Kitabı oku: «Gol»
Gol
Ein brasilianischer Fußballkrimi
von Friedrich Schmidt-Roscher
Sie sahen die Lichter eines Wagens. Er fuhr mit großer Geschwindigkeit von Esperança in ihre Richtung. Ein weiteres Fahrzeug folgte ihm. Das Auto kam rasch näher. Unvermittelt riss Schuster die Autotür auf. Sie schrie: „Dass mit dem Diesel war kein Zufall. Wir müssen uns verstecken. Schnell! Das ist kein Spaß.“
Forte war wie gelähmt. Er sah wie Schuster den Laptop aus dem Wagen holte und ihre beiden Reisetaschen aus dem Wagen warf. Er öffnete die Wagentür und ging in den Regen, der etwas nachgelassen hatte. Er folgte Schuster in das Feld. Sie war schon verschluckt von zweieinhalb bis drei Meter hohen Pflanzen. Aus dem Augenwinkel sah er wie das Fahrzeug mit großer Geschwindigkeit auf sie zuraste.
Wenige Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien, liegt die Leiche einer jungen Frau auf dem Rasen des Estádio Conde Rodolfo Crespi in São Paulo. Kurz darauf verschwindet der Pokal des Weltfußballverbandes aus der Suite eines Luxushotel. Ein bekannter Sportjournalist wird aus der Kathedrale in Curitiba entführt.
Haben die Verbrechen etwas miteinander zu tun?
Fieberhaft ermittelt die Spezialeinheit Gol, um den Pokal rechtzeitig vor dem Eröffnungsspiel zu finden und die Kapitaldelikte aufzuklären.
Auch Christian Forte, der Seelsorger der deutschen Nationalmannschaft und Barbara Schuster werden in den Fall verwickelt. Sie folgen einer rätselhaften Nachricht, die sie tief in die brasilianische Provinz zu ausgewanderten Pfälzern führt.

Friedrich Schmidt-Roscher
wurde 1962 in Zweibrücken geboren und wuchs in der Westpfalz auf. Er ist protestantischer Pfarrer, lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Haßloch. Seine Begeisterung für Fußball und seine Leidenschaft für den FCK kennt kaum Grenzen.
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die Handlung des Romans ist frei erfunden und etwaige auftretende Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Auch die Handlungen der Personen der Zeitgeschichte sind fiktiv.
Die Rechte aller im Roman erwähnten Marken oder Warenzeichen gehören den jeweiligen Eigentümern.
Bild Vorderseite „city of sao paulo“ Cover © Cifotart - Fotolia.com
Bild Autor © Jochen Werz
Copyright © Jochen Werz Verlag 2014
Alle Rechte liegen beim Verlag
ISBN 978-3939434-24-5
Mehr Informationen unter www.4werz.de
Kapitel 1
Freitag, 30. Mai, Estadio Conde Rodolfo Crespi, São Paulo
Die Tote lag auf dem Fußballfeld im Anstoßkreis. Die Finger der linken Hand berührten die weiße Linie. Der rechte Arm lag direkt neben dem Körper. Ihre Augen waren geschlossen. Es war ein friedliches Bild, trotz der verklebten Haare. Die blonde Frau sah aus, als ob sie schliefe. In ihrem Gesicht war kein Blut zu sehen. Nur auf der Stirn klaffte ein kleines hässliches Einschussloch.
Als Kommissarin Gabriella Gil mit ihrem Chef Duarte von der Mordkommission der Polícia Civil im Estadio Conde Rodolfo Crespi eintrafen, brauchten sie keinen Arzt, um den Mord festzustellen. Der Tatort war mit einem gelb-schwarzen Plastikband abgesperrt. João Russo kniete in einem weißen Overall auf dem Rasen und suchte mit einer Pinzette nach Spuren. Die Kommissarin schätzte die blonde Tote auf 20 bis 30 Jahre. Das starre Gesicht eines toten Menschen machte der Kommissarin immer noch zu schaffen. Gil schaute auf die leeren Ränge mit den blauen und roten Sitzen. Sie entdeckte einen anderen Polizist im weißen Overall, der an einem drei Meter hohen Metallzaun entlang lief, der das Gelände von einer Straße trennte.
„Die haben hier eine schöne Anlage“, meinte Duarte und prüfte mit seinem rechten schwarzen Schuh die Festigkeit des Rasens. „Dabei dümpeln die seit Jahren in der zweiten Liga herum. Letztes Jahr wären sie fast abgestiegen.“
Gabriella Gil nahm ein Kaugummi aus ihrem Rucksack. „Was macht die Frau mit einer Kugel im Kopf mitten auf dem Fußballfeld? Wer hat uns die Tote gemeldet?“
„Der Verein Juventus São Paulo wurde vor fast 100 Jahren von italienischen Einwanderern gegründet. Ein Onkel von meinen Vater hat hier auch einmal gespielt.“ Duarte blickte versonnen auf die Ränge. „Schöne Anlage. Die müssen im Geld schwimmen. Da ist doch dieser Buda Großsponsor.“
„Buda wer?“
„Na dieser Walter Buda, der Vizepräsident des brasilianischen Fußballverbandes. Der ist mit Ethanol und mit Bauprojekten reich geworden. Als kleiner Junge hat er hier mal Fußball gespielt. Ziemlich schlecht, wie mein Onkel mir erzählt hat. Bankdrücker in der zweiten Mannschaft. Aber jetzt sorgt sein Geld dafür, dass sie so einen schönen Rasen haben.“ Duarte spuckte auf das saftige Grün. „Der Anruf kam von dem Platzwart.“
Gil drehte sich um und lief Richtung Tribüne. Dort stand ein drahtiger kleiner Mann im Trainingsanzug. Er grinste verlegen mit seinem faltigen Gesicht. Sein Haar war immer noch dunkel. Als er den Mund aufmachte, fehlte einer seiner Vorderzähne.
„Jeden Morgen komme ich kurz vor acht Uhr hier ins Stadion und schließe die Tür auf und sehe nach dem Rechten. Das mache ich schon seit elf Jahren. Nie ist etwas passiert. Gut, wir hatten schon zweimal einen Einbruch.“ Der Mann kratzte sich am Kopf. „Nee, es waren sogar drei Einbrüche. Aber außer ein paar Bällen und einmal die Eintrittsgelder eines Spiel ist nichts gestohlen worden. Eine Leiche hatten wir noch nie.“
„Wann haben Sie die Tote entdeckt?“
„Zehn Minuten nach 8 Uhr.“
„Mein Name ist Gil, ich bin Kommissarin bei der Polícia Civil im Bezirk Santo Amaro und ermittle. Ich möchte sie als Zeugen vernehmen.“ Sie nahm ihr Diktiergerät aus ihrem Rucksack und drückte auf den Knopf. „Freitag, 30. Mai 2014. Protokoll der Vernehmung von ….“
„Ich heiße Rossi, Ricardo.“
„Wie alt sind Sie? Wo wohnen Sie?“
„72 Jahre. Paulista seit Geburt. Ich wohne in der Rua João Caetano 352.
„Also wohnhaft in São Paulo. Sie haben doch eben gesagt, dass Sie kurz vor acht das Tor schon aufgeschlossen haben.“
Der hagere Mann kratzte sich am Kopf. „Ja, aber ich gehe immer zuerst in die Umkleidekabinen und schaue nach, ob die Duschen abgedreht sind und alle Fenster geschlossen. Erst als ich raus kam, fiel mir die Frau auf dem Rasen auf.“
„Wann haben Sie die Frau genau entdeckt?“
„Wie gesagt, 8:10 Uhr.“ Der Alte hielt den Arm mit seiner Uhr hoch.
„Kennen Sie die Frau?“
Er schüttelte den Kopf. „Die habe ich noch nie gesehen. Keine Ahnung, wer die arme Seele ist.“
Es blitzte. Aus dem Augenwinkel sah Gil, wie Russo von der Spurensicherung mit seiner Digitalkamera Fotos vom Tatort machte.
„Ist Ihnen in den letzten Tagen etwas aufgefallen? Gab es irgendetwas Besonderes?“
Der Mann legte seine Stirn in Falten. „Es war eigentlich wie immer. Die Mannschaften kommen zum Training. Na ja, durch die Weltmeisterschaft hat die Winterpause schon früher begonnen und die ganzen Jugendmannschaften trainieren nicht mehr. Aber ein paar ältere Herren kommen, um miteinander zu spielen.“
„Wann wird das Stadion geschlossen?“
„Das hängt vom Trainingsbetrieb ab. Gestern Abend war ich um 22 Uhr hier und habe eine halbe Stunde vor Mitternacht das Tor abgeschlossen. Manchmal trinken wir noch ein Bier nach dem Training.“
Die Kommissarin drückte auf Stopp und steckte das Gerät in den Rucksack. „Geben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Adresse Hauptkommissar Duarte, der dort hinten steht. Wir brauchen natürlich auch Namen und Telefonnummern des Vereinspräsidenten sowie der verantwortlichen Trainer. Und die Namen der Spieler.“
„Sie meinen alle Spieler?“
„Geben Sie uns die Liste der Spieler! Wie viele Personen sind das?“
Rossi zuckte mit den Schultern. Dann musste das Duarte mit dem Präsidenten des Vereins klären. Inzwischen stand neben dem grünen Rasen ein grauer Plastiksarg. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit noch nicht beendet. Die beiden Männer, die die Leiche in die Pathologie transportieren sollten, standen hinter dem Tor und rauchten eine Zigarette.
Warum lag die blonde Frau mitten auf den Fußballplatz? Spielte sie Futbol oder war sie mit einem Fußballer liiert? War das eine Botschaft für die Fußballweltmeisterschaft, die in zwei Wochen begann?
João Russo stellte sich neben Gil und schob die weiße Kapuze zurück. „So eine Leiche habe ich noch nie gesehen. Sie wurde richtig auf den Rasen drapiert.“
„Habt ihr Spuren gefunden?“
Russo schüttelte den Kopf. „Nichts. Es gibt keine Schleifspuren. Der Rasen wurde erst vorgestern gemäht und ist ziemlich kurz. Ich konnte nirgends Fußabdrücke identifizieren. Zu trockenes Wetter und zu kurzer Rasen. In der Hose der Toten waren nur ein altes Taschentuch und etwas Kleingeld. Keine Papiere.“
„Was macht dein Kollege am Zaun?“
„Der prüft nach, an welcher Stelle die Täter auf das Gelände gekommen sind. Hoffentlich findet er Spuren, die uns weiterhelfen.“ João Russo rieb sich seinen Fünftagebart. „Was machst du eigentlich hier? Bist du nicht zu dieser Spezialeinheit versetzt worden?“
Gil nickte. „Heute ist mein letzter Arbeitstag. Zum Abschied eine Frauenleiche. Ab Montag bin ich bei Gol, um im Dienste der brasilianischen Regierung zu helfen, dass wir in der Weltöffentlichkeit ein gutes Bild abgeben. Gol São Paulo – klingt doch gut oder?“
Russo lachte. „Du machst Karriere und ich muss hier versauern.“ Leise sagte er: „Ich werde dich vermissen. Wie soll ich das ohne dich mit Sabão aushalten?“
„Seid ihr bald fertig hier?“ Die Stimme des Chefs war nicht zu überhören. „Vielleicht lädt die schöne Kommissarin uns alle zum Abschied zu einem Aperitif in einer Bar ein?“
Gil hätte gerne gesagt, da kannst du lange darauf warten. Aber sie schwieg. Das war sicher das Beste an ihrem Stellenwechsel, dass ihr dieser Chef erspart blieb. Nun roch sie das aufdringliche Parfüm von Sabão, der Seife, wie Duarte von allen heimlich genannt wurde. Sabão stand dicht hinter ihr und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie schüttelte ihn ab wie eine lästige Fliege und lief über den Rasen zur toten blonden Frau. Sie brauchte frische Luft. João hatte Recht. Das Opfer war auf dem Rasen drapiert worden.
So leicht ließ sich Duarte nicht abschütteln. Sie konnte sein Parfüm schon wieder riechen. Er betrachtete den Körper der Toten. „Schade, dass sie tot ist. Die Kleidung sieht billig aus. Hoffentlich meldet sich jemand, der das Mädchen kennt.“
Mit langsamen Schritten betrat Emilio Lappa das Spielfeld. Wie immer trug er einen dunklen Anzug mit einer Fliege. Ein weiteres Markenzeichen dieses wortkargen Staatsanwaltes war seine runde Brille und die streng nach hinten gekämmten graue Haare. Der Staatsanwalt begrüßte mit einem Nicken die beiden Ermittler. Lappa blickte kurz auf das Opfer. Von Duarte ließ er sich über den Stand der Ermittlungen informieren. In ihrer blauen Jeans und dem schwarzen Kapuzenpulli kam sich Gil etwas underdressed vor. Ungefragt berichtete sie von der Vernehmung des Platzwartes.
„Noch heute ordne ich die Leichenöffnung in der Pathologie an. Ich werde beim Ermittlungsrichter die Beschlagnahmung des Mitgliederverzeichnisses des Fußballvereins Juventus beantragen. Möglicherweise rückt der Verein die Unterlagen auch so heraus. Aber sicher ist sicher. Informieren Sie mich über den Fortgang der Untersuchung so wie immer.“ Er warf noch einen Blick auf die tote Frau. Dann ging er gemächlich zurück. Die Kommissarin sah, dass er sein linkes Bein leicht nachzog.
Als der Staatsanwalt verschwunden war, meinte Duarte: “Immer korrekt gekleidet unser Herr Staatsanwalt. Aber auch alt geworden. Ich dachte, er ist schon in Pension.“
Die Kommissarin schwieg und stieg über das gelb-schwarze Band. Die Tote trug ein blaues Shirt und verwaschene Jeans. Ihre Füße steckten in billigen Turnschuhen. Am Rücken war das Shirt etwas hochgerutscht und man konnte einen blauen Fleck entdecken. Sie zog dünne weiße Gummihandschuhe an und schob den Hosenbund etwas nach unten. Nun sah sie, dass es sich um ein etwa fünf Zentimeter großes Tattoo handelte. Zwei Hände gingen wie Schalen nach oben, darüber war ein Herz mit einem Kreuz.
Kapitel 2
Dienstag, 3. Juni 2014, 11 Uhr über dem Atlantik
Als Christian Forte die Augen öffnete, blickte er in das bleiche Gesicht eines Mannes. Erschrocken fasste Forte an den Hals des Mannes. Gott sei Dank, war der Puls regelmäßig zu spüren. Der bärtige Mann schnappte nach Luft und döste weiter.
Forte sah durch das kleine Fenster auf die weißen Wattestreifen. Mit der deutschen Fußballnationalmannschaft flog er zur Weltmeisterschaft nach Brasilien, die in zehn Tagen begann. Mindestens drei Wochen würde er die Fußballer und Funktionäre bei dem Turnier begleiten. Falls Deutschland ins Finale kam, konnten daraus leicht sechs Wochen werden.
Es war ein Tag nach Sabines Geburtstag, als der Anruf kam. Die Aprilsonne schien in sein Arbeitszimmer und er korrigierte einen Relitest über die Säulen des Islam. Das Telefonat kam aus Hannover, der Zentrale der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Worte des Oberkirchenrates klangen noch in seinem Ohr: „Können Sie sich für die Fußballweltmeisterschaft ein paar Wochen frei machen?“ Für einen Augenblick glaubte Forte an einen Scherz. Doch er sprach tatsächlich mit Oberkirchenrat Rust, der für den Bereich Kirche und Sport zuständig war. „Pastor Heinz Adler hatte die letzte Märzwoche leider einen schweren Skiunfall. Der Arme ist noch einige Wochen im Krankenhaus. Wir suchen dringend einen Ersatz für ihn.“ Forte konnte sich an Heinz erinnern. Der Franke besaß einen strammen rechten Schuss und war ein echter „Clubberer“. Das Pech von Heinz war nun sein Glück.
Christian Forte hatte nicht lange überlegen müssen. Das war eine einmalige Chance, die nie wieder in seinem Leben kommen würde. Er sagte dem Oberkirchenrat spontan zu. Schwieriger war es, Sabine von dieser Auslandsreise zu überzeugen. Seine Frau verachtete Fußball. Sie wetterte gegen die hohen Gehälter der Spieler und die Gewalt in den Stadien. Nach 20 Jahren kannte er seine Frau so gut, dass er wusste, wie er sie umstimmen konnte. Seine Taktik war aufgegangen. Er machte seine Tochter Deborah und seinen Sohn Samuel zu seinen Verbündeten. Der zwölfjährige Sam war mächtig stolz auf seinen Vater. Forte versprach ihm hoch und heilig einen Weltmeisterschaftsball mit den Unterschriften aller deutschen Nationalspieler mitzubringen. Die Vertretung in der Schule übernahm ein Pfarrer im Ruhestand.
Ein Kopf kullerte auf seine Schulter. Monsignore Michael Braun schlief immer noch. Vorsichtig schob er dessen barocken Körper in die Sitzmitte. Mit dem musste er es jetzt ein paar Wochen aushalten. Er stand auf und kramte in seinem Rucksack nach dem Portugiesisch-Kurs, den ihm Sabine zum Abschied geschenkt hatte. Die Sprache fiel ihm nicht so schwer, da er als Kind häufig mit seinen Eltern bei den Verwandten in Kalabrien war.
„Wollen Sie einen Kaffee oder Wasser oder ein Glas Wein?“ Die junge Stewardess zeigte ihre weißen Zähne.
