Kitabı oku: «Die zweite Leiche»
Frits Remar
Die zweite Leiche
Ein Bergh-Krimi
Saga
Die zweite Leiche
Aus dem Danish von Ursula von Wiese
Originaltitel: Det parallelle lig © 1968 Frits Remar
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711513002
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Der Ofenwart eines Krematoriums macht eine unheimliche Entdeckung: Es liegt eine Leiche zuviel im Sarg. Ein weiterer (kopfloser) Toter bringt Kriminalkommissar Jens Holst auf eine Spur, auf der er sich mühsam an des Rätsels Lösung herantastet. Diesem humorvollen, menschlichen Kriminalkommissar gehört die Liebe des Lesers (der übrigens immer ein wenig mehr weiß als der Fahnder).
Ein spannendes Drama, und spannend ist auch der Weg bis zur Lösung.
Erster Teil
Wer anderen eine Grube gräbt
Montag, den 5. Juni, bis Donnerstag, den 14. September 1967
1
Montag, den 5. Juni 1967
Man glaubt es mir oft nicht, aber es ist wahr: Ich bin Ofenwart im Krematorium. Städtischer Angestellter. Meine Mutter hätte sich nichts Besseres für mich wünschen können. Nun ja, vielleicht doch lieber Straßenbahner oder Lokführer, aber ich gehöre der Stadtverwaltung an, und das ist gut so. Ob es unheimlich ist? Ja, anfangs war es wohl unheimlich, doch man gewöhnt sich an die Arbeit, sie wird schließlich ebenso langweilig wie jede andere auch.
Vor einiger Zeit stand in einer Zeitung, Ofenwarte seien zuverlässige Menschen, die ihrer geregelten Arbeit nachgehen. Es geschähen dabei keine besonderen Dinge. Ich will gleich bekennen, daß es bei uns doch der Fall ist. Larsen und ich haben ein ausgezeichnetes kleines Geschäft. Wenn wir nur eine Bestattung haben – übrigens meistens, denn wir arbeiten in einer Vorstadtgemeinde, wo größtenteils jüngere Leute wohnen –, bringt er den Leichenwagen her und läßt den Schlüssel stecken. Wir leeren den Sarg und verladen ihn in den Wagen. Niemand kann uns sehen. Der Friedhof liegt in einem Villenviertel und ist von hohen Mauern umschlossen. Es kommt selten jemand auf den Friedhof. In der Regel tun wir es abends nach der Verbrennung. Und wer würde schon zwei Männer, die einen Sarg aufladen, fragen, wohin sie damit wollen? Nein, das Geschäft ist wasserdicht.
Für jeden Sarg bekommen wir zweihundert Kronen. Der Leichenbestatter schlägt bei jedem Sarg mindestens hundert Kronen heraus. Larsen und ich teilen die Einnahme. Alle sind zufrieden. Dem einzigen, dem wir etwas wegnehmen, ist es gleichgültig. Wenn man schon stiehlt, so kann es nichts Humaneres geben, als es den Toten zu nehmen und es den Lebenden zukommen zu lassen.
Larsen weiß nicht, daß ich mir auch manchmal ein Schmuckstück aneigne, wenn er nachmittags nicht da ist. Den Schmuck verkaufe ich einem Goldschmied. Er schmilzt das Gold ein, und die Steine werden umgeschliffen. Er fragt nie, woher ich die Sachen habe; aber da er mir nur ein Drittel vom Marktpreis dafür gibt, dürfte er sich wohl darüber klar sein, daß ich ihm nicht Großmutters Firlefanz anbringe. Ich habe gehört, daß man in anderen Ländern auch die Goldfüllungen aus den Zähnen entfernt, doch da ziehe ich eine Grenze. Was zuviel ist, ist zuviel.
Heute nachmittag soll eine vornehme ältere Dame ihre letzte Fahrt im Aufzug machen. Eine stille Trauerfeier im engsten Familienkreis. Der schöne Eichensarg steht schon seit vorigem Samstag in der Kapelle. Dafür müßten wir eigentlich mehr als 200 Kronen bekommen, denn er hat beim Einkauf mindestens 600 gekostet; aber wir haben einen Einheitspreis abgemacht. So geht alles leichter.
Ich ging schon mittags um zwei zur Kapelle. Larsen rief mich vormittags an und sagte, er könnte nicht kommen. Es war wieder seine Magensäure. Er hat nicht die richtigen Nerven für all das. Er ist mein einziges Sicherheitsrisiko. Ich sagte ihm, ich könnte es allein erledigen, und er hängte erleichtert ein.
Als ich die Kapellentür aufschließen wollte, sah ich, daß jemand daran herumgefingert hatte. Herumfingern ist milde gesagt, die Tür war nämlich mit einem Stemmeisen aufgebrochen worden. Ich ging rasch hinein und schaute mich um, um festzustellen, ob etwas abhanden gekommen war. Wirklich eine Frechheit, in eine Kapelle einzubrechen. Es fehlten nur zwei große Messingleuchter auf dem Altar. Das war nicht weiter schlimm, da wir im Keller Ersatz haben. Als ich die beiden anderen holte, fiel mir ein, daß ich die Polizei von dem Diebstahl verständigen mußte.
Der Beamte, mit dem ich sprach, schrieb umständlich meine Meldung nieder und sagte, es werde jemand kommen und sich die Sache ansehen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß am Nachmittag eine Trauerfeier stattfinden würde und daß ich danach meine Arbeit zu verrichten hätte. Wir vereinbarten, daß ich morgen um zehn in der Kapelle zur Verfügung stehen würde.
Kurz nach diesem Telefongespräch kam der Pfarrer mit dem Küster. Beide regten sich über den Einbruch sehr auf, and wir sprachen eine Weile darüber. Dann arrangierten der Küster und ich die Blumen und Kränze. Das dauerte nicht lange, weil es nicht viele waren. Der Pfarrer zog sich derweil in seiner kleinen Kammer um, und als er in seinem schwarzen Talar wieder auftauchte, versammelten sich draußen auf dem Friedhof gerade die ersten Trauergäste.
Der Pfarrer war in einer schwarzen Stimmung, in seiner Begräbnisstimmung. Er ist wie ein Chamäleon. Er nimmt die Farben seiner Umgebung an. Schwarz und düster bei Bestattungen. Heiter und munter bei Trauungen. Feierlich bei der Konfirmation. Hellrot und leutselig bei der Taufe. Streng und gottesfürchtig bei Gemeinderatssitzungen. Mild und nachsichtig beim Zusammensein mit anderen Menschen. Ich kenne keinen, der so in seinem Beruf aufgeht wie er. Nur Gott mag wissen, wie er in Wirklichkeit ist. Der Küster ist immer derselbe. Grau, trist und säuerlich, als ob er eingewachsene Zehennägel hätte. Er äußert selten etwas anderes als Psalmenverse; er kann sie, glaube ich, fast alle auswendig.
Als die kleine Trauergemeinde vollzählig versammelt war, zog ich mich dorthin zurück, wo ich hingehörte – in den Keller. Dort unten ist es ganz gemütlich. Saubere, weißgekalkte Wände. Kein grelles Tageslicht. Die Fensterscheiben sind aus Mattglas, aber zwei Neonröhren geben alles Licht, das man im Bedarfsfall braucht. Unten endet auch der Aufzug. Für die Toten. Die Lebenden müssen die Treppe benutzen.
Ich hängte meinen Rock in den Garderobeschrank und zog meinen Kittel an. Dann machte ich das Feuer an. Seit es Ölfeuerung gibt, ist es keine große Sache mehr, im Krematorium Ofenwart zu sein. Früher, als man noch mit Kohle feuerte, war es eine höllische Plackerei. Außerdem schmutzig. Jetzt drückt man auf einen Knopf, und die Feuerung ist automatisch in Gang. Es geht leichter und schneller, wenn der Ofen vorgewärmt ist.
Danach setzte ich mich hin und wartete. Ich zündete mir eine Zigarette an und blätterte in meiner Zeitung. Orgelmusik und der kühle Psalmengesang klangen schwach zu mir herunter. Die Orgel ließ die Luft vibrieren. Der Organist tremolierte ein wenig. Danach sprach der Geistliche. Ihn konnte ich zum Glück nicht hören. Ich schaute auf meine Uhr. Es war Viertel nach drei. Es dauerte also noch eine Viertelstunde. Ich konnte noch gut ein Bier trinken. Das tat ich denn auch. Im Raum begann es recht warm zu werden. Im Winter ist das sehr angenehm, aber jetzt haben wir ja Juni, und da ist es eher unbehaglich. Das Bier half dagegen. Ich stellte die leere Flasche weg und wartete auf das Glockenzeichen des Küsters.
Wenn er oben auf einen Knopf drückt, klingelt hier unten eine Glocke, nur schwach. Dann setze ich den Aufzug in Bewegung.
Die fernen Töne von »Nun bringen wir den Leib zur Ruh« drangen zu mir herunter, und die Glocke bimmelte. Ich stand auf und setzte den Aufzug in Bewegung. Er war gut geölt und lautlos. Ganz langsam sank der Katafalk mit dem Sarg, Blumenschmuck und allem übrigen zu mir herab, bis der Aufzug automatisch stehenblieb. Der Sarg stand auf Rädern – winzig kleinen Rädern – auf dem Katafalk, und ich brauchte nicht viel Kraft anzuwenden, um ihn auf den Eisenschlitten zu schieben, der in den Ofen führte.
Danach ließ ich den Aufzug mit dem Katafalk wieder in die Höhe, damit sich das Loch im Boden der Kapelle schloß. Ich wartete eine Weile, bis ich ganz sicher war, daß die Leute die Kapelle verlassen hatten. Ich ging hinauf und half dem Küster, die Gesangbücher an ihren Platz zu legen und die übrigen Blumen und Kränze, die oben geblieben waren, auf den Friedhof zu tragen. Wir legten sie aufs Familiengrab, wo die Urne beigesetzt werden sollte. Der Küster ging mit einem Nicken.
»Auf Wiedersehen und vielen Dank für die Hilfe«, sagte ich.
Die Ironie erfaßte er gar nicht. Die Aufräumungsarbeiten in der Kapelle waren ja seine Sache, aber Larsen und ich hatten es uns angewöhnt, ihm dabei zur Hand zu gehen, damit wir rascher unter uns waren.
Ich war nun allein. Der Pfarrer war längst gegangen. Ich trank noch ein Bier, bevor ich mich im Ernst an die Arbeit machte. Ich nahm die Blumen vom Sarg und warf sie in den Ofen. Sie zischten nicht lange. Also wieder einmal nicht frisch. Hundert Kronen für den Gärtner Svendsen. Schenkt mir Blumen, während ich lebe. Wenn ich tot bin, freut sich nur der Blumenhändler. Ich nahm den großen Schraubenzieher zur Hand und schraubte den Sargdeckel ab. Er war verdammt schwer. Ich würde Qualen ausstehen, wenn ich den Sarg allein auf den Leichenwagen verladen mußte.
Sie sah sehr adrett aus, die Frau, die darin lag. Ein bißchen gelb im Gesicht, aber im übrigen so friedlich wie die meisten alten Leute. An der rechten Hand hatte sie einen schmalen Siegelring, den ich nicht anzurühren wagte. Aber an der linken saß ein Ring mit einem großen hellblauen Stein. Er schien mir wertvoll zu sein, deshalb wollte ich ihn haben. Da ich den Ring nicht abbekam, holte ich die Kneifzange. Der Reif interessierte mich nicht, um so mehr der Stein.‘
Ich beugte mich über den Sarg und hielt mit der linken Hand ihre kalten Finger fest. Ich brauchte mich nicht sehr weit vornüber zu bücken, denn sie lag erhöht im Sarg. Worauf eigentlich? Mit schnellem Zwacken durchtrennte ich den dünnen Goldreif, und da stieg mir das Herz in die Kehle, und mein Verstand rutschte in die Hose. Ja, vor Schrecken machte ich in die Hose. Während ich den Reif durchzwickte, glitt die Frau langsam auf mich zu und fiel zur Seite, als ob sie sich im Schlaf umdrehte. Das weiße Tuch unter ihr zog sie mit, und es kam ein langes, schlankes Bein in Nylonstrumpf zum Vorschein.
In dem Sarg lag noch eine Leiche.
Ich war ein paar Schritte zurückgetaumelt und starrte schwer atmend darauf. Die Kneifzange war in den Sarg gefallen, und den Ring hatte ich nicht abbekommen. Ich wurde von Panik erfaßt. Ich wollte schon den Deckel wieder auflegen, kam jedoch zur Besinnung. Das ging nicht. Der Leichenbitter erwartete mich mit einem Sarg. Viele Fragen müßte ich beantworten, wenn ich nicht käme. Im Lügen hatte ich mich nie ausgezeichnet. Die Wahrheit vertuschen, ja, das konnte ich, aber eine richtige Lügengeschichte erfinden, dazu war ich nicht imstande.
Ich legte den Deckel wieder hin und trat zum Sarg. Schnell nahm ich die Kneifzange an mich und eignete mir den Ring an. Er hinterließ einen Riß am Finger der Frau. Ich tat die Zange an ihren Platz und steckte den Ring ein. Dann führte ich mir ein Bier zu Gemüte. Was sollte ich bloß machen? Ich ging wieder zum Sarg. Ich mußte sehen, wer unter der alten Dame lag. Ich hob sie samt dem weißen Tuch heraus und legte sie zwischen die Schienen, die zum Ofen führten. Hierauf nahm ich den zweiten Leichnam in Augenschein.
Es war ein junges Mädchen. Ihr Rock war hinaufgerutscht, und irgend etwas veranlaßte mich, ihn hinunterzuziehen. Sie war wohlgestaltet und sah im ganzen reizend aus. Vielleicht hätte man sie nicht schön nennen können, aber attraktiv. Als ich mich über sie beugte, sah ich die blutunterlaufenen Stellen an ihrem Hals. Deutliche Spuren von Fingern und Händen. Sie war erwürgt worden.
Zuerst wunderte ich mich, daß ihr Gesicht nicht verfärbt und die Augen geschlossen waren. Doch als ich feststellte, daß die Würgespuren nur an den Seiten des Halses zu sehen waren, begriff ich, daß der Mörder sie nicht erstickt, sondern nur ein paar Minuten lang die Blutzufuhr zum Gehirn abgeschnitten hatte, bis sie tot war. Das erforderte nicht viel Kraft. Sie tat mir leid.
Ich mußte wieder die Polizei anrufen. Ja, natürlich, der Einbruch. Der Mörder war in die Kapelle eingebrochen, um die Leiche loszuwerden. Zum Schein hatte er die beiden Leuchter mitgenommen, um uns glauben zu machen, ein gewöhnlicher kleiner Kirchendieb sei eingedrungen. Ich war schon auf dem Weg zum Telefon, das in der Umkleidekammer des Pfarrers steht – sie dient auch sozusagen als Büro –, als mir plötzlich heiß und kalt wurde.
Warum hatte ich den Sarg geöffnet?
Das würde mich die Polizei als erstes fragen.
Ich ging die Treppe wieder hinunter.
Zum Glück war noch eine Flasche Bier da. Diesmal leerte ich sie langsam, wobei ich mich bemühte, mir eine Geschichte auszudenken. Ich überlegte verschiedene Möglichkeiten, aber nur eine fand ich einleuchtend.
Mir war ja aufgefallen, daß der Sarg ungewöhnlich schwer war, mochte er auch aus Eichenholz sein.
›Ausgezeichnet beobachtet, mein guter Mann. Das soll in unserer Mitteilung an die Presse erwähnt werden, als Beispiel dafür, wie der Bürger den Hütern des Gesetzes beistehen kann.‹
Konnte ich wirklich etwas gemerkt haben? Nein. Die Räder liefen ja in Präzisionskugellagern, so daß es kein nennenswerter Unterschied war, ob man 50 oder 125 Kilo zu schieben hatte. Aber das wußte die Polizei sicher nicht, und sie würde andere Dinge zu untersuchen haben.
Ich war schon auf halbem Weg die Treppe hinauf, als ich zufällig die Hand in die Tasche steckte und den Ring zu fassen bekam. Im ersten Augenblick wußte ich nicht, was ich da fühlte; doch als es mir aufging, trat ich den Rückweg an.
Nicht nur hatte die alte Dame einen Eindruck rings um den Finger, sondern ich hatte ihr beim Abstreifen auch einen Riß beigefügt.
Ich saß in der Patsche. Was sollte ich machen?
Ich bin gewiß kein leuchtendes Beispiel für die Ehrsamkeit hierzulande, aber bei Mord ziehe ich die Grenze. Andererseits stand mir allerlei bevor, wenn sich die Polizei einmischte. Ich würde mindestens ein Jahr Gefängnis bekommen und meine Stellung verlieren. Und was hat ein Mann anfangs der Fünfziger noch zu erwarten, wenn er aus dem Knast kommt? Außerdem wurden Larsen, der Leichenbestatter und der Goldschmied mit hineingerissen.
Es blieb mir keine Wahl.
Ich setzte mich und zündete mir eine Zigarette an. Ich mußte beide Leichen verbrennen und tun, als ob nichts geschehen wäre. Ein Glück, daß ich gerade an diesem Tag allein war. Larsen wäre zusammengeklappt. Er war wie so viele große Männer, die mit den Jahren verfetten, ein Waschlappen. Ich bin klein und mager. Zäh, seelisch zäh. Oder vielleicht gefühlskalt?
Ich fröstelte, aber das Bullern des Ofens sagte mir, daß es nicht an der Temperatur lag.
Sollte der Kerl, der ein so hübsches junges Mädchen ermordet hatte, wirklich ungestraft davonkommen? Wahrscheinlich hatte er sie vergewaltigt und sie dann in Panik umgebracht. Bis morgen zitterte er sicher, aber wenn in den Zeitungen nichts von dem Leichenfund stand, atmete er natürlich erleichtert auf. Selbstverständlich wurde das Mädchen früher oder später vermißt, aber das hatte nichts zu besagen, wenn sie spurlos verschwunden war.
Spurlos.
In meinem Kopf regte sich etwas.
Ich ging wieder zu dem Sarg. Diesmal untersuchte ich das junge Mädchen gründlich. Von einer Vergewaltigung war nichts zu merken. Ihre Kleidung war weder zerrissen noch über Gebühr zerknittert. Das leichte Sommerkleid hatte keine Taschen. Ich fand keinerlei Hinweis auf ihre Identität.
Um den Hals hatte sie ein dünnes Goldkettchen mit einem Medaillon und an der linken Hand einen Ring mit dunkelrotem Stein.
Ich prägte mir ihr Aussehen ein, um sie wiederzuerkennen, wenn im Zuge der Nachforschungen ein Bild von ihr veröffentlicht wurde. Ich zog sogar die Lider in die Höhe, um ihre Augenfarbe festzustellen.
Sie hatte hellblaue Augen.
Ich schätzte ihre Größe auf einsfünfundsechzig, ihr Gewicht auf 55 Kilo. Sie mochte etwa 22 Jahre alt gewesen sein, aber das war nicht so wichtig. Ich werde ihr Gesicht nie vergessen.
Die hellblonden Haare waren zu einer knabenhaften Kurzhaarfrisur geschnitten. Die Backenknochen traten vor, der Mund war ziemlich groß. Die Ohren lagen eng an dem runden Kopf. Das Kinn wirkte energisch; die regelmäßigen Zähne waren gepflegt. Ich griff nach dem Ring, ließ ihn aber sogleich los und schämte mich.
Schließlich beschäftigte ich mich mit dem Medaillon. Es schien mir aus alter Zeit zu sein – meine Mutter hatte ein ähnliches gehabt. Darin hatte sie ein Bild meines Vaters gehabt, aber als der Schuft mit einer Kellnerin verduftete, ohne sein Reiseziel anzugeben, warf sie das Bild weg und steckte statt dessen einen Zettel mit ihrer Krankenkassennummer hinein, die sie sonst immer vergaß.
Ob das Medaillon des Mädchens wohl etwas enthielt? Ich öffnete es, und da hatte ich das Bild eines Mannes vor mir. Er war in meinem Alter, vielleicht ein wenig jünger, um gerecht zu sein. Ihr Vater vielleicht? Aber nein. Er hatte zwar graugesprenkelte Schläfen, aber man sah, daß die Haare kohlschwarz waren. Konnte er eine so hellblonde Tochter haben? Ich untersuchte bei ihr den Haaransatz. Die Haare waren durch und durch blond, es sei denn, sie hätte sie gestern oder vorgestern färben lassen.
Der Mann konnte nicht ihr Vater sein. Wer aber war er? Möglich, daß es aus den Presseberichten in Zusammenhang mit den Nachforschungen hervorging. Sie mußte ja in ihn verliebt gewesen sein, sonst hätte sie sein Bild nicht mit sich herumgetragen. Sicher kannten ihre Angehörigen ihn, so daß die Presse ihn erwähnen würde.
Ich nahm das Medaillon an mich und nach kurzem Bedenken auch den Ring. Vielleicht war es notwendig, ihn zu besitzen, wenn es um die Identifizierung ging. Ich hatte nämlich einen Entschluß gefaßt. Ich wollte herausfinden, wer der Mörder war. Die Ergebnisse der polizeilichen Nachforschungen wurden sicher laufend veröffentlicht, und ich wußte ja etwas, wovon die Polizei nichts in Erfahrung bringen konnte, so daß ich imstande war, mir zwei und zwei zusammenzureimen.
Dann wollte ich – ich schäme mich nicht, es zu sagen – von dem Menschen so viel Geld erpressen, daß er auf die Knie gezwungen wurde. Eine schlimmere Strafe als zwölf Jahre Gefängnis. Das wollte ich nämlich tun, solange ich lebte. Wenn ich mich vorsah, konnte ich noch gut zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre hinter mich bringen. Der Mörder bekam seine gerechte Strafe, und für mich fiel etwas ab. Eine angenehme Entschädigung für die überstandene Aufregung.
Die Ruhe des Entschlossenen befiel mich, und ich führte automatisch die notwendigen Handgriffe aus, um jede Spur von den beiden Frauen zu vertilgen. Ich nahm das Mädchen aus dem Sarg, und nachdem ich die Ofentür geöffnet und die beiden Leichen ihrem barmherzigen, läuternden Schicksal überlassen hatte, wie der Pfarrer zu sagen pflegte, ließ ich den Katafalk wieder zu mir herunter. Ich schob den Sarg darauf und schickte den Katafalk abermals nach oben, während ich selbst die Treppe hinaufging und den Karren holte, auf dem wir die Särge immer beförderten, wenn sie zu schwer waren.
Der Karren hatte dieselbe Höhe wie der Katafalk, so daß es keine große Sache war, den Sarg darauf zu verladen. Schwieriger war es, den Karren durch den Mittelgang der Kapelle zur Tür zu ziehen. Ich ging flott hinaus. Es hatte keinen Zweck, verstohlen zu wirken. So kann man derartige Dinge nicht bei Tageslicht erledigen. Es war erst drei Uhr nachmittags, und die Sonne stand noch hoch, aber der Friedhof war wie gewöhnlich menschenleer. Ich holte das Auto von der anderen Seite der Kapelle und fuhr rückwärts zur Tür. Dann machte ich die Doppeltür weit auf und hakte sie fest, damit sie nicht zuschlug. Die Rampe des Leichenwagens hatte ich schon heruntergeklappt.
Es dauerte keine zwei Minuten, den Sarg in den Wagen zu schaffen, die Vorhänge zuzuziehen, zum Parkplatz zu fahren, die Kapellentür zu schließen und den Karren an seinen Platz zu bringen.
Ich kehrte in den Keller zurück und blickte in den Ofen. Alles verlief normal. In einer Stunde war alles überstanden. Ich legte die drei leeren Bierflaschen in meine alte Ledermappe und besorgte mir im Laden um die Ecke neue Stärkung. In fünf Minuten war man dort, aber ich ließ mir Zeit. Auch zu einem kleinen Schwatz mit dem Verkäufer. In einer kritischen Situation sollte er nicht aussagen können, ich wäre an dem Tage anders gewesen als sonst.
Als ich wieder im Keller war, sah ich abermals im Ofen nach. Dann setzte ich mich mit meinem Bier hin und versuchte, in Ruhe alles zu überlegen. Ja, ich versuchte es, denn das war gar nicht so leicht. Ich hatte unterwegs an den Händen geschwitzt, und im Laden hatten mir die Beine gezittert. Ich mußte tief durchatmen, damit mein Herz zu galoppieren aufhörte. Die verdammten Nerven. Was könnte man nicht alles ausrichten, wenn sie nicht wären!
Es blieb mir nur ein Weg. Vorwärts. Ich hatte die Brücke hinter mir verbrannt ... nein, abgerissen, und jetzt blieben mir bloß zwei Möglichkeiten – entweder alles gut sein lassen oder den Mörder finden, um ihn auf klassische Weise zu erpressen. Ich hatte noch nie einen Menschen erpreßt, aber das konnte ja nicht viel schwieriger sein als alle die kleineren oder größeren Spitzbübereien, an denen ich mich früher versucht hatte. Bisher war mir das Glück immer hold gewesen. Ich war nie ertappt worden und hatte nie gesessen. Meine Papiere waren fleckenfrei. Sonst hätte ich ja meine Stellung hier nicht bekommen. Immerhin fand ich mein Vorhaben gefährlich. Ich bekam es ja mit einem Mann zu tun, der einen Mord begangen hatte. Man sagt doch, es sei leichter, zum zweitenmal zu morden ...
Ich mußte ihm weismachen, wenn ich in 24 Stunden nichts von ihm hörte, hätte mein Anwalt den Auftrag, einen versiegelten Umschlag mit gewissen Papieren und Gegenständen der Polizei auszuliefern. Er solle sich also lieber zur Bezahlung bequemen und mich ungeschoren gehen lassen.
Ob ich diese Drohungen wohl so vorbringen konnte, daß sie echt klangen? Nein, ein solches Vorgehen war zu gefährlich. Ich mußte mich damit begnügen, mit ihm schriftlich in Verbindung zu treten. Komisch, die ganze Zeit schwebte mir ein Mann vor. Es konnte aber nur ein Mann sein. Eine Frau hätte für derartige Machenschaften sicher nicht die erforderlichen Kräfte und Nerven gehabt. Übrigens auch die meisten Männer nicht. Außerdem beruhte meine Vermutung auf dem Bild in dem Medaillon. Nun, zuerst mußte ja der Abgebildete ermittelt werden. Bis dahin würde mir wohl ein wasserdichtes Vorgehen einfallen.
Abends halb sieben war die Verbrennung beendet, und ich ließ den Eisenschlitten aus dem Ofen ausfahren. Nun kam die unangenehmste Arbeit. Ich schaufelte die Asche heraus. Es war eine ziemliche Menge. Gewöhnlich betrug das Gewicht drei bis vier Kilo; diesmal waren es mindestens sechs Kilo. Ich mußte sie zweimal durch den Aschebehandlungsapparat gehen lassen. Ich ließ sie ein Weilchen zur Abkühlung stehen, bevor ich sie einschüttete. Die Kontrollnummer, die aus gebranntem Ton besteht, legte ich zuunterst in die Auffangurne; dann stellte ich den Motor und den Staubsauger an. Gleichzeitig gingen die beiden elektrischen Birnen in dem Apparat an, so daß ich durch die Glasscheibe beobachten konnte, ob der Apparat richtig arbeitete. Die Asche lief durch zwei rotierende Walzen, die sie zerrieben, bevor sie auf das Förderband fiel, das sie über eine Magnettrommel führte.
Durch den Magnet werden alle Eisenteile aus der Asche entfernt, Sargnägel und -schrauben, Griffe, Scharniere und dergleichen. Den Staub, der beim Niederfallen der Asche in der Urne aufgewirbelt wird, fängt die Staubsauganlage auf.
Das Ganze dauerte eine halbe Stunde; dann stand die verschlossene Urne an ihrem Platz, bis die Beisetzung stattfinden würde. Irgendwann in der nächsten Woche. Inzwischen hatte sich der Ofen so weit abgekühlt, daß ich ihn ausräumen und reinigen konnte. Ich stellte die Geräte weg, zog mich um und ging zum wer weiß wievielten Male an diesem Tage die Treppe hinauf.
Schnell und ohne viel Worte wickelte sich das Geschäft beim Leichenbestatter ab. Ich erhielt meine hundert Kronen und auch Larsens Anteil. Seine hundert Kronen verstaute ich in dem verschließbaren Fach meiner Brieftasche, um nicht in Versuchung zu geraten; denn ich wußte nicht, wie lang diese Nacht werden würde.
2
Dienstag, den 6. Juni, bis Donnerstag, den 22. Juni 1967
Die folgenden zehn Tage vergingen, ohne daß sich etwas ereignete. Besonders der Dienstag war höllisch zu durchstehen. Ich war erst um vier Uhr morgens nach Hause gekommen und mußte ja um zehn mit dem Polizeibeamten wegen des Einbruchs in der Kapelle sprechen. Diese Vereinbarung konnte ich nicht rückgängig machen, und ich mußte ganz normal erscheinen. Natürlich nicht körperlich. Auch ein Krematoriumsangestellter darf sich in seiner Freizeit einmal vollaufen lassen. Ich meine, ich konnte es mir nicht leisten, den geringsten Zweifel an meiner seelischen Verfassung aufkommen zu lassen.
Die Montagnacht hatte ich richtig durchsumpft. Ich aß in einer kleinen Wirtschaft an der Svärtegade und blieb an einem Stammtisch hängen. Später machte ich mit Johansen die Runde, der zufällig Geld hatte, was mir gut paßte, da ich ebenfalls bei Kasse war.
An sich mache ich mir nicht viel aus Johansen. Er ist Vertreter irgendeiner Firma, die der Industrie Farben und Lacke liefert. Seine Einkünfte sind unregelmäßig, so daß es für mich ein Glück war, daß er gerade einen seiner guten Tage hatte. Er könnte ein flotter Bursche sein, wenn seine zwanzigjährige ungezügelte Lebensweise nicht ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen und seinen Ehrgeiz nicht untergraben hätte. Er kleidet sich elegant, und die ausholenden Bewegungen sind ihm angeboren. Er wäre gern eine große Kanone geworden, hat es aber nur zu einer kleinen Büchse gebracht.
Als wir gegen elf Uhr abends in einem Restaurant an der Vesterbrogade saßen, sagte Johansen unvermittelt, er müsse im Hauptbahnhof seinen Koffer holen. Da ich nichts anderes zu tun hatte, ging ich mit. Es war kein besonders großer Koffer, denn er war in einem der Schließfächer aufbewahrt, in die man eine Krone steckt, die für 24 Stunden gültig ist. Johansen holte sich seinen Koffer, und wir zogen weiter.
Mit Mühe und Not gelang es mir, die Vereinbarung am Dienstag um zehn einzuhalten. Aber ich war sogar vor dem Polizeibeamten bei der Kapelle.
Er untersuchte die Tür.
»Sie ist mit einem Stemmeisen oder etwas Ähnlichem aufgebrochen worden«, stellte er fest.
Um das zu erkennen, hätte man die Polizei nicht zu bemühen brauchen. Hierauf machte er sich Notizen und zeichnete die Merkmale ab.
»Sie können das Schloß nun instand setzen lassen«, erklärte er. »Irgendwelche Spuren von dem Dieb? Fußabdrücke oder so etwas? Hat er etwas verloren? Einen Zigarettenstummel? Ein Streichholz?«
»Nein«, erwiderte ich. »In der Kapelle war alles sauber and ordentlich, als ich gestern herkam. Jedenfalls ist mir nichts aufgefallen.«
»Ist seitdem reingemacht worden?«
»Ja, die Putzfrau kommt immer morgens, fegt und wäscht den Boden auf.«
»Hm«, machte er.
Wir gingen hinein.
»Fehlt noch etwas außer den beiden Kerzenhaltern?« fragte er, während wir durch den Mittelgang schritten.
»Nein. Der Küster und ich sahen gestern alles nach. Hier gibt es ja gar nichts Wertvolles.«
»Scheint mir auch so«, gab er gleichgültig zurück.
Als wir zu dem Altar gelangten, zeigte er auf die Leuchter.
»Ähnlich wie diese?«
»Genau gleich«, antwortete ich. »Alle dänischen Krematoriumskapellen sind damit ausgestattet.«
»Soso.« Das notierte er. »Was sind sie wert?«
»Das Stück kostet 235 Kronen. Ein Trödler zahlt sicher nicht mehr als 50 Kronen dafür, vielleicht noch weniger, wenn er es für heiße Ware hält.«
»Sie scheinen ja etwas davon zu verstehen«, bemerkte er und sah mich mißtrauisch an.
Ich fluchte im stillen.
Er ließ sich nicht weiter darüber aus, sondern ging um den Altar herum und schaute sich die Leuchter von allen Seiten an. »Wir werden sie in die Liste der gestohlenen Sachen eintragen, die versandt wird. Viel nützen wird das zwar nicht. Sie stehen sicher schon auf irgendeiner Anrichte und schmücken ein Zimmer. Derartige kleine Diebstähle sind fast nie aufzudecken. Wir können ja wegen zwei Kerzenhaltern nicht den ganzen Polizeiapparat in Bewegung setzen, was?«
Er blickte mich scharf an, als ob ich in meiner wildesten Fantasie daran denken könnte, ihm zu widersprechen. Das kam mir gar nicht in den Sinn. Ich dankte ihm herzlich für seine Bemühungen, und wir waren gerade im Begriff, uns als die besten Freunde von der Welt zu trennen, als er plötzlich noch eine Frage stellte.
»Wie lange war die Tür unverschlossen?«
»Was?« ich verstand nicht, was er meinte.
»Wann waren Sie das letztemal hier, bevor Sie gestern um 14 Uhr herkamen?«
»Ach so.« Ich antwortete bereitwillig: »Wir hatten am Samstag zwei Bestattungen, eine um 13 und eine um 15 Uhr. Larsen und ich waren um 19 Uhr 30 mit unserer Arbeit im Keller fertig, und seitdem war niemand mehr hier.«
»Wer ist Larsen?«
»Mein Kollege. Gestern hatte er sich krank gemeldet. Magenbeschwerden.«
»Soso.« Er schrieb das auf. »Wann kam die Leiche, die Sie gestern zur Ruhe betteten?«
Er hatte eine sonderbare Ausdrucksweise. »Der Leichenwagen mit dem Sarg kam am Samstag gleich nach der letzten Trauerfeier. Das heißt, so um vier Uhr nachmittags.«
»Und nach Ihrem Weggang war niemand mehr hier?«
»Niemand. Das heißt ...« Ich stockte.
»Das heißt?« half er mir weiter.
Ich schwieg. Wieso hatte der Gärtner nicht gemerkt, daß die Tür aufgebrochen worden war, als er mit dem Blumenschmuck kam?
Ich riß mich zusammen. »Ich wollte sagen, der Gärtner Svendsen muß gestern vormittag irgendwann hier gewesen sein, um die Blumen zu bringen.«
»Da müßte ihm doch die aufgebrochene Tür aufgefallen sein, oder nicht?«
»Eigentlich ja«, antwortete ich gedehnt.
»Hat er Ihnen etwas davon gesagt?«
»Ich habe ihn seit mehreren Worhen nicht gesehen.«
»Gibt es hier ein Telefon?« fragte er.
Ich führte ihn in die kleine Nebenkammer, und er rief Svendsen an, nachdem er die Nummer nachgeschlagen hatte.
Ich hörte nur seine kurzen Fragen, doch er teilte mir hernach mit, was Svendsen gesagt hatte. Svendsen hatte nichts von einem Einbruch bemerkt, weil er die Blumen und Kränze schon am Sonntagnachmittag in die Kapelle gebracht hatte. Er hatte hoch und heilig versprochen, sie persönlich abzuliefern, aber am Montag keine Zeit dafür gehabt. Er war am Sonntagnachmittag zwischen vier und halb sechs in der Kapelle gewesen und hatte die Tür mit seinem eigenen Schlüssel abgeschlossen.
Nun wußte ich es. Die Leiche – die zweite Leiche – war zwischen 17 Uhr 30 am Sonntag und 14 Uhr am Montag in den Sarg gelegt worden. Darum waren auch die Blumen nicht mehr so frisch gewesen.
Der Polizist notierte, daß der Einbruch in diesem Zeitraum stattgefunden haben mußte. Er klappte sein Notizbuch zu und sagte, wir würden Bescheid bekommen, wenn die Leuchter gefunden würden, aber wir sollten nicht damit rechnen.
Das war alles.
Ich atmete erleichtert auf, als er gegangen war. Der Katzenjammer machte mir immer noch zu schaffen. Zum Glück fand an diesem Tage keine Bestattung statt, so daß ich nur Papierkram erledigen mußte, bevor ich nach Hause gehen und meinen Rausch richtig ausschlafen konnte.
Das hört sich vielleicht an, als ob wir ein Faulenzerleben führten, aber das stimmt nicht. Die Arbeitszeit ist zwar unregelmäßig, doch alles in allem nicht kürzer als in anderen Berufen. Wir unterstehen einem strengen Reglement. Da wäre zum Beispiel Paragraph 6: »Muß die Asche versandt werden, so ist die Urne in eine feste Umhüllung aus Holz oder Pappe zu verpacken. Das Paket ist eingeschrieben zu versenden.«
Larsen und ich sind auch für die Beisetzung der Urnen zuständig, und wir müssen dafür sorgen, daß alle Apparaturen im Krematorium in Ordnung sind. Auch für die Urnengräber und -nischen tragen wir die Verantwortung und für die Ordnung auf dem Friedhof.
Wir teilen uns in die Arbeit. Ich erledige alles Technische und auch den Bürokram, weil mir das mehr liegt als Larsen. Er hält sich lieber im Freien auf. Nur die Arbeit am Ofen machen wir gemeinsam. Es ist ja auch todlangweilig, ganz allein da unten zu sitzen.
Manchmal findet eine Inspektion statt. Aber bei uns hat man noch nie etwas bemängeln müssen. Wir sind beide zufrieden mit unserem Arrangement.
Ich ging also nach Hause und schlief. Ich habe ein Zimmer mit Bad im ersten Stock einer Villa. Keine Küche. Was sollte ich auch damit? Dafür mischt sich auch niemand in mein Privatleben ein, sofern ich nicht lärme. Zu Hause lärme ich nie. Wenn mir der Sinn danach steht, gehe ich in die Stadt. In der Regel nicht so ungestüm wie gestern. Aber das war eine Notlage.
Die Tage schleppten sich dahin. Es fanden Einäscherungen und Beisetzungen statt. Dazwischen reinigte ich Düsen und wechselte elektrische Birnen aus; Larsens harkte auf dem Friedhof die Wege, rupfte Unkraut und goß die Blumentöpfe. An einem Tag mußte ich an der Orgel etwas instand setzen. Ich hatte weniger Hoffnung als der neben mir stehende und zuschauende Organist, daß es mir glücken würde; aber das sagte ich ihm natürlich nicht. Tatsächlich gelang es mir, und danach spielte die Orgel wieder, daß es eine Ohrenweide war.
An sich mache ich mir nicht viel aus klassischer Musik, aber im Lauf der Jahre habe ich hier in der Kapelle Orgelspiel lieben gelernt. Der Organist ist zwar kein bedeutender Künstler, doch mitunter, wenn er sich so richtig ins Zeug legt, kann es ergreifend klingen. Ich habe mir sogar ein paar Platten mit Orgelmusik gekauft, und ich höre mir manchmal Kirchenkonzerte an, wenn einer von den großen Kanonen den Blasebalg tritt.
Unser Organist ist ein kleines Männchen. Er kann keine Delle in einen Filzhut schlagen, so daß er froh sein muß, daß ihm ein elektrischer Blasebalg zur Verfügung steht. Er ist ein reizbarer Bursche mit einem Teufelstemperament, dabei rothaarig und häßlich. Wegen nichts und wieder nichts fährt er hoch. Ein Glück, daß der Küster so schweigsam ist, sonst hätte es sicher einige interessante Dispute gegeben.
In diesen Tagen habe ich so viele Zeitungen gelesen, daß mir der Kopf vor Tatsachen und Meinungen fast zerspringt. Noch nie in meinem Leben war ich über alles so gut unterrichtet, mag es sich um Weltereignisse handeln oder um die Geschehnisse in unserem kleinen Land. Es war mir ein Trost, alle die Zeitungen zu lesen. Du bist gar nicht so schlimm, Hans, sagte ich mir. Deine kleinen Schummeleien sind nichts im Vergleich zu dem, was andere anstellen. Manchmal zwackt einen nämlich doch das Gewissen.
Von dem, was ich wirklich gern gewußt hätte, stand zehn Tage lang nichts darin. Es geschah an einem Freitag. Da ich die Abendnachrichten im Radio nicht gehört hatte, durchstöberte ich die Zeitungen besonders gründlich. Nicht ganz ungefährlich, sich so viele Zeitungen zu besorgen. Ich konnte sie nicht alle zusammen an meinem üblichen Kiosk kaufen, sondern mußte herumlaufen und sie mir einzeln an verschiedenen Stellen besorgen.
Da stand es nun. Eine bescheidene kleine Vermißtenmeldung. Offenbar war der Apparat noch nicht in Bewegung gesetzt worden.
»Als vermißt gemeldet wurde die 21 jährige Marie Louise Bentzen, Tochter des Verkaufschefs Viggo Bentzen und seiner Ehefrau, wohnhaft Stjernevej 43, Frederiksberg. Marie Louise Bentzen ist 1 Meter 64 groß und wiegt ungefähr 50 Kilo.« (Mein Augenmaß ist wirklich nicht schlecht.) »Sie hat hellblonde Haare, hellblaue Augen, vorstehende Backenknochen und regelmäßige Zähne. Als sie zum letztenmal gesehen wurde, trug sie ein geblümtes Terylenkleid, durchsichtige Nylonstrümpfe und weiße Schuhe mit hohen Absätzen. Bei sich hatte sie einen hellbraunen Lederkoffer und ein weißes Handtäschchen. Sie trägt an der linken Hand einen Goldring mit rotem Stein. Marie Louise Bentzen wurde am Sonntag, dem 4. ds. Mts., zuletzt gesehen, als sie den Schnellzug ›Syd-Vestjyden‹ 17 Uhr 10 bestieg, um nach Struer zu fahren, wo sie ihr Studium in der Haushaltungsschule fortsetzen wollte. Alle Hinweise auf das Verschwinden des jungen Mädchens sind an die Polizeidienststelle Frederiksberg, Telefon Fasan 1448, oder ans nächste Polizeirevier zu richten.«
Reine Lüge. Richtiger gesagt, halb gelogen. Der Himmel mochte wissen, in was der Vater des Mädchens sich da verwikkelt hatte.
Ich war gespannt, ob die Polizei in den nächsten Tagen etwas herausfinden würde. Leicht war das sicher nicht. Für mich bedeutete es das größte Risiko, daß der Mörder den Kopf verlieren und sich stellen könnte. Dann würde es mir schwerfallen, mich herauszureden. Immerhin konnte ich, wenn der Leichenbitter dichthielt – womit zu rechnen war, denn er bangt um seine Haut ebenso wie ich –, an der Behauptung festhalten, mir wäre bei der Leichenverbrennung nichts Ungewöhnliches aufgefallen.
Ich hatte mich gehütet, den Goldschmied hineinzuziehen. Und Larsen wußte von der ganzen Sache keinen Pieps. Es bestand kein Grund, ein größeres Risiko als notwendig zu laufen; darum hatte ich sowohl den Ring der alten Dame als auch des Mädchens sowie das Medaillon bei mir zu Hause verwahrt.
Das Medaillon!
Davon hatte nichts in der Zeitung gestanden. Es hatte innen im Kleid gehangen, und die Kette war so dünn, daß man sie kaum sah. Ich hatte es auch erst bei der gründlichen Untersuchung entdeckt. Dazu war dem Mörder sicher keine Zeit geblieben. Selbst die größte Kaltherzigkeit hat ja ihre Grenzen. Er hatte nur darauf geachtet, daß keine Papiere zu finden waren. Vielleicht nicht einmal darauf. Er rechnete damit, daß sein Plan, sie spurlos verschwinden zu lassen, glücken würde, ob sie Papiere bei sich hatte oder nicht. Die Identifizierung wäre ohnehin nur eine Zeitfrage, wenn sie gefunden wurde.
Wirklich ein kaltblütiger Bursche. Keiner, der den Kopf verlor. Von ihm hatte ich sicher nichts zu befürchten. Schlimmer wäre es gewesen, wenn jemand ihn gesehen hätte; doch daß das nicht geschah, dafür dürfte er gesorgt haben.
Doch um zu dem Schmuck zurückzukehren: Trotzdem hatte ich meinen Goldschmiedefreund in den zehn Tagen nicht vernachlässigt. Da es wahrscheinlich seinen Verdacht erweckt hätte, wenn ich nicht mehr so regelmäßig zu ihm gekommen wäre, hatte ich ihn ein paarmal mit verschiedenem Flitterzeug aufgesucht. Die Mühe machte sich nicht gerade bezahlt, denn der Schmuck, der den Toten mitgegeben wird, ist meistens nicht viel wert. Der alte Spruch, daß sich die Erben streiten, bevor der Verstorbene kalt ist, hat etwas Wahres. Jedenfalls sorgen sie dafür, daß etwas da ist, worüber man sich in die Haare geraten kann. 85 Kronen hatte ich für zwei Ringe und ein altes abgescheuertes Armband eingeheimst. Davon wird man nicht satt.
Früh am folgenden Abend fuhr ich nach Frederiksberg. Das Haus Stjernevej 43 fand ich schnell. Es war ein einstmals vornehmes Villenviertel, wo jetzt der gehobene Mittelstand wohnte. Einige Häuser sahen ein bißchen verwahrlost aus, aber von Nummer 43 konnte man das nicht sagen.
Es war ein großes weißes Haus, vornehm abseits der Straße. In dem gepflegten Garten hätten gut drei Einfamilienhäuser Platz gehabt. Eine Villa mit vielen Fenstern und Balkonen. Was mochte der Mann verkauft haben, daß er sich ein solches Haus leisten und es so gut erhalten konnte? Seine eigene Schwiegermutter? Jedenfalls konnte er kein gewöhnlicher Verkaufschef sein. Die angebaute Garage bot mindestens drei Autos Platz, und der Hintergarten war so groß, daß sich das Ende nicht absehen ließ.
Ich näherte mich dem Hintergarten auf der Parallelstraße. Ja, es war ein riesiges Grundstück, das von einer sauber geschnittenen Hecke mit einer Pforte abgeschlossen wurde. Hintereingang für Dienstboten und Lieferanten. Ja, das Ganze hatte Stil. Es konnte kein Herr Irgendwer sein, der Fräulein Bentzens Lebenslauf ein Ende gemacht hatte. Er mußte es gewöhnt sein, in den besten Kreisen zu verkehren.
Da war etwas herauszuholen, wenn ich es richtig anpackte. Nur mußte ich den Mörder finden. Es galt, sich mit Geduld zu wappnen. Es dauerte gewiß eine Zeit, bis der Fall zu einer großen Pressesache wurde. Die Polizei nimmt es mit der Ruhe, wenn junge Damen verschwinden.
Auf der Heimfahrt sann ich darüber nach, wie ich mich verhalten sollte, wenn ich meinen Mann gefunden hatte. Es ging nicht an, vor ihn hinzutreten und zu sagen: »Raus mit 50000 Kronen, oder ich rede.« Vor einem zweiten Mord würde er nicht zurückschrecken. Nein, ich mußte eine schußsichere Verbindung zu ihm herstellen. Daß ich den Mann finden würde, daran zweifelte ich keinen Augenblick.
Es vergingen weitere fünf Tage. Dann kam Leben in die Zeitungen. Zuerst erschienen Bilder von dem Mädchen mit Steckbrief und der Bitte um Hinweise aus dem Publikum. Am 21. Juni wurden Einzelheiten berichtet, darunter die Erklärung, warum es so lange gedauert hatte, bis man mit der Fahndung begonnen hatte.
Die kleine Marie Louise hatte der Haushaltungsschule einen Brief geschrieben, in dem sie mitteilte, daß sie aus familiären Gründen erst eine Woche später kommen würde. Infolgedessen hatte die Schule nicht vor dem 13. bei den Eltern angefragt, wo sie denn bleibe, und erst nach einigem Hin und Her war die Fahndung in Gang gekommen.
Von meinem Gesichtspunkt aus ergaben sich schlüssige Folgerungen. Sie hatte geplant, eine Woche ungestört mit einem Mann zu verbringen, aber er hatte andere Pläne gehabt. Ganz andere. Mich wandelte wieder Mitleid mit dem Mädchen an, doch das bestärkte mich nur in meinem Entschluß, dem Kerl die Hölle heiß zu machen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es sich um eine zufällige Gewalttat handelte. Sie mußte den Mörder gekannt haben, und der Mörder war der Mann, mit dem sie eine Woche zusammen verbracht hatte. Er seinerseits mußte einen Satansgrund gehabt haben, sie sich vom Halse zu schaffen. Eifersucht, abgekühlte Liebe oder Schwangerschaft genügten da nicht. Sie war mündig, und auch er war erwachsen. Jedenfalls nach dem Bild im Medaillon zu urteilen.
Was für ein Motiv kam in Frage? Sollte sie enterbt werden, wenn sie ihn ohne Einwilligung ihrer Eltern heiratete? Nein, unmöglich bei unseren heutigen Erbgesetzen. In unserem sozialistischen Wohlfahrtsstaat kann eine Erbschaft nur um dreißig Prozent geschmälert werden. Es konnte ein verheirateter Mann sein, der sich nicht scheiden lassen mochte. Marie Louise hatte vielleicht die Sache auf die Spitze getrieben und gesagt: Entweder bekennst du deiner Frau gegenüber Farbe, oder ich tue es. So etwas kann einen Mann schon zur Verzweiflung treiben.
Ich setzte mein Vertrauen darein, daß die Presse die Sache ausschlachten und vielleicht Bilder ihrer Bekannten bringen würde, etwa Marie Louise fröhlich lachend auf einem Gartenfest oder bei einer Neujahrsfeier. Selbst wenn der Mann im Medaillon nicht darauf zu sehen war, bestand dann die Möglichkeit, die Leute zu beschatten und so in Sichtweite des Gesuchten zu kommen. Das wäre eine Höllenarbeit, aber ich hatte ja Zeit. Die Belohnung winkte, und ich gedachte, die nötige Geduld aufzubringen.
Ich machte mir grundlos Sorgen. Der Mann im Medaillon wurde als einer der ersten in den Zeitungen abgebildet. Anfangs war ich im Zweifel, ob das wirklich der Richtige sein könnte; dann aber, als ich es mir überlegte, zerstreute sich der Zweifel, und ich beschäftigte mich mit dem nächsten großen Problem.
Wie sollte ich an das Geld herankommen, ohne mich einer Gefahr auszusetzen? Da gab mir die Erinnerung an meinen Ausflug mit Johansen zum Hauptbahnhof, wo wir seinen Koffer abgeholt hatten, einen glänzenden Gedanken ein.
3
Freitag, den 23. Juni, bis Freitag, den 14. August 1967
Ich trat durch den Haupteingang unter der Neonuhr ein. Die roten Ziffern waren in dem scharfen Sonnenlicht knallrot wie die Glasur eines Geburtstagskuchens. Es war Stoßzeit. Wenn man nicht gesehen werden will, ist es am besten, ganