Kitabı oku: «Jenseits von Geborgenheit»
Das Buch:
Dies ist die Geschichte eines Sonderlings, der unstet durch sein chaotisches Leben taumelt, nirgendwo Wurzeln schlägt und sich am Ende selbst verliert …
… zugleich eine Parabel über den (un)heimlichen Irr–Sinn in der menschlichen Gesellschaft
Der Autor:

Friedrich Peer Seitz,
1940 in Stuttgart geboren, lebt nach Abitur, Studium und beruflicher Tätigkeit im Bildungsbereich als Autor in Freudenstadt im Nordschwarzwald.
Impressum
Jenseits von Geborgenheit
Der unerhörte Fall des
Außenseiters Albert Adam Dornäcker
Friedrich Peer Seitz
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Copyright: © 2013 Friedrich Peer Seitz
ISBN 978-3-8442-5310-8
„… verflucht sei der Acker um deinetwillen; mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen …“
1. Mose 3. / 17, 18
VORWORT
Ich kenne Albert Adam Dornäcker seit seiner Jugend, da ich viele Jahre in seiner Nachbarschaft, genau gesagt in dem Mietshaus lebte, von dem aus seine Wohnung meinem Fenster gegenüber zu sehen war, wenn ich über den gepflasterten Innenhof hinwegblickte. Wir gingen lange Zeit auf die gleiche Schule, saßen nicht weit voneinander im selben Klassenraum und ich durfte mich anfangs zu einem größeren Freundeskreis zählen, dem auch er angehörte. Manches, was ich im Folgenden niederschreibe, habe ich daher unmittelbar beobachten können, anderes von ihm selbst oder aus seinen Briefen und Aufzeichnungen erfahren. Vieles jedoch bekam ich von seiner Mutter, den früheren Mitschülern, Freunden, Bekannten und anderen Nachbarn zu hören. Als Journalist einer angesehenen Zeitschrift war es mir zudem möglich, Einsicht in Polizei- und Krankenakten zu erhalten - natürlich unter dem Vorbehalt, dass die Namen bei deren Verwendung geändert wurden. Übereinstimmungen derselben mit solchen lebender oder verstorbener Personen wären also zufällig.
1
Als Chronist, der sich anhand des Recherchierten eine literarische, romanhafte Gestaltung verschiedener Lebensstationen und Lebensabschnitte des Protagonisten zur Aufgabe gemacht hat, beginne ich die Geschichte des 1960 geborenen Albert Adam Dornäcker in dessen fünfzehntem Lebensjahr und sehe mich zu jener Zeit selbst vor dem Gebäudeblock des alten Mietshauses stehen. Der Verputz bedürfte dringend einer Erneuerung und erweckt dadurch den Eindruck von Verwahrlosung, die man nicht vorurteilsfrei auch hinter den Mauern vermutet. Im tristen Vorhof spielt eine kleine Göre namens Lisa ganz mit sich allein, während sie zum Seilhüpfen selbstvergessen singt: „Die Hühner auf dem Hof Hof Hof, die waren ziemlich doof doof doof. Da kam ein großer Wau Wau Wau, und der war ziemlich schlau schlau schlau … “
Eine niedrige Mauer umfasst das Grundstück und hat vermutlich einstmals einen imposanten Zaun getragen. Die Sonne wärmt den Stein, auf den sich das Mädchen, inzwischen müde geworden, setzt und in eine leere Ferne blickt, vielleicht darauf wartet, dass noch andere Kinder kommen. Ich spreche sie im Vorübergehen an, setze mich zu ihr und sie erzählt mir in ihrer liebenswerten Kindersprache freimütig so mancherlei. Ihr Vater ist vor Jahren vom Zigarettenholen nicht mehr zurückgekehrt. Die große Schwester hat nie mit ihr darüber gesprochen. „Vergangenes soll vergangen bleiben!“ ist deren einzige Antwort gewesen. Früher hat Lisa viel von der Schwester gelernt, und wenn diese nicht auch weggegangen wäre, weil sie sich immer häufiger mit der Mutter zankte, hätte Lisa bestimmt noch viel mehr von ihr lernen können. Anfangs ist die Kleine, wenn sie geheult hat, von der Schwester getröstet worden: „Das geht vorüber!“ Aber gar nichts ging vorüber, nur schlimmer ist es geworden bis zu dem Tag, an dem auch jene auf einmal nicht mehr da war.
Das kleine Mädchen schaut an den Fenstern hoch. Gleich unten wohnt Kurt. Mit seinen langen Beinen schießt er beim Fußballspielen nie ein Tor. Aber sie hat schon oft beobachtet, dass er ganz zappelig wird, wenn seine Mannschaft gewinnt. Auch sein Vater ist eines Tages einfach verschwunden. Und seine Mutter hat eine geheimnisvolle Krankheit, das wissen alle. Sie liegt immer wieder in der Klinik, wenn auch nie sehr lange. Kurt ist oft traurig. Am traurigsten erlebte ihn Lisa vor Jahren, als Kurts Mutter am Faschingstag einen Clown mit roter Knollennase aus ihm machte und ihn dann mit Schlägen auf die Straße trieb, damit er in den Kindergarten ging, wohin er gar nicht wollte. Heute läuft er wie ein Bettler durch die Gegend. Die Leute im Haus geben ihm manchmal etwas zu essen. Er hat zerrissene Hemden an und geflickte Hosen an, und seine Haare stehen ihm auch zu Berge. Wenn seine Mutter einmal nichts mehr von ihm wissen will, wird er sicher von fremden Leuten abgeholt.
Über Lisa wohnt Elke. Sie ist auch meistens allein, weil ihre Eltern arbeiten gehen und den ganzen Tag nicht daheim sind. Sie ist klein und dünn und geht in die dritte Klasse. Zudem ist sie furchtbar schüchtern und ängstlich und hat überhaupt keine Freundinnen, weil niemand sie mag. Sie muss immer auf ihr kleines Brüderchen aufpassen, das noch in die Windeln macht. Am liebsten würde sie mit ihrer Oma spazieren gehen, sagt sie, aber die wohnt in einer ganz anderen Stadt. Elke streitet nie und hat Tiere sehr gern. Und sie möchte immer Cola haben. Ihr Vater trinkt lieber Rotwein, und das nicht wenig. Seine Frau kocht nur Nudeln, die wirft er dann zum Fenster hinaus, und hinterher hängen sie an den Fensterläden der tiefer liegenden Stockwerke. Einmal lag er abends betrunken auf der Straße vor dem Haus. In einer Tüte hatte er ein paar Kilo Fleisch bei sich. Die Leute halfen ihm hoch, aber er konnte die Beine nicht gerade halten. Immer wieder fiel er um. Die Kinder wollten seine Frau holen, aber er schrie sie an: „Nein, nein!“ Er sagte noch mehr, was sie nicht verstehen konnten. Die beiden hatten sicher wieder Krach gehabt wie jeden Tag. Und dann bekommt Elke Prügel von ihrem Vater. Dabei flucht er, dass es das ganze Haus hört. Ihre Mutter streichelt sie dann und schenkt ihr eine große Flasche Cola und dazu noch Schokolade. Elke ist es deshalb ganz recht, wenn sie geschlagen wird. Sie haben ein sehr teures Auto gekauft. Gleich in der ersten Nacht hat es jemand mit einem Nagel zerkratzt. Wer das gemacht hat, weiß bis heute niemand. Auf ihrem Auto haben sie auch im Sommer Ski drauf. Und wenn er wegfährt oder heimkommt, schlägt der Mann alle Autotüren ein paar Mal auf und zu.
Im Erdgeschoss wohnt der große Richard, der schon einen Bart über dem Mund hat und schnelle Autos und große Mädchen mag. Seine Haare sind gelb gefärbt und er riecht nach Parfüm. Manchmal ist er ganz komisch geschminkt, fast wie ein größeres Mädchen es tut. Abends geht er in die Disco. Seine Mutter ist bekannt geworden, weil sie in einer Lotterie eine Menge Geld gewonnen hatte. Seither ist sie dauernd verreist. Dass sie nie ihre Handtasche weglegt, wenn sie für kurze Zeit einmal heimkommt, ist allen bekannt. Es dauert ewig, bis endlich die Tür aufgeht, wenn man bei Richard klingelt. Sie haben viele Sicherheitsschlösser, sogar eine Alarmanlage und eine Falle hat sein Vater eingebaut. Er behauptet, er hätte einen Schatz zu bewachen. Aber die meisten glauben, er spinnt. Geht endlich die Türe auf, kommt gleich der Geruch von angebranntem Essen ins Treppenhaus. Meistens hat Richard eine Zigarette im Mund. Von Mode hält er nicht viel. Er zieht andauernd dasselbe an. Sein Hobby ist seine Stereoanlage, die man im ganzen Haus hört. Als er noch zur Schule ging, wollte er Techniker werden, aber das hat nicht geklappt. Er arbeitet jetzt wie sein Vater in der Fabrik am Fließband und hat Angst, dass man ihn eines Tages nicht mehr braucht. Am Wochenende fährt er mit seinem Auto durch die Gegend. Er sagt, das sei der einzige Platz, wo man nachdenken kann. Es ist schon lange her, da hat Lisas Schwester ihn verpetzt, er hätte ihr unter den Rock gegriffen. Aber Lisa weiß, dass es gar nicht stimmte. Ihre Mutter hat gedroht, ihn anzuzeigen, und war erst zufrieden, als er so sehr Haue bekam, dass man es in allen Wohnungen hören konnte. Dann ging Lisas Schwester zu ihm und brachte eine Riesenschachtel Pralinen mit. Er warf sie auf den Boden, und als Lisas Schwester dennoch nicht gehen wollte, begannen die beiden zu streiten. Am Ende war die Schachtel leer und nachher hat die Schwester zu Lisa nur gesagt, das sei der schönste Tag in ihrem Leben gewesen. Hätte sie die Pralinen lieber Lisa gegeben.
Noch weiter oben wohnt Uwe, der immer an den Fingernägeln nagt und sich alle drei Minuten am Kopf kratzt. Fortwährend rutscht ihm die Brille auf die Nase. Er ist ein Einzelkind und hat ein freches Mundwerk. Das Hallenbad ist sein Lieblingsort und Pommes sein Lieblingsessen. Oft spielt er mit einem Messer. Er hat schon einen großen und zwei kleine Hunde bekommen, die stundenlang bellen, aber sonst nichts Böses tun. Seine Eltern sind geschieden und er lebt hier bei seiner Mutter. Sogar tagsüber läuft sie mit Lockenwicklern und manchmal auch im Nachthemd herum. Lisas Mutter sagt, die treibt es mit jedem, und es kommen auch immer wieder fremde Männer zu ihr. Erst vor zwei Wochen hat einer an Lisas Wohnung geklingelt, und als sie zur Tür rannte, weil ihre Mutter, die aufgemacht hatte, um Hilfe rief, war deren Bluse zerrissen. Der Mann ist dann schnell die Treppe hoch, und Uwes Mutter musste Lisas Mutter am nächsten Tag sofort eine neue Bluse kaufen. Von Onkels und anderen Verwandten will Uwe nichts wissen, und wenn er Streit oder eine Wut hat, ist er wie ein wildes Tier. Lisa muss dann lachen, sie kann nichts dafür. Einmal hat sie ihm seine Spielsachen kaputt gemacht, auch schon die Luft am Fahrrad rausgelassen. Er hat sie aber nie geschlagen, weil sie ein Mädchen ist. Vielleicht mag er sie.
Dann ist da noch der alte Mann, der ganz oben unterm Dach wohnt. Er ist zu schwach, um ohne Stock zu gehen. Das Treppensteigen macht ihm große Mühe, aber die kleine Wohnung will sonst niemand, deshalb ist die Miete niedrig. Und er selbst möchte sie auch nicht mehr verlassen. Seine große Nase passt gar nicht in sein Gesicht. Die Augen liegen ganz weit im Kopf drin. Sein Bart und seine Haare sind schneeweiß. Seine Kleidung sieht aus, als ob sie schon lange nicht mehr sauber gemacht wurde. Am Sonntag ist er ohne Schuhe und in einem Mantel weggegangen, in dem noch der Kleiderbügel steckte. Aber er hat es überhaupt nicht bemerkt. Er lebt ganz allein. Immer zum Ende der Woche bekommt er Post. Aber alle wissen, dass er die Briefe selber schreibt. Seine drei Söhne sind allesamt ausgewandert, weit weg nach Australien oder sonst wohin. Außer der Krankenpflegerin kümmert sich niemand um ihn. Er redet kaum mit anderen Leuten, und wenn jemand mit ihm sprechen will, hat er gleich eine Ausrede. Gegen Abend macht er manchmal einen Spaziergang, und wenn er heimkommt, geht er sofort ins Bett. Man sieht nie Licht bei ihm.
Direkt unter ihr, erzählt Lisa, wohnt im ersten Stock ein stiller Junge, Albert Dornäcker, mit seiner Mutter, die von einem Hof vom Land hierher nach Stuttgart gezogen ist, nachdem ihr Mann bei einem Arbeitsunfall so schwer verletzt wurde, dass er eine Woche danach starb. Man weiß wenig von Mutter und Sohn, so still und zurückgezogen leben sie. Nur hört man sie zu ungewöhnlichen Zeiten kommen und gehen. Ich weiß – damals im Jahr 1975 – hierzu schon manches mehr, aber das weiß wiederum Lisa nicht …
2
Die Uhr der nahen Kirche schlug elf Mal, als die letzten Reisenden in den Interregio nach Nürnberg einstiegen, dessen Abfahrt mit 23.04 Uhr angeschrieben stand. Den ganzen Tag hatte es ununterbrochen geregnet, und auch jetzt noch klatschte es monoton auf das gläserne Dach der Bahnsteighallen. Schon begannen die Räder der Waggons zu rollen, der Zug gewann an Fahrt und fuhr schließlich in den Tunnel der schwarzen Nacht hinein. Die Lichter wanden sich durch den Schleier, bis nur noch zwei rote Schlusslaternen zu sehen waren, die sich allmählich in der Dunkelheit verloren. Selbst das immer lächelnde Mädchen auf dem Werbeplakat, das sich genüsslich ein Stück Schokolade in den rotgerahmten Mund schob, sah an diesem Tag alt und griesgrämig aus.
Auch die Rufe des Zeitungsjungen, der müde über den Bahnsteig ging, nachdem er die letzten und neuesten Nachrichten preisgegeben hatte, sich dabei lediglich der Schlagzeilen bedienend, verstummten nun und unbestimmbare Geräusche schwangen noch einige Sekunden im weiten Rechteck der riesigen Halle nach. Jeden Tag fuhren einige hundert Züge verschiedener Kategorie in diesen Bahnknotenpunkt ein und aus. Frühmorgens spuckten die Blechwagen in Reih und Glied ein Meer von Menschen aus, die alle zu den Aus- und Abgängen des Gebäudes drängten, ein unüberschaubares fleischgewordenes Pflichtbewusstsein, das sich abends willig wieder aufschlucken und abtransportieren ließ. Erst in der Nacht bot sich das Bild scheinbarer Stille. Dann gönnte der Fahrplan dem Jungen mit der heiseren Stimme eine Stunde lang Erholung. Auf einer Bank streckte er die Beine aus und wollte seine Ruhe haben.
Manchmal, in der übrigen Zeit, wenn gerade kein Passant oder Reisender nach Neuigkeiten verlangte, fand er Zeit zum Nachdenken. Jetzt war er zu müde. Eine Stunde gönnte ihm der Fahrplan, eine Stunde Entspannung für die gequälte Stimme. Er hasste diese Tätigkeit, an den gerade eingefahrenen Zügen entlang zu gehen, bei mehreren Minuten Aufenthalt sich auch in die Abteile zu begeben. Die Durchreisenden schätzten es, bedient zu werden, und manches zusätzliche Trinkgeld für seine Dienste sprang auf diese Weise heraus. Aber er hasste auch die Hände, aus denen er das Geld entgegen nehmen musste, harte, knochige, zarte, gepflegte Hände, er hasste das Aufklappen von Handtaschen, das Kramen in Hosentaschen und Geldbörsen. Das müde Lächeln auf den grauen Gesichtern, der neblig feuchte Schimmer in ihren Augen begleiteten seinen Tagesablauf ab der Mittagszeit und vom Morgen an während der Schulferien.
Seit zwei Jahren besuchte der Fünfzehnjährige eines der städtischen Gymnasien, und um etwas eigenes Geld zu verdienen war es sein Entschluss gewesen, dass seine Stimme das Aktuellste durch die offenen Fenster der Züge rief. Viele, eigentlich konnte er zufrieden sein, verlangten seine Zeitungen, überflogen Klatschnachrichten und die blutigsten Schlagzeilen mit gierigen Augen und fanden sich danach restlos aufgeklärt über die Begebenheiten der letzten vierundzwanzig Stunden und zugleich mit Genugtuung versichert, dass sie selbst wieder einmal davongekommen waren.
Der Junge wusste die Momente der Einsamkeit zu schätzen, diese merkwürdig tote Ruhe, die weich wie ein Luftballon einfach da war, aber - wie dieser von einer kleinen Nadel - durch irgendeine dumme Störung umso lauter zerplatzen konnte. Er dachte an seine Mutter, mit der er zusammen in den engen Räumen dieses Altbaus in der Stadt wohnte. Dennoch bekam er seine Mutter kaum zu Gesicht. Tagsüber bediente sie in einem Café, abends stand sie als Bardame hinter der Theke eines anderen, nicht besonders vornehmen Lokals. Genau genommen kannte er das Gesicht seiner Mutter überhaupt nicht mehr bei Tageslicht. Fünf Jahre seiner Kindheit hatte er auf dem Land bei den Großeltern verbracht, nachdem deren Sohn, sein Vater, umgekommen war. Als ihn dann seine Mutter in ihre neue Wohnung holen kam, durfte er sie nicht küssen, weil sie dies verwehrte. Er hatte sich damit getröstet: Sie weint noch und möchte nicht fröhlich sein. Aber seine Mutter wurde auch nie froh und lachte nie an den Tagen, an denen sie mit dem Bus zu den Großeltern fuhren.
In ihrem Arbeitsvertrag hatte die Mutter vereinbaren können, dass sie pünktlich um 22 Uhr abgelöst wurde, und so wusste der Junge, dass sie zu Hause war, wenn auch er heim kam. Auf seiner Bank dachte er daran, dass er nachher leise ihre Schlafzimmertüre öffnen würde wie jeden Abend, oder vielmehr jede Nacht, um ihrem gleichmäßigen Atem zu lauschen. Das war nicht die gespannte Ruhe des nächtlichen Bahnhofs, das war eine wohltuende, schlaffe Ruhe, in die man sich bedenkenlos fallen lassen konnte.
In der großen Halle wurde ihm das Warten lang. Aber er hatte gelernt, das quälende Schlafbedürfnis zu besiegen, und sei es, indem er sich körperlichen Schmerz zufügte. Das Rauschen auf dem Bahnhofsdach erschien ihm wie der Kassiber eines anderen unbekannten Wartenden irgendwo in der Ferne. Zwei Stunden vor Mitternacht fuhr dröhnend der für ihn letzte Zug, ein ICE, ein. Der Regen rann von den Wagendächern, wenige Türen öffneten sich. Aber das Auf- und Eintauchen in die Lichtkegel der Bahnsteigleuchten und wieder ins Dunkel dahinter regte eine ungestillte Phantasie an: In der Ferne funkelnde Punkte leuchteten im Vorüberfahren auf einer Straße kurz auf und verschwanden als geheimnisvolle Rätsel, die nur zu dieser Stunde einen Wachträumenden fesseln und neugierig machen konnten.
Der Junge hängte sich die gefüllte Tasche über und ging auf das erste Abteil zu. Der Zug hatte ungefähr eine Viertelstunde Aufenthalt, und trotz der vorgerückten Zeit waren genügend Fahrgäste noch nicht in ihren Schlafkojen und daher vielleicht bereit, eine letzte Tageslektüre zu sich zu nehmen. Als der Junge nach seinem Weg durch sämtliche Waggons wieder draußen auf dem Bahnsteig stand und sodann am Zug entlang zurück ging, dachte er einen Augenblick daran, durch das Ausrufen der Schlagzeilen ein paar Schläfer zu ärgern: Leere Autobahnen wegen Ölkrise / Vulkanausbruch auf Island ... Aber noch ehe er Atem geholt hatte, sah er seine Stimme ungehört am makellosen Lack der Wagen herab in die schmutzigen Steine zwischen den verrosteten Schienen fließen. So ließ er es sein. Nur ein Pfiff ertönte, und die Maschinen zogen an.
Sein Weg nach Hause führte durch das Vergnügungsviertel des Stadtzentrums, wo er nur darauf achten musste, dass er von keiner Streife aufgegriffen wurde. Gleich danach kam er ein Stück weit durch eine Geschäftsstraße, wo im fahlblauen Licht der Nachtbeleuchtung Schmuck, Kleidung, Teppiche oder Konfekt hinter den Schaufenstern dekoriert lagen. Immer noch waren die fetten Marzipanknaben zu sehen, die aus einem ebenfalls ganz aus Marzipan gefertigten Schubkarren mit widerwärtiger Verbeugung Schokolade anboten. Eine Straße weiter sang ein nicht mehr nüchterner, vielleicht liebeshungriger junger Mann irgendein Lied, das italienisch klang.
Zu Hause trank er langsam den heißen Tee. Seine Kleider hatte er über Stühle gehängt, damit sie bis zum Morgen wieder trocken waren. Er stellte die leere Tasse auf die Spüle und öffnete leise die Tür des Zimmers, in dem seine Mutter schlief. Er hörte auf ihren Atem. Wenn er am nächsten Morgen aufwachte, würde sie bereits wieder weg sein. Sie half vor Öffnung des Tagescafés bei dessen Reinigung. Sein Frühstück stand dann bereit, sodass auch er nach dem Abwaschen des wenigen Geschirrs weggehen konnte.
Noch hielt er die Türe ein wenig offen, und in dem spärlichen Schimmer fühlte er seine Hände feucht werden bei dem Gedanken, einfach das Licht anzuknipsen. Doch er ließ es sein, beugte sich im Dämmrigen über ihr Gesicht, das ihm seltsam jung erschien. Blondes Haar fiel über dessen linke Seite. Hörte er auch ihre meist heisere Stimme selten, kannte er doch diesen Atem, dieses gleichmäßige Ein- und Ausatmen. Er neigte den Kopf hinunter, stützte sich am Bettrahmen auf und nahm das Wissen um ihre weichen vollen Lippen mit in seinen Schlaf, in dem er zu allzu oft träumend auf dem Bahnsteig stand unter dem Spinnennetz der Oberleitungsdrähte, während die Sperlinge an einer stehenden Lokomotive die erschlagenen Insekten von der Frontnase pickten ...
3
Nach schlecht durchschlafener und unruhig durchträumter Nacht erwachte der zweiundzwanzigjährige junge Mann schon früh, und dies, ohne dass er die Weckeruhr gestellt hatte. Ein Zettel lag daneben: ‘Ist man frei, solange die Diktatur der Uhrzeiger, der Zeit-, Fahr- und Stundenpläne herrscht?’ Der Versuch einer Erinnerung an Einzelheiten des Geträumten war vergeblich und brachte allenfalls das Bewusstsein eines konfusen Umherirrens der Gedanken zuwege. Entgegen des wirklichen Zustandes hatte er sich vorgenommen, gerade zu dieser Stunde noch zu schlafen in Anbetracht der ganz persönlichen Bedeutung des bevorstehenden Tages, dem er sich gefasst hingeben wollte. Liegenbleiben oder aufstehen und den Morgen anbrechen, der ja ohnehin schon in voller Fahrt war, wie das zum Fenster hereinströmende Sonnenlicht, die Geräusche der dicht an dicht fahrenden Autos sowie der kreischenden Straßenbahnen anzeigte?
Er kroch aus der Decke, kam mit eingezogenem Kopf unter der Bettnische hervor, bis er seine Einmeterachtzig aufrichten konnte, drückte den Schalter des Radios - „Du machst mir noch mein Herz zu Schutt ... “ dudelte es ihm zum Gruß - , öffnete das Dachfenster in der Schräge um einen handbreiten Spalt, ließ es einrasten, schob seine Nase nahe heran und sog die noch frische Luft dieses Junitages ein, der wohl wieder so warm wie die letzten Tage zu werden versprach. Im Glas zuckte knackend die aufgehende Hitze. Er peilte die Ziegel entlang und beobachtete über der Kimme seiner Dachrinne die Menschen, die sich an der Haltestelle gegenüber drängten. Die Bahn selbst entzog sich seinen Blicken hinter und unter dem hundert Jahre alten Wohnblock, auf dessen Höhe er dieses Appartement genannte Zimmer mit Schlaf- und Kochnische gemietet hatte, dem unschwer der aus ökonomischen Gründen erfolgte Umbau eines ehemaligen Dachspeichers anzumerken war.
Es war zwischen neun und zehn Uhr, als er es nicht mehr aushielt, dem Radio das Wort abschnitt, sein Fenster herunterzog, die Sonnenbrille einsteckte, das enge Zimmer verließ, den Schlüssel umdrehte, abzog und in seinem Jackett unterbrachte. Die Post, mit der seine frühere Schulfreundin ihren Besuch ankündigte, war in der Innentasche versteckt. Er hatte das kurze Schreiben vorgestern aus dem Briefkasten genommen. Auf der hellfarbenen Sondermarke war der Stempel 12.06.82 - 20 gut zu erkennen. Einige Jahre hatten sie sich nun nicht mehr gesehen. Das Wetter gestattete ihm, die Monatskarte für die Stadtbahn unbenutzt zu lassen. Arbeit, Haushalt, Schule, Kindergarten für die anderen ließen ihn bislang kein bekanntes Gesicht entdecken und es war ihm recht so.
Wo die Straße seiner Wohnung ihren Namen verlor, stieß er auf einen Fußgängerüberweg, vor dem er eine halbe Minute warten musste, während der er stumme Gesellschaft fand, die sich beim Grün der Ampel wie ein Spuk auflöste. Drüben auf der anderen Seite frühstückten einige Leute in einem Straßencafé. Er ging etwa hundert Meter dieser dicht belebten Geschäftsstraße mit dem unpassend lieblichen Namen Mariens hinab, ließ einen Ständer mit Ansichtskarten um dessen Achse drehen - Stadtansichten im Sonntagsstaat - , sah in einer zum Gehweg hin geöffneten Bar ein minderjährig erscheinendes blondes Mädchen mit eingefallenen Augen und kurzem Rock auf dem zu hohen Barhocker offenbar Alkohol trinken. Dornäcker zog einen kleinen Notizblock heraus, schrieb im Gehen: Wie viele leben in steinernen Pfahlbauten und haben das Schwimmen nicht gelernt!
An einem großen Möbelhaus bog er rechts ab und tauchte hinter einem Zeitschriftenkiosk in eine Unterführung ein, nicht ohne einen ernüchterten Blick sowohl über den Markt gedruckter Nacktheit diverser Schattierung als auch über die Börse des atavistischen Hanges zu Gewalt streifen zu lassen. Unten zeigten neben Vitrinenauslagen die Reste alter Wahlplakate verblichene Gesichter, nicht wesentlich unbekannter als noch mit frischer Druckfarbe, da die Person ohnehin etikettiert und programmiert und somit austauschbar schien.
Froh, dem Ungeruch treppauf wieder entrinnen zu können, wurden Augen und Nase von einem Blumenstand getröstet. Kurz entschlossen kaufte Dornäcker drei rote Rosen, die er in Papier gewickelt in die äußere Jackentasche steckte, sodass die verhüllten Köpfe heraus schauten. Auf der vierspurigen Straße gärte der Stadtverkehr. Personenautos, Kombis, Lastwagen, Polizei, Sankas, ein Leichenwagen, Motorräder, Taxis, ein blumengeschmücktes Hochzeitsauto, für manchen zu schnell, für manchen zu spät, alles Blech, oder: die drei Produktionsfaktoren des Glücks - Arbeit, Mensch und Kaufkraft. Die besten Wünsche zur Vermählung, Schwangerschaft und Scheidung, Drogen, Macht, Geschwindigkeits- und andere Räusche, Träume in Narkose unterm Messer, ein traurigschönes Begräbnis der Besinnlich- und Gelassenheit.
Eine kurze Strecke weiter nahm ihn linker Hand ein überbauter Durchgang auf, der an einem Kino vorbeiführte. Er warf die zerknautschte, nicht mehr lesbare Eintrittskarte zum letzten Film (ein Western ... wie hieß der Titel noch ...?), die seine Finger aus der Hosentasche gruben, zu Boden. Eine Tür weiter das Schild eines Psychotherapeuten, Medizinmann der im Dschungelkrieg Gescheiterten. Die Treppe am Ende der Schneise hinabzusteigen bedeutete die Zuflucht in einer Fußgängerzone, von deren Gewühl er sich willig verschlucken ließ. In einem Buchladen murmelte er auf höflich bestimmte Fragen der Verkäuferin etwas von „Umschauen ...“ und stöberte interessiert und unkonzentriert zugleich in den Regalen und Auslagen, ohne zu beabsichtigen, etwas Kaufwürdiges zu finden, was ihm beim Hinausgehen die Verweigerung eines Abschiedsgrußes sowie unfreundliche Blicke eintrug.
Der kürzeste Weg zum Bahnhof wäre nun gewesen, die Seitenstraße hinaufzugehen, wo von oben der Ausschnitt ihrer Einmündung die Leinwand für das Geschehen auf der Königstraße abgab. Jene endete am Schluss aller eisernen Wege von draußen. Die Uhrzeit in Betracht ziehend blieb er jedoch unterhalb auf einer Parallelstraße und schlenderte in Richtung Marktplatz weiter, umströmt von menschentragenden Feldlinien. Masken als Gesichter, versteckte Seele - aber welche? - , unterm Kulissentuch die Menschlichkeit und Sehnsucht nach ein wenig Liebe wie die Wut zum Hass.
Er war im geschäftstüchtigen Herzen der Stadt, in dem fast alle Waren und beinahe alle Dienstleistungen käuflich zu erwerben waren, lapidar bekräftigt durch den tristen Anblick des Bordells in einer Seitengasse. Das Verschwinden einiger Kunden im Kaufhaus für sexuelle Bedürfnisse verriet ihm, dass es elf Uhr gewesen war. Die Sonne stand nun fast im Süden, während er gedankenverloren an einer Telefonzelle (‘Ruf doch mal an!’ „Wieviele wissen, wem?“) und am Rathaus vorbei („Guter Rat ist teuer, sagt man. Doch auch Ratlosigkeit kann teuer zu stehen kommen. Und was ist letzten Endes nicht ein Rätsel?“) mit der Hitze im Rücken quer über den Marktplatz ging, zwischen Ständen hindurch mit rufenden Landfrauen und antwortenden Käufern. Im Hintergrund lockten ein Eis- und ein Luftballonverkäufer. Vor einigen Wochen war ein Ballon bei einem Wettbewerb dank des anhaltenden Westwindes bis nach Prag geflogen. Er blieb im Schatten einer Würstchenbude stehen, sich überlegend, womit er den eventuellen Hunger auf ein Mittagessen vorbeugend überlisten konnte. Eine erste Erinnerung schob sich vor den Anblick eines zu stark gegrillten Angebotes, dessen mangelnde Vielfalt keine große Auswahl zuließ …
Und noch mal gerammt! Mit Kreischen hob es im Voraus die Mädchen schon vom Sitz. Der kindisch kindliche Spaß hatte Narrenfreiheit. Unterm elektrischen Gitternetz zogen Funken schlagend Stromabnehmer ihre gewollt konfusen Bahnen. Das leuchtfarbene Bullauge voraus steuerte Lil neben ihrer Freundin Tanja das Gefährt auf der Flucht vor Albert und dessen Schulfreund. Mitten im Regen aus sehr lauter Musik setzte ein unsichtbarer Griff zum Schalter dem gummigesicherten Chaos ein Ende, und die vier Jugendlichen verließen nach der fünften Fahrt das metallene Geviert der Autoscooter und tauchten in die lustlose, obligat lustige Menge ein, sich ungeduldig durch deren zähen Fluss weiterkämpfend, stehen bleibend, sich zurufend: „Haltet mal, schaut hier ...!“
An einem Lotteriestand gewann Lil einen kitschigen Anhänger, der ihr sogleich von Tanja abgeschwatzt wurde: „Passt gut zu meinen roten Fingernägeln, oder etwa nicht?“
Lil gab sich großzügig. „Meine Mutter will mir so etwas erst erlauben, wenn ich nächstes Jahr konfirmiert bin. Wenn du also möchtest ... ! Und du, Albert?“
Vom aufgerollten Los rezitierte dieser: „Gut verloren ist auch gewonnen! ... Na ja, was soll’s ...“
Der andere Junge spendierte den jungen Damen eine Tüte Magenbrot und ließ Albert einiges von seinem ab. „Dieses Mal haben wir mehr Glück mit dem Wetter. Wisst ihr noch? Das vorige Frühlingsfest: Die ganze Woche hat es geregnet.“
Dann kokettierten die Mädchen vor der Geisterbahn, indem sie kategorisch erklärten: „Da bringt uns keiner hinein!“ Worauf die Jungen sie zur Kasse zogen, alle einen Stempel auf die Hand gedrückt bekamen und auf zwei kleine Wagen verteilt wurden. Die Lust am befreiten Schreien wurde ausgekostet, auch wenn sich draußen Zuhörer an der Lautsprecherübertragung belustigten, anregen ließen, manche gar einen leichten Schauer im Nacken spürten.
Zur Beruhigung der Nerven brauchte anschließend jeder ein Tüteneis, das in Balance zu halten im Gedränge keine leichte Aufgabe war und einen beschleunigten Genuss angeraten sein ließ. Ein paar Muskelprotze, oder solche, die es gerne gewesen wären, hauten verbissen den ‚Lukas’, und die beiden Jungen gerieten in den Zwiespalt, zuschauen zu wollen und doch die Aufmerksamkeit der Mädchen nicht allzu sehr gefangen nehmen zu lassen. Eine Einladung zum Fliegen im Kettenkarussell war die rettende Idee. Und wenn auch alle Versuche, den Mädchen am Schießstand als Schützen zu imponieren, zu nichts weiterem als der Beute in Gestalt eines Federwischs zum Anstecken führte, so wurde im folgenden auf der Schiffschaukel der Beweis erbracht, dass Geschicklichkeit und Ausdauer sehr wohl Kraft ersetzen können, wofür die Steigerung der Angst bei den Mädchen, je höher es ging, beredt zeugte.
Die einerseits psychische, andererseits physische Erschöpfung machte nun allen vier mehr und mehr zu schaffen, und sie folgten den Spuren, welche die sämtliche Lautsprecher übertönende Blasmusik akustisch legte, zum großen Bierzelt. Ungeachtet eventueller Risiken trank das Quartett je ein Bier, auch die Szenen einiger zeitig Betrunkener konnten nicht abschrecken, allenfalls erheitern. Dennoch wurde zwar der Durst gelöscht, aber es deuteten sich gewisse Unsicherheiten an, im Verein mit der Neigung, mehr Dinge als nötig komisch zu finden. Sie ließen sich auch von einem ruppig-fremden „Passt doch auf, ihr Gören!“ nicht in ihrem Übermut stören.
Die Heraufsetzung der Mutschwelle brachte nun eine Diskussion in Gang, ob der Rest des Geldes ins Riesenrad oder die Achterbahn investiert werden sollte. Das Wort der Jungen entschied zugunsten der letzteren. Ein flaues Gefühl im Magen rührte nicht oder nicht nur von der Vorahnung folgender dieses Organ besonders in Mitleidenschaft ziehender Einwirkungen, sondern eher von der nicht vorhandenen Grundlage, dem Alkohol ein rechtes Wirkungsfeld zu geben.
So bestiegen die vier erst nach dem Verzehr einer heißen Roten mit Senf und Wasserwecken und der Ausgabe ihrer letzten zusammengekratzten Münzen gemeinsam den Reitsitz eines Wagens. Dieser zog an, wurde von einer Kette zur Höhe gebracht und ausgeklinkt. Sie erlebten den freien Sturz des Fallschirmspringers, innere Organe unterlagen als Ruhemasse der Trägheit und blieben stehen, der Hals ging drüber weg, ein Gegenwind fegte alle Schreie fort nach hinten, potentielle Energie wandelte sich kinetisch um, die Hand umkrampfte den Haltegriff. Beschleunigung per Talfahrt, hingeklatscht am nächsten Hang zum Himmel, die Verzögerung von kurzer Dauer, umgeschleudert in der Zentrifuge und ab ins Loch, vorne Albert, schau voraus, zwei Mädchen in der Mitte, die Welt im Veitstanz, ‘My little baby, you are so crazy’, dem Lautsprecher ging die Membran über, Achtung Kurve, Gefälle dreißig Prozent, mit Schwung in den Auslauf, hart gebremst.
Ein Helfer eilte herbei, die nächsten Gäste warteten wie üblich vorne schon, und lauthals eh er bei den Mädchen war: „O Mann, konntest du’s nicht noch für zehn Meter bei dir halten? Verfluchte Schweinerei ...!“ Albert hing im schnell versuchten Sprung halb drin, halb draußen, über Bord gekrümmt, ausgekröpft die gallige Nachhut …
Dornäcker ließ sich eine Papierschale voll Pommes frites mit Ketchup reichen, verlangte von letzterem noch etwas nach und steckte sich im langsamen Dahingehen ein ums andere Kartoffelstäbchen in den Mund, nachdem er es in den roten Breihügel am Rand der Schale gespießt hatte. Merkte sodann stirnrunzelnd, dass einige der Stückchen schwarz waren und angebrannt schmeckten …
Albert Dornäckers Mutter hatte, einmal des Alleinseins überdrüssig, den Verfasser einer Annonce, die nach einer ersten verabredeten Begegnung im Park reale und durchaus positive Gestalt annahm, zu einem Essen aus eigener Küche eingeladen, sich des Risikos wohlbewusst, unter Umständen eine investitionsträchtige kulinarisch-erotische Niete gezogen zu haben. Die Hauptlast der Verantwortung in diesem Scharmützel lag bei der Mutter, deren höchsteigene Kochkunst angestrengt anstrengende Rhetorik unnötig werden lassen sollte. Hierbei durfte man sich durch keinen außerfamiliären, wenn auch hilfreich gemeinten Eingriff die Möglichkeit nehmen lassen, mit Stolz auf eigene Fähigkeiten und vor allem persönliche Widmung und Hingabe zu verweisen. Kochen sei wie Musizieren: das gleiche Rezept und die gleichen Noten geraten bei jedem zu einem persönlichen Mahl oder Spiel. Das bemüht zwanglose Gespräch würde schon auf eine irgendeine unvorhersehbare Weise den richtigen Weg zum rechten Thema finden.
Die Bedeutung des Abends, dem der Eingeladene für Freitag zugestimmt hatte, warf Schatten in Gestalt einer sich steigernden Nervosität besonders der Mutter voraus, wodurch die gesamte häusliche Atmosphäre befangen war. Kochbücher der Nachbarn wurden neben den eigenen zur Planung herangezogen. Aus diesen sowie aus verschiedenen Zeitschriften nahm die Mutter die Bausteine für die Kombination eines Menüs, das die vorausgegangene Ankündigung an den zu erwartenden Gast erfordert hatte, nur nach leichter Tageskost die Runden der aufgetragenen Gänge zu überstehen.
Zwei Tage vorher hatte die Mutter bei ihrem Metzger vorbestelltes, gut abgehangenes Hasenfleisch besorgt, dem sie seine sieben Häute abzog, bis es freilag. Mit Hingabe bereitete sie eine Beize aus Buttermilch mit Nelken, Lorbeerblättern, Pfefferkörnern, Wacholderbeeren, einer Zwiebel, schließlich Knoblauch, worin das Fleisch sich einer Geschmacksmetamorphose unterziehen sollte. Dieses Kleinod ruhte vorläufig im Kühlschrank und ließ dem gewohnten Leben seinen Gang.
Mit seinen siebzehn Jahren konnte der junge Mann noch nicht den rechten Sinn für die Bedeutung des kommenden Ereignisses entwickelt haben, was sich in manch ironischer Kritik andeutete, wofür wiederum seine Mutter kein Verständnis hatte. Dennoch akzeptierte ihr Sohn Albert den Anspruch, die ganze Sache mit dem nötigen Ernst zu nehmen, als Gegebenheit und brachte dies als persönliches Opfer zugunsten des beiderseitigen Verhältnisses fairerweise ein. Er zeigte sich gerne bereit, zur Hand zu gehen, wenn es seine Mutter von ihm wünschte und sofern ihm Schule und Hausaufgaben dafür Zeit ließen. Seine eigenen Freizeitinteressen hintanzustellen, wenn es um höhere, doch zeitlich überschaubare Ziele ging, war Ehrenpflicht.
Noch am Freitagnachmittag durchstreifte er die Stadt, um in den damals noch wenigen Spezialgeschäften einige Honigmelonen, eine Kokosnuss sowie frische Weintrauben zu erstehen, Ingredienzien für den ersten Gang, Auftakt und Anregung: einen Melonencocktail. Die Zutaten für eine Froschschenkelsuppe nach Elsässer Art, die danach folgen sollte, waren von der Mutter bereits in Vorrat genommen.
Sie hatte am Nachmittag für den Rest des besonderen Tages Urlaub beantragt, und der Gast war, um Pünktlichkeit gebeten, für neunzehn Uhr eingeladen. Die Uhr zeigte jetzt siebzehn Uhr dreißig. Alle notwenigen Einkäufe waren am Tage getan, der Tisch schon gedeckt. Die kulinarische Bereitstellung trat in ihre entscheidende Phase. Das Hasenfleisch durfte aus der Beize geholt, abgetrocknet und rundum mit Speckstreifen eingewickelt werden. Der Backofen war auf zweihundertfünfzig Grad vorgeheizt und nahm den Braten, in eine Fettfangschale gelegt, auf. Es war siebzehn Uhr vierzig.
Der Sohn hatte die Kokosnuss geöffnet, sodass die Mutter mit den nun von ihr bereiteten Kokosraspeln an die Fertigstellung der Früchtevorspeise gehen konnte. Dies war um siebzehn Uhr fünfzig geschafft. Inzwischen legte sich am Braten etwas brauner Satz an, weshalb der Ofen kurz geöffnet werden musste, damit ein Achtelliter Weißwein neben Pilzen und den Gewürzen aus der Beize zugegeben werden durften. Noch ein Schuss Wasser, und die Ofenhitze übernahm wieder ihre Aufgabe. All das war in wenig Zeit geschehen, während die nächsten zwanzig Minuten von der Zubereitung einer bunten Salatplatte ausgefüllt waren, wobei die Arbeit hauptsächlich im Anrichten und Abschmecken der verschiedenen Salatsorten bestand, da das Reinigen, Schälen, Zerpflücken und Raspeln zum größten Teil bereits vorweggenommen war.
Gegen Viertel nach sechs wurde die Komposition des Desserts ins Auge gefasst: einer Schwarzwälder Creme aus Schokoladenpudding mit Sauerkirschen, Kirschwasser, süßer Sahne und Vanillesauce, das Ganze mit einem Tropfen Rumaroma abgerundet und anschließend kaltgestellt. Achtzehn Uhr dreißig.
Nun war es Zeit, an die Suppe zu denken. Die Mutter löste das Muskelfleisch von den Knochen der Froschschenkel, schnitt es zusammen mit einigen überbrühten Tomaten und einer Zwiebel in grobe Stücke. Nachdem sie einen Würfel Kräuterbutter im Topf erhitzt hatte, schob sie das Geschnittene in das Flüssige, löschte es mit Cognac ab und flambierte die Mischung. Anschließend kam eine heiße Brühe darüber, und hierein legte sie einen Leinenbeutel mit Majoran, Thymian, Basilikum, Koriander und grobem Pfeffer, dazu ein Lorbeerblatt und eine Nelke.
Indessen war der Braten gar, wurde aber noch nicht herausgenommen, sondern erhielt einen Guss saurer Sahne und sollte zehn weitere Minuten im Ofen verharren. Gleichzeitig setzte die Mutter als hausfrauliche Sterneköchin für zwei Personen Nudeln auf, das einzige Zugeständnis an die übliche, nämlich rationellere Weise, zu kochen. Und nachdem die Suppe genügend unter Dampf gestanden hatte, wurden die Gewürze entfernt, zum rechten Schluss noch ein Eigelb sowie Sahne eingerührt. Suppe, Nudeln und Braten konnten jetzt für kurz oder länger, schwach oder stärker ihrer Temperatur überlassen werden, während die Hausfrau sich ihrer Toilette als Dame des Hauses widmen durfte; zuvor ihrem Sohn die Bitte hinterließ, nur ja den Braten in „Sagen wir ... fünf Minuten!“ herauszunehmen, zugleich die Herdplatte unter der Suppe auszuschalten, indessen sie zum Abschöpfen der Nudeln wieder zur Stelle sein wollte.
Aus dem Keller des großelterlichen Hofes, wo der Großvater ein zusätzliches Ziegelgewölbe eingebaut hatte, unter dem sein ganzer Stolz: wertvoller, abgelagerter Wein ruhte - dort unten war lautes Sprechen untersagt, weil die Schallwellen sonst vielleicht die kostbare Flüssigkeit verdorben hätten - , waren Tage zuvor von Albert zwei Flaschen Auslese entführt worden, die als späte Krönung des Abends kredenzt werden sollten.
Als es an der Wohnungstüre läutete, verließ der Sohn überrascht von dem Zeitpunkt seinen Aufsichtsposten an der Herdfront, ohne eine Veränderung vorzunehmen, da er nach dem Öffnen nur den Gast hereinlassen musste, der vermutlich zu früh erschienen war. Draußen stand jedoch Lil, die mit „Grüß dich, Albert! Kommst du morgen Abend mit zu den Rolling Stones in die Halle? Das darfst du dir doch auf keinen Fall entgehen lassen! Ich könnte noch ein paar super Karten erhalten. Bingi, Frank und Kurt gehen auch ... “ seine Pflichtenkreise störte. „Wann geht’s denn los?“ Mit Lil war er schon oft in Konzerten dieser Art gewesen, und er wusste ihr Angebot durchaus zu schätzen. Die Erinnerungen an gemeinsam erlebte musikalische Höhepunkte geisterten durch das Gespräch.
Ein Auto hielt vor dem Haus. „O je, komm rein! Ich hab was vergessen ...“ rannte Albert vorweg in die Küche. Dort stand seine Mutter im Abendkleid vor dem offenen Backofen über den Braten gebeugt und drückte sprachlos ihr Entsetzen, ihre Verzweiflung, Enttäuschung und Wut über das geschehene Unheil aus ...
Albert Dornäcker verließ das Marktplatzareal und schüttelte erstaunt den Kopf über sich selbst und seine gefälschte Erinnerung, die er sogleich korrigierte: Als Lil hinter ihm die Küche betreten und die Nase mit einem „Hm, hier duftet es ja himmlisch! So möchte man alle Tage irgendwo empfangen werden ... “ hereingestreckt hatte, war auch die Mutter hinzugetreten, dem Sohn halb ernst, halb scherzend die Haare zausend: „Auf die jungen Leute ist doch kein Verlass. Ich dachte, ich schau lieber selbst nach dem Rechten. Und tatsächlich, der Herr Sohn war verschwunden. Aber der Braten sieht herrlich aus. Der Besuch mag kommen! Und ihr beiden geht am besten miteinander ins Kino. Hier habt ihr etwas dazu ...“
Zur Rechten lag nun das wuchtige Renaissanceschloss, während Albert Dornäcker über den freien Platz - vorbei an der Dichterstatue Schillers in dessen Zentrum - gehend sich bewusst war, dass er über einigen hundert Autos in einer unter ihm ausgehöhlten Tiefgarage dahinschritt. Und beiläufig bemerkte er an der Auf- und Ausfahrt zur Straße neben dem Schloss drei Männer sich abmühen, ein Fahrzeug ans Tageslicht zu bringen, das in der Blechgruft gestreikt hatte. Am Straßenrand wurde die Motorhaube geöffnet und drei Köpfe versenkten sich weissagend dahinter. Seine eigenen Erfahrungen mit einer zumeist öligen Kunst der Motorentechnik und -mechanik lagen einige Jahre zurück und waren ohnehin nur sporadischer und zugleich recht begrenzter Natur, geboren aus dem Verlangen, während einer tristen Winterferienzeit, welche kaum Schnee brachte, die finanzielle Basis zum besseren Auskosten der Ferien in wärmeren Jahreszeiten zu legen …
Lil und er - wer in wessen Schlepptau, wusste er später nicht mehr genau zu sagen - versuchten ihr Glück bei verschiedenen größeren Firmen, wurden abgewiesen, es sei leider Wintersaison, kein Bedarf wegen der vielen Feiertage, kurzum keine Arbeit zu vergeben. Bis sie doch noch an eine Kraftfahrzeugwerkstätte gerieten, die eine große Halle mit einem Dutzend Hebebühnen besaß. Die vielen Autos auf dem Vorhof harrten ihrer ungeduldigen Besitzer.
„Tja, das Mädchen könnte ich schon brauchen ... Botengänge durchführen, mit Auftragskarten zwischen Bürohaus und Werkhalle zum Beispiel ... Aber Sie, junger Mann ...?“ Der Chef machte auf bedauernd. „Ohne meinen Freund möchte ich eigentlich auch nicht, wissen Sie!“ Lils sanfter Erpressungsversuch war ihr eigenes Risiko. Die Pupillen über den Tränensäcken des älteren Mannes hinterm Schreibtisch ruhten auf Lils aufrecht stehenden mit Hose und Pullover eng gekleideten Körper, und Albert Dornäcker fühlte sich nicht sonderlich wohl, als er augenzwinkernd „So’n raffiniertes Weib, na ja, den bringen wir schon irgendwie unter!“ als Anhängsel dabei sein durfte.
Und an den folgenden Tagen tauchte Albert allmorgendlich im Blauen Anton, geliehen, pünktlich in der Werkhalle unter, wo im fahlen Kunstlicht die schon abends eingefahrenen Kandidaten warteten, um von Eis- und Schneekufen abgeschmolzen hydraulisch hochgehoben zu werden und Operationen an Teilen hinter deren Tauchlackkulisse zu erdulden. Er versank in der ihm nach und nach erträglich gewordenen Geruchspalette aus Kohlenwasserstoffdestillaten, Acetylen und Farbe.
Lil sah er nach der Trennung im morgendämmrigen Vorhof tagsüber nur wenig. Einige Male erschien sie mit einem kleinen Stoß Karten von der Auftragsannahme und empfing vom Meister einen ebensolchen für das Rechnungsbüro, nicht ohne Albert von weitem gesucht, gefunden und zugenickt zu haben. Und er, je öliger, zerzauster, stinkender, desto stolzer, erwachsener, würdiger fühlte er sich.
Seine Begegnungen mit Zylinderköpfen, Kolben, Ventilen, Kurbel-, Nocken- und Kardanwelle, Getriebe und Differential blieben zwangsläufig distanziert und provisorisch. Von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz weitergereicht überließ man ihm die Nachprüfung des Säurestandes in der Batterie, Wasservorrates im Kühler, Reifendrucks, Sitzes der Innenverkleidung, wohl auch hie und da das Entrosten von Leitungen oder Bürsten der Zündkerzenelektroden („Zur Übung!“ hieß es, als er die Zündkerzen im Abfall wiederfand), das Reinigen oder Austauschen des Filters, einen Ölwechsel und als Krönung das Ausputzen des Vergasers älterer Modelle, wozu er diesen ausbauen und zerlegen musste.
So hatte er sich nach einigen Tagen den Ruf eines anstelligen, zuverlässigen Gehilfen erworben, und er bekam vom gemeinsamen Vesper das eine oder andere wohlmeinend gereichte Stück Wurst etwa, die Senftube hinterhergestreckt und draufgedrückt: „Nun beiß mal zu und lass es dir schmecken!“, worauf ihm der Meerrettich die Schweißperlen an den Haarwurzeln austreten ließ.
Seine erste wöchentliche Lohntüte hatte er nach Hause gebracht, und nach den Feiertagen war er mit Lil und einem regnerischen Morgen, der die Dunkelheit noch dunkler machte, wieder zur Stelle. Hatte er sich in der ersten Stunde mit Schwimmer und Drosselklappe beschäftigen dürfen, sollte er nun die Räder von vorne nach hinten und umgekehrt wechseln. Kurz vor der Frühstückspause war der Wagen gerade noch eines Rades amputiert, als zum einen der Meister an den verantwortlichen Mechaniker herantrat: „Der Besitzer ist da und drängt. Er will wegfahren, in irgend so ein Skigebiet. Wie weit seid ihr denn?“ und der Mechaniker: „Ich wär soweit fertig, der Junge muss nur noch das Rad anschrauben. Na lass mal, ich mach das schon!“ darauf reagierte. Albert wehrte ab: „Ich hab’s gleich!“ und das Gespräch der beiden andern floss weiter.
Zum andern betrat Lil die Halle, den Meister suchend. Gab ihm die Karten, er gab ihr eine davon zurück, mit der Hand auf einen gegenüber liegenden Arbeitsstand weisend, wo ein junger Mechaniker sich die Hände an einem Knäuel Werg putzte. Albert Dornäcker beobachtete von der anderen Seite unter dem Auto hindurch, während er die Felge an die Schrauben hängte, und sah, wie der Mensch dort drüben sich neben das Mädchen stellte, den Rücken ihm zugekehrt, und seinen Daumen die hintere Hosennaht von Lils Jeans entlang zog bis zum Schenkelschluss. Und er stand auf, griff nach einem schweren Mutternschlüssel vom Werkzeugwagen, schlich mit unsicher wütenden Schritten hinüber. Schnappte empört auf: „Püppi, trägst du deine Unschuld in der Handtasche herum?“, hob den Schlüssel, bekam von hinten zugerufen: „Bist du fertig?“, hörte abwesend, atmete auf, als sich Lil alleine freimachte, musste sich noch von dem andern sagen lassen: „Was gibt’s zu glotzen, werd erst mal trocken, du Spanner!“ Stolperte der kopfroten Lil nach, hörte hinter sich das herabgelassene Auto nach draußen fahren und erschrak im voraus.
Sekunden danach hörte er wie alle anderen den Schlag bis in die Halle herein, und aus drei durcheinander schreienden Stimmen rief die eine ihn, nur ihn, die unleidig gelittene Zugabe. Und er wusste, dieses Wochenende würde es keine Lohntüte geben, für beide nicht.
Dornäcker steckte sich die letzten Pommes frites in den Mund, warf den Pappteller in den Abfallkorb vor einer Gaststätte, schüttelte den Kopf und fragte in sich hinein, während er die Straße überquerte, warum der Mechaniker nicht doch noch vorsichtshalber die Muttern nachgezogen hatte. Er sah wohl den bereits recht nahen Stadtbus, der mit beachtlicher Geschwindigkeit die Haltestelle fünfzig Meter weiter links anfuhr, hätte in Ruhe warten können und müssen wie all die andern Fußgänger auch, sprang dennoch um einen Augenblick an der Front des Busses vorbei, das zornige Hupen des erschrockenen Fahrers und das verständnislose Kopfschütteln der Leute im Rücken …
Seit jeher war der Jahresausflug des Gymnasiums für die gesamte Mittelstufe auf denselben Tag angesetzt worden. Aus organisationsökonomischen Gründen, pflegte der Direktor als Apologie gegen den Vorwurf der Busunternehmer, sie würden dadurch in fahrplantechnische Schwierigkeiten gebracht, in Feld zu führen. Für die Schüler konnte dies zum unnachgiebig verordneten Massenreinfall wie zum kollektiven Hochvergnügen geraten, je nach Wetterlage. In jenem Jahr, da Albert Dornäcker fünfzehn geworden war, fiel der Schicksalstag mit einer recht vielversprechenden meteorologischen Konstellation zusammen.
Treffpunkt war die Schule, sechs Uhr morgens: Eine lange Phalanx älterer, neuer, kleinerer und großer Busse wartete auf den von den einzelnen Lehr- und Begleitpersonen mehr oder weniger gebändigten Ansturm der - um subjektiv für gut befundene Plätze besorgten - Schülerinnen und Schüler. Die Sonne stand noch nicht hoch, und aus einsamen, unsicher drei Schritte vor und zurück gehenden, verlegenen, weil offenbar zu früh Gekommenen waren nach und nach Gruppen gewachsen, deren Größe in direktem Verhältnis zur Heiterkeit stand, die sich entfaltete. Das Erscheinen des Lehrers bedingte nur eine kurze, allenfalls verhalten Respekt andeutende Unterbrechung. So auch, als der ältere untersetzte kahlköpfige Herr eintraf, von den Fünfzehnjährigen mit dem aus distanzierter Ironie und zugestandener Autorität gemixten Titel ‚Opa’ bedacht.
In einer Gruppe lautstarker Jungen Witze austauschend, nahm Albert Dornäcker die Ankunft Lils wahr, und er behielt sie, die sich mit den anderen Mädchen über zumeist unnötige Utensilien unterhielt, die man mitgenommen oder mitbekommen hatte, um am Abend unbeschadet an Leib und Seele nach Hause zurückzukehren, im Auge.
Um Viertel nach Sechs waren einige Busse bereits ihren verschiedenen Zielen entgegen losgefahren, von den vierunddreißig Ausflüglern fehlte niemand mehr, und so gab ‚Opa’ die Erlaubnis zur Besetzung des Busses, was nach einigen unruhigen Minuten erfolgreich geschehen war, einesteils zufriedene, andernteils durch die Niederlage im Wettstreit um eine Fenster- oder Hinterbanksitzgelegenheit enttäuschte Gesichter zurücklassend. Der Lehrer hielt sich an den Vorzugsplatz beim Mikrophon, auf das er sich in der Not als Zügel verließ, mit dem er gegebenenfalls dem Gespann hinter sich eine bestimmte Verhaltensrichtung vorgeben konnte.
Die folgende Busfahrt wurde von den meisten nicht als besonders interessant empfunden, da der Weg abgesehen von der ohnehin jedem hinlänglich bekannten Landstraße zur Autobahn führte. Albert saß etwa in der Mitte der linken Sitzreihe und ließ sich willig die häuslichen mit Hilfe eines Chemiebaukastens durchgeführten Experimente seines Nachbarn erläutern, während er den Kontaktfilm der vorbeirutschenden Landschaft vor sich ablaufen sah - per Zeitlupe im direkten Verhältnis zur Entfernung: abgemähte oder ins Unkraut geschossene Hänge, darin auszumachen Löwenzahn, Hahnenfuß und Schafgarbe. Dann ein Szenenwechsel: in Wildwuchs geratenes Gestrüpp, Haselnuss, Schlehe und Holunder. Kultur hielt sich diskret im Hintergrund: Obstbaumwiesen, Felder, Dörfer.
Nach einer knappen Stunde lenkte der Bus am Karlsruher Dreieck nach Norden ein, und die von Laubwald bestandenen Ausläufer der Oberrheinebene flossen vorbei. Kurz nach Autobahnkilometer 590 konzentrierte sich an der Ausfahrt ‚Walldorf-Wiesloch’ die Aufmerksamkeit aller nach ‚Opas’ Hinweis „Links vor uns die bekannte Rennstrecke, der Hockenheimring!“ länger- oder auch nur kurzfristig. Die Fachleute wussten vom letzten Rennen zu erzählen, das für Motorräder verschiedener Klassen ausgeschrieben war. Die Anschauung hatte freilich angesichts des Waldes in der Phantasie zu erfolgen, sodass letztlich auch der Hälse reckenden rechten Hälfte inklusive Lil nichts entgangen war. Dafür sah man von der rollenden Tribüne herab drunten den Atavismus des Jäger- und Wild-Spieles sich austoben und jeden Teilnehmer daran sich in einer Doppelrolle gefallen.
Bei Kilometer 580 steuerte der Bus von der Autobahn weg und wurde schnell von den Straßenzeilen Heidelbergs aufgenommen. Die Klasse wurde bis knapp vor das Schloss empor gefahren, von wo man gliederdehnend die letzten Meter bis zur Aussichtsbalustrade schritt, um das Selbsterlebnis des souvenirverschlissenen Blickes auf das Stadtpanorama mitzunehmen. Der Tausendfüßler zog sich sodann durch die Relikte des einst gepriesenen Hortus Palatinus und stand hinter dem Torturm im Hof der von allzumenschlicher Geschichte wie von übermenschlicher Naturgewalt arg gebeutelten und dennoch beeindruckenden ehemaligen Residenz der Kurpfalz. Die jugendlichen Reaktionen reichten von der Bewunderung für die Fassade, das Große Fass, fürs Schankbier bis für das WC.
Nachdem sich alle alles angesehen, sich mit Beweismaterial eingedeckt und ihre Kommentare ausgetauscht und wieder kommentiert hatten, begab man sich auf den Abstieg durch die Stadt zum Fluss hinunter, wo die Klasse nach kurzer Wartezeit von einem Motorschiff aufgenommen wurde, das sie zum dreißig Minuten nahen Neckarsteinach bringen sollte. Auf dem luftig freien Deck stellte Albert Dornäcker seinen Stuhl so, dass Lil vor ihm zu sitzen kam, was sie mit einem über die Schulter geworfenen ironisch verlegenen Lachen quittierte. Man griff rundum zur Vespertüte und genoss kauend und trinkend die romantische Atmosphäre von achtern aus. Das Bedauern, nach wenigen Zwischenhalten an der Endstation angelangt zu sein, war echt - ganz abgesehen davon, dass nunmehr ein längerer, doch obligater Fußmarsch bevorstand, von dessen Ziel aus die Rückfahrt geplant war.
Zunächst ging es einen schmalen Pfad entlang, der unterhalb eines baum- und buschbestandenen Hanges nahe am Fluss verlief, sodass größtenteils Gänsemarschordnung eingehalten werden musste. Lil hatte sich weiter vorne eingereiht, ihre Freundin Tanja - wichtig Unwichtiges erzählend - dahinter. Jetzt ließ ‚Opa’ die Richtung wechseln, indem er vom Fluss wegdirigierte, da das Gelände demnächst unzugänglich werden sollte und man über eine kleine Landstraße wieder zum Wasser zurück käme, was sogar mit einer Abkürzung verbunden sei. Also schlug man sich mit Hallo hundert oder zweihundert Meter durch die Wildnis, und Albert ließ sich zurückfallen, um einem schnell erledigten Bedürfnis nachzugeben. Der Spur seiner Mitschüler folgend stieß er auf ein lichtes Dreieck junger Rotbuchen, zwischen die sich ein paar Blutbuchen verirrt hatten. Durch die in ein intimes Orange verwandelten Sonnenstrahlen wurde der Fleck zum Farbnegativ eines geschlossenen Raumes. Dornäcker blieb stehen und hörte die andern sich entfernend durchs Unterholz brechen. Er blinzelte nach den Lichtgnomen in den Wipfeln, umklammerte einen der glatten Stämme, berührte mit dem Mund dessen graue mattsilberne Rinde, schreckte auf und hastete den nur noch gedämpft hörbaren Wechselrufern nach, die er schließlich außer Atem gekommen einholte, als die Jungen und Mädchen soeben, auf den Asphalt geflüchtet, Hosen und Röcke auf deren zuvor erprobte Reißfestigkeit hin untersuchten.
Obgleich die Straße sichtlich schwach genutzt wurde, rezitierte der Lehrer pflichtgemäß die üblichen Warnungen und Verhaltensmaßregeln bei eventuell auftretendem Verkehr, was ihm das Missfallen der bis zum Überdruss Gefütterten eintrug. Die leere Straße wurde in ganzer Breite von der sich auflösenden, sich suchenden und wieder trennenden, pulsierend lebendigen Klasse besetzt. Der Ruf „Achtung, da vorne kommt ein Motorrad!“ teilte zäh die Menge. Eine unsichtbare Bugwelle drückt Albert nach links, Lil wurde zur anderen Seite hinüber gezogen. Sie sah kurz herüber. Das Motorrad kam näher, fuhr nicht sehr schnell. Albert Dornäcker erwiderte Lils Blick, das Motorrad war da und dennoch schaffte er es mit einem gewagten Sprung gerade noch.
Den Schmerz am linken Arm spürte er erst, als der Motorradfahrer Schlangenlinien fuhr und wie an Schnüren abgelassen ganz langsam zu Boden ging, mit der funkenschlagenden Maschine vier, fünf Meter dahinrutschte, sich zitternd erhob, seine Kleider abklopfte, aufsaß, probierte, zurückfuhr und in die starre und stumme Schar barsch hineinfragte: "Welcher Idiot von euch war das?"
Nach der riskanten Überquerung der Straße ging Albert Dornäcker zwischen einer Anlage aus Blumenbeeten unter Kastanien und dem ‚Neuen Schloss’, einer Barockarchitektur, weiter. Eine langgezogene Stadtparklandschaft, eingeschlossen vom Häusermeer, doch off limits für Fahrzeuge, nahm hier ihren Anfang.
Frauen schoben knirschend auf dem feingekiesten Weg ihre Kinderwagen an Dornäcker vorbei. Eine Linienmaschine sank im Landeanflug hinter die Gebäudefassaden herab. In weit größerer Höhe strich ein unsichtbarer Jet mit seinem Kondensstreifen lautlos den alten blauen Himmel aus, mit dem zu erwartenden Knall das zudringliche Punktum setzend.
Am Ende des Weges bildete eine Kunstgalerie und der Nordflügel des Schlosses den Durchgang zu einem von kleinen Springbrunnen aufgelockerten Rosengarten. Rund um den sich anschließenden, von einer markanten Fontäne besprühten See hatten sich Passanten auf umherstehenden Eisendrahtstühlen niedergelassen, um Tag und Umgebung zu genießen. Dornäcker folgte ihrem Vorbild und ließ seine Aufmerksamkeit vom Wasserspiel gefangen nehmen.
Er wurde kurz abgelenkt von zwei Jungen, die in unmittelbarer Nähe versuchten, ein funkgesteuertes Modellschiff zu starten, was offensichtlich Schwierigkeiten bereitete und sichtbare Ratlosigkeit bei den beiden hervorrief. Die Mittagshitze hatte Dornäcker gezwungen, das Jackett auszuziehen und über die Stuhllehne zu hängen. Die Beine ausgestreckt legte er nach vorne rutschend den Kopf nach hinten und gab dem Flimmern hinter halbgeschlossenen Augen freien Lauf. Sollte er der Lust einzuschlafen nachgeben? Einer seiner Biologielehrer früherer Tage hatte, so fiel ihm ein, seinen Schülern als Bonmot mitgegeben: Wer Schwierigkeiten beim Einschlafen hat, kann sich den Gang zur Apotheke sparen. Stattdessen möge er darüber nachdenken, warum das Sein so ist, wie es ist ... Und Dornäcker richtete sich für einen Moment auf, als etwas laut ins Wasser klatschte. Der nur einen halben Meter flache See bedeutete keine Gefahr für den Jungen, der hineingestürzt war, als er das abtreibende, noch ohne eigene Kraft fahrende Schiff zu fassen versuchte ...
Der Vergleich mit der Taufe in biblischen Zeiten schoss Dornäcker durch den Kopf, und er erinnerte sich an jenen freundlichen Märzmorgen, der mit seinem milden Sonnenschein die Vorgärten unterm tauenden Schnee narbig werden und die über fünfzig jungen, im Durchschnitt vierzehnjährigen Leute auf dem Kirchvorplatz die Frische trotz des leichten Sonntagsstaats ertragen ließ. Ohnehin wurden die Gedanken völlig von dem bevorstehenden Zeremoniell der Konfirmation gefangen genommen, als die Mädchen und Jungen ihre Eltern neben allerlei Anverwandten ins Dunkel des Kirchenportals entsandten. In vorderster Reihe des von einer großen und gespannten Gemeinde besetzten Gestühls warteten sie auf den paarweisen Einmarsch der Konfirmanden.
Manche häusliche Aufregung lag hinter allen, bis das richtige, mit Schwarz oder Farbe drapierte Kleid in Weiß, oder der blaue Anzug - möglichst noch für andere Anlässe eine ganze Weile halt- und brauchbar - gefunden war; bis alle Vorbereitungen zur Bewältigung der Anforderungen dieses besonderen Tages getroffen waren, seien es solche gastronomischer Art oder Platz-, Raum- und Unterbringungsprobleme oder der Sieg im Rennen um eine passende Lokalität, durch die manche Last mit finanziellen Opfern gelindert werden konnte. Die Nutzung einer so großartigen Gelegenheit zur persönlichen Imagepflege im Hinblick auf Öffentlichkeit und weitere Familie, wie sie der Anlass des Tages nun einmal darbot, durfte letztlich nicht außer Acht gelassen werden.
Auf diese Weise geriet der nahende Tag zunehmend zur Institution um seiner selbst willen, aus deren Mittelpunkt der Konfirmand ebenso zunehmend verdrängt wurde. Der obligate Hausbesuch des Herrn Pfarrer frischte zwar manch verschobenes Wertbewusstsein für kurz oder länger auf, doch erst als sich der Druck nach zeitigem Frühstück im Gefühl, das Menschenmögliche getan zu haben, löste und die Besucher empfangen und zugeordnet waren, man sich schließlich gemeinsam zur Kirche begab, erinnerten sich manche Eltern beim Zurücklassen ihrer Zöglinge auf dem Kirchplatz recht eigentlich derselben und ihrer vom besonderen Tag verliehenen besonderen Würde.
Die letzte Stunde des Konfirmandenunterrichts war so etwas wie eine einmalige Stell- und Hauptprobe gewesen, anlässlich der die Mädchen und Jungen sich in der leeren Kirche einfanden. „ ... und dass sich niemand bei der symbolischen Prüfung blamiert!“ Der Pfarrer meinte damit die paar Zeilen auswendig zu Lernendes: gemeinhin als ‚Mein Vers’ und ‚Dein Vers’ im ‚Was ist das?’-Umlauf. „Wir haben dieses Mal, wie es immer wieder vorkommt, unter uns einen jungen Menschen, dessen Taufe vorweggenommen werden muss ... kein Grund, zu lachen ... Konfirmation ist die bewusste Annahme des Taufgeschehens ... Ich brauche einen Jungen, der die silberne Taufschale hält ...das gehört sich doch, dass einer von euch ...!“ Doch keiner meldete sich und keiner sagte ja, als der Pfarrer sie einzeln fragte und bat. Und Lil schaute Albert an, als dieser gefragt wurde. Und Albert Dornäcker sah, dass Lil ihn anblickte. Und er sagte nicht nein. Und der Pfarrer war zufrieden.
Unter dem Klangschirm der Glocken und des Orgelspiels und unter Hunderten ausgerichteter Augenpaare bewegte sich der Zug der Konfirmanden - Mädchen voran, danach die Jungen - gemessenen Schritts, kaum wagend, seitwärts Notiz zu nehmen, durch das Mittelschiff (Albert schaute nach oben, hatte gelernt, dass die Wikinger ihre ersten Kirchen als umgestülpte Schiffe bauten), um sich vor dem Chor weisungsgerecht zu teilen und, der Gemeinde das Profil zeigend, nach Geschlechtern gegenüber sitzend auf vorbereitete Stuhlreihen niederzulassen. Der Stolz und die Wehmut in manchem Gedanken, mit dem sie aus dem Kollektiv der Zugehörigen und zufällig Anwesenden verfolgt wurden, war für keinen wahrnehmbar. Und manch feuchtgetrübte Ausschau eines oder einer eigentlich Unbeteiligten bewies die Erkenntnis, dass von der heutigen Lebensstation noch beneidenswert viele Wege zu älteren Lebensregionen führten.
Der Pfarrer - „Darum, wer diese meine Rede hört ... “ - ließ in seine Worte einfließen, was der Konfirmationszeremonie zuvorkam. Er gab Albert das Zeichen, der - exponiert, präsentiert, isoliert - nach vorn schritt, das noch leere Silbertablett mit der gefüllten neubarocken Kanne darin in die Hände gelegt bekam, sich daraufhin neben den knienden Täufling begab, die Hände des Geistlichen über jenem. Sodann griff die eine Hand zur Kanne, goss den Inhalt in die Schale und stellte das leere Gefäß in die Mitte des Wasserspiegels. Albert schloss die Augen, um den sich aufschaukelnden Wellengang in der Schale nicht durch den Versuch willentlicher Einflussnahme zu verstärken, wenn der Pfarrer mit den Fingerspitzen am äußersten Rand in das flache Becken fasste. Und als es kippte, schaute der Täufling nur für wenige Sekunden mit vor Schreck weit geöffneten Augen nach oben.
Das Schiff war an Land gebracht worden, wo eine genaue Untersuchung ihren Anfang nahm. Die nassen Kleider würde die Sonne wieder trocknen. Nachdem Dornäcker vor den sengenden Mittagsstrahlen unter eine Kastanie gewichen war, rückte er seinen Stuhl so nahe ans Wasser, dass seine Füße an der Kante des Mauerrings auflagen, der den kleinen See umgab. Den Blick im Laubgewirr über sich verfangen, sah er durch das Blättermobile hindurch im Hintergrund den Sturz im freien Fall, die simulierte Schwerelosigkeit der Fontäne, deren Krone breit zur Gischt explodierte und entkräftet in sich zurück schwebte, den zaghaften Wellenlauf verursachend, der alle Spiegelungen ins Unwirkliche verzerrte.
Auf einem der verlassenen Stühle neben Dornäcker war eine gelesene, dem ursprünglichen Besitzer langweilig gewordene Sportzeitung zurückgeblieben. Mit den Fingern soweit zurechtgezogen, dass er die letzten Ergebnisse der Fußball-Bundesliga lesen konnte, musste er an sportliche Dramen denken, die sich in der kleinen Welt der Straßen- oder Schülermannschaften abspielen, und die keine Zeile in irgendeinem offiziellen Blatt wert waren …
„Wenn es nur morgen nicht regnet!“ hatte sein Klassenkamerad zu Dornäcker gesagt, als dieser ihn fragte, ob er mit dem Fahrrad zum Stadion rausfahren würde. Eine gemeinsame Planung zweier Klassen von Sechzehn- und Siebzehnjährigen lässt sich vom Wetter nicht ohne weiteres über den Haufen werfen. Das halbjährliche Fußballspiel zwischen den Parallelklassen hatte Tradition und wurde im Herbst sowie im Frühsommer unter allgemeiner Anteilnahme von männlichen Nichtfußballern, Mädchen und Klassenlehrern ausgetragen, allerlei Werturteile nach sich ziehend, worunter selbstredend die Gesamtheit der Klasse zu leiden hatte, oder aber wovon sie sich zumindest ein halbes Jahr lang das Recht ableitete, den imaginären Ruhmeslorbeer zur Schau tragen zu dürfen.
Das vage Bewusstsein, dass die gute Sportnote oder die Begabung für Leichtathletik keine Gewähr für die Fähigkeit waren, ansprechenden Fußball zu spielen, hatte sich nur sporadisch bei manchen Begeisterten durchgesetzt. So kam Albert Dornäcker dank seiner Schnelligkeit beim Sprint zu der Ehre, als Reservist nominiert zu werden, obwohl er im Hinblick auf Körperbau und Robustheit nicht das Idealbild eines Kickers darstellen konnte. Doch in dieser Beziehung war er nicht der Einzige. Freilich bestand eine deutliche Leistungslücke zwischen den wenigen, die bereits seit Jahren, vielleicht von früher Jugend an im Verein spielten und jenen Balltretern aus Gelegenheit oder aus purem Spaß an der Sache.
Dies kam auch im fachgerechten Besitztum zum Ausdruck, da die Laien in zweckentfremdeten Jerseys - um die Einheit der Mannschaftsfarbe zu gewährleisten - und, schlimmer noch, in Turnschuhen spielen mussten, weil sich die Anschaffung teurer Stollenschuhe nur für diesen Anlass nicht lohnte - abgesehen davon, dass der ballgerechte Bewegungsablauf von Fuß, Bein und Körper in und mit jenen geübt sein wollte. Das Turnschuhhandikap bezog sich somit vor allem auf Rutsch- beziehungsweise Standfestigkeit, die optimale Nutzung der Schusskraft sowie die Verletzungsgefahr bei einem Schlag auf den Fuß. Derartige Überlegungen standen jedoch nicht im Vordergrund der Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Ereignis.
Nachdem die von mehreren Schülern, von den Lehrern nicht unbemerkt, unaufmerksam verbrachten Unterrichtsstunden des Vormittags im Schlussgong ihr erhofftes Ende fanden, eilten alle Aktiven zu einem sportbewusst mäßigen, doch kräftigen Mittagessen, das bereits vorbestellt war, - mit einem „Bis nachher ...! Sei pünktlich! Ich hole dich ab!“ - nach Hause. Verständlich besorgte Mütter verwiesen auf den trüben Tag, der jeden Augenblick Regen erwarten oder befürchten ließ. „Schwitzen, nasse Kleider und ein kalter Luftzug ... Nimm etwas Warmes zum Überziehen mit!“
Zwei Jungen waren beauftragt worden, rote Würste, Brötchen und Getränke zu besorgen, um den Zuschauern – das waren die beiden Klassen plus eventuelle Geschwister oder Freunde je minus elf Schüler - ihre Aufgabe zu erleichtern und um insbesondere einen würdigen Abschluss des Klassenduells zu feiern, dessen Beginn auf fünfzehn Uhr angesetzt war.
Seit einer halben Stunde trafen einzeln, zu zweit oder in Gruppen die Teilnehmer ein. Der Schiedsrichter war von einer gemeinsamen Kommission ausgewählt worden und rief nun diejenigen auf, die sich mit Recht im gelegentlichen Glanz eines solchen Tages sonnen durften. Die Seitenwahl erfolgte und die Mannschaften verteilten sich auf jeweils ihrer Rasenhälfte. Ein erster Blick zum verhangenen Himmel, ein zweiter in die Runde der hüpfenden, kniebeugenden, gliederdehnenden, erwartungsfrohen rot- und blaugefärbten Spieler, ein weiterer Blick auf die Stoppuhr, und der Pfiff zum Anstoß ertönte.
Das Geschehen auf dem Platz provozierte die gleichen Emotionen im Rund wie bei ungleich größeren Sportereignissen: Das Wechselgeschrei der am Geländer Klebenden, die Flasche vor sich im Gras. Drinnen die Rufe: „Vor! Links hinaus! Hierher! ... “ Dumpfe Schläge vom ledernen, luftgefüllten prallen Ball als Gruß von Mann zu Mann. „Verdammt, warum pfeift er nicht?“ Der zugleich empfundene Schmerz blieb tapfer unterdrückt.
Draußen stand Albert, der Reservist. Gequetschte Popmusik fünf Leute weiter ersetzte nicht die Beruhigung durch Kaugummikauen. Lil versah - mit ein paar Pflasterstreifen, Salben und Wundbinden in Wartestellung - die Aufgabe einer Sanitäterin. Unmut der roten Partei machte sich lautstark Luft, als eine ihrer Stützen in der Verteidigung keine Anstalten machte, nach einem Zusammenprall sogleich wieder aufzustehen. Der Schiedsrichter versuchte eine neutrale Beschwichtigung, indem er auf die Möglichkeit hinwies, dass allzu riskanter Einsatz durch den Verletzten selbst die Ursache sein konnte. Beide Arme um zwei fremde Hälse geschlungen wurde der junge Mann vom Feld geschleppt, worauf sich Lil und Gehilfinnen einer in der Tat nicht geringfügigen und zudem stark blutenden Blessur am rechten Knie mit mutiger Scheu annehmen durften.
Dornäcker hörte rufen: „Albert, rein mit dir, schnell!“ und so entledigte er sich der Überhose und der Freizeitjacke, die Turnschuhe hatte er schon an den Füßen, der Pfiff wartete bereits nicht mehr. Ein Zuruf des Torhüters erreichte ihn von hinten: „Geh nach links und pass auf die Sieben auf!“ Der momentane Spielverlauf meinte es gut mit Dornäcker und ließ ihm Zeit, die neue Perspektive des Geschehens zu verarbeiten. Die Blauen standen unter Druck, der von der Empörung über den Vorfall geschürt wurde, an dem sich die auf Fairness bedachten Gemüter erhitzt hatten.
Leere Flaschen säumten inzwischen den Spielfeldrand. Die Mädchen zogen ihre mitgebrachten Pullis an, und gaben sich der Illusion hin, sich damit vor dem einsetzenden Nieselregen zu schützen. Die Halbzeitpause des bislang torlosen Spiels wurde nur kurz gehalten und zu einem schnellen Schluck sowie zum anschließenden Seitenwechsel genutzt. Trotz des Verlangens des einen oder andern, wieder zu Atem zu kommen, war man sich einig, das Spiel ohne Verzögerung seinem Ende und damit seiner Entscheidung entgegenzuführen. Aufmunterungen entsprangen dem Wunsch, dass in der folgenden Dreiviertelstunde noch viel des jeweils Wünschenswerten passieren konnte, möge und werde.
Zuschauer und unmittelbar am Geschehen Beteiligte verfolgten den oft rätselhaft eigensinnigen Weg des Balles, der angestoßen, weitergeleitet, zugespielt, hochgeschlagen über Köpfe hinweg den Empfänger suchte. Aus aufgerissenen Augen starrten ihm Blicke nach, Muskeln spannten sich, das Gesicht über die Schulter gedreht wurde mit dem Schuh eine Narbe ins Gras gezogen, ausgestreckte Arme halfen dem Willen nach, die Hand ins Hemd des Gegners eingekrallt, ein Slalom folgte um und über Beine, das Geschrei von draußen drang nur somnambul ins Ohr, die Flanke trug den freigelassenen Ball vors Tor, ein Stürmer wagte einen Schuss per Spann mit aller Kraft, der Torwartkörper streckte sich nicht lang genug, jedoch durch aufgespritzten Schlamm beobachtet ging der Ball am Netz vorbei.
Der Torwart raffte seine Mütze auf, trat den Abstoß möglichst weit, wo er herab kam, kreuzten Wege sich, sortierten Selbstbewusstsein und Enttäuschung, Beine fingen an zu schmerzen, Graswurzeln wurden aus dem Mund gewischt, der Ball zog seine unsichtbaren Netze, das Können einer Mannschaft wob sich deren Muster, die Grätsche des Verteidigers war der Anlass einer neuen Masche, man bot dem Ball die Stirn, auch wenn er eine Waffe oder Vorwand, Geliebte oder Medizin, ein Scheusal und getretener Teufel war, eingeklemmt in die geschundene Verschnürung. Ein Bild streifte Dornäcker im Spurt synchronen Paarlaufs: Lil stützte den Knieverletzten, der seinen Arm um ihren Hals gelegt hatte.
Freistoß, spanisch ‚Tiro libre‘, schoss Albert durch den Kopf. „Pass auf!“ schlug ihm das Wort des Torwarts von hinten an das Ohr. Seitwärts wurden Brote ausgepackt. Noch vier Minuten vor Schluss erwartete Dornäcker einen scharf geschossenen Ball. Den rechten Fuß schon hochgezogen über Kopfhöhe verlor der linke seinen Halt, der Tormann rief ihm zu, den Ball berechenbar für ihn nicht aufzuhalten, doch Dornäcker spürte ihn bereits ans Bein schlagen, schaute fallend nach hinten, sank ein und erlebte im entsetzten Chor der andern sich als Märtyrer. Der letzte Mann versuchte ohne Glück, dem abgeprallt verfälschten Ball den Körper nachzujagen. Er lag im Schlamm, den Blick zuerst hineingebohrt ins ausgebeulte Tornetz, dann im Rund der Jubelnden und Enttäuschten die klagende Gestalt Alberts suchend.
Selbst in der Erinnerung hätte Dornäcker viel darum gegeben, lieber den Ruf gehört zu haben: „Das ging gerade noch mal gut, um ein Haar wär ich nicht mehr rangekommen!“ Albert Dornäcker sah aufmerksam durch die Sonnenbrille blinzend den von Spaziergängern farbig belebten Weg entlang: Die Menschen im Seekarussell, die Einzelnen, die Paare, die Männer, die Frauen, die Alten, die Jungen, die Mütter und die Kinder, die Schönen, die Hässlichen, die Dicken, die Schlanken, die Mutigen, die Gleichgültigen, die Ängstlichen, alle im Seekarussell des kleinen Kosmos, in dessen subjektivem Zentrum Albert Dornäcker darüber nachdachte, ob das Sein der andern mit dem eigenen identisch ist und dieses damit anders wäre, wenn ein anderes erlischt.
Er erhob sich und ging weiter, den mit dem Dunst der Fontäne herübergewehten Geruch abgestandenen Wassers in der Nase. In der Ferne war ein Martinshorn zu hören, das sich eine unsichtbare Bahn entlang zurückbleibender Vermutungen und voreiliger Ahnungen brach. Dornäcker konnte nicht unterscheiden, ob Polizei, Arzt oder die Feuerwehr unterwegs war und erinnerte sich an Meldungen der letzten Tage, wonach mehrere Brände durch Hitzestaus ausgebrochen waren …
Erledigt. Er hatte das letzte Wort von sich geschrieben, das Heft geschlossen und weggesteckt. Kurz darauf ging er zu Türe, von der Mutter abgefangen: „Hausaufgaben fertig? Lass dich ansehen ... na ja ... Hier, vergiss das nicht, ich habe es extra schön verpackt. Und benimm dich anständig vor den Mädchen!“ Überflüssige Worte abstreifend und um den ordnend fingernden Händen zu entgehen, verließ Albert Dornäcker die Wohnung und das Haus, die Geschenke lässig unter den Arm geklemmt. Unten drehte er sich auf dem Gehweg noch einmal um und rief zu der kopfschüttelnden Frau hinauf: „Sei bitte so gut - ich glaube, ich hab das Radio nicht ausgeschaltet!“ Worauf sie kurz darauf - „Wie kann man nur so arbeiten?“ - mit einem Tastendruck die Stunde der klassischen Musik beendete, ans Fenster ging und sah, wie ihr Sohn Albert hinter dem dichten Laubgeäst einer Platane verschwand.
Einige hundert Meter weiter verharrte er vor dem Eingang seines Zieles, eines Häuschens mit großem Garten, schaute an sich hinunter, brachte das kleine Paket in Positur und läutete. Von innen hörte er eilige Schritte. Die Tür wich vor seiner momentanen Unsicherheit, und Lil streckte ihm die Arme entgegen, ließ sie fallen, gab ihm die Hand, während er selbstvergessen die Verwandlung des Schulmädchens Lil wahrnahm, das vor zweieinhalb Stunden denselben Heimweg mit ihm gehabt hatte und jetzt leicht geschminkt und mit raffiniert verändert gesteckter Frisur vor ihm stand.
„Hallo, hast dich also doch hergetraut. Tanja ist schon da. Also sind wir vollzählig.“
„Wie? … Zuerst mal herzlichen Glückwunsch zum Dreizehnten und was so dazugehört. Das da ist für dich ...“
„Vielen Dank. Und eine gelbe Rose dazu? Albert, der Kavalier!“
„Du darfst gleich auspacken.“
„Mach ich. Aber komm doch ins Wohnzimmer!“
Dort fand er Tanja an einem Cola saugend - „Hallo Albert!“ - vor.
Lils Mutter kam aus der Küche: „Guten Tag, Junge. Du möchtest bei der Hitze sicher auch etwas trinken. Es ist nett, dass du gekommen bist. Nicht alle Jungs würden die Einladung zu einem Mädchengeburtstag annehmen. Aber Lil wollte nur ihre beste Freundin dabeihaben und dich ... “
„ ... als entfernten Nachbarn!“ begegnete Lil Tanjas gespanntem Blick, der für einen Moment das Saugen ausschloss. Lil ließ das Papier des Geschenkpaketchens knistern und enthüllte eine Schallplatte mit Rockmusik sowie ein Puzzle aus fünfhundert Teilen mit dem Motiv der Hochzeitsreise des Moritz von Schwind.
„Damit du beim Puzzeln noch oft daran denkst, dass du mich eingeladen hast!“
„In einsamen Stunden“ konnte sich Tanja nicht verkneifen anzumerken.
„Macht euch nur lustig über mich.“
Die Mutter zog Lil an sich heran: „Spiel doch nachher dein neues Stück aus der Klavierstunde vor, Lil! Sie übt gerade einen Brillantwalzer von Chopin. Er wird Albert bestimmt gefallen. Aber jetzt kommt an den runden Tisch, ich hab euch etwas Erfrischendes zubereitet.“
Tanja folgte den andern grinsend, indes Albert betreten schweigend seine eigenen Füße suchte.
Alsbald boten Eisbecher ihr mit Hingabe aufgebautes Innenleben durch die Schaufenster der Sektkelche dekorativ den Blicken dar und sorgten für Ablenkung durch den Geschmackssinn. Spitz wurden die Sahnekronen abgeschöpft, gingen schnell über die Zungen, beim nächsten Löffel war eine halbe Erdbeere dabei, die ihren süßen Fruchtsaft hergab, sodass sich Wiesen-, Wald- und Feldsäure in der Mundhöhle umhertrieb. Die Neugier ließ in sicherer Erwartung den Anstich ins Vanille-Eis folgen, wobei es Überraschungsrufe gab.
„Nun ja,“ kam von draußen Antwort, „ihr seid doch keine kleinen Kinder mehr, es ist ein Schuss Curaçao-Likör darin.“ Unter der beeilten Zustimmung aller wurde der Sache auf den Grund gegangen, was sie zugleich ihrem Ende zuführte. Die Sensationen auf der Zunge hielten nicht lange an.
Albert ließ die alkoholgefärbte Kälte mit Stolz zergehen und tränkte die letzte Erdbeere darin, kostete den von Unterkühlung abgekürzten Nachgeschmack aus. „Das war super!“ Der Junge lehnte sich zurück, schob das Glas wenige Fingerbreit zur Tischmitte und sah den beiden Mädchen zu, deren verbliebene Genüsse im Tauen begriffen waren.
„Ich mag zerlaufenes Eis!“ begründete Lil ihre Zurückhaltung.
Tanja blinzelte zu Albert hinüber: „Du sitzt so traurig da. Möchtest du?“ und streckte ihm den kleinen Löffel hin: „Nimm schon, bevor es auf das schöne Tischtuch tropft!“
Der Junge schaute kurz auf Lil, die verwirrt beobachtete, er wurde rot, dann nahm sein Mund vom Mund des Mädchens, eine silberne Brücke dazwischen.
„Noch mal?“ Er nickte.
Lil ließ ihren zerdrückten Rest stehen und schob den Stuhl zurück. „Soll ich die neue Platte auflegen?“ Die beiden andern stimmten zu und folgten Lil durch den Flur zu ihrem Zimmer, setzten sich auf die Kante der Bettcouch, studierten die Plattenhülle, während Lil an den Schreibtisch gelehnt der Musik nachsann.
Nach dem zweiten Titel fragte Tanja. „Was hast du denn von deinen Eltern geschenkt bekommen - außer Süßigkeiten und einem Blumenstrauß?“
Lil griff zur Schranktür: „Etwas sehr Schickes. Das war schon lange mein Wunsch und ist eigentlich von meiner Mutter gekauft. Albert, du solltest kurz rausgehen, wir rufen dich!“
Dornäcker stand vor der Türe und konnte vom Getuschel der Mädchen nichts hören. Lil öffnete ihm die Türe: „Du darfst wieder ... “, worauf er sich eine Diskussion darüber anhören musste, ob Puppen noch altersgemäß seien, auch wenn es sich um die Lieblingspuppe handelte. Albert erinnerte sich, dass bei ihm zu Hause irgendwo in einer Schachtel ein abgegriffener Teddybär verstaubte, und er bot den Mädchen an, ihnen bei Gelegenheit eine Lichtorgel zu installieren.
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