Kitabı oku: «Der Geisterseher»

Yazı tipi:

Friedrich Schiller

Der Geisterseher

Saga

Der Geisterseher

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1789, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726945232

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Erstes Buch

Ich erzähle eine Begebenheit, die vielen unglaublich erscheinen wird, und von der ich grossenteils selbst Augenzeuge war. Den Wenigen, welche von einem gewissen politischen Vorfalle unterrichtet sind, wird sie — wenn anders diese Blätter sie noch am Leben finden — einen willkommenen Aufschluss darüber geben; und auch ohne diesen Schlüssel wird sie den Übrigen, als ein Beitrag zur Geschichte des Betrugs und der Verirrungen des menschlichen Geistes, vielleicht wichtig sein. Man wird über die Kühnheit des Zwecks erstaunen, den die Bosheit zu entwerfen und zu verfolgen imstande ist; man wird über die Seltsamkeit der Mittel erstaunen, die sie aufzubieten vermag, um sich dieses Zwecks zu versichern. Reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn diese Blätter in die Welt treten, bin ich nicht mehr und werde durch den Bericht, den ich abstatte, weder zu gewinnen noch zu verlieren haben.

Es war auf meiner Zurückkreise nach Kurland im Jahre 17** um die Karnevalszeit, als ich den Prinzen von ** in Venedig besuchte. Wir hatten uns in ** schen Kriegsdiensten kennenlernen und erneuerten hier eine Bekanntschaft, die der Friede unterbrochen hatte. Weil ich ohnedies wünschte, das Merkwürdige dieser Stadt zu sehen, und der Prinz nur noch Wechsel erwartete, um nach ** zurückzureisen, so beredete er mich leicht, ihm Gesellschaft zu leisten und meine Abreise so lange zu verschieben. Wir kamen überein, uns nicht voneinander zu trennen, solange unser Aufenthalt in Venedig dauern würde, und der Prinz war so gefällig, mit seine eigene Wohnung im „Mohren” anzubieten.

Er lebte hier unter dem strengsten Inkognito, weil er sich selbst leben wollte und seine geringe Apanage ihm auch nicht verstattet hätte, die Hoheit seines Rangs zu behaupten. Zwei Kavaliere, auf deren Verschwiegenheit er sich vollkommen verlassen konnte, waren nebst einigen treuen Bedienten sein ganzes Gefolge. Den Aufwand vermied er, mehr aus Temperament als aus Sparsamkeit. Er floh die Vergnügungen; in einem Alter von fünfunddreissig Jahren hatte er allen Reizungen dieser wollüstigen Stadt widerstanden. Das schöne Geschlecht war ihm bis jetzt gleichgültig gewesen. Tiefer Ernst und eine schwärmerische Melancholie herrschten in seiner Gemütsart. Seine Neigungen waren still, aber hartnäckig bis zum Übermass, seine Wahl langsam und schüchtern, seine Anhänglichkeit warm und ewig. Mitten in einem geräuschvollen Gewühle von Menschen ging er einsam; in seine eigene Phantasiewelt verschlossen, war er sehr oft ein Fremdling in der wirklichen. Niemand war mehr dazu geboren, sich beherrschen zu lassen, ohne schwach zu sein. Dabei war er unerschrocken und zuverlässig, sobald er einmal gewonnen war, und belass gleich grossen Mut, ein erkanntes Vorurteil zu bekämpfen und für ein anderes zu sterben.

Als der dritte Prinz seines Hauses hatte er keine wahrscheinliche Aussicht zur Regierung. Sein Ehrgeiz war nie erwacht. Seine Leidenschaften hatten eine andere Richtung genommen. Zufrieden, von keinem fremden Willen abzuhängen, fühlte er keine Versuchung, über andere zu herrschen; die ruhige Freiheit des Privatlebens und der Genuss eines geistreichen Umgangs begrenzten alle seine Wünsche. Er las viel, doch ohne Wahl. Eine vernachlässigte Erziehung und frühe Kriegsdienste hatten seinen Geist nicht zur Reife kommen lassen. Alle Kenntnisse, die er nachher schöpfte, vermehrten nur die Verwirrung seiner Begriffe; weil sie auf keinen festen Grund gebaut waren.

Er war Protestant, wie seine ganze Familie — durch Geburt, nicht nach Untersuchung, die er nie angestellt hatte, ob er gleich in einer Epoche seines Lebens religiöser Schwärmer gewesen war. Freimaurer ist er, so viel ich weiss, nie geworden.

Eines Abends, als wir nach Gewohnheit in tiefer Maske und abgesondert auf dem St. Marcusplatz spazierengingen — es fing an, spät zu werden, und das Gedränge hatte sich verloren — bemerkte der Prinz, dass eine Maske uns überall folgte. Die Maske war ein Armenier und ging allein. Wir beschleunigten unsere Schritte und suchten sie durch öftere Veränderung unseres Weges irre zu machen — umsonst, die Maske blieb immer dicht hinter uns. „Sie haben doch keine Intrige hier gehabt?” sagte endlich der Prinz zu mir. „Die Ehemänner in Venedig sind gefährlich.” — „Ich stehe mit keiner einzigen Dame in Verbindung”, gab ich zur Antwort. — „Wir wollen uns hier niedersetzen und deutsch sprechen”, fuhr er fort. „Ich bilde mir ein, man verkennt uns.” Wir setzten uns auf eine steinerne Bank und erwarteten, dass die Maske vorübergehen sollte. Sie kam gerade auf uns zu und nahm ihren Platz dicht an der Seite des Prinzen. Er zog die Uhr heraus und sagte mir laut auf französisch, indem er aufstand: „Neun Uhr vorbei. Kommen Sie. Wir vergessen, dass man uns im Louvre erwartet.” Dies sagte er nur, um die Maske von unserer Spur zu entfernen. „Neun Uhr”, wiederholte sie in eben der Sprache nachdrücklich und langsam. „Wünschen Sie sich Glück, Prinz (indem sie ihn bei seinem wahren Namen nannte). Um neun Uhr ist er gestorben.” — Damit stand sie auf und ging.

Wir sahen uns bestürzt an. — „Wer ist gestorben?” sagte endlich der Prinz nach einer langen Stille. „Lassen Sie uns ihr nachgehen”, sagte ich, „und eine Erklärung fordern.” Wir durchkrochen alle Winkel des Marcusplatzes — die Maske war nicht mehr zu finden. Unbefriedigt kehrten wir nach unserem Gasthof zurück. Der Prinz sagte mir unterwegs nicht ein Wort, sondern ging seitwärts und allein und schien einen gewaltsamen Kampf zu kämpfen, wie er mir auch nachher gestanden hat.

Als wir zu Hause waren, öffnete er zum erstenmal wieder den Mund. „Es ist doch lächerlich”, sagte er, „dass ein Wahnsinniger die Ruhe eines Mannes mit zwei Worten so erschüttern soll.” Wir wünschten uns eine gute Nacht, und sobald ich auf meinem Zimmer war, merkte ich mir in meiner Schreibtafel den Tag und die Stunde, wo es geschehen war. Es war ein Donnerstag.

Am folgenden Abend sagte mir der Prinz: „Wollen wir nicht einen Gang über den Marcusplatz machen und unsern geheimnisvollen Armenier aufsuchen? Mich verlangt doch nach der Entwicklung dieser Komödie.” Ich war’s zufrieden. Wir blieben bis elf Uhr auf dem Platze. Der Armenier war nirgends zu sehen. Das Nämliche wiederholten wir die vier folgenden Abende, und mit keinem bessern Erfolge.

Als wir am sechsten Abend unser Hotel verliessen, — hatte ich den Einfall — ob unwillkürlich oder aus Absicht, besinne ich mich nicht mehr — den Bedienten zu hinterlassen, wo wir zu finden sein würden, wenn nach uns gefragt werden sollte. Der Prinz bemerkte meine Vorsicht und lobte sie mit einer lächelnden Miene. Es war ein grosses Gedränge auf dem Marcusplatz, als wir da ankamen. Wir hatten kaum dreissig Schritte gemacht, so bemerkte ich den Armenier wieder, der sich mit schnellen Schritten durch die Menge arbeitete und mit den Augen jemand zu suchen schien. Eben waren wir im Begriff, ihn zu erreichen, als der Baron von F** aus der Suite des Prinzen atemlos auf uns zu kam und dem Prinzen einen Brief überbrachte. „Er ist schwarz gesiegelt”, setzte er hinzu. „Wir vermuteten, dass es Eile hätte.” Das fiel auf mich wie ein Donnerschlag. Der Prinz war zu einer Laterne getreten und fing an zu lesen. „Mein Cousin ist gestorben!” rief er „Wann?” fiel ich ihm heftig ins Wort. Er sah noch einmal in den Brief. „Vorigen Donnerstag, abends um neun Uhr.”

