Kitabı oku: «Friedrich Gerstecker: Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Amerika 1837-43»

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Jürgen Ruszkowski

Friedrich Gerstecker: Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Amerika 1837-43

Band 144 in der maritimen gelben Buchreihe

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Herausgebers

Der Autor Friedrich Gerstecker

Kapitel eins – Die Seereise in die Vereinigten Staaten Nordamerikas

Kapitel zwei – Der Atlantische Ozean

Kapitel drei – Streifzug durch die Vereinigten Staaten – New-York

State of New-York

Kapitel vier – Streifzug westlich vom Mississippi

Kapitel fünf – Cincinnati

Kapitel sechs – Landleben im Westen

Kapitel sieben – Versuch eines geregelten Lebens

Kapitel acht – Deutsche Ansiedlung in Arkansas

Kapitel neun – Jagd auf Truthühner, Hirsche und Bären im Urwald

Kapitel zehn – Zug in die Ozarkgebirge

Kapitel elf – Aufenthalt in Louisiana

Kapitel zwölf – Heimfahrt

Die maritime gelbe Buchreihe

Weitere Informationen

Impressum neobooks

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Herausgebers


Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.


Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den See­leuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzu­tragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leserreaktio­nen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere. Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski


Ruhestands-Arbeitsplatz

Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers

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Der Autor Friedrich Gerstecker

Der Autor Friedrich Gerstecker


Geboren am 10. Mai 1816 in Hamburg als Sohn eines Bühnentenors. Er ließ sich zum Kaufmannslehrling ausbilden, danach absolvierte er eine Ausbildung in Landwirtschaft. 1837 wanderte er nach Amerika aus, wo er ein abwechslungsreiches und abenteuerliches Leben als Matrose, Heizer, Jäger, Farmer, Koch, Silberschmied, Holzfäller, Fabrikant und Hotelier führte. 1843 kehrte Gerstäcker nach Deutschland zurück. Er lebte ab 1868 in Dresden und Braunschweig. Gerstäcker starb am 31.05.1872 in Braunschweig.

Gerstäcker war ein Erzähler von außerordentlich spannenden und farbenprächtigen Abenteuerromanen, die jedoch stets belehrende Momente in der Landschafts- und Kulturschilderung beinhalten.

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Jagd- und Streifzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas

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Kapitel eins – Die Seereise in die Vereinigten Staaten Nordamerikas

Kapitel eins – Die Seereise in die Vereinigten Staaten Nordamerikas


„Um neun Uhr geht der Kahn ab. – Gewiss?“ – „Ja, kommen Sie ja nicht später!“

Das war die Warnung, die ich empfing, als ich im Frühjahr 1837 mit dem Ewerführer sprach, der mich und mein Gepäck nach dem Schiffe „KONSTITUTION“ bringen sollte.


Die „KONSTITUTION“ war nach New-York bestimmt und lag auf der Reede vor Bremerhaven, ungefähr neun Meilen von Bremen, wo sie nur noch auf die beiden Leichter, oder, wie sie in Bremen genannt werden, Kähne wartete, um ihre Deckpassagiere und deren Güter einzunehmen.

Um neun Uhr war ich an Ort und Stelle, fand aber bald, dass ich mich nicht so hätte zu übereilen brauchen, denn noch wurde keine Anstalt zum Abfahren gemacht. Ich nahm mir daher Zeit, alle meine kleinen Habseligkeiten durchzusehen, um mich zu überzeugen, ob auch alles Notwendige da sei, wo nicht, das Fehlende noch nachzuholen.

In eine große Kiste, aber so, dass ich sie leicht öffnen und schließen konnte, hatte ich roten Wein in Flaschen, ein Fässchen Sardellen, ein Fässchen Heringe, einen westfälischen Schinken – o, dass es sechs gewesen wären! –, eine bedeutende Menge Zitronen, etwas Rum, Pfeffer, Zucker und mehrere zinnerne Gefäße, teils zum Tischgebrauch, teils zum Aufbewahren von essbaren Gegenständen bestimmt, sowie Löffel, Gabel und Messer eingepackt. – Ich fand alles, schlenderte noch recht behaglich an der Weser umher, den Abgang des Kahnes nicht zu verfehlen, und wunderte mich sehr über die immer zahlreicher ankommenden Reisegefährten. Als ich aber die Unmasse von Menschen sah, die alle in dem erbärmlich kleinen Fahrzeuge transportiert werden sollten, schien es mir im Anfange ganz unmöglich, dass es die Leute sämtlich aufnehmen könne, – doch was leistet nicht ein Bremer Kahnführer in dieser Hinsicht!

Als ich so, an eine Kiste gelehnt, dastand und dem allen zusah, kam plötzlich ein junger Mann mit einem blauen Mantel, einer etwas militärischen Mütze und einer Brille, eine lange Pfeife in der einen Hand, einen Tornister in der anderen, auf mich zu, betrachtete mich einen Augenblick und begrüßte mich dann mit dem vertraulichen Du. Sein Gesicht war mir bekannt, doch erst, als er sich nannte, erinnerte ich mich seiner. Es war H., ein früherer Schulkamerad von mir, der mit mir auf demselben Schiffe die Reise nach dem Orte meiner Sehnsucht machen wollte.

Sein Anblick brachte zum ersten Mal, seit ich von allem, was mir lieb und teuer war, Abschied genommen hatte, ein Gefühl in meine Brust zurück, als ob ich doch noch nicht so ganz verlassen in der weiten Welt sei. Ich begrüßte ihn auf das Herzlichste, und dass wir beide von nun an unzertrennlich waren, versteht sich wohl von selbst.

Wir wanderten jetzt noch eine Weile in der Stadt umher und erfuhren, als wir zum Kahne zurückkehrten, mit Bestimmtheit, dass er erst am Morgen des nächsten Tages abgehen würde. Die meisten der Passagiere gingen den Abend noch einmal an Land zurück, ich blieb mit H. an Bord bei unseren Sachen, und am nächsten Morgen, am ersten Pfingstfeiertage, lichteten wir den Anker, d. h. banden den Kahn vom Ufer los, und gingen mit der Ebbe und einem nicht besonders guten Winde unter Segel, sobald als möglich unser Schiff zu erreichen. Aber nur der, welcher eine solche Reise, auf einem solchen Fahrzeuge, mit einer solchen Anzahl von Passagieren gemacht hat, kann sich das Leben und Treiben vorstellen, das wir an Bord unseres Kahnes führten.

Nötig möchte es hier sein, eine kurze Beschreibung desselben zu geben, da diese Kähne noch immer gebräuchlich sind und wohl noch Tausende von Auswanderern in solchen Trauerbüchsen aus der Heimat fortgeschafft werden.

Es sind einmastige Fahrzeuge mit einem großen Schonersegel, das am Hauptmast durch große hölzerne Ringe befestigt ist, und ein lateinisches, ebenso eingerichtetes Segel am Bugspriet trägt. Die ganze Länge des Fahrzeugs beträgt ungefähr 15 Schritt, seine Breite vielleicht 5–6 Schritt; im Hinterteil ist es mit einer Art Kajüte versehen, wenn man überhaupt ein kleines viereckiges Loch mit zwei Schlafstellen an der einen Seite und einem kleinen Schranke an der anderen, etwa 6 Fuß ins Gevierte, so nennen darf.

Man denke sich nun in diesem Kahne – die Kajüte stand bloß zur Verfügung des Kahnführers oder Kapitäns, wie er sich gern nennen hörte – 60 Passagiere, sage sechzig lebendige Passagiere, mit ihren Koffern, Kisten, Hutschachteln, Tüchern voll Proviant, Mänteln, Decken, Matratzen usw. sitzend, gelagert, stehend, und zwar nicht allein junge Männer, nein, alte und junge Frauen, Greise und Knaben, junge hübsche Mädchen und alte Jungfern, alles wild und bunt durcheinandergeworfen, in dem engen, dunkeln, dunstigen Raume, und man hat immer nur ein schwaches Bild von dem, was die Wirklichkeit bot.

Als sich alles gelagert und weggepackt hatte und ich fest überzeugt war, dass es nicht möglich gewesen wäre, auch nur noch einen einzigen Menschen unterzubringen, wir hätten ihn denn unter das Deck gehangen, kamen noch ein Paar Beine durch die Luken, ihnen folgte eine blaue Jacke und dann das dicke, rote Gesicht unseres fidelen Kapitäns. Nachdem er eine Weile mit den Füßen nach einem harten Punkte zum Feststehen gefühlt hatte, ließ er die Hände los und landete glücklich auf den Hühneraugen eines langen Schneiders, der sich zwischen zwei Kisten hineingeklemmt hatte und dort stehend eingeschlafen war. Dieser zog die langen Beine vor Schmerz in die Höhe, war aber so verdutzt – der arme Teufel war noch halb im Schlafe, dass er den guten Kapitän oder Teerjack, wie wir ihn nannten, höflich um Verzeihung bat.

Was aber wollte um Gottes willen der gute Mensch da unten? Nichts, als die hübschen Mädchen, die wir unter unseren Passagieren zählten, in Augenschein nehmen. Deshalb stieg und kletterte er sehr freundlich von einer zur anderen und versuchte sein Bestes, sich angenehm zu machen. Wind und Wetter aber, Ort und Zeit, alles war gegen ihn, und er bekam nur schnöde Worte von dem einen und ein Hohnlächeln vom anderen Teil der Passagiere zum Lohne. Als er sah, dass das schöne Geschlecht nichts von ihm wissen wollte, machte er sich an das andere und fing an mit verschiedenen Schnapsflaschen zu liebäugeln. Diese zeigten sich ihm denn auch bedeutend günstiger als die jungen Damen, denn hier und da wurde eine derselben von unserem Kahnführer entstöpselt und genau untersucht.

Als es zu dunkeln anfing, mussten wir Anker werfen, denn wir hatten die aufkommende Flut jetzt gegen uns. Der kleine Anker flog über Bord, die Segel fielen nieder, und für die Nacht wenigstens waren wir in Ruhestand versetzt. – Ruhestand, ja; ich saß die ganze Nacht hindurch auf der Ecke eines Koffers mit dem Kopfe an eine große Kiste lehnend, mit deren Vorhängeschloss ich mir die Schläfe wundscheuerte.

Welch ein Anblick am nächsten Morgen, als die aufgehende Sonne die schlafenden und schlaftrunkenen Gruppen des engen Zwischendecks beleuchtete! Es war wirklich, um seekrank zu werden, trotz des ruhigen Wassers. Das Wetter besserte sich übrigens, und unser Kahn zog langsam den Strom hinunter. Es mochte acht Uhr sein, als uns ein kleines Fischerboot, ein Schellfischfänger, begegnete. Ich kaufte für wenige Grote einige herrliche Schellfische, die uns unser Kapitano von seinem dienstbaren Geiste zum Feuer setzen ließ. Natürlich aß er, als sie zubereitet waren, auch mit. Mit eintretender Flut ankerten wir von neuem, und H. und ich fuhren mit dem einzigen Matrosen, den wir hatten, an Land, wieder einige Lebensmittel einzunehmen. Unsere Wasserfahrt drohte etwas langwierig zu werden. Nachmittags lichteten wir mit der Ebbe den Anker und kamen bis an ein kleines Städtchen, ich glaube, es heißt Brake, von wo uns fröhliche Tanzmusik entgegenschallte.

Unser Teerjack wäre aber da nicht vorbeigefahren, und wenn die ganze Bremer Admiralität daneben Schildwacht gestanden hätte. Trotz des günstigen Windes und der Ebbe wurde geankert, und der kleine Handkahn, den er, hinten angebunden, immer mit sich führt, brachte wenigstens den jüngeren Teil der Passagiere, einige ganz junge Schreihälse ausgenommen, ans Ufer.

Dort drehten sich viele Stunden lang, vielleicht zum letzten Mal, die jungen Leute auf vaterländischem Boden lustig nach dem Takt der Violinen und Klarinette. Mir aber war freilich nicht wie Tanzen zu Mute, und in eine Ecke gedrückt, sah ich dem wilden Schwarme der Ausgelassenen zu. Mancher von ihnen hätte sich auch vielleicht lieber in irgendeinem stillen Winkel recht herzlich ausgeweint, als hier die Beine im Takt herumzuwerfen, aber die Musik betäubte, was ihnen im Herzen brannte, und einmal in den Strudel hineingerissen, gaben sie sich ihm nun so viel williger hin.

Die einbrechende Nacht rüttelte da endlich das sonst eben nicht sehr zarte Kahnführergewissen unseres „Kapitäns“ empor. Der Wind war zur Ausfahrt günstig, und er wusste, dass das Schiff auf der Reede seiner wartete. Er trommelte daher seine Ladung zusammen, und bald ließen wir die sich in der Ferne recht gut ausnehmenden Klänge der Tanzmusik weit zurück.

Einen Spaß hatten wir übrigens, wenn auch auf Unkosten anderer, der uns die Zeit wenigstens etwas verkürzte. In Vegesack, einem kleinen Städtchen an der Weser, hatten wir noch drei Passagiere eingenommen, die ebenfalls mit unserem Schiffe fahren wollten, einen älteren Mann, vielleicht 45 bis 50, seine Ehehälfte, vielleicht 38 bis 39, und ihren hoffnungsvollen Sohn, ungefähr 18 Jahre alt. Da in dem Zwischendeck unseres Kahnes aber keine drei Personen mehr untergebracht werden konnten, so hatte ihnen Teerjack, natürlich gegen eine verhältnismäßige Vergütung, seine „Kajüte“ abgetreten. Mit nicht geringer Schwierigkeit war es dabei gelungen, die beiden alten, etwas unbeholfenen Leute hinunter zu schaffen, während Wilhelm, der hoffnungsvolle Sohn, mit desto größerer Schnelle unten anlangte. Als er sich nämlich überzeugen wollte, ob seine Eltern glücklich unten wären, rutschten ihm die Füße aus, und wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr er zwischen den zum Tode Erschrockenen nieder, im Vorbeigehen noch seiner Mutter, die bald in Ohnmacht gefallen wäre, den Hut abreißend.

Als es schon fast Abend geworden war, fiel es unserem Führer noch ein, dass er Teer brauche. Derselbe stand in eben dieser Kajüte, und zwar unter dem Fußboden, in den ein viereckiges Loch mit hineingepasstem Deckel eingeschnitten war.

Der Matrose, der, beiläufig gesagt, in Brake zu viel geladen und dabei die Grundregel bei dem Befrachten eines Schiffes vergessen hatte, die schwersten Sachen nie in den oberen Raum zu stauen, taumelte in die enge Öffnung hinein und machte dem Kleeblatt da unten begreiflich, dass er das viereckige Loch in der Mitte aufmachen müsse und sie sich daher, so gut es ginge, an die Wand drücken möchten. Gesagt, getan. Die Aufforderung, sich an die Wand zu drücken, war übrigens leichter ausgesprochen, als in Ausführung gebracht, da schmale Bänke an den niederen Wänden hinliefen. Der Verschlag wurde jedoch geöffnet, der eiserne Topf hervorgezogen und mit dem einen scharfen Fuße gerade auf Wilhelms Zehe niedergesetzt, der den Fuß zurückzog und die Ferse hinten gegen die Wand schlug. Aber sein Leidenskelch war noch nicht vorüber. Mit himmlischer Geduld erwartete er den Abzug des Matrosen, der den Topf mit beiden Händen in die Höhe hob, ihn dem obenstehenden, schon die Hände danach ausstreckenden Kahnführer zuzureichen. So glücklich sollte die Sache aber nicht abgehen; der ziemlich schwere Topf mit dem flüssigen Teer drehte sich in des Taumelnden Hand, Wilhelm bekam den Teer und der Kapitän den Topf, und während dieser oben wie ein Heide oder, viel besser, wie ein christlicher Seemann wetterte und fluchte, stand Wilhelm unten wie Butter an der Sonne, mochte sich nicht einmal anfassen und schnitt ein höchst unglückseliges Gesicht.

Auch noch Spott musste er dabei erdulden, denn ein langer Schneider, der mit an Bord war, meinte unter dem Hohnlachen der gefühllosen Mitpassagiere, dass Wilhelm eine sehr glückliche Reise haben müsse, wenn nur irgend Wahrheit in dem alten Sprichwort läge: „Wer gut schmeert, der gut fährt.“

Noch eine ganze Nacht mussten wir in dem erschrecklichen Kasten zubringen, und es würde Bogen füllen, alle die komischen und ernsthaften Geschichten zu erzählen, die da vorfielen. So etwas aber muss wirklich miterlebt sein, es lässt sich nicht mit Worten beschreiben und würde zuletzt gar ermüden.


Am nächsten Morgen sahen wir das erste Ziel unserer Bestimmung, die Barke „KONSTITUTION“ mit aufgehisster Signalflagge vor Anker liegen. Wir liefen an sie hinan, warfen unsere Taue hinüber und sprangen an Bord.

Es ist unmöglich, auch nur eine Idee der Unordnung und Verwirrung wiederzugeben, die bei unserer Ankunft an Bord entstand. Einer der Kähne war schon vor zwei Tagen mit der Hälfte der Passagiere angelangt.


Diese hatten den dadurch erlangten Vorteil benutzt, sich die besten Kojen oder Schlafstellen auszusuchen und alle ihre Sachen in Ordnung zu bringen, was in dem engen Raume gewiss keine Kleinigkeit war. Man denke sich einen von Balken und Brettern begrenzten Raum, 18 Schritt lang, 9 Schritt breit und 8 Fuß hoch, in der Mitte mit hölzernen Balken versehen, die das Verdeck stützen und zugleich dazu dienen, das Gepäck zu halten. In diesem Raume nun denke man sich ferner an jeder Seite eine doppelte Reihe von Schlafstellen, d. h. eine über der anderen, jede ungefähr 6 Fuß lang und 6 Fuß breit, für 5 Mann eine jede eingerichtet, oder vielmehr nicht eingerichtet.

Rechnet man also von einer Breite von 9 Schritt oder 18 Fuß die an beiden Seiten befindlichen Schlafstellen, jede zu 6 Fuß, ab, so bleiben 6 Fuß Zwischenraum. Da in diesem Raume nun wieder die Kisten und Kästen mit Wäsche und Lebensmitteln von allen Passagieren aufgehäuft und mit Seilen und Stricken an die Balken in der Mitte befestigt waren, um das Umherrutschen derselben bei unruhigem Wetter zu verhindern, so blieb kein größerer Raum übrig als 12 bis 14 Zoll an jeder Seite in einer Länge von 36 Fuß für 118, sage einhundertachtzehn Passagiere!

Als ich den düstern, dunstigen Raum, die dann herumkriechenden und kletternden Gestalten zuerst vom Deck aus mit einer leicht verzeihlichen Scheu betrachtete, kamen mir so sonderbare Ahnungen von dem Wälzen und Schaukeln des Schiffes, von dem Losgehen der Seile, welche die Kisten und Koffer hielten, von dem Umherfliegen des Gepäcks, von Seekrankheit und Erbrechen, auf das die in einer wahren Unzahl vorhandenen zinnernen Geschirre noch dazu gar wehmütig zu deuten schienen, vor die Seele, dass ich mich im Anfang gar nicht hinabgetraute. Ich musste auch wirklich nur nach und nach lernen, in dem furchtbar dunstigen Raum auszuhalten; doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und findet sich nach und nach in alle Verhältnisse.

Die „KONSTITUTION“ war eine Bark, d. h. ein dreimastiges Schiff, nur mit dem Unterschiede, dass die Querrahen am hintersten oder Besanmaste fehlten und dieser ein großes Besansegel und Besantopsegel hatte; die Seeleute nennen solche Fahrzeuge Zweieinhalb-Master. Fast war das Verdeck ziemlich geräumig, wenn es durch das viele Gepäck auch noch wild und unordentlich genug aussah. Obgleich wir nun noch vor Anker lagen, schwankte das Schiff doch ziemlich stark, wie es mir wenigstens im Anfange vorkam, da ich das Schaukeln noch nicht recht gewohnt war. Endlich wurde es dunkel, und ich kroch in das Zwischendeck hinunter, mir noch vor einbrechender Finsternis meinen Schlafplatz ein wenig zu beschauen.

Wir waren unserer fünf, die das Schicksal und unser eigener Wille vermocht hatten, in einen 6 Fuß breiten und 6 Fuß langen Raum hineinzukriechen, und zwar mit der kühnen Idee, dort dem Schlummergotte zusammen in die Arme zu sinken. Einzeln hätte er uns, beiläufig gesagt, auch gar nicht in die Arme nehmen können; denn wir lagen so dicht beisammen, dass er entweder nur alle fünf in Bausch und Bogen oder gar keinen in Schlaf wiegen konnte.

Unsere Matratzen – jeder hatte eine Matratze und eine Decke – wurden unten hineingelegt, und wir krochen, einer neben den anderen, darauf. Als vier darin lagen – zwei von unseren Schlafkameraden wogen je 230 Pfund, – war der Raum ausgefüllt, und nun entstand die Frage: „Wohin soll der fünfte?“ Quer über? Dagegen protestierte die Unterlage. Unter die Köpfe? Das wäre für H., den fünften Mann, nicht sehr angenehm gewesen, und dann war dieser auch so eckig und knochig, dass ich nicht weiß, ob sich unsere Schädel gut dabei befunden hätten. Wir legten uns endlich sämtlich auf die Seite, und H. schob sich noch ein. Er passte gerade in die Lücke; an ein Umdrehen war aber nun nicht mehr zu denken, und so verbrachten wir die erste Nacht auf dem so lang' ersehnten Schiffe.

Als ich wenigstens auf der linken Seite, denn die rechte war und blieb fest eingeschlafen, am nächsten Morgen aufwachte, schienen mir alle Glieder wie zerschlagen und zerstoßen. Es fehlte nicht viel, so hätte ich das Heimweh bekommen.

Ein Eimer voll Weserwasser, das hier schon halb salzig ist, diente mir an dem Morgen, wie später auf der ganzen Reise, zum Waschbecken. Der Wind pfiff recht kalt und unfreundlich durch das Tauwerk, und die ganze Sache wollte mir eigentlich gar nicht so besonders gefallen. Das war der Anfang der Prosa, wo ich mir gleich vom Anfang an nur Poesie geträumt hatte. Ich schämte mich übrigens, irgendeinem anderen ein Wort davon zu sagen, wenn mir auch später eingefallen ist, dass den anderen vielleicht an dem Morgen ebenso zu Mute war, und verbiss meine Gedanken mit einem so viel als möglich gleichgültigen Gesicht.

Jetzt fing es auch unten an lebendig zu werden, und als ich durch die enge Öffnung in das Zwischendeck hinunterschaute, fiel mir Schillers Taucher recht lebhaft ein, „wie's von Salamandern und Molchen und Drachen sich regt in dem furchtbaren Höllenrachen“. Lachen, Singen, Toben, Kinderschreien, Weinen, Beten, Fluchen – alles, alles tönte von da unten herauf, und bald kletterte ein verschlafenes Gesicht nach dem anderen die steile Leiter herauf und blinzelte mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen der hier und da durch dünne, graue Wolken blinkenden Morgensonne entgegen.

Als das eine Stunde gedauert hatte, in der die Leute oben versuchten, sich den Schlaf aus den Augen zu waschen, rief plötzlich eine kräftige Stimme im Vorderteil des Schiffes: „Schaffen!“ – und gleich darauf kam Leben in den Teil unserer Schiffsmannschaft, welcher schon einige Tage an Bord war und das geheimnisvolle Wort verstand. Aber auch uns sollte es bald erklärt werden, denn es erwies sich als eins der wichtigsten Worte für die ganze Reise, es hieß nämlich „Frühstück, Mittagessen, Abendbrot“, gewissermaßen eine Schiffshieroglyphe. Wir bekamen Kaffee, Schiffszwieback und Schwarzbrot, alles ziemlich gut; jeder musste aber mit seinem Kaffeetopfe oder Kessel, oder was er sonst hatte, hingehen und es sich selber holen.

Jetzt hatte ich erst Zeit, mir meine Reisegefährten ein wenig genauer zu betrachten. Außer H. waren es ein Tischler Mlhr., ein Doktor Tsmr. und ein Apotheker Bgl., die beiden letzten ein paar kolossale Gestalten, die füglich eine Koje für sich allein hätten haben sollen. Alles übrigens, was sich von den Leuten nach dem ersten Eindruck beurteilen ließ, schien mir angenehme Gesellschaft zu versprechen.

Die Unordnung, die jetzt noch auf dem Schiffe herrschte, war wirklich grenzenlos; keiner wusste, wo er hingehörte, und ein jeder fragte nach seinen Sachen, nach dem und dem Koffer, nach der und der Kiste. Die Frauen und Mädchen insbesondere, und wir zählten deren ungefähr 20 bis 25 an Bord, schienen zu gar keinem Ergebnis zu kommen, und wenigstens sprachen immer acht auf einmal.

Leid taten mir in dem Gewirr und Lärm einige Damen, die, wahrscheinlich durch Vermögensumstände gezwungen, die billigere Überfahrt im Zwischendeck der sehr teuren in der Kajüte vorgezogen hatten und nun, alle die kleinen Bequemlichkeiten, an die sie von Kindheit auf gewöhnt waren, entbehrend, sich höchst unglücklich zu fühlen schienen. Für einen einzelnen Mann geht es schon, sich im Deck durchzuschlagen, ja es ist sogar höchst interessant, all dies Leben und Treiben einmal mitzumachen. Ich selber möchte um alles in der Welt nicht in der Kajüte gereist sein; für eine Frau jedoch ist das eine ganz andere Sache, denn was dem Manne zum Spaß und zur Unterhaltung dient, kann die Frau oft verletzen und zurückschrecken.

Nicht so ängstlich dachten übrigens einige Oldenburger Mädchen über das Leben im Zwischendeck. Diese schienen ganz in ihrem Fahrwasser zu sein, und je toller, je wilder, je lärmender es zuging, desto mehr lachten und tobten sie selber mit. Auch Israels Stamm hatte einige 60 Repräsentanten und Repräsentantinnen im Zwischendeck der „KONSTITUTION“.

Schon ein paar Tage hatte dies wilde Leben so gedauert, als endlich der Lotse an Bord kam und die Anker gelichtet wurden.

Jetzt ward Leben im Schiffe, alles drängte froh und jubelnd durcheinander, niemand wollte unten im Raume bleiben, und das Verdeck wimmelte.

Mit ziemlich gutem Winde segelten wir aus und erreichten in kurzer Zeit die Nordsee. Der Landstreifen, den wir noch sahen, wurde schmäler und schmäler, der Lotse stieg in seinen kleinen Kutter und verließ uns. Auch dies Fahrzeug wurde kleiner und kleiner. Jetzt schaute nur noch ein dünner, blauer Streifen mit einem schwarzen Punkte darauf hervor: Es war der Kirchturm von Wangerooge, und auch dieser wurde endlich immer unbestimmter.

Dort schwand die Heimat – das verlassene Vaterland. – In der blauen Ferne, dort hinter jenen dünnen Wolken, die sich auf dem Wasser lagerten, lebte alles, was mir auf dieser Welt lieb und teuer war, alles – und ich hatte nicht einmal eine Träne, als das letzte vom heimischen Strande im Nebel zerfloss. Es war, als ob der Quell versiegt sei, und mit trockenen Augen starrte ich noch lange, lange nach der teuren Himmelsgegend.

Es dunkelte, und ich ging früh zu Bett. Ich sehnte mich heute danach, ruhig und ungestört meinen Gedanken nachhängen zu können. Auch im übrigen Zwischendeck war es heut weit stiller als die früheren Tage. Der Abschied von der Heimat mochte doch auch manchem ans Herz gerückt sein, und die weite, öde Wasserwüste, die uns umgab, hatte überhaupt etwas Bewältigendes, geheimnisvoll Großartiges, das den leichten Scherz und Spott eben nicht aufkommen ließ.

Das Schiff fing jetzt an, von günstigem Winde geschaukelt, ziemlich unruhig zu gehen, und ein unerträgliches Gefühl weckte mich in der Nacht. Ich erwachte und fühlte, dass ich mit dem Kopf viel niedriger als mit den Füßen lag. Wir lagen nämlich auf der Steuerbordseite (Die rechte Seite vom Schiffe, wenn man am Steuerruder steht und nach vorn sieht. Backbord oder Larbord heißt die linke Seite.) des Schiffes, mit dem Kopfe, der frischeren Luft wegen, dem offenen Gangwege zu; der Wind aber kam jetzt aus Nordost, und das Schiff lag ziemlich schräg auf die Backbord- oder linke Seite hinüber, wodurch unsere Beine natürlich in die Höhe kamen. Unter Lachen und Fluchen und nicht ohne bedeutende Schwierigkeiten veränderten wir unsere Lage und befanden uns dann etwas behaglicher – wenn man das eben behaglich nennen kann, dass wir jetzt mit den Köpfen in dem engen, dunstigen Raum an der Schiffswand lagen und kaum atmen konnten.

Die nächste Morgensonne beschien manches leichenblasse, ellenlange Gesicht. Die See ging hoch, das Schiff schwankte und schaukelte furchtbar und hatte die unangenehmste Bewegung, die es haben kann, indem es von den Wellen vorn hoch emporgehoben wurde und dann wieder tief in sie hineinschlug, und zwar so reißend schnell, dass einem der Atem bei manchen Sprüngen verging. Diese Bewegung blieb nicht ohne Folgen. Der Magen der meisten unserer lieben Unglücksgefährten, zwar an eine anständige Bewegung, aber keineswegs an dieses Herumwerfen und Auf- und Abschütteln gewöhnt, revoltierte, und fürchterlich war das Ergebnis.

Wie ich schon erwähnt habe, hatten wir eine sehr große Menge Juden, mit wenigen Ausnahmen aus der niedrigsten Klasse, an Bord. Diesen Leuten war nun von ihrem Rabbiner das Speckessen während der Reise erlaubt, wie sie behaupteten, und den meisten hatte der schöne, süße Speck, den wir bekamen, so gut gemundet, dass sie sich die Mägen, wenn nicht überladen, doch wenigstens vollgefüllt hatten. Die Strafe folgte auf dem Fuße; da war kein Winkel auf dem ganzen Schiffe, in dem nicht ein Seekranker mit seinem zinnernen Eimerchen saß oder sich verzweifelnd über Bord lehnte und kläglich der See sein Opfer brachte.

Glücklicherweise blieb ich selber, mit H. und dem Doktor, vollkommen von der Seekrankheit frei und gewöhnte mich auch sogar bald daran, das Elend um mich her ruhig und ungerührt mit ansehen zu können. Auf Mitleid darf überhaupt kein Seekranker Anspruch machen; man weiß, dass die Krankheit nicht lebensgefährlich ist und bald wieder vorübergeht, und eher gewinnt bei den Gesunden eine gewisse Schadenfreude die Oberhand.

Angenehm war die Lage der Gesunden an Bord übrigens auch nicht, wenn auch immer noch beneidenswert gegenüber der Kranken. Der Regen kam nämlich in Strömen nieder, und so fatal die Nässe sein mochte, war es doch in dem unteren Raume mit all den Kranken gar nicht auszuhalten.

