Kitabı oku: «Das magische Tor im Kaukasus»

Band 8
Das
magische Tor
im Kaukasus
von Friedhelm Schneidewind
Mit einem Epilog von Bernhard Hennen

KARL-MAY-VERLAG
BAMBERG • RADEBEUL
Herausgegeben von
Thomas Le Blanc und Bernhard Schmid
In der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ sind bisher erschienen:
Band 1 – Alexander Röder Im Banne des Mächtigen (auch als Hörbuch)
Band 2 – Alexander Röder Der Fluch des Skipetaren
Band 3 – Alexander Röder Der Sturz des Verschwörers
Band 4 – Alexander Röder Die Berge der Rache
Band 5 – Alexander Röder, Tanja Kinkel u. a. Sklavin und Königin
Band 6 – Alexander Röder, Thomas Le Blanc Auf der Spur der Sklavenjäger
Band 7 – Jacqueline Montemurri, Bernhard Hennen Der Herrscher der Tiefe
Band 8 – Friedhelm Schneidewind, Bernhard Hennen Das magische Tor im Kaukasus
Thomas Le Blanc (Hrsg.) Auf phantastischen Pfaden Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays
Weitere Informationen zur Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ finden Sie im Internet auf
www.magischer-orient.karl-may.de
© 2019 Karl-May-Verlag, Bamberg
Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten
Illustration: Elif Siebenpfeiffer
eISBN 978-3-7802-1408-9
www.karl-may.de
Inhalt
Erstes Kapitel Eine Bahnfahrt mit Folgen
Zweites Kapitel Fasane und Rosen
Drittes Kapitel Ein unerwartetes Wiedersehen
Viertes Kapitel Gräber und Türme
Fünftes Kapitel Kampf im Palast
Sechstes Kapitel Überraschende Begegnungen
Siebtes Kapitel Schach ohne Matt
Achtes Kapitel Wölfe in der Nacht
Neuntes Kapitel Ein alter Freund
Zehntes Kapitel Von Tigern und Schlangen
Elftes Kapitel Bärenjagd im Kaukasus
Zwölftes Kapitel Eine grausame Schlächterei
Dreizehntes Kapitel Doppelter Hinterhalt
Vierzehntes Kapitel Sturz vom Sockel
Fünfzehntes Kapitel Goldgräber-Stimmung in Mestia
Sechzehntes Kapitel Ein Gastmahl in Georgien
Siebzehntes Kapitel Geheimnisse im Turm
Achtzehntes Kapitel Ein Ja sei ein Ja
Neunzehntes Kapitel Adlerauge und Katzenohren
Zwanzigstes Kapitel Kampf mit Feuer und Wasser
Einundzwanzigstes Kapitel Verhör und Verhandlung
Zweiundzwanzigstes Kapitel Die dünne Wand
Dreiundzwanzigstes Kapitel Neue Spuren
Vierundzwanzigstes Kapitel Hirschjäger und Wisentschlächter
Fünfundzwanzigstes Kapitel Menschenschinder und Entführer
Sechsundzwanzigstes Kapitel Der Riss zwischen den Welten
Siebenundzwanzigstes Kapitel Ein Tor wird geschlossen
Achtundzwanzigstes Kapitel Kampf im Kessel
Neunundzwanzigstes Kapitel Der Fütterer der Wölfe
Dreißigstes Kapitel Glückliches Ende
Bernhard Hennen Epilog
Erstes Kapitel
Eine Bahnfahrt mit Folgen
„Sihdi, glaubst du, diese neue Bahn wird irgendwann auch nach Batumi fahren? Wir wären damit bestimmt um einen Tag schneller gewesen. Und Batumi ist doch der größere der beiden Häfen, die Georgien am Schwarzen Meer hat.“ Mein treuer Freund und Begleiter Hadschi Halef Omar wurde unterbrochen, als die Pfeife der Lokomotive schrillte – das Signal für die letzten Reisenden hier in Poti, einzusteigen. Kurz danach fuhr der Zug los, nach Tiflis, georgisch Tbilissi.
Wir beide saßen schon recht gemütlich in einem ansonsten leeren Abteil. Die Wagons waren noch ziemlich neu, war doch die Bahnstrecke von Poti nach Sestaponi erst vor fünf Jahren eröffnet worden und hatte damit den Anschluss an die ein Jahr zuvor fertiggestellte Bahnstrecke Sestaponi–Tiflis geschaffen. Wir genossen es, uns in den gepolsterten Sitzen zurücklehnen und die Beine ausstrecken zu können, nach dem Gewaltritt, den wir hinter uns hatten. Von den Weidegründen der Haddedihn in der nördlichen Dschesireh waren wir rund 1.000 Kilometer geritten, und das in nur acht Tagen; unser Auftrag duldete keinen Aufschub. Wir hatten einen Termin in Kutaissi!
Die letzten beiden Tage waren dagegen regelrecht erholsam gewesen.
Diese Zeit hatte uns die Bahn geschenkt.
Ich riss mich aus meinen Gedanken und lächelte Halef an.
„Die Eisenbahngesellschaft Poti-Tbilissi hat hier, mit Poti, begonnen, weil Batumi zum Osmanischen Reich gehört, dieser Teil Georgiens hingegen zum Russischen Kaiserreich.“
Der Zug bremste und hielt zum ersten Mal an, im Dörfchen Sag.
Halef zeigte auf die Menschen, die in die Wagons stiegen.
„Sind wir jetzt in Europa, Sihdi? Die Menschen hier sehen so ganz anders aus als bei uns im Orient.“
Ich musste ihm Recht geben. Die Kleidung der meisten Männer war sehr europäisch; teils trugen sie russische Uniformen, teils moderne Anzüge, wie man sie auch in Berlin oder Paris sehen konnte, manche aber auch Anzüge aus Leder oder Leinenstoff, ähnlich der Trapperkleidung, wie ich sie üblicherweise anhatte, wenn ich mich in Amerika aufhielt; nur einige wenige Männer zeigten sich in Trachten. Die meisten Frauen hatten weite Blusen an, oft mit Jacken darüber, und lange wehende Röcke. Sie waren unverschleiert; bei manchen der älteren Frauen verhüllte ein Kopftuch das Haar.
Ich musterte Halef, der sein übliches arabisches Gewand trug; auch ich war noch orientalisch gekleidet.
„Und was sprechen die Menschen hier für eine Sprache, Sihdi?“, fragte er mich, nachdem der Pfiff der Lokomotive verhallt war und während der Zug anfuhr. „Verstehst du sie?“
Ich hatte schon in Poti und während des kurzen Aufenthalts hier aufmerksam gelauscht und mich auf der Reise natürlich infomiert.
„Es gibt mehrere einheimische Sprachen. Wir sind hier im Fürstentum Mingrelien oder Megrelien, dem ‚Land der tausend Quellen‘. Die Einheimischen nennen sich Megrelen, werden aber auch Kolcher genannt, weil hier das antike Kolchis gelegen hat. Ihre Sprache ist eng mit der georgischen und der swanetischen verwandt. Ich spreche keine dieser Sprachen, aber wir dürften hier überall mit Russisch durchkommen; das Land gehört seit Anfang des Jahrhunderts zum russischen Reich, wie seit einigen Jahren ganz Georgien. Und natürlich müssen die Georgier die Sprache ihrer Herren beherrschen.“
Ich interpretierte Halefs gequälte Miene offensichtlich richtig.
„Sihdi, du sprichst natürlich Russisch und bewegst dich wie ein Fisch im Wasser unter diesen Menschen hier. Aber was nützen mir die arabischen Dialekte, die ich beherrsche, und das bisschen Englisch und Deutsch, das ich von dir und Sir David gelernt habe? Vielleicht hätte ich doch bei den Haddedihn bleiben sollen, bei meiner geliebten Hanneh, bei meinem Sohn Kara, bei Amscha und Djamila.“
Ich konnte meinen Freund gut verstehen, war es uns doch erst vor Kurzem gelungen, die beiden jungen Frauen aus der Gewalt levantinischer Piraten zu befreien, und das auch nur mit Hilfe der legendären Teuta. Die Bande hatte Halefs Frau und Schwägerin entführt, aus Rache dafür, dass wir einige Zeit zuvor eine Gruppe von Sklavinnen aus ihrer Gewalt befreit hatten, und weil sie Halef für einen konkurrierenden Sklavenhändler hielten, den sie beseitigen wollten. Mit Hilfe der mächtigen Piratenwitwe Teuta und des Magiers Haschim hatten wir die beiden Frauen befreien und sogar eine friedliche Lösung mit den Piraten aushandeln können. Hanneh und ihre Mutter Amscha waren in ihre Heimat gereist, wir Männer (und Djamila, die sich an Bord geschlichen hatte), wurden vom britischen Geheimdienst genötigt, in Kreta ein geheimnisvolles Labyrinth zu erforschen. Durch Kapitän Nemo und die Gefangenschaft auf dessen Nautilus wurde unsere Rückreise zu den Haddedihn erheblich verzögert. Und dann hatte Halef die Gesellschaft seiner jungen Familie kaum genießen können, denn nach nur wenigen Tagen im Beduinenlager erreichte uns unser Auftrag. An diesen erinnerte ich meinen Freund nun, um ihn aufzumuntern.
„Ich kann dich gut verstehen, mein lieber Halef. Umso mehr bewundere ich deine Tapferkeit und deine Entschlossenheit, mich zu begleiten auf dieser Queste, die mir Marah Durimeh auferlegt hat, in ein fremdes Land, dessen Sitten du nicht kennst und dessen Sprache du nicht sprichst. Du hättest bei Weib und Kind bleiben können; dass du mich aus Freundschaft begleitest, rechne ich dir hoch an, und ja, ich bin darüber sehr froh.“
Halefs Miene hellte sich auf.
„Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich dich alleine in diese Gefahr hätte ziehen lassen und dir dann etwas zugestoßen wäre. Ausruhen in den Zelten meines Stammes kann ich mich, wenn ich ein alter Mann bin. Jetzt ist die Zeit, die Welt von bösen Menschen zu befreien, ganz besonders, wenn Marah Durimeh, die hochgeschätzte Königin, uns darum bittet. Und wenn wir dabei ein paar spannende Abenteuer erleben und interessante Menschen kennenlernen, soll es mir recht sein.“
Halefs Augen funkelten, unbewusst hatte er sich aufgerichtet und den Kopf stolz erhoben. So klein er war, so wenig imposant er wirkte mit seinen spärlichen Barthaaren – mir wurde wieder einmal bewusst, wie sehr sich mein ehemaliger Diener und jetziger guter Freund zu einem klugen und tapferen Mann entwickelt hatte. Nur wenigen Männern würde ich mein Leben eher anvertrauen als ihm – meinem Blutsbruder Winnetou, meinem Freund Scheik Haschim … Halef war wohl ein wenig impulsiver als diese beiden, weniger bedacht in Wort und Tat, doch mein Vertrauen in ihn war nicht geringer. Da hatte ich schon gestandene Männer kennengelernt, die weitaus unvernünftiger und unzuverlässiger gewesen waren; ich musste an Amad el Ghandur denken und den einen oder anderen Westmann wie Old Surehand und Old Firehand.
Wieso kamen mir solche Gedanken? Weil ich seit Längerem zum ersten Mal wieder über meine Trappergewandung nachgedacht hatte? Ich musterte Halef noch einmal gründlich, dann nickte ich ihm zu.
„Mein lieber Halef, wir sind schon in anderen Gegenden gewesen, wo wir uns mit der Sprache schwertaten. Doch muss ich dich bitten, dein Gewand einzutauschen gegen eine Kleidung, wie sie hier üblich ist. Auch ich werde das tun.“
Mein treuer Freund riss für einen Moment Augen und Mund auf, dann platzte es aus ihm heraus:
„Nein, Sihdi, das kannst du nicht verlangen. Ich bin ein Sohn der Wüste, ein Bedu, ein stolzer Araber. Ich werde nicht solche engen Beinkleider tragen wie diese Männer hier.“ Er zeigte nach draußen auf den Bahnsteig; wir hielten gerade am Bahnhof Tekleti. „Und warum sollte ich meinen Turban ablegen, den Schmuck meines Hauptes? Und meinen Oberkörper in solch ein enges Jacket zwängen?“
Wir hatten wohl schon die halbe Strecke zurückgelegt auf unserer Fahrt zu dem Bahnhof, an dem wir in den Zug nach Kutaissi umsteigen mussten. Bis wir in Kutaissi angekommen sein würden, wollte ich Halef überzeugt haben. Ich wies auf einen älteren Mann.
„Schau dir diesen an. Er trägt Hosen, aber doch weit und bequem, ganz ähnlich der Sirwal, der langen und weiten Pluderhose, wie sie in weiten Teilen der arabischen Halbinsel üblich ist. Nur trägt er darüber keine Dischdascha, kein knöchellanges Gewand, wie es bei euch die Hose in der Regel verbirgt. Und denke an den unglücklichen Hassan Ardschir Mirza, der diese teuren weiten Seidenhosen trug.“
„Ja, Sihdi, aber über diesen Sirdschame hatte er stets ein Pirahan an, ein Hemd, und sein Alkalik, sein Unterkleid, reichte ihm bis unter die Knie. Dazu kamen dann noch Kaba und Balapusch, Rock und Oberkleid. Aber dieser Mann hier hat ja nur ein Hemd und eine offene Weste an, und seine Jacke bedeckt gerade mal die Hüften!“
Ich musste lachen.
„Mein guter Halef, sei froh, dass wir im Osten Europas sind, wo die Sitten und Bräuche und auch die Kleider noch einigermaßen dezent sind und vieles bedecken. In westlichen Ländern ist es hin und wieder modern, ganz körperbetonte Anzüge zu tragen, mit schmaler Taille und engen Hosen. Und so sieht man an der Vorderseite alles, was den Mann auszeichnet, und viele Hosen haben vorne einen Hosenschlitz, den man mit Knöpfen verschließt, um die Hose nicht mehr herunterziehen zu müssen, wenn einen ein Bedürfnis überkommt.“
Halef schaute mich mit großen Augen an und schüttelte sich dann.
„Brr! Du machst keinen Scherz mit mir, nicht wahr, Sihdi? So etwas würde ich nie anziehen. Aber eine weite Hose wie vorhin der Mann auf dem Bahnhof …“ – wir waren schon längst wieder unterwegs –, „dazu kann ich mich überreden lassen, wenn wir ein passendes Obergewand finden.“
„Das wird uns in Kutaissi sicher gelingen, das ist keine kleine Stadt. Doch schau, wir nähern uns dem Bahnhof Rioni. Hier müssen wir umsteigen.“
Der Bahnhof, benannt nach dem Fluss, der durch Poti wie durch Kutaissi fließt, wirkte, als habe man ihn frisch herausgeputzt. An den Wänden hingen vielfarbige Girlanden aus frischen Blumen und Blättern, über dem Gleis war ein bunt bemalter Triumphbogen aus Holz aufgebaut, an dem Texte in verschiedenen Schriftarten zu sehen waren. Halef versuchte, sie zu entziffern.
„Sihdi, hier kann ich ja gar nichts lesen! Das auf der linken Seite verstehe ich überhaupt nicht, und die Schrift auf der rechten Seite sieht wieder ganz anders aus, fast wie eure Buchstaben, aber es ergibt keinen Sinn.“
Ich nickte.
„Die Inschrift rechts, das ist die russische Schrift, die man Kyrilliza nennt. Manche Buchstaben sehen aus wie die in der europäischen, der lateinischen Schrift, die du kennst, bedeuten aber etwas ganz anderes. Da steht KUTAISI, mit nur einem ‚s‘. Je nach Sprache schreibt man es mit einem oder zweien. Links, diese runden Buchstaben, die kann ich auch nicht lesen, das ist wahrscheinlich georgische Schrift.“
Wir ließen uns auf einer der Bänke nieder, die für Reisende wie uns, die auf ihren Zug warteten, an der Wand des Bahnhofgebäudes aufgestellt waren, packten von der mitgebrachten Verpflegung aus und genossen die Augustsonne. Es war früher Nachmittag, und der Zug sollte in etwa einer Stunde fahren. Es waren nur wenige Kilometer bis Kutaissi; wir hätten die Stadt auch in einer mehrstündigen Wanderung erreichen können, doch waren wir beide froh, einmal auf bequemere Weise zu reisen, zumal der Weg hügelig und es sehr heiß war. Und schließlich hat man nicht alle Tage die Gelegenheit, eine fast jungfräuliche Bahnstrecke zu befahren; beim Fahrkartenkauf in Poti hatte man uns erzählt, dass die Stichstrecke Rioni–Kutaisi erst gestern eröffnet worden war, deshalb der Schmuck am Bahnhof. Ich lehnte mich zurück, schloss die Augen und ließ die turbulenten letzten zwei Wochen noch einmal Revue passieren.
Nach unserem Abenteuer auf Kreta hatten wir beschlossen, Djamila zu den Haddedihn zu begleiten. In Tymbaki hatten wir ein Schiff nach Latakia genommen – ich erinnerte mich gerne an meine leicht skurrile Begegnung mit Professor Thadewald in Kokkinos Pyrgos, dem Tymbaki vorgelagerten Hafenort. Das Büchlein Über die Erhaltung der Kraft von Helmholtz, das er mir im Auftrag von Kapitän Nemo überreicht hatte, lag gut verwahrt in meinem Gepäck und hatte mir schon manch lehrreiche Stunde beschert. In Latakia verabschiedeten wir uns von Scheik Haschim, der nach Hause wollte, auf seinen Landsitz in der Nähe von Taif. Er würde sicher einige Wochen brauchen, da er gemütlich reisen wollte, nicht mit einem Gewaltritt, wie wir ihn erst vor wenigen Monaten hinter uns gebracht hatten, als es darum ging, Hanneh und Djamila, Halefs Frau und Schwägerin, aus der Gewalt von Sklavenjägern zu befreien. Damals hatten wir die über 2.000 Kilometer, die den Hedschas – die Region in Arabien, in der die beiden heiligen Stätten des Islams liegen, Mekka und Medina – von der nördlichen Dschesireh trennt, auf Haschims schnellen Meharis in knapp drei Wochen zurückgelegt. Diese edlen und schnellsten aller Dromedare hatten wir bei den Haddedihn gelassen, was uns später sehr zugutekommen sollte.
Beim Abschied sahen Haschim und ich uns lange in die Augen, ohne etwas zu sagen. Wir wussten, wir waren Freunde für’s Leben geworden, und so umarmten wir uns nur kurz und drückten einander. „Ich bin sicher, wir werden uns wiedersehen, so Gott will!“, gab ich ihm auf den Weg. „Inschallah!“, antwortete Haschim mit Inbrunst und schwang sich auf das Pferd, das er im Hafen gekauft hatte. „Inschallah!“, schallte es ihm von Halef hinterher, von dem Haschim sich, wie von Djamila, schon verabschiedet hatte. Ich glaubte, eine Träne im Auge meines treuen Freundes zu sehen, doch als er meinen Blick sah, wischte er sich schnell die Augen und meinte: „Der Wind bläst scharf hier am Hafen.“
Der Ritt zu den Weidegründen der Haddedihn verlief ereignislos und gemütlich. Eine weitere Woche, nach den Tagen auf dem Schiff, hatten wir Zeit, uns über unsere Erlebnisse auszutauschen. Als die Zelte des Stammes in Sicht kamen, waren Djamila und ihr Schwager, zwischen denen die Ereignisse auf Kreta alle Vorbehalte ausgeräumt hatten, die besten Freunde, und obwohl sie mich immer noch mit offensichtlichem Respekt betrachtete, waren doch auch wir inzwischen sehr vertraut miteinander. In den letzten Stunden vor unserer Ankunft allerdings war Halef sichtlich unruhig geworden. „Amscha?“, fragte ich ihn. Er nickte nur.
Doch die Ankunft bei den Haddedihn zerstreute alle seine Bedenken. Es gab nicht nur ein großes Freudenfest mit Pferderennen und viel Schießerei, sondern, für Halef viel wichtiger, eine feste und aufrichtige Umarmung durch seine Schwiegermutter. „Nun bringst du mir schon wieder eine meiner Töchter zurück. Ich hoffe, dass wir alle stets auch weiterhin so auf dich bauen können!“ Amscha fasste Djamila fest ins Auge: „Wir hingegen, junge Abenteuerin, werden uns einmal sehr ernsthaft unterhalten müssen!“ Wohl niemandem von uns aber entging ihr angedeutetes Schmunzeln, das sie auf einmal viel jünger aussehen ließ.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen.
„Entschuldigung, haben Sie Feuer?“
Vor mir auf dem Bahnsteig stand ein Mann mittleren Alters, den ich in einer Menge in einer amerikanischen Stadt sicher übersehen hätte, so unscheinbar wirkte alles an ihm: das lange Allerweltsgesicht, der braune moderne Anzug mit Weste, der helle Stetson. Dazu passte, dass er mich in unverkennbar amerikanischem Englisch angesprochen hatte. Trotz meiner orientalischen Kleidung schien er in mir einen Landsmann zu vermuten. In der Hand hielt er eine dünne, unangezündete Zigarre.
„Mir sind leider die Zündhölzer ausgegangen, und ich muss wohl warten, bis ich in eine richtige Stadt komme, um mich wieder einzudecken“, meinte er entschuldigend. „Daniel Brown mein Name, aus Georgia, USA. Ich hoffe, Sie verstehen mich.“
„Aber ja“, antwortete ich mit breitem amerikanischen Akzent. Der Mann war mir nicht ganz geheuer, deshalb verstellte ich mich etwas. „Ben Nemsi. Ich helfe Ihnen gerne aus.“
Während ich in meiner Gürteltasche nach den Zündhölzern suchte, den Blick scheinbar gesenkt, sah ich, wie Brown blitzschnell zum Bahnhofsgebäude hinüberschaute. Ich konnte niemanden sehen, doch verriet mir ein Schatten, dass im Eingang ein Mann stehen musste. Unauffällig schaute ich zu Halef, der tat, als beobachte er ein paar Tauben, die auf dem Bahnsteig nach Futter suchten. Ich erkannte aber, dass er eine Hand unauffällig auf seinem Revolver, die andere an seiner Kurbatsch liegen hatte.
„Bitte“, sagte ich und reichte Brown die Schachtel mit den Sicherheitszündhölzern. Brown zündete sich die Zigarre mit sichtbarem Genuss an, gab mir die Zündholzschachtel zurück und fragte:
„Reisen Sie nur nach Kutaissi? Oder wollen Sie noch weiter? Mit einem arabischen Wüstensohn“ – er nickte zu Halef hinüber – „ist es sicher ein Erlebnis, in den Bergen des Kaukasus herumzukraxeln.“
Während die beiden Fragen noch nach Smalltalk klangen, ließ mich die letzte Bemerkung aufmerken; mein Misstrauen war sowieso schon geweckt.
„Wir reisen nur nach Kutaissi; wir wollen uns die alten Bauwerke anschauen, das Kloster Gelati, die Bagrati-Kathedrale … Wir sind Historiker. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, die Reise bisher war anstrengend, ich möchte mich noch ein wenig ausruhen.“
Mit diesen Worten ließ ich mich nach hinten an die Mauer sinken und zog den Schleier meiner Kopfbedeckung über mein Gesicht, aber so, dass ich, scheinbar schlafend, alles um mich herum beobachten konnte. War dies eine zufällige Begegnung? Oder hatte sie etwas mit unserem Ziel, unserem Auftrag zu tun? Hellwach und hochkonzentriert, ließ ich mir diesen noch einmal durch den Kopf gehen.
Drei Tage hatten die Haddedihn gefeiert, und wir mit ihnen. Nicht immer hatte ich deshalb genug Schlaf bekommen und noch weniger Bewegung, und so hatte ich mich am dritten Tag frühmorgens entschlossen, mit Rih auszureiten und mir irgendwo die leiblichen Genüsse und Leckereien durch einen ausführlichen Spaziergang aus dem Leib zu treiben. Es war ein herrlicher Sommermorgen, und ich ließ die Blicke über die Weite der Landschaft schweifen, während ich mit Rih im leichten Trab gen Osten ritt. Plötzlich sah ich einen dunklen Schatten am Himmel, der schnell und pfeilgerade auf mich zuschoss. Vorsichtshalber zügelte ich meinen Rappen und griff nach dem Henrystutzen. Gespannt beobachtete ich den näherkommenden Vogel. Sollte es Scheik Haschims Falke Manakir sein? War diesem etwas zugestoßen? Doch nein, die Farbe stimmte nicht, und auch die Art des Fluges und die Flügelsilhouette – es war eine Brieftaube, die auf mich zuhielt. Wie aber konnte das sein? Brieftauben suchen ihr Zuhause auf, nicht einen einsamen Reiter, und doch … Mich überkam ein Verdacht, und ich streckte den linken Arm aus. Einen Moment später saß gurrend eine schwarze Taube auf meinem Handgelenk. Ich löste vorsichtig die Lederkapsel von ihrem Bein und schaute hinein.Wenig später saß ich mit Halef und unseren Freunden Malek und Amad el-Ghandur, den Scheiks der Ateibeh und der Haddedihn, um ein Feuer und betrachtete das edle Papier, das klein zusammengerollt in der Lederkapsel gesteckt hatte. Es gab keine Unterschrift, aber ich hatte sofort die Handschrift von Marah Durimeh erkannt, unserer geheimnisvollen Freundin und Wohltäterin.
„Triff mich bitte in der Hauptstadt von Kolchis, der Stadt der Rosen und des Mai, am gekrönten Türmlein, wo die heilige Gottesgebärerin entschlafen ist, am Tag ihrer Aufnahme in den Himmel, wenn die Sext gebetet wird.“
Mir war sofort klar, was Marah Durimeh meinte, meinen muslimischen Freunden aber musste ich es erklären, hatte sie doch bewusst in einer Art geschrieben, die den meisten Menschen hier unverständlich sein dürfte. „Marah Durimeh fordert mich auf, nach Georgien zu kommen, in dessen alte Hauptstadt Kutaissi, nicht weit von Batumi am Schwarzen Meer, wo wir ja vor einiger Zeit schon einmal waren.“ Ich sah Halef an, dass er sofort erkannt hatte, was ich meinte, und auch die anderen beiden wussten aufgrund unserer Erzählungen Bescheid. Vor gut einem Jahr waren wir beide ganz kurz in Batumi gewesen; gemeinsam mit unserem Freund Sir David Lindsay und dessen Nichte Ann hatten wir die Niederländerin Marijke van Beverningh aus der Sklaverei befreit. Das hatte uns eine lange und anstrengende Flucht beschert, die uns durch die Wüste Rub al-Chali nach Hadramaut und schließlich ins Reich der Königin von Saba führte, wie ich es in einem meiner kürzlich erschienenen Reiseberichte ausführlich geschildert habe – und war letztendlich der Grund gewesen für die Entführung von Hanneh und Djamila durch die Sklavenjäger.
Halef verzog das Gesicht.
„Das ist eine weite Reise. Aber wie kommst du darauf?“
„Du kennst die griechische Sage von der Reise des Prinzen Jason, der das Goldene Vlies gewinnen sollte, das Fell des goldenen fliegenden und sprechenden Widders Chrysomallos. Der war in Kolchis dem Kriegsgott Ares geopfert worden, das Fell hing in dessen Hain. Und das antike Kolchis war ein Königreich zwischen dem Kaukasus und der Ostküste des Schwarzen Meeres, seine Hauptstadt war Kutaia, das heutige Kutaissi, am Fluss Phasis, der heute Rioni heißt. Die Einwohner nennen ihre Stadt auch Stadt der Rosen und des Mai.“
„Und dort sollen wir – wann – sein?“, fragte Halef mit zweifelndem Gesichtsausdruck.
„Am 15. August, das ist das Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, wie es die katholische Kirche nennt, bei den Orthodoxen bekannt als Hochfest des Entschlafens der allheiligen Gottesgebärerin.“
Amad el-Ghandur sprang auf.
„Das ist unmöglich zu schaffen. Das sind nur noch fünfzehn Tage bis dahin! Was hat sich eure mächtige magische Geisterfreundin dabei gedacht? Hat sie für euch ein fliegendes Pferd bereit?“
„Vielleicht sollten wir es Vorsehung nennen, oder besser Gottes Wille“, warf Scheik Malek ruhig ein und gab dem Jüngeren mit einem Handzeichen zu verstehen, er möge sich wieder setzen. „Noch haben wir die Meharis hier, die Rennkamele von Scheik Haschim. Wenn ihr alle vier mitnehmt und zwischendurch die Tiere wechselt, solltet ihr die Strecke bis zum Schwarzen Meer in zehn Tagen bewältigen können.“
„Wir?“, fragte ich und blickte Halef an. „Marah Durimeh hat mich aufgefordert, zu ihr zu kommen. Du, mein guter Freund, warst jetzt so lange von deiner Frau getrennt, ich kann dir nicht zumuten, sie wieder zu verlassen.“
Halef sprang auf.
„Auf keinen Fall lasse ich dich alleine in diese gefährliche Gegend ziehen! Was wäre ich für ein Freund, wenn es eines Tages heißen müsste, dass meinem Sihdi etwas zugestoßen ist, weil sein treuer Freund und Beschützer ihn nicht retten konnte!“
So übertrieben dieser Ausbruch wirkte, war er doch ernst gemeint, und so nahm ich ihn auch auf.
„Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, mein lieber Halef!“
Am nächsten Morgen brachen wir auf.
