Und Sabine? Was hat die an dem Abend gemacht?«
»Sie nahm nach dem Abendessen ein Bad, sobald Marlon im Bett war. Lüneburg schlief immer vor Mariellas Zimmer. Wir haben ihr das Apartment im Souterrain überlassen. Sie hatte einen eigenen Eingang. Abends kriegten wir wenig von ihr mit. Da ging sie eigentlich nur ihre Runde mit Lüneburg.«
»Absolut keine Spur von dem Hund?«
»Überhaupt keine. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.«
»Beagles sind Jagdhunde! Ist er gern mal ausgebüxt?«
»Im Gegenteil, er ist total anhänglich.«
»Jedenfalls wäre es prinzipiell vorstellbar, dass er jemandem zugelaufen ist, als Mariella mit ihm Gassi ging. Hast du ein Foto von Mariella mit dem Hund? Oder nur von Lüneburg? Ich würde es gern veröffentlichen.«
»Ich habe bestimmt ein, zwei Fotos auf dem Handy.«
»Kannst du mir so schnell wie möglich eins schicken? Es eilt. Redaktionsschluss.«
»Die Polizei will, dass ich Mariella identifiziere. Morgen früh muss ich das machen. Mein Gott, Bella!« Er packte sie am Arm. Angst flackerte in seinen Augen. Sein Atem roch sauer.
»Das ist keine leichte Aufgabe. Aber du wirst das schaffen, Peter. Es hilft ja nichts.«
»Nein. Es hilft nichts.«
Bella dachte an gestern Nacht. An die zuckende Bewegung hinter Mariella, als sie die Hand des Mädchens gehalten hatte. War das Lüneburg gewesen? Doch ein Hund würde, wenn seine Bezugsperson bewegungslos im Schnee läge, winseln, bellen, sich irgendwie bemerkbar machen. Nicht einfach im Dunkeln verschwinden. Womöglich war er ebenfalls verletzt?
»Ich muss los, Peter.« Behutsam befreite sie sich von seinem Griff.
Er nickte nur.
11
»Diethard? Ich bin zu Hause!«
Keine Antwort. Im Wohnzimmer brannte Licht. Man hörte die Stimme eines Nachrichtensprechers. Ein Blick auf die Uhr. Kurz nach sieben. In 20 Minuten musste ihr Text in der Redaktion sein.
Bella schlich die Treppe hoch. Drumstickwirbel. Peter hatte ein Foto geschickt: Es zeigte Mariella in einem schwarzen Pullover, dazu trug sie den auffälligen roten Schal mit den bunten Punkten. Sie kniete neben einem braunen Beagle, dessen eines Schlappohr quer über seiner Nase lag.
Bella stellte das Handy auf lautlos. Sie brauchte jetzt alle Konzentration. Oben in ihrem Arbeitszimmer warf sie den PC an. Sie öffnete ihren Artikel von zuvor, fand rasch die Stelle, an der sie persönliche Informationen zu Mariella einfügen konnte. Das italienische Aupair-Mädchen, das sich gut eingelebt hatte und mit dem Kind der Familie wunderbar zurechtkam. Ihre Tierliebe. Tiere weckten immer Emotionen. Vor allem, wenn sie verschwanden. So wie Lüneburg.
Lüneburg! Wer nennt seinen Hund um Himmels willen Lüneburg?
Die erschütterte Familie, die zurückblieb. Der kleine Junge, der seine Nanny vermisste. Bella musste behutsam vorgehen, durfte das Vertrauen der Kesslers nicht missbrauchen. Schrieb von den Drogen in Mariellas Blut und ließ durchblicken, dass die Gastfamilie nichts von einer etwaigen Erkrankung des Aupair wusste. Dazu die Frage: War jemandem der Beagle auf dem Foto zugelaufen?
Fertig.
Sie speicherte den Text und mailte ihn um fünf vor halb acht an Wolters. Gleich darauf rief sie ihn an. Unten klappte eine Tür.
»Ich bin’s, Bella«, rief sie gehetzt ins Telefon. »Der Text sollte jetzt in deinem Postfach sein.«
»Was Neues?«, knurrte Wolters.
»Die Familie hat einen Beagle namens Lüneburg. Der ist verschwunden, seit gestern. Vermutlich ist Mariella mit ihm rausgegangen, wenig später hat sich der Unfall ereignet.«
»Hm«, machte Wolters. »Knapp drei Stunden später, wenn ich richtig informiert bin. Bei den Temperaturen macht man keinen dreistündigen Spaziergang.«
»Der Hund ist jetzt seit 24 Stunden abgängig. Es ist nasskaltes Sauwetter, irgendwann kriegt so ein Tier Hunger. Bestimmt hat jemand den Beagle gesehen. Ich schicke dir ein Foto.«
»In Ordnung.«
Sie hörte Wolters auf seiner Tastatur herumklimpern. Jemand kam die Treppe hoch. Diethards schwere Schritte.
»Ich mache dann Feierabend. Schönen Abend noch.« Bella legte auf.
Es klopfte kurz. Diethard schob die Tür auf.
»Bel?«
»Ja, ich bin hier. Entschuldige, ich musste den Artikel fertigmachen. Redaktionsschluss.« Sie tippte auf ihre Uhr.
Diethard seufzte. »Sag mal, warum hast du nichts gesagt? Gestern, meine ich? Das ist doch schrecklich. Ich habe gerade im Internet von dem Unfall gelesen.«
Verdammtes Internet, dachte Bella. Da war also schon einer aufgesprungen.
»Morgen wirst du noch mehr lesen«, sagte sie zu ihrem Mann. »Jemand hat Fahrerflucht begangen, nach Spurenlage hat einer mit einem echten Dickschiff-Auto das Aupair-Mädchen der Kesslers angefahren und verletzt liegen lassen. Mariella muss sich noch ein paar Meter zurück zum Flurbereinigungsweg geschleppt haben. Als Nächste kam ich dann den Weg entlang. Gestern, nach meinem Termin bei den Impfgegnern.« Ihr schoss durch den Kopf, dass Wolters ihr den Impf-Artikel nicht ersparen würde. »Außerdem hatten die Kesslers seit Neuestem einen Hund. Aus dem Tierheim. Wusstest du das?«
»Ich? Meine Güte, was im Dorf passiert, kriege ich nur in langen Sommernächten mit. Wenn alle grillen.«
Bella grinste halbherzig. »Sollte dir nicht allzu viel ausmachen. Du bist ja nicht so der soziale Typ.«
»Wenn du damit meinst, dass ich mich ungern saufend verbrüdere …« Diethard zog eine Grimasse. »Ich lege mich gerade ziemlich krumm im Büro.«
»Gute Architekten werden eben immer gebraucht«, entgegnete Bella leichthin. Sie stand auf. »Mir knurrt der Magen. Habt ihr was zu essen übrig gelassen?«
»Darüber musst du dich nicht sorgen. Josef isst wie ein Spatz.«
Etwas Dunkles, Trauriges stülpte sich über Bella. »Leider, ja. Heute musste ich ihn bei den Kaminskys einfangen. Er ist einfach durch den Garten spaziert. In Hausschuhen, ohne Jacke.«
»Shit.« Diethard rieb sich das Gesicht. Seine dunklen Haare waren verstrubbelt, der Bartschatten hob sich überdeutlich ab. Sein Bartwuchs war so stark, dass er sich üblicherweise zweimal am Tag rasierte. »Wir stemmen das beide nicht, das ist dir doch klar, Bella, oder?«
»Heißt was?«
Diethards Kiefer mahlten.
Sie ahnte, worauf er hinauswollte, und verabscheute ihn dafür. »Du musst es mir nicht erklären, Diethard. Ein Heim kommt nicht in Frage. Noch nicht.«
»Du schiebst seine Verwirrung nur auf die OP-Nachwirkungen. Aber er war vorher bereits angeschlagen, das ist sogar dir aufgefallen.«
Bellas Magen knurrte. Wie lange war das Mittagessen her? Seit einiger Zeit brauchte sie regelmäßige Mahlzeiten, auf die sie sonst nie besonderen Wert gelegt hatte. Wenn ihr der Blutzuckerspiegel wegrutschte, wurde sie aggressiv und konfus. Beides zugleich.