Wir hatten nicht Zeit, von unserm Erstaunen zurückzukommen, so stand der Armenier unter uns. „Sie sind hier erkannt, gnädigster Herr”, sagte er zu dem Prinzen. „Eilen Sie nach dem Mohren. Sie werden die Abgeordneten des Senats dort finden. Tragen Sie kein Bedenken, die Ehre anzunehmen, die man Ihnen erweisen will. Der Baron von F** vergass Ihnen zu sagen, dass Ihre Wechsel angekommen sind.” Er verlor sich in dem Gedränge.

Wir eilten nach unserm Hotel. Alles fand sich, wie der Armenier es verkündet hatte. Drei Nobili der Republik standen bereit, den Prinzer zu bewillkommnen und ihn mit Pracht nach der Assemblee zu begleiten, wo der hohe Adel der Stadt ihn erwartete. Er hatte kaum so viel Zeit, mir durch einen flüchtigen Wink zu verstehen zu geben, dass ich für ihn wach bleiben möchte.

Nachts gegen elf kam er wieder. Ernst und gedankenvoll trat er ins Zimmer und ergriff meine Hand, nachdem er die Bedienten entlassen hatte. „Graf”, sagte er mit den Worten Hamlets zu mir, „es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wir in unsern Philosophien träumen.”

„Gnädigster Herr”, antwortete ich. „Sie scheinen zu vergessen, dass Sie um eine grosse Hoffnung reicher zu Bette gehen.” (Der Verstorbene war der Erbprinz; der einzige Sohn des regierenden ***, der, alt und kränklich, ohne Hoffnung eigner Sukzession war. Ein Oheim unseres Prinzen, gleichfalls ohne Erben und ohne Aussicht, welche zu bekommen, stand jetzt allein noch zwischen diesem und dem Throne. Ich erwähne dieses Umstandes, weil in der Folge davon die Rede sein wird.)

„Erinnern Sie mich nicht daran”, sagte der Prinz. „Und wenn eine Krone für mich wäre gewonnen worden, ich hätte jetzt mehr zu tun, als dieser Kleinigkeit nachzudenken. — — Wenn dieser Armenier nicht bloss erraten hat” — —

„Wie ist das möglich, Prinz?” fiel ich ein. —

„So will ich Ihnen alle meine fürstlichen Höffnungen für eine Mönchskutte abtreten.”

Den folgenden Abend fanden wir uns zeitiger, als gewöhnlich, auf dem Marcusplatz ein. Ein plötzlicher. Regenguss nötigte uns, in ein Kaffeehaus einzutreten, wo gespielt wurde. Der Prinz stellte sich hinter den Stuhl eines Spaniers und beobachtete das Spiel. Ich war in ein anstossendes Zimmer gegangen, wo ich Zeitungen las. Eine Weile darauf hörte ich Lärmen. Vor der Ankunft des Prinzen war der Spanier unaufhörlich im Verluste gewesen, jetzt gewann er auf alle Karten. Das ganze Spiel ward auffallend verändert, und die Bank war in Gefahr, von dem Pointeur, den diese glückliche Wendung kühner gemacht hatte, aufgefordert zu werden. Ein Venetianer, der sie hielt, sagte dem Prinzen mit beleidigendem Ton — er störe das Glück, und er solle den Tisch verlassen. Dieser sah ihn kalt an und blieb; dieselbe Fassung behielt er, als der Venetianer seine Beleidigung französisch wiederholte. Der letztere glaubte, dass der Prinz beide Sprachen nicht verstehe, und wandte sich mit verachtungsvollem Lachen zu den übrigen: „Sagen Sie mir doch, meine Herren, wie ich mich diesem Balordo verständlich machen soll?” Zugleich stand er auf und wollte den Prinzen beim Arm ergreifen; diesen verliess hier die Geduld, er packte den Venetianer mit starker Hand und warf ihn unsanft zu Boden. Das ganze Haus kam in Bewegung. Auf das Geräusch stürzte ich herein, unwillkürlich rief ich ihn bei seinem Namen. „Nehmen Sie sich in acht, Prinz”, setzte ich mit Unbesonnenheit hinzu, „wir sind in Venedig.” Der Name des Prinzen gebot eine allgemeine Stille, woraus bald ein Gemurmel wurde, das mir gefährlich schien. Alle anwesenden Italiener rotteten sich zu Haufen und traten bei Seite. Einer um den andern verliess den Saal, bis wir uns beide mit dem Spanier und einigen Franzosen allein fanden. „Sie sind verloren, gnädigster Herr”, sagten diese, „wenn Sie nicht sogleich die Stadt verlassen. Der Venetianer, den Sie so übel behandelt haben, ist reich und von Ansehen — es kostet ihm nur fünfzig Zechinen, Sie aus der Welt zu schaffen.” Der Spanier bot sich an, zur Sicherheit des Prinzen Wache zu holen und uns selbst nach Hause zu begleiten. Dasselbe wollten auch die Franzosen. Wir standen noch und überlegten, was zu tun wäre, als die Türe sich öffnete und einige Bedienten der Staatsinquisition hereintraten. Sie zeigten uns eine Order der Regierung, worin uns beiden befohlen ward, ihnen schleunig zu folgen. Unter einer starken Bedeckung führte man uns bis zum Kanal. Hier erwartete uns eine Gondel, in die wir uns setzen mussten. Ehe wir ausstiegen, wurden uns die Augen verbunden. Man führte uns eine grosse steinerne Treppe hinauf und dann durch einen langen gewundenen Gang über Gewölbe, wie ich aus dem vielfachen Echo schloss, das unter unsern Füssen hallte. Endlich gelangten wir vor eine andere Treppe, welche uns sechsundzwanzig Stufen in die Tiefe hinunter führte. Hier öffnete sich ein Saal, wo man uns die Binde wieder von den Augen nahm. Wir befanden uns in einem Kreise ehrwürdiger alter Männer, alle schwarz gekleidet, der ganze Saal mit schwarzen Tüchern behangen und sparsam erleuchtet, eine Totenstille in der ganzen Versammlung, welches einen schreckhaften Eindruck machte. Einer von diesen Greisen, vermutlich der oberste Staatsinquisitor, näherte sich dem Prinzen und fragte ihn mit einer feierlichen Miene, während man ihm den Venetianer Vorführte:

„Erkennen Sie diesen Menschen für den nämlichen, der Sie auf dem Kaffeehause beleidigt hat?”

„Ja”, antwortete der Prinz.

Darauf wandte jener sich zu dem Gefangenen: „Ist das dieselbe Person, die Sie heute Abend wollten ermorden lassen?”

Der Gefangene, antwortete mit Ja.

Sogleich öffnete sich der Kreis, und mit Entsetzen sahen wir den Kopf des Venetianers vom Rumpfe trennen. „Sind Sie mit dieser Genugtuung zufrieden?” fragte der Staatsinquisitor. — Der Prinz lag ohnmächtig in den Armen seiner Begleiter. — „Gehen Sie nun”, fuhr jener mit einer schrecklichen Stimme fort, indem er sich gegen mich wandte, „und urteilen Sie künftig weniger vorschnell von der Gerechtigkeit in Venedig.”

Wer der verborgene Freund gewesen, der uns durch den schnellen Arm der Justiz von einem gewissen Tode errettet hatte, konnten wir nicht erraten. Starr vor Schrecken erreichten wir unsere Wohnung. Es war nach Mitternacht. Der Kammerjunker von Z** erwartete uns mit Ungeduld an der Treppe.

„Wie gut war es, dass Sie geschickt haben!” sagte er zum Prinzen, indem er uns leuchtete. — „Eine Nachricht, die der Baron von F** gleich nachher vom Marcusplatz nach Hause brachte, hätte uns wegen Ihrer in die tödlichste Angst gesetzt.”

„Geschickt hätte ich? Wann? Ich weiss nichts davon!”

„Diesen Abend nach acht Uhr. Sie liessen uns sagen, dass wir ganz ausser Sorgen sein dürften, wenn Sie heute etwas später nach Hause kämen.”

Hier sah der Prinz mich an. „Haben Sie vielleicht ohne mein Wissen diese Sorgfalt gebraucht?”

Ich wusste von gar nichts.

„Es muss doch wohl so sein, Ihro Durchlaucht”, sagte der Kammerjunker — „denn hier ist ja Ihre Repetieruhr, die Sie zur Sicherheit mit schickten.” Der Prinz griff nach der Uhrtasche. Die Uhr war wirklich fort, und er erkannte jene für die seinige. „Wer brachte sie?” fragte er mit Bestürzung.

„Eine unbekannte Maske, in armenischer Kleidung, die sich sogleich wieder entfernte.”

Wir standen und sahen uns an. — „Was halten Sie davon?” sagte endlich der Prinz nach einem langen Stillschweigen. „Ich habe hier einen verborgenen Aufseher in Venedig.”

Der schreckliche Auftritt dieser Nacht hatte dem Prinzen ein Fieber zugezogen, das ihn acht Tage nötigte, das Zimmer zu hüten. In dieser Zeit wimmelte unser Hotel von Einheimischen und Fremden, die der entdeckte Stand des Prinzen herbeigelockt hatte. Man wetteiferte unter einander, ihm Dienste anzubieten, jeder suchte nach seiner Art sich geltend zu machen. Des ganzen Vorgangs in der Staatsinquisition wurde nicht mehr erwähnt. Weil der Hof zu ** die Abreise des Prinzen noch aufgeschoben wünschte, so erhielten einige Wechsler in Venedig Anweisung, ihm beträchtliche Summen auszuzahlen. So ward er wider Willen in den Stand gesetzt, seinen Aufenthalt in Italien zu verlängern, und auf sein Bitten entschloss ich mich auch, meine Abreise noch zu verschieben.

Sobald er soweit genesen war, um das Zimmer wieder verlassen zu können, beredete ihn der Arzt, eine Spazierfahrt auf der Brenta zu machen, um die Luft zu verändern. Das Wetter war hell, und die Partie ward angenommen. Als wir eben im Begriff waren, in die Gondel zu steigen, vermisste der Prinz den Schlüssel zu einer kleinen Schatulle, die sehr wichtige Papiere enthielt. Sogleich kehrten wir um, ihn zu suchen. Er besann sich auf das genaueste, die Schatulle noch den vorigen Tag verschlossen zu haben, und seit dieser Zeit war er nicht aus dem Zimmer gekommen. Aber alles Suchen war umsonst, wir mussten davon abstehen, um die Zeit nicht zu verlieren. Der Prinz, dessen Seele über jeden Argwohn erhaben war, erklärte ihn für verloren, und bat uns, nicht weiter davon zu sprechen.

Die Fahrt war die angenehmste. Eine malerische Landschaft, die mit jeder Krümmung des Flusses sich an Reichtum und Schönheit zu übertreffen schien — der heiterste Himmel, der mitten im Hornung einen Maientag bildete — reizende Gärten und geschmackvolle Landhäuser ohne Zahl, welche beide Ufer der Brenta schmücken — hinter uns das majestätische Venedig, mit hundert aus dem Wasser springenden Türmen und Masten, alles dies gab uns das herrlichste Schauspiel von der Welt. Wir überliessen uns ganz dem wohltätigen Zauber dieser schönen Natur, unsere Laune war die heiterste, der Prinz selbst verlor seinen Ernst und wetteiferte mit uns in fröhlichen Scherzen. Eine lustige Musik schallte uns entgegen, als wir einige italienische Meilen von der Stadt ans Land stiegen. Sie kam aus einem kleinen Dorfe, wo eben Jahrmarkt gehalten wurde; hier wimmelte es von Gesellschaft aller Art. Ein Trupp junger Mädchen und Knaben, alle theatralisch gekleidet, bewillkommte uns mit einem pantomimischen Tanz. Die Erfindung war neu, Leichtigkeit und Grazie beseelten jede Bewegung. Ehe der Tanz noch völlig zu Ende war, schien die Anführerin desselben, welche eine Königin vorstellte, plötzlich wie von einem unsichtbaren Arme gehalten. Leblos stand sie und alles. Die Musik schwieg. Kein Odem war zu hören in der ganzen Versammlung, und sie stand da, den Blick auf die Erde geheftet, in einer tiefen Erstarrung. Auf einmal fuhr sie mit der Wut der Begeisterung in die Höhe, blickte wild um sich her. — „Ein König ist unter uns”, rief sie, riss ihre Krone vom Haupt und legte sie — zu den Füssen des Prinzen. Alles, was da war, richtete hier die Augen auf ihn, lange Zeit ungewiss, ob Bedeutung in diesem Gaukelspiel wäre, so sehr hatte der affektvolle Ernst dieser Spielerin getäuscht. — Ein allgemeines Händeklatschen des Beifalls unterbrach endlich diese Stille. Meine Augen suchten den Prinzen. Ich bemerkte, dass er nicht wenig betroffen war und sich Mühe gab, den forschenden Blicken der Zuschauer auszuweichen. Er warf Geld unter diese Kinder und eilte, aus dem Gewühle zu kommen.

Wir hatten nur wenige Schritte gemacht, als ein ehrwürdiger Barfüsser sich durch das Volk arbeitete und dem Prinzen in den Weg trat. „Herr”, sagte der Mönch, „gib der Madonna von deinem Reichtum, du wirst ihr Gebet brauchen.” Er sprach dies mit einem Tone, der uns betreten machte. Das Gedränge riss ihn weg.

Unser Gefolge war unterdessen gewachsen. Ein englischer Lord, den der Prinz schon in Nizza gesehen hatte, einige Kaufleute aus Livorno, ein deutscher Domherr, ein französischer Abbé mit einigen Damen, und ein russischer Offizier gesellten sich zu uns. Die Physiognomie des letzteren hatte etwas ganz Ungewöhnliches, das unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Nie in meinem Leben sah ich so viele Züge und so wenig Charakter, so viel anlockendes Wohlwollen mit so viel zurückstossendem Frost in einem Menschengesichte beisammen wohnen. Alle Leidenschaften schienen darin gewühlt und es wieder verlassen zu haben. Nichts war übrig als der stille, durchdringende Blick eines vollendeten Menschenkenners, der jedes Auge verscheuchte, worauf er traf. Dieser seltsame Mensch folgte uns von weitem, schien aber an allem, was vorging, nur einen nachlässigen Anteil zu nehmen.

Wir kamen vor einer Bude zu stehen, wo Lotterie gezogen wurde. Die Damen setzten ein, wir andern folgten ihrem Beispiel; auch der Prinz forderte ein Los. Es gewann eine Tabatiere. Als er sie aufmachte, sah ich ihn blass zurückfahren. — Der Schlüssel lag darin.

„Was ist das?” sagte der Prinz zu mir, als wir einen Augenblick allein waren. „Eine höhere Gewalt verfolgt mich. Allwissenheit schwebt um mich. Ein unsichtbares Wesen, dem ich nicht entfliehen kann, bewacht alle meine Schritte. Ich muss den Armenier aufsuchen und muss Licht von ihm haben.”

Die Sonne neigte sich zum Untergang, als wir vor dem Lusthause ankamen, wo das Abendessen serviert war. Der Name des Prinzen hatte unsere Gesellschaft bis zu sechzehn Personen vergrössert. Ausser den oben erwähnten war noch ein Virtuose aus Rom, einige Schweizer und ein Aventurier aus Palermo, der Uniform trug und sich für einen Kapitän ausgab, zu uns gestossen. Es ward beschlossen, den ganzen Abend hier zuzubringen und mit Fackeln nach Hause zu fahren. Die Unterhaltung bei Tische war sehr lebhaft, und der Prinz konnte nicht umhin, die Begebenheit mit dem Schlüssel zu erzählen, welche eine allgemeine Verwunderung erregte. Es wurde heftig über diese Materie gestritten. Die meisten aus der Gesellschaft behaupteten dreist weg, dass alle diese geheimen Künste auf eine Taschenspielerei hinausliefen; der Abbé, der schon viel Wein bei sich hatte, forderte das ganze Geisterreich in die Schranken heraus; der Engländer sagte Blasphemien; der Musikus machte das Kreuz vor dem Teufel. Wenige, worunter der Prinz war, hielten dafür, dass man sein Urteil über diese Dinge zurückhalten müsse; währenddessen unterhielt sich der russische Offizier mit den Frauenzimmern und schien das ganze Gespräch nicht zu achten. In der Hitze des Streits hatte man nicht bemerkt, dass der Sizilianer hinausgegangen war. Nach Verfluss einer kleinen halben Stunde kam er wieder, in einen Mantel gehüllt, und stellte sich hinter den Stuhl des Franzosen. „Sie haben vorhin die Bravoure geäussert, es mit allen Geistern aufzunehmen — wollen Sie es mit einem versuchen?”

„Topp!” sagte der Abbé — „wenn Sie es auf sich nehmen wollen, mir einen herbeizuschaffen.”

„Das will ich”, antwortete der Sizilianer (indem er sich gegen uns kehrte), „wenn diese Herren und Damen uns werden verlassen haben.”

„Warum das?” rief der Engländer. „Ein herzhafter Geist fürchtet sich vor keiner lustigen Gesellschaft.”

„Ich stehe nicht für den Ausgang”, sagte der Sizilianer.

„Um des Himmels willen! Nein!” schrien die Frauenzimmer an dem Tische, und fuhren erschrocken von ihren Stühlen.

„Lassen Sie Ihren Geist kommen”, sagte der Abbé trotzig; „aber warnen Sie ihn vorher, dass es hier spitzige Klingen gibt” (indem er einen von den Gästen um seinen Degen bat).

„Das mögen Sie alsdann halten, wie Sie wollen”, antwortete der Sizilianer kalt, „wenn Sie nachher noch Lust dazu haben.” Hier kehrte er sich zum Prinzen. „Gnädigster Herr”, sagte er zu diesem, „Sie behaupten, dass Ihr Schlüssel in fremden Händen gewesen. — Können Sie vermuten, in welchen?”

„Nein.”

„Raten Sie auch auf niemand?”

„Ich hatte freilich einen Gedanken” —

„Würden Sie die Person erkennen, wenn Sie sie vor sich sähen?”

„Ohne Zweifel.”

Hier schlug der Sizilianer seinen Mantel zurück und zog einen Spiegel hervor, den er dem Prinzen vor die Augen hielt.

„Ist es diese?”

Der Prinz trat mit Schrecken zurück.

„Was haben Sie gesehen?” fragte ich.

„Den Armenier.”

Der Sizilianer verbarg seinen Spiegel wieder unter dem Mantel. „War es dieselbe Person, die Sie meinen?” fragte die ganze Gesellschaft den Prinzen.

„Die nämliche.”

Hier veränderte sich jedes Gesicht, man hörte auf zu lachen. Alle Augen hingen neugierig an dem Sizilianer.

„Monsieur l’Abbé, das Ding wird ernsthaft”, sagte der Engländer; „ich riet’ Ihnen, auf den Rückzug zu denken.”

„Der Kerl hat den Teufel im Leibe”, schrie der Franzose, und lief aus dem Hause, die Frauenzimmer stürzten mit Geschrei aus dem Saal, der Virtuose folgte ihnen, der deutsche Domherr schnarchte in einem Sessel, der Russe blieb wie bisher gleichgültig sitzen.

„Sie wollten vielleicht nur einen Grosssprecher zum Gelächter machen”, fing der Prinz wieder an, nachdem jene hinaus waren — „oder hätten Sie wohl Lust, uns Wort zu halten?”

„Es ist wahr”, sagte der Sizilianer. „Mit dem Abbé war es mein Ernst nicht, ich tat ihm den Antrag nur, weil ich wusste, dass die Memme mich nicht beim Wort nehmen würde. — Die Sache selbst ist übrigens zu ernsthaft, um bloss einen Scherz damit auszuführen.”

„Sie räumen also doch ein, dass sie in Ihrer Gewalt ist?”

Der Magier schwieg eine lange Zeit und schien den Prinzen sorgfältig mit den Augen zu prüfen.

„Ja”, antwortete er endlich.

Die Neugierde des Prinzen war bereits auf den höchsten Grad gespannt. Mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen, war ehedem seine Lieblingsschwärmerei gewesen, und seit jener ersten Erscheinung des Armeniers hatten sich alle Ideen wieder bei ihm gemeldet, die seine reifere Vernunft so lange abgewiesen hatte. Er ging mit dem Sizilianer bei Seite, und ich hörte ihn sehr angelegentlich mit ihm unterhandeln.

„Sie haben hier einen Mann vor sich”, fuhr er fort, „der vor Ungeduld brennt, in dieser wichtigen Materie es zu einer Überzeugung zu bringen. Ich würde denjenigen als meinen Wohltäter, als meinen ersten Freund umarmen, der hier meine Zweifel zerstreute und die Decke von meinen Augen zöge. — Wollen Sie sich dieses grosse Verdienst um mich erwerben?”

„Was verlangen Sie von mir?” sagte der Magier mit Bedenken.

„Für jetzt nur eine Probe Ihrer Kunst. Lassen Sie mich eine Erscheinung sehen.”

„Wozu soll, das führen?”

„Dann mögen Sie aus meiner näheren Bekanntschaft urteilen, ob ich eines höhern Unterrichts wert bin.”

„Ich schätze Sie über alles, gnädigster Prinz. Eine geheime Gewalt in Ihrem Angesichte, die Sie selbst noch nicht kennen, hat mich beim ersten Anblick unwiderstehlich an Sie gebunden. Sie sind mächtiger, als Sie selbst wissen. Sie haben unumschränkt über meine ganze Gewalt zu gebieten — aber —”

„Also lassen Sie mich eine Erscheinung sehen.”

„Aber ich muss erst gewiss sein, dass Sie diese Forderung nicht aus Neugierde an mich machen. Wenn gleich die unsichtbaren Kräfte mir einigermassen zu Willen sind, so ist es unter der heiligen Bedingung, dass ich die heiligen Geheimnisse nicht profaniere, dass ich meine Gewalt nicht missbrauche.”

„Meine Absichten sind die reinsten. Ich will Wahrheit.”

Hier verliessen sie ihren Platz und traten zu einem entfernten Fenster, wo ich sie nicht weiter hören konnte. Der Engländer, der diese Unterredung gleichfalls mit angehört hatte, zog mich auf die Seite.

„Ihr Prinz ist ein edler Mann. Ich beklage, dass er sich mit einem Betrüger einlässt.”

„Es wird darauf ankommen”, sagte ich, „wie er sich aus dem Handel zieht.”

„Wissen Sie was?”, sagte der Engländer: „Jetzt macht der arme Teufel sich kostbar. Er wird seine Kunst nicht auskramen, bis er Geld klingen hört. Es sind unser neun. Wir wollen eine Kollekte machen und ihn durch einen hohen Preis in Versuchung führen. Das bricht ihm den Hals und öffnet vielleicht Ihrem Prinzen die Augen.”

„Ich bin’s zufrieden.”

Der Engländer warf sechs Guineen auf einen Teller und sammelte in der Reihe herum. Jeder gab einige Louis; den Russen besonders schien unser Vorschlag ungemein zu interessieren, er legte eine Banknote von hundert Zechinen auf den Teller — eine Verschwendung, über welche der Engländer erstaunte. Wir brachten die Kollekte dem Prinzen. „Haben Sie die Güte”, sagte der Engländer, „bei diesem Herrn für uns fürzusprechen, dass er uns eine Probe seiner Kunst sehen lasse und diesen kleinen Beweis unsrer Erkenntlichkeit annehme.” Der Prinz legte noch einen kostbaren Ring auf den Teller und reichte ihn dem Sizilianer. Dieser bedachte sich einige Sekunden. — „Meine Herren und Gönner”, fing er darauf an, „diese Grossmut beschämt mich. — Es scheint, dass Sie mich verkennen — aber ich gebe Ihrem Verlangen nach. Ihr Wunsch soll erfüllt werden (indem er eine Glocke zog). Was dieses Gold betrifft, worauf ich selber kein Recht habe, so werden Sie mir erlauben, dass ich es in dem nächsten Benediktinerkloster für milde Stiftungen niederlege. Diesen Ring behalte ich als ein schätzbares Denkmal, das mich an den würdigsten Prinzen erinnern soll.”

Hier kam der Wirt, dem er das Geld sogleich überlieferte.

„Und er ist dennoch ein Schurke”, sagte mir der Engländer ins Ohr. „Das Geld schlägt er aus, weil ihm jetzt mehr an dem Prinzen gelegen ist.”

„Oder der Wirt versteht seinen Auftrag”, sagte ein anderer.

„Wen verlangen Sie?” fragte jetzt der Magier den Prinzen.

Der Prinz besann sich einen Augenblick — „Lieber gleich einen grossen Mann”, rief der Lord. „Fordern Sie den Papst Ganganelli. Dem Herrn wird das gleich wenig kosten.”

Der Sizilianer biss sich in die Lippen. — „Ich darf keinen zitieren, der die Weihung empfangen hat.”

„Das ist schlimm”, sagte der Engländer. „Vielleicht hätten wir von ihm erfahren, an welcher Krankheit er gestorben ist.”

„Der Marquis von Lanoy”, nahm der Prinz jetzt das Wort, „war französischer Brigadier im vorigen Kriege und mein vertrautester Freund. In der Bataille bei Hastenbeck empfing er eine tödliche Wunde, man trug ihn nach meinem Zelte, wo er bald darauf in meinen Armen starb. Als er schon mit dem Tode rang, winkte er mich noch zu sich. „Prinz”, fing er an, „ich werde mein Vaterland nicht wiedersehen, erfahren Sie also ein Geheimnis, wozu niemand, als ich, den Schlüssel hat. In einem Kloster auf der flandrischen Grenze lebt eine — —” hier verschied er. Die Hand des Todes zertrennte den Faden seiner Rede; ich möchte ihn hier haben und die Fortsetzung hören.”

„Viel gefordert, bei Gott!” rief der Engländer. „Ich erkläre sie für einen zweiten Salomo, wenn Sie diese Aufgabe lösen.” —

Wir bewunderten die sinnreiche Wahl des Prinzen und gaben ihr einstimmig unsern Beifall. Unterdessen ging der Magier mit starken Schritten auf und nieder und schien unentschlossen mit sich selbst zu kämpfen.

„Und das war alles, was der Sterbende Ihnen zu hinterlassen hatte?”

„Alles.”

„Taten Sie keine weiteren Nachfragen deswegen in seinem Vaterlande?”

„Sie waren alle vergebens.”

„Der Marquis von Lanoy hatte untadelhaft gelebt? — Ich darf nicht jeden Toten rufen.”

„Er starb mit Reue über die Ausschweifungen seiner Jugend.”

„Tragen Sie irgend etwa ein Andenken von ihm bei sich?”

„Ja.” (Der Prinz führte wirklich eine Tabatiere bei sich, worauf das Miniaturbild des Marquis in Emaille war und die es bei der Tafel neben sich hatte liegen gehabt.)

„Ich verlange es nicht zu wissen — — Lassen Sie mich allein. Sie sollen den Verstorbenen sehen.”

Wir wurden gebeten, uns so lange in den andern Papillon zu begeben, bis er uns rufen würde. Zugleich liess er alle Möbel aus dem Saale räumen, die Fenster ausheben und die Läden auf das genaueste verschiliessen. Dem Wirt, mit dem er schon vertraut zu sein schien, befahl er, ein Gefäss mit Hause sorgfältig mit Wasser zu löschen. Ehe wir weggingen, nahm er von jedem insbesondere das Ehrenwort, ein ewiges Stillschweigen über das zu beobachten, was wir sehen und hören würden. Hinter uns wurden alle Zimmer auf diesem Pavillon verriegelt.

Es war nach elf Uhr, und eine tiefe Stille herrschte im ganzen Hause. Beim Hinausgehen fragte mich der Russe, ob wir geladene Pistolen bei uns hätten? — „Wozu?” sagte ich. — „Es ist für alle Fälle”, verletzte er. „Warten Sie einen Augenblick, ich will mich darnach umsehen.” Er entfernte sich. Der Baron von F** und ich öffneten ein Fenster, das jenem Pavillon gegenüber sah, und es kam uns vor, als hörten wir zwei Menschen zusammen flüstern und ein Geräusch, als ob man eine Leiter anlegte. Doch war das nur eine Mutmassung, und ich getraute mir nicht, sie für wahr auszugeben. Der Russe kam mit einem Paar Pistolen zurück, nachdem er eine halbe Stunde ausgeblieben war. Wir sahen ihn sie scharf laden. Es war beinahe zwei Uhr, als der Magier wieder erschien und uns ankündigte, dass es Zeit wäre. Ehe wir hineintraten, ward uns befohlen, die Schuhe auszuziehen und im blossen Hemde, Strümpfen und Untērkleidern zu erscheinen. Hinter uns wurde, wie das erstemal, verriegelt.

Wir fanden, als wir in den Saal zurückkamen, mit einer Kohle einen weiten Kreis beschrieben, der uns alle zehn bequem fassen konnte. Rings herum an allen vier Wänden des Zimmers waren die Dielen weggehoben, das wir gleichsam auf einer Insel standen. Ein Altar, mit schwarzem Tuch behangen, stand mitten im Kreis errichtet, unter welchen ein Teppich von rotem Atlas, gebreitet war. Eine chaldäische Bibel lag bei einem Totenkopf aufgeschlagen auf dem Altar, und ein silbernes Kruzifix war darauf festgemacht. Statt der Kerzen brannte Spiritus in einer silbernen Kapsel. Ein dicker Rauch von Olibanum verfinsterte den Saal, davon das Licht beinahe erstickte. Der Beschwörer war entkleidet, wie wir, aber barfuss; um den blossen Hals trug er ein Amulett an einer Kette von Menschenhaaren, um die Lenden hatte er eine weisse Schürze geschlagen, die mit geheimen Chiffern und symbolischen Figuren bezeichnet war. Er hiess uns einander die Hände reichen und eine tiefe Stille beobachten; vorzüglich empfahl er uns, ja keine Frage an die Erscheinung zu tun. Den Engländer und mich (gegen uns beide schien er das meiste Misstrauen zu hegen) ersuchte er, zwei blosse Degen unverrückt und kreuzweise, einen Zoll hoch, über seinem Scheitel zu halten, solange die Handlung dauern würde. Wir standen in einem halben Mond um ihn herum, der russische Offizier drängte sich dicht an den Engländer und stand zunächst an dem Altar. Das Gesicht gegen Morgen gerichtet, stellte sich der Magier jetzt auf den Teppich, sprengte Weihwasser nach allen vier Weltgegenden und neigte sich dreimal gegen die Bibel. Eine halbe Viertelstunde dauerte die Beschwörung, von welcher wir nichts verstanden; nach Endigung derselben gab er denen, die zunächst hinter ihm standen, ein Zeichen, dass sie ihn jetzt fest bei den Haaren fassen sollten. Unter den heftigsten Zuckungen rief er den Verstorbenen dreimal mit Namen, und das drittemal streckte er nach dem Kruzifix die Hand aus — —

Auf einmal empfanden wir alle zugleich einen Streich wie vom Blitze, dass unsere Hände auseinanderflogen; ein plötzlicher Donnerschlag erschütterte das Haus, alle Schlösser klangen, alle Türen schlugen zusammen, der Deckel an der Kapsel fiel zu, das Licht löschte aus, und an der entgegenstehenden Wand über dem Kamine zeigte sich eine menschliche Figur, im blutigen Hemde, bleich und mit dem Gesicht eines Sterbenden.

„Wer ruft mich?” sagte eine hohle, kaum hörbare Stimme.

„Dein Freund”, antwortete der Beschwörer, „der dein Andenken ehrt und für deine Seele betet”, zugleich nannte er den Namen des Prinzen.

Die Antworten erfolgten immer nach einem sehr grossen Zwischenraum.

„Was verlangt er?” fuhr diese Stimme fort.

„Dein Bekenntnis will er zu Ende hören, das du in dieser Welt angefangen und nicht beschlossen hast:

In einem Kloster auf der flandrischen Grenze lebt — — —”

Hier erzitterte das Haus von neuem. Die Türe sprang freiwillig unter einem heftigen Donnerschlag auf, ein Blitz erleuchtete das Zimmer, und eine andere körperliche Gestalt, blutig und blass wie die erste, aber schrecklicher, erschien an der Schwelle. Der Spiritus fing von selbst wieder an zu brennen, und der Saal wurde helle wie zuvor.

„Wer ist unter uns?” rief der Magier erschrocken und warf einen Blick des Entsetzens durch die Versammlung — „Dich habe ich nicht gewollt.”

Die Gestalt ging mit majestätischem leisen Schritt gerade auf den Altar zu, stellte sich auf den Teppich, uns gegenüber, und fasste das Kruzifix. Die erste Figur sahen wir nicht mehr.

„Wer ruft mich?” sagte diese zweite Erscheinung.

Der Magier fing an heftig zu zittern. Schrecken und Erstaunen hatten uns gefesselt. Ich griff nach einer Pistole, der Magier riss sie mir aus der Hand und drückte sie auf die Gestalt ab. Die Kugel rollte langsam auf dem Altar, und die Gestalt trat unverändert aus dem Rauche. Jetzt sank der Magier ohnmächtig nieder.

„Was wird das?” rief der Engländer voll Erstaunen und wollte einen Streich mit dem Degen nach ihr tun. Die Gestalt berührte seinen Arm, und die Klinge fiel zu Boden. Hier trat der Angstschweiss auf meine Stirn. Baron F** gestand uns nachher, dass er gebetet habe. Diese ganze Zeit über stand der Prinz sprachlos und ruhig, die Augen starr auf die Erscheinung gerichtet.

„Ja! Ich erkenne dich”, rief er endlich voll Rührung aus, „du bist Lanoy, du bist mein Freund — — Woher kommst du?”

„Die Ewigkeit ist stumm. Frage mich aus dem vergangenen Leben.”

„Wer lebt in dem Kloster, das du mir bezeichnet hast?”

„Meine Tochter.”

„Wie? Du bist Vater gewesen?”

„Weh mir, dass ich es zu wenig war!”

„Bist du nicht glücklich, Lanoy?”

„Gott hat gerichtet.”

„Kann ich dir auf dieser Welt noch einen Dienst erzeigen?”

„Keinen, als an dich selbst zu denken.”

„Wie muss ich das?”

„In Rom wirst du es erfahren.”

Hier erfolgte ein neuer Donnerschlag — eine schwarze Rauchwolke erfüllte das Zimmer; als sie zerflossen war, fanden wir keine Gestalt mehr. Ich stiess einen Fensterladen auf. Es war Morgen.

Jetzt kam auch der Magier aus seiner Betäubung zurück. „Wo sind wir?” rief er aus, als er Tageslicht erblickte. Der russische Offizier stand dicht hinter ihm und sah ihm über die Schulter. „Taschenspieler”, sagte er mit schrecklichem Blick zu ihm, „du wirst keinen Geist mehr rufen.”

Der Sizilianer drehte sich um, sah ihm genauer ins Gesicht, tat einen lauten Schrei und stürzte zu seinen Füssen.

Jetzt sahen wir alle auf einmal den vermeintlichen Russen an. Der Prinz erkannte in ihm ohne Mühe die Züge seines Armeniers wieder, und das Wort, das er eben hervorstottern wollte, erstarb auf seinem Munde. Schrecken und Überraschung hatten uns alle wie versteinert. Lautlos und unbeweglich starrten wir dieses geheimnisvolle Wesen an, das uns mit einem Blicke stiller Gewalt und Grösse durchschaute. Eine Minute dauerte dies Schweigen — und wieder eine. Kein Odem war in der ganzen Versammlung.

Einige kräftige Schläge an die Tür brachten uns endlich wieder zu uns selbst. Die Tür fiel zertrümmert in den Saal, und herein drangen Gerichtsdiener mit Wache. „Hier finden wir sie ja beisammen!” rief der Anführer und wandte sich zu seinen Begleitern. „Im Namen der Regierung!” rief er uns zu. „Ich verhafte euch.” Wir hatten nicht so viele Zeit, uns zu besinnen; in wenigen Augenblicken waren wir umringt. Der russische Offizier, den ich jetzt wieder den Armenier nenne, zog den Anführer der Häscher auf die Seite, und so viel mir die Verwirrung zuliess, bemerkte ich, dass er ihm einige Worte heimlich ins Ohr sagte und etwas Schriftliches vorzeigte. Sogleich verliess ihn der Häscher mit einer stummen und ehrerbietigen Verbeugung, wandte sich darauf zu uns und nahm seinen Hut ab. „Vergeben Sie, meine Herren”, sagte er, „dass ich Sie mit diesem Betrüger vermengen konnte. Ich will nicht fragen, wer Sie sind — aber dieser Herr versichert mir, dass ich Männer von Ehre vor mir habe.” Zugleich winkte er seinen Begleitern, von uns abzulassen. Den Sizilianer befahl er wohl zu bewachen und zu binden. „Der Bursche da ist überreif”, setzte er hinzu. „Wir haben schon sieben Monate auf ihn gelauert.”

Dieser elende Mensch war wirklich ein Gegenstand des Jammers. Der doppelte Schrecken der zweiten Geistererscheinung und dieses unerwarteten Überfalls hatte seine Besinnungskraft überwältigt. Er liess sich binden wie ein Kind; die Augen lagen weit aufgesperrt und stier in einem totenähnlichen Gesicht, und seine Lippen bebten in stillen Zuckungen, ohne einen Laut auszustossen. Jeden Augenblick erwarteten wir einen Ausbruch von Konvulsionen, Der Prinz fühlte Mitleid mit seinem Zustand und unternahm es, seine Loslassung bei dem Gerichtsdiener auszuwirken, dem er sich zu erkennen gab.

„Gnädigster Herr”, sagte dieser, „wissen Sie auch, wer der Mensch ist, für welchen Sie sich so grossmütig verwenden? Der Betrug, den er Ihnen zu spielen gedachte, ist sein geringstes Verbrechen. Wir haben seine Helfershelfer. Sie sagen abscheuliche Dinge von ihm aus. Er mag sich noch glücklich preisen, wenn er mit der Galeere davonkommt.”

Unterdessen sahen wir auch den Wirt nebst seinen Hausgenossen, mit Stricken gebunden, über den Hof führen. — „Auch dieser?” rief der Prinz. „Was hat denn dieser verschuldet?” — „Er war sein Mitschuldiger und Hehler”, antwort̄ete der Anführer der Häscher, „der ihm zu seinen Taschenspielerstückchen und Diebereien behilflich gewesen und seinen Raub mit ihm geteilt hat. Gleich sollen Sie überzeugt sein, gnädigster Herr (indem er sich zu seinen Begleitern kehrte). Man durchsuche das ganze Haus und bringe mir sogleich Nachricht, was man gefunden hat.”

Jetzt sah sich der Prinz nach dem Armenier um — aber er war nicht mehr vorhanden; in der allgemeinen Verwirrung, welche dieser Überfall anrichtete, hatte er Mittel gefunden, sich unbemerkt zu entfernen. Der Prinz war untröstlich; gleich wollte er ihm alle seine Leute nachschicken; er selbst wollte ihn aufsuchen und mich mit sich fortreissen. Ich eilte ans Fenster; das ganze Haus war von Neugierigen umringt, die das Gerücht dieser Begebenheit herbeigeführt hatte. Unmöglich war es, durch das Gedränge zu kommen. Ich stellte dem Prinzen dieses vor: „Wenn es diesem Armenier ein Ernst ist, sich vor uns zu verbergen, so weiss er unfehlbar die Schliche besser als wir, und alle unsere Nachforschungen werden vergebens sein. Lieber lassen Sie uns noch hier bleiben, gnädigster Prinz. Vielleicht kann uns dieser Gerichtsdiener etwas Näheres von ihm sagen, dem er sich, wenn ich anders recht gesehen habe, entdeckt hat.”

Jetzt erinnerten wir uns, dass wir noch ausgekleidet waren. Wir eilten nach unserm Zimmer, uns in der Geschwindigkeit in unsre Kleider zu werfen. Als wir zurückkamen, war die Haussuchung geschehen.

Nachdem man den Altar weggeräumt und die Dielen des Saals aufgebrochen, entdeckte man ein geräumiges Gewölbe, worin ein Mensch gemächlich aufrecht sitzen konnte, mit einer Tür versehen, die durch eine schmale Treppe nach dem Keller führte. In diesem Gewölbe fand man eine Elektrisiermaschine, eine Uhr und eine kleine silberne Glocke, welch letztere, so wie die Elektrisiermaschine, mit dem Altar und dem darauf befestigten Kruzifixe Kommunikation hatte. Ein Fensterladen, der dem Kamine gerade gegenüberstand, war durchbrochen und mit einem Schieber versehen, um, wie wir nachher erfuhren, eine magische Laterne in seine Öffnung einzupassen, aus welcher die verlangte Gestalt auf die Wand über dem Kamin gefallen war. Vom Dachboden und aus dem Keller brachte man verschiedene Trommeln, woran grosse bleierne Kugeln an Schnüren befestigt hingen, wahrscheinlich um das Geräusch des Donners hervorzubringen, das wir gehört hatten. Als man die Kleider des Sizilianers durchsuchte, fand man in einem Etui verschiedene Pulver, wie auch lebendigen Merkur in Phiolen und Büchsen, Phosphorus in einer gläsernen Flasche, einen Ring, den wir gleich für einen magnetischen erkannten, weil er an einem stählernen Knopfe hängen blieb, dem er von ungefähr nahegebracht worden, in den Rocktaschen ein Paternoster, einen Judenbart, Terzerole und einen Dolch. „Lass doch sehen, ob sie geladen sind!” sagte einer von den Häschern, indem er eines von den Terzerolen nahm und ins Kamin abschoss. „Jesus, Maria!” rief eine hohle menschliche Stimme, eben die, welche wir von der ersten Erscheinung gehört hatten — und in demselben Augenblicke sahen wir einen blutenden Körper aus dem Schlot herunterstürzen. — „Noch nicht zur Ruhe, armer Geist?” rief der Engländer, während dass wir andern mit Schrecken zurückfuhren. „Gehe heim zu deinem Grabe. Du hast geschienen, was du nicht warst; jetzt wirst du sein, was du schienest.”

„Jesus, Maria! Ich bin verwundet”, wiederholte der Mensch im Kamine. Die Kugel hatte ihm das rechte Bein zerschmettert. Sogleich besorgte man, dass die Wunde verbunden wurde.

„Aber wer bist du denn, und was für ein böser Dämon muss dich hierher führen?”

„Ein armer Barfüsser”, antwortete der Verwundete. „Ein fremder Herr hier hat mir eine Zechine geboten, dass ich —”

„Eine Formel hersagen sollte? Und warum hast du dich denn nicht gleich wieder davongemacht?”

„Er wollte mir ein Zeichen geben, wenn ich fortfahren sollte; aber das Zeichen blieb aus, und wie ich hinaussteigen wollte, war die Leiter weggezogen.”

„Und wie heisst denn die Formel, die er dich gelehrt hat?”

Der Mensch bekam hier eine Ohnmacht, dass nichts weiter aus ihm herauszubringen war. Als wir ihn näher betrachteten, erkannten wir in ihm denselben, der sich dem Prinzen den Abend vorher in den Weg gestellt und ihn so feierlich angeredet hatte.

Unterdessen hatte sich der Prinz zu dem Anführer der Häscher gewendet.

„Sie haben uns”, sagte er, indem er ihm zugleich einige Goldstücke in die Hand drückte, „Sie haben uns aus den Händen eines Betrügers gerettet und uns, ohne uns noch zu kennen, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wollen Sie nun unsere Verbindlichkeit vollkommen machen und uns entdecken, wer der Unbekannte war, dem es nur ein paar Worte kostete, uns in Freiheit zu setzen?”

„Wen meinen Sie?” fragte der Anführer der Häscher, mit einer Miene, die deutlich zeigte, wie unnötig diese Frage war.

„Den Herrn in russischer Uniform meine ich, der Sie vorhin beiseitezog, Ihnen etwas Schriftliches vorwies und einige Worte ins Ohr sagte, worauf Sie uns sogleich wieder losgaben.”

„Sie kennen diesen Herrn also nicht?” fragte der Häscher wieder. „Er war nicht von Ihrer Gesellschaft?”

„Nein”, sagte der Prinz —, „und aus sehr wichtigen Ursachen wünschte ich näher mit ihm bekannt zu werden.”

„Näher”, antwortete der Häscher, „kenn’ ich ihn auch nicht. Sein Name selbst ist mir unbekannt, und heute hab’ ich ihn zum erstenmal in meinem Leben gesehen.”

„Wie? und in so kurzer Zeit, durch ein paar Worte konnte er so viel über Sie vermögen, dass Sie ihn selbst und uns alle für unschuldig erklärten?”

„Allerdings durch ein einziges Wort.”

„Und dieses war? — Ich gestehe, dass ich es wissen möchte.”

„Dieser Unbekannte, gnädigster Herr” — indem er die Zechinen in seiner Hand wog —, „Sie sind zu grossmütig gegen mich gewesen, um Ihnen länger ein Geheimnis daraus zu machen, — dieser Unbekannte war — ein Offizier der Staatsinquisition.”

„Der Staatsinquisition! — Dieser! —”

„Nicht anders, gnädigster Herr —, und davon überzeugte mich das Papier, welches er mir vorzeigte.”

„Dieser Mensch, sagten Sie? Es ist nicht möglich.”

„Ich will Ihnen noch mehr sagen, gnädigster Herr. Eben dieser war es, auf dessen Denunziation ich hierher geschickt worden bin, den Geisterbeschwörer zu verhaften.”

Wir sahen uns mit noch grösserem Erstaunen an.

„Da hätten wir es ja heraus”, rief endlich der Engländer, „warum der arme Teufel von Beschwörer so erschrocken zusammenfuhr, als er ihm näher ins Gesicht sah. Er erkannte ihn für einen Spion, und darum tat er jenen Schrei und stürzte zu seinen Füssen.”

„Nimmermehr”, rief der Prinz. „Dieser Mensch ist alles, was er sein will, und alles, was der Augenblick will, dass er sein soll. Was er wirklich ist, hat noch kein Sterblicher erfahren. Sahen Sie den Sizilianer zusammensinken, als er ihm die Worte ins Ohr schrie: Du wirst keinen Geist mehr rufen! Dahinter ist mehr. Dass man vor etwas Menschlichem so zu erschrecken pflegt, soll mich niemand überreden.”

„Darüber wird uns der Magier selbst wohl am besten zurechtweisen können”, sagte der Lord, „wenn uns dieser Herr (sich zu dem Anführer der Gerichtsdiener wendend) Gelegenheit verschaffen will, seinen Gefangenen zu sprechen.”

Der Anführer der Häscher versprach es uns, und wir redeten mit dem Engländer ab, dass wir ihn gleich den andern Morgen aufsuchen wollten. Jetzt begaben wir uns nach Venedig zurück.

Mit dem frühesten Morgen war Lord Seymour da (dies war der Name des Engländers), und bald nachher erschien eine vertraute Person, die der Gerichtsdiener abgeschickt hatte, uns nach dem Gefängnis zu führen. Ich habe vergessen zu erzählen, dass der Prinz schon seit etlichen Tagen einen seiner Jäger vermisste, einen Bremer von Geburt, der ihm viele Jahre redlich gedient und sein ganzes Vertrauen besessen hatte. Ob er verunglückt oder gestohlen oder auch entlaufen war, wusste niemand. Zu dem letztern war gar kein wahrscheinlicher Grund vorhanden, weil er jederzeit ein stiller und ordentlicher Mensch gewesen, und nie ein Tadel an ihm gefunden war. Alles, worauf seine Kameraden sich besinnen konnten, war, dass er in der letzten Zeit sehr schwermütig gewesen und, wo er nur einen Augenblick erhaschen konnte, ein gewisses Minoritenkloster in der Giudecca besucht habe, wo er auch mit einigen Brüdern öfters Umgang gepflegt. Dies brachte uns auf die Vermutung, dass er vielleicht in die Hände der Mönche geraten sein möchte und sich katholisch gemacht hätte; und weil der Prinz über diesen Artikel damals noch sehr tolerant oder sehr gleichgültig dachte, so liess er’s nach einigen fruchtlosen Nachforschungen dabei bewenden. Doch schmerzte ihn der Verlust dieses Menschen, der ihm auf seinen Feldzügen immer zur Seite gewesen, immer treu an ihm gehangen, und in einem fremden Lande so leicht nicht wieder zu ersetzen war. Heute nun, als wir eben im Begriff standen auszugehen, liess sich der Bankier des Prinzen melden, an den der Auftrag ergangen war, für einen neuen Bedienten zu sorgen. Dieser stellte dem Prinzen einen gutgebildeten und wohlgekleideten Menschen in mittleren Jahren vor, der lange Zeit in Diensten eines Prokurators als Sekretär gestanden, französisch und auch etwas deutsch sprach, übrigens mit den besten Zeugnissen versehen war. Seine Physiognomie gefiel, und da er sich übrigens erklärte, dass sein Gehalt von der Zufriedenheit des Prinzen mit seinen Diensten abhängen sollte, so liess er ihn ohne Verzug eintreten.

Wir fanden den Sizilianer in einem Privatgefängnis, wohin er, dem Prinzen zu Gefallen, wie der Gerichtsdiener sagte, einstweilen gebracht worden war, ehe er unter die Bleidächer gesetzt wurde, zu denen kein Zugang mehr offensteht. Diese Bleidächer sind das fürchterlichste Gefängnis in Venedig, unter dem Dach des St.-Marcus-Palastes, worin die unglücklichen Verbrecher von der dörrenden Sonnenhitze, die sich auf der Bleifläche sammelt, oft bis zum Wahnwitz leiden. Der Sizilianer hatte sich von dem gestrigen Zufalle wieder erholt und stand ehrerbietig auf, als er des Prinzen ansichtig wurde. Ein Bein und eine Hand waren gefesselt, sonst aber konnte er frei durch das Zimmer gehen. Bei unserm Eintritt entfernte sich die Wache vor die Türe.

„Ich komme”, sagte der Prinz, nachdem wir Platz genommen hatten, „über zwei Punkte Erklärung von Ihnen zu verlangen. Die eine sind Sie mir schuldig, und es wird Ihr Schade nicht sein, wenn Sie mich über den andern befriedigen.”

„Meine Rolle ist ausgespielt”, versetzte der Sizilianer. „Mein Schicksal steht in Ihren Händen.”

„Ihre Aufrichtigkeit allein”, versetzte der Prinz, „kann es erleichtern.”

„Fragen Sie, gnädigster Herr. Ich bin bereit, zu antworten, denn ich habe nichts mehr zu verlieren.”

„Sie haben mich das Gesicht des Armeniers in Ihrem Spiegel sehen lassen. Wodurch bewirkten Sie dieses?”

„Es war kein Spiegel, was Sie gesehen haben. Ein blosses Pastellgemälde hinter einem Glas, das einen Mann in armenischer Kleidung vorstellte, hat Sie getäuscht. Meine Geschwindigkeit, die Dämmerung, Ihr Erstaunen unterstützten diesen Betrug. Das Bild selbst wird sich unter den übrigen Sachen finden, die man in dem Gasthof in Beschlag genommen hat.”

„Aber wie konnten Sie meine Gedanken so gut wissen und gerade auf den Armenier raten?”

„Dieses war gar nicht schwer, gnädigster Herr. Ohne Zweifel haben Sie sich bei Tische in Gegenwart Ihrer Bedienten über die Begebenheit öfters ausgelassen, die sich zwischen Ihnen und diesem Armenier ereignet hat. Einer von meinen Leuten machte mit einem Jäger, der in Ihren Diensten steht, zufälligerweise in der Giudecca Bekanntschaft, aus welchem er nach und nach so viel herauszuholen wusste, als mir zu wissen nötig war.”

„Wo ist dieser Jäger?” fragte der Prinz. „Ich vermisse ihn, und ganz gewiss wissen Sie um seine Entweidung.”

„Ich schwöre Ihnen, dass ich nicht das geringste davon weiss, gnädigster Herr. Ich selbst hab’ ihn nie gesehen und nie eine andre Absicht mit ihm gehabt, als die eben gemeldete.”

„Fahren Sie fort”, sagte der Prinz.

„Auf diesem Wege nun erhielt ich überhaupt auch die erste Nachricht von Ihrem Aufenthalt und Ihren Begebenheiten in Venedig, und sogleich entschloss ich mich, sie zu nützen. Sie sehen, gnädigster Herr, dass ich aufrichtig bin. Ich wusste von Ihrer beabsichtigten Spazierfahrt auf der Brenta; ich hatte mich darauf versehen, und ein Schlüssel, der Ihnen von ungefähr entfiel, gab mir die erste Gelegenheit, meine Kunst an Ihnen zu versuchen.”

„Wie? So hätte ich mich also geirrt? Das Stückchen mit dem Schlüssel war Ihr Werk, und nicht des Armeniers? Der Schlüssel, sagen Sie, wäre mir entfallen?”

„Als Sie die Börse zogen —, und ich nahm den Augenblick wahr, da mich niemand beobachtete, ihn schnell mit dem Fusse zu verdecken. Die Person, bei der Sie die Lotterielose nahmen, war im Verständnis mit mir. Sie liess Sie aus einem Gefässe ziehen, wo keine Niete zu holen war, und der Schlüssel lag längst in der Dose, ehe sie von Ihnen gewonnen wurde.”

„Nunmehr begreif’ ich’s. Und der Barfüssermönch, der sich mir in den Weg warf und mich so feierlich anredete?”

„War der nämliche, den man, wie ich höre, verwundet aus dem Kamine gezogen. Es ist einer von meinen Kameraden, der mir unter dieser Verhüllung schon manche gute Dienste geleistet.”

„Aber zu welchem Ende stellten Sie dieses an?”

„Um Sie nachdenkend zu machen —, um einen Gemütszustand in Ihnen vorzubereiten, der Sie für das Wunderbare, das ich mit Ihnen im Sinne hatte, empfänglich machen sollte.”

„Aber der pantomimische Tanz, der eine so überraschende seltsame Wendung nahm —, dieser war doch wenigstens nicht von Ihrer Erfindung?”

„Das Mädchen, welches die Königin vorstellte, war von mir unterrichtet, und ihre ganze Rolle mein Werk. Ich vermutete, dass es Ew. Durchlaucht nicht wenig befremden würde, an diesem Orte gekannt zu sein, und verzeihen Sie mir, gnädigster Herr, das Abenteuer mit dem Armenier liess mich hoffen, dass Sie bereits schon geneigt sein würden, natürliche Auslegungen zu verschmähen und nach höheren Quellen des Ausserordentlichen zu spüren.”

„In der Tat”, rief der Prinz mit einer Miene zugleich des Verdrusses und der Verwunderung, indem er mir besonders einen bedeutenden Blick gab, „in der Tat”, rief er aus, „das habe ich nicht erwartet.”

„Aber”, fuhr er nach einem langen Stillschweigen wieder fort, „wie brachten Sie die Gestalt hervor, die an der Wand über dem Kamin erschien?”

„Durch die Zauberlaterne, die an dem gegenüberstehenden Fensterladen angebracht war, wo Sie auch die Öffnung dazu bemerkt haben werden.”

„Aber wie kam es denn, dass kein einziger unter uns sie gewahr wurde?” fragte Lord Seymour.

„Sie erinnern sich, gnädigster Herr, dass ein dicker Rauch von Olibanum den ganzen Saal verfinsterte, als Sie zurückgekommen waren. Zugleich hatte ich die Vorsicht gebraucht, die Dielen, welche man weggehoben, neben demjenigen Fenster anlehnen zu lassen, wo die Laterna magica eingefügt war; dadurch verhinderte ich, dass Ihnen dieser Fensterladen nicht sogleich ins Gesicht fiel. Übrigens blieb die Laterne auch so lange durch einen Schieber verdeckt, bis Sie alle Ihre Plätze genommen hatten, und keine Untersuchung im Zimmer mehr von Ihnen zu fürchten war.”

„Mir kam vor”, fiel ich ein, „als hörte ich in der Nähe dieses Saals eine Leiter anlegen, als ich in dem andern Pavillon aus dem Fenster sah. War dem wirklich so?”

„Ganz recht. Eben diese Leiter, auf welcher mein Gehilfe zu dem bewussten Fenster emporkletterte, um die Zauberlaterne zu dirigieren.”

„Die Gestalt”, fuhr der Prinz fort, „schien wirklich eine flüchtige Ähnlichkeit mit meinem verstorbenen Freunde zu haben; besonders traf es ein, dass sie sehr blond war. War dieses blosser Zufall, oder woher schöpften Sie dieselbe?”

„Eure Durchlaucht erinnern sich, dass Sie über Tische eine Dose neben sich hatten liegen gehabt, auf welcher das Porträt eines Offiziers in ** scher Uniform in Emaille war. Ich fragte Sie, ob Sie von Ihrem Freunde nicht irgend ein Andenken bei sich führten? worauf Sie mit Ja antworteten; daraus schloss ich, dass es vielleicht die Dose sein möchte. Ich hatte das Bild über Tische gut ins Auge gefasst, und weil ich im Zeichnen sehr geübt, auch im Treffen sehr glücklich bin, so war es mir ein leichtes, dem Bilde diese flüchtige Ähnlichkeit zu geben, die Sie wahrgenommen haben; und um so mehr, da die Gesichtszüge des Marquis sehr ins Auge fallen.”

„Aber die Gestalt schien sich doch zu bewegen —”

„So schien es — aber es war nicht die Gestalt, sondern der Rauch, der von ihrem Scheine beleuchtet war.”

„Und der Mensch, welcher aus dem Schlaf herabstürzte, antwortete also für die Erscheinung?”

„Eben dieser.”

„Aber er konnte ja die Fragen nicht wohl hören.”

„Dieses brauchte er auch nicht. Sie besinnen sich, gnädigster Prinz, dass ich Ihnen allen auf das strengste verbot, selbst eine Frage an das Gespenst zu richten. Was ich ihn fragen würde und er mir antworten sollte, war abgeredet; und damit ja kein Versehen vorfiele, liess ich ihn grosse Pausen beobachten, die er an den Schlägen einer Uhr abzählen musste.”

„Sie gaben dem Wirte Befehl, alle Feuer im Hause sorgfältig mit Wasser löschen zu lassen; dies geschah ohne Zweifel —”

„Um meinen Mann im Kamine ausser Gefahr des Erstickens zu setzen, weil die Schornsteine im Hause ineinanderlaufen und ich vor Ihrer Suite nicht ganz sicher zu sein glaubte.”

„Wie kam es aber”, fragte Lord Seymour, „dass Ihr Geist weder früher noch später da war, als Sie ihn brauchten?”

„Mein Geist war schon eine gute Weile im Zimmer, ehe ich ihn zitierte; aber so lange der Spiritus brannte, konnte man diesen matten Schein nicht sehen. Als meine Beschwörungsformel zu Ende war, liess ich das Gefäss, in dem der Spiritus flammte, zusammenfallen; es wurde Nacht im Saal, und jetzt erst wurde man die Figur an der Wand gewahr, die sich schon längst darauf reflektiert hatte.”

„Aber in eben dem Moment, als der Geist erschien, empfanden wir alle einen elektrischen Schlag. Wie bewirkten Sie diesen?”

„Die Maschine unter dem Altar haben Sie entdeckt. Sie sahen auch, dass ich auf einem seidenen Fussteppich stand. Ich liess Sie in einem halben Mond um mich herumstehen und einander die Hände reichen; als es nahe dabei war, winkte ich einem von Ihnen, mich bei den Haaren zu fassen. Das silberne Kruzifix war der Konduktor, und Sie empfingen den Schlag, als ich es mit der Hand berührte.”

„Sie befahlen uns, dem Grafen von O** und mir”, sagte Lord Seymour, „zwei blosse Degen kreuzweise über Ihrem Scheitel zu halten, solange die Beschwörung dauern würde. Wozu nun dieses?”

„Zu nichts weiter, als um Sie beide, denen ich am wenigsten traute, während des ganzen Aktus zu beschäftigen. Sie erinnern sich, dass ich Ihnen ausdrücklich einen Zoll hoch bestimmte; dadurch, dass Sie diese Entfernung immer in acht nehmen mussten, waren Sie verhindert, Ihre Blicke dahin zu richten, wo ich sie nicht gerne haben wollte. Meinen schlimmsten Feind hatte ich damals noch gar nicht ins Auge gefasst.”

„Ich gestehe”, rief Lord Seymour, „dass dies vorsichtig gehandelt heisst — aber warum mussten wir ausgekleidet sein?”

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05 mayıs 2025
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