Während des folgenden Gewaltritts sprachen Halef und ich abends am Lagerfeuer oft über die Argonautensage, die er ja schon ein wenig kannte, wegen seiner Erfahrungen mit dem angeblich magischen Widderfell, das uns auf der Nautilus so gute Dienste geleistet hatte, gerade weil es sich nicht als magisch entpuppt, sondern auf physikalischem Weg die Maschinen des Unterseeboots im richtigen Moment lahmgelegt hatte. An einigen Abenden erzählte ich Halef die Sage ausführlicher: wie Jason von seinem Freund Argos die Argo bauen ließ, das schnellste Schiff seiner Zeit, das angeblich sogar sprechen konnte. Es war mit 50 Rudern bestückt, an denen die berühmtesten Helden Griechenlands saßen, die meisten Väter von Recken, die später in den Trojanischen Krieg ziehen sollten, aber auch Herakles und der Sänger Orpheus. Ich malte Halef aus, wie die Helden nach vielen gefährlichen Abenteuern Kolchis erreichten und mit Hilfe der Königstochter Medea, die sich in Jason verliebt hatte, den Drachen, der das Vlies bewacht hatte, besiegen und das Vlies an sich bringen konnten.
Unser Ritt führte uns durch Anatolien über Bingöl und Erzurum bis zum Schwarzen Meer, dann an der Küste über Hopa nach Batumi, wo wir uns am Abend ein ausgiebiges Mahl gönnten und in Erinnerungen schwelgten. Das Dorf, in dem wir Marijke van Beverningh aus der Sklaverei befreit hatten, hatten wir natürlich gemieden. Es war der 10. August, und da wir in Batumi erfuhren, dass am 12. August die Bahngesellschaft die Stichstrecke Rioni–Kutaisi eröffnen würde, hatten wir zwei Tage Zeit, Poti zu erreichen, dann würden wir immer noch am 13. August in Kutaissi ankommen. So beschlossen wir am nächsten Morgen, kurz die Stadt, die auf einer flachen Halbinsel liegt, zu besichtigen. Schachbrettartig angelegt, reicht sie bis ans Meer. Die zwei- bis dreigeschossigen Häuser sind oft mit mythischen Figuren wie Chimären verziert. Steile Hügelketten schließen die Stadt ein, in der Nähe mündet der Fluss Çoruh, wie ihn die Türken, oder Tschorochi, wie ihn die Georgier nennen, ins Schwarze Meer. Viel zu sehen gab es in der Stadt nicht, weshalb wir bald aufbrachen und wie bei unserem ersten Besuch vor allem das herrliche Aroma der ausgedehnten Teeplantagen genossen, die Batumi an den Berghängen säumen.
Am späten Nachmittag erreichten wir nach einem gemütlichen Ritt Shekvetili, eine kleine Stadt, die vor allem aus einstöckigen Häusern im kaukasischen Stil besteht: ganz aus Holz gebaut und ringsum von einer Veranda umgeben. Nach einem ausgiebigen Bad im Schwarzen Meer fragte mich Halef beim Essen im Gasthof:
„Sihdi, glaubst du, irgendetwas ist dran an dieser Geschichte von den Argonauten und dem Goldenen Vlies? Und haben die Griechen das damals geglaubt?“
Ich überlegte einen Moment.
„Ich denke, sie haben das als schöne Geschichte gesehen, die ihnen manche für sie unerklärliche Begebenheiten verständlich machte. Kolchis war damals ein sehr reiches Land, es gab viel Gold, das man, wie auch heute noch, aus den Bächen und Flüssen gewinnen konnte, indem man Schaffelle hineinhängte, an denen sich dann der Goldstaub festsetzte, worüber wir ja schon auf Kreta sprachen. Daraus ist dann wohl die Sage vom Goldenen Vlies entstanden.“
Poti empfing uns am nächsten Nachmittag mit Regen, der unsere Kamele bis über die Fesseln im Schlamm versinken ließ. Es ist eine unscheinbare, düstere Kleinstadt, deren einzige Attraktion der Bahnhof in der Nähe des Marktplatzes ist, den man über eine Brücke erreicht, die den Rioni überquert. Ich musste an einen Reisebericht des berühmten Franzosen Alexandre Dumas denken, der 1859, als Poti von Zar Alexander II. die Stadtrechte verliehen bekam, ein paar Tage hier hatte verbringen müssen. Von den Schweinen, die sich nach seiner Beschreibung zahlreich in den Straßen tummelten, sah ich nichts, ihnen war vielleicht zu nass. Doch den Schlamm, in dem nach seinen Worten der Ausrufer des Zaren knietief versunken war, hatte er richtig beschrieben.
Als wir einen Gasthof mit angegliedertem Stall gefunden hatten, eines der wenigen größeren Gebäude im Ort, war es Abend und glücklicherweise auch wieder trocken geworden. Ich zahlte dem Wirt einen ordentlichen Vorschuss und vereinbarte mit ihm, dass er die vier Meharis gut unterbringen und verpflegen sollte, bis wir zurückkamen, dann würde er den Rest seines vereinbarten Lohns bekommen. Sollten wir allerdings am Tag des heiligen Nikolaus, am 6. Dezember, also in knapp vier Monaten, nicht zurück sein, würden die Rennkamele in sein Eigentum übergehen, er konnte sie behalten oder verkaufen, um seine Kosten zu decken. Wir setzten ein entsprechendes Schriftstück auf und ließen es von zwei Gästen als Zeugen unterzeichnen – dabei stellte sich eine unerwartete Frage: Welchen 6. Dezember meinten wir? Den nach unserem westlichen gregorianischen Kalender oder das Datum im julianischen Kalender, wie er in Georgien und Russland üblich war? Wir einigten uns auf das regionale Datum, was uns ein wenig mehr Zeit ließ, denn „der 6. Dezember nach dem hiesigen Kalender ist bei uns zwölf Tage später, also der 18. Dezember, wir haben so fast zwei Wochen mehr Zeit“, erklärte ich Halef, als wir uns auf den Weg zum Bahnhof machten.
Der Pfiff der Lokomotive riss mich aus meinen Erinnerungen. Der Zug nach Kutaissi war da.
Während wir einstiegen, beobachtete ich aufmerksam, aber unauffällig den Bahnsteig, Gerade als der Zug losfuhr, sprangen noch drei Gestalten auf den letzten Wagen auf, sie alle sahen Mister Brown verdächtig ähnlich. Sie trugen kleine Reisetaschen und auf dem Rücken jeweils ein Futteral, in dem gut eine Büchse Platz fand.
„Diese Begegnung war wohl kein Zufall“, raunte ich Halef zu, während wir uns setzten. „Wenn wir sie treffen, werden die Herren bestimmt so unauffällige Namen wie Black und White tragen.“
Halef stutzte kurz, dann lachte er auf.
„Sihdi, wir müssen auf der Hut sein. Und du hast wohl auch Recht, dass ich mich unauffälliger kleiden sollte. Wir müssen in Kutaissi ein Kleidungsgeschäft aufsuchen, und du musst mir dabei helfen, dass ich danach mehr wie ein Einheimischer aussehe.“
Ich musste lächeln.
„Das doch wohl nicht ganz. Ein wenig Extravaganz sei dir gestattet. Georgien ist groß, und das russische Zarenreich, zu dem es gehört, noch viel größer. Da gibt es viele Völker und Traditionen, und fast ein Zehntel der Bevölkerung sind sogar Muslime. Allerdings sind die über 90 Prozent, die orthodoxe Christen sind, auf diese häufig nicht gut zu sprechen, da deren Bekehrung vor allem aus der Zeit der osmanischen Herrschaft stammt, aus der sich Georgien ja mehr oder weniger unter den Schirm und Schutz des russischen Zaren geflüchtet hat.“
„Dann passt es ja“, meinte Halef, „dass wir mit Marah Durimeh an einer christlichen Stätte verabredet sind.“
Zweites Kapitel
Fasane und Rosen
„Sihdi, bist du sicher, dass es noch Sommer ist? Ich friere entsetzlich.“
Ich konnte Halef gut verstehen. Obwohl es Mitte August war und Kutaissi nur wenig mehr als 100 Meter über dem Meeresspiegel liegt, war es kurz vor Mitternacht an unserem erhöhten Standort empfindlich kalt, außerdem wehte über den Ukimerioni-Hügel, der über dem Fluss Rioni thront, ein scharfer Wind. Möglicherweise wirkte bei meinem arabischen Freund aber auch, dass er sich in seiner ungewohnten Kleidung noch nicht sonderlich wohlfühlte, obwohl er sie schon seit fast zwei Tagen trug.
Nach unserer Ankunft in der ältesten Stadt Georgiens und früheren Hauptstadt der Kolchis hatten wir zunächst ein Gasthaus in der Nähe des Bahnhofs aufgesucht, uns einquartiert und einen gemütlichen Abend gemacht. Am nächsten Morgen hatte der Wirt uns zur Tetri Chidi geschickt, der Weißen Brücke, um über diese den Rioni zu überqueren und in das Stadtviertel der Händler und Handwerker zu gelangen.
Es gab mehrere Kleiderhändler, sodass wir keine Probleme hatten, Halef und mich angemessen einzukleiden. Ich entschied mich für Kleidungsstücke, die mich an meine gewohnte Trapperkleidung erinnerten; Halef schloss sich mir an. Gleich mir trug er nun wildlederne Leggins und über einem Lederhemd eine vorne offene Lederweste mit mehreren praktischen Taschen und eine dicke Lederjacke. Weite Hosen waren ihm nicht nur unpraktisch erschienen, zudem war ihm eingefallen, dass Sultan Mahmud II. 1829 das Tragen von Pluderhosen als Bestandteil der bis dahin üblichen orientalischen Tracht untersagt hatte. Und da Kutaissi seit 1810 zum Russischen Zarenreich gehörte, das sich seit Kurzem wieder im Krieg mit dem Osmanischen Reich befand, wie uns der Kleiderhändler seufzend berichtet hatte – „Schon wieder! Der Krimkrieg ist doch gerade mal gut zwanzig Jahre her!“ –, wäre es wohl unklug gewesen, in einer alttürkischen Tracht herumzulaufen. Aus diesem Grund hatte sich Halef auch gegen einen Fes entschieden. Statt des breitkrempigen Lederhuts, den ich mir zugelegt hatte, zierte sein Haupt nun eine der hier typischen runden Filzmützen, wie bei vielen Georgiern. Das helle Ocker harmonierte gut mit den verschiedenen Brauntönen seiner Kleidung und der langen kräftigen Stiefel.
Nach dem Einkauf gönnten wir uns einen kleinen Mittagsimbiss in dem diesseitigen der beiden Lokale, die die Enden der Weißen Brücke markierten. Als wir gemütlich unseren Nalekiani Khava tranken, Kaffee, der nach türkischer Art in einer Metallkanne am Herd mit Zucker und Wasser aufgekocht worden war, ließ mich ein wiederholtes, lautes kuttuk kuttuk aufhorchen. Es kam von dem kleinen Hof zwischen Straße und Gasthaus, und ich sah einen farbenprächtigen Fasanenhahn seinen glänzenden Kopf ruckartig Richtung Hauswand strecken und dabei seinen Revierruf ausstoßen. Im nächsten Moment sah ich einen Schatten, der sich Richtung Haustür bewegte und dann in dem kleinen Vorraum des Gasthauses verschwand. Ich behielt die Tür zur Gaststube im Auge, doch es trat niemand ein. Halef war meinem Blick gefolgt.
„Sihdi, glaubst du, wir werden beobachtet?“
Ich nickte, hob meine Tasse, nahm langsam einen Schluck und tat so, als blickte ich ihn interessiert lauschend an. Aus dem Augenwinkel glaubte ich in dem Spiegel, der an der Garderobe am Ausgang hing, einen Mann zu sehen, den ich aufgrund seiner Silhouette für Brown oder einen seiner Gefährten hielt. Und tatsächlich sah ich ihn das Gasthaus verlassen und auf der anderen Straßenseite entlangschlendern, wie mir schien betont nonchalant, ohne einen Blick in unsere Richtung zu werfen.
„Dieser Brown ist wahrscheinlich nicht zufällig hier!“, mutmaßte Halef, nachdem ich ihn ins Bild gesetzt hatte. „Wie gut, dass dieser Fasan so einen Krach gemacht hat. Ich wusste gar nicht, dass es diese Vögel auch hier gibt.“
„Sie sind hier seit der Antike heimisch, und Jason hat sie angeblich nach dem Fluss hier benannt, der damals Phasis hieß, wie die Stadt, die wir heute Poti nennen. Sollen wir bei dem schönen Wetter einen kleinen Spaziergang durch die Stadt machen, um zu schauen, ob er uns wirklich folgt?“
Halef stimmte zu, und nachdem wir ausgetrunken hatten, schlenderten wir zunächst am Fluss entlang und bogen dann in eines der kleinen Gässchen ein, die uns auf der westlichen Seite des Rioni in die Händler- und Wohnviertel führten. Wir orientierten uns an den Ruinen der Bagrati-Kathedrale auf dem Ukimerioni-Hügel im Süden, zu denen wir später würden emporsteigen müssen, um die Nachricht von Marah Durimeh zu empfangen. Über Jahrhunderte war die 1003 vom georgischen König Bagrat III. erbaute Kirche eines der wichtigsten Gotteshäuser der orthodoxen Kirche gewesen; wir würden nur vor Ruinen stehen, denn 1692 war die Kathedrale von den Osmanen, die das Königreich Imeretien und dessen Hauptstadt Kutaissi überfallen hatten, gesprengt worden.
Um meinen Leserinnen und Lesern keinen falschen Eindruck zu vermitteln, möchte ich betonen, dass Kutaissi kein kleines Städtchen ist. Mit fast 30.000 Einwohnern hat die Stadt ungefähr die Größe von Bamberg, der von mir geliebten oberfränkischen Universitätsstadt, in der sich mein Verlag befindet und die aufzusuchen ich deshalb immer wieder das Vergnügen habe. Und wie Bamberg hat Kutaissi eine mittelalterliche Altstadt, in der wir uns nun bewegten und die nur wenige Quadratkilometer umfasst. Auch der Weg hinauf zur Kathedrale würde problemlos zu Fuß zu bewältigen sein; wenn auch ansteigend, so waren es doch nicht mehr als gute zwei Kilometer.
An diesem Nachmittag also schlenderten wir gemütlich durch enge Gässchen, in denen die meist zweistöckigen Häuser angenehmen Schatten warfen, bis wir uns vergewissert hatten, dass wir nicht verfolgt wurden, dann kehrten wir über die Rote Brücke zurück auf die Ostseite der Stadt. Wir bogen bald in die Tamar-Mepe-Straße ein, an deren Ende unser Gasthof lag. Als wir an einem schon etwas verfallenen kleinen Wohnhaus vorbeikamen, hörte ich aus einem offenen Fenster im ersten Stock vertraute Klänge: österreichisch gefärbtes Deutsch. Eine Frauenstimme deklamierte offensichtlich ein Gedicht, mit deutlichem Pathos. Ich blieb stehen und lauschte, Halef ging weiter und blickte sich dann erstaunt um. Ich gab ihm ein Zeichen, er möge auf mich warten und schweigen, und wies auf das Fenster. Was die Frau, die wohl eine geschulte Sprecherin war, rezitierte, kannte ich nicht, aber es faszinierte mich, und so nahm ich mein Notizbuch heraus, das ich, wie meine treuen Leserinnen und Leser wissen, wann immer möglich bei mir trage, und schrieb das Folgende mit:
„Die Chewsuren waren in der Schenke, im Kessel kochte der Met. Nun saßen sie auf dem Dach und schmausten, tranken den Met aus Schalen. Manche spielten das Panduri, andere sangen Gesänge gewaltiger Art und regten die Gefühle der Hörer mit Heldentaten an. Die Namen der Helden erwähnten sie mit Erregung in ihren Gedichten als Heilige. Die Alten rauchten die Pfeife, und Rauch umgab sie wie Nebel. Sie erzählten der Helden Taten und baten um Vergebung für sie. Die Jungen anzuspornen, erwähnten sie jene lobend.“
„Das Rauchen finde ich unpassend, liebste Bertha“, wurde die Deklamation von einer Männerstimme unterbrochen. „Du verwendest danach noch einmal das Wort Rauch. Was hältst du davon: Die Alten schmauchten die Pfeife, und Rauch umgab sie wie Nebel? Und vielleicht solltest du das Panduri erklären.“
Es war ein Moment Stille, dann hörten wir wieder die Frau:
„Das Schmauchen gefällt mir, mein Liebling, aber Panduri erkläre ich nicht, so wenig wie die Chewsuren – es sei denn, der Verleger ließe sich auf so etwas wie ein Glossar ein, ein Wörterverzeichnis, in dem dann beispielsweise zu den Chewsuren stünde: Bergvolk im Großen Kaukasus im Nordosten Georgiens, zu beiden Seiten des Kaukasus-Hauptkamms. Aber lass uns für heute das Übersetzen beenden, wir haben den ganzen Tag hart gearbeitet, lass uns zum gemütlichen Teil des Tages übergehen.“
Ich hatte gerade überlegt, diesem Paar einen Besuch abzustatten, aber der letzte Satz hielt mich davon ab. So packte ich mein Notizbuch weg und sagte zu Halef, während ich mit dem Kopf in Richtung unseres Gasthofs wies:
„Das sind interessante Landsleute, aber ich will sie heute Abend nicht mehr stören. Lass uns ins Gasthaus zurückkehren. Nachdem wir mit Marah Durimeh gesprochen haben und wissen, was sie von uns will, bleibt vielleicht die Zeit für einen Besuch, und da die beiden wohl schon länger hier leben, können sie uns vielleicht auch den einen oder anderen Ratschlag geben.“
Nach dem Abendessen unterhielten wir uns noch ein wenig darüber, was uns wohl am nächsten Tag erwarten würde. Ich zog das Schreiben von Marah Durimeh aus der Lederkapsel, in der ich es aufbewahrte, und las es noch einmal laut.
„Triff mich bitte in der Hauptstadt von Kolchis, der Stadt der Rosen und des Mai, am gekrönten Türmlein, wo die heilige Gottesgebärerin entschlafen ist, am Tag ihrer Aufnahme in den Himmel, wenn die Sext gebetet wird.“
„In Kutaissi sind wir, und dass wir zur Bagrati-Kathedrale müssen, ist auch klar“, meinte Halef. Wir hatten bereits herausgefunden, dass diese eigentlich ‚Kirche der Entschlafung der hochheiligen Gottesgebärerin‘ hieß, und bei unserem gestrigen Spaziergang auch das gekrönte Türmchen neben der Hauptruine gesehen, das der Zerstörung durch die Osmanen entgangen war und von dessen Spitzkuppel ein Kreuz emporragte. Halef fuhr fort: „Aber wann sollen wir dort sein? Das hast du mir noch nicht erklärt.“
Halef hatte Recht, darüber hatten wir noch nicht gesprochen. Ich erläuterte ihm:
„Sext ist eine Abkürzung für das lateinische sexta hora, die sechste Stunde. In der Antike hat man den Tag und die Nacht jeweils in zwölf Stunden eingeteilt, der Tag begann kurz vor Sonnenaufgang und endete kurz nach Sonnenuntergang. Die katholische Kirche hat das übernommen für ihre Gebetszeiten Prim, Terz, Sext und Non, benannte nach der ersten, dritten, sechsten und neunten Stunde des Tages. Marah Durimeh ist Christin und kennt diese Einteilung, mit Sext meint sie die Mittagsstunde.“
Ich sah, wie Halef kurz mit den Fingern nachrechnete, ehe er nickte.
„Das war klug von unserer Freundin, dass sie nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit auf eine Art verschlüsselt hat, dass sie sicher nicht jeder verstanden hätte, auch wenn die Nachricht in die falschen Hände gefallen wäre.“
Am nächsten Morgen stiegen wir nach einem ausgiebigen Frühstück den Ukimerioni-Hügel empor. Unsere Langwaffen hatten wir im Gasthof eingeschlossen; wir sahen keine Notwendigkeit, uns mehr als notwendig zu belasten. Die Sonne brannte vom Himmel, und der Weg war zwar nicht lang, doch steinig und führte stetig bergauf. Dabei begleitete uns ein Geruch, an den wir uns erst gewöhnen mussten: der eigentümliche, nicht unangenehme Duft von sonnengetrocknetem Büffelmist. In manchem Hof sahen wir Büffel als Zugtiere eingespannt, und auf einigen Wiesen grasten weibliche Büffel, die sowohl zur Milch- wie zur Fleischgewinnung gehalten wurden.
Die Kathedrale musste einst ein beeindruckendes Gebäude gewesen sein. Man konnte noch die ursprüngliche Dreikonchenanlage mit dem Kleeblattchor erahnen; von der großen zentralen Kuppel war natürlich nichts mehr zu sehen. Drei unterschiedlich hohe, turmartige Überreste ragten empor wie die letzten Zahnstümpfe im Kiefer eines alten Mannes, an ihren Wurzeln umwuchert von verwilderten Rosensträuchern, die viele Knospen und erste kleine Blüten trugen. Es waren wohl öfterblühende Rosensorten, deren zweite Blühperiode kurz bevorstand. Das „Türmlein“, wie Marah Durimeh es genannt hatte, ragte unbeschädigt seitlich von der ursprünglichen Kathedrale empor und wirkte aus der Nähe gar nicht mehr so klein; es erreichte sicher mehr als 20 Meter an Höhe.
Es waren nicht wenige Menschen hier oben, auch als Ruine hatte die Kathedrale offensichtlich Anziehungskraft als Sehenswürdigkeit. Während Halef sich im Schatten eines der hohen Ruinenteile niederließ, schlenderte ich ein wenig umher und versuchte, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Doch davon traf ich gar nicht so viele, hier waren mehr Russen als Georgier, vor allem Armeeangehörige, die am Schwarzen Meer, teils mit ihren Angehörigen, ihren Urlaub verbrachten. Von ihnen erfuhr ich, dass Zar Alexander II. Ende April Sultan Abdülhamid II. den Krieg erklärt hatte und deshalb seither in größerem Maße Wehrpflichtige eingezogen worden waren. Nun, nach drei Monaten, hatten die ersten Soldaten Fronturlaub. Für diese hatte die Kathedrale in der aktuellen Lage eine besondere Bedeutung, zeigte sie doch, zu was die Osmanen zumindest früher fähig und bereit gewesen waren, vor fast 200 Jahren – und deshalb wohl schickte die russische Regierung während des aktuellen osmanisch-russischen Krieges ihre Soldaten gerne im Fronturlaub hierher. Ich traf aber auch Geschäftsleute, die den schönen Sommertag zur Besichtigung nutzten; von ihnen erfuhr ich, dass die neue Bahnlinie schon zahlreiche Pläne angeregt habe; so wolle der Herzog von Oldenburg, ein Verwandter des russischen Zaren, in Kutaissi demnächst eine Sekt- und Branntweinfabrik errichten.
Nachdem ich festgestellt hatte, dass der unbeschädigte Turm zwar nicht so viel Aufmerksamkeit fand wie die Ruinenstümpfe, aber immer wieder von Neugierigen betreten wurde, schauten auch wir uns ihn gründlich an. Den würfelförmigen Unterbau von etwa fünf Metern im Quadrat betrat man durch einen Rundbogen, der sicher einmal mit einem zweiflügeligen Tor verschlossen gewesen war, wie die verosteten Angeln an den Wänden bewiesen. Der Raum unten, so hoch wie breit, war offensichtlich seit Langem unbenutzt und diente höchstens Tieren als Lager.
Über eine an einer Seite angelegte Steintreppe erreichten wir den etwas kleineren Würfelbau, der darüber lag und den wir durch eine etwa mannshohe gemauerte Türöffnung betraten. Die Treppe war breit genug, dass zwei Menschen aneinander vorbeigehen konnten, ganz eindeutig war der Turm nicht zur Verteidigung ausgelegt. Von dem oberen Stockwerk hatte es wohl mal eine Möglichkeit gegeben, auf die runde Plattform zu gelangen; durch die acht türähnlichen Öffnungen, deren Rundbogenabschluss sicher mehr als drei Meter über dem Boden lag, hatte man früher wahrscheinlich die Gegend im Auge behalten oder Signale verbreitet. Wir fanden keine Leiter oder dergleichen und verließen den Turm wie alle anderen Besucher deshalb wieder über die Treppe.
Wir zogen uns auf einen Beobachtungsposten seitlich der turmähnlichen Ruinen zurück und warteten auf die Mittagsstunde; hin und wieder fragten wir uns, wie Marah Durimeh uns hier, unter Beobachtung durch zahllose Menschen und im gleißenden Sonnenschein, eine Botschaft übermitteln wollte.
Ich war für einen Moment abgelenkt, als ich in der Menge einen der beiden Gefährten des ominösen Mister Brown zu erkennen glaubte, da stieß Halef mich mit dem Ellbogen an.
„Sihdi, sieh!“
Einen Moment zuvor hatte plötzlich eine kleine vollkommen schwarze Wolke die Sonne verdunkelt; sie warf einen scharfen Schatten genau auf die Wand des Turms, auf die Halef nun wies. Wahrscheinlich nur aus unserem Blickwinkel war zu erkennen, dass dieser Schatten eine bestimmte Form hatte, er zitterte zwar, doch konnte ich unschwer Buchstaben ausmachen: ein V, ein G und ein L. Dann verschwamm der Schatten, für einen kurzen Moment verwandelten sich die Buchstaben in MAT – und die Wolke löste sich auf.
Halef schaute mich aus aufgerissenen Augen an.
„Was sollte das, Sihdi?“
Ich grübelte einen Moment, dann nickte ich ihm zu.
„Lass uns einen Ort suchen, wo wir ungestört reden können.“
Und so saßen wir nun hier in der Kälte im Dunkeln, um kurz vor Mitternacht. Dem war des Nachmittags ein langes Gespräch mit Halef vorausgegangen; ihn zu überzeugen, sich hier des Nachts zu postieren, war nicht leicht gewesen.
„Ich habe es auch gesehen“, hatte er protestiert, als ich ihm erläutert hatte, dass und warum Marah Durimeh uns nun zur Mitternachtsstunde an diesen Ort bestellt hatte. „Wir haben doch alles richtig gemacht: Wir waren am richtigen Ort und zur richtigen Zeit, und ganz sicher auch am richtigen Tag, dem der Aufnahme von eurer Maria in den Himmel.“
Ich hatte mir eine kurze Zurückweisung nicht verkneifen können.
„Vergiss nicht, dass Mariam im Koran in mehreren Suren genannt wird und die 19. Sure sogar ihren Namen trägt; auch der Prophet hat sie als Mutter Jesu verehrt. Aber zugegeben, von einer Aufnahme in den Himmel spricht er nicht. Doch denke wieder an die Geheimhaltung und Verschlüsselung; offensichtlich befürchtet Marah Durimeh, dass uns jemand belauschen könnte, und ergreift deshalb diese Vorsichtsmaßnahmen.“
„Und du bist sicher, dass du die Hinweise richtig entschlüsselt hast?“
„Ziemlich sicher. Das VGL steht für Vigil, das ist die lateinische Bezeichnung für das Nachtgebet, und dieses wird auch Matutin genannt – das eine steht für Wachsamkeit, das andere für die morgendliche Stunde. Und beides beginnt um Mitternacht.“
„Na gut, dann werden wir im schlimmsten Fall eine schlaflose Nacht haben“, hatte Halef gegrummelt – und saß und fror nun neben mir. Es war kalt, denn der Himmel war unbewölkt, es war eine sternklare Nacht. Das matte Licht des Mondes, dessen dünne Sichel noch nicht einmal das erste Viertel erreicht hatte, ließ die zahnstumpfartigen Ruinen nur als düstere Silhouetten erscheinen, und wenn das Mondlicht für einen Moment seine Helligkeit veränderte – wahrscheinlich wegen einer für uns kaum sichtbaren Wolke, die vorbeizog –, schienen sich die Schatten zu bewegen. Für weniger gefestigte Männer, als wir es waren, oder Menschen, die an Geistererscheinungen glaubten, mochte diese Nacht über die Kälte hinaus noch ganz andere Schrecken bergen.
Wir beobachteten im Licht des Mondes den Turm, das „Türmlein“, wie Marah Durimeh es genannt hatte, hatten aber beide unsere Lichtquellen bereit: ich mein Fläschchen mit Öl und Phosphor, Halef seine Lichtkugel, für den Fall, dass die Nachricht unserer Freundin Beleuchtung nötig hätte. Wir unterhielten uns leise über die vergangenen Wochen und Monate, als ich mich plötzlich unterbrach und dann fortfuhr, als sei nichts gewesen:
„Ich glaube, wir werden beobachtet. Lass uns normal weiterreden, bis ich mich gleich kurz verabschiede, dann beobachte weiter den Turm.“ Ich reckte und streckte mich und sagte dann etwa lauter: „Ich muss mir ein wenig die Beine vertreten, mein guter Halef, und vor allem etwas loswerden.“ Dann erhob ich mich und ging langsam auf den rechten der Ruinenstümpfe zu, als wollte ich dahinter verschwinden.