»Emmy hilft ab Montag. Auf Melanie kann ich ja nicht zählen.« Es kam bitterer heraus, als sie gewollt hatte.
»Sie ist Studentin, Bella.« Diethard ließ sich auf das alte Sofa sinken, das früher, bezogen mit Pferdebildern, in Melanies Kinderzimmer gestanden hatte. Inzwischen war es neu gepolstert und jeansblau. »Sie hat jetzt ihr eigenes Leben.«
»Ich will sie doch nicht als Krankenschwester anstellen. Josef ist ihr Großvater, zum Henker, wer weiß, wie lange sie ihn noch hat! Ein paar Stunden die Woche könnte sie sich durchaus mit ihm zusammensetzen. Schach spielen. Das haben die beiden früher oft gemacht.«
Diethard seufzte. »Lass sie ihr Leben erproben. Sie hat einen Freund, alles ist noch neu, sie will nichts verpassen. Als wir in ihrem Alter waren, da schien alles möglich. Weißt du nicht mehr?«
»Sie ist immer dein Augenstern gewesen«, sagte Bella müde. Diethard hatte von jeher seine Tochter verteidigt, am vehementesten gegen Bella. Die vielen Streitereien hatte sie beinahe vergessen, erst jetzt, wo es ihrem Vater schlecht ging und sie permanent mit einem schlechten Gewissen herumlief, kamen die Konflikte wieder hoch. Melanie, die von der Mutter nicht bekam, was sie wollte, vom Vater aber schon. Anders als Bellas Bruder Rolf, den der Vater am langen Arm hatte zappeln lassen. Josef Blum, der Strenge, der Allmächtige.
»Unsinn. Aber ich kann sie verstehen. Sie braucht ihre Freiheit. Josefs Zustand ist ihr nicht anzulasten.«
Was nichts daran ändert, dass sie mir ab und zu helfen könnte.
»Ich dachte immer, eine Familie sei ein Team. Wo man füreinander einsteht.« Ihr Magen knurrte heftig. Plötzlich war ihr ganz schwindelig. Pizza wäre das Mittel der Wahl. Ein Käsebrot mit Gurke täte es auch. Vorerst. Sofern Ketchup im Haus war.
»Wir stehen ja füreinander ein, oder nicht?«, fragte Diethard treuherzig.
»Darf ich lachen? An mir hängt alles! Ich presse meine Arbeitstermine in den Alltag. Mehr schlecht als recht. Ich sehe nach Josef, ich schmeiße den Haushalt.« Sie fuhr den PC herunter. Ihr war beinahe schlecht vor Hunger und Zorn. »Es wird wirklich Zeit, dass Emmy einspringt.«
Wenigstens eine Person, auf die ich mich verlassen kann.
»Eine Dauerlösung ist das nicht.«
Meine Fresse, du reitest wirklich auf allem herum, bis es platt und zäh wie Leder ist, dachte Bella genervt. Sie stand auf.
»Ich muss was essen.«
»Vielleicht kannst du Josef noch etwas Appetit machen. Hast du eigentlich auch diese Nachricht von Hilde bekommen? Nachbarschaft?«
»Ach, das!« Bella schnappte sich ihr Handy. »Mamma mia! Sieben Nachrichten?«
»Erklär mir bitte, wie man das abschaltet.«
»Du kannst die Gruppe nicht abschalten, nur auf stumm stellen. Oder austreten. Das allerdings würde Hilde dir nicht verzeihen.«
Diethard klickte gereizt auf seinem Smartphone herum. »Was soll das bloß für eine alberne Aktion sein?«
»Die Maffelders sehen SUVs, die nicht hierhergehören, und kolportieren, das wären Einbrecher, die die Gegend ausspionieren.«
»Sag mir, dass das nicht wahr ist.«
Bella ging zur Tür. »Jedenfalls wollen die Maffelders und die Kaminskys per Gruppe austauschen, wer wann welches verdächtige Auto gesehen hat. Kommst du mit runter?«
Diethard antwortete nicht. Er war in das Nachrichtenmenü seines Handys vertieft und mühte sich damit ab, die Gruppe »Nachbarschaft« stummzuschalten.
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