Ein paar Tage vergingen so in wirklich trauriger Art, und nur der rege Wellentanz draußen in See entschädigte mich etwas für das verzweifelte Leben an Bord. Die See fing auch nach und nach an, sich wieder etwas zu beruhigen, und am Sonntagnachmittag fanden sich zuerst wieder einige Gruppen hier und da zusammen. Die Leute fühlten, dass sie verzweifeln müssten, wenn sie nicht gesellig würden, dennoch störte ein plötzlicher Ausbruch der Seekrankheit gar oft ganz fröhlich begonnene Unterhaltungen. Die Herzhafteren wagten nun auch schon, wieder ein wenig aufs Verdeck zu gehen, mussten aber manchmal ihre Kühnheit teuer büßen, wenn eine etwas außergewöhnlich große Welle, vom Schiff gebrochen, über das Deck fegte und alle in ihrem Bereich Befindlichen bis auf die Haut durchnässte. Gegen Abend heiterte es sich etwas auf, und ich mischte mich vorn unter die Matrosen, ihren Erzählungen, Liedern und See-Anekdoten lauschend.

Den nächsten Tag war es wieder dasselbe Spiel, die See rauer und wilder denn je, und die Seekrankheit auf dem höchsten Punkte. Die Sache begann mich anzuekeln, und ich kletterte in die Marsen (Mastkorb) hinauf, um wenigstens außer dem Bereiche der Kranken zu sein. Ich kam auch nicht eher wieder aufs Verdeck, bis das „Schaffen“ des Kochs etwas Warmes für den inneren Menschen verkündete, das übrigens diesen Mittag nur von dem kleinsten Teile der Passagiere beachtet wurde.

Hier wäre es nun wohl am Platze, auch etwas über die Kocherei und Art der Bewirtung auf den Schiffen, die sich auf den meisten gleich ist, zu sagen. Die Küche selber ist ein kleines Bretterhaus, auf dem Verdeck aufgerichtet und mit Klammern und Tauen so befestigt, dass ihm die über das Schiff schlagenden Wellen nichts anhaben können. Der Verschlag besteht aus zwei Teilen; in dem einen ist ein großer Kochofen für die Kajüte, in dem anderen ein gemauerter Herd mit einigen ungeheuren Kesseln für die Zwischendecks-Passagiere.

Morgens gibt es Kaffee, der reichlich und dünn ausgeteilt wird; man muss aber zu viel Wasser trinken, um eine Tasse Kaffee zu bekommen, und die einzige Rettung war, ihn so heiß wie möglich zu verschlucken. Es gehört dann wirklich ein Feinschmecker dazu, starken von schwachem zu unterscheiden. Zu diesem Gebräu verarbeiteten wir eine braune bimssteinartige Masse, die „Schiffszwieback“ genannt, aber erst, in heißem Kaffee aufgeweicht und mit Butter gestrichen, genießbarer wird, als sie auf den ersten Anblick verspricht. Butter wird übrigens alle Sonnabende, nach dem Schiffsausdruck „gefasst“, und es war daher nötig, ein Gefäß mit Deckel dafür zu haben, wie auch eine eigene Kaffeekanne. Die Butter, die wir bekamen, war gut und auch reichlich, dass man, wenn man nicht gar zu dick aufstrich, wohl eine Woche damit auskommen konnte; doch wird sie nicht jedem Manne einzeln, sondern immer für fünf gegeben, wobei es wieder ein Glück war, dass wir uns unsere Gesellschaft vorher ausgesucht hatten und jetzt nicht verpflichtet waren, mit Krethi und Plethi Haus zu halten. Sehr gut kam es uns auch zu statten, dass wir Zucker mitgenommen hatten, denn außer etwas Sirup zum Pudding, der sonntags ausgeteilt wird, gibt es weiter nichts Süßes. Der Zerbrechlichkeit der Kaffeetassen wegen hatten wir uns mit Zinnbechern versehen, die auch den Dienst sehr gut verrichten; doch schmeckt der Kaffee und Tee schlecht aus diesen blechernen Gefäßen.

Am Mittag hatten wir gelbe Erbsen und Speck, das gewöhnliche Montagsessen, dienstags Bohnen und Pökelfleisch, mittwochs graue Erbsen und Speck, donnerstags Erbsen und Pökelfleisch, freitags Sauerkraut und Speck, sonnabends Pflaumen und Reis mit Fleisch, und sonntags Pudding und Pökelfleisch. Der Speck und das Pökelfleisch, da beide sehr gesalzen sind, werden den Abend vorher in Seewasser gelegt, das, obgleich selbst salzig, doch den größten Teil des im Fleische enthaltenen Salzes herauszieht, worauf sie, mit den Hülsenfrüchten zusammengekocht, ein ganz schmackhaftes Essen liefern, – besonders wenn man hungrig ist. Den Pudding aber, den wir uns selber zurechtmachen mussten, will ich etwas näher beschreiben.

Der Steuermann gab uns schon am Sonnabend den Wink, uns einen Sack zu nähen, in welchem wir unseren Pudding kochen könnten; wir möchten ihn aber nicht zu klein machen, damit für fünf Mann hineinginge. Der Engländer sagt: a wink is as good as a nod to a blind horse, und wir ließen uns das nicht zweimal sagen, so dass, als wir am nächsten Morgen mit unserem Sack ankamen, der Steuermann laut auflachte und meinte, da ginge für fünfundzwanzig Mann hinein. Wir bekamen übrigens reichlich Mehl und Pflaumen. Eine große Schwierigkeit war, jetzt eine Art Trog zu bekommen, in dem wir die Masse ankneten konnten; aber auch das wurde zuletzt ermöglicht. Mlhr. und Vgl. streiften sich die Ärmel in die Höhe und fingen an, die Masse aus Leibeskräften mit Wasser und Butter zusammen zu kneten; zu der ganzen Mischung gossen wir noch etwas von unserem Rum, taten dann das Ganze in den Sack, der eine 12–14 Zoll lange und 6–7 Zoll im Durchmesser haltende Wurst bildete, banden ihn oben recht fest zu und übergaben alles nun seinem Schicksal und dem Koch, welcher es in einen ungeheuren Kessel zu den anderen Würsten hineinwarf. Um ihn später wieder zu erkennen, mussten wir übrigens ein Zeichen daran machen, das in einem daran gehängten Stückchen Holz mit der Kojennummer bestand. Auf ähnliche Weise wurde auch unser Fleisch gezeichnet.

Als wir am ersten Sonntagmittag unser Gebäck auseinander schnitten, wozu wir für die Doppelkoje, d. h. auf zehn Mann, eine Flasche Sirup bekamen, war das Innere noch ein weißer Brei; das verschlug uns aber nicht das geringste. Die nicht gare Masse wurde mit einem Löffel herausgenommen, wieder in den Sack getan, zugebunden und dann noch einmal dem kochenden Wasser übergeben, und mit der größten Behaglichkeit wurde dann dieses „erste Kind unserer Laune“ verzehrt. Am Abend gibt's Tee und Schiffszwieback, und den Tee ebenfalls dünn genug. Doch genug jetzt über Essen und Trinken; ich habe dies auch nur hier angeführt, um wenigstens ein kleines Bild von der Haushaltung auf einem mit Auswanderern beladenen Schiffe zu geben.

Wir waren jetzt der französischen Küste nahe, die, erst als blauer Streifen auftauchend, immer größer und deutlicher wurde. Noch vor Dunkelwerden liefen wir nahe genug an Calais vorbei, die Türme und Häuser zu erkennen, und nach England hinüberschneidend, bekamen wir auch Albions Küste vor Nacht zu sehen. Deutlich erkennen ließ sich aber nichts mehr, nur glänzten hellstrahlend Dovers beide Leuchttürme nach kurzer Zeit durch die Nacht, während auch noch die französischen Leuchtfeuer sichtbar waren. Am nächsten Tage jedoch kamen wir ziemlich nahe am englischen Ufer vorbei, und majestätisch dehnten sich die weißen Kreidefelsen zu unserer Rechten hin, von der glühenden Morgensonne mit rosenfarbenem Schimmer übergossen. Gegen Abend fuhren wir an der Insel Wight vorbei. Leider drehte sich der Wind, so dass wir nur durch Lavieren höchst langsam vorwärts kamen. Überhaupt ist der Kanal bei ungünstigem Winde eines der fatalsten und sogar gefährlichsten Gewässer. Das Fahrwasser ist sehr schmal und gestattet nur wenig Raum zum Kreuzen, während die südlich gelegenen Ufer von Frankreich und Holland meist seicht sind, und selbst an der englischen Küste, nahe der Themsemündung die Goodwinsands liegen, an denen schon unzählige Schiffe strandeten.

Bis zum 27. Mai trieben wir uns im Kanal herum und ließen dann erst die Insel Scilly, das letzte englische Land, zurück, somit der alten Welt ein ernstfreundliches Lebewohl bietend.

Fahr denn wohl, du neblige Küste,

Fahr denn wohl, du nördlich Land!

* * *

Kapitel zwei – Der Atlantische Ozean

Kapitel zwei – Der Atlantische Ozean

Wir segelten nun im Weltmeere, das uns mit seinem gewaltigen Wasserzirkel umzog. Einen lieblichen Anblick bot die ungeheure Anzahl von Fischerbooten, die sich auf dem keineswegs ruhigen Wasser schaukelten und sich mit ihren bald gelben, bald weißen, bald roten, bald ganz schwarzen Segeln gar malerisch ausnahmen. Das Wasser war übrigens hier noch grün, und diese seegrüne Farbe ist besonders vom am Bugspriet oder hinten am Steuerruder wirklich wundervoll. Noch lebendiger wurde das Gemälde durch eine Masse von Braun- und Schweinefischen, die sich in Scharen in den Wellen herumjagten. Auch schwammen viele fremdartige, sonderbar aussehende Dinge im Meer herum, die ich aber nicht näher betrachten konnte, da es mir an einem Netze fehlte, sie herauf zu ziehen. Ich beschloss daher, mir ehester Tage eins zu machen.

Einige Tage ging die Sache so recht gut; das Wetter wurde besser, und alle Seekranken, selbst die Frauen, erholten sich und zeigten sich wieder auf dem Verdeck. Ich hatte mir ein kleines Netz gestrickt, das ich an eine lange Stange befestigte und stets in Bereitschaft hielt, wenn etwas Merkwürdiges am Schiffe vorbeischwimmen sollte. Und in der Tat war für mich alles, was im Wasser schwamm, merkwürdig oder doch wenigstens untersuchungswert. So fing ich denn eine Masse gallertartiger, lebender Wesen, Quallen, die, wie es schien, willenlos im Wasser trieben, aber doch sinken und steigen und, wie ich fast glaube, sich auch willkürlich bewegen konnten. Eine Art derselben war mir besonders merkwürdig; sie waren einzeln ungefähr 5 bis 6 Zoll lang und 1½ bis 2 Zoll dick und inwendig hohl und schienen nur eine Art Magen zu haben, der, der einzige feste Körper im ganzen Tiere, einen dunkeln Fleck bildete. Alles andere war ein gallertartiger Stoff, der, wenn man ihn aus dem Wasser zog und ein paar Stunden auf einem trockenen Brette liegen ließ, sich in Seewasser auflöste und nur den Magen, eine schleimige, undurchsichtige Masse und eine sehr dünne, äußerst feine Haut zurückließ. So häufig ich nun auch diese Tierchen einzeln herumschwimmen sah, so waren sie doch auch in Unmassen aneinander gereiht zu sehen, und zwar immer mit der breiten Seite zusammengeklebt, dass die dunkeln Flecke des Körpers alle regelmäßig an einer Seite saßen. Solcher Art bildeten sie, aus Hunderten von einzelnen Tieren bestehend, schlangenartige Körper, die sich ringelten und fortbewegten und ganz hübsch in dem kristallhellen Seewasser aussahen. Auch fing ich einige Schnecken, die vollkommen unseren Landschnecken glichen. In ihren Häusern enthielten sie aber einen tief indigoblauen Saft, der eine herrliche Farbe geben muss, denn ich schrieb mir einige Zeilen mit diesem Safte auf, um zu sehen, wie er die Farbe halten würde, und er veränderte sich auch nicht im mindesten. Außerdem schwamm noch eine große Anzahl solcher gallertartiger Wesen in allen möglichen Formen und Gestalten herum, manche atmenden Geldbeuteln ähnlich. Das schönste aber von allen diesen Geschöpfen ist unstreitig eine Blasenqualle, fälschlich der Nautilus und von den Engländern „das portugiesische Kriegsschiff“ genannt. Von dem Umfange einer großen Karpfenblase, in blauen, grünen und roten Farben spielend, ragt er ungefähr 3½ Zoll über das Wasser hervor, kann nach Gefallen seinen Kurs steuern und taucht bei Sturmwind unter. Zahlreiche zwei, drei und vier Fuß lange Fühlfäden gehen von dem Hauptkörper aus, hängen gerade hinunter ins Wasser und müssen wohl die besondere Eigenschaft besitzen, dem Tiere seine Nahrung zu erhaschen. Ich fing ein solches mit dem Netze und brachte diese polypenartigen Fasern zufällig auf den oberen Teil meiner Hand, wo sie einen Schmerz verursachten, der dem von Brennnesseln hervorgebrachten gleichkommt. Bei Nacht glühen diese Tiere wie Phosphor.

Wir flogen nun mit günstigem Winde der neuen Heimat zu, und der Anblick der See und des Himmels war wahrhaft wundervoll. Der Ozean hatte jetzt seine eigentümliche Farbe, ein so wunderbar schönes Blau, angenommen, dass mich ordentlich eine Sehnsucht erfasste, hineinzuspringen und mich von diesem klaren, azurnen Wasser tragen zu lassen. Derartigen Wünschen machte aber rasch die obere Floße eines Haifisches ein Ende, der, als er das Schiff sah, ruhig hielt und es an sich vorbeistreichen ließ. Der Gedanke, zwischen die sechs Reihen Zähne einer solchen Bestie zu kommen, hatte doch etwas gar zu Unpoetisches.

Meine Aufmerksamkeit wurde jedoch bald auf etwas anderes gelenkt. Es war ein schwarzer Punkt auf dem Wasser, dem wir näher und näher kamen; erst glaubte ich, dass es eine Klippe sei, und fragte den Steuermann danach; doch meinte dieser, dass keine Klippe dort herum sein könne, sondern dass es etwas Schwimmendes sein müsse. Und so war es. Es kam näher, und als wir an ihm vorbei segelten, erkannten wir es als die zerrissenen Überreste eines Schiffes. Nun gibt es auf der ganzen Welt nichts Geeigneteres, die gute Laune einer in sich selbst vergnügten Schiffsgesellschaft zu stören, als solch ein kleines memento mori, das sich der fröhlichen Menschenseele so ganz wie aus dem Himmel herabgefallen zeigt. Oft sehr zur rechten Zeit mag es uns an jene lange Reise erinnern, die uns allen ja bevorsteht, und wo dann so ein Wrack den Posthof, von dem wir ausfuhren, und der eben gesehene Haifisch recht gut die erste Station vorstellen könnten.

Am 30. Mai war der Wind wieder ungünstig, und die See ging hohl. Die meisten Passagiere wurden auch richtig wieder seekrank, die Zahl der „Tapferen“ hatte sich aber doch auch verstärkt, und wir hielten wacker aus. Eine andere Freude stand uns aber trotzdem bevor. Eines schönen Morgens kam unser Doktor mit einem sehr blassen und bedenklichen Gesichte zu uns und erzählte, dass die Blattern an Bord ausgebrochen wären. Eins der Mädchen hatte sie, wie sich bald nachher zeigte, sehr heftig und bösartig. Der Zimmermann musste nun vor allen Dingen einen Verschlag vorn im Schiffe, wo bis jetzt Taue und Stricke aufbewahrt worden waren, zur Krankenstube einrichten, damit, wenn es irgend möglich wäre, keiner der anderen Passagiere angesteckt würde. Dahin wurde die Kranke geschafft, und die Gemüter beruhigten sich wieder etwas.

Als wir noch ruhig auf dem Verdeck standen, gab es auf einmal einen Mordspektakel im Zwischendeck; Flüche von Männern, Kreischen von Frauen und Schreien von Kinderstimmen schallte in einem ohrzerreißenden Chor von unten herauf. Rasch war ich unten, und hier bot sich meinen Blicken ein allerdings höchst komisches Schauspiel. Alles, was nur klettern konnte, hatte sich in die obersten Kojen, auf Kisten und Koffer oder auf sonst irgendeinen hohen Gegenstand geflüchtet, um nur vom Boden entfernt zu sein, den ein kleiner, weißer Spitz ganz allein einnahm. Dieser knurrte dabei und biss um sich, dass ihm der Schaum vor dem Maule stand, und alles schrie, als ich die Leiter hinuntersprang: „Ein toller Hund, ein toller Hund!“ Das Tier biss indes nach den ihm zunächst liegenden Sachen, taumelte auf Deck herum und geriet endlich zwischen zwei kleine Kisten, wo ich es, ehe es sich daraus wieder befreien konnte, hinten im Genick erwischte und aufhob. Machtlos schnappte und zappelte es dabei, aber nie werde ich den Schrei vergessen, den die Frauen in der Koje gerade über mir ausstießen, als ich den Hund emporhob und ihnen denselben dadurch etwas näher brachte. Ich ließ das arme Geschöpf jedoch nicht los, trug es die Leiter hinauf und warf es über Bord.

Es war der einzige Hund, den wir auf dem Schiffe hatten, und er gehörte dem guten Wilhelm, der in Bremerhaven mit Teer begossen wurde. Er schien die Sache aber sehr kühl zu nehmen und meinte, es wäre recht gut, dass das Tier fort sei, es wäre ihm doch immer nur mit den Pfoten ins Essen gefahren. Sein Vater und er blieben noch lange auf dem Verdeck, und als sie zuletzt wieder hinuntergingen, bekamen sie einen nicht eben freundlichen Empfang von der alten Frau, die seekrank im Bette lag. „Wilhelm – du – und – dein – Vater – ihr – seid – recht – dumme – Jungen, – lässt – mich – arme – alte – kranke – Frau – hier – unten – allein – liegen, – und – lauft – auf – dem – Verdeck – herum.“ Wilhelm, der größte Tollpatsch, der mir in meinem ganzen Leben vorgekommen, führte seine Verteidigungsrede mit vielem Eifer auf Plattdeutsch und setzte sich dabei auf die Hutschachtel seiner Mutter, die, ehe es jene bemerkte, zusammenbrach und den ganz verdutzten Jungen in ihrem Schoß aufnahm. Wilhelm bekam darauf verschiedene Ohrfeigen.

Bis zum 4. Juni hatte sich der Wind ganz gelegt und die See glich einem Spiegel, der nur durch die stete Bewegung und das Wogen der ungeheuren Wasserfläche hier und da gestört, aber nicht unterbrochen wurde. Das Schiff stand ganz ruhig, und wieder packte mich eine unwiderstehliche Lust zum Baden. Der Kapitän hatte das freilich der vielen Haifische wegen streng verboten; H. und ich aber sprangen früh am Morgen, als jener noch schlief, über Bord und wälzten uns, von dem lauen Salzwasser leicht getragen, mit unbeschreiblicher Wonne in dem klaren Elemente herum. Eine ungeheure Müdigkeit, wie ich sie nie nach einem Flussbade gespürt habe, erfasste mich jedoch nach dieser Seewasserpartie, bei der ich auch wohl ein wenig zu viel von dem salzigen Elemente geschluckt hatte.

Ich verschlief den Mittag, und als ich um zwei Uhr wieder aufs Verdeck kam, wurde flott getanzt. Das Schiff lag aber keineswegs ganz ruhig, denn wenn es auch nicht durch das Wasser zog, machte doch das fortwährende Wogen der See, dass es oft gar bedeutend von einer Seite zur anderen schwankt. Da war denn nichts possierlicher anzusehen, als wenn sich ein Teil der Tänzer, vielleicht fünf oder sechs Paare, auf der einen Seite schwenkte und das Schiff sich plötzlich schwerfällig auf die andere wälzte. Die Walzenden suchten dann wohl mit übergebeugtem Körper einen Augenblick das Gleichgewicht zu halten, rollten aber doch bald, den Gesetzen der Schwerkraft nachgebend, in einem Knäuel auf die andere Seite.

Als es dunkel wurde, hörte das Tanzen auf, aber desto schöner und wunderbarer wurde die See, da sich eine kleine Brise gerade mit Sonnenuntergang erhoben hatte, welche die ruhige Oberfläche kräuselte und uns leise vor sich her trieb.

Die dunkle See schien dabei wie mit Myriaden Funken und Sternen besät, und besonders da, wo das Schiff die Wogen durchschnitt und den weißen Schaum zurückwarf, glühte alles, als ob die Wellen in Feuer ständen. Jede Woge, die am Bug des Schiffes emporspritzte, leuchtete so, dass ich die Buchstaben in einem Buche genau erkennen konnte; auch hinten am Steuerruder war der Anblick herrlich. Obgleich es Deckpassagieren nicht erlaubt ist, die Grenzen des Zwischendecks zu überschreiten, war doch Kapitän Volkmann, der sich überhaupt höchst liebenswürdig und freundlich gegen die Passagiere benahm, nicht sehr streng in der Überwachung dieser Regel, und oft habe ich stundenlang dem Funkeln und Strahlen am Steuerruder zugesehen.

Als ich noch so dastand, die einzelnen auftauchenden und versinkenden Sterne betrachtend, hörte ich ein Brausen und Schnauben, ich sah auf, und ein ungeheurer Braunfisch von 18–20 Fuß Länge schnitt mit seinem dunklen Körper durch das von ihm aufgeregte blitzende und leuchtende Wasser, so dass er im Feuer zu schwimmen schien. Dicht unter mir, nahe am Steuerruder, verschwand er.

Am nächsten Tage begegneten wir einem Schiffe und fuhren keine fünfzig Schritt weit an ihm vorüber. Die Kapitäne riefen sich die Längen- und Breitengrade zu, unter denen sie sich befanden, ihre eigenen Berechnungen damit zu vergleichen; ebenso den Ort ihrer Bestimmung und ihrer Abfahrt. Von unserem Schiffe stieg dabei die Bremer Flagge, von dem anderen die der Vereinigten Staaten von Nordamerika empor. Der Amerikaner war nach Oporto in Portugal bestimmt.

Ein eigenes Gefühl ist es, auf dem ungeheuren Ozean ein anderes Schiff, gewissermaßen eine andere kleine Welt, herankommen zu sehen, es anzurufen und bald darauf das gewaltige Gebäude zu beobachten, bis es, nur noch ein kleiner, weißer Punkt, am fernen Horizonte verschwindet. Nur noch einsamer kommt dann dem armen Auswanderer die Wasserwüste vor.

Am 7. Juni liefen wir 11 deutsche Meilen die Wache (4 Stunden); das Schiff flog durch die Wellen, und dabei ging die See gar nicht so hoch, so dass nur sehr wenige von uns sich unwohl befanden. Die meisten hatten sich auf dem Verdeck gesammelt, wo sie in malerischen Gruppen umhergelagert waren. Hier lagen einige auf den Planken und spielten Karten, dort hatte sich eine fromme alte Frau mit einem Gebetbuch in die Ecke gesetzt; ein paar Mädchen strickten und lasen. Gar häufig konnte man auch, abgesondert von den übrigen, hier und da eine Gestalt sehen, welche, die Stirne kraus gezogen und mit dem Munde allerlei sonderbare Laute nachahmend, emsig beschäftigt war, sich aus einem kleinen Buche englische Redensarten einzuprägen.

Diese ruhigen, angenehmen Tage haben wir untereinander Frikadellen-Tage genannt, und zwar aus folgender Ursache. Das viele salzige Fleisch und den Speck, den wir bekamen, konnten wir nicht ganz verzehren, taten es also an ruhigen, freundlichen Tagen zusammen (versteht sich, nur wir fünf) und hackten es mit Messern, Beilen und Hirschfängern so klein, wie nur irgend möglich, rührten es dann mit ein paar Eiern an, formten Frikadellen daraus, wobei nicht vergessen ward, noch etwas kleingestoßenen Schiffszwieback unter die Masse zu tun, und buken das Ganze mit Butter.

Häufig zeigten sich jetzt auch die Schweinefische, die wohl ihren Namen von ihrer spitzen, rüsselförmigen Schnauze bekommen haben. In Herden spielten sie vorn um das Schiff herum und sprangen einander jagend, oft mit dem ganzen, wohl 5 bis 8 Fuß langen Körper aus dem Wasser, was einen wunderhübschen Anblick gewährte.

Schon fing ich an, des fortwährend ruhigen Wetters wegen besorgt zu werden, dass wir gar keinen Sturm bekommen und auf diese Art den wahren Reiz der Seereise verlieren würden; solche Angst war aber nutzlos gewesen. Am 16. fing der Wind schon gewaltig an zu blasen, die Wellen wurden höher und höher, die Gesichter länger und länger, und um Mitternacht hatte Boreas alle Säcke offen. Das Schiff fuhr, ganz auf einer Seite liegend, bloß unter dem Sturm, doppelt gerefften großen und Vorstengenstag-Segel pfeilschnell durch die wie mit Sternen und Leuchtkugeln durchflochtenen Wogen, und der Schaum zischte kochend vorbei. Dabei pfiff der Wind durch das Takelwerk wie durch einen entblätterten Wald, und melancholisch klappten die Taue an die Masten. Mir war wohl in diesem Aufruhr der Elemente, und über Bord gelehnt, sah ich dem Toben und Stürmen der rastlosen Wogen mehrere Stunden lang zu. Erst gegen Morgen ging ich wieder auf meine Matratze, die ich mir aus der Koje gezogen hatte, da es eine reine Unmöglichkeit war, zu fünfen darin zu schlafen, um wenigstens noch ein oder zwei Stunden zu ruhen.

Der nächste Tag beleuchtete ein wildes, herrliches Schauspiel. Hoch auf bäumten und wälzten sich die ungeheuren dunkelblauen Wellen, mit durchsichtig grünem Kamm und weißem Silberschaume gekrönt, hoben sich einen Augenblick in ihrer vergänglichen Herrlichkeit, und schienen dann in sich selber zu versinken, einer anderen, noch gewaltigeren Woge Platz zu machen.

Mitten in diesen himmelanspritzenden und züngelnden Wellen kam jetzt eine Schar ungeheurer schwarzer Braunfische geschwommen, die sich mit toller Lust in dem brausenden kochenden Ozean herumtummelten. In die höchsten Wellen stürzten sie sich, diese 15–20 Fuß langen Kolosse, ließen sich von ihnen auf den höchsten Gipfel heben und stürzten sich dann, ihnen voraus, spielend und schnaubend in den blauen Abgrund. Es war ein großartiger Anblick. Die Seeleute wollen auch aus dem Zuge, den diese Tiere nehmen, die kommende Richtung des Windes prophezeien, sind aber noch nicht ganz einig darüber, indem einige behaupten, der Wind werde daher kommen, wohin sie ziehen, andere hingegen, dass der Wind ihnen folge; also bloß eine kleine Meinungsverschiedenheit über Hin und Her.

Der Sturm wurde jetzt so heftig, dass das Steuerruder festgebunden werden musste und das Schiff, ein Spiel der Wellen und Winde, auf den Wogen einher tanzte. Als diese eben am tollsten sprangen, sahen wir ein Fahrzeug, das mit nur wenigen Segeln pfeilgeschwind vor dem Sturme daher jagte; wir selber aber wurden von den Wassern so umhergeworfen, dass wir nur dann und wann das andere Segel erblicken konnten, welches in diesem Augenblick, auf den höchsten Gipfel einer Riesenwelle gehoben, auf einem Berge zu stehen schien, während im nächsten Augenblicke nicht einmal mehr die höchsten Mastspitzen desselben sichtbar waren. Es schoss schnell an uns vorbei und war in kurzer Zeit verschwunden. Sich an Deck aufzuhalten, wurde jetzt eine höchst missliche Sache, denn die Wellen schlugen mit Macht vorn und an der Seite über Bord, und wer ihnen trotzen wollte, konnte wenigstens darauf rechnen, bis auf die Haut durchnässt zu werden.

Am 19. Juni morgens ließ der Sturm etwas nach, fing aber gegen Abend wieder mit verdoppelter Kraft an. In unserem Zwischendeck sah es jetzt gräulich aus; die Seekrankheit hatte ihren Gipfel erreicht, und mit wenigen Ausnahmen war alles krank. Hauptspaß machten mir einige junge Leute, die unten im Deck mit leichenblassen Gesichtern, das zinnerne Töpfchen zwischen den Knien haltend, dasaßen und, das Näherkommen der Krankheit fühlend, mit ruhiger Ergebung den Ausgang abwarteten. H. und ich legten ein Stück recht fetten Speck in eine Schüssel, deckten sie zu, gingen hinunter zu den Leidenden und fragten sie mitleidig, wie es ihnen ginge. Sie schüttelten statt aller Antwort traurig mit dem Kopfe. „Wollen Sie nicht etwas zu sich nehmen?“ fragte H. mit der liebevollsten, sanftesten Stimme. Schon der Gedanke an etwas Essbares verursachte ihnen Ekel, und mit den sauersten Gesichtern von der Welt winkten sie uns, nicht davon zu reden; aber wir waren hiermit noch nicht befriedigt. Ich nahm den Deckel ab, und H. fragte wieder, indem er die fette Speckscheibe in die Höhe hob, liebreich und außerordentlich teilnehmend: „Vielleicht ein bisschen Speck essen?“ Als ob dies das Stichwort gewesen wäre, auf das die Seekrankheit gewartet hätte, so wirkte wie mit einem wunderbaren Zauber diese einzige Frage, und wir beide zogen uns, fast erschrocken über das so plötzliche Gelingen unseres Planes, wieder aufs Verdeck zurück.

Zu Mittag bekamen wir Erbsensuppe. Ich hatte mir eben einen Teller voll hinuntergenommen, wozu nicht wenig Geschicklichkeit gehörte, dieselbe auch schon fast verzehrt, als H. fluchend und schimpfend die Leiter herunterkam, an deren Fuße, gerade unter der Öffnung, er stehen blieb. Hier erzählte er, wie ihn einer von den Oldenburgern ganz mit Erbsensuppe begossen habe und zeigte uns, noch ganz rot vor Zorn, den begossenen Überrock. Ich lehnte etwas weiter zurück gegen unsere Koje, als in demselben Augenblicke eine zinnerne Schüssel mit eben solcher Erbsensuppe durch die Öffnung herabflog und sich auf den armen, vom Schicksal verfolgten H. wiederum so vollständig entleerte, dass ihm davon die Augen ganz bedeckt wurden. Das war aber noch nicht alles, die Suppe war bloß das Vorspiel oder der Anfang der Mahlzeit. Ihr folgte nämlich auf dem Fuße – wer anders als unser unglücklicher Wilhelm, der mit dem Kopfe voran seiner Suppe wie ein echter Ritter in Glück und Unglück folgte, übrigens auch bei dem gefährlichen Sprunge den Hals brechen konnte, hätte nicht H. sogleich Suppe und Jüngling auf seine Schultern genommen. Beide stürzten nun zusammen in die Brühe, und vergebens würde es sein, auch nur einen Versuch zu machen, H's. Wut zu beschreiben. Wir mussten hinzuspringen und den armen Wilhelm aus seinen Klauen befreien, er hätte ihn sonst erwürgt. Bände könnte man überhaupt mit all den Szenen und Anekdoten füllen, die während des Sturms im Zwischendeck und auch wohl in der Kajüte Schlag auf Schlag folgten; leider lassen sich aber eben die besten davon nicht gut erzählen, denn die Natur hilft sich da oft auf wenn auch nicht geheimnisvolle, doch wunderbare Weise.