Wer schon einige meiner Reiseberichte gelesen hat, kann sich wahrscheinlich denken, was meine Aufmerksamkeit erregt hatte: kein leises Geräusch, denn das hätten der scharfe Wind und auch unser Gespräch übertönt. Nein, es war ein leichtes, wie phosphoreszierendes Schimmern gewesen, im Gestrüpp zwischen dem mittleren und dem rechten Ruinenstumpf. Ich kenne außer mir nur wenige Menschen, deren Auge genug geübt und deren Erfahrung groß genug ist, dies auszumachen, und nur einen einzigen, der dann, ohne den Beobachter vorher zu warnen, diesen mit einem Schuss, dem Knieschuss, dem schwersten Schuss überhaupt, ausschalten kann. Nur bei meinen Lehrmeister Winnetou sah ich nie einen Fehlschuss, selbst unsere Freunde Old Surehand und Old Firehand fehlten dabei ab und zu. Ich selbst wende diesen Schuss nur in äußerster Bedrängnis an, widerstrebt es mir doch zutiefst, einen Menschen zu töten, wenn es andere Möglichkeiten gibt. Heute Abend aber hätte ich gar keine Möglichkeit dazu gehabt, befanden sich doch meine Gewehre gut verschlossen in unserem Zimmer im Gasthof. Ich musste also anders vorgehen.
Langsam verschwand ich rechts hinter der rechten Ruine und eilte dann, mich so lautlos wie möglich bewegend, an deren Rückseite in Richtung des Gebüschs, an dem ich den Beobachter vermutete. Und richtig, im schwachen Mondlicht kaum auszumachen, aber unverkennbar lag dort, auf die Ellbogen gestützt und den Oberkörper leicht erhoben – Mister Brown.
Ich schlich mich vorsichtig von hinten an und riss ihm mit einer einzigen scharfen Bewegung beide Arme nach hinten und ihn nach oben.
„Holla, Mister Brown!“, rief ich gleichzeitig so laut, dass Halef es hören musste. „Brauchen Sie wieder mal Feuer? Ich könnte Ihnen mit Phosphor aushelfen.“
Brown antwortete nicht. Ich zerrrte ihn zu Halef, der geistesgegenwärtig mein Phosphorlämpchen entfachte, indem er den Stöpsel öffnete, um den Sauerstoff der Luft eintreten zu lassen. Als er es wieder zumachte, gab es einen so hellen phosphoreszierenden Schein, dass wir gut die unbewegten Gesichtszüge unseres Besuchers erkennen konnten.
Dieser meldete sich nun zu Wort:
„Mister Nemsi – wenn das denn Ihr Name ist, was ich sehr bezweifle –, was gibt Ihnen das Recht, mich hinterrücks zu überfallen und festzuhalten?“
Ich ließ ihn nicht los, lockerte aber meinen Griff etwas.
„Mister Brown – wenn das denn Ihr Name ist, was ich sehr bezweifle –, was gibt Ihnen das Recht, uns zu verfolgen und heimtückisch zu belauschen?“
Brown lächelte kalt.
„Dies ist ein freies Land, wenn auch nicht vergleichbar mit meinen geliebten USA. Doch auch wenn hier ein Zar herrscht, kann sich jeder freie Mann frei bewegen, wo und wie es ihm gefällt. Und mir beliebt es, die Nacht und den Mondschein hier oben zu genießen.“
Ich ließ ihn los.
„Und mir beliebt es, beides hier oben in Ruhe mit meinem Freund genießen zu können. Seien Sie so freundlich, in Zukunft Ihr Vergnügen ein wenig abseits von uns beiden zu suchen, sonst könnte ich unfreundlich werden.“
Brown tippte an seinen Stetson.
„Nichts für ungut, Mister – Nemsi. Ich denke, wir sehen uns wieder.“ Absichtlich geräuschvoll machte er sich an den Abstieg.
„Sihdi, warum hast du ihn gehen lassen?“, fragte Halef mich vorwurfsvoll, als Brown außer Hörweite war.
„Wir haben kein Recht, ihn festzuhalten“, entgegnete ich. „Er hat nichts offensichtlich Unrechtes getan, und auch wenn wir vermuten, dass er uns beobachtet, bleibt uns nichts, als in Zukunft noch vorsichtiger zu sein. Und dabei wissen wir noch nicht einmal, warum wir hier sind!“
„Das wird sich hoffentlich bald ändern!“, meinte Halef, und dann machten wir uns daran, die Gegend gründlich zu durchsuchen; noch einmal wollten wir uns nicht so überraschen lassen! Außerdem wurde uns dabei warm.
Um Mitternacht saßen wir auf unseren Decken auf einem Mauerrest und beobachteten den Turm. Plötzlich erschien in der Türöffnung auf dem oberen würfelförmigen Stockwerk das leicht durchscheinende Abbild einer jungen Frau, wunderschön und mit langen schwarzen Haaren – Marah Durimeh, wie wir sie in der Geisterwelt kennengelernt hatten.
„Seid gegrüßt, meine Freunde!“, rief sie uns leise zu und winkte uns heran. Wir traten so nahe an den Turm, dass wir sie noch gut sehen konnten und sie zugleich nicht so laut reden musste. Mir fiel auf, dass sie ihr Erscheinungsbild so geschickt in der Türöffnung platziert hatte, dass sie wahrscheinlich von kaum jemandem gesehen werden konnte – wenn überhaupt jemand außer uns sie wahrnahm.
„Es freut mich, treuer Halef, dass du deinen Freund begleitest, auch wenn ich dich nicht darum gebeten habe. Das tat ich nicht etwa, weil ich an deiner Tapferkeit oder deinem Geschick zweifle, sondern weil ich dich nicht schon wieder deiner Familie entreißen wollte. Doch da dies dein freier Wille ist, seid ihr mir beide herzlich willkommen, um an die schwere Aufgabe zu gehen, die zu erledigen ich euch bitte. Setzt euch und lauscht meinen Worten.“
Wir folgten ihrer Bitte, unfähig, etwas zu sagen, und ließen uns nieder. Nun erst wurde mir bewusst, dass wir von einem zarten Rosenduft umgeben waren, lieblich und sanft. Ging er von der Erscheinung im Turm aus?
„Ihr habt einen weiten und schnellen Ritt hierher bewältigt, dafür danke ich euch. In der nächsten Zeit müsst ihr mit anderen Wegen rechnen: viel kürzer, doch viel langsamer und schwerer zu bewältigen. In den Höhen des Kaukasus, nahe der Quelle des Enguri, liegt die höchste dauerhaft bewohnte Siedlung in Europa: Uschguli, eine Gemeinschaft von vier Dörfern. Es sind nur wenige hundert Kilometer bis dorthin, doch herrscht dort oben in Swanetien schon der Winter, und die Enguri-Schlucht ist nur schwer begehbar. Dennoch ist dies euer Ziel. Denn dort irgendwo, unterhalb des Gletschers, dem der Enguri entfließt, und des bisher unbestiegenen Berges Schchara, des höchsten Berges Georgiens, in der Nähe der Besingi-Mauer, hat sich ein Riss aufgetan zwischen der Geisterwelt und der euren. Durch diesen Riss fließt zunehmend Energie ab, aus der Geisterwelt in die Berge des Kaukasus. Und dies ist kein natürliches Phänomen und keines, das von unserer Seite aus zu bekämpfen wäre. Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich ist, doch es ist ein Mensch, ein Mensch aus eurer Welt, der diesen Riss aufgetan hat und ihn beständig erweitert. Dazu nutzt er perfiderweise sowohl mechanische wie magische Mittel, auch moderne Technologie und Wissenschaft. Ich weiß nicht, wer er ist und ob er dies ohne böse Absicht tut oder um uns zu schaden, aber ich weiß eines: Das muss aufhören! Wenn sich die Entnahme von Energie in gleichem Maße steigert, wird es die Geisterwelt im neuen Jahr nicht mehr geben.“
Marah Durimeh schwieg einen Moment und ließ uns Zeit, diese Katastrophenbotschaft zu verarbeiten. Wenn ich in Halefs entsetztes Gesicht blickte, konnte ich mir ausmalen, wie das meine aussah. Marah Durimeh sprach leise und langsam weiter:
„Und nicht nur das. Es wird auch Auswirkungen in eurer Welt geben – nicht so gravierende, aber es werden seltsame Dinge geschehen, und die Natur wird unberechenbarer werden. Ihr seid unsere einzige Chance auf Rettung. Niemanden sonst aus eurer Welt konnte ich erreichen, der uns helfen könnte, niemand sonst kann den Ernst der Lage wie ihr begreifen, niemand sonst kann wie ihr dieser Bedrohung auf gleichwertige Weise begegnen, mit körperlicher Kraft wie mit den Waffen des Geistes, mit Magie wie moderner Technologie und Wissenschaft. Ich sehe nicht voraus, was euch erwartet, doch soviel sehe ich: Ihr werdet nicht alleine kämpfen müssen. Nehmt an Hilfe sowie freundlicher Unterstützung und Begleitung an, was sich euch bietet, ihr werdet es brauchen. Ich habe einiges vorbereitet, von dem ihr manches nützlich finden mögt, sofern ihr den Kampf mit den richtigen Menschen aufnehmt. Und du, Kara Ben Nemsi, der du hier bald wieder auch zu Old Shatterhand werden musst, wirst einen alten guten mächtigen Freund treffen, der deine Hilfe vielleicht genauso nötig haben wird wie du die seine – jeder auf seine Art. Geht mit meinem Segen und kämpft für uns! Rettet uns!“
Die Erscheinung verblasste, und im schwachen Schein, den sie ausstrahlte, und im sanften Licht des blassen Mondes sah ich, dass sämtliche Rosen auf dem Ukimerioni erblüht waren.
Drittes Kapitel
Ein unerwartetes Wiedersehen
Am nächsten Morgen fragten wir den Wirt nach dem besten Weg nach Uschguli. Er schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen.
„Meine Herren“, meinte er dann in dem dialektal gefärbten Russisch Imeretiens, „das können Sie nicht ernst meinen! Wir hier haben noch den schönsten Sommer, aber da oben, in den Bergen Swanetiens, ist es kalt und die Wege sind kaum passierbar, sind voller Eis und Schnee. Und dann die wilden Tiere: Wollen Sie sich von Bären, Tigern oder Wölfen fressen lassen oder von Wisentbullen aufspießen? Von hier aus machen sich nur Abenteurer oder Verrückte auf den Weg, oder Pelzhändler, wie dieser Kanadier, der manchmal zu Besuch kommt, oder Forscher, wie dieser Doktor, der am Gymnasium lehrt.“
Nachdem wir seinen Wortschwall unterbrochen hatten, ließen wir uns den Weg zum Gymnasium beschreiben; einen Versuch war es immerhin wert, bei jemandem Informationen einzuholen, der schon mal im Winter in den Bergen des Kaukasus gewesen war. Der erwähnte Kanadier war wohl derzeit unterwegs, kehrte aber, wie uns der Wirt erzählte, in letzter Zeit immer in einem der Nachbarhäuser ein, in der Tamar-Mepe-Straße 15, bei einem jungen fremdländischen Paar, das dort seit Kurzem wohnte. Das erinnerte mich daran, dass ich sowieso bei der Gedichteübersetzerin vorbeischauen wollte, es musste sich wohl um die weibliche Hälfte des erwähnten Paars handeln. Leider aber erfuhren wir von der Hausverwalterin, die im Erdgeschoss wohnte, dass die beiden jungen Leute – „ausgesprochen reizend und freundlich, und so nett zueinander, so verliebt“ – am Tag zuvor abgereist waren, um eine Freundin in Sugdidi zu treffen.
Auf dem Weg zum Gymnasium kamen wir an zwei kleinen Synagogen vorbei, die nebeneinander erbaut waren; ich fragte mich, ob die jüdische Gemeinde hier so gewachsen war, dass sie eine zweite Synagoge brauchte, oder ob es sich um die Gotteshäuser konkurrierender Richtungen des Judentums handelte, die es bei den Gläubigen dieser Religion ja ebenso gibt wie bei den abrahimitischen Schwesterreligionen Christentum und Islam. Im Gymnasium verwies man uns an den Biologie- und Erdkundelehrer Dr. Schiaschwili, einen jüngeren, athletisch gebauten Mann mit riesigen Händen und langem braunen Haar. In der großen Pause war er gerne bereit, uns einige Ratschläge zu geben, während er uns das, was er sagte, an einer Wandkarte verdeutlichte.
„Ich bin in den letzten Jahren einige Male in den swanetischen Bergen gewesen, auf privater Forschungsreise sozusagen. Ich baue bei uns eine Sammlung einheimischer Fauna und Flora auf. Unser Gymnasium ist die einzige höhere Schule in der Region. Seit seiner Gründung 1840 ist es auf Sprachen und humanistische Bildung spezialisiert, die Naturwissenschaften haben in den ersten Jahrzehnten keine große Rolle gespielt. Da mangelt es noch an manchem, und ich versuche das auszugleichen. Aber in dieser Jahreszeit eine solche Reise anzutreten, bedarf zumindest guter Vorbereitung, und Sie müssen ausdauernd und körperlich belastbar sein.“ Dr. Schiaschwili trat näher an die Karte heran.
„Es gibt prinzipiell zwei Strecken. Die kürzere führt direkt nach Norden durch das Tal des Zcheniszqali über Zqaltubo nach Zageri und dann nach Lentechi auf fast 800 Meter Höhe. Von da aus verläuft ein Pfad im Tal des Flusses Sescho bis zu seinem Zufluss oberhalb des letzten Dorfes im Tal. Der Weg ab da über den gut 2.600 Meter hohen Sagaropass ist je nach Schneeverhältnissen im Winter nicht begehbar, und der Winter beginnt dort meistens spätestens Anfang September.“ Der Biologe zeigte mit seinen großen Händen auf der Karte, dass auf diesem Weg fast nur Berge zu sehen waren.
„Ab dann wird es nicht leichter. Sie können es versuchen, aber Sie riskieren, dass Sie schon einige Tage verloren haben und dann umkehren müssen. Dazu kommt das Ausrüstungsproblem. Sie bekommen hier keine Winterausrüstung, und nur Zageri ist groß genug, dass Sie sich dort vielleicht damit eindecken können, es kann Ihnen aber passieren, dass dort nichts für Ihre Bedürfnisse vorrätig ist. Die anderen Dörfer auf dem Weg haben meistens weniger als hundert Einwohner. Kurz und gut: Von dieser Strecke rate ich Ihnen ab.“ Dr. Schiaschwili trat von der Karte zurück.
„Was empfehlen Sie uns stattdessen?“, fragte ich ihn. Er fuhr mit der Hand einen größeren Bogen, der von Kutaissi erst fast genau nach Westen führte, kurz vor Sugdidi nach Norden und dann Nordosten abbog und schließlich ostwärts nach Mestia führte; hier tippte der Biologe kurz auf den Namen der Stadt und fuhr dann mit dem Zeigefinger südöstlich nach Uschguli.
„Das sind zwar ein paar Kilometer mehr, knapp 300 gegenüber ungefähr 170 auf der anderen Strecke. Aber bis Mestia, das auf etwa 1.500 Meter Höhe liegt, können Sie gut zu Pferd reisen. Das letzte Stück werden Sie zu Fuß zurücklegen müssen, da wird es auch jetzt im Herbst da oben schon sehr schwierig. Sie sollten sich eine gute Winterausrüstung besorgen. Dazu werde ich Ihnen einen Händler in Sugdidi empfehlen, der gut und günstig ist und sich freuen wird, ausländische Kunden zu bedienen. Wenn Sie mit ihm über Ihre Erlebnisse plaudern, wird er Ihnen gerne mit dem Preis entgegenkommen.“
Er setzte sich an ein Schreibpult und verfasste ein Empfehlungsschreiben für uns. Ich fragte ihn, ob er uns einen Pferdehändler nennen könne.
„Leider nein“, meinte er. „Ich habe mein eigenes Pferd. Fragen Sie doch mal im Gasthaus nach, der Wirt kann Ihnen da sicher weiterhelfen.“
Wir bedankten uns herzlich bei dem hilfsbereiten Lehrer und versprachen ihm, auf dem Rückweg vorbeizuschauen und ihm von unserer Reise zu erzählen. Auf dem Weg zum Gasthof meinte Halef:
„Seltsam, er hat uns gar nicht gefragt, was wir da oben wollen, in diesem Bergdorf, diesem Uschguli.“
Ich nickte.
„Sicher war das nur Höflichkeit. Ich hatte schon den Eindruck, dass er vor Neugier beinahe geplatzt wäre. Aber die georgische Höflichkeit und Gastfreundschaft sind ja legendär, da wird der Gast nicht gedrängt.“
Halef sah mich mit einem seltsamen Blick von der Seite an.
„Ich dachte immer, die Gastfreundschaft der Beduinen sei legendär, und du hast sie doch oft in deinen Berichten gelobt, Sihdi.“
Ich musste schmunzeln.
„Ja, mein lieber Halef, die Gastfreunschaft der Araber ist groß und lobenswert, und ganz besonders die in den Zelten deines Stammes; aber darf es nicht auch andere Völker geben, die ein großes Herz und eine freigiebige Hand haben?“
Halef wiegte nachdenklich den Kopf.
„Ich werde mir die Sitten und Gebräuche der Georgier gründlich anschauen, und danach werde ich dir meine Entscheidung verkünden, Sihdi.“
Wir hatten inzwischen das Gasthaus erreicht und setzten uns zu einem kleinen Mittagsmahl in die Gaststube; als der Wirt als Nachtisch frische Früchte brachte, fragten wir ihn nach einem guten Pferdehändler.
„Ich kann euch den Hof von Grigol Matschotidse empfehlen, der verkauft Schafe und Pferde.“
„Von dem würde ich die Finger lassen“, ertönte da aus einer Ecke eine tiefe Bassstimme. Aus dem Schatten schob sich ein kleiner, aber umso gewichtigerer Mann mittleren Alters, der dort ruhig an einem Tisch gesessen und ebenfalls sein Mittagsmahl verspeist hatte. Er hatte eine prächtige dunkelblaue Tschocha an, den knielangen wollenen Mantel, der zur traditionellen männlichen Tracht der Georgier gehört. Der Mantel saß eng um seine umfangreiche Hüfte, wurde unterhalb der Gürtellinie weiter und war seitlich geschlitzt, über den Hüften wurde er von einem Ledergürtel mit silberner Schnalle zusammengehalten, der mit zahlreichen silbernen Weintrauben verziert war. Dieser Mann trug seinen Wohlstand offen zur Schau. Dazu passten auch das hellblaue, seidene, hochgeschlossen geknöpfte Hemd, ein sogenanntes Achaluchi, und die aus feinstem hellbraunen Leder gefertigten Scharwali, die Stiefelhosen, die in seine breiten Lederstiefel gesteckt waren. Auf dem Tisch sah ich einen traditionellen hohen Hut aus Schafsfell liegen, einen Papachi.
Der Mann deutete eine Verbeugung an; viel mehr war bei seinem Leibesumfang auch nicht möglich. Dabei lächelte er uns freundlich an, sein ganzes Gesicht strahlte regelrecht vor Gemütlichkeit.
„Gestatten die Herren, dass ich mich zu Ihnen setze?“, fragte er und rückte schon einen Stuhl an den Tisch.
Ich warf einen Blick auf unseren Wirt; dieser musste offensichtlich ein Schmunzeln unterdrücken, dann sagte er:
„Ich darf die Herren bekannt machen: Dies ist mein geschätzter Geschäftspartner und Weinlieferant, Ivane Gvenetadze, aus dem Dörfchen Simoneti, in dem er ganz in der Nähe einige der besten Weine ganz Georgiens anbaut. Und diese beiden Herren sind auf der Durchreise, links der Herr ist Ben Nemsi, neben ihm sitzt Halef Omar.“
Ich war bei meinem Kurznamen geblieben, den ich Mister Brown genannt hatte, und Halef hatte beschlossen, es mir gleichzutun; er verzichtete auf den Ehrentitel eines Hadschi, wollte er doch nicht sogleich als Moslem erkannt werden.
„Ja, wir in Georgien stellen die besten Weine der Welt her!“, behauptete Gvenetadze im Brustton der Überzeugung. „Schon vor 7.000 Jahren habe unsere Vorfahren hier Wein angebaut, in der Wiege des Weinbaus. Das antike Kolchis war berühmt für seine Reben, und das Wort Vino geht auf das georgische Ghwino zurück. Aber – Sie interessieren sich für Pferde. Da empfehle ich Ihnen einen Bekannten, der sich nur auf die Pferdezucht spezialisiert hat, anders als dieser Matschotidse, der mit allem handelt, was vier Beine hat.“
Ohne dazu aufgefordert worden zu sein, hatte der Wirt inzwischen einen Krug und drei Becher auf unseren Tisch gestellt und schenkte nun ein.
„Der Hauswein, den mir Herr Gvenetadze liefert, der Krug geht auf Kosten des Hauses.“
Halef lehnte ab; ihm verboten die Regeln seiner Religion den Weingenuss. Weder er noch der Wirt gingen auf den Grund seiner Ablehnung ein, stattdessen empfahl ihm Gvenetadze den Saft aus derselben Traube, den Halef, mit frischem Wasser vermischt, ausgesprochen köstlich fand. Ich empfand den leichten kühlen Weißwein, spritzig, säurebetont und mit einem feinen Aroma nach Äpfeln, als in der Sommerhitze ausgesprochen erfrischend.
„Diese Traube gibt es nur bei uns in Imeretien“, erklärte der Weinlieferant, nachdem ich ihm anerkennend zugenickt hatte. „Chanti wird sie genannt oder auch Tsistka und Tsitsiko. Sie ist mein Hauptertragsbringer. Doch zurück zu den Pferden. Mein Freund Dawit Tscheidse züchtet Kabardiner, wie schon sein Vater und sein Großvater vor ihm. Sie haben ihren Namen von den Kabardinern, einem Stamm der Tscherkessen. Diese Gebirgspferde werden im ganzen Kaukasus geschätzt wegen ihrer Trittsicherheit, Ausdauer, Nervenstärke und ihrem Orientierungssinn selbst in schwierigstem Gelände; ich kenne Jäger und Hirten, die sie noch auf 3.000 Metern Höhe reiten.“ Gvenetadze hielt inne und spreizte die Hände. „Ich klinge schon wie ein Verkäufer für meinen Freund, verzeihen Sie. Es ist nur so, dass ich von diesen Tieren begeistert bin, ich habe selber mehrere dieser Pferde.“ Und mit einem Schmunzeln setzte er hinzu: „Sie tragen – und ertragen – sogar mich. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie nach dem Genuss dieses vorzüglichen Weines und vielleicht eines Kaffees, den uns unser freundlicher Wirt sicher zubereiten wird.“
Die Zucht von Dawit Tscheidse lag natürlich außerhalb der Stadt, aber er unterhielt Stallungen in der Nähe eines Parks, der früher die königlichen Gärten gewesen war. Gvenetadze ging direkt mit uns in Tscheidses Kontor und stellte uns ihm vor. Tscheidse war ein Mann in den Fünfzigern, der sich körperlich hervorragend gehalten hatte; sein drahtiger Körper zeugte von verdeckter Kraft, und trotz seiner herben Gesichtszüge machte er einen freundlichen Eindruck.
„Ich hoffe, ich habe noch, was Sie suchen“, meinte er, nachdem wir ihm unsere Wünsche nach je zwei Reit- und Packpferden geschildert hatten. „In den Ställen sind gerade zwei Damen, die denselben Wunsch geäußert haben. Ich sollte aber genügend Pferde hier haben.“
Wir folgten ihm zu den Stallungen, als wir plötzlich eine Stimme vernahmen, die ich überall und jederzeit wiedererkannt hätte. Dieses charakteristische wellenartige Auf- und Abhüpfen, von hoch zu tief – Halef und ich verharrten im Gleichklang im Schritt und wandten uns Tscheidse zu.
„Lady Lindsay?“, fragte ich ihn. Aber ehe er nicken konnte, war mir klar, dass es nur unsere Freundin Annabelle Boudicca Lindsay sein konnte, von ihren Bekannten Ann genannt, die Nichte unseres alten Weggefährten Sir David Lindsay.
„Denk an heute Nacht“, flüsterte Halef mir auf Arabisch zu, „an das, was uns die Vision gesagt hat. Das kann kein Zufall sein.“
Ich nickte, mir war soeben der gleiche Gedanke gekommen. „Nehmt an Hilfe an sowie freundlicher Unterstützung und Begleitung an, was sich euch bietet, ihr werdet es brauchen“, hatte Marah Durimeh gesagt. Dass Halef ihren Namen nicht erwähnt hatte, zeigte mir, dass er nicht nur unsere Aufgabe sehr ernst nahm, sondern auch überaus vorsichtig und bedachtsam zu Werke ging.
Eine weitere weibliche Stimme war zu vernehmen, tief und rauchig.
„Lady Lindsay und Miss Nelson aus Kanada“, erläuterte Tscheidse. „Sie kaufen Pferde für eine Reise nach Swanetien. Und die Kanadierin kennst du ja“, setzte er, zu Gvenetadze gewandt, hinzu und erklärte uns: „Sie ist hier, um die Geschichte des georgischen Weinbaus zu studieren.“
In diesem Moment traten zwei junge Damen aus dem Stall, gefolgt von zwei Männern, die vier Pferde am Zügel führten.
„Mister Kara!“ hörte ich die vertraute Stimme, und direkt danach, im bekannten Auf und Ab: „Und Hadschihalefomar!“
Und schon kam Ann wie ein Wirbelwind auf uns zugerannt, hätte sich mir beinahe in die Arme geworfen, ehe ihr einfiel, dass sich dies für eine junge adelige Dame nicht schickte; kurz vor mir kam sie zum Halt und reichte mir elegant ihre schmale Hand, im vertrauten Handschuh aus hellbraunem Glacéleder. Ich ergriff sie und sah Ann in die Augen.
„Ein unerwartetes, aber nichtsdestotrotz sehr erfreuliches Wiedersehen!“, während ich dachte, dass es das wohl gewesen war mit unserem leichten Inkognito, dies sah ich sowohl dem Pferde- wie dem Weinhändler an.
Ann wandte sich nun Halef zu, nach einem kurzen Zögern reichte sie auch ihm die Hand und sagte auf Arabisch:
„Salamaleikum, mein guter Freund. Wie geht es der Lichtkugel? Onkel Daffy hat mir geschrieben, dass du damit einen Dämon vertrieben hast.“
Halef presste die Lippen zusammen, dann erwiderte er:
„Der Dämon hat die Kugel sogar verschluckt und dann wieder ausgespuckt. Und das ist ihr irgendwie nicht bekommen. Sie ist etwas angeschlagen, braucht manchmal ein wenig, bis sie leuchtet, dann flackert sie ab und zu und sie ist früher erschöpft. Aber bitte lasst uns hier aufpassen, was wir sagen.“
Sie stutzte, dann nickte sie ernst.
„Ich freue mich so, Sie zu sehen“, fuhr sie auf Englisch fort. „Aber lassen Sie mich Ihnen, ehe wir darüber reden, was uns hier zusammengeführt hat, meine Begleiterin vorstellen.“
Auch wenn ihre Redeweise noch immer exaltiert und die Intonation gewöhnungsbedüftig war, schien Lady Ann in den vergangenen Monaten gereift zu sein, wirkte auf mich eher wie eine junge Dame als wie ein dem Internat entlaufenes Mädchen. Ob ihre Begleiterin damit etwas zu tun hatte? Während diese nähertrat und dabei zu meinem Erstaunen Ivane Gvenetadze freundlich zunickte, hatte ich Zeit, sie zu beobachten. Sie war wie Ann etwa 20 Jahre alt, eine hochgewachsene junge Frau ohne auffallende Merkmale, sah man von dem Kontrast zwischen dem hochgesteckten tiefschwarzen Haar und den strahlend blauen Augen ab. Nicht nur darin und bei der Körpergröße war sie fast ein Gegensatz zu Lady Lindsay mit ihrem unauffällig braunen Haar und ihren grauen Augen, die zwar schlank war, bei der aber insgesamt doch alles einen eher gemütlichen Eindruck hinterließ. Nicht größer als Halef, wirkte Ann durch das runde Gesicht mit der kleinen runden Nase und dem runden Kinn jünger, als sie war – was ihr sicher zugutekam, wenn man sie deshalb unterschätzte –, bis sie ihre kräftigen Zähne zeigte. Ich unterbrach diesen etwas despektierlichen Gedankengang und widmete meine Aufmerksamkeit wieder Miss Nelson, die nun vor uns stand und mich beinahe überragte. Was an Ann rund wirkte, war an ihr eher kantig – nein, herb war vielleicht der richtige Ausdruck, ein Gesicht mit Charakter, mit eckigem Kinn und langer schmaler Nase, keine Schönheit im landläufigen Sinn, aber durchaus gutaussehend.
