Kitabı oku: «Albrechts Chroniken IV»

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Albrechts Chroniken IV

1. Auflage, erschienen 4-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Friedrich S. Plechinger

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-829-6

www.romeon-verlag.de

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FRIEDRICH S. PLECHINGER

WIDMUNG, VORWORT, DANKSAGUNG:

Ich widme dieses Buch meinen treuen Lesern, die für mich zu Freunden wurden, meiner Familie, die immer mir treu zur Seite stand, und auch den Lesern, die sich sehr kritisch zu meinen Werken äußerten. Auch an euch mein Dank, denn nur so weiß ich, dass ich mich verbessern kann. Dieses Buch ist, wie die anderen Werke zuvor, nur ein geschichtlicher Roman, und das meiste ist von mir frei erfunden außer den wenigen Namen, die zu diesem Zeitraum tatsächlich existierten.

Die Geschichte Albrechts ist nicht zu Ende. Möge es mir eines Tages gelingen, sie zu vervollständigen.

In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen.

Euer

Friedrich S. Plechinger

INHALT

Widmung, Vorwort, Danksagung:

Frühling

April 1137

Ein neues Ziel voraus

Warum sind wir hier?

Der neue Bund

Basis Neu-Ashkelon

Entweihte Erde

Höllenfahrt nach Süden

Die Magdalena wird morsch

Die Festung

Ein Jahr ist vergangen

Ramen

Zwei Jahre sind vergangen

Die alte Hölle wartet

Porto

Das Ritual

In den Krallen des Ordens

Das Treffen mit dem Abt

Wohin mit den Gefangenen?

Die Abreise der Karavellen

Freyburg

Alpenüberquerung

Der Comer See

ROM

Papst Innozenz II

Vom Admiral zum Legat

Die Veränderung

Innozenz ist krank

Bernard kommt nach Rom

Habemus Papam

Abschied und Neuanfang

Vincenzo di Cardia

Coelestin II

Adieu Coelestin

Gründung und Beseitigung

Die Liste

23. September 1144

Mördersegnung

23. September

Ras al Kalb

Die Ausbildung

Die Schlacht

FRÜHLING

APRIL 1137

„Olaf Raukson wünscht Euch zu sprechen, mein Admiral …!“, rief Ralf de Saddeleye aufgeregt an diesem zweiten Apriltag, als er die Halle betrat. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass dieses Treffen keinen Aufschub duldete. Es war noch früh am Morgen und ein eisiger Nebel drang durch das Hallentor, als sich die drei Gestalten der Nordmänner hinter den Briten mir näherten. Ich saß noch halb schlaftrunken an meinen Schreibplatz zusammen mit Eduardo Cortez, da wir die ganze Nacht Schriften und Dokumente durchgearbeitet hatten, die im Jahr zuvor durch die Katharer Jacques und Gilles in meine Hände geraten waren.

„Was gibt es so Wichtiges, Bruder Ralf, dass Ihr sichtlich außer Atem mir die Aufwartung macht? Und noch dazu mit dem Dorfältesten und seiner Belegschaft?“

Als ich dies sagte, verbeugte ich mich respektvoll und freundlich vor ihnen.

Olaf Raukson, sein Sohn Rauk Olafson, der Schmied Sven Svenson und die rechte Hand des Oberhauptes namens Eryk Kyrreson verbeugten sich ebenso, und Ralf nahm nun das Wort, nachdem er wieder zu Atem gekommen war und sich etwas beruhigt hatte.

„Die Flüsse sind wieder befahrbar und die Magdalena kann heute zu Wasser gelassen werden. Alle Arbeiten an Rumpf und Masten sowie Erneuerungen der Takelage sind durchgeführt. Ich habe mich selbst mit Rauk und Sven davon überzeugt, mein Admiral!“

„Und wie, wenn ich fragen darf?“, fragte ich gelangweilt, da diese Kälte einem jeden Schwung und Lebensfreude nahm. Die Knochen taten mir weh und die wuchtige Pelzbekleidung lag schwer auf der Schulter, sodass jegliche Bewegungsfreiheit dadurch drastisch eingeschränkt wurde.

„Wir sind von einem dreitägigen Erkundungsritt zurückgekehrt und ich konnte es mit eigenen Augen sehen. Das Eis ist dünn und kann leicht durch den Kiel zur Seite geschoben werden. Ja sogar die schlanken Fischerboote der Nordmänner fahren wieder hinaus. Wenige sind schon in See gestochen und manche mit reichlich Fisch zurückgekehrt!“

„Du hast dich, ohne meinen Befehl oder meiner Erlaubnis einzuholen, zu einem dreitägigen Erkundungsritt begeben? Dafür sollte ich dich auspeitschen lassen, de Saddeleye …“ Ich versuchte, meinen Zorn im Zaum zu halten, und atmete tief durch, bevor ich etwas sagte, das ich hätte später bereuen müssen.

„Nun gut. Da es gute Nachrichten sind, die du mir da bringst, werde ich davon absehen, aber in Zukunft werde ich keine Milde zeigen. Verstanden?“

„Ja, mein Admiral. Verzeiht!“

„Und was kann ich für Euch Herren tun?“ Ich schaute dabei Olaf in die Augen, und der antwortete in seiner Sprache.

„Der Dorfälteste will, dass wir seinen Sohn Rauk auf unsere nächste Fahrt mitnehmen. Er kennt die See auf dieser Seite der Welt wie kein anderer. Auch kann er uns sprachlich dienen, sollten wir auf Vynland Fuß setzen“, beendete Ralf seine Übersetzung hastig.

„Ich habe keine Einwände, jedoch wird er das auf eigene Gefahr tun müssen. Und falls ihm etwas auf dieser Fahrt zustoßen sollte, so darf man mir die Verantwortung nicht zuschieben. Gerne würde ich solch eine Hilfe an Bord wissen. Sag ihm das.“

Nachdem Ralf Olaf Raukson dies alles vermittelt hatte, nickte er zustimmend mit dem Kopf und reichte mir die Hand. Wir drückten uns fest die Hände fest und lächelten uns zu.

„Sag ihm, Bruder, dass ich die Ausfahrt in vierzehn Tagen plane. Heute haben wir den Zweiten, somit ist der Sechzehnte der Stichtag. Sorge dafür, dass Gernot und François alles Nötige vorbereiten und auflisten, was an Proviant, Gerät, Vieh und Sonstigem auf diese Reise mitgenommen wird.“

„Zu Befehl, Admiral!“

„Und noch was. Die Männer sollen wieder verstärkt an den Übungen durchgenommen werden. Sie haben genug Fett angesetzt. Wird Zeit, dass wir alle wieder etwas abspecken!“

„Zu Befehl, Admiral!“

Ralf begleitete die Belegschaft nach draußen. Sobald das Tor geöffnet wurde, durchdrang diese eisige Kälte den Raum der Halle und ich hatte alle Zweifel dieser Welt, dass es eine gute Idee sei, jetzt hastig in See zu stechen, nur weil das Eis auf dem Wasser schmolz.

„Wir lassen uns noch etwas Zeit, nicht wahr, Cortez?“

„Das wäre angebracht, Admiral. Das Wetter kann genauso wieder umschlagen im April.“

Ja, ich hatte mich wieder mit Cortez für eine befristete Zeit verbunden. Ich ließ ihn gewähren, damit er sich meine Gunst wieder erhoffen durfte nach all dem, was in der Vergangenheit geschehen war. Die Geschichte, die er mir im letzten Januar erzählt hatte, und sein Vorschlag, ihn wieder an meiner Seite fungieren zu lassen, gaben mir sehr zu denken und ich sagte zu. Sollte seine Geschichte stimmen, so war ich jahrelang nur von Verrätern und Spionen umgeben und ich fragte mich täglich, warum der Allmächtige mich solch einer Prüfung unterzog, und das seit meiner frühesten Kindheit.

Alle hatten mich getäuscht, Hugues de Payns, Farid, Otto von Salheim, Ali und der Alte vom Berg. Aber warum?

Warum wurde ich für solche Intrigen und Niederträchtigkeiten ausgesucht? Wer war in meiner näheren Umgebung noch solch ein Verräter? Gondamer? Das würde mir das Herz so sehr brechen, dass ich daran zugrunde gehen würde. Doch das wollte ich nicht glauben, und so verdrängte ich diesen Gedanken schnell aus meinem Kopf. Wem konnte ich hier noch vertrauen? Ich musste mehr von Cortez erfahren, und so entschied ich, mich mit ihm wieder einzulassen. Wir studierten täglich Dokumente, Rollen und Schriften, die aus dem Heiligen Land stammten. Jede Rolle sowie jedes Dokument brachte neues Licht in die Geschichte der damaligen Zeit und somit zu Jesus aus Nazareth. Nichts konnte widersprüchlicher zur Bibel erscheinen als diese hier aufgezeichneten Chroniken, die zu einer Zeit geschrieben worden waren, als Jesus noch lebte und wirkte. Was man aber von der Bibel so nicht sagen konnte, denn diese wurde von Bischöfen und anderen Individuen erst 340 Jahre später niedergeschrieben und mehrfach nach Gutdünken manipuliert und umstrukturiert. Natürlich waren die Schriften auch mit Vorsicht zu genießen, denn vieles wurde von Chronist zu Chronist anders interpretiert.

An einer Stelle wurde es so heikel, dass ich tagelang nicht einschlafen konnte. So beschrieb ein Chronist mit Namen Yeremias aus Naxos, der anscheinend in den letzten Tagen des jungen Zimmermannes in Jerusalem anwesend war, die Sachlage so:

„Es war ein heißer und trockener Tag, als die Menge laute Beschimpfungen von sich brüllte, manche auch Proteste der Empörung über das gefällte Urteil, und ein mit Blut verschmierter und fast totgeschlagener Mann die enge Straße hochlief und mit Peitschenhieben eines Römers immerzu vorwärtsgetrieben wurde. Ein anderer trug das Kreuz für den Geschlagenen. Ich kannte den Zimmermann namens Yeshua gut. Oft habe ich seinen Reden zugehört, und oft hinterließen seine Lehren in mir tiefe Schuldgefühle, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst war, die schwerwiegend genug gewesen wäre, um mich als unwürdig zu bezeichnen. Und doch wurden mir dadurch, dass ich mir meinen Lebensunterhalt als Händler verdiente, insofern die Augen geöffnet, als das von ihm Gesagte so zu verstehen sei, dass Gier und Habsucht einen ebenso von dem Weg entfernen würden, der einen Menschen ausmacht: die Fähigkeit, seine Mitmenschen zu lieben und zu achten. Wie oft hatte ich einem Bettler den Rücken zugekehrt, obwohl ich täglich genug zu essen und zu trinken hatte und ich mir eine gute und warme Unterbringung leisten konnte.

Doch genug davon. Mir fiel auf, daß mir dieser Mensch, der bald auf dem Kreuz seinen letzten Atem aushauchen würde, vollkommen fremd vorkam, obwohl ich doch den Zimmermann Yeshua kannte. Ja, sein Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit geschlagen worden, doch irgendetwas passte nicht. Im ersten Augenblick sah er wie Yeshua aus, doch mein Bauchgefühl sagte etwas anderes. Er drehte sich ständig um, als ob er jemanden in der Menge suchte. Eine Frau eilte zu ihm mit einem nassen Tuch, um sein Gesicht zu waschen, und trotz der Drohungen des Römers ließ sie sich nicht einschüchtern.

Noch nie war ich mir so unsicher über eine Person. Auch fehlte mir dieses Gefühl, diese Eingebung, die ich jedes Mal spürte, wenn ich in seiner Nähe stand. Hier spürte ich nur ein Bedauern für jemanden, den ich nie zuvor gesehen hatte. Doch vielleicht war es nur diese Aufregung oder diese aufgebrachte Menge, die mir den Verstand raubte? …“

Diese Chronik deckte sich mit vielen der anderen, die wir damals unter den Stallungen des Salomonischen Tempel fanden.

Dann wieder welche, die von gnostischen Sekten geschrieben worden waren, denen anscheinend der Heiland selbst angehörte, wenn man deren Berichten Glauben schenkte. Uns drohte der Kopf bei den Studien zu platzen, doch am Ende kamen wir der Wahrheit immer näher. Vielleicht ist das Wort „Wahrheit“ in diesem Sinne nicht angebracht. „Ergebnis“ wäre die richtige Wortwahl. Kein Wort über den angeblichen Vater namens Josef war je zu finden.

Dann fanden wir einen runden Behälter aus gebranntem Ton. Er war einer von vielen, doch dieser fiel uns auf, weil er schwerer war als die anderen. Als wir ihn öffneten, wussten wir, warum. Die Schrift war in einem zweiten, bleiernen Behälter aufbewahrt. Richard Cornwall war nun der Mann der Stunde, denn nur er konnte die aramäische Sprache und das Hebräische in fast vollkommener Perfektion übersetzen. Manchmal fragte ich mich, wer dieser Richard Cornwall tatsächlich war, und hoffte insgeheim, dass er nicht einer der Verräter war, der dem Vatikan unterstand. Doch das war er nicht. Mit Begeisterung führte er seine Arbeiten aus und präsentierte sie uns dann mit Stolz.

Die Schrift dieser Rolle war laut Cornwalls Vermutung etwa neunzig Jahre nach der Kreuzigung geschrieben worden. Dies erkannte er an der Schreibart. Besonders fiel ihm auf, dass sie in beiden Sprachen geschrieben war, sowohl in Hebräisch als auch in Aramäisch.

Die Übersetzung lautete ungefähr so:

„Das Volk Israel wurde auserwählt, um den wahren Meister zu begleiten und ihm zu folgen und um dadurch die Welt zu erlösen. So können wir es verstehen, warum so viele der Auserwählten unter dem Volke Israels geboren wurden, die zu Propheten und zu Heiligen aufstiegen. Solomons Ruhm, Sohn des David, König Zions. Sein Ruhm leuchtete über die nie eroberten Mauern Zions, und aus diesem Grunde leuchtete ebenso das Antlitz Jehovas über diese nie eroberten Mauern Jerusalems. Ebenso erfüllten Isaiah, Samuel, Jeremiah, Ezekiel und andere die Straßen Jerusalems mit hellstem Licht allein durch ihr Erscheinen. Sie waren die Auserwählten, um den Herren zu begleiten.

Doch zum tiefsten Bedauern in der höchsten Stunde der letzten Prüfung befreite ihr Sanhedrin, der Kaifas hieß, Barabbas und sie sendeten ihren Messias, ihren versprochenen Befreier, zur Kreuzigung. Und so, da das Volk nun entschied zwischen dem wahren Messias und Jahve, wurde Verrat an ihm begangen und der wahre Prophet ans Kreuz geschlagen und Jahve wurde hochgelobt und gepriesen. Er, der den schwarzen Thron des Übels bestiegen haben und selbst ein gefallener Engel gewesen sein soll.

So ist es abgelaufen, und so wurde Verrat an dem wahren Messias durch die Auserwählten Judas selbst begangen. So versagten sie in ihrer Pflicht als das Volk Israels, und so wurde die Weisheit des Messias für immer durch die Auserwählten, die sein Wort verbreiten sollten, in die unendliche Tiefe versenkt. Ja, sie selbst entschieden sich für die Tiefe und nicht für die Erhebung. Heute noch folgen diese Verirrten dem Jahve, der der Teufel selbst ist, da sie Verrat an ihm, den sie Jeshua nannten, begingen und seine Weisheiten abschlugen, um ihn am Ende ans Kreuz zu schlagen. Wäre er nicht gekreuzigt worden, so wäre diese Welt eine andere gewesen. Erleuchtet wären die Rabbis dieser Welt und seine esoterischen und befreienden Weisheiten hätten die Welt erlöst. Da‘at wäre über die ganze Welt verbreitet und der Menschheit blieben die dunkelsten Zeiten, die noch kommen werden, erspart.

Die Auserwählten Judas hatten versagt und die Menschheit fiel und fällt weiterhin in die tiefste aller Tiefen. Denn er wurde von den Seinen verraten!“

Meister Samuel Jeuhn aus seinem Buch.

Cortez und mir blieben die Worte im Halse stecken, denn das widersprach, wie so oft, den Chroniken der anderen. In diesem Text fand man Ähnlichkeiten zur Darstellung der heutigen Bibel. Und doch, wem sollte man nun mehr Glauben schenken?

Ein Mann wurde gekreuzigt. Angeblich Jesus. Mehrmals wird das Wort Messias verwendet, sodass Jesus fast nicht mehr vorkam. Dann die Berichte aus Jerusalem, die wir damals fanden. Stattdessen wurde sein Bruder Johannes beschrieben, der für ihn ans Kreuz genagelt wurde. Doch dann wiederum die Flucht mit Maria Magdalena, wovon man nicht genau wusste, ob Jesus ihr Begleiter war oder sein Zwillingsbruder Johannes. Dann dieser Yeremias aus Naxos, der ebenso in seinen Chroniken davon berichtet, dass es sich nicht um Jesus handeln konnte, da er den Mann kannte, raubte uns den letzten Rest unseres Verstandes.

Mehr und mehr Zweifel entstanden über die wahren Hintergründe des Messias, die in früheren Varianten der Chronisten entstanden waren. Rein politische Zwecke hätte er, Jesus, verfolgt. Und nun doch eine Bibel-ähnliche Chronik oder Prophezeiung, wenn man der letzten Rolle dieses Samuel Jeuhn Glauben schenkte. Namen wie Kaifas, Barabbas, der im Hebräischen wahrscheinlich Jahve hieß, und die der Auserwählten stimmten mit denen der Bibel überein. Es half alles nichts. Man musste weiter forschen.

„Sollten wir jemals nach La Rochelle zurückkehren, Admiral, so müssen wir Gilles und Jacques aus ihren Kerkern befreien, damit mehr Licht in diese Angelegenheit kommt!“, beschwor Cortez mehrmals. Jedoch hatte ich kein Vertrauen mehr zu diesen Männern des Katharer-Bundes. Wer war am Ende das größere Übel? Der Vatikan, die Katharer oder wir, die sich „Arme Miliz des Jesus Christus des Salomonischen Tempels Jerusalems“ nannten? Hier in Island hatten wir genug Zeit verschwendet, um weitere Zweifel entstehen zu lassen. Doch aufgeben wollte ich nicht. Was ich tat, machte ich schon lange nicht mehr für den Orden, seitdem mich Cortez über alle und jeden aufgeklärt hatte. Doch wie viel war davon wahr und wie viel erlogen?

Tage und Nächte verbrachten wir in einer dunklen Ecke, um in diesen zusätzlichen Schriften, die wir den Katharern entwendet hatten, einen Sinn zu finden. Doch die Tage vergingen schnell und ich durfte meine Kräfte nicht mehr für die Studien verschwenden. Die Weiterreise stand bevor, und ich war froh um jeden Tag, der verging, denn diese ewige Dunkelheit machte uns krank. Fünf Glasen am Tag durften wir uns des Sonnenlichts erfreuen, und einigen der Männer stand die Depression ins Gesicht geschrieben. Traurigkeit und Apathie wurde zum täglichen Begleiter, wenn man sich nicht schnell einer Beschäftigung bemächtigte, die einem die Gedanken reinigte. Ein zusätzliches Problem verursachten auch einige der jungen Damen, die noch unverheiratet waren und den Männern arg den Kopf verdrehten. Blond und prall, wie sie waren, wären sie jede Sünde wert gewesen. Doch würden wir hier die Disziplin über Bord werfen, wäre das Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Mit täglichen Übungen und Gebeten wurden die Männer bis zur Erschöpfung gedrillt, und das Klima in dieser Gegend machte die Situation nicht einfacher. Auch die Nordmänner beteiligten sich an den Übungen und sie zeigten dabei Talent und Leidenschaft. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, ob wir nicht zusätzlich zu Rauk Olafson noch fünf oder sechs der Nordmänner mitnehmen sollten.

In einem hatte sich Cortez geirrt: Das Wetter schlug nicht um in diesem April 1137, und die Flüsse sowie die Seen waren wieder vollkommen befahrbar.

„Hol mir Ascanio!“, befahl ich Ralf de Saddeleye, und kurze Zeit später stand meine rechte Hand neben mir.

„Lass die Magdalena aufs Wasser und bereite alles vor. Ich will in zwei Tagen in See stechen. Die Männer sollen alles zusammenpacken und aufladen. Ich bin mit der aufgestellten Liste sehr zufrieden und will endlich nur weg hier und dem Frühling entgegensegeln.“

EIN NEUES ZIEL VORAUS

16. APRIL 1137

Mit großem Eifer und großer Begeisterung gingen die Männer ans Werk. Olaf genehmigte weitere fünf Nordmänner für die Reise, und so war ich glücklich darüber, wieder eine gut gestärkte und erfahrene Mannschaft einsatzbereit zu haben. Es war der Morgen des 16. April 1137, als wir Abschied nahmen von diesen wundervollen Menschen und dieser ungewöhnlichen Landschaft, die langsam ihr eigentliches Kleid zeigte, als Schnee und Eis mehr und mehr verschwanden. Im Sommer muss es hier wunderschön sein, dachte ich so nebenbei, während Olaf mir zum Abschied die Hand reichte und die Magdalena verließ, um auf eines der kleinen Boote umzusteigen.

„Anker lichten, setzt die Rah, Ruder hart Steuerbord …!“, rief Ascanio die Kommandos mit unverkennbar starkem italienischem Akzent laut heraus.

Die Magdalena krächzte laut, als das Ruder sich nach Steuerbord bewegte, als ob die alte Dame protestierend vom Winterschlaf aufwachte. Schwerfällig schob sie sich gegen die hier herrschenden Strömungen, und ich muss hier und heute ungern zugeben, während der langen Pause war ich eingerostet, was die Handhabung mancher Manöver betraf. Die Menschen an beiden Seiten des Ufers winkten uns heftig zu und manche Träne floss aus den Augen der daheim gelassenen Frauen, die nicht wussten, ob die Nordmänner an Bord jemals wieder zurückkehren würden. Doch dafür würde ich schon sorgen. Ich musste und wollte diese Reise erfolgreich hinter mich bringen, egal, wie lange es dauern würde.

17. APRIL 1137

Auf dem Deck der Magdalena verlief alles ruhig. Die Männer waren gut gelaunt und manches Lied wurde gar gesungen. Das Nordlicht, wie es Rauk nannte, verzauberte die Nacht in ihrer wolkenlosen Pracht, als ob der Allmächtige selbst uns die Tore für die Weiterfahrt öffnete. Die Kälte war nichtsdestotrotz allgegenwärtig, und wir wärmten uns mit dem heißen Kräutergebräu, das wir schon seit Ewigkeiten aus dem Heiligen Land bei uns hatten: Shahi. Getrocknet und zerrieben war dieses Kraut leicht aufzubrühen, und sein Geschmack ließ unsere Geister frohlocken. Hier und dort flog eine Sternschnuppe. Dies brachte mich wieder zurück zu der Zeit in Viermünden, als ich noch als Kind Vaters Rinder hütete. Zig von diesen Himmelspfeilen fielen damals vom Himmel, und Vater ermahnte mich, vorsichtig zu sein mit dem, was ich mir wünschte. Doch ich war damals zu klein, um mir irgendeinen Wunsch ausdenken zu können. Hätte ich damals gewusst, was mir in der Zukunft bevorstand, so hätte ich mir ein glückliches Leben mit meiner Nadine und meinem Sohn am Hofe meines Vaters gewünscht. Doch so ist das Leben. Nichts spielt sich in der Zukunft und nichts in der Vergangenheit ab.

Man kann sich wünschen, was man will. Dein Schicksal entscheidet sich innerhalb von Sekunden in deiner gegenwärtigen Situation, und es war gut so.

Die Nordmänner holten Dorsche und Lachse aus dem großen Fluss, der sich langsam, aber stetig in salziges Meer verwandelte. Allein der gefangene Dorsch war ein Zeichen dafür, dass das Wasser immer salziger wurde. Plötzlich zog sich ein Nebelvorhang über uns zu und ich machte mir Sorgen, dass wir uns in dieser Meeresenge verirren könnten. Rauk jedoch versicherte mir, dass wir uns schon bald auf dem offenen Meer befänden und sich der Nebel schnell lichten werde.

Es dauerte nicht lange, bis Rauk recht behielt, denn der Nebel verschwand und der Mond beleuchtete uns den Weg durch eine schaumige und wellige See.

„Bringt mir das Astrolabium ... SCHNELL“, rief ich Gernot entgegen. Wer konnte wissen, wie lange der Himmel wolkenlos blieb. Voraus war schon der Horizont sichtbar, denn es wurde langsam hell. Als ich das Instrument in meinen Händen hielt und ich mich mühte, so genau wie möglich zu messen, kam auch schon Ascanio mit Mappe, Feder, Tinte und Logbuch. Hastig notierte er darin die Angaben, die ich ihm zurief. Ein kurzer Blick auf die Mappe, und schon hatten wir den ungefähren Standpunkt unserer Magdalena ermittelt.

Wir waren tatsächlich auf dem richtigen Kurs und steuerten gen Westen. In Vynland würden wir dann Frischwasser und nötigenfalls unseren Fischvorrat ergänzen. Die Gefahr blieb jedoch bestehen, dass wir Eriks Mörderbande (siehe Albrechts Chroniken III) auf See oder auf Vynland begegnen würden. Dies wollte ich unter allen Umständen vermeiden. Wir jagten sie nicht. Zu diesem Zeitpunkt zumindest nicht.

Ja, ich erinnerte mich an meinen Schwur damals in Schottland, dass ich die toten Mönche rächen würde. Doch alles zu seiner Zeit. Jetzt hieß es, diese Mission erfolgreich zu beenden und viel Beute und Erfahrung zurück nach La Rochelle zu bringen trotz aller Warnungen von Eduardo Cortez. Vorsicht war geboten, denn ihm konnte ich nicht trauen. So segelten wir gedankenverloren in die nächste Ungewissheit, doch diesmal besser vorbereitet als zuvor.

Der Morgen des 20. April brach an und es wurde hell. Die Wolken ließen nicht lang auf sich warten, und in der Mittagsstunde war der Himmel vollständig grau und bedeckt. Die Wellen wurden rauer und der Wind nahm kräftig zu, sodass die Magdalena endlich zeigen konnte, aus welchem Holz sie geschnitzt war. Die Besatzung hatte alle Hände voll zu tun, und rasch bewegten wir uns vorwärts. Gott, wie sehr hatte ich dieses Leben auf See vermisst!

Kaum konnte ich innerlich meine Freude zurückhalten, und ein Lächeln der Freiheit durchzog mein inzwischen faltiges und alt gewordenes Gesicht. Die Männer sahen das und freuten sich mit. Doch schon kam Olaf und weckte mich aus meinen Träumen, als er mit seinem Finger nach vorne zeigte und wir zum ersten Mal Eisberge sichteten. Er bedeutete uns, die Fahrt zu verlangsamen, denn schnell und ohne Vorwarnung könnten wir kleinere Eisberge übersehen ... Und sollten wir einen davon rammen, wäre die Fahrt zu Ende. Ich reagierte prompt und ließ die Segel reffen. Die Magdalena verlangsamte die Fahrt, am Bug wurden Posten aufgestellt, um mich rechtzeitig warnen zu können.

Ein Blick auf die Karte und Ascanio di Sassaris Ratschlag waren der Grund, daraufhin einen südlicheren Kurs einzunehmen, ohne dabei Vynland aus den Augen zu verlieren. Zwei Tage fuhren wir in südlicher Richtung, um die Eisberge zu umsegeln. Doch dann richtete ich den Bug unseres Kahns wieder nach Norden. Die Kälte nahm wieder zu, und Eis so dick wie Stahl beschlug alles, was sich beschlagen ließ. Eiszapfen so groß wie Elfenbein bildeten sich an der Takelage und an den Masten, und auch der heiße Kräutertrunk half nicht, uns warm zu halten. So ging es weitere fünf Tage lang, bis endlich einer der Männer lauthals „Land in Sicht!“ schrie. Olaf nickte freudig und sagte nur: „Vynland, Vynland!“

Es war der 29. April 1137, als endlich der Anker der Magdalena vor der Küste dieses Landes fiel. Es wurde wärmer, und nur noch vereinzelt sahen wir hier und da dahintreibende Eisberge. Als das Beiboot sich in den Sand des Strandes einpflügte und wir endlich wieder Boden unter den Stiefeln spürten, betraten wir stellenweise sogar grünes Land. Zum bewaffneten Spähtrupp gehörten siebzehn Mann und ich, sowie Ralf und Richard. Rauk, Thiere und Enar waren die einzigen Nordmänner, die diese Gruppe begleiteten. Die anderen beiden, Sven und Lars, blieben mit Ascanio und den restlichen Templern auf der Magdalena. Nicht zu vergessen Cortez.

Wir marschierten durch Tundren und Sumpfgebiete und hielten unsere Augen offen, denn die Gefahren waren allgegenwärtig. Nicht nur dieser Erik mit seiner Bande von Wilden war uns ein Dorn im Auge, inzwischen zeigten sich weit entfernt auch Bären, die uns schneeweiß erschienen. Olaf warnte uns eindringlich vor diesen Eisbären. Ihr Hunger sei unersättlich und ihr Fettbedarf unermesslich. Doch solange sie uns nicht witterten, sollten wir uns einfach im normalen Schritttempo weiterbewegen. Wir fanden eine Wasserquelle und füllten die Fässer schnellstmöglich auf. Enar und Thiere überraschten uns mit erlegten Schneeböcken, die sie ohne mein Wissen gejagt hatten. Fleisch war eine sehr willkommene Abwechslung zum Fisch, obwohl wir an Bord noch reichlich Fleischvorräte besaßen. Wir hatten alles, was wir brauchten, und so machten wir uns wieder auf den Weg zurück zur Küste. Keine Spur der feindlichen Nordmänner. Sehr zu meiner Beruhigung war nichts von ihnen zu sehen.

Der Rückweg dauerte fast den ganzen Tag, doch schließlich erreichten wir die Beiboote. Die Wachhabenden begrüßten uns und ließen sich nicht lange bitten, die Beiboote wieder ins Wasser zu schieben. Einer von ihnen ließ blanke Furcht erkennen.

Als ich ihn fragte, warum er sich so fürchte, sagte er:

„Mein Admiral, es dauerte nicht lange und ich bekam dieses Gefühl nicht los, dass wir beobachtet wurden. Kaum hattet ihr euch auf den Weg von den Beibooten gemacht, erkannte ich nicht weit von euch entfernt schattenhafte Bewegungen. Die anderen lachten mich aus, doch ich schwöre bei Gott, ich habe etwas gesehen, und ich könnte schwören, es waren Nordmänner.“

Ich sah ihn besorgt an. Dann schrie einer der Templer: „Schaut, dort …!“

Wir sahen es alle. Ein Fackelzug hatte sich auf dem Strand versammelt. Der Wachhabende hatte die Wahrheit gesagt und mir wurde klar, welches Glück wir gehabt hatten. Es waren Hunderte von Nordmännern. Schnell näherten wir uns der Magdalena, und auch an Bord hatte man den Fackelaufstand bemerkt.

„Alles aufladen und nichts wie weg hier! Wirds bald?“, befahl ich.

Kaum hatten wir die Ladung auf dem Deck verzurrt und die Beiboote gesichert, schrie wieder einer etwas, das ich nicht verstand. Es war Enar.

Olaf zeigte mir am Horizont die Silhouette eines schlanken Einmasters mit einem Drachenkopf am Bug.

„Erik!“, schrie er kreidebleich.

„Los, los volle Segel und weg hier!“, schrie Ascanio, kaum dass sich der Anker am Rumpf verriegeln ließ. „Dai andiamo, presto, presto …!“

Wir sahen ungläubig über die Reling, als zwei weitere dieser Boote aus dem Nichts erschienen und sich Seite an Seite von den Wellen in unserer Richtung treiben ließen.

„Sofort die Bogenschützen aufstellen und die Brandpfeile bereithalten!“

Gernot und François verstanden meine Anweisungen nur zu gut, und gut gedrillt, wie sie waren, brauchte es nur einen kurzen Augenblick, bis die Mannschaft sich auf Deck bereithielt. Der Wind stand günstig. Leider für beide Seiten, sowohl für unsere Bogenschützen als auch für die feindliche Brut.

Sie kamen immer näher, und ein Glasen später hätten sie uns fast bespucken können. Uns war klar, dass dies kein Begrüßungskomitee war, denn sie ließen die ersten Pfeile abschießen. Sehr zu meiner Erleichterung waren es keine Brandpfeile und sie waren nicht nah genug, um uns ernsthaft zu schädigen. Nun waren wir dran und wir ließen Feuer vom Himmel regnen. Auch griechisches Feuer, das wir auf solchen Missionen immer mit uns führten, da man jederzeit mit Aggressoren zu rechnen hatte.

Zwei ihrer Schiffe brannten wie Zunder, doch das dritte erkannte die Gefahr und machte sich rasch davon. Wir entfernten uns ebenso von diesem grausigen Schauplatz und beobachteten, wie die Überlebenden auf das übrig gebliebene Schiff dieser Barbaren geladen wurden. Viele waren es nicht.

Rauk zeigte in Richtung eines Überlebenden und sagte: „Erik!“

Das also war er. Rotes Haar und groß wie eine Eiche. Bei Gott, dem mochte man wirklich nicht auf dem Schlachtfeld begegnen. Auch dieser Erik beobachtete uns aus der Ferne. Sehr zu unserer Besorgnis erkannte Erik die Nordmänner Islands an Bord der Magdalena, was bedeutete, dass er im kommenden Sommer dem isländischen Dorf einen unfreundlichen Besuch abstatten würde.

Nichtsdestotrotz feierten wir unseren Sieg und segelten weiter. Dies war unsere erste Schlacht des Jahres. Wer weiß, wie viele wir noch würden bestehen müssen.

4. MAI 1137

Kalt peitschte die See ihre unfreundliche Gischt und keiner von uns blieb trocken. Die Kleidung war nass und klamm, und unser Medicus Renaldo di Varenna hatte alle Hände voll zu tun, um die Erkälteten mit heißen Kräutergetränken zu versorgen. Wir alle wurden krank, auch ich bekam regelmäßige Schüttel- und Zitteranfälle. Der Winter hier in dieser Gegend war noch lange gegenwärtig und ich hatte Sorgen, die Mannschaft durch Krankheit zu verlieren. Wir mussten trockenes Land finden, soll heißen, schnee- und eisfrei, sonst würden bald die ersten Toten zu beklagen sein. Doch vor uns in Sichtweite lag nichts, das auf eine rettende Küste hoffen ließ. Im Gegenteil: Ein Sturm näherte sich und der Wind ließ unsere Glieder erfrieren. Schwierig wurde jede Tätigkeit, denn die Schmerzen an den Gelenken waren qualvoll.

Apathisch versuchten wir, die Situation unter Kontrolle zu halten. Mit jedem Auf und Ab dieser elendigen Wellen konnte ich in manchen Gesichtern die Resignation erkennen. Das durfte aber nicht sein, sonst wären wir alle verloren. Ascanio, Ralf de Saddeleye und ich waren die Einzigen, die noch unermüdlich die Magdalena gegen die immer größer werdenden Wellen zu steuern versuchten.

Die Haare klebten mir vor den Augen und ich konnte nichts sehen, doch das Steuer durfte und wollte ich nicht aus den Händen lassen. Zwei Tage ging es so, vielleicht waren es auch drei. Doch dann endlich, es war wohl der 6. oder 7. Mai, schrie Sven, der Nordmann, in seiner Sprache „Land in Sicht!“, was ungefähr so klang: „Land i snjiomali!“

Mir reichte schon das Wort Land, um für einen Augenblick das Steuer mit der linken Hand zu halten, denn mit der rechten wischte ich mir das Haar vom Gesicht. Ja, tatsächlich hatten wir Land vor uns. Es sah trocken aus, obwohl ein dünner Nebel mir die Sicht verschleierte. Oder war es das Salz, das sich zwischen meinen Augenlidern verkrustet hatte? Ich sah grünes Land. Keine Eisberge, kein Schnee und kein Eis.

Rauk kam hinzu und zeigte mir eine Bucht, die er nur zu gut kannte. Er sei früher oft mit seinem Onkel hierher gesegelt, um mit den Eingeborenen Handel zu treiben, übersetzte Ralf zugleich. Ich wollte mehr wissen. Waren die Einheimischen freundlich und konnte man dort lagern, ohne einen Überfall befürchten zu müssen? Ich bekam die Antwort, die ich hören wollte, und war dankbar dafür, diese fünf Nordmänner, die sich mit der Sprache und der Kultur der Einheimischen auskannten, mit auf der Reise zu haben. Rauk Olafson erwies sich als große Hilfe, denn er sprach am besten die Sprache dieser Eingeborenen, die sich Inuvik nannten.

Die Küste war nach drei Glasen in greifbarer Nähe und die Wellen wurden flacher, sodass wir die Magdalena kurze Zeit später an dieser Bucht ankerten. Keine Menschenseele, von diesen Inuvik war nichts zu sehen. Auch Rauk und die anderen vier Nordmänner verstanden die Situation nicht, denn hier hätte ständig Bewegung sein und reger Handel getrieben werden müssen.

Ich ließ drei Beiboote zu Wasser und nahm eine gute Anzahl von bewaffneten Männern mit. Wie üblich blieben Ascanio und Ralf de Saddeleye an Bord. Sollte etwas geschehen, waren sie die Einzigen, die den Rest der Mannschaft heil nach La Rochelle zurückbringen konnten.

Langsam und beständig ruderten meine Templer dem flachen Strand entgegen, der aus einem dicken Kieselteppich bestand. Die Steine leuchteten in allen Farben, und das Wasser gab ihnen einen wunderschönen Glanz. Wir sprangen aus den Booten und hielten die Schilde bereit für den Fall, dass wir mit einem Pfeilregen begrüßt würden. Doch nichts geschah. Die Feuerstellen loderten noch, also mussten sich die Menschen irgendwo versteckt halten. Aber warum, wenn sie in der Vergangenheit Segler der Nordmänner gesichtet hatten und sie als Händler kannten?

„Anukai!“, schrie Rauk plötzlich. „Anukai, kuet tiak wue?“, was so viel hieß wie „Anukai, wo steckt ihr?“

Sven, Enar und Thiere taten das Gleiche. Es ging eine Weile so, dann erschienen die ersten Einwohner aus dem benachbarten Wald. Langsam und vorsichtig näherten sie sich uns, und Anukai begrüßte Rauk und die Seinen, als er sie erkannte. Auf die Frage, warum sie sich versteckten, sagte das Oberhaupt dieses Stammes, sie hätten noch nie einen so großen Segler gesichtet und ihr Medizinmann hätte die Vision eines großen Seglers vor wenigen Tagen prophezeit.

Man solle sich in Acht nehmen vor Fremden. Rauk versicherte Anukai, dass unsere Absichten friedlich seien, und endlich durften wir uns gegenseitig begrüßen und nach Stammessitte umarmen. Damit mir die Kranken nicht wegstarben wie die Fliegen, wollte ich jedoch sofort einen trockenen und warmen Lagerplatz errichten. Das erlaubte Anukai, und aus Fellen und aus Zelten, die wir in La Rochelle aufgeladen hatten, errichteten wir unser Lager. Die Kranken wurden sofort versorgt und Renaldo di Varenna, der einst dem Orden der Hospitaler auf Rhodos angehört hatte und sich später entschlossen hatte, dem Orden der Templer beizutreten, verschwendete keine Zeit.

Zwei der Männer hatten Lungenentzündung und vier Mann starkes Fieber. Renaldo beteuerte mir mehrmals, dass eine Weiterreise im Moment das Todesurteil für die Männer bedeuten würde. Ich beruhigte ihn und versicherte, dass wir erst wieder in See stechen würden, wenn alle Mann gestärkt und erholt seien. Und das betraf mich ebenso. Anukai indessen war unbeeindruckt von unseren Unpässlichkeiten und zeigte mir die Gegend. Rauk übersetzte das Inuvikische.

Als ich mich überzeugt hatte, dass die Stelle sicher und die Inuvik friedlich gesinnt waren, ließ ich Ascanio und Ralf an Land kommen. Auch Eduardo Cortez durfte sich dieses Privilegs erfreuen, denn schließlich mussten wir bis auf Weiteres zusammenarbeiten. Man reichte mir als Geschenk einen bestickten Mantel aus dickem Büffelfell, und ich schenkte Anukai eines unserer Zelte, das mit dem roten Templerkreuz bestickt war. Ihm gefiel das Kreuz, doch er fragte nicht weiter nach dessen Bedeutung, wofür ich dankbar war, denn es strengte mich an, mich allein durch Gestik verständigen zu müssen.

Endlich schloss sich Ralf unserer Gruppe an, und so konnte Rauk Olafson das Inuvikische erst für Ralf und schließlich für mich übersetzen. So ging es eine halbe Ewigkeit, und wir beschenkten uns mit Fellen und Werkzeugen sowie mit Mais, Wurzeln und Knollen.

Ein Lagerfeuer wurde entzündet und Anukai sowie seine Treuesten und Ältesten saßen darum herum. Auch wir konnten uns schließlich der Gastfreundschaft nicht entziehen und setzten uns ebenfalls um dieses wärmende Feuer. Überhaupt bemerkte ich, dass sich hier der Frühling breitgemacht und der Winter sich endgültig verzogen hatte. So kam mir der Gedanke, hier für die Zukunft eine Basis zu errichten, denn die Bucht war sicher, das Klima angenehm und die Menschen waren freundlich.

Gestört wurden meine Gedanken nur durch das Lachen und Kreischen der Kinder, die um unseren Chaplain Rutherford herumsprangen. Er beschenkte sie mit Kruzifixen und mitgebrachten Rosenkränzen, die sich die Kinder um den Hals legten und das schön fanden. Anukai und der Medizinmann betrachteten die Angelegenheit mit fragendem Gesichtsausdruck, doch sie sagten nichts weiter, denn schließlich hatten die Kinder ja ihren Spaß. Die Stunden vergingen und meine Augen wurden schwer. Krieger des Stammes führten einen Tanz um das Feuer auf und jaulten und stimmten einen Gesang an, der am Anfang die Nerven plagte.

Nach längerem Hinschauen aber begriff man, dass es ein ritueller Tanz war, der die Geister der Ahnen rief, um den Stamm mit Regen, Sonne, Fruchtbarkeit und Frieden zu segnen. Schon erstaunlich, wie bescheiden die Wünsche dieser Menschen sind, stellte ich ernüchtert fest. Die geringsten Lebensvoraussetzungen reichten ihnen, um Freude zu spüren und glücklich zu sein. Kein Gold, kein Silber, keine Macht und auch keine Religion benötigten sie, denn die Natur und ihre Ahnen waren ihr Reichtum. Nach dieser Erkenntnis, die ich schon einmal gespürt hatte, damals auf der Insel des Federico Pinzon, befahl ich Chaplain, sich neben mich zu setzen.

„Admiral?“

„Mein lieber Bruder Rutherford. Setze er sich neben mich und genieße er diesen aussagekräftigen Tanz. Lasst die Kinder Kinder sein und gönnt Euch etwas Ruhe, mein Bester!“

„Aber so kann ich sie doch bekehren …!“

„Passt nur auf, dass nicht sie uns bekehren, Bruder. Sie haben ihren Gott. Erspart ihnen …!“ Ich biss mir plötzlich auf die Zunge, denn ketzerisch klangen diese Worte aus meinem Munde und ich sah, wie mich Rutherford entsetzt anstarrte. Gottlos und ungläubig muss ich ihm erschienen sein, und auch ich erschrak zunächst. Wie kam ich dazu, als hoher Beamter dieses christlichen Ordens so etwas von mir zu geben. Und doch hatten die Studien der Dokumente und Schriften, das Erlebte der letzten Jahre, die Verluste von Männern und Freunden, die schmerzliche Erkenntnis von Verrat und Betrug mir jegliche Beziehung zu unserer Glaubensrichtung geraubt. Man konnte doch nicht so blind sein, um hier nicht zu erkennen, was und wer Gott in Wirklichkeit war.

Diese Inuvik erlebten es jeden Tag und jede Nacht. Sie hatten schon immer verstanden, wer Gott ist und wer seine Engel waren. Die Natur, dieser unsagbar schöne Sternenhimmel, dieses Meer vor uns, dieser Friede war für sie Gott. Der wahre Gott. Und die Ahnen waren die Engel, zu denen sie durch ihre Riten und Gebeten sprachen und auf die sie aus irgendeinem Grunde auch immer eine Antwort erhielten, solange sie in Harmonie lebten mit allem, was sie umgab.

Wieder und wieder erschienen mir Federico Pinzons Worte im Geiste, und immer wieder wurde mir klar, wie unrecht ich doch hatte und wie blind und rückständig wir doch alle waren, wir Christen, die wir hier saßen, wir Templer in den Diensten unseres Messias, und, richtig betrachtet, auch in den Diensten unseres Feindes, des Vatikans. Der nach außen hin unser Freund war. Der Kreis der „Wenigen“ im Orden wurde immer kleiner nach dem, was mir Cortez über Hugues de Payns erzählt hatte.

Ach ja, Cortez. Wo war er nur? Dann fand ich ihn. Eng und unbequem neben den anderen sitzend und mich betrachtend, als ob er meine Gedanken lesen könne. Ein Lächeln zeugte von einer gewissen Gehässigkeit und ließ mich weiter grübeln. Ihn erschreckte nicht, was ich zu Chaplain sagte, denn er sah, dass ich erwachte. Ich erwachte aus all den Lügen und Niederträchtigkeiten eines Menschen, der nicht verstanden hatte, worum es eigentlich ging und der sich hatte verführen lassen von Plunder, Gier und Macht, woran er am Ende selbst zugrunde gehen würde. Diese Seereisen waren nötig.

Nicht die Suche nach Gold oder nach Silber war es, die mich anspornte weiter zu segeln, nein, es war die Suche nach dem wahren Gott. Ich fand ihn hier. Ich fand ihn damals auf Pinzons Insel. In Ashkelon und auf den Gipfeln der Golanhöhen. Er ist überall, nur nicht in Jerusalem. Dort fand ich ihn nicht. Dort spürte ich ihn nicht.

Wie oft wurde diese Stadt zerstört und wieder aufgebaut, nur um wieder und wieder zerstört zu werden? Gott will Jerusalem nicht, egal, wie viel Blut noch vergossen wird für Christus, Allah, Yahve oder wen auch immer. So schnell kann man alles begreifen, wenn man nur die Augen offenhält. Doch nun war ich hier. Bei den Inuvik.

Ich ließ diesen Tanz und die Wärme dieses Feuers auf mich wirken. Die Dankbarkeit dafür, dass wir der Eiseskälte entflohen waren, gab ihr Übriges dazu, mich wieder Freude spüren zu lassen. Meine Männer erschienen mir wie Engel in diesem Augenblick, denn auch sie waren dankbar, den Wahnsinn überlebt zu haben, den zu begehen sie sich bereit erklärt hatten. Wie sehr wünschte ich mir, sie könnten die Dinge so sehen, wie ich sie sah. Wie Cortez sie sah. Vielleicht taten sie es auch und behielten es geschickt für sich. Cortez hatte recht. Die Reliquien, die sich nun in Paris befanden, mussten zurück zu den Katharern. (Siehe Albrechts Chroniken III)

„Auf dein Bauchgefühl musst du immer hören, mon petit!“, hörte ich Gondamer aus der Ferne rufen. Und mein Bauchgefühl sagte mir, dass Cortez recht hatte. Der Orden wurde verführt. Verführt von der ihm durch den Papst zugestandenen Macht. Von dem Gold und den Renditen der Schlachten im Heiligen Land. Von Königen und Fürsten, die gut für die Dienste des Ordens bezahlten. Das war kein Orden der armen Soldaten Christi mehr. Das war eine durch und durch strukturierte und fachmännisch konstruierte Organisation.

All die Sprüche, der Vatikan sei im Grunde genommen der Feind, waren eine Finte, um von den wahren Machenschaften abzulenken. Hugues de Payns und der Papst waren Verbündete. Doch welche Rolle spielte dann Bernard de Clairvaux in diesem Spiel?

Immer klarer erschienen mir die Fakten hier unter Gottes Dach, das so herrlich leuchtete in dieser Nacht. Er sprach zu mir. Er öffnete mir die Augen. Meine Gedanken waren seine Worte. Er warnte mich hier und heute und sagte: „Sei vorsichtig, wem Du vertraust, denn Zucker und Salz sehen gleich aus.“

Eine Schale wurde mir gereicht und ich trank daraus. Meine Erschöpfung und meine Erkältung brachten mich schließlich zu Fall und ich konnte mich an nichts mehr erinnern, als ich am nächsten Morgen in meinem Zelt aufwachte. Ascanio di Sassari und Ralf de Saddeleye schnarchten laut und meine Knochen schmerzten. Länger wollte ich schlafen, doch Renaldo, der Medicus, betrat ohne Vorwarnung das Zelt und seine Augen verrieten nichts Gutes. Ich stand von der Pritsche auf und sah ihm in die Augen.

„Sprich Bruder! Sprich in Gottes Namen!“

Renaldo kämpfte mit den Worten, doch mit trauriger Stimme bestätigte er, was ich befürchtet hatte: Wir hatten den ersten Mann auf dieser Reise verloren. Die Lungenentzündung war zu viel für ihn. Er war in der vorigen Nacht gestorben. Chaplain Rutherford sei bei ihm gewesen, um ihm die letzte Ölung zu verabreichen. Ich zog sofort meine Tunika an und band mir das Schwert um die Hüfte. Dabei wurden die anderen wach und richteten sich ebenfalls auf. Ich erklärte ihnen, was vorgefallen war.

Zur Mittagstunde dieses 7. Mai 1137 bestatteten wir unseren treuen und tapferen Bruder Roger Cambrais unter allen verfügbaren Ehren und begruben ihn in dieser Erde weit von seiner Heimat. Rutherford hielt die Andacht und wir verabschiedeten uns von ihm. Ein schnell gebautes Kreuz und sein Schwert waren das Einzige, das an ihn erinnerte. Dann plötzlich sang aus der Ferne der Medizinmann. Rauch eines Feuers stieg auf. Es war seine Art, unserem Bruder für seine endgültige Reise alles Gute zu wünschen, denn er würde zu seinen Ahnen aufsteigen und für immer Frieden finden.

WARUM SIND WIR HIER?

Die Tage vergingen und wir erholten uns schnell. Die Kranken waren wieder gesund, und auch der zweite Mann, der an einer Lungenentzündung gelitten hatte, erholte sich langsam, aber stetig. Die Magdalena wurde unter Ascanios strenger Obhut mit Fett behandelt, das von Robben und Wal gewonnen wurde, um gegen Holzwürmer vorzubeugen. Doch bei diesem noch kühlen Klima hatte ich meine Zweifel, ob die Behandlung nötig war. Einen Zweck erfüllte jedoch diese Maßnahme: Sie beschäftigte die Männer und sie wurden von Sehnsüchten und Langeweile abgelenkt.

In der Bucht herrschte reges Treiben und mehr und mehr Kanuten ruderten zum Strand, um Robbenfelle, Wahlrosselfenbein und Walfleisch zum Tausch gegen Wurzeln, Mais und Knollen anzubieten. Speere und Harpunen befanden sich ebenso unter der Handelsware. Man beachtete uns kaum, als hätten wir schon immer hier gelebt. Meine Vermutung gab mir recht, denn die Nordmänner trieben hier in der Tat selbst regen Handel. Die Einheimischen kannten somit blonde und bärtige Männer aus vergangener Zeit. So erzählte es mir Ralf de Saddeleye, nachdem er mit Rauk von der Jagd zurückgekehrt war.

Zwei erlegte Hirsche, die von jungen Inuvik getragen wurden, gab man dem Stammesältesten als Geschenk für die uns gewährte Gastfreundschaft. Er bedankte sich bei uns und lud mich und Saddeleye zu sich in das ihm von uns geschenkte Zelt. Mit reichlich Fellen hatte sich Anukai sein neues Quartier bequem und warm eingerichtet. Kurze Zeit später setzte sich auch Rauk in unsere Mitte, was uns willkommen war wegen seiner Sprachkenntnisse. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis Anukai das Wort ergriff und zu sprechen begann. Lange hörten wir ihm zu, aber ich konnte mir keinen Reim darauf machen, worüber er redete. Seiner Gestik nach wollte er uns ein Angebot machen. Doch ich täuschte mich sehr, als Rauk seine Worte für de Saddeleye übersetzte und dieser sie dann in unsere Sprache übertrug. Überrascht schaute ich Anukai an und musste anfangen zu lachen. Auch er begann zu lachen, denn er erkannte, dass er einen Nerv getroffen hatte. Ehrlich gesagt hatte ich nicht die richtige Antwort auf seine Frage. Zumindest nicht sofort.

„Warum seid ihr hier?“, war die Frage kurz und bündig.

Stille trat ein und wir zwei Oberhäupter schauten uns lange und ernst an.

„Neugier!“, schoss es plötzlich aus mir heraus.

Anukai bekam einen Lachanfall, er wurde immer lauter, und bald hielt er sich vor Schmerz den Bauch. Seine Augen tränten und ungläubig schüttelte er den Kopf. Mir aber war nicht zum Lachen zumute, denn insgeheim hatte ich mich des Öfteren selbst gefragt, warum ich mich und meine Männer in solche Gefahren brachte. War es wegen des Goldes? Das war eine Variante von vielen. Gold hatte ich genug zurückgeschleppt, und ja, wenn es nach der Gier der Mächtigen ginge, so müssten Tausende von Koggen und Barken diese Meere befahren.

Doch was war es wirklich? Sehnsucht nach Abenteuer, etwas Neuem? Wir hatten bereits diese Gewässer befahren, jedoch weiter südlich. Es war der Wissensdrang, der mich trieb. Lernen wollte ich und entdecken, was andere zuvor niemals gesehen hatten. Das Materielle war nur Mittel zum Zweck. Eine Sucht war schon lange zuvor entstanden, als ich noch mit Farid zur See fuhr und wir beide über den weiten Horizont starrten und uns immer wieder fragten, was wohl auf der anderen Seite dieser Welt sei.

Anukai richtete sein Wort an Rauk und ich sah, dass sich das Gespräch in der Form veränderte. Beide sahen mich ernst an, aber ich konnte mir kein Bild von dem machen, was sie dachten.

Dann holte Anukai ein Ledersäckchen aus seinem Ärmel und warf es mir grob zu. Ich fing es auf, und mit seiner rechten Hand gestikulierte Anukai, ich solle den Inhalt in die Hand nehmen, und so tat ich es. Als ich meine Faust öffnete, erschrak ich mich. Solch einen Goldklumpen in dieser Größe hatte ich nicht einmal bei unserer letzten Fahrt gesehen. Anukai beobachtete mich genau, und seine Augen bohrten sich in meine Seele, als ob er alles von mir wissen wollte, um auf diesem Wege zu erfahren, ob dies der wahre Grund sei für unser Erscheinen. Gewiss, ich war beeindruckt, doch ich konnte meine Begeisterung im Zaume halten, steckte den Klumpen wieder in das Ledersäckchen hinein und warf es ihm zu. Trotz seines hohen Alters fing er es geschickt auf, seine Augen nie von mir ablassend.

„Wir wollen Handel treiben. Felle, Elfenbein, Mais und auch Hölzer!“, sagte ich drauf. „Und sollten wir uns einigen und auch eine kleine Basis nicht weit von hier errichten, sodass alle zwei Monate zwei unserer Schiffe dort mit Waren zum Tausch anlegen können.“

Ralf übersetzte für Rauk, was ich sagte. Doch bevor Rauk meine Worte an Anukai wiedergab, brüllte er zornig in seiner Sprache zurück. Die Stimmung im Raum schlug binnen eines Augenblicks von friedlich auf aggressiv um. De Saddeleye übersetzte mir Rauks Worte und ich verstand, dass ich nun ein Territorium betrat, das von den Isländern seit zig Jahren beherrscht und eisern im Blick behalten wurde.

„Er sagt … und verzeiht, Admiral … ich übersetzte es nur ... was wir uns anmaßen würden, uns hier in diesen Gebieten niederlassen zu wollen, um eine Basis zu errichten und uns in den regen Handel so einzumischen, dass sie, die Isländer, übervorteilt würden! Sie hätten seit Jahren versucht, sich hier niederzulassen, doch dies wurde von den Einheimischen nie geduldet, weil wir nicht wie sie waren und weil unsere Absichten sich mit den Naturgesetzen nicht vereinbaren ließen. Das hätte schon Erik der Rote versucht und seine Nachfahren ebenso. Vertrieben wurden sie und viele ihrer Leichen vermodern heute noch unter den Sümpfen dieser Erde!“

Wir hatten sichtlich ein Problem, und ich erinnerte mich im selben Moment an das Versprechen, das ich einst Federico Pinzon gab: nie die Brut aus der alten Welt in dieses Paradies führen zu lassen. Das aber würde ohne Zweifel geschehen, wenn mein Vorschlag fruchten sollte.

„Ich will es von Anukai selbst hören. Lehnt er meinen Wunsch ab, so werde ich das befolgen. Sagt er jedoch zu, dann scheiße ich auf das, was die Isländer verärgern sollte. Schließlich haben die Nordmänner die Überfälle hier begangen und den Kürzeren gezogen … Sag diesem Flegel das!“

Ein kurzes Räuspern, und Ralf übersetzte Rauk meine Meinung darüber, wie ich zu der Angelegenheit stand. Verärgert setzte sich Rauk wieder hin und wollte das Wort an Anukai richten, doch dieser hielt die Hand ausgestreckt und bat Rauk, den Mund zu halten.

Wieder nahm der alte Mann das Wort, und ich konnte ein Lächeln in Rauks Gesicht erkennen. Also durften wir hier keine Basis erbauen. Nun gut. Dann woanders. Die Zeit würde es richten, doch diese Basis würde nur für den Bund der „wenigen“ sein. Vergessen wir dieses Vorhaben auf dieser Fahrt. Auf der nächsten würden keine Nordmänner dabei sein, und dann würde uns keiner aufhalten können.

Ich träumte schon weiter, als Ralf de Saddeleye versuchte, mir etwas zu sagen. Doch auch ich winkte ab, denn ich hatte verstanden. Ich wollte keinen Streit beginnen und verbeugte mich freundlich vor Anukai, bekam jedoch seinerseits versichert, dass wir jederzeit hier mit ihnen handeln dürften. Wir reichten uns die Hände und verließen höflich das Zelt.

Meine Wut konnte ich für kurze Zeit kontrollieren, nicht aber Rauk Olafsons Disziplinlosigkeit. Was erlaubte sich dieser Fischerbursche, sich einem Admiral zu widersetzen. Er hatte sich freiwillig gemeldet. Ich hatte ihn nicht darum gebeten mitzukommen. Diese Angelegenheit bedurfte sofortiger Klärung. So nahm ich mir diesen unverschämten Burschen hinter einem Gestell vor, wo Fische zum Trocknen hingen. Ich packte ihn wutentbrannt am Kragen und presste ihn so lange gegen den stinkenden Fisch, bis mir der Geruch in den Kopf stieg. Doch ich ließ nicht locker. Er rang nach Luft, ich jedoch ließ nicht los. Richard und Ralf bekamen es mit, die anderen nicht, Gott sei‘s gedankt. Sie eilten zu mir, um einen Mord zu verhindern.

„Admiral ...!“, flehte mich Richard an.

„Sag diesem unverschämten Bengel, ich hätte große Lust, ihn hier an diesem Ort verrecken zu lassen. Noch so ein Ausrutscher und er kann nach Hause schwimmen, ist das klar? Ich bin der Admiral, der Befehlshaber dieser Truppe, und er ist nur ein Mitläufer. Ein Nichts. Ich brauche ihn als Übersetzer nicht mehr. Wir legen in drei Tagen ab und fahren weiter dorthin, wohin uns die Küste führt!“

Grob stieß ich Rauk weg von mir und Furcht ließ das Blut in seinen Adern gefrieren.

Den Befehl zur Abreise leitete ich an Ascanio di Sassari weiter, der sich auf eine Weiterfahrt sichtlich freute. So hatten mich die Männer schon lang nicht mehr gesehen, doch jede kleinste Nachlässigkeit gefährdete das Unternehmen. Ich hatte mir eine Antwort nun selbst gegeben, warum wir hier waren. Ich sollte mich eigentlich bei Rauk für seine Unverschämtheit bedanken, denn nun erst recht: Ich würde diese Basis bauen, und wem es nicht passte, der würde über Bord geworfen. Ich sah alles schon vor mir. Ein zweites Ashkelon. Hier, weit weg von der alten, vergifteten und vor Sünde triefenden Welt. Weiter südlich, wo das Klima freundlicher ist und doch nicht zu warm, damit man Proviant länger lagern kann und diese elendigen Stechfliegen einen in Ruhe lassen. Für den Winter zumindest.

Ich würde nur einen Bruchteil der Güter nach La Rochelle überführen lassen und den Hauptteil hier in der geplanten Basis aufbewahren. Und wer weiß, vielleicht sogar eines Tages die neugebauten Karavellen hier vor Anker legen. Meine Absichten hatten sich von jetzt auf gleich geändert. Verraten und verkauft hatte man mich. Die, die ich für treu hielt, waren nichts anderes als Parasiten. Doch genug davon. Ich konnte dieses Spiel genauso spielen. Jetzt begriff ich, wie wichtig eine Erneuerung der Beziehung zwischen mir und Eduardo Cortez schien. Er hatte recht. Pinzon hatte recht. Jacques und Gilles hatten recht. Ja sogar der, den ich nie wieder in meinen Gedanken zu wissen hoffte und dessen Namen ich nie wieder aussprechen zu müssen hoffte, hatte recht. Der Teufel selbst. Bab Pha Med. Warum also nicht ich? Warum sollte ich nicht das gleiche Spiel mit diesen Verrätern spielen?

Ich brauchte jedoch treue Männer an meiner Seite. Männer, die an mich glaubten und in den Tod für mich segeln würden, wie die wenigen damals in Äthiopien, die für mich in den Tod ritten. Heute noch denke ich an jeden Einzelnen von ihnen. Wie sich wohl Friedrich und Horst in Ashkelon machten? Ja für diese zwei würde ich meine beiden Hände ins Feuer legen, doch sie waren weit, weit weg.

„De Saddeleye, bring mir Cortez in mein Zelt. Und ich will bis auf Weiteres nicht gestört werden. Verstanden?“

„Zu Befehl, mein Admiral!“

Ich begab mich zum Zelt und warf meinen Mantel auf die unaufgeräumte Pritsche. Der Wind, der hineinblies, drohte meine Aufzeichnungen und die Mappen vom Tisch zu fegen. Doch ein Krug, noch mit Wein aus dem Languedoc gefüllt, beschwerte sie und so rollten sie sich nur auf und zu. Ich nahm einen Zinnkrug, füllte ihn mit dem Wein und warf einen Blick auf eine der Mappen. Handgezeichnet und vom Seesalz vergilbt drohte diese so wichtige Karte auseinander zu bröseln. Das durfte nicht geschehen. Richard würde mir in den nächsten Tagen eine Kopie fertigen.

Der Vorhang öffnete sich und ein erholter Cortez machte mir die Aufwartung.

„Mein lieber Eduardo, nimm doch bitte Platz. Darf ich dir einen Wein reichen, Bruder?“ Nicht nur Cortez wunderte sich über die ihm entgegengebrachte übertriebene Freundlichkeit, ich wunderte mich ebenso. Monatelang hatte ich diesen Mann verspottet, gedemütigt, geschlagen und gefoltert. Vielleicht waren es sogar schon Jahre, ich erinnerte mich nicht mehr.

„Admiral?“ Cortez verbeugte sich und nahm schüchtern auf einen Schemel Platz.

„Ich habe über vieles nachgedacht, Eduardo. Ja, wir haben uns wieder genähert, jedoch dies nur auf eine Arbeitsbasis beschränkt. Ich habe mich jedoch entschlossen, dir wieder zu vertrauen, wie ich es einst tat. Du hast mir in vielen Dingen die Augen geöffnet, was aber nicht heißt, dass ich vor lauter Wald die Bäume nicht sehe!“

„Gewiss, Admiral. Ich verstehe ...!“

„Die Reliquien müssen zurück in eure Hände, dafür werde ich Sorge tragen …!“

„Mein Admiral, ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll ...!“, rief Cortez verzückt und glücklich.

„Jedoch brauche ich dich ebenso für einen Plan, Eduardo. Für unseren Plan. Ich will mich an diesem Pack rächen und es ihnen heimzahlen. Nicht nur haben sie mich von meiner Familie frühzeitig getrennt, nein, ich war nicht einmal zugegen, als meine Frau starb, nachdem sie meinen Sohn geboren hatte. Dann der ganze Verrat und die Sache mit der Vatikanlüge. Ich frage mich, Bruder, warum schlagen wir sie nicht zusammen mit derselben Waffe?“

„Ich versteh nicht ganz ...!“

„Ich brauche dich, Eduardo Cortez. Ich brauche Pinzon ebenso, und sobald wir nach La Rochelle zurückgekehrt sind, werde ich Jacques und Gilles Montfort die Freiheit zurückgeben. Du musst mir jedoch hoch und heilig schwören, mich nicht mehr anzulügen und an meiner Seite zu stehen. Und wenn ich dafür einer von euch werden müsste!“

„Was hast du vor, mein Bruder?“ Cortez Augen wurden zu dunklen Schlitzen. Das Weiß der Augäpfel war nicht mehr zu sehen, nur die schwarzen, vergrößerten Pupillen füllten die Augenhöhlen. Vorsichtig legte Cortez den Kelch zur Seite und faltete seine Hände wie zum Gebet.

Ich erzählte ihm von meinem Plan und von der Notwendigkeit, treue Männer zu rekrutieren, die es nicht besonders mit dem Papst hätten. Mit ihnen schlicht und ergreifend den Orden zu infiltrieren. Männer, die den Mund halten konnten und bedingungslos bei der Sache mitmachten.

„Aber mein Admiral, das wäre ja Seeräuberei?“

„Ach, erspar mir bitte diese Scheinheiligkeit. Du und Farid habt jahrelang unentdeckt Seeräuberei betrieben und am Sklavenhandel verdient sowie an den wenigen Fahrten, die du schon vor uns in dieser fernen Welt betrieben hattest. Nun? Was sagst du dazu?“

„Ja, ich kann mich noch daran erinnern, dass wir solch ein Unternehmen schon mal besprochen hatten. Jedoch hattest du dich schnell umentschieden und die ewige Treue zu eurem Bund geschworen …!“

„Damals war ich jung und blind. Jeder konnte mit mir umgehen, wie er es wollte, und nur die Tatsache, dass ich die Missionen überlebt und die Aufträge bis zum Punkt und zur vollsten Zufriedenheit des Großmeisters ausgeführt habe, brachten mich zu dem Rang, den ich jetzt führe. Du selbst hast mir gesagt, dass Hugues es so nicht hatte kommen sehen. Ich brachte Erfolg und Gold, und daran ist er am Ende vielleicht gestorben. An seiner eigenen Bosheit und am Gram. Also? Was ist? Wir schulden niemandem etwas!“

„Oh doch. Wir schulden der Menschheit die Wahrheit, Albrecht … verzeiht ... Admiral!“

Erstaunt drehte ich mich um, denn schon seit Langem hatte mich keiner mehr beim Namen genannt. Ja, so hieß ich. Albrecht Viermundt.

„Nein, nein. Entschuldige dich nicht. Wie lange schon habe ich diesen Namen nicht mehr gehört. Ich danke dir, dass du mich daran erinnert hast. So sehr habe ich in diesem Wahn geschwelgt, dass ich es fast selbst vergessen habe … Albrecht … ja, so heiße ich in der Tat! Wie alt bin ich nun, Eduardo? Ich weiß es selbst nicht mehr!“

„34 Jahre alt seid ihr, mein Admiral!“, sagte Cortez leise, denn auch er erinnerte sich an den kleinen Jungen, der einst seinen Vater im Heiligen Land suchte, so viel auf sich nahm und Unmögliches vollbrachte.

„Ich werde mich eurem Plan anschließen, Admiral!“

„Bruder. Nenn mich Bruder … Eduardo!“

„Du kannst dich auf mich verlassen, Bruder. Lass uns diesen Plan gemeinsam durchführen und mit dem Erzielten Klöster der Wahrheiten erbauen. Ja, euer Orden hat schon lange den richtigen Weg verlassen. Soweit seid Ihr davon abgekommen, dass nur wenige es erkannt haben und den richtigen Pfad erneut suchen!“

Wir umarmten uns und besiegelten damit unser Schicksal.

DER NEUE BUND

2. JUNI 1137

Die Magdalena war reisefertig und Gernot sowie François hatten vorbildliche Arbeit geleistet. Wasser und Nahrung für dreißig Tage wurden tief im Bauch der Kogge verstaut, und Eduardo Cortez war nun der neue Mann zu meiner Rechten und von meiner Seite nicht mehr wegzudenken. Ascanio vernahm es wohlwollend, zum Glück, und ließ er sich nicht beeindrucken, solange er die Mannschaft an Bord fest im Griff hatte und ich ihm ständig sinnvolle Befehle gab, die er dann selbstsicher weiterschrie, als ob er der eigentliche Kommandeur des Kahns wäre. Die Männer wussten jedoch Bescheid, dass ein Haupthahn über ihnen krähte. Ich amüsierte mich köstlich und mochte Ascanio mit jedem Tag mehr. Leidenschaftlich und voller Lebensfreude war er eine Inspiration für uns alle.

Anukai näherte sich, begleitet von mehreren Kanus, die von Inuvik gerudert wurden, und ich reichte ihm die Hand, um ihn an Bord zu hieven.

Auch reichte ich ihm einen Kelch unseres Weines und er nahm einen kräftigen Schluck daraus. Rauk, der sich wieder besonnen hatte und sich bei mir mehrmals entschuldigte, bekam von mir die Vergebung, die er suchte, und durfte weiterhin als Übersetzer fungieren. Ralf de Saddeleye holte das Geschenk, das ich dem alten Oberhaupt überreichen wollte. Eingewickelt in Seidenstoff steckte eines der Schwerter, die ich zuhauf in La Rochelle hatte schmieden lassen. Genau für solche Zwecke. Mit großen Augen bewunderte Anukai das Geschenk und schaute mir freudestrahlend in die Augen. Es gefiel ihm. Auch er hatte mir etwas mitgebracht und reichte mir den Lederbeutel, den ich einst in seinem Zelt in der Rechten gehalten hatte. Ich staunte nicht schlecht, dass er mir seinen Goldklumpen so selbstlos überließ. Dann sagte er ein paar Worte dazu.

„Dieses Gold stammt nicht von hier, und so rate ich Euch, nicht danach zu suchen. Doch wenn Ihr weiter westlich reist, werdet Ihr einen Wald erkennen und einen Wasserfall, der von einem Berg fällt. Es werden mehrere Tage nötig sein, um dorthin zu kommen, doch dort ist der Fluss, der unter dem Wasserfall mündet. Dort werdet Ihr mehr finden. Vergesst aber nicht, dass dieses Metall für viele den Tod bedeutet hat. Nun geht!“

Wir umarmten uns in Freundschaft und Anukai stieg hinab zu einem der Kanuten. Als sie davon ruderten, gab Ascanio selbstsicher die üblichen Kommandos und kurz danach blähte sich das Segel hoch am Wind und die Magdalena glitt davon. Wir segelten zunächst nach Süden, und am 6. Juni befahl ich, einen westlichen Kurs einzuschlagen. Ascanio, Eduardo, de Saddeleye und Richard halfen mir dabei, die Karte so genau wie möglich zu zeichnen, was teilweise als schwierig zu bezeichnen war, da Nebel und Stürme uns die Sicht raubten. Ich segelte den Kahn so nah, wie es ging, an der Küste entlang und wir sahen nur Wälder und Hügel, jedoch fanden wir diesen Berg mit dem Wasserfall nicht. Noch nicht.

Einige Tage Fahrt sollte er entfernt sein, so fasste ich mich in Geduld, die Augen stets auf die Küste gerichtet. Wir segelten langsam, da sich der Wind gelegt hatte und Untiefen unsere besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Einer der Templer ließ einen Senkfaden in die See fallen und gab laut die Tiefenmessung von sich. Noch war der Abstand vom Kiel zum Grund sicher, doch das Wasser war hier so klar, dass man den Boden mit bloßen Augen sehen konnte. Und mir gefiel nicht, was ich sah. Ich ordnete an, mehr Abstand von der Küste zu halten.

Die Nacht brach ein und der Wind blies seine Kühle in unsere Knochen. Dankbar wickelten sich die Männer in die dicken Robbenfelle, und selbst hergestellten Mützen schützten unsere Ohren. Plötzlich hörte ich ein lautes Donnern, es war jedoch nicht das Donnern eines Gewitters oder eines Sturmes, nein, es war das Donnern eines tief fallenden Wasserfalls. Es klang, als ob ein See den Abgrund hinunterstürzen würde, jedoch sahen wir es nicht. Diese Nacht war einfach zu dunkel und der Mond blieb hinter Wolken verdeckt.

„Lasst fallen Anker!“, schrie Ascanio, nachdem ich das Zeichen gegeben hatte, die Rah einzuholen und hier anzulegen. Schwer fiel das Eisen in den tiefen Grund, und das Surren der Ankertrosse, als diese den Rumpf hinunter schleifte, gab mir das Gefühl der Sicherheit.

„Postiert die Wachen. Sobald die Sonne aufgeht, werden wir sehen, woher dieses Donnern kommt. Es kann nicht weit sein, so laut, wie es klingt!“

„Zu Befehl, mein Admiral!“, bestätigte mir Gernot, und als er sich umdrehte, um sich zum Heck zu begeben, wäre er um ein Haar mit Cortez zusammengestoßen.

„Nun, Albrecht? Werden wir uns hier die Schatullen füllen?“

„Nicht nur das, Eduardo. Sollte sich dieses Eiland als geeignet erweisen, werden wir ein kleines Ashkelon hier hinstellen. Eine Basis, von der keiner etwas wissen wird außer uns. Stell dich darauf ein, mein Bruder. Falls es uns hier an nichts mangelt, werden wir hier sehr lang residieren. Und zwar so lange, bis man uns in La Rochelle kaum noch vermissen wird.

Wir brauchen Abstand für die weitere Planung, wie wir weiter vorgehen werden. Ich denke, dieser Ort hier wäre doch das beste Versteck für all die Reliquien und alles andere!“

„Lass uns darüber entscheiden, Bruder, wenn der Morgen anbricht, ob dies der richtige Ort sein wird!“

„Du hast recht! Dieses Donnern lehrt mich das Fürchten. Es ist so laut, als ob die ganze Welt am Einstürzen wäre.“

„Es ist fürwahr ein unheimliches und beeindruckendes Geräusch. So, als ob wir das Ende der Welt erreicht hätten und nun die ganze Welt in das Universum hinabstürzte!“, sagte Cortez leise und tief in sich gekehrt.

„Jetzt fürchte ich mich noch mehr, Bruder!“

Wir lachten beide und beschlossen, einen Kelch Wein zu heben und etwas von dem salzigen Hering zu kosten.

Das karge Kerzenlicht in der Kabine gab etwas Wärme ab, und so legten wir die Robbenfelle nieder, als Richard hereintrat und eine Platte mit dem rohen Fisch absetzte. Leicht angewidert nahm sich Cortez einen Hering und steckte ihn kopfüber in seinen Schlund, darauf folgte sofort ein Schluck Wein, denn der Salzgehalt der Speise war hoch.

Richard wollte gerade wieder gehen, als Cortez ihn bat, noch zu bleiben.

„Bruder Richard, wenn Ihr erlaubt?“

Erstaunt blieb Richard stehen und drehte sich zu Cortez um, denn dieser hatte nie ein Wort mit ihm gewechselt. Ich konnte ein leichtes Verwundern in Richards Verhalten feststellen und vermutete, dass er sich keinen Reim darauf machen konnte, warum nun ich, der Admiral, der diesen Cortez früher wie Abfall behandelt hatte, jetzt hier zusammen mit diesem Delinquenten saß und Heringe und Wein vertilgte.

„Wie kann ich Euch dienen, mein Herr?“

„Ihr seid zu gütig, mein junger Freund, und das Letzte, was ich von Euch möchte, ist, dass Ihr mir dient. Nein … Euer Name ist doch Richard Cornwall, nicht wahr?“

„Ja, der bin ich!“

„Seid Ihr etwa verwandt mit Sir Robert Basil Cornwall, der rechten Hand des Königs von England?“

Richards Gesichtsfarbe änderte sich schlagartig, und ich konnte Scham in seinen Augen sehen. Die Frage, die Cortez ihm gestellt hatte, war ihm ohne Zweifel höchst unangenehm.

„Warum wollt Ihr das wissen?“

„Ihr müsst nicht drauf antworten, mein junger Freund. Verzeiht, wenn ich Euch dadurch in Verlegenheit gebracht haben sollte!“

„Sir Robert Basil Cornwall ist mein leiblicher Vater. Ich bin sein Bastard und somit habe ich keine Ansprüche, weder an Titel noch Besitz. Meine Mutter war eine Dienstmagd, die er sehr liebte. Und da seine Gattin, Lady Mary of York, keine Kinder gebären konnte, leidet die Ehe der beiden bis zum heutigen Tag. Mein Vater wollte sein Amt für mich aufgeben und Lady Mary verlassen, doch da meine Mutter an der Ruhr starb und ich ihn nicht entehren wollte, bin ich ausgerissen und in ein Franziskanerkloster eingetreten. Danach sogar in ein Kartäuserkloster, wo ich das Schweigegelübde ablegte, jedoch die Prüfung nicht bestand. Also bin ich zurück zu den Franziskanern und vertiefte mich in das Studium der Sprachen Aramäisch, Griechisch, Hebräisch, Ägyptisch und ohne Frage natürlich Latein. Ich habe mit meiner Familie abgeschlossen, und das im Guten. Ich habe ein Heim gefunden, und das ist dieser Orden. Ich bin stolz, ein Soldat Christi zu sein. Beantwortet das Eure Frage, mein Herr?“

„Das tut es in der Tat, Richard. Ich danke Euch. Seid meiner Gunst versichert und verzeiht mir, sollte ich Euch auf irgendeine Art beleidigt haben“, sagte Cortez mit weicher Stimme.

Richard verbeugte sich und verließ uns sang- und klanglos.

„Was sagt man dazu? Ich wusste das alles nicht. Aber warum ist das denn wichtig?“, fragte ich neugierig.

„Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Ich kenne Sir Robert. Ein Ehrenmann und sehr vermögend. Er verfügt über eine ansehnliche Flotte von Barken und versorgt England mit Waren aus dem Festland. Wenn er, Richard, keinen Kontakt mehr zu seinem Vater pflegt, so habe ich keine Bedenken. Ich denke, ich bin nur zu vorsichtig mit den Jahren geworden.“

„Ich verstehe. Du meinst, unser Richard könnte seinem Vater von unseren Reisen erzählen?“

„Nicht, wenn das, was er gerade eben gesagt hat, stimmen sollte. Ich denke, wir können ihm vertrauen. Und außerdem: Er hat den Eid abgelegt.“

„Ja, Eduardo. Dem Orden gegenüber. Nicht uns. Wir kommen nicht umhin, einige unserer Männer hier langfristig anzusiedeln, damit dieses Geheimnis nicht die Runde macht“, fügte ich besorgt an.

„Und wen willst du für die Heimreise eines Tages aussuchen?“

„Ich weiß es nicht. Ich denke, das wird die Zeit zeigen!“

„Vertraust du deinen Männern nicht, Albrecht?“

„Ich habe gelernt, keinem zu trauen. Und du bist derjenige, der mir das beigebracht hat. Schon vergessen?“

Eduardo lächelte ein gefährliches Lächeln und nahm noch einen Schluck Wein, bevor er mit dem Satz abschloss: „Ich bin müde, Bruder, und mir dreht sich der Kopf. Es ist besser, wir legen uns hin. Wer weiß schon, was der Morgen uns bringt.“

Der Morgen kam und versetzte uns in unendliches Staunen. Wie viel Glück wir hatten, hier angelegt zu haben, bewies der Anblick, der uns an diesem Tag des 10. Juni 1137 beschert wurde. Wären wir nur etwas weiter gesegelt, so hätten mächtige Eisbrocken, die da vom hohen Felsen fielen, uns und die Magdalena zermalmt wie eine Mühle das Korn. Schmelzwasser und Eisschollen brachen den Hang hinab und rissen Felsbrocken dieses Berges mit sich in die Tiefe. Es war der Rat eines Schutzengels gewesen, der mir den rettenden Hinweis übermittelt hatte, mich weiter entfernt von der Küste zu bewegen und dort anzulegen, wo wir uns jetzt befanden. Kein Wunder, dass dieser Lärm so ohrenbetäubend und furchterregend war.

Noch furchterregender war Rauks Hinweis, als er mich zur anderen Seite dieses Meeres wandte und ich noch eine Küste vor mir sah. Mir war nun klar, dass wir uns nicht mehr auf offenem Meer befanden, sondern an einem übergroßen Fluss. Es war mehr ein Strom, der sich vom Meer aus entwickelte. Dies war also der Fluss, von dem Anukai gesprochen hatte, und dies musste der Wasserfall sein, an dem Gold gefunden wurde.

„Anker lichten und den Kahn zur Mitte des Stroms treiben lassen!“, befahl ich.

„Aber Admiral, die Rahsegel sollten wir ebenfalls setzen, sonst könnten wir sonst wohin getrieben werden!“, beschwerte sich Ascanio. Er hatte recht, doch ich wollte nichts riskieren und bestand darauf, die Rahsegel erst zu setzen, wenn wir reichlich Abstand von dieser teuflischen Küste hinter uns gebracht hatten. Mein Befehl wurde ausgeführt, und als die Magdalena, dem Himmel sei Dank, genügend Abstand hinter sich gebracht hatte, wurden die Rahsegel hochgezogen und wir segelten diesen Strom hinunter, bis wir eine sichere Bucht fanden, um wieder anlegen zu können. Ein Gefühl sagte mir, dass da, wo der Wasserfall sein stürzendes Ende fand, auch viel edles Gestein hinuntergespült wurde. Den Weg dorthin würden wir zu Fuß beschreiten. Wir fanden eine Bucht und ein flaches Landstück, wo wir bequem die Beiboote absetzen konnten. Die Bucht war wie für unseren Plan gemacht. Sollten wir dort Gold oder Silber oder am besten beides finden, so würde hier eine Basis gegründet.

Die Zelte wurden aufgestellt und die Männer für einen langen Marsch zum Appell gerufen. Vierzehn Mann blieben an der Bucht zurück, darunter Ascanio, dem nun die Sicherheit der Magdalena verantwortlich anbefohlen wurde. Einundzwanzig Mann marschierten dann unter meinem Kommando landeinwärts nach Osten in Richtung Wasserfall.

Uns lief der Schweiß den Rücken hinunter, und die Stechmücken erschwerten verstärkt unser Vorhaben und unsere Fortbewegung, sodass wir die Kapuzen über unsere Köpfe zogen, was uns aber noch mehr zum Schwitzen brachte. Es ging bergauf und bergab, und der Boden unter unseren Stiefeln war rutschig und matschig. Ein strapaziöser Akt, der mehr einer Eliteübung glich. Doch dies hier war keine Übung, und wir hatten für eine solche Situation nicht die geringste Erfahrung. Wir kamen sehr langsam voran, und der Wald sang sein eigenes Lied. Kuckucke schrien ihren Ruf, und hier und dort klopfte ein Specht. Zweige und Äste bogen sich im Wind und des Öfteren hoppelte ein hasenähnliches Tier vor uns davon. Die Magdalena war schon lange nicht mehr zu sehen, und je weiter wir gingen, desto dichter und dunkler wurde der Wald.

Am Abend endlich hörten wir das Donnern. Ohne Zweifel hatten wir den Wasserfall erreicht, doch die Bäume behinderten unsere Sicht, bis plötzlich einer laut „Vorsicht!“ schrie. Ein steiler Abhang lag mit einem Mal vor unseren Füßen, der uns alle hätte zum Verhängnis werden können. Gernot und François wussten, was zu tun war, und banden dicke Seile um Baumstämme, damit wir den Abhang hinunterklettern konnten. Geraume Zeit später befanden wir uns dort, wo wir sein wollten. Bevor wir etwas suchten oder unternahmen, legten wir eine Rast ein. Das Atmen fiel uns schwer, und wir zogen uns nackt aus, damit wir in das eiskalte Wasser springen konnten, um uns vom Schweiß und von den Mücken zu befreien. Durchgestochen hatten uns die Biester.

Renaldo, der Medicus, rieb uns mit stinkendem Robbenfett ein, das wenigsten die Mücken fernhielt und den Juckreiz der Stiche erheblich linderte, das Feuer tat ein Übriges. Es war herrlich, wieder ein Bad genommen zu haben, und man fühlte sich gleich wohler und entspannter. Nichtsdestotrotz wurde es kühl und wir froren leicht an diesem Junitag, der eigenartiger sich nicht hätte entwickeln können.

Wir erlebten wahrlich jeden Tag etwas Neues und Unbekanntes. Etwas, das wir nie hätten erfahren können, wären wir in Jerusalem, Ashkelon oder in Frankreich geblieben. Rauk schnitzte sich aus einem Ast eine Art Harpune, begab sich an den Rand des Wassers und kurze Zeit später hob er stolz einen Lachs in die Höhe. Dann wieder einen und wieder einen. Unsere Mahlzeit war somit gesichert, und die Salzheringe blieben im Fass. Doch plötzlich blieb er wie vom Blitz getroffen stehen und kniete sich nieder. Er fing an, im Wasser zu wühlen, als ob er sich die Hände waschen wollte. Doch dies war nicht der Fall, denn er holte etwas heraus, das ein Lächeln in seinem Gesicht erscheinen ließ: Gold. Er hatte einen Goldklumpen gefunden. Cortez und ich sahen uns an, liefen zu Rauk hinüber und knieten uns hin, um dasselbe zu tun. Und siehe da, Anukai hatte recht.

Der ganze Fluss offenbarte uns den unentdeckten Reichtum der Natur dieses Landes. Gold, so weit das Auge reichte. Wir lachten und umarmten uns, ohne zu ahnen, dass wir aus der Ferne beobachtet wurden. So unbewohnt und verlassen dieses Fleckchen Erde erschien, so sehr sollten wir uns da getäuscht haben. Wir bemerkten unsere Beobachter nicht.

„Eduardo. Ich denke, wir haben eine neue Heimat und du hast ein neues Ashkelon entdeckt. Was meinst du?“

„In der Tat, das haben wir, Bruder. Mit diesem Gold werden wir die Heuchler Roms in die Knie zwingen können und ein neues Reich der Wahrheit gründen, Tempel und Schulen für die Wissbegierigen und die Türen zum Garten Eden für die Menschheit öffnen. Nie mehr hungern. Nie mehr Kriege. Nie mehr Unterjochung …!“ Cortez hielt sich einen dieser Klumpen nah vor das Gesicht und lächelte glücklich wie ein Kind.

Ich gratulierte Rauk zu diesem Fund, und er war mehr als erfreut zu erfahren, dass wir hier eine neue Basis gründen würden. Ja, ich hatte ihn definitiv wieder. Er ging so weit, mir zu erklären, dass er, Sven, Thiere, Enar und Lars sich dem Orden anschließen wollten. Ich sah Ralf de Saddeleye an, als er mir das übersetzte, und ich nickte. Ich würde die fünf initiieren, sobald wir zum Hauptlager zurückgekehrt waren.

Ein Eid würde über jeden Zweifel erhaben sein und Meuterei wäre dann für immer aus der Welt geschafft. Rauk und die fünf schlugen sich auf die Schulter und sichtbar stolz unterhielten sie sich in ihrer Sprache, sodass wir uns mit ihnen freuten. Wir beschlossen, hier zu übernachten und erst am nächsten Morgen zur Magdalena zurückzukehren.

Die Nacht brach ein und wieder sang der Wald sein Lied, doch diesmal klangen die Rufe verdächtig. Ja, es hätten Eulen sein können, aber so viele Eulen auf einmal waren mir unheimlich. Auch den anderen erschien das ungewöhnlich. Die Schwerter und die Armbrüste wurden präpariert und wir postierten uns weg vom Feuer, damit die Dunkelheit unsere Position nicht verriet. Das Knacken brechender Zweige verriet, dass sich Schritte näherten. Wölfe? Vielleicht. Hirsche? Wer weiß. Bären? Dafür waren die Schritte zu leicht und zu vorsichtig.

Ein Schatten verriet mir, dass es sich um einen Menschen handelte. Man sah ihn kaum. Die Tarnung war gut, aber nicht gut genug für eine Truppe gut ausgebildeter Templer, die ihr Kriegshandwerk im Heiligen Land erlernt und bewiesen hatten. Und hier an diesem Tag war ich den Haschaschinen dankbar, denn dank ihnen hatte ich mich damals zu einer perfekten menschlichen Waffe entwickelt. Eine Zeit lang geschah nichts, und auch wir rührten uns nicht. Dann wagte einer tatsächlich, sich dem Feuer zu nähern und eine der Tuniken, die dort zum Trocknen lagen, anzufassen und sich umzulegen.

Das ging nun auch mir zu weit: Ich stand von meinem Versteck auf und rannte ihm schreiend entgegen. Starr vor Schreck blieb der Mann stehen, und als er mich sah, glaubte er, einen Geist zu sehen, der seine Welt nie betreten hatte. Ein Schrei durchfuhr ihn und er rannte weg. Als ich ihn fangen wollte, hörte ich plötzlich mehrere Schritte gleichzeitig. Er war nicht allein. Er hatte Begleitung.

Sie waren schneller, und wir konnten nichts sehen in dieser Dunkelheit. Dann war da der Heimvorteil dieser Eingeborenen nicht zu vergessen.

Dies war ihr Gebiet, doch von nun an auch meines, und davon würde mich keiner abbringen.

„Was waren das für schreckerregende Kreaturen?“, rief Richard Cornwall sichtlich eingeschüchtert.

„Habt ihr ihre Gesichter gesehen?“

„Ja. So bemalen sie sich. Die Taino taten das auch!“, fügte ich hinzu.

„Die Taino?“, fragte Richard noch erregt vor Schreck.

„Eine lange Geschichte, Bruder, und du warst nicht dabei!“

Richard und manch anderer bekreuzigten sich. Mir wurde klar, dass diese Welt doch nicht groß genug war, um allein und unentdeckt sein Leben in Frieden fristen zu können. Die Frage war: Waren diese Menschen friedlich oder kriegerisch? Dies zu erfahren galt es in der kommenden Zeit. Doch zunächst hieß es, dieses Gold am nächsten Morgen wegzuschaffen und sofort mit dem Bau der Basis zu beginnen. Koste es, was es wolle.

Nach einer schlaflosen Nacht brachen wir auf und entdeckten tatsächlich einen Pfad, der es uns leicht machte, den Weg zur Magdalena wieder zu finden. Wieso wir den nicht gleich fanden, als wir uns zum Wasserfall begaben, ist mir heute noch ein Rätsel. Trotz der Last, die wir nun zusätzlich trugen, erreichten wir die Bucht am späten Nachmittag, und hocherfreut begrüßten uns die Zurückgebliebenen, denn auch sie hatten eine unruhige Nacht durchgemacht. Wilde hätten sich schreiend und mit eigenartigen Waffen der Truppe genähert, und nur durch die Angriffslust meines tapferen Hundes, den ich von Island mitgenommen hatte und der Papus hieß, wurden sie vertrieben. Ich war froh, dass keiner zu Schaden gekommen war, denn mein Hauptanliegen war, eine friedliche Lösung mit den Einheimischen zu finden. Ob es klappen würde, sei dahingestellt.

Papus bekam von mir eine große Portion Salzheringe als Belohnung. Und falls die anstehende Jagd uns Wild bescheren sollte, versprach ich ihm einen Knochen so groß wie die Magdalena selbst. Ascanio und die anderen waren überwältigt von dem Gold und wir besprachen den Bau der Basis, mit dem wir sofort nach der Besprechung begannen. Bäume wurden gefällt und Felsen weggeschafft, um das Fundament zu bilden. Die Felsen wurden von den mitgebrachten Maurern zu baufähigem Gestein verarbeitet, und das Ganze ging Tag und Nacht. Die Nordmänner wurden zur Jagd eingeteilt und waren auch am Bau der Basis beteiligt. Ja, sie wurden in den Orden initiiert und wurden somit zu Sergeanten ernannt.

Wir spürten die Wilden und fühlten sie hautnah, doch sie ließen sich nicht blicken. Tag und Nacht ging das so. Wir schufteten und schufteten und bauten einen Aquädukt nach dem Vorbild der Römer, jedoch aus Holz. Wasser war reichlich vorhanden und die Leitung des Baus übernahmen, wie sollte es anders sein, Gernot und François. Ebenso benötigten wir eine Schatzkammer, da wir jetzt förmlich in Gold schwammen.

Zwei Maurer aus der Heimat wurden dazu eingeteilt. Meister Burkhardt Weber und Ronald der Augsburger, so genannt, weil er seine Eltern nie gekannt hatte und in einem Kloster in Augsburg aufgewachsen war. Ein ausgeklügeltes System verlangte ich von ihnen, das jeden Einbruch zu einer tödlichen Falle werden ließ, und nur ich und Eduardo Cortez durften davon wissen. Sollten sie es je wagen, davon zu erzählen, würden sie der Höchststrafe ausgesetzt. Stricke und Bäume waren ja reichlich vorhanden. Mit einer leichten Verbeugung versicherten sie mir, dass sie das verstanden hatten.

Die Monate vergingen, und der Bau nahm Formen an. Es war der 13. August, als mir Eduardo plötzlich auf die Schulter klopfte und ich mich von den Zeichnungen abwendete, damit ich in die Richtung sehen konnte, in die er zeigte. Es war nun soweit. Die Einheimischen ließen sich blicken. Ein Pulk von geschmückten und gefärbten Kriegern dieser Horde, wahrscheinlich die Ältesten, wagte sich sicheren Schrittes zur Baustelle, und sie brachten Gastgeschenke mit. Ich befahl, Ruhe zu bewahren, und legte mir den Mantel so um, dass das Kreuz klar und deutlich zu sehen war. Dies war unser Symbol, wie die Gesichts- und Körperbemalung die ihrige war.

Rauk und de Saddeleye schritten an meiner Seite, und als wir uns Nasenspitze an Nasenspitze gegenüberstanden, sprach der Älteste in seiner Sprache. Doch Rauk verstand diese Sprache nicht. So weit ins Landesinnere hat sich noch kein Nordmann gewagt. Die Körpersprache des Mannes jedoch verriet mir, dass er den Frieden wollte und dass er uns willkommen hieß.

„Richard … bring mir ein Schwert … Du weißt schon … und wickle es schön ein!“

„Zu Befehl!“

In der Zwischenzeit brachten sechs seiner Krieger fünf erlegte Hirsche und legten sie mir zu Füßen. Richard kam außer Atem an und reichte mir unser Gastgeschenk, das ich dem Stammesführer mit ausgestreckten Armen überreichte. Es dauerte einige Zeit, bis er es annahm, und so machte ich eine kurze Bewegung, um ihn davon zu überzeugen, dass es ein Geschenk war. Endlich nahm er es an und bestaunte das Schwert mit glänzenden Augen. Schreiend hielt er es in die Luft, und seine Männer schrien begeistert mit. Gott sei‘s gedankt.

Nach einer langen Umarmung hatten wir einen friedlichen Nachbarn gewonnen, und die Hirsche wurden in dieser Nacht über einem großen Feuer gebraten. Es waren Hunderte von ihnen und mehr, Hirsche, Hasen, Truthähne wurden gebracht, gebraten und verzehrt. Wein gab ich nicht heraus, denn ich konnte die Folgen eines Massenbesäufnisses zu diesem Zeitpunkt nicht einschätzen. Wasser musste genügen. Eine Führung auf der Magdalena baute das Vertrauensverhältnis weiter aus, und wir wurden mit der Zeit die besten Freunde.

Allmählich nahm die Basis mehr und mehr Gestalt an, und das dank der Hilfe unserer neuen Freunde, die sich Chinooks nannten, und auch dank des unermüdlichen Einsatzes meiner Männer, die nie über Sehnsucht nach der alten Heimat klagten. Ja, wir waren offiziell die Krieger Christi und somit Mönche, die zu einem Zölibat einen Eid abgelegt hatten.

Dogmen und Pflichten durften wir hier nicht verletzen, auch wenn Cortez und ich anders dachten. Die anderen taten es nicht, und dabei wollte ich es belassen. Den Einheimischen war es gleich, und manch Frauenzimmer nutzte die verführerischen Waffen ihrer Rundungen, um den Männern den Kopf zu verdrehen. Doch die harte Arbeit lenkte sie ab, und unser Chaplain Bruder Rutherford gab alles, um den Männern das Sündigen zu verbittern.

Am 3. Oktober, genau zu meinem 35. Geburtstag, war die Basis fertiggestellt, und ein schöneres Geschenk konnte ich mir nicht wünschen. Aber Moment. War auch nicht Ashkelon damals an meinen Geburtstag fertiggestellt worden? Zufall oder ein Wink von oben, dass alles seine Richtigkeit hatte? Wer weiß.

Eines Tages, es war der 24. Oktober 1137, kam Kimey, das Oberhaupt, zu mir und versuchte, mir zu erklären, dass der Winter käme. Er zeigte gen Himmel und ich begriff, dass es als Warnung galt, uns gut auf den Winter vorzubereiten. War es wirklich schon so weit? Wie schnell die Zeit doch verging. Doch was er mir eigentlich vermitteln wollte, war, dass ich ihn zu seinem Volk begleiten sollte. Zu seinem Dorf, wenn man so will. Ich stimmte zu und beauftragte Rauk, Ralf, Gernot, Eduardo und diesmal auch Ascanio, mich zu begleiten.

Der Marsch war lang und anstrengend und wir kamen nach geschätzten drei Glasen an seinem Sitz an. Der Rauch mehrerer Feuer stieg aus Hütten, die mehr schlecht als recht aus Ästen und Fellen zusammengezimmert waren. Kinder und Frauen umgaben uns kichernd und begrüßten uns mit lauten Rufen. Dann sah ich, was Kimey mir zeigen wollte: große ausgelegte Büffelfelle. Noch größere als die, die ich bei Anukai zu sehen bekommen hatte. Das mussten riesige Tiere gewesen sein, die solche Mengen hervorbringen konnten, und dann fiel das Wort Bison. Kimey zeigte auf eines der Felle und wiederholte dieses Wort immer wieder: „Bison, Bison“.

So hieß also dieses Ungetüm von einem Tier: Bison. Dann zeigte er mir Fleisch, das an Gestellen zum Trocknen hing und einen Gestank von sich gab, sodass ich nur mit Mühe das Kotzen unterdrücken konnte. Was er aber damit sagen wollte, war: Wir müssen uns auf den Winter vorbereiten. Felle und Fleisch sollten wir lagern, sonst würden wir nicht überleben, denn Gold könne man nicht essen. Ich nickte und reichte ihm die Hand. Ich sollte also mit ihm auf die Jagd gehen. Welch selbstlose Menschlichkeit diese Einwohner eines wilden Landes doch besaßen. Es gab sie hier ebenso, wie es sie auf der Welt immer gab: Liebe.

Die Liebe, die Jesus Christus uns vermitteln wollte, gab es hier in bedingungsloser und unermesslicher Weise. Mich überkam ein Gefühl der Rührung und des Glücks. Konnte es denn sein, dass Gott hier wieder mit mir sprach? Mir zeigen wollte, dass es, wie groß die Welt auch immer war, keinen größeren Schatz, keinen größeren Reichtum gibt als die Nächstenliebe? War es das, warum ich hierher gesegelt war, um zu erfahren, dass, egal wohin der Wind uns weht, Gott in der Liebe zu finden ist, die uns durch andere gegeben wird, egal, für wie wild und schrecklich wir sie halten? Federico Pinzon erschien mir wieder im Geiste. Ich umarmte Kimey fest, und ich denke, auch er begriff, wie sehr ich mich über seine Fürsorglichkeit freute.

So gingen wir auf die Jagd, und bei Gott, ich hatte noch nie im Leben solch eine Menge Biester auf einem Haufen gesehen. Riesige, furchterregende Biester, die einem das Fürchten lehrten, wenn man sie zum ersten Mal sah, und dies war für uns das erste Mal. Kimey deutete an, Gernot solle doch den Bogen spannen und solch ein Tier erlegen. Ich drehte mich um, doch Gernot war schneller. Ein Surren pfiff durch die Luft und der Pfeil steckte in einem Bison fest. Das Tier hörte plötzlich auf zu kauen und blieb stehen. Eine kleine Ewigkeit blieb es so stehen, dann fiel es auf die Knie und kippte um wie ein Sack Bohnen.

Die anderen Tiere kauten weiter und bemerkten uns nicht. Erst als Ralf aus Versehen stolperte und auf einen Haufen Äste fiel, witterten uns die anderen Bisons und suchten das Weite. Der Boden bebte. Tausende rannten davon und nur der eine, der erlegt worden war, lag am Boden. Wir liefen dorthin, und als Gernot das Messer zückte, hielt Kimey ihn an der Hand fest und schüttelte den Kopf. Kniend legte er beide Hände auf den Kopf des Tieres und sprach eine Art Gebet, das wie eine Danksagung an den Bison klang. Wo hatte ich das schon einmal erlebt?

Ach ja. Im Heiligen Land, als Musa damals Allah um Erlaubnis bat, bevor er einer Ziege den Hals durchschnitt. Wie sehr manche Riten sich ähnelten, obwohl eine halbe Welt dazwischen lag. Als Kimey sein Gebet beendet hatte, durfte Gernot den letzten Stich ausführen, um dieses Tier ausbluten zu lassen. Kimey hatte uns damit gezeigt, dass es, egal, welcher Winter auch bevorstand, genug Nahrung und Wärme sowie Kleidung gab dank dieser Bisons, die ein Geschenk ihres obersten Gottes waren. Die Natur und Mutter Erde sowie die Sterne am Himmel, die für sie ebenso ihre Ahnen darstellten wie für die Inuvik, waren ihre Kathedrale. Das universelle Gebäude aller Gebäuden. Sie verstanden und kannten den wahren Gott, denn dieser Gott wollte keine Mauern. Mehr und mehr war ich von diesen Menschen beeindruckt, und mehr und mehr entfernte ich mich von einer Welt, die nicht verlogener sein konnte. Unsere alte, in Sünde getauchte Welt. Nein. Dieser Ort durfte niemals von Unwürdigen betreten werden. Niemals durfte die Existenz dieser Welt verraten werden. Dies hier war das letzte Paradies. Der Garten Eden. Unverdorben und unberührt und geregelt durch Harmonie und Liebe.

Cortez betrachtete mich mit einem Lächeln. „Du bist geheilt, mein Bruder. Du bist geheilt, und deine Augen haben die Erleuchtung begriffen. Wie glücklich ich bin. Lass dich umarmen!“

Und wir umarmten uns. Innerlich litt ich, da ich so blind durch diese Welt gegangen war und gesündigt hatte. Menschen hatte ich getötet und in den Tod geführt. Gefoltert und gedemütigt diejenigen, die mir helfen wollten. Verlassen und verraten die, die mich liebten und die ich zu Hause allein gelassen hatte. Vertraut denen, die Anhänger des Teufels waren und einer Organisation gedient, deren Absichten sich erst zeigten, wenn Truhen voller Gold ihre Kammern füllten. Ich schämte mich so sehr, dass ich nicht mehr wusste, ob ich das ganze Gold wieder zurück in den Fluss werfen sollte. Doch dazu war es zu spät.

Die Männer badeten in Stolz und Ruhm, und alles in seinem Namen. Er, der nie solches Gold verlangte. Nie eine Kathedrale sich wünschte und nur die Herzen der Menschen durch seine Worte erobern wollte. Nun denn. Wie gesagt, es war zu spät. Mein Plan würde weiter so ausgeführt wie vorgehabt. Doch wieder hatte ich viel gelernt an diesem Tag. Ich schenkte diesen Bison dem Stamm als Lohn für die Lektion, und nichts anderes hatte Kimey erwartet, denn nur so zeigte ich ihm, dass ich verstanden hatte.

BASIS NEU-ASHKELON

Der Winter kam und dank Kimeys Hinweis hatten wir unsere Vorräte an Fleisch, Fellen, Holz und Fisch in der Basis gelagert und somit vorgesorgt. Täglich patrouillierten wir in Schichten die Gegend ab und blieben manchmal tagelang der Basis fern, da neue Wasserquellen oder neue Steppen gefunden wurden, wo im Herbst Bisons weideten. Dadurch hatten wir neue Jagdgebiete für die Zukunft erschlossen. Doch wo Bisons weideten, befanden sich auch Tiere, die nicht so willkommen waren: Wölfe. Sie verfolgten die Herde durch den tiefen Schnee in der Hoffnung, dass sich ein Kalb verirren würde oder ein krankes, geschwächtes Tier der Wanderung nur langsam folgen konnte. Die Natur hat es so geregelt. Jeder wird versorgt und keiner hat zu hungern.

Wir hatten bei diesen Patrouillen immer Chinooks dabei, da dies ihre Heimat war und sie uns über das Notwendigste beraten und belehren konnten. Wir lernten sehr viel: neue Techniken des Fallenstellens, Tierrufe, um Signale und Botschaften zu vermitteln, Spuren und Fährtenlesen, das Erkennen heilender Kräuter aus dem, was der Wald uns bot, Waffen und Unterkünften bauen und vieles mehr.

Für uns Templer war dies eine wertvolle Bereicherung an Überlebenskenntnissen, die uns in der alten Welt noch fehlten. Wir hatten ähnliche, doch nicht solch ausgereiften Techniken. Hier lebte man mit dem, was Mutter Erde einem gab, und man lernte, diese Welt mehr zu schätzen.

In der Basis wurden während dessen Aufgaben wie das Waschen des Goldes, Studium der Unterlagen und der Dokumente, Schmiede- und Schreinerarbeiten sowie auch Steinbearbeitung durchgeführt. Der Medizinmann des Stammes zeigte weiterhin unserem Medicus Renaldo die Anwendung und Verwertung der Heilkräuter. Und was machte unser Chaplain Rutherford? Obwohl er die Sprache der Chinook nicht kannte, erzählte er den neugierigen Kindern die Geschichte eines Mannes aus Nazareth namens Jesus. Die Kinder hörten stundenlang zu, obwohl sie kein Wort verstanden. Es waren mehr Chaplains weißer Bart und seine weiche Stimme, die diese Menschen magisch anzogen. Auch Frauen des Stammes setzten sich hin, um ihm zuzuhören. Hier und dort kicherte mal einer, jedoch hörte man diesem Rutherford liebe- und respektvoll zu. Auch schnitzte er den Kindern schöne Holztiere in fast perfekter Art, und als er einem Jungen ein geschnitztes Pferd gab, fragte dieser auf Chinook, was das für ein Tier sei. Pferde gab es nicht in diesem Land, und das gab mir zu denken. Hätte man Pferde, wäre die ganze Forscherei weniger anstrengend. Also mussten eines Tages Pferde her.

Wir verstanden uns prächtig mit den Chinook, doch wir mussten auf der Hut sein, nicht der Bequemlichkeit zu verfallen. Übungen mussten täglich zu den Morgen- und Nachtstunden getätigt werden, um keinen zu großem Vorrat an Fett anzusetzen. Die Chinook sahen uns immer dabei zu und lachten über die so albern aussehenden Verrenkungen und Verdrehungen. Sie waren von Natur aus geschmeidig und gelenkig. Ihre Wendigkeit hätte sogar einen Haschaschin in Staunen versetzt. Als wir dann mit den Holzschwertern übten, waren sie ganz still. Sie sahen es nicht als Kampfesübung an, sondern als einen Tanz.

Unser Tanz − und siehe da, wir wurden am 29. Dezember 1137 zu einem Fest im Dorf der Chinook eingeladen. Von Weitem hörten wir die Trommeln schlagen und ihr typisches Geschrei erschallen, sodass sich sogar die Tiere im Wald nicht blicken ließen. Ein Riesenfeuer loderte in der Mitte des Platzes, zig Chinooks tanzten um dieses Feuer, und jeder hatte einen Holzstock zur Hand.

Nach jeder dritten oder vierten Drehung schlugen sie die Stöcke gegeneinander. Wir mussten schmunzeln, denn es war uns klar, dass sie unsere Schwertübung nachmachten, nur eben in einen Tanz umgewandelt. Kimey bewog uns dazu, uns hinzusetzen und zuzuschauen.

Ihm gefiel sichtlich dieser neue Tanz und er nannte ihn den Morgentanz, da wir genau nach Sonnenaufgang unsere Übungen machten und die Schwertkampfübung ausführten. Ich war gerührt und amüsiert von so viel Kreativität dieser Menschen. Ich hoffte, diese Schwerter nur zum Tanz verwenden zu müssen und niemals wieder zum Blutvergießen. Zumindest nicht hier. Doch wir waren Soldaten, und dies wurde uns grausam an diesem Abend vergegenwärtigt, als François schweißgebadet aus der Basis eintraf und mir etwas ins rechte Ohr flüsterte. Die anderen bemerkten es nicht sofort, doch mich versetzte das unerwartet in Entsetzen.

„Männer, sofort zurück zur Basis. Ascanio, du wirst sofort die Magdalena seeklar machen!“

Erstaunte Blicke trafen mich, doch keiner wagte zu widersprechen und wir verabschiedeten uns von unserem Gastgeber, ihn darauf hinweisend, dass wir die Abendübungen noch nicht durchgeführt hatten. Kimey kaufte es ab, da wir wie sie unsere Riten hatten, die man nicht vernachlässigen durfte. Wir umarmten uns kurz, und für sie ging die Feier weiter.

„Was, um Himmels willen, ist geschehen?“, bedrängten mich Cortez und Ascanio.

„Man hat Eriks Segel gesichtet. Es sind zwei Segler, und hier auf diesem Boden will ich kein Blut vergießen. Wir müssen sie auf See erledigen!“

„Erledigen?“, fragte Cortez entsetzt.

„Ja. Wir müssen ihn ein für alle Mal töten. Auch für das, was er den Mönchen in Schottland angetan hat.“

„Wenn er nicht bis dahin schon Fuß aufs Land gesetzt hat!“, bemerkte Ascanio pessimistisch.

„Gott stehe uns bei, dass er das nicht getan hat. Wir würden unser Gesicht vor den Chinook verlieren, wenn sie eine Schlachterei miterleben müssten! Der Morgentanz wird zum Totentanz verwandelt!“

Wir hatten die Basis schnell erreicht, und noch nie waren die Wachen so dankbar, uns endlich zu sehen.

„Sprich, Gernot!“

„Sie sind keine zwei Meilen von hier an Land! Geschätzte sechzig bis siebzig Mann!“

„Verdammt!“, fluchte ich wütend. „Habt Ihr einen Spähtrupp dorthin geschickt?“

„Natürlich, mein Admiral. Wir müssen sie im Wald überraschen. Oder hier abwarten, bis sie ankommen, und sie dann aus dem Hinterhalt angreifen.“

„Dazu darf es nicht kommen. Wir müssen sie im Wald vernichten. Die Leichen dann auf den Kahn und in der See versenken. Es dürfen keine Spuren hinterlassen werden, habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

„Natürlich, mein Admiral!“

„Also los, zu den Waffen. Dies ist eine freie Jagd. Keine Gefangenen außer ihrem Führer, und wenn es geht, so leise wie möglich!“

Wir begaben uns in den Wald und nahmen Bogen und Armbrust mit. Wie die Wölfe verteilten wir uns innerhalb des Forstes und rannten dem Feind entgegen. Wir hörten sie auch schon, obwohl sie sich wie Füchse anschlichen. Dann hörte ich die ersten Armbrustbolzen zischen und zwei oder drei Körper dumpf zu Boden fallen. Dann die ersten Schwerter, die aufeinanderprallten, und wieder dieser dumpfe Todesfall eines zum Teufel geschickten Kriegers, der hoffentlich einer von ihnen war.

Und plötzlich sah ich ihn, diesen rothaarigen Riesen. Als er mich erblickte, ließ er einen Schrei los, der durch Mark und Knochen ging, und rannte auf mich zu. Beide hatten wir die Schwerter gezogen und wir prallten mit voller Wucht aufeinander. Stahl auf Stahl, bis die Funken sprangen. Fliegende Bolzen und Pfeile, vermischt mit dem Eisen, das Funken sprühte, der Tod war hier allgegenwärtig. Die Nordmänner dachten, sie hätten leichtes Spiel, da sie an der Überzahl waren. Doch unsere Waffen machten dieses Verhältnis wett und die ersten flüchteten in den Wald und rannten um ihr Leben.

„Lasst sie nicht entkommen. In Gottes Namen, lasst sie nicht entkommen!“, schrie ich, während ich mit Erik kämpfte und seinen stinkenden Heringsatem spüren musste jedes Mal, wenn er das Maul aufmachte und schrie. Gernot, François und andere rannten in den Wald und jagten den fliehenden Nordmännern hinterer. Genauso Rauk, Sven, Thiere, Enar und Lars. Sie jagten sie wie Schakale durch den dichten, dunklen Busch und man konnte die Rennenden atmen hören. Sie rannten einen sinnlosen Lauf, denn der Befehl war klar: keine Gefangenen außer ihrem Anführer. Rauk war der Erste, der einen niederstreckte, und er rannte weiter, sobald er sein Schwert aus den Rippen des Getöteten gezogen hatte.

Der ganze Wald war wie von Geistern besessen. Hyänenhaft näherte sich François einem armen Teufel und rammte ihm im Lauf seinen Dolch in den Hals. Dieser fiel gurgelnd zu Boden, doch die Jagd war nicht zu Ende. Sträucher und Busch hielten Jäger und Gejagte nicht auf, und Blut tränkte diesen friedvollen Boden und verdarb ihn bis zu den tiefsten Wurzeln, die sich einst nur vom Wasser nährten. Satan hatte sich hier nun eingenistet und den Frieden dieses Landes entweiht. Mutter Erde weinte in dieser Nacht, denn ein Gewitter zog auf und es regnete so stark, dass man vor Nässe nichts mehr sehen konnte.

Doch das Morden ging weiter. Dann aber fiel plötzlich einer von uns und wurde niedergestreckt. Sven war im vollen Lauf in ein Schwert hineingerannt, das er nicht kommen sah. Weit waren seine Augen aufgerissen, als der den brennenden Schmerz spürte. Dabei spielte es keine Rolle, dass Enar seinen Mörder daraufhin niederstreckte. Sven würde nun nach Walhalla reisen und mit Thor aus dem goldenen Horn trinken.

„Sven, Sven …!“, rief Enar. Doch Sven war tot, und so ließ er den Körper des jungen Sven zu Boden gleiten und rannte weiter, bis der Letzte dieser Tunichtgute getötet war. Der Regen nahm zu und Blitze schlugen ein, als ob Gott uns seinen Zorn vermitteln wollte. Doch was hätte ich tun sollen? Diese Barbaren hätten ebenso die Chinook auf dem Gewissen, hätten wir nicht eingegriffen. Und wer meinte, wir würden nicht von ihnen, den Chinooks, beobachtet, der sollte sich einen naiven Narren nennen. Die Todesschreie und das Rennen der Fliehenden hatten jeden geweckt und jeder hatte es gesehen. Doch nicht jeder floh, denn es wurde auch gekämpft. Inzwischen erreichte der Kampf die Basis, und das Verhältnis schlug um. Bis in die Morgenstunden ging der Kampf, doch es war keine Übung mehr. Kein Morgentanz. Es war, wie befürchtet, ein Todestanz.

Übrig blieben Erik und zwei seiner Anhänger. Die anderen wurden getötet. Kein Flehen und kein Wimmern halfen, denn auch sie hatten kein Erbarmen gezeigt, als sie unschuldige, unbewaffnete Mönche massakrierten damals im Norden Britanniens.

Die Leichen der Feinde wurden wie befohlen auf die Magdalena geladen. Unsere Toten wurden in der Basis aufgebahrt, bis wir Zeit genug hatten, sie zu begraben, nachdem wir diese Schweine bearbeitet hatten.

„Wie viele Tote auf unserer Seite, Gernot?“

„Zwölf, mein Admiral!“

„Allmächtiger …!“ Da war ich wieder. Eine Leere umgab mich wie jedes Mal, wenn ich Männer, meine Männer, in den Tod geführt hatte. Ich versank in tiefer Trauer und meine Gedanken schwirrten richtungs- und bedeutungslos in den Raum.

„Stelle eine Liste auf, Gernot. Lass dir von François helfen und dann bring sie mir!“

„François, mein Admiral, kann mir nicht mehr helfen. Er ist unter den Gefallenen!“

„Ich verstehe!“, nickte ich entsetzt. Wir hatten fast die Hälfte der Männer verloren. Was sollte ich noch hier. Mit 23 Mann waren wir zu wenige, um uns zu halten. Doch ich musste mich fassen. Jetzt würde zunächst Gericht gehalten.

„Bringt mir die Anführer und Rauk sowie die anderen!“

„Zu Befehl, mein Admiral!“

Als auf dem Hof der Basis alle versammelt waren, schaute ich mich um. Ich war dem Allmächtigen dankbar, dass Cortez, Ascanio, Ralf de Saddeleye und auch Richard Cornwall blutverschmiert in der Menge standen. Ich bemerkte, dass Sven und auch Thiere fehlten. Ein großer Verlust für uns und die freundlichen Nordmänner aus Island, die hier als Templer gefallen waren.

„Ich halte Gericht über diese drei Gefangene, deren Namen ich nicht einmal in den Mund nehmen werde!“

Rauk übersetzte es in die Landessprache der Feinde.

„Dabei werden sie nicht für die heutige Tat verurteilt, nein, denn dies war eine Schlacht gegen verfeindete Krieger. Wäre der Grund für unsere Feindschaft nicht so gravierend, so würde ich Gnade vor Recht ergehen und sie wieder ziehen lassen. Jedoch ist diese Feindschaft schon vor Jahren entstanden, als in Schottland ein Kloster überfallen und dessen Mönche auf grausamste Weise gehäutet und geblendet wurden, man ihnen ihre Lungen aus dem Rücken herausholte und wie Engelsflügel zur Schau stellte und sie einem sehr langsamen Tod überließ. Menschen, die sich nicht wehren konnten und nur einem dienten: Jesus Christus. Einen Mönch jedoch habt ihr übersehen. Er berichtete uns von euren Taten und beschrieb mir sehr wohl die Gestalt des Führers dieser mordenden Bande. Ich habe damals geschworen, euch so lange zu jagen, bis ich euch finden und ich mich für die toten Mönche rächen konnte, obwohl ich mir sicher sein durfte, dass sie euch in ihrer unendlichen Liebe vergeben hatten. Nun, ihr habt uns den Weg erspart und seid stattdessen zu uns gekommen. So hört mein Urteil. Ihr werdet an Bord der Magdalena an den Masten gehängt so lange, bis euer letzter Atemzug aus euren Körpern entfleucht ist und eure verrotteten Seelen dem Teufel übergeben sind zusammen mit den anderen eurer mordenden Brut, die wir im Wald getötet haben. Sie werden euch in die Hölle folgen. Dieses Urteil ist endgültig und wird sofort ausgeführt. Rauk, übersetze es bitte!“

Rauk verbeugte sich und übersetzte meinen Wortlaut. Als er fertig war, schrie dieser Erik lachend und sprach ebenso in der isländischen Sprache. Dabei bemerkte ich, wie Rauks Gesicht sich färbte und wie Tränen seine Backen hinunterliefen. Jedes Wort, das dieser Dämon hinausspuckte, war auch für Enar und Lars wie ein Dolchstoß ins Herz. Ralf de Saddeleye übersetzte die Worte, und ich ballte meine Faust. Erik hatte in diesem Sommer Rauks Dorf niedergebrannt und jeden getötet, der dort wohnte, Frauen, Kinder, Alte. Besonders Olaf Raukson war es nicht besser ergangen wie den Mönchen in Schottland. Er war ebenso rituell mit ausgerissenen Lungen hingerichtet worden. Meine Wut und mein Entsetzen nahmen kein Ende. Nach diesen Worten ergriff ich wieder das Wort und änderte das Urteil.

„So sei es. Ich überlasse die Hinrichtung den isländischen Brüdern Rauk, Enar und Lars, die alle ihre Liebsten in der Heimat durch die Hände dieser gottlosen Bastarde verloren haben. Der Tod durch den Strang ist zu milde bemessen und somit sollen sie selbst das Leid der Getöteten spüren!“

Rauk, Enar und Lars sahen mich dankbar und mit geröteten Augen an.

„Ascanio, bringt die Bastarde an Bord, segelt zehn Meilen hinaus und verfüttert diesen Abfall nach der Hinrichtung an die Haie!“

„Kommt Ihr etwa nicht mit, mein Admiral?“

„Natürlich komme ich mit. Sagt mir, wenn ihr so weit seid. Richard, zu mir!“

„Mein Admiral!“

„Du und Rutherford bereitet alles für eine Feuerbestattung unserer gefallenen Brüder vor. Gebt ihnen die letzte Ölung und lasst einen Stein mit ihren Namen meißeln, auf dass sie unvergessen bleiben. Dieser wird nach der Bestattung in der Mitte der Basis aufgestellt. Habt Ihr verstanden?“

„Zu Befehl, mein Admiral!“

„Wir wären so weit, mein Admiral!“, rief Ascanio leise und traurig, als er mir die Nachricht brachte, dass die Magdalena so weit sei. Ihm als wahrem Christen und aus einer tiefgläubigen italienischen Familie stammend würde das, was nun folgte, für immer im Gedächtnis bleiben.

„Lichtet den Anker und setzt die Rahsegel!“, rief Ascanio.

Gernot stand neben Ralf und neben Cortez zu meiner Rechten. Die Magdalena nahm sanft Fahrt auf und wir glitten in den inzwischen angebrochenen Tag des 30. Dezember 1137 hinaus aufs Meer, um eine Tat zu begehen, die Gott uns niemals verzeihen würde. Ich wusste nicht, für welche Hinrichtungsart sich die isländischen Sergeanten entschieden hatten, doch ich war überzeugt, es würde kein schöner Tod für die Verurteilten werden. Doch welcher Tod war schon schön. Als wir dann die zehn Meilen erreichten, erschien Ralf bei mir mit der Übersetzung der Isländer. Sie lautete:

„Erik wird durch dieselbe Art hingerichtet, wie sein Vater hingerichtet wurde. Durch das Entreißen der Lungen über den Rücken. Die anderen zwei werden kielgeholt und langsam wieder hochgezogen, jedoch erst, wenn Eriks Blut ins Meerwasser fließt, um Haie anzulocken.

Welcher Einfallsreichtum. Diese Burschen waren keinen Hauch besser als die Barbaren aus dem Vynland. Ich zuckte nur leicht mit den Schultern und sagte: „Von mir aus!“

„Lasst fallen Anker!“, und schon fiel die Trosse über Bord und der Kahn blieb wie angenagelt stehen.

Erik wurde zur Mitte des Decks geholt und sein Hemd wurde zerrissen. Sein Haar wurde geschoren und ins Meer geworfen. Die Hände wurden nach vorne um einen Block gebunden und man zwang ihn in die Knie. Sein Kopf wurde mit einem Lederriemen nach unten gezogen. Enar und Lars überreichen Rauk zwei große Messer und ich hörte ein leises Wimmern aus Eriks Mund. Die anderen beiden fielen auf die Knie vor Angst und einer pisste sich voll. Ascanios Unterlippen zitterten vor Traurigkeit.

„Oh Dio perdonali. Perdona anche a noi!“, gab er von sich.

Rauk hielt beide Messer in die Höhe und schrie etwas auf Isländisch, was so viel hieß wie: „Dies ist für unser Volk. Dies ist für unsere Mütter, unsere Brüder, unsere Schwestern, unsere Frauen, unsere Kinder und unsere Väter!“

Dann rammte er beide Messer in den Rücken des Verurteilten, brach von hinten Eriks Brustkorb auf, warf die blutigen Messer aufs Deck und brachte beide Lungenflügel sozusagen durch die Hintertür zum Vorschein. Ralf de Saddeleye übergab sich sofort, andere ließen sich dabei etwas Zeit. Ich blieb zu meinem Erstaunen eiskalt, denn ich sah Bruce vor mir, den Kartäusermönch, der auf eben diese Art und Weise gestorben war und nie jemandem etwas zuleide getan hatte. Nein, ich fühlte Gerechtigkeit. So blieb ich stehen, und eisige Kälte durchdrang meine Augen und Ohren, als ich beobachten musste, wie dieser Massenmörder da schrie und ausblutete.

Dann wurde sein noch lebendiger Körper über Bord geworfen. Es dauerte nicht lange, bis sich Haie durch Eriks Blut angezogen fühlten. Als sie sich um das Boot herum daran labten, wurde der Erste der beiden über Bord geworfen und Kiel geholt. Ich konnte mir ungefähr ausmalen, was sich nun unter der Magdalena abspielte. Etwas später wurde ein halber menschlicher Rumpf an Deck gehievt. Entsetzt schrie der Zweite, der nun über Bord geworfen wurde, doch seine Schreie dauerten nicht lang.

Am Ende wurde ein leeres Seil hochgezogen. Auch er war in den Bäuchen der Haie verschwunden. Der übrig gebliebene Rumpf wurde über Bord geworfen, genauso, wie die anderen sechsundfünfzig feindlichen Gefallenen, die im Wald den Tod gefunden hatten.

„Wischt das Blut vom Deck! Wirds bald?“, schrie Ascanio und sein Befehl duldete keine Widerworte.

Als das Deck sauber gewischt war, sanken wir auf die Knie, beteten zu Gott und baten um Vergebung, wohlwissend, dass er uns niemals vergeben würde dafür, dass wir nichts Besseres waren als die, die wir verurteilt und ins Meer geworfen hatten. Die Scheinheiligkeit, uns hier von all den Sünden reinwaschen zu wollen nach dieser wohlgemerkt außergewöhnlichen und nicht alltäglichen Hinrichtung, würde unserer Arroganz und Ignoranz noch teuer zu stehen kommen. Ascanio war so außer sich, dass er nicht in der Lage war, irgendein Kommando zu rufen. Erst als er sich gesammelt und die Tränen weggewischt hatte, war er fast wieder der Alte. Cortez sagte nichts. In einer Welt, wo die Sünde wohnte und wir die Sünde ins Paradies gebracht und dessen Boden mit Blut entweiht hatten, hatte er nichts anderes erwartet. Vernunft ist ein Begriff von Menschen erdacht. Vergebung ist etwas, das nur ein Gott fähig war auszuführen, und wir waren keine Götter.

Die Magdalena ankerte wieder in der Bucht, und wir bemerkten nicht, dass die Sonne langsam unterging. Richard und Rutherford hatten den Gedenkstein fertig meißeln lassen und die toten Körper unserer gefallenen Brüder wurden auf Holzgestellen aufgebahrt. Gerne hätten wir sie begraben, doch Wölfe hätten sie wieder ausgegraben und sich an unseren Brüdern gelabt. Auch wollte ich sichergehen, dass sich keine Keime oder Seuchen über das Lager verbreiten würden.

„Wir nehmen nun Abschied von unseren treuen und tapferen Brüdern, die hier und heute für das Wohl dieses Landes und eben unserer Basis gefallen sind. So sagen wir ein letztes Mal adieu den Brüdern Sven Johansson, Thiere Thorson, François Vermont, Raul de Vasquez, Robert Lacroix, Carlo di Ponza, Martin zu Marsberg, Henrique Cerron, Guillaume van Duiven, Rudolf Stein, Fabio Rotua und Conrado Efantil. Ihre Namen wurden auf diesem Stein verewigt. Damit unsere Spur niemals in der Zukunft von anderen unwürdigen Nacheiferern gefunden wird, sind diese Namen verschlüsselt und in unserem Geheimalphabet geschrieben. Nie dürfen die Menschen, die wir einst verließen, erfahren, wo wir uns befanden und wo unsere Brüder gefallen sind. Bruder Rutherford, sprecht das Gebet, bevor wir die Toten dem Feuer übergeben.“

Chaplain Rutherford wie auch Richard Cornwall falteten ihre Hände, während wir auf die Knie fielen. Erst jetzt fühlte ich Trauer in mir aufsteigen. Meine Männer wurden zu meinen Söhnen, und hier und heute hatte ich zwölf Kinder verloren.

„Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme …!“

Leidenschaftlich hielt Rutherford die Messe ab, und wir beteten mit. Ich war dem Wahnsinn nah. Wir waren nur noch dreiundzwanzig Mann, und an eine Rückkehr war nicht zu denken. Wie sehr hatte ich diesen Moment gefürchtet, und nun war er eingetreten. Das Gebet ging zu Ende und man reichte mir die Fackel, um die Schreine anzuzünden.

Die Nacht wurde zum Tag, und wie sehr erschrak ich, als ich die aufrechten Silhouetten der Chinook im Hintergrund entdeckte. Ein sehr besorgter Kimey schaute mir traurig und enttäuscht in die Augen, und ich wusste, dass nichts mehr so sein würde, wie es vorher war.

ENTWEIHTE ERDE

Es war inzwischen der 2. Februar 1138 und der Winter hier war gnadenlos und hart. Schneestürme behinderten die Sicht und der Fluss war stellenweise zugefroren. Nur mit Mühe konnten wir die Magdalena rechtzeitig aus der Bucht bewegen, um eine eisfreie Stelle für sie zu finden. An Hochdocken war mit nur 23 Mann nicht zu mehr denken. Was wir jetzt mehr denn je brauchten, waren Pferde. Unter anderem Kaltblüter, um die gefällten Bäume an die Basis zu hieven. Auch die Wölfe wurden langsam zur Plage, da sie der Hunger immer näher zur Basis trieb. Kimeys Rat hatte uns im letzten Herbst gerettet, denn hätten wir nicht Vorräte gelagert, wären wir alle nicht mehr am Leben gewesen. Von Kimey und seinen Chinook hatten wir seit Monaten nichts mehr gesehen oder gehört und so dachte ich zurecht, dass sie uns mieden nach der letzten Erfahrung.

Woher hätten sie wissen sollen, dass unser Handeln auch ihr Leben gerettet hatte, denn Erik hätte auch sie niedergemetzelt. Alles, was sie besaßen, waren ihr Jagdwerkzeug und ihre List. Ich denke, sie wären einfach der Konfrontation aus dem Weg gegangen, so friedlich, wie sie waren. Doch wer konnte das schon wissen.

„Gernot, sobald dieser Schneesturm da draußen aufhört, stellst du einen Spähtrupp zusammen. Geh zu Kimey und übersende ihm meine Grüße. Hier, gib ihm diesen Ring, der mir zu eng geworden ist, als Zeichen meiner Wertschätzung. Versuche, ihn davon zu überzeugen, dass ich ihm alles erklären werde, wenn er bereit ist, mir zuzuhören.“

„Natürlich, mein Admiral!“

„Nimm dir alles, was du brauchst, Bruder. Aber erst, wenn dieser elendige Schneesturm endlich aufhört.

Doch er hörte nicht auf. Sieben Tage ging das noch so und die Laune der Männer erreichte einen Tiefpunkt. Auch Cortez hatte die Situation langsam satt und schlug vor, weiter südlich zu segeln, dorthin, wo es wärmer wäre. Doch ich winkte ab. Hier auf dieser Basis waren wir sicher. Wer konnte denn schon wissen, wie lange wir die Kälte auf dem Kahn ausgehalten hätten. Der Süden war weit, und hier hatten wir schließlich Brennholz. Er sah das ein, aber es ärgerte ihn. Die Frustration war erdrückend.

Am 10. Februar endlich schien die Sonne und der Himmel war so blau, als hätte hier nie Winter geherrscht. Keine Wolke, nur blauer Himmel, eiskalte Luft und die Sonne, die weit entfernt schien. Wir rannten nach draußen und atmeten diese Luft ein, die so frisch war, dass unsere Backen sich rot färbten. Die Bärte der Männer belegten sich mit Frost und wir mussten bei diesem Anblick lachen. Es war nun soweit.

Gernot verließ die Basis mit zwei weiteren Brüdern, Alexander Raubart und Gaston de Lambert. Zwei Sergeanten, die sich ihren Rittertitel noch verdienen mussten, wenn sie nicht vorher von Bären oder Wölfen gefressen und wieder ausgeschieden wurden. Mochte Gott sie allzeit beschützen. Eine kurze Umarmung und die besten Wünsche gab ich ihnen mit auf den Weg, und wir winkten ihnen noch einmal zu. Keine Frage, ich war besorgt. Würden sie nicht zurückkehren, wäre der Traum ausgeträumt und ich würde wieder die Fahrt nach La Rochelle befehlen, was sich bestimmt insgeheim alle wünschten, natürlich zusammen mit den Brüdern, die gerade gegangen waren.

„Was steht ihr hier noch herum. Los an die Arbeit!“, schrie ich und erlaubte mir, mit den Männern eine lustige Schneeballschlacht anzuzetteln, die mit Freuden erwidert wurde. Wir bewarfen uns und lachten aus vollem Halse, und auch Cortez beteiligte sich freudestrahlend daran. Kinder, am Ende waren wir alle nur Kinder. Verlorene und in manchen Fällen im Stich gelassene Kinder. Wir nutzten das gute Wetter, um mehr Holz zu hacken, die Basis auf Vordermann zu bringen und vor allen Dingen die Magdalena von Eis und Schnee zu säubern, was leichter gesagt war als getan. An manchen Stellen mussten die Fugen neu kalfatert werden, uns froren die Hände dabei ein und die Schmerzen waren unerträglich.

Wie kurz doch der Sommer in dieser Gegend war.

Die Männer versuchten trotzdem ihr Bestes. Alles, was wir brauchten, war eine Beschäftigung, und die hatten wir nun. Wir stellten aus den im Herbst gegerbten Bisonfellen Kleidung und Mützen her und auch für die Stiefel entwickelten wir warmhaltende Überzieher. So wurden neue Produkte für den Markt in der alten Welt erfunden. Die Schatztruhe war randvoll, und wir hätten drei Fahrten benötigt, um all das Gold wegzuschleppen. Doch es war nicht nur das Gold, auch wertvolle Hölzer würden uns ein Vermögen einbringen. Der Plan blieb weiterhin bestehen. Der Orden würde davon weniger als ein Drittel bekommen. Immer noch genug, um manches Königshaus blass aussehen zu lassen. Doch was sollten wir mit all dem Gold anfangen? Hier ein neues Jerusalem gründen? Dafür hätten wir Tausende Männer gebraucht. Das wollte ich jedoch nicht.

Wir hatten hier schon genug Schaden angerichtet und das Vertrauen dieser Menschen wahrscheinlich für immer verloren. Also was tun mit all dem Gold? Täglich wurde ich jetzt von Cortez bedrängt. Er wollte wissen, wann wir endlich die Rückreise antreten würden, um Jacques und Gilles aus den Kerkern zu befreien und die Reliquien den Katharern wieder zu übergeben. Dort wusste man sie dann gewiss in Sicherheit und der Vatikan konnte mit seinen adrigen, langen Fingern nicht danach greifen. Oft diskutierte ich mit Eduardo darüber, was ihn so sicher machte, dass die Reliquien in deren Händen besser aufgehoben wären. Eduardo flehte mich inständig an, endlich zu begreifen, dass es um etwas ganz anderes ging als nur um die Reliquien. Die Königshäuser wollten sie haben, um damit ihr Anrecht auf die Blutlinie Jesu zu beweisen, und der Vatikan, um die Menschen noch mehr zu unterjochen. Doch etwas anderes beunruhigte ihn noch mehr, und damit wollte er nicht herausrücken.

„Ich dachte, wir vertrauen uns!“

„Du weißt genau, dass du das nicht mehr tust, Albrecht, seit ich dir alles in Island erzählt habe. Hugues und Farid und Otto … weißt du noch? Ich kann dir erst dann vertrauen, wenn du dich unserem Glauben anschließt und zum Katharer wirst!“

„Euer Katharerbund ist doch auch nur etwas, das sich von den Dogmen des Vatikans befreien will, damit er mehr Macht genießen darf, oder habe ich unrecht?“

„Albrecht – oder soll ich dich jetzt Admiral nennen – es wird der Tag kommen, da du Recht behalten könntest, denn Loyalität und Ehre sind Begriffe, die nicht mehr so wortwörtlich genommen werden. Ja, es gibt Katharer und Katharer, aber ich bin ein Bonhomme. Ein Parfait. Ich kann dich nicht in unsere Geheimnisse einweihen, wenn du keiner von uns bist und du wahrscheinlich unsere Riten nicht verstehen wirst! Und außerdem unterwerfen wir uns keinen Dogmen, weder aus Rom noch sonst wo!“

„Vergiss nicht, mein lieber Eduardo, dass auch du einen Eid beim Orden geleistet hast und dass auch du ein Templer bist. Oder zählt das jetzt für dich nichts?“

„Dios mios … ich verstehe jetzt überhaupt nichts mehr, hermano … Vor nicht allzu langer Zeit hast du mir etwas von Infiltrierung und Rache erzählt und dass du hier ein doppeltes Spiel spielen willst. Und jetzt sehe ich in deine Augen, und ich sehe den blinden Albrecht wieder, der alles vergessen hat. Ich weiß nicht mehr, woran ich bei dir bin, Bruder. Sag es mir. Jetzt verlangst du von mir, ein Templer zu sein? Ich wäre es zu gern, wenn die Männer, die diesen Orden führen, sich an die Regeln hielten, die sie selbst aufgestellt haben, so blödsinnig sie auch sind. Doch das tun sie nicht. Ja, die Soldaterei, die tut das, weil sie eben Soldaten sind. Die Obrigen deines so ehrenhaften Ordens jedoch, Bruder, treiben ein doppeltes Spiel. Also was ist nun? Bekommen wir die Reliquien oder muss ich wieder mit Folterungen und Demütigungen rechnen? Sag es mir, Albrecht!“

„Beruhige dich, Cortez. Alles, was ich damit sagen wollte, ist, dass ich nichts von euch weiß und dass du im Vorteil bist, da du unsere Geheimnisse und Regeln kennst!“

Eduardo rieb sich ungläubig die Augen und schüttelte lachend den Kopf.

„Ach, darum geht es? Vorteil? Wer mehr von den anderen weiß? Ich werde dir eines versprechen, und das beim Augenlicht meiner Familienangehörigen. Sobald wir Jacques, Gilles und die Reliquien haben, werde ich dir alles, aber auch alles erzählen. Sei aber auf etwas gefasst, das du nicht für möglich gehalten hättest. Bab Pha Med hast du schon kennengelernt. Andere Wesen, die über ihm stehen, aber nicht. Mehr erzähle ich dir nicht! Und außerdem: Wenn dein Großmeister wüsste – und dabei meine ich nicht den verstorbenen Hugues, sondern den Jetzigen, Robert de Craon, − dass du Katharer in deinem Haufen als Angehörige hast, dann wärst du genauso dran wie ich, denn ich bin nicht die Sorte Christ, der sich einen Papst wünscht und somit einen infiltrierten Spion in euren Reihen. Comprende?“

„Eduardo, mir muss etwas einfallen, wie ich dieses Problem lösen kann. Ich möchte, dass ich vergessen werde. Ich möchte, dass jeder glaubt, ich sei tot. Ich möchte ein komplett neues Leben anfangen und ebenfalls zurück. Eines Tages auch zu meiner Familie und meinen Sohn in den Arm nehmen können. Ich kann hier nicht weg. Jetzt noch nicht. Versteh es bitte. Ich verstehe sehr wohl, was du mir da sagst. Und ja, sollte je herauskommen, was du für einer bist, dann Gnade Gott uns allen. Der Einzige, der weiß, was du bist, ist Gondamer, und der wird schweigen!“

„Was? Wie soll ich das verstehen? Wie lange sollen wir hierbleiben? Bis du vergessen wirst? Was ist das? Eine Desertion? Wir sollen also hier mit dir verrotten? Wann hast du dir diesen Plan ausgedacht?“

„Nein. Mein Plan ist, dass ihr, du, Ascanio, Ralf de Saddeleye, Richard und Rutherford, den Weg eines Tages nach Hause findet. Bringt das Gold dorthin. Bringt ein Schreiben an Gondamer de Lille, worin ich alles aufzeichnen werde. Berichtet von meinem unglückseligen Tod, doch nicht von diesem Ort. Gondamer weiß über das mit den fernen Ländern Bescheid, doch nicht von diesem Ort. Sagt ihm, wir seien tot. Ich behalte die anderen Männer hier, und sobald ihr euch von dort wieder lösen könnt, nehmt euch die neugebauten Karavellen und holt uns hier ab. Ich muss aus dem Orden heraus und ein neues Leben anfangen. Nach Viermünden zurück, wo mich keiner dieser Irren kennt. Ihr könnt euch von mir aus das ganze Gerümpel an Reliquien sonst wohin stecken. Ich habe genug von dem ganzen Mist. Ich trage so viel Last und so viel Blut auf meinen Schultern, dass ich dieses Leben so nicht mehr leben will. Dein Geheimnis, mein Geheimnis, was für ein Schwachsinn. Je weniger ich weiß, desto besser. Alle, die zu viel wussten, wurden am Ende getötet oder versuchten, andere zu töten, damit sie die Einzigen mit einem Geheimnis blieben.

Ich habe genug gesehen, erlebt und gesündigt. Sobald es Frühling wird, nimm diese Hure von Magdalena und begib dich nach La Rochelle. Doch wenn du noch ein Funken Anstand im Leibe trägst, Eduardo, so schwör mir bei allem, was euch heilig ist: Holt uns ab. Holt uns hier wieder ab. Und dann tragen wir das ganze Gold von mir aus nach Schottland oder dorthin, wohin sich kein normaler Mensch traut, und mich wird es nicht mehr geben. Gib mir dein Wort, Bruder!“

Eduardo war entsetzt. Das Blut gefror ihm in den Adern, als er dieses mein Vermächtnis hören musste. Doch er verstand nur zu gut, welche Gefühle mich belasteten und welche Freiheitsschreie ich seit Jahren in mir trug und dass ich mich lösen wollte von diesen elendigen Ketten. Ich war ein Sklave des Ordens. Ein hochrangiger wohlgemerkt, und nur weil ich einen Schutzengel hatte, lebte ich noch. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, wer dieser Schutzenge war. Bab Pha Med. Dieser helle Schein. Dieser wahrscheinlich gefallene Engel, der Lucifer selbst war oder vielleicht auch nicht. Anders konnte ich mir mein Glück nicht erklären, denn Gott würde einen Mörder wie mich ausspucken wie einen ausgesogenen Kirschkern.

Die Augen öffneten sich und auch der Verstand ließ meiner Vorstellungskraft freien Lauf. Dies wäre die einzige Möglichkeit, endlich diese schweren, schweren Ketten loszuwerden, die mich so erdrückten!

„Ich, Eduardo Cortez, schwöre bei der heiligen Mutter Maria, dass ich dich wieder von dieser Stelle abholen werde, und wenn nicht dich, dann deine Gebeine. So wahr mir die heilige Mutter helfe!“

Wir drückten uns die Hand und ich sah, welche Traurigkeit Eduardo befiel. Er hoffte tatsächlich so sehr, in mir einen Menschen zu finden, der diese so heilige Wahrheit, das Geheimnis oder wie man auch immer es nennen will, teilt und beschützt. Er sah in mir einen Würdigen trotz des schlimmen Leides, das ich ihm angetan hatte. Doch ich war das alles nicht. Tief, ganz tief in mir spürte ich die Seele eines gebrochenen Mannes, der sich nach Liebe und Wärme sehnte.

Die Seefahrt gab mir vieles, und ein Wunschtraum erfüllte sich mehr, als ich je erhoffen durfte. Doch ich wollte wieder nach Hause. Ich wollte mich ans Grab meiner Nadine setzen und mit ihr reden. Sie um Vergebung bitten und ihr sagen, wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich sie vermisste. Unseren Sohn wollte ich wachsen sehen und aus ihm einen starken Mann machen. Ihm zeigen, wie man fischt und jagt, so, wie es mein Vater tat. Und sollten er, Mutter, Rudolf und Frauke noch leben, wollte ich ihnen sagen, wie endlos leid es mir tat, ihnen so viel Kummer bereitet zu haben.

Der Mantel, der Rang und die Stellung bedeuteten mir nichts mehr. Ich schämte mich für vieles, was ich tat, und nun musste ich einen Schlussstrich ziehen.

„Du wirst doch hoffentlich bis zum Frühling warten können, Eduardo!“

„Natürlich. Vorher wäre es glatter Selbstmord! Ich werde mit keinem darüber ein Wort wechseln. Erst, wenn du es mir erlaubst!“

„Ich wäre dir dankbar dafür, Bruder!“

Und so vergingen Tage und Wochen und dann ein Monat, und ich fragte mich langsam, ob Gernot überhaupt noch zurückkommen würde oder ob er mit den anderen zwei irgendwo erfroren am Boden lag. Ich wusste, was ich versprochen hatte, doch ich traute meinen Augen nicht, als ich an diesem 12. März drei Gestalten erkannte, die sich der Basis näherten und uns zuwinkten. Es war Gernot mit den zwei Brüdern. Freudestrahlend ließ ich die Tore öffnen, und wie Helden feierten wir die Zurückgekehrten. Lang waren ihre Bärte und abgemagert und ausgehungert stürzten sie sich auf ihre Pritschen, bevor sie ein Wort zu uns sagten. Ich dankte dem Himmel für dieses wundervolle Geschenk und Tränen der Freude liefen mir die Backen hinunter.

„Lasst sie schlafen. Egal wie lange. Wir danken dem Herrn für ihre Wiederkehr.“ Wer konnte wissen, was sie zu berichten hatten.

Die Arbeiten gingen normal weiter an diesem 13. März des Jahres 1138 und das Wetter wurde mit jedem Tag etwas besser. Nicht, dass der Schnee schmolz, jedoch schien die Sonne und wir hörten die ersten Vögel zwitschern. Das Leben hatte sich wieder eingeläutet.

Ich half gerade den Zimmerleuten beim Festnageln einiger Holzlatten für die Bedachung einer neuen Scheune. Tiere hatten wir nicht, jedoch machte einer der Männer den Vorschlag, Truthähne und Enten, ja gar Gänse lebendig zu fangen und in der Basis zu züchten. Der Wald lieferte auch viele Sorten Beeren, und so wollten wir einen Kräuter- und Beerengarten errichten, sobald der Frühling einsetzte.

„Ich wäre so weit, mein Admiral!“, ertönte es plötzlich hinter mir. Geisterhaft und mager stand Gernot in ein Büffelfell gewickelt da und sah mich erwartungsvoll an.

„Gernot, mein Bruder. Bist du auch stark genug?“

„Ich denke, nachdem wir das hinter uns gebracht haben, worüber ich gleich erzählen werde, kann ich mit Sicherheit diese Frage bejahen!“

„Nun gut … Ihr macht dann ohne mich weiter“, rief ich den Zimmerleuten zu.

Ascanio, Eduardo, Ralf, Richard und auch Rauk ließ ich zusammenrufen, damit sie bei dem Bericht dabei waren. Richard wurde als Schriftführer eingeteilt, und das, was ich euch hier erzähle, stammt aus dem Protokoll dieses Tages. Wir saßen um einen Tisch in meinem Quartier, das einer Hütte in den italienischen Bergen glich, und ich bat Gernot, mit seinem Bericht anzufangen.

„Es war wohl der 10. Februar, als wir die Basis verließen, die Sergeanten Alexander Raubart, Gaston de Lambert und ich. Nach geschätzten drei Glasen erreichten wir das Dorf der Chinook, doch es war verlassen. Kalte Asche in den Feuerstellen wies darauf hin, dass sie seit geraumer Zeit ihr Revier aufgegeben hatten. In der Mitte des Platzes fanden wir mehrere Symbole, die an ein Ritual erinnerten, wie es Hexen in unserem Lande des Öfteren verwenden: Krähen mit aufgeschlitzten Hälsen über einem Holzbehälter. Das Blut darin war trocken, doch ich schätze, sie hatten von diesem Blut getrunken. Dreizehn kleine Schalen lagen am Boden herum, Schalen, wie wir sie benutzten, wenn wir bei ihnen zu Gast waren. Ebenso hingen dreizehn Krähen dort an einer Stange. Mitten in diesem Platz des Ritus steckte ein Speer im Boden!“

„Souahkotai!“, rief Rauk plötzlich, als er dies hörte.

„Was sagt er?“, fragte ich erschrocken.

„Entweihte Erde. Es bedeutet entweihte Erde. Jedoch bedeutete es auch, dass wir hier nicht willkommen waren. Die Chinook hatten ihren Ort verlassen, um eine neue Heimat zu suchen, und nur wenn wir selbst von Mutter Erde bestraft würden für das, was wir taten, würde der Fluch von diesem Ort wieder genommen!“

Ralf kam mit der Übersetzung von Rauks Worten kaum nach, doch ich wollte wissen, woher er das wusste.

„Die Inuvik benutzen dasselbe Ritual. Anukai hatte schon einmal einen Ort verlassen, als Erik und seine Männer eines seiner Dörfer dem Erdboden gleichmachten. Die Rituale waren die gleichen, denn auch sie halten Mutter Erde und das Universum für ihren Gott.“

„Verstehe!“, rief ich verwirrt. „Mach weiter, Gernot!“

„Die Spuren im harten Schnee waren noch zu sehen, und wir folgten ihnen. Schneestürme nahmen uns die Sicht und jeder Schritt wurde erschwert, da wir tief in dieser weißen Masse einsanken. Wölfe verfolgten uns und mehrmals mussten wir rasten. Nach einem achttägigen Marsch fanden wir sie. Wir versteckten uns hinter den Büschen, um zu sehen, was sie trieben. Es befand sich anscheinend noch ein Stamm dort, denn es waren viel zu viele. Tänze wurden aufgeführt und Gesänge füllten den Himmel. Doch es waren keine Freudentänze. Mehrmals hörte ich den Namen Admiral, sodass ich wusste, dass man von uns sprach, und mehrmals wurden die Speere in die Höhe geschwungen.

Es glich einer Kampfansage. Wie es schien, verbündeten sie sich mit einem anderen Stamm, dessen Namen wir nicht kennen. Zu diesem Zeitpunkt fand ich es besser, nicht dahin zulaufen, um Kimey den Ring zu auszuhändigen und ihm mitzuteilen, dass wir weiterhin den Frieden wollten. Wir sahen genau das Gegenteil in den Augen der Chinook. Nach drei Tagen verließen sie gemeinsam diesen Ort und gingen in westlicher Richtung immer diesen Fluss entlang. Dann erreichten sie ein Dorf, wo sie fanatisch begrüßt wurden. Sie leben jetzt dort. Was sie vorhaben, kann ich mir nicht ausmalen, jedoch werden sie nichts vor dem Spätfrühling unternehmen. Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir blieben dort zwei Tage, versteckt wie Eremiten, und lebten von den elendigen Salzheringen, Pilzen und Beeren. Wenn wir es schafften, bekamen wir auch einen Hasen oder ein Eichhörnchen zu fassen. Feuer machen konnten wir nicht, also aßen wir die Biester roh.

Nach zwei Tagen liefen wir weiter, um die Gegend zu erkunden. Wir fanden ein Paradies. Ein Tal mit Wild und Büffeln. Dort hatte der Frühling schon Einzug gehalten, denn mancher Baum fing zu blühen an. Die Seen dort sind voller Fisch, und am Fluss springen die Lachse dem Strom entgegen. Doch hier …!“

Gernot überreichte mir ein Tuch, das an den Spitzen zusammengeknotet war. Ich öffnete es und fand mehrere Steine zusammengeklumpt. Gold war darunter und auch Silber, doch ich traute meinen Augen, nicht als ich Saphire und einen Stein entdeckte, den ich nicht kannte.

„Apati!“, rief Rauk wieder. Mir ging die ständige Übersetzung auf die Nerven und ich schrie Ralf de Saddeleye wütend an.

„Kannst du diesem Fischlutscher endlich sagen, er soll unsere Sprache lernen. Dieses Getuschel und Genuschel geht mir langsam auf die Nerven! Was ist Apati?“

„Apati ist ein Stein, den die Eingeborenen als Schmuck verwenden!“, flüsterte Ralf de Saddeleye nun unsicher. Ich drehte mich Gernot zu.

„Nun gut, Gernot. Sprich weiter.“

„Dieses Land ist so fruchtbar, dass man nur einen Zweig in den Boden zu rammen bräuchte und er würde keimen. Ich weiß es, denn ich stamme aus einer Bauernfamilie. Kleinadel wohlgemerkt. Dann habe ich anderes entdeckt. Es gibt verlassene Höhlen, ja, ich sage verlassen, denn den Spuren nach zu urteilen wurde darin gegraben. Zinn habe ich gefunden. Unser Alexander hier ist Schmied und kennt sich mit Metallen aus. Dann hier ... Kupfer …!“ Gernot wühlte aufgeregt in einem Sack, holte mehr Mineralien heraus, als mir lieb war, und stellte sie auf den Tisch.

„Dieses Land ist eine Schatztruhe. Eine unerschöpfliche Schatztruhe. Die Bäume ragen hoch auf in den Himmel und die von Stürmen entwurzelten sind von nie da gewesener Qualität. Das Holz davon meine ich. Es gibt hier alles. Die Natur hier ist eine Kathedrale Gottes. Ein Schlaraffenland. Der Garten Eden. Jedoch gibt es einen Haken. Die Stämme unter sich sind sich nicht immer einig, und nicht jeder Stamm wünscht sich den Frieden wie die Inuvik oder die Chinooks. Wir haben zwei Dörfer gefunden mit zig Skeletten. Männer, Frauen und Kinder, die grausamst getötet wurden.

Dies bewies eindeutig, wie die Opfer getötet wurden: aufgespaltene Schädel und getrennte Glieder, soweit das Auge reicht. Was ich damit sagen will: Erik war ein Engel verglichen mit der Brut, die solche Bluttat begangen hat. Wo die sich befinden und wer sie sind, konnten wir nicht herausfinden. Was wir aber auf dem Rückweg feststellten, ist erschreckender als das, was wir einst in Jerusalem anstellten. Die Chinook und die anderen zwei Stämme wurden ausgelöscht. Dieselbe Tötungsart wurde dort festgestellt, nur dass die Leichen noch frisch waren. Nicht einmal die Wölfe waren an uns interessiert, als wir im letzten Dorf, wo sie sich versammelt hatten, prüften, ob es dort Überlebende gab. Kimey hatte man die Haut abgezogen und nur sein Gesicht war verschont worden. Wir rannten, so schnell wir konnten, zur Basis zurück und nun sind wir hier. Ich kann euch nur eines sagen, Admiral: Es müssen Hunderte von diesen Teufeln sein. Hunderte, sag ich …!“

Gernot war aufgewühlt und außer Atem, als er diese letzten Worte aussprach. Entsetzt starrten wir uns gegenseitig an und ich erkannte die Notwendigkeit, meinen Plan zu ändern. Wann wären wir dran und wer waren diese Männer, die solch ein Massaker in diesem Paradies anrichteten? „Ascanio. Wann könnten wir hier auslaufen?“, fragte ich verärgert und enttäuscht.

„Die Magdalena wäre so weit! Wir haben sie ständig instandgesetzt!“

„Vergessen wir den Kräutergarten und die Hühnerzucht! Wir segeln nach Süden, sobald wir wieder auf dem offenen Meer sind …!“

„Aber Admiral ....!“, bemerkte Eduardo Cortez entsetzt.

„Ja, ich weiß, was ihr mir sagen wollt. Wir lassen die Basis stehen und kommen eines Tages mit mehr Männern wieder. Was wir laden können, nehmen wir mit, der Rest bleibt in der Gruft. Wir suchen Federico Pinzon, und erst wenn wir ihn finden, Cortez, dürft ihr auf eine Heimreise hoffen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Eduardo Cortez verbeugte sich beschämt, doch er war mit der Wahl einverstanden.

„Hier können wir mit 21 Mann nichts anrichten, doch wir kommen mit 210 zurück. Und wenn nicht ich, dann mein Nachfolger. Wir brauchen diesen Ort und meine Freiheit kann warten, Cortez!“

„Sei meiner Wertschätzung versichert, mein Admiral. Wie gerne hätte ich dich bei deinem Plan unterstützt. Doch ich verstehe, dass die Umstände ein Umdenken erfordern. Ich bin ganz der deine und stehe zu deinen Diensten!“

„Fangt an. In spätestens zwei Tagen laufen wir aus!“

HÖLLENFAHRT NACH SÜDEN

So sehr ich auch die Männer drängte, die Basis zu leeren und nur das Nötigste mitzunehmen, so sehr entwickelte sich das zu einer fast unmöglichen und dramatischen Angelegenheit. Die Arbeiten, die in der Basis steckten, und der Schweiß, den die Männer vergossen hatten, um diese, ja, nennen wie es mal Heimat, zu bauen, machte uns alle sentimental und traurig. Es war mit so viel Liebe und Raffinesse gebaut worden. Allein die eingebauten Fallen der Schatzkammer waren ein geniales Zusammenspiel von Physik, Mechanik, Baukunst, Mathematik und ja, auch Liebe. Wir waren alle stolz auf dieses sehr kleine Neu-Ashkelon, und nun mussten wir es verlassen auf die Gefahr hin, dass es von irgendwelchen Wilden zerstört werden konnte. Tausendmal lieber hätte ich es den Chinook überlassen, hätten wir andere Gründe gesehen, diesen Ort zu verlassen. Doch mit nur einundzwanzig Mann gegen Hunderte zu kämpfen ergab in meinen Augen keinen Sinn. Die Magdalena hätten wir geopfert und auch all das Gold, was wir mitnehmen konnten, sowie die Felle, das Holz und die Samen von Kräutern und Gewächsen.

Bis zum letzten Mann die Stellung zu halten galt hier nicht. Denn hier ging es nicht um Ihn. Nicht um Jesus Christus, der alles andere gewollt hätte, als hier und heute ein sinnloses Blutbad anzurichten. Die Erfahrungen, die Schriften und Dokumente, die wir mitgebracht hatten, um sie endlich in Ruhe studieren zu können, wären für immer verloren gewesen. Nicht zu vergessen die Opfer, die das Dorf in Island hatte bringen müssen wegen Eriks Massaker. Sie alle wären umsonst gestorben.

Es war inzwischen der 17. März 1138. Vier Tage waren vergangen, nachdem uns Gernot den Bericht erstattet hatte, und endlich konnten alle Mann die Beiboote belegen und zur Magdalena rudern. Wir alle blickten zurück, und manche Träne floss. Egal, welcher Winter uns das Leben hier erschwert hatte, wir waren kurz davor gewesen, hier eine gute Gemeinschaft aufzubauen mit all den Annehmlichkeiten, die zum Überleben genügten.

Jetzt hörten wir es auch: Trommeln und Schreie. Sie waren im Anmarsch, und unser Abzug hätte keinen halben Tag länger dauern dürfen. Wir sahen sie nicht, aber wir hörten sie. Auch die Vögel und die Tiere bevorzugten die Flucht, denn Tausende von Krähen, Reihern, Kormoranen und andere, die wir nie vorher zu Gesicht bekommen hatten, flogen aufgeregt und protestierend davon. Als wir alle an Bord waren und das letzte Beiboot auf dem Deck verzurrt war, gab ich Ascanio das Zeichen. Seine Kommandos wurden sofort ausgeführt und wir nahmen Kurs gen Osten. Ein Glasen später konnte wir schwarzen Rauch aufsteigen sehen. Sie hatten die Basis erreicht. Noch in der einbrechenden Nacht konnten wir das Feuer von Weitem sehen: Klein-Ashkelon gab es nicht mehr. Eduardo legte seine rechte Hand auf meine Schulter, als ich meinen Blick dorthin richtete, wo ich einst in Vergessenheit geraten wollte. Doch das hatte ich anscheinend nicht allein zu entscheiden.

„Schau nicht zurück, mein Bruder! Schaue nach vorne! Ich weiß, wie schmerzhaft es für dich sein muss, doch andere Aufgaben stehen vor dir und du wirst es eines Tages verstehen!“

Ich nickte nur kurz und begab mich zum Ruder, wo Ascanio, zusammen mit einem Sergeanten die Pinne hielt.

„Wir fahren so lange nach Osten, bis wir das offene Meer erreichen und dann zwei Tage nach Süden, ohne die Küste ganz aus den Augen zu verlieren. Alles wird rationiert vom heutigen Tag an. Der Proviant muss zwanzig bis dreißig Tage reichen. Haben wir uns verstanden, Ascanio?“

„Ja, mein Admiral. Voll und ganz!“

„Richard, du führst Buch über all die Ereignisse seit La Rochelle?“

„Und weit davor, mein Admiral!“

„Dieses Logbuch bringst du mir jeden Abend zur Ansicht in die Kabine, und an jedem Morgen lässt du es dir von mir wieder aushändigen. Sollte etwas während der Aufbewahrungszeit geschehen, so hast du das entweder zu merken oder getrennt Notiz zu schreiben und diese dann zum späteren Zeitpunkt einzutragen!“

„Zu Befehl, mein Admiral!“

„Ralf de Saddeleye, ich mache dich persönlich für die genaue Aufzeichnung der Karte verantwortlich. Auch diese ist mir dann jede Nacht zur Aufbewahrung zu überbringen … Ihr alle, wie ihr dasteht und mit mir segelt, schwört bei eurem Leben und dem eurer Familien, dass ihr nie ein Wort über all das hier verlieren werdet. Kein Wort über dieses Land, über diese Fahrt, über diese Fracht, über das, was noch vor uns liegt. Ihr seid für mich die Tapfersten der Tapfersten. Die Männer, die bei dieser Mission gefallen sind, werden unvergessen bleiben. Somit kläre ich euch hier auf diesem Kahn, auf dieser Magdalena auf: Diese Reise ist eine streng geheime Reise. Ihr habt schon in La Rochelle einen Eid darauf geschworen, doch hier müsst ihr noch einen leisten, denn die Umstände haben sich grundsätzlich geändert. Doch zunächst will ich von euch noch eines wissen, denn Einige von euch sind schon einmal mit mir gesegelt und sind durch Höhen und Tiefen mit mir gefahren und andere nicht. Auch unter den Gefallenen waren einige, die ich noch in guter Erinnerung von den letzten Fahrten in meinem Herzen trage.

Deswegen werde ich euch die Frage nur einmal stellen: Wer will sein Leben hier nicht weiter einsetzen und für mich seinen Dienst leisten? Wer hat genug davon, weiter von zu Hause weg zu sein und vielleicht seine Heimat nie wiederzusehen? Wer verflucht mich in diesem Moment und würde mir am liebsten seinen Dolch in mein Herzen rammen? WER VON EUCH?“

„WIR SEGELN FÜR DICH IN DEN TOD ADMIRAL!“, schrie einer.

„BIS ANS ENDE DER WELT UND WEITER!“ ein anderer.

„WIR HABEN NUR NOCH UNS UND DIESES LEID VERBINDET. WIR GEHÖREN DIR, ADMIRAL!“

Alle schrien und hoben dabei ihre Schwerter, Dolche, Schrubber und was auch immer sie in der Hand hielten. Auch Eduardo hob seine Hand und ich sah, dass er es ernst meinte.

„Dann werde ich euch jetzt von unserer wahren Mission berichten und jeder, der hier seinen Eid leistet, wird nach Hause als reicher Mann zurückkehren!“

„Aber wir sind Templer Herr!“, rief ein Sergeant.

„Ja, das sind wir, mein junger Freund. Doch was ihr nicht wisst: Es gibt einen Orden im Orden, und von diesem wissen nur die Allerwenigsten. Sie haben ewige Verschwiegenheit geschworen und unterliegen einem Eid, den auch ihr nun ablegen müsst. Auch werden wir wahrscheinlich La Rochelle nie wiedersehen, doch dafür werden wir frei und unabhängig sein und Männer, die sich keinem Oberhaupt jemals wieder unterordnen müssen außer mir, versteht sich. Ihr braucht nur diesen Eid abzulegen!“

Ich konnte am Rande sehen, wie Eduardo nicht ganz glücklich darüber war, dass wir La Rochelle vielleicht nie wieder sehen würden, doch das würde ich ihm später erklären.

„Was immer du auch befiehlst, Admiral!“, schrien alle.

„So kniet euch nieder und sprecht mir nach. Nennt euren Namen dabei. Ich … schwöre und gelobe, diesen heiligen Eid nie zu brechen, dem Admiral Treue und Gehorsam zu leisten und nie das gesagte Wort in diesem Bund an fremde Ohren zu richten, nicht einmal an den Orden und seine Obersten. Ich schwöre weiterhin, im Falle meines Todes meine Güter und das durch meinen Dienst angelegte Vermögen diesem Bund zu überlassen, damit dieser weiterhin blüht und gedeiht. Wir gehören von nun an dieser Bruderschaft an und sind somit lebenslänglich an diesen Eid gebunden!“

Ich überzeugte mich davon, dass auch jeder seinen Eid abgeleistet hatte. Auch Eduardo Cortez tat es, ebenso Ascanio, Ralf de Saddeleye, Richard Cornwall und unser Chaplain Bruder Rutherford. Um das Ganze noch zu verfestigen, ließ ich eine Schrift dieses Eides aufsetzen und darin jeden Einzelnen mit seinem Blut neben seinem Namen und seinem Daumenabdruck verewigen.

Ich hatte sie in meinem Bann. Sie gehörten dem Templerbund nur noch sporadisch an. Der Albrechtinerbund, so würde ich diese Gemeinschaft nennen, würde sich nun mit den Katharern vereinen und das Geplante so durchsetzen, dass nicht einmal der Orden das mitbekommen würde.

„Und nun, Bruder Rutherford, lasst uns dieses Ereignis mit einem Dankesgebet an den Allmächtigen besiegeln und ihm danken für diesen Tag und die uns entgegengebrachte Liebe.

Rutherford sah mich lange an und ich hätte nur zu gerne gewusst, was er in diesem Moment dachte. Sein Blick zeigte Schuldgefühle und Verrat gegenüber dem Orden. Doch Eid ist Eid, und nun war es zu spät, mein lieber Bruder und Anhänger der Kirche.

„So sprecht mir nach, meine lieben Söhne. Oh Herr, segne uns und bewahre uns vor Schaden und Sturm. Gib unserem Admiral all deine Kraft und deine himmlische Weisheit, uns zu führen durch unbekanntes Meer und lasse uns das Gute niemals aus den Augen verlieren. Denn dies tun wir um deinetwillen und um deine Wahrheit zu wahren. Amen!“

„Gut gesprochen, Bruder! Zurück an die Arbeit, Männer! Wir holen uns Federico Pinzon. Am Zwanzigsten werden wir nach Süden steuern!“

„Hoch lebe der Admiral!“, schrie man zum Schluss, und ein Gefühl der Erhabenheit ergriff mich. Ja, denn jeder Schaden, den man mir zufügte, würde mich härter und größer machen. Jeder Fall, den ich durch Dritte erlitt, würde mich höher aufsteigen lassen. Unsere Basis war inzwischen zu Schutt und Asche verbrannt, doch der Gedenkstein mit den Namen der Gefallenen nicht. Seid versichert, meine Brüder, ihr seid nicht umsonst gestorben und eure Namen werden in meinem Herzen brennen wie all die anderen Namen derer, die für mich starben. Mein Ziel war klar. In Vergessenheit konnte ich nicht geraten. So bliebt nur der Weg der Macht und des Reichtums. In Spanien oder in den neuen Gebieten, die im Westen Spaniens entstanden. An den Portugalen würde ich mich niederlassen und eines Tages wieder nach Viermünden reiten, und wenn das Jahre dauern würde. Ich würde sie wiedersehen und ich würde Nadine um Vergebung bitten. Vielleicht würde ich dann auch meinen Sohn mit zu mir nehmen, wenn alles so geschähe, wie ich es wollte. Noch war ich jung, auch wenn mir die Knochen schmerzten und mich der Geist plagte.

Ich hatte genug geopfert und genug für den Orden geleistet, als dass ich mich der Gleichgültigkeit hingeben und eine Belustigung darstellen wollte. Wo du auch immer stecken solltest, Hugue de Payns, Himmel oder Hölle, dein Plan war nicht aufgegangen. Und solltest du wirklich an dir selbst Verrat begangen haben, indem du dich dem Papst untergeordnet hast, so würde ich es wieder in die richtige Richtung biegen. Verlass dich drauf. Ich hatte genug vom Versagen, von Komplotten, von Verrat. Ich wollte keinem mehr dienen, nur noch mir selbst. Die Katharer sollten ihre Knochen und ihren Plunder bekommen, ich aber meine Familie, mein Ansehen und meinen Wohlstand. Und jeder Kahn, der sich hier blicken lassen sollte und nicht meine Flagge trug, würde in die Tiefe versenkt.

Die Winde standen günstig, die See war uns gut gesonnen und die Fracht gab mir die Gewissheit, dass alles seine Richtigkeit hatte. Es war inzwischen der 21. März und die Magdalena segelte südwärts der Sonne entgegen. Pinzon, wir kommen und ich kann dir nur raten, noch am Leben zu sein, damit sich diese Fahrt nicht als Zeitverschwendung erweist. Eduardo Cortez sagte kein Wort, doch ich konnte seine Gedanken lesen. Er war verunsichert. Würde ich Jacques und Gilles die Freiheit wiedergeben? Würde ich mein Versprechen halten und mir die Reliquien aus Paris aushändigen lassen?

Ja, dieses Versprechen würde ich einhalten und bei nächster Gelegenheit Cortez mit einer Depesche nach Paris schicken, um den Großmeister zu bitten, ihm die Gefangenen zu übergeben und ebenso die Reliquien, sollten wir diese Reise überleben. Ich hoffte nur, dass Robert de Craon noch der Großmeister war, dessen Wertschätzung ich ebenso sicher war wie der Gondamers, mein bester Freund und Compagnon der ersten Stunde. Wie sehr vermisste ich ihn.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wie es in Paris, im Heiligen Land, in La Rochelle oder in Rom zuging. Keine Ahnung von den ständigen Angriffen der Sarazenen, von dem Bedarf an Soldaten, die sich für den Vatikan und nicht für Yeshua, den Zimmermann aus Nazareth, abschlachten ließen. Für die Intrigen im Orden und im Königshaus. Für die Zwietracht, die sich zwischen den Johanniterorden und den Templern ausbreitete. Für die Unsummen, die dieser Krieg kostete und gleichzeitig dem Orden einbrachte. Mehr und mehr Spenden, Beitritte adliger Abenteurer, Landgewinnung durch Schenkung, der Bau von Klöstern und Kathedralen für die Unterschlagung gestohlener Gelder. All das lief weit von uns und unserer Nussschale ab, die auf und ab schwankte auf dem Meer, das mit jedem Tag blauer wurde.

Wir waren frei und unbelastet. Den Bauch des Kahnes voller Schätze, und alles, was wir brauchten, war eine neue Heimat, eine neue Identität und den Tag, an dem wir wieder nach Osten segeln durften.

Regenschauer überraschten uns an diesem Morgen des 27. März 1138, doch die See blieb beständig. Kein Sturm war zu sehen, nur ein paar Wolken hier und dort. Das Astrolabium konnte wir in diesen Tagen des Öfteren präzise benutzen, sodass unsere Karte immer besser und verständlicher wurde. Die Randnotizen gaben Auskunft über geschätzte Geschwindigkeit, Tiefen und Strömungen.

Ralf de Saddeleye und Ascanio leisteten vorzügliche Arbeit und auch Richard vollbrachte ein Meisterwerk, als er mir das Logbuch jeden Abend überbrachte und ich es im lauen Kerzenlicht mit den Augen überflog.

Was hätte ich mir mehr wünschen können. Alles lief perfekt.

Am 1. April jedoch sah ich diese dunkle Wolkenwand vor uns, die mich in der Vergangenheit schon mehrmals das Fürchten gelehrt und uns fast Boot und Mann gekostet hatte. Ein Sturm braute sich am Horizont zusammen und Blitze und Donner bestätigten, dass wir uns auf etwas Großes gefasst machen mussten.

„Alles festzurren. Segel reffen. Kurs näher an die Küste einschlagen!“, befahl ich.

Die Wellen wurden höher und der Wind nahm zu. Auch wechselte er ständig die Richtung und brachte uns um den Verstand, da wir in Bedrängnis gerieten, egal wie wir steuerten.

„Ascanio, wie weit sind wir von der Küste entfernt?“

„Das kann ich so mit Sicherheit nicht sagen, Admiral. Ich schätze, 15 Meilen.“

„Küste ansteuern und Bucht aufsuchen. Dieser Sturm wird kein kleiner sein!“ Bei Gott, wie sehr ich es hasste, wenn ich bei diesen Prophezeiungen recht behielt. Die Magdalena wurde zum Spielball der See, die ihre Launen nun an uns ausließ, als hätte Poseidon zu viel des Weines in der Tiefe seines Reiches genossen.

Ich nahm nun die Pinne zur Hand und befahl den Männern vorne am Bug, Ausschau nach einer sicheren Bucht zu halten. Doch alles, was sie sahen, waren schäumende Wellen, die immer höher stiegen. Fünf Glasen später kam der rettende Ruf vom Ausguck: „Bucht voraus. Bucht voraus!“

Die Magdalena wurde nach vorne gespült dann wieder nach hinten. Es war ein Verzweiflungskampf, den wir am Ende gewannen. Die Bucht war sicher und nur von wenigen Riffen umgeben. Es regnete Katzen und Hunde, wir konnten nichts mehr erkennen, als ich den Kahn geistesgegenwärtig regelrecht hineinspülen und noch einmal volle Segel setzen ließ, damit dieses Elend ein Ende fand.

In der Bucht endlich legte sich die See und die Segel wurden eingeholt. Die Ankertrosse surrte den Rumpf entlang in die Tiefe und jeder suchte sich zunächst ein sicheres Plätzchen auf Deck. Unter Zeltplanen versteckten sich die meisten der Männer, um sich vor dem Regen zu schützen. Ich hingegen eilte zu meiner Kabine und überzeugte mich davon, dass Karten und Logbuch sicher und trocken waren. Das Ächzen des Gebälks ließ mich wissen, dass es in der Bucht inzwischen sicher war, sich jedoch draußen auf dem Meer die Hölle aufbaute. Ich fror in den nassen Sachen und suchte eiligst trockene. Als ich diese fand, zog ich sie an und legte mich auf die Pritsche, wo ich sofort zitternd einschlief.

Es war die Nacht des 2. April 1138 als ich, durch Ascanios Hand aufwachte und schlaftrunken die von Seesalz verkrusteten Augenlider öffnete.

„Admiral … Admiral … steht auf …!“, hörte ich leise.

„Ascanio … bei Gott, wie lange habe ich geschlafen?“

„30 Glasen, Bruder. Der Sturm hat sich gelegt und der Himmel ist sternenklar. Wir sollten diese Bedingungen nutzen, da auch der Wind günstig zu sein scheint.“

Ich stand von der Pritsche auf und stellte dabei fest, wie nass die Decke und ebenso mein Hemd waren. Ich war nassgeschwitzt, und ein qualvoller Schmerz in meinem Schädel erschwerte meine Gedanken zusätzlich. Ich fühlte mich, als ob ich zehn Krüge Wein allein getrunken hätte. Da begriff ich, dass eine Krankheit sich bei mir eingenistet hatte.

„Ich komme an Deck, Ascanio. Ich danke dir, Bruder, dass du mich geweckt hast …!“

Ascanio ergriff meinen linken Arm sofort, als ich meinen Halt verlor und fast zu Boden gefallen wäre.

„Gehts Euch nicht gut Admiral?“, fragte er besorgt.

„Doch, doch. Es ist nur die Müdigkeit, mein Freund!“

Ich zog mir die Weste an und begab mich an Deck, wo die See meine Lungen mit frischer Luft füllte und ich langsam zu Sinnen kam. Doch mit jedem Schritt, den ich tat, drohten meine Beine ihren Dienst zu verweigern und ich suchte Halt an den herumhängenden Schoten und Seilen. Der Medicus schaute mich an und wusste sofort, dass es mir nicht gut ging. Er befahl einem der Männer, mir einen Kräutertrunk zuzubereiten und zu bringen. Der Vollmond schien hell in dieser Nacht und die Sterne glühten leuchtend weiß. Ein wunderschöner Anblick tat sich vor mir auf, es war dunkel und die knisternde Flamme der Kerze in der Laterne lockte Motten und kleine Libellen an.

„Lasst Anker lichten und setzt voll die Segel, Ascanio. Ihr habt recht, der Wind ist günstig. De Saddeleye, bring mir das Astrolabium und die Karte. Wir segeln weiter nach Süden!“

Kaum hatte ich dies ausgesprochen, brachte mir ein Sergeant einen Becher Shahi und ich sog vorsichtig an der brühend heißen Flüssigkeit, die meine Poren noch mehr öffnete und den Schweiß aus meinem geschundenen Körper trieb. Die Männer eilten an Deck wie Ratten, die auf der Flucht waren, doch sie waren keine Ratten. Sie waren das Einzige, das ich hatte, um diese meine elendige Einsamkeit, die meine Seele so verbrannte, zu erdulden. Die Krankheit schien mir Streiche zu spielen, denn trotz dieser wundervollen und reinen Nacht überkam mich dieses Heimweh. Ich wollte so sehr wieder nach Hause segeln. Was geschah nur mit mir?

Ralf de Saddeleye befreite mich aus meinen Gedanken, als er kurze Zeit später mit dem Astrolabium und der Karte neben mir stand.

„Wie befohlen, mein Admiral!“

„Ich danke dir, Bruder. Hilf mir, die Karte auszurollen!“

Ohne ein weiteres Wort tat Ralf, worum ich ihn bat und auch Eduardo, Richard und Ascanio gesellten sich zu mir. Ich setzte das Astrolabium an und suchte den Stern, der wichtig war für meine Bemessungen. Endlich fand ich den Nordstern und kurze Zeit später kritzelte ich ein Kreuz auf die Karte. Wir waren nicht besonders weit gekommen in all den Tagen, und das mussten wir nun ändern, stellte ich beunruhigt fest. Was ich ebenso feststellte, war die Tatsache, dass mir Männer fehlten, die ich wegen einer unsinnigen Schlacht verloren hatte. Eine Basis wollte ich doch bauen, nur wo? Vielleicht würde sich weiter südlich etwas Geeignetes finden lassen, dort, wo die Winter nicht zu hart waren. Doch etwas Großes würde ich mit der Anzahl an Kräften nicht mehr bauen können. Auch waren wertvolle Handwerker bei Eriks Beseitigung verloren gegangen. Handwerker, die mit Gold nicht aufzuwiegen waren.

Ich musste mir etwas einfallen lassen, denn ich wusste tief in meinem Innersten, dass die alte Welt mit all ihren Lügen und Sünden kein sicherer Platz mehr war für die Absichten, die ich vorhatte. Doch wie sollte sich das mit meiner Sehnsucht und mit meinem Heimweh vereinbaren lassen, dieses Gefühl, das in mir seinen Schabernack trieb? Wieso widersprachen sich meine Intuitionen ständig und in unverständlicher Weise?

Vielleicht waren es keine Intuitionen, sondern Halluzinationen, die mir vor lauter Nachdenken den Verstand raubten. Wie war das noch mal? Warum war ich hierher gesegelt?

Ja, um Wissen zu erfahren und ebenso um Rohstoffe zu entdecken, die die Welt noch nicht kannte. Doch plötzlich wollte ich all dies nicht mit einer alten, kranken Welt teilen, die nur auf Macht und Gier aus war. Würde ich jetzt so charakterlos werden wie ein Severinus, der sein Wissen und seine Erfahrungen nicht einmal mit seinen Ordensbrüdern teilen wollte? Oder schlimmer noch, wurde ich jetzt etwa selbst gierig und machthungrig und hatte nichts anderes vor als eine Räuberhöhle zu gründen, weit weg von einer kranken Gesellschaft, bestehend aus Heiligen und Scheinheiligen?

Doch wie sollte man eine kranke Welt heilen, wenn man diese Erfahrungen nicht teilte und den Bedauernswerten nicht die Augen öffnete? Ihnen zeigte, dass es ein Paradies auf Erden gab und es nur eines Umdenkens der Menschheit bedurfte, um dieses Paradies zu erhalten und sich daran zu erfreuen? Wäre das nicht eine Aufgabe, die eines Apostels würdig war? Doch ich wusste es besser. Die Menschen waren nicht und würden niemals bereit sein zu solch einem Umdenken, für das diese Unverbesserlichen mehr und mehr Opfer aufbringen müssten. Ich verschwendete meine Gedanken nicht weiter und befahl, weiter zu segeln ohne unnötige Unterbrechung. Pinzon musste gefunden werden und Pinzon würde mir beim Aufbau einer neuen Heimat helfen.

„Schick mir den Medicus, Ralf. Ich friere von innen, doch will ich nicht diese Nacht in der Kammer verbringen.“

„Das werde ich, Admiral!“

Der Medicus bemerkte meine aufgeschwollenen Adern, die am Nacken und an dem Unterarm pulsierten. Ein Zeichen, dass der Körper gegen etwas kämpfte und mir schreckliche Kopfschmerzen bereitete.

„Ich werde einen kleinen Stich vornehmen lassen, Bruder, damit etwas Blut aus den Adern fließen kann. Der Druck, der in den Venen herrscht, verursacht Euch die Kopfschmerzen, doch der Körper reagiert richtig. Er wehrt sich gegen etwas, das Ihr Euch zugezogen habt. Ihr dürft Euch auf keinen Fall weiter unterkühlen …“

„Unterkühlen?“, unterbrach ich ihn. „Ich schwitze wie ein Ross nach einem harten Ritt!“

„Es ist kalter Schweiß, mein Admiral. Wahrscheinlich bekommt Euch dieser Wechsel von kalt auf warm nicht besonders. Bedenkt, wir verbrachten Monate auf Eis, könnte man sagen, und nun befinden wir uns in wärmeren Gewässern. Vielleicht ist Euer Körper durch diesen Umschwung geschwächt und es bedarf einer langsamen Gewöhnungsphase!“

„Schwachsinn … Wollt Ihr etwa behaupten, dass ich zum alten Eisen gehöre und zu nichts mehr verwendbar bin? Ich bin ein Krieger wie all die Männer da draußen …!“

„Ja, aber die Männer, die Euch begleiten, teilen die Sorge und die Verantwortung nicht, die Ihr tragt. Der Körper kommt nicht zur Ruhe. Ihr dürftet eigentlich für drei Tage das Bett nicht verlassen, aber da ich weiß, dass ich ebenso aus einem offenen Fenster schreien kann und das Ergebnis dasselbe bliebe, schneide ich lieber ein kleines Loch in Eure Vene und verringere den Durchfluss des Blutes. So reduziert sich der Druck und Ihr werdet Linderung finden!“, versicherte mir dieser Mann aus Verona fast zornig.

Ich ließ ihn gewähren, und siehe da, es ging mir kurze Zeit später tatsächlich besser.

„Ihr müsst viel heiße Flüssigkeit trinken, um Euch zu entgiften!“

„Das werde ich. Ich muss gestehen, Ihr seid ein Meister Eures Faches, mein Bester. Wo habt Ihr Euer Handwerk gelernt?“

„In sarazenischer Gefangenschaft. Damals beim ersten Kreuzzug. Ich hatte das Glück, dort einen Medicus als Mentor zu finden, der für mich solche Wunder vollbringen konnte wie unser Heiland. Nur war dieser ein Feind und stammte aus Syrien. Ich wurde ihm als Sklave unterstellt, und als er bemerkte, wie geschickt ich mich bei Amputationen und bei anderen Behandlungsmethoden anstellte, unterwies er mich in seinen Geheimnissen. Es machte dabei keinen Unterschied, ob ich ein Hospitaliter war unter der Obhut des Johanniterordens oder ein Feind einer anderen Gattung. Christ oder nicht, er glaubte nur an das Gute im Menschen. Und jetzt versuche ich, seinen Namen in Ehren zu halten und es ihm gleich zu tun!“

„Ich verstehe, was Ihr da sagt. Ich habe ähnliche Erfahrungen sammeln können bei unseren sogenannten Feinden. Aber ich rate Euch, Bruder, behaltet Eure Meinung besser für Euch, sonst könnte einer, der nicht unsere Erfahrungen besitzt, Euch als Ketzer sehen!“

„Ja, das weiß ich, mein Admiral!“

„So. Ich danke Euch. Ich werde Eurem Rat Folge leisten und mich schonen. Doch nun heißt es, weiter der See die Stirn zu bieten!“

DIE MAGDALENA WIRD MORSCH

Nach Tagen und Nächten an Deck dieses Bootes, das geduldiger und gnädiger mit einer Horde verrückter und hoffnungsvoller Männer nicht sein konnte, kam am 28. April 1138 Bruder Waldemar, ein aus Aachen stammender Zimmermann, zu mir und überbrachte die Nachricht, die ich seit Beginn der Fahrt am meisten gefürchtet hatte.

„Die Magdalena wird morsch, Admiral! Wurmbefall und die salzige See holen sich ihren Tribut. Wasser dringt am Bug zwischen den Balken ein, und am Heck ist eine Kalfaterung dringendst nötig, sonst gebe ich dem Kahn noch höchstens vierzehn Tage, bis sich das Holz auflöst!“

„Was schlagt Ihr vor? Können wir die Reparaturen auf See verrichten?“, fragte ich frustriert.

„Auf keinen Fall, mein Bruder. Wir müssen am Bug die Beplankung erneuern, und das wird dauern. Dazu brauchen wir normalerweise gelagertes Holz, was natürlich in unserem Fall nicht vorhanden ist. Jedoch könnten wir nach den Reparaturen zumindest noch circa zwei Monate auf See, ohne den Zerfall des Kahnes befürchten zu müssen. Und wenn wir dort angekommen sind, wo wir sein wollen, müssen wir dann bessere Arbeiten verrichten. Soll heißen, Holzbalken zimmern und für zwei Jahre lagern …

„Nur, dass es dort, wo wir hinsegeln, kein geeignetes Holz gibt für solch Instandsetzung, mein bester Waldemar. Wir müssen versuchen, noch weitere zehn Tage auf See zu bleiben und so weit wie möglich nach Süden segeln …!“

„Das geht nicht, Admiral. Sie sagten es selbst. Weiter südlich, dort, wo wir hinsegeln, finden wir kein geeignetes Holz. Und falls dies doch der Fall sein sollte, werden wir mit der zerschundenen Magdalena kaum wieder nach Norden segeln können, um geeignetes Holz zu finden!“

Waldemar hatte leider recht, das wollte ich nur ungern zugeben. In diesen Breiten war die Küste noch bewaldet. Doch weiter südlich würden wir nur Sumpf und Moor vorfinden.

Kapitulierend nickte ich ihm zu und befahl, die Magdalena in einer sicheren Bucht unterzubringen und ein Lager für die Instandsetzung aufzubauen. Wir waren zwanzig Tage auf See, seit wir das letzte Mal hatten Anker setzen lassen, als wir Schutz vor dem Sturm suchten. So kam uns eine Landpause sehr entgegen, denn nicht nur die Magdalena brauchte eine Instandsetzung, sondern auch mein Körper, der sich der Krankheit nicht entledigen konnte, die ich in mir trug und mir die letzte Kraft nahm, um mich auf den Beinen halten zu können. Ja, ich konnte nicht vollständig genesen und ich brauchte dringend eine trockene Unterbringung, in der ich nicht mehr den Gestank des verschimmelnden Holzes meiner Kabine einatmen musste, der meine Lungen befiel.

Wir fanden eine Bucht. Eine Bucht, die nicht besser hätte sein können und uns Schutz vor Kälte, Stürmen und starken Winden gab. Sie war wie für uns gemacht, und ich hätte diesen Waldemar umarmen können, denn ich erkannte hier das Potenzial einer neuen Heimat. Der Strand war steinig und mit glänzendem Kies bepflastert, doch schon nach wenigen Schritten landeinwärts hatte man festen, erdigen Boden unter den Stiefeln und ein Wald erstreckte sich vor uns, dessen Duft in unsere Nasen stieg. Ein Duft aus Fichten und Pinien, Eichen und Ahorn, Zapfen und feuchter Erde. Ein Duft, der mir so bekannt vorkam und mir die Heimat näherbrachte. Ach du mein Viermünden mit all deinen Wäldern und deinem Ederfluss, wie vermisse ich dich. Ich hatte meine Kindheit wieder vor Augen und sah Bilder vom Hof und von der Schmiede, die ich einst zurückließ. Meine Augen strahlten vor Glück.

Ich hatte sofort ein gutes Gefühl, und so entschied ich, uns hier niederzulassen. Nicht nur für die Arbeiten am Kahn, nein, auch für den Bau einer Basis. Mein Gefühl gab mir recht, denn nachdem wir ein Lager errichtet hatten, fanden wir einen Tagesmarsch entfernt eine Lichtung mit einem Frischwassersee, der von einem kleinen Wasserfall gespeist wurde, und ein Gebiet reich an Flora und Fauna.

Es lag auf einem hohen Plateau, und wir konnten die Küste gut überblicken. Nun gut. Hier würden meine Zelte aufgebaut für die Zeit, die wir benötigten, um die Magdalena auf Vordermann zu bringen.

Wir entluden den Kahn und nahmen die Segel vollständig ab. Alles, was schwer war, wurde entladen, ja sogar die Schoten mit all ihren Schekeln und Rollen. Eine Rampe wurde errichtet, um das Boot aus dem Wasser ziehen und aufbocken zu können. Nach zwei Tagen endlich stand die Magdalena trocken.

Waldemar verschwendete keine Zeit und bildete einen Trupp aus zwölf Mann. Diese wurden Tag und Nacht für die Arbeiten eingeteilt. Die anderen elf Mann verstärkten den Bau des Lagers und ich beschloss, eine Siedlung aus Holzhütten aufzustellen und die Holzwände der Hütten später mit Felsgestein und Schlamm zu ummanteln. Wir teilten uns für die Jagd ein, obwohl wir laut Statuten nicht jagen durften. Doch wir mussten uns von etwas ernähren, und so war ein Hirschbraten eine willkommene Ergänzung zum eingesalzenen Fisch, den wir nicht mehr sehen konnten und in Zukunft als Köder für die Fischerei nutzen wollten. Wir alle Arten von Bäumen, Fichten, Eichen und Ahorn. Mit dem Werkzeug, dem Willen und der Manneskraft, die wir hatten, entzweigten und entrindeten wir die Bäume. Nun hieß es, Planken und Bretter aus diesen Stämmen zu zimmern. Ich kann euch sagen, dass Waldemar Wunder in seinem Handwerk vollbrachte. Die Männer, nein, wir alle waren am Abend so erschöpft, dass wir kaum genug Kraft hatten zu essen.

Wir konnten nicht einmal mehr einen Löffel halten. Geschwächt und ausgezehrt fielen wir abends vor Erschöpfung zu Boden. Ich ließ Waldemar zu mir kommen und fragte ihn, wie lange er glaube, dass es dauern würde, bis alle Arbeiten an der Magdalena fertig seien.

„Ich denke, vier Monate, Bruder. Wir müssen das Holz wenigsten austrocknen lassen und zurechtzimmern. Das dauert. In der Zeit, in der das Holz lagert, können wir andere Arbeiten verrichten, uns dem Bau der Siedlung widmen. Und, mit Verlaub, mein Admiral, ich rate ganz dringend dazu, Palisaden um die Siedlung zu errichten. Ich weiß nicht, ob die Gegend besiedelt ist, und falls ja, ob von Freunden oder Feinden. Doch wir sollten vorbeugen und uns schützen vor all dem, was wir nicht kennen und nicht wahrnehmen können!“

„Ihr habt recht, Bruder. Veranlasst all dies, was Ihr gerade vorgeschlagen habt. Und wenn Ihr fertig damit seid, gönnt Euch Ruhe, denn es läuft uns nichts weg.“

Waldemar verbeugte sich und verließ mein Zelt.

Hier waren wir nun, und siehe da, wir hatten aus purem Zufall eine Gegend gefunden, die ausgezeichnet passte, um eine Basis auf der anderen Seite des Meeres aufzubauen. Erleichtert stellte ich fest, dass auch die Männer frohen Mutes waren und Gott dankten, wieder an Land sein zu dürfen nach Tagen und Wochen auf See.

Das Hämmern und Klopfen konnte ich jeden frühen Morgen hören, wenn am Boot gearbeitet wurde. Der Klang gefiel mir. Ein Klang voller Leben und Tatendrang, der mir das Herz mit Hoffnung und Zuversicht erfüllte. Tage vergingen und dann Wochen und ebenso Monate. Nach vier Monaten, es war der 28. August 1138, ließ mich Ralf de Saddeleye wissen, dass es so weit war und wir wieder die Segel setzen konnten.

Sehr zu seiner Überraschung ließ ich ihn wissen, dass ich mir nochmals vier Monate Zeit lassen würde und die Basis hier nun absoluten Vorrang hätte. Die Mauer um die neugebauten Hütten müssten verstärkt werden und Pinzon könnte noch etwas warten. Doch Eduardo Cortez belehrte mich eines Besseren.

Die Suche nach Pinzon dürfe nicht weiter aufgeschoben werden, je früher wir ihn fänden, desto früher hätten wir zusätzliche Männer, die uns beim Bau und bei anderen Arbeiten unterstützen könnten. Eines war klar: Mit 23 Mann konnte ich keinen Angriff lange aufhalten, sollten wieder Wilde auftauchen wie einst damals hoch im Norden. Doch wer sollte hierbleiben und auf die Basis aufpassen, wenn wir lossegelten, um die anderen zu finden? Ein Plan musste her. Und zwar schnellstens.

DIE FESTUNG

Unsere Basis nahm Formen an und die Palisaden gaben zusätzlichen Schutz, sollte dieses Gebiet von unfreundlichen Bewohnern besiedelt sein. In all den Monaten hatten wir jedoch keine andere Menschenseele hier gesehen, und so fühlten wir uns relativ sicher. Die Ladung war trocken untergebracht und die Männer hatten mal wieder ein kleines Wunder vollbracht, denn die Festung wurde in jeder Hinsicht mit ausgeklügelter Fallenmechanik ausgestattet. Frisches Wasser wurde über kleine Holzaquädukte gespendet, und sogar ein Lazarett war eingerichtet. Doch nun war der 12. Dezember des Jahres 1138 und ich musste eine Entscheidung treffen, wer an Land bleiben und wer weitersegeln sollte, um Pinzon zu finden. So ließ ich Ascanio, Ralf de Saddeleye, Richard Cornwall, Eduardo Cortez, Chaplain Rutherford sowie die Isländer zu mir kommen, um eine Besprechung abzuhalten. Die Debatte ging bis tief in die Nacht hinein, und endlich wurde ein Beschluss gefasst.

An Land würden bleiben Richard Cornwall, der Chaplain, die Isländer, die Hälfte der kämpfenden Truppe und ich.

Umso mehr war Cortez überrascht, als ich ihn auf die Liste der Segler setzte zusammen mit Ralf und Ascanio. Natürlich übertrug ich das Kommando an Ascanio, der mein Vizekapitän war, doch das schien für Cortez kein Problem darzustellen, solange er mit auf der Suche war, um seinen alten Freund und Kompagnon zu finden. Auch dachte ich, dass sich Federico Pinzon eher blickenlassen würde, wenn sich einer seiner Katharerbrüder an Bord befände. Als alles zur jedermanns Zufriedenheit beschlossen war, entschied man sich, am 19. Dezember mit so wenig Zuladung wie möglich loszusegeln. Ascanio bekam die Karte zur Hand, die ich fast zwei Jahre zuvor erstellt hatte.

Am frühen Morgen trafen wir uns alle am Strand, um Abschied von den Männern zu nehmen, die sich in wenigen Augenblicken auf diese hoffentlich erfolgreiche Mission begeben würden. Es war mir klar, wie hoch das Risiko war, dass sie nicht wieder zurückkehren würden. Doch meine Hoffnung bestärkte mich in meinem Gefühl, zuversichtlich zu sein. Ein letztes gemeinsames Gebet, ein paar kurze und gut gemeinte Ratschläge, die ich ihnen mit auf dem Weg gab, und eine letzte Umarmung besiegelte den Beginn der Suchaktion, die, so hoffte ich, nicht länger als sechs Monate dauern würde. Dann sprangen sie in die Beiboote und ruderten der Magdalena entgegen.

Wir, die zurückblieben, verharrten am Strand, bis das Segel der Kogge nicht mehr zu sehen war und am Horizont verschwand.

„Gott mit Euch, meine Brüder!“, flüsterte ich nur. Jetzt überkamen mich das Gefühl und die Frage, ob das alles richtig war. Doch nun war es zu spät, etwas zu ändern. So gingen wir traurig zurück zur Festung und beteten noch einmal für den Schutz unserer Brüder auf See.

Die Tage an Land wurden mit der Jagd verbracht, und mit dem zurückgelassenen Beiboot versuchten einige Männer sich in der Kunst der Fischerei. Ein Netz wurde aus Hanf und Sisal geflochten, die wir aus der alten Welt mitgebracht hatten. Und siehe da, sie hatten Glück. So wurde zum Wild auch Fisch als Ernährungsergänzung getrocknet, gesalzen und gelagert. Es mangelte uns an nichts, und für den, der es nicht anders wusste, war dieser Wald nicht anders als der, den wir zu Hause zurückgelassen hatten. Die Mischung aus Bäumen, Beerengebüsch und diverser Pilzart kam uns allen bekannt vor und unser Medicus frohlockte innerlich jedes Mal, wenn er Kräuter fand, die in seine Behandlungssammlung passten. Außer uns war weit und breit keine Menschenseele zu sehen, und so war die Gefahr gering, dass wir uns gegen feindliche Stämme verteidigen mussten.

Dies hier wurde unsere neue Heimat. Was noch fehlte, war ein Name für die Festung, doch das hatte Zeit. Ich war nun allein mit dem Studium der mitgebrachten Dokumente und Schriftrollen, die mir Cortez überlassen hatte. Nur gut, dass ich Richard an Land behalten hatte, denn ohne ihn hätte ich vieles nicht übersetzen können. Während sich die anderen an Übungen und Gebeten beteiligten, studierten wir zwei die Chroniken vergangener Zeiten. Es handelte sich um Kaufverträge, Urteile, Erbschaften und mathematische Baupläne, die jeden in Erstaunen versetzten. Hermetische Regeln und Philosophien sowie nautische Berechnungen und Zeichnungen über Maschinen, die für unsere Zukunft mehr denn je an Bedeutung gewannen. Formeln und Gesetze, die für den Bau von Gebäuden und Kathedralen unverzichtbar wurden und ein geniales Entschlüsselungssystem, das von den Phöniziern entwickelt und später von den Orden in verbesserter Version verwendet wurde. Ein unerschöpflicher Reichtum an Wissen, und mir stellte sich die Frage, wie die Katharer an solch einen Schatz gekommen waren. Wie kamen sie an die Reliquien, die nun in Paris im Tempel lagerten und die jeder haben wollte, selbst wenn er seine eigene Mutter dafür umbringen müsste. Wie kam diese Sekte an solch ein Eigentum?

Sie, die Katharer, waren damals nicht dabei, als wir den Schatz in Jerusalem unter den Ställen des Salomonischen Tempels fanden. Das konnte nur eines bedeuten: Dass sie sich selbst irgendwann einmal, wahrscheinlich nach der Einnahme Jerusalems, unter den Kreuzfahrern befanden, am Kreuzzug beteiligten und an eine Stelle gerieten, wo sie all diese Schätze fanden. Anders konnte ich es mir nicht erklären. Doch wo war diese Stelle? Die Höhle der Maria Magdalena in Frankreich, das mochte für manche Sachen stimmen. Die Reliquien wie die Nägel der Kreuzigung, die Speerspitze des Longinus und auch den Kelch, das alles konnte Maria Magdalena nach Frankreich aus dem Heiligen Land mitgebracht haben, und die Gebeine mochten dann nach ihrem Tod von dieser Sekte gefunden worden sein. Jedoch all diese Dokumente …? Wie sollte Maria Magdalena an all diese Schriften gekommen sein? Ich glaubte auch nicht, dass sie bei ihrer Flucht zusammen mit Johannes oder Jesus Interesse daran hatte, sich mit solchen Massen an Schriften und Rollen davonzumachen. Nein, diese Schriften mussten sie aus einer anderen Quelle bezogen haben. Mehr und mehr bestätigte sich meine Vermutung, dass wir nicht die Einzigen waren, die etwas sehr Wertvolles in Jerusalem gefunden hatten.

Andererseits − wer sagte, dass dies alles in Jerusalem gefunden wurde? Vielleicht hatten sie es woanders gefunden? Nazareth, Ackon, Jaffa, Caesarea, Judäa oder gar Antiochia, wer konnte das schon wissen? Wieso kannten sie diese Höhle, in der sich Maria befand? Gilles behauptete einst, sie, die Katharer stammten aus Marias und Jesus Blutlinie, doch wenn das stimmen sollte, dann konnten es die Merowinger nicht gewesen sein. Dann müsste man auch dem Vatikan in Rom das Recht entziehen, der Vertreter Gottes und Jesus Christus zu sein, und dieses Privileg müsste man dann den Katharern übertragen. Doch hier stolperte ich über meine eigenen Gedanken. Jesus war Jude, und die Katharer waren es nicht. Sollten sie solch eine Verwandtschaft in Anspruch nehmen, so mussten sie ebenso Juden sein. Doch das waren sie nicht, und als richtige Christen konnte man sie auch nicht bezeichnen. Waren sie überhaupt Christen?

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wusste ich, dass sie eher das Gegenteil waren. Gnostizismus war das Ritual, das sie zu ihrem Gebet verwendeten, und diese Riten ließen sich mit denen des Vatikans nicht vereinbaren. Doch warum waren sie dann an Jesus Christus interessiert? War Jesus selbst ein Gnostiker und distanzierte sich vielleicht von den jüdischen Riten, mit denen er aufgewachsen und groß geworden war? Vergessen wir nicht die Tatsache, dass er sich ständig mit dem Rat und mit Kaifas angelegt hatte und dass diese Männer ihn schließlich ans Kreuz genagelt hatten, wenn es so gewesen war. War also Jesus ein Gnostiker und war dies vielleicht der Grund dafür, dass Gilles behauptete, dass sie, die Katharer, aus seiner Blutlinie stammten? Maria soll angeblich zwei Kinder in Frankreich zur Welt gebracht haben. Die einen sagten, zwei Mädchen, die anderen zwei Jungen. Andere wiederum behaupteten, die zwei Jungen seien schon im Heiligen Land zur Welt gekommen. Vielleicht stimmte aber auch beides. Was für ein unheimliches Durcheinander würde dadurch entstehen und der ganze Kreuzzug würde sich als falsch und sinnlos darstellen. Am Ende war dies auch so, denn Männer wie Hugues, Gottfried, André, Gondamer und die anderen hatten es erlebten und wussten am Ende auch, welch eine Lüge das Ganze war.

Meine Hände krallten sich in mein verschwitztes Haar, als ich mir darüber den Kopf zerbrach, und Furcht und Zweifel überkamen mich nach solchen Fragen. Würde sich Cortez mit Pinzon wieder verbünden, die anderen über Bord werfen lassen und dann mit der Magdalena fliehen? Ich beruhigte mich wieder, als mir einfiel, dass er, Cortez, die Reliquien so sehr wollte und er nur durch mich an sie herankam. Nein, so dumm würde er nicht sein. Auch hatte ich all das Gold und seine Schriften hier bei mir, nicht zu vergessen die Karte, die für die Heimreise wichtig wäre. Also lächelte ich wieder, nahm den Kelch mit dem Wasser, trank daraus und lehnte mich im Sessel zurück.

Die Tage vergingen wie vom Winde verweht. Die Männer arbeiteten Tag und Nacht, damit ihre Gedanken nicht von Sehnsüchten, Versuchungen und Ungewissheit vergiftet wurden. Wir beteten, wie es den Regeln entsprach, mehrmals am Tag. Dadurch kamen wir Gott näher. Er sprach mit uns, indem er uns zeigte, was wir jeden Tag erschufen und wie wir durch unseren Zusammenhalt den wahren Sinn von Liebe und Brüderlichkeit mehr und mehr verstanden. Ja, hier in dieser rauen, weit entfernten Welt spürten wir ihn und sprachen mit ihm. Wir dankten ihm täglich mit unseren Gebeten dafür, dass er uns den richtigen Weg zeigte.

Weihnachten stand vor der Tür und ich erlaubte meinen Männern, die nächsten zwei Tage zu feiern und sich gegenseitig symbolisch zu beschenken. Dabei war es egal, ob es eine Muschel war, ein alter, poröser Lederriemen oder ein aus Holz geschnitztes Werk. Sie sollten die Geburt Christi auch hier, jenseits der alten Welt, nicht vergessen, denn mehr und mehr versuchte ich, ihn wieder zu finden und in meinem Herzen zu spüren. Wir hatten uns in den letzten Jahren so weit von ihm entfernt. Trotz all der Rollen und Schriften, die einem die Augen öffnen sollten, wollte ich es mir nicht einfach machen, von ihm, Jesus, zu lassen. Ich konnte mich sehr gut an den Tag erinnern, als wir aus Jerusalem mit all dem Gefundenen nach Rom zurück segelten und wie mein Vater sich mit Hugue de Payns verbal anlegte und es fast zum Kampf an Bord der Kogge gekommen wäre (siehe Albrechts Chroniken/Weg eines Templers).

Er sagte damals: Nicht die Feder ist es, die Geschichte schreibt, sondern der, der diese führt, und man kann nicht in die Köpfe aller Chronisten schauen, um alles bedingungslos zu glauben. Nun, sei es drum. Am Abend des 25. Dezember des Jahres 1138 und nach der Andacht von Chaplain Rutherford versammelten wir uns um das lodernde Feuer, über dem ein erlegter Hirsch und zwei dieser Truthähne rösteten. Wir speisten, tranken und es gab Wein für diesen Anlass. Ein wolkenloser Himmel beschenkte uns mit seinem Sternenzelt und das Meer berauschte mit dem Klang seiner Brandung. Ob die anderen auf der Magdalena ebenso feierten?

EIN JAHR IST VERGANGEN

Ein Jahr war vergangen, und ich überspringe die Einzelheiten, die in diesem Jahr passierten, als die Magdalena in See stach, um Pinzon zu finden, denn nichts Außergewöhnliches geschah. Wir vergrößerten die Basis, erkundeten die Gegend, fanden neue und bessere Jagdgebiete und Wasserquellen und wiegten uns in der Hoffnung, die Segel der Magdalena bald wieder am Horizont zu sehen.

Doch nichts dergleichen passierte, und ich musste mich ernsthaft fragen, ob ich eine Dummheit begangen hatte, Cortez so leichtfertig die Kogge anvertraut zu haben, auch wenn ich Ascanio das Kommando übergeben hatte. Sollte diese Schlange Cortez Ascanio auf seine Seite gezogen haben und den Rest der Besatzung ebenso, oder hatten sie einfach Pech, waren in einen Sturm geraten und mit Mann und Maus von dieser See verschlungen worden? War der Grund dieses Meeres zu ihrem eigenen Grab geworden? Dann würde ich für ihren Tod die alleinige Schuld tragen und, wer weiß, vielleicht ebenso für uns alle hier an Land. Die alte Heimat würden wir nie wiedersehen und uns damit abfinden müssen, hier in dieser von uns geschaffenen Holzburg den Rest unseres Lebens zu verbringen. Es mangelte uns an nichts und doch konnten wir uns mit der Vorstellung, hier zu verrecken, nicht anfreunden. Dieser Platz war allein als Basis gedacht für die zukünftigen Ordensmänner, die hier eine Unterbringung und ein Lager vorfinden würden, sollten sie eines Tages auf meinen Spuren wandeln. Doch schnell wurde ich an diesem 6. Januar 1140 aus meinen Gedanken gerissen, als ein Bruder, der von der Jagd zurückkam, mich ohne Verzug sprechen wollte. Ich ließ ihn zu mir bitten und reichte ihm einen Becher Wasser, denn er schwitzte und war außer Atem.

„Sprich, Bruder. Was hat dich in solche Erregung versetzt, dass du nach Luft ringst und nicht zu Worte kommst?“

„Ihr werdet es nicht glauben, mein Admiral. Als ich von der Jagd zurückkehren wollte, bemerkte ich einen einzelnen Mann im Wald. Er bemerkte mich nicht, und so versteckte ich mich, um ihn weiter zu beobachten.“

„Ein Eingeborener?“, fragte ich ihn.

„Nein Herr. Eben nicht. Als er seine Höhle wieder verließ, wahrscheinlich um Nahrung zu finden, wagte ich mich hinein. Von innen war diese bequem eingerichtet, doch in der Mitte stand ein Altar. Felle und Schreine aus Wurzelholz füllten jede Ecke des Raumes und Fackeln brannten in ihren Halterungen. Doch jetzt kommt’s, mein Admiral. Ich, Renard Autem, aus der Bourgogne stammend, habe solche Männer in unseren Wäldern zu Hause des Öfteren gesehen. Dieselbe Kleidung, dieselbe Haartracht, dieselbe Einrichtung. Ich war sehr überrascht, so jemanden hier in dieser abgelegenen Welt vorzufinden!“

„Nun spann mich nicht auf die Folter, Mann, und spuck es aus! Was ist das für ein Mann, den du gesehen hast?“

Sichtlich mit sich kämpfend sagte er dann: „Ein Druide.“

Ich sah ihn fragend an und konnte nur mühsam ein Lachen unterdrücken, doch durfte ich diesen Bruder nicht beleidigen.

„Ein Druide, sagst du? Wie kommst du darauf? Einfach nur wegen der Kleidung und der Haarpracht?“

Dann holte Renard Autem etwas aus seinem Lederbeutel, das jeden Zweifel von mir weichen ließ: einen Dolch. Den Knauf des Dolches schmückte ein Wappen, ein Wappen, das ich nie zuvor gesehen hatte. Das warf die dringliche Frage auf, wie dieser Dolch hierhergekommen und wer sein Besitzer war. Hatte ihn vielleicht einer von uns im Wald verloren und dieser Mann war nichts anderes als ein vergessener Ureinwohner, der ihn wiedergefunden und nun seinen Besitz nannte?

„Lass alle antreten, Bruder Renard. Wir müssen klären, ob dieser Dolch jemandem von uns gehört. Vielleicht wird er vermisst und der Mann, den du gesehen hast, hat ihn gefunden und behalten.“

„Das glaube ich nicht, mein Meister und Admiral. Dort, wo ich herkomme, besuchte meine Mutter oft einen Druiden, und wenn dies die Kirche gewusst hätte, wäre sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden!“

„Und was lässt dich glauben, dass ich das nicht ebenso mit ihr tun würde, wären wir nicht hier? Wie du weißt, Bruder, in der alten Welt hätte ich ein solches Geständnis melden müssen.“

„Ich bin oft als Kind mit ihr zu einem Druiden gegangen, besonders da mein Vater und meine Schwester an einer Krankheit litten, die keiner heilen konnte. Nur der Druide fand Linderung für diese Krankheiten. Ich erkannte hier dieselbe Einrichtung wie bei dem Druiden in Frankreich. Der Dolch trägt das Wappen mit dem steinernen Tor: drei große, flache Felsen, der eine links senkrecht stehend und der andere rechts davon, darüber ein horizontal liegender und in der Mitte ein Eingang. Ich habe genau dasselbe Wappen bei uns zu Hause gesehen, als Mutter und ich den Druiden besuchten. Ich sage nicht, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt, aber auf jedem Fall gehört er zum selben Klan!“, versicherte mir Renard.

„Doch wie zum Teufel sind sie oder ist er hierhergekommen?“ Dieser plötzlich aufkommende Gedanke störte mich sehr.

„Das weiß ich nicht, Herr. Doch erlaubt mir hinzuzufügen, dass dieses Wappen zu keinem von uns gehört. Es wäre reine Zeitverschwendung, die Männern danach zu fragen. Vielmehr sollten wir den Druiden dingfest machen und herausfinden, wie er hierhergekommen ist.“

Ich sah Renard lange an und wusste, er hatte recht,

„Such dir drei Mann aus und hol mir deinen Druiden!“

„Zu Befehl, mein Meister!“

Renard entschwand und mein Verstand füllte sich mit Fragen. Ein Druide. Wer würde sich noch hier in dieser so geheimen Welt aufhalten? War diese Welt doch nicht so geheim, wie ich es mir ständig einbildete und hatte vielleicht der Vatikan ebenso seine Zweifel bekommen, ob die Berichte mancher Sympathisanten der Wahrheit entsprachen? Ich musste diesen Mann sehen und mich vergewissern, wer er war. Die ganze Zeit war er uns nicht aufgefallen, doch wir ihm. Vielleicht.

In der Zwischenzeit wurden Jagdfleisch und Fisch getrocknet, Holz gespalten und Reparaturarbeiten an Palisaden und an den Türmen der Festung durchgeführt. Es vergingen weitere zehn Tage und ich vergaß, dass ich Renard mit drei Männern losgeschickt hatte, um den sogenannten Druiden zu finden. Sorgen plagten mich, wenn ich an die Besatzung der Magdalena dachte, denn ohne diesen Kahn würden wir hier nie wieder wegkommen. Sechs Monate gab ich ihnen, doch nun waren ein Jahr und zwei Monate vergangen ohne jegliche Spur oder Nachricht von ihnen. Um mich abzulenken, überprüfte ich die Lagerräume und die Schatzkammer. Der Schatzmeister zeigte mir das Buch mit den Aufzeichnungen der Bestände. Ich nickte ihm zu und übergab ihm das Buch wieder. Plötzlich nahm ich peripher eine schattenhafte, huschende Bewegung wahr und ich erschrak.

„Alles in Ordnung, mein Admiral?“, fragte der Schatzmeister verwundert.

„Hast du das nicht vernommen, Bruder?“, fragte ich leicht erschrocken zurück.

„Was denn, Herr?“

Ich blickte in die Richtung, aus der die Bewegung kam, doch ich sah nichts.

„Nichts, Bruder … wahrscheinlich nur ein Schabernack der Sinne. Ich dachte, ich hätte etwas gesehen. Nun gut, Schatzmeister. Ich lass dich allein.“

Der Schatzmeister verbeugte sich und ich schritt meinen Weg zurück zur Unterkunft. Es begegneten mir viele meiner Templer auf dem Weg. Wir begrüßten uns gegenseitig, und wieder erhaschte ich diese blitzschnelle Bewegung, sodass ich erschrak und fast das Schwert gezogen hätte. Gott sei dank bemerkte es keiner, sonst hätten sie denken können, ihr Admiral habe den Verstand verloren. Doch ich hatte den Verstand nicht verloren.

Ich spürte diesen Schatten. Er war unmittelbar in meiner Nähe und beobachtete jede meiner Bewegungen. Ich dachte an Ali, meinen Haschaschinenbruder, den ich als Aloisius im Orden aufnahm und der mir einst im Lager des alten Raschid viele Dinge beibrachte (siehe Albrechts Chroniken, Weg eines Templers), die mich vor den anderen Brüdern auszeichneten. Er selbst war der schleichende Tod. Im Grunde genommen war Ali sogar besser als dieser Schatten. Ali spürte man nicht. Man starb, ohne zu wissen, wer der Mörder war.

Ich ging weiter und hoffte, dass sich Renard mit seinem Spähtrupp bald wieder blicken lassen und mir diesen Druiden bringen würde. Langsam verspürte ich das Gefühl, dieser Schatten würde ihm, dem Druiden, gehören. Warum ich das spürte, konnte ich mir nicht erklären.

Die Laterne in meiner Unterkunft brannte noch, und so nahm ich an meinem aus hiesigem Holze gezimmerten Schreibtisch Platz. Ich wühlte in den herumgestreuten Unterlagen, um eine Beschäftigung zu finden, die ich noch nicht erledigt hatte, als plötzlich etwas Metallisches meinen Hals berührte. Es fühlte sich an wie eine Klinge, und mein linker Arm wurde grob nach hinten gebogen. Ganz ohne Zweifel, jemand hatte mich in seine Gewalt gebracht. Fast schämte ich mich, dass ihm dies gelungen war. Ich spürte einen stinkenden Atem im Nacken und ich versuchte, mich zu lösen. Doch je mehr ich das versuchte, desto mehr schnitt sich die Klinge in meinen Hals.

„Wer bist du?“, fragte ich nach Luft schnappend.

„Die Frage ist vielmehr, wer du bist, mon frère. Du sprichst die Sprache meiner alten Heimat und doch bist du kein Franke, wie ich es erkenne!“

„Was willst du?“

„Du hast etwas, das mir gehört. Händige es mir aus und ich werde verschwinden!“

„Was soll das sein? Und wie kommst du überhaupt hierher?“

„Fragen, Fragen … Ich sag es dir ein letztes Mal. Gib mir meinen Dolch zurück. Den Dolch, den dein Armseliger aus der Höhle gestohlen hat. Ich werde dann verschwinden und die vier Mann wieder freilassen!“

„Was? Wo sind die …?“

„Aber, aber, mein Bester. Hast du dich nicht gefragt, warum sie solange weg waren? Zehn Tage und keine Spur von ihnen. Ich hatte sie schon am ersten Tag, als sie die Suche nach mir begannen, in die Falle gelockt und festgenommen. Jetzt sind sie meine Geiseln. Also … alles, was ich will, ist mein Dolch und du wirst mich nie wiedersehen.“

„Du bekommst deinen Dolch, doch lass uns gemeinsam sprechen. Ich will wissen, wer du bist und was du hier auf der anderen Seite der alten Welt machst!“

„Wer sagt mir, dass du mir keine Falle stellst und mich nicht tötest. Nein, nein, mein einfältiger, naiver Freund. Es ist besser, wenn mich keiner kennt. Ihr habt euch in meinem Territorium eingenistet. Nach über dreihundert Jahren habt ihr es tatsächlich geschafft, einen Weg hierher zu finden.“

„Dreihundert Jahre? Ihr seid seit dreihundert Jahren schon hier?“

„Nein, du Dummkopf. Ich bin hier zur Welt gekommen. Meine Vorfahren kamen hierher, als sie verfolgt wurden. Geflohen sind sie und begaben sich auf See, ohne ein Ziel vor sich zu haben. Hunderte von uns wurden damals abgeschlachtet, so die Geschichten meiner Ahnen. Wenige haben es hierher geschafft vor dreihundert Jahren. Auch Frauen waren dabei, doch die meisten waren Druiden. Verfolgt von der Kirche und als Hexer abgestempelt, nur weil wir mit der Natur im Einklang lebten. Und ihr? Ihr tragt das Symbol des Todes auf euren Gewändern. Dieses Kreuz, an das euer Zimmermann genagelt wurde. Was wollt ihr hier? Seid ihr vor irgendetwas auf der Flucht?“

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26 mayıs 2021
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