Am 2. Juli brach sich der Sturm, und obgleich die See noch ungeheuer hoch ging, das Schiff noch bedeutend schwankte und wenig Friede und Ruhe an Bord zu finden war, so löste man doch das Steuerruder wieder, die Reffs wurden aus dem großen Mastsegel genommen, das Focksegel, Vortop-, große Top-, Besansegel und der Klüver gesetzt, und wir fuhren, zwar nicht unseren Kurs, denn wir mussten mit Nordwestwind segeln, fuhren aber doch wieder einmal, und das war ein Trost.

Denselben Nachmittag begegneten wir wieder einem Schiffe unter Bremer Flagge. Die Kapitäne tauschten durch das Sprachrohr ihre Mitteilungen aus und zogen, als sie sich trennten, zum Abschiedsgruß ihre Flaggen dreimal auf und nieder. Wir eilten dem fremden Lande, das andere Schiff mit vollen Segeln der Heimat zu, und mit gar wehmütigen Gefühlen sah ich die schneeweißen Segel weiter und weiter fliegen, bis das Auge ihre Spur am fernen Horizont verlor.

Nachgerade fing uns aber denn doch die Zeit an lang zu werden, und immer noch war keine Aussicht, mit solch ungünstigem Winde die ersehnte ferne Küste so bald zu erreichen. Wir näherten uns jetzt der Bank von Neufundland, über deren Südspitze wir weggingen, und dichter Nebel fing an, die See zu bedecken. Da gegen Abend wieder ein Schiff gesehen wurde und gleich darauf der Nebel dicker und dicker wurde, so musste ein Mann fortwährend vorn auf dem Verdeck die Glocke läuten, oder in ein langes, blechernes Horn stoßen, das weit auf dem Wasser hin schallte, ein Zusammenrennen mit einem anderen Fahrzeuge zu verhindern. Auch schien unser Kapitän bedeutende Angst vor Eisbergen zu hegen, von denen ihm das andere Schiff gesagt hatte. Häufig wurde das Thermometer in die See hinabgelassen, die Temperatur des Seewassers zu erfahren, da dasselbe beim Herannahen von Eisbergen sogleich bedeutend fällt.

Der Nebel lag feucht und dick auf dem Wasser, und die Luft war recht kühl, so dass uns unsere Mäntel sehr zu statten kamen; der Wind aber wehte immer noch aus Nordwest.

Die Blattern schienen uns auch noch nicht verlassen zu wollen: Ein Matrose hatte sie bekommen und war ebenfalls in das Krankenzimmer gebracht worden. Am 28. Juni war die Kälte so stark, wie bei uns im Dezember, und wenn drei Vierteile der Passagiere nicht mit Gewalt und Schwefelräucherungen auf das Verdeck in die freie Luft getrieben worden wären, so hätte sich keiner von ihnen aus seiner Dunsthöhle hinausgewagt. Es wundert mich nur heute noch, dass wir nicht mehr Kranke an Bord hatten, denn reine Luft ist doch die Hauptstütze der Gesundheit, und diese fehlte im Zwischendeck gänzlich.

In dieser Nacht drehte sich der Wind zu unseren Gunsten, wobei es ziemlich stark zu regnen anfing, und da ich mit meiner Matratze gerade unter der Öffnung lag, wurde ich durch und durch nass, ehe ich aufwachte.

Der 4. Juli, das Freiheitsfest der Amerikaner, rückte jetzt heran, und der Kapitän sagte uns, dass er das Fest feiern und allen Passagieren einen Punsch geben wolle, und auch wir beschlossen jetzt, etwas dazu vorzubereiten. Ein junger Mann namens Zllr., der schon einmal in Amerika gewesen war, entwarf den Plan.

Erstens wurde ein Transparent mit dem amerikanischen Wappen gemalt, den Streifen und Sternen mit dem aufsteigenden Adler, und den Namen der vier Revolutionshelden: Washington, Lafayette, Franklin und Kosciuszko als Unterschrift. Dann traf es sich, dass einer der Passagiere zufällig Schwärmer und anderes Feuerwerk bei sich führte, die er bei dieser Gelegenheit zum Besten gab. Um zwölf Uhr in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli begann die Feierlichkeit. Das Transparent wurde zuerst angezündet und dabei ein für dieses Fest eigens verfertigtes Lied zur Melodie God save the king abgesungen, dann das Feuerwerk abgebrannt und die Schwärmer aus unseren Flinten geschossen. Die Nacht war ruhig, und herrlich nahmen sich die dahinsausenden Feuerstrahlen im Widerschein der dunklen Wasserfläche aus.

Der Kapitän rief jetzt unsere Koje mit noch einigen anderen der Zwischendecks-Passagiere in die Kajüte, wo Punsch herumgereicht wurde, und unterdessen teilte der Steuermann den anderen Passagieren und Matrosen ihren Punsch auf dem Verdecke aus und nötigte besonders den weiblichen Teil der Auswanderer fortwährend zum Trinken. Die Folgen hiervon blieben nicht aus.

Wir hatten ungefähr anderthalb Stunden ruhig in der Kajüte gesessen, getrunken und gelacht. Ich brauchte indes dabei die Vorsicht, nicht mehr als ein Glas zu trinken, da mir der Punsch ungeheuer stark vorkam und überhaupt für meinen Geschmack zu süß war, als ich zu meiner Verwunderung bemerkte, dass besonders der Doktor und noch einige andere recht sonderbar glänzende Augen bekamen und äußerst lustig wurden. Ich stand auf, die anderen folgten, und wir traten hinaus aufs Verdeck, dem Spektakel ein wenig zuzusehen, der da oben mit jedem Augenblicke toller und tobender wurde.

Allmächtiger, wie sah es da aus! Die Matrosen waren auf den Mast und die Rahen hinaufgestiegen und ließen von dort Schwärmer in die dunkle Nacht hinauszischen, die Schiffsglocke vorn wurde geläutet wie zu Feuerlärm, und aus allen nur irgend brauchbaren Flinten wurden Schwärmer und blinde Ladungen geschossen, Zllr's. Doppelflinte sprang bei dieser Gelegenheit, ohne jedoch jemand zu beschädigen. Auf dem Mittelpunkte des Schiffes, gerade hinter dem großen Maste, war der Haupttummelplatz, und der Anblick wahrhaft wunderbar.

Herr Ol., ein ausgezeichneter Violin-Spieler, hatte sich im Anfange freundlich dazu hergegeben, dem Volke ein wenig aufzuspielen; als es aber zu toll wurde, zog er sich zurück, und ein anderer, vor Eifer brennend, seine Kunstfertigkeit zu zeigen, setzte sich auf die Winde und fing nun an, so jämmerlich auf seiner Violine herum zu kratzen, dass nur der furchtbare Spektakel, der fast alles übertäubte, diesen schlimmeren Lärm erträglich sein ließ. Nichtsdestoweniger drehte sich alles wie toll um ihn im Kreise, und jubelnd und jauchzend kehrte sich keiner an das Schwanken und Schaukeln des Schiffes, das oft ganze Reihen der Tänzer auf einmal wie mit einem Zauberschlage nach einem Bord zu kehrte. Der Mann auf der Winde spielte indessen wie von einem bösen Geist besessen unausgesetzt fort und behauptete dabei durch eine mir unbegreifliche Geschicklichkeit seinen Sitz, das Gesicht zugleich dem Steuerruder zugekehrt. Nur wenn die Tänzer durch das Umlegen des Schiffs auf eine Seite gewälzt wurden und dort eine Weile wie Kraut und Rüben untereinander lagen, drehte er sich mit dem ganzen Leibe dem am Boden liegenden Knäuel zu und spielte, ohne jedoch eine Miene zu verziehen, ruhig weiter.

Als ich heraufkam, fiel mir Wilhelms Mutter, eine Frau, die sonst nur immer kränklich und mürrisch an Deck herumschlich und des langen Schneiders Behauptung nach „wie sieben Meilen schlechter Weg“ aussah, um den Hals und bat mich um Gottes willen, ich möchte mit ihr tanzen. Dicht neben ihr stand ein alter Seiler, der, so lange wir auf dem Schiffe waren, Leibschmerzen gehabt hatte, auf einem Beine und drehte sich, während er selbst dazu pfiff, hopsend um seine eigene Achse. Nur der arme Schneider lag, Arme und Beine wie ein Telegraph ausgestreckt, auf dem Boden und musste durch doppelten Vorspann vom Schauplatze gezogen werden. Kurz, von den hundertachtzehn Passagieren waren nicht sechs mehr nüchtern. Ein einzelnes betrunkenes Frauenzimmer zu sehen, ist ekelhaft, hier waren es aber einige dreißig, und das wurde interessant. Das ganze Leben und Treiben also aus sicherer Entfernung betrachtend – ich kletterte in das vor dem Mast liegende kleine Boot – lag ich wohl eine Stunde lang da oben und weiß mich in der Tat der Zeit nicht zu erinnern, dass ich so viel gelacht hätte. Müde zuletzt ging ich zur Koje und erfuhr nun später, dass es der Steuermann wirklich darauf angelegt hatte, alle betrunken zu machen, indem er fast gar kein Wasser unter den Punsch getan. Der Rum war nur heiß gemacht und tüchtig gesüßt worden.

Am nächsten Morgen war ich schon mit Tagesanbruch wieder auf und half noch manches von den gefallenen Opfern zu Bett bringen; dann herrschte mehrere Stunden Totenstille an Deck. Außer Vgl. und H. ließ sich lange keiner von den Passagieren sehen, und als sie endlich kamen, was für Gesichter trugen sie zur Schau! Bleich und überwacht, die Augen hohl und stier, die Backen eingefallen, alle über Kopfschmerz und Übelkeit klagend, schlichen sie an Deck umher und dürften jetzt natürlich nicht für Hohn und Spott sorgen. Wilhelm besonders ging sehr betrübt herum; er hatte sich im Rausche in eine Wanne mit Wasser gesetzt, in welcher der Koch das Fleisch liegen hatte, um das Salz herauszuziehen, und war bis zum Tageslicht in dem nassen Elemente sitzen geblieben, was mir allen Appetit zum Fleischessen verdarb.

Gegen Abend wetterleuchtete es, und um elf Uhr brach das furchtbarste Gewitter, das ich je erlebt habe, über uns herein. Die Bramsegel wurden gelöst und sollten eingerefft werden. Ich selber hatte mir indessen viel Mühe gegeben, die Handgriffe an Bord so viel als möglich zu erlernen, und war besonders viel mit nach oben gegangen, das Einnehmen und Lösen der Segel wegzubekommen. Ich sprang daher auch jetzt mit den Matrosen hinauf, das Manöver auszuführen; nie aber werde ich das Gewitter und den Anblick vergessen, der sich mir dort bot.

Wir waren oben am Bramsegel unserer drei und versuchten, die losen Falten des Tuches zusammenzunehmen und einzuschnüren, während der Wind noch wie toll mit den gelösten Enden spielte. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag leuchtete und donnerte unterdessen am weiten, dunklen Himmelsgewölbe hin. Jetzt erhellte ein greller, blendender Wetterstrahl das Ganze zur Tageshelle, – oben der dräuende, finstere Himmel, unten, tief unten, wie ein breiter, dunkler Streifen, das Schiff auf dem leuchtenden, wie mit Myriaden Sternen besäten, wie mit glühendem Schaum bedeckten Ozean dahinschießend; dann plötzlich fürchterliche Dunkelheit, dass es nicht möglich war, die Rahe, die wir hielten, und das Tau, auf dem wir standen, zu sehen. Und hinterher das Schmettern und Donnern des erzürnten Himmels. Es war großartig, und nicht um vieles möchte ich die Erinnerung an jene Augenblicke dahingeben. Der Sturm hielt indessen nur bis etwa gegen zehn Uhr an.

Bis zum 10. Juli blieb uns der Wind ziemlich günstig, dann ließ er wieder einmal für eine Weile gänzlich nach. Das Schiff lag fast bewegungslos, und da alles wieder, sowohl von der Seekrankheit als auch von den üblen Nachwirkungen des Punschfestes genesen war, so trieb sich der größte Teil der Passagiere in den mannigfaltigsten Gruppen auf dem Verdeck umher.

Gegen Mittag schwamm ein Haifisch, der erste, den wir seit langer Zeit sahen, zum Schiff heran, zog einmal ruhig um dasselbe hin und verschwand dann trotz allem Fleisch, das wir für ihn an dem Haken aufwarfen. Er hatte zwei Lotsenfische bei sich, deren Anhänglichkeit an den Hai wirklich wunderbar ist. Diese Lotsen waren ungefähr 12 bis 14 Zoll lang, mit fingerbreiten weißen und roten Streifen geziert und kreuzten vor dem Raubfisch hin und her. Ich schoss einen, konnte ihn jedoch nicht bekommen. Diese Fische folgen dem Hai öfters zu fünfen und sechsen, nie verschlingt er einen von ihnen, und sicher ist's, dass sie ihm seinen Raub anzeigen. Obgleich wir den Hai nicht mehr zu sehen bekamen, stand er doch noch unter dem Schiffe, und die Piloten spielten vorn um das Bugspriet herum – das sichere Zeichen, dass der Hai nicht fern war. Auch ein Schwertfisch von 12 bis 13 Fuß Länge kam an diesem Tage zum Schiffe.

Mehrere Seeschwalben, oder, wie sie die Engländer nennen, mother Carey's chicken, die sogenannten Sturmvögel waren uns fast auf der ganzen Reise gefolgt, und auch jetzt noch flogen oder schwammen sie neben dem Schiffe, dahinter oder voraus. Ich schoss einen dieser Vögel und fing ihn dann, als er am Schiff vorbeitrieb, mit dem Netze. Sie sind ungefähr von der Größe unserer Schwalben, fliegen auch ziemlich auf dieselbe Art, tragen aber eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und tauchen vorzüglich. Auch ihr Schnabel ist anders eingerichtet, denn sie haben ein großes, hornartiges Luft- oder Nasenloch daran.

Der Wind erhob sich zwar die nächsten Tage wieder etwas, aber so leise, dass das Schiff einzuschlafen schien und ihm nur noch Schlafmütze und Pantoffel fehlten; auch unsere Passagiere wurden mit jedem Tage unleidlicher. Die muntersten, die stets auf dem Verdeck waren, fingen Zank und Streit miteinander an, und die anderen, bei weitem die unangenehmsten, vegetierten nur noch. Sie blieben Tag und Nacht in ihren Kojen liegen und nahmen sich nicht einmal mehr die Mühe, sich zu waschen; ob sie vielleicht das Wasser nicht vergeuden wollten, da wir in der Nähe von Sandbänken waren? Doch trieben wir auch wieder viel Unsinn, und zwar auf eine Art, von der man gar nicht glauben sollte, dass vernünftige, erwachsene Menschen darauf kommen könnten. Wir spielten unter anderem einmal Soldaten, – Handwerker, Kaufleute, Apotheker, Juden, Christen, Matrosen, alt und jung, alle nahmen daran teil, mit Stangen, Besen, Haken, Harpunen, Hirschfängern, Blasinstrumenten (dem blechernen Alarmhorn), Fahnen usw., wie die kleinen Kinder bewaffnet. Alles wurde aufgeführt, – Rebellion, Desertion – ein Jude war der Deserteur –, Kriegsgericht, Standrecht, Sturmläuten. Die Sturmglocke war aus einem Hemde gemacht, in welches ein Fassreif gespannt war; als Klöppel diente ein Besenstiel. Das Schönste bei der ganzen Sache war, dass der Doktor die Nase rümpfte und von „Kindereien“ sprach; er wurde furchtbar verhöhnt. Der Landbewohner kann sich aber auch wirklich keine Idee von dem Müßiggang eines solchen Schifflebens machen. Tag nach Tag, Woche nach Woche vergeht, und mit nichts als Himmel und Meer um die Reisenden ist es kein Wunder, dass selbst ganz ernste, gesetzte Menschen einmal über die Stränge schlagen und in fast kindischem Übermut diese Zwischenexistenz der Reise eine Weile zu vergessen und das fatale Gefühl zu betäuben suchen, das in der langen, öden Zeit in ihnen aufzuwuchern beginnt.

Am 18. Juli flog das Schiff lustig durch die Wellen, die Segel von günstigem Winde, unsere Herzen von neuerwachter Hoffnung geschwellt. Heute hatten sich sogar die Oldenburger Bauern auf dem Verdeck versammelt und sangen im Chorus ein sehr schönes Lied, von dem der Kehrreim immer lautete: „In Amerika können die Bauern in den Kutschen fahren“, wobei sie das „s“ sehr deutlich von dem „ch“ trennten. Mit den Kutschen möchten sich die guten Leute wohl geirrt haben; „Schiebkarren“ könnten da eher am Platze sein; doch geht ja nichts über die Hoffnung, was wären wir ohne sie.

„Morgen kommen wir an Land!“ – Wie ein leises Flüstern lief das Wort erst über Deck und drang bis in die untersten, entferntesten Räume. – An Land – das so tausendmal und heißersehnte Land – und wie oft waren wir schon darauf vertröstet worden, wie oft hatten wir uns darauf gefreut. – Land – es liegt ein eigener Zauber in dem Worte, und nur der begreift ihn, der draußen in See der fernen Küste mühsam zustrebt und vor drängender Sehnsucht indessen fast zu vergehen meinte, bis der rastlose, zuckende Fuß den festen, heiligen Boden wieder betreten könne.

Ob wir uns aber auch zehnmal umsonst darauf gefreut, die Sehnsucht danach war deshalb nicht schwächer, eher stärker geworden, und als es leise, ganz leise im Osten anfing zu dämmern, sprang ich aus meiner Hängematte, die ich mir schon seit einiger Zeit selbst gemacht hatte, da ich das Schlafen in dem engen Räume nicht mehr aushalten konnte, und lief hinauf auf die Vorbramrahe.

Ruhig, nur von einem leisen Südostwinde gekräuselt, lag das Meer tief unter mir und schien tanzend und spielend dem gewaltigen Schiffe erst auszuweichen und ihm dann plätschernd zu folgen. Ich kletterte in die oberste Stenge hinauf, umfasste dieselbe mit dem linken Arme und atmete mit Wonne die reine Morgenluft. Heller und heller wurde der Horizont, klarer, immer klarer die Aussicht, die Nebel schwanden, ein fernes dumpfes, donnerähnliches Brausen schlug an das lauschende Ohr; das war die Brandung. – Dort, dort lag Amerika, und immer deutlicher trat jetzt ein schwacher blauer Streifen über dem dunkeln Wellenhorizonte hervor. „Land!“ schrie ich hinunter vom Mast, und „Land, Land!“ tönte es im Zwischendeck von einer Lippe zur anderen.

Wie Ameisen aus ihrem bedrohten Bau, so krochen aus dem engen Eingangsloche jetzt die schlaftrunkenen Passagiere eilfertig hervor, stellten sich vorn ans Bugspriet hin, rissen die verschlafenen Augen auf und schrien: „Land!“ Natürlich konnte unten vom Verdeck aus noch niemand etwas erkennen.

Auch der lange Schneider kam, in einer Hand seinen Butterteller, in der anderen einen Schiffszwieback, aufs Verdeck gesprungen, als er Land rufen hörte, setzte beides schnell auf einen der Hühnerkästen, die von ihrem gewöhnlichen Stande weggenommen und erst den Tag vorher vor die Winde hingestellt worden waren, und eilte mit den anderen vorn hin, das ersehnte Land zu erspähen.

Wilhelm, der wahrscheinlich dachte, dass er Amerika noch früh genug zu sehen bekommen würde, ließ sich ruhig auf einem der Hühnerkästen nieder, und natürlich nirgends anderswo als gerade in die Butter, welche die Nacht hindurch unten im warmen Zwischendeck weich geworden war. Mit den Fersen dabei gemütlich gegen die Latten klopfend, saß er da, pfiff, die Hände im Schoß gefaltet, und sah träumend ins Blaue. Der Schneider, nicht unnützerweise um seine Butter besorgt, die er, vertrauend auf allgemeine Redlichkeit, gewissermaßen auf offener Straße hingesetzt hatte, kehrte zurück und blieb starr vor Verwunderung mit offenem Munde stehen, als er dieses Bild unschuldiger Gemütlichkeit und Seelenruhe in seiner Butter sitzen sah. Wilhelm, nichts Böses ahnend und von dem Erstaunen des Schneiders ergötzt, verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln, wobei er immer noch zu pfeifen versuchte.

Endlich löste sich die Zunge des Erstaunten. „Nee, der Unglücksmensch“, rief er aus, sprang auf den sich dessen nicht versehenden Wilhelm zu, riss ihn übers Knie, und die Kehrseite desselben mit tiefer Betrübnis den Umstehenden zeigend, rief er aus: „Do hat er se.“

Näher und näher kamen wir jetzt der so lange ersehnten Küste. Schon konnte man das waldige Land, schon grüne Felder erkennen, jetzt die einzeln vorstehenden Bäume, jetzt Häuser, Farmerwohnungen und Leuchttürme; es war ein wundervoller Anblick. Doch nicht lange genossen wir ihn, denn der Kapitän getraute sich nicht, näher zum Ufer zu laufen; wir lavierten daher wieder ab, so dass wir gegen Abend das Land kaum noch vom Wasser unterscheiden konnten.

Am 19. Juli fuhren wir wieder mit vollen Segeln darauf zu. Um elf Uhr ungefähr kam ein kleiner Kutter uns entgegen; die nordamerikanische Flagge flatterte an seiner Segelstange; wir hissten die Bremer Flagge auf. Es war der Lotse.

Jetzt kam neues Leben an Bord. So nahe vor dem Hafen wurde frisches Wasser ausgeteilt, da das Seewasser, mit dem wir uns bis jetzt abgerieben hatten, keine Seife annimmt, und das ganze Schiff glich eher einer Reinigungsanstalt als etwas anderem. Überall wurde geputzt und blank gemacht. Hier schmückte sich eine junge israelitische Dame vor einem Stückchen Spiegelglas mit falschen Ohrringen, dort wusch sich ein armer Teufel noch in der Geschwindigkeit ein Hemde aus; an jener Seite saßen mehrere Frauen und kämmten und bürsteten die Kinder, und an dieser stiegen ein halbes Dutzend, schon fix und fertig, in ihrem schönsten Sonntagsstaat stolz einher. Dort, an der Winde, ach ja, da lagst du, lieber Seiler, auf dem Bauche, du besaßest nur das eine Paar Beinkleider, du Armer, und hattest diese auf der langen Überfahrt durchgesessen; aber mit erbarmendem Mitleiden im Blick bog sich der lange Schneider über dich und setzte dir einen großen schwarzen Flicken auf den defekten Teil, – eine Träne glänzte in seinen großen blauen Augen – es verdunkelte sich, die Nadel stach zu tief, und mit gewaltigem Satze sprangst du, lieber Seiler, in die Höhe und hieltest die Hand auf den Flicken.

Der Lotse, ein schöner, großer Mann, der, wie alle amerikanischen Lotsen, ganz unähnlich den unseren, die in ihrem groben blauen Pilotenzeuge einhergehen, höchst geschniegelt und modern mit schwarzem Frack und Zylinder angezogen war, brachte uns bald in die Einfahrt des New-Yorker Hafens nach Staten Island.

Wo nehme ich jetzt die Feder her, das zu beschreiben, was wir sahen, das zu schildern, was wir fühlten? Der Anblick des im lieblichsten Grün prangenden, mit üppigen Feldern und köstlichen Gebäuden besäten Landes, zwischen denen hier und da wieder der dunkelgrüne herrliche Urwald durchschimmerte, der rechts und links zur Beschützung des Hafens angelegten Forts, des freundlichen, blauen Himmels über uns, der nur leise plätschernden Wogen unter uns, machte mir das Herz aufgehen, und mich trieb es, allein zu sein. Ich stieg hinauf in den Mastkorb und schaute von dort mit entzückten, warum soll ich's leugnen, mit nassen Augen das wundervolle Land, das uns hier mit liebenden Armen zu umfangen schien, und unwillkürlich drängte sich mir die Frage auf: „Warum ist das nicht die Heimat, warum musste ich alles, alles verlassen, an dem das Herz hing, um diesen Anblick zu erkaufen?“

Die Matrosen, die wie Katzen die Strickleitern heraufliefen, störten mich in meinen Betrachtungen; die Segel wurden befestigt, und in wenigen Minuten rauschte der schwere Anker in die Tiefe.

Unter gelber Flagge kam jetzt ein kleines Schiff von Staten Island; es brachte einen Arzt an Bord, der die Mannschaft und die Passagiere untersuchen musste, um sich zu überzeugen, ob sie alle gesund seien. Glücklicherweise waren unsere drei Pockenkranken genesen; die Leutchen sahen alle wohl und frisch aus, so dass der gute Doktor trotz seiner sechseckigen Brille keine Spur vergangener Krankheit finden konnte und mit einem „All well“ das Schiff verließ. Gegen Abend sprangen H., unser Doktor und ich wieder über Bord, uns zu baden.

Diese Nacht durften wir das Schiff noch nicht verlassen. Erst am 20. Juli wurden wir mit unserem Gepäck durch einen kleinen Schoner in ein großes viereckiges Blockhaus gebracht, das einige hundert Schritte vom Lande ablag. Dort mussten wir gewissermaßen eine kleine Quarantäne aushalten und nachsehen lassen, ob unsere Koffer entweder etwas Steuerbares oder schmutzige Wäsche enthielten, das erstere zu versteuern, die letztere zu waschen.

Mit den steuerbaren Sachen wurde es übrigens nicht streng genommen, und keiner von allen bezahlte etwas. Strenger wurde die Wäsche nachgesehen, wobei einige wirklich schaudererregende Stücke entdeckt wurden, welche einzelne des liederlichen, faulen Zwischendecks-Gesindels unter ihre reinen Sachen versteckt hatten. Große Kübel wurden jetzt herbeigeschafft, und die guten Leute mussten das Versäumte nachholen. Wir fünfe hatten nichts Schmutziges, weil wir stets auf dem Schiffe unsere Wäsche gereinigt hatten, d. h. die getragenen Gegenstände, an ein Tau gebunden, etwa vierundzwanzig Stunden lag vom Schiffe hatten nachziehen lassen, was die Wäsche, wenn auch nicht sehr weiß, doch tragbar macht und, wie jeder gestehen muss, sehr bequem ist.

Als wir die „KONSTITUTION“, in der wir nun vierundsechzig Tage in Freud und Leid zugebracht, verließen und von der Mannschaft Abschied nahmen, war es uns, wenigstens mir, fast, als wenn wir alte, liebe Bekannte zurückließen. Wir brachten ihnen auch, als die Bootsleute abstießen, ein donnerndes Hoch, das lauttönend von den Matrosen mit dem gebräuchlichen englischen „Hip, hip, hip, Hurra!“ dreimal zurückgegeben wurde. So gut es übrigens gemeint war, so fand es bei dem israelitischen Teil unserer Passagiere doch wenig Anklang. Diese, obschon sie tüchtig ihre englischen Gespräche durchstudiert haben mochten, hatten doch dieses „hip, hip, hip“ noch nicht in ihrem Wörterbuche gefunden, und einer von ihnen bemerkte ganz treuherzig: „Na, se hätten uns aach nicht gebraucht auszeuzen, ze guter letzt.“

Obgleich das Blockhaus, wohin man uns brachte, das „Quarantänegebäude“ genannt wurde, hielt man es mit der Quarantäne doch nicht sehr streng, und ein großer Teil von uns fuhr noch denselben Abend auf einem Kahne an Land. Zum ersten Mal betraten wir die neue Welt, für uns wahrlich eine wunderschöne, herrliche, aber doch eine neue und deshalb fremde Welt.

Sonderbare Gefühle bestürmten mich, als ich allein unter den fremden Bäumen, an den bleichen Amerikanern vorbei, zwischen fremdartig gebauten Straßen hindurchwandelte und mir ein ruhiges Plätzchen aussuchte, ganz meinen Gedanken nachzuhängen; es waren wehmütige und doch auch wieder hoffende, vertrauende Gefühle. Erst spät kehrte ich zu den Unsrigen zurück, die ich um Bier, Butterbrot und Käse versammelt fand, und die es sich zum guten Anfang gar wohl in der neuen Heimat sein ließen. Was halfen auch die trüben Gedanken, wir waren einmal da und mussten jetzt sehen, wie wir durchkamen. So ließ ich mich denn ebenfalls nicht lange. nötigen und setzte mich zu den übrigen Schiffsgefährten.

Während wir noch dort zechten und uns die langentbehrten Gottesgaben gut schmecken ließen, kam ein Fremder zu uns in die Stube, redete uns jedoch deutsch an, so dass wir in wenigen Minuten wie alte Bekannte waren. Es war ein Bäcker, der, schon einige dreißig Jahre in Amerika, sich ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und er kam einzig und allein in der löblichen Absicht zu uns, uns einige wohlgemeinte Warnungen zu geben. Der gute Mann hätte sich die Mühe ersparen können, wir wussten, wie alle Neuankommenden, das alles besser.

Er hatte die meiste Zeit seines Aufenthaltes in Pennsylvanien gelebt und redete, wie die dortigen Bürger, alle Leute mit du an. „Nehmt euch vor den Amerikanern in acht“, sagte er, „sie betrügen euch, wo sie können; wenn ihr aber einmal einem vertrauen müsst, so vertraut lieber einem Amerikaner als einem Deutschen. Es ist eine Schande für die Deutschen, es ist aber wahr. Hütet Euch vor ihnen, denn sie sind gegen ihre Landsleute viel schlimmer als gegen alle anderen, weil diese“, setzte er vertraulich hinzu, „immer die dümmsten sind. Wenn Ihr nach New-York kommt, so geht nicht in die Kneipen nahe am Wasser – William Tell und wie sie alle heißen, – es sind Mordhöhlen; tut ihr's dennoch, so ist es Euch eigene Schuld, und Ihr dürft euch nicht beklagen.“ In dieser Art redete er noch lange fort, und obgleich ich damals keine Ausnahme von der allgemeinen Regel machte, d. h. alles besser wissen und diesen bösen Warnungen nicht glauben wollte, weil sie nicht mit meinen Ideen übereinstimmten, so habe ich doch später gefunden, wie recht der Mann hatte. Nur in der einen Sache hatte er nicht ganz recht, dass er die Deutschen allein als Betrüger anklagte. Allerdings für ihre Landsleute sind sie die gefährlichsten; die dortigen Landhaie suchen sich aber eben immer und ganz hauptsächlich ihre Landsleute aus, weil sie deren Sprache am besten verstehen, und diese, sobald sie an der fremden Küste die heimischen Laute hören, denen, die sie reden, auch am leichtesten vertrauen. Der Franzose sucht sich den Franzosen, der Deutsche den Deutschen, der Engländer den Engländer, und was er aus ihm herauspressen kann, geschieht mit Vergnügen. „Sie werden das Geld doch hier in Amerika los“, trösten und entschuldigen sie sich dabei, „und es ist doch besser, dass es ein Landsmann bekommt, als einer der verdammten Fremden.“

Wir kehrten nach zehn Uhr wieder in unsere Baracke zurück, wo alle übrigen Deckpassagiere in malerischen Gruppen gelagert waren, und verbrachten ebenfalls dort die Nacht.

Als die Sachen unserer Reisegesellschaft genau durchgesehen wurden, fand sich noch mehr Unrat, als man erwartet hatte, und müde, länger in dieser ekelhaften Umgebung zuzubringen, gingen wir fünf auf ein Dampfboot, das morgens um neun Uhr von Staten Island nach New-York abging, welche Strecke von zwei Meilen es in einer halben Stunde zurücklegte.

Zuviel war da von neuen, nie gesehenen Herrlichkeiten zu schauen, als dass das Auge hätte lange auf einer Sache weilen und sich dieselbe einprägen können. Als ich kaum glaubte, dass wir abgefahren waren, hielt das Dampfboot schon, und vor uns lag das ungeheure Häusermeer New-York, von einem Mastenwalde begrenzt.

* * *

Kapitel drei – Streifzug durch die Vereinigten Staaten – New-York

Kapitel drei – Streifzug durch die Vereinigten Staaten – New-York

Kaum landete das Dampfboot, als sich eine Unmasse von Karrenführern zu uns drängte, die alle sehr bereitwillig sich anboten, unsere Sachen an den Ort ihrer Bestimmung zu liefern. Wir wählten zwei von ihnen, die unsere Koffer und Kisten aufluden, wofür wir zusammen einen Dollar bezahlen mussten; doch hatten sie dieselben ein ziemliches Stück Weges zu fahren. Der Karren, dessen sich diese Leute bedienen, ruht auf zwei Rädern, und zwar so, dass, wenn aufgeladen wird, der hintere Teil auf die Erde hinunterreicht, damit schwere Waren mit größtmöglicher Leichtigkeit hinaufgewälzt oder gerollt werden können. Zllr., der schon früher einmal in New-York gewesen war, empfahl uns das Schwarzische Wirtshaus (boarding house), und wir zogen also dahin. Eine schmutzigere Wirtschaft war mir aber noch nicht vorgekommen, als bei der alten Madame Schwarz; denn noch jetzt erfasst mich ein Ekel, wenn ich an die von Wanzenblut geblümten Betten denke.

Natürlich war ich die ersten Tage nicht viel im Hause, sondern schlenderte durch die breiten, herrlichen Straßen New-Yorks und bewunderte mehrere, wirklich prachtvolle Gebäude darin. Was mich aber am meisten ansprach, war die Unzahl von Schiffen, welche um die ganze Stadt, die bekanntlich auf einer Insel liegt, eins an das andere gereiht waren, so dass das ganze ungeheure New-York einen Hafen bildet. Damals lagen ungefähr fünfzehnhundert größere und kleinere Schiffe um die Stadt herum. Ganz entzückt war ich auch im Anfange von dem Überfluss an Südfrüchten, der hier herrschte. In allen Straßen waren Wagen voll Ananas, Orangen und Kokosnüsse; die schönsten Ananas wurden zu zwei und vier guten Groschen das Stück verkauft.

Ich war ein paar Stunden gelaufen und wollte eben wieder nach unserem Wirtshause zurückkehren, als der sonderbarste Zug, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe, um eine der Straßenecken bog. Es war der Begräbniszug eines armen Irländers.

Das erste im Zuge war ein großer, viereckiger Leichenwagen mit schmutzigem, einst schwarz gewesenem Zeuge behangen. Oben auf dem Vorderteile des Wagens war ein Sitz für den Leichenkutscher angebracht. Auf diesem Sitze befand sich dieser auch, aber in einer nichts weniger als traurigen Haltung. Den linken Fuß auf das rechte Knie gelegt und den linken Ellbogen auf das linke Knie gestützt, saß er da oben, in einem blauen, abgeschabten Frack, mit herunterhängender Hutkrempe und einst weiß gewesenen Beinkleidern; zu gleicher Zeit kaute er in größter Behaglichkeit an einem Apfel, den er in den linken Hand hielt, während er mit der rechten den Pferden dann und wann einmal einen Hieb versetzte, sie zu stärkerem Schritte anzutreiben. Den Zügel hatte er sich um das linke Knie geschlungen. Hinterher kamen sechs zweirädrige Karren, sogenannte drays und von derselben Art, wie sie zum Fortschaffen der Frachtgüter gebraucht werden. Auf jedem saßen zehn bis zwölf „Leidtragende“, und zwar so, dass sie, mit dem Rücken gegeneinander gekehrt, die Beine rundherum heraushängen ließen, Männer und Frauen alle durcheinander, in die hellsten und grellsten Farben gekleidet, essend, trinkend und lachend. Es war wirklich, wenig zu sagen, ein originelles Begräbnis. Überhaupt bot sich mir, wohin ich auch kam, so viel des Neuen und Wunderbaren, dass ich Stunden brauchte, aus einer Straße in die andere zu kommen, und es war spät am Abend, ehe ich mein Kosthaus wieder erreichte. Immer, wenn ich endlich gehen wollte, kam mir dies und jenes dazwischen, und so verging eine Stunde nach der anderen.

In meiner Wohnung angekommen, fand ich meine Reisegefährten vor, und es lässt sich denken, dass wir uns sehr viel zu erzählen hatten. Als wir endlich, es war zwölf Uhr, zu Bette gehen wollten, schallte es „Fire, fire, fire!“ durch die stillen Gassen. Ich sprang auf und schaute aus dem Fenster, da bemerkte ich, dass der Himmel gerade über den gegenüberstehenden Häusern glutrot war.

Da ich noch angezogen war und keiner der übrigen mitgehen wollte, so sprang ich allein die Treppe hinunter und dem hellen Scheine zu. Eine Straße nach der anderen eilte ich hinab – immer stand der Schein fast dicht vor mir; endlich, nachdem ich wohl dreiviertel Stunden gelaufen war, kam ich zur Brandstätte. Es war ein kleines hölzernes Gebäude, das ganz in Flammen gestanden hatte, aber noch nicht niedergebrannt und von den herbeigeeilten Spritzen schon gelöscht war. Ich kam eben noch zur rechten Zeit, das letzte Verglimmen des Feuers mit anzusehen.

Es waren mehrere Deutsche unter den zum Brande geeilten Leuten, und ich fragte jetzt einen von ihnen, wie weit ich bis zu meiner Wohnung in Pearlstreet hätte. Zu meinem Schrecken erhielt ich die Antwort, dass ich mehr als zwei englische Meilen von meinem Bette entfernt sei. Der Mann versicherte mir auch, dass, wenn ich nach jedem Feuer in New-York laufen wollte, ich sicher die ganze Nacht weiter nichts zu tun hätte, da es selten wäre, dass es weniger als zweimal die Nacht brenne, ein Feuer aber regelmäßig alle vierundzwanzig Stunden sei. Ich fand auch seine Worte vollkommen bestätigt, denn nach wenigen Stunden brannte es noch einmal, und während der ganzen drei Monate, die ich in New-York zubrachte, erinnere ich mich nur weniger Nächte, die ohne Feuerlärm vorübergingen. Die Löschanstalten sind übrigens hier vorzüglich, und die angesehensten Bürger gehören zu den Feuerwehrleuten; auch die Spritzen sind höchst elegant und geschmackvoll aus Messing und Stahl gearbeitet und werden von den Menschen selber gezogen. Wie unähnlich sind sie unseren alten roten Donnerkästen, bei denen es eine halbe Stunde dauert, ehe nur die Pferde ins Geschirr kommen.

Acht Tage waren mir in New-York so rasch vergangen, dass ich glaubte, ich sei kaum zwei dort, und ich hatte viele Deutsche in der kurzen Zeit kennen gelernt.

(Siehe Band 142 in dieser gelben Buchreihe: Rudolf Cronau: Die deutschen Einwanderer in Amerika)

Der Aufenthalt im Wirtshause war mir unerträglich geworden, denn keine Nacht konnte ich schlafen. Ich legte mich im wahren Sinne des Wortes bloß aufs Bett, um die Wanzen zu füttern.

Durch einen Braunschweiger wurde ich mit einer deutschen Familie bekannt, zu der ich zog und für Kost und Logis wöchentlich 3 Dollars zahlte. Es war damals ungefähr der gewöhnliche Preis. Die Wäsche, für die ich 4 Cents (20 Pfennig) das Stück gab, musste besonders vergütet werden.

Ich war mit der Absicht nach New-York gekommen, mich von dort aus nach Vera-Cruz einzuschiffen, hörte aber über die mexikanischen Verhältnisse so viel Ungünstiges, dass ich zuerst unschlüssig wurde und endlich, als mehr und mehr Leute mir den unruhigen, ungewissen Zustand des mexikanischen Reiches schilderten und mich als neuen Ankömmling warnten, dahin zu gehen, mir die Sache ernstlich überlegte und beschloss, mir erst die Vereinigtes Staaten recht ordentlich anzusehen, ehe ich mich nach anderen Ländern wendete.

Besser schienen mir die Aussichten im Lande selbst zu sein. Ein junger Farmer von Illinois, den ich in New-York sprach, sagte mir, dass es für einen Landmann leicht sei, dort eine Pachtung zu bekommen, d. h. eine Pachtung im amerikanischen Sinne des Worts, wo der Pächter ein Stück „geklärtes“ Land mit den dazu gehörigen Gebäuden erhält, dasselbe bearbeitet, wozu der Eigentümer größtenteils das Handwerkszeug liefert und dafür den dritten Teil der Ernte abgibt; zugleich versicherte er mir noch, dass zwei Mann recht bequem sechzig Acker besorgen könnten. Freilich verschwieg er, dass dies mit dem amerikanischen Landbau ganz und gar vertraute Leute sein müssten.

Allerlei Pläne gingen mir damals im Kopfe herum; ich konnte mich aber noch immer nicht zu etwas Bestimmtem entschließen, und darüber verging wieder eine gute Zeit.

So viel hatte ich indessen von den deutsch-amerikanischen Kirchen gehört, dass ich endlich beschloss, eine zu besuchen. Ein Bekannter erbot sich, mich am nächsten Sonntag zu einer der besseren hinzuführen. Es war dies die deutsche reformierte Kirche. Wir kamen etwas spät, und ich war über die Aufregung und Unordnung, die in dem heiligen Gebäude zu herrschen schien, erstaunt. Ich sollte bald noch mehr staunen. Der Prediger, ein ziemlich starker, robuster Mann, sah gewaltig rot im Gesichte aus und sprach heftig, obgleich er nicht schlecht zu predigen schien; dann und wann jedoch hielt er ein und trank etwas, das er neben sich stehen hatte. Plötzlich, als alles in völliger Ruhe zu sein schien und der Mann auf der Kanzel den Text erläuterte, stand eine Dame von ihrem Sitze auf und fing an laut zu reden. Was sie wollte, konnte ich nicht gleich verstehen, doch mit Erstaunen erkannte ich meine Hauswirtin und vernahm die abgebrochenen Worte: „Schändlichkeit – nicht dulden – Frechheit – Männer – Kanzel werfen.“

Als ich noch über den wahrscheinlichen Sinn dieser Worte nachdachte, entstand ein allgemeiner Aufruhr im Gotteshause. „Runter von der Kanzel mit dem Schreier – werft ihn ‘naus – prügelt ihn durch!“ Das waren ungefähr die Ausrufe, die laut wurden, und mit toller Eile machte sich die Menge daran, den Pfarrer von der Kanzel zu holen. Das war aber nicht so leicht. Die Kanzel, zu der auf beiden Seiten eine schmale Treppe hinaufführte, hatte am Fuße derselben eine kleine Tür, die von innen verschlossen werden konnte. Die Aufrührer sprangen nach der rechts befindlichen Treppe, aber der Seelenhirt bewies ihnen, dass er im wahren Sinne des Wortes zur streitenden Kirche gehöre; mit ein paar Sätzen war er an der Tür und verteidigte sich ritterlich. Viele Hunde sind freilich des Hasen Tod; die Besatzung der Festung war zu schwach. Während er einen Teil derselben verteidigte, musste er den anderen bloßgeben; die Aufrührer rannten eine Bresche, stürmten die andere Treppe hinauf und griffen die Besatzung von hinten an.

Der gute Herr Pastor wurde in das Innere der Kirche geschleppt, entschlüpfte aber seinen Verfolgern, sprang in eine Ecke und rief, indem er eine kunstgerechte Boxerstellung annahm, seine bisher gespielte Rolle vergessend, und zwar in recht gutem Englisch: „God damn you, come on, all of you!“ Und wirklich waren diese Worte nicht bloße Prahlerei gewesen, denn seit er seinen Rücken gedeckt hatte, hielt er sich den ganzen Schwarm vom Leibe.

Ich hatte mich während des ganzen Vorfalls auf eine Bank gestellt, dem Spektakel zuzusehen, und kann wohl sagen, dass ich mich recht gut amüsierte. Übrigens fochten sie nicht ritterlich; denn obgleich sich die vorderen nicht an ihn wagten, schlugen ihn die hinteren mit Regenschirmen auf den Kopf, und der Übermacht weichend, machte er einen Ausfall und gelangte ins Freie. Weiter wollte die liebe Gemeinde nichts, und mehrere sprachen davon, den anderen Prediger zu holen; doch waren die Gemüter zu aufgeregt, und die Streiter der Kirche (Kreuzritter) gingen auseinander. Zu Hause erfuhr ich von meiner Wirtin die Ursache des Aufruhrs.

Die Gemeinde hatte diesen handfesten Prediger verabschiedet und einen anderen erwählt, der an diesem Sonntage das erste Mal predigen sollte, die Rechnung aber dabei ohne den Wirt gemacht. Der Ex-Seelenhirt begab sich nämlich schon mit Tagesanbruch, und zwar mit Hilfe eines anderen Schlüssels, in die Kirche und setzte sich in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, ruhig auf die Kanzel. Als nun die Gemeinde mit dem anderen Prediger ankam und den alten Geistlichen schon da oben auf der Kanzel antraf, ging dieser, der ein ruhiger, friedliebender Mann war, gleich wieder zurück, und trotz Drohen und Schimpfen fing der bisherige seine Predigt an. Er hätte auch vielleicht seinen Willen durchgesetzt, wenn nicht jene Amazone den Funken zum Pulverfass getragen. Wie ich in späteren Jahren gehört habe, sind dieselben Unruhen in dieser Kirche noch mehrere Male vorgefallen; ich hatte übrigens an dem einmaligen Gottesdienst genug. Der Sabbat wird sonst bei den Amerikanern sehr streng gehalten, und nichts darf an diesem Tage vorgenommen werden als Beten und vielleicht Lesen eines religiösen Buches. Natürlich gibt's auch Ausnahmen.

Was mich in New-York befremdete, war, dass ich gar keine Soldaten sah, außer manchmal ein paar etwas militärisch aussehende Burschen mit blauen Jacken, eben solchen Beinkleidern und wachstuchenen Mützen; es waren dies „Uncle Sam's“ Soldaten, die für 8 Dollars den Monat sich für den Staat aufopfern. Selten ist's, dass sich einmal ein ordentlicher Mann unter sie verliert; gewöhnlich sind es solche, die keine Lust zum Arbeiten haben oder auf keine andere Art ihr Fortkommen finden können. Natürlich stehen sie, die Offiziere ausgenommen, nicht in Achtung. Sonst gibt es Bürgermilitär, mehrere amerikanische und deutsche Kompanien, die bei Festen oder anderen Gelegenheiten ausrücken und ziemlich geschmackvoll uniformiert sind.

Vor kurzem hatte sich auch eine Anzahl Schotten vereint und eine Kompanie gebildet, und zwar in altschottischer Hochländertracht, die verschiedenen Verbände in ihren Farben, mit Plaid und Federbarett und blauen Mützen, Schild, Claymore und ihren Standarten; die Häuptlinge mit ihren Adlerfedern geschmückt, und die Sackpfeifer lustig ihre schottischen Nationallieder spielend. So zogen sie durch den größten Teil der Stadt und sahen prachtvoll aus. Am nächsten Tage aber hielt sich der „Herald“ nicht wenig darüber auf, dass Leute, die doch auf Anständigkeit Anspruch machten, sich nicht schämten, „mit bloßen Beinen“ durch die Straßen zu ziehen und noch dazu mit Musik, damit ja alle Leute recht aufmerksam darauf werden möchten. – Wenn sie sich mit ihren „bloßen Beinen“ heimlich durch die Straßen geschlichen hätten, würde es ihm besser gefallen haben.

Sehr viele Auswanderer kamen noch in diesen Tagen an und füllten alle Wirtshäuser; was mir aber höchst sonderbar vorkam, war, dass sich die Amerikaner nicht so um die Fremden zu drängen schienen, als ich mir bisher eingebildet hatte, und zu meinem größten Leidwesen sah ich, dass ein Irishman (Irländer) und ein Dutchman (Deutscher) nur sehr wenig mehr als die Schwarzen geachtet wurden. Ehrenvolle Ausnahmen gibt es hiervon, wie sich von selbst versteht, denn der gebildete Amerikaner weiß einen Unterschied zu machen; die Achtung, in der der Deutsche, den vielgelesenen Berichten nach, stehen sollte, hatte ich mir aber doch eigentlich ganz anders gedacht.

Einen höchst unangenehmen Eindruck macht aber auf den eben angekommenen Europäer die Behandlung der armen Schwarzen, die, obgleich New-York kein Sklavenstaat ist, doch wenig besser als das Vieh geachtet werden. Und dennoch genießen sie jetzt eine Menge Rechte, die sie vor zwei Jahren noch nicht hatten, und welche ihnen erst durch General Jacksons Güte zuteilwurden. Allerdings dürfen sie auch jetzt noch in keinem Omnibus fahren, im Theater nur in der Galerie sitzen; müssen, mit wenigen Ausnahmen, Kirchen für sich allein haben, dürfen nicht vor Gericht gegen einen Weißen schwören usw.

Die amerikanische Unabhängigkeits-Erklärung sagt ausdrücklich: „Alle Menschen sollen gleich sein“, und dennoch besteht in diesem Lande die Sklaverei.

Vor amerikanischen und deutschen Schwindlern war ich indessen reichlich und genug gewarnt worden, hielt mich auch für vollkommen klug genug dazu, nach meinem Geldbeutel ausgeworfenen Schlingen – ich besaß ein kleines Kapital von nicht ganz mehr 200 Dollars – schlau und geschickt ausweichen zu können.

Als ich nun einige Wochen in New-York gewesen war, begann mein Hauswirt mir Vorschläge zu machen, mit ihm zusammen ein Zigarrengeschäft zu eröffnen. Er behauptete, die Sache aus dem Grunde zu verstehen, ich hatte ein kleines Kapital, und es war gar nicht dem geringsten Zweifel unterworfen, dass wir in ein paar Jahren unser Kapital verhundertfachen könnten.

Im Anfang hielt mich ein gewisser Instinkt, eine Art Ahnungsvermögen davon zurück; ich hatte auch zu viel, gerade von den Deutschen gehört – aber doch nicht von meinem Hauswirt – das waren ja ganz andere.

Es dauerte auch gar nicht lange, so leuchtete mir die Sache vollkommen ein; ein in das Innere ziehender Deutscher namens Wagner wünschte einen Zigarrenladen zu verkaufen, glücklicher konnte sich gar nichts treffen, da wir gerade einen zu kaufen wünschten, und wir wurden bald handelseinig.

Alles Geld, was ich besaß, steckte ich jetzt in die jenes Lager füllenden, wie sich später herausstellte, meist verfälschten Waren; mein Kompagnon nahm noch andere auf Kredit hinzu – merkwürdigerweise fand er Leute, die ihm borgten – und in kurzer Zeit stand im Broadway, der bedeutendsten Straße New-Yorks, ein Zigarren- und Tabaksladen unter unserer Firma, d. h. ich selber als Kompanie mit angeführt (im wahren Sinne des Worts).

Schon so lange in Amerika, fing ich nun auch an mich zu amerikanisieren. Ich staunte z. B. nicht mehr, wenn ich eine dicke, fette Mulattin mit der Pfeife im Munde über die Straße gehen sah, oder wenn ich feingeputzte Damen, höchst geschmackvoll angezogen, ohne Strümpfe in den Schuhen bemerkte. Ebenso wenig fiel es mir auf, einen anständig gekleideten Herrn in schwarzem Frack und schwarzen Beinkleidern, mit goldener Uhrkette usw. mit einem Korbe am Arme zu Markte gehen zu sehen, und ich schaute mich kaum noch um, wenn vielleicht ein Yankee (Yankees werden hauptsächlich die Bewohner der nordöstlichen Staaten, wie Maine, Connektikut, Vermont etc., genannt.) in schlechtem Wetter, vom Markte kommend, gestreckten Galopps mit sehr kurzen Steigbügeln, am linken Arm einen Korb mit Gemüse, in der rechten Hand einen aufgespannten Regenschirm, durch die Straßen sprengte. Der Mensch gewöhnt sich an alles.

In dieser Zeit fiel es mir auch manchmal ein, eine kleine Jagd zu machen, und da mir Zllr. die Ufer des Hudson immer als sehr reizend gepriesen, so gingen wir eines schönen Morgens mit unserem Schießzeug auf eins der unzähligen Dampfboote, die dort lagen, und fuhren den Hudson für den ungemein billigen Preis von ungefähr 5 Gr. für 22 englische Meilen hinauf. Die Fahrt allein war das Hundertfache wert, schon der wundervollen Landschaft wegen.

Der Hudson ist unstreitig der schönste Fluss, den ich je gesehen habe. Der stille, spiegelglatte und doch majestätisch breite Strom mit seinen ungeheuren schroffen Felsufern, oben mit dem herrlichsten Grün bekleidet, die kleinen Wohnungen und Städtchen, die sich, wo es irgend der Raum gestattet, an seine Ufer anschmiegen, die tausend und abertausend Fahrzeuge, die das Ganze beleben, erfüllen das Herz mit Bewunderung und Wonne.

Da das Boot spät abgegangen war, kamen wir erst mit Dunkelwerden an den Ort unserer Bestimmung und übernachteten dort in einem Wirtshause. Am nächsten Morgen waren wir mit Tagesanbruch gerüstet und fingen an, die Felder und Wälder mit einer wahren Gier nach Beute zu durchsuchen. Müde und matt vom vielen Fenz- und Zaunklettern und vom Springen über umgestürzte und ganz oder halb verfaulte Bäume, vom Durchwaten der Moräste, vom Übersteigen der Hügel, kamen wir endlich abends, ohne auch nur eine Feder oder sonst etwas gesehen zu haben, zu einem Vetter Zllrs. an, der uns gastfreundlich aufnahm und uns versicherte, dass wir nicht verständen, das Wild in Amerika aufzufinden; er wolle uns am nächsten Morgen selber führen. Neue Hoffnung.

Schon vor Tagesanbruch waren wir alle marschfertig und zogen in die wundervolle, würzige Luft hinaus, einzig mit Mordgedanken beschäftigt und schon berechnend, ob unsere Jagdtaschen alles erlegte Wild fassen würden. Dieselbe Jagd wie gestern wiederholte sich nun; hier schlichen wir an einem Waldsaume hin, dort an einer Fenz, hier durchstöberten wir einen Busch, dort durchwateten wir Strecken sumpfigen Landes, von Tagesanbruch bis spät nachmittags, und noch war kein Schuss gefallen. Das kühlte denn doch unsere Jagdbegierde bedeutend ab, und als wir, wieder in der Nähe des Stromes, ein Dampfboot vorbeikommen sahen, winkten wir und ließen uns an Bord nehmen. Müde und hungrig und ohne auch nur ein einziges Stück amerikanisches Wild gesehen zu haben, kehrten wir solcher Art nach New-York zurück.

Die Jagd im Osten der Vereinigten Staaten, besonders aber in der Nähe größerer Städte, ist wahrlich zu unbedeutend, auch nur ein Gewehr deshalb aufzunehmen. Es gibt allerdings hier und da ein schwaches Volk einer kleinen Rebhühnerart, die die Amerikaner nicht gerade unpassend Wachteln nennen; auch ein einzelnes Kaninchen wird manchmal angetroffen, und eine ziemlich große Art von Lerchen, die wie die Wachteln fliegen und auch ziemlich deren Größe haben, sind nicht gerade selten. Damit sind wir aber auch fertig, und alles andere Wild ist dort schon längst vertilgt. Es laufen dabei eine Masse Jäger draußen herum, die selbst den kleinsten Singvögeln einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg geschworen haben, die neugewonnene Jagdfreiheit auch würdig zu benutzen; aber wer auf wirkliche Jagd Anspruch macht, soll um Gottes willen nicht östlich vom Wabasch die Flinte in die Hand nehmen. Nur Wassergeflügel gibt es auf dem Hudson, in den nördlichen Seen und Sümpfen des New-Yorker-Staates in ziemlicher Menge.

Nach diesem Ausfluge trieb es mich nicht so bald wieder aus der Stadt; ich hatte für einige Zeit genug bekommen und besorgte eifrig meine Geschäfte. Besondere Mühe gab ich mir dabei, die englische Sprache zu erlernen; denn obgleich ich in Deutschland schon etwas darin vorgearbeitet hatte, kam es mir hier im Anfange wie Chaldäisch oder Chinesisch vor. Nur so lange jedoch, bis sich mein Ohr an die Klänge gewöhnt hatte, dann half mir die gewonnene Grundlage ungemein rasch weiter.

Mein Geschäftsleben war indessen höchst trauriger Art. Aus Broadway hatten wir uns schon der teuren Miete wegen, und da sich der Verkauf dort keineswegs so glänzend wie erwartet zeigte, fortgezogen und unseren Laden in demselben Keller in Nassaustreet aufgeschlagen, wo wir wohnten. An Miete ersparten wir dadurch, aber verloren doch auch viele Kunden, und die einzelnen Jungen, die abends kamen und mit Zimtöl betupfte Cent-Zigarren kauften, konnten uns dafür nicht entschädigen. Auch mit meinem Kompagnon glaubte ich Ursache zu haben, nicht besonders zufrieden zu sein – und ich hatte eigentlich zwei, denn seine Frau, die Kirchenamazone, regierte mehr mit, als mir und vielleicht auch ihm lieb war.

Eine flüchtig gezogene Bilanz über unser Soll und Haben brachte mir außerdem die überraschende Entdeckung, dass wir nicht allein zu unserem schnellen Reichwerden noch keinen einzigen Schritt getan, sondern sogar mein kleines Kapital in den wenigen Wochen schon um ein Bedeutendes vermindert hatten.

Als mir in dieser Hinsicht die Schuppen etwas von den Augen fielen, fing ich auch an zu überlegen, ob denn das eigentlich der Zweck gewesen sei, wegen dessen ich die Heimat verlassen habe, und mit jedem Tage reifte mehr und mehr der Entschluss in mir, diesem eingeschlossenen Leben zu entsagen und hinaus – hinaus in die Welt zu ziehen.

Lange überlegen ist überhaupt meine Sache nicht, und dem Entschlusse folgte rasch die Tat. Mit meinem Kompagnon fand ich mich bald ab. Ein kleines Reisegeld abgerechnet, sollte er alles bis Ende März in seinem Geschäft behalten und mir dann einzig und allein mein eingelegtes Geld zurückerstatten. In H.s Verwahrung ließ ich meine zwei Koffer mit Wäsche und Büchern zurück und nahm bloß etwas reine Wäsche, Pulver, Blei und meine Doppelflinte mit auf meinen Ausflug, um mir die Welt einmal so recht nach Herzenslust anzusehen. Wohin? wusste ich nicht, es war mir auch ganz gleich, nur wollte ich vor allen Dingen den Niagarafall besuchen und beschloss also, meine erste Ausflucht nach Norden, nach Albany hin, zu machen, von dort nach dem Niagara zu gehen und dann ganz ruhig zu erwarten, wohin mich das Schicksal weiter werfen würde.

Frei war ich, frei. Hoch und froh hob sich mir zum ersten Mal wieder die Brust in dem wundervollen Gefühl gänzlicher Unabhängigkeit. Nicht mehr beneidete ich die Wandervögel, deren Zuge gen Süden ich noch vor kurzer Zeit so wehmütig nachgeblickt hatte. Auch ich war frei wie sie und nicht weniger willig, meine gelösten Schwingen zu gebrauchen.

State of New-York

State of New-York

Am 24. Oktober, nachmittags fünf Uhr, ging das neue Dampfboot „DIAMANT“ von New-York nach Albany, und auf seinem Verdeck, die freie, balsamische Luft mit Wonne einatmend, stand ich und betrachtete mit entzücktem Auge die sich immer großartiger und herrlicher ausdehnende Landschaft.

Wohl mochte indessen meine Tracht, die enganschließenden ledernen Beinkleider, hohen Wasserstiefel, die kurze grüne Jagdpekesche und grüne Pelzmütze, sowie der offene Hemdkragen einem an dies alles nicht gewöhnten Auge seltsam erscheinen, wenigstens kleiden sich die Amerikaner nicht so, und manches Auge richtete sich neugierig auf den Fremden. Aber was kümmerten mich die Leute. Mit fröhlichem Wellenschlag rauschten wir an den wundervollen Ufern des Hudson hinauf, der neuen, fremden Welt rasch entgegen; von dort winkten schon die blauen dämmernden Berge lockend herüber, und ein Zauber schien über das ganze Land ausgegossen, dessen jungfräulichen Boden ich jetzt betreten sollte.

Kalt und feucht brach indes die Nacht herein, und als am anderen Morgen aus trübem Gewölk die Sonne wieder hervorschaute, schimmerten schon in ihren ersten Strahlen die Turmspitzen von Albany.

Da der Dampfwagen denselben Morgen nach Utica abging, so benutzte ich diese Gelegenheit. Die damals noch kleine Stadt Albany lockte mich auch sehr wenig, sie genauer kennen zu lernen. Das waren nur eben wieder Häuser mit Läden und Schankwirtschaften und fremden gewinnsüchtigen Menschen – nichts weiter. Die aufzusuchen, war ich nicht nach Amerika gekommen; ich suchte die Natur.

Dampfwagen – ich schreibe das jetzt so leichtsinnig hin und kann mich doch noch recht gut jenes mächtigen Eindrucks erinnern, den dies erste Befahren einer Eisenbahn auf mich machte. Das Klappern und Schnauben der Maschine, das rasche Durchschneiden der Luft, das fremde wunderbare Land, das an beiden Seiten pfeilschnell an uns vorüberflog – ich konnte mich nicht satt an dem allen sehen.

Übrigens fuhr ich meiner sehr beschränkten Kasse wegen dritter Klasse, zwischen einer keineswegs mehr gemischten Gesellschaft. Es waren fast durchschnittlich irische Arbeiter, die irgendwo in das Land hinaufgingen, am Kanal oder der Eisenbahn zu hacken und zu graben. Die Nähe dieser Leute war allerdings nicht angenehm, und ein Teil derselben, nach der gewöhnlichen Art der Iren, außerdem betrunken. Glücklicherweise saß ich aber an einem Fenster und hielt mich so viel wie möglich fern von ihnen, als plötzlich ein wilder Tumult und lautes, schallendes Gelächter aus der ärgsten Gruppe herübertönte. Ich drehte den Kopf dorthin und sah, wie der Zugführer mit einem der Schar, der ebenfalls leicht angetrunken schien, stritt und heftig gestikulierte.

Im Anfang konnte ich nicht verstehen, was die beiden miteinander hatten, aber das Lachen wurde bald allgemein, als sich herausstellte, dass der Bursche auf den falschen Zug gekommen war und nun verlangte, der Zugführer sollte anhalten und ihn aussteigen lassen. Natürlich weigerte sich dieser; der Arbeiter tobte dabei im Anfang, legte sich aber dann, als er sah, dass er damit nichts ausrichtete, aufs Bitten und erklärte, er verlöre sein Brot und mache seine Familie unglücklich, wenn er nicht augenblicklich umkehre und mit dem nächsten Zug von New-Albany, ich weiß nicht mehr wohin, fahre. Der Beamte erklärte ihm endlich, dass er unter keiner Bedingung anhalten könne, dass er aber ihm zu Gefallen etwas langsamer wolle fahren lassen; mehr könne er nicht für ihn tun, und wolle er dann herausspringen, möge er es auf die Gefahr seines eigenen Nackens versuchen.

Der Ire ging mit Freuden auf den Vorschlag ein, und der Führer ließ wirklich den Zug etwas langsamer gehen, mehr aber vielleicht, wie ich ziemlich fest überzeugt bin, den Spaß zu haben, den armen Teufel „über Bord“ springen zu sehen, als ihm irgendeinen Gefallen zu erweisen. Was liegt den Leuten dort an einem Menschenleben!

Der Zug ging jetzt nicht mehr so rasch, aber doch immer noch schneller als vier Pferde in gestreckter Karriere einen leichten Wagen fortreißen könnten, und der Ire schaute unschlüssig aus der halbgeöffneten Tür.

„Jetzt springt oder eure Zeit ist vorbei!“ rief der Zugführer.

„Aber ich breche den Hals“, sagte der Mann; „könnt ihr nicht langsamer fahren?“

„Wenn ihr nicht wollte, lässt 's bleiben“, brummte der andere – „'s wird gleich wieder rascher gehen“, und dabei wollte er die Tür schließen.

„Halt – ich will!“ rief aber der Mann, – „lässt mich hinaus – da kommt Gras –“

„Halt um Gottes willen!“ schrien ein paar Stimmen und fassten ihn am Kragen, – „da unten liegt Holz und ihr brecht Hals und Beine.“

„Jetzt kommt Rasen!“ rief der Führer, – „eins, zwei –“

„Drei!“ schrie der Mann, indem er sich von denen, die ihn halten wollten, losriss, und flog im nächsten Augenblick aus der Tür hinaus, die sich rasch wieder hinter ihm schloss. Ich steckte den Kopf aus dem Fenster, zu sehen, was aus ihm würde, konnte aber nur noch die auf dem Rasen lang ausgestreckte dunkle Gestalt erkennen; denn der Zug schoss in diesem Augenblicke wieder mit rasender Schnelle vorwärts.

„Hol's der Teufel, er hat den Hals gebrochen!“ rief einer der Leute.

„Und was läg' daran?“ sagte der Führer, der sich lachend abwandte, seinem Geschäfte nachzugehen.

Ich habe später nie erfahren können, was aus dem Manne geworden ist.

In der Nacht kamen wir nach Utica, einem damals noch kleinen Städtchen im New-York-Staat, wie denn die meisten amerikanischen Ortschaften, und wenn sie nur aus ein paar Häusern bestehen, gern hochtrabende Namen führen.

Ich stieg aus und trat auf die Straße, wo einige Männer mit einem Wagen hielten. Ich fragte sie nach einem abgehenden Kanalboot, und sie nötigten mich sehr freundlich in den Wagen, wobei mir jeder von ihnen unter einen Arm griff; ich aber, alter Warnungen eingedenk, setzte den Fuß gegen den Schlag und fragte nach der Bezahlung.

„Keine Bezahlung, keine Bezahlung!“ riefen beide, und mit einem Satze saß ich im Wagen, der bald vor einem sehr eleganten Hause still hielt. Mir war nicht wohl bei dieser Gastfreundschaft, denn jedes Licht im weiten Gebäude schien mir zuzurufen: „money is the principal thing, therefore get Money“ wie ich bei Herrn Dr. Flügel in Leipzig so oft übersetzen musste, doch trat ich ein und fragte nach dem ersten abgehenden Kanalboot nach Buffalo (beiläufig gesagt, war meine Ahnung nicht ganz unrichtig, denn ich musste für eine Tasse Tee und ein kleines Butterbrot 50 Cents, ungefähr 20 Gr., bezahlen.) Außerdem war ich übrigens hier in das rechte Haus gekommen, denn die Bootsakkorde wurden hier abgeschlossen und man forderte mir, Kost mit eingerechnet, 6 Dollars bis Buffalo am Eriesee ab. Von dort aus sollte wieder ein Schienenweg nach den Niagarafällen gehen.

Der Preis schien mir etwas teuer, und ich überlegte mir eben, ob ich die ganze Tour nicht am Ende ebenso rasch und weit billiger zu Fuß machen könne, als ein Deutscher, jedenfalls jüdischer Abkunft, der mit den Leuten gut bekannt schien, meine Partie nahm und die Passage für mich mit 4 Dollar ausmachte.

Nun ging ich an Bord, denn die Abfahrt des Bootes sollte gleich stattfinden, und der warme, behagliche Raum, den ich dort traf, tat mir, durchgefroren wie ich war, ungemein wohl.

Der nächste Morgen kam trüb und regnerisch angeschlichen und die Frühstücksglocke rief uns fast zu früh vom Lager.

Ein amerikanisches Frühstück aber ist für den erst kürzlich angekommenen Deutschen ein höchst merkwürdiger Gegenstand. Mit Erstaunen sieht er Kaffee, fettes Schweinefleisch und saure Gurken, mit Kartoffeln, Rüben und Eiern, nebst Butter und Käse hier zusammengestellt, und der Magen muss sich wirklich erst an diese sonderbare Zusammenstellung gewöhnen. Ist das aber einmal geschehen, dann behagt es, wie ich offen bekenne, einem recht hungrigen Christenmenschen besser als trockenes Weißbrot zum dünnen Kaffee.

Nach dem Essen hatte ich vollkommen Zeit, meine Reisegefährten, mit denen ich den engen Raum eines Kanalbootes bewohnte, genauer zu betrachten.

Es waren ungefähr zehn Herren mit drei Damen. Die letzteren wohnten in einem durch einen roten Vorhang von unserer Kajüte getrennten Raume, der die Überschrift „ladies cabin“ nebst der freundlichen Erinnerung „no admittance“ führte.

Unsere Damen bestanden aus zwei alten und einer nicht mehr jungen Frau. Die Bekanntschaft war übrigens, so gern ich sonst in Damengesellschaft bin, eben keine angenehme, denn ich lernte hier eine Unart der Amerikanerinnen kennen, die einen fatalen, ja widerlichen Eindruck auf mich machte. Die Damen schienen keineswegs den unteren Ständen anzugehören, genierten sich aber nicht im mindesten, in fast regelmäßigen Zwischenräumen dermaßen laut aufzustoßen, dass ich mich im Anfang ein paarmal ordentlich erschreckt nach ihnen umschaute. Rührend war in der Tat die Unbefangenheit, mit der sie dabeisaßen, und die übrigen Passagiere nahmen ebenfalls nicht die mindeste Notiz davon. Sie waren jedenfalls schon vollkommen daran gewöhnt.

Ein Kanalboot ist ein sehr langes, schmales Boot, das ungefähr 6 Fuß hoch außer dem Wasser geht, ganz bedeckt und durchaus zur Bequemlichkeit, oder eigentlich Unbequemlichkeit von Passagieren ausgerüstet ist. Es ist rund umher mit Fenstern versehen und kann eine große Menge Leute und in der Mitte auch eine tüchtige Ladung Fracht fassen. Doch geht es sehr langsam, und unser Boot besonders wand sich, von zwei Pferden in gemütlichem Schritt gezogen, schneckenartig durch die Landschaft. Niedere Brücken gehen überall über die Kanäle, oft nur wenige Zoll über das Dach des Bootes erhaben, so dass man, wenn man auf dem Verdeck ist, fortwährend aufpassen muss, nicht über Bord gefegt zu werden, wie ich dies selbst einmal mit angesehen habe. Man muss sich beizeiten flach hinlegen. Ist das Boot aber sehr leicht geladen, dass es recht hoch aus dem Wasser geht, so kann man dabei auch schlecht wegkommen. Ein Passagier hatte vor ganz kurzer Zeit solcher Art ein trauriges Schicksal, indem das hohe Deck des Bootes unter der Brücke zu wenig Raum für ihn bot und ihn auf eine jämmerliche Art zerquetschte.

Langsam und äußerst eintönig ging die Fahrt vonstatten, und die Ufer, die meist durch sumpfiges und Waldland führten, boten gerade nicht viel Interessantes. Bewundernswert erschien mir eine Stelle, ich glaube am Mohwack oder einem anderen kleinen Strome dort in der Nähe, über den der Kanal 20 oder 25 Fuß hoch weglief. Es war ein eigentümliches Gefühl, oben auf dem Wasser zu fahren, und tief unter sich, ganz unabhängig von der Flut, auf der man sich befand, einen anderen Wasserlauf querdurch strömen zu sehen.

Eines schönen Tages saß unser Boot plötzlich mit einem furchtbaren Krach fest, und alles sprang hinaus, zu sehen, was es gäbe. Wir waren denn auch richtig mit einem anderen ganz ähnlichen Boot an einer schmalen Stelle des Kanals, gerade unter einer Brücke zusammengelaufen und hatten dem anderen einige Rippen im Leibe zerbrochen. Wir saßen wie festgemauert, und vergebens waren alle Bemühungen, das Boot wieder rückwärts zu bringen, da die Pferde in dem knietiefen Schlamme nicht zusammen anziehen wollten. Da erbarmte ich mich denn, auf meine großen Wasserstiefel mich verlassend, sprang, mit der großen Peitsche bewaffnet, hinaus, und den beiden Pferden damit einige derbe Hiebe versetzend, machte ich ihnen begreiflich, dass sie wohl könnten, wenn sie nur wollten. Siehe da, sie wollten; im Anziehen aber schlug das eine Pferd hinten aus, gerade in den Schlamm hinein, so dass ich über und über mit der roten Masse bespritzt ward und nun eher einer Forelle als einem Menschen ähnlich sah. Ich kroch zurück und beschloss, das nächste Mal etwas weniger dienstfertig zu sein.

Am 29. Oktober forderte endlich der Kapitän des Kanalbootes die bedungene Bezahlung. Ich kam ganz ruhig mit meinen 4 Dollars an, erstaunte aber nicht wenig, als ich erfuhr, dass der in Utica von einem Fremden gemachte Akkord keineswegs den Kapitän etwas angehe, sondern ich so gut wie jeder andere Passagier 6 Dollars zu bezahlen habe. Das war wieder eine Erfahrung mehr, zwar mit zwei Dollars, aber doch wohl nicht zu teuer erkauft. Überhaupt mag das dem deutschen Einwanderer zur Warnung dienen, sich um Gottes willen nicht mit dritten Personen, sie mögen noch so gut autorisiert scheinen, in den Abschluss irgend eines Vertrags einzulassen. Es ist immer zehn gegen eins zu wetten, dass sie angeführt werden, da solche Leute nicht selten, wenn sie die Sache nicht auf eigene Hand betreiben, von den Beteiligten gemietet sind, um den Fremden zu beschwichtigen, dass sie ihn nur erst einmal in ihr Garn bekommen. Gegen sie klagen kann er nachher nicht, das wissen sie recht gut.

Wir hatten uns bis jetzt ziemlich wohl befunden, da nicht sehr viele Reisende in dem engen Raume mitfuhren. Jetzt dagegen kamen noch fünfzehn Passagiere mehr hinzu, die sämtlich mit unserem Boote nach Buffalo fahren wollten.

So lange es Tag war, ging die Sache noch an; als aber der Abend kam, wusste ich wahrlich nicht, wohin die Leute alle gepackt werden sollten; doch hatte ich ja die Passagierladung des Bremer Eberführers noch in frischem Gedächtnis und hielt von der Zeit an alles für möglich.

Die Schlafstellen auf dem Kanalboote bestanden aus langen viereckigen Rahmen, die abends hängemattenartig an der Decke, einer neben den anderen, die ganzen Wände entlang, angebracht wurden. Jetzt war die Zahl der Passagiere noch gestiegen, und wir wurden daher schichtweise gepackt. Die Rahmen sind mit sehr starkem, grobem Leinenzeuge überzogen, und auf diese kommt gewöhnlich eine kleine schmale Matratze, die wir von Utica Mitgegangenen noch alle hatten, die aber einige der Neuangekommenen entbehren mussten. So der Mann, der über mir schlafen sollte; ich sah wenigstens keine Matratze auf dem oberen Rahmen liegen und kroch also in mein schwankendes Bett, nachdem ich vorher die Stricke untersucht hatte, zu sehen, ob sie auch fest wären, damit ich nicht nachts in die Presse käme. Die zuletzt angekommenen Passagiere blieben noch auf und spielten Karte.

Ein furchtbar beängstigendes, erstickendes Gefühl weckte mich in der Nacht; kalter Angstschweiß stand auf meiner Stirn, und ich konnte keinen Atem holen. Wie Blei lag es auf meinem Magen, auf meiner Brust. Ich versuchte zu schreien, – ich konnte nicht. Fast ohne Besinnung lag ich so mehrere Minuten, ehe ich recht erwachte und klar denken konnte, wo und in welchen Verhältnissen ich sei. Aber das Gewicht blieb auf mir und wich und wankte nicht, und dicht über mir tönte und rauschte es wie ferner Donner. Es war mein Schlafkamerad, der da oben schnarchte, und dass das Gewicht, welches auf meinem Magen lag, auch mein Schlafkamerad sein musste, unterstand jetzt gar keinem Zweifel mehr.

Ich versuchte nun, den Koloss zu bewegen; es war aber eine Unmöglichkeit. Ich stieß, ich rief, – alles umsonst. Wie ein Fels lag er, wenigstens teilweise, auf meiner Brust und schien ganz gefühllos zu sein. Als alle bis dahin gemachten Versuche, ihn zu wecken, erfolglos blieben, erinnerte ich mich zum Glück meiner Halstuchnadel, die ich den Abend vorher nicht abgenommen hatte; mit Mühe brachte ich den Arm herum, nahm die Nadel aus dem Tuche und stach sie mit fester Hand in den auf mir liegenden Fleischklumpen. Ein plötzliches gewaltiges Strecken und Dehnen, das mir augenblickliche Linderung verschaffte, war der Erfolg meines Angriffs, die Bewegungen aber wurden schwächer und schwächer, das Gewicht auf mir ward mit jedem Augenblicke wieder schwerer und unerträglicher, und um nicht eine vollständige zweite Auflage zu erleiden, musste ich meinen Angriff erneuern.

„What the devil is Tat? help, murder!“ schrie eine tiefe Bassstimme über mir, und durch einen plötzlichen Ruck meiner Last fühlte ich mich frei. Wie ein Aal schlüpfte ich unter dem Gewichte hervor und sah nun bei dem matten Scheine der von der Decke herunterhängenden Lampe ein so komisches Bild, wie mir wohl bis dahin nie vorgekommen war.

Der starke schwerfällige Mann, der im oberen Rahmen ohne Matratze schlief, war zu gewichtig für die schon lange Jahre gebrauchte Leinwand gewesen und im Schlafe mit dem schwersten Teile seines Körpers durchgebrochen, der dann den ersten festen Anhaltspunkt auf meinem Magen fand. Durch meinen Nadelstich aufgeschreckt, hatte er sich gedehnt und mich dadurch für einen Augenblick befreit, den ich auch nicht unbenutzt ließ . Als er aber jetzt in seine alte Lage, mit womöglich noch etwas größerer Stärke und Schwere, zurückfiel, war die Stütze verschwunden, die Leinwand gab nach, und der noch nicht ganz Erwachte saß auf meinem Bett, während sein Oberkörper nebst den Füßen noch in seinem eigenen hing, und schrie Mord und Zeter.

Alles sprang auf, zu sehen, was es gäbe, und groß war der Jubel, als man den Dicken so gefangen sah.

Gegen Morgen kamen wir nach Lockport, wo der Kanal einige 60 Fuß steigt, und wo fünf doppelte Schleusen angebracht sind; an einer Seite zum Hinaufgehen, an der anderen zum Herunterkommen der Kanalboote.

In Lockport hörte ich jetzt, dass ich, um den Niagarafall zu besuchen, viel besser tun würde, gleich hier das Boot zu verlassen und zu Fuß nach den gar nicht mehr so weit entfernten Fällen hinüberzugehen. Von Buffalo aus sollte ich viel weiter haben und könnte dorthin später immer kommen. Dem Rat folgte ich und erreichte auch schon nachmittags um zwei Uhr dieses kolossalste Wasserwunder der Erde.

Ich erlasse mir aber jede Schilderung; kalte Zeichnungen und Tausende von guten und schlechten Beschreibungen dieses göttlichen Schauspiels sind schon in alle Weltgegenden ausgegangen – ich will ihre Zahl nicht vermehren. Aber einen gewaltigen Eindruck machte es auf mich; ich konnte nur staunen und beten; es war zu gewaltig groß.

Das Herz noch von dem herrlichen Naturwunder voll, wollte ich nicht in der kleinen Stadt Manchester, die dicht am Falle liegt, übernachten und verfolgte den ersten sich mir zeigenden Weg ins Land hinein, teils um zu jagen, teils um ein Haus für Nachtherberge aufzusuchen.

Dunkler und immer dunkler wurde die Welt, tiefer und immer tiefer der Kot, als ich endlich zum guten Glück den Schein eines Lichtes bemerkte, der wie ein leitender Stern durch die dichter und dichter werdende Finsternis brach. Es war die stille, freundliche Wohnung eines pennsylvanischen Schmieds, der sich hier im Staate New-York angesiedelt hatte, und der mit wohltuender Gastfreundschaft den Hungrigen speiste und dem Müden ein warmes Bett bereitete. Hier sowohl wie bei mehreren anderen Farmern hörte ich, dass Kanada ein schönes Land sei, dass Wild dort im Überfluss die Wälder fülle und Bären und Wölfe nicht selten dem kühnen Jäger zu schaffen machten.

Hier war Aussicht auf ein interessantes Leben. – Kanada – Bärenjagd – schon die beiden Worte genügten, neue fröhliche Bilder vor mir aufzurollen. Wohin ich ging, blieb sich ja überhaupt ganz gleich. Das Land wollte ich kennen lernen, und ob ich damit im Norden oder Süden begann, kam auf eins heraus.

So besann ich mich denn auch nicht lange, und schon am 1. November brachte mich ein Dampfboot von Lewisville, einem kleinen Städtchen am Niagara, nach Toronto, wo ich aber nur eine Nacht verweilte, indem ich sehr spät ankam und gleich am nächsten Morgen früh mit einem anderen Boote weiter nach Hamilton ging.

Hamilton ist ein freundliches Städtchen am Ontariosee in Kanada, und obgleich es nur eine kurze Strecke von der Grenze der Vereinigten Staaten entfernt liegt, kann man doch einen großen Unterschied, sowohl im Allgemeinen als in vielen Kleinigkeiten erkennen. Der größte Teil der in Kanada Angesiedelten besteht aus Engländern, Schotten oder Iren, und diese haben meistens, wie es mir wenigstens in der sehr kurzen Zeit, in der ich dort war und beobachten konnte, vorkam, ihre alten Gewohnheiten beibehalten. Auch ist das Geld dort englisch, obgleich das amerikanische ebenfalls gangbar ist, und umsonst würde man auf der anderen Seite des Sees nach Zepter und Kronen suchen, die hier so häufig wie im Vaterlande Aushängeschilder und Wappen zieren.

Ich hatte mir in Hamilton den Fuß vertreten und musste Freitag, den 3. November, so unangenehm es mir auch war, dort liegen bleiben; doch am Sonnabend früh zog ich, genesen und jubelnd, beim schönsten Wetter wieder hinaus in die liebe herrliche Gotteswelt und hatte, wie das vergnügte Schulmeisterlein Wuz, Mitleiden mit den Leuten in allen Gassen, dass sie dableiben mussten. Von Hamilton ging ich nach Dundas, auch am Ontario, nahm von da nördlichen Kurs an und wanderte auf die Stadt Preston zu, bog jedoch zwei Meilen vorher rechts ab, um nach New-Hope zu marschieren, wo, wie ich gehört hatte, ein alter deutscher Jäger wohnen sollte.

Am Sonntagnachmittag kam ich glücklich nach New-Hope, und dort die Wohnung des alten Deutschen erfragend, langte ich den Abend mit Dunkelwerden, bei derselben an. Er war nicht zu Hause, aber sechs Kinder von jeder Größe schauten mit ihren klaren Augen verwundert zu dem Fremden und seiner ausländischen Tracht empor. Der Wirt mit seiner Hausfrau war in der Kirche, und die älteste Tochter, ein Mädchen von sechzehn Jahren, lehrte die kleineren Geschwister Buchstabieren und Lesen aus einem alten vergriffenen, wer weiß ob begriffenen, Katechismus. Ich setzte mich ruhig in eine Ecke, die Ankunft der Alten erwartend, und lauschte dem Geplauder der Kinder.

Endlich erschienen die beiden Häupter der Familie – der alte Mann gehörte zur Religion der Tunker und ließ den vollen Bart unter dem Kinne wachsen – und begrüßten, als sie nur erst einmal die an ihnen hinaufspringenden Kinder abgewehrt hatten, den Fremdling auf das Herzlichste.

Zuerst schien mich der Alte allerdings meiner Bewaffnung halber mit etwas misstrauischen Augen zu betrachten, denn Kanada stand am Vorabend der nur wenige Wochen später ausbrechenden Revolution, und diese „ruhigen Deutschen“ schienen keine besondere Freude an der wachsenden Unruhe zu finden. Als ich ihm aber sagte, was die Ursache meines Besuches war, wurde er rasch zutraulich, legte seinen Kirchenstaat ab, und wir setzten uns dann zu dem warmen Ofen, den man in Kanada der großen Kälte wegen häufig statt der Kamine findet.

Das Gespräch drehte sich meistens um den Ackerbau und die Jagd. Der Alte schien den ersten aus dem Grunde zu verstehen und liebte die zweite leidenschaftlich. Das war der Mann für mich. Er erzählte mir viel von dem früheren Reichtum an Wild, der aber jetzt der stärkeren Bevölkerung wiche, und klagte über die vielen Jagdverderber, die in den Wald gingen und durch vieles Schießen das Wild verscheuchten, ohne je mehr zu bezwecken, als dass sie einen armen Hirsch verkrüppelten. Ich glaube, er stichelte. Auch rühmte er sich, beim Truthahnschießen selten gefehlt zu haben. Das Truthahnschießen findet hier noch ganz so statt, wie es Cooper so trefflich in seinem „Ansiedler“ beschreibt. Da die Nacht schon weit vorgerückt war, wies mir der Alte ein Lager unter dem Dache an, dem es wahrlich nicht an Luft fehlte; doch schlief ich herrlich.

Er hatte mir am Abend von einem nur wenige Meilen entfernten See gesagt, wo sich eine ungeheure Menge von Enten aufhalten sollte, und mit Tagesanbruch machte ich mich auf, mir einige Braten zu holen.

Mein neuer Bekannter hatte mir wohl ungefähr die Richtung angegeben, in der ich den See finden könne, an einen Weg aber war gar nicht zu denken; doch glaubte ich, das Wasser auch ohne einen Kompass finden zu können, und schritt frisch darauf los; aber immer dichter wurde der Wald, immer häufiger lagen die umgestürzten Bäume querüber und durcheinander, und hoch stand die Sonne schon, als ich endlich den Kompass aus der Tasche nahm, mit seiner Hilfe eine gerade Richtung verfolgte und glücklicherweise an den See gelangte. Ich fand eine große Menge Enten, doch hielten sie sich, wahrscheinlich durch andere Jäger scheu gemacht, sehr in der Mitte auf, wenige nur schwammen um Rande herum.

Das war wieder ein Strich durch die Rechnung, doch schien mir der See nicht groß; ich beschloss daher, ihn zu umgehen.

Ich hatte nach und nach drei Enten geschossen und, ein wenig hitzig geworden, die Tageszeit ganz aus den Augen gelassen; jetzt bemerkte ich plötzlich, wie sich die Sonne schon sehr stark nach Westen neigte. Den See zu umgehen, war, wie ich wohl einsah, vor Sonnenuntergang nicht mehr möglich, denn wie ich an einigen lichten Stellen erkennen konnte, hatte ich noch nicht die Hälfte zurückgelegt, und in Nordosten waren dicke Wolkenmassen zusammengeballt, die die fliehende Sonne fast schon eingeholt hatten und den Wind brausend und pfeifend voranschickten.

Ich sah keine andere Rettung, als hier zu biwakieren; auch konnten meinen Hunger einige Stücke hartes Brot, das ich in der Tasche hatte, wenig stillen, und eine der Enten zu braten, hatte ich mir die Zeit nicht genommen. Außerdem schien das Wetter höchst unbehaglich werden zu wollen. Schon in recht verdrießlicher Stimmung fand ich gerade noch zur rechten Zeit, als ich langsam am Ufer hinzog, ein aus einem Baumstamme ausgehauenes Kanu, das an eine Wurzel befestigt war. Ohne mich zu besinnen, stieg ich ein und ruderte auf das ungefähr 2½ englische Meilen entfernte andere Ufer zu, wobei ein ungeheuer hoher, abgestorbener Baum mir zur Richtschnur diente.

Der Wind blies heftig, und die Wellen schaukelten das nur roh gefertigte und unbehilfliche Fahrzeug dermaßen, dass ich alle Kraft und Geschicklichkeit aufbieten musste, es im Gleichgewicht zu erhalten und durch die Wogen zu führen. Unterdessen fing der liebe Himmel an dermaßen mit Schneeflocken um sich zu werfen, dass ich in kurzer Zeit davon bedeckt war und nur mit Mühe noch den dürren Baum im Auge und dadurch meine Richtung beibehalten konnte. Endlich landete ich, befestigte den Nachen am Ufer und suchte nun einen Weg nach einer Ansiedelung zu finden.

Während der Zeit war es ganz finster geworden, aber kurz vorher hatte ich glücklicherweise einen kleinen Fußpfad entdeckt, von dem der Schnee infolge der Nässe wegschmolz, und der als eine dunkle Linie mich durch den Wald führte. Dem folgte ich denn auch getrost, und nach ungefähr 1½ Stunden blinkte mir endlich der Schein eines fernen Lichtes entgegen, dem ich rasch und freudig zueilte. Bald hatte ich es erreicht und pochte nun an die niedere Haus- und zugleich Stubentür einer Farmerwohnung.

Eine deutsche Stimme fragte: „Wer ist da?“ und wie Balsam träufelte das auf alle meine Organe, vorzüglich aber auf den Magen.

Es war die Frau eines deutschen Wagenmachers, die mir öffnete, deren Mann in das kleine, wenige Meilen entfernte Städtchen geritten war, von ihr aber jeden Augenblick zurückerwartet wurde. Der warme Ofen rief meine schon fast erstarrten Lebensgeister zu neuer Tätigkeit zurück, und eine Tasse warmen Kaffees, den sie mir vorsetzte, brachte mich wieder ganz ins alte Gleis. Ungefähr nach Verlauf einer Stunde kam der Mann, ein freundlicher Deutscher. Er war drei Jahre im Lande und ohne einen roten Pfennig herübergekommen; doch jetzt hatte er schon ein recht hübsches Häuschen, ein Stück Land und genug Arbeit.

Da es die Nacht hindurch sehr stark geschneit hatte, versprach ich mir eine gute Jagd und zog gar bald aus. Weil mein Wirt auf keinen Fall Geld für seine Gastfreundschaft nehmen wollte, überließ ich ihm meine gestrige Jagdbeute. Den linken Lauf meines Jagdgewehres lud ich für diesen Tag mit Rehposten, den rechten mit grobem Schrot, und frische Zündhütchen aufsetzend, trat ich aus dem backofenartig geheizten Zimmer in die frische, kühle Morgenluft hinaus, dieselbe in langen, durstigen Zügen einatmend.

Ich mochte etwas über eine Stunde gewandert sein, ohne mehr als ein Kaninchen und einen Fasan geschossen zu haben, als mir plötzlich ein Mann entgegenkam, aus dem ich von weitem nicht klug werden konnte, den ich aber bald als einen etwas kultivierten Indianer erkannte.

Er war in einen kurzen wollenen Rock gekleidet, in dunkelblaue Tuchhosen, deren breite Nähte nach außen gingen; die Füße hatte er mit Mokassins bedeckt und den Kopf mit einer rotwollenen Schärpe turbanartig umwunden. Die schwarzen, feurigen Augen blitzten darunter hervor, und das schlichte schwarze Haar hing an den Schläfen nieder. In den Ohren hatte er ein paar kristallene Ohrgehänge, der indianische, mit Perlen gezierte Gürtel hielt einen Tomahawk, an der rechten Seite hing ein schlichtes Pulverhorn und eine Kugeltasche, und der lange amerikanische Reifel (die Büchse) gab der ganzen Gestalt ein kühn romantisches Aussehen.

Nach einer kurzen, freundlichen Begrüßung und einem Handdruck versuchten wir uns einander zu verständigen, was gerade keine so leichte Aufgabe war, da er nur gebrochen Englisch sprach und ich von dieser Sprache ebenfalls nur geringe Kenntnis besaß. Auf meine Frage, ob er viel Wild gesehen habe, zeigte er vor sich hin auf den Boden, wo sich eine noch ganz frische Bärenfährte durch den Schnee zog. Er winkte mir mitzugehen, und ich brauche wohl nicht erst zu sagen, dass ich ihm mit vor Freude und Ungeduld klopfendem Herzen folgte.

Die Jagd zeichnete sich durch nichts Besonderes als das Erlegen eines ganz jungen, etwa acht oder neun Monate alten Bären aus, dem kurz vorher wahrscheinlich die Alten weggeschossen waren. Ich selber tat dabei in allem Jagdeifer dem kleinen schwarzen Burschen mit meiner Schrotflinte wenig zuleide. Der Indianer verkaufte das kleine Ding später in Preston für 4 Dollars und vertrank dort wahrscheinlich das Geld; ich verließ ihn wenigstens in solcher Beschäftigung, als ich Abschied von ihm nahm.

Nach dieser Jagd durchstreifte ich wieder eine Zeitlang allein die Waldung, jedoch mit nur sehr geringem Erfolge, denn nicht bekannt mit dem Walde selber und nicht imstande, mich ordentlich zurecht zu finden, durfte ich es nicht wagen, mich sehr weit aus besiedelten Gegenden zu entfernen. Außerdem war ich auch als sehr junger Jäger noch wirklich kaum in der Lage, mir jeden Tag, was ich selber brauchte, sicher und gewiss zu erlegen.

Das Wetter diente auch gerade nicht dazu, den Aufenthalt im Freien angenehm zu machen; ich war noch zu kurze Zeit daran gewöhnt. Dann und wann traf ich allerdings mit Landsleuten zusammen, bei denen ich übernachtete. Die Beschreibung, die mir aber diese von einem kanadischen Winter gaben, war ebenfalls nicht verlockend, und ich beschloss, ehe ich am Ende hier oben festschneite, diesem auszuweichen.

Diesen Entschluss auszuführen, schlug ich eine südliche Richtung ein, dem Ontariosee wieder zu, wo ich, wie mir gesagt wurde, die Straße nach Buffalo erreichen würde.

Hier im Walde sollte ich auch ein für mich mit keinem Erfolg gekröntes Abenteuer haben. Ich sah nämlich, meiner Richtung in einem kleinen Fuß- oder Kuhpfad folgend, plötzlich sieben Wölfe in einer Entfernung von ungefähr 70 Schritten vor mir stehen. Ohne mich zu besinnen, drückte ich mich leise in den Schnee, um eine Kugel in den einen Lauf meines Gewehres zu laden, da ich fürchtete, mit bloßem Schrot nichts auszurichten; doch als ich aufstand, hatten die Wölfe sich empfohlen und ließen mir das leere Nachsehen. Ich war außer mir.

Da sie südöstlich entflohen waren, hatte ich Lust, ihnen nachzugehen, um den Skalp eines solchen Raubtieres – die Regierung hatte 5 Dollars Prämie auf einen Wolfsskalp gesetzt – zu erlangen; wie sich die Sonne aber dem Untergange zuneigte, gab ich die Verfolgung auf.

Die Kanadier behaupten, dass die dortigen Wölfe, als zuerst von den Ansiedlern Schafe eingeführt wurden, sich vor diesen so gefürchtet hätten, dass sie ihnen gar nicht in die Nähe gekommen wären. Nur erst mit der Zeit gewöhnten sie sich an die neuen, wunderlichen Tiere, aber freilich sehr zu deren Schaden, denn kaum hatten sie das erste von ihnen gekostet, als ihnen das Fleisch ausgezeichnet schmeckte und sie nun nicht unbedeutende Verwüstungen in den Herden anrichteten.

Außerdem wird noch dem kanadischen Wolf – ich weiß nicht ob mit Recht oder Unrecht – nacherzählt, dass sein Biss schon tödlich sei, und angerissene Schafe oder Hunde, selbst wenn die Verwundung sonst keineswegs tödlich wäre, derselben erliegen müssten.

Den Tag über hatte ich wohl mehrere Hirsche gesehen, war aber nicht imstande gewesen, an einen in Schussnähe anzuschleichen, und musste mich zuletzt mit einem mir über den Weg laufenden Kaninchen begnügen.

An das Auffinden eines Hauses war übrigens diesen Abend nicht mehr zu denken, da ich mich nicht einmal mehr auf einem Waldwege, sondern im wahren Sinne des Wortes „im Holze“ befand. Ich schleppte daher vor einbrechender Dunkelheit so viel Holz, wie ich nur in der Nähe finden konnte, zusammen, räumte den Schnee vor einem trockenen, umgestürzten Stamme hinweg und zündete unter demselben ein Feuer an, das bald fröhlich in die Höhe flackerte.

Als ich mich gehörig erwärmt hatte, machte ich mich daran, mein Häschen auszuweiden und zu braten, was mit gar wenigen Umständen verknüpft war. Ich reinigte es mit Schnee, so gut ich konnte, und steckte es auf einen Stock, gerade zum Feuer, indem ich ein Stück Baumrinde unterlegte, um das ausbratende Fett aufzufangen und wieder überzugießen. Zwar vermisste ich Salz und Brot sehr, aber der Hunger ist ein gar vorzüglicher Koch. Die beiden Hinterkeulen, die ich zum Frühstück bestimmt hatte, abgerechnet, verspeiste ich den ganzen Braten. Als dies überstanden war, vergrößerte ich mein Feuer, und den Jagdranzen unter dem Kopfe, die Pelzmütze über die Ohren gezogen und die Füße dem Feuer zugekehrt, bereitete ich mich, in Amerika zum ersten Mal eine Nacht im Freien zuzubringen.

Ich schlief gar bald ein, und zwar so fest, dass mich erst die scharfe Morgenluft erweckte. Mein Feuer war niedergebrannt, und der Frost schüttelte mir die erstarrten Glieder. Kaum konnte ich das Feuer wieder anblasen, so zitterte ich; endlich gelang es, und nach und nach tauten meine starren Glieder wieder auf.

Die Morgensonne fand mich schon in die Betrachtung meiner beiden Hasenkeulen vertieft, die ich so lange beschaute, bis ich die Knochen derselben sehen konnte.

Als ich mich gehörig gepflegt hatte, setzte ich, neu gestärkt, meinen Marsch gen Süden fort, und ungefähr gegen zehn Uhr zeigte mir das Krähen eines Haushahnes an, dass ich mich nicht weit von einer menschlichen Wohnung befinden müsse. – Mit langen Schritten marschierte ich darauf zu, und bald begrüßte mich das Gebell einer Meute Hunde.

Der Besitzer des Hauses war im Walde, um Holz zu hauen und „Fenzriegel zu reißen“.

(Fenzriegel sind die langen Stangen, die aufeinander gelegt werden, um die Felder einzuzäunen. Die Einfriedigung selber wird Fenz genannt.)

Die Frau, eine nette Amerikanerin, setzte mir freundlich Milch und Brot vor und versicherte mir, ich könne höchstens 20 Meilen von der Straße nach Buffalo entfernt sein und würde, käme ich etwas weiter südlich, ziemlich viele Farmhäuser antreffen. Geld wollte sie auf keinen Fall für die Erfrischung annehmen, und mit einem herzlichen Dank mich durch die Legion Hunde durcharbeitend, wanderte ich fröhlich weiter, dass der kanadische Wald von deutschen Liedern erschallte.

Am anderen Morgen erreichte ich endlich die gebahnte, von einer Art Postkutsche befahrene Straße nach Buffalo, die sich fortwährend durch Farmen hinzog. Ich war wieder in den kultivierten Teil des Landes zurückgekehrt. Der Landmann baut hier sehr viel Weizen, der vorzüglich gerät, auch Hafer und Gerste, besonders aber Welschkorn, das jedoch im Norden nicht die Vollkommenheit erreichen soll als im Süden. Die Kolben waren klein, und das meiste, welches ich sah, hatte gelbe Körner.

Ungefähr 30 Meilen vor der Stadt holte ich einen Viehhändler aus den Vereinigten Staaten ein, der wieder dahin zurückkehrte. Er war ein freundlicher Mann, und ich beschloss, der Geselligkeit wegen, die dreißig Meilen bis Buffalo mit ihm zurückzulegen. Wir wurden auch sehr bald bekannt mit einander. Er trieb zwei ungeheuer fette Ochsen aus Kanada heim nach den Vereinigten Staaten und ritt dabei ein schrecklich mageres Pferd. Nichtsdestoweniger lud er mich sehr gastlich ein, seine Rosinante abwechselnd mit ihm zu teilen, da er selber gern ein wenig gehen wolle.

Das Reiten wäre nun schon nicht übel gewesen, denn es regnete fein und durchdringend und die Wege waren sehr schlüpfrig geworden, wenn nur der gute Mann nicht das Pferd, auf dem ich ritt, jedem ihm Begegnenden angeboten hätte und sogar willens gewesen wäre, es für zwei Kühe in Tausch zu geben. Es muss wirklich manchmal komisch genug ausgesehen haben, wenn das traurige Tier, auf dem ich ritt, solcher Art den Vorüberziehenden oder uns Begegnenden „spottbillig“ angeboten wurde.

Wenn er sich müde gelaufen hatte, stieg er auf, und ich ging. Er hatte dabei ein Buch mit irgendeinem ungemein rührenden Trauerspiel in der Tasche, und jedes Mal, wenn er sich in seinem Sattel festgesetzt hatte, nahm er es heraus und fing an zu deklamieren, indem er mit der linken Hand das Buch hielt und mit der rechten, in der er zugleich die lange Ochsenpeitsche führte, gewaltig gestikulierte. Bei jeder etwas starken Bewegung, welche die Kraftstellen des Trauerspiels mit sich brachten, die er mit dem rechten Arme und dadurch mit der für die Ochsen so unheilbringenden Peitsche machte, wichen diese, welche die Geißel immer im Auge behielten, scheu zurück, und nur ein den pathetischen Ton öfters sehr prosaisch unterbrechendes „Schü Bock – Oh! Oh!“ brachte die gehörnten „Zuhörer wider Willen“ zu ihrer Pflicht zurück.

Den 11. November abends kam ich zum zweiten Mal zum Niagarafall und konnte seine Pracht und Größe nun auch von der kanadischen Seite bewundern.

Von da wand sich der Weg am Niagaraflusse hinauf dem Eriesee zu. Herrlich ist dieser Weg zu reisen; die Straße schön und trocken, links der prächtige breite, durch den dunkeln Urwald beschattete Niagarafluss, rechts eine blühende Farm neben der anderen mit den schönsten Apfelgärten – es ist ein Anblick zum Bezaubern. Die Strecke, die wir auf diese Art zurücklegten, kam mir nur wie wenige Schritte vor. Einige Meilen von Buffalo entfernt, setzten wir auf einer von Pferden getriebenen Fähre über den Niagara und waren wieder in den United States.

Was ich von Kanada gesehen habe, zeigte mir, dass es, wenigstens in diesen Teilen, ein schönes, fruchtbares Land von gesundem, wenngleich sehr kaltem Klima sei. Eben dieser strengen Kälte wegen möchte ich aber auch Kanada, nicht einmal das am südlichsten gelegene Oberkanada, nie zum Wohnsitze wählen.

Das Land bringt herrliches Getreide hervor, doch ist mit der Schaf- und Schweinezucht in den nicht dicht bewohnten Gegenden wenig zu machen, da die zahlreichen Wölfe dem Vieh sehr nachstellen, wenn sich die Farmer eben nicht dazu bequemen, etwas mehr auf ihr Vieh acht zu haben, als es nur draußen im Freien herumlaufen zu lassen.

Es war Sonntagnachmittag, als ich in die Gaststube des „William Tell“ in Buffalo eintrat und mich, um etwas auszuruhen, in einen Winkel setzte. Die Augen der achtbaren deutschen Handwerker, die gerade im hitzigsten Politisieren begriffen waren, richteten sich zwar im Anfange erstaunt auf den bewaffneten Fremdling, doch bald wieder eifrig ihr Thema verfolgend, vergaßen die Leute bald alle Zuhörer, und ich glaube, es wäre nach deutscher Sitte zu „Schemelbeinen“ gekommen, wenn nicht der Wirt, eine kleine runde Gestalt, sich zwischen sie gerollt und den Frieden mit den versöhnenden Worten: „Ihr seid alle miteinander so dumm wie die Stockfische“ wieder hergestellt hätte. In diesen Worten schien die Gleichheit der Personen anerkannt, und die Gemüter beruhigten sich.

Es war aber auch keine Kleinigkeit, um die sie sich stritten, denn der eine Gast, ein ehrbarer Schuhmacher, wollte auf keinen Fall zugeben, dass „der Engländer“, wegen der damals schon gärenden Unruhen in Kanada, Militär über den Ozean schicken könne, da „der Russe“ ihm so hart auf dem Halse sitze. Ein Schreiner, der ihm gegenüber saß, behauptete dagegen, dass Russland viel zu weit von England entfernt sei, um mit ihm so schnell Krieg anfangen zu können. Da kam er aber schön an, denn der Schumacher bewies ihm haarklein, dass Russland dicht an England grenze – von oben, im Norden – und nur eine breite Strecke Sand zwischen beiden „Fürstentümern“ liege, so dass der Schreiner, vor lauter Verwunderung über seinen gelehrten Widersacher, still schwieg. Doch gab der Schuhmacher zu, dass der Marsch von Russland nach England sehr beschwerlich wäre, da die Soldaten oft bis unter die Arme im Sande waten müssten.

Was der gute Mann für Begriffe von einem solchen Marsche im Sande hatte, oder von woher überhaupt seine geographischen Kenntnisse stammten, kann ich nicht sagen, doch amüsierte mich der Streit sehr. Als mich daher der Schuhmacher um meine Meinung fragte, gab ich ihm natürlich recht, erzählte ihm auch, dass der Russe beabsichtige, Bärenfelle über den Sand zu breiten, um seiner Armee den Übergang zu erleichtern, worüber er ganz erstaunt äußerte: „Es sind doch verzweifelte Kerls!“ – Darüber sind jetzt achtzehn Jahre verflossen.

Den anderen Morgen war ich früh auf den Beinen und beschaute die Stadt ein wenig. Es ist schon ein recht hübscher Platz, wo sehr viele Deutsche wohnen, und muss einst, was es teilweise schon jetzt ist, der Mittelpunkt des nordischen Binnenhandels werden. Eisenbahnen, Kanäle, Dampfboote und Segelschiffe wetteifern miteinander, die Waren und Erzeugnisse zu bringen oder zu holen.

Gegen Mittag ging das Dampfboot „NORTH AMERICA“ nach Cleveland in Ohio ab und ich mit ihm. Eine ungeheure Menge von Passagieren stopfte den „sterage room“, und kaum war es möglich darin auszuhalten, da besonders noch eine Anzahl irländischer und amerikanischer alter Frauen ihre kleinen Pfeifenstummel im Munde hatten und mit den Männern um die Wette qualmten. Aber, lieber Gott, was nahm das für ein schmähliches und rasches Ende!

Der Eriesee, von einem frischen Winde gepeitscht, warf gewaltige Wellen, und das Dampfboot fing bedeutend an zu schwanken. Eine Pfeife nach der anderen wurde da schweigend weggelegt, und die Gesichter verlängerten sich und erblässten auf eine gar verdächtige Weise. Ich bemerkte mit Entsetzen diese Veränderung und flüchtete in einen der obersten Schlafräume – es waren derer drei übereinander –, um außer Schussweite zu sein. Der Erfolg lehrte denn auch, wie richtig ich gerechnet, denn kaum hatte ich mein hohes Lager eingenommen, so ging die Geschichte unten los und artete bald in richtige Seekrankheit aus. So komisch es anzusehen war, so ekelhaft war es, doch lag ich wenigstens in Sicherheit. Ganz besonderen Spaß machte mir ein Liebespärchen, das gleich vom Anfang der Reise mit einander gekost und geherzt hatte. Plötzlich wurde ihr schlecht und ihm nicht viel besser. Sie setzte sich darauf ihm auf den schoss und lehnte ihr Haupt an seine Stirn, und sein Gesicht wurde immer blasser, immer länger, seine Nase spitzer, seine Augen glasiger, bis von beiden fast zugleich der furchtbare Ausbruch erfolgte. Dicht vor ihnen hatte dabei eine Irländerin aus der untersten Volksklasse, den Pfeifenstummel im Munde und mit einem gewissen trotzigen devil may care Zug um den Mund, gesessen und die Gruppen um sich her etwa mit einem Gesicht angesehen, als ob sie hätte sagen wollen: „Untersteht ‘s euch und werdet seekrank, erbärmliches Volk, das ihr seid!“ Sie hielt dabei ein kleines Kind auf dem Schoße; dies forderte indessen plötzlich ihre ganze Aufmerksamkeit, und sie hatte das kleine Persönchen eben wieder vollständig gereinigt und sauber poliert, als der vorerwähnte Ausbruch dem kleinen Staatsbürger von unbewachter Seite wieder alles – und zwar ohne dessen Verschulden – verdarb. Der Grimm der Alten war furchtbar.

Den 14. November endlich, abends, erreichten wir Cleveland. Es war stockfinster, und ich stand in der Tat etwas verlegen am Ufer, da ich nicht wusste, wo ich für die Nacht ein Unterkommen finden sollte. Ein junger Deutscher, der mich beim Schein einer Laterne an den Kleidern für einen Landsmann erkannte, fragte mich, ob ich die Nacht über bei Deutschen bleiben wolle. Auf meine Bejahung führte er mich einige hundert Schritte weit in ein deutsches Gasthaus, wo ich sehr bald zu Bette ging.

Die Betten in Amerika sind fast alle zweischläfrig, d. h. so breit, dass drei Mann sehr bequem darin Platz haben; ich habe auch schon als der vierte in solchem Bette geschlafen.

Es ist das nämlich eine höchst fatale Gewohnheit der amerikanischen Gasthäuser, ihre Fremdenbetten immer gleich auf wenigstens zwei Schläfer berechnet zu haben, und man wird da, selbst in den besseren, sehr häufig mit Leuten zusammengeworfen, deren so unmittelbare Nähe einem gerade nichts weniger als angenehm ist. Man gewöhnt sich zuletzt freilich an alles.

In diesen „Tummelplatz des Traumes“, wie es einige Amerikaner nennen, wies mich ein kleiner buckliger Junge, und auf meine Frage, ob ich „allein darin schlafen“ würde, erwiderte er mir, dass wohl noch ein Fremder mit der Postkutsche kommen könnte.

Gegen Mitternacht ungefähr weckte mich Geräusch. Ich dachte bei mir: „Aha, da kommt dein Fremder“, und da ich mich noch nicht an diese amerikanische Sitte gewöhnt hatte, interessierte es mich doch ein wenig, zu sehen, wer denn eigentlich mein Schlafkamerad sein würde.

Den Kopf wendend, hatte ich indes die ungeheure Freude zu bemerken, dass ein Schwarzer, ein pechschwarzer Kerl, sich eben fertig machte, seine Ebenholzglieder zu mir ins Bett zu legen. Ich rückte auf die äußerste Bettkante und ließ dem Sohne der Finsternis zwei Dritteile des breiten Ruhelagers.

Ich war damals noch zu unbekannt mit den amerikanischen Gebräuchen; wäre mir dieses Abenteuer aber später passiert, so hätte der gute Wirt keinen ganzen Knochen im Leibe behalten.

So sehr ich nämlich auch diesem amerikanischen Vorurteil, die Schwarzen als eine vollkommen untergeordnete Rasse zu betrachten, entgegen bin, so war es doch von dem Wirt, der die Landessitte kannte, eine nichtswürdige Frechheit, mir solchen Schlafkameraden zu schicken, und er hatte es auch jedenfalls nur getan, weil er gemerkt haben mochte, dass ich erst ganz kürzlich von Deutschland gekommen war, und dabei voraussetzte, ich kenne die hiesigen Vorurteile und Sitten noch nicht.

Von Cleveland aus wanderte ich ein Stück Wegs am Kanal hinunter, der bis Portsmouth am Ohio-Fluss geht, nach einem kleinen Städtchen Canton, um dort meinen Schiffskameraden, den Apotheker Vogel, aufzusuchen.

Ich schoss diesen Tag im Kanal mehrere wilde Enten, auch einige Kaninchen am Wege, und blieb die Nacht über bei Amerikanern, die mich freundlich aufnahmen.

Gar sehr amüsierte mich dort ein deutsches Mädchen, das bei den Amerikanern diente, aber erst wenige Monate in der neuen Heimat war und noch sehr wenig Englisch verstand. Doch sprach sie Plattdeutsch und die Amerikaner Englisch, so dass beide Teile einander genug verstanden, um wenigstens zu wissen, was sie eigentlich voneinander wollten, und sich vortrefflich vertrugen.

Am 17. November erreichte ich endlich die kleine Stadt Canton, einen freundlichen Flecken mitten im Holze mit einigen recht hübschen und geschmackvollen Gebäuden.

Meinen Freund fand ich zwar nicht, hörte jedoch, dass er sich in Cincinnati aufhalte, und da ich ohnehin Cincinnati gern sehen wollte, beschloss ich, ihn dort aufzusuchen. Da ich weiter keine Geschäfte in Canton hatte, setzte ich noch denselben Abend meinen Wanderstab weiter. Was lag daran, wohin ich zog?

Ich hatte jetzt den Staat Ohio betreten und fand mich gleich vom ersten Tag an in einem weit mehr angebauten Lande als Kanada. Fast den ganzen Tag marschierte ich zwischen eingefenzten und bebauten Feldern hin, und fast jede halbe Stunde fand ich ein bald größeres, bald kleineres Farmhaus. An vielen Stellen verriet sich auch sehr deutlich deutscher Fleiß, und viele von meinen Landsleuten, die zum Teil schon sehr lange in Amerika waren, traf ich unterwegs.

Was ich dabei über das Land hörte, gereichte ihm überall fast nur zum Vorteil. Diese Leute, die sich hier allerdings mit saurem Schweiß ihr Brot verdienen mussten, waren zufrieden und rieten mir auch überall, zu bleiben und mich zwischen ihnen niederzulassen. Wenn ich fleißig sein wolle, garantierten sie mir mein Fortkommen. Damit war mir aber für jetzt noch nicht gedient, ich hatte meine Wanderung nur eben erst begonnen und noch einen langen Weg vor mir, ehe ich sie zu Ende führte.

Wohin der Weg? Ich wusste es selber nicht, kümmerte mich auch nicht darum. Vor der Hand lag mein Ziel in Cincinnati, und hatte ich das erst einmal erreicht, fand sich das andere auch schon weiter.

Ohne irgendwelche Fährlichkeit erreichte ich am 26. November Cincinnati, die größte Stadt Ohios, am Ohio-Fluss. Dort fand ich glücklicherweise den Apotheker Vogel und in der Freude, die er bei meiner Ankunft zeigte, auch reichliche Belohnung für meine Mühe, ihn aufzusuchen. Ich verlebte dort einige recht frohe Tage in seiner Gesellschaft.

Cincinnati ist unstreitig die schönste und blühendste Stadt des Westens, St.-Louis kaum ausgenommen, und wird nicht mit Unrecht von den Amerikanern – allerdings etwas unpassend für eine Republik – die Königin des Westens genannt. Sie ist der Mittelpunkt des ganzen westlichen Handels. Durch Dampfboote und Eisenbahnen mit den östlichen Städten, jetzt auch durch diese mit dem Norden, Westen und Süden, durch einen Kanal mit dem Eriesee, durch den Ohio und Mississippi noch außerdem mit allen wichtigen Handelsplätzen des ganzen westlichen Gebiets bis nach New-Orleans hinunter verbunden, rechtfertigte sich schon damals vollkommen ihr rasend schnelles Steigen, und sie muss später einmal eine Stadt werden, die ihre Einwohner nach Hunderttausenden zählt.

Deutsche hatten sich besonders viele dort niedergelassen, und ich fand selbst außer Vogel noch einige Schiffskameraden dort. Da ich aber später wieder nach Cincinnati zurück und dann ausführlicher darauf zu sprechen komme, will ich mich jetzt nicht zu lange dabei aufhalten und meinen Streifzug durch die Staaten weiter verfolgen.

In Cincinnati hatte ich bis dahin geglaubt, den Westen der Vereinigten Staaten erreicht zu haben, fand aber hier zu meinem Erstaunen, dass die „Königin des Westens“ trotz ihres Namens schon mit zum Osten gezählt wurde und der eigentliche Westen noch viel, viel weiter dahinten lag. Zum Westen wollte ich aber, die sogenannten Backwoods hatte ich mir fest vorgenommen aufzusuchen, und da man mir sagte, dass die eigentlichen Backwoods erst westlich vom Mississippi begönnen, so beschloss ich eben westlich vom Mississippi zu gehen und den eigentlichen Westen unter jeder Bedingung kennen zu lernen.

Am 6. Dezember sagte ich deshalb dem freundlichen Cincinnati Lebewohl. Am Abend desselben Tages kam ich an die Grenze dieses Staates, die der kleine Fluss Miami bildet, übernachtete dort und setzte am anderen Morgen nach Indiana über.

Zwei Meilen weiter gelangte ich in die kleine, am Ohio gelegene Stadt Lawrencebourg und erkundigte mich da nach dem nächsten Wege nach St.-Louis; aber keine Seele konnte mir diesen angeben, da, wie sie sagten, ihres Wissens noch kein Fußgänger nach der Hunderte von Meilen entfernten Stadt gegangen sei, wohin man auch wohl nur mit Dampfbooten gelangen könne. Mit Mühe und Not erfuhr ich die ungefähre Richtung und machte mich auf den Weg. Ich war während der Zeit ziemlich hungrig geworden; ein armes Kaninchen, für das mir ein Farmer eine reichliche Mahlzeit gab, musste die Zeche bezahlen. Die Nacht schlief ich in einem einsam stehenden Hause bei recht guten Leuten.

Den 8. Dezember hatte ich einen herrlichen Tag zum Marschieren, und auch der Abend brach warm und freundlich herein. Rasch wanderte ich vorwärts, als mir ein Farmer, an dessen Hause ich vorbeiging, sagte, dass ich sechs bis sieben Meilen weiter eine Mühle finden würde, wo ich über Nacht bleiben könnte; denn schon stand die Sonne nicht mehr hoch.

Immer dunkler wurde es. Der Weg zog sich fortwährend durch dichten Wald, und noch zeigte sich keine Mühle; glücklicherweise ging der Mond bald darauf, wenn auch hinter Wolken, auf. Es wurde etwas heller, und ich hatte nun wenigstens nicht zu befürchten, dass ich mich verirren würde. Überdies war die Temperatur angenehm, und musste ich die Nacht im Walde bleiben, ließ es sich auch ertragen.

Endlich sah ich ein Licht von fern durch die Zweige schimmern, und die Hoffnung auf ein gutes Bett und eine Tasse warmen Kaffee wirkte gar angenehm auf den solcher Genüsse noch nicht ganz entwöhnten Europäer. Die Lichter wurden jedoch beim Vorwärtsschreiten zahlreicher und größer, und ich wusste nicht recht, was ich davon denken sollte. War eine Stadt oder ein indianisches Lager vor mir? Meiner Ungewissheit ein Ende zu machen, ging ich rasch darauf zu, da mich zum Überfluss auch mein Weg in gerader Richtung zu den Feuern führte, und bald stand ich vor einem brennenden Stück Wald, das majestätisch durch die dunkle Nacht leuchtete und bei dem schwarzen Hintergrunde und den schauerlich grell beleuchteten Seitenpartien einen eigenen, fast gespenstischen Anblick bot. Dies neue Schauspiel war mir zu wunderbar großartig, als dass ich hätte schnell daran vorbeigehen können; ich ließ mich daher an einem der umgestürzten, glühenden Stämme nieder, mich des großartigen Anblickes herzinnig erfreuend.

Ich mochte wohl eine halbe Stunde so dagelegen und zugeschaut haben, als plötzlich, ungefähr zwanzig Schritt von mir, eine flammende Eiche mit dumpfem Krachen unter tausend sprühenden Funken niederstürzte, so dass glühende Kohlen und brennende Äste überall umherflogen. Solcher Gefahr wollte ich mich denn doch nicht aussetzen und machte mich deshalb wieder auf den Weg, der mir, durch das lange in die Flammen schauen jetzt um so viel dunkler vorkam. Aber der Wald wollte kein Ende nehmen, und ich glaubte daher, dass die Mühle bloß in der Einbildung des guten Farmers bestanden habe. Endlich hörte ich in der Entfernung, zu meiner Rechten, Wasser rauschen und zugleich das schwache Brüllen einer Kuh; sogleich verließ ich in der Richtung des Schalles den gebahnten Weg, gebrauchte aber die Vorsicht, ein Feuer an der rechten Seite desselben anzuzünden, damit ich, im Fall ich mich geirrt hätte, den Pfad und mit ihm die rechte Richtung wiederfinden könnte.

Eine halbe Meile davon leuchtete mir wirklich das helle Dach einer Wohnung entgegen. Näher gekommen, erkannte ich den Mühlendamm, und mehrere Kühe, die die Einzäunung umstanden, begrüßten den Kommenden durch ihr langgezogenes Gebrüll. Dass das Haus bewohnt sei, bewies mir der Lärm drinnen, wo man Tische und Stühle zu rücken schien, und fröhlich den Staub von den Füßen schüttelnd, klopfte ich an die niedere Tür.

Plötzlich war alles still wie im Grabe. Ich klopfte noch einmal – nichts rührte sich, keine Stimme rief mir ein trauliches „come in“ entgegen. Ich habe die Angewohnheit, nach dreimaligem Klopfen jede Tür zu öffnen, und auch hier stieß ich sie etwas ärgerlich auf. – Totenstille herrschte in dem von keiner menschlichen Seele bewohnten Hause; ein paar Sterne schauten trübe durch die fehlenden Schindeln im Dache, der Kamin war eingestürzt, und die Ratten oder sonstigen Nachtwandler, die den Lärm, den ich gehört hatte, mit einigen Überresten von Stühlen und einem alten Tische gemacht hatten, waren in ihre Schlupfwinkel geflüchtet.

Es ist ein schauerliches Gefühl, einen Ort, den man von tätigen Menschen bewohnt zu finden erwartet, öde und verlassen anzutreffen, und sonderbar fröstelnd lief es mir den Rücken hinunter. Ich schloss die Tür und sprang über die Fenz zurück, das verlassene Gebäude seiner eigenen schauerlichen Einsamkeit überlassend.

Mein Feuer war unterdessen fast ganz niedergebrannt, doch fand ich es wieder und verfolgte nun rüstig den früheren Weg. Nach einer Stunde Wanderung hörte ich das Anschlagen von Hunden, und dieser sicheren Bürgschaft für das Nahesein einer menschlichen Wohnung mit vergnügtem Herzen vertrauend, schritt ich rasch auf die endlich gefundene Mühle zu. Hunde bellten, ein Mühlrad rauschte, ein helles Licht strahlte durch alle Ritzen der Blockhütte, und alles zeigte mir, dass ich ein Nachtlager finden würde. Bald saß ich behaglich am prasselnden Kaminfeuer.

Mein Wirt war ein freundlicher Mann, der schon lange Jahre in Indiana lebte, eine Mühle gebaut hatte und sich wohl dabei befand. Nach einem schmackhaften Abendessen führte er mich aus dem Hause, um mir etwas zu zeigen, wobei er sagte: „Ich will Ihnen jetzt einen kleinen Burschen vorführen, wie Sie wohl noch nie einen gesehen haben.“ Er hielt Wort – unter einem umgestürzten Fasse saß ein graues Tier, ungefähr von der Größe einer Hauskatze, aber viel stärker im Leibe, mit kurzen Füßen, durch Kopf und Schnauze einem Fuchse oder noch mehr einer kolossalen Ratte ähnlich, mit hässlich fingerartigen Klauen und einem kahlen, etwa einen Fuß langen Schwanze. Das Tier war ein Opossum (Beuteltier), das den Hühnern unablässig nachstellt und in den Farmen öfters bedeutenden Schaden anrichtet. Die Amerikaner, sowie auch häufig die eingewanderten Deutschen, essen das Fleisch desselben, das eine Delikatesse sein soll, und auch der Müller machte keine Umstände mit seinem Gefangenen. Er warf ihn auf den Boden, schlachtete ihn, schnitt ihm den Schwanz und die Klauen ab, häutete dann das Tier, wusch es aus und machte es ganz appetitlich zurecht, indem er versicherte, dass es ein delikates Frühstück geben solle. Mir wollte aber der Gedanke nicht in den Kopf, an dem rattenähnlichen Geschöpfe zu kauen. Allerdings regnete es die Nacht durch, was nur vom Himmel wollte, und das war schlechter Trost für meine morgige Fußwanderung; doch stand ich früh auf und empfahl mich dem Müller, nur um dem „delikaten Frühstück“ zu entgehen.

Die Straße war schlüpfrig und bodenlos geworden, und nicht ohne Grund befürchtete ich, die Bergströme angeschwollen zu finden; doch vertraute ich meinem guten Glück und wanderte fröhlich fort. Gegen zehn Uhr fing es wieder an tüchtig zu regnen, und nachmittags kam ich an einen stürmenden brausenden Bergstrom, der, gewaltige Baumstämme mit sich fortreißend, dem Ohio zustürzte. Hier war guter Rat teuer, denn durchzuschwimmen wäre wohl möglich, aber auf jeden Fall höchst unangenehm gewesen, da ich außer der Kleidung, welche ich trug, keine andere mit hatte und das Wasser bedeutend kälter war als die Luft.

Nachdem ich meilenweit am Fluss hinauf- und hinuntergegangen war, einen Ausgangspunkt zu entdecken, überraschte mich die Nacht, und ich war genötigt, mein Lager im Walde aufzuschlagen. Ich schlief, von dem Brausen des Wassers eingelullt, sanft bei einem guten Feuer, doch nicht ohne dann und wann aufzuwachen, da ich nicht ganz sicher war, ob mir nicht irgend ein wildes Tier einen Besuch abstatten werde. Am anderen Morgen machte ich mich früh auf und untersuchte den Strom. Er war, wie alle diese Bergwässer, die sehr schnell steigen, über Nacht bedeutend gefallen, und ich hatte schon die Absicht, den Durchgang zu versuchen, als ich zwei Reiter den Berg herunterkommen sah. Nun war ich außer aller Sorge. Sie kamen näher; der eine von ihnen nahm mich hinter sich aufs Pferd, und trocken gelangte ich ans andere Ufer.

Ich wanderte auf dem etwas abschüssigen Wege, bald tief in den Schmutz einsinkend, bald ausrutschend und alle Regengüsse und amerikanischen Straßen vermaledeiend, weiter, als ich plötzlich, nicht weit von dem kleinen Städtchen Versailles, einen Mann mit Büchse und Kugeltasche mir entgegen den Berg herabkommen sah. Er schien im Gehen eben nicht die geradeste Linie zu treffen, und als er näher kam, fand ich auch bald, dass ich mich nicht geirrt hatte, sondern dass er ordentlich betrunken war. Bei mir angelangt, reichte er mir mit verklärten Augen seine Hand entgegen und schüttelte die meine herzlich. Der Anfang war gut, doch: trau, schau, wem! Mit den Augen eines Falken hatte er meine kleine Schnapsflasche entdeckt und suchte sie mit einem schnellen Griff an sich zu reißen; aber schneller noch als er, und fest, wie der Bär seine Jungen verteidigt, hatte ich sie seinen Händen wieder entrissen, steckte sie mit der gleichgültigsten Miene von der Welt in die andere Tasche und erwiderte ihm trocken: „Das ist nichts für euch.“

Er ergab sich in sein Schicksal, aber meine Doppelflinte betrachtend, wollte er sie genauer ansehen und begehrte, daraus zu schießen. Müde, mich mit dem Betrunkenen länger einzulassen, wandte ich ihm den Rücken, meinen Weg fortzusetzen. „Stop!“ (halt) rief er mir nach – ich achtete nicht darauf; „stop!“ rief er zum zweiten Mal, und deutlich hörte ich den Hahn seiner Büchse knacken. Blitzschnell drehte ich mich um, das Gewehr von der Achsel reißend, aber schon zu spät, denn zischend brauste seine Kugel über meinen Kopf hin, und das Echo gab schallend den scharfen Krach der Büchse wieder. Nun war aber meine Geduld zu Ende. Den fischbeinernen Ladestock aus meiner Flinte herausreißend, sprang ich dem fliehenden Yankee nach, erwischte ihn beim Kragen, rammte ihn nieder und bearbeitete ihn so lange mit dem schwachen Stocke, bis ich nur noch ein handlanges Stück Fischbein übrig behielt, während er unaufhörlich „Mörder, Mörder!“ brüllte. – Ich gestehe, dass ich einige Genugtuung fühlte, als ich den Burschen, mit Striemen bedeckt, im Schmutze liegen sah.

Den Abend wanderte ich durch Versailles, wo ich mir einen anderen Ladestock machen ließ. Aber, du lieber Gott, welche Ironie, ein solches Nest Versailles zu nennen; doch ist es eine Angewohnheit der Amerikaner, allen ihren kleinen neu angelegten Ansiedelungen hochtrabende Namen zu geben. Schon im Staate New-York war ich durch Syrakus, Babylon, Rom, Venedig, Alexandria, London und Paris gekommen, lauter kleine Flecken, aus nur sieben bis acht Häusern bestehend.

Den 11. Dezember mittags kam ich zu der Farm eines Deutschen, namens Friedmann, der sich in Indiana recht wohl befand, ein sehr fruchtbares, wenn auch nicht zu großes Stück Land und ganz herrliches Vieh hatte. Es ist dies der einzige angesiedelte Deutsche, den ich auf meinem Marsche durch Indiana getroffen habe, obgleich im Staate selbst noch sehr viele wohnen, und doppelt wohl taten dem Ohre, das die Muttersprache so lange hatte entbehren müssen, die deutschen Klänge.

Ich blieb bis zum Mittagessen da und wanderte nachher auf dem jetzt ausgezeichnet gut werdenden Wege munter meinem nächsten Ziele, „Vincennes“ am Wabasch-Fluss, zu.

Den 12. Dezember gegen Abend trat ich in ein reinliches großes Haus ein, um zu fragen, ob ich ein Nachtlager bekommen könnte, und fand da zwei deutsche Handelsjuden, die schon ganz behaglich am Kamin saßen und mich verwundert und, wie es mir wenigstens vorkam, mit nicht ganz freundlichen Augen betrachteten.

Der Hausvater, ein sehr alter Mann, dessen Großeltern von Deutschland herüber gekommen waren, und der ziemlich gut deutsch sprach, war ungemein freundlich, und wir verplauderten einen recht vergnügten Abend. Die beiden Israeliten hatten während der Zeit sehr viel zusammen geflüstert; der eine rückte jetzt ein wenig näher zu mir und richtete mehrere Fragen an mich, die ich ihm gern und artig beantwortete. Doch das Fragen hörte nicht auf, denn nach jeder Kleinigkeit erkundigte er sich. Unter anderem fragte er mich, wann ich morgen früh aufbrechen und welchen Weg ich einschlagen würde, und warum ich eine Flinte und einen Hirschfänger bei mir habe. Ich merkte jetzt wohl, dass er nicht zu den Herzhaftesten gehöre und beschloss, mir einen Spaß mit ihm zu machen.

Jetzt fing ich an zu fragen: was er für Geschäfte mache, welche Art von Waren er führe – jeder von ihnen hatte ein großes Paket bei sich –, ob er mit Goldwaren handle, wann er morgen früh aufbrechen und welchen Weg er nehmen werde, ob er lange im Walde zu gehen habe, ehe er an eine Farm käme usw. Alle diese Fragen beantwortete er ausweichend und ängstlich, ohne dass der andere darein redete. Als ich ihn aber fragte, ob er viel Geld verdient habe, fuhren beide zugleich heraus: „Mer haben gar kein Geld“, so dass ich kaum das Lachen verbeißen konnte.

Wir gingen endlich zu Bett. In der Nacht erwachte ich mehrmals durch das Gezänk der beiden Söhne Israels, die sich um den besten Platz in ihrem gemeinschaftlichen Bett stritten, und wurde nicht wenig durch die stets wiederkehrenden Namen „elender Mensch, erbärmlicher Mensch!“ mit denen sie sich titulierten, im Schlafe gestört.

Als der Tag graute, wachte ich auf und sah das Bett der beiden leer; ich blieb noch ein wenig liegen, bis es hell wurde, und ging dann zum Wirt hinunter.

Die beiden großen Warenpakete und die tapferen Israeliten waren verschwunden, und auf meine Erkundigung nach ihnen gab mir der Wirt zur Antwort, dass sie sich schon lange vor Tagesanbruch auf die Socken gemacht hätten. Ich musste laut auflachen und erzählte nun dem Alten den ganzen Spaß, der ihn sehr ergötzte.

Der Weg war jetzt größtenteils gut, aber ich hatte so schlechtes Wetter, dass, besonders als ich in das flache Land in der Umgegend von Vincennes kam, die Straßen ganz mit Wasser gefüllt lagen.

Ungefähr eine Meile von Vincennes, wo die Prärien anfangen, verlor sich der Weg in eine Wasserfläche, die spiegelglatt vor mir lag, und unmöglich würde es nach einbrechender Dunkelheit für mich gewesen sein, die Bahn da hindurch zu finden, hätten mir nicht die Lichter von Vincennes die Richtung angegeben. So aber schritt ich, oft bis über die Knie im Wasser watend, dem Lichtschimmer entgegen und erreichte ungefähr um sieben Uhr das Städtchen, das sich ebenfalls keiner großen Trockenheit rühmen konnte.

Es war Nacht, rabenschwarze Nacht, als ich mich in den von kleinen Laternen beleuchteten Gassen nach einem Nachtquartier umschaute. Ein paar einsame Ochsen standen am Wege und schienen mich, als ich dicht bei ihnen vorüberging, sehr wehmütig zu betrachten. „Seid mir gegrüßt, ihr Herren!“ rief ich ihnen mit Mephistopheles zu, und beide beantworteten meinen Gruß mit einem gemeinschaftlichen Brüllen. In geringer Entfernung von ihnen fand ich endlich ein Haus, wie ich es suchte. Es war ein Pennsylvanisch-Deutscher, der hier Wirtshaus hielt, und ich fand ein warmes, erquickendes Feuer, ein Hauptbedürfnis bei meinem damaligen Zustande.

Erst als ich mich erwärmt hatte, fing ich an, meine Umgebung ein wenig genauer zu betrachten. Lauter nüchterne Gesichter, amerikanische Gleichgültigkeit in den Physiognomien der Anwesenden, die sich auf ihren Stühlen schaukelten und nach eben beendeter Mahlzeit in ihren Zähnen stocherten. Nur ein einziges echt deutsches Gesicht strahlte mir unter ihnen entgegen und schien mich ebenfalls aufmerksam zu betrachten. Ich redete den Mann an und hatte mich nicht geirrt; es war ein deutscher Schmied und Maurermeister.

Wir blieben am Fenster sitzen und erzählten uns bis tief in die Nacht hinein. In der Hitze des Gesprächs deklamierte er auch einige selbstgemachte Gedichte. Ich hörte sie geduldig an, ich konnte nicht verlangen, dass er mich allein amüsierte. Er hatte schon lange in Amerika gelebt, daher viel erfahren und gelitten; es schien eine von den guten Seelen, die nicht imstande sind, irgendjemand zu betrügen, aber dafür von der ganzen Welt betrogen werden. Nicht uninteressante Skizzen gab er mir dabei von dem Lande selber, das nur erst halb und halb in die Zivilisation hineinzuragen schien. Darunter machte mir besonders eine Anekdote Spaß, zu der die katholische Kirche in Vincennes die Veranlassung gegeben hatte. Dieselbe hat nämlich von einem deutschen Emigranten eine gewöhnliche Drehorgel gekauft und spielte der andächtigen christlichen Gemeinde sonntags die Melodien: „Mein Schiff streicht durch die Wellen, Fridolin, Fridolin!“ oder „Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten“, oder „Es ritten drei Reiter“ usw. vor, wonach nun die geduldigen Christen ihre Gebete absangen, obgleich ziemlich viele Deutsche dort waren, die alle diese Lieder kannten.

Die Nacht waren wieder alle Schleusen des Himmels offen, doch klärte es sich gegen Morgen auf und fing an zu frieren.

Als ich an den Fluss hinunterkam, begegneten mir einige Reiter, die von der anderen Seite desselben zurückkamen und erklärten, es sei ihnen nicht möglich gewesen, durchzukommen. Nicht allein sei das Wasser tief, sondern es liege auch noch eine dünne Eisrinde darauf, welche die Pferde, ohne sich zu verletzen, gar nicht mit der Brust durchbrechen könnten.

Einen Augenblick stand ich unschlüssig über das, was ich tun sollte, doch die Not ist eine gute Ratgeberin. In Vincennes konnte ich nicht bleiben; meine außerordentlich geringen Geldmittel erlaubten mir in keinem Falle große Ausgaben zu machen, da ich noch eine gewaltige Länderstrecke zu durchwandern hatte. Ich ging deshalb auch rasch entschlossen zur Fähre hinab, mich übersetzen zu lassen, darauf hoffend, dass solche Sachen meist übertrieben würden. An der Fähre rieten mir die Leute übrigens ebenfalls, lieber noch ein paar Tage in Vincennes zu bleiben und das Ablaufen der Wasser zu erwarten. Das konnte aber bei diesem nassen Wetter noch lange dauern, hätte es mir meine Kasse wirklich erlaubt. Ich ließ mich also unverzagt übersetzen, meinem guten Glück das weitere vertrauend.

Drüben angelangt, fand ich das Land dicht am Fluss ziemlich trocken; kaum zweihundert Schritt vom Ufer begann aber ein wirklicher See, durch den weder Bahn noch Steg zu finden war, und umsonst mühte ich mich bis gegen Mittag, eine nur halbwegs seichte Furt zu finden. Aus Sparsamkeit hatte ich dabei die letzten vierundzwanzig Stunden entsetzlich wenig zu mir genommen, immer hoffend, etwas Schiessbares am Weg zu finden; es wollte sich indes am ganzen vorigen Tag nichts zeigen, und das teure Gasthausessen konnte ich nicht bezahlen. Mit leerem Magen marschierte sich's verwünscht schlecht in kaltem Wasser.

Umsonst hatte ich eine seichte oder gar halbwegs trockene Stelle gesucht, die nächsten Häuser, die ich in dem flachen Land deutlich vor mir sehen konnte, lagen etwa eine Stunde entfernt auf höherem Boden. Von dort aus sollte ich auch, wie mir die Fährleute gesagt, trockenen Weg finden, und mit keiner Wahl mehr, als das einmal Begonnene auch durchzuführen, watete ich frisch in das kalte Wasser hinein.

Im Anfang ging mir das Wasser nicht ganz bis an die Knie, und die Wasserstiefel hielten mich trocken, aber bald stieg es höher und höher. Ich war gezwungen, meine Jagdtasche auf die Schultern zu schnallen, und watete nun bis an den Gürtel, ja oft bis unter die Arme in dem kalten Elemente, wobei ich erst noch mit dem Gewehrkolben die vor mir liegende, zwar dünne, aber scharfe Eisrinde zerbrechen musste, um mir einen Weg zu bahnen. Vier Stunden kostete es mich, die zwei englischen Meilen zurückzulegen, und nur die Überzeugung, dass ich das Eis entweder durchbrechen oder im kalten Wasser umkommen müsse, gab mir hinreichende Kraft, mein Ziel zu erreichen.

Endlich gewann ich mit Gottes Hilfe eine Fenz und mit ihr die Grenze des Wassers. Ich wollte hinübersteigen, war es aber nicht mehr imstande, da der untere Teil meines Körpers fast erstarrt war. Mit den Händen musste ich sie niederreißen, um hindurch zu kommen, und erst eine volle Stunde nachher, als ich am wärmenden Feuer der Farm aufgetaut war, gelang es mir, mich wieder frei zu bewegen.

Der Weg wurde von nun an, eine kleine Strecke ausgenommen, trockener, doch blieb ich im nächsten Haus, zu dem ich kam, über Nacht, denn ich bedurfte der Ruhe und Stärkung.

Zum ersten Mal hatte ich jetzt den Anblick der gewaltigen Prärien, die sich durch ganz Illinois hinziehen, in dieser kalten Jahreszeit aber freilich einen trübseligen Anblick boten. Das lange, gelbe, wogende Gras verlieh dem Gemälde einen gar melancholischen Anstrich, und die ungeheure strohgelbe Fläche, nur ganz in der Ferne von Wald begrenzt, war nicht gerade geeignet, das Herz heiter zu stimmen. Es hatte übrigens wieder etwas gefroren, und ich setzte meinen Weg, jetzt wenigstens trockenen Fußes, fort und wanderte scharf darauf zu. Das erste große Stück Wild, welches mir aufstieß, war ein Hirsch, der, durch mich aufgescheucht, in langen gewaltigen Sätzen durch das hohe Gras sprang, Scharen von Präriehühnern aufjagend, die in ungeheurer Masse eine Strecke über die Prärie hinzogen und dann wieder einfielen.

In dem Hause, wo ich am Abend übernachtete, reinigte ich meine Flinte von Grund auf und setzte sie wieder in guten Stand. Am anderen Morgen um acht Uhr kam ich zum Fox-Fluss, wo ein paar einzelne Häuser standen. Zu meinem Erstaunen fand ich, dass auch diese eine Stadt bildeten, die Waterton hieß. Überhaupt wird in Amerika jedes Kleeblatt von drei oder vier Häusern „Stadt“ getauft.

Eine sehr hübsche Amerikanerin, die eine Art von Wirtschaft hielt, setzte mir wilden Honig, Milch und Brot vor. Sie versuchte alles, mich zur Ansiedelung zu überreden und wo möglich noch mehr Deutsche herbeizuziehen. Die Wasserpartie war mir nur noch zu frisch im Gedächtnis, die Gegend hier besonders lieb zu gewinnen. Übrigens schien hier das Land zu sein, wo Milch und Honig fließt, denn ungeheure Herden finden in den Prärien ihre Nahrung, und wilden Honig gibt es in großer Menge. Die Speise hatte mich gestärkt, und mit raschen Schritten setzte ich meinen Wanderstab weiter.

Ich hatte mich schon der angenehmen Hoffnung hingegeben, von nun an trockenen Weg zu haben, fand mich aber gar arg betrogen, denn ich musste, da der kleine Wabasch ausgetreten war, abermals fast zwei Meilen im Wasser marschieren. Hier war indes ein etwas erhöhter Weg und auf demselben wenigstens kein Eis, während dieses gleich daneben zwischen den Bäumen den Grund wieder dicht bedeckte. Als ich diesen Wasserweg fast hinter mir hatte und das trockene Land schon wieder vor mir sehen konnte, hörte ich etwas durch das Wasser rauschen und das Eis niederbrechen; ich schaute mich um und erblickte fünf Stück Wild, die in vollen Sätzen ankamen. Ich blieb ruhig stehen und erwartete mit klopfendem Herzen ihre Ankunft. Ein prächtiger Bock mit zwei Alt- und zwei Schmaltieren wollte, kaum 50 Schritt von wir, vorbei. Ich zielte – und neun Bockschrote sausten dem Führer aufs Blatt, dass er hoch aufspringend zusammenbrach.

Kräftig musste ich arbeiten, um den Hirsch, der, halb im Wasser liegend, verendet war, auf das Trockene zu bringen, doch gelang es mir endlich. Obgleich die Hirsche in Amerika bedeutend kleiner sind, als die in Deutschland, haben sie doch immer ein ziemlich großes Gewicht, und der, den ich geschossen hatte, wog gewiss gegen 140 Pfund. Ich streifte ihn ab, schnitt einige Stücke herunter, machte aus dem Fell eine Art von Sack, die Haare nach außen gekehrt, tat dann die Keulen und den Rückenteil hinein und hängte mir das Ganze um. Den Rest band ich an den niederen Ast eines kleinen Baumes für irgendjemand, der vorbeikäme, und wanderte weiter, musste jedoch meine Last zwei Meilen schleppen, ehe ich zu dem nächsten Flecken Maysville kam. Dort verkaufte ich meine Beute, übernachtete daselbst und zog am anderen Morgen durch die an dieser Stelle 12 Meilen breite Prärie.

Ein schneidend scharfer Nordwest pfiff von den großen Seen herüber, so dass ich mich kaum durch schnelles Marschieren erwärmen konnte. Nachdem ich eine kurze Strecke durch Wald und über Hügel fortgeschritten war, kam ich wieder zu einem kleinen Städtchen namens Salem.

Am 21. Dezember hatte ich eine andere Prärie von 22 Meilen Breite vor mir, doch war es noch immer kalt, und herrlich marschierte es sich auf dem festgefrorenen Boden.

Am Abend erreichte ich den Saum eines kleinen Wäldchens, und nicht weit davon blieb ich die Nacht bei einem Farmer. Als ich an sein Haus kam, war er gerade beschäftigt, sein Pferd, das er am Zügel hatte, in die Stube zu führen. Ich würde geglaubt haben, dass es der Stall sei, hätte ich nicht Rauch aus dem Kamin aufsteigen sehen, und neugierig folgte ich dem Manne in die kleine Wohnung. Dort erklärte sich mir das Rätsel. Er hatte Holz geholt und sein Pferd an einen wohl 8 Fuß langen Klotz gespannt, um denselben ins Haus ziehen zu lassen und ihn von da in den Kamin zu rollen, der fast eine ganze Seite der einen Wand des niederen Blockhauses einnahm. Da er das Pferd der vielen Stühle, Betten und Tische wegen in der Stube nicht gut umlenken konnte, hatte er an der gegenüberliegenden Seite noch eine Tür durchgebrochen und führte das Pferd durch diese hinaus. Ich hatte am Tage mehrere Präriehühner geschossen, und sie lieferten uns eine leckere Mahlzeit.

Die Hühner sind sehr häufig in den ungeheuren Steppen, fliegen in sehr großen Völkern – ich habe Völker von 600 bis 700 Stück beisammen gesehen –, besitzen ungefähr die Größe unserer Haushühner, haben jedoch einen längeren Hals, aschgraue Farbe, einen kurzen Rebhuhnschwanz und befiederte Ständer, und sind, wenn das Wetter anfängt recht kalt zu werden, fast gar nicht scheu, so dass man sie sehr leicht erlegen kann. Das Fleisch, besonders das der Brust, ist delikat.

Nur einmal glückte es mir, einen grauen Präriewolf zu schießen, welcher bedeutend kleiner als der schwarze ist und, sobald er nur einen Menschen wittert, scheu entflieht.

Am 23. Dezember kam ich nach Libanon, einem kleinen Neste auf einem Hügel, ungefähr 20 Meilen von St.-Louis. – Libanon! – der Name rief unwillkürlich den Gedanken an die ungeheuren Zedern in mir hervor; aber ungeheure Ironie! Das höchste Holz auf dem ganzen Berge sind die Stangen der Wirtshausschilder.

Eins von diesen Schildern hat mich besonders amüsiert. Es stellte eine Meerjungfer dar, aber mit einer so niederträchtigen, breitgezogenen Galgenphysiognomie, dass das Gesicht viel besser zu einem Judas als zu einer verführerischen „Meermaid“ gepasst hätte. Dabei hatte das Ungetüm einen großen, weitzinkigen Pferdemähnenkamm in der Hand und war im Begriff, sich ihre struppigen Haare zu ordnen, während sie die andere Hand sorgsam unter den Kamm hielt, gleichsam als fürchte sie, etwas zu verlieren.

Ich hatte am nächsten Tage 32 Meilen zu marschieren. Durch den aufgeweichten und jetzt gefrorenen Boden der Prärie waren die Wege sehr rau geworden, und die Füße schmerzten mich; doch wanderte ich fort und kam am Nachmittag in das Mississipi-Tal. St.-Louis gegenüber hat dies Tal übrigens einen besonderen Namen und heißt der „American bottom“ der als das beste Land in den Vereinigten Staaten berühmt ist. Die Ackererde mag da wohl 50–60 Fuß tief sein; aber es ist auch ungesund, weil es sehr niedrig und daher sumpfig liegt. Überhaupt hörte ich überall, wo ich durch Illinois kam, vorzüglich bei den Deutschen, die ich fand, häufige und, wie es schien, begründete Klagen, dass das kalte Fieber ihnen viel zu schaffen mache. Jeden Sommer solle es wiederkehren und sie auch oft den Winter hindurch nicht verlassen. Das blasse Aussehen der Leute, vorzüglich der Kinder, bestätigte nur zu sehr diese Aussage.

Endlich, etwas nach Sonnenuntergang, erreichte ich das östliche Ufer des Mississippi und hörte zu meinem Schrecken, der Strom gehe so stark mit Eis und sei im wahrsten Sinne des Wortes so damit bedeckt, dass es zu Unmöglichkeiten gehöre, hinüberzukommen. Den Abend war nun auf keinen Fall mehr daran zu denken, und ich musste noch eine Nacht in Illinois bleiben. Da ich von dem anstrengenden Marschieren sehr ermüdet war, ging ich früh zu Bett.

In der Nacht weckte mich ein neu ankommender Schlafkamerad, der sich gerade auf mich warf. Ich rückte ein wenig auf die Seite, und er blieb in der Mitte liegen. Ich hätte nun zwar Platz genug gehabt, aber der unruhige Fremde wälzte sich und drängte mich so, dass, wenn ich mich nicht die ganze Nacht ärgern wollte, ich mir auf die eine oder die andere Art Ruhe verschaffen musste. Ich zog mich also wie ein Igel zusammen, presste meine Schulter gegen seine Seite, meine Füße gegen die Wand, und mich mit einem plötzlichen Ruck ausstreckend, sandte ich den Unruhigen mit Keilkraft auf die Dielen.

Die Sache war zu schnell gekommen, als dass er sich hätte besinnen können, und noch halb im Schlaf wollte er wieder ins Bett zurückklettern; ich erklärte ihm aber kaltblütig, unter welchen Bedingungen ich ihn nur wieder hereinlassen wollte, und er versprach alles, was ich forderte, denn die Nacht war ihm doch ein wenig zu kühl, sie in seiner leichten Kleidung außerhalb der Decken zuzubringen. Er verhielt sich auch nachher ganz ruhig.

Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf und hörte, dass ein kleiner Kahn die Überfahrt versuchen wolle. Um neun Uhr saß ich darinnen und führte eins der Ruder. Wir waren sechs Personen in dem kleinen Fahrzeuge, zwei an jedem Ruder, einer, der vorn die Eisschollen etwas beiseite stieß, und ein Passagier, der vor Angst fast verging.

Mit unsäglicher Mühe gelang es uns, die Mitte des Stromes zu erreichen, wo sich das Eis auf einer kleinen Insel festgesetzt hatte. Umfahren konnten wir die Stelle nicht, da wir sonst zu weit unterhalb St.-Louis gelandet wären, mussten also aussteigen, den Kahn über die Eisschollen wegziehen und ihn auf der anderen Seite wieder in den Fluss lassen. Dort ging unsere Ruderarbeit von neuem los, und wir wurden mehrere Male zwischen ungeheure Schollen so eingepresst, dass ich alle Augenblicke unser kleines Boot zerdrückt zu sehen befürchtete. Nichtsdestoweniger überwanden wir alle Schwierigkeiten und erreichten, aber halbtot von Mühe und Anstrengung, um zwölf Uhr mittags etwa das andere Ufer, unmittelbar unter St.-Louis.

Es wird zwischen St.-Louis und Deutschland ein Unterschied von ungefähr sieben Stunden in der Tageszeit sein; es war also gerade zu der Zeit, als daheim die Kinder bunt geschmückte, hell erleuchtete Tische umsprangen und im Weihnachtsentzücken aufjubelten, als ich mich mit triefender Stirn und blutendem Herzen durch die Wellen und riesigen Eisschollen des breiten Mississippi arbeitete.


Auch hier tönten die Glocken der katholischen Kirche feierlich in den jetzt vom Nebel befreiten freundlichen Christtag hinein, und mit ganz eigenen, aber nichts weniger als freudigen Gefühlen betrat ich die fremde Stadt.

* * *

Kapitel vier – Streifzug westlich vom Mississippi

Kapitel vier – Streifzug westlich vom Mississippi

In St.-Louis hatte ich Briefe und Geld von New-York erwartet, da mir mein Kompagnon fest versprochen hatte, es dorthin zu senden. Zu meiner nicht geringen Bestürzung fand ich aber auch nicht das Geringste vor. Der gute Mann dort in New-York dachte wahrscheinlich, er sei mich jetzt los, und hoffte vielleicht gar, was ich auch später bestätigt hörte, dass ich auf meinem wilden, abenteuerlichen Zug irgendwo die Wölfe oder Fische füttern solle.

Mein Wunsch war gewesen, Texas zu besuchen. Wie sollte ich das aber, jetzt ganz ohne Mittel, möglich machen? Da brachten mich die vielen, nach New-Orleans bestimmten Dampfboote auf eine andere Idee. Wenn ich einen Platz als Arbeiter auf irgendeinem dieser Boote bekommen konnte, war mir geholfen, und ich hatte dann nicht allein freie Passage, sondern verdiente auch noch etwas unterwegs. Die Boote selber machten mir da einen Strich durch die Rechnung, denn es war Winter, wo überhaupt viele Leute stromab nach New-Orleans ziehen, und jede Stelle an Bord war besetzt.

Was nun tun? St.-Louis wollte ich doch auch nicht augenblicklich wieder verlassen, ohne es wenigstens etwas gesehen zu haben. Ich bedurfte auch wirklich einer kurzen Ruhe nach der Anstrengung, des letzten Marsches. Außerdem hatte ich immer noch die stille Hoffnung, dass doch noch am Ende ein Brief von New-York während meiner Anwesenheit eintreffen könne.

Glücklicherweise traf ich hier ein paar Schiffskameraden von der „KONSTITUTION“, die sich in ziemlich guten Umständen befanden. Diese merkten bald, woran es mir fehlte, und boten mir freundlich ein Darlehn an. Ich mochte aber keine großen Schulden machen, da ich ja gar nicht wusste, wann ich sie wieder bezahlen konnte; nur einige Dollars nahm ich an, der augenblicklichen Verlegenheit wenigstens enthoben zu sein, und mit drei anderen Dollars, die ich für einiges Wild erhalten, hoffte ich schon wieder ein Stück westlich zu kommen. War dann mein Geld ausgegangen, so wollte ich arbeiten, und einer der Farmer im Walde würde schon irgendeine Hilfe brauchen.

In St.-Louis mietete ich mich unterdessen für eine Woche im „Grünen Baum“, einem der besseren amerikanischen Boarding-Häuser, ein und durchstreifte die Stadt nach allen Richtungen.

Das Boarding-Haus selber war mir im Anfang aber das Interessanteste, denn ich lernte hier zum ersten Mal wirklich amerikanisches Leben, und zwar der besseren Stände, kennen. Ich müsste aber lügen, wenn ich sagen wollte, dass ich davon sehr erbaut war.

Zuerst setzte mich die Art ihres Essens – ich möchte beinahe sagen Fressens – in Erstaunen. Zu jeder Mahlzeit wurde zweimal geklingelt, einmal die Gäste zu sammeln und das zweite Mal als Zeichen, dass man sich zu Tische setze. Die Gäste drängten sich schon bei der ersten Klingel in dichten Scharen an die Tür, da sie nach festem Übereinkommen den Speisesaal vorher nicht betreten durften. Kaum ertönte aber die zweite Klingel, so flog alles wie wild und toll, und als ob sie sämtlich halb verhungert wären, zum ersten und besten Stuhl, den sie erwischen konnten und rafften nun ohne Rücksicht auf jede Sitte, auf jeden Anstand – die Nachbarn gar nicht gerechnet – von den Schüsseln zusammen, was ihnen gerade zusagte. Dass sie oft ganze Kompottnäpfchen auf ihren Tellern leerten, geschah sehr häufig.

Auffallend wenig essen dagegen die Damen, denen besondere Sitze reserviert werden, an öffentlicher Tafel. Sie nippen und kosten eben nur von den Speisen, weil es nicht für ladylike gehalten wird, viel zu essen. Oben im Zimmer sollen sie es aber dann nachholen.

St.-Louis hat nicht allein einen sehr bedeutenden Handel mit dem Norden, Osten und Süden, sondern auch mit dem Westen – und ich fand selbst hier, dass ich noch sehr weit zur westlichen Grenze hätte – da von hier aus der hauptsächlichste Binnen- und Pelzhandel nicht allein mit den amerikanischen Pelz- oder Rockymountain-Kompanien, sondern auch mit den Indianern selber getrieben wird.

Von diesen sah ich denn auch einige prachtvolle Exemplare in St.-Louis, die, teils mit ihren buntesten Farben bemalt, teils die nackten Oberkörper nur mit einem Büffelfell umhüllt, fast immer aber ihre Kriegskeulen in der Hand, langsam und majestätisch durch die Stadt schritten und die Wunder der „weißen Wigwams“ fast immer mit sehr gleichgültigem, aber nichtsdestoweniger aufmerksamem Auge betrachteten.

Die Indianer sind schon oft beschrieben, und ich will den überdies beschränkten Raum nicht mit Wiederholungen füllen, einer aber ist mir noch zu frisch im Gedächtnis und machte einen zu komischen Eindruck auf mich, ihm nicht wenigstens ein paar Worte zu gönnen. Er war ein hübscher, schlanker dunkelbrauner Bursch, das Haar, die Skalplocke ausgenommen, kurz geschnitten und mit roter Farbe bemalt, wie auch rote und blaue Querstreifen durch sein Gesicht liefen.


An den Beinen trug er lederne Leggins, an den Füßen perlgestickte Mokassins und im Arme die unvermeidliche Kriegskeule, beiläufig gesagt, eine höchst fatale Waffe aus einem krummgeschnittenen, mit Messingnägeln wie ein Sofa beschlagenen Stück Holz und mit einer eingepassten, wohl vier Zoll langen und zwei Zoll breiten Stahlspitze. Mit dem Oberkörper ging er nackt bis auf den Hals, um den er – es war zum Totschießen – eine schwarze abgenutzte Krawatte mit seidener Schleife trug und nicht wenig stolz darauf zu sein schien.

Als ich meine Rechnung im Wirtshaus bezahlt hatte, was mir an Kapitalien nur noch einen sehr kleinen Rest ließ, schulterte ich wieder meine Flinte, warf die Jagdtasche über den Rücken und wanderte getrosten Mutes zur Stadt hinaus gen Süden. – Wohin? Man hatte mir gesagt, dass Arkansas das Paradies der Jäger sei, und mein Ziel lag der Hunderte von Meilen entfernten Hauptstadt Little Rock zu.

Als es dunkelte, zündete ich mir ein Feuer an und warf mich unter einen Baum; ich fühlte mich nicht in der Stimmung, Menschen aufzusuchen, und die Einsamkeit tat mir wohl.

Es war Silvester-Abend und Mitternacht lange vorüber, ehe ich einzuschlafen vermochte. Keine freudigen Gefühle konnten es freilich sein, mit denen ich in das neue Jahr hineinschlummerte; aber die neue Morgensonne brachte auch neuen Mut und neues Vertrauen.

Von St.-Louis aus südlich marschierend, hat der Wanderer keine geringere Aufgabe, sich durch alle die Kreuz- und Querwege, die den Wald nach jeder Richtung durchschneiden, hindurch zu finden, und ich lief denn auch, trotz Kompass und Sonne, durch die vermaledeiten Wege irre gemacht, so viel fehl, dass ich zu 50 Meilen Entfernung fünf Tage brauchte, ohne jedoch nötig zu haben, noch eine andere Nacht im Walde zu bleiben. . Ich fand jeden Abend eine kleine Hütte, deren Bewohner mich freundlich aufnahmen.

Sehr viele Deutsche wohnen in diesem Teile des Landes, besonders viele Schwaben, welche sich vom Ackerbau ernähren und, wenn sie nahe genug der Stadt wohnen, auch Holz dahin zum Verkauf führen. Dicht um St.-Louis herum steht sehr wenig Holz; nichts als kleine Krüppeleichen.

Meine Barschaft, da ich bis jetzt gar nichts zum Schuss bekommen und an der begangenen Straße keine Gastfreundschaft erwarten durfte, war jetzt auf einen nordamerikanischen Silberdollar zusammengeschmolzen, dessen Inschrift „E pluribus unum“ eine gar bittere Satire auf meine eigenen traurigen Verhältnisse schien.

Der fünfte Tag, den ich in Missouri herumstreifte, brach trübe und nass über die mit dünnem Nebel bedeckte Erde herein. Es fing an zu regnen, und die Wege wurden schlüpfrig. Gegen Mittag stand ich wieder an einem Kreuzwege und überlegte noch, welchen Pfad ich einschlagen sollte, als ich, nicht gar weit entfernt, das Krähen eines Haushahnes hörte, das mir in diesem Augenblick wie Musik klang. Ich schlug sogleich den dahin führenden Pfad ein, und bald sah ich die Fenz eines kleinen Kornfeldes; auf ihr aber saß eine wunderbare Gestalt, die sich schwankend hin und her bewegte.

Neugierig trat ich näher und erkannte die Gestalt eines jungen Mannes, der, den Rücken gegen mich gekehrt, nur in einen blauleinenen, fast bis an die Knöchel reichenden Kittel gekleidet, in bloßen Füßen mit hellbraunen, herabhängenden und infolge des Regens an seinen Schläfen klebenden Haaren und unbedecktem Kopf auf der Fenz saß und in leisen Tönen ein mir fremdes Lied mit keineswegs unmelodischer Stimme sang; dazu schlug er mit den nackten Füßen den Takt auf dem rauen, nassen Holze.

Als er meine Schritte hörte, sprang er, sich herumdrehend, in einem Satze von der Fenz, stellte sich vor mich hin und sah mich mit seinen großen, glanzlosen Augen starr an. Der Wahnsinn war in diesen matten Augen, in dieser ängstlich vorgebeugten, lauschenden Gestalt nicht zu verkennen, und kalt überlief 's mich, denn ein Wahnsinniger hat für mich etwas unbeschreiblich Fürchterliches.

Einen Augenblick stand der junge bleiche Mann in dieser Stellung, dann richtete er sich bewusstlos lächelnd empor und reichte mir die rechte Hand zum gastlichen Willkommen, indem er sich mit der linken die herunterhängenden Haare aus dem Gesicht strich. Er fasste meine dargereichte Hand fest in die seinige und zog mich sanft der Wohnung zu. An der Tür verschwand er, und ich habe ihn nicht wieder gesehen.

Der Vater des Unglücklichen, ein alter Farmer, benachrichtigte mich, dass ich bald eine deutsche Ansiedelung finden würde, die ungefähr 8–9 Meilen von ihm entfernt lag. Obgleich der Regen jetzt ziemlich stark vom Himmel goss, entschloss ich mich dennoch, diesen Abend meine Landsleute aufzusuchen, und erreichte auch vor Dunkelwerden die Blockhäuser derselben.

Das Wetter war schlecht, Geld hatte ich nur noch sehr wenig, also beschloss ich einmal zu arbeiten, im Fall ich Arbeit bekommen könnte. Drei Brüder, die diesen Platz bewohnten und mir ordentliche Leute schienen, waren bereit, mir Arbeit zu geben, über den Lohn wollten wir uns nach Ablauf der ersten Woche einigen. Der nächste Tag sah mich daher am frühen Morgen, mit einer schweren Hacke bewaffnet, hinausziehen, um Büsche auszuroden, und sehr sonderbar kam mir die ungewohnte Arbeit vor. Die Sehnen der Arme und Hände schwollen an, und schmerzten mich ungemein, die Hände füllten sich mit Blasen, und sehr gelegen kam es mir, dass auf den folgenden Tag das Fest der heiligen drei Könige fiel, an welchem die ehrlichen katholischen Deutschen nicht arbeiteten. Ich war zum ersten Mal den heiligen drei Königen für ihr Erscheinen sehr verbunden.

Obgleich nun die Leute nicht für sich selber arbeiteten, gingen wir doch zu einem dort erst kürzlich angesiedelten Nachbar hinüber und halfen ihm ein Haus aufrichten, zu welchem die Blöcke schon gehauen waren. Der amerikanische Landmann hat nämlich die Gewohnheit, sobald er das Holz zu seinem Hause hergerichtet hat, die Nachbarn zusammen zu rufen, die ihm gern das Ganze vollenden helfen.

Ohne besondere Vorfälle verlief jetzt eine sehr schwere Arbeitswoche. Noch nie nämlich an so dauernde und anstrengende Arbeit gewöhnt, glaubte ich im Anfang wirklich, dass mir die Sehnen bersten müssten, und die Blasen an den Händen schmerzten mich ebenfalls entsetzlich. Dabei glaubten die Deutschen, die sich sonst jedoch auf das freundlichste gegen mich benahmen, mir nicht mehr als acht Dollars den Monat zahlen zu können.

Für meine Arbeit damals war es auch vielleicht genug gewesen, mit meinen Ansichten über amerikanische Preise stimmte es aber nicht überein, und ich beschloss, meine Arbeitskräfte lieber in Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas, zu verwerten, wo ich sie jedenfalls besser bezahlt bekommen würde.

Ich nahm also die zwei sauer genug verdienten Dollars, sagte allen ein herzliches Lebewohl und wanderte mit dem frischen Reisegeld voll neuer Hoffnung weiter in die Welt – oder vielmehr in den Wald.

Den ersten Morgen schon erreichte ich eine der bedeutendsten Bleiminen Missouris diesseits Farmington, eines kleinen, freundlichen Städtchens. Das Bleierz war in großen Haufen an der Seite des Weges aufgeschichtet und machte, da es dem Silber sehr ähnlich sieht, auf jeden mit ein wenig Einbildungskraft ausgestatteten einen sehr bestechenden Eindruck. Da meine Kugeln gerade auf die Neige gingen, nahm ich mir von dem Haufen ein paar Stücke Blei mit, um im nächsten Hause neue Kugeln zu gießen.

Alle diese Minen sind Privateigentum, und die Arbeiter, die Lust haben, nach Blei zu graben, fangen an, wo es ihnen gerade beliebt, und wo sie glauben, Erz zu finden. Sie bekommen ihre Arbeit nach der Menge bezahlt, die sie zu Tage fördern; finden sie nichts, so verdienen sie auch nichts, so dass schon mancher arme Teufel dort wochenlang umsonst gearbeitet hat. Der Bergbau wird übrigens auf die einfachste Art betrieben. Gewöhnlich graben die Arbeiter, von denen sich zwei oder mehrere zusammentun, einen 10–12 Fuß im Durchmesser haltenden Schacht, bis sie auf Erz kommen.

Stollen haben sie gar nicht, und zeigt sich ihre Grube unergiebig, so fangen sie eben eine andere an. Die ganze Gegend ist von solchen Schachten durchlöchert, und ich halte es nicht für gefahrlos, dort in der Nacht umherzulaufen.

Der Eigentümer der Gruben richtet dicht bei denselben seine Schmelzöfen ein, gießt da das Blei in Formen und schafft es an den Mississippi.

Am nächsten Abend übernachtete ich bei einer amerikanischen Familie, die einen prächtigen Viehstand und darunter herrliche Pferde hatte. Noch nicht lange saß ich am warmen Kaminfeuer, als ich den kurzen Galopp eines Pferdes hörte; es hielt vor dem Hause, die Tür ging auf, und ein allerliebstes Mädchen, die zarten Wangen vom scharfen Ritt gerötet, die kleine Reitgerte in der Hand, trat herein und wurde mit allgemeiner Freude empfangen. Sie schien die Braut des einen der jungen Leute zu sein, denn sie setzte sich zu ihm und koste und scherzte mit ihm – und ich durfte zusehen.

Durch Frederickstown gehend, erreichte ich den 22. Januar die Grenze von Missouri, den Current river, einen kleinen Fluss, dessen Wasser so klar ist, dass ich, obgleich er an meinem Übergangspunkte, ungefähr 15 Fuß tief sein mochte, auch die kleinsten Gegenstände auf dem Boden erkennen konnte.

Ich war jetzt in Arkansas, dem mir von allen gepriesenen Paradies der Jäger, und der Anfang schien, was die Jagd betraf, auch nicht so übel. Einem neu durch den Wald gehauenen Weg, der sogenannten Countystraße, folgend, an deren Rand eine Masse hinausgehauener Kiefern lagen, fand ich, dass sich das Wild zu den Wipfeln derselben zog und oft in Rudeln von 8–10 Stück an der Straße stand. Auch wilde Truthühner sah ich häufig. Mit der Jagd aber noch wenig vertraut, musste ich oft Lehrgeld zahlen, schoss aber doch einige und verkaufte das Wildbret für Nachtherberge und Mahlzeit.

Am 23. Januar kam ich an den Spring river oder, wie er auch heißt, Quellen-Fluss, wahrscheinlich von der kristallenen Klarheit des Wassers so genannt. Ich wollte am anderen Morgen wieder aufbrechen, als mir meine geschwätzige Wirtin unter anderem auch von ihrem Mann erzählte, der ein alter Pennsylvanier sei, deutsch spreche und viele Geschichten von indianischen Begräbnisplätzen zu erzählen wisse. Das war ein starker Magnet für meine Begierde, etwas über die Eingeborenen dieses Landes zu erfahren, und ich beschloss daher, die Ankunft des Alten abzuwarten. Da ich aber meine geringe Barschaft nicht unnützerweise vergeuden wollte, so half ich den Leuten den Tag über Welschkorn hereinschaffen, um wenigstens mein Essen zu verdienen. Denselben Abend kam auch der Mann vom Lande herein, und ich hatte also nicht vergeblich gewartet.

Er erzählte mir von einer Unmasse von Grabhügeln, die an den Ufern des Spring river oder wenigstens doch in dessen Nähe wären, von ungeheuren Knochen und Skeletten, die man gefunden hätte usw.

Schon in Illinois hatte ich von solchen Überbleibseln eines riesigen Menschengeschlechts gehört, unter anderem von einem menschlichen Unterkiefer, dessen Besitzer wenigstens neun Fuß hoch gewesen sein müsse.

Er berichtete mir ferner, dass er alte Urnen und Waffen in den Grabmälern gefunden habe, konnte mir aber nichts mehr davon vorzeigen, da die Leute auch nicht den mindesten Sinn für etwas haben, was ihnen nicht unmittelbar Aussicht auf Gewinn bietet.

An den Ufern eines benachbarten Flusses (White river) hat man, einige Fuß unter der Erde, mehrere Lagen gebrannter Steine gefunden, ganz in der Art unserer Backsteine, und zwar Strecken lang durch den Urwald, an manchen Orten sogar straßenförmig ausgelegt. Der Alte sowohl als viele andere, die ich deswegen fragte, behaupteten, dass dort auf jeden Fall eine Stadt gestanden haben müsse.

Es unterliegt gewiss keinem Zweifel mehr, dass vor den jetzigen Eingeborenen Amerikas, und zwar vor der Zeit, wohin zurück ihre ältesten Übertragungen reichen, ein anderes, weit mehr kultiviertes Volk jene Länder bewohnt hat. Welcher Art das aber gewesen sei, ist bis jetzt noch nicht erforscht worden, und da die wilden Stämme selber nicht das mindeste darüber auszusagen wissen, bleibt die Entdeckung dieses jedenfalls höchst interessanten Geschlechts vielleicht späteren Ausgrabungen vorbehalten. Hätte der Alte Zeit gehabt, mir die Plätze genau zu zeigen, so würde ich mit Vergnügen ein paar Tage daran gewandt haben, sie zu untersuchen; er musste aber schon den anderen Morgen eine Reise unternehmen, und so lange wollte ich mich auch nicht aufhalten. Vielleicht hält ein anderer es der Mühe wert, dort nachzugraben.

Den anderen Morgen setzte ich meinen Marsch fort und kletterte, ein wenig vom Wege ab, eine kleine felsige Anhöhe hinan, als gerade vor mir ein Adler in die Luft stieg. Augenblicklich hatte ich die Flinte an der Backe und gab Feuer. Einen Augenblick schwebte der Adler unbeweglich in der Luft, fing dann an, mit den Flügeln zu schlagen, und stieg höher und höher, gerade empor, so dass ich ihn kaum noch erkennen konnte. Schon glaubte ich, ihn gefehlt zu haben, und setzte unmutig die Flinte nieder, um sie neu zu laden, als er sich plötzlich in der Luft wandte und tot herunterstürzte. Es war ein starker Vogel und maß 7 Fuß von einer Flügelspitze bis zur anderen. Mein Glück freute mich ungemein, da es der erste Adler war, den ich geschossen hatte. Seine Farbe war braunschwarz, Kopf und Schwanz waren weiß gezeichnet. Den Indianern nachahmend, ließ ich sogar eine seiner Federn als Schmuck an meiner Mütze prangen.

Den 27. Januar abends war ich gerade beschäftigt, einen Hirsch aufzubrechen, den ich erlegt hatte, als ein junger Bursche von etwa dreizehn Jahren, mit einer Schrotflinte auf der Schulter, zu mir kam und mir in meiner Arbeit half, bei der er eine keineswegs ungeübte Hand zeigte. Wir packten die Keulen und den Rücken des Tieres in das abgezogene Fell und trugen es gemeinschaftlich der nur wenige Meilen entfernten Wohnung des jungen Mannes zu, wo ich zu übernachten beschloss. Ich habe zwar in allen Teilen Amerikas sehr liebenswürdige Leute, wie auch recht schlechte Gesellschaft angetroffen, wie das wohl in einem so bunt bevölkerten Lande gar nicht anders sein kann, hier aber, in dieser wilden Einsamkeit, fand ich eine so liebe, gemütliche, amerikanische Familie, wie ich je eine in den Wäldern angetroffen habe. Ein ganz alter Mann mit zitternden Händen saß am Kamin, aber obgleich mancher Winter seine Locken gebleicht hatte, schien er dennoch rüstig und gesund, wie die roten Backen dies bewiesen. Den anderen Stuhl am Kamin hatte die Gattin des Alten, eine Matrone im wahren, ehrwürdigsten Sinne des Wortes, eingenommen. Sie war augenscheinlich bedeutend jünger als er, aber dennoch auch schon hoch in den Jahren. Neben ihr saß ein junges hübsches Weibchen aus der Nachbarschaft, deren Mann auf einer Geschäftsreise nach dem Norden begriffen war. Noch gehörten zur Familie drei kräftige, blühende Knaben, die, einer nach dem anderen, von der Jagd zurückkehrten und vier Truthühner mitbrachten.

Ich war in der Kenntnis der englischen Sprache jetzt schon weit genug vorgerückt, mich notdürftig mit ihnen unterhalten zu können; der gebildete Amerikaner ist mit dem Fremdling sehr nachsichtig in dieser Hinsicht. So plauderten wir den ganzen Abend, fast bis zehn Uhr. Die kleine junge Frau hatte kürzlich einen Brief von ihrem Manne erhalten und las ihn wohl zehnmal durch. Sie war in Arkansas schon sehr unglücklich gewesen. Die Doktoren hatten ihr drei Kinder getötet, und sie litt, durch die Schuld derselben, an entzündeten Augen; denn diese Herren – jeder Quacksalber nennt sich dort Doktor – kurieren in diesen, von keiner Aufsicht der Behörden vor ihrem Treiben geschützten Staaten fast jede Krankheit mit Kalomel und Quecksilber, und hohle Zähne, entzündete Augen, böses Zahnfleisch und mürbe Knochen, wie ein siecher Körper, sind fast jedes Mal die Folgen ihrer Kuren.

Die nächste Nacht schlief ich bei einem Kentuckier, der sich hier angesiedelt hatte. Mehr als zwölf Hunde liefen um sein Haus herum, und gern trat er mir einen von ihnen ab, der nach seiner Aussage, vorzüglich geschickt war, Truthühner zum leichten Schuss auf Bäume zu jagen. – Ich glaube, er wollte ihn los sein.

Die Straße hinschlendernd sah ich noch ein gutes Stück vor mir einen ruhig äsenden Hirsch dicht am Wege stehen. Da ich der Dressur meines Hundes nicht recht traute, so band ich ihm mein weißleinenes Schnupftuch um den Hals, knüpfte die Pulverhornschnur hinein und befestigte diese an eine junge Eiche.

Jetzt näherte ich mich dem Hirsche bis auf 85 Schritt, der, nichts Böses ahnend, ruhig fort äste. Ich hatte jedoch den Wind im Rücken, der Hirsch witterte meine Annäherung und setzte im Nu über einen vorliegenden Baumstamm, das Dickicht zu erreichen. Meine Rehposten sausten ihm zwar nach, doch mochte ich wohl in der Hitze etwas zu kurz geschossen haben, denn etwa 150 Schritte von mir knickte er nur in die Hinterläufe. Jetzt hielt es aber auch mein Hund nicht länger für nötig, den bloßen Zuschauer abzugeben; er hatte die Schnur durchbissen und setzte, mit meinem Schnupftuch um den Hals, an dem noch ein Stückchen der Schnur hing, dem sich wieder aufraffenden Wilde nach.

„Und Ross und Reiter sah ich niemals wieder.“

Weder Hund, nach Schnupftuch, noch Hirsch sind mir je wieder zu Gesicht gekommen.

Mit Sonnenuntergang erreichte ich ein Haus, in dem ich zu übernachten gedachte. Schon hatte ich die Hand auf den Zaun gelegt, um hinüberzuspringen, als ich die Frau des Hauses vor der Tür sitzen und die niedere Jagd auf den Häuptern ihrer Kinder anstellen sah. Mir verging die Lust bei ihr einzusprechen, und ich wandte mich, rasch entschlossen, eher die Nacht im Walde als bei dieser Familie zuzubringen.

Das hatte ich übrigens nicht nötig, denn ich erreichte vor Dunkelwerden die kleine Wohnung eines Mannes, der noch den Revolutionskrieg mitgemacht hatte. Er war natürlich schon hoch in den Jahren, lief aber noch rüstig im Hause herum. Nur noch wenige sind von diesen Revolutionshelden übrig geblieben, die unter dem herrlichen Washington gefochten haben; die meisten ruhen unter dem grünen Rasen ihres Vaterlandes, dessen Freiheit sie erkämpfen halfen.

Am nächsten Abend kam ich zu dem „little Red river“ (kleinen roten Fluss). Es fing schon an zu dunkeln, doch arbeitete noch ein Mann an der anderen Seite des Flusses, und ihn fragte ich auf Englisch nach einem Punkte, wo ich überfahren könne. Er antwortete: „You see Tat house there?“ An der Aussprache erkannte ich sofort den Landsmann und fragte ihn wieder auf gut Deutsch: „Was für ein Haus denn?“ – „Dort das Haus, diesseits des Flusses, o – if you please.“ – „God damn!“ unterbrach er sich wieder, ärgerlich darüber, dass er seine eigene Muttersprache nicht mehr unvermischt reden könne, – „o, seien Sie doch so gut und gehen Sie den Fluss ein wenig hinunter, Sie finden ein Kanu.“ – Den Mann hatte ich lieb gewonnen, trotzdem dass uns der Fluss noch schied. Ich fand das Kanu, ruderte mich über den Fluss und ging auf das nächste Haus zu, vor welchem mehrere Leute standen, unter ihnen ein Herr v. G., der Besitzer dieser Farm. Früher Offizier, war er jetzt ein fleißiger Ackersmann und tüchtiger Jäger geworden, hielt zwei Sklaven und befand sich seiner Aussage nach recht wohl in seinem neuen Berufe. Gastfreundlich lud er mich ein, die Nacht bei ihm zu bleiben. Am Abend kam auch noch der Deutsche herein, dessen Bekanntschaft ich schon am Fluss gemacht hatte, und ich fand in ihm einen ganz liebenswürdigen, originellen Mann. Auch ich musste ihm wohl gefallen haben, denn er erklärte mir, dass ich nicht so schnell wieder fort dürfe, sondern wenigstens einen oder mehrere Tage bei ihm bleiben müsste, das Land zu besehen.

Ich hatte nichts zu versäumen und sagte es ihm daher gern zu. Am anderen Morgen suchte ich ihn in seiner Wohnung auf und war dort bald wie zu Hause. Er war verheiratet, hatte eine recht nette junge Frau und fünf gesunde, starke Kinder.

Nachmittags fing es an zu regnen, und jetzt durfte ich ans Fortgehen gar nicht mehr denken; hätte ich auch gewollt, sie hätten mich nicht fortgelassen. Wir schwatzten und erzählten bis tief in die Nacht hinein, und gar wohl war es mir, in meiner Muttersprache wieder einmal so recht nach Herzenslust plaudern zu können. Mein Wirt war ein Maurer aus Rheinbayern und hieß Hilger.

Am nächsten Morgen kam einer der Nachbarn meines Gastfreundes zu ihm. Es war ein Mann von fünfunddreißig Jahren, der einen kurzen grünen Rock trug und eine deutsche Büchsflinte führte. Seine Aussprache verriet den Nichtdeutschen. Hilger begrüßte ihn mit dem Namen Turoski. Es war ein polnischer Offizier, der in den Wäldern des freien Amerika Schutz gegen die politischen Verfolgungen, die er in Europa erdulden musste, gesucht und gefunden hatte. Er lebte unverheiratet, und die zehnjährige Tochter Hilgers führte seine Wirtschaft. Dieses kleine Mädchen, fast noch ein Kind, blieb oft ganze Tage und Nächte lang allein in dem kleinen Blockhause Turoskis, meilenweit von jeder anderen menschlichen Wohnung entfernt, und es kümmerte sie wenig, ob der Sturm oder die Wölfe die einsame Wohnung umheulten.

Nach kurzer Unterhaltung machte mir auch Turoski den Vorschlag, einige Zeit bei ihm zu bleiben, und ich verlebte mit diesen wackeren Männern, bald bei dem einen, bald bei dem anderen wohnend, recht vergnügte Tage. Um aber einen Begriff von dem Junggesellenleben eines amerikanischen Landmannes zu geben, will ich hier eine der bei einem solchen verlebten Nächte beschreiben. Hilgers Tochter war nach Hause gegangen, um ihre Eltern zu besuchen, die drei Meilen von T.s Hause wohnten, und hatte es uns überlassen, für uns selber zu sorgen.

Das Haus des Polen war nichts als eine einfache, rohe Blockhütte ohne Fenster, an der er alle Spalten zwischen den aufeinander gelegten Stämmen, wahrscheinlich um der frischen Luft Zugang zu verschaffen, offen gelassen. Zwei Betten, ein Tisch, ein Stuhl und ein Sessel, nebst ein paar eisernen Töpfen, drei Tellern, zwei Blechbechern, einer Untertasse, mehreren Messern und einer Kaffeemühle bildeten seinen ganzen Hausrat wie sein sämtliches Kochgeschirr. Ein kleines Haus neben dem Wohngebäude war dazu bestimmt, den Fleischvorrat für den Winter aufzubewahren. Ein Feld von 4 bis 5 Acker lag dicht am Hause, ein anderes, ungefähr ¼ englische Meile davon, dicht am Fluss. Nebenbei hatte er hübsche Pferde, viele Schweine, eine Masse Federvieh und mehrere Milchkühe.

Am Kamin im traulichen Gespräch sitzend, dachten wir nicht an Zubereitung unseres Abendessens, und erst als die Kälte sich zu sehr fühlbar machte, suchten wir unsere Lagerstätte.

Es mochte halb eins sein, als mich T. weckte und bei allen Heiligen schwor, er könne es vor grimmigem Hunger nicht länger im Bette aushalten und müsse essen, sollte es auch nur ein Stück rohes Fleisch zu verzehren geben. Ich lachte und gab ihm den Rat, seinen Hungerriemen enger zu schnallen; er sprang aber auf und ließ mir keine Ruhe mehr. Wir bliesen das Feuer, das fast ganz niedergebrannt war, wieder ein wenig an und überlegten nun, was eigentlich gekocht werden sollte. Geschossen hatten wir nichts, Brot war nicht vorhanden und das letzte Stück Schweinefleisch am Mittag verzehrt worden. – Woher etwas nehmen? T. wusste Rat. Das letztgeerntete Korn (Welschkorn) lag in einem kleinen Verschlage im Felde, nahe am Fluss; von dort sollte ich einen Arm voll Mais holen, er selbst wollte unter der Zeit etwas Essen herrichten. Die Nacht war stockfinster, und ich musste oft wie ein Blinder den schmalen Fußpfad mit den Füßen suchen, um mich nicht im Walde zu verlieren. Als ich nach ungefähr einer halben Stunde mit dem Verlangten zum Hause zurückkehrte, hatte T. ein Huhn von einem der kleinen Bäume, auf denen die Tiere schliefen, heruntergeschlagen und bereits in heißem Wasser abgebrüht. Während er es reinigte, röstete ich das Korn in einer Pfanne, in der er, sobald ich damit fertig war, das Huhn mit etwas vorgefundenem Fette briet. Während der Zeit mahlte ich den gerösteten Mais in der Kaffeemühle, wodurch er aber noch keineswegs zu Mehl wurde, feuchtete die bröckelige Masse mit etwas Wasser an, tat Salz hinzu, schlug sie dann auf einen der eisernen Topfdeckel ungefähr ¾ Zoll dick und stellte sie gegen die Glut. So weit war alles gut gegangen, jetzt vermisste aber T. noch ein paar Eier zu unserem Gebäck. Er hatte an seinem Hause eine Art von Schuppen, worin er das sogenannte „fodder“ (die grün abgerissenen und getrockneten Blätter des Maises) aufbewahrte, und in welches die Hühner gern ihre Eier legten. Dahinein kroch er, entdeckte auch, herumfühlend, ein Nest mit fünf Eiern, brachte aber nur zwei davon glücklich zurück, die übrigen hatte er in der Eile zerdrückt. Etwas Kaffee war schnell gekocht, und wir hielten ein, wenngleich nicht sehr feines, doch schmackhaftes Abendessen oder vielmehr Frühstück, denn bis dahin war es fast zwei Uhr geworden. Unsere Nachtruhe sollte aber noch nicht gesichert sein. Der ungeheure Hickoryklotz, den wir ins Feuer gewälzt hatten, flackerte nämlich zu hoch auf und entzündete, als wir eben einschlafen wollten, den Kamin. Eine solche Feuersbrunst hat indessen, wenn nur zeitig genug entdeckt, wenig zu sagen. T. stieg aufs Haus, goss ein paar Eimer Wasser, die ich ihm reichte, in die Flamme und löschte sie glücklich. Endlich zur Ruhe gekommen, schliefen wir, bis die Sonne hoch am Himmel stand.

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