„Miss Sofie Nelson“, stellte Ann vor. „Sie stammt aus Montréal in Québec – das liegt in Kanada – und ist meine Begleiterin auf der Expedition, die ich heute beginne. Dabei verfolgt sie durchaus auch eigene Ziele, die wir sicher später besprechen werden.“
Ann hatte wohl bemerkt, dass wir vorsichtig waren in unseren Äußerungen, und hielt es nun genauso. Sofie Nelson reichte Halef und mir jeweils die Hand, dann sagte sie mit ihrer erstaunlich tiefen Stimme, die in mir sofort den Wunsch erweckte, sie singen zu hören:
„Es freut mich, die zwei tapferen Männer kennenzulernen, von denen mir Ann so viel erzählt hat. Und Sie, Mister Nemsi, sind mir auch aus Erzählungen eines guten Freundes und Lehrmeisters vertraut, der mir von Ihren Abenteuern in den Prärien und Bergen unseres Nachbarlandes erzählt und Sie mir stets als leuchtendes Vorbild dargestellt hat.“
Ich hatte so etwas kommen sehen, seit Marah Durimeh mir vorhergesagt hatte, dass ich hier auch wieder zu Old Shatterhand werden müsste. Ich fragte mich, wen ich wohl treffen würde von meinen alten Freunden. Und Sofie fragte ich:
„Kenne ich diesen Herrn vielleicht?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wahrscheinlich nicht. Er heißt Hartmann, Johann Friedrich Hartmann, kommt ursprünglich aus der Nähe von New York, hat aber mehrere Jahre in der Heimat seiner Vorfahren, in der Pfalz, in Deutschland, verbracht und lebte 25 Jahre bei uns in Québec, als Scout und Trapper. Er war mein Musik- und Sprachenlehrer. Vor fünf Jahren ist er nach Georgien gezogen. Ich hoffe ihn bald zu treffen, wir erwarten uns von ihm Hinweise und Unterstützung bei unserer Reise in die Berge.“
Das wurde ja immer seltsamer. Schon wieder wurde uns indirekt Unterstützung zugesagt. Sollte ich ihn doch kennen, vielleicht unter anderem Namen? Das glaubte ich nicht; der einzige Mann, den ich kannte, der meines Wissens Deutschland 1848 aus politischen Gründen hatte verlassen müssen, war in Deutschland Oberförster gewesen und lebte jetzt, nach dem Auskurieren einer schweren Verletzung, bei seinem Sohn in St. Louis im Ruhestand. Wer auch immer der mir verheißene Freund sein sollte: Ich hatte den Verdacht, dass Marah Durimeh mehr von der Geisterwelt aus bewegen oder zumindest anstoßen konnte, als sie uns erzählt hatte. Mir sollte das recht sein – einem geschenkten Gaul … Das brachte mich auf den Zweck unseres Besuchs zurück.
„Wir brauchen noch Pferde“, sagte ich zu Dawit Tscheidse. „So sehr ich die beiden Damen schätze, hoffe ich doch sehr, dass für uns noch gute Tiere übrig sind.“
Tscheidse zeigte zu den vier Pferden, die Ann und Sofie erworben hatten.
„Ich habe ihnen meine besten Pferde vorgestellt, vor allem, weil mir Miss Nelson eine Empfehlung meines Freundes Gvenetadze überbracht hat.“
Ich schaute fragend zu dem Weinhändler, der mir lächelnd zunickte.
„Ich kenne Sofie, seit ich vor fünf Jahren ein paar Wochen auf dem Weingut ihres Vaters zubrachte, um von dort neue Reben in unser Land zu bringen. Ich bin sicher nicht unschuldig an ihrer Reise jetzt, und ich war es auch, der Hartmann überredete, sein Glück als Lehrer und Pelzhändler in Georgien zu suchen.“
Tscheidse winkte uns und ging voran Richtung Ställe.
„Die Damen haben sich für kleinere Pferde entschieden und zudem wohl auf eine einheitliche Fellfärbung geachtet, einige meiner besten Tiere stehen noch im Stall.“
Nun erst fiel mir auf, dass die Pferde farblich wirklich gut zueinanderpassten, ihr Fell zeigte das gleiche Mittelbraun, und alle vier Stuten hatten das gleiche Stockmaß von etwa anderthalb Meter.
Während wir an den Frauen vorbeigingen, fragte ich Ann:
„Warten Sie auf uns? Wir können uns nach unserem Kauf zusammensetzen und reden.“
Sie schwang sich in den Sattel eines der Pferde.
„Wir machen uns ein wenig mit unseren Reittieren vertraut und bleiben in der Nähe.“
Im Stall fiel mir sofort ein großer Rapphengst ins Auge. Tscheidse folgte meinem Blick und sagte:
„Rappen sind bei den Kabardinern nicht sehr häufig, seltener sind nur noch Schimmel. Dies ist mein Paradepferd. Er heißt Samtari, Winter, weil er im tiefsten Winter zur Welt gekommen ist und schon als junges Fohlen nicht genug von Schnee und Eis und Bergen bekommen konnte. Ein besseres Pferd habe ich noch nie gehabt.“
Ich nickte begeistert, mein Entschluss stand schon fest. Tscheidse zögerte.
„Mit den Damen habe ich ausgehandelt, dass sie mir den Kaufpreis noch heute vorbeibringen, ich ihnen aber die Pferde, falls sie auf dem Rückweg hier vorbeikommen, wieder abkaufen werde, abzüglich einer Mietrate von 15 Prozent je Monat, falls sie sie nicht mitnehmen werden. Ich sähe es ungern, wenn meine Tiere bei einem anderen Händler der Gegend landen würden. Können wir uns auf die gleichen Bedingungen einigen? Besonders Samtari hätte ich gerne wieder hier – es sei denn, Sie wollen ihn behalten.“
Ich machte ein ernstes Gesicht. „Zehn Prozent“, sagte ich dann.
„Wie bitte?“, fragte Tscheidse verblüfft.
„Zehn Prozent pro Monat, dann kommen wir ins Geschäft. – Nein“, lachte ich, „das war ein Scherz, selbstverständlich bin ich einverstanden. Und ich glaube nicht, dass ich Samtari behalten werde, egal, als wie zuverlässig und gut er sich herausstellt, denn ich habe sowohl in Arabien wie in Amerika jeweils einen wunderbaren Rappen, und beide möchte ich gegen kein anderes Pferd eintauschen.“
Halef trat zu uns heran; er hatte das Gespräch mitbekommen, aber sich davon nicht abhalten lassen, drei Pferde auszusuchen, auf die er nun zeigte, sodass auch Tscheidse seine Auswahl mitbekam.
„Sihdi, diesen schwarzbraunen Wallach dort, der nicht höher ist als die Stuten der Frauen, möchte ich reiten. Und die beiden etwas größeren dunkelbraunen Wallache sollen unsere Packpferde sein; so können wir, wenn wir zusammen reisen, die Tiere auch immer gut auseinanderhalten.“
Ich nickte Halef zu, mit seiner Wahl war ich sehr einverstanden.
Es dauerte noch einige Zeit, bis wir das Geschäftliche erledigt hatten, dann verabschiedeten wir uns herzlich von den beiden Georgiern. Mit Ivane Gvenetadze verabredeten wir uns für den nächsten Morgen in unserem Gasthaus, um noch einmal Informationen, Pläne und Adressen auszutauschen, dann ritten wir vier mit den acht Pferden hinauf zur Bagrati-Kathedrale. Es war noch früh am Nachmittag, der Sommertag erträglich warm, es wehte ein laues Lüftchen, und so hatten wir beschlossen, dass wir uns auf dem Ukimerioni ein ungestörtes Plätzchen suchen wollten, wo wir unbeobachtet und unbelauscht über unsere Pläne reden konnten.
Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Kleidergeschäft vorbei, vor dem an Holzständern verschiedene Tschochas in kräftigen Farben hingen.
„Sihdi“, meinte Halef und zügelte seinen Schwarzbraunen, „auch wenn wir die Winterausrüstung erst später beschaffen, kalt wird es ja jetzt auch schon, besonders in der Nacht. Wäre es nicht schön, wenn wir alle solche herrlichen Mäntel besäßen?“
Der Ladenbesitzer hatte gesehen, dass wir angehalten hatten.
„Wunderschöne Mäntel!“, sprach er uns an. „Und nicht nur für die Herren, ich habe auch sehr schöne Frauenmäntel im gleichen Stil, Tscherkeskas aus dem hohen Kaukasus.“
Die beiden Frauen brauchten nicht lange überredet zu werden, und als wir den Laden verließen, fühlten wir uns nicht nur wie georgische Edle, sondern sahen ein wenig auch so aus. Ich hatte mir eine kaukasische Tschocha zugelegt, eine Tscherkeska aus dickem braunen Wollstoff, der gut mit meiner Lederkleidung harmonierte. Besonders praktisch fand ich die dekorativen großen Patronentaschen, von denen auf jeder Brustseite neun Stück aufgenäht waren, und mir gefielen die aufgestickten weißen Verzierungen darunter, die stilisierte Berggipfel darstellten. Der Schnitt einer Tschocha ist eng in der Hüfte und wird unterhalb der Gürtellinie weiter, dies soll, wie uns der Händler erklärte, die männliche Gestalt betonen. Bei dem Weinhändler war mir dies gar nicht so aufgefallen … Normalerweise gehört zu der kaukasischen Tracht ein Ledergürtel mit silberner Schnalle, oft wie bei Gvenetadze stark mit Silber verziert. Darauf aber verzichtete ich, ich hatte schließlich meinen guten, alten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel, der nicht nur rundum mit Patronen gefüllt war, sondern an dem ich in mehreren Lederbeuteln, was ich brauchte, stets griffbereit hatte. Und durch die beiden Schlitze, die jede Tschocha unterhalb der Hüften aufwies, konnte ich problemlos an Dinge gelangen, die ich darunter verborgen trug, wie etwa im Moment meine beiden Revolver und das Bowiemesser.
Halef hingegen hatte nicht widerstehen können. Stolz trug er über einer dunkelroten Tscherkeska mit goldbestickten Patronentaschen einen hellbraunen breiten Ledergürtel mit einer Silberschnalle in Form eines Tigerkopfes, verziert mit mehreren silbernen Schmuckmünzen, die verschiedene Tiere zeigten.
„Das war der Gürtel eines unserer erfogreichsten Jäger, er hat ihn anfertigen lassen, nachdem er in Swanetien, oben in den Bergen, einen kaspischen Tiger erlegt hat; damals gab es noch mehr davon“, hatte uns der Händler erklärt. „Sein Sohn hat ihn mir nach seinem tragischen Tod verkauft, hier will ihn niemand haben.“
Ich hatte nachgehakt: „Tragischer Tod?“
Der Händler hatte mit den Schultern gezuckt.
„Man soll das Schicksal eben nicht herausfordern. Angeblich ist er zwei Jahre später dem Sohn der Tigerin begegnet, das hat er zumindest behauptet, bevor er hier schwerverletzt gestorben ist. Aber vielleicht war das im Fieberwahn, er hat nämlich auch erzählt, dieser Tiger wäre nicht nur riesig, sondern auch weiß gewesen. Und von einem weißen Tiger hat hier noch niemand gehört.“
Ich hatte geschwiegen; ich wusste, dass es in Indien vereinzelt weiße Königstiger gab, Halbalbinos mit blauen statt roten Augen. Und angeblich hatte vor ein paar Jahren ein Zirkusdirektor einen ‚Schneetiger‘ gezüchtet, indem er einen weißen Bengaltiger mit einem sibirischen Tiger gekreuzt hatte, aber dies war wahrscheinlich eine Zeitungsente gewesen. Halef war auf jeden Fall von dem Gürtel fasziniert gewesen und schnell darüber handelseinig geworden.
Den beiden Frauen, die im Moment vor uns herritten, standen ihre Tschochas auch hervorragend. Beide trugen darunter ähnliche Kleidung, nur sah die von Ann edler aus. Die stabilen Hemden aus ungefärbter Baumwolle, die Lederwesten und -jacken konnte man unter dem V-Ausschnitt der Tschochas erkennen. An ihre schmalen Gürtel, die die in die geschnürten Stiefel gestopften Hosen hielten, konnten sie leicht durch die Seitenschlitze ihrer Tschochas gelangen, die keine Patronentaschen hatten.
Die Tschocha von Ann war ganz in Blau gehalten, bestand aus sehr fein verarbeiteter Wolle und wurde durch ein paar zierliche rote Stickereien in Brusthöhe veredelt, dazu hatte Ann sich einen schmalen Gürtel aus roter Seide mit Goldstickereien gekauft, der mehr gekostet hatte als Halefs und mein Mantel zusammen und angeblich aus China importiert worden war – was ich gerne bereit war, zu glauben. Manchmal konnte (oder wollte) Lady Lindsay doch nicht verbergen, aus welcher Schicht und welchen Vermögensverhältnissen sie stammte. Solange uns dies keine Schwierigkeiten bereitete, gönnte ich es ihr; vielleicht erinnerte sie die Farbgebung ihrer Obergewandung an die Flagge ihres Heimatlandes.
Möglicherweise hatte sich auch Sofie an ihrer heimatlichen Flagge orientiert: Ihre Tschocha war zwar dunkelrot, kam aber damit der Nationalfarbe Kanadas doch ziemlich nahe. Einen Gürtel trug Sofie dazu nicht, er war ja auch nicht nötig, bei Ann war er vor allem Zierrat. Und so ähnlich die beiden Frauen auch gekleidet waren, konnte ein geschultes Auge doch einen deutlichen Unterschied in der Qualität feststellen. Ann bevorzugte hellbraunes Ziegenleder: Glacéleder bei ihren Handschuhen, der Hose und der Weste, robustes Chevreauleder für ihre Jacke und ihre hochwertigen Stiefel. Sofie hingegen trug Weste, Jacke, Hose und Stiefel aus dunkelbraunem Wildleder, das robuster und weitaus weniger teuer aussah. Allerdings stammte es von der Haut eines kurz vor ihrer Abreise von ihr selbst erlegten kanadischen Elks, also eines Wapitihirschs, wie sie mir im Kleiderladen kurz erläutert hatte, und das machte für mich als Jäger ihre Kleidung mindestens genauso wertvoll. Ich war gespannt auf ihre Waffe, hatten die beiden Frauen doch wie wir ihre Langwaffen in den Zimmern gelassen. Anns kurzläufige Schrotflinte, von ihr Godiva genannt, kannte ich ja bereits, aber Sofie hatte sicher ein für die Jagd besser geeignetes Gewehr.
Viertes Kapitel
Gräber und Türme
Auf dem Ukimerioni war weitaus weniger los als am Vortag.
„Vielleicht, weil gestern dieser besondere Feiertag von Maria war?“, meinte Halef, und ich nickte.
So war es leicht, abseits der Ruine ein ungestörtes Plätzchen zu finden, wo wir alles um uns herum im Blick behalten und uns ungestört und unbelauscht austauschen und planen konnten.
Bevor Halef und ich den beiden Frauen von Marah Durimeh und unserem Auftrag erzählten, wollten wir wissen, was wir von Sofie Nelson zu halten hatten. Ann Lindsay war uns als Gefährtin natürlich jederzeit willkommen; wir konnten ihr bedingungslos vertrauen, nicht nur, weil sie die Nichte unseres Freundes Sir David Lindsay war, sondern auch weil sie schon mit uns als Kampfgefährtin in der Geisterwelt gegen Feinde gestritten hatte, von deren Existenz die meisten Menschen nicht einmal etwas ahnten. Zudem kannte sie sich mit Spiritismus aus, zumindest, wie er in Großbritannien verstanden wurde, wie sie mir vor unserem Abenteuer in der Geisterwelt erzählt hatte. Ihre Eltern waren Spiritisten und hatten vieles gelesen, was zu dem Thema veröffentlicht worden war. Nichts davon hatte ihr in der Geisterwelt genützt, aber ihre Unvoreingenommenheit hatte ihr den Zugang zu den seltsamen Phänomenen dort sehr erleichtert; sie hatte agiert, ohne viel zu fragen. Darin hatte sie es sogar leichter als ich, wie ich einräumen muss, trug ich doch trotz all der wundersamen Erlebnisse der letzten Jahre immer noch ein gehöriges Stück Skepsis mit mir herum. Die prinzipielle Existenz von Magie und gewissen übernatürlichen Kräften konnte ich so wenig leugnen wie ihre Wirkungen, doch über ihre Grundlagen, ihre Mechanismen und auch ihre jeweilige moralische Berechtigung war ich noch lange nicht mit mir im Reinen. Marah Durimeh jedoch vertraute ich bedingungslos, und so war ich bereit, mich mit Haut und Haaren dieser Aufgabe zu verschreiben. Wie aber würde das bei Sofie Nelson aussehen? Auf mich machte sie ganz den Eindruck einer bodenständigen, der Realität zugeneigten Person.
So grübelte ich, während wir unsere Decken und darauf die unterwegs für ein kleines Picknick erworbenen Köstlichkeiten ausbreiteten: Chatschapuri, das sind in Imeretien runde überbackene Käsebrote, Chinkali, Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen aus Hackfleisch und Käse, dazu Trauben, Äpfel und Birnen und zwei Flaschen des köstlichen leichten Weines, den ich am Mittag im Gasthaus kennengelernt hatte, sowie eine Flasche Traubensaft für Halef.
Ann hatte mir wohl angesehen, dass ich mich mit schweren Gedanken trug, ließ sich mit Vehemenz und Eleganz auf einer der Decken nieder, schlug mit der Hand neben sich auf den Boden und rief: „Na los, setzen Sie sich zu mir, Mister Kara, es ist Zeit zum Picknicken, und danach erst wird sich Problemen gewidmet. Solange kann Sofie ein wenig über sich erzählen, wir anderen kennen uns ja schon ganz gut.“
Ich war überrascht, wie feinfühlig Ann reagiert hatte; wieder überlegte ich, dass sie wohl während unserer Trennung sehr an Reife gewonnen hatte, und fragte mich, auf was für einer ‚Expedition‘ sie wohl war.
Während ich mich – weitaus weniger elegant – niederließ, fragte Sofie mich:
„Wie soll ich Sie ansprechen? Ist es Ihnen recht, wenn ich Sie wie Ann Mister Kara nenne?“
Ich nickte.
„Gerne, wenn ich Sie Sofie nennen darf.“
Nun ließ sich Halef vernehmen:
„Und ich bin einfach Halef für alle und möchte weiter Sihdi zu dir sagen, Sihdi.“
Ich musste lachen.
„Du darfst mich gerne immer so nennen, wie du willst, mein lieber Halef.“
Solange wir uns dem Picknick widmeten, erzählte Sofie von sich und ihren Zielen. Sie war vor 19 Jahren in Québec geboren als einziges Kind des vermögenden Winzers und Weingroßhändlers Frederic Victor Nelson und zweisprachig aufgewachsen, mit Englisch und Französisch. Ihr Vater war nicht nur sehr belesen, sondern auch weit herumgekommen; bei seinen vielen Reisen nach China, Afrika und Europa war er stets von einem Freund und Leibwächter begleitet worden, dem schon erwähnten Johann Friedrich Hartmann. Nach Sofies Geburt hatte er das Reisen eingestellt; Hartmann, diente ihm als Scout und Trapper und zunehmend auch als Sofies Sprach- und Musiklehrer angestellt. Die von ihrem Vater geerbten Eigenschaften, eine enorme Wissbegierigkeit und Lesefreude gepaart mit Abenteuerlust und Reisefreudigkeit, wurden durch Hartmann wohl noch verstärkt.
„Ich habe alles gelesen, was mir an Abenteuerliteratur in die Hände fiel, von der Odyssee bis zu Daniel Defoes Robinson Crusoe und natürlich Alexandre Dumas’ Der Graf von Monte Christo. Besonders haben mir die Lederstrumpfgeschichten von Cooper gefallen, zu denen Onkel Johann ein besonderes Verhältnis hat, hinter das ich jedoch noch nicht gekommen bin. Ich lese auch gerne Bücher über moderne Erfindungen oder die Zukunft wie die von Jules Verne. Und als er mir Deutsch beigebracht hat, hat Onkel Johann mich die Amerikaromane von Friedrich Gerstäcker lesen lassen, wie Die Regulatoren in Arkansas, Die deutschen Auswanderer und Die Flusspiraten des Mississippi. Und natürlich habe ich alles gelesen, was Sie veröffentlicht haben, Mister Kara, das hat Onkel Johann mir immer gleich nach Drucklegung besorgt: die Erzählungen Ihrer Orientabenteuer, dann Der Scout und Old Firehand, Der Schatz im Silbersee – und natürlich Winnetou. Ist das ein Mann!“ Sie wurde rot und hob schnell das Glas Wein an den Mund, um ihre Verlegenheit zu verbergen.
So erwachsen sie sich gab, sie war doch noch ein richtiger Backfisch! Meine neueren Bücher hatten sie wohl noch nicht erreicht, die Bände über Old Surehand; und ob mein Verlag inzwischen den ersten Band meiner Berichte über unsere Kämpfe mit Al-Kadir und später dem Schut in Druck gegeben und veröffentlicht hatte, wusste ich nicht. Das würde ich wohl erst erfahren, wenn ich nach Hause zurückgekehrt sein würde.
„Oh, ich war so froh, dass ich mit Ann reisen darf, weil ich ja in den Orientbüchern über ihren Onkel gelesen hatte. Und ich bin so aufgeregt, dass ich Ihnen begegnet bin, Mister Kara, einem der Idole meiner Jugend. Ihr Freund Halef ist ja fast so ein großer Held wie Winnetou. Sind Sie zwei wieder auf einer wichtigen Tour, um das Böse zu bekämpfen? Dürfen Ann und ich dabei sein?“ Plötzlich schlug sie sich die Hand auf den Mund. „Oh, ich plappere zu viel. Das passiert mir immer, wenn ich aufgeregt bin.“ Sie lief noch röter an und senkte verlegen den Kopf.
Halef und ich sahen uns an, dann mussten wir beide plötzlich lachen.
„Das hast du nun davon, dass du deine Bücher schreibst, Sihdi“, meinte Halef, immer noch lachend – wie immer, wenn er wollte, dass die Frauen ihn verstanden, auf Englisch. „Nun sind wir plötzlich Idole für junge Frauen. Hoffentlich erfährt Hanneh nichts davon.“
Nun musste auch Ann lachen.
„Das wird sie dir sicher nicht übelnehmen, Halef. Im Gegenteil, sie wird stolz auf dich sein. Wer unter den Frauen und Töchtern aller Beduinenstämme hat schon einen Mann, über dessen Ruhm sogar in Kanada gelesen wird!“
Mir war schon im Laufe des Nachmittags aufgefallen, dass das Verhältnis von Ann und Halef sehr vertraut geworden war, sicher wegen ihrer mutigen und gelungenen Aktion mit seiner Leuchtkugel im Kampf gegen Qendressa; das bestätigte sich nun, und ich freute mich darüber. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Sofie natürlich über uns schon ziemlich viel wusste. Es war dies nach der Episode mit Kapitän Nemo, der Winnetou gelesen hatte, schon das zweite Mal, dass meine Bücher solche Ergebnisse zeitigten, und zum ersten Mal, dass es bei einer potenziellen Mitstreiterin der Fall war. Ich nahm mir vor, in Zukunft genauer darüber nachzudenken, was alles und wie genau ich etwas in meinen Büchern beschreiben würde; vielleicht sollte doch manches besser unausgesprochen bleiben.
Ich nickte nun Sofie zu.
„Es ist schon gut“, meinte ich in beruhigendem Ton. „Mir ging es manchmal schon ähnlich, als ich als junger Westmann der einen oder anderen lebenden Legende begegnete. Doch sie alle waren und wir beide sind Menschen wie alle anderen, deshalb seien Sie bitte so liebenswürdig, uns auch so zu behandeln. Aber Sie haben Recht, Sofie, wir sind in einer besonderen Mission unterwegs, bei der wir durchaus auch Hilfe gebrauchen können. Bevor wir aber entscheiden, ob Ann und Sie uns dabei unterstützen dürfen, würden wir gerne von Ihrem Vorhaben und Ihrer Reiseabsicht erfahren, also fahren Sie doch bitte in Ihrem Bericht fort.“
Sofie schluckte, dann nickte sie, hob entschlossen den Kopf und schob das eckige Kinn vor.
„Ich werde einst das Weingut erben. Deshalb studiere ich seit einem guten Jahr Weinbau. Ich möchte das aber nicht nur theoretisch machen, sondern auch praktische Erfahrungen sammeln und werde darum in den nächsten Jahren immer wieder ein paar Wochen oder Monate in bekannte Weinbaugebiete fahren, um dort die Menschen und Methoden kennenzulernen. Ich beginne mit Georgien, weil Ivane, also Herr Gvenetadze, als er uns vor fünf Jahren besucht hat, einem damals vierzehnjährigen Mädchen den Kopf verdreht hat mit den Beschreibungen seines wunderschönen Landes und mit Erzählungen von dessen uralter Kultur, von Drachen und dem goldenem Vlies und zaubernden Prinzessinen und mächtigen Königinnen. Ich habe einen Professor davon überzeugen können, dass ich vielleicht vor Ort Beweise finden könnte für die These der Georgier, dass ihr Land die Wiege des Weinbaus sei, dass hier vor fast 8.000 Jahren die ersten Reben kultiviert und der erste Wein angebaut wurden. Auf der Überfahrt hörte ich von einem Mitglied des Traveller’s Club, dass dieser inzwischen eine Damenabteilung habe und deren einzige Anwärterin in Georgien bestimmte Forschungen erfolgreich abschließen müsse, um als vollwertiges Mitglied aufgenommen zu werden. Als ich ihren Namen erfuhr, musste ich sofort an Lord Lindsay denken, von dem ich in den Orientromanen gelesen hatte, und dachte, sie wäre mir bestimmt sympathisch und eine angenehme Reisegefährtin. Und so änderte ich meine Route und konnte sie in London abpassen. Seither reisen wir in Gesellschaft.“
Ann lachte.
„Du kannst ruhig mit der ganzen Wahrheit rausrücken. Erzähl den beiden, wie du mich dazu gebracht hast, mit dir zu reisen. Wegen Weinbauhistorie hätte ich das sicher nicht getan. Sofie ist mindestens so romantisch wie ich. Naja, sie ist ja auch fast ein Jahr jünger.“
Ich hatte mich inzwischen wieder so sehr an das Auf und Ab von Anns Stimme gewöhnt, dass mich ihr letzter Satz, bei dem sie plötzlich die Stimme gesenkt hielt, überraschte; dann sah ich ihr Lächeln und das Funkeln in ihren Augen und merkte, dass sie wohl einen nur für die zwei Frauen bestimmten Scherz gemacht hatte. Ich ließ mich auf das Spiel ein und fragte Sofie in bewusst ernstem Ton und mit tiefer langsamer Stimme:
„Was für ein Geheimnis schleppen Sie noch mit sich herum, wertes Fräulein?“
Sofie schaute mich erst erschrocken an, musste dann aber lachen.
„Ich habe seit meiner frühen Jugend etwas, was man im Traveller’s Club wohl einen Spleen nennen würde. Als ich bei Onkel Johann Deutsch lernte, fiel mir in unserer Bibliothek eine 1850 gedruckte deutsche Übersetzung der Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum in die Hände, also der Geschichte des Erzbistums Hamburg, die Adam von Bremen im 11. Jahrhundert verfasst hat. Und darin wird erwähnt, dass die Wikinger Vinland entdeckt haben. Ich habe dann weiter geforscht, und in verschiedenen isländischen Sagas wird erzählt, wie Bjarni Herjólfsson, Thorvald Eiriksson und Leif Eriksson um das Jahr 1000 nach Amerika gekommen sind. Wahrscheinlich sind sie in Nova Scotia gelandet, einer unserer kanadischen Seeprovinzen, die wir auch Nouvelle-Écosse nennen, oder in Neufundland. Sie nannten das Land Vinland. Ich bin überzeugt, dass die Wikinger die ersten Winzer Kanadas waren und dass der Wein, den unsere Familie anbaut, zurückgeht auf Leif Eriksson, den Sohn Eriks des Roten. Und das werde ich irgendwann beweisen!“
Sofies Stimme war immer kräftiger geworden, sie hatte den Oberkörper angespannt und verkündete den letzten Satz im Brustton der Überzeugung. Auch wenn ich ihre Meinung nicht teilte, bewunderte ich die Haltung der jungen Frau, und so sagte ich:
„Ein großes Ziel, Sofie, und ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg. Aber hier in Georgien werden Sie diesen wohl kaum finden. Was ist das denn für eine Aufgabe, die man Ihnen gestellt hat, Ann?“, wandte ich mich an unsere britische Freundin.
„Wie gut kennen Sie die georgische Geschichte des Mittelalters?“, fragte sie zurück.
Halef antwortete ihr.
„Der Sihdi weiß viel, aber ich nur ganz wenig.“
Ann griff in eine ihrer Gürteltaschen und zog einen silbernen Zylinder von etwa 20 Zentimetern Länge hervor, der unten rund abgeschlossen war, oben an der Seite einen offenen Griff oder Haken und einen Schraubverschluss hatte.
Ich musste lachen.
„Ein Bierwärmer!“
Halef und Sofie schauten mich fragend an.
„Man füllt den Zylinder mit warmem Wasser, wenn man Bier erwärmen will, oder auch mit Eis, um das Bier kühl zu halten; mit dem Haken kann man den Zylinder an einen Glasoder Krugrand hängen“, erklärte ich.
Ann lächelte entschuldigend.
„Man kann dieses alte Erbstück unserer Familie aber auch viel sinnvoller nutzen“, meinte sie, schraubte den Deckel ab und entnahm dem Rohr vorsichtig ein paar zusammengerollte Papiere. „Das sind zwar nur Abschriften, aber sie sind dennoch wertvoll. Es geht um das Grab der berühmten Königin Tamar.“
Sie blickte Halef und mich an.
„Tamar herrschte im Goldenen Zeitalter Georgiens, von 1184 bis 1213. Sie war die Urenkelin von David dem Erbauer, der Georgien von den seldschukischen Türken befreit und vereint hatte. Tamar gilt neben ihm als bedeutendstes Mitglied der Bagratiden-Dynastie, die seit dem 9. Jahrhundert die georgischen Könige stellt und auch heute noch, nach der Entmachtung Anfang dieses Jahrhunderts, offiziell das georgische Königshaus ist. Tamar war so mächtig, dass Friedrich Barbarossa ihr einen seiner Söhne als Ehemann anbot, sie heiratete aber einen georgischen Fürsten. Sie modernisierte das Land, Wirtschaft, Kultur und Justiz, schaffte die Todesstrafe ab, unterstützte Wissenschaft und Kunst. Das berühmte Epos Der Recke im Tigerfell schrieb ihr Finanzminister und wahrscheinlicher Liebhaber, Georgiens Nationaldichter Schota Rustaweli, in ihrem Auftrag. Als sie 1213 starb, soll ihr letzter Wille gewesen sein, dass sie nicht an einem bestimmten Ort begraben werde, sondern ganz Georgien ihr Grab sein solle. Angeblich wurden vier verschlossene Särge in die vier Himmelsrichtungen gebracht, und da die Träger Selbstmord begingen, weiß niemand, wo sie begraben liegt.“ Ann hob die Papierrollen empor. „Das sind Kopien von Pergamenten, die darauf hinweisen, dass die Grabstätte von Königin Tamar in den berühmten Steintürmen von Mestia zu finden ist. Und dorthin führt unser Weg. Wir wollen in den Türmen und Ruinen suchen, bis wir das Grab von Tamar gefunden haben. Und wenn mir das gelingt, kann mir niemand mehr die Aufnahme als Vollmitglied im Traveller’s Club verwehren.“
Halef und ich sahen uns an, er nickte mir zu.
„Dann ist es jetzt an der Zeit, dass wir euch berichten, welches unser Auftrag ist“, begann ich und erzählte, was uns widerfahren war, seit wir bei den Haddedihn angekommen waren. Als ich von der ersten Begegnung mit Mister Brown berichtete, unterbrach mich Sofie.
„Diese drei Männer habe ich auch gesehen. Sie haben uns beobachtet, als wir ankamen, das war vor vier Tagen.“ Sie wandte sich an Ann. „Du hast das noch als Hirngespinst abgetan.“
Ann nickte.
„Ich wollte es nicht glauben, dass jemand uns verfolgen sollte, warum auch. Aber jetzt sieht es so aus, als ob alle Neuankömmlinge im Visier dieser drei Herrschaften sind. Wir müssen uns vorsehen.“ Dabei sah sie sich betont auffällig um.
Ich fuhr mit meinem Bericht fort; als ich kurz die Gedichtsrezitation erwähnte, wurde ich wieder von Sofie unterbrochen.
„Das muss die Bekannte von Onkel Johann sein, von der er mir geschrieben hat. Das ist eine junge Gräfin, die einen Mann geheiratet hat, dessen Familie damit nicht einverstanden war und die ihn deshalb enterbt hat. Jetzt leben sie in Georgien als Gäste der Fürstin Dadiani von Mingrelien mehr schlecht als recht von Übersetzungen, Essays und journalistischen Arbeiten. Ich wollte sie gestern besuchen, aber sie sind verreist. Wahrscheinlich treffen wir sie in Sugdidi bei Onkel Johann. Er will mir ein paar Auszüge aus den Übersetzungen zeigen, die Bertha gerade von diesem georgischen Nationalepos anfertigt, das Ann vorhin erwähnt hat.“
„Der Recke im Tigerfell“, warf ich ein. „Da hat sie sich aber ein schweres Stück Arbeit vorgenommen.“
Sofie nickte.
„Aber diese Bertha soll eine hervorragende Dichterin und Übersetzerin sein. Und wenn Onkel Johann das schreibt, dann glaube ich ihm.“
„Das schien mir auch so bei der Übersetzung, die ich mitanhörte. Mich würde interessieren, was das Original ist. Ich werde morgen unseren Weinhändler danach fragen.“ Doch zunächst berichtete ich weiter und erntete zunehmend gespannte Aufmerksamkeit und mehr als einen wütenden Ausruf, so bei der wiederholten Begegnung mit Mister Brown in der Nacht auf diesem Hügel hier.
„Recht so“, kommentierte Ann, als ich die etwas unsanfte Behandlung schilderte, die ich ihm hatte angedeihen lassen, „der ist noch viel zu gut weggekommen.“
Sofie aber schaute regelrecht verzückt bei meiner Beschreibung, wie ich Brown entdeckt und mich angeschlichen hatte.
„Wie in Ihren Abenteuern mit Winnetou!“ flüsterte sie.
Alle Verzückung jedoch war verschwunden, als ich von der Begegnung mit Marah Durimeh berichtete; ich blickte nur in ernste Gesichter.
„Freundliche Unterstützung und Begleitung, damit sind doch sicher wir gemeint“, meldete Ann sofort ihren Anspruch an – und weder wollte noch konnte ich ihr widersprechen. Ehe ich etwas Bestätigendes sagen konnte, antwortete Halef:
„Wir würden uns freuen, wenn ihr dabei wärt. Deine Godiva hat schon mehr als einmal ihre Nützlichkeit unter Beweis gestellt, und du bist mit den Tücken der Geisterwelt vertraut und hast keine Angst vor Magie. Sofie kann auch mit einem Gewehr umgehen, wie ihre Kleidung aus dem Leder eines selbst geschossenen Elks beweist. Ich bin sicher, Marah Durimeh hat euch im Sinn gehabt.“
Ich war nur kurz überrascht über diese lange und sehr deutliche Rede von Halef, doch dann wurde mir bewusst, wie wichtig ihm das sein musste: in diesem fremden Land Unterstützung durch Menschen zu finden, die ihn verstanden und wie Ann sogar mit ihm Erfahrungen und Vorstellungen teilten. Schließlich ging es mir nicht anders. Also nickte ich ausdrücklich zu Halefs Worten.
„Vielleicht gehört Onkel Johann auch zu unseren Unterstützern“, ließ sich Sofie nachdenklich vernehmen. „Obwohl er wahrscheinlich nicht für längere Zeit aus Sugdidi weg kann, doch kann er uns vielleicht einen Rat geben. Wer aber kann der alte, gute, mächtige Freund sein, den Mister Kara treffen soll?“
Dieses Rätsel hatten wir auch am nächsten Morgen noch nicht gelöst, als wir uns in unserem Gasthaus zum Frühstück trafen. Der Nachmittag war mit Planungen und Überlegungen vorübergegangen, dann hatten wir die Pferde noch einmal bei Dawit Tscheidse untergestellt und die Gelegenheit genutzt, uns für unsere Inkognitonamen zu entschuldigen und ihm unsere wahre Identität zu offenbaren. Für den Morgen hatten wir uns verabredet, um ein paar Dinge mit Ivane Gvenetadze zu besprechen. Zunächst aber nahmen wir die Waffen von Sofie in Augenschein.
„Das ist natürlich nichts so Außergewöhnliches wie Ihr Henrystutzen, Mister Kara“, sagte sie, als sie mir ihre Jagdflinte reichte. „Aber etwas Besonderes ist es schon.“ Sie beobachtete mich mit unverkennbarem Stolz.
Obwohl ich ein Gewehr dieses Jahrgangs noch nie in Händen gehalten hatte, erkannte ich es sofort.
„Eine Winchester 1873“, bemerkte ich, während ich die Waffe sorgfältig musterte. Natürlich war mir gleich die Inschrift auf der Laufoberseite aufgefallen, doch tat ich, als hätte ich sie nicht bemerkt. „Der neueste Unterhebelrepetierer mit Kniegelenkverschluss aus dem Hause der berühmten Winchester Repeating Arms Company für den Massenmarkt.“ Ich warf Sofie einen Blick zu. „Sie wissen, dass Sie damit auch die Munition fast aller Revolver verwenden können? Das ist sehr praktisch. Ein wunderschönes Jagdgewehr.“ Ich merkte, dass Sofie vor Spannung fast platzte, doch tat ich so, als sei mir nichts aufgefallen. „Von wem haben Sie es?“
„Onkel Johann hat es mir zum 18. Geburtstag geschenkt. Und es ist wirklich etwas ganz Besonderes.“
Ich musste lachen.
„Ich habe das schon gesehen, Sofie, und ja, Glückwunsch!“
Die Waffe war nicht nur mit außerordentlich eleganten Gravuren versehen, sondern auf dem Lauf waren die Worte eingraviert: „One of One Thousand“. Seit 1875 wählte Winchester von jeweils 1.000 probegeschossenen Gewehrläufen den präzisest schießenden aus und fertigte daraus ein Gewehr höchster Qualität; ein solches hielt ich nun in Händen. Billig war das Geschenk nicht gewesen; während die ‚normale‘ Ausführung mit 40 Dollar schon mehr als den durchschnittlichen Monatslohn eines Cowboys kostete, zahlte man für eine der Tausend das Zweieinhalbfache.
„Ein Meisterwerk“, sagte ich, „aber an meinen Henrystutzen kommt die Waffe nicht heran, mehr als maximal 16 Schuss hat Winchester noch nicht hinbekommen. Trotzdem eine wunderbare Büchse. Schießt Ihr Onkel Johann auch eine solche Winchester?“
Sofie nahm ihr Gewehr entgegen und drückte mir nun ihren Revolver in die Hand.
Halef hatte die ganze Szene beobachtet, ohne ein Wort zu sagen; immer noch wortlos streckte er Sofie beide Hände entgegen. Sie reichte ihm die Winchester und antwortete mir:
„Ja, aber eine normale. Und er hat auch den gleichen Revolver wie ich. Er will, dass ich möglichst gut ausgerüstet bin.“
Ich hielt den Verkaufsschlager der Colt’s Patent Fire Arms Manufacturing Company in Händen: den Kavalleriecolt 1873, der seit diesem Jahr auch Winchesterpatronen verschießen konnte. Dieser Colt war unter anderem deswegen nicht nur in der Armee, sondern auch bei Cowboys so beliebt, dass dafür schon der Spitzname ‚Peacemaker‘ im Umlauf war.
„Auch das ist eine schöne Waffe“, stellte ich fest und nahm mir vor, so bald wie möglich einen ausführlichen Vergleich mit meinen beiden Smith & Wesson Model No 3 von 1870 durchzuführen. Schließlich sollte auch ich auf dem neuesten Stand der Waffentechnik und bestens ausgerüstet sein.
Halef gab Sofie ihre geliebte Winchester zurück.
„Ich würde gerne einmal damit ein paar Probeschüsse machen“, meinte er und fuhr fort, zu mir gewandt: „So ein Gewehr würde mir auch gefallen.“
Ich merkte mir das; wenn ich das nächste Mal in Amerika war, würde ich eine Winchester für ihn als Geschenk besorgen. Obwohl es vielleicht auch hier welche zu erwerben gab …
Gvenetadze betrat den Raum und zuckte für einen Moment zurück angesichts des Waffenarsenals auf unseren Plätzen, dann setzte er sich zu uns. Wir hatten ihn am Tag zuvor gebeten, sich nach Brown und Konsorten umzuhören, doch dazu konnte er uns nichts sagen. Wie schon erwähnt, ist Kutaissi kein Dorf, sondern eine größere Stadt, in der man sich leicht verbergen kann.
Ich nahm mein Notizbuch heraus und las ihm die Zeilen vor, die ich mir ein paar Tage zuvor notiert hatte, wobei ich sie natürlich ins Russische übersetzte:
„Die Chewsuren waren in der Schenke, im Kessel kochte der Met. Nun saßen sie auf dem Dach und schmausten, tranken den Met aus Schalen. Manche spielten das Panduri, andere sangen Gesänge gewaltiger Art und regten die Gefühle der Hörer mit Heldentaten an.“
Gvenetadze unterbrach mich:
„Das klingt nach der Legende von Mindia, dem Schlangenesser. Das ist eine alte Sage um einen Helden, der nach langer Gefangenschaft frei kommt und durch das Essen eines besonderen Schlangenmahls die Fähigkeit erwirbt, die Sprache der Pflanzen und Tiere zu verstehen und zu sprechen. Ich wusste nicht, dass jemand diese alte Legende in Verse gefasst hat. Warten Sie, ich will versuchen, mich zu erinnern.“ Er versank einen Moment in Gedanken, dann stand er auf und deklamierte – natürlich ebenfalls auf Russisch und ohne Reim, und ich übersetze es ebenso roh ins Deutsche:
„Zwölf Jahre lang sollen böse Geister Mindia gefangen gehalten haben. Die Gefangenschaft nahm ihn stark mit, und ebenso das Fernsein von der Heimat. Die Zeit verstrich, es vergingen manche Ostern und Weihnachten, und die Gefangenschaft nahm kein Ende. Die Sklaverei schmolz ihm das Herz. Er sehnte sich nach dem Tode. Einmal sah er auf dem Feuer einen Topf stehen, das Essen der Geister. Er wusste, sie kochten Schlangen und aßen das oft. Er hoffte, ihm werde das schlecht bekommen. Er nahm sich ein Stückchen heraus und verzehrte es heimlich, mit viel Ekel. Doch da blickte der Himmel gnädig auf den Gefangenen hernieder: Es kam neues Leben in ihn, sein Leib erstarkte. Wie einem zuvor Blinden und Tauben gingen ihm Herz und Augen auf. Von dem Tag an verstand er alles, was die Vögel singen, oder wann Pflanzen und Lebewesen glücklich sind und wann sie leiden. Was Gott geschaffen hat, Lebendiges und Seelenloses, alles hat seine Sprache, das fühlte der Gefangene, und er staunte selbst ob der Veränderung seines Wesens. Von da an lernte er alle Künste der Geister, vor nichts mehr kannte er Furcht. Der Gefangenschaft entkam er, denn nun war er so schnell wie der Blitz, hatte Zauberkraft wie die Schlange. Königin Tamar sagte immerfort: Hätte ich bloß Mindia bei mir und mit ihm sein Volk, dann könnte der Feind, wie sehr er es auch versucht, mir nichts anhaben.“
Der Weinhändler verstummte, setzte sich, nahm einen tiefen Schluck von dem Wein, den ihm der Wirt wortlos während seines Vortrags hingestellt hatte, und sagte nach einem Seufzer:
„Das ist nur ein kleiner Auszug, es geht noch viel weiter, darüber, wie Mindia lebt und kämpft und herrscht und stirbt, aber mehr weiß ich nicht mehr.“
Ich übersetzte den anderen den wesentlichen Inhalt.
Halef schüttelte sich.
„Wenn dieses Volk solche Legenden hat, dann bin ich sehr gespannt, was uns in seinen Bergen erwartet.“
Fünftes Kapitel
Kampf im Palast
Wir brachen am nächsten Morgen früh auf. Nach Sugdidi, wo wir uns mit Winterausrüstung eindecken wollten, waren es voraussichtlich drei Tagesreisen, wenn wir die Pferde nicht allzusehr anstrengten.
Am Nachmittag zuvor hatten wir in Kutaissi noch Proviant für drei Tage besorgt und von unserem Bekannten, dem Weinhändler Gvenetadze, einige Flaschen des Weins aufgedrängt bekommen, der uns so geschmeckt hatte. Er wusste zwar nicht, was wir vorhatten, aber er hatte uns das Versprechen abgenommen, ihn auf der Rückreise nach Kutaissi holen zu lassen, falls wir dort wieder einkehrten, um ihm zu erzählen, was wir erlebt haben würden. Wir gaben dieses Versprechen leichten Herzens, uns dessen wohlbewusst, dass er nur eine gekürzte, von Geheimnissen bereinigte Version erhalten würde. Was ich später in meinen Reiseberichten veröffentliche, entscheide ich erst nach reiflichen Überlegungen
Wir ritten durch die Kolchische Tiefebene, die sich von der Schwarzmeerküste im Westen bis zu den Bergen des Großen Kaukasus im Nordosten und denen des Kleinen Kaukasus im Süden erstreckt, und hatten deshalb durchgehend leichtes Gelände. Wir mieden die Ortschaften, waren wir so doch unabhängiger und hatten Gelegenheit, uns zu unterhalten und besser kennenzulernen. Die beiden Frauen erwiesen sich als ausgesprochen angenehme und kundige Gesprächspartnerinnen. Beide hatten eine gute Bildung genossen, wenn auch in unterschiedlichen Ländern, beide waren sprachbegabt und -gewandt, und es war ein Vergnügen, ihnen bei ihren gelegentlichen Kabbeleien zuzuhören. Dabei drehte es sich mal um Mode, mal um Literatur, oft aber auch um Entwicklungen im British Empire. Lady Annabelle Boudicca Lindsay war eine wenn auch aufgeschlossene, so doch typische Vertreterin der britischen Adelsgesellschaft, während Sofie Nelson als überzeugte Demokratin Adel als gesellschaftlich überholt ablehnte und eine glühende Vertreterin der gerade zehn Jahre alten Unabhängigkeit des Dominion of Canada war. „Ich war neun, als das Gesetz in Kraft getreten ist, das war mitten in den Sommerferien, und es gab überall riesige Feiern, und ich habe zum ersten Mal ein Feuerwerk gesehen! Seit dem Tag sind wir in Québec eine eigene Provinz und ist Kanada selbstständig.“
Ann nahm die aufgeregte Stimmung ihrer Freundin mit überlegener Miene und Ruhe hin.
„Aber von unserer alten Queen Victoria lasst ihr euch noch gerne vertreten! Immerhin teilen wir uns ein Staatsoberhaupt!“
Das Geplänkel konnte nur ich genießen; die jungen Damen unterhielten sich in Französisch, das Halef nicht verstand.
Ich mischte mich in das Gespräch ein.
„Darf ich fragen, warum Sie nicht Englisch sprechen?“, fragte ich.
„Es ist schon so lange her, dass ich Französisch im Internat gesprochen habe“, antwortete mir Ann, „ich bin froh, dass ich es wieder üben kann. Sofie ist ja damit aufgewachsen.“
„Ja, aber mit kanadischem Französisch“, warf ihre Freundin ein. „In Europa gibt es schon ein paar sprachliche Besonderheiten. Und für unsere Reise ist es gut, wenn wir beide uns in der Sprache zu Hause fühlen, hat mir Ann erklärt.“
Ich sah diese fragend an.
„Wir werden vielleicht auf georgische Adelige treffen. Und die Sprache des Adels in ganz Europa ist nun mal Französisch.“
„Aber gehört Georgien überhaupt zu Europa?“, überlegte ich laut.
Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, wo eigentlich Europa und wo Asien beginne. Ann und Sofie waren der Auffassung, die im englisch- und französischsprachigen Raum seit Jahrhunderten allgemein anerkannt ist: Die Grenze zwischen Europa und Asien bilde der Kaukasus, speziell die Wasserscheide zwischen der Nord- und der Südflanke, wir befänden uns also eindeutig in Europa. Im deutschen Sprachraum ist eine andere Ansicht verbreitet, die auf der Grenzziehung des schwedischen Offiziers und Geografen Philip Johan von Strahlenberg basiert; er hatte sie im Auftrag des russischen Zarenhauses vorgenommen und sie wurde 1730 von diesem akzeptiert. Wenn man dem folgend die Manytsch-Niederung als Südost-Grenze Europas akzeptierte, würden wir auf unserer Reise nach Swanetien asiatisches Gebiet betreten. Da aber sowohl die meisten Georgier und speziell die Swanen sich selbst, wie ich gelesen hatte, als Europäer empfanden und zudem Marah Durimeh von Uschguli als höchster dauerhaft bewohnter Siedlung in Europa gesprochen hatte, war ich bereit, für unsere Reise die verbreitetere Festlegung der Grenze zu akzeptieren.
„Wir bleiben also in Europa“, schloss ich die Diskussion, „das wird Halef freuen, es war schon schwer genug für ihn, sich an europäische Gewänder zu gewöhnen.“
In der Folge halfen die beiden Frauen Halef, sein Englisch zu verbessern; bei diesen Gesprächen hielt ich mich im Hintergrund und hörte bewusst weg, wenn es wieder einmal darum ging, wie Halef sich als moderner Bedu am besten gegenüber so selbstbewussten Frauen wie Hanneh und vor allem Djamilah verhalten sollte.
Am zweiten Tag hielt ich schon am späten Nachmittag nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau, ließ uns an einem kleinen Wäldchen neben einem fröhlich sprudelnden Bach halten und sagte zu den anderen, wie immer, wenn ich alle ansprach, auf Englisch:
„Ich würde gerne die Gelegenheit nutzen, um zu schauen, wie es um unsere Kampfkraft bestellt ist. Wie Halef und ich schießen, weiß ich, aber es würde mich beruhigen, wenn ich die Schießkünste der beiden Damen kennen würde.“ Ich wandte mich an Ann. „Sie haben immer noch Godiva dabei, wie ich gesehen habe. Haben Sie inzwischen geübt?“
Sie nickte heftig.
„Dann lasst uns ein paar Probeschüsse machen, bevor wir hier unser Lager aufschlagen“, schlug ich vor, während ich schon vom Pferd glitt. Samtari hatte sich bisher als hervorragendes Reitpferd erwiesen, aber ich hatte mit ihm noch einige Tests vor.
Als auch die anderen abgestiegen waren und wir die Pferde an einem Gebüsch angebunden hatten, wies ich auf das Wäldchen.
„Hier gibt es für alle Distanzen geeignete Ziele. Ann, trauen Sie es sich zu, einen Ast in etwa 30 Meter Entfernung zu treffen? Da dürfte die Schrotgarbe schon weit streuen. Und ich vermute, viel größer ist die Reichweite ihrer Godiva nicht.“
Ann warf mir einen belustigten Blick zu, reckte sich, streckte den Kopf selbstbewusst in die Höhe, nahm die kurze Bockflinte aus dem Futteral und dann aus dem langen Halfter, in dem sie gesteckt hatte.
„Das Erste stimmt, das Zweite nicht, Mister Kara. Wenn ich mit dem unteren Lauf schieße, habe ich eine Streuung von etwa 70 Zentimetern auf 30 Meter und eine ganz anständige Deckung, das ist gut zum Jagen oder bei Kämpfen. Bei 50 Metern hat die Schrotgarbe schon fünf Meter Durchmesser, da richtet sie nicht mehr viel Schaden an. Für den oberen Lauf habe ich mir deshalb in England vom Büchsenbauer Greener einen Choke bauen lassen.“ Sie reichte mir einen Metallzylinder mit Gewinde und zeigte uns im oberen Lauf das Gegenstück. „Das hat er vor zwei Jahren erfunden. Wenn ich den Choke in den Lauf eindrehe, wird die Streuung vermindert und eine bessere Flächenabdeckung erreicht, bei 50 Metern streut der Schrot dann nur auf etwa ein Meter.“
Ich reichte den Metallzylinder an Halef weiter, der ihn interessiert betrachtete.
Ann wies auf das Wäldchen.
„Sehen Sie die Astgabel da hinten in der Buche, die alle anderen Bäume um sie herum überragt? Das dürften 40 Meter sein. Das sollte ich schaffen; ich habe viel geübt.“
Ich sah, dass auf das Lederfutteral eine große flache Patronentasche aufgenäht war. Ann aber nahm keine Patrone heraus, sondern löste am Abzug einen kleinen Haken, den sie nach hinten klappte.
„Ich will nie wieder mit einer ungeladenen Waffe dastehen, wie damals bei unserer Begegnung mit den Füchsen. Ich habe mir eine Sicherung anfertigen lassen, so kann ich die Waffe geladen transportieren.“ Sie klappte mit einer geübten Bewegung den Doppellauf nach unten und zeigte uns die beiden übereinanderliegenden Schrotpatronen; das Messingblech der Bodenkappen reflektierte hell das Sonnenlicht. „So genügt eine Bewegung, und ich kann sehen, ob die Patronen in Ordnung sind oder ich sie doch austauschen muss.“
Ann klappte den schmalen Lauf wieder nach oben, legte den Schaft an die Schulter und nahm die für eine Flinte typische Schusshaltung ein; das ging so flüssig, dass ich sofort davon überzeugt war, dass sie viel geübt hatte. Die rechte Hand am Schaft hinter dem Abzugsbügel, die linke am Vorderschaft, hielt sie beide Augen auf die Buche gerichtet. Sie hatte Godiva kaum auf das Ziel ausgerichtet, als sie auch schon abdrückte und dann die Waffe mit einem befriedigten Schnaufen sinken ließ.
„Alle Achtung!“, rief Halef aus und pfiff anerkennend durch die Zähne; Sofie klatschte spontan Beifall. Selbst auf diese Entfernung war deutlich zu erkennen, dass Ann sehr gut geschossen hatte: Die Blätter in einem Radius von etwa einem Meter rund um die Astgabel hatte es vom Baum gefegt, und an der Astgabel zeigte eine helle Stelle, wo der Schrot die Rinde abgelöst hatte. Ich nickte anerkennend und meinte zu Ann:
„Sie sind wirklich eine gute Schützin geworden. Ich hoffe, wir werden darauf nicht allzuoft zurückgreifen müssen, bin aber froh, dass Sie dazu in der Lage sind.“
Anschließend zeigte uns Sofie, wie gut sie ihre Winchester beherrschte. Es war wirklich eine herrliche Waffe; auf gut 100 Meter traf Sofie damit regelmäßig einen kopfgroßen Aststumpf und selbst auf 250 Meter in der Hälfte der Fälle einen mannsdicken Baumstamm. Wir testeten auch die anderen Gewehre und lieferten uns ein kleines Wettschießen. Ich beteiligte mich natürlich nur mit dem Henrystutzen, den schweren und unhandlichen Bärentöter ließ ich am Sattel hängen. Halef zeigte, dass er seine Springfield Trapdoor, die ich ihm vor fünf Jahren geschenkt hatte, bestens beherrschte; er traf noch genauer und hatte eine größere Reichweite als Sofie mit ihrer Winchester, seine Büchse war wie mein Henrystutzen auch auf 300 Meter noch treffsicher. Allerdings schaffte Halef nicht mehr als drei Schuss in der Minute, da er jedes Mal nachladen musste, während Sofie ihre 15 Patronen in weniger als einer Minute ins Ziel brachte. Dass Halef ein durch unsere Ballerei aufgeschrecktes Kaninchen erlegte, ließ uns mit den Schießübungen aufhören und das Abendessen zubereiten.
Am nächsten Morgen testete ich, wie ich es mir in Kutaissi vorgenommen hatte, unsere Revolver, und zwar vom Pferderücken aus, denn ich wollte wissen, wie Samtari sich in Kampfsituationen verhielt. Er blieb gänzlich ungerührt, und auch die anderen Tiere zeigten beruhigenderweise kaum eine Reaktion. Sofies Colt und Halefs und meine Smith & Wesson waren gleich treffsicher. Dass unsere Revolver beim Nachladen immer sämtliche Patronen auswarfen, auch noch nicht verschossene, Sofie beim Colt hingegen einzeln leere Hülsen ausstoßen konnte, empfand ich nicht als Nachteil, dafür war ich schneller beim Nachladen. Ann war zufrieden mit ihrem doppelläufigen Remington Deringer, den sie in einer kleinen Handtasche verstaut hatte. Wir waren alle gut ausgerüstet – und fühlten uns für unsere Aufgabe gewappnet.
Am Abend näherten wir uns Sugdidi, der Hauptstadt der Region Mingrelien, und waren überrascht: Sie wirkte auf uns eher wie ein Dorf. Schon bevor wir die Stadtgrenze erreichten, wurde der Weg zunehmend gesäumt von kleinen Bauernhäusern, dann kamen langsam die ersten städtischen Gebäude in Sicht. Ein Bauer auf einem Pferdekarren erklärte uns, wir würden das Zentrum der Stadt erreichen, wenn wir immer nur geradeaus ritten. Dann kämen wir ganz von selbst auf den Boulevard, die Prachtstraße von Sugdidi. Aber wie sah dieser Boulevard aus! Man nannte ihn wohl so, weil für mehrere Hundert Meter auf jeder Seite ziemlich mickrige Bäume standen. Eher aber sollte man diese Allee einen Basar nennen, denn sie war gesäumt von Häusern mit Ladengeschäften hinter und zahlreichen offenen Buden zwischen und unter den Bäumen. Die Händler schienen gut zu tun zu haben, wir mussten auf der staubigen Straße hintereinander reiten, so voll war sie.
Nach kurzer Zeit kamen wir an eine Kreuzung. Links dahinter gab es einen kleinen Park, der wohl öffentlich war; wir sahen Familien und junge Paare flanieren, teils ziemlich elegant gekleidet, neben georgischen Trachten gab es auch Mode zu sehen, die direkt aus Paris stammen konnte. Dies erweckte schon eher den Eindruck einer Hauptstadt. Rechts sahen wir ein zweistöckiges Gebäude, das sich durch ein Schild als Gasthof auswies und einen seriösen und reinlichen Eindruck machte. Während wir unsere Pferde in den Hof lenkten, schaute ich den Boulevard hoch und sah in etwa einem Kilometer Entfernung ein großes palastähnliches Gebäude im neogotischen Stil mit Zinnen und Türmchen.
Das Wirtsehepaar war sehr freundlich, ließ sofort unsere Pferde in den Stall bringen – nicht ohne sie gebührend bewundert zu haben – und servierte uns georgische Spezialitäten. Während das Hauptgericht zubereitet wurde, stellte man vor jeden von uns einen runden Terracotta-Topf mit Deckel. Darin war eine köstliche, wenn auch sehr scharfe Rote-Bohnen-Suppe, Lobio genannt, zu der wir Fladenbrot serviert bekamen. Anschließend gab es Tschachochbili, Hähncheneintopf mit Tomaten-Zwiebelsoße, und dazu für die, die wollten, einen leichten Rotwein.
Als wir gesättigt und hochzufrieden unsere Teller von uns schoben, fragte der Wirt uns in stark akzentuiertem Englisch, ob er sich zu uns setzen dürfe, während wir auf den Nachtisch warteten. Gerne erlaubten wir ihm dies. Er erklärte, dass er jede Gelegenheit nutze, diese Sprache zu üben, vor Jahren sei er eine Zeitlang als Schiffskoch unterwegs gewesen. Nachdem wir ein paar Minuten unverfänglich geplaudert hatten – was es in Sugdidi so zu sehen gäbe und dass wir unbedingt den neuen Palast und das Museum der Fürstenfamilie besichtigen müssten –, meinte er, er würde uns gerne ein paar Empfehlungen geben und auch eine Warnung aussprechen.
