Kitabı oku: «Die Verschwörung des Fiesco zu Genua»

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Friedrich Schiller

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

Vorrede

Personen des Stücks.

Erster Aufzug

Zweiter Aufzug

Dritter Aufzug

Vierter Aufzug

Fünfter Aufzug

Impressum neobooks

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

Sallust vom Katilinia

Nam id facinus inprimis ego memorabile

existimo sceleris atque periculi novitate.

Vorrede

Die Geschichte dieser Verschwörung habe ich vorzüglich aus des Kardinals von Retz »Conjuration du Comte Jean Louis de Fiesque«, der »Histoire des Conjurations«, der »Histoire de Gènes« und Robertsons »Geschichte Karls V.« – dem dritten Teil – gezogen. Freiheiten, welche ich mir mit den Begebenheiten herausnahm, wird der Hamburgische Dramaturgist entschuldigen, wenn sie mir geglückt sind; sind sie das nicht, so will ich doch lieber meine Phantasien als facta verdorben haben. Die wahre Katastrophe des Komplotts, worin der Graf durch einen unglücklichen Zufall am Ziel seiner Wünsche zugrunde geht, mußte durchaus verändert werden, denn die Natur des Dramas duldet den Finger des Ohngefährs oder der unmittelbaren Vorsehung nicht. Es sollte mich sehr wundern, warum noch kein tragischer Dichter in diesem Stoffe gearbeitet hat, wenn ich nicht Grund genug in eben dieser undramatischen Wendung fände. Höhere Geister sehen die zarten Spinneweben einer Tat durch die ganze Dehnung des Weltsystems laufen, und vielleicht an die entlegensten Grenzen der Zukunft und Vergangenheit anhängen – wo der Mensch nichts als das in freien Lüften schwebende Faktum sieht. Aber der Künstler wählt für das kurze Gesicht der Menschheit, die er belehren will, nicht für die scharfsichtige Allmacht, von der er lernt.

Ich habe in meinen »Räubern« das Opfer einer ausschweifenden Empfindung zum Vorwurf genommen – Hier versuche ich das Gegenteil, ein Opfer der Kunst und Kabale. Aber so merkwürdig sich auch das unglückliche Projekt des Fiesco in der Geschichte gemacht hat, so leicht kann es doch diese Wirkung auf dem Schauplatz verfehlen. Wenn es wahr ist, daß nur Empfindung Empfindung weckt, so müßte, deucht mich, der politische Held in eben dem Grade kein Subjekt für die Bühne sein, in welchem er den Menschen hintenansetzen muß, um der politische Held zu sein. Es stand daher nicht bei mir, meiner Fabel jene lebendige Glut einzuhauchen, welche durch das lautere Produkt der Begeisterung herrscht, aber die kalte, unfruchtbare Staatsaktion aus dem menschlichen Herzen herauszuspinnen, und eben dadurch an das menschliche Herz wieder anzuknüpfen – den Mann durch den staatsklugen Kopf zu verwickeln – und von der erfindrischen Intrige Situationen für die Menschheit zu entlehnen – das stand bei mir. Mein Verhältnis mit der bürgerlichen Welt machte mich auch mit dem Herzen bekannter als dem Kabinett, und vielleicht ist eben diese politische Schwäche zu einer poetischen Tugend geworden.

Personen des Stücks.

Andreas Doria, Doge von Genua

Ehrwürdiger Greis von achtzig Jahren, Spuren von Feuer. Ein Hauptzug: Gewicht und strenge befehlende Kürze

Gianettino Doria, Neffe des Vorigen. Prätendent

Mann von sechsundzwanzig Jahren. Rauh und anstößig in Sprache, Gang und Manieren. Bäurisch-stolz. Die Bildung zerrissen

Beide Doria tragen Scharlach.

Fiesco, Graf von Lavagna. Haupt der Verschwörung

Junger, schlanker, blühend-schöner Mann von dreiundzwanzig Jahren – stolz mit Anstand – freundlich mit Majestät – höfisch-geschmeidig und ebenso tückisch

Alle Nobili gehen schwarz.

Die Tracht ist durchaus altteutsch

Verrina, verschworner Republikaner

Mann von sechzig Jahren. Schwer, ernst und düster. Tiefe Züge

Bourgognino, Verschworner

Jüngling von zwanzig Jahren. Edel und angenehm. Stolz, rasch und natürlich

Calcagno, Verschworner

Hagrer Wollüstling. Dreißig Jahre. Bildung gefällig und unternehmend

Sacco, Verschworner

Mann von fünfundvierzig Jahren. Gewöhnlicher Mensch

Lomellino, Gianettinos Vertrauter

Ein ausgetrockneter Hofmann

Zenturione,

Zibo,

Asserato, Mißvergnügte

Romano, Maler

Frei, einfach und stolz

Muley Hassan, Mohr von Tunis

Ein konfiszierter Mohrenkopf. Die Physiognomie eine originelle Mischung von Spitzbüberei und Laune

Teutscher der herzoglichen Leibwache

Ehrliche Einfalt. Handfeste Tapferkeit

Drei aufrührerische Bürger

Leonore, Fiescos Gemahlin

Dame von achtzehn Jahren. Blaß und schmächtig. Fein und empfindsam. Sehr anziehend, aber weniger blendend. Im Gesicht schwärmerische Melancholie. Schwarze Kleidung

Julia, Gräfinwitwe Imperiali, Dorias Schwester

Dame von fünfundzwanzig Jahren. Groß und voll. Stolze Kokette. Schönheit verdorben durch Bizarrerie. Blendend und nicht gefallend. Im Gesicht ein böser mokanter Charakter. Schwarze Kleidung

Berta, Verrinas Tochter

Unschuldiges Mädchen

Rosa, Arabella, Leonorens Kammermädchen.

Mehrere Nobili, Bürger, Teutsche, Soldaten.

Bediente, Diebe.

Der Schauplatz Genua. Die Zeit 1547.

Erster Aufzug

Saal bei Fiesco.

Man hört in der Ferne eine Tanzmusik und den Tumult eines Balls.

Erster Auftritt

Leonore maskiert. Rosa, Arabella fliehen zerstört auf die Bühne.

LEONORE reißt die Maske ab. Nichts mehr! Kein Wort mehr! Es ist am Tag. Sie wirft sich in einen Sessel. Das wirft mich nieder.

ARABELLA. Gnädige Frau –

LEONORE aufstehend. Vor meinen Augen! eine stadtkundige Kokette! im Angesicht des ganzen Adels von Genua! Wehmütig. Rosa! Bella! und vor meinen weinenden Augen.

ROSA. Nehmen Sie die Sache für das, was sie wirklich war – eine Galanterie –

LEONORE. Galanterie? – und das emsige Wechselspiel ihrer Augen? Das ängstliche Lauren auf ihre Spuren? Der lange verweilende Kuß auf ihren entblößten Arm, daß noch die Spur seiner Zähne im flammroten Fleck zurückblieb? Ha! und die starre tiefe Betäubung, worein er gleich dem gemalten Entzücken versunken saß, als wär um ihn her die Welt weggeblasen, und er allein mit dieser Julia im ewigen Leeren? Galanterie? – gutes Ding, das noch nie geliebt hat, streite mir nicht über Galanterie und Liebe.

ROSA. Desto besser, Madonna! Einen Gemahl verlieren, heißt zehen Cicisbeo Profit machen.

LEONORE. Verlieren? – ein kleiner aussetzender Puls der Empfindung und Fiesco verloren? Geh, giftige Schwätzerin – komm mir nie wieder vor die Augen! – eine unschuldige Neckerei – vielleicht eine Galanterie? Ist es nicht so, meine empfindende Bella?

ARABELLA. O ja! ganz zuverlässig so!

LEONORE in Tiefsinn versunken. Daß sie darum in seinem Herzen sich wüßte? – daß hinter jedem seiner Gedanken ihr Name im Hinterhalt läge? – ihn anspräche in jeder Fußtapfe der Natur? – Was ist das? Wo gerat ich hin? Daß ihm die schöne, majestätische Welt nichts wäre als der prächtige Demant, worauf nur ihr Bild – nur ihr Bild gestochen ist? – daß er sie liebte? – Julien! O deinen Arm her – halte mich, Bella!

Pause. Die Musik läßt sich von neuem hören.

LEONORE aufgefahren. Horch! War das nicht die Stimme Fiescos, die aus dem Lärme hervordrang? Kann er lachen, wenn seine Leonore im Einsamen weinet? Nicht doch, mein Kind! Es war Gianettino Dorias bäurische Stimme.

ARABELLA. Sie wars, Signora! Aber kommen Sie in ein anderes Zimmer.

LEONORE. Du entfärbst dich, Bella! du lügst – Ich lese in euren Augen – in den Gesichtern der Genueser ein Etwas – ein Etwas. Sich verhüllend. O gewiß! diese Genueser wissen mehr, als für das Ohr einer Gattin taugt.

ROSA. O der alles vergrößernden Eifersucht!

LEONORE schwermütig schwärmend. Da er noch Fiesco war – dahertrat im Pomeranzenhain, wo wir Mädchen lustwandeln gingen, ein blühender Apoll, verschmolzen in den männlich-schönen Antinous. Stolz und herrlich trat er daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige Genua auf seinen jungen Schultern sich wiegte; unsre Augen schlichen diebisch ihm nach und zuckten zurück, wie auf dem Kirchenraub ergriffen, wenn sein wetterleuchtender Blick sie traf. Ach Bella! wie verschlangen wir seine Blicke! Wie parteiisch zählte sie der ängstliche Neid der Nachbarin zu! Sie fielen unter uns wie der Goldapfel des Zanks, zärtliche Augen brannten wilder, sanfte Busen pochten stürmischer, Eifersucht hatte unsre Eintracht zerrissen.

ARABELLA. Ich besinne mich. Das ganze weibliche Genua kam in Aufruhr um diese schöne Eroberung.

LEONORE begeistert. Und nun mein ihn zu nennen! Verwegenes, entsetzliches Glück! Mein Genuas größten Mann! Mit Anmut. der vollendet sprang aus dem Meißel der unerschöpflichen Künstlerin, alle Größen seines Geschlechts im lieblichsten Schmelze verband – Höret, Mädchen! Kann ichs nun doch nicht mehr verschweigen! – Höret, Mädchen, ich vertraue euch etwas, Geheimnisvoll. einen Gedanken – als ich am Altar stand neben Fiesco – seine Hand in meine Hand gelegt – hatt ich den Gedanken, den zu denken dem Weibe verboten ist; – dieser Fiesco, dessen Hand itzt in der deinigen liegt – dein Fiesco – aber still! daß kein Mann uns belausche, wie hoch wir uns mit dem Abfall seiner Fürtrefflichkeit brüsten – dieser dein Fiesco – Weh euch! wenn das Gefühl euch nicht höher wirft! – wird – uns Genua von seinen Tyrannen erlösen!

ARABELLA erstaunt. Und diese Vorstellung kam einem Frauenzimmer am Brauttag?

LEONORE. Erstaune, Bella! Der Braut in der Wonne des Brauttags! Lebhafter. Ich bin ein Weib – aber ich fühle den Adel meines Bluts, kann es nicht dulden, daß dieses Haus Doria über unsre Ahnen hinauswachsen will. Jener sanftmütige Andreas – es ist eine Wollust, ihm gut zu sein – mag immer Herzog von Genua heißen, aber Gianettino ist sein Neffe – sein Erbe – und Gianettino hat ein freches, hochmütiges Herz. Genua zittert vor ihm, und Fiesco, In Wehmut hinabgefallen. Fiesco – weinet um mich – liebt seine Schwester.

ARABELLA. Arme, unglückliche Frau –

LEONORE. Gehet itzt und sehet diesen Halbgott der Genueser im schamlosen Kreis der Schwelger und Buhldirnen sitzen, ihre Ohren mit unartigem Witze kitzeln, ihnen Märchen von verwünschten Prinzessinnen erzählen – – das ist Fiesco! – Ach Mädchen! nicht Genua allein verlor seinen Helden – auch ich meinen Gemahl!

ROSA. Reden Sie leiser. Man kömmt durch die Galerie.

LEONORE zusammenschreckend. Fiesco kommt. Flieht! Flieht! Mein Anblick könnte ihm einen trüben Augenblick machen. Sie entspringt in ein Seitenzimmer. Die Mädchen ihr nach.

Zweiter Auftritt

Gianettino Doria maskiert im grünen Mantel. Ein Mohr.

Beide im Gespräch.

GIANETTINO. Du hast mich verstanden.

MOHR. Wohl.

GIANETTINO. Die weiße Maske.

MOHR. Wohl.

GIANETTINO. Ich sage – die weiße Maske!

MOHR. Wohl! Wohl! Wohl!

GIANETTINO. Hörst du? Du kannst sie nur Auf seine Brust deutend. hieher verfehlen.

MOHR. Seid unbekümmert.

GIANETTINO. Und einen tüchtigen Stoß!

MOHR. Er soll zufrieden sein.

GIANETTINO hämisch. Daß der arme Graf nicht lang leide.

MOHR. Um Vergebung – wie schwer möchte ohngefähr sein Kopf ins Gewicht fallen?

GIANETTINO. Hundert Zechinen schwer.

MOHR bläst durch die Finger. Puh! Federleicht.

GIANETTINO. Was brummst du da?

MOHR. Ich sag – es ist eine leichte Arbeit.

GIANETTINO. Das ist deine Sorge. Dieser Mensch ist ein Magnet. Alle unruhigen Köpfe fliegen gegen seine Pole. Höre, Kerl! Fasse ihn ja recht.

MOHR. Aber Herr – ich muß flugs auf die Tat nach Venedig.

GIANETTINO. So nimm deinen Dank voraus! Wirft ihm einen Wechsel zu. In höchstens drei Tagen muß er kalt sein. Ab.

MOHR indem er den Wechsel vom Boden nimmt. Das nenn ich Kredit! Der Herr traut meiner Jaunerparole ohne Handschrift. Ab.

Dritter Auftritt

Calcagno, hinter ihm Sacco. Beide in schwarzen Mänteln.

CALCAGNO. Ich werde gewahr, daß du alle meine Schritte belauerst.

SACCO. Und ich beobachte, daß du mir alle verbirgst. Höre, Calcagno, seit einigen Wochen arbeitet etwas auf deinem Gesichte, das nicht geradezu just dem Vaterland gilt – Ich dächte, Bruder, wir beide könnten schon Geheimnis gegen Geheimnis tauschen, und am Ende hätte keiner beim Schleichhandel verloren – Wirst du aufrichtig sein?

CALCAGNO. So sehr, daß, wenn deine Ohren nicht Lust haben, in meine Brust hinunterzusteigen, mein Herz dir halbwegs auf meiner Zunge entgegenkommen soll – Ich liebe die Gräfin Fiesco.

SACCO tritt verwundernd zurück. Wenigstens das hätt ich nicht entziffert, hätte ich alle Möglichkeiten Revue passieren lassen – Deine Wahl spannt meinen Witz auf die Folter, aber es ist um ihn geschehen, wenn sie glückt.

CALCAGNO. Man sagt, sie sei ein Beispiel der strengsten Tugend.

SACCO. Man lügt. Sie ist das ganze Buch über den abgeschmackten Text. Eins von beiden, Calcagno. Gib dein Gewerb oder dein Herz auf-

CALCAGNO. Der Graf ist ihr ungetreu. Eifersucht ist die abgefeimteste Kupplerin. Ein Anschlag gegen die Doria muß den Grafen in Atem halten und mir im Palaste zu schaffen geben. Während er nun den Wolf aus der Hürde scheucht, soll der Marder in seinen Hühnerstall fallen.

SACCO. Unverbesserlich, Bruder. Habe Dank. Auch mich hast du plötzlich des Rotwerdens überhoben. Was ich mich zu denken geschämt habe, kann ich itzt laut vor dir sagen. Ich bin ein Bettler, wenn die itzige Verfassung nicht übern Haufen fällt.

CALCAGNO. Sind deine Schulden so groß?

SACCO. So ungeheuer, daß mein Lebensfaden, achtfach genommen, am ersten Zehenteil abschnellen muß. Eine Staatsveränderung soll mir Luft machen, hoff ich. Wenn sie mir auch nicht zum Bezahlen hilft, soll sie doch meinen Gläubigern das Fodern entleiden.

CALCAGNO. Ich verstehe – und am Ende, wenn Genua bei der Gelegenheit frei wird, läßt sich Sacco Vater des Vaterlands taufen. Wärme mir einer das verdroschene Märchen von Redlichkeit auf, wenn der Bankerott eines Taugenichts und die Brunst eines Wollüstlings das Glück eines Staats entscheiden. Bei Gott, Sacco! Ich bewundre in uns beiden die feine Spekulation des Himmels, der das Herz des Körpers durch die Eiterbeulen der Gliedmaßen rettet – Weiß Verrina um deinen Anschlag?

SACCO. Soweit der Patriot darum wissen darf. Genua, weißt du selbst, ist die Spindel, um welche sich alle seine Gedanken mit einer eisernen Treue drehen. An dem Fiesco hängt itzt sein Falkenaug. Auch dich hofft er halbwegs zu einem kühnen Komplott.

CALCAGNO. Er hat eine treffliche Nase. Komm, laß uns ihn aufsuchen, und seinen Freiheitssinn mit dem unsrigen schüren!

Gehen ab.

Vierter Auftritt

Julia erhitzt. Fiesco, der einen weißen Mantel trägt, eilt ihr nach.

JULIA. Lakaien! Läufer!

FIESCO. Gräfin, wohin? Was beschließen Sie!

JULIA. Nichts, im mindesten nichts. Bediente. Mein Wagen soll vorfahren!

FIESCO. Sie erlauben – er soll nicht. Hier ist eine Beleidigung.

JULIA. Pah! Doch wohl das nicht! – Weg! Sie zerren mir ja die Garnierung in Stücken – Beleidigung? Wer ist hier, der beleidigen kann? So gehen Sie doch.

FIESCO auf einem Knie. Nicht, bis Sie mir den Verwegenen sagen. –

JULIA steht still mit angestemmten Armen. Ah! Schön! Schön! Sehenswürdig! Rufte doch jemand die Gräfin von Lavagna zu diesem reizenden Schauspiel! – Wie, Graf? Wo bleibt der Gemahl? Diese Stellung taugte ausnehmend in das Schlafgemach Ihrer Frau, wenn sie im Kalender ihrer Liebkosungen blättert, und einen Bruch in der Rechnung findet. Stehen Sie doch auf. Gehen Sie zu Damen, wo Sie wohlfeiler markten. So stehen Sie doch auf. Oder wollen Sie die Impertinenzen Ihrer Frau mit Ihren Galanterien abbüßen?

FIESCO springt auf. Impertinenzen? Ihnen?

JULIA. Aufzubrechen – den Sessel zurückzustoßen – der Tafel den Rücken zu kehren – der Tafel, Graf! an der ich sitze.

FIESCO. Es ist nicht zu entschuldigen.

JULIA. Und mehr ist es nicht? – Über die Fratze! und ist es denn meine Schuld, Sich belächelnd. daß der Graf seine Augen hat?

FIESCO. Das Verbrechen Ihrer Schönheit, Madonna, daß er sie nicht überall hat.

JULIA. Keine Delikatesse, Graf, wo die Ehre das Wort führt. Ich fodre Genugtuung. Finde ich sie bei Ihnen? oder hinter den Donnern des Herzogs?

FIESCO. In den Armen der Liebe, die Ihnen den Mißtritt der Eifersucht abbittet.

JULIA. Eifersucht? Eifersucht? Was will denn das Köpfchen? Vor einem Spiegel gestikulierend. Ob sie wohl eine bessere Fürsprache für ihren Geschmack zu erwarten hat, als wenn ich ihn für den meinigen erkläre? Stolz. Doria und Fiesco? – ob sich die Gräfin von Lavagna nicht geehrt fühlen muß, wenn die Nichte des Herzogs ihre Wahl beneidenswürdig findet? Freundlich, indem sie dem Grafen ihre Hand zum Küssen reicht. Ich setze den Fall, Graf, daß ich sie so fände.

FIESCO lebhaft. Grausamste, und mich dennoch zu quälen! – Ich weiß es, göttliche Julia, daß ich nur Ehrfurcht gegen Sie fühlen sollte. Meine Vernunft heißt mich das Knie des Untertans vor dem Blut Doria beugen, aber mein Herz betet die schöne Julia an. Eine Verbrecherin ist meine Liebe, aber eine Heldin zugleich, die kühn genug ist, die Ringmauer des Rangs durchzubrechen, und gegen die verzehrende Sonne der Majestät anzufliegen.

JULIA. Eine große, große gräfliche Lüge, die auf Stelzen heranhinkt – Seine Zunge vergöttert mich, sein Herz hüpft unter dem Schattenriß einer andern.

FIESCO. Oder besser, Signora, es schlägt unwillig dagegen und will ihn hinwegdrücken. Indem er die Silhouette Leonorens, die an einem himmelblauen Band hängt, herabnimmt und sie der Julia überliefert. Stellen Sie Ihr Bild an diesem Altar auf, so können Sie diesen Götzen zerstören.

JULIA steckt das Bild hastig zu sich, vergnügt. Ein großes Opfer, bei meiner Ehre, das meinen Dank verdient. Sie hängt ihm die ihrige um. So, Sklave! trage die Farbe deines Herrn. Sie geht ab.

FIESCO mit Feuer. Julia liebt mich! Julia! Ich beneide keinen Gott. Frohlockend im Saal. Diese Nacht sei eine Festnacht der Götter, die Freude soll ihr Meisterstück machen! Holla! Holla! Menge Bediente. Der Boden meiner Zimmer lecke zyprischen Nektar. Musik lärme die Mitternacht aus ihrem bleiernen Schlummer auf, tausend brennende Lampen spotten die Morgensonne hinweg – Allgemein sei die Lust, der bacchantische Tanz stampfe das Totenreich in polternde Trümmer!

Er eilt ab. Rauschendes Allegro, unter welchem der Mittelhang aufgezogen wird und einen großen illuminierten Saal eröffnet, worin viele Masken tanzen.

Zur Seite Schenk- und Spieltische, von Gästen besetzt.

Fünfter Auftritt

Gianettino halb betrunken. Lomellin. Zibo. Zenturione. Verrina.

Sacco. Calcagno. Alle maskiert. Mehrere Damen und Nobili.

GIANETTINO lärmend. Bravo! Bravo! Diese Weine glitschen herrlich, unsre Tänzerinnen springen à merveille. Geh einer von euch, streu es in Genua aus, ich sei heitern Humors, man könne sich gütlich tun – Bei meiner Geburt! Sie werden den Tag rot im Kalender zeichnen und drunter schreiben: Heute war Prinz Doria lustig.

GÄSTE setzen die Gläser an. Die Republik! Trompetenstoß.

GIANETTINO wirft das Glas mit Macht auf die Erde. Hier liegen die Scherben. Drei schwarze Masken fahren auf, versammeln sich um Gianettino.

LOMELLIN führt den Prinzen vor. Gnädiger Herr, Sie sagten mir neulich von einem Frauenzimmer, das Ihnen in der Lorenzokirche begegnete?

GIANETTINO. Das hab ich auch, Bursche, und muß ihre Bekanntschaft haben.

LOMELLIN. Das kann ich Euer Gnaden verschaffen.

GIANETTINO rasch. Kannst du? Kannst du? Lomellin, du hast dich neulich zur Prokuratorwürde gemeldet. Du sollst sie erhalten.

LOMELLIN. Gnädiger Prinz, es ist die zweite im Staat, mehr denn sechzig Edelleute bewerben sich darum, alle reicher und angesehener als Euer Gnaden untertäniger Diener.

GIANETTINO schnaubt ihn trotzig an. Donner und Doria! Du sollst Prokurator werden. Die drei Masken kommen vorwärts. Adel in Genua? Laßt sie all ihre Ahnen und Wappen zumal in die Waagschale schmeißen, was braucht es mehr als ein Haar aus dem weißen Bart meines Onkels, Genuas ganze Adelschaft in alle Lüfte zu schnellen? Ich will, du sollst Prokurator sein, das ist soviel als alle Stimmen der Signoria.

LOMELLIN leiser. Das Mädchen ist die einzige Tochter eines gewissen Verrina.

GIANETTINO. Das Mädchen ist hübsch, und trutz allen Teufeln! muß ich sie brauchen.

LOMELLIN. Gnädiger Herr! das einzige Kind des starrköpfigsten Republikaners!

GIANETTINO. Geh in die Hölle mit deinem Republikaner! Der Zorn eines Vasallen und meine Leidenschaft! Das heißt, der Leuchtturm muß einstürzen, wenn Buben mit Muscheln darnach werfen. Die drei schwarzen Masken treten mit großen Bewegungen näher. Hat darum Herzog Andreas seine Narben geholt in den Schlachten dieser Lumpenrepublikaner, daß sein Neffe die Gunst ihrer Kinder und Bräute erbetteln soll? Donner und Doria! Diesen Gelust müssen sie niederschlucken, oder ich will über den Gebeinen meines Oheims einen Galgen aufpflanzen, an dem ihre genuesische Freiheit sich zu Tod zappeln soll. Die drei Masken treten zurück.

LOMELLIN. Das Mädchen ist eben itzt allein. Ihr Vater ist hier und eine von den drei Masken.

GIANETTINO. Erwünscht, Lomellin. Gleich bringe mich zu ihr.

LOMELLIN. Aber Sie werden eine Buhlerin suchen und eine Empfindlerin finden.

GIANETTINO. Gewalt ist die beste Beredsamkeit. Führe mich alsobald hin; den republikanischen Hund will ich sehen, der am Bären Doria hinaufspringt. Fiesco begegnet ihm an der Türe. Wo ist die Gräfin?

Sechster Auftritt

Vorige. Fiesco.

FIESCO. Ich habe sie in den Wagen gehoben. Er faßt Gianettinos Hand und hält sie gegen seine Brust. Prinz, ich bin itzt doppelt in Ihren Banden. Gianettino herrscht über meinen Kopf und Genua, über mein Herz Ihre liebenswürdige Schwester.

LOMELLIN. Fiesco ist ganz Epikuräer worden. Die große Welt hat viel an Ihnen verloren.

FIESCO. Aber Fiesco nichts an der großen Welt. Leben heißt träumen; weise sein, Lomellin, heißt angenehm träumen. Kann man das besser unter den Donnern des Throns, wo die Räder der Regierung ewig ins gellende Ohr krachen, als am Busen eines schmachtenden Weibs? Gianettino Doria mag über Genua herrschen. Fiesco wird lieben.

GIANETTINO. Brich auf, Lomellin! Es wird Mitternacht. Die Zeit rückt heran. Lavagna, wir danken für deine Bewirtung. Ich war zufrieden.

FIESCO. Das ist alles, was ich wünschen kann, Prinz!

GIANETTINO. Also gute Nacht. Morgen ist Spiel bei Doria, und Fiesco ist eingeladen. Komm, Prokurator.

FIESCO. Musik! Lichter!

GIANETTINO trotzig durch die drei Masken. Platz dem Namen des Herzogs!

EINE VON DEN DREI MASKEN murmelt unwillig. In der Hölle! Niemal in Genua!

GÄSTE in Bewegung. Der Prinz bricht auf. Gute Nacht, Lavagna! Taumeln hinaus.

Siebenter Auftritt

Die drei schwarze Masken Fiesco.

Pause.

FIESCO. Ich werde hier Gäste gewahr, die die Freuden meines Festes nicht teilen.

MASKEN murmeln verdrießlich durcheinander. Nicht einer.

FIESCO verbindlich. Sollte mein guter Wille einen Genueser mißvergnügt weglassen? Hurtig, Lakaien! man soll den Ball erneuern und die großen Pokale füllen. Ich wollte nicht, daß jemand hier Langeweile hätte. Darf ich Ihre Augen mit Feuerwerken ergötzen? Wollen Sie die Künste meines Harlekins hören? Vielleicht finden Sie bei meinem Frauenzimmer Zerstreuung? Oder wollen wir uns zum Pharao setzen und die Zeit mit Spielen betrügen?

EINE MASKE. Wir sind gewohnt, sie mit Taten zu bezahlen!

FIESCO. Eine männliche Antwort, und – das ist Verrina!

VERRINA nimmt die Maske ab. Fiesco findet seine Freunde geschwinder in ihren Masken, als sie ihn in der seinigen.

FIESCO. Ich verstehe das nicht. Aber was soll der Trauerflor an deinem Arm? Sollte Verrina jemand begraben haben, und Fiesco nichts darum wissen?

VERRINA. Trauerpost taugt nicht für Fiescos lustige Feste.

FIESCO. Doch, wenn ein Freund ihn auffordert. Drückt seine Hand mit Wärme. Freund meiner Seele! wer ist uns beiden gestorben?

VERRINA. Beiden! Beiden! O allzu wahr! – Aber nicht alle Söhne trauern um ihre Mutter.

FIESCO. Deine Mutter ist lange vermodert.

VERRINA bedeutend. Ich besinne mich, daß Fiesco mich Bruder nannte, weil ich der Sohn seines Vaterlands war.

FIESCO scherzhaft. Ah! ist es das? Also auf einen Spaß war es abgezielt? Trauerkleider um Genua! und es ist wahr, Genua liegt wirklich in letzten Zügen. Der Gedanke ist einzig und neu. Unser Vetter fängt an, ein witziger Kopf zu werden.

CALCAGNO. Er hat es ernsthaft gesagt, Fiesco!

FIESCO. Freilich! Freilich! Das wars eben. So trocken weg und so weinerlich. Der Spaß verliert alles, wenn der Spaßmacher selber lacht. Mit einer wahren Leichenbittersmiene! Hätt ichs je gedacht, daß der finstre Verrina in seinen alten Tagen noch ein so lustiger Vogel würde!

SACCO. Verrina, komm! Er ist nimmermehr unser.

FIESCO. Aber lustig weg, Landsmann. Laß uns aus sehen wie listige Erben, die heulend hinter der Bahre gehen, und desto lauter ins Schnupftuch lachen. Doch dürften wir dafür eine harte Stiefmutter kriegen. Seis drum, wir lassen sie keifen, und schmausen.

VERRINA heftig bewegt. Himmel und Erde! und tun nichts? – Wo bist du hingekommen, Fiesco? Wo soll ich den großen Tyrannenhasser erfragen? Ich weiß eine Zeit, wo du beim Anblick einer Krone Gichter bekommen hättest. – Gesunkener Sohn der Republik! du wirsts verantworten, daß ich keinen Heller um meine Unsterblichkeit gebe, wenn die Zeit auch Geister abnützen kann.

FIESCO. Du bist der ewige Grillenfänger. Mag er Genua in die Tasche stecken und einem Kaper von Tunis verschachern, was kümmerts uns? Wir trinken Zyprier und küssen schöne Mädchen.

VERRINA blickt ihn ernst an. Ist das deine wahre, ernstliche Meinung?

FIESCO. Warum nicht, Freund? Ist es denn eine Wollust, der Fuß des trägen vielbeinigen Tiers Republik zu sein? Dank es dem, der ihm Flügel gibt und die Füße ihrer Ämter entsetzt. Gianettino Doria wird Herzog. Staatsgeschäfte werden uns keine grauen Haare mehr machen.

VERRINA. Fiesco? – Ist das deine wahre, ernstliche Meinung?

FIESCO. Andreas erklärt seinen Neffen zum Sohn und Erben seiner Güter, wer wird der Tor sein, ihm das Erbe seiner Macht abzustreiten?

VERRINA mit äußerstem Unmut. So kommt, Genueser! Er verläßt den Fiesco schnell. Die andern folgen.

FIESCO. Verrina! – Verrina! – Dieser Republikaner ist hart wie Stahl! –

Achter Auftritt

Fiesco. Eine unbekannte Maske.

MASKE. Haben Sie eine Minute übrig, Lavagna?

FIESCO zuvorkommend. Für Sie eine Stunde!

MASKE. So haben Sie die Gnade, einen Gang mit mir vor die Stadt zu tun.

FIESCO. Es ist funfzig Minuten auf Mitternacht.

MASKE. Sie haben die Gnade, Graf.

FIESCO. Ich werde anspannen lassen.

MASKE. Das ist nicht nötig. Ich schicke ein Pferd voraus. Mehr braucht es nicht, denn ich hoffe, es soll nur einer zurückkommen.

FIESCO betreten. Und?

MASKE. Man wird Ihnen auf eine gewisse Träne eine blutige Antwort abfodern.

FIESCO. Diese Träne?

MASKE. Einer gewissen Gräfin von Lavagna. Ich kenne diese Dame sehr gut, und will wissen, womit sie verdient hat, das Opfer einer Närrin zu werden?

FIESCO. Itzt verstehe ich Sie. Darf ich den Namen dieses seltsamen Ausfoderers wissen?

MASKE. Es ist der nämliche, der das Fräulein von Zibo einst anbetete, und vor dem Bräutigam Fiesco zurücktrat.

FIESCO. Scipio Bourgognino!

BOURGOGNINO nimmt die Maske ab. Und der itzt da ist, seine Ehre zu lösen, die einem Nebenbuhler wich, der klein genug denkt, die Sanftmut zu quälen.

FIESCO umarmt ihn mit Feuer. Edler junger Mann. Gedankt seis dem Leiden meiner Gemahlin, das mir eine so werte Bekanntschaft macht. Ich fühle die Schönheit Ihres Unwillens, aber ich schlage mich nicht.

BOURGOGNINO einen Schritt zurück. Der Graf von Lavagna wäre zu feig, sich gegen die Erstlinge meines Schwerts zu wagen?

FIESCO. Bourgognino! gegen die ganze Macht Frankreichs, aber nicht gegen Sie! Ich ehre dieses liebe Feuer für einen lieberen Gegenstand. Einen Lorbeer verdiente der Wille, aber die Tat wäre kindisch.

BOURGOGNINO erregt. Kindisch, Graf? Das Frauenzimmer kann über Mißhandlung nur weinen – Wofür ist der Mann da?

FIESCO. Ungemein gut gesagt, aber ich schlage mich nicht.

BOURGOGNINO dreht ihm den Rücken, will gehn. Ich werde Sie verachten.

FIESCO lebhaft. Bei Gott, Jüngling! das wirst du nie, und wenn die Tugend im Preis fallen sollte. Faßt ihn bedächtlich bei der Hand. Haben Sie jemals etwas gegen mich gefühlt, das man – wie soll ich sagen? – Ehrfurcht nennt?

BOURGOGNINO. Wär ich einem Mann gewichen, den ich nicht für den ersten der Menschen erklärte?

FIESCO. Also, mein Freund. Einen Mann, der einst meine Ehrfurcht verdiente, würde ich – etwas langsam verachten lernen. Ich dächte doch, das Gewebe eines Meisters sollte künstlicher sein, als dem flüchtigen Anfänger so geradezu in die Augen zu springen – Gehen Sie heim, Bourgognino, und nehmen Sie sich Zeit zu überlegen, warum Fiesco so und nicht anders handelt. Bourgognino geht stillschweigend ab. Fahr hin, edler Jüngling! Wenn diese Flammen ins Vaterland schlagen, mögen die Doria feste stehen.

Neunter Auftritt

Fiesco. Der Mohr tritt schüchtern herein und sieht sich überall sorgfältig um.

FIESCO faßt ihn scharf und lang ins Auge. Was willst du und wer bist du?

MOHR wie oben. Ein Sklave der Republik.

FIESCO. Sklaverei ist ein elendes Handwerk. Immer ein scharfes Aug auf ihn. Was suchst du?

MOHR. Herr, ich bin ein ehrlicher Mann.

FIESCO. Häng immer diesen Schild vor dein Gesicht hinaus, das wird nicht überflüssig sein – aber was suchst du?

MOHR sucht ihm näher zu kommen, Fiesco weicht aus. Herr, ich bin kein Spitzbube.

FIESCO. Es ist gut, daß du das beifügst, und – doch wieder nicht gut. Ungeduldig. Aber was suchst du?

MOHR rückt wieder näher. Seid Ihr der Graf Lavagna?

FIESCO stolz. Die Blinden in Genua kennen meinen Tritt. – Was soll dir der Graf?

MOHR. Seid auf Eurer Hut, Lavagna! Hart an ihm.

FIESCO springt auf die andere Seite. Das bin ich wirklich.

MOHR wie oben. Man hat nichts Guts gegen Euch vor, Lavagna.

FIESCO retiriert sich wieder. Das seh ich.

MOHR. Hütet Euch vor dem Doria.

FIESCO tritt ihm vertraut näher. Freund! Sollt ich dir doch wohl unrecht getan haben? Diesen Namen fürchte ich wirklich.

MOHR. So flieht vor dem Mann. Könnt Ihr lesen?

FIESCO. Eine kurzweilige Frage. Du bist bei manchem Kavalier herumgekommen. Hast du was Schriftliches?

MOHR. Euren Namen bei armen Sündern. Er reicht ihm einen Zettel und nistet sich hart an ihn. Fiesco tritt vor einen Spiegel und schielt über das Papier. Der Mohr geht laurend um ihn herum, endlich zieht er den Dolch und will stoßen.

FIESCO dreht sich geschickt und fährt nach dem Arm des Mohren. Sachte, Kanaille! Entreißt ihm den Dolch.

MOHR stampft wild auf den Boden. Teufel – bitt um Vergebung. Will sich abführen.

FIESCO packt ihn, mit starker Stimme. Stephano! Drullo! Antonio! Den Mohren an der Gurgel. Bleib, guter Freund! Höllische Büberei! Bediente. Bleib und antworte! Du hast schlechte Arbeit gemacht; an wen hast du dein Taglohn zu fodern?

MOHR nach vielen vergeblichen Versuchen, sich wegzustehlen, entschlossen. Man kann mich nicht höher hängen als der Galgen ist.

FIESCO. Nein! tröste dich! Nicht an die Hörner des Monds, aber doch hoch genug, daß du den Galgen für einen Zahnstocher ansehen sollst. Doch deine Wahl war zu staatsklug, als daß ich sie deinem Mutterwitz zutrauen sollte. Sprich also, wer hat dich gedungen?

MOHR. Herr, einen Schurken könnt Ihr mich schimpfen, aber den Dummkopf verbitt ich.

FIESCO. Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich, wer hat dich gedungen?

MOHR nachdenkend. Hum! So wär ich doch nicht allein der Narr? – Wer mich gedungen hat? – Und warens doch nur hundert magre Zechinen! – Wer mich gedungen hat? – Prinz Gianettino.

FIESCO erbittert auf und nieder. Hundert Zechinen und nicht mehr für des Fiesco Kopf! Hämisch. Schäme dich, Kronprinz von Genua. Nach einer Schatulle eilend. Hier, Bursche, sind tausend, und sag deinem Herrn – er sei ein knickiger Mörder!

MOHR betrachtet ihn vom Fuß bis zum Wirbel.

FIESCO. Du besinnst dich, Bursche?

Mohr nimmt das Geld, setzt es nieder, nimmt es wieder und besieht ihn mit immer steigendem Erstaunen.

FIESCO. Was machst, Bursche?

MOHR wirft das Geld entschlossen auf den Tisch. Herr – das Geld hab ich nicht verdient.

FIESCO. Schafskopf von einem Jauner! Den Galgen hast du verdient. Der entrüstete Elefant zertritt Menschen, aber nicht Würmer. Dich würd ich hängen lassen, wenn es mich nur so viel mehr als zwei Worte kostete.

MOHR mit einer frohen Verbeugung. Der Herr sind gar zu gütig.

FIESCO. Behüte Gott! Nicht gegen dich! Es gefällt mir nun eben, daß meine Laune einen Schurken, wie du bist, zu etwas und nichts machen kann, und darum gehst du frei aus. Begreife mich recht. Dein Ungeschick ist mir ein Unterpfand des Himmels, daß ich zu etwas Großem aufgehoben bin, und darum bin ich gnädig, und du gehst frei aus.

MOHR treuherzig. Schlagt ein, Lavagna. Eine Ehre ist der andern wert. Wenn jemand auf dieser Halbinsel eine Gurgel für Euch überzählig hat, befehlt! und ich schneide sie ab, unentgeltlich.

FIESCO. Eine höfliche Bestie! Sie will sich mit fremder Leute Gurgeln bedanken.

MOHR. Wir lassen uns nichts schenken, Herr! Unsereins hat auch Ehre im Leibe.

FIESCO. Die Ehre der Gurgelschneider?

MOHR. Ist wohl feuerfester als Eurer ehrlichen Leute; sie brechen ihre Schwüre dem lieben Herrgott; wir halten sie pünktlich dem Teufel.

FIESCO. Du bist ein drolligter Jauner.

MOHR. Freut mich, daß Ihr Geschmack an mir findet. Setzt mich erst auf die Probe, Ihr werdet einen Mann kennenlernen, der sein Exerzitium aus dem Stegreif macht. Fodert mich auf. Ich kann Euch von jeder Spitzbubenzunft ein Testimonium aufweisen, von der untersten bis zur höchsten.

FIESCO. Was ich nicht höre. Indem er sich niedersetzt. Also auch Schelmen erkennen Gesetze und Rangordnung? Laß mich doch von der untersten hören.

MOHR. Pfui, gnädiger Herr. Das ist das verächtliche Heer der langen Finger. Ein elend Gewerb, das keinen großen Mann ausbrütet, arbeitet nur auf Karbatsche und Raspelhaus und führt – höchstens zum Galgen.

FIESCO. Ein reizendes Ziel. Ich bin auf die beßre begierig.

MOHR. Das sind die Spionen und Maschinen. Bedeutende Herren, denen die Großen ein Ohr leihen, wo sie ihre Allwissenheit holen; die sich wie Blutigel in Seelen einbeißen, das Gift aus dem Herzen schlirfen und an die Behörde speien.

FIESCO. Ich kenne das – fort.

MOHR. Der Rang trifft nunmehr die Meuter, Giftmischer, und alle, die ihren Mann lang hinhalten und aus dem Hinterhalt fassen. Feige Memmen sinds oft, aber doch Kerls, die dem Teufel das Schulgeld mit ihrer armen Seele bezahlen. Hier tut die Gerechtigkeit schon etwas übriges, strickt ihr Knöchel aufs Rad, und pflanzt ihre Schlauköpfe auf Spieße. Das ist die dritte Zunft.

FIESCO. Aber, sprich doch, wann wird die deinige kommen?

MOHR. Blitz! gnädiger Herr! Das ist eben der Pfiff. Ich bin durch diese alle gewandert. Mein Genie geilte frühzeitig über jedes Gehege. Gestern abend macht ich mein Meisterstück in der dritten, vor einer Stunde war ich – ein Stümper in der vierten.

FIESCO. Diese wäre also?

MOHR lebhaft. Das sind Männer, In Hitze. die ihren Mann zwischen vier Mauern aufsuchen, durch die Gefahr eine Bahn sich hauen, ihm gerade zu Leib gehen, mit dem ersten Gruß ihm den Großdank für den zweiten ersparen. Unter uns. Man nennt sie nur die Extrapost der Hölle. Wenn Mephistopheles einen Gelust bekommt, brauchts nur einen Wink, und er hat den Braten noch warm.

FIESCO. Du bist ein hartgesottener Sünder. Einen solche vermißte ich längst. Gib mir deine Hand. Ich will dich bei mir behalten.

MOHR. Ernst oder Spaß?

FIESCO. Mein völliger Ernst, und gebe dir tausend Zechinen des Jahrs.

MOHR. Topp, Lavagna! Ich bin Euer, und zum Henker fahre das Privatleben. Braucht mich, wozu Ihr wollt. Zu Eurem Spürhund, zu Euerm Parforcehund, zu Eurem Fuchs, zu Eurer Schlange, zu Euerm Kuppler und Henkersknecht. Herr, zu allen Kommissionen, nur beileibe! zu keiner ehrlichen – dabei benehm ich mich plump wie Holz.

FIESCO. Sei unbesorgt. Wem ich ein Lamm schenken will, laß ichs durch keinen Wolf überliefern. Geh also gleich morgen durch Genua, und suche die Witterung des Staats. Lege dich wohl auf Kundschaft, wie man von der Regierung denkt und vom Haus Doria flistert, sondiere daneben, was meine Mitbürger von meinem Schlaraffenleben und meinem Liebesroman halten. Überschwemme ihr Gehirne mit Wein, bis ihre Herzensmeinungen überlaufen. Hier hast du Geld. Spende davon unter den Seidenhändlern aus.

MOHR sieht ihn bedenklich an. Herr –

FIESCO. Angst darf dir nicht werden. Es ist nichts Ehrliches – Geh. Rufe deine ganze Bande zu Hülfe. Morgen will ich deine Zeitungen hören. Er geht ab.

MOHR ihm nach. Verlaßt Euch auf mich. Jetzt ists früh vier Uhr. Morgen um acht habt Ihr so viel Neues erfahren, als in zweimal siebenzig Ohren geht. Ab.

Zehenter Auftritt

Zimmer bei Verrina.

Berta rücklings in einem Sofa, den Kopf in die Hand geworfen.

Verrina düster hereintretend.

BERTA erschrickt, springt auf. Himmel! da ist er!

VERRINA steht still, besieht sie befremdet. An ihrem Vater erschrickt meine Tochter?

BERTA. Fliehen Sie. Lassen Sie mich fliehen. Sie sind schröcklich, mein Vater.

VERRINA. Meinem einzigen Kinde?

BERTA mit einem schweren Blick auf ihn. Nein! Sie müssen noch eine Tochter haben.

VERRINA. Drückt dich meine Zärtlichkeit zu schwer?

BERTA. Zu Boden, Vater.

VERRINA. Wie? welcher Empfang, meine Tochter? Sonst wenn ich nach Hause kam, Berge auf meinem Herzen, hüpfte mir meine Berta entgegen, und meine Berta lachte sie weg. Komm, umarme mich, Tochter. An dieser glühenden Brust soll mein Herz wieder erwarmen, das am Totenbett des Vaterlands einfriert. O mein Kind! Ich habe heute Abrechnung gehalten mit allen Freuden der Natur, und Äußerst schwer. nur du bist mir geblieben.

BERTA mißt ihn mit einem langen Blick. Unglücklicher Vater!

VERRINA umarmt sie beklemmt. Berta! Mein einziges Kind! Berta! meine letzte übrige Hoffnung! – Genuas Freiheit ist dahin – Fiesco hin – Indem er sie heftiger drückt, durch die Zähne. Werde du eine Hure –

BERTA reißt sich aus seinen Armen. Heiliger Gott! Sie wissen? –

VERRINA steht bebend still. Was?

BERTA. Meine jungfräuliche Ehre –

VERRINA wütend. Was?

BERTA. Diese Nacht –

VERRINA wie ein Rasender. Was?

BERTA. Gewalt! Sinkt am Sofa nieder.

VERRINA nach einer langen schröckhaften Pause, mit dumpfer Stimme. Noch einen Atemzug, Tochter – den letzten! Mit hohlem, gebrochnem Ton. Wer?

BERTA. Weh mir! Nicht diesen totenfarben Zorn! Helfe mir Gott! er stammelt und zittert!

VERRINA. Ich wüßte doch nicht – Meine Tochter! Wer?

BERTA. Ruhig! Ruhig! mein bester, mein teurer Vater.

VERRINA. Um Gottes willen – Wer? Will vor ihr niederfallen.

BERTA. Eine Maske.

VERRINA tritt zurück, nach einem stürmischen Nachdenken. Nein! Das kann nicht sein! Den Gedanken sendet mir Gott nicht. Lacht graß auf. Alter Geck! als wenn alles Gift nur aus einer und eben der Kröte sprützte? Zu Berta, gefaßter. Die Person wie die meinige, oder kleiner?

BERTA. Größer.

VERRINA rasch. Die Haare schwarz? kraus?

BERTA. Kohlschwarz und kraus.

VERRINA taumelt von ihr hinweg. Gott! mein Kopf! mein Kopf – Die Stimme?

BERTA. Rauh, eine Baßstimme.

VERRINA heftig. Von welcher Farbe? Nein! ich will nicht mehr hören! – Der Mantel – von welcher Farbe?

BERTA. Der Mantel grün, wie mich deuchte.

VERRINA hält beide Hände vors Gesicht und wankt in den Sofa. Sei ruhig. Es ist nur ein Schwindel, meine Tochter. Läßt die Hände sinken, ein Totengesicht.

BERTA die Hände ringend. Barmherziger Himmel! Das ist mein Vater nicht mehr.

VERRINA nach einer Pause, mit bitterm Gelächter. Recht so! Recht so, Memme Verrina! – daß der Bube in das Heiligtum der Gesetze griff – diese Aufforderung war dir zu matt – Der Bube mußte noch ins Heiligtum deines Bluts greifen – Springt auf. Geschwind! Rufe den Nicolo – Blei und Pulver – oder halt! halt! ich besinne mich eben anders – besser – Hole mein Schwert herbei, bet ein Vaterunser. Die Hand vor die Stirne. Was will ich aber?

BERTA. Mir ist sehr bange, mein Vater!

VERRINA. Komm, setze dich zu mir! Bedeutend. Berta, erzähle mir – Berta, was tat jener eisgraue Römer, als man seine Tochter auch so – wie nenn ichs nun – auch so artig fand, seine Tochter? Höre, Berta, was sagte Virginius zu seiner verstümmelten Tochter?

BERTA mit Schaudern. Ich weiß nicht, was er sagte.

VERRINA. Närrisches Ding! Nichts sagte er Plötzlich auf, faßt ein Schwert. nach einem Schlachtmesser griff er –

BERTA stürzt ihm erschrocken in die Arme. Großer Gott! was wollen Sie tun?

VERRINA wirft das Schwert ins Zimmer. Nein! Noch ist Gerechtigkeit in Genua!

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