Kitabı oku: «Aus dem Dunkel»
Friedrich Lotter
Aus dem Dunkel
Wie Juden aus Frankfurt/Oder den Nazis entkamen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort 1
Vorwort 2
Leben und Sterben im Dritten Reich
Die Kontrahenten. Ignaz Maybaum und Hermann Gerson
Schleichende Entwurzelung. Die Geschwister Neumark
Flucht mit Gestapo-Hilfe. Salo Glass
Rauch und splitterndes Glas. Curtis Cassell
1933. Zwölf Thesen wider den undeutschen Geist
Luftkrieg über China. Gerhard Neumann
Pioniere in Palästina. Die Geschwister Lapidas
Zurück ins Reich. Familie Rosenbaum
Die rettende Ausweisung. Familie Fellert
1935. Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre
Steine und Kamele. Die Familie Fürst
Die Stimme des Tages. Die Brüder Gebhardt
Schwierige Brasilienfahrt. Lilo Holzheim
Die Kinderrepublik. David Meyer
1938. Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben
Keinen Augenblick Reue. Joachim Simon
Der rastlose Architekt. Konrad Wachsmann
Jagd auf Eichmann. Die Brüder Aronheim
1938. Sühneleistung der Juden
Durchbeißen in London. Die Brüder Baruch
Rückkehr im Panzer. Gerd Stein
Vom Zahnarzt zum Butler. Familie Gumpert
Tod im Obstgarten. Familien Hirschberg und Knopf
Der Untergang der 'Patria'. Die Schwestern Naftaniel
Erziehung im Konzentrationslager. Familie Nehab
1939. Über den Einsatz jüdischen Vermögens
Frankfurt wird arisiert. Familien Hirsch und Bendit
Einsam in Schweden. Die Brüder Berlowitz
Zwist im Kibbuz. Die Brüder Chone
Selektion für Palästina. Familie Czerninski
Flucht durch Heirat. Die Geschwister Gordon
Umweg über Südamerika. Familie Katz
Kibbuz ohne Kinder. Familie Pincus
Lehrer und Waffenschmuggler. Werner Segall
1940. Der Madagaskar-Plan
Widerstand in Frankreich. Familie Simon
Bleibende Erinnerung an Sachsenhausen. Heinz Wollmann
Lillygold of London. Familie Meyerheim
Eine Villa für die Partei. Familie Guttstadt
1941. Erlasse zur Judenfrage
Keine Zähne für die Lazarette. Familie Lewek
Der Lateinlehrer. Familie Satz
Die Odyssee. Familie Ufer
Überleben im Keller. Familie Vater
1942. Endlösung
Den Juden eine Stadt. Hans-Werner Heilborn
Diebstahl einer Fabrik. Familie Stein
Bilanz nach einem Kibbuzleben. Karl Stein
Adressen und Lebensdaten
Quellen
Literaturverzeichnis
Impressum neobooks
Vorwort 1
Ein Staat beginnt Minderheiten zu drangsalieren. Die Situation wird lebensbedrohlich. Doch kein Land ist bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Die politische Lage ist gerade angespannt. Die Wirtschaft verträgt jetzt keine Belastung. Die Bevölkerung will keine Migranten. Das Boot ist voll.
In Frankfurt/Oder gab es 1933 etwa 800 Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Sie verloren in den folgenden Jahren nacheinander ihre Rechte, ihre Existenzgrundlage, ihre Freiheit, schließlich ihr Leben. Das Problem war nicht, aus Deutschland heraus-, sondern in irgendein anderes Land hineinzukommen. Einigen gelang die Flucht dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz, unter teils abenteuerlichen Umständen.
Mein Vater, der in Frankfurt/Oder aufwuchs, forschte in den 1990er Jahren zur jüdischen Geschichte dieser Stadt. Er hat die Entkommenen in Israel, England, den USA, Australien und Brasilien ausfindig gemacht. Bei seinem Tod 2014 hinterließ er 35 Tonbandkassetten mit Interviews, umfangreiches Archivmaterial und ein Rohmanuskript. Dieses Buch basiert auf den von ihm aufgeschriebenen Erzählungen der Überlebenden.
Verfolgung und Holocaust sind Teil der deutschen Geschichte und den Deutschen damit als Erbe mitgegeben. Nicht im Sinne einer Kollektivschuld, denn schuldig werden kann man nur durch eigene Taten oder Unterlassungen. Doch zumindest als Verpflichtung, die Erinnerung wachzuhalten und Konsequenzen daraus zu ziehen. Nicht für 50 und nicht für 100, sondern vielleicht für 1000 Jahre. So lange, bis Rassismus und Antisemitismus den Menschen in einer fernen Zukunft dermaßen fremd und unvorstellbar geworden sind, dass sie jede Bedeutung verloren haben.
Johann Christian Lotter
Ronneburg 2021
Vorwort 2
Dies ist keine weitere Beschreibung des Holocaust, der Leiden, der Verzweiflung und des Sterbens der Juden in den Vernichtungslagern. Vielmehr geht es um die, die davongekommen sind. Der Verfasser, selbst zwischen 1926 und 1942 in Frankfurt/Oder aufgewachsen, stellte nach der Wende bei ersten Besuchen in seiner früheren Heimatstadt fest, dass dort über die Schicksale der ehemaligen jüdischen Mitbürger so gut wie nichts bekannt war. Im Rahmen der araberfreundlichen Politik der DDR war die Judenverfolgung dort tabuisiert. Die Akten der Synagoge sind verloren, im Stadtarchiv gab es nur spärliche Zeitungsnotizen oder Polizeiakten im NS-Jargon.
Mein Wunsch, den Lebensgeschichten der jüdischen Mitbürger nachzugehen, wurde geweckt durch die Frage nach dem Schicksal von Eugen Berlowitz, einem ehemaligen Klassenkameraden, der 1938 eines Tages verschwunden war. Während die Mitabiturienten des Jahrgangs 1942/43 des Frankfurter Friedrichsgymnasiums - inzwischen über ganz Deutschland verstreut - in jährlichen Treffen zusammenkamen, schien es lange aussichtlos, über den Verbleib des ehemaligen Mitschülers etwas zu erfahren. Erst das 300-jährige Jubiläum des (inzwischen aufgelösten) Gymnasiums 1994 bot unerwartet einen Ansatzpunkt. In der Jubiläumsschrift, zu der zahlreiche ehemalige Schüler Beiträge geliefert hatten, fand sich auch der Erinnerungsbericht eines anderen jüdischen Mitschülers, Zvi Aharoni, dem Sohn des Frankfurter Rechtsanwalts Heinrich Aronheim.
Als langjähriger Agent des israelischen Geheimdienstes, später Privatdetektiv, hatte Aharoni Zugriff auf Informationsquellen, die für andere nicht einfach zugänglich waren. Durch ihn erhielt ich nicht nur Nachricht über das Schicksal des Gesuchten, der den Nazis entkommen und 1992 in Schweden verstorben war. Ich bekam auch Kontakt mit weiteren ehemaligen Mitbürgern in Israel, darunter dem Bruder Eugens, Gad Berlowitz, sowie Ada Brodski, Tochter des Kinderarztes Hermann Neumark, und Heinz Wollmann, Sohn des Schneidermeisters Ignaz Wollmann.
Diesen inzwischen verstorbenen Zeitzeugen habe ich für ihre tätige Mithilfe zu danken, hielten sie doch Verbindungen zu zahlreichen ehemaligen Frankfurtern aufrecht. Deren Adressen teilten sie mit mir und unterstützten mich in jeder Weise bei der Suche. So konnte ich bei meinem nächsten Besuch in Jerusalem die Kontakte ausweiten. Die herzliche Aufnahme und Bereitschaft fast aller Angesprochenen, mir jede Auskunft zu geben, ließ bald den Plan reifen, mit allen in Israel und anderswo noch lebenden ehemaligen Mitbürgern Kontakt aufzunehmen und ihre Lebensläufe festzuhalten.
Wer sich eingehender über das Schicksal der Überlebenden informieren möchte, muss sie soweit möglich selbst aufsuchen und befragen. Zu diesen Erhebungen war es allerdings höchste Zeit, denn die hier noch zu ermittelnden Informationen wären aufgrund biologischer Fakten bald unwiderruflich verloren gegangen. Schon im Laufe der Aufarbeitung der Interviews sind inzwischen viele der Mitte der 90er Jahre noch befragten Zeitzeugen verstorben. Immerhin habe ich in Israel noch zahlreiche ehemalige Frankfurter befragen können und wurde über die oft spannenden Umstände ihrer Flucht und ihre sehr unterschiedlichen weiteren Lebensläufe unterrichtet. Dazwischen flog ich auch nach London, wo zehn weitere ehemalige Mitbürger lebten, von denen ich ebenfalls Interviews aufnehmen konnte. Außerdem erhielt ich weitere Adressen und Nachrichten über andere Mitbürger, die in aller Welt, so den USA, in Südamerika oder Australien, verstreut lebten und daher nur brieflich oder telefonisch zu erreichen waren.
Meine Recherchen stützen sich überwiegend auf Berichte der Überlebenden selbst, seltener auf die von deren Kindern. Die direkten Mitteilungen wurden meist auf Band aufgenommen, doch gab es auch Auskünfte durch telefonische Kontakte oder Übersendung von Dokumenten und Disketten. Hinzu kommen Berichte, die von Zeitzeugen schon früher verfasst oder an anderer Stelle bereits veröffentlicht wurden. Dies war vor allem bei der Anlage von „Stolpersteinen“ 2006 in Frankfurt/Oder der Fall, wobei die Zusammenarbeit mit dem hier besonders aktiven Carsten Roman Höft für beide Seiten äußerst ergiebig war.
Alle diese Recherchen erfassten natürlich nur einen Teil der seinerzeit in Frankfurt wohnenden jüdischen Mitbürger. Die aufgenommenen Gespräche sind Erinnerungen an Ereignisse, die viele Jahrzehnte zurückliegen. In Einzelheiten enthalten sie gewiss auch Irrtümer und Widersprüche. Auch waren die Erfahrungshorizonte sehr unterschiedlich. Manche der Betroffenen konnten schon kurz nach der Machtübernahme unter teilweiser Mitnahme des Vermögens, mitunter sogar des Mobiliars emigrieren. Andere erfuhren noch lange bis in die Kriegszeit hinein die sich ständig steigernden Erniedrigungen und Schikanen und retteten schließlich nur das nackte Leben. Doch sie alle waren keine passiv leidenden Opfer, sondern aktiv Handelnde, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen.
Abschließend sei hier neben den bereits Genannten all denen gedankt, die durch ihre Mitarbeit das Werk aktiv gefördert und überhaupt erst ermöglicht haben. In diesem Zusammenhang habe ich neben den befragten Überlebenden selbst vor allem Prof. Nicholas de Lange in Cambridge zu danken, der mir seine Veröffentlichung über den Gemeinderabbiner Ignaz Maybaum und eine Auswahl aus dessen Schriften zugänglich machte. Darunter auch die von Maybaums Tochter Alisa Jaffa verfasste Biographie, deren freie Verwendung sie mir dankenswerterweise ebenfalls zugestand. Ganz besonders habe ich auch Frau Ilana Michaeli, der Archivarin im Kibbuz Hasorea zu danken, die mir unbegrenzt Zugang zu den Unterlagen und Dokumenten über die Gründung und Entwicklung Hasoreas und vor allem auch über den Gründer, Hermann Gerson, und andere Persönlichkeiten gewährte. Dank schulde ich auch Andrea Morgenthaler, die mir ihren ausgezeichneten Film “Die Kinder von La Guette“ und Material über die Hilfsorganisation OSE bereitwillig überließ; und natürlich Carsten Roman Höft, der mir im Rahmen der „Stolpersteine“ ausführliche Texte zur freien Benutzung überließ. Gewidmet sei das Buch all denen, die nicht überlebt haben.
Prof. Dr. Friedrich Lotter
Kassel 2009
Leben und Sterben im Dritten Reich
Wer sich mit dem Schicksal von Juden unter dem NS-Regime befasst, kann zur Beschreibung bestimmter Phänomene Begriffe der rassistischen NS-Ideologie wie "Jude" als Gegensatz zum "Deutschen", "jüdische Herkunft", "Volljude", "Mischling" oder "Halbjude" kaum vermeiden. Nach aufgeklärtem Verständnis ist dies natürlich ein Unsinn, denn "Jude" bezeichnet die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, die keinen Gegensatz zum "Deutschen" darstellt und schon gar nicht gemischt, halbiert oder viergeteilt sein kann. Nach der Nazi-Ideologie und deren Blut- und Rassenverständnis weist die Bezeichnung „Jude“ den Betreffenden jedoch ganz unabhängig vom Religionsbekenntnis als Angehörigen einer angeblichen „Rasse“ aus. Deshalb galten auch zur protestantischen oder katholischen Konfession übergetretene Juden für die Nazis weiterhin je nach „Blutsanteil“ als Voll-, Halb- oder Vierteljuden und unterlagen den entsprechenden Gesetzen. Ein „arischer Blutsanteil“ rettete dem Betroffenen vorerst das Leben, sofern nicht andere Beschuldigungen dazu kamen. Sogenannte „Volljuden“ hatten dann eine Chance, in Deutschland zu überleben, wenn der „arische“ Ehepartner trotz oft massivem Druck die Scheidung verweigerte.
Die Existenz von Proselyten (Konvertiten zum Judentum), Konvertiten zum Christentum und "Mischlingen“ ist Zeichen der weitgehenden Assimilation und Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft. Auch in Frankfurt lebte eine ganze Anzahl Juden in "Mischehen", wo also die Ehepartner aus christlichen Familien stammten und ein Ehepartner mitunter zur Religion des anderen, zur christlichen oder jüdischen, übergetreten war. Die Kinder aus „gemischten“ Ehen wussten oft nichts von ihrer jüdischen Herkunft. Dennoch galten sie als "Mischlinge" und waren den sich ständig steigernden gesetzlichen Einschränkungen unterworfen.
Es gibt kaum einen Zweifel, dass man gegen Kriegsende auch die Ermordung der sogenannten „Mischlinge ersten Grades“ plante. Bis dahin wurden sie wegen der „arischen Blutbeimischung“ noch geschont. Kinder aus gemischten Ehen, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten, die sogenannten „Geltungsjuden“, standen eine Stufe unter den christlichen "Mischlingen". Außer den Proselyten gab es auch nicht wenige Juden, die keiner Gemeinde angehörten und, ohne getauft zu sein, sich selbst nicht mehr als jüdisch betrachteten. Ihre Kinder, ihrer Herkunft oft nicht bewusst, galten jedoch ebenfalls als „Volljuden“.
Ich bitte also stets bei diesen Begriffen sich die Anführungsstriche, falls sie fehlen sollten, und den inneren Vorbehalt dazu zu denken. Die erwähnten Umstände erklären auch, dass die für die NS-Zeit angegebenen Zahlen der Juden in Frankfurt schwanken, je nachdem, ob nur die Listen der jüdischen Gemeindemitglieder zu Grunde gelegt werden, oder ob alle Personen mit jüdischer Familiengeschichte, nichtjüdische zum Judentum übergetretene Ehepartner und "Mischlinge" einbezogen wurden oder nicht. So erklärt es sich wohl, dass schon die Zahl der für Anfang 1933 in Frankfurt festgestellten Juden zwischen 568 und rund 800 schwankt.
Genauere Daten ergibt kurz vor Kriegsbeginn die Volkszählung vom Mai 19391. Sie unterscheidet zwischen Voll-, Halb- und Vierteljuden ohne Rücksicht auf die jeweilige Konfession. Insgesamt zählt sie nur noch 298 Personen auf, von denen 126 „Mischlinge“ und 172 „Volljuden“ sind, also drei oder vier jüdische Großeltern hatten. Da die Zahl der "Volljuden" 1933 gewiss 600 überstieg, ist zu folgern, dass die Hälfte von ihnen Frankfurt schon vor dem Krieg verlassen hatte. Allerdings konnten nur die wenigsten ins Ausland emigrieren. Viele siedelten nach Berlin über, wo sie sich in der Anonymität der Großstadt sicherer fühlten. Deutsche Juden, die in die Niederlande, Frankreich oder andere im Krieg später besetzte Gebiete geflohen waren, fielen später wieder in die Hände der Gestapo. Andererseits konnten Juden unter bestimmten Voraussetzungen noch bis in die ersten Kriegsjahre emigrieren oder fliehen, so dass auch einige der 1939 in Frankfurt lebenden Juden noch bis 1941, teilweise - sicherlich durch massive Bestechung – sogar noch 1942 außer Landes gelangten.
Tatsächlich war die Politik der Nazis vor 1941 darauf gerichtet, die Juden durch Nötigung zur Emigration aus Deutschland zu entfernen. Dies gelang nicht, denn praktisch alle Länder hatten sich mit Einreisesperren oder -Beschränkungen gegen jüdische Flüchtlinge abgeschottet. Um die Wende 1941/1942 wurde schließlich mit dem Verbot der Auswanderung die physische Vernichtung der Juden zur „Endlösung“. Die Zahl der „Volljuden“, die durch den nichtjüdischen Ehepartner geschützt waren - falls er sich nicht scheiden ließ - betrug bei Kriegsende in Frankfurt noch 19 Personen. Bekannt ist das Schicksal der Ärztin Dr. Lilly Jahn, die durch Heirat mit dem „arischen“ Dr. Ernst Jahn, mit dem sie fünf Kinder hatte, in Immenhausen bei Kassel in einer privilegierten „Mischehe“ lebte. Nachdem sich ihr Mann 1942 von ihr getrennt hatte, wurde sie aus dem Ort vertrieben, schließlich nach Auschwitz deportiert und 1944 ermordet.
Die Aufgliederung der Frankfurter Liste vom Mai 1939 nach Altersstufen führt zu auffälligen Ergebnissen. Von den 126 Mischlingen sind 67 jünger als 26 Jahre, von 178 Volljuden aber nur noch elf. Das bedeutet, dass in Frankfurt schon vor Kriegsausbruch eine große Zahl „rein“ jüdischer Kinder und Jugendlichen außer Landes gebracht worden war. Für die Aufgliederung nach Berufen geben ebenfalls Listen Auskunft, die von der Stadtverwaltung herausgegeben wurden, um die jährliche Abnahme jüdisch geführter Geschäfte zu dokumentieren. Sie sind heute noch im Stadtarchiv zu finden. Die früheste mir zugängliche stammt aus dem Jahre 1935. Um die Gesamtzahl jüdischer Geschäfte und Betriebe Anfang 1933 festzustellen, bedarf diese Liste sicher der Ergänzung, da die bereits angelaufene Auswanderung und die "Arisierung" die Zahl der jüdischen Geschäfte, Betriebe und Praxen inzwischen vermindert hatte und laufend weiter verminderte. Beispielsweise war die Zahl der jüdischen Apotheker schon von sieben auf drei zurückgegangen. Die korrigierte Liste ergibt mit dem vorläufigen Stand der Ergänzungen 135 Berufszuordnungen, davon Akademikerberufe 24; praktische Ärzte 7; Zahnärzte 2; Apotheker 7; Rechtsanwälte 8; Kultus und Loge 8; Fabrikbesitzer 4; Handwerker 9; Handel 77, davon Konfektion und Bekleidung 34; Lebensmittel 7; Kleinhandel 11; Angestellte 8; Kreditwesen 4. Diese Liste lässt bereits erkennen, dass jüdische Mitbürger das Wirtschaftsleben Frankfurts ganz entscheidend mitgetragen haben, ebenso wie sie in öffentlichen Dienstleistungsberufen etwa als Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte hohes Ansehen genossen.
Wenn man den Prozentsatz der Juden von weniger als 1% innerhalb der Stadtbevölkerung mit dem ihrer Vertretung innerhalb bestimmter Berufe vergleicht, bestätigt die Liste auch, dass sie in bestimmten Berufszweigen stark überrepräsentiert waren. Eine derartige Aussage setzt freilich voraus, dass Juden innerhalb der deutschen Nation als eine Sondergruppe betrachtet werden, eine Vorstellung, die zwar von Antisemiten ebenso wie auch von Zionisten vertreten wurde, die aber nicht der Wirklichkeit vor der Machtergreifung Hitlers und erst recht nicht der vor dem 1. Weltkrieg entsprach. Allerdings gab es schon in den 1920er Jahren in Deutschland Bestrebungen des Hechaluz, der weltweiten zionistischen Jugendorganisation, durch die Hachschara, der landwirtschaftlichen Ausbildung im Hinblick auf spätere Einwanderung nach Palästina, die Berufsgliederung an die der nichtjüdischen Bevölkerung stärker anzupassen und Juden einen Zugang zu handwerklichen und bäuerlichen Berufen zu öffnen.
Aufschlussreich ist auch die Herkunft der Frankfurter Juden. Ein beachtlicher Teil der jüdischen Familien Frankfurts, insbesondere der in akademischen Berufen, ist erst unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg aus den an Polen abgetretenen Teilen der Provinzen Posen und Westpreußen zugewandert, weil sie für das Deutschtum votierten und nicht Polen werden wollten. Neben dieser Gruppe der aus den polnisch gewordenen Ostprovinzen zugewanderten jüdischen Deutschen gab es die eigentlichen "Ostjuden", die während des ersten Weltkriegs oder danach aus Polen und Russland einwanderten. Zu ihnen gehören auch eine Anzahl russisch-jüdischer Kriegsgefangener, die sich nach ihrer Entlassung in Frankfurt niederließen. Die Ostjuden waren eher orthodox, während die große Mehrheit der Frankfurter Juden wie überall in Deutschland, soweit sie überhaupt ihre jüdische Identität wahrten, der liberal-reformerischen Richtung zuzurechnen sind.
Harry Lapidoth, Sohn des Kultusbeamten, schildert anschaulich, wie die hohen Festtage in der Synagoge als gesellschaftliche Veranstaltungen begangen wurden. Die Damen kamen in großer Toilette, die Herren mit Zylinder. Der äußere Eindruck dürfte diese Gesellschaft kaum von der der deutschen gehobenen Mittelschicht unterschieden haben, wenn man von der in Frankfurt stark vertretenen militärischen Komponente absieht.
In diesem Zusammenhang verdienen die Juden aus Posen/Westpreußen besondere Aufmerksamkeit. Von dort kamen die Frankfurter Familien Aronheim, Baruch, Glass, Gumpert, Hirschberg, Naftaniel, Nehab, und Neumark. Die Familienväter waren häufig Akademiker und hatten vor allem in der Provinz und der Stadt Posen, wo neben der deutschen Beamtenschaft und dem Militär einheimische Deutsche nur eine kleine Minderheit darstellten, das deutsche Bürgertum vertreten. Besonders aufschlussreich sind die hier in Auszügen veröffentlichten Jugenderinnerungen des Frankfurter Rechtsanwalts Leo Nehab, der besonders lebendig die Lebensumstände in Posen während des Kaiserreichs beschreibt. Er schildert zugleich die Entwicklung einer jüdischen Familie vom streng orthodoxen hin zum liberalem Judentum, dann vom Judentum zum national bewussten Deutschtum, aus einer Kaufmannsfamilie hin zum Akademikerstand. In Posen wäre es um die Jahrhundertwende undenkbar gewesen, die Juden als eigenen Bevölkerungsteil abzuheben. Sie waren Deutsche und wollten nur dies sein. Ihr Judentum war für die meisten eine „Konfession“, deren Abstand vom Christentum ihnen nicht größer erschien als der zwischen Katholiken und Protestanten. Die Juden hatten als der wirtschaftlich tragende Teil der Bevölkerung bei dem in Preußen geltenden Dreiklassenwahlrecht maßgebenden Einfluss im Wahlkörper und Stadtrat, die Stadtverordnetenvorsteher waren fast durchweg Juden. Auch der Oberbürgermeister war jüdischer Herkunft, wenn auch getauft, denn das war immer noch die Voraussetzung, um ein solches Amt ausüben zu können.
Leo Nehab beschreibt auch die Faszination, die das in Posen stark vertretene Militär auf die heranwachsende jüdische Jugend ausübte. Das gleiche geht aus dem Bericht des letzten Synagogendieners Salo Glass hervor, der aus der Provinz Posen stammt. Im Jahr 1995 93-jährig und erblindet, beginnt er seinen von den Töchtern auf Diskette vermittelten Bericht mit der Feststellung, dass Posen zu dem angesehenen V. Armeekorps gehörte, sein Vater dort bei den Grünen Jägern, sein Onkel in Danzig bei den Schwarzen Husaren diente. Derselbe Glass schildert, wie er nach der Pogromnacht von einem Gestapo-Kommissar beauftragt wurde, Juden, die Selbstmord begangen hatten, abzuholen und beizusetzen. Darunter war ein ehemaliger Feldwebel des kaiserlichen Garderegiments, der sich die Uniform angezogen, seine Orden, EK I und II, angelegt und sich erschossen hatte. Ich glaube, nichts belegt deutlicher als dieser Vorgang den absoluten Bruch zwischen der Stellung der Juden im deutschen Kaiserreich und der NS-Epoche. Natürlich gab es auch in Frankfurt eine Ortsgruppe des "Bundes jüdischer Frontsoldaten" mit einer entsprechenden Jugendorganisation.
Kurz nach der Machtergreifung, spätestens mit dem Boykott vom 1. April 1933, begann die Drangsalierung der Juden, die in der Folge ständig zunahm. Besonders aufschlussreich sind die von Gerda Stein beschriebenen Machenschaften, mit denen die Nazis die Enteignung der Fabrik ihres Vaters in Drossen betrieben. Ein neues Stadium erreichte die Judenverfolgung in der Nacht vom 9./10. November mit den Ereignissen, die als "Reichspogromnacht" bzw. damals „Kristallnacht“ in die Geschichte und in die Erinnerung der noch lebenden Juden eingegangen sind. Es ist übrigens nicht richtig, diese Bezeichnung als verharmlosende Sprachregelung der Nazis zu werten. Eher lässt sie auf den makabren Humor der Berliner Bevölkerung schließen und dürfte von dort her auch von den betroffenen Juden übernommen worden sein. Die Synagoge wurde in Brand gesteckt, die jüdischen Geschäfte geplündert und zerstört, die jüdischen Familienväter in der Nacht verhaftet und bald darauf ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo sie, wie in einigen der hier veröffentlichten Schilderungen beschrieben, unsäglichen Schikanen und Quälereien ausgesetzt wurden. Offensichtlich waren die Nazis mit dem Verlauf der jüdischen Auswanderung aus Deutschland nicht zufrieden und wollten diese durch die Verfolgung beschleunigen. Obwohl auch eine Anzahl von Morden zu verzeichnen ist, stand der Massenmord noch nicht auf dem Programm. Bekannt ist auch die über den wirtschaftlichen Schaden empörte Reaktion von Hermann Göring.
Noch in Frankfurt wurden einige jüdische Kaufleute wie Max Berlowitz nach Hause geschickt, um ihr zerstörtes Geschäft aufzuräumen und wiederherzustellen, offenbar um den verheerenden Eindruck der zerstörten Geschäfte nach außen zu beseitigen. Entlassungen aus Sachsenhausen erfolgten unter der Bedingung, dass die Ausreiseformalitäten geregelt waren. Dies war aber in vielen Fällen unmöglich geworden, nicht nur, weil es praktisch kaum noch Aufnahmeländer und damit Visen gab, sondern auch, weil die Juden durch Berufsverbot, Plünderung, Vermögenssperre und Enteignung gar nicht mehr die Mittel besaßen, die für eine Einwanderung nach Palästina und für die Bestechung der Konsulatsbeamten erforderlich waren.
Während England mit dem Palästina-Weißbuch die Einwanderung in das Mandatsgebiet Palästina ebenso wie nach England massiv erschwert hatte, beschloss das englische Parlament unter dem Eindruck der Kristallnacht immerhin, 10000 jüdische Kinder aus dem damaligen Deutschland mit Österreich und Deutsch-Böhmen in England aufzunehmen2. In Frankreich startete die Baronin Germaine de Rothschild und die OSE in kleinerem Rahmen ähnliche Aktionen3. So kam es innerhalb eines knappen Jahres zu einer neuen Ausreisewelle von minderjährigen Kindern, von denen damals auch in Frankfurt die meisten noch Verbliebenen von ihren Eltern in die Fremde geschickt wurden. Was es bedeutet, dass Eltern in dieser Existenznot sich von Kindern dieses Alters trennen und sie in eine ungewisse Zukunft schicken mussten, kann ein Außenstehender wohl kaum ermessen. In England gab es bei weitem nicht genug jüdische Familien, die imstande und bereit waren, diese Kinder aufzunehmen. So kamen sie häufig in christliche Familien, die teilweise strenggläubig waren - Pietisten, Baptisten, Methodisten, Quäker – und sich bemühten, sie taufen zu lassen. Bei den Jüngeren hatten sie oft Erfolg, die Älteren wurden jedoch in einen fast unerträglichen Zwiespalt versetzt. Hilde Naftaniel beschreibt, wie sie als zwölfjähriges Mädchen nach England kam und bei einem strenggläubigen, aber auch herzensguten Ehepaar eine neue Heimat fand. Hier wurde sie christlich erzogen und musste sich schließlich das Recht erkämpfen, in die Synagoge gehen zu dürfen. Auch der Synagogendiener Glass musste seine beiden Töchter, Ruth und Margot, mit verschiedenen Kindertransporten noch im Frühjahr und Sommer 1939 nach England schicken, da er sie auf seinem eigenen illegalen Palästinatransport nicht mitnehmen konnte. Abraham Baruch konnte alle seine Kinder, fünf an der Zahl, noch 1939 nach England schicken, und schließlich gelang es diesen, auch die Eltern noch herüberzuholen.
Das schwere Schicksal der von der Baronin Rothschild in Frankreich aufgenommenen Kinder schildert der ehemalige Frankfurter David Meyer sowie der Fernsehfilm „Die Reise der Kinder von La Guette“ von Andrea Mogenthaler. Mit der deutschen Besetzung Belgiens und Frankreichs wurden auch diese Kinder wieder dem Zugriff des Nazistaates ausgesetzt, entweder unmittelbar im deutschbesetzten Teil Frankreichs, aber auch im „freien“ Vichy-Frankreich, wo die französische Polizei kaum weniger rigoros den Transporten in die Vernichtungslager zuarbeitete. Die im Untergrund arbeitende OSE und christliche Organisationen bemühten sich, die elternlosen Kinder zu retten.
Die Stellung der sogenannten "Ostjuden" war doppelt schwierig, weil sie nicht nur dem Antisemitismus von deutscher Seite in besonderem Maße ausgesetzt waren, sondern auch von den assimilierten deutschen Juden abgelehnt wurden, ja ihnen vielfach die Schuld am Antisemitismus zugeschrieben wurde. Der Gegensatz zwischen „deutschen“ und Ostjuden hat allerdings in der jüngeren Generation keine große Rolle mehr gespielt. Hier war es eher so, dass unter dem Einfluss zionistischer Ideen die deutschen Juden gegenüber den Ostjuden gewisse Minderwertigkeitskomplexe entwickelten, da diese die jüdische Tradition weit besser bewahrt hatten als sie.
Wie tüchtig diese Ostjuden tatsächlich waren, zeigt das Beispiel des Schneidermeisters Wollmann. Er stammte aus einer jüdischen Familie in Minsk, in der zu Hause, wie dies in bürgerlichen jüdischen Familien Russlands anscheinend nicht selten der Fall war, deutsch gesprochen wurde. Im ersten Weltkrieg gelangte er als russischer Kriegsgefangener nach Frankfurt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung blieb er wie auch andere russisch-jüdische Kriegsgefangene in Frankfurt und kam hier mit einer Schneiderei zu Erfolg und Reichtum. Seine Bemühungen um die deutsche Staatsbürgerschaft wurden freilich trotz bester Gutachten und Fürsprache durch angesehene Persönlichkeiten nach über einem Jahrzehnt dauernder Verzögerung 1932 abschlägig beschieden. Dies kann als ein Zeichen eines beginnenden Antisemitismus in der damaligen Beamtenschaft gewertet werden.
Allerdings bestätigen praktisch alle Aussagen der älteren Frankfurter Juden, dass bis zur Machtergreifung, jedenfalls im Umgang der Menschen miteinander, von Antisemitismus in Frankfurt wenig zu spüren war. Den jüdischen Ärzten fehlte es nicht an Patienten, den Rechtsanwälten nicht an Klienten, den Kaufleuten nicht an Kunden. Der Kinderarzt Neumark betreute die Säuglingsstation des Stadtkrankenhauses, der Zahnarzt Gumpert die umfangreiche Garnison, Offiziere gingen bei ihm ein und aus. Das änderte aber nichts daran, dass der von der Nazipartei propagierte Antisemitismus 1933 bei einem Teil der Bevölkerung sofort auf fruchtbaren Boden fiel. Neben den Gestapo-Beamten und der SA waren es häufig die Lehrer an den Schulen, vor allem aber Kinder und Jugendliche und deren Eltern, die sich nun antisemitische Ausfälle erlaubten: "Ich darf mit Dir nicht mehr spielen, Du bist Jude!" Gerda Stein erzählt, wie sie in der Schule mit steingefüllten Schneebällen beworfen wurde, doch ein Mitschüler vermittelt habe: "Lass die, die ist nur eine Halbe!" Der Knirps wusste also, dass sie nur „Halbjüdin“ war.
Mit den sich ständig verschlechternden Lebensumständen in Frankfurt wurde schon 1933 der Besuch von Universitäten für Juden wegen ihrer „Überrepräsentation“ erschwert. Leo Lapidas studierte in Berlin an der Humboldt-Universität. Im Juli 1933 entschied die Universität nach Begutachtung eines umfangreichen Fragebogens: "Gegen ein Weiterstudieren bestehen keine Bedenken, da der Vater als Frontkämpfer anzusehen ist". Dennoch musste Lapidas die Universität bald darauf verlassen, da er, wie er schildert, in der dort herrschenden antisemitischen Atmosphäre kaum atmen, geschweige denn studieren konnte.
Viele jüdische Kinder wurden bereits 1935 von den höheren Schulen verwiesen, denn im Gefolge der Nürnberger Gesetze wurde per Numerus Clausus der Anteil der Juden in den Gymnasien dem an der Gesamtbevölkerung angeglichen. So musste Jachin Simon 1935 das Friedrichsgymnasium verlassen, obwohl der Direktor den Verlust des begabten Schülers bedauerte. Auch im Verkehr der Erwachsenen änderte sich viel, bei Ärzten, Rechtsanwälten, Geschäftsleuten nahm die Zahl der Kunden ab. Nachbarn und frühere Freunde wechselten bei Begegnungen auf die andere Straßenseite. Der Boykott am 1. April 1933 traf alle schwer. Dr. Benno Baswitz, Angehöriger einer seit Jahrhunderten in Frankfurt ansässigen Druckerfamilie, und ein Kaufleuteehepaar nahmen sich damals schon das Leben. Der beliebte Zahnarzt Gumpert wurde von SA-Leuten gezwungen, das mit Farbe auf den Bürgersteig vor seinem Haus geschmierte Wort "Jude" auf den Knien zu beseitigen.
Dennoch gibt es auch zahlreiche Gegenbeispiele. Ada Neumark betont, dass sie, solange sie das Lyzeum besuchte, bis 1938 von keiner ihrer Klassenkameradinnen jemals ein beleidigendes Wort gehört habe, einige sie auch nach wie vor zu Hause besuchten, gemeinsam Schularbeiten machten, Bücher tauschten oder Kanons sangen. Nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch unter Beamten und auch der Polizei und sogar der SA gab es immer wieder Beispiele von Sympathie oder gar Freundschaft mit und Hilfsbereitschaft für Juden. So wurde der Synagogendiener Salo Glass noch einige Zeit vor der Kristallnacht von einem SA-Sturmführer zusammen mit SA- und SS-Leuten zu dessen 50. Geburtstag eingeladen. Leo Nehab betont, dass die Verhafteten nach der Kristallnacht im Frankfurter Gefängnis von den dort tätigen Beamten, meist älteren Leuten mit preußischer Tradition, freundlich behandelt wurden, ein absoluter Gegensatz zu dem schrecklichen Empfang in Sachsenhausen. Als Arnold Naftaniel Betrieb und Haus in der Dammvorstadt eingebüßt hatte, zur Zwangsarbeit rekrutiert war und seine beschränkten Lebensmittelrationen kaum noch zum Leben ausreichten, kamen seine früheren Arbeiter nachts in seine Wohnung und versorgten ihn.
Immer wieder berichten die Überlebenden von ihren Eltern, dass diese entschieden antizionistisch und meist deutschnational oder nationalliberal eingestellt waren. Die Väter waren stolz auf ihre Kriegsauszeichnungen und vertraten die Ansicht, die Judenhetze meine nicht sie, sondern nur die Ostjuden, und Hitler sei ohnehin nur eine Episode. Besonders tragisch ist die Schilderung von Ruth Naftaniel über ihre Eltern. Trotz aller schlimmen Erfahrungen, Berufsverbot, Hausenteignung, Plünderungen, Verhaftungen und Rekrutierung zu Zwangsarbeit fühlte sich ihr Vater noch immer als Deutscher, dem dies alles eigentlich nicht galt. Obwohl ihn seine Frau und seine bereits ausgewanderte Schwester beschworen, Deutschland sofort zu verlassen, weigerte er sich, bis es zu spät war. So zog er auch seine Frau mit ins Verderben.
In der Regel waren es die Frauen, die ihre Männer dazu bewogen, zunächst die Kinder in Sicherheit zu bringen und dann auch selbst endlich die Konsequenzen zu ziehen. Den jüdischen Familienvätern war der Zionismus und der Gedanke an eine jüdische Zukunft in Palästina 1933 weitgehend fremd. Auch die Frankfurter Rabbiner, Maybaum ebenso wie Cassell, standen dem Zionismus kritisch gegenüber und sahen die jüdische Zukunft weiterhin in der Diaspora. Immerhin haben Vertreter der jüdischen Gemeinde die Eltern schon früh zu überzeugen versucht, ihre Kinder ins Ausland zu schicken. Tatsächlich erkannten viele Familien schon 1933, spätestens nach den Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte am 1. April, dass es ratsam sei, ältere Kinder mit abgeschlossener Berufsausbildung nach Palästina zu schicken. So kam es schon 1933 zu einer ersten Auswanderungswelle, an der nicht nur die wenigen Zionisten beteiligt waren.
Zu den Zionisten der ersten Stunde gehörte der Rechtsanwalt Hirschberg vom Wilhelmsplatz. Er hatte sich 1919 in Frankfurt als Anwalt und Notar niedergelassen, gehörte der orthodoxen Synagoge an und besaß ein großes Villengrundstück mit Garten und Gärtner am Buschmühlenweg. Obwohl er als Kriegsversehrter des ersten Weltkriegs mit EK noch gewisse Rechte besaß, gab er bereits 1933 das Notariat auf, verkaufte sein Grundstück und wanderte bereits im August nach Palästina aus. Dort baute er sich ein neues Leben als Farmer in Pardes Hannah in der Scharon-Ebene zwischen Tel Aviv und Haifa auf.
Pardes Hannah ist eine typische Rothschild-Siedlung, 1929 gegründet. Pardes bedeutet Zitrusplantage, Hannah ist der Name einer Nichte des französischen Barons Edmond de Rothschild, dem großen Förderer der ersten Alijah (Einwanderungswelle) zwischen 1881 und 1896. Aufgrund der autoritären Führung durch französische Agrarexperten wurde das auch wegen seiner Monokulturen umstrittene Unternehmen um 1900 von der ICA, später PICA (Palestine Jewish Colonisation Association) übernommen. Sie kaufte Land in großem Rahmen und verkaufte es weiter an jüdische Siedler. Die von ihr gegründeten Siedlungen trugen oft Namen von Angehörigen der Rothschildfamilie. Hier erwarb Hirschberg bewässertes Land und verwandelte sich vom Rechtsanwalt in einen Plantagenbesitzer. Sein Sohn Michael Hirschberg, der 1933 in Frankfurt noch die Sexta des Friedrichsgymnasiums besucht hat, baute hier bis vor wenigen Jahren noch Avocados und Zitrusfrüchte an.
Diese Fälle der Emigration wurden durch "Kapitalisten-Zertifikate" ermöglicht, wobei der Einwanderer den Besitz eines Vorzeigegeldes in Höhe von 1000 Palästina-Pfund nachweisen musste. Von deutscher Seite wurde diese Form der Auswanderung durch das im August 1933 abgeschlossene Haavara-Abkommen zwischen der Jewish Agency, der zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem Reichswirtschaftsministerium unterstützt4. Danach konnten die Auswanderer einen Großteil ihres Vermögens über Clearingstellen transferieren. Damals war die NS-Regierung vor allem an der Auswanderung der Juden interessiert, diese Politik wurde bis zum Kriegsbeginn verfolgt. Die transferierten Gelder wurden durch entsprechende Wareneinkäufe palästinensischer Importeure in Deutschland ausgeglichen. So wurde ebenso die deutsche Wirtschaft durch Exportlieferungen wie die Wirtschaft des Jischuw, der jüdischen Siedlung in Palästina, durch den Transfer beachtlicher Vermögen gefördert.
Für diejenigen, die keine Mittel besaßen, bestand die Möglichkeit der Auswanderung durch den Erwerb von Zertifikaten für Handwerker und Arbeiter. Dies erforderte den Nachweis entsprechender Ausbildung. Diese wurde wiederum vom Hechaluz, dem zionistischen Pionierverband durch den großzügigen Ausbau des Systems von Hachschara-Betrieben ermöglicht, in denen die jüdische Jugend in landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen ausgebildet wurde. Dass der größte Teil der jüdischen Jugendlichen (über 18 Jahren) aus Frankfurt durch Absolvierung der Hachschara noch vor Kriegsbeginn gerettet werden konnte, ist vor allem der Tätigkeit des deutsch-jüdischen Wanderbundes "Die Kameraden" bzw. dem aus ihnen hervorgegangenen zionistischen Jugendbund "Werkleute" und ihrem aus Frankfurt stammenden Leiter, Hermann Gerson zu verdanken5.
Die "Kameraden", später die "Werkleute" waren durch Gerson die Organisation, die in Frankfurt einen Großteil der jüdischen Jugend nicht nur auffing und organisierte, sondern auch aus der bürgerlich-nationaldeutschen Haltung ihrer Eltern löste und zum Judentum zurückführte. Jeden Sonntag ging es fort vom Elternhaus zur Fahrt, in der Woche fanden Heimabende statt. Die Werkleute gingen auch eifrig zum Hebräischunterricht, den in Frankfurt der Rabbiner Ignaz Maybaum erteilte. Anfangs ging es nur darum, innerhalb Deutschlands eine landwirtschaftliche Siedlung zu errichten. Erst 1933 wurde auf Gersons Initiative hin der Beschluss gefasst, nunmehr einen Kibbuz, also eine landwirtschaftliche Kollektivsiedlung, in Erez Israel, in Palästina selbst, zu gründen. Gerson wusste, dass die städtische Jugend nicht ohne vorherige Schulung ein solches Experiment wagen konnte. Deshalb wurde ein ganzes System geschaffen, um möglichst schnell die Jugendlichen auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten. Die vom Hechaluz bereits eingerichteten Hachschara-lager wurden nun auch von den Werkleuten in Anspruch genommen.
Durch diese Lager ist auch ein Teil der heute in Israel lebenden ehemaligen Frankfurter gegangen. Es waren Güter wie etwa das Rittergut des jüdischen Verlegers Schocken in Winkel bei Fürstenwalde oder Schniebinchen-Jessen bei Sommerfeld, wo die Jugendlichen meist halbtägig in der Landwirtschaft arbeiteten, um nachmittags und abends dann in Schulungskursen mit der hebräischen Sprache, Geographie Palästinas, jüdischer Geschichte und Religion vertraut gemacht zu werden. Vielfach leisteten die Jugendlichen auch bei Bauern der Umgebung schwere und schlecht bezahlte Arbeit. Neben den Lagern für landwirtschaftliche Ausbildung gab es auch die städtische Einrichtung des Beth Chaluz, des Pionierhauses. Dies waren Wohnungen, in denen die Jugendlichen ähnlich wie in den späteren Kommunen lebten, allerdings strikt nach Geschlechtern getrennt. Tagsüber gingen sie zur Ausbildung bzw. zur Arbeit, die Jungen meist in Handwerksbetriebe, die Mädchen in Kinder- und Säuglingsheime, Krankenhäuser oder Hauswirtschaftsschulen. Nach der Arbeit waren auch hier Unterrichtsstunden vorgesehen. Für den, der die strenge Disziplin und die Strapazen der Hachschara-Lager nicht ertragen konnte oder wollte, bot sich auch die Möglichkeit, in „Einzelhachschara“ bei einem Bauern oder Handwerker sich ausbilden zu lassen. So verließ etwa Eugen Berlowitz das Lager in Schniebinchen und ging nach Dänemark, wo er bei einem Bauern arbeitete, bis der drohende Zugriff der Gestapo ihn wie die meisten anderen in Dänemark befindlichen Juden in Schweden Zuflucht suchen ließ.
Gerson jedoch wollte nicht warten, bis alle „Werkleute“ durch die Hachscharalager geschult ausreisen konnten. Die ersten "Werkleute" waren 1933 schon bereit, sofort nach Palästina zu gehen. Gerson organisierte es, dass diese die Hachschara im Lande selbst in dort bereits bestehenden Kibbuzim absolvieren konnten. Er bestimmte im Übrigen, dass auch die in Deutschland Ausgebildeten erst in befreundeten Kibbuzim sich an die Bedingungen der Arbeit im Lande gewöhnen, vor allem auch lernen sollten, sich schon hebräisch zu verständigen, bevor die Gründung eines eigenen Kibbuz eingeleitet wurde. Zu den ersten Werkleuten, die mit der Jugend-Alijah schon im Oktober 1933 nach Palästina gingen, gehörte Ernst Nehab, Sohn des uns bereits bekannten Rechtsanwalts. In seinen Berichten schildert er anschaulich die schwierige Eingewöhnung in das Kibbuzleben.
Man muss sich in der Tat vorstellen, wie schwer es den oft verwöhnten Kindern großbürgerlicher Familien fiel, die zuhause an Kindermädchen, Köchin und Chauffeur gewöhnt waren, sich nun an das raue Leben, die schwere Arbeit und das ungewohnte Klima in Palästina anzupassen. Im Gegensatz zu den Ostjuden und anderen Gruppen von Einwanderern gab es in Palästina noch kein Netz von einheimischen deutschen Juden, welches die Neuankömmlinge auffangen und mit den Gegebenheiten einigermaßen vertraut machen konnte. Bis 1933 hatten sich nur etwa 2000 deutsche Juden in Palästina niedergelassen, viel zu wenig, um den Scharen der Neuankömmlinge eine Stütze sein zu können.
Diese waren vielmehr auf die Ostjuden angewiesen, die den Stamm der Kibbuzniks, der Kibbuzgründer ausmachten. Sie sprachen jiddisch in verschiedenen Dialekten oder hebräisch, was die Deutschen entweder nur mit Mühe oder gar nicht verstanden. Schon von der Herkunft her war die Mentalität eine ganz andere, sie kamen aus dem städtischen oder ländlichem Proletariat Osteuropas und begegneten den bürgerlichen deutschen Juden zumeist mit Herablassung. Dass diese dennoch die schwere und ungewohnte Arbeit der Urbarmachung meist unkultivierten oder versumpften Landes unter unbeschreiblich schwierigen Bedingungen gemeistert und eine staunenswerte Aufbauarbeit geleistet haben, hat sie mit Recht stolz gemacht. Dies betrifft nicht nur die Männer, die jungen Frauen sahen sich den gleichen Anforderungen gegenüber.
Was hier geleistet wurde, erkennt jeder, der heute den von den "Werkleuten" 1936 gegründeten Kibbuz Hasorea im westlichen Jesreel-Tal südöstlich von Haifa besucht. Als die Werkleute hier ankamen, gab es keinen Baum, nur Steine, Geröll und Morast. Sechzig Jahre später ist eine parkähnliche Anlage mit hübschen Einfamilienhäusern, Schwimmbad und blitzsauberen Gemeinschaftshäusern entstanden. Der Stolz auf das Geleistete glich den nach herkömmlichen Maßstäben sozialen Abstieg der Einwanderer aus. Doch waren die Maßstäbe der israelischen Gesellschaft andere. Auch die Arbeiter, die Kibbuzniks, wahrten und wahren dort stets ein kulturelles Niveau, das Standesunterschiede einebnet.
Überraschend ist die Zahl der Frankfurter Juden, die nach ihrer Emigration außergewöhnliche Karrieren machten. Der Frankfurter Rechtsanwalt Heinrich Aronheim, mit der größten Kanzlei in Frankfurt, war Zionist und hatte schon früh ein Grundstück in Palästina erworben. Er nahm seinen ältesten Sohn, den vierzehnjährigen Hans Josef schon 1933 aus dem Friedrichsgymnasium und schickte ihn nach Palästina, wo er die Schule fortsetzen konnte. Während der arabischen Unruhen errictete dieser 1938 mit andern Studenten deutsch-jüdischer Herkunft eine Turm-und-Palisaden-Siedlung6, das Kibbuz Alonim in Westgaliläa. Diese Siedlungen wurden in einer Nacht aus Fertigteilen mit Wachtturm und Pallisade erbaut, um arabischen Angriffen oder englischen Maßnahmen zuvorzukommen. Hans besuchte dann die hebräische Universität in Jerusalem und wurde als Jochanan Aharoni ein berühmter Archäologe, Direktor des archäologischen Instituts der 1956 neu gegründeten Universität von Tel Aviv. Der zweitälteste Sohn, Hermann, ging zur englischen Armee und später zum Moschad, dem israelischen Geheimdienst. Nach 1960 wurde er als Zvi Aharoni der Welt bekannt als derjenige, der nach früheren fehlgeschlagenen Versuchen Eichmann endlich aufspürte und nach Israel vor Gericht brachte. Heinrich Aronheim selbst sah Erez Israel nicht mehr, er starb 1937 an Krebs.
Viele junge Juden verließen freiwillig das Gymnasium, um ein Handwerk zu lernen, doch auch unter ihnen gab es beachtliche Fälle eines außergewöhnlichen Aufstiegs. So ging etwa der Sohn von Bettfedern-Neumann, Gerhard, schon 1933 mit dem Einjährigen, der Versetzung in die Obersekunda, vom Friedrichsgymnasium ab, um eine zweijährige Lehre als Automechaniker zu absolvieren. Wie Neumann beschreibt, waren diese Lehrjahre Grundlage seiner Karriere, die über die Wartung amerikanischer Kampfflugzeuge in Nationalchina zur Konstruktion von Strahltriebwerken führte. Welche Rolle deutsch-jüdische Emigranten bald in ihrer neuen Heimat spielen sollten, verdeutlicht auch der Lebenslauf des jungen Rechtsanwalts Hermann P. Gebhardt. Von Frankfurt aus gelangte er mit seiner Frau Margarethe nach Montevideo in Uruguay, wurde dort Journalist und erwarb bald Rechte am Rundfunk, wo er eine Sendung für deutsche Emigranten, die „Voz del día“, gründete und Jahrzehnte lang betrieb. Die während des Krieges und noch in der Nachkriegszeit blühende deutsche Theaterkultur in Südamerika trug ebenso wie seine Sendung entschieden dazu bei, den Emigranten die Eingliederung in die neue Heimat zu erleichtern.
Nach der Kristallnacht setzte eine neue Ausreisewelle ein, da viele bis dahin in Frankfurt Verbliebene jetzt erkannten, dass bei der wachsenden Brutalität der Nazis und dem seit der Annexion des Sudetenlandes drohenden Kriegsausbruch nur die Emigration noch Rettung versprach. Doch wurde es im letzten Vorkriegsjahr immer schwieriger und teurer, noch Visa zu erhalten. Der Schneidermeister Wollmann musste sein großes Mietshaus seinem Nachbarn, einem bekannten SA-Sturmführer, gegen die Garantie überschreiben, mit seiner Familie nach Palästina ausreisen zu dürfen. Außer den Einreisesperren beschnitt auch die zunehmende Verarmung der Juden fast alle Möglichkeiten, ein Visum zu bekommen. Schließlich organisierte der Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt, Adolf Eichmann, in Verbindung mit der zionistischen Organisation im Rahmen der sogenannten Alijah Beth auf der Donauroute illegale Transporte nach Palästina. Gleichzeitig mit den Transporten verbreiteten deutsche und italienische Rundfunksender die Nachricht, dass auf britische Einladung hin Schiffe voll mit Juden kämen, um die Araber aus Palästina zu vertreiben. Die Engländer waren fest entschlossen, den Einwanderern den Zutritt zu verwehren, schon weil sie die Einschleusung von Spionen fürchteten. Für die Transporte wurden alte Flussdampfer und Seelenverkäufer, meist mit griechischen Kapitänen gechartert, die dann von Wien aus die Donau abwärts über Rumänien und den Bosporus nach Palästina fuhren. Mit einem dieser Transporte konnte Salo Glass mit seiner Frau noch nach Kriegsbeginn Ende 1939 nach Palästina gelangen. Doch verliefen diese Transporte nicht immer so glimpflich.
Ruth Naftaniel schildert anschaulich die dreimonatelange qualvolle Fahrt, auf der zuletzt auch die Bettgestelle zum Feuern verheizt wurden und die Nahrungsmittel ausgingen. Als zwei der kaum noch seetüchtigen Schiffe schließlich vor Haifa anlangten, wurden sie von den Engländern gestoppt und die Insassen, 1700 Menschen, auf den Truppentransporter "Patria" umgeladen, der sie in Internierungslager nach Mauritius bringen sollte. Die jüdische Verteidigungsorganisation der Haganah wollte dies um jeden Preis vereiteln und ließ am Schiff eine Sprengladung anbringen. Die Detonation war jedoch so stark, dass das Schiff sank, bevor alle Passagiere das Schiff verlassen konnten, etwa 260 Flüchtlinge ertranken. Ein schlimmeres Schicksal ereilte den Dampfer „Struma“. Mit 769 jüdischen Flüchtlingen an Bord wurde ihm vor Istanbul die Weiterfahrt und den Insassen auch die Landung verweigert. Am 24. Februar 1942 wurde das Schiff dann nahe der Bosporusmündung von einem sowjetischen U-Boot torpediert7, nur ein Passagier überlebte die Katastrophe.
Im November 1941 wurde durch Erlass die weitere Auswanderung von Juden verboten, die "Endlösung" kündigte sich an. Dennoch war es in Einzelfällen durch Bestechung auch später noch möglich, aus Deutschland herauszukommen. Den Eltern von Eva Gumpert gelang durch Einsatz des gesamten Vermögens noch 1942 die Ausreise nach Kuba. Sie waren wohl die letzten, die aus Frankfurt noch in die Freiheit gelangen konnten.
Auch für zahlreiche andere Juden aus Frankfurt war das Ziel der Ausreise nicht Palästina, sondern ein anderes westliches Land, vorzugsweise Nord-, aber auch Mittel- und Südamerika. Dies war auch bedingt durch die zunehmende Abschließung der westlichen Länder gegen die jüdische Einwanderung. Bekannt ist die Irrfahrt der "St. Louis" mit 937 Juden, denen überall die Landung verweigert wurde. Eine ähnliche Odyssee, allerdings mit glücklicherem Ausgang, findet sich im Bericht der damals 8-jährigen Lilo Holzheim über ihre Dampferfahrt nach Brasilien. Von der tödlichen Gefahr, welche die trotz Visum verweigerte Aufnahme durch den Diktator Vargas heraufbeschwor, ahnte das Kind nichts.
In den von Deutschland inzwischen besetzten Gebieten waren die Juden, die sich zunächst gerettet glaubten, erneut höchster Lebensgefahr ausgesetzt. In Holland war auch der Frankfurter Jachin Simon wieder in den Machtbereich der Gestapo gelangt. Nach der deutschen Besetzung betreute er vor allem die in Holland verbliebenen Kinder und Jugendlichen und wurde schließlich damit beauftragt, Fluchtwege für sie zu organisieren. Da Frankreich und die Schweiz jüdische Flüchtlinge an Deutschland auslieferten, leitete er die Transporte nach Spanien. Auf einem dieser Wege verhaftete ihn die holländische Polizei. Um der Auslieferung an die Gestapo zuvorzukommen, wo er womöglich unter der Folter Mitstreiter hätte verraten können, nahm er sich am 23. Januar 1943 im Gefängnis das Leben.
Mehr Glück hatten die Flüchtlinge in Dänemark, insgesamt etwa 1500. Dänemark hatte in großzügiger Weise jungen deutschen Juden schon in den 30er Jahren Arbeitsstellen bei Bauern angeboten. Von dieser Möglichkeit machten auch mehrere Frankfurter Gebrauch. So ging schon 1935 Susi Pincus mit anderen Jungen und Mädchen nach Dänemark auf "Einzelhachschara". Zu Kriegsbeginn befanden sich von den Frankfurtern noch die Söhne von Arnold Naftaniel und Max Berlowitz in Dänemark. Dort lebten damals etwa 8000 Juden. Als im Oktober 1943 auch die dänischen Juden deportiert werden sollten, gelang es dank gezielter Warnung von deutscher Seite der dänischen Widerstandsbewegung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, mit Fischerbooten 7200 Juden zu retten. Nur etwa 500 konnten noch verhaftet werden. Auch diese wurden aufgrund der energischen Proteste von dänischer und schwedischer Seite schließlich geschont. Zu den mit Fischerbooten Geretteten gehörten auch Herbert Naftaniel und Eugen Berlowitz aus Frankfurt.
Inzwischen erfüllte sich auch das Schicksal der letzten noch in Frankfurt verbliebenen Juden. Einige jüdische Frauen aus dem Altersheim, die in den ersten Kriegsjahren starben, wurden noch im Kriege auf dem jüdischen Friedhof in der Dammvorstadt beigesetzt. Der nichtjüdische Friedhofsgärtner Billerbeck beerdigte die Toten nach jüdischem Ritual mit den entsprechenden Gebeten, die er als langjähriger Augen- und Ohrenzeuge beherrschte. Die letzten "Volljuden", die nicht durch "arische" Ehepartner geschützt waren, wurden in zwei Transporten, im August 1942 24, im Juni 1943 noch 3 Personen, nach Theresienstadt deportiert. Von diesen sind nur zwei zurückgekehrt.
Damit rundet sich das Schicksal der Frankfurter Juden in der NS-Zeit zu einer Geschichte von extremen Tiefen und Höhen menschlichen Verhaltens. Superlative nutzen sich hier rasch ab. Jeder Schritt, den ich in Israel oder London in die Häuser der einst Verfolgten tat, führte zu Begegnungen mit tüchtigen und erfolgreichen Menschen, die sich aus dieser so unendlich entwürdigenden und erniedrigenden Situation Wege in eine neue Zukunft gebahnt haben. Mit Menschen, die sich nicht in Hass verzehrten, sondern dem Besucher aus dem Land, das ihnen so Schlimmes angetan hat, in der Regel mit freundlicher Offenheit begegneten.
Letztlich haben sie auch für die gesprochen, die nicht mehr reden können, von denen nicht einmal Gräber geblieben sind. Ich möchte dieses Vorkapitel nicht schließen, ohne auch an diese oft alten und hilflosen oder auch ganz jungen Menschen zu erinnern, denen der Ausweg verschlossen blieb. Angesichts dieses Geschehens ist alles Gerede von „Wiedergutmachung“ oder „Verzeihung“ ebenso hohles Geschwätz wie die Forderung nach einem "Schlussstrich". Das Geschehene kann nicht wieder gut gemacht, den Schuldigen kann kein Lebender verzeihen. Wenn wir eines tun können, so dies, die Schicksale nie in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese Verpflichtung gilt auch für die Generationen derer, die persönlich keine Schuld auf sich geladen haben.
Die Kontrahenten. Ignaz Maybaum und Hermann Gerson
Alisa Jaffa, Memories of my Father, in Nicholas de Lange, Ignaz Maybaum – A Reader, New York/Oxford 2001.
Ignaz Maybaum wurde 1897 in Wien geboren, im gleichen Jahr, als in Basel der erste Zionistenkongress stattfand. Sein aus Ungarn stammender Vater betrieb eine Schneiderwerkstatt im 9. Distrikt. Dort besuchte Maybaum auch das Gymnasium. Moderne Fremdsprachen, wie Englisch, gehörten nicht zum Programm; eine Schulregel verpflichtete die Schüler, in den Pausen Griechisch zu sprechen. Nach dem Abitur meldete Maybaum sich zur Armee, wurde im 1. Weltkrieg Leutnant der Kavallerie und erhielt drei Tapferkeitsmedaillen, eine davon persönlich von Kaiser Franz Joseph. Eine Gelbsucht beförderte ihn ins Lazarett und rettete ihm das Leben, denn seine Kompanie wurde in der Zwischenzeit fast völlig aufgerieben. 
Nach seiner Entlassung 1919 entschloss er sich, Rabbiner zu werden. Das Erste, das er im Seminar in Wien zu sehen bekam, war das Schaubild einer Kuh mit Markierung der koscheren und nicht-koscheren Anteile. War das die Essenz des Rabbinertums? Maybaum hielt nichts von der in Österreich vorherrschenden traditionellen Orthodoxie. Jedenfalls verließ er bald Wien und ging nach Berlin an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.
In Berlin wohnte er bei seinem Onkel, Siegmund Maybaum, der selbst an der Hochschule Homiletik (Predigtlehre) unterrichtete. Der Onkel war als Prediger und Gelehrter angesehen und ein entschiedener Gegner des Zionismus. Im Haus des Onkels traf Maybaum seine spätere Frau, Frances Schor, damals ein 16-jähriges Schulmädchen. Er heiratete sie 1925, als er nach abgelegtem Examen seine erste Stelle in der Gemeinde von Bingen am Rhein antrat. Von hier aus wurde er 1928 nach Frankfurt/Oder berufen.
Die Machtergreifung Hitlers bedeutete einen tiefen Einschnitt. Bei einer Konferenz von jüdischen Honoratioren Ende 1935 wurden Bemerkungen Maybaums über Hitler von einem der Teilnehmer weitergegeben. Die Gestapo verhaftete ihn prompt wegen staatsschädigender Äußerungen und hielt ihn sechs Wochen im Berliner Columbia-Haus fest. Einmal wurde er zur Einschüchterung vor ein Hinrichtungspeleton gestellt. Nach öffentlichem Druck, auch durch die ausländische Presse, ließ man ihn schließlich ohne Prozess und Urteil frei.
In Frankfurt profilierte sich Maybaum als entschiedener Gegner des politischen Zionismus in Reden und Buchveröffentlichungen. Seiner Auffassung nach sollten Juden ihren Platz in Deutschland nicht aufgeben. 1936 wurde er zum Gemeinderabbiner von Berlin berufen. Seine Predigten dort erfuhren großen Zulauf. Inzwischen aber hatten sich die Bedingungen für die jüdischen Gemeinden verschlechtert. Jüdische Studenten konnten nicht länger die Universitäten besuchen. Als Ausgleich nahmen viele junge Leute jüdische Studien auf. Maybaum unterrichtete Klassen dieser Studenten in rabbinischer Lehre.
In der Pogromnacht im November 1938 entging er nur mit Glück der erneuten Verhaftung. Um von der Gestapo nicht zu Hause angetroffen zu werden, ließ er sich nächtelang von einem befreundeten Rabbiner durch die Vorstädte Berlins chauffieren, bis sich die Lage beruhigt hatte. Nach dieser Erfahrung war auch Maybaum zur Emigration bereit. Sein Plan, nach New York überzusiedeln, war wegen der US-Einwanderungsbeschränkungen nicht zu verwirklichen. Auf Empfehlung des Chief Rabbi von London, J.H. Hertz, erhielt er jedoch ein Visum für England. Der neunjährige Sohn Michael ging noch vor den Eltern mit einem Kindertransport dorthin. Die Eltern folgten mit der dreijährigen Tochter Alisa im März 1939. Maybaums jüngerer Bruder war bereits 1938 nach Palästina ausgereist, seine Eltern und Schwestern aber blieben im Land und sollten später der Nazi-Verfolgung zum Opfer fallen.
Bei seiner Ankunft in London sprach Maybaum kein Englisch. Er wurde daher zunächst als Prediger der deutschsprachigen Gemeinde in Hampstedt eingesetzt. Bald nach Kriegsbeginn begann man auch die deutschen Flüchtlinge pauschal als „feindliche Ausländer“ anzusehen und von der Polizei zu internieren. Maybaum entzog sich der Verhaftung mit der gleichen Taktik wie in Berlin. Da die englische Polizei, im Gegensatz zur deutschen, stets tagsüber kam, verbrachte er die Tage in der örtlichen Bibliothek mit Zeitungslesen. So entging er der Internierung und erwarb nebenbei seine Englischkenntnisse.
Von 1941-1945 unterrichtete er jüdische Flüchtlingskinder in einem Internat in Hindhead. Trotz der eingeschränkten Lebensumstände fanden sich häufig Gäste am Tisch des Hauses ein, Kollegen, Schüler und Studenten. Die Tochter erinnert sich an häufige und hitzige politische Diskussionen. 1948 übernahm Maybaum die Stelle des Rabbiners in der Gemeinde der Edgware&District Reform Synagogue, ab 1956 unterrichtete er vergleichende Religionsgeschichte, Theologie und Homiletik am Jewish Theological Seminary in London. Generationen von Rabbinerstudenten wurden dort durch ihn geprägt. 1957 berief ihn die Universität Frankfurt/Main für ein Semester als Gastdozent. Nur in Israel wurde ihm wegen seiner antizionistischen Haltung die Ehre einer Einladung nicht zuteil.
Ignaz Maybaum starb 1976 in London. Seitdem ist seine Bedeutung als Theologe, insbesondere als Theologe der Schoah noch gewachsen, kein Fachbuch kann ihn verschweigen8. Sein Vermächtnis an die Nachwelt sind, neben zahllosen Artikeln in Zeitschriften, zwölf Buchveröffentlichungen zu Problemen, die sich zwischen Theologie, Philosophie und jüdischen Lebensfragen bewegen und die Gedankenwelt und inhaltliche Ausrichtung seiner Lehren verdeutlichen. Maybaum vertrat einen der zwei Pole in der teilweise erbitterten Auseinandersetzung zwischen den Verfechtern der zionistischen Idee und denen, die die Berufung in der Diaspora sehen. Bei aller Anerkennung des Idealismus der zionistischen Pioniere in Palästina glaubte er die jüdische Zukunft in den Gemeinden der Diaspora besser gewährleistet - trotz Unterdrückung und Verfolgung.
Hermann Gerson: Eine Jugend in Deutschland, unveröffentlichte Autobiographie 1970.

Die entgegengesetzte Position vertrat Hermann Gerson, 1908 in Frankfurt geboren. Er besuchte dort das Friedrichsgymnasium, machte 1926 Abitur und ging dann zum Studium nach Berlin. Zunächst studierte er Jura, dann Philosophie und Psychologie an der Humboldt-Universität. Ebenso wie Maybaum einige Jahre vor ihm besuchte auch er die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. 1932 erwarb er den Doktorgrad der Philosophie.
Seit seinem 18. Lebensjahr leitete Gerson die Frankfurter Ortsgruppe der "Kameraden", einem Verband jüdischer Wander-, Sport- und Turnvereine9. Zwei Jahre später war er zum Bundesführer aufgestiegen. Die "Kameraden" wollten die religiösen und sittlichen Werte des Judentums mit der deutschen Geistes- und Gemütswelt verknüpfen. Sie bekannten sich zum deutschen Volkstum und bekämpften ebenso den Antisemitismus wie alle nationaljüdischen Bestrebungen. Zwischen deutschem Vaterland und deutscher Kultur und der Besinnung auf ihre jüdische Herkunft strebten sie danach, einen neuen Menschentyp zu schaffen. Sie fügten sich damit nahtlos in die vielseitige Umwelt der deutschen Jugendverbände in den 1920er Jahren ein.
Die "Kameraden" waren jedoch in der jüdischen Gemeinde umstritten. Der Frankfurter Rabbiner - Ignaz Maybaum - wetterte von der Kanzel herab gegen den Jugendverführer Gerson und rief die Eltern zum Widerstand auf. Infolge der politischen Entwicklung in Deutschland kam es 1932 zur Spaltung. Deutschnational gesinnte Mitglieder gründeten das "Schwarze Fähnlein", eine radikal linke Abspaltung bildete die "Freie deutsch-jüdische Jugend", und der Großteil der "Kameraden" tat sich unter Führung Gersons zum Bund der "Werkleute" zusammen. Sie wählten ihren Namen nach einem alten Spruch des Rabbi Tarphon: "Der Tag ist kurz, das Werk ist groß".
Die "Werkleute" erstrebten die Herausbildung eines jüdischen Menschentyps im Sinne des Zionismus. Kurz nach Hitlers Machtübernahme beschlossen sie, ihre Ausbildungen und Berufe aufzugeben und einen Kibbuz zu gründen - eine radikale Entscheidung, die in der Folge manchen das Leben kosten, vielen aber das Leben retten sollte. Ein Kibbuz ist eine in Palästina entstandene neue Art der Gemeinschaftssiedlung, eine zumeist ländliche Genossenschaft mit kollektivem Landeigentum und basisdemokratischen Strukturen. Nachdem er mehrmals von der SA verhaftet und misshandelt wurde, begann Gerson Gelder für die Auswanderung zu sammeln.
Die britische Mandatsbehörde gab nur eine begrenzte Zahl von Visa für Palästina aus. Man konnte als "Kapitalist" oder als "Arbeiter" immigrieren. Als Arbeiter musste man eine landwirtschaftliche Ausbildung nachweisen, als Kapitalist benötigte man tausend englische Pfund (nach heutigem Wert ca. 50.000 EUR). Die erste Gruppe der Werkleute wanderte 1933 als "Kapitalisten" aus. Gerson folgte mit einer weiteren Gruppe ein Jahr später, um im Tal von Megiddo in Nordpalästina den Kibbuz Hasorea ("Der Sämann") aufzubauen.
Nach ihrer Ankunft waren die Einwanderer mit einer primitiven und grausamen Wirklichkeit konfrontiert. Wer heute durch Israel fährt, erlebt grüne Landschaften; in Palästina der 1930er Jahre erwarteten den Einwanderer kahle Einöden, ein mörderisches Klima, schwerste körperliche Arbeit. Manche der Pioniere erlagen kurz nach der Ankunft Typhus, Fieber und Erschöpfung. Intellektueller Scharfsinn und theologische Argumentation waren nicht mehr gefragt, ganz andere Führungsqualitäten als in Deutschland waren erforderlich. Als Doktor der Philosophie tat Gerson sich schwer.
Zunächst galt es, Land für den Kibbuz zu erwerben. Der Boden gehörte stets einem Emir, einem arabischen Großgrundbesitzer, der in Beirut saß oder in Paris. Auf dem Land lebten nur seine Arissim, die Pächter mit ihren Familien. Sie beackerten den kargen Boden mit Holzpflügen. Vom Ertrag hatten sie zwei Drittel an den Emir abzuliefern. Beim Kauf von Land mussten per Gesetz alle Pächter abgefunden und ihnen neue Parzellen zugewiesen werden. So zog sich der Landkauf für den Kibbuz Hasorea jahrelang hin.
Schließlich besaßen die Pioniere einen schmalen Streifen Land und ein paar verstreute Felder. Die Urbarmachung erwies sich als schwierig. Sie hatten kaum Erfahrung in der Landwirtschaft. Die Felder waren großenteils Sümpfe. Das Kapital war schnell aufgebraucht. Teilweise mussten sich die Kibbuzniks als Lohnarbeiter verdingen. Kurz, die wirtschaftliche Situation war ein Desaster. Um Geld zu beschaffen, musste Gerson tief in die Trickkiste greifen. Er eröffnete Konten bei mehreren Banken und stellte wechselweise Schecks auf sich selbst aus, die er dann einlöste und das Geld sofort abhob. Mit diesem Schneeballsystem wurde auch der Kauf eines 22-PS-Traktors finanziert. Andere Kibbuzim arbeiteten mit ähnlichen Methoden. Als die Finanzierung schließlich platzte, griff die Jewish Agency ein und konsolidierte die aufgelaufenen Schulden durch Umwandlung in langfristige Kredite. Ende der 1940er Jahre stand der Kibbuz auf eigenen Beinen. Die landwirtschaftliche Grundlage wurde mit der Zeit ergänzt durch eine Möbelfabrik und eine Produktionsanlage für Polyäthylenfasern. Zu den deutschen Gründern kamen bald Gruppen von Juden aus Bulgarien und Syrien hinzu.
Hermann Gerson hat mit seinen "Werkleuten" einen erheblichen Teil der jüdischen Jugend Frankfurts - und mitunter auch deren Eltern - nach Palästina geführt und damit gerettet. Er blieb bis an sein Lebensende Mitglied des Kibbuz Hasorea. Ab 1938 kümmerte er sich im Auftrag des Kibbuzverbands um die Erziehung und Ausbildung junger Kibbuzniks. 1940 wurde er Sekretär der Erziehungsabteilung, 1942 auch Mitglied der Exekutive. Er hielt Vorlesungen am Kibbuz-Seminar in Tel Aviv. In London hat er 1960 noch einmal ein Sabbatical, ein Studienjahr, an der School of Economics verbracht und im Bereich der Sozialpsychologie geforscht. 1965 gründete er in Tel Aviv eine eigene Fakultät für Kibbuzerziehung und leitete sie bis zu seiner Entpflichtung 1974. Gerson starb am 14. April 1989 in Hasorea und wurde ebendort beigesetzt.
Schleichende Entwurzelung. Die Geschwister Neumark
Bericht von Ada Brodski, geb. Neumark, in Jerusalem am 5. 11. 1995
Meine Eltern waren vollkommen in der deutschen Kultur verwurzelt. Mein Großvater mütterlicherseits, Max Bernhard, kam aus dem Burgenland, aus Eisenstadt, nach Posen, wo er meine Großmutter, Fanny Friedländer, heiratete. Er hatte dort einen Weinkeller und ein Weingeschäft. Die Großeltern väterlicherseits waren Kaufleute in Posen. Woher der Name Neumark stammt, weiß ich nicht. Es kam vor, dass ein Lehrer mich als Beispiel für einen guten deutschen Namen aufrief und dann entsetzt war, als sich herausstellte, dass ich jüdisch war.
Meine Eltern haben nach dem ersten Weltkrieg in Posen geheiratet. Mein Vater hat dort als Kinderarzt praktiziert. Meine Mutter war Sängerin, hat aber um der Familienpflichten willen auf eine Konzertkarriere verzichtet. Um 1920 verließen meine Eltern Posen, wie alle Mitglieder unserer weitverzweigten Familie, weil sie auf keinen Fall auf ihr Deutschtum verzichten und Polen werden wollten. Sie gingen nach Frankfurt, wo schon andere Familien aus Posen lebten, die Hirschbergs, die Nehabs. Man wuchs damals in richtigen Clans auf, Großfamilien, die alle möglichen Vettern, Cousinen, Onkels und Tanten, auch 2. und 3. Grades, einschloss, und traf sich häufig zu Familienfesten mit Aufführungen, Konzerten und Liedern.
Mein Vater war als Kinderarzt sehr beliebt. Er hatte eine große nichtjüdische Kundschaft. Im städtischen Krankenhaus leitete er die Säuglingsabteilung. Er hat auch unterrichtet und Kurse für Schwestern und Krankenpfleger gegeben. Ich erinnere mich, dass wir Kinder zweimal im Jahr Rechnungen für die Krankenkasse austragen mussten. Dadurch kannte ich die Stadt recht gut. Bei den vielen Besuchen meines Vaters in den Arbeitervierteln der Stadt - besonders der Dammvorstadt, wo es viel Armut gab - nahm er mich oft mit, damit ich "das Leben kennen lerne". Noch Ende 1933, als die neuen Machthaber die "Winterhilfe" veranstalteten, bat die Stadtverwaltung meinen Vater um eine Liste der bedürftigen Mitbürger, und mein Bruder und ich wurden offiziell mit der Verteilung der Lebensmittel an die betreffenden Familien beauftragt. Ob Judenkinder oder nicht, wir wurden dort mit Umarmungen und Dankeshymnen empfangen. Unsere Wohnung mit der Praxis lag am Wilhelmsplatz neben einem Blumengeschäft und dem Café Kyritz. Auf der andern Seite des Platzes, vorbei am Kaiserdenkmal, befand sich die Hardenberg-Loge. Vom Balkon aus konnten wir die Postuhr an der Ecke der Logenstraße sehen, nach der wir immer unsere Uhr stellten. Schräg gegenüber war die große Waldorf-Buchhandlung. In der Richtstraße trafen wir uns oft bei Luigi's Eisdiele. Für 10 Pfennig bekam man ein Eis im Glas. Unsere Eltern durften nichts davon wissen. Einmal kam ich dorthin, und da saß mein Bruder. Ich hatte Angst, dass er mich verriet, aber er aß ja auch selbst ein Eis.
Neben uns hatte Hirschberg sein Rechtsanwaltsbüro. Neben der Synagoge wohnte der Kultusbeamte Lapidas, seine Frau verkaufte dort koschere Würstchen. Von der Leihbücherei an der Ecke holte ich mir immer Kriminalromane, manchmal dreimal am Tage. Die deutsche Kultur hat mich als kleines Mädchen geprägt. Ich sehe mich noch in meinem Bett in dem schmalen Raum neben dem Musikzimmer, über mir an der Wand der Sämann von Van Gogh, mit selbstverdientem Geld erstanden, gegenüber das Schulpult, neben dem Bett ein wirres Durcheinander von Büchern - Karl May, Martin Buber, "Der Kampf der Tertia", "Die Buddenbrooks", "Professors Zwillinge", "Wüste und gelobtes Land". Vom Musikzimmer nebenan dringen die Klänge von Schubertliedern herüber, der Mezzosopran meiner Mutter, begleitet von meinem Bruder. Es war wie eine Rückzahlung einer Schuld an meine Kindheit, als ich vor einigen Jahren Übersetzungen dieser Lieder ins Hebräische veröffentlichen konnte.
Von den Nazis wusste ich lange nichts. Ich besuchte seit 1931 die Volksschule, übersprang dort eine Klasse und kam so 1934 in die Sexta des Kleist-Lyzeums. Einmal, wohl 1933 nach der Machtübernahme, bekamen wir die Aufgabe, aus der Zeitung Bilder unserer Staatsführer auszuschneiden. Mein Vater half mir und hat Bilder ausgeschnitten, lauter Bilder von Hindenburg, immer nur Hindenburg. Ich habe gesagt: "Aber wir brauchen auch Hitler!". Er sagte nur: "Nein, Hitler nicht." Ich wollte aber unbedingt das berühmte Bild haben, wo Hindenburg dem Hitler die Hand gibt. Da hat mein Vater die Schere genommen und Hitler abgeschnitten. Die halbe Hand war noch drauf. So hatte ich nur Bilder von Hindenburg und ging sehr unglücklich zur Schule, doch hat sich der Klassenlehrer dann gar nicht für mein Heft interessiert.
Ich erinnere mich auch noch gut an ein besonders unerquickliches Erlebnis zu etwa der gleichen Zeit, in der vierten Klasse der Grundschule. Unser Klassenlehrer war ein schneidiger junger Mann, oft in brauner Uniform, der aber trotzdem die jüdischen Schülerinnen meistens freundlich behandelte. Aber einmal rief er mich während einer Deutschstunde zusammen mit der "reinrassigen" Kriemhild vor die Klasse. Er forderte die Schülerinnen auf, uns genau anzusehen: "Sehr ihr, das ist Kriemhild, ein klassischer germanischer Typ, groß, blond, mit Langschädel, aber etwas langsam im Denken. Daneben Ada, bei der alle Kräfte auf typisch jüdische Art in den Kopf gegangen sind - auf Kosten aller anderen Fähigkeiten, wie ihr an dem verkümmerten Körper deutlich sehen könnt!" Das behagte mir keineswegs, zwar war ich klein, aber eine gute Turnerin, sehr begehrt beim Völkerball und im Hochsprung eine der Besten in der Klasse. Auch Kriemhild war nicht begeistert von der Charakterisierung. In der Pause standen wir auf dem Schulhof und schmollten gemeinsam, sie in ihrer hochaufgeschossenen germanischen Denklangsamkeit, ich in meiner körperverkümmerten jüdischen Intellektualität.
Ich konnte bis zu den großen Ferien 1938 zum Kleist-Lyzeum gehen. Irgendwann war ich die einzige Jüdin in der Klasse. In der Parallelklasse waren noch drei oder vier, die Gumperts, die Lachmann, die gingen etwas früher ab als ich. In der Klasse selbst hatte ich keine Schwierigkeiten, doch blieben Diskriminationen und Einschüchterungen seitens der Lehrer nicht aus. Fräulein Kunze, die feingeistige Direktorin - zur Unterscheidung von einer gleichnamigen Lehrerin "Oberkunze" genannt - verschwand nach der Machtübernahme von der Bildfläche. An ihre Stelle trat ein SA-Mann in Stiefel und Sporn. Bei seinen kurzen Visiten in den Klassen lief es mir kalt den Rücken herunter. Man hörte dauernd die NS-Lieder, viele Mädchen kamen bei uns auch mit BDM-Kluft in die Schule. Wir jüdischen Kinder wurden nicht vom Fahnenappell befreit, sondern mussten teilnehmen, mit an die Seite gepressten Armen, denn wir durften ja nicht mit den andern die Hand heben. Wir durften zwar das Deutschland-Lied, aber nicht das Horst-Wessel-Lied mitsingen. Für uns Kinder war das schwierig. Besser wäre gewesen, man hätte uns ganz befreit. Von den christlichen Andachten waren wir aber dispensiert und durften dann Schularbeiten machen.
In der Deutschstunde gehörte ich jetzt nicht mehr zu den zwei oder drei Erwählten, die ihre Aufsätze der Klasse vorlesen durften. Als einmal der Musiklehrer fragte, wer bereit sei, ein Gesangstück vom Blatt zu singen, und ich mich meldete, rief er entrüstet: "Was, keine einzige in der ganzen Klasse?" Da bekam er es aber mit meinen Mitschülerinnen zu tun, die ihn energisch auf meine erhobene Hand aufmerksam machten. Ich denke öfter und mit Gefühlen des Dankes an all diese blonden Mädchen in ihren Jungmädelblusen, die sich ohne viel Überlegung, aus spontanem Gefühl für Recht und Unrecht, auf meine Seite stellten – an meine Freundin Marianne, das freundliche Ilschen Schäfer, das kohlschwarzzopfige Mohrchen, die sanfte Ruth Bunge, die aristokratische Ingeborg Hermsmayer oder die temperamentvolle Annelore Maushacker, die Tochter des Chefredakteurs der Oder-Zeitung. Nie habe ich ein beleidigendes Wort von einer von ihnen gehört. Einige kamen nach wie vor zu mir nach Hause, um gemeinsam Schularbeiten zu machen, Bücher zu tauschen oder einen Kanon zu singen. Die hübsche Alice Wolf mit dem Bubikopf stand jeden Morgen zum gemeinsamen Schulweg vor unserm Haus. Ihr Bruder, ein hünenhafter Hitlerjugendführer, trat als Beschützer des meinen auf, indem er rassebewusstere Mitschüler des Friedrichsgymnasiums strengstens verwarnte, sich an ihm zu vergreifen.
Prüfungen für uns waren demgegenüber die Anpöbelungen auf der Straße. Ich habe noch eine Narbe an der Stirn von einem solchen Vorfall. Als ich einmal die Straße entlang ging, marschierte eine HJ-Abteilung mit Fahne vorbei. Da sprangen ein paar Jungen auf mich zu und stießen mich gegen die Wand, weil ich die Fahne nicht gegrüßt hatte. Als Jüdin durfte ich aber die Fahne gar nicht grüßen, im Gegensatz zu "deutschen" Mädchen. Ich habe furchtbar geblutet.
Schon 1933 wurde mein Vater als Leiter der Säuglingsstation entlassen. Auch die Krankenkasse bedurfte seiner Dienste nicht mehr. Bei immer schwächer werdender Privatpraxis wurde das Verdienen des Lebensunterhalts für die vierköpfige Familie immer mehr zum Problem. Als mein Vater keine nichtjüdischen Patienten mehr hatte, gab meine Mutter Englisch-Kurse. Die ganze Gemeinde hat bei ihr Englisch gelernt, sie wollten ja alle auswandern. Meine Mutter musste die Lektionen vorher erst selbst lernen, war den Schülern immer gerade eine Lektion voraus.
Wir haben auch ein Zimmer an einen nichtjüdischen Geigenlehrer vermietet. Er war entschiedener Antinazi und hat bis zum Sommer 1938 in diesem Zimmer in unserer Wohnung Geigenstunden gegeben. Eines Tages kam er dann zu meinen Eltern und eröffnete ihnen, dass er nicht mehr bei ihnen unterrichten dürfe. Er bat sie um Verständnis, er sei ganz außer sich, aber er hätte große Schwierigkeiten, die Schüler durften nicht mehr kommen. Bis dahin konnte auch die Klavierlehrerin noch in unser Haus zum Unterricht kommen, auch das war nun nicht mehr möglich. Auch sie musste uns absagen, es tat ihr schrecklich leid.
Mein Vater gehörte dem Vorstand der jüdischen Gemeinde an. Daneben war er auch in der Hardenberg-Loge tätig. Dies war eine jüdische Loge, die nach dem Verbot der anderen Logen noch fortbestand. Sie befand sich in einem schönen Gartenhaus am Wilhelmsplatz. Wir hatten dort auch unsere Heimabende von den "Werkleuten". Wir haben dort einen Chor gehabt und viel Musik gemacht. Während der Versammlungen kam mitunter ein SA-Mann und kontrollierte. Wir waren jedoch informiert, worüber wir dann zu sprechen hatten, und was wir zu singen hatten. Das Thema wurde sofort gewechselt.
Wir sind schon als junge Mädchen zu den "Werkleuten" gegangen, die aus den "Kameraden" hervorgegangen waren. Mein Bruder, der drei Jahre älter war, gehörte schon lange dazu. Die "Kameraden" waren noch in keiner Weise zionistisch ausgerichtet, sie standen dem Wandervogel nahe, veranstalteten Heimabende, hatten Lager, sangen Landsknechtslieder wie die andern deutschen Bünde. Der Wandervogel wurde jedoch zunehmend antisemitisch. Daher waren rein jüdische Wanderbünde gegründet worden. Die "Werkleute" waren bereits zionistisch ausgerichtet, Martin Buber hat sie stark beeinflusst. Sie sorgten auf die bestmögliche Weise für die Stärkung unseres Selbstbewusstseins. Wir pilgerten sonntags hinaus zu einer Wiese im Eichwald, hielten Völkerballturniere ab, sangen Landsknechts- und hebräische Pionierlieder durcheinander, saßen im Kreise auf dem Gras, im Schneidersitz, diskutierten über die Weltprobleme, den Chassidismus und die Kibbuz-Bewegung. Wenn wir durch die Wälder radelten, immer auf der Hut, zu zweit oder zu dritt, um nicht Aufmerksamkeit zu erregen, träumten wir von der judäischen Wüste, den Bergen Galiläas und der wunderbaren Freiheit, die uns dort erwartete. Wir fühlten uns inzwischen als Fremde in dem Land unserer Geburt, das so sehr darauf aus war, uns loszuwerden.
Gleichzeitig mit den wachsenden Einschränkungen und Schikanen der Nazi-Zeit intensivierte sich das kulturelle Leben. Da zahllose jüdische Künstler entlassen waren und sozusagen auf der Straße lagen, konnten sie nur noch im eigenen Rahmen wirken. So erschienen jetzt in unserer Provinzstadt angesehene Musiker, Schauspieler und Schriftsteller, um im Saal der Hardenberg-Loge, und nach der Beschlagnahme dieses schönen Hauses in dem nüchternen Gemeindesaal über der Synagoge ihre Kunst darzubieten. Alle wurden in unserm Haus empfangen, dort wurde musiziert, rezitiert, diskutiert, und so konnte man immer etwas Neues hören und erleben. Meine Eltern führten ein offenes Haus, es gab viel Geselligkeit. Hausmusik wurde veranstaltet, meine Mutter hat gesungen. Ich wurde als unentbehrliche Notenumblätterin in diesen Kreis hineingezogen und hatte meinen Anteil an dem Applaus für die Klaviervirtuosen. Wesentlicher war allerdings der Beitrag meines Bruders, der sich als Begleiter, Solopianist und sogar als Komponist hervortat. Sein erster größerer Auftritt erfolgte bei den Kinderszenen von Schumann, diesen Tondichtungen von den Freuden und Leiden, Ängsten, Grübeleien und Träumen einer heilen Kindheit. Eben der, die unsere Eltern für uns geplant hatten, bevor ein böser, mächtigerer Wille eingriff.
Aus dem Sprechzimmer meines Vaters hörte man immer seltener Babygeschrei, manchmal verstummte es für ganze Stunden, besonders, wenn der SA-Mann auf der Straße patrouillierte und jeden, der mit einem Kind ins Haus trat, nach Namen und Anliegen fragte. Die wenigen, die der ruhigen Autorität meines Vaters zuletzt noch die Treue hielten, kamen oft erst nach Anbruch der Dunkelheit oder baten ihn telefonisch um einen abendlichen und nächtlichen Besuch. Meine Mutter, von Jugend auf zionistisch orientiert, drängte auf Auswanderung nach Palästina. Mein Vater pflegte auf schlimme Geschichten stets mit dem Ausspruch zu reagieren: "Das glaube ich nicht!"- In der Emigration - und die Alijah, der "Aufstieg" ins Land Israel war für ihn nichts anderes - sah er nichts als ein Kapitulieren, ein fatales Akzeptieren des Sieges des Bösen über das Gute. Seine Gäste führte er nach wie vor in die alten Frankfurter Messehäuser, zum Geburtshaus von Heinrich von Kleist, zeigte ihnen das Kunersdorfer Schlachtfeld oder den exotischen Baum, Gingko biloba, den er in den Anlagen entdeckt hatte, und deklamierte dazu das Gedicht, das Goethe einst bei der Betrachtung eines Baumes dieser Art in Heidelberger Schlosshof niedergeschrieben hatte.
Doch war meine Kindheit keine glückliche. Nicht wegen des sich immer mehr verfinsternden Himmels, denn was wusste ich schon von dem Grauen, das in der Zukunft wartete, sondern weil über ihr die große, schwarze Wolke des Abschieds lag. Mein Vater hatte beschlossen, nicht auszuwandern. Andere, viele nahe Verwandte und Freunde, entschieden sich anders. Häuser, in die wir gewohnt waren einzutreten, wurden zu abweisenden Fassaden. Um den Weggezogenen in ihre neuen Wohnorte zu folgen, mussten wir, neben der Palästina-Karte, Knaurs großen Weltatlas zu Rate ziehen. Oft bedurfte es der Wanderung über mehrere Länder, um die verstreuten Mitglieder einer bis vor kurzem noch glücklich vereinten Familie aufzufinden.
Hirschbergs waren die ersten, die weggingen, schon 1933, ohne zu zögern. Onkel Josef und Tante Else, wie wir sie nannten, waren die besten Freunde unserer Eltern gewesen. Onkel Josef besaß ein Riesengrundstück mit Garten, Wiese und Wald am Rande der Stadt, ein Paradies unserer Kindheit, bald ein verlorenes Paradies. Damals war Traudchen Lapidas noch da, die unzertrennliche Gefährtin meiner frühen Kindheit, die Tochter des Kultusbeamten der jüdischen Gemeinde. Unter seinen verschiedenen Ämtern und Pflichten fiel ihm auch die Aufgabe zu, an den hohen Feiertagen den Schofar, das uralte Widderhorn, zu blasen. In den letzten Monaten vor ihrer Abreise waren wir sehr aktiv. Ich schrieb Geschichten, sie illustrierte sie und band sie ein, und dann verkauften wir sie für teures Geld an wohlmeinende Bekannte, eine Mark oder 1,50 pro Buch. Dann ging sie mit ihren Eltern nach Palästina, und ich schloss mich für eine Woche in mein Zimmer ein und war für niemanden zu sprechen.
In den ersten Jahren predigte unser Rabbiner, Ignaz Maybaum, der angesehene und autoritäre Seelsorger unserer Gemeinde, noch gegen die Kleingläubigen, die nicht standhalten wollten. Eines Tages verschwand aber auch er, zunächst nur ins Gefängnis, und wir mussten uns für seinen kleinen Sohn Mischa alle möglichen Ablenkungen ausdenken, damit er nicht zu oft nach seinem Vater fragte. Irgendwann packte auch er seine Siebensachen, nahm seine Frau, den krausköpfigen Mischa und das Baby, und suchte das Weite.
Im Laufe der Zeit wurde es eine Gewohnheit, auf den Bahnhof zu gehen, wenn jemand abfuhr. Wir winkten, bis der Zug außer Sicht war, dann gingen wir nach Hause und brüteten. In den letzten zwei Frankfurter Jahren, 1937/38, hatten alle unsere großen Brüder und Schwestern von den "Werkleuten" die Stadt verlassen. Wir elf- bis dreizehnjährigen Jungen und Mädchen versuchten, unsere Verwaistheit mit gesteigerter Aktivität zu verdrängen. Führerlos zurückgeblieben mussten wir uns nun selbst führen, auch nach außen hin. In bestimmten Abständen musste ich mich als kleines Mädchen mit Pony und Stupsnase, doch "Ortsgruppenleiterin der Werkleute", bei der Kriminalpolizei melden. Das war immer ein allgemeines Gaudium, und keiner von den jovialen Beamten sprach anders mit mir als mit amüsiertem Augenzwinkern.
Anders war es bei der Gestapo, wohin ich einmal, mitten aus der Geschichtsstunde heraus, abgeholt wurde - zum Entsetzen meiner Mitschülerinnen. Man brachte mich in einen großen kahlen Raum. Dort traf ich eine Reihe von Bekannten, alles ältere Herren, die irgendwelche öffentlichen Ämter in der jüdischen Gemeinde bekleideten. Wir mussten uns alle mit dem Gesicht zur Wand stellen, sehr lange, ohne dass etwas geschah. Ich sah, wie dem alten Herrn neben mir die Knie zitterten und sein Körper hin und her zu schwanken begann. Irgendwann fing eine Stimme hinter uns zu schreien an, zu toben, zu fluchen, zu drohen. Ich verstand nichts, war nur beschäftigt mit der Frage, ob ich den alten Herrn auffangen sollte, wenn er umfiel, oder feige an der Wand stehen bleiben würde. Aber irgendwann war alles zu Ende. Wir durften den Raum verlassen, vorbei an dem Schreier, der unseren Auszug mit bösen Augen verfolgte. Keiner hatte Hand an mich gelegt, aber der Ton, den man mir gegenüber anschlug, das unsinnige Geschimpfe, Gebrüll und die offene Drohung, das Theater, das man inszenierte, hätte mich trotz aller Naivität damals schon lehren müssen, was sich da vorbereitete. Doch ich erzählte niemandem ein Sterbenswörtchen.
Als auch mein Vater endlich erkannte, dass sein Glaube an das "gute" Deutschland verfehlt war, wandte er seine ganze geistige und seelische Kraft der neuen Heimat zu, dem Land Israel. Wenn er etwas tat, tat er es ganz. Er erweiterte seine hebräischen Sprachkenntnisse, las die Bibel mit Hilfe der Buber-Übersetzung, versuchte sich an neuhebräischen Schriftstellern und Dichtern wie Agnon und Bialik, beschäftigte sich mit Geografie und Geschichte von Palästina und vertiefte sich in die Briefe von Freunden und Verwandten, die von den Schwierigkeiten erzählten und den Bemühungen, mit ihnen fertig zu werden. Betrüblich an der neuen Orientierung war nur, dass sie zu spät kam. Infolge der gespannten Lage hatten die britischen Behörden die Einwanderungspolitik geändert. Es gab nur noch eine begrenzte Zahl von Zertifikaten, hauptsächlich für Jugendliche und für Kapitalisten. Meinen Eltern aber war es aber unmöglich, nach fünf Jahren Hitlerregierung noch die verlangten 1ooo Pfund aufzubringen.
Im Spätsommer 1938 erhielt ich jedoch aus Berlin ein Auswanderungszertifikat für die Jugend-Alijah. In der Jüdischen Rundschau für Kinder war eine Geschichte von mir gedruckt worden, dafür gab mir die Jugendhilfe ein Stipendium für das Kinderdorf Ben Shemen, das für drei Jahre galt. Ich war damals dreizehn Jahre alt. Als meine Mutter mich bei dem Direktor des Lyzeums abmeldete, sah er sie ungläubig an: "Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie ein dreizehnjähriges Kind ohne Eltern in die weite Welt schicken?" "Was schlagen Sie denn vor, Herr Direktor?" fragte meine Mutter. Der Direktor schwieg.
Am letzten Schultag vor dem Abschied kam meine Freundin Ingeborg auf mich zu und sagte: "Ich wünsche dir viel Glück, aber glaube mir, es ist gut, dass du uns verlässt. Denn die Kluft, die uns voneinander trennt, ist wohl doch nicht zu überbrücken". "Ja, da wirst du wohl recht haben", antwortete ich. Am Tag, bevor ich Frankfurt für immer, wie ich glaubte, verließ, an einem der letzten Septembertage, nahm ich mit meinem Bruder auf einem Spaziergang durch die Anlagen Abschied. In Frankfurt war damals schon niemand mehr von meinen früheren Freunden. Alle waren entweder schon ausgewandert oder zeitweilig nach Berlin gezogen.
Zunächst fuhr auch ich nur nach Berlin. Ich meldete mich bei der Jugendhilfe in der Meineke-Straße. Dieser Komplex beherbergte alle möglichen zionistischen Institutionen. Zunächst wurden wir auf einem Gut unweit von Berlin auf unsere neue Zukunft in Palästina vorbereitet. Wir arbeiteten in Haus, Garten und Feld, lernten Hebräisch, sangen und tanzten palästinensische Volkstänze und diskutierten das Blaue vom Himmel herunter. Als das Lager zu Ende war, enthüllte man uns, dass für uns fünfzig Kinder nur 25 Zertifikate bereit lagen. Die Leiter des Lagers, junge Leute von 21, 22 Jahren, mussten entscheiden, wer fuhr und wer blieb. Zu ihrem Glück wussten sie damals nicht, dass sie über Tod oder Leben zu beschließen hatten. Nachher ging alles sehr schnell. Jetzt war ich diejenige, die am Anhalter Bahnhof im Zuge saß, und die andern standen unten am Fenster. Mein Bruder Alfred reiste einen Monat später aus, er bekam ein Studentenzertifikat für die Musikschule in Jerusalem, die damals gegründet worden war. Gleich nach seiner Abfahrt kam die "Kristallnacht".
Ich fuhr auf dem Schiff zusammen mit der verwitweten Frau Aronheim und deren beiden jüngeren Söhnen Hermann und Peter nach Palästina. Als knapp Vierzehnjährige kam ich in ein neues Land - kein fremdes, denn ich hatte ihm schon jahrelang entgegengeträumt. Dennoch war alles anders, das Licht, die Farben, Gerüche, Stimmen, Gesichter, man aß andere Speisen, kleidete sich anders, las andere Bücher. Bäume und Blumen hatten keine Namen, und die neue Sprache reichte trotz der jahrelangen Studien nur für gerade das Allernötigste. Ich stand vor der Frage, ob ich, um dieses Neue und Fremde mir anzueignen, all das bisschen Wissen, das ich von meinem ersten Zuhause mitgebracht habe, hinter mich werfen, es vergessen, mit der Vergangenheit brechen muss.
An den ersten Tag im neuen Land erinnere ich mich noch ganz genau. Am Abend unserer Ankunft gab es Schießereien, das Land war unruhig, die Fahrt vom Hafen zum Jugenddorf Ben Schemen legten wir in einem gepanzerten Wagen zurück. Einige der jüngeren Lehrer waren gegen Angreifer ausgezogen, wir lagen mit unseren neuen Gefährten im Dunkeln auf dem Fußboden und zitterten um ihre Sicherheit. Aber als uns die Kinder am Morgen den Hügel herauf zum wöchentlichen Schabbatkonzert führten, war davon nichts mehr zu spüren. Die große Essbaracke, in der das Konzert stattfand, war vollgestopft mit jugendlichen Zuhörern. Die beiden Musiklehrer des Dorfes spielten Violinsonaten von Mozart und Beethoven, ein Mädchenchor sang Duette von Mendelssohn mit hebräischem Text und Lieder der Dichterin Rachel, die wir schon kannten. An diesem Morgen muss ich wohl glücklich gewesen sein, weil Mozart und Beethoven für die Geborgenheit und das Zuhause Sein standen, und weil sie so schön und richtig klangen auf dem Hügel im neuen Land, und weil sich die hebräischen Worte so schön einfügten in die Melodien von Mendelssohn, und weil all das eine feste Brücke bildete zu den zurückgebliebenen Eltern und dem Land der Geburt, und weil sich plötzlich herausstellte, dass etwas neu beginnen kann und zugleich auch weitergehen, ohne Bruch.
Unser Vater wurde in der Kristallnacht mit vielen anderen verhaftet und kam nach Sachsenhausen. Damals hieß es, wer ein Einreisevisum für irgendein Land vorweisen kann, wird entlassen. Zu dieser Zeit wollten sie die Juden nur los werden, noch nicht umbringen. Aber wie an ein Zertifikat kommen, das für die Einreise in Palästina erforderlich war? Eine Schwester unserer Mutter, Lucy Nelken, Frau eines angesehenen Arztes hier in Jerusalem, im Grunde eine sehr schüchterne, zurückhaltende Frau, ist damals von Haus zu Haus gepilgert, um von allen Bekannten, Freunden und Patienten ihres Mannes Geld zu erbitten. So hat sie tatsächlich die erforderlichen 1000 Pfund zusammengebettelt. Was sie das gekostet haben muss, kann man sich gar nicht vorstellen.
Nun war das Problem, wie man dieses Geld sicher nach Deutschland bringen konnte, denn meine Mutter musste der britischen Botschaft einen Bankbeleg vorweisen. Wir hatten eine Verwandte, eine Cousine zweiten Grades meiner Mutter, die Tochter des sephardischen Chief Rabbi von London, Irene Gaster. Sie hat sich in Israel für geistesschwache Kinder engagiert und Heime und eine Gesellschaft für behinderte Kinder, Akim, gegründet. Sie kam als englische Staatsbürgerin mit dem Geld nach Deutschland. Tatsächlich erhielt meine Mutter dann das letzte Zertifikat, das damals ausgegeben wurde. Sie stand in der Reihe vor der Visumausgabe, und gerade als sie dran war, ging der Schalter zu. Sie war völlig verzweifelt und protestierte so energisch, dass sie schließlich das Zertifikat doch noch bekam. Später wurden keine Zertifikate mehr ausgegeben.
Aufgrund dieses Zertifikats wurde dann mein Vater freigelassen. Im März 1939 kamen die Eltern nach Palästina. Mein Bruder und ich durften sie im Hafen von Tel Aviv in Empfang nehmen. Der neue Hafen war wegen der arabischen Unruhen in aller Hast instandgesetzt und ausgebaut worden. Mein Vater kam völlig verändert ins Land, ein gebrochener Mann. Er hatte schon im Lager einen Parkinson-Anfall bekommen, vorher war er kerngesund gewesen. Er konnte hier auch zunächst nicht mehr praktizieren. Als er nach längerer Zeit doch die Lizenz bekam, war er bereits zu krank und wurde immer kränker. Meine Eltern hatten es sehr schwer. Wir waren auch zu jung, um ihnen helfen zu können.
In Ben Shemen gab es ein Kinder- und ein Jugenddorf, geleitet von dem berühmten Erzieher Dr. Siegfried Lehmann, einer großen Persönlichkeit. Wir hatten auch sonst die besten Lehrer, einer von ihnen wurde später einer der berühmtesten israelischen Schriftsteller. Wir hatten auch Orchester und Chöre, es war ein Kulturparadies. Mit dem Jugenddorf war auch eine landwirtschaftliche Schule verbunden. Ich wollte aber schrecklich gern weiter auf das Gymnasium gehen, und so wurde mir schließlich das dritte Jahr von Ben Shemen ausbezahlt, damit ich in Jerusalem ein Gymnasium besuchen konnte.
Ich erhielt dann noch ein Stipendium, das mir den weiteren Besuch des Gymnasiums ermöglichte. Das war schon während des Krieges. Für mich war es eine große Sache, denn das Gymnasium zu besuchen war sonst bei den Neueinwanderern nicht üblich. Die andern Kinder stammten aus etablierten Familien. Ich machte auch immer die Schularbeiten, während die andern Schüler faulenzten. Aber sie hatten Verständnis dafür, dass bei mir die Dinge anders lagen. Nach drei Jahren, 1943, habe ich das Abitur abgelegt. Anschließend lebte ich ein Jahr in dem Kibbuz Dorot in der Negev, östlich von Gaza. Das war ein junger Kibbuz, damals erst ein Jahr alt. Dann ging ich an die Universität in Jerusalem, studierte Judaistik und jüdische Geschichte. Ich hatte dort berühmte Lehrer, Baer, Allon, Dinur. Ich habe auch hebräische Literatur gehört und schließlich an einem Kurs für englische Literatur teilgenommen. Den hielt ein Professor Isaacs, der eigens aus London kam. Die ganze Universität wollte zu ihm, er nahm aber nur zwölf Schüler, ich war dabei - ein ganz großes Privileg.
Das Studium habe ich jedoch nicht beendet. Kurz vor dem Abschluss wurde ich nach Zypern geschickt, wo die großen Lager für die internierten Immigranten waren, welche die Engländer nicht ins Land ließen. Vor allem Dinur schickte seine Schüler nach Zypern. Die Jewish Agency kümmerte sich um die Internierten und gab Geld für deren Ausbildung. Wir haben dort ein Seminar für Jugendliche aufgebaut, die die Schule verlassen und nichts zu tun hatten. Es gab ein Sommer- und ein Winterlager. Es war eine gute Sache, die Schüler waren vorbildlich, sie sogen jedes Wort auf.
Auf Zypern habe ich geheiratet. Mein Mann, David Brodski, war aus Polen am Anfang des Krieges über Russland und Japan nach Amerika geflüchtet. Er wurde dann amerikanischer Soldat und bekam bei der Entlassung eine Geldsumme von der Armee. Für Soldaten, die studieren wollten, gab es die GI-Bill, monatlich eine reichliche Summe für das Studium. Er studierte in Jerusalem, ging jedoch dann wie ich nach Zypern, und dort haben wir uns kennen gelernt.
Ich erinnere mich noch an die Nacht, als der Staat Israel ausgerufen wurde. Als ich von Zypern zurückkam, war schon der Befreiungskrieg im Gange. Ich ging nicht mehr an die Universität, sondern auf die Musikakademie. Musik zu studieren war mein eigentlicher Wunsch. Auch mein Bruder war Musiker. Musik war ein wichtiger Bestandteil unserer Jugendzeit gewesen, sie steht für das, was uns das Land unserer Geburt nicht nehmen konnte, als es uns verstieß, dahin, wo wir hingehören, und wohin wir ohne den Druck der Verfolgung wahrscheinlich nie gelangt wären.
Ich habe dann lange Zeit in der Musikabteilung am israelischen Rundfunk gearbeitet. Ich wurde durch Serien über Komponisten bekannt, die mit Schauspielern und Musikern gestaltet wurde. Eine ganze Generation hat ihre musikalische Bildung aus diesen Programmen bezogen. Ich habe mich dann 1986 frühzeitig pensionieren lassen. Ich wollte mich noch meinen literarischen Interessen widmen, einige Bücher schreiben. Jahrelang habe ich dann an einer Rilke-Biographie gearbeitet, mit Gedichten und Briefen. Etwas Derartiges gab es in Ivrit, in Neuhebräisch, überhaupt nicht. Dann habe ich noch eine Anthologie deutscher Lieder herausgegeben, Texte in Ivrit zu der entsprechenden Musik. 1994 erhielt ich in Weimar vom Goethe-Institut eine Medaille für meine Aktivitäten auf dem Gebiet des literarischen und künstlerischen Kulturaustausches zwischen Deutschland und Israel. Jetzt (1995) arbeite ich an der Biographie eines israelischen Komponisten, der auch aus dem Gebiet von Posen stammt.
Bericht von Eldad (Alfred) Neumark, London, 23.6.1996.
Ich wurde 14 Tage nach der Ankunft meiner Eltern in Frankfurt geboren. Seit Ostern 1930 besuchte ich das Friedrichsgymnasium und hatte dort auch nach der Machtergreifung keine besonderen Schwierigkeiten mit Mitschülern. Das Problem war nach 1933 ganz allgemein, sich als Jude auf der Straße zu bewegen. Vor allem im ersten Jahr nach der Machtübernahme zogen dauernd Abteilungen der SA oder Hitlerjugend mit Fahnen die Straßen entlang. Wenn man die Hand nicht zum Hitlergruß hob, war das gefährlich, wenn man es aber tat und dann stellte sich heraus, dass man Jude war, war es noch gefährlicher.
Im Friedrichsgymnasiums hatte ich nur einmal ein unschönes Erlebnis. Während des Potsdamer Tages am 21. März war ein großer Fackelzug der gesamten Frankfurter Jugend geplant. Auch die Schüler des Friedrichsgymnasiums sollten geschlossen daran teilnehmen. Meine Eltern waren damals noch verwirrter als viele andere und schickten mich mit. Ich marschierte also mit den andern mit einer Fackel. Natürlich wussten viele, wer ich war, und meine Hintermänner verpassten mir dauernd Fußtritte. Ich war völlig konfus.
Damals, mit zwölf Jahren, verstand ich nicht, warum ich an der deutschen Erhebung keinen Anteil haben sollte. Was hatte mein Judentum damit zu tun? Die Eltern konnten mir nicht helfen, sie waren selbst ratlos. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich durch die Jugendbewegung der "Werkleute" all-mählich meine jüdische Identität fand und verstand, dass ich ein anderer war. Ich begriff auch, dass dieses Anderssein keineswegs etwas Negatives war, dass ich im Gegenteil auf mein Jüdischsein stolz sein konnte.
Die Schule selbst vertrat keine antisemitische oder prosemitische Haltung. Sie war sozusagen neutral. Es hing völlig von den einzelnen Lehrern ab. Ich erinnere mich gut an unsern Klassenlehrer Dr. Schmidt, der zu sagen pflegte: "Ihr HJ-Jungen arbeitet alle nicht, ihr geht raus, marschiert, schwenkt Fahnen. Was soll aus dem armen Deutschland werden, wenn nur die Juden hier arbeiten, denn das sind die einzigen, die noch etwas tun!" Zu uns war er jedenfalls sehr nett. Es gab nur zwei Juden in der Klasse, Herbert Cohn und mich. Ein Mitschüler und hoher HJ-Führer, Wolf, hat die Klasse gewarnt, mir auch nur ein Haar zu krümmen. Erst später habe ich erfahren, dass seine Schwester und Ada gute Freundinnen waren.
Trotzdem spürte auch ich immer deutlicher, dass ich isoliert war, dass der kameradschaftliche Umgang innerhalb der Klasse mich ausschloss. Wir gingen mit zu allerhand Veranstaltungen, Wandertagen, besuchten Manöver der Wehrmacht, aber wir gehörten nicht wirklich mehr dazu. Unsere Eltern pflegten ihre verschiedenen Interessen. Der Vater liebte die Berge, die Mutter das Meer. So fuhr mein Vater in den Ferien ins Gebirge, meine Mutter mit uns an die See, und der Vater kam dann vielleicht noch für eine Woche zu uns. Er liebte Bäume und Blumen, kannte sie alle. Die Mutter war sehr musikalisch, sie fuhr jede Woche nach Berlin zum Gesangsunterricht. Auch ich fuhr nach Berlin zu Klavierstunden. In Berlin lebten auch meine Großeltern. Bei unsern Besuchen dort wohnten wir bei ihnen.
Mit der Übersiedlung unserer Eltern nach Berlin bin ich 1936 an die jüdische Schule im Siegmundshof übergewechselt. Die Schule war sehr fromm. Wir Schüler, die von deutschen Gymnasien kamen, waren das nicht. Die Lehrer versuchten zunächst, auch aus uns fromme Juden zu machen. Wir mussten täglich Talmud und Rabbinerschriften lernen. Irgendwann haben die Lehrer aufgegeben. Im Übrigen war es eine ausgezeichnete Schule. Die Nazis hatten damals die Oberprima abgeschafft, weil sie Soldaten für die Wehrmacht brauchten, und so habe ich mit 17 Jahren 1938 dort noch regulär das Abitur abgelegt. Die Prüfung wurde unter Aufsicht einer vom Kultusministerium entsandten Kommission vorgenommen. Das Abitur war völlig in Ordnung, die Anforderungen entsprachen denen deutscher Gymnasien.
Die "Kameraden" haben mir unendlich viel bedeutet. Gerson muss eine faszinierende Persönlichkeit gewesen sein. Er versuchte, aus den Werkleuten eine liberal-religiöse Gemeinschaft zu machen. Im Harz, im Riesengebirge wurden Lager veranstaltet, jeweils eine Woche, am Vormittag Wandern oder Skifahren, am Nachmittag Vorträge und Seminare. Wir hatten Winter- und Sommerlager mit Bibel- und Buber-Studien, aber auch Jack London und Rosa Luxemburg wurden gelesen. Die Hälfte haben wir nicht verstanden. Wir sollten uns da auch mit Mädchen treffen, aber nur, um über Kunst, Religion, Judentum zu diskutieren. Es gab einen sozialistischen Trend, andererseits war auch noch der Einfluss der Wandervogelbewegung spürbar. Es verging kein Monat, ohne dass man am Lagerfeuer am Freitagabend den "Kornett" von Rilke zu hören bekam. Später allerdings, im Kibbuz, brauchte man keine Philosophen mehr.
Bis Oktober 1938 war ich noch in Berlin. Dort war das Leben bis zur Kristallnacht noch erträglich. Ich konnte noch in Konzerte und die Oper gehen, mich stundenlang anstellen, ohne belästigt zu werden. Das war alles später nicht mehr möglich. Nach dem Abitur interessierte mich nur noch, ob ich in Israel Musik studieren konnte, ob der Kibbuz das zuließ. Man sagte mir, dass ich erst einmal eine Hachschara machen und dann in einen Kibbuz gehen müsste. Nach ein paar Jahren würde man dann sehen, ob man mich Musik studieren ließe. Das hat mich nicht begeistert.
Ich bewarb mich nun um ein Stipendium für das Jerusalemer Konservatorium, das Palestine Music Conservatory, das Emil Hauser 1933 gegründet hatte. Heute ist es die Israel Academy of Music. Hauser bekam jedes Jahr 30-40 Zertifikate von der britischen Mandatsregierung für Studenten und prüfte die Bewerber in Berlin. Ich hatte das Glück, die Prüfung zu bestehen, und konnte im Oktober 1938 ausreisen. Unsere Eltern kamen erst Anfang 1939. Unser Vater war krank, er bekam auch jahrelang keine Erlaubnis, als Arzt zu arbeiten, denn es gab in Palästina einen Numerus clausus für Ärzte. Ich habe drei Jahre am Konservatorium Klavier und Flöte studiert und erhielt 1941 mein Abschlusszeugnis. 1949 heiratete ich eine Französin, die ich in Tel Aviv kennen gelernt hatte.
Bit 1980 gehörte ich dem Israel Philharmonic Orchestra an, dann ging ich in Pension. Ich habe viel Kammermusik gemacht, etwa Barockmusik, in Quartetts und Trios mitgespielt. Neben Klavier und Flöte spiele ich auch Cembalo. Nach der Pensionierung gingen wir nach Paris, wo die Mutter meiner Frau pflegebedürftig war. Wir lebten wechselweise in Paris und in Tel Aviv. Meine Frau hatte den Krieg in Frankreich erlebt, teilweise in Paris, teilweise in Südfrankreich. Ihr Vater kam aus Indien, und die Eltern hatten sich getrennt, als der Vater dorthin zurückkehren wollte.
Nach dem Tod meiner Schwiegermutter vor etwa 10 Jahren sind wir nach England gezogen. Meine Frau arbeitet als englisch-französische Dolmetscherin. Ich habe hier viele Freunde und gebe gelegentlich auch noch Konzerte. Ich fühle mich aber als Israeli und bin in Israel zu Hause. Wir verbringen jedes Jahr zwei bis drei Monate in Tel Aviv. Ich lese Hebräisch und Englisch, aber wenn ich die Wahl habe, lese ich lieber und besser Deutsch.
Flucht mit Gestapo-Hilfe. Salo Glass
Bericht von Salo Glass, im Alter von 92 Jahren, nahezu blind, 1995 in New York auf Band gesprochen. Ergänzende Informationen durch seine Tochter.
Geboren bin ich 1903 in Gollantsch, im Kreis Wongrowitz in der Provinz Posen. Posen gehörte zum V. Armeekorps, und auch in meiner Familie gab es viele Soldaten. Mein Vater hat bei den Grünen Jägern gedient, sein jüngerer Bruder bei den Schwarzen Husaren in Danzig. Auch der ältere Bruder meiner Frau war Soldat, er fiel 1918 wenige Tage vor Kriegsende. Ich war seit meinem 10. Lebensjahr Mitglied der Jugendwehr. Im Krieg haben wir in Lazaretten bei der Betreuung der Verwundeten geholfen.
Ich lebte bis 1920 in Posen, votierte nach Abtretung der Provinz an Polen für Deutschland und siedelte nach Frankfurt/Oder über. 1938 wohnte ich dort mit meiner Frau und zwei Töchtern im Haus von Rechtsanwalt Broh in der Richtstraße. Zwei Wochen vor den Novemberereignissen war der zweite Kantor und drei Tage später der alte Synagogendiener gestorben. Rabbi Curtis Cassel fragte mich den Tag darauf, ob ich nicht einspringen wollte. Es passte mir schlecht, aber ich bin seiner Bitte nachgekommen.
Im Herbst 1938 war die Mehrzahl der jüdischen Geschäfte in Frankfurt schon in "arische" Hände überführt worden. Viele Juden, vor allem jüngere, hatten die Stadt bereits verlassen. Am 8. November 1938 nachmittags hörte ich von einem Freund, dass etwas im Gange sei. Ich solle am Abend besser nicht zu Hause bleiben. Ich bin spät nach Hause gekommen und habe gehört, wie man meinen Nachbarn zur Rechten und meinen Nachbarn gegenüber abgeholt hat. Bei mir hat man nicht angeklopft - ich glaube, man hat noch nicht gewusst, dass ich hier eingezogen war.
Um Viertel vor Zwölf bin ich hinausgegangen zur Synagoge. Dort habe ich alles in Trümmern vorgefunden. Ich konnte nur noch zwei Thora-Rollen retten. Plötzlich stand ein Gestapo-Kommissar mit seinem Assistenten vor mir. Was ich hier tue? Ich erwiderte, ich versuche zu retten, was ich kann. Er: Sie haben kein Recht dazu! Ich erklärte ihm, dass ich nach dem Tod des alten Synagogendieners dessen Amt übernommen habe. Im gleichen Moment kam die SA-Abteilung in die Synagoge, Sturmbannführer Schilow10 mit seinen 60 Mann. Er redete kurz mit dem Kommissar, und die Sache war geklärt. Nachher fragte mich der Kommissar nach meiner Beziehung zu Schilow. Es war eine alte Freundschaft. Ich war zu seinem 50. Geburtstag eingeladen. Dort waren 60 SA-Leute, 12 SS-Leute und meine Wenigkeit.
Der Kommissar hat mich noch zehn Minuten lang verhört und dann gehen lassen. Kurz vor Eins war ich zu Hause. Früh am nächsten Morgen ging ich noch einmal zur Synagoge, um nachzusehen, ob noch etwas zu retten war. Die Synagoge war völlig niedergebrannt. Die Leute, die dort zuschauten, gaben sich gleichgültig. Mir war klar, dass ich auf der Straße nicht mehr sicher war. Ich bin dann mit der Straßenbahn zum Judenfriedhof gefahren und blieb dort ungefähr zwei Stunden. Der Friedhofsaufseher Billerbeck hat mich dann mit seinem Auto zu meinem – nichtjüdischen - Freund Lautensack gefahren. Ich wusste, dort war ich vorerst außer Gefahr.
Später erfuhr ich, dass der Kommissar sich Einlass zu unserer Wohnung verschafft und mit meiner Frau gesprochen hatte. Er sagte zu ihr: "Lass deinen Mann allein, komm mit den Kindern, du bekommst eine schöne Wohnung, und wir werden für dich sorgen. Du bist doch nicht jüdisch." Sie sagte mit Nachdruck: "Ich bin jüdisch!" Sie zeigte ihm auch das Bild ihres Bruders, der 1918 gefallen war. Er gab dann meiner Frau noch eine Bescheinigung und versprach ihr, sie könne sich auf ihn berufen, wenn jemand sie bedrängen sollte. Eine Woche später allerdings hat der Kommissar noch einmal zwei Leute zu meiner Frau geschickt, um sie zu einer Trennung zu überreden.
Ich war sehr vorsichtig, als ich nach Hause ging. Mit meiner Frau hatte ich verabredet, dass sie ein Handtuch aufs Fenster legt, damit ich wissen konnte, ob jemand oben war. Ich ging hinauf, müde und kaputt von allem, was ich gehört und gesehen hatte, und bestürzt darüber, wer alles verhaftet worden war. Später habe ich gehört, dass die Verhafteten, etwa 35 Männer, ins KZ Sachsenhausen transportiert worden waren. Mich selbst hat man nicht belästigt.
Der Kommissar bat mich tags darauf um meine Hilfe. Ein jüdischer Feldwebel in Fürstenberg hatte sich die Uniform angezogen mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse und sich dann erschossen. Ich sollte den Toten identifizieren und dann bestatten. Ich habe in ihm einen alten Bekannten wiedererkannt, der vier Jahre im kaiserlichen Hauptquartier gedient hatte. Wir haben getan, was wir konnten, um ihn aufzubahren und ins Grab zu legen.
Mit dem Gestapo-Kommissar bin ich meistens gut ausgekommen. Eines Tages wurde ich wieder zu ihm bestellt. Er hat dagestanden mit erhobener Faust, wie um mich zu schlagen. Es ging darum, dass ich den vorgeschriebenen Vornamen "Israel" nicht führte. Er nahm schließlich aus seiner Schublade die Verordnung heraus und stellte dann fest, dass ich den Namen Israel nicht tragen müsse, denn mein Name Salo reiche zur Kennzeichnung als Jude aus. Von der Zeit an hatte ich Ruhe.
Als meine Abreise feststand, ging ich zu ihm, um ihm mitzuteilen, dass ich das Land verlasse. Er hat mich aufgefordert, wahrheitswidrig zu unterschreiben, dass ich der kommunistischen Partei angehört habe. Ich habe mich geweigert. Er bestand darauf und hat sich aufgeregt, als ich dies nicht tat. Aber als ich mich verabschiedete, wünschte er mir gute Reise.
Meine Frau und ich sollten im Spätsommer 1939 mit einem von der Gestapo organisierten Transport nach Palästina ausreisen. Meine beiden Töchter konnten nicht mit uns fahren, da Kinder unter 12 Jahren nicht legal einreisen durften. Ich konnte für sie jedoch Plätze in Kindertransporten nach England beschaffen. Es gab keine andere Möglichkeit, wir mussten uns von ihnen trennen. Meine jüngere Tochter Ruth fuhr so mit 6 Jahren im Februar 1939, meine Ältere, Margot, mit 11 Jahren etwas später nach England.
Wir Eltern reisten zunächst in Begleitung von zwei Beamten zusammen mit vielen anderen, die verhaftet und inzwischen freigelassen worden waren, per Bahn nach Wien. Als wir dort ankamen, wer hat da gesessen? Der Kommissar mit seinem Assistenten! Der Transport ging über die Donau. Es waren insgesamt 400 Leute, die auf das Schiff sollten. Alle sind untersucht worden. In der letzten Minute befahl der Kommissar mich zu sich. Er forderte mich auf, mein Jacket zu öffnen, er wolle wissen, was ich noch versteckt habe. Er hat mein Jacket und meine Hose durchsucht. "Ich habe nichts versteckt, ich habe hier nur das erlaubte Geld. Weiter nichts!". "Wieso hat er noch Geld?" "Ich wollte meiner Frau noch eine Uhr kaufen, aber wir sind zurückgerufen worden, und daher hatte ich das Geld noch in der Tasche". Es waren 150 Mark und etwas Kleingeld. Er sagte, das Kleingeld könne ich behalten, die 150 Mark müssten zurückgeschickt werden, an die Mutter oder einen Verwandten. Ich sagte, das Geld solle dann an eine jüdische Familie gehen, wo der Mann gefallen ist. In dem Moment habe ich geglaubt, er wolle mich erschießen. Doch er nahm mir nur das Geld ab und ging weg. Wir sind dann abgefahren.
Wir fuhren hinunter nach Rumänien und sollten von dort per Schiff in die Türkei weiterreisen. Da ich in Konstantinopel einen Verwandten hatte, wollte ich mich erkundigen, ob ich telefonieren könne. Plötzlich stand wieder der Kommissar vor mir. Er hatte das Schiff gar nicht verlassen, sondern war mit uns gefahren und hatte in der Kapitänskajüte übernachtet. Er gab mir etwas englisches Geld und meinte, es sei nicht ganz recht gewesen, dass er mir das Geld weggenommen habe. Schließlich würden wir noch viele Wochen unterwegs sein. Er gab mir auch eine Karte mit einer Briefmarke. Von Palästina aus sollte ich ihm schreiben. Er wollte überprüfen, ob der Dampfer angekommen ist. Es war ein sehr altes Schiff, ein früherer Pferdedampfer.
In Rumänien verließ uns der Kommissar also endgültig. Wir waren noch zwei Monate unterwegs, bis wir endlich in Palästina ankamen. In Frankfurt waren bei unserer Abreise noch etwa zwanzig jüdische Familien zurückgeblieben.
Rauch und splitterndes Glas. Curtis Cassell
Interview mit Rabbi Curtis Cassell am 21.6.1996 in London ; sowie C. Cassell , Die Liste : Erinnerungen an die Pogromnacht in Frankfurt .
Mein Abitur habe ich in Oppeln abgelegt, dann drei Semester in Breslau studiert und mein Studium in Berlin an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums fortgesetzt. Meine Lehrer waren hier Leo Baeck und Ismar Elbogen, dessen Tochter an seiner Vorlesung teilnahm. 1936 traf ich eines schönen Tages auf dem Weg zum Bahnhof Dr. Ignaz Maybaum. Der fragte mich, ob ich sein Nachfolger als Rabbiner in Frankfurt/Oder werden wollte. Maybaum war damals gerade zum ersten Gemeinderabbiner von Berlin berufen worden. Er war ein großer Wissenschaftler, aber auch ein Querkopf: Zunächst Zionist, dann entschiedener Antizionist, als der Zionismus modern wurde.
Das Angebot Maybaums nahm ich nach Rücksprache mit meinen Professoren an. Ich musste jedoch zunächst noch fast täglich von Frankfurt nach Berlin fahren, um das Studium abzu-schließen. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt war sehr geschlossen. Vom Antisemitismus habe ich dort zunächst nicht allzu viel gespürt, doch hatte ich auch wenig Kontakt mit Nichtjuden. Allerdings gab es schon vor der Kristallnacht 1938 einige antisemitische Vorfälle. Darunter eine Vorladung zur Gestapo, als ich 1938 aus dem Urlaub von Prag zurückkehrte. Eingehend befragte man mich nach den Gründen meines Besuchs in Prag, und dann forderte mich der vernehmende Beamte auf, ihm eine Liste sämtlicher Juden des Regierungsbezirks auszuhändigen. Den Zweck dieser Liste fand ich erst später heraus, durch die Ereignisse der „Kristallnacht“.
Am 28. Oktober 1938 wurden 17000 Juden polnischer Herkunft in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Deutschland deportiert, wobei sie all ihren Besitz verloren. Da Polen sie nicht hereinließ, irrten sie unter unsäglichen Bedingungen im deutsch-polnischen Grenzgebiet umher. Damals bat mich die Zentralstelle der Reichsvertretung deutscher Juden, nach Bentschen an die Grenze zu fahren, um Hilfe für die gestrandeten Juden zu organisieren. Doch als ich in Bentschen ankam, wurde ich sofort von der Gestapo verhaftet und mit dem nächsten Zug nach Frankfurt zurückgeschickt. Am 7. November erschoss Herschel Grünszpan, dessen Eltern zu den Ausgewiesenen gehörten, den Angestellten von Rath der Pariser Botschaft. Dies wurde zum Anlass der „Kristallnacht“ und der Ereignisse des 9. November 1938 genommen.
Dieser Tag war auch mein Geburtstag. Meine Schwiegereltern aus Berlin waren zu Besuch gekommen, und ich begleitete sie abends zum Bahnhof. Dabei fielen mir schon zahlreiche Polizisten auf, die sich dort aufhielten. Später gingen wir schlafen, wurden jedoch bald vom Geräusch zerschlagenen Glases und Brandgeruch geweckt. Die Synagoge brannte. Fenster und Schaufenster der Geschäfte wurden eingeworfen. Noch heute leidet meine Frau unter dem Schock dieser schrecklichen Nacht, wenn sie das Geräusch splitternden Glases hört. Wir riefen den befreundeten Rechtsanwalt Leo Nehab an, der in der gleichen Straße wohnte. Wir fürchteten, dass man auch unser Haus nicht verschonen würde, da es ja der Synagoge angeschlossen war. Nehab forderte uns auf, sofort zu ihm zu kommen.
Die Synagoge hatte zwei Ausgänge, den Haupteingang in der Richtstraße, einen Nebenausgang in der Wollenweberstraße. Dass die Gestapo uns am Haupteingang erwartete, wussten wir nicht. Glücklicherweise verließen wir das Haus durch den Nebenausgang und entgingen so der Verhaftung. Ungefähr um elf Uhr abends waren wir sicher in der Wohnung unseres Freundes. Um vier Uhr früh klingelte es dort an der Tür. Es war die Gestapo, die Nehab verhaftete. Ich konnte mich mit meiner Frau unter dem Schreibtisch verstecken. Es war uns klar, dass wir Frankfurt schleunigst verlassen müssten. Da der Bahnhof, wie ich am Abend gesehen hatte, von Polizei bewacht wurde, gingen wir zu Fuß zur nächsten Bahnstation und bestiegen dort den Zug, der uns zu den Schwiegereltern nach Berlin führte. Am übernächsten Tag erschien die Gestapo auch hier und verhaftete meinen Schwiegervater. Ich stand neben ihm, doch mir passierte nichts, denn ich stand nicht auf ihrer Liste.
Die Beamten gingen mit preußischer Gründlichkeit vor, verhaftet wurde nur, wer auf der Liste stand. Erst später wurde mir bewusst, dass auch die Gestapo in Frankfurt die Verhaftungen nach einer solchen Liste vornahm, eben der Liste, die ich für sie im Sommer 1938 hatte anfertigen müssen. Tatsächlich sah ich meine Liste bei einem der Verhöre nach der Kristallnacht bei der Gestapo auf dem Schreibtisch liegen. Da wurde mir klar, dass die Aktion schon lange vorbereitet worden war und wenig mit von Raths Tod zu tun hatte, der nur als Vorwand diente.
Mein Schwiegervater, Werner Mosse, wurde mit vielen anderen in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er mehrere Wochen blieb. Als er entlassen wurde, war sein Gesundheitszustand äußerst schlecht. Er war im ersten Weltkrieg Stabsarzt gewesen und hatte immer geglaubt, dass die Berichte über deutsche Untaten in Belgien und anderswo Gräuelmärchen sein mussten. Nun war er eines anderen belehrt. Inzwischen war meine Frau nach Frankfurt zurückgefahren, um nach der Wohnung zu sehen. Sie fand sie versiegelt vor. Um die Siegel entfernen zu lassen, musste sie bei der Gestapo vorsprechen. Dort sagte man ihr, ich solle sofort nach Frankfurt zurückkehren. Als ich dort ankam, war die „Aktion“ vorüber. Ich wurde nicht verhaftet, doch unter Hausarrest gestellt. So aber konnte ich meine Gemeinde nicht betreuen, obwohl die Frauen besonderen Beistand benötigten, da ihre Männer verhaftet waren. Als ich mich darüber bei der Gestapo beschwerte, wurde der Hausarrest aufgehoben. Übrigens kam nach der „Kristallnacht“ ein protestantischer Geistlicher zu mir, um mir sein Mitgefühl auszudrücken.
Das Innere der Synagoge war zum großen Teil demoliert, die Orgel völlig zerstört. Die Orgelpfeifen waren beschlagnahmt worden, da sie aus Blei waren. Aus meiner Wohnung war eine neue Reiseschreibmaschine verschwunden. Bei einem weiteren Verhör bat ich die Gestapo um eine entsprechende Bescheinigung, da ich auswandern wollte und diese für die Behörden benötigte. Daraufhin erhielt ich die Schreibmaschine zurück, denn sie sei nicht rechtmäßig entfernt worden. Die Gestapo trug mir auf, weiterhin Gottesdienste abzuhalten, denn es sollte so aussehen, als ob weiter nichts geschehen sei.
Neben den Gottesdiensten begann ich für die wenigen jüdischen Schüler, die noch in Frankfurt verblieben und nun aus den allgemeinen Schulen herausgeworfen worden waren, Schulunterricht zu organisieren. Die Frauen der in die KZ eingelieferten Männer baten mich immer wieder, sich bei der Gestapo für sie zu verwenden, doch hatte ich damit nur wenig Erfolg. Mir war inzwischen eine Stelle in Australien angeboten worden. Ich wollte im März 1939 auswandern und beantragte bei der Gestapo einen Reisepass mit Visum nach England hin und zurück. Diesen verweigerte man mir mit der Begründung, ich sollte erst dafür sorgen, dass auch die übrigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Deutschland verschwänden. Erst dann dürfe auch ich gehen.
Die verhafteten jüdischen Männer kamen seinerzeit fast alle wieder frei, doch konnten nur wenige vor Kriegsbeginn ausreisen. Alle Verbliebenen wurden später in Ghettos nach Warschau oder Posen deportiert. Im Mai 1939 wurde mein erster Sohn geboren, und als ich seinen Namen registrieren lassen wollte, musste ich aus einer Liste einen jüdischen Namen wählen. Ich wählte Elias, doch hieß er später in England Charles. Immerhin konnte ich am 25. August 1939 mit meiner Frau und dem Sohn Frankfurt verlassen und nach England reisen. Den Krieg über blieb ich in England.
Nach drei Monaten meldete ich mich zum Militär, war erst bei den Pionieren, wo ich beim Straßenbau eingesetzte wurde, dann konnte ich zur Artillerie überwechseln. Allerdings hatte ich dort Schwierigkeiten, denn statt der für die Ballistik nötigen Mathematik hatte ich im Seminar nur jüdische Kabbalistik gelernt. So wurde ich als Dolmetscher eingesetzt. 1947 erhielt ich mit der Entlassung zugleich die englische Staatsbürgerschaft. Ich war eine Zeitlang Rabbiner in London und wurde dann nach Bulawayo in Südrhodesien, dem heutigen Zimbabwe, berufen. Dort amtierte ich von 1957 bis zu meiner Pensionierung 1977 als Rabbiner. Seitdem lebe ich wieder in London.
Erst 56 Jahre nach der „Kristallnacht“, am 9. November 1994, kam ich wieder nach Frankfurt. Dort erlebte ich gemeinsam mit dem OB Pohl, mit Ignaz Bubis, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem Ministerpräsident Stolpe und anderen die Wiederaufstellung des Gedenksteins an die ehemalige Synagoge am Brunnenplatz.
1933. Zwölf Thesen wider den undeutschen Geist
Plakat in fetter roter Frakturschrift, im April 1933 überall angebracht in Fluren, Vorlesungsräumen und Mensen deutscher Universitäten.
1. Sprache und Schrifttum wurzeln im Volke. Das deutsche Volk trägt die Verantwortung dafür, dass seine Sprache und sein Schrifttum reiner und unverfälschter Ausdruck seines Volkstums sind.
2. Es klafft heute ein Widerspruch zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum. Dieser Zustand ist eine Schmach.
3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an Dir! Dein Volk hat Dir die Sprache zur treuen Bewahrung übergeben.
4. Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude, und der, der ihm hörig ist.
5. Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter! Der Student, der undeutsch spricht und schreibt, ist außerdem gedankenlos und wird seiner Aufgabe untreu.
6. Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.
7. Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. Wir fordern deshalb von der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in Deutsch, sind sie als Übersetzung zu kennzeichnen. Schärfstes Einschreiten gegen den Missbrauch der deutschen Schrift. Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung. Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.
8. Wir fordern vom deutschen Studenten Wille und Fähigkeit zur selbständigen Erkenntnis und Entscheidung.
9. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Reinerhaltung der deutschen Sprache.
10. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Überwindung des jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben.
11. Wir fordern die Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste.
12. Wir fordern die deutsche Hochschule als Hort des deutschen Volkstums und als Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes.
Die Deutsche Studentenschaft
Luftkrieg über China. Gerhard Neumann
Gerhard Neumann, Herman The German (Autobiographie), Neuauflage Bloomington 2004.
Gerhard Neumann wurde im Oktober 1917 in eine wohlhabende Frankfurter Unternehmerfamilie geboren. Sein Vater, Siegfried Neumann, besaß die „Norddeutsche Bettfedernfabrik“ in der Gubener Straße, wo jetzt noch (2009) auf den Backsteingebäuden die verblichene Aufschrift zu lesen ist. Beide Eltern entstammten jüdischen Familien, praktizierten jedoch ihr Judentum nicht. Der Vater hatte sich gleich zu Beginn des ersten Weltkrieges freiwillig zum Militärdienst gemeldet. Die Erziehung im Elternhaus war streng preußisch. 
Von 1927 bis 1933 besuchte Neumann das Friedrichsgymnasium in der Gubener Straße nahe der väterlichen Fabrik. Er baute Radios, unternahm ausgedehnte Touren mit seinem Faltboot und flog mit 15 Jahren Segelflugzeuge im Rahmen eines Sportprogramms – eine unbeschwerte Kindheit in der Weimarer Republik. Nach bestandenem Einjährigenexamen ging er zu dem Automechaniker Alfred Schroth in der Dammvorstadt in die Lehre. Dieser Mann besaß nur eine winzige Werkstatt, war jedoch ein wahrer Meister im Umgang mit Metall, Motoren und Schweißtechnik. Es sollte sich erweisen, dass Neumann diesen Lehrjahren nicht nur viel für seine spätere Laufbahn verdankte, sondern möglicherweise auch sein Leben.
1935 legte Neumann das Gesellenexamen ab und besuchte eine der renommiertesten technischen Schulen Deutschlands, die Ingenieurschule Mittweida in Sachsen. Er und zwei andere Juden durften dort studieren, weil ihre Väter Frontsoldaten gewesen waren. Selbst spürte Neumann zu dieser Zeit noch kaum etwas vom Antisemitismus. Schulfreunde und Lehrlingskollegen fanden nichts dabei, das Neumannsche Haus mitunter auch in brauner oder schwarzer Uniform zu besuchen. SS-Leute brachten ihre Wagen zur Reparatur in jüdische Werkstätten, und in Frankfurt fanden öffentliche Boxturniere zwischen dem örtlichen Verein und dem jüdischen Boxclub „Maccabi“ statt.
Mit der Pogromnacht 1938 änderte sich das. Neumann wurde klar, dass es für einen jüdischen Ingenieur in Deutschland keine Zukunft gab. Er erfuhr, dass die chinesische Nationalregierung deutsche Techniker suchte. Inzwischen waren allerdings die Japaner in China eingefallen und hatten die Küstenregionen besetzt. Der neue chinesische Regierungssitz Chongqing im Landesinneren war schwierig zu erreichen. Unter Mühen bekam Neumann die nötigen Transitvisen für 16 Länder zusammen. Im Mai 1939 flog er von London aus in acht Tagen über Marseille, Tunis, Alexandria, Beirut, Basra, Karachi, Kalkutta, Bangkok und Saigon nach Hongkong. Doch dort saß er fest.
Alle Verbindungen nach Nationalchina waren auf japanischen Druck hin gekappt worden. Inzwischen brach der Krieg auch in Europa aus. Wie alle Deutschen in Hongkong wurde Neumann von den Briten interniert. Doch im Juni 1940 erreichte er durch ein glückliches Zusammentreffen mit einem US-Manager eine Freistellung. Seine neue Arbeitsstelle war Kunming, Hauptstadt der Südwestprovinz Yunnan, und sein neuer Arbeitgeber der amerikanische Chefberater Oberst Lee Chennault.
Neumann erledigte verschiedene Aufträge für die Amerikaner und eröffnete dann in Kunming eine Autowerkstatt. Sie lief hervorragend. Doch ein ruhiges Leben als Automechaniker in der chinesischen Provinz war ihm nicht beschieden. Am 9. Dezember 1941 griffen die Japaner Pearl Harbour an. Ein US-Jagdgeschwader wurde noch im Dezember nach China verlegt und Chennault unterstellt – die „Flying Tigers“. Neumann wurde als Flugzeugingenieur rekrutiert. Er war nun Sergeant der US-Army, zugleich staatenlos, „feindlicher Ausländer“ und ohne Pass.
Nach anfänglichen Erfolgen gegen die japanischen Bombergeschwader sahen sich die US-Piloten mit den neuen Zero-Jägern konfrontiert. Sie waren den amerikanischen Kampfflugzeugen überlegen. Ein Luftkampf mit einer Zero bedeutete oft das Todesurteil für den US-Piloten. Neumann, der mittlerweile als Chefingenieur die Flugzeugwartung mit 60 Mitarbeitern leitete, ließ Trümmerteile von abgestürzten Zero-Jägern aus ganz China zusammentragen. Es gelang ihm, die Teile zu einer flugfähigen Maschine zusammenzubauen und ihre Stärken und Schwächen zu testen. Die Zero war durch ihre Leichtbauweise extrem wendig, aber auch verwundbar. Ein einziger Treffer genügte oft zum Abschuss. Die Konsequenz war, Luftkämpfen fortan auszuweichen und das Flugzeug stattdessen aus weiter Entfernung im Sturzflug zu beschießen. Diese neue Taktik wendete das Blatt im Luftkrieg über China. Durch seinen Beitrag zum Erfolg und durch weitere Aktionen – so spionierte er, als chinesischer Kuli verkleidet, feindliche Flugfelder aus - wurde Neumann als "Herman the German" zur Legende unter den US-Piloten.
Nichtsdestotrotz bedurfte es eines Sondergesetzes durch den US-Kongress und der Unterschrift durch Präsident Truman, um ihm nach dem Krieg die Einbürgerung in den Vereinigten Staaten und den Erwerb einer Flugzeugmechanikerlizenz zu ermöglichen. Nach einem Aufenthalt in Shanghai und einer abenteuerlichen Rückreise durch halb Asien mit einem alten Militärjeep begann Neumann, inzwischen mit einer Amerikanerin verheiratet, eine neue Karriere als Triebwerkskonstrukteur bei General Electric in Massachusetts.
Zu diesem Zeitpunkt war GE einer der ersten Hersteller von Strahltriebwerken. Neumann stieg schnell in der Karriereleiter auf. Seine erste patentierte Erfindung waren verstellbare Leitschaufeln, die die Leistung der Triebwerke erhöhten und gleichzeitig den Kraftstoffverbrauch senkten. In der Folge entwickelte er, nun Leiter des Geschäftsbereichs Strahltriebwerke, das Atomtriebwerk X-39 und das konventionelle Triebwerk J-79. Letzteres brach bei seiner Erprobung 1954 fünf Höhen- und Geschwindigkeitsrekorde und war für Jahrzehnte das zuverlässigste militärische Triebwerk, das auch von den anderen NATO-Streitkräften, Israel und Japan eingesetzt wurde.
1961 übernahm Neumann den gesamten Geschäftsbereich Flugantriebe und wurde 1963 schließlich Vizepräsident des GE-Konzerns. Er behielt diese Position bis zu seiner Pensionierung 1980. 1986 wurde er in der National Aviation Hall of Fame neben Charles Lindbergh und Neil Armstrong verewigt, 1987 mit der Ehrendoktorwürde seiner früheren Hochschule Mittweida ausgezeichnet. Das Luftfahrtmuseum im bayerischen Niederalteich wurde ihm zu Ehren Gerhard-Neumann-Museum benannt.
Erstmals sah er Frankfurt 1976 wieder. Sowohl die Fabrik seines Vaters in der Gubener Straße wie auch die elterliche Villa und sogar die Autowerkstatt seines ehemaligen Meisters Schroth hatten den Krieg überstanden. 1981 lud ihn die Volksrepublik China zu einem Besuch an den Stätten seiner Tätigkeit bei den Flying Tigers ein. So schloss sich der Kreis. Am 2. November 1997 ist Gerhard Neumann an Knochenmarkleukämie verstorben.
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