„Diese würde ich gerne zuerst hören“, forderte ich ihn auf.
Er schaute sich verstohlen um und meinte dann:
„Nicht alle Gäste verhalten sich anständig und ehrenvoll. Vor zwei Tagen waren hier drei Amerikaner zu Gast, die sich benommen haben, als gehöre ihnen mein Gasthof.“ Er schmunzelte. „Deshalb mussten sie auch mit ihrem schlechten Russisch zurechtkommen.“ Er wurde wieder ernst. „Sie wussten nicht, dass ich Englisch verstehe, deshalb haben sie sich ganz ungezwungen unterhalten. Sie sind unterwegs in die Berge, nach Mestia und dann weiter, um dort einen reichen Amerikaner zu beschützen. Dann haben sie beratschlagt, ob sie noch bleiben sollten, um die beiden Männer umzubringen, die einen von ihnen misshandelt hätten. Und dann haben sie mich vor Ihnen gewarnt.“ Er machte eine kurze Pause, trank einen Schluck Wein und fuhr fort: „Nur vor den beiden Herren, von den Damen haben sie nichts gesagt. Wenn Sie hier auftauchen sollten, sollte ich die Polizei benachrichtigen, weil Sie wahrscheinlich türkische Spione wären.“ Er hielt wieder inne und wartete auf unsere Reaktion.
Ich prostete ihm zu.
„Sie haben sich offensichtlich entschieden, das nicht zu tun. Und warum?“
Der Wirt wies Richtung Stall.
„Erstens kenne ich die Pferde. Wem mein Freund Tscheidse sein Lieblingspferd verkauft oder vermietet, den muss er für einen anständigen Kerl halten. Und zweitens hat einer der Männer vor ihrem Aufbruch gelacht und gemeint, es wäre zwar eine gute Idee gewesen, Sie als Spione zu verleumden, aber sie müssten sich sowieso keine Sorgen machen, die vier Russen würden das Problem schon aus der Welt schaffen. Das hat mir gereicht. Wir sind eine anständige Stadt, und wenn die drei nicht abgereist wären, hätte ich die Polizei geholt. Und nun lasse ich Sie erst einmal den Nachtisch genießen.“
Er hob die Hand und winkte Richtung Küche, woraufhin seine Frau eine große Schüssel herantrug. Als er aufstehen wollte, hielt Halef ihn auf.
„Können Sie uns sagen, wie die drei Männer hießen?“, fragte er.
„Brown, Black und White“, antwortete der Wirt und sah uns verblüfft an, als Halef und ich in Lachen ausbrachen.
Wir wurden aber schnell wieder ernst, und während wir das süße Pelamuschi genossen, eine Art Pudding aus Traubensaft und Maismehl, beratschlagten wir, was wir tun wollten.
„Wir müssen doch sowieso mindestens den Vormittag hierbleiben, um unsere Winterausrüstung zu besorgen“, meinte Ann.
„Dann lasst uns doch am Nachmittag die Stadt und vor allem den Palast besichtigen. Und dabei versuchen wir, herauszubekommen, wer diese vier Russen sind. Die werden uns sicher beobachten, und dabei entdecken wir sie.“
„Und wir können schauen, ob Onkel Johann in Sugdidi ist“, meinte Sofie. „Er hat ein Haus, in dem er wohnt, wenn er hier zu Besuch ist.“
Als der Wirt kam, um die Schüssel zu holen, die wir bis auf den letzten Rest geleert hatten, was ihm ein befriedigtes Schmunzeln entlockte, baten wir ihn, sich noch einmal zu uns zu setzen, und ließen uns von ihm den Weg zu dem Händler beschreiben, den uns Dr. Schiaschwili empfohlen hatte.
„Die Welt ist klein und Georgien noch viel kleiner“, entfuhr es ihm, als er von der Empfehlung des Biologielehrers hörte. „Dr. Schiaschwili steigt immer bei mir ab, und Tamaz Meskhishvili ist ein bekannter und beliebter Händler, der gute Ware zum günstigen Preis bietet. Ich habe mich also nicht getäuscht, als ich Ihnen vertraute.“
Nachdem er uns den Weg zu dem Laden erklärt hatte, fragte Sofie, ob er auch ihren Onkel kenne und wisse, wo der wohne. Da konnte uns der Wirt allerdings nicht weiterhelfen und empfahl uns, bei der Polizeistation nachzufragen, die sei nicht weit von hier, hinter der Kreuzung Richtung Palast, wir kämen auf dem Weg zum Laden an ihr vorbei.
Es wurde noch ein gemütlicher Abend, und wir gingen in der Gewissheit zu Bett, in dieser Stadt einen Freund gefunden zu haben.
Am nächsten Morgen suchten wir nach einem gemütlichen Frühstück das Geschäft von Tamaz Meskhishvili auf. Nachdem er das Empfehlungsschreiben von Dr. Schiaschwili gelesen hatte, beriet er uns ausführlich – glücklicherweise sprach auch er Englisch – und suchte mit uns gemeinsam alles aus, was wir für eine Tour in die swanetischen Berge brauchen würden, wenn wir dort den Winter überleben wollten: Schneeschuhe, dicke Fellmäntel, Handschuhe, Mützen – alles aus weißem Pelz –, zwei leichte Baumwollzelte und große Rucksäcke, dazu deckten wir uns mit allerlei nützlichen Kleinigkeiten ein.
„Die Pferde sollten Sie entweder hierlassen oder spätestens in Dschwari unterstellen. Dort gibt es extra einen großen Mietstall für Reisende in die Berge des Kaukasus.“ Bis Dschwari seien es etwa 30 Kilometer, ein Tagesritt, da das Gelände auch nicht allzuviel ansteige, von hier etwa 100 auf knapp 300 Meter über dem Meeresspiegel. Aber anders als Dr. Schiaschwili rate er davon ab, dann weiterzureiten. „Dieses Jahr ist der Winter dort oben schon sehr früh gekommen. Wenige Kilometer nordöstlich steigen die Berge stark an, an manchen Stellen bis auf 2.000 Meter. Sie müssen dem Tal des Enguri folgen, und man muss die Strecke schon sehr gut kennen, um zu Pferd den Weg zu finden; Dr. Schiaschwili hat nicht daran gedacht, dass Sie hier fremd sind. Und außer Potchko Etseri, einem Kaff kurz hinter Dschwari, gibt es bis Khaishi keine Ortschaften mehr. Das sind zwar nur 40 Kilometer, aber die haben es in sich, es geht nur aufwärts.“
Halef hatte ungeduldig gelauscht.
„Geht es dann etwa so weiter?“, fragte er. „Immer nur aufwärts und durch Eis und Schnee?“
Der Händler warf ihm einen belustigten Blick zu.
„Sie wollen in den Kaukasus, was erwarten Sie? Von Khaishi bis Iskari sind es wieder 40 Kilometer, immer aufwärts den Enguri lang, und für die letzten wirklich steilen 20 Kilometer bis Mestia brauchen Sie mindestens noch einmal so lange.“
In Mestia, erklärte er uns, könnten wir uns dann noch einmal ausrüsten für die letzte Strecke nach Uschguli, die sicher die schwerste werde.
Als wir uns verabschiedeten, fragte Sofie auch ihn nach ihrem Onkel. Meskhishvili kannte ihn natürlich.
„Das ist ein guter Kunde von mir. Er ist ja eigentlich Sprach- und Musiklehrer, aber ab und zu geht er in den Bergen auf die Jagd und verdient sich etwas als Pelzhändler dazu. Er wohnt nicht weit von hier, Rustaweli Nr. 21, ist aber im Moment, soweit ich weiß, nicht in Sugdidi.“
Wir bedankten uns herzlich, brachten unsere Einkäufe ins Gasthaus, gönnten uns einen kleinen Mittagsimbiss und machten uns dann auf zum Palast.
Hartmanns Heim, an dem wir noch schnell vorbeigingen, war ein kleines zweistöckiges Holzhaus, das sauber und gemütlich aussah, aber verschlossen war; er war wohl wirklich nicht da. Das Dadiani-Palais hingegen war das Gegenteil von gemütlich. Eine Tafel am Eingang belehrte uns, dass dies ein ‚Wunder der Baukunst‘ sei, errichtet von Fürst Achille Napoleon Murat, Schwiegersohn des Fürsten Niko Dadiani. Und tatsächlich war es für hiesige Verhältnisse ein Prachtbau: ein zweistöckiger neogotischer Palast in L-Form, verziert mit Zinnen und Balkonen, der kurze Arm etwas höher und von zwei Türmchen gekrönt. Leider war die Umgebung diesem Bau nicht angemessen: Er war wohl einst von einem großzügig angelegten Park umgeben gewesen, aber statt Bäumen sah man nur Baumstümpfe, statt Rasen, Hecken und Blumenbeeten nur Trockenheit und Dürre.
Halef schüttelte den Kopf.
„Wie traurig, das passt doch gar nicht zusammen. Immerhin hat es den Vorteil, dass sich niemand an uns heranschleichen kann.“
Wir hatten natürlich den ganzen Vormittag darauf geachtet, ob uns jemand verfolgte, aber uns war niemand aufgefallen.
„Leider sorgt es aber auch dafür, dass wir niemanden so schnell entdecken“, erwiderte ich und schlug vor, auf ein weiteres Schild mit Wegweiser zeigend: „Was haltet ihr davon, wenn wir das Museum besuchen, das hier so groß angekündigt wird? Darin können wir etwaigen Verfolgern sicher eine Falle stellen.“
Mein Vorschlag stieß sofort auf Zustimmung. Sofie und Ann waren sehr an einem Rundgang interessiert; beide hofften, in diesem Museum, das laut Schild fast 40.000 Exponate aus den letzten 4.000 Jahren enthielt, etwas zu finden, was ihrer jeweiligen Suche dienlich sein konnte. Und Halef freute sich, aus der Sonnenhitze zu kommen, und wollte außerdem den vier Russen eine Falle stellen.
Ich teilte seine Begeisterung nicht unbedingt. Wir hatten natürlich unsere Gewehre im Gasthaus gelassen und waren nur mit den Revolvern und unseren Messern bewaffnet, Halef zudem mit seinem Säbel. Bei vier Gegnern konnte das durchaus kritisch werden; wir mussten vorsichtig sein.
Im Museum im Erdgeschoss war es angenehm kühl. Wir schlenderten durch einige hintereinanderliegende Räume mit Gerätschaften von Bauern, Fischern und Winzern aus verschiedenen Jahrhunderten, die Sofie teilweise genauer untersuchte, während wir anderen aufmerksam die Räume vor und hinter uns beobachteten. In jedem Zimmer stand ein Wachmann in russischer Uniform, der uns und die Exponate nicht aus den Augen ließ. Dann kam ein Raum mit vier Türen, der uns den Atem anhalten ließ: Hier blitzte und blinkte es nur so, auf einem Tisch waren edelstes Porzellan, Silbergeschirr und -besteck angerichtet. Ein Schild verriet uns, dass dies das ‚Napoleonzimmer‘ war, ausgestattet mit Gegenständen, die Caroline Bonaparte, die jüngste Schwester von Napoléon Bonaparte, ihren Enkeln vermacht hatte, darunter dem Erbauer dieses Palastes. Sicher waren die Bücherregale und der Sekretär mit den Briefen wertvoll, aber das wichtigste Stück im Raum war zweifellos eine Totenmaske Napoleons, die prominent in einer Vitrine lag. Die Wichtigkeit des Raums wurde dadurch unterstrichen, dass hier gleich zwei Wachtposten standen.
Die beiden Räume links und rechts schienen keine weiteren Ausgänge zu haben und standen voller Bücherregale, wir gingen also weiter in das nächste Zimmer. Das war fast schon ein Saal, ohne weitere Türen, eingerichtet als fürstlicher Salon mit edlen Polstermöbeln und einem Cembalo, in der Mitte genug Platz für eine kleinere Tanzveranstaltung. Seltsamerweise gab es hier keine Wachen. Beherrscht wurde der Raum von einem großen Gemälde an der Stirnwand über einem Kamin, das ich im ersten Moment für eine Kopie des berühmten Gemäldes der Kaiserin Elisabeth von Österreich hielt, das den deutschen Porträtmaler Franz Xaver Winterhalter berühmt gemacht hatte. Doch er hatte hier nur eine ähnliche Pose gewählt: Die Porträtierte war etwas stärker gebaut und älter, ihr Kleid nicht so strahlend weiß, sondern elfenbeinern mit edlen Stickereien, und eine rote Schärpe lenkte den Blick auf ihr ausladendes Dekolleté. Es war eindeutig eine Fürstin – was eine männliche Stimme von der Tür aus bestätigte.
„Was Sie da erblicken, ist Fürstin Ekaterina Dadiani, Dedopali von Mingrelien. Genießen Sie diesen Anblick noch für einen Moment, es soll Ihr letzter Genuss sein.“
Ich drehte mich rasch um, ebenso meine Gefährten. Für einen Moment hatte unsere Wachsamkeit nachgelassen, das rächte sich nun. In der Türöffnung zum Napoleonzimmer stand ein hochgewachsener, ganz in Schwarz gekleideter Mann mit einer Gesichtsmaske, in der Hand eine zweiläufige Pistole. Nun trat er nach vorne, und hinter ihm betraten drei ähnlich aussehende Gestalten das Zimmer. Der Wortführer fuhr in Englisch mit russischem Akzent fort:
„Ich weiß noch nicht, ob Sie unserem Auftraggeber wirklich Ärger machen wollen, aber das werden wir sicher rausfinden.“
Die anderen drei zogen Stricke aus ihren Hosentaschen; offensichtlich hatte man vor, uns zu fesseln.
Halef zog seinen Säbel.
„Bleibt uns vom Leibe!“, drohte er. „Wir lassen uns weder drohen noch gefangen nehmen, und eure zwei Schuss da können uns nicht schrecken.“
Während alle Blicke auf ihn gerichtet waren, zog ich meine beiden Revolver, Sofie ihren Colt.
Der Anführer lachte.
„Schießt ruhig. Im nächsten Moment werden hier ein Dutzend Soldaten eindringen, die euch ohne zu fragen erschießen werden. Wir haben sie schon darauf vorbereitet, dass sich hier zwei türkische Spione eingeschlichen haben, die mit zwei britischen Agentinnen verbündet sind. Die Wachleute sind ganz heiß darauf, endlich mal ihre Waffen einsetzen zu können. Wenn sie schon nicht in den Krieg ziehen dürfen, wollen sie sich doch beweisen und werden uns dankbar sein, dass sie die Helden spielen dürfen.“
Ich steckte langsam meine Revolver weg, zog das lange Bowiemesser und nickte Sofie zu. Diese zögerte einen Moment, dann steckte sie ihren Colt in das Holster, machte eine schnelle Bewegung zum Kamin und hielt in der rechten Hand einen Schürhaken mit beeindruckender Spitze, mit der linken griff sie nach einer langen Kaminzange, die sie an Ann weiterreichte.
„Nun gut“, sagte der Mann mit der Pistole, und es klang fast bedauernd. „Wir wollen das Wachpersonal natürlich nicht unnötig alarmieren und schließlich wollen wir noch einiges von euch wissen. Also werden wir euch lautlos erledigen.“ Er steckte die Pistole weg und zog einen ledernen Totschläger aus dem Gürtel, offensichtlich mit einer eingenähten Metallkugel am Ende. Seine Kumpane taten es ihm gleich, und schon ging der Tanz los. Wie gut, dass es hier eine so große Tanzfläche gab …
Gleich in den ersten Augenblicken wurde deutlich, dass wir es mit erfahrenen Kämpfern zu tun hatten, wahrscheinlich mit militärischer Ausbildung. Halef und ich hatten keine Probleme, uns unsere Gegner vom Leib zu halten, Sofie und Ann aber gerieten sofort in die Defensive, sie würden sich trotz der größeren Reichweite ihrer provisorischen Waffen nicht lange halten können. Ich tauschte mit Halef einen schnellen Blick, dann unterlief ich einen Schlag meines Gegners, rammte ihm die linke Faust in die Achselhöhle, sodass er den Totschläger fallen ließ, und versetzte ihm meinen Jagdhieb an die Schläfe; er brach zusammen. Ein Blick zu Halef zeigte mir, dass er sein Gegenüber gut in Schach und auf Distanz hielt, so wandte ich mich Sofie zu, der ihr Gegner gerade den Feuerhaken aus der Hand geschlagen hatte. Ich nahm den gefallenen Totschläger auf und versetzte ihn damit gerade rechtzeitig ins Land der Träume, ehe er Sofie schlagen konnte.
In dem Moment erklang ein Schuss. Ann hatte ihre Kaminzange verloren und fühlte sich so in Bedrängnis, dass sie zu ihrem Deringer gegriffen hatte. Anns Gegner lag auf dem Boden und hielt sich das linke Knie, leise wimmernd. Auch Halefs Gegner brach zusammen; der geübte Säbelfechter hatte nur deshalb so lange gebraucht, weil er ihn nicht ernsthaft verletzen wollte, und hatte ihm nun den Säbel mit der Breitseite an den Kopf gedonnert.
Schwer atmend schauten wir uns an, da überraschte uns wieder eine Stimme von der Tür. Es war wohl ein georgischer Fluch – und schon stürzten fünf Wachleute auf uns zu, mit gezogenen Säbeln. Der Anführer der Schwarzen hatte offensichtlich gelogen: Weder waren es so viele Soldaten, wie er behauptet hatte, noch schossen sie sofort. Ich vermutete, sie hatten Angst um die wertvollen Ausstellungsstücke, denn ebenso offensichtlich legten sie keinen Wert darauf, uns lebend gefangen zu nehmen: Sie drangen sofort mit ihren Säbeln auf uns ein. Ich stellte mich einem mit dem Bowiemesser in der rechten und dem Totschläger in der linken Hand entgegen, Halef kämpfte gleich gegen zwei von ihnen, und Sofie versuchte, sich mit dem Feuerhaken, den sie wieder aufgehoben hatte, zu verteidigen. Der fünfte stürzte auf Ann zu, doch sie stoppte ihn wie ihren ersten Gegner mit einem hervorragend gezielten Schuss ins Knie.
Es war abzusehen, dass wir gegen diese geschulten Soldaten nicht lange würden standhalten können. Sofie dürfte man jeden Moment ihren Feuerhaken aus der Hand schlagen, ich konnte mir meinen Gegner zwar vom Leib halten, aber nicht wirksam an ihn herankommen, Halef würde auf die Dauer gegen zwei fast ebenbürtige Fechter unterliegen … Ich musste etwas Außergewöhnliches wagen. Ich wog den Totschläger in der Hand; er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit manchen Kampfbeilen, die ich aus Amerika kannte. Ich riskierte einen Ausfall mit dem Bowiemesser, der mir die Klinge des Säbels bedrohlich nahe brachte, und als die Augen meines Gegners auf das Messer gerichtet waren, warf ich den Totschläger mit aller Kraft, die ich mit der Linken aufbringen konnte, und traf ihn am Kinn. Wie vom Blitz getroffen brach er zusammen.
Ich raffte den Säbel auf und wollte Sofie zu Hilfe kommen, da donnerte es von der Tür her:
„Stop! Stoj!“
Sofort ließen die Wachleute von uns ab, traten zurück, drehten sich zur Tür um, salutierten und standen stramm. In der Tür stand ein gutaussehender hochgewachsener junger Mann, ich schätzte ihn auf Ende zwanzig, in der Uniform eines Offiziers der Kaiserlich-Russischen Armee. Er musterte uns ernst, dann verzogen sich seine Lippen unter dem gestutzen Schnurrbart zu einem Lächeln.
„Gestatten, dass ich mich vorstelle: Andria Dadiani, auch bekannt als Prinz Dadian von Mingrelien“, sagte er in akzentfreiem Englisch. Er wies auf das Porträt: „Ich glaube nicht, dass es meiner Mutter gefallen wird, wenn sie hört, was hier in ihrem ehemaligen Salon geschehen ist. Eine Wiedergutmachung ist sicher angebracht.“
Er wandte sich an die drei Wachleute, die immer noch strammstanden, und fauchte sie auf Georgisch an. Sie ließen die Hände sinken und nickten. Dann drehte sich der Prinz wieder zu uns um.
„Die Soldaten werden sich um die Attentäter kümmern und sie uns später zum Verhör bringen. Jetzt aber seien Sie erst einmal meine Gäste, im Palast der Fürsten von Mengrelien.“
Sechstes Kapitel
Überraschende Begegnungen
Der Prinz wartete, bis wir unsere Sachen aufgehoben hatten, dann ging er so schnellen Schrittes voran, dass wir keine Gelegenheit hatten, mit ihm zu sprechen. Wir verließen das Museum auf demselben Weg, auf dem wir es betreten hatten, gingen um das Palais herum und zum höheren Teil des Bauwerks auf ein schön geschnitztes Holztor zu, neben dem steif zwei Wachleute in Uniform mit Gewehren und Säbel standen. Als wir uns näherten, salutierten sie zackig und einer riss den linken Flügel des Tors auf, sodass wir hindurchtreten konnten. Prinz Dadian nickte ihm freundlich zu, dann führte er uns in einen schattigen Innenhof, in dem unter einer weit ausladenden Linde um einen mittelalterlichen Steintisch mehrere Stühle standen. „Bitte, nehmen Sie doch Platz!“, lud er uns ein, wartete, bis wir uns gesetzt hatten, und ließ sich dann auch nieder. Sogleich kamen mehrere Bedienstete, Männer und Frauen in Tracht, die auf den Tisch verschiedene Erfrischungen, Gläser, einen Wein- und einen Wasserkrug stellten.
Unser Gastgeber wartete, bis die dienstbaren Geister alles aufgebaut, unsere Gläser nach Wunsch gefüllt – nur Sofie und ich ließen uns Wein einschenken – und sich zurückgezogen hatten, dann hob er sein Glas und prostete uns zu.
„Gaumardschoss – oder, wenn es Ihnen lieber ist, sa sdorowje oder cheers oder auch prosit! Und nun lassen Sie uns zunächst die wichtigsten Fragen auf beiden Seiten klären, ehe wir uns unseren Gefangenen zuwenden und danach angenehmeren Dingen. Was führt Sie in unser schönes Land, dass Sie den Zorn der vier Attentäter auf sich gezogen haben?“
Auch wenn die Worte freundlich klangen, erkannte ich in den grauen Augen des jungen Offiziers Misstrauen und Zurückhaltung. Dieser Mann war klug und umsichtig und zugleich entschlossen im Handeln, wie sein Vorgehen im Museum bewiesen hatte. Und er war vorsichtig: Ein schneller Blick hatte mir gezeigt, dass an jedem Eingang, der vom Innenhof aus ins Gebäude führte, ein Soldat Wache stand. Das Tor, das nach außen führte, war wieder verschlossen, und ich hatte nicht vergessen, dass draußen zwei Posten standen. So freundlich der Prinz und so formlos diese Einladung war: Dies war ein Verhör, das schnell in eine Gefangenschaft münden konnte.
Ich stellte mein Glas ab und antwortete:
„Wir geben Ihnen gerne Auskunft und hoffen auch, dass Sie uns helfen können, die Vorgänge zu verstehen. Doch seien Sie bitte so freundlich, uns zunächst aufzuklären, in welcher Funktion Sie uns gerettet und nun so freundlich eingeladen haben.“
Der junge Mann griff nach einer Weintraube, rollte sie genüsslich im Mund umher, ehe er sie zerbiss und schluckte, nickte dann und setzte sich betont aufrecht hin.
„Ich bin Fürst Andria Dadiani, jüngerer Sohn des verstorbenen Fürsten von Mingrelien David Dadiani und der Fürstin Ekaterina. Mein Bruder Nikolaus war bis zu seiner Abdankung 1857 Herrscher dieses Fürstentums und ist nun Flügeladjutant von Zar Alexander II. Ich diene als Generalleutnant in der russischen Armee und bin dort bekannt als Andrej Dawidowitsch Dadian-Mingrelski. Genügt das fürs Erste?“
Ich nickte und fragte:
„Ich habe von einem Prinzen Dadian von Mingrelien gehört, der ein Mäzen des Schachspiels und ein sehr starker Amateurspieler sein soll. Sind Sie das?“
Des Prinzen Blick wurde freundlicher.
„Ja, ich trete manchmal bei Turnieren an, noch lieber aber fördere ich Schachveranstaltungen. Doch seien Sie so freundlich, sich nun vorzustellen.“
Ich begann bei Ann, natürlich mit vollem Titel und Namen, was dem Fürsten ein freundliches Nicken entlockte, und führte gleich aus, weswegen sie nach Georgien gekommen war, was unserem Gastgeber zu gefallen schien. Als er von Sofies Vorhaben hörte, hoben sich seine Augenbrauen und er schien ein Schmunzeln zu unterdrücken und etwas sagen zu wollen, doch beherrschte er sich. Zu unserem Vorhaben äußerte ich mich nur sehr vorsichtig.
„Mein guter Freund Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, Scheik eines arabischen Beduinenstamms, und ich sind Abenteurer, die gerne fremde Länder kennenlernen. Wir begleiten Lady Ann und ihre Freundin als Unterstützer und weil wir neugierig sind, wie es sich in der höchsten dauerhaft bewohnten Siedlung Europas lebt. Außerdem hoffen wir auf vielleicht die eine oder andere interessante Begegnung mit Wild und Raubtieren. Mein Name ist …“
Ich kam nicht dazu, ihn zu äußern, denn der Fürst sprang auf und fiel mir ins Wort.
„Ich weiß, wer Sie sind. Ich habe Ihre Bücher gelesen, während ich in Heidelberg studiert und promoviert habe. Wenn Sie Ihre Gewehre dabei gehabt hätten, hätte ich Sie gleich erkannt.“ Er beruhigte sich wieder und wandte sich an Halef. „Ihr Name hat mir verraten, wer Ihr Freund sein muss. Sie sind schließlich einer der Helden in den Romanen, in denen er vom Orient schreibt.“
Ann und Sofie wechselten einen Blick und schmunzelten, sie mussten sicher wie ich an unser Gespräch über die Bekanntheit des Hadschi denken, der plötzlich sehr viel gerader in seinem Stuhl saß.
Dadiani setzte sich wieder, schenkte Sofie und mir Wein nach, dann sagte er:
„Nun sind natürlich alle Zweifel an Ihren Absichten beseitigt, Sie sind mir ausgesprochen willkommen. Ich lade Sie herzlichst ein, morgen zum Mittagsmahl meine Gäste zu sein, ich erwarte ganz besonderen Besuch, der auch Sie erfreuen wird, und für die junge Dame“ – er nickte Sofie zu – „habe ich sogar eine besondere Überraschung. Nun aber lassen Sie uns, wenn wir ausgetrunken haben, unsere Gefangenen verhören.“
Im zweiten Stock standen vor einer Tür zwei Soldaten, die salutierten und dann die Tür aufschlossen.
Wir betraten eine Art Beratungszimmer; um einen ovalen Tisch aus dunklem Holz standen sechs Holzstühle mit hohen Lehnen, diese und die Sitzflächen jeweils mit dunklem Leder bezogen. Die vier Männer saßen auf einer Seite des Raums auf ebensolchen Stühlen, jeweils an die Lehnen mit einem Lederriemen um die Brust gefesselt. Außerdem hatte man ihre Beine an die Stuhlbeine gebunden, die Arme hatte man frei gelassen. Es bestand aber keine Gefahr, dass sie sich befreien konnten: Hinter jedem Stuhl stand ein Soldat. Dadiani befahl den Wächtern mit einem Wink, uns allein zu lassen, diese schlossen von außen die Tür.
Während der Fürst an den Tisch trat und die Papiere untersuchte, die dort abgelegt waren, nutzte ich die Gelegenheit, die vier Gefangenen genauer anzuschauen. Sie waren gleich gekleidet: Hosen aus schwarz gefärbtem Segeltuch mit breiten, schwarzen, nietenbesetzten Ledergürteln, Hemden aus ebensolchem Stoff, schwarze Halstücher und schwarze Lederwesten. Die Masken hatte man ihnen abgenommen, ich blickte in vier sehr ähnliche Gesichter: hart, mit leicht gebräuntem Teint, scharfen Gesichtszügen, die dunklen Haare militärisch kurz geschnitten. Einer hatte einen Verband um ein Knie. Soldaten, dachte ich unwillkürlich, oder zumindest waren sie früher beim Militär.