„Haben Sie einen guten trockenen Rotwein?“ Der Monsignore weilte wieder unter den Lebenden. „Und eine Tasse Kaffee.“
„Kaffee, Espresso oder Capucchino?“
„Einen normalen deutschen Kaffee bitte!“ Braun reckte sich. „Trinken Sie auch ein Glas Wein?“
Forte schüttelte den Kopf: „Nicht so früh am Morgen.“ Er lächelte die Stewardess an. „Für mich einen Espresso bitte und ein Glas Wasser!“
Sie prosteten sich mit Wasser und Wein zu. „Auf gute Zusammenarbeit!“ Braun nahm einen tiefen Schluck und ließ den Wein genießerisch die Kehle hinunter rinnen
„Wie kommen Sie zu dieser ehrenvolle Aufgabe“, fragte Forte. „An Ihren fußballerischen Fähigkeiten wird es nicht liegen....“
„Das ist jetzt keine Anspielung auf meine Körperfülle.“ Brauns Miene verfinsterte sich kurz. „Während meines Studiums an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt war ich zweimal ein halbes Jahr in Angola bei den Brüdern dort. Deshalb spreche ich fließend Portugiesisch.“ Er nahm noch einen Schluck Wein. „War nicht Pfarrer Adler für diese Aufgabe vorgesehen?“
„Leider kam Heinz Adler ein Skiunfall dazwischen. Sein Pech war mein Glück. Kennen Sie den Spruch ‚Der Mensch denkt, Gott lenkt‘?“
„Ich kenne sogar die Vergangenheitsform: ‚Der Mensch dachte, Gott lachte.‘“ Braun gluckste selbst am lautesten über seine Bemerkung. „Dann wollen wir einmal mithelfen, dass die Nationalmannschaft gut abschneidet. Zu unserem Team gehören ein Sportpsychologe und eine Trainerin für Entspannungstechniken. Ich bin eigentlich fest davon ausgegangen, dass wir in diesem Jahr auch einen Imam dabei haben.“
„Ah, Sie haben sich schon bekannt gemacht!“ Eine drahtige Frau mit grauer Kurzhaarfrisur stand plötzlich neben ihnen im Gang. Forte hatte Barbara Schuster Anfang Mai bei einem Vortreffen in der Zentrale des Fußballbundes in Frankfurt als rechte Hand des Organisationschefs kennengelernt. Sie war ihm von Anfang an unsympathisch. Er wusste nicht, ob es an ihrem gebräunten Gesicht oder an ihrer herrischen Art lag.
Forte streckte sich in seinem Sitz. „Ich hoffe, unsere langen Abwehrrecken haben im Flugzeug etwas mehr Beinfreiheit. Es wäre doch schade, wenn unsere Nationalmannschaft auf dem Flug vom Verletzungspech heimgesucht wird.“
Barbara Schuster grinste. „Da können Sie ganz beruhigt sein. Unsere wertvollen Spieler haben natürlich mehr Beinfreiheit. Wie Sie wissen, sind unsere Nationalspieler schon im Trainingslager in Mexiko. Ich bin überrascht, dass Pfarrer über Humor verfügen.“
Forte schaute sie an: „Da können Sie sich noch auf einiges gefasst machen. Ab wann kommen die Nationalspieler in unser WM-Quartier?“
„In einer Woche erwarten wir sie in unserer Residenz am Atlantik. Ich gehe davon aus, dass sie beide auch zu den Spielen unserer Mannschaft wollen. So ein bisschen Beistand von ganz oben wird unseren deutschen Kickern nicht schaden.“
Kapitel 3
Mittwoch, 4. Juni, 8:15 Uhr, Favela Nova Jaguaré, São Paulo
Gabriella Gil wippte mit ihrem Fuß. Ruhig bleiben und tief durchatmen. Ohren auf Durchzug stellen und nicht aufregen. Als Kommissarin gelang es ihr in brenzligen Situationen die Ruhe zu bewahren. Als Tochter fiel es ihr schwer. Ihre Mutter hatte wieder diesen Blick drauf. Diesen „Ich-mein-es-doch-nur-gut-Blick“, den sie immer aufsetzte, wenn sie ihr Ratschläge erteilte.
„Du musst ausgehen, um endlich einen Mann kennenzulernen. Denk an dein Alter!“
Sie saß mit ihrer Mutter in der engen Küche und trank einen Espresso. Der Duft aus der kleinen Tasse erfüllte die ganze Küche.
„So einen guten Kaffee kochst nur du.“ Sie hatte einfach keine Lust auf dieses Gespräch. „Mamãe, was quälst du dich aus dem Bett. Es war gestern doch bestimmt spät.“
„Der Film hatte Überlänge. Die Herrschaften kamen erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Der Senhor war leicht angetrunken. Deshalb hat mich die Senhora nach Hause gefahren.“
„Waren die Kinder brav?“
Andrea Gil lachte. „Manuel ist schon 14 und José bereits 12. Aber ihre alte Baba haben die beiden immer noch gern. Sie kommen mit mir besser aus als mit ihrer Mutter. Ich koche ihr Lieblingsessen und rieche nicht so streng nach Parfüm.“
„Wenigstens bezahlen sie dich ordentlich.“
Ihre Mutter nickte. „Sie zahlen sogar etwas für die Rente, so wie es die Regierung vorgesehen hat. Aber anstrengend ist es trotzdem.“
Gabriella Gil streichelte mit ihrer Hand die Wange ihrer Mamãe. Sie sah müde aus. „Du musst dich mehr um dich kümmern. Du solltest auch mal wieder ausgehen.“
Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Wer soll mich mit 51 noch wollen...“
„52 Jahre um ganz genau zu sein!“
„Ach, hör schon auf! Um dich mache ich mir Sorgen. Denk daran wie alt du bist. Noch siehst du gut aus, man könnte denken, dass du erst 29 bist, vielleicht sogar 28, dabei bist du doch schon 32. Und die biologische Uhr tickt. Du darfst nicht nur an deinen Beruf denken, sonst wirst du niemals einen passenden Mann finden. Geh aus! Oder geh wenigstens ins Internet oder wo auch immer man heute einen Ehemann findet.“
„Du weißt selbst am besten, dass man ganz gut ohne Mann klar kommen kann. Du hast mich ohne Vater groß gezogen.“
Andrea Gil seufzte: „Gabi hör auf! Der Blödmann hat mich sitzen lassen. Deshalb habe ich dich ganz allein groß gezogen. Du sollst nicht den gleichen Fehler machen.“
Ein kleiner Schmerz zog durch Gabriellas Unterleib. Sie musste an Luiz, das Schwein, denken. Die Geschichte ihrer Mutter wiederholte sich. Nur ohne Kind. Als kleines Mädchen hatte sie erlebt, wie ihre Mutter versuchte noch einen Ehemann zu finden und vielleicht sogar einen Vater für ihre Tochter. Aber die Geschichten gingen nie gut aus. Sie stand auf und lief ins Bad und hielt ihr Gesicht unter das Waschbecken. Seit ihrer Trennung von Luiz lebte sie wieder bei ihrer Mutter. Anfangs dachte sie nur vorübergehend. Bis Luiz wieder bei Besinnung ist. Doch ihr Ex-Verlobter kam nicht zur Besinnung, sondern heiratete dieses Miststück auch noch. Sie kam aus dem Bad und goss sich am Gasherd den Rest des Espresso ein.
„Du siehst mit deinen dunklen Haaren wirklich passabel aus.“ Ihre Mutter ließ einfach nicht locker. „Du hast meine schönen Beine geerbt, meine Intelligenz, seine Auffassungsgabe, leider auch seine etwas zu breite Nase. Du wirst aber nicht jünger!“
Eine Polizeisirene ertönte. Noch nie hatte sich Gil so sehr über ihr Diensthandy gefreut.
Capitão Paulo Mineiro war am Apparat. „Wir haben einen Einsatz im Hotel Marriott in Morumbi. Hast du schon gefrühstückt?“
Gabriella Gil lächelte: „Ich wollte mich gerade auf den Weg zum Bus machen. Was machen wir in diesem Luxushotel?“
„Frühstücken natürlich. Es ist leider dienstlich. Ein Offizieller vom Brasilianischen Fußballverband hat uns angefordert. Ich kann dich mit dem Polizeifahrzeug unterwegs auflesen. Wo können wir uns treffen?“
„Am besten an der Endstation der Buslinie 423b. Da können wir uns in einer Viertelstunde treffen.“
Mineiro räusperte sich. „Noch etwas, Gabriella. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber zieh dir was Ordentliches an. Da kannst du nicht im Kapuzenpulli kommen.“
Gil wollte eine Antwort geben, aber er hatte schon aufgelegt. Sie steckte das Handy in ihre Tasche und aß den halben Keks auf. „Ich habe einen wichtigen Einsatz.“ Sie hauchte ihrer Mutter einen Kuss neben die Wange, dann rannte sie in ihr Zimmer und riss ihren Kleiderschrank auf. Sollte sie in Polizeiuniform kommen? Irgendwo musste noch der graue Hosenanzug sein, den sie damals zum bestandenen Examen an der Polizeiakademie gekauft hatte. Als sie sich mit dem Anzug im Spiegel betrachtete, war sie stolz, dass sie seit damals noch kein Gramm zugelegt hatte.
Den Weg zur Bushaltestelle lief sie im Laufschritt. Es roch nach Zement und Bauschutt. Auf der linken Seite wurden vier neue Wohnblöcke hochgezogen. Ihre Mutter gehörte zu den glücklichen Paulistas, die in einem Neubauprojekt der Favela Jaguaré wohnten. In einer Fernsehsendung über Jaguaré nannte eine Schweizer Architektin diese städtebaulichen Maßnahmen ein „Upgrade der Favela“.
Die Leute an der Bushaltestelle glotzen sie an wie einen Alien. Sie wusste nicht, ob es an dem Hosenanzug lag oder dass sich inzwischen herumgesprochen hatte, dass sie Polizistin war. Sie grüßte eine Frau mit einem Kind, mit der sie vor vielen Jahren die Schulbank im Viertel gedrückt hatte. Die war wirklich fett geworden. Mineiro war noch nicht zu sehen. Sie schaltete ihr Smartphone ein und gab in ihre Suchmaschine „Marriott São Paolo“ ein. Kurze Zeit später erschien die Homepage des Luxushotels mit 28 Stockwerken im vornehmen Stadtteil Morumbi direkt neben der Brücke. Der Hotelkomplex verfügte über Tennisplätze, Saunen, Schwimmbäder, Fitnessräume und einen großen Konferenzraum.
Sie lief auf und ab. Seit dem Anruf waren schon drei Busse vorbeigekommen. Noch war kein Fahrzeug der Polícia Civil in Sicht. In der 20-Millionen-Metropole São Paulo brauchte man Geduld und gute Nerven.
Mit quietschenden Reifen hielt ein schwarzes Fahrzeug mit getönten Scheiben. Das Auto mit dem rotgrünen Wappen der Polícia Civil de Estadio São Paulo wurde von einigen Wartenden mit großem Misstrauen beäugt. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie ein Mann rasch sein Smartphone einsteckte.
Mineiro drückte sofort aufs Gaspedal und schlängelte sich durch den dichten Verkehr. Der Capitão trug seine schwarze Dienstuniform. Auf dem Rücksitz lag seine Offiziersmütze. Er schlüpfte in eine Lücke und fuhr dicht auf die Fahrzeuge auf.
„Ich bin beeindruckt. Der Anzug steht dir wunderbar.“
„Das ist nichts gegen deine Dienstuniform“, entgegnete Gil.
„Die Leute im Mariott sollen gleich wissen, mit wem sie es zu tun haben. Im Luxushotel wohnen während der Weltmeisterschaft Vertreter des Fußballweltverbandes. In der Suite des Assistenten des Generalsekretärs gab es einen Einbruch. Deshalb hat der nationale Fußballverband sich sofort an unsere Spezialeinheit gewandt. Wir sollen ermitteln.“
„Kamen Personen zu Schaden?“, fragte Gil.
Mineiro bog bei roter Ampel links ab. „Nur Sachschäden. Es ist peinlich, dass etwas entwendet wurde. Das ist Wasser auf die Mühlen der Menschen, die sagen, dass Brasilien ein Land der Verbrecher ist.“
„Dabei hat doch die Polícia Militar mit ihren Spezialkräften in den Favelas von São Paulo und Rio de Janeiro brutal aufgeräumt. Die haben sogar Panzer eingesetzt.“ Gil deutete auf das Foto, das vorne am Armaturenbrett klebte. „Ist das deine Familie?“
Mineiro lächelte wie ein sattes Baby. „Das sind meine Mädels. Meine Töchter Selena, Sofia und Martha. Und Monica, meine Frau. Du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend das für mich ist, als einziger Mann im Haus. Immer krieg‘ ich alles ab, was Männer in unserem Land falsch machen. Das ist eine Menge!“
„Och, der arme Capitão.“ Sie hörte plötzlich auf zu lachen. In diesem Augenblick beneidete Gil ihren Chef für sein Glück.
Mineiro bremste. Vor ihnen stauten sich die Autos auf der zweispurigen Straße nach Osten. Etwa fünfzig Meter vor ihnen hielten Demonstranten bunte Schilder hoch. Einige Plakate forderten die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Andere eine bessere Bezahlung für die Lehrer an öffentlichen Schulen. Auf einem Transparent, das zwei junge Frauen hoch hielten, stand „Fifa go home“.
Militärpolizisten drängten die Demonstranten von der Straße ab. Sie setzten ihre schwarzen Schlagstöcke ein.
„Das ist die neue Taktik der Demonstranten. Sie gehen nicht mehr in die Nähe der Stadien, wo es eine hohe Polizeipräsenz gibt, sondern tauchen an verschiedenen Orten der Stadt auf“, meinte Gil.
„Könnte gut sein, dass zwei meiner Töchter bei der Demo mitlaufen. Gestern gab es bei uns einen großen Streit, weil Sofia unbedingt mit ihrer älteren Schwester dabei sein wollte, und wir sie aufforderten, zur Schule zu gehen.“
„Wie alt ist Sofia?“
„Sie ist 15 und eifert ihrer großen Schwester in Sachen Rebellion bedenklich nach“, seufzte Mineiro. „Ich kann ja verstehen, dass sie gegen Korruption und Geldverschwendung auf die Straße gehen. Aber doch nicht Schule schwänzen! Meine Frau macht es wütend, wenn sie wegen solcher Sachen ihre Zukunft aufs Spiel setzen. Die Debatten bei uns zu Hause sind ganz schön hitzig.“ Er schnaufte. „Ich habe natürlich auch Angst, dass ihnen was passiert. Die Polícia Militar ist nicht zimperlich.“
Endlich waren die Demonstranten weitergezogen und ein Militärpolizist winkte die Fahrzeuge durch.
Gil war gespannt, was sie im Luxushotel erwartete.
Kapitel 4
Mittwoch, 4. Juni, 9:25 Uhr, Mariott São Paulo
15 Minuten später hielt der Capitão vor dem Haupteingang des Hotels. Ein Bediensteter in blauer Uniform fuhr den Wagen in das unterirdische Parkhaus. Die beiden Polizisten betraten durch eine Schwingtür die Eingangshalle des Luxushotels. Als Mineiro an der Rezeption seinen Dienstausweis zeigte, begleitete ein Hotelangestellter die Ermittler in den fünfzehnten Stock in Suite 2801. Im Marriot herrschte ein reges Kommen und Gehen. Gut gekleidete Männer allein oder in weiblicher Begleitung liefen zum Frühstücksraum. Fußball war eine multikulturelle und internationale Angelegenheit.
Als sie auf den Fahrstuhl warteten, sagte Mineiro: „Bei unserem Gehalt werden wir so ein Hotel nie buchen können. Es sei denn, wir gewinnen im Lotto.“
„Oder wir werden Fußballfunktionär. Da habe ich als Frau jedoch schlechte Chancen.“
„Als Funktionär sicherlich!“ Mineiro grinste. „Hast du nicht gesehen, dass einige hohe Herren in Begleitung sind? Ich möchte mal wissen, wie viele dieser Damen einen Ehering tragen.“
Auf dem Flur vor der Suite standen zwei Kollegen von der Abteilung für Raubüberfälle der Polícia Civil, die für den Stadtteil zuständig war. Der kräftigere von beiden stellte sich mit Salvator vor und führte die beiden Ermittler in die Suite.
„Wow, hier lässt sich gut leben“, flüsterte Gil. „Hier könnte locker eine brasilianische Großfamilie wohnen.“ Weiter hinten knieten zwei Männer in weißen Schutzanzügen auf dem Teppich. Einer hielt eine Lupe in der Hand, der andere assistierte mit einem Plastiktütchen. An dem großen Fenster standen zwei Männer und unterhielten sich leise. Paulo Mineiro ging zielstrebig auf die Herren im maßgeschneiderten Anzug zu.
„Guten Morgen“, begann er in Englisch. „Ich bin Capitão Mineiro, das hier ist Kommissarin Gabriella Gil. Können Sie uns schildern, was passiert ist?“
„Mein Name ist Goldberg. Ich bin der Hotel-Manager. Das hier ist Mister Frank Bernoulli, der Bestohlene. Es ist für uns eine sehr unschöne Sache. Die Täter haben den Safe aufgebrochen.“
„Wo befindet sich der Safe?“
„Der Safe befindet sich in der Kleiderkammer da hinten. Das ist die einzige Suite mit einem besonders großen Tresor. Ich führe Sie hin“, sagte der Hotelmanager.
„Dort sind unsere Leute von der Spurensicherung. Wir lassen sie erst einmal ihre Arbeit erledigen“, erwiderte Gil und wandte sich an Bernoulli: „Sie gehören zur Delegation des Weltfußballverbandes?“ Sie ärgerte sich, dass ihr Englisch so einen deutlichen Akzent hatte.
„Ich bin der Assistent des Generalsekretärs des Weltfußballverbandes. Bald beginnt die Weltmeisterschaft. Das ist für unsere Organisation und für Brasilien eine große logistische Herausforderung. Es gibt jeden Tag viel zu tun. Wir arbeiten von früh bis spät. Und nun das hier.“
„Wissen Sie schon, was Ihnen entwendet wurde“, fragte Mineiro.
Die beiden Männer sahen sich kurz an. Dann sagte Frank Bernoulli: „Der Pokal ist weg!“
„Was für ein Pokal?“, fragte Gil.
Frank Bernoulli starrte die Kommissarin an. Sein Blick schien zu sagen, hat die Frau keine Ahnung, wovon wir reden. Dann meinte der Fußballfunktionär: „Verschwunden ist der berühmte Pokal der Fußballweltmeisterschaft. Er wurde in den siebziger Jahren von dem Mailänder Künstler Silvio Gazzaniga entworfen. Diese Trophäe wird dem Sieger des Turniers des Fußballweltverbandes überreicht.“
„Natürlich kennen wir den berühmten Fußballpokal“, beeilte sich Mineiro zu sagen. „Wie groß ist denn das Ding in Wirklichkeit und was ist es wert?“
Bernoulli seufzte: „ Der Pokal ist etwa 37 cm hoch und wiegt ungefähr 5 kg. Er ist aus Gold, natürlich nicht massiv. Bei dem heutigen Goldpreis liegt der reine Materialwert des Pokals vielleicht bei 19.000 bis 21.000 US-Dollar. Sein ideeller Wert ist natürlich viel höher. In acht Tagen beginnt das Eröffnungsspiel! Ohne Pokal droht eine Katastrophe!“
Kapitel 5
Mittwoch, 4. Juni, 11 Uhr, in der Nähe von Curitiba
Sie standen auf dem staubigen Fußballfeld in Reih und Glied. Mit ihren grau-blauen Schuluniformen erinnerten sie Forte an Rekruten. Aber sie winkten und lachten und einige zappelten aufgeregt hin und her, als die fünf Männer und eine Frau näher kamen. Die Jugendlichen waren deutlich disziplinierter als die Schülerinnen und Schüler in seinem Unterricht. Dann fingen sie an, die deutsche Nationalhymne zu singen. Die Kinder sangen „Deutschland, Deutschland über alles“.
Barbara Schuster schaute irritiert zu dem Pressesprecher. „Ist in diesem Haus noch nicht bekannt, dass von unserer Nationalhymne nur die dritte Strophe gesungen wird?“
Forte musste schmunzeln. Er nahm das Lied mit seiner kleinen Kamera auf. „Klingt so als wäre hier die Zeit stehen geblieben.“
Cacau führte die fünfköpfige Delegation des deutschen Fußballbundes an. Er hatte den Besuch dieses Kinderheimes eingefädelt. Der Fußballer des VfB Stuttgart spielte in den Plänen des Bundestrainers keine Rolle mehr, war jedoch vom Verband als Brasilienkenner und Verbindungsmann verpflichtet worden. „Wichtig ist doch, dass die Kinder singen. Schauen sie einmal mit welcher Begeisterung. Und Deutsch ist für uns Brasilianer ganz schön schwierig.“
Der Schulleiter begrüßte die Delegation: „Herzlich willkommen heißen wir unsere deutschen Freunde im evangelischen Kinderheim ‚Vida‘. Hier leben 43 Kinder und Jugendliche zwischen dem 5. und dem 16. Lebensjahr, die von insgesamt 15 Erziehern und Lehrern betreut werden. Neben der Erziehung zu christlichen Werten und einem Leben in der Nachfolge Jesu spielt bei uns der Sport eine ganz große Rolle.“ Er erzählte etwas über den Alltag an der Schule, die Aufgaben der Jugendlichen und die Projekte. Zum Schluss meinte er: „Wir wünschen der deutschen Nationalmannschaft ganz viel Erfolg und Gottes Segen bis zum Finale. Dann können sie als Vizeweltmeister nach der Niederlage gegen die Seleção nach Hause fahren.“ Die Kinder und Jugendlichen johlten.
Barbara Schuster überreichte einen Umschlag mit einer Spende von 5.000 €. In ganz passablem Portugiesisch las sie einen kleinen Text von ihrem Blatt ab: „Im Namen unseres Präsidenten und im Namen der deutschen Nationalmannschaft überreiche ich für das Kinderheim Vida eine Spende. Möge dieser kleine Geldbetrag helfen, dass Kinder gut aufwachsen und zu nützlichen Mitgliedern der großartigen brasilianischen Gesellschaft werden.“ Sie gab Cacau und dem Pressesprecher einen Wink. „Natürlich haben wir auch für die Kinder noch eine Überraschung.“
Die Kinder klatschen und hüpften, als Cacau den Karton öffnete und Bälle und Trikots zeigte. Nun traten zwei Jugendliche heran und überreichten Schuster kleine Holzkreuze für die deutschen Fußballer, die sie selbst geschnitzt und bemalt hatten.
Danach spielten sie gegen die Schülerauswahl auf dem staubigen Fußballplatz ein kleines Match. Das Team des deutschen Fußballbundes wurde von Lehrern der Schule unterstützt. Schuster stand im Tor und Forte spielte linker Verteidiger. Nach einer Viertelstunde ging ihm die Puste aus. Er spürte seine Beine und ein Seitenstechen. Mit seinen 49 Jahren konnte er bei zwei schnellen Angriffen seinem 15jährigen Gegenspieler nicht mehr folgen. Einmal stoppte er den Angreifer mit einem hässlichen Foul. Am Ende siegten die Schüler 5:2 gegen die Auswahl des DFB und Forte brauchte eine Dusche.
Beim Mittagessen saß Forte mit einer Gruppe Jugendlicher an einem Tisch. Es gab Reis mit Bohnen und etwas Rindfleisch. Die Jungs langten schnell zu und plapperten miteinander. Forte grub nach seinen rudimentären Kenntnissen in Portugiesisch. „Was macht ihr abends hier nach der Schule?“
Ein Junge mit einem Pickel auf der Nase antwortete. „Hier in der Gegend gibt es ja nicht viel. Wir bleiben meistens im Haus. Manche lesen die Bibel. Andere machen Sport. Wir haben hier eine gute Gemeinschaft.“
„Warum lebt ihr hier?“
Die Jungs kicherten. „Einige von uns haben keine Eltern mehr. Die meisten haben noch Eltern. Doch hier gibt es eine gute Schule und eine gute Ausbildung. Es ist schön mit anderen Christen zusammenzuleben.“
Das hörte sich schon etwas auswendig gelernt an, dachte Forte. Er kramte in seinem Wortschatz und brachte stotternd heraus: „Habt ihr noch Kontakt zu euren Familien?“
Wieder redete der Junge mit dem Pickel. Er schien der Sprecher zu sein. „Einige von uns fahren in den Ferien ein paar Tage zu ihren Familien. Aber das ist teuer. Und dort ist nicht viel los. Wir müssen dann im Feld mithelfen. Hier ist es eigentlich besser.“
Um 14 Uhr saßen sie wieder im klimatisierten Kleinbus.
Forte fragte: „Unser Flug nach Porto Seguro startet doch erst um 19 Uhr abends. Können wir vor dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher in die Innenstadt von Curitiba machen? In meinem Reiseführer habe ich gelesen, dass die Verkehrsplanung dieser Stadt vorbildlich sei und die Kathedrale sehenswert.“
Der Pressesprecher schaute auf die Uhr. „Ich habe leider keine Zeit. Ich habe einen Termin am Flughafen.“
„Das war nur so eine Idee“, meinte Forte. „Wenn es ein Problem ist, dann fahre ich auch mit allen wieder zurück.“
„Das ist kein Problem. Curitiba ist bekannt für seinen öffentlichen Nahverkehr. Wir setzen Sie an der Bushaltestelle einer Express-Station ab, dann können Sie in die Innenstadt fahren“, meinte Cacau. „Ich wäre auch gerne dabei, aber heute habe ich schon eine andere Verabredung mit einem alten Freund. Mit dem öffentlichen Busverkehr erreichen Sie pünktlich den Flughafen.“
„Ich komme gerne mit und begleitete Sie“, sagte unerwartet Barbara Schuster.
Forte wäre die Begleitung des Fußballers lieber gewesen. Aber er nickte nur.
Kapitel 6
Mittwoch, 4. Juni, Rua Brigadeiro Tobias, São Paulo
Gabriella Gil kaute an ihren Nägeln. Sie wippte auf ihrem Stuhl hin und her. Wann begann endlich die Besprechung? Draußen auf dem kleinen Balkon winkten ihr Mineiro und Santos zu. Sie rauchten eine Zigarette. Ihre Hände kribbelten. Die Sucht hatte sie wieder im Griff. Dabei hatte sich Gil fest vorgenommen, den Wechsel zur Gol São Paulo als persönlichen Entzug zu nutzen. Verdammt, es war härter als gedacht. Sie kramte in ihrem Rucksack nach etwas Essbarem. Die Packung mit den Kaugummis war leer. Auf dem Tisch in dem Büro Mineiros entdeckte sie eine geöffnete Schachtel mit Schokoladenkeksen. Sie schmeckten schon etwas schal. Besser als nichts. Gil stand auf, um aus dem Kühlschrank eine Flasche mit Wasser zu holen. Schnell trank sie zwei Gläser. Disziplin, sie brauchte einfach Disziplin. Sie schaute auf die Uhr. Es war bereits 14:20 Uhr. Capitão Mineiro hatte seine Mitarbeiter um 14 Uhr in sein Büro bestellt, um den Fall zu besprechen.
Für die Spezialeinheit Gol waren einige Zimmer im fünften Stock der Zentrale der DHPP, der Mordkommission der Polícia Civil de São Paulo in der Rua Brigadeiro Tobias frei geräumt worden. Das Büro des Capitão diente zugleich als Besprechungszimmer. Der Blick der Kommissarin schweifte an die Wand. Neben der großen Karte des Bundesstaates hing ein Foto der brasilianischen Präsidentin und ein Foto des heiligen Papstes Johannes Paul II.
Antonio Santos summte eine Melodie, als er sich an den Tisch setzte. Der „Dicke“, wie er in der Abteilung genannt wurde, wog bestimmt 120 Kilo und war kleiner als sie. Auf seiner Stirn bildeten sich ständig Schweißperlen. Er sprach keine Fremdsprache, selbst sein Portugiesisch war kaum zu verstehen. Er nuschelte und verschluckte halbe Silben. Wie hatte es der Dicke nur geschafft zu dieser Spezialeinheit zu kommen?
Als ihr Blick den von Lara Komirowski traf, lächelte die elegante Frau. Sie trug ein enganliegendes Kostüm und wirkte mit ihren dunkelblonden Haaren wie aus einem Modemagazin für Damen ab 50. Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der französischen Schauspielerin Catherine Deneuve. Ihr Vater war kurz nach dem 2. Weltkrieg über London nach Brasilien eingewandert. Ihre guten Sprachkenntnisse und ihre Weltgewandtheit waren sicherlich auch der Grund, warum sie in die Abteilung abgeordnet worden war. Es gab das Gerücht, dass die Zweiundsechzigjährige in den Jahren der Militärdiktatur zum brasilianischen Auslandsgeheimdienst gehörte.
Gerade als Paulo Mineiro die Sitzung eröffnete, betrat Pepe Mayerhofer den Raum. O Alemão war der Leiter der Spurensicherung. Sein Büro befand sich im siebten Stock. Er legte die Papiere auf den Tisch und machte es sich bequem. Wie die meisten Brasilianer tolerierte Mineiro Verspätungen mit großer Gelassenheit.
„Schön, dass ihr alle da seid! Wir haben einen delikaten Fall zu lösen. In der Nacht gab es im Luxushotel Marriott einen Einbruch. Die Diebe haben etwas sehr Kostbares entwendet. Denn im Safe befand sich der Pokal des Fußballweltverbandes.“ Er atmete tief durch und schaute auf den Block mit seinen Notizen. „Wie ihr wisst, haben diesen Pokal die Spanier vor vier Jahren in Südafrika gewonnen. Die Spanier erhielten für die Vitrine ihres Verbandes nur eine Kopie. Das Original steht im Safe der Zentrale des Weltfußballverbandes in Zürich. Seit Dezember vergangenen Jahres ist der Pokal auf Brasilientour. In allen Spielorten war der Pokal zu sehen. Ihr habt bestimmt von den strengen Sicherheitsvorkehrungen gehört. Der Pokal ist etwa 37 cm groß und wiegt 5 kg. Er ist aus Gold und stellt zwei Fußballer da, die eine Weltkugel in den Händen halten. Als vor sieben Tagen die Ausstellung in São Paulo zu Ende ging, wurde der Pokal wieder dem Weltfußballverband übergeben. Eine kleine Eskorte brachte das Ding dann in den Safe des Marriott. Natürlich war der Aufenthaltsort der Trophäe der Öffentlichkeit nicht bekannt.“
„Gibt es Hinweise oder Spuren?“ Gil griff nach einem Keks und legte ihn nach einem Bissen wieder weg, weil er so schal schmeckte.
„Die Suite 2801 im 15. Stock bewohnt Frank Bernoulli, er ist der Assistent des Generalsekretärs des internationalen Verbandes. Der Funktionär bemerkte das Fehlen des Pokals erst heute Morgen. Gestern Abend hatte der Bürgermeister die hochrangigen Fußballfunktionäre zu einem Opernbesuch eingeladen. Heute Morgen öffnete er den Safe. Dabei fiel ihm der Diebstahl auf. Die Sekretärin hat ein Foto dieses Pokals aus dem Internet für alle ausgedruckt.“ Er verteilte das Papier an seine Mitarbeiter.
Santos murmelte: „Den Pokal kennt doch jeder.“
„Der Tresor befindet sich in der Kleiderkammer. Es ist ein modernes englisches Fabrikat und sowohl mit Schlüssel als auch mit Geheimzahl gesichert“, meldete sich Mayerhofer zu Wort. „Die Spurensicherung fand keine Hinweise, die auf eine gewaltsame Öffnung hinweisen. Alles deutet darauf hin, dass jemand den Tresor mit Schlüssel und Geheimzahl geöffnet hat.“
„Wurden Fingerabdrücke gefunden?“
O Alemão lachte und zeigte seine gelben Zähne: „Jede Menge! Die Kollegen, die heute vor Ort waren, konnten die meisten natürlich Bernoulli zuordnen. Auch der Hotelmanager und der Hoteldetektiv haben Spuren hinterlassen, als sie im Raum waren, um den Diebstahl zu überprüfen. Ich verstehe nicht, wie die beiden so unvorsichtig sein konnten! Dann gibt es Spuren, die vom Reinigungspersonal kommen. Die Kollegen konnten noch nicht alles zuordnen.“
„Bernoulli hat in der ersten Vernehmung eingeräumt, dass er nach den Empfängen mit einem Kollegen manchmal in der Suite Grappa trank. Vielleicht waren es auch Parties.“
Lara Komirowski verdrehte die Augen: „So stellen wir uns das Leben der Fußballfunktionäre vor: Dolce Vita im Luxushotel. Sind die Personen schon überprüft?“
Mineiro schüttelte den Kopf. „Der Assistent des Generalsekretärs rückte nur zögerlich mit den Infos raus. Wir müssen ihm unbedingt auf den Zahn fühlen. Aber mit Fingerspitzengefühl. Ihr wisst ja, wie diese Funktionäre sind. Da müssen wir ganz behutsam vorgehen. Der Innenminister hat angeordnet, diesen Personenkreis mit Samthandschuhen anzufassen. Ich habe den Eindruck, dass er nach dem Opernbesuch noch etwas in der Suite gefeiert hat. Ich bitte dich, Lara, ihn diskret zu befragen. Vielleicht sagt er etwas, wenn er allein ist.“
„Wenn es keine Einbruchspuren gibt, dann muss jemand mit Kenntnis der Geheimzahl und mit dem Schlüssel den Tresor geöffnet haben“, sagte Gil. „Hat dieser Frank Bernoulli die Suite alleine bewohnt?“
Mineiro grinste. „Soweit wir wissen ja. Madame Bernoulli wird in einer Woche zur Fußball-WM kommen.“
„Die Kollegen von der Spurensicherung haben im Bad und auch unter dem Bett einige weibliche Haare gefunden“, meldete sich Mayerhofer. „Es handelt sich um Schamhaare, die wir einer Frau mit europäischen Wurzeln zuordnen können.“
„Also keine Brasilianerin“, fragte Gil.
Die anderen grinsten. „Natürlich kann es auch eine Brasilianerin mit europäischen Vorfahren sein“, meinte o Alemão. „Das ist ein erster Hinweis. Wir haben Haare von mindestens zwei Personen gefunden. Ihr müsst herausfinden, wie die Dame oder die Damen heißen.“ „Gut, ich fasse zusammen! Der Pokal ist verschwunden. Es gibt keine Einbruchspuren. Alles deutet darauf hin, dass jemand mit Schlüssel und Geheimzahl den Tresor geöffnet hat. Lara befragt zusammen mit mir diesen Bernoulli. Santos und Gil vernehmen das Hotel-Personal. Auch hier könnte jemand als Täter in Frage kommen.“
„Was um Himmels Willen fängt jemand mit so einem Pokal an? Den kann man doch nicht verkaufen!“ Komirowski schüttelte den Kopf.
„Ein verrückter Fan, Erpressung, Rache am Weltfußballverband, es gibt verschiedene Möglichkeiten. Deshalb darf nichts in die Zeitung. Wir müssen das Ganze sehr diskret und mit absoluter Verschwiegenheit abwickeln. Und schnell!“ Der Capitão blickte ernst in die Runde. „In sieben Tagen ist das Eröffnungsspiel in São Paulo. Da muss das gute Stück im Stadion sein.“
Kapitel 7
Mittwoch, 4. Juni, 15:30 Uhr, Basilika von Curitiba
Um halb vier standen Forte und Schuster vor der weißen neogotischen Basilica de Nossa Senora da Luz.
„Beeindruckende Fassade. Ich hätte nicht gedacht, dass die Kirche so groß ist“, meinte Schuster. „Das ist doch gotisch?“
„Neogotisch.“ Es fiel Forte schwer, freundlich zu bleiben. Lieber wäre er allein in die Kirche gegangen. Er ging zum Eingang und die drahtige Frau folgte ihm. Im Innern musste sich Forte erst an das Licht gewöhnen. Der Aufbau der Kirche war typisch neogotisch und fast europäisch zu nennen. Forte lief Richtung Altar. Dort hing ein riesiges Marienbild. Nur wenige Menschen verloren sich zu dieser Zeit in der Kirche.
„Meinen Sie das Altarbild ist auch aus dieser Zeit?“
Forte tat so, als hätte er die Frage Schusters nicht gehört. Er verspürte keine Lust den Kirchenführer zu spielen, lief einige Schritte zurück und setzte sich in die dritte Bank. Er genoss einen Augenblick die Stille in dem Gotteshaus. Nur leise drangen die Straßengeräusche in das Innere der Kathedrale. Seine Gedanken schweiften zu seiner Familie. Er hatte Samuel ein Foto vom Flughafen in Curitiba gemailt. Als er gestern mit Sabine telefonierte, war sie nicht sehr gesprächig gewesen. Hinter ihm ließ sich jemand auf die Kirchenbank fallen. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Unwirsch fuhr Forte herum und wollte Barbara Schuster anfahren. Überrascht blickte er auf den Mann mit dunklem Dreitagebart, der seinen Zeigefinger auf den Mund legte.
Der Fremde flüsterte auf Englisch: „Hören Sie! Nein, schauen Sie bitte nach vorne! Ich bin Journalist und werde verfolgt. Mein Leben ist bedroht. Ich bitte Sie um einen Gefallen. Bewahren Sie dies für mich auf.“
Mit seinem Fuß schob er einen Umschlag nach vorne unter die Bank. Forte stellt den Fuß auf den Umschlag. Langsam bückte er sich, hob den Umschlag auf und steckte ihn in die Jackentasche.
Leise fragte Forte ohne sich umzudrehen: „Wie heißen Sie? Wie kann ich Sie erreichen?“
Keine Antwort. Als er sich umdrehte, war die Bank hinter ihm leer. Vorsichtig sah er sich in der Kathedrale um. Nirgendwo konnte er den Fremden entdecken. Vorne im Altarbereich stand Schuster und betrachtete die Glasfenster.
Durch das Hauptportal betraten fünf Männer die Basilica de Nossa Senora. Sie trugen schwarze Uniformen der Polizei. Ein Mann blieb am Eingang stehen. Die übrigen liefen mit schnellen Schritten durch das Kirchenschiff. Sie schienen jemanden zu suchen. Einer der Uniformierten riss den Beichtstuhl auf. Forte sah das Entsetzten in den Augen des älteren Priesters. Er legte sein Brevier zur Seite und begann laut mit dem Mann zu schimpfen. Leider verstand Forte zu wenig Portugiesisch. Doch es war klar, dass der Priester von seinem Hausrecht Gebrauch machen wollte. Der Sakristan kam ihm zur Hilfe. Der Anführer der Polizisten sagte etwas. Daraufhin verstummte der Priester und setzte sich auf eine Kirchenbank. Neben ihm nahm der Sakristan Platz. Drei Männer suchten weiter im Kirchenraum. Auf ihren Uniformen stand Polícia Militar.
Unerwartet sah Forte den Fremden wieder. Er kam aus seinem Versteck in einer Seitenkapelle heraus und rannte auf einen Nebenausgang zu. Kurz bevor er die Tür erreichte, wurde er von einem der Polizisten überwältigt. Zwei weitere Uniformierte liefen dazu. Der Fremde schrie etwas auf Portugiesisch. Es klang wie Hilfe. Einige Frauen standen wie erstarrt. Kurz darauf schleppten die Polizisten ihren Gefangenen nach draußen. Alles dauerte nur wenige Minuten. Langsam kam wieder Leben in die erstarrten Gestalten in der Kathedrale. Eine Frau lief zum Priester und zum Sakristan. Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und redete auf ihn ein. Dann telefonierte sie mit ihrem Smartphone und reichte das Gerät dem Priester weiter. Forte wachte aus seiner Schockstarre auf. Er versuchte sich das Gesicht des Mannes einzuprägen, der ihm den Umschlag gegeben hatte. Wie sah der Anführer der Uniformierten aus? Er hatte von der Brutalität der brasilianischen Polizei gelesen. Nahm man dort keine Rücksicht auf heilige Orte? Wo war Barbara Schuster? Sie sprach im Altarraum mit einer älteren Frau. Als er neben ihr stand, sah er, dass sie kreidebleich war.
„Was hat der Mann geschrien“, fragte Forte.
„Er hat um Hilfe gerufen. Hilfe, sie wollen mich umbringen oder so ähnlich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Keine Polizei.“
Forte murmelte: „Ich hatte solche Angst. Ein brasilianischer Schriftsteller hat bei der Buchmesse vor einem Jahr gesagt, man muss in Brasilien mehr die Polizei als den Dieb fürchten. An den Satz musste ich denken.“
Die Deutsche sah ihn an. „Sind Sie sicher, dass es die staatliche Polizei war? Warum rief der Mann dann ‚keine Polizei‘?“
Forte wollte nur noch raus. „Kommen Sie, wir gehen! Wenn wir warten bis die Polizei kommt, fliegt das Flugzeug ohne uns ab.“
Schuster zögerte. Sie ging zu dem Priester, der sich aufgebracht mit dem Sakristan und zwei Frauen unterhielt und gab ihm ihre Visitenkarte. Nebeneinander verließen sie die Kirche. Auf der anderen Straßenseite sahen sie die Busstation. Als sie in den Express-Bus zum Flughafen einstiegen, fuhren zwei schwarze Fahrzeuge der Polícia Militar mit hoher Geschwindigkeit und Blaulicht auf den Vorplatz der Kathedrale. Fünf bewaffnete Polizisten in Schutzwesten liefen im Laufschritt zum Eingang der Basilika. Sie trugen die gleichen Uniformen wie die Männer, die den Fremden abgeführt hatten. In der linken Seitentasche seiner Jacke spürte Forte den Umschlag.
Kapitel 8
Donnerstag, 5. Juni, nachmittags, Rua Brigadeiro Tobias
Gil teilte sich ein kleines Büro mit Komirowski. Die Schreibtische standen nur ein Meter voneinander entfernt. Sie konnte das Parfüm ihrer Kollegin riechen. In ihrer Schreibtischschublade hatte Gil noch ein Lutschbonbon gefunden. Sie fuhr ihren Computer hoch und blätterte zerstreut durch die Papiere, die auf ihrem Tisch lagen. Ein Briefumschlag erregte ihre Aufmerksamkeit. Als sie den Umschlag öffnete, hielt sie den Obduktionsbericht der Toten aus dem Fußballstadion in den Händen. Für den Fall war Duarte zuständig, doch João Russo hatte aus alter Gewohnheit ihr die Ergebnisse der Pathologie zugeleitet. Zunächst wollte sie den Bericht ungelesen in einen neuen Umschlag stecken und an ihren alten Chef adressieren. Dann siegte ihre Neugierde.
Die Frau war mit einer Walther P 22 aus einem Abstand von 150 cm erschossen worden. Das zeigten die Hautveränderungen auf der Einschussstelle. Die Waffe war auf der ganzen Welt bei Gangstern beliebt. Der Pathologe vermutete den Todeszeitpunkt am 29. Mai zwischen 20 und 1 Uhr am 30. Mai. Der Fundort der Leiche war nicht der Ort ihrer Ermordung. Die Frau war 168 cm groß und Anfang 20. Ungewöhnlich war, dass sie schon dreimal schwanger war. Ein Kind war auf dem normalen Weg zur Welt gekommen, zwei Kinder per Kaiserschnitt. Auch in Brasilien kam es nicht häufig vor, dass eine Frau mit vielleicht 22 Jahren drei Kinder austrug. Das kleine Tattoo mit den kelchförmigen Händen und dem Kreuz war etwa 5 cm groß und schon mehrere Jahre auf dem Körper der jungen Frau. Die Tote war sorgfältig gesäubert worden. Auf ihrer Hose hatte die Spurensicherung drei kleine Blutspritzer gefunden. Das Blut stammte nicht von der Toten. Das konnte ein erster Hinweis auf den Täter sein. Die Fußballer der beiden Erwachsenenmannschaften waren befragt worden. Niemand kannte die Tote.
Bei den Papieren fand sie das Vernehmungsprotokoll mit dem Präsidenten von Juventus São Paulo. Es handelte sich um den Geschäftsmann Walter Buda, der auch im Präsidium des brasilianischen Fußballverbandes saß. Seine Firma war am Bau zweier WM-Stadien beteiligt.
Vernehmung mit Walter Buda, am 4. Juni in seinem Büro durch Capitão Duarte.
Duarte: „Sie haben gehört, dass auf dem Rasen des Estadio Conde eine tote junge Frau lag. Hier ist ein Foto von der Toten.“
Buda: „Ja, der Platzwart des Vereins hat mich über diesen tragischen Fall informiert. Haben Sie schon den Täter?“
Duarte: „Leider nein, deshalb will ich Sie als Zeugen vernehmen. Bitte schauen Sie sich das Foto an. Kennen Sie die Tote?“
Buda schüttelt den Kopf. „Ich habe diese Frau noch nie gesehen.“
Duarte: „Haben Sie eine Idee, weshalb sie auf den Rasen Ihres Stadions gelegt wurde?“
Buda: „Da kann ich leider nichts sagen. Ich denke, es ist Sache der Polizei das herauszufinden.“
Duarte: „Natürlich. Haben Sie mit irgendjemand Ärger?“
Buda lachte. „Ach so, Sie meinen eine Rache oder so etwas. Haben Sie schon die Spieler gefragt, ob jemand das Mädchen kannte? Das halte ich für eher wahrscheinlich...“
Duarte: „Haben Sie einen bestimmten Spieler in Verdacht? Hatte ein Fußballer private Probleme?“
Buda: „Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich will niemanden verdächtigen. Nur so eine blonde hübsche junge Frau. Das könnte wirklich etwas mit einem Fußballer zu tun haben.“
Duarte: Nochmals, haben Sie eine Vermutung, warum die Frau im Stadion lag?“
Buda schüttelte den Kopf.
Das Gespräch endete nach 15 Minuten.
Gil schob die Vernehmung und die übrigen Berichte in den Umschlag zurück. Sie schrieb die Adresse ihrer alten Polizeistation mit einem Kugelschreiber darauf. Vielleicht wäre es besser, diesen Mordfall aufzuklären als gestohlene Fußball-Pokale zu jagen. Sie beschloss João Russo in einer Woche anzurufen und sich beiläufig nach dem Stand der Ermittlungen zu erkundigen.
Kapitel 9
Freitag, 6. Juni vormittags, Avenida Marginal Pinheiro, São Paulo
Als erstes fielen ihr an der Frau die schönen Beine auf. Ansonsten war sie eher unscheinbar. Ihr Gesicht wirkte müde und ausdruckslos. Aber diese Beine! Marina Suarez saß Kaugummi kauend in einem Besprechungszimmer des Hotels Marriott und blickte nach unten. Ihre Antworten auf die Fragen waren kurz und einsilbig.
Zunächst hatte die Zeugin, die als Reinigungskraft im Luxushotel arbeitete, bereitwillig alle Angaben zu ihrer Person gemacht. Seit fünf Jahren arbeitete sie im Mariott, war nie krank. Vor einem Jahr stieg Suarez zur Reinigungskraft in den Luxussuiten auf. Der Stundenlohn hatte sich verdoppelt, der Zeitdruck auch.
„Mir ist nichts aufgefallen.“
Gabriella Gil versuchte im Gesicht der Frau zu ergründen, ob sie aus Bequemlichkeit oder Pflichtgefühl gegenüber ihrem Arbeitgeber nichts sagen wollte. Suarez schaute auf die Uhr. Sie musste dringend mit der Arbeit in dem Bereich ihrer Suiten beginnen. Santos saß ihr gegenüber am Aufnahmegerät. Die Abteilung Gol verfügte über ein Computerprogramm, das die Vernehmungen verschriftlichen konnte. Das sparte Zeit beim lästigen Abtippen der Protokolle.
„Sehen Sie, Signora Suarez“, Gil sprach betont langsam, „mit dem Hotelmanager ist abgeklärt, dass Sie uns alles sagen dürfen. Wir werden die Dinge vertraulich behandeln. Keine Sorge! Doch wenn Sie nicht mit uns zusammenarbeiten, werden wir Sie mit zur Polizeistation nehmen und die Vernehmung dort fortsetzen. Dann muss die Arbeit hier jemand anderes machen.“ Die Kommissarin wusste nicht genau, ob die Botschaft bei der Frau angekommen war. An ihrem Gesicht war keine Reaktion ablesbar. „Von wem wurde die Hotelsuite 2801 in den letzten Tagen genutzt?“
„Von dem Fußballfunktionär. Ich kann mir seinen Namen nicht merken.“
„Mister Bernoulli, das wissen wir bereits.“ Gil quälte sich zu einem Lächeln. „Wir vermuten, dass er nicht die ganze Zeit allein war. Ihnen muss doch beim Saubermachen der Suite etwas aufgefallen sein.“
Suarez kaute auf ihrem Kaugummi herum und blickte kurz zur Kommissarin: „Das geht uns alles nichts an. Ich mache sauber und vergesse.“
„Es ist gut, dass Sie so diskret arbeiten. Das werden wir gegenüber dem Hotelmanager lobend erwähnen. Sicher ist nicht jedes Zimmer gleich. Sie ziehen die Betten ab, Sie lehren die Mülleimer, Sie säubern das Bad. Da muss Ihnen in Suite 2801 etwas aufgefallen sein!“
Die junge Frau rutschte auf dem Stuhl hin und her. Dann lächelte sie wie ein kleines Mädchen und schaute auf den Boden. „Ich habe fast jeden Morgen im Mülleimer Kondome gefunden.“
Gil gab Santos ein Zeichen. Dann fragte die Kommissarin: „Haben Sie außer diesem Bernoulli noch eine andere Person in der Suite gesehen?“
Suarez schüttelte den Kopf. „Nie. Manchmal hing ein Schild ‚Nicht stören‘, dann kam ich später wieder.“
„Ist Ihnen sonst noch was aufgefallen?“
Wieder Schweigen. Das Kaugummi bewegte sich in dem Mund der Zeugin hin und her. Dann sagte sie: „Na, das Übliche, wenn in der Suite eine Orgie gefeiert wird. Das Bad ist mit nassen Handtüchern übersät, die Bettlaken zerwühlt, kaputte Gläser, leere Champagnerflaschen und so.“
Santos mischte sich ein: „Beim Saubermachen findet man doch Haare. Waren die eher kurz oder lang? Welche Farbe?“
Die Frau schien kein Problem mit seinem Nuscheln zu haben. „Ich habe öfters lange rote Haare beim Aufräumen im Bett oder in der Dusche gefunden.“ Sie schaute wieder auf die Uhr. „Ich muss unbedingt mit dem Saubermachen anfangen.“
„Noch eine Frage: Wo waren Sie am Dienstag, den 3. Juni abends?“
Suarez stutzte einen Wimpernschlag. „Bei meinem Mann zu Hause. Wir schauten Fernsehen.“
Gil nickte: „Danke für Ihre Hilfe, Sie können jetzt gehen.“ Suarez ließ sich das nicht zweimal sagen und verließ ohne Gruß den Raum.
Gil lief in dem Besprechungszimmer hin und her und reckte ihre Arme. „Draußen wartet noch eine Zeugin. Sie arbeitet nachts an der Rezeption und wurde vom Hotelmanager hierher bestellt. Willst du die Vernehmung machen? Ich kann mich auch um das Aufnahmegerät kümmern.“ Der Dicke schüttelte entschieden den Kopf.
Zu Beginn der Vernehmung nahm Santos auf dem Tonband ein paar Daten zur Identität der Zeugin auf. Die Frau hieß Marina Pinto und war genauso alt wie die Kommissarin. Sie wohnte im Norden der Metropole war verheiratet und hatte einen sechsjährigen Sohn. Pinto besaß das klassische Gesicht der Nachfahren portugiesischer Einwanderer. Nachdem sie sich gesetzt hatte, gähnte sie lauthals.
„Sie müssen entschuldigen. Ich mache im Hotel fast immer die Spätschicht von 22 bis 6 Uhr an der Rezeption. Ich habe nur ein paar Stunden geschlafen.“ Sie lächelte charmant.
Gil lächelte ebenfalls. „Wir sind dem Hotelmanager sehr dankbar, dass er Sie angerufen hat. Sie haben bestimmt erfahren, dass es um die Suite 2801 geht und den Diebstahl. Sie hatten in der Nacht Dienst. Ist Ihnen etwas aufgefallen?“
Die Dreißigjährige schob ihre langen dunklen Haare, die ihr in die Stirn gefallen waren, zurück. „Zwischen 22 und 1 Uhr ist in unserm Hotel eine Menge los. Leider war ein Kollege kurzfristig erkrankt und die Hotelleitung fand so schnell keinen Ersatz. In dieser Zeit sprang sogar der stellvertretende Hotelmanager zwei Stunden ein.“
„Ich ahne, was das für einen Stress bedeutet. Nur die hohen Fußballfunktionäre sind natürlich nicht irgendwer. Ist Ihnen an diesem Abend etwas aufgefallen? Brachten Gäste ihres Hotels andere Leute mit? Verließ jemand zwischen eins und drei Uhr das Mariott?“
„Wenn ich mich richtig erinnere, kam Herr Bernoulli mit einer Gruppe so gegen Mitternacht. Sie waren bei einem Empfang, wirkten ziemlich betrunken. Jedenfalls haben sie mir viele Komplimente gemacht.“
Die Kommissarin hakte nach: „Wann kamen die Männer genau?“
„Kurz nach Mitternacht. Vorher war der Schlüssel bei uns an der Rezeption. Also vielleicht eine Viertelstunde nach Mitternacht.“
„Waren die Funktionäre allein oder in Damenbegleitung?“
Die Frau von der Rezeption lächelte. „Sie waren nicht allein. Aber das ist doch kein Verbrechen, oder?“
„Zumindest kein Verbrechen, gegen das die Polizei ermittelt. Seit dem Diebstahl müssen wir überprüfen, wer Zugang zur Suite hatte. War auch Bernoulli in Begleitung?
„Ich kann mich nicht genau erinnern. Mir fiel jedenfalls keine Frau auf.“
„Ist Ihnen an früheren Abenden eine Frau mit längeren roten Haaren aufgefallen?“ Gil merkte wie ihre Gesprächspartnerin eine Sekunde zögerte. „Sie brauchen keine Sorge zu haben. Wir werden alles vertraulich behandeln.“
Pinto seufzte: „Ja, so eine Frau gab es. Ich denke, es war keine Einheimische. Sie war zwei oder dreimal dabei. Aber nicht bei Herrn Bernoulli, soweit ich weiß.“
„Wieso denken Sie, dass es keine Einheimische war?“
„Sie sprach Englisch ohne unsern Akzent. Sie war etwas anders gekleidet, eher europäisch.“
„Können Sie uns diese Frau näher beschreiben. Alter, Größe usw.“
„Ich kann mich nicht genau an diese Frau erinnern. Ich schätze sie auf 30 Jahre. Mittlere Größe. Sie hatte lockige rötliche Haare. Eine gute Figur, großer Busen, nicht gerade dünn.“
„Vielen Dank, Frau Pinto, Sie haben uns sehr geholfen. Wir schicken Ihnen einen Mitarbeiter vorbei, der mit Ihrer Hilfe ein Bild dieser Frau zeichnen wird. Falls Ihnen noch etwas einfällt, hier ist meine Visitenkarte.“ Santos schaltete das Aufnahmegerät aus. Endlich gab es eine Spur.
Als Pinto das Zimmer verlassen hatte, meinte Santos: „In der Suite scheint es ganz schön hoch her gegangen zu sein.“
Gil nickte: „Die Herren vom Weltfußball lassen es sich gut gehen. Die verdienen ja auch eine Menge mit einer Weltmeisterschaft. Wir müssen herausfinden, wer die Frau mit den roten Haaren ist.“
Santos dachte einen Augenblick nach: „Das wird Bernoulli nicht gefallen.“ Dann lachte er laut und zeigte seine Goldzähne.
Kapitel 10
Freitag, 6. Juni im deutschen Quartier
In dem Quartier der deutschen Nationalmannschaft war für alles gesorgt. Es sollte der Fußballelite an nichts fehlen. Auf Wunsch der Nationalspieler waren sogar drei Tischtennisplatten eingetroffen, obwohl dieses Spiel in Brasilien so beliebt war wie warmes Bier in Deutschland. Am Nachmittag waren die Tischtennisplatten verwaist. Die Fußballer trafen nach ihrem Trainingslager in Mexiko erst am Dienstag auf der abgeschotteten Anlage ein. Einige Fußballfunktionäre spielten Tennis auf den drei Plätzen, die sich auf dem weitläufigen Areal der Ferienanlage befanden. Einer der besten Golfplätze Brasiliens lag nur wenige Kilometer von der luxoriösen Unterkunft entfernt, und eine Gruppe von Fußballfunktionären war dorthin aufgebrochen. Auch der katholische Kollege hatte es geschafft in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden. Forte war dieses Anbiedern zuwider. Nun stand er mit seinem roten Tischtennisschläger und einer Packung neuer Bälle hinter dem Swimmingpool und lauerte auf einen Mitspieler.
Vor fünf Minuten war Barbara Schuster vorbeigelaufen. Forte hatte sich schnell auf eine Liege gelegt und schlafend gestellt, um einem Spiel mit ihr auszuweichen. Die drahtige Frau spielte ziemlich schlecht Tischtennis. Forte hatte einfach keine Lust auf Ping Pong und blöde Gespräche.
„Haben Sie Lust auf ein Match? Oder wollen Sie sich ausruhen?“
Die Stimme kam ihm irgendwie bekannt vor. Forte rieb sich die Augen und blickte in das Gesicht des Mannschaftsarztes.
„Ich habe schon einige Zeit nicht mehr gespielt“, sagte der Arzt lächelnd, „aber früher war ich ganz gut darin. Haben Sie noch einen Schläger?“
„Aber klar doch. Spielen wir uns ein?“
Die 72 Jahre sah man dem Mediziner nicht an. In der Realität wirkte er nicht ganz so jung wie im Fernsehen. Der Mannschaftsarzt war ein Angriffsspieler. Seine Schmetterbälle gingen zunächst deutlich an der Platte vorbei und Forte musste sich oft bücken. Mit zunehmender Spieldauer wurde sein Gegenüber ein gleichwertiger Partner. Schweiß lief Forte den Rücken herunter. Sein Körper hatte sich noch nicht an die subtropischen Verhältnisse in Porto Seguro gewöhnt
Nach dem umkämpften Match, das der Seelsorger in drei Sätzen gewann, tranken sie ein Glas Wasser und einen Espresso zusammen.
„Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen“, sagte der Arzt unvermittelt. „Damals habe ich lieber Tischtennis als Fußball gespielt.“
„Im Predigerseminar war die Tischtennisplatte manchmal wichtiger als langweilige Vorträge. Mit meinem Freund Richard habe ich in der Mittagspause immer gespielt.“ Forte verschwieg, dass sie später sogar einmal um Beerdigungen spielten. „Ich wundere mich, dass Sie nicht bei der Mannschaft in Mexiko sind.“
„Ich bin erst heute um die Mittagszeit eingetroffen. Dort in Mittelamerika war mit der Mannschaft alles in Ordnung. Nur bei Khedira gibt es noch ein Fragezeichen.“ Der Arzt schaute auf den Atlantik. „Haben Sie eigentlich davon gehört, dass der WM-Pokal verschwunden ist? Stellen Sie sich vor, wir Deutschen gewinnen endlich die Weltmeisterschaft und dann gibt es gar keinen Pokal.“ Der Arzt lachte.
„Woher haben Sie die Nachricht?“
„Es ist ein Gerücht unter Funktionären. Der Franz hat es mir heute beim Mittagessen erzählt.“
„Und der hat es von Platini“, scherzte Forte.
„Sogar vom Oberboss persönlich. Doch bei dem Schweizer weiß man manchmal nicht, ob er es ernst meint oder einen Jux macht. Sehen wir uns später beim Abendessen? Danke fürs Spiel.“ Er reichte Forte die Hand.
Nachdenklich ging der Seelsorger in sein Zimmer. Er stellte sich unter die Dusche. Dann fuhr er sein Laptop hoch und schaute im Postfach nach E-Mails. Samuel schickte ihm ein Foto vom letzten Training. Er schaute auf die Uhr. 17:10 Uhr, das hieß in Deutschland war es nun 22:10 Uhr. Er meldete sich bei Sabine über Skype. Doch sie war nicht online. Vielleicht war sie mit einer Freundin im Kino und hatte die Kinder zu seinen Eltern gebracht. In Shorts setzte er sich an den Schreibtisch.
Noch eineinhalb Stunden bis zum Abendessen um 19 Uhr. Er überlegte, was er nächste Woche bei der kleinen Andacht sagen konnte. Einmal die Woche gab es eine Andacht im deutschen Quartier. Das hatte sich der Fußballpräsident so gewünscht. Durch das offene Fenster hörte er den Atlantik rauschen. An dieses Geräusch musste er sich in der Ferienanlage gewöhnen. Er freute sich schon auf die Anreise der Nationalspieler. Dann sollte ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert werden. Er nahm seine Bibel und suchte nach der Stelle im 1. Korintherbrief, in der Paulus das Leben der Christen mit einem Wettkampf verglich. Auf einem Zettel notierte sich Forte ein paar Stichworte. Er war nicht bei der Sache.
Immer wieder musste er an den Umschlag denken. Der Mann hatte sich nicht bei ihm gemeldet. Sollte er ihn aufbewahren oder der Polizei geben? War der Fremde ein Verbrecher oder ein unschuldiges Opfer? Mit wem konnte er darüber sprechen? Vielleicht sollte er sich mit dem Sicherheitschef Hans-Joachim Klein in Verbindung setzten. Er holte den weißen Umschlag aus der Schreibtischschublade heraus und wog ihn in der Hand. Seine Neugierde siegte. Forte holte aus seinem Koffer sein Schweizer Taschenmesser und öffnete den Umschlag. In ihm befand sich ein weiterer zusammengefalteter grauer Umschlag. Als er diesen öffnete fiel ein Schlüssel heraus und ein kleines weißes Blatt Papier, das aus einem Notizblock stammte. Der Schlüssel konnte zu einem Bankfach gehören oder einem Tresor. Auf dem Zettel befanden sich in vier Reihen Buchstaben und Zahlen. Die Schrift war schwer zu lesen. Forte nahm ein Blatt Papier und notierte sich, die vier Zeilen:
AP118
MA718
ZA117
EF623
Forte grübelte. Es war eine Botschaft. Aber für wen? Und was sollte es bedeuten? Und was war mit dem Schlüssel? So viel er auch überlegte, er fand keine Lösung. Sein Magen rumorte. In einer halben Stunde gab es Abendessen.
Kapitel 11
Samstag, 7. Juni, Mittagszeit in Curitiba
Von São Paulo nach Curitiba waren es 353 Kilometer auf der Autobahn. Wenn man gut durchkam und die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit nicht so genau nahm, konnte man die Fahrt in knapp drei Stunden schaffen. Capitão Mineiro brauchte mit Kommissarin Gil im Nissan Geländewagen der Polícia Civil do Estadio de São Paulo fast fünf Stunden. Dabei überschritt er mehrfach die Höchstgeschwindigkeit von 130 Kilometern und hielt nur einmal an einer Tankstelle für einen Espresso an.
Schon bei der Fahrt aus der Stadt waren die Polizisten in einen Stau auf dem achtspurigen Autobahnring geraten. Selbst mit Blaulicht kam Mineiro nur schleppend voran. Die Straßen waren einfach verstopft. Der gestiegene Wohlstand der Mittelklasse machte sich auf den Autobahnen bemerkbar. Als sie die Mautstation hinter sich gelassen hatten, griff Gil nach der Akte auf dem Rücksitz und blätterte sie durch.
„Kanntest du diesen Max de Lima?“
Mineiro schüttelte den Kopf. „Nicht persönlich. Aber vom Fernsehen. Vor vier Jahren bei der Weltmeisterschaft in Südafrika berichtete er für „O Globo“ aus dem Quartier der Nationalmannschaft.“
„Er war also richtig berühmt.“
„De Lima war ein bekanntes Gesicht. Bis vor ein paar Jahren. Dann ist er abgesackt.“
„Wie abgesackt?“
„Der Fernsehsender hat ihm gekündigt. Keine Ahnung warum. Auf jeden Fall war er seinen Job als Sportreporter los.“
Der Nissan überholte am Berg einen Sattelschlepper. Die Straße führte an einem Laubwald vorbei.
„Hier steht, dass die Leiche des Sportreporters am Freitagmorgen um 6:27 Uhr vom Sicherheitsdienst einer Firma im Süden Curitibas entdeckt wurde. Der Tote lag unterhalb eines Fabrikgebäudes.“
„Es war nicht klar, ob es Selbstmord, Unfall oder Mord war. Zunächst dachten die Ermittler an Selbstmord. Aber es gibt keinen Brief und die Stellung des zerschmetterten Körpers war ungewöhnlich.“
Gil schaute zum Fenster hinaus. Auf der linken Seite lag ein einsames Gehöft. Ein paar Kühe standen auf der Weide. Die Temperaturanzeige des Autos zeigte 17 Grad an. Sie blätterte weiter in der Akte. „Die Ermittler in Curitiba scheinen eher von Mord auszugehen. Das Gebäude ist zehn Meter hoch. Eine Sicherheitsleiter führt hinauf. Es ist unklar wie de Lima auf das Gelände der Firma Bosch Brasilia kommen konnte. Es fehlt der Bericht der Pathologie.“
„Warum sollte ein Mann aus São Paulo sich in Curitiba umbringen?“ Mineiro grinste.
Auch heute trug er wieder seine Uniform. Gil war zur Jeans mit bequemem Shirt umgestiegen. „Gibt es schon Hinweise auf die Täter?“
„Im Bericht nicht. Den habe ich gestern Nachmittag zugesandt bekommen. Möglicherweise sind die Kollegen schon weiter.“
„Was sagt deine Frau zu dem Einsatz am Samstag?“
„Hör mir bloß auf! Sie war stinksauer und machte ein böses Gesicht. Heute Abend sind wir zum 50. Geburtstag einer Freundin meiner Frau in ein libanesisches Restaurant in Zentrum eingeladen. Schon vor einem Monat haben wir zugesagt. Monica befürchtet, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe.“
Um 12:32 Uhr trafen die beiden Ermittler in der Zentrale der Polícia Civil in Curitiba ein. Der moderne Zweckbau aus den siebziger Jahren war vor zehn Jahren durch einen futuristischen Anbau ergänzt worden. Der wachhabende Polizist war über die Besucher informiert und wies ihnen den Weg.
Als sie anklopften, machte ihnen Hauptkommissar Antonio Coelho die Tür auf.
„Dann muss der Fall ja wirklich wichtig sein, wenn sogar die Spezialermittler aus São Paulo hier in die Provinz kommen.“
Gil zuckte einen kurzen Augenblick zusammen. Ausgerechnet der Typ. Vor zwei Jahren hatte sie mit Coelho eine Fortbildung in der Polizeiakademie in Santos gemacht. Die unangenehme Erinnerung an diesen Typen, der ihr nach einem feucht-fröhlichen Abend an die Wäsche wollte, war noch ekelhaft frisch. Sie hatte ihm ins Gesicht geschlagen.
„Wir hätten uns auch eine schönere Beschäftigung für heute denken können“, knurrte Mineiro.
Coelho gab Mineiro die Hand und nannte seinen Namen. Er tat so, als würde er Gil nicht kennen. Sie übersah seine ausgestreckte Hand. Der Kommissar bot ihnen einen Platz an und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. „Ich vermute, dass ihr das Material gelesen habt, das meine Sekretärin gestern Nachmittag gemailt hat. Zunächst sah es so aus, als ob sich Max de Lima dort an der Fabrikhalle das Leben genommen hätte. Aber die Lage seiner zerschmetterten Gliedmaße war ungewöhnlich.“ Er räusperte sich. „Bei der Obduktion fand der Pathologe einige Hämatome an seinem Körper. Er wurde im Gesicht und in den Unterleib geschlagen. Der Abschlussbericht fehlt noch. Doch mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er keines natürlichen Todes gestorben.“
Er legte einige Schwarzweißfotos auf den Schreibtisch. Gil schaute sich die Bilder von der Leiche und dem Tatort zusammen mit Mineiro aufmerksam an.
„Wisst ihr schon etwas über den Todeszeitpunkt?“ Mineiro gähnte verstohlen.
„Soll ich euch einen Espresso bringen lassen? Die Fahrt war bestimmt anstrengend, so wie ihr ausseht.“ Coelho ging an das Telefon.
„Wo waren wir stehengeblieben? Ach so, ja. Also die beiden Sicherheitsleute fanden die Leiche am Freitagmorgen neben einer alten Fabrikhalle der Firma Bosch, die im Augenblick nicht mehr genutzt wird. Die Täter konnten davon ausgehen, dass der Tote nicht sofort entdeckt wird. Es war mehr oder minder Zufall, dass die Leute bei ihrer Kontrolle von der normalen Route abgewichen sind. Der Tote sieht nicht so gut aus. Ratten haben an ihm genagt.“
Gil schüttelte sich. „Können die Pathologen schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen?“
„Wie gesagt steht der Bericht noch aus. Gestern Abend habe ich mit einem Arzt telefoniert. Er meinte die Nacht war relativ kalt. Die Temperatur der Leiche war gesunken. Aber noch keine Leichenstarre. Vermutlich kam er zwischen Mitternacht und vier Uhr früh zu Tode. “ Coelho schwieg. Dann sagte er: „Warum seid ihr als Spezialeinheit eingeschaltet worden?“
„Na, weil sie euch eben nichts zutrauen.“ Mineiro grinste. „Seid ihr nicht darüber informiert, dass alle Verbrechen, die im Zusammenhang mit Fußball stehen, bei der zentralen Erfassungsstelle in der Hauptstadt gemeldet werden müssen. Ich gehe davon aus, dass eure Staatsanwaltschaft dies ordnungsgemäß gemacht hat. Die Zentrale hat sich mit unserem Staatsanwalt in Verbindung gesetzt, da der Journalist de Lima in São Paulo wohnt. Unsere Aufgabe ist nicht nur zu helfen, dass der Fall gelöst wird. Die brasilianische Regierung will in den Tagen mit so vielen Besuchern aus aller Welt verständlicherweise gut dastehen und braucht keine negative Schlagzeilen.“
„Das wird sich bei Max de Lima kaum vermeiden lassen“, warf Gil ein. „Wo wohnte der Journalist in Curitiba?“
„Er war hier im Stadtzentrum im Hotel Flora abgestiegen. Ein einfaches Hotel, zwei Sterne. Am Sonntag kam er an und buchte für vier Tage. Der Mann an der Rezeption hat erzählt, dass de Lima in der Nacht von Montag auf Dienstag nicht im Hotel war. Er kehrte erst am Dienstagabend wieder ins Flora zurück. Wir haben noch keine Ahnung, was er in dieser Zeit machte. Am Mittwochmorgen verließ er das Hotel mit unbekanntem Ziel und tauchte dort nicht mehr auf. Gestern durchsuchten zwei Kollegen von der Spurensicherung sein Zimmer und überprüften sein Gepäck. Viel war es nicht. Ein kleiner Handkoffer, dreckige und saubere Wäsche, Kulturbeutel, eine Tageszeitung, Hose, Hemd, ein Foto seiner drei Söhne. Es wurden keine Rechercheunterlagen gefunden.“
Mineiro und Gil sahen sich an. Die Kommissarin sagte. „Ist es vorstellbar, dass ein Journalist wie de Lima ohne Laptop, Tablet oder Mobiltelefon reist?“
Coelho verdrehte die Augen: „So weit waren wir auch schon, dazu brauche ich keine Spezialermittler. Eine Hotelangestellte hat uns versichert, dass er definitiv einen Laptop dabei hatte. Er fragte nach Wlan. Doch die elektronischen Geräte sind alle verschwunden.“
„Oder die Mörder haben sie geklaut!“ Mineiro rieb seine Wange. „Sicher habt ihr das Hotelpersonal schon gefragt. Haben die etwas mitbekommen?“
Der Polizist aus Curitiba schüttelte den Kopf: „Die Hotelangestellten haben nichts gesehen. Ich vermute, dass er den Laptop und das Mobiltelefon dabei hatte, als er weg ging. Er war praktisch nicht im Hotel, sondern ist weggegangen und war mehr als zwei Tage verschwunden.“
„Wir müssen herausfinden, an was er dran war.“ Gil rutschte auf dem Stuhl hin und her.
„So sehen wir das auch. Seine Arbeitssituation war nicht so einfach. Denn de Lima hatte seinen Job bei‘ O Globo‘ verloren. Er war einige Zeit weg vom Fenster und hat sich nun wieder rangeschafft. Vor einem halben Jahr fing er bei einem kleineren Fernsehsender an.“
„Und wie sieht es mit Familie und Freunden aus“, hakte Mineiro nach.
„Da könntet ihr uns gut unterstützen. Er lebte von seiner Frau getrennt. Sie wohnt in São Paulo. Führt ihr das Gespräch mit der Witwe?“
Es klopfte. Eine junge Polizeibeamtin kam herein und trug ein Tablett mit drei Espressi. Sie stellte die Tassen auf den Tisch und berührte dabei mit ihrer Hand den Arm Coelhos. Der Kommissar bedankte sich bei der Polizistin und tätschelte ihren Arm. Gil hatte plötzlich das Gefühl, dass der Kommissar nicht nur wegen des Falles noch im Präsidium war.
Ihr Gastgeber holte die Akte von seinem Schreibtisch und gab ihnen ein Blatt Papier. „Hier ist die Adresse der Witwe von Max de Lima und die Adresse eines seiner erwachsenen Kinder.“
„Und was bedeutet ‚Nova Vida‘“, fragte Gil.
„Das ist der Fernsehsender, bei dem de Lima in den letzten Monaten gearbeitet hat. Die Zentrale befindet sich in São Paulo. Vielleicht wissen die, mit was er sich beruflich beschäftigt hat. Möglicherweise finden wir so eine Spur.“
Der Capitão nickte: „Gut! Ihr kümmert euch um Zeugenaussagen in Curitiba und versucht herauszufinden, was er hier wollte. Die Tage in Curitiba müssen lückenlos rekonstruiert werden. Wir befragen seine Familie und die Arbeitskollegen. Am Mittwochmorgen telefonieren wir zusammen. Kannst du uns die Dinge aus der Akte kopieren, die wir noch nicht haben? Können wir hier in der Nähe etwas essen?“
„Gleich gegenüber gibt es ein gutes Lokal, das einen köstlichen Feijoada am Buffet hat. Am besten, ihr geht gleich hin. Ich lasse euch die Kopien dorthin bringen.“
Die beiden Ermittler standen auf und gingen zur Tür. Plötzlich meinte Coelho: „Ach eine Sache wäre da noch. Sollen wir mit dem Tod an die Presse gehen?“
Mineiro rieb seinen Bart: „In Brasilien können wir so eine Sache nicht lange geheim halten. Morgen könnt ihr an die Presse gehen. Aber lass uns heute noch Zeit, Kontakt mit seinen Angehörigen aufzunehmen. Die müssen es nicht aus dem Fernsehen erfahren.“
Als sie eine Stunde später im Polizeifahrzeug saßen, dachte Gil daran, dass in sechs Tagen die Fußballweltmeisterschaft begann. Hatte der Tod des Journalisten etwas mit dem Diebstahl des Pokals zu tun?
Kapitel 12
Samstag, 7. Juni 2014, abends, Avenida Ipiranga
Das Edifiçio Coban war drei Kilometer vom Büro der Polícia Civil in der Rua Brigadeiro Tobias entfernt. Gil ließ sich von einem Agente in einem Fiat an die Avenida Ipiranga 200 fahren. Der bekannte Architekt Oskar Niemeyer hatte das Edifiçio Coban in den 50er Jahren entworfen. Die 1163 Wohnungen des weltweit größten Hochhauses waren in den sechziger Jahren der letzte Schrei. In den achtziger und neunziger Jahren gab es den Niedergang. Doch seit 10 Jahren zogen wieder Leute in das Coban. Dort zu wohnen, war wieder in.
Gil kannte das Coban, weil eine Großcousine ihrer Mutter mit ihrer Familie dort lebte. Sie erinnerte sich an langweilige Verwandtenbesuche mit nervigen eingebildeten Cousinen. Die Frau, die sie suchten, lebte in dem Bereich, in dem die wohlhabenderen Familien wohnten. Sie klingelte und nannte an der Sprechanlage ihren Namen und ihre Funktion bei der Polizei. Sie musste ihren Polizeiausweis durch einen kleinen Spalt unterhalb einer dunklen Panzerglasscheibe durchschieben. Der private Sicherheitsdienst prüfte sorgfältig. Erst nach ein paar Minuten sprang die Schleuse mit einem Summen auf, und sie konnte das Coban betreten. Die Frau von Max de Lima lebte im 19. Stock.
Paulo Mineiro hatte sie nach Hause geschickt. Wenn er sich mit dem Umziehen beeilte, konnte er noch rechtzeitig zum Hauptgang in dem libanesischen Restaurant sein.
Die Kommissarin drückte auf die Klingel. Eine weibliche Stimme fragte. „Was wollen Sie?“
Sie hielt ihren Polizeiausweis vor das Kameraauge. „Mein Name ist Gabriella Gil. Ich bin Kommissarin bei der Polícia Civil und möchte mit Ihnen sprechen. Darf ich reinkommen?“
Die Tür summte. Kurz darauf stand sie einer zierlichen Frau mit lockigen Haaren gegenüber. Ihr Lächeln und das helle Leinenkleid machten sie jünger als sie vermutlich war. „Worum geht es?“
„Können wir uns zu dem Gespräch einen Augenblick setzten?“
Die Frau nickte und lief barfuß den Flur entlang. Sie deutete auf ein Sofa und nahm selbst auf einem gepolsterten Hocker Platz. Von dem Panoramafenster hatte man einen grandiosen Blick auf die Lichter der Stadt.
„Also, was wollen Sie von mir?“ In ihrer Stimme lag Ungeduld.
Gil nahm Platz. „Leider ist es eine ernste Angelegenheit. Sie sind Luiza Vargas de Lima?“
Die Frau nickte. „Bitte sprechen Sie! Ich erwarte noch Gäste.“
Jetzt bemerkte Gil, dass im Esszimmer ein Tisch gedeckt war. Sie räusperte sich. „Ich habe leider eine traurige Nachricht. Max de Lima, Ihr Ehemann, ist tot.“
Vargas de Lima reagierte anders, als Gil gedacht hätte. „Er ist nicht mehr mein Ehemann. Wir leben seit Jahren nicht zusammen.“ Sie stand auf und holte aus der Küche eine Packung Zigaretten. Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. „Entschuldigen Sie bitte. Vielleicht denken Sie, ich habe kein Gefühl. Ich bin natürlich traurig, dass mein Ehemann tot ist. Doch ehrlich gesagt, es berührt mich nicht, nicht besonders. Er war schon lange tot für mich. Verstehen Sie das?“
Gil schüttelte langsam den Kopf. Gerne hätte sie auch eine Zigarette geraucht. Sie versuchte sich zu konzentrieren und sagte: „Können Sie es mir bitte erklären?“
Die Frau holte sich einen Aschenbecher, nahm hastig einige Züge. Dann drückte sie die Zigarette wieder aus und öffnete die Tür zum Balkon. „Die letzten Jahre mit Max waren schwierig, extrem schwierig. Die Öffentlichkeit kennt ja nur den erfolgreichen Sportjournalisten und rasenden Reporter. Seit wir verheiratet sind, war er viel unterwegs. Am Anfang fand ich das interessant, aber mit den Kindern war es ein unmöglicher Zustand. Er hat Karriere gemacht, und ich blieb zuhause. Der Kinder wegen.“
Die Frau lief einige Schritte Richtung Küche. Dann fragte sie: „Wollen Sie etwas trinken? Ich hole mir einen Martini.“
Gabriella Gil hätte lieber eine Zigarette genommen. Aber sie sagte nur: “Für mich bitte ein Glas Wasser!“
Die Frau machte sich in der Küche zu schaffen, dann kehrte sie mit zwei Gläsern zurück.
Gil nahm einen Schluck Wasser und versuchte sich zu konzentrieren. „Leider muss ich Sie als Zeugin zu dem Tod befragen. Es gibt Hinweise, dass er ermordet wurde. Ich habe ein kleines Aufnahmegerät mitgebracht. Kann ich unser Gespräch aufzeichnen?“
Ihr Gegenüber nickte. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen helfen kann. Wir hatten die letzten Jahre kaum noch Kontakt.
„Gespräch mit Luiza Vargas da Lima am 7. Juni 2014 in ihrer Wohnung“, sprach die Kommissarin ins Aufnahmegerät. „Sie haben gerade erzählt, dass Sie mit Ihrem Mann kaum mehr Kontakt hatten.“
Die Witwe trank den Martini aus und sagte: „Vor etwa dreieinhalb Jahren hatte Max großen Stress. Ja, auch mit mir. Nach einem Streit lebte ich einen Monat bei meinen Eltern. Noch mehr Stress gab es beim Fernsehen. Sie wollten, dass er noch mehr macht. Mit den Quoten waren sie nicht zufrieden. Es gab einen neuen Chef, mit dem Max nicht mehr klar kam. Das Übliche eben. Dann fand man Unregelmäßigkeiten bei der Spesenabrechnung. Um es kurz zu machen: Max begann zu trinken. Am Anfang habe ich nichts gemerkt. Irgendwann fiel mir auf, dass er schon morgens einen gewissen Pegel brauchte, um in die Gänge zu kommen. Ich machte ihn darauf aufmerksam. Er stritt es ab. Wir zankten uns. Es war schrecklich! Waren Sie schon einmal mit einem Alkoholiker zusammen?“ Vargas de Lima wischte mit einem Papiertaschentuch Tränen aus ihrem schönen Gesicht. Trotz ihrer 52 Jahre hatte sie sich etwas Mädchenhaftes bewahrt. „Die Sache ging über Monate. Getrennte Schlafzimmer. Irgendwann ist er für mich gestorben. Er wurde gefeuert. Ich habe mich von ihm getrennt. Für ihn brach natürlich eine Welt zusammen. Das war vor etwas mehr als zwei Jahren.“
„Wohnten sie noch zusammen?“
Die Frau schüttelte energisch ihren Kopf. „Das wäre nicht gegangen. Max hat mir sogar gedroht. Er musste ausziehen und ein neues Leben beginnen. Erstaunlicherweise ist ihm das irgendwann ganz gut gelungen. Max hat die Kurve gekriegt. Meine Söhne sagen, er hat mit der Sauferei vollkommen aufgehört.“
„Hatten Sie noch Kontakt mit ihm?“
„Nein, das ging nicht. Wir haben es auch nach der Trennung nochmal versucht. Auch wegen unserer erwachsenen Kinder. Seit ungefähr sechs Monaten haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Wir waren 27 Jahre verheiratet, eine lange Zeit. Die Scheidung habe ich eingereicht, doch er hatte noch nicht eingewilligt. Vielleicht hatte er noch Hoffnung.“ Sie strich sich die Haare hinter den Kopf. „Manchmal habe ich von den Kindern etwas von ihm gehört.“
„Leben Ihre Kinder bei Ihnen?“
Vargas de Lima lächelte: „Nur der Jüngste. Ernesto studiert Medizin im 2. Semester und lebt noch hier bei mir. Die beiden übrigen haben ein eigenes Leben. Der Älteste hat mit dem Vater gebrochen. Michele, der Mittlere, stand noch in Kontakt mit ihm, besonders seitdem er mit seiner Frau ein Kind hat. Auch Ernesto traf sich hin und wieder mit seinem Vater.“ Sie atmete tief durch: „Die Nachricht von seinem Tod wird ihn treffen. Er war so froh, dass es Max wieder besser ging.“
„Wie kam es dazu, dass es ihm wieder besser ging?“
„Da müssen Sie meine beiden Söhne fragen. Einzelheiten kenne ich nicht. Ernesto hat nur einmal erzählt, dass er jetzt bei so einer Sekte wäre und regelmäßig in die Kirche ging.“ Sie zündete sich wieder eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Dann eilte sie zur Terrassentür und rauchte dort weiter. „Max und die Kirche! Das war früher undenkbar. Er ging nur an Weihnachten in die Messe oder bei der Kommunion unserer Söhne. Religion war seiner Meinung nach etwas für Kinder. Diese Christen scheinen ihm Halt gegeben zu haben. Er hörte mit dem Trinken auf. Und er fand Arbeit bei dem Sender ‚Nova Vida‘.“
„Wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“
Ihr Gegenüber zögerte. „Das weiß ich nicht. Wir haben uns bestimmt seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Das letzte Mal waren unsere Anwälte dabei. Es galt, das mit dem Unterhalt zu regeln.“
„Können Sie mir die Telefonnummer von Michele und Ernesto geben?“
Vargas da Lima klemmte die Zigarette in ihren Mundwinkel, ging zum Wohnzimmerschrank und schrieb zwei Mobilnummern auf einen gelben Haftzettel.
Gil steckte den Zettel in ihren Rucksack. Sie dachte nach und fragte: „Wissen Sie etwas von seinen aktuellen Projekten? Haben Sie gehört, in welchen Bereich er gerade recherchiert hat?“
Die braune Frau dachte einen Augenblick nach. Gil hatte das Gefühl, dass ihr ein Gedanke kam. Dann klingelte die Türglocke. „Keine Ahnung. Fragen Sie meinen Sohn. Dio mio, jetzt habe ich meinen Gast ganz vergessen! Und ich bin noch gar nicht ganz fertig.“ Hastig drückte sie die Zigarette aus und trug die beiden Gläser zur Spülmaschine. „Bitte, Sie müssen jetzt gehen. Ich erwarte einen wichtigen Besuch.“
Gil drückte auf die Stopptaste des Aufnahmegerätes, packte es in ihre Tasche und verabschiedete sich. An der Tür begegnete sie einem älteren Mann mit graumelierten Haaren und maßgeschneidertem Anzug. Der Sechzigjährige kam ihr irgendwie bekannt vor. Er küsste Luisa Vargas de Lima auf den Mund. Sie strahlte wie ein verliebtes Mädchen. Nach all den Jahren war ihr dies zu gönnen. Aber einer neuen Verbindung stand möglicherweise Max de Lima im Weg. Dieser Spur musste sie nachgehen. Aus Liebe war schon mancher Mord geschehen.
Nachdenklich lief sie den Weg zur Metrostation. Wenn sie eine gute Verbindung bekam, konnte sie mit dem öffentlichen Nahverkehr in siebzig Minuten zu Hause sein. Es war Samstagabend, morgen konnte sie ausschlafen. Sie überlegte, was sie an diesem Abend noch unternehmen könnte. Auf keinen Fall wollte sie mit ihrer Mutter reden. Das zog sie nur runter. Gestern hatte ihr ein alter Freund eine E-Mail geschrieben. Vor vielen Jahren hatte sie mit ihm Judo trainiert. Vielleicht hatte Leon Zeit, um mit ihr auszugehen. Sie war schon lange nicht mehr im Kino gewesen. Oder Tanzen? Dieser Gedanke hellte ihre Stimmung sofort aus. Nachher im Bus musste sie sehen, ob sie seine Mobilnummer gespeichert hatte. Unvermittelt kam ihr der graumelierte Mann in den Sinn. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Vargas de Lima ihn nicht vorgestellt hatte. Aber sein Gesicht hatte sie schon irgendwo gesehen.
Kapitel 13
Pfingstsonntag, 8. Juni, später Nachmittag, deutsches Quartier
Pfingsten war der Familientag im deutschen Quartier. Das Trainingslager in Mexiko war beendet und die Spieler konnten zwei freie Tage mit Ehefrauen, Freundinnen oder Angehörigen verbringen. Die meisten nutzten die beiden Tage, um die Altstadt von Olinda zu besichtigen. Einige reisten zu den weltberühmten Wasserfällen von Iguaçu im Grenzgebiet zu Argentinien. Wenige Funktionäre und Betreuer blieben in der Ferienanlage zurück. Monsignore Michael Braun nahm mit anderen Offiziellen an der Heiligen Messe in der Basilika von Salvador teil.
Cacau machte Forte den Vorschlag, einen evangelischen Pfingstgottesdienst zu besuchen. Zu seiner Überraschung schloss sich ihnen Thorsten Grasse, der Busfahrer der Nationalmannschaft, an. Mit dem Leihwagen des Hotels chauffierte Cacau die beiden Männer in die Innenstadt von Porto Seguro. Schon von weitem sahen sie das lila Leuchtkreuz der „Assembléia de Deus“.
„Die Assembléia de Deus gibt es in ganz Brasilien. Sie hat im Ganzen mehr als 8 Millionen Mitglieder. Hier ist die Gemeinde nicht so groß“, erzählte Cacau. „Ohne diese Pfingstgemeinde hätte ich den Weg zu Jesus nicht gefunden. Dann würde ich heute in einer Baracke wohnen oder im Gefängnis sitzen. Die Gemeinde hier kenne ich nicht.“
Das Kirchengebäude unterschied sich äußerlich nicht von einer Fabrikhalle. Im Foyer hörten sie laute Musik. Ein Mann begrüßte den Fußballer mit einer Umarmung. Im Gottesdienstraum standen viele Menschen und streckten die Arme nach oben. Auf der Bühne spielte eine Band laute lateinamerikanische Rhythmen. In der Halle herrschte eine ausgelassene Stimmung. Die drei Männer suchten sich im hinteren Bereich einen Platz auf einem weißen Plastikstuhl. Cacau stand auf und sang viele Lieder mit. Als die Musik endete, gingen vier Menschen auf die Bühne, um von ihren Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Forte wusste, dass man das „Zeugnis ablegen“ nannte. Cacau übersetzte leise einige fromme Statements.
Nun betrat der Pastor die Bühne. Er stellte sich als Bruno vor und gewann die Herzen der Leute durch eine humorvolle Bemerkung. Der Pastor trug ein weißes Hemd über seiner blauen Hose. Er sprach über das Geschenk des Geistes. Seine Rede wurde immer wieder von Applaus unterbrochen. Der zierliche Mann besaß die Gabe, Menschen in seinen Bann zu ziehen.
Cacau flüsterte Forte ins Ohr: „Er hat früher Fußball gespielt. Dann hat er ein schlechtes Leben geführt bis er zu Jesus gefunden hat. Nun ist er ein neuer Mensch.“
Am Ende der Predigt erinnerte Bruno seine Gemeinde an den Zehnten. Mit pathetischer Stimme beschwor er die Menschen 10 Prozent des Verdienstes an Gott zu geben. Wer den Zehnten nicht bezahle, riskierte Gottes Segen zu verlieren. Als einige Mitarbeiter mit dem Klingelbeutel herumliefen, sah Forte, dass sie gut mit brasilianischen Banknoten gefüllt waren.
Zwei Stunden später diskutierten die drei Männer nach dem Mittagessen bei einem Glas chilenischem Cabernet Sauvignon über ihre Eindrücke.
Grasse meinte. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Als Konfirmand dauerten mir die Gottesdienste bei uns in Eberstadt immer zu lang. Der Pfarrer war aber ein cooler Typ. Mit dem konnte man sogar zur Eintracht ins Stadion gehen.“
„Ich war ja auch ein paar Mal in Stuttgart in einem Gottesdienst der Landeskirche. Da ist zu wenig Rhythmus für mich. Hier in Brasilien beten die Leute nicht nur mit dem Kopf, sie beten mit dem ganzen Körper, auch mit ihren Gefühlen“, meinte Cacau.
„Das mag ja alles stimmen“, sagte Forte. „Mir fehlt in diesen Pfingstgottesdiensten ein wenig die Ruhe und die Andacht.“
Sie waren die einzigen Gäste im Hotelrestaurant. Die anderen Tische waren leergeräumt. Ein Kellner saß weiter hinten vor einem großen Fernsehschirm. Er zappte sich durch die Kanäle bis er einen Nachrichtensender fand.
„Für mich muss ein Gottesdienst zu Herzen gehen“, sagte Cacau. „In Deutschland sind die Gottesdienste oft ein bisschen steif. Bei uns in Brasilien ist mehr Lebensfreude, vor allem bei den ‚Pentecostales‘.“
Forte wollte gerade nach den finanziellen Unregelmäßigkeiten bei einigen Gemeinden fragen, als er erstarrte. Im Fernsehen sah er das Bild eines Mannes. Er rannte zum TV-Apparat. Der Kellner sah ihn erstaunt an. Forte bat ihn, den Ton lauter zu stellen. Im Fernsehen zeigten sie ein Foto des Mannes, der ihm in der Kirche den Umschlag gegeben hatte. Der Mann hieß Max de Lima und war tot. Die Sprecherin sprach davon, dass er Opfer einer Gewalttat geworden war und die Polizei ermittelte. Forte war geschockt. Er hätte gerne noch mehr gehört, doch inzwischen sprach sie über das Trainingslager der Nationalmannschaft und Bilder der Seleção flimmerten über den Schirm.
„Ist alles in Ordnung? Sie sehen ganz bleich aus,“ fragte Cacau besorgt.
„Ich kann es einfach nicht fassen. Eben haben sie gesagt, dass dieser Mann, dieser de Lima tot ist. Ich habe ihn am Mittwoch in Curitiba in der Basilika gesehen. Dann kamen Polizisten und haben ihn verhaftet. Und jetzt ist der Mann tot.“
Der Spieler des VfB Stuttgart fragte auf Portugiesisch den Kellner. Dann wandte er sich an Forte: „Der Mann hier sagt, dass der Journalist tot in Curitiba gefunden wurde. Sturz vom Fabrikgebäude. Die Männer, die ihn mitnahmen, waren keine Polizisten. Sie hatten die Uniformen gestohlen.“
„Es waren keine Polizisten?“
Cacau räusperte sich: „Leider kommt das in Brasilien vor. Es gibt immer noch viel Gewalt. Max de Lima ist ein bekannter Sportjournalist. In den letzten Jahren hatte er Probleme mit dem Alkohol. In einer Pfingstgemeinde ist er wieder geheilt worden und hat bei einem Sender wieder als Journalist gearbeitet.“
„Soll ich mich bei der Polizei melden? Wo müsste ich dann hin?“
„Für Mordermittlung ist die Polícia Civil zuständig.“ Der Fußballer zögerte. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen empfehlen soll, mit der Polizei Kontakt aufzunehmen. In Brasilien ist der Polizeiapparat manchmal etwas unangenehm. Sie müssen entscheiden, ob Sie sich das zumuten wollen.“
Forte nickte. Ihm war der Appetit vergangen. Gedankenverloren verabschiedete er sich von den beiden Männern und lief den gepflasterten Weg zu seinem Ferienappartement. Das rot angestrichene Holzhaus war in vier Appartements unterteilt. Neben Monsignore Braun wohnten hier noch zwei Physiotherapeuten. In der kleinen Wohnung zog er seine Schuhe aus und legte sich auf das Bett. Die Geschichte mit dem Journalisten ging ihm nicht aus dem Kopf. Er musste unbedingt mehr über Max de Lima herausfinden. In seinen Laptop gab er den Namen des Journalisten in die Suchmaschine ein. Er fand 26790 Einträge. Leider waren fast alle Artikel auf Portugiesisch. Die meisten Einträge beschäftigten sich mit seinem gewaltsamen Tod. Was sollte er nun tun? Er holte den Umschlag aus dem Schrank und nahm den Zettel heraus. Was bedeutete die Abfolge von Buchstaben und Nummern? Ihm kam ein Gedanke. Konnten das Nummernschilder sein? Er ging ins Internet, um sich über brasilianische Nummernschilder zu informieren. Es war eine falsche Fährte. Sorgfältig legte er den Umschlag wieder in den Schrank. Konnte man der Polizei in Brasilien trauen?
Kapitel 14
Montag 9. Juni, vormittags, Rua Brigadeiro Tobias
Ernesto Ribao war normalerweise ein ausgeglichener Mann. 37 Jahre Karriere im brasilianischen Polizeiapparat der Polícia Civil in São Paulo schaffte man nicht ohne gute Verbindungen zu den richtigen Leuten und ein hohes Maß an Gelassenheit. Doch heute war das Gesicht des Direktors der DHPP rot vor Zorn. So glühte er höchstens, wenn er mal wieder mit seinem Sohn stritt, der vor einem Jahr sein Studium geschmissen hatte und nun auf Kosten seiner Eltern lebte.
Um 9:03 Uhr rief die Sekretärin von Ribao bei dem Capitão an. Zusammen mit Gil sollte er um halb zehn beim Direktor antanzen. Mit rotem Gesicht warf Ribao zwei Tageszeitungen auf seinen Schreibtisch. Zweimal schlug er mit seiner Faust auf das Papier und brüllte: „Haben Sie das gelesen? Woher wissen die Zeitungen vom Diebstahl des WM-Pokals? Da kann doch nur einer von unsern Leuten gequatscht haben! Was bezahlen die Schmierfinken für die Weitergabe von Dienstgeheimnissen? Wenn ich das Schwein erwische, dann kann er was erleben!“
Die beiden Kommissare standen schweigend in sicherer Entfernung vor dem rauchenden Vulkan. Mineiro betrachtete intensiv seine Schuhe und schwieg. Gil bemühte sich dem Polizeidirektor nicht in die Augen zu schauen. Sie wussten, wenn ein Mann in seiner Position so außer sich war, dann war Widerspruch zwecklos. Fünf Minuten später hatte sich Ribao wieder im Griff:
„Jetzt hören Sie auf, wie zwei Schüler nach unten zu blicken! Haben Sie eine Idee, wer das den Zeitungsleuten gesteckt haben könnte?“
Gil schwieg und wartete auf die Einlassung des Capitão. Der räusperte sich: „Also Chef, tut mir leid, ich habe keine Ahnung. Ich lese morgens keine Zeitung. Können Sie uns informieren, was in dem Artikel steht?“
Schnaufend nahm der Direktor der Polícia Civil eine Zeitung in die Hand und suchte auf dem Schreibtisch seine Lesebrille.
Während er suchte, meinte die Kommissarin: „Wir haben natürlich die Sache ganz vertraulich behandelt. Ich habe noch nicht einmal zu Hause über diesen Fall gesprochen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einer von uns war.“
„Heute Morgen um 8:15 Uhr ruft mich der stellvertretende Innenminister aus Brasilia an. Der stellvertretende Innenminister persönlich! Wie peinlich! Er wurde vom Präsidenten des Weltfußballverbandes angerufen. Der Schweizer hat die brasilianischen Polizei im Allgemeinen und unsere Abteilung konkret scharf kritisiert.“ Ribao schlug eine Seite auf. Nun hatte er die Lesebrille gefunden.
„Hier steht in fetter Schrift: ‚Schande – WM-Pokal gestohlen. São Paulo. Ist der Fußballpokal wirklich weg? Kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien gibt es große Aufregung. Der berühmte Pokal, den unsere Mannschaft bisher fünf Mal erringen konnte, ist aus dem Tresor eines Luxushotels verschwunden. Gestern erreichte uns diese Nachricht. Können unsere Sicherheitsbehörden nicht einmal einen Fußball-Pokal schützen? Wo ist der Pokal? Die Polizei weiß mal wieder von nichts!‘“
„Chef“, meldete sich Mineiro, „wenn ich den Artikel richtig verstanden habe, dann hat die Zeitung einen Hinweis erhalten. Das könnte doch bedeuten, dass sich irgendwer mit einem Schreiben bei der Redaktion gemeldet hat. Es muss keine undichte Stelle bei der Polizei geben, es können auch die Täter gewesen sein.“
„Das heißt, wir müssen unbedingt mit den Redaktionen der Zeitungen Kontakt aufnehmen, vielleicht ist das eine heiße Spur“, ergänzte Gil.
In den nächsten Minuten informierten sie ihren Chef über den Stand der Ermittlungen. Sie berichteten auch über den toten Journalisten. Ribao, dessen Gesicht inzwischen wieder eine gesündere Farbe angenommen hatte, dachte einen Augenblick nach. „Überlassen sie die Sache mit dem Journalisten der Polícia Civil in Curitiba. Für das Image unseres Landes hat das Auffinden des Pokals absolute Priorität.“
Die beiden Ermittler nickten ergeben. Sie waren schon bei der Verabschiedung, als Gil noch eine Frage einfiel: „Wenn wir mit den beiden Zeitungen Kontakt aufnehmen, werden die Journalisten sicher erfahren wollen, ob das mit dem Diebstahl stimmt und was die Polizei bisher unternommen hat. Was können wir dann sagen?“
Ernesto Ribao legte die Stirn in Falten. „Das ist ein heikler Punkt. Wir können das Thema nicht mehr unter der Decke halten. Der Weltfußballverband muss eine Pressekonferenz machen. Vielleicht können Sie den Journalisten sagen, dass Sie bisher nichts gehört haben, aber den Hinweisen aus der Presse nachgehen. Stellen Sie sich einfach dumm. Das wird Ihnen doch nicht schwer fallen.“ Mit einem Wink waren sie entlassen.
Im Treppenhaus sagte Mineiro: „Wegen dieses blöden Pokals soll der Mord an einem Journalisten zurückstehen. Das passt mir nicht in den Kram.“
„Was schlägst du vor?“
„Die brasilianische Methode: Offiziell werden wir die Anweisung des Chefs befolgen. Doch wir kümmern uns weiter um beide Fälle parallel. Möglicherweise haben sie etwas miteinander zu tun.“
„Siehst du dafür einen Anhaltspunkt?“
„Nee, aber ich habe so ein Gefühl.“
„Apropos Männer und Gefühle. Wie war der Abend beim Libanesen?“
Mineiro zögerte. „Das Essen war hervorragend. Ganz nach meinem Geschmack. Doch ich saß bei so einem Langweiler von der Stadtverwaltung. Mit dem Typen konnte ich nicht einmal über Fußball sprechen. Der Abend war zäh und ich ziemlich müde.“
Bevor Gabriella Gil etwas von dem Treffen mit Leon erzählen konnte, begegnete ihnen Santos mit einem Becher Kaffee. „Können wir mal ein bisschen frische Luft schnappen?“
„Gute Idee“, meinte der Capitão und hielt den beiden seine Schachtel mit den Zigaretten hin.
Gil musste sich konzentrieren, um der Versuchung zu widerstehen. Sie ging in ihr Büro und schaute im Computer nach den Adressen der Zeitungen, die über das Verschwinden des Pokals berichtet hatten. Sie schaute auf ihr Smartphone. Leider war noch keine Nachricht von Leon eingegangen.
Um 10 Uhr fand eine Besprechung mit den Mitarbeitern statt. Mineiro informierte über den Stand der Ermittlung und Gil berichtete von der Befragung der Witwe de Limas.
Lara Komirowski schob eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und meinte: „Ich habe am Freitag endlich die Nummer von Madame Bernoulli erhalten, ihr wisst die Frau des Fußball-Funktionärs, aus dessen Suite der Pokal gestohlen wurde. Ein Kollege aus Brüssel hat mir auf dem kleinen Dienstweg die Nummer des Mobiltelefons dieser Dame beschafft.“
Santos schnalzte anerkennend mit der Zunge.
„Heute habe ich die Frau endlich erreicht. Sie ist auf jeden Fall schlecht auf ihren Ehemann zu sprechen. Sie erzählte, dass er sie jahrelang mit irgendwelchen Weibern betrogen habe. Sie scheint mit den beiden Kindern aus dem Haus ausgezogen zu sein und wohnt bei ihren Eltern. Sie überlegt, die Scheidung einzureichen.“
„Könnte Rache einer betrogenen Ehefrau ein Motiv für den Diebstahl sein“, warf Mineiro ein.
„Möglich wäre es schon“, meinte Komirowski vorsichtig. „Wie sollte sie jedoch hierher nach Brasilien kommen? Oder könnte sie jemanden beauftragt haben?“
„Das klingt eher unwahrscheinlich. Aber es bestätigt unsere Infos aus dem Hotel, dass Bernoulli ein ganz schöner Hengst ist. Wir müssen unbedingt herausfinden, wer diese rothaarige Frau ist.“
Die Blicke richteten sich auf den Capitão. Mineiro schwieg und man sah, wie er seine Gedanken sammelte. „Wir müssen auf jeden Fall den Hinweisen in den Medien nachgehen. Ich bitte dich, Gabriella setze dich mit dem Staatsanwalt in Verbindung, damit wir die Schreiben bei den Zeitungen und bei den Fernsehkanälen bekommen. Santos soll sich mal bei seinen Kontaktleuten bei der Polizei und außerhalb umhören. Jemand muss doch den Diebstahl bemerkt haben. Ich werde mit Komirowski nochmals ins Hotel gehen und diesen Bernoulli ins Gebet nehmen. Sanft aber bestimmt. Bald beginnt die Weltmeisterschaft. Es wäre eine Schande, wenn wir den Pokal bis dahin nicht gefunden hätten.“
Kapitel 15
Montag, 9. Juni, vormittags, deutsches Quartier
Forte lief den Weg von seinem Appartement zu dem Frühstücksraum. Er knöpfte sein Hemd zu. Es war kurz nach 10 Uhr. Er hatte verschlafen. Das passierte ihm sonst nie. Bevor er den großen Frühstücksraum betrat, zog er schnell den Reißverschluss seiner Jeans hoch. Nur noch wenige Personen saßen an den Tischen. Er nickte einem Funktionär zu und ging ans Buffet. Trotz des späten Zeitpunkts war die Auswahl paradiesisch. Er schnappte sich eine kleine Schale und schaufelte einige Löffel Müsli hinein. Darüber streute er ein paar Trockenfrüchte und goss Milch dazu. Forte hatte keine Lust auf Gespräche und setzte sich an einen leeren Tisch mit Blick auf die Terrasse. Eine junge Kellnerin brachte ihm einen Espresso und ein Glas Wasser.
Es war gestern spät geworden, weil er mit Samuel über Skype in Kontakt stand. Sabine hatte ihm eine E-Mail geschrieben, dass ihr Sohn ganz ungern zur Schule ging. Als er mit ihm um 6:45 mitteleuropäischer Zeit sprach, war es in Brasilien 1:50 Uhr. Er erzählte Samuel, dass gestern Abend die Spieler der Nationalmannschaft in der Ferienanlage eingetrudelt waren. Sein Sohn wollte wissen, ob Klose und Schweinsteiger in Form waren. Was sein eigenes Gefühlsleben anging, blieb er jedoch verschlossen. Er musste an den Umschlag denken und die rätselhafte Botschaft des Journalisten. Gestern Abend hatte er ganz lange über den Zahlen gegrübelt, war jedoch zu keinem Ergebnis gekommen.
„Ach der Kollege ist auch schon wach.“
Forte glaubte eine gewisse Häme in den Worten Michael Brauns zu hören. Der Monsignore stand neben ihm und wirkte sehr aufgeräumt. In seiner Hand hielt er eine Tasse.
„Ich habe nach dem Frühstück einen kleinen Spaziergang am Atlantik unternommen und genieße nun diesen leckeren Kaffee.“ Braun schaute ihn an. „Sie sehen etwas mitgenommen aus. Sie werden doch nicht etwa Heimweh haben?“
Forte fiel keine schlagfertige Antwort ein. „Wie war die Messe mit dem Bischof?“
Braun strahlte: „Es war eine sehr feierliche Messe. Auch der Kaiser nahm daran teil und hat mich später dem Bischof vorgestellt. Als Übersetzer war ich ein gefragter Mann.“
Der Monsignore setzte sich ungefragt an seinen Tisch und schaute Forte aufmerksam an: „Ich muss heute noch zu einem Gespräch mit dem Sekretär des Bischofs. Wir müssen die Vorbereitung für den ökumenischen Gottesdienst am Mittwoch auf heute Nachmittag verschieben. Das ist doch kein Problem?“
Forte schüttelte den Kopf. „Kein Problem. Wie sollen wir die Aufgaben verteilen. Kümmern Sie sich um die Liturgie und ich mich um die Predigt?“
„Einverstanden. Dann sehen wir uns heute Nachmittag um 15 Uhr auf der Terrasse.“ Er räusperte sich. „Eine Frage hätte ich schon noch.“
„Ja?“
„Sie haben so einen seltsamen Namen. Und sie wirken auch nicht unbedingt wie ein Deutscher. Ich meine natürlich nur rein äußerlich, mit ihren schwarzen lockigen Haaren. Eher wie ein Spanier.“
„Fast!“ Forte grinste. „Mein Vater ist Kalabrese, meine Mutter kommt aus der Pfalz. Deshalb sehe ich nicht so typisch Deutsch aus. Aber da bin ich in der Nationalmannschaft ja in guter Gesellschaft.“
„So ist das also.“ Braun erhob sich. Seine Neugierde war für das Erste gestillt.
Forte ließ sich ein Glas Orangensaft und einen weiteren Espresso bringen. Vom Buffet holte er ein Croissant und eine Birne. Inzwischen war er der einzige Frühstücksgast. Er schlang das Croissant hinunter und nahm die Birne mit in sein Ferienappartement.
In der kleinen Wohnung griff er nach seiner Bibel und blätterte durch das Neue Testament. Er brauchte einen passenden Text für die Predigt beim ökumenischen Gottesdienst am Mittwoch. Zunächst dachte er an Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Ihm fiel „Teamspirit“ ein oder der berühmte „Geist von Spiez“, damals in den fünfziger Jahren, als Deutschland Weltmeister wurde. In der Mannschaft spielten fünf Spieler des 1. FC Kaiserslautern.
In der Bibel gab es natürlich keinen Text über Fußball. Paulus verglich im Korintherbrief das Leben eines Christen mit einem Wettlauf. „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge, jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht anderen predige und selbst verwerflich werde.“
Das war ein guter Text, denn es ging um Kampf und Leidenschaft. Das war eine Sprache, die auch Sportler verstehen mussten, sogar Funktionäre. Der Pfarrer machte sich Notizen für die Ansprache. Ihm kamen einige Gedanken, die den Bibeltext mit den Erfahrungen der Sportler in Verbindung brachten. Schuster hatte vor ein paar Tagen den beiden Geistlichen gesagt: „Rechnen Sie nicht damit, dass zum ökumenischen Gottesdienst besonders viele Fußballer kommen.“ Vermutlich kamen eher einige Funktionäre oder andere Mitarbeiter. Abwarten.
Forte ging an das Regal und nahm ein Buch heraus, das ihm am Pfingstsonntag Cacau an dem Büchertisch der Assembléia de Deus gekauft hatte. Es war eine Bibel in portugiesischer Sprache. Er blätterte durch das Inhaltsverzeichnis und las Mateus, Marcos, Lucas, João, Atos, Romanos, Coríntios, Galatos, ..... Wie klang eigentlich die Bibelstelle aus dem 1. Korintherbrief in Portugiesisch?
„Não sabeis vós que os que correm no estádio, todos, na verdade, correm, mas um só é que recebe o prêmio? Correi de tal maneira que o alcanceis.....“ Er hatte eine Idee. Er ging zum Schreibtisch und suchte unter seinen Unterlagen nach dem Papier mit der Abschrift der Buchstaben und Zahlen, die der Journalist hinterlassen hatte.
AP118
MA718
ZA117
EF623
Konnten das Abkürzungen für biblische Bücher sein? Dann könnte „ZA“ vielleicht Zacaria sein, also Sacharja. Er schlug den Propheten im Alten Testament auf. Die Zahl 117 konnte eventuell Kapitel 1, Vers 17 oder Kapitel 11, Vers 7 bedeuten. Kapitel 1 Vers 17 lautete:
„Und weiter predige und sprich: So spricht der Herr Zebaoth: Es sollen meine Städte wieder Überfluss haben an Gutem und der Herr wird Zion wieder trösten und wird Jerusalem wieder erwählen.“
Kapitel 11, 7 lautete:
„Und ich hütete die Schlachtschafe für die Händler der Schafe und nahm mir zwei Stäbe, den einen nannte ich ‚Huld‘, den anderen nannte ich ‚Eintracht‘ und hütete die Schafe.“
MA718 musste dann Mateus, also Matthäus Kapitel 7 Vers 18 bedeuten: „Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.“
Forte kratzte sich am Kopf. Was wollte dieser de Lima damit nur sagen? Oder war dies ein falscher Ansatz?
Mit EF623 konnte nur Epheser Kapitel 6,23 gemeint sein:
„Friede sei mit den Brüdern und Liebe mit dem Glauben von Gott, dem Vater und dem Herrn Jesus Christus!“
AP war nicht Apostelgeschichte wie er zunächst meinte, sondern Apocalipse, also Offenbarung Kapitel 1, Vers 12 lautet:
„Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“
Forte lief im Zimmer auf und ab. Er grübelte lange nach. Das war eine Möglichkeit. In der Pfingstkirche hatte sich de Lima sicher mit der Bibel beschäftigt. Er konnte durchaus mit Bibelstellen eine Botschaft verstecken. Aber welche?
Sein Magen machte sich bemerkbar. Er hatte heute Morgen definitiv zu wenig gefrühstückt. In der Minibar befand sich eine Tüte mit Erdnüssen. Gierig riss er die Tüte auf und schob einige Nüsse in den Mund. So würde er auf keinen Fall abnehmen. Er las die Texte nochmals durch. Was konnte der ermordete Journalist damit sagen wollen?
Inzwischen war die Tüte leer. Forte wusch seine Hände, dann schrieb er die Texte in seinen Computer. Durch das offene Fenster hörte er die Spieler vom Trainingsgelände zurückkommen. Bald war Zeit für das Mittagessen. Was wollte de Lima mit den Bibelstellen sagen?
Kapitel 16
Montag, 9. Juni nachmittags, Rua Brigadeiro Tobias
In der Nacht war die Temperatur auf 8 Grad abgekühlt. Am Nachmittag kletterte das Thermometer wieder auf 15 Grad. Doch für die Paulistas war nun der Winter angebrochen. Auf dem Weg ins Büro hatte Gil einige Leute in Wintermäntel gesehen. Auch am Besprechungstisch im Büro des Capitão war es kühl. Wenigstens hatte Mineiro für frisches Wasser und Espresso gesorgt. Der junge Staatsanwalt hatte darauf gedrungen die Arbeitsgruppe zusammenzurufen, um auf den neusten Ermittlungsstand gebracht zu werden.
Über den ganzen Tag hatte es auf allen Kanälen Sondersendungen zu diesem Thema gegeben. Um 11 Uhr war der Pressesprecher des Weltfußballverbandes vor die Kamera getreten und hatte den Diebstahl des Pokals offiziell bekannt gegeben. Er bat die Verantwortlichen darum, den Pokal zurückzugeben, damit die Weltmeisterschaft in Brasilien ein schönes Fest werde. Natürlich sicherte er den Leuten zu, dass die Rückgabe ohne Polizei erfolgen könnte.
Lucas Luiz Santos de Souza war als Staatsanwalt noch nicht lange im Geschäft. 2012 hatte der Innenminister des Bundesstaates den damals 35jährigen in das Amt berufen. Seit vier Monaten war er für die Spezialeinheit Gol zuständig. Gabriella Gil wusste, dass er seine Karriere bei dieser Behörde nicht allein seinem guten Examen zu verdanken hatte. Seine verwitwete Mutter kämpfte in den siebziger Jahren als junge Frau gegen die Militärdiktatur und saß für die Sozialisten seit Jahren im Stadtparlament von São Paulo. Um eine solche Stelle zu erhalten, brauchte man neben guten Examen auch die richtigen politischen Verbindungen. Santos de Souza saß konzentriert über seinem Laptop und las. Dann hob er seinen Blick und nickte den Mitarbeitern freundlich zu. Er wirkte nervös. Als er Gil anlächelte, lächelte sie freundlich zurück. Eine gute Beziehung zu einem Staatsanwalt konnte nie schaden.
„Schön, dass Sie alle hier sind.“ Die tiefe Stimme de Souzas wollte gar nicht so recht zu seinem jungenhaften Äußeren passen. „Ich möchte den aktuellen Ermittlungsstand erfahren und besprechen, wie wir weiter vorgehen. Die ganze Welt sieht auf uns. Wir stehen unter Druck, rasch Ergebnisse zu liefern.“ Er blickte auf seinen Laptop. „Können Sie mich bitte über den Stand der Ermittlungen informieren.“
„Die Untersuchung des Tatorts und die Befragung der Zeugen ergab, dass der Pokal aus der Suite gestohlen wurde, ohne dass der Tresor gewaltsam geöffnet wurde. Frank Bernoulli hat in den letzten Tagen in seiner Luxussuite einige Partys gefeiert, meistens in weiblicher Begleitung. Eine rothaarige Frau zählt zu den besonders Verdächtigen, weil sie auch in der fraglichen Nacht dabei war. Doch wir wissen weder ihren Namen noch haben wir eine genaue Personenbeschreibung dieser Dame“, fasste Capitão Mineiro den Stand der Ermittlungen zusammen.
Der Staatsanwalt nickte. „Was gibt es sonst noch?“
„Ich war heute Vormittag bei der Redaktion der ‚Folha de São Paulo‘ und der Redaktion von ‚O Estado de S. Paulo‘“, meine Gil. „Beide haben mehrere Bekennerschreiben mit der Post erhalten. Leider hatten sie beim Folha die Briefumschläge schon weggeworfen. Aber bei der ältesten Tageszeitung konnte ich noch zwei Briefumschläge aus dem Papierkorb fischen. Diese werden von der Spurensicherung ausgewertet.“
Lara Komirowski ergänzte: „Ich habe beim Sportkanal und bei mehreren Fernsehkanälen angerufen. Insgesamt sind dort sieben verschiedene Bekennerschreiben eingegangen. Am Nachmittag haben wir die Schreiben analysiert.“
„Einige Schreiben sind auch direkt beim brasilianischen Fußballverband eingegangen. Ich habe sie ja an euch weitergeleitet.“
Gil nickte. „Zusammen mit Lara habe ich diese Schreiben analysiert und ausgewertet. Bei manchen kann man sofort erkennen, dass es sich vermutlich um Trittbrettfahrer handelt. Bei einigen Namen mussten wir auch im Internet recherchieren, um herauszufinden, ob es diese Gruppe wirklich gibt.“ Sie schaute sich um: „Haben wir hier einen Beamer?“
Mineiro blickte kurz zu Antonio Santos. Der Dicke stand ächzend auf und verließ das Zimmer. Kurz darauf kam er mit einem Beamer zurück. Santos und Gil schlossen den Beamer an den Laptop an. Mineiro hängt die Brasilienkarte von der Wand ab, um eine Projektionsfläche zu finden.
„Bisher fanden wir zwölf Bekennerschreiben. Darunter sind fünf von Einzelpersonen, die ich als verrückt oder wirr bezeichnen möchte. Es handelt sich um typische Trittbrettfahrer, die bei allen möglichen Dingen, die sie im Fernsehen sehen, Forderungen stellen.“ Gil räusperte sich und trank einen Schluck Wasser. Der Staatsanwalt schaute sie wohlwollend an. Sie drückte ein paar Tasten ihres Laptops und ein Dokument wurde an die Wand projiziert. „Es gibt ein Schreiben der Gruppe ‚Rettet den Regenwald‘. Sie fordern den Stopp der Abholzung der Wälder im Amazonasgebiet.“ Ein weiteres Dokument tauchte an der Wand auf. „Das Schreiben der ‚Legionäre Marias‘. Sie wollen für ‚Radio Maria‘ eine neue Sendelizenz. Die Lizenz wurde dem Verein vor einem Monat entzogen, weil sie mit den Gebühren im Rückstand sind.“
Alle schauten aufmerksam auf die Projektionen an der Wand, nur Santos hielt seine Augen geschlossen. „Schließlich haben wir noch ein Schreiben einer englischen Gruppe, die sich ‚Bomber Harris‘ nennt. Sie fordern vom Weltfußballverband eine Neuvergabe des Fußballturniers 2022 – und zwar an England. Das Schreiben, das bei ‚Folha de São Paulo‘ und bei dem Sender ‚Futbol24‘ einging, ist auf Englisch verfasst. Ich hoffe, jeder kann es lesen.“ Sie wartete einen Augenblick.
„Hat jemand eine Ahnung, was mit ‚Bomber Harris‘ gemeint ist“, fragte der Capitão.
Komirowski meinte stolz: „Ich habe im Internet recherchiert. Es war der britische General, der die Bombardierung der deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg organisiert hatte. Bis heute feiern ihn die Engländer als Kriegshelden.“
„Das klingt nach Rache“, meinte der Staatsanwalt. „Das Schreiben sollten wir ernst nehmen!“
„Die englischen Fans waren total aufgebracht, als der Fußballweltverband vor ein paar Jahren die Weltmeisterschaft nach Russland und Katar vergab und ihre Bewerbung unterging“, warf Santos ein. Gil hatte Mühe, sein Nuscheln zu verstehen.
Die Kommissarin klickte ein neues Dokument in ihrem Laptop an. „Das ist eine weitere Spur. Es ist eine Gruppe aus unserem Land, die sich ‚Gerechtigkeit und Stolz‘ nennt. Sie fordern den Rücktritt des Vorstandes des nationalen Fußballverbandes und eine Untersuchung zur Vergabe der Bauaufträge in den Stadien in Rio und in Recife.“
„Ging es da nicht, um die Korruptionsvorwürfe und die hohen Baukosten bei diesen beiden Stadien,“ fragte Mineiro.
„Ja genau! Es gibt eine Opposition gegen den brasilianischen Verband. Die Fußball-Rebellen konnten den Rücktritt von Texeiro durchsetzen, aber sie verlangen eine Reform der Strukturen im brasilianischen Fußball. Wir kennen alle die Gerüchte von Manipulationen. Als Referendar habe ich bei einem Staatsanwalt in Rio gearbeitet, der sich mit diesen Fragen beschäftigen musste. Da ist einiges nicht ganz sauber gelaufen. Es ist jedoch schwer zu beweisen. Einer der Männer, die darin verwickelt sind, ist der Vizepräsident des brasilianischen Fußballverbandes. Man konnte ihm noch nie etwas nachweisen.“
Gil warf per Beamer ein weiteres Dokument an die Wand. „Das ist ein Schreiben einer christlichen Gruppe. Der Weltfußballverband hat seit 2006 verboten, dass in den Stadien religiöse Botschaften verbreitet werden. Als weltweites Unternehmen fühlt er sich zu strikter religiöser Neutralität verpflichtet. Diese Gruppe, die sich ‚Zeloten‘ nennt, hat einen Brief auf Englisch und Portugiesisch verfasst. Sie verlangen, die Wiederherstellung der Religionsfreiheit in den Stadien. Falls der Weltfußballverband sich dazu bereit erklärt und der Präsident dies offiziell bekannt gibt, soll der Pokal zurückkehren.“
Mineiro meinte: „Erinnert ihr euch noch daran, dass früher oft ein Plakat mit John 3,16 hochgehalten wurde, also Johannesevangelium Kapitel 3, Vers 16.“
„Sollen wir die Gruppe ernst nehmen?“, fragte die Kommissarin.
De Souza nickte. “Dieses Schreiben müssen wir ernst nehmen. Ich werde dem stellvertretenden Innenminister vorschlagen, dass der Weltfußballverband, in einer Pressekonferenz seine Bereitschaft signalisiert, mit den Leuten zu sprechen. Dann müssen wir abwarten, was passiert.“
„17 % der brasilianischen Bevölkerung sind Mitglied in einer Pfingstgemeinde. Meine jüngere Schwester ist mit ihrem Mann auch in einer solchen Gemeinde. Manche sind ganz seriös, andere ziemlich schrill oder ziehen Menschen das Geld aus der Tasche. Weiß jemand, welche Pfingstkirche hinter den Zeloten steht?“, fragte Lara Komirowski.
„Die Zeloten sind aus einer Jugendgruppe der Assembléia de Deus in Rio entstanden. Der damalige Pfarrer dieser Gemeinde ist inzwischen zum Chef einer neuen Pfingstkirche hier in São Paulo geworden. Er heißt: Pedro da Silva. Die Gemeinde heißt Nova Vida.“ Gil war wirklich vorbereitet. „Findet man alles im Netz.“
Mineiro kratzte sich am Kopf. „Das ist eigenartig. Hat nicht der ermordete Journalist in einem Sender dieser Gemeinde gearbeitet?“
„Ach, Sie meinen diesen Max de Lima. Gibt es da einen Zusammenhang?“, fragte Santos de Souza.
„Das ist eine Idee. Bisher haben wir noch keinen Zusammenhang feststellen können“, schaltete sich Gil ein. „Für mich ist offen, wer den Pokal gestohlen hat. Ich fände es wichtig, wenn wir Hypothesen entwickeln, welcher Gruppe wir diese Aktion zutrauen. Dann könnten wir gezielt weiter ermitteln.“
Der Staatsanwalt nickte. „Gut. Es gib noch eine Gruppe. Sie scheint hier aus der Metropole zu stammen. Das Schreiben fand ich erst heute auf meinem Schreibtisch. Ich habe für alle eine Kopie gemacht.“ Gil merkte wie der Capitão zusammenzuckte, als er den Briefkopf der Gruppe sah: Eine Hand mit einem Victory-Zeichen.
„Die Gruppe nennt sich ‚Bewegung für öffentliche Mobilität‘ und will die kostenlose Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs durchsetzen. Sie fordert vom internationalen Fußballverband fünf Millionen Schweizer Franken zugunsten des öffentlichen Nahverkehrs in São Paulo“, informierte Santos de Souza.
„Das wäre doch gar nicht so schlecht“, platzte es aus dem Dicken heraus.
Mineiro seufzte: „Ich hoffe, meine Tochter gehört nicht zu dieser Gruppe. Vor ein paar Tagen haben wir auf ihrem Laptop Dokumente mit diesem Symbol gefunden.“ Keiner sagte etwas.
In das Schweigen hinein sagte der Staatsanwalt: „Ich denke, wir müssen diese ‚Bewegung für öffentliche Mobilität‘ aber auch die ‚Bomber-Harris-Gruppe‘ ernst nehmen, und auch die Gruppe ‚Gerechtigkeit und Stolz‘. Möglicherweise auch die beiden religiösen Gruppen, die sich für die Erhaltung des Radiosenders und für die Religionsfreiheit einsetzen. Was ist mit den Umweltschützern?“
„Ich denke, die Umweltaktivisten könnten so eine spektakuläre Aktion durchgeführt haben“, schaltete sich Mineiro ein. „Die sind international gut vernetzt und haben Mitstreiter, die zu allem fähig sind.“
Sie diskutierten noch eine Weile über die Dokumente. Am Ende bekam Lara Komirowski den Auftrag, im Internet mehr über die englische Gruppe zu recherchieren und zu prüfen, ob diese Gruppe in Brasilien war. Gil kümmerte sich um die beiden religiösen Gruppen. Santos ging der Gruppe brasilianischer Fußballfans nach und sollte nebenbei auch die Regenwald-Aktivisten überprüfen. Der Staatsanwalt suchte das Gespräch mit dem Weltfußballverband. Mineiro sollte herauszufinden, welche Escort-Ladies oder Call-Girls bei den Partys von Bernoulli anwesend waren. Nebenbei wollte er erfahren, was es mit der „Bewegung für Mobilität“ auf sich hatte.
„Und was ist mit dem toten Journalisten?“, fragte Gil.
Santos de Souza schaute sie an und runzelte die Stirn. „Ja natürlich, Max de Lima. Diesen Fall sollen zunächst die Kollegen in Curitiba weiter bearbeiten. Wir sind mit dem Pokal ausgelastet und ganz schön unter Druck.“
Es blieb ihnen nur noch wenig Zeit. Die Öffentlichkeit erwartete Ergebnisse. Der stellvertretende Innenminister machte Druck. In drei Tagen war das Eröffnungsspiel. Bis dahin musste der Pokal zurück sein. Mineiro hoffte, dass seine älteste Tochter nicht in den Fall verwickelt war.
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