Als habe er meine Gedanken gelesen, bestätigte Dadiani in russischer Sprache:
„Ehemalige Offiziere der russischen Armee, und das in einem Eliteregiment, und obendrein vor einem Jahr ehrenhaft entlassen. Was treibt Männer wie Sie dazu, meine Herren, unschuldige Reisende zu überfallen?“ Er zog einen Stuhl heran, setzte sich umgekehrt darauf, das Kinn auf die hohe Lehne gestützt, und sagte: „Sie werden es mir verraten, und das wissen Sie auch. Früher oder später reden alle.“
Ich wollte mir lieber nicht vorstellen, was er damit andeuten wollte; das Zarenreich war nicht gerade für seine sanften Verhörmethoden bekannt. Ich nahm mir ebenfalls einen Stuhl und setzte mich, wenn auch richtig herum, und sagte zum Prinzen, während meine Gefährten meinem Beispiel folgten, ebenfalls auf Russisch:
„Zumindest einer kann Englisch; vielleicht können wir das Verhör in dieser Sprache führen, damit meine Freunde alles mitbekommen. Und er“ – ich wies auf den Anführer, den ich an seiner Größe erkannte – „sprach von einem Auftraggeber, für den sie herausfinden sollten, ob wir ihm Ärger machen würden.“
Dadiani folgte meiner Bitte und wechselte die Sprache, in der ihm alle vier antworten konnten, wenn auch zum Teil gebrochen. Doch so sehr er auch die vier Männer drängte, mal drohend, mal verführerisch, mal mit Versprechungen, sie antworteten zwar, doch konnte er ihnen nicht mehr entlocken, als dass sie schriftlich den Auftrag erhalten hätten, uns zu überfallen. Das Schreiben hätten sie natürlich vernichtet. Und nein, ihren Auftraggeber kannten sie nicht. Als ehemalige Offiziere müssten sie die geringe Rente, die ihnen der Staat zahle, eben ab und zu aufbessern; sie würden aber niemals jemanden töten, wenn es sich vermeiden ließe, und nur Aufträge annehmen, bei denen es gegen Ausländer ginge.
Das ließ den mingrelischen Fürsten wütend werden.
„Ausländer!“, fauchte er und wedelte den vier Männern mit ihren russischen Pässen vor den Gesichtern herum. „Sie kommen aus Nischni Nowgorod, der wichtigsten Handelsstadt des Russischen Reiches, in der mehr Ausländer als Russen verkehren, und wollen uns weismachen, Sie hätten etwas gegen Ausländer? Und das mir, einem Fürsten der Georgier, die noch vor 100 Jahren nicht zu Russland gehörten? Für wie dumm halten Sie uns?“ Er war aufgesprungen und hatte sich, ob in echter Erregung oder gut gespielt, in Rage geredet.
„Prinz Dadiani“, unterbrach ihn Sofie, die die Männer die ganze Zeit sehr genau beobachtet hatte, „ich glaube, sie haben etwas in ihren Westen eingenäht.“
Später erklärte sie uns, dass ihr aufgefallen sei, dass immer, wenn der Fürst besonders bedrohlich agiert habe, einer der vier am unteren Saum seiner schwarzen Lederweste herumgefummelt hatte.
Dadiani zögerte nicht lange. Er zog aus einer schmalen Scheide ein langes Messer mit sehr schmaler Klinge, das offensichtlich rasiermesserscharf war, denn es kostete ihn nur eine Bewegung, und er hatte den Saum aufgeschnitten.
„Da schau her“, meinte er, nickte Sofie anerkennend zu und zeigte uns eine ovale Metallscheibe. Er drehte sie mehrfach in der Hand, dann legte er sie auf den Tisch, sodass wir sie alle gut sehen konnten. Wahrscheinlich aus Messing gefertigt, maß das Oval etwa acht mal vier Zentimeter. In einer verschnörkelten weißen Schrift auf schwarzem Grund war am äußeren Rand eingraviert: „Pinkerton’s National Detective Agency“, die ersten zwei Worte am oberen Rand, die anderen unten. Der Längsstrich des P war nach unten gezogen und verband beides. In der Mitte war ein stilisiertes schwarzes Auge mit einer dicken Braue zu sehen, darunter stand: „WE NEVER SLEEP“.
Ich atmete tief ein.
„Das wird ja immer geheimnisvoller“, sagte ich zu niemandem Bestimmten.
Der Fürst nickte. „Vor allem, wenn man die Rückseite betrachtet.“
Ich drehte die Scheibe um, konnte aber die eingravierte Schrift nicht lesen. Fragend schaute ich unseren Gastgeber an.
„Kyrillisch“, meinte der, „und das auch noch in einer altmodischen Schriftart. Da steht auf Russisch: Sonderagent der Pinkerton Detektiv-Agentur, Boston, USA.“
Wir alle drehten uns zu den vier Gefangenen um, deren Gesichter jetzt einen leicht resignierten Gesichtsausdruck angenommen hatten. Wir setzten uns wieder.
„Nun haben Sie uns doch entlarvt“, sagte der Anführer mit einem Seufzen. „Wir hätten das niemals verraten, aber die junge Dame“ – er wies mit dem Kinn auf Sofie – „ist einfach zu clever. Ja, wir sind russische Agenten im Dienst der amerikanischen Agentur Pinkerton, spezialisiert auf Einsätze im russischen Reich. Es gibt eine ganze Menge von uns, und wir sind keineswegs dazu da, dem Zaren oder seinem Reich zu schaden. Wir vertreten nur die Interessen der USA oder einzelner amerikanischer Bürger.“
Halef konnte nicht an sich halten.
„Benutzen Sie auch so lustige Namen wie Brown, Black and White?“
Der Fürst schaute ebenso irritiert wie unsere Gefangenen, wies dann auf die Pässe und meinte:
„Nein, die haben ganz anständige russische Namen.“
„Aber Sie wissen schon, von wem wir reden?“, fragte nun Ann den Wortführer der Attentäter.
Dieser seufzte:
„Natürlich. Sie haben sich ja schon mit denen angelegt. Brown ist stinkwütend auf Mister Nemsi. Und es ist wohl offensichtlich, dass die drei auch für Pinkerton arbeiten, da verrate ich kein Geheimnis.“
„Aber was eigentlich Ihr Auftrag ist, das könnten Sie uns jetzt verraten“, schaltete ich mich ein.
Die Blicke des großen Mannes wanderten zu Dadiani, dann sagte er:
„Wir könnten uns einen Deal vorstellen. Wir sagen Ihnen alles, was wir wissen, wenn Sie uns freilassen.“
Der Fürst schnaubte durch die Nase.
„Damit Sie postwendend zu Ihren Komplizen eilen und meinen Gästen eine Falle stellen? Das kommt nicht in Frage.“
„Sie können uns aber nicht einfach hierbehalten oder einsperren“, entgegnete der Pinkerton-Mann. „Das gäbe eine diplomatische Konfrontation mit den Vereinigten Staaten. Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass Allan Pinkerton viele Freunde im Kongress hat und auch von Präsident Hayes unterstützt wird.“
„Nun“, lächelte Dadiani, „dazu müsste man erst einmal von Ihnen wissen. Die Kerker des Russischen Reiches sind fast so tief und unergründlich wie seine Seen. Aber ich bin kein Unmensch, und zudem könnten natürlich Ihre so fantasievoll benannten amerikanischen Freunde Ärger machen. Ich mache Ihnen ein Angebot: Sie werden des Reiches verwiesen – damit meine ich das ganze russische Reich –, und ich spendiere Ihnen eine Überfahrt in die USA. Dafür sagen Sie uns alles, was Sie wissen.“
Die vier schauten sich an, dann nickte einer nach dem anderen, und ihr Anführer sagte:
„Einverstanden. Die Detektei Pinkerton ist vor einem halben Jahr von einem reichen US-Amerikaner beauftragt worden, die verschiedenen Wege nach Swanetien zu überwachen. Wir wissen nicht, wer der Auftraggeber ist, den kennt nur Allan Pinkerton persönlich. Wir wissen auch nicht, worum es genau geht. Der Auftraggeber will wohl, so viel hat man uns gesagt, mögliche Konkurrenten ausschalten, weil er im Kaukasus, weit oben in den Bergen von Swanetien, ein großes Geschäft plant und verhindern will, dass ihm jemand zuvorkommt. Deshalb haben unsere Kollegen die Häfen und Bahnhöfe am Schwarzen Meer beobachtet. Auf Ihre beiden Freunde sind sie wegen deren orientalischer Kleidung aufmerksam geworden, weil man uns gewarnt hat, arabische Scheichs könnten sich im Kaukasus engagieren und unserem Auftraggeber Konkurrenz machen. Es gibt natürlich noch eine Menge von uns, ein paar amerikanische und zahlreiche russische Agenten, der Auftraggeber hat sich nicht lumpen lassen, und Pinkerton hat sein gesamtes russisches Agentennetz auf diesen Auftrag angesetzt.“
Spontan schauten wir vier Reisenden uns an. Wir waren gewarnt!
Es war inzwischen früher Abend geworden; der Fürst meinte, er bringe uns noch vor das Tor, seine Leute kümmerten sich inzwischen um die vier Attentäter. Auf dem Gang durchs Erdgeschoss wiederholte er eindringlich seine Einladung für das Mittagessen am nächsten Tag. Plötzlich blieb ich stehen, Sofie im selben Moment ebenso. Aus einem Zimmer drang Musik: Klavierspiel, dazu Gesang, eine Frauenstimme, umspielt von einer Violine. Das alleine hätte mich nicht anhalten lassen, aber erstens erkannte ich die Stimme wieder, auch wenn ich sie in Poti nur deklamieren gehört hatte, und zweitens war dies ein berühmtes deutsches Lied! Unwillkürlich stimmte ich in die nächste Strophe mit ein:
„Die Steine selbst, so schwer sie sind …“
Halef stieß mir den Ellbogen in die Rippen, ich hielt mit Singen inne – und gleichzeitig endete die Musik in dem Zimmer. Ich sah, wie alle anderen schmunzelten.
„Nun kann ich Sie einem Teil meiner Gäste auch gleich vorstellen“, meinte der Fürst, klopfte an die Tür und öffnete sie im nächsten Moment.
In einem Salon, der nahezu ein Spiegelbild dessen war, in dem wir noch vor wenigen Stunden gekämpft hatten, saß an einem Salonflügel, der hier anstelle des Cembalos stand, ein knapp dreißigjähriger Mann in einem europäischen braunen Anzug, statt eines Langbinders trug er um den Hals eine bunt gemusterte Schleife. Er hatte kurzes braunes Haar, das schon weit aus der Stirn zurückgewichen war, und einen fein gestutzten Bart. Vor ihm stand auf dem Notenpult des Flügels eine Ausgabe von Schuberts Die schöne Müllerin. Neben dem Flügel, die linke Hand ganz in der Pose einer professionellen Sängerin auf den geschlossenen Deckel gelegt, stand eine hübsche junge Dame, etwa Mitte dreißig, ihr langes dunkles Haar zu einem Knoten geschlungen, in einer Mischung aus georgischer Tracht und europäischer Kleidung: Zu einem bodenlangen buntgemusterten Wollrock trug sie eine weiße Spitzenbluse, darüber eine braune Wollweste mit langer Knopfleiste. Beide schauten uns erstaunt an.
Bevor der Fürst etwas sagen konnte, drängte sich Sofie an uns vorbei und rannte auf die dritte Person im Raum zu, einen Mann, der hinter dem Flügel stand und gerade eine Geige vom Kinn nahm.
„Onkel Johann!“, rief sie; gerade rechtzeitig legte er das Instrument auf den Flügel und breitete die Arme aus, ehe sie ihm die ihren um den Hals und sich ihm an die Brust warf.
Der Fürst räusperte sich. Sofie ließ von ihrem Bekannten ab und drehte sich verlegen um, ganz rot im Gesicht.
„Entschuldigung“, murmelte sie mit gesenktem Blick.
Der Fürst lachte kurz auf.
„Da ist mir die angekündigte Überraschung ja schon einen Tag früher gelungen, als ich es vorhatte.“ Er trat einen Schritt vor. „Gestatten, dass ich Sie alle vorstelle. Und wir bleiben wohl bei Englisch, da dies alle hier im Raum beherrschen, obwohl sich die meisten auch auf Französisch und einige auf Deutsch unterhalten könnten.“
Der Prinz deutete eine Verbeugung vor der Dame an.
„Bertha von Suttner ist eine langjährige Freundin und ein geschätzter Gast meiner Mutter, gemeinsam mit ihrem lieben Mann Arthur Gundaccar von Suttner, beide kommen aus Österreich. Sie sind seit ihrer Heirat im letzten Sommer unsere Gäste und leben derzeit in Gordi bei meiner Schwester Salome und deren Mann Achille Murat, der diesen Palast gebaut hat. Neben ihnen sehen Sie Johann Friedrich Hartmann, Kanadier amerikanisch-deutscher Herkunft, seit fünf Jahren Sprach- und Musiklehrer bei den Deutschen in Katharinenfeld und für mich manchmal unterwegs als Scout und Pelzjäger.“
Ich nutzte die Gelegenheit, ‚Onkel Johann‘ etwas genauer zu betrachten. Er war ganz in Leder gekleidet, wohl gut sechzig Jahre alt, mittelgroß, mit schulterlangen braunen Haaren und kurz gestutztem Bart. Dass er noch als Jäger in den Bergen unterwegs sein sollte, überraschte mich, denn er trug nicht nur ein anständiges rundes Wohlstandsbäuchlein vor sich her, sondern auch eine Brille. Aber wahrscheinlich täuschte dieses gemütliche Aussehen, ich kannte schließlich manchen Westmann, der rundlich und doch ein guter Trapper war.
Der Fürst hatte inzwischen mit der Vorstellung weitergemacht und nannte nach Ann, Sofie und Halef mich gerade als Letzten:
„… Abenteurer, Reisender und Schriftsteller aus Deutschland, von dem ich bereits einige Bücher gelesen habe. Meine werte Bertha, mein lieber Arthur, ich freue mich auf Ihre Konversation unter Kollegen!“
Dadiani sah meinen fragenden Blick.
„Herr von Suttner schreibt für verschiedene Zeitungen in Österreich und Wochenblätter in Deutschland und seit Kurzem auch als Kriegsberichterstatter für die Neue Freie Presse in Wien. Und Frau von Suttner ist mit Kurzgeschichten und Essays erfolgreich.“
Nun bat der Fürst uns, sich zu setzen, und ließ ein paar Getränke und Erfrischungen bringen. Zwar wäre ich lieber gleich ins Gasthaus zurückgekehrt, um mich über das Erlebte mit meinen Freunden auszutauschen und die nächsten Tage zu planen, doch war ich einverstanden, noch ein paar Minuten zu bleiben. Sofie belegte nämlich Hartmann sofort mit Beschlag, die beiden waren schnell in ein vertrautes Gespräch vertieft. Ann unterhielt sich mit Bertha von Suttner auf Französisch und ließ sich erzählen, wie diese als junge Gräfin 1864 in einem Heilbad im Taunus die damals im Exil lebende Fürstin Dadiani kennengelernt hatte und sofort von ihr begeistert gewesen war.
„Sie ist die imposanteste Frauenerscheinung, die ich je gekannt habe, das Bild einer Königin: jede Bewegung, Gang, Haltung, ihr Lächeln, ihr Benehmen, alles voll anmutiger Majestät.“ Berthas Stimme war vor Erregung und Begeisterung um einige Tonstufen gestiegen, nun beruhigte sie sich wieder. „Sie lebte damals in Petersburg und in Paris, wo wir uns oft getroffen haben. Sie ist mir eine mütterliche Freundin geworden, die uns nun, da die Familie meines Mannes unsere Verbindung ablehnt und ihn enterbt hat, aufgenommen hat und unterstützt.“
Halef und ich wurden inzwischen von unserem Gastgeber mit Jagdanekdoten unterhalten, in denen er sich als begeisterter Waidmann zeigte. Er berichtete gerade von einer Jagd auf einen Wisentbullen in den swanetischen Bergen, als uns ein Schuss draußen aufschrecken ließ. Halef und ich waren sofort auf den Beinen und stürzten zum Fenster. Vor dem Gebäude rang der Anführer der Pinkertons mit einem Soldaten um eine Pistole. Halef riss das bodenhohe Fenster auf und zog seinen Revolver, traute sich aber nicht zu schießen, da die beiden Männer sich zu schnell bewegten, um sicher den Entflohenen zu treffen.
Da wir uns im Erdgeschoss befanden, war es nur etwa ein Meter bis zum Boden draußen; ich sprang ohne zu zögern aus dem Fenster und rannte auf die Kämpfenden zu. Der Pinkerton-Agent schlug in dem Moment den Soldaten nieder und rannte auf die Stadt zu, ich hinterher. „Sihdi“, hörte ich Halefs Stimme, „zur Seite! Du bist mir im Schussfeld!“ Doch da hatte der Verfolgte bereits die Straße erreicht, schlug einen Haken und verschwand in einer Seitengasse.
Ich setzte ihm nach und versuchte, ihn in dem verwinkelten Gewirr der kleinen Gässchen nicht aus den Augen zu verlieren. Er war ein guter Läufer, es hatte keinen Zweck, zu versuchen, ihn in einem Sprint einzuholen. Doch war ich überzeugt, ihm auf die Dauer überlegen zu sei, und mit meinen beiden Revolvern, meinem treuen Bowiemesser und meinen Fäusten musste ich vor ihm, der nur mit der Pistole des Soldaten bewaffnet war, keine Angst haben. Vorausgesetzt, es gelang ihm nicht, mich in einen Hinterhalt zu locken. Da ich ihn aber die ganze Zeit, wenn auch mit Unterbrechungen, vor mir sah, schien mir diese Gefahr gering.
Wir bewegten uns in einem schnellen Trab durch die Gassen, eine Geschwindigkeit, die geübte Läufer sehr lange durchhalten können. Auf den Straßen war um diese Tageszeit wenig los; die meisten Einwohner bereiteten wohl ihr Abendessen vor. Ich bemerkte, dass wir uns Richtung Gasthaus bewegten, und hatte einen Verdacht. Und richtig: Kurz vorher erhöhte der Pinkerton-Mann plötzlich sein Tempo und verschwand in einer Gasse, die, wie ich vermutete, von hinten an den Gasthof führte. Ich näherte mich der Ecke langsam und mit Bedacht, denn hier war durchaus ein Hinterhalt möglich. Als ich vorsichtig und geduckt um eine Hausecke spähte, sah ich den Schwarzgekleideten gerade in einem kleinen Türchen verschwinden, das wohl ein Eingang in den Keller war.
Ich rannte zu der Tür; zu dieser führten drei Stufen hinab. Sie war verschlossen! Sollte ich um das Haus herumrennen und vorne durch den Haupteingang eintreten? Nein, dazu war keine Zeit, auch wollte ich kein Aufsehen erregen. Ich spähte durch den Spalt zwischen Tür und Mauer und sah, dass innen ein Riegel vorgelegt war. Ich hoffte, dass es keiner war, der in einen Metallbeschlag als Gegenstück geschoben wurde, sondern die einfachere Variante, bei der der Riegel nur herunterfiel. Ich würde es gleich wissen. Das Bowiemesser war für solche Operationen zu dick und klobig, aber ich hatte wie immer ein Federmesser mit schmaler Klinge dabei. Das schob ich nun in den Spalt unter den Riegel und versuchte, ihn nach oben zu drücken; es gelang.
Ich schob die Tür auf und sah mich in einem dunklen kleinen Kellerraum; im durch die Tür fallenden Tageslicht erblickte ich eine Treppe, die nach oben führte. Ich stieg sie schnell, aber leise empor, öffnete die Tür am oberen Ende und fand mich in einen Gang, von dem eine weitere Treppe ausging, wohl nach oben ins Hinterhaus, zu den Zimmern der Bediensteten. Ich schlich hinauf in den nächsten Flur, von dem vier Türen ausgingen. Hinter einer hörte ich Stimmen. Ich näherte mich leise und legte das Ohr an die Tür.
„Du musst Brown alles erzählen. Er muss gewarnt werden“, hörte ich den Anführer der Agenten auf Russisch sagen.
Ich zog einen Revolver, stieß die Tür auf und rief:
„Daraus wird nichts mehr! Hände hoch!“
An einem Tisch saß mir gegenüber der Pinkerton-Mann, neben ihm einer der Bediensteten, die ich gestern beim Essen gesehen hatte. Nun war mir klar, wieso die Attentäter von unserem Museumsbesuch gewusst hatten; er musste unser Tischgespräch belauscht haben. Der Agent griff blitzschnell nach der Pistole, die vor ihm auf dem Tisch lag, und richtete sie auf mich. Ich war auf so etwas gefasst gewesen; bevor er abdrücken konnte, hatte meine Kugel sein Handgelenk zerschmettert. Er stieß einen lauten Schrei aus, ließ die Waffe fallen und hielt sich wimmernd das rechte Handgelenk mit seiner Linken.
Inzwischen hatte sich der zweite Mann hinter den Tisch fallen lassen. Gedeckt durch seinen Komplizen schwang er sich nun aus dem Fenster, ich hörte von unten einen dumpfen Aufprall. Ich rannte zum Fenster und sah den Geflohenen hinter einer Hausecke verschwinden. Hier war nichts mehr zu machen, er war uns entkommen.
Resigniert wandte ich mich zu dem Verletzten um. Er war inzwischen ruhig geworden und starrte mich hasserfüllt aus starren Augen an.
„Das wirst du mir büßen!“, presste er zwischen den Zähnen auf Russisch hervor. „Dafür bringe ich dich um, Mann!“
Ich nahm ihm ungerührt das Halstuch ab und verband das verletzte Handgelenk. Dann riss ich ihn vom Stuhl hoch und schnürte dem Stehenden die Arme mit einem Lederriemen auf dem Rücken zusammen. Schnell untersuchte ich ihn, fand aber nichts außer einem kleinen braunen Holzoval in seiner Westentasche. Ich wollte es schon wieder zurückstecken, als mir auffiel, wie sich mein Gefangener anspannte, als ich es es entdeckte. Deshalb steckte ich es ein, um es später zu untersuchen. Ich schob die Pistole in meinen Gürtel und zeigte mit dem Revolver auf die Tür.
„Wir marschieren jetzt gemütlich zum Palast zurück!“, forderte ich ihn auf. „Nach Ihnen!“
Er fluchte lang und ausdauernd, dann setzte er sich in Bewegung. Wir stiegen ins Erdgeschoss hinab, dort wies ich auf die Tür, die von hier nach außen führte.
„Wir nehmen den Hinterausgang.“
Als er auf die Straße trat, stockte er, ich stieß ihn nach vorne, trat hinter ihm aus dem Haus – und sah, weshalb er stehengeblieben war. Vor uns standen zwei uniformierte Polizisten, ihre Pistolen auf uns gerichtet.
„Stop! Stoj!“, rief einer, und dann etwas, was ich nicht verstand. Ich zuckte also nur die Schultern. „Die Waffe runter!“, rief er nun auf Russisch.
Ich schaute mich um, dann ließ ich langsam den Revolver sinken. Widerstand hatte hier keinen Zweck. Ich steckte die Waffe ins Holster und hob die Hände.
Die beiden Polizisten traten näher und fragten nach unseren Namen. Ich stellte mich vor, und nun erfuhr ich auch, wie der Russe hieß, den ich mir zum Todfeind gemacht hatte – vorausgesetzt, er nannte seinen richtigen Namen, woran ich allerdings kaum zweifelte, weil Fürst Dadiani ja seinen Pass hatte. Den Namen Josef Leo Orinschow würde ich mir merken müssen.
Die Polizisten banden weder Orinschow los, noch wollten sie meine Waffen; sie forderten uns nur auf, sie zum Polizeirevier zu begleiten, dort würde man alles klären. Ich wusste noch von unserem Gespäch mit dem Wirt, dass die Wache nicht weit von hier war, sie lag wie das Gasthaus auf der Rustaweli. Deshalb wohl waren die beiden auch so schnell hier gewesen.
Als wir diese Straße betraten und an der Vorderfornt des Gasthofs vorbeiliefen, sah ich in verblüffte, ratlose Gesichter: Hier stand das Wirtsehepaar, umgeben von seinen Bediensteten, und starrte uns mit offenen Mündern hinterher.
Plötzlich erklang von hinten ein scharfer Ruf. Wir drehten uns um und sahen, vielleicht hundert Meter entfernt, an der Kreuzung von der Straße zum Palast her eine regelrechte Kolonne in die Rustaweli einbiegen und auf uns zueilen: vorneweg Fürst Dadiani, flankiert von zwei Soldaten, hinter ihm Halef und Sofie, ihre Revolver in den Händen, zwischen ihnen Ann mit ihrem Deringer, und hinter ihnen Johann Hartmann, ebenfalls mit einem Colt bewaffnet, und Arthur von Suttner, in der Hand einen – Spazierstock! Ich musste lachen.
Nach wenigen Augenblicken hatte uns der Fürst erreicht und verwickelte die beiden Polizisten in einen heftigen Disput auf Georgisch.
Ich schaltete mich ein. „Prinz, die beiden Polizisten haben nichts falsch gemacht, sie haben nur ihre Pflicht erfüllt, und das sehr höflich.“
Dadiani nickte. „Trotzdem darf so etwas nie wieder passieren. Ich werde Ihnen Pässe ausstellen lassen, die sie zumindest in Mingrelien vor so etwas beschützen.“
Er wandte sich wieder an die Polizisten, nun in erheblich freundlicherem Ton; die beiden verabschiedeten sich höflich, baten mich um Entschuldigung und gingen Richtung Polizeiwache davon.
Der Fürst wandte sich an den Gastwirt:
„Mein Lieber, ich werde Ihre Gäste noch einmal kurz in den Palast entführen. Danach aber werden sie wieder bei Ihnen einkehren, und ich bitte Sie, für meine Freunde ein wirklich gutes Mahl vorzubereiten.“
Der Wirt, der wohl noch nie mit seinem Fürsten gesprochen hatte, schaute zwischen ihm und mir hin und her, dann meinte er:
„Es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein!“
Nachdem alle ihre Waffen eingesteckt hatten, nahmen die beiden Soldaten Orinschow in die Mitte und wir begaben uns zu einer Lagebesprechung in den Palast.
Am nächsten Vormittag planten wir in Halefs und meinem Zimmer unser weiteres Vorgehen. Die Lage hatte sich doch sehr verändert: Wir hatten sowohl Verbündete wie auch zusätzliche Feinde gewonnen.
Ann beschloss unsere Diskussion mit der Bemerkung:
„Sofie und ich wissen immer noch nicht genau, welchen Auftrag Marah Durimeh uns erteilt hat.“
Ich hob ein wenig fragend die Augenbrauen.
„Uns? Halef und mir, meinen Sie.“
Ann schüttelte den Kopf. „Ich dachte, wir wären uns einig, dass wir beide Sie begleiten.“ Sie winkte mit dem Kinn zu Sofie. „Das haben wir doch ausführlich besprochen.“
Ich nickte und widersprach zugleich.
„Da sah das Ganze nach einem zwar beschwerlichen, aber zunächst ungefährlichen Zug in die Höhen des Kaukasus aus, um den Riss zwischen der Geisterwelt und der unseren zu schließen. Und Marah Durimeh sprach von einem Menschen, der den Riss aufgetan habe. Wir konnten nicht ahnen, dass wir es mit einem ganzen Geflecht von Gegnern zu tun bekommen würden, einer organisierten Bande. Die Leute von Pinkerton mögen skrupellos sein, manche davon auch kriminell, aber sie sind auf jeden Fall alle gut geschult und erfahrene Kämpfer. Drei sind vor uns und werden uns auflauern, mehr von ihnen werden diesen reichen Amerikaner begleiten und bewachen. Das wird zu gefährlich für Sie!“
Ann richtete sich mit blitzenden Augen auf.
„Sie meinen wohl, zu gefährlich für Frauen! Haben Sie vergessen, was wir gemeinsam erlebt und durchgemacht haben? Wollen Sie ernsthaft behaupten, Sofie und ich wären den Gefahren nicht gewachsen? Glauben Sie, ich will ein vollwertiges Mitglied des Traveller’s Club werden, nur damit ich sagen kann, ich gehöre einem exklusiven Club an? Nein, ich habe die Damenabteilung gegründet, weil dies meine persönliche Möglichkeit ist, die Frauenbefreiungsidee zu unterstützen, für die auf anderem Wege Frauen wie Bertha von Suttner kämpfen. Glauben Sie auch an diese altmodische Vorstellung, dass uns Frauen Milde und Mäßigkeit zukämen und den Männern Mut und Denkfähigkeit? Dagegen schreibt Bertha an, und weil ich nicht gut schreiben kann, beweise ich es immer wieder, wenn ich mit der Waffe in der Hand für eine gerechte Sache kämpfe, wie mit Ihnen zusammen im Geisterreich. Uns Frauen obliegt es, dieselbe Verantwortung wahrzunehmen wie euch Männern, und ich werde nicht kneifen.“
Wie sie da so stand, hocherhobenen Hauptes, die Arme ausgestreckt, erinnerte sie mich an die Marianne, die Nationalfigur der Französischen Republik, wie Eugène Delacroix sie in seinem Gemälde Die Freiheit führt das Volk dargestellt hatte, das ich bei einer meiner letzten Europareisen im Louvre in Paris gesehen hatte. Natürlich war Ann weder barbusig noch schwenkte sie eine rote Fahne, aber ihre Entschlossenheit und – ja, auch ihr Mut – ließen diese Assoziation in mir emporsteigen.
Sofie stand nun neben Ann, hatte ihre linke Hand auf deren rechten Arm gelegt und nickte heftig zur Bekräftigung.
Ich hob besänftigend die Hände, doch ehe ich etwas erwidern konnte, schaltete sich Halef ein.
„Sihdi, die Frauen haben Recht. Denke an Amscha und wie sehr sie uns schon geholfen hat, erinnere dich an die Teuta, die Piratenwitwe, überlege, wie Sofie schießt, die schon Elche und Bären gejagt hat, und wie gut die beiden gestern gekämpft haben. Wir müssen sie mitkommen lassen!“
Ich hatte mich erstaunt zu Halef umgedreht; mein kleiner Hadschi, der Krieger aus der Beduinenwelt, entwickelte sich zu einem modernen aufgeschlossenen Mann! Sicher waren Hanneh und Djamila daran nicht unschuldig. Sollte ich hinter ihm zurückstehen? Nein! Ich dachte an Kolma Puschi, die starke Indianerin, die es mit jedem Mann aufgenommen hatte …
„Ich gebe mich geschlagen“, sagte ich deshalb. „Sie haben Recht, Ann, und auch du, Halef. Lasst uns nicht mehr davon sprechen, außer, wenn ich wieder einmal vergesse, dass ihr Frauen uns Männern ebenbürtig sein könnt.“
Nun schauten wir uns gründlich die Karte an und beschlossen, dem Rat von Tamaz Meskhishvili zu folgen: Wir würden am nächsten Tag nach Dschwari reiten, dort die Pferde unterstellen und dann zu Fuß dem Enguri folgen. Halef gab zu bedenken, dass wir dann gut umpacken müssten; trotz der großen Rucksäcke müssten wir unser Gepäck stark einschränken. „Und dann haben wir die schweren Fellmäntel, unsere Waffen – wir werden einiges zu schleppen haben.“
„Wir haben aber auch ein paar Vorteile“, warf Sofie ein. „Ich weiß nicht, ob es bei uns in Kanada im Winter so kalt und schneereich ist wie im Kaukasus, aber dennoch habe ich viel Erfahrung mit Wanderungen im Winter, durch Schnee und Eis. Wir müssen beispielsweise kein Wasser transportieren; wir werden immer genug Schnee haben, um ihn aufzutauen. Und Herr Meskhishvili hat mir erzählt, dass es dort oben auch im Winter genug jagdbares Wild gibt: Hirsche, Gämsen, Steinböcke, Wildschweine und sogar Wisente. An manchen Stellen ist das Kaukasus-Birkhuhn häufig, es soll leicht zu erlegen sein. Also sollten wir kein Problem mit der Verpflegung haben.“
„Brrr“, machte Halef und schüttelte sich. „Ich habe euch zugehört, und der Händler hat auch was von Wölfen und Bären gesagt.“
„Na, vor denen müssen wir uns nicht fürchten“, warf Ann scherzhaft ein. „Wir haben schließlich einen erfahrenen Bärenjäger mit seinem Bärentöter dabei!“
Siebtes Kapitel
Schach ohne Matt
Als wir kurz vor Mittag zum Schloss kamen, erwartete uns eine Überraschung: ein Volksfest. Das Tor zum Innenhof stand weit offen, und davor und auch im Hof tummelte sich ein erklecklicher Haufen Männer, Frauen und Kinder, viele besonders schick angezogen. Im Hof war über dem großen Steintisch eine Art Blumentempel aufgebaut, unter dem von Bediensteten Erfrischungen angeboten wurden: Da standen Krüge mit leichtem Weißwein, aber auch Sekt und Fruchtsäfte wurden gereicht. Auf Holztellern waren Badridschani, mit Walnusspaste gefüllte Auberginen, angerichtet und verschiedene Früchte sowie Matsoni, Nüsse mit Joghurt. Von oben hingen halbmeterlange Tschutschkella herab: Haselnuss- und Walnusskerne, überzogen mit einer Traubensaft-Kuvertüre, eine sehr süße, jedoch ausgesprochen leckere Nascherei. Es gab aber auch Herzhaftes: Chinkali, Chatschapuri und verschiedene weitere Brot- und Käsesorten.
Eine kleine Gruppe von Männern stand in einer Ecke des Hofs und sang eine höchst komplizierte Weise mit vier Stimmen; es klang unvertraut, aber sehr angenehm. Ich blieb stehen, um zu lauschen.
„Unsere Musik ist einzigartig“, sprach mich in diesem Moment Prinz Dadiani von hinten an. Als ich mich umdrehte, reichte er mir auf europäische Art die Hand, deutete eine kleine Verbeugung an und fuhr fort: „Ein traditionelles lokales Fest, das meine Familie und ich einmal im Jahr geben; wir wollten es natürlich nicht ausfallen lassen. Es ist vielleicht am ehesten mit Ihrem Entedankfest vergleichbar.“ Er deutete mit der Hand auf die Sänger: „Das hier ist viel weniger vergleichbar. Man sagt, in Georgien sei die Polyphonie mindestens dreihundert Jahre vor der europäischen Mehrstimmigkeit entwickelt worden; Stimmführung und Harmonik sind einzigartig. Gefällt es Ihnen?“
Ich überlegte einen Moment.
„Es ist ungewohnt, aber hört sich interessant an, es hat etwas Beruhigendes.“
Der Prinz lachte.
„Ja, das ist ein altes trauriges Liebeslied. Aber warten sie mal ab, bis die Sänger Tanzweisen anstimmen. Lassen Sie uns nun hineingehen, es ist angerichtet.“
Dadiani führte uns in den Raum, in dem wir gestern zuletzt gewesen waren. Der Flügel war etwas zur Seite geschoben worden, sodass die große Tafel nun inmitten des Salons stand, um sie herum zehn Stühle. Das Geschirr und Besteck waren nicht ganz so edel wie im Napoleonzimmer, gehörten aber immer noch zum Wertvollsten, was ich je gesehen hatte.
An der Stirnseite des Raumes standen das Ehepaar von Suttner sowie Johann Friedrich Hartmann, neben ihnen ein Mann in elegantem Anzug. Alle betrachteten aufmerksam ein großes Gemälde, das wie im Napoleonzimmer über dem Kamin hing; es musste neu aufgehängt worden sein, gestern war die Wand an dieser Stelle noch blank gewesen.
Bei unserem Eintreten drehten sich alle um. Prinz Dadiani beeilte sich, uns mit dem uns unbekannten Herrn bekanntzumachen.
„Gestatten Sie, meine Gäste, dass ich Ihnen meinen verehrten Onkel vorstelle: Prinz Heraclius Bagration von Georgien, ein Vetter meiner Mutter, der Fürstin Ekaterina.“
Prinz Heraclius deutete eine Verbeugung an.
Während Dadiani uns nun vorstellte, hatte ich Zeit, seinen Onkel in Augenschein zu nehmen. Er war ein gutaussehender mittelgroßer Mann Mitte fünfzig, mit leicht gelblicher Haut, die wie sein tiefschwarzes, stark gewelltes Haar auf seine orientalische Herkunft hindeutete. Prinz Dadiani hatte uns schon am Vortag erzählt, dass im Laufe der Jahrhunderte durch die Heiratspolitik seiner Familie zahlreiche Verbindungen nach Asien und in den Orient geknüpft worden waren.
Bagration und ich musterten uns gegenseitig; besonders fielen mir seine ausdrucksstarken dunkelbraunen Augen auf, die von einem so stark glitzernden Weiß umgeben waren, dass dies beinahe schon blau schimmerte. In Verbindung mit den vollen grauroten Lippen gaben sie dem Gesicht eine enorme Ausdrucksfähigkeit.
Diese auffälligen Lippen verzogen sich nun zu einem freundlichen Lächeln.
„Es freut mich, die Gäste meines Neffen kennenzulernen, von denen er mir schon gestern Abend viel Spannendes erzählt hat. Ich bin sehr daran interessiert, die Meinung so weitgereister Menschen verschiedener Herkunft zu meiner neuen Errungenschaft zu hören.“ Dabei wies er auf das Gemälde.
Nun ließ sich zum ersten Mal Bertha von Suttner vernehmen.
„Prinz Heraclius ist einer der Adligen, die Wohltätigkeitsveranstaltungen zu Gunsten der Soldaten organisieren. Und dieses Gemälde gehört zu diesem Engagement. Ist es nicht rührend? Diese Schlachtfeldszene mit dem Zelt im Hintergrund, mit Pulverdampf, toten Pferden und platzenden Granaten, diese wunderschöne russische barmherzige Schwester im Vordergrund, mit Tränen auf den Wangen, wie sie sich mild herabbeugt über den verwundeten türkischen Soldaten, wie sie seinen Kopf aufrichtet, um ihn zu laben.“
Bertha schniefte und über ihre Wange rollte eine Träne.
Ihr Mann räusperte sich, und um von der Rührseligkeit seiner Frau abzulenken, erläuterte er:
„Das Gemälde stammt von dem russischen Maler Wassili Wassiljewitsch Wereschtschagin, der in München lebt.“
Prinz Dadiani versuchte, die durch die Schlachtendarstellung etwas getrübte Stimmung aufzulockern.
„Lassen Sie uns doch Platz nehmen. Es wird gleich aufgetragen.“ Bevor wir uns setzten, nahm er mich noch einen Moment zur Seite. „Die vier Pinkertons sind unter Bewachung auf dem Weg zur Grenze. Sie werden Ihnen keinen Ärger mehr machen. Mein Onkel weiß Bescheid, er kümmert sich um die weitere Beobachtung der vier.“
Wir nahmen Platz: der Gastgeber am Kopf des Tischs, wir vier fremden Gäste auf der einen Seite, die Suttners und Hartmann auf der anderen, Bagration seinem Neffen gegenüber. Dann erhob sich Prinz Dadiani.
„Verehrte Gäste, es ist mir ein Vergnügen und eine Ehre, Sie zu einem traditionell georgischen Bankett einzuladen, dem Supra. Wie es die Tradition erfordert, braucht es dazu einen Tamada, einen Trink- und Tischmeister. Meistens ist dies der Gastgeber, doch erlaube ich mir, diese Ehre an meinen Onkel abzutreten, der darin weitaus mehr Erfahrung hat und ein berühmter Tamada ist. Damit das Gastmahl traditionell ablaufen kann, mag ich unseren Gästen ein paar Regeln zur Kenntnis geben. Wenn ein Tamada einen Trinkspruch ausbringt und dabei aufsteht, müssen alle Männer auch aufstehen und ihr Glas vollständig leeren, dann wird nachgeschenkt. Wer mag, kann ebenfalls einen Trinkspruch ausbringen. Wenn der Tamada ein Trinkgefäß herumgibt, so ist dies von jedem Mann, der da-raus trinkt, bis zur Neige zu leeren. Niemand aber muss daraus trinken. Und wer nicht mehr trinken will, lässt das volle Glas stehen.“ Dadiani machte eine Pause, dann deutete er eine Verbeugung gegenüber Halef an. „Selbstverständlich gestatten es unsere Sitten, dass ein Mann, der dem Alkohol abhold ist, auch etwas anderes trinkt.“
Dadiani hob ein langes, schmales, helles, schön gemustertes Trinkhorn aus einem Ständer auf dem Tisch und brachte einen Toast auf seinen Onkel aus:
„Kargad chaatarebinos es supra!“ Zu uns gewandt, erläuterte er: „Auf dass er das Fest gut leite!“ Dann trank er das Horn leer, ergriff den Hornständer und brachte beides Prinz Heraclius.
Ich will nicht allzuviel über das Essen schreiben; es war eine Schlemmerei der feinsten Sorte mit rund einem Dutzend Gängen. Der Tamada verstand es hervorragend, die Stimmung mit Trinksprüchen aufzulockern, ohne uns dabei betrunken zu machen. An einige wenige Sprüche erinnere ich mich: „Möge der Frieden in dieses Land einziehen und den Krieg daraus vertreiben!“ – „Auf unsere hochverehrte Dedopali, die Mutter von Mingrelien!“ – „Auf die gefallenen Helden, die das Land verteidigen seit des Aietes Zeiten.“ – „Auf unsere Gäste aus dem Westen, auf dass sie alle ihre Ziele erreichen.“
Überrascht wurden wir von einigen magischen Spielereien, die den Haushalt des Fürsten zierten. So wurden die Speisen nicht von Dienern aufgetragen, sondern kamen auf kleinen fliegenden Teppichen herangeschwebt! Wir starrten mit offenen Mündern, während dies den anderen Gästen schon vertraut erschien. Ich wandte mich an den Fürsten:
„Ich bin erstaunt, dass Magie hier etwas so Selbstverständliches zu sein scheint.“
Dadiani schüttelte den Kopf.
„Bitte nennen Sie es nicht so. Denn Magie und Hexerei sind in unserer Bevölkerung nicht gerne gesehen und angstbesetzt, werden auch von der Kirche nicht akzeptiert. Nur zwei Sorten von Zauberei lassen sich ohne Schwierigkeiten in der Öffentlichkeit verwenden: jene, die aus unserer Geschichte von alters her überliefert sind oder uns schon in der Antike oder im Mittelalter übereignet wurden, und Geschenke aus fernen Landen. Diese Teppiche, ein rundes Dutzend, sind ein Gastgeschenk eines Fürsten aus dem Orient. Ich bewunderte diesen Magier, als er vor Jahren meine Eltern besuchte. Er hätte aus den Geschichten aus 1001 Nacht stammen können, dieser edle Scheik aus königlichem Geschlecht.“
Ich stutzte, dann fragte ich:
„Scheik Haschim?“
Dadiani schaute mich erstaunt an.
„Das stimmt, kennen Sie ihn?“
Ich lächelte.
„Die Welt ist klein, er ist ein guter Freund!“
Dann erzählte ich Ann und Halef von dem unerwarteten Zusammentreffen mit der Zaubergeschenken unseres Freundes.
Die magischen Überraschungen hatten damit aber kein Ende gefunden. Als die kleinen Teppiche vor uns schwebten, erhob sich der Fürst und erklärte:
„Aus alter Zeit stammt dieses Geschirr, aus Zeiten, die im Dunkeln liegen. Nur selten greife ich auf die goldenen Gewürzbecherchen und Wasserschälchen zurück, denn ihre Kraft braucht Monate, um sich zu erneuern, doch zu diesem besonderen Anlass sollen sie euch dienen. Wenn euch nach Würze für eure Speisen verlangt, so ergreift eines der Goldbecherchen am linken Henkel, haltet es über den Teller und sagt das georgische Wort für das entsprechende Gewürz.“
Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, erklärte uns Prinz Dadiani:
„Diese nützlichen Helferlein sind nicht wirklich alt; ich sammle seit meiner Begegnung mit Scheik Haschim magische Kleinodien, aber ich muss halt aufpassen, wie ich diese nach außen darstelle.“
In den nächsten Stunden lernten wir für einige Gewürze, wie sie auf Georgisch heißen, gemerkt habe ich mir nur Salz, Marili, und Zucker, Schakari, sowie zum Überstreuen mancher warmen Gerichte Käse, Kweli. Natürlich übertrieben es einige von uns und überwürzten ihre Speisen; ehe sie die versalzenen oder zu scharfen Gerichte wegwerfen oder in die Küche zurückgehen lassen konnten, verriet Dadiani das Wort, das die Würze komplett entfernte, wenn man das Würzgefäß dabei am rechten Henkel hielt: ukan, das heißt zurück.
Auch Zquali merkte ich mir, Wasser: Dies über eines der Wasserschälchen gesprochen, erneuerte darin sofort das Wasser zum Händereinigen.
Nach kurzer Zeit stieß Ann mich an:
„Schauen Sie, das Tischtuch. Es scheint ein Eigenleben zu besitzen.“
Sie wies Sofie, Halef und mich auf ein paar Stellen hin, bei denen das weiße Leinen tatsächlich wirkte, als lebe es: Es verschluckte regelrecht Essensreste; Wein- und Bratenflecken warennach Sekunden verschwunden, Brotkrümel und andere Speisereste wurden vor unseren Augen von dem Stoff verschlungen.
„Ein altes Erbstück unserer Familie“, ertönte da hinter uns ein tiefer Bass. Prinz Heraclius Bagration hatte seinen Platz am Kopfende des Tischs für einen Moment verlassen gehabt und kehrte gerade zurück, dabei hatte er unser Gespräch gehört und erläuterte nun: „Das ist ein sehr nützliches altes Tuch, das der Legende nach aus der Schatzkammer der Königin Tamar stammen soll. Manche behaupten, es sei der Würger der Verurteilten, von dem im Epos Der Recke im Tigerfell von Schota Rustaweli zu lesen ist.“ Er senkte die Stimme und wies mit dem Kopf auf seinen Neffen: „Unterschätzen Sie Andria nicht. Auch wenn er sich meistens generös und nachgiebig gibt, er hat die nötige Härte für seine Position. Einmal hat er dieses Tischtuch als Hinrichtungswerkzeug verwendet: Zur Abschreckung hat er einen Attentäter nackt darin einwickeln lassen, das Tischtuch hat ihn binnen einer Viertelstunde vollständig verdaut, nur sein Glasauge und ein Gallenstein sind übriggeblieben.“
Der Mittag ging in den Nachmittag über, und das Gastmahl war immer noch in vollem Gange. Alle wurden aufgefordert, Trinksprüche auszubringen und diese mit Geschichten anzureichern, von denen manche eine Viertelstunde dauerten. Auch wir beteiligten uns daran: Sofie malte aus, wie die Wikinger Vinland entdeckt hatten, Ann erzählte im Stil eines orientalischen Märchens und natürlich verklausuliert von unserer Reise in die Geisterwelt, wobei sie sich auf die fliegenden Pferde konzentrierte. Halef wollte nicht zurückstehen und berichtete von unserem Kampf gegen den Marid, wobei er dessen Unverwundbarkeit so stark hervorhob, dass ihm am Ende nicht einfiel, wie der Dämon zu bezwingen sei – von seiner Lichtkugel wollte er nichts verraten. Er gab geschickt an mich weiter, und ich malte daraufhin die Macht der Musik in den schönsten Tönen aus.
An die Geschichten der von Suttners erinnere ich mich nicht, wohl aber an die von Hartmann. Denn er griff die Legende von Mindia, dem Schlangenesser, auf. Erst erzählte er sie uns in Kurzform fast so, wie dies der Weinhändler in Kutaissi getan hatte. Dann aber fuhr er fort:
„Eine ähnliche Geschichte gibt es in der Heimat meiner Vorfahren, in der Pfalz, und auch in manchen nordischen Ländern. Dort ist es ein Drachentöter, der die Sprache der Vögel oder der Tiere sprechen kann, nachdem er vom Herz des Drachen gegessen hat.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Ich selbst kenne einen Mann, der aus deutschen Landen stammt und der mit Tieren reden kann. Ein Riese, und obwohl schon vom Alter gezeichnet, so stark, wie ich nie wieder einen traf. Ein Mann, der mit dem Gewehr wie mit dem Messer den Bären wie den Wisent töten kann, aber seinen Lebensinhalt gefunden hat im Schutz jener Tiere, die Menschen ohne Sinn und Zweck dahinschlachten.“ Hartmann wandte sich uns zu: „Jener Mann lebt in den hohen Bergen des Kaukasus. Verärgert ihn nicht, indem ihr unnütz Tiere tötet, so mag er euch Helfer und Freund sein. Die Menschen dort haben ihm den Ehrentitel Otchopintre verliehen, ein Name aus uralten georgischen Mythen. Er bedeutet: der die Tiere beschützt. In alten Zeiten mussten die Jäger vor dem Schießen auf das Tier den Otchopintre anbeten, damit er das Tier zum Töten freigebe! Auf ihn also, den Otchopintre, den ich den Schlangenesser und Drachentöter nenne!“
Als das Gastmahl sich am späten Nachmittag dem Ende zuneigte, kamen die acht Sänger in den Salon, sie brachten gleich viele Frauen mit in alten, bunten Trachten. Schnell wurde der Tisch zur Seite geschoben und eine Tanzfläche freigemacht. Zu fröhlichen mehrstimmigen Weisen tanzten die Frauen verschiedene Kreistänze, mit viel Geklatsche und gewagten Sprüngen. Später kamen vier ältere Frauen dazu, von denen drei die Panduri spielten, eine dreisaitige Schalenlanghalslaute, deren Korpus aus einem Holzblock gefertigt ist. Sie zupften sie sehr rhythmisch, unterstützt durch die vierte Musikerin, die eine zweifellige hölzerne Röhrentrommel spielte, die Doli.
Besonders beeindruckte mich die Lesginka; wie man mir erklärte, ist dies in verschiedenen Varianten der wichtigste Volkstanz in Georgien. In einem schnellen 6/8-Takt wirbelten jeweils vier Männer und Frauen umeinander. Einer der Männer hatte irgendwoher ein Diplipito hergezaubert, ein Kesseltrommelpaar, ein anderer eine Salamuri, eine Schnabelflöte, aus dem Gürtel gezogen. Die Männer tanzten schnell mit kurzen Schritten, fielen zwischendurch auf die Knie und sprangen wieder auf, die Frauen bewegten sich langsam und getragen, die nicht tanzenden Männer und Frauen standen darum herum und feuerten die Tanzenden mit Klatschen und Gestampfe an.
Als der Salamurispieler über der Melodie improvisierte und Zwischenspiele einflocht, hielt es Hartmann nicht mehr auf seinem Platz. Kurz verschwand er im Nebenzimmer; als er zurückkam, hatte er aber nicht, wie ich erwartet hatte, seine Geige dabei, sondern um den Bauch geschnallt ein seltsames kastenförmiges Instrument mit einer Kurbel, einem Rad und Tasten, die er mit der linken Hand bediente. Damit passte er sich schnell in die Musik der Georgier ein, und ich merkte, dass er sowohl die Melodie mitspielen konnte wie einen stets gleichbleibenden Ton darunter.
In einer kurzen Pause, in der die Tänzer verschnaufen konnten und mit Getränken versorgt wurden, erklärte er mir, dass dieser unter der Melodie liegende Ton ein Bordunton sei, eine in der mittelalterlichen Musik übliche Begleitung, die es in der georgischen Musik oft als unterste Stimme gäbe. Sein Instrument habe er aus den Vereinigten Staaten mitgebracht, wo solche Drehleiern, wie sie im Deutschen hießen, von sogenannten Hurdy-Gurdy-Girls gespielt würden. Diese kämen vor allem aus verarmten Gebieten im Hessischen und würden für Monate nach England, Russland, Skandinavien und Nordamerika ziehen, um Geld für ihre Familien zu verdienen. „Natürlich bleibt es meistens nicht beim Drehleierspielen oder beim Tanzen, die Girls landen nicht selten in Saloons und Bordellen. 1865 habe ich in Kalifornien in einer Goldsucherstadt für einen bisschen Goldstaub mit einem Mädchen die Nacht durchgetanzt; wenn ich noch mal so viel draufgelegt hätte, hätte sie mir für die Nacht gehört. ‚Fancy Ladies‘ nennt man diese Billigprostituierten dort.“ Hartmann strich langsam, fast zärtlich über sein Instrument. „Die spielen natürlich keine Hurdy-Gurdys wie dieses Instrument hier, das sind billige Dinger aus Sperrholz, so wie die, die die Bettlerjungs rund um Chicago spielen, und die Harfen, die die Mädels aus Böhmen auf ihrer Wanderschaft dabei haben. Die hier stammt ursprünglich aus der Bretagne.“
Ich nutzte die Gelegenheit und fragte ihn, ob er uns noch ein paar nützliche Hinweise für unsere Reise geben könnte. Er versprach, am nächsten Morgen früh ins Gasthaus zu kommen, ehe wir aufbrechen würden. Dann belegte ihn Sofie mit Beschlag; die beiden hatten sich viel zu erzählen. Zwischendurch spielte er immer wieder mal bei den Musikern mit, mit der Drehleier, mit der Geige oder mit verschiedenen Flöten. Sofie erzählte mir, dass er deswegen einen georgischen Ehrentitel erhalten habe: Salamura – jemand, der die Flöte spielt.
Der Nachmittag flog dahin, mit Musik und Tanz und vielen Gesprächen. Bertha von Suttner erwies sich als ausgesprochen angenehme und kluge Gesprächspartnerin, die sich viele Gedanken über die aktuellen Zeitläufte, aber auch gesellschaftliche Fragen machte. Sie wollte hauptberufliche Schriftstellerin werden, und so tauschten wir uns auch aus über das Verlagswesen und die Chancen, als Frau ernsthafte Texte und nicht nur Kolportageromane veröffentlichen zu können. Derzeit erschienen ihre Artikel meist unter einem männlichen Pseudonym.
Arthur von Suttner wollte von mir vor allem Tipps und Tricks, wie man einen guten Roman schreibe, der im Orient spiele, und was man dabei beachten müsse. Ich musste ihn enttäuschen: Wie meine Leserinnen und Leser wissen, schreibe ich keine Romane, sondern berichte wahrheitsgetreu über das, was ich erlebt habe.
Als der Nachmittag in den Abend überging, verabschiedeten sich die Musiker und Tänzer unter großem Beifall. Prinz Dadiani bat mich, ob wir nicht, ehe wir uns zum Abschluss des Tages noch einen kleinen Imbiss gönnten, einer Schachpartie frönen könnten.
„Sie sollen ja ein guter Spieler sein.“
Halef hatte wohl mal wieder mit mir angegeben. Ich stimmte zu, aber mit Vorbehalt.
„Sie, werter Fürst, genießen einen außerordentlichen Ruf als starker Schachspieler, da hoffe ich sehr, Sie nicht zu enttäuschen.“
Schnell war der Schachtisch bereitgestellt, und während wir es uns zu beiden Seiten bequem machten, setzte sich Bertha von Suttner ans Klavier und spielte leise die ersten Nocturnes von Chopin; wie ich wusste, verdiente sie den ehelichen Lebensunterhalt nicht nur als Sprachlehrerin und Übersetzerin, sondern gab auch Musikunterricht.
Ich bewunderte das Schachspiel. Das Brett bestand aus weißem und braunem Alabaster, wie die Figuren; diese stellten mittelalterliche Kampfgestalten dar: Bauern mit Sense und Dreschflegel, Herolde mit Schriftrollen, Ritter zu Pferde, Belagerungstürme – und eine Königin und ein König jeweils in georgischer Tracht. „Königin Tamar und König Dawid“, erklärte Dadiani unnötigerweise, der mir die weißen Steine überlassen hatte.
Aus einem Königsspringerspiel entwickelte sich schnell eine Schottische Partie mit regem Schlagabtausch, keiner von uns beiden hatte Lust auf ausgedehnte Überlegungen. Nach einem Dutzend Zügen hatte Dadiani rochiert, ich mit dem schwarzen Läufer seinen Springer gefesselt. Drei Züge später lehnte sich Dadiani mit einem Seufzer zurück.
„Sie mögen riskantes Spiel!“, meinte er. Mit zwei Angriffszügen hatte ich seine schwarze Festung gesprengt. Allerdings würde ich nicht weiterkommen, es drohte ewiges Schach.
„Ich biete Ihnen Remis an“, meinte ich deshalb. „Es gilt zwar nicht als ehrenvoll, dies mit den weißen Steinen zu tun, aber Sie sind eindeutig der erfahrenere Spieler, und ich bin zufrieden, dass Sie mich nicht geschlagen haben!“
Dadiani reichte mir über den Schachtisch hinweg die Hand.
„Es war mir ein Vergnügen!“
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. Bertha von Suttners Klavierspiel endete in einem schrillen Akkord. Herein taumelte der Diplipito-Spieler, offensichtlich gestoßen, hinter ihm erschien im Türrahmen Johann Hartmann.
„Setzen“, herrschte er den Musiker auf Russisch an und stieß ihn auf einen der freien Stühle. In der linken Hand hielt er seinen Colt. Er atmete schwer. „Entschuldigen Sie, meine Damen, meine Herren, dieses ungebührliche Eindringen, aber ich glaube, dieser Herr hat uns etwas zu sagen.“ Hartmann griff in eine Westentasche und förderte eine Metallscheibe zu Tage, die wir nur zu gut kannten: die Pinkerton-Marke. Er warf sie auf den Tisch.
Der Musiker starrte vor sich auf den Boden. Wir starrten ihn an.
„Hat diese Organisation ihre Leute überall?“, flüsterte Ann. Einen Moment herrschte Stille, dann sprang Dadiani auf.
„Dieses Wespennest muss ausgeräuchert werden!“ knirschte er. Er wandte sich an Hartmann. „Gute Arbeit, mein Freund. Wie haben Sie das geschafft?“
Hartmann setzte sich, er atmete immer noch schwer.
„Ein alter Mann ist kein Rennpferd mehr, entschuldigen Sie. Wie ich ihm auf die Schliche gekommen bin? Das war Zufall. Als die Musiker raus sind, bin ich in den Nachbarraum, um meine Drehleier abzulegen. Da habe ich vor dem offenen Fenster Stimmen gehört. Ich hätte nicht weiter darauf geachtet, wenn nicht plötzlich das Wort Hadschi gefallen wäre. Da bin ich misstrauisch geworden und habe mich ans Fenster geschlichen. Zwei Männer haben sich unterhalten und geplant, wie sie die Reisegruppe, die nach Swanetien wolle, aus dem Weg räumen könnten. Der eine meinte, der Prinz würde seinen Gästen sicher ein paar Flaschen Wein für die Reise mitgeben, und er wüsste, wie man den vergiften könne. Daraufhin sagte der andere noch mal was von dem Hadschi, der trinke doch keinen Alkohol. Dann müsste man bei dem eben Handarbeit leisten, meinte der Erste, und sie trennten sich. Ich musste mich entscheiden, wem ich folgen wollte. Da ich in dem einen den Trommler zu erkennen glaubte, bin ich aus dem Fenster gestiegen und ihm hinterher. Er führte mich geradewegs zum Gasthaus, wo die Gruppe abgestiegen ist. Als er den Riegel zur Kellertür mit einem Messer anheben und ins Haus einsteigen wollte, habe ich ihn mir geschnappt. Das da“, er wies auf die Messingmarke, „habe ich in einer kleinen Innentasche gefunden, außerdem die hier.“ Er holte aus seiner Jackentasche einen Gegenstand, den ich erst bei genauerem Hinsehen identifizieren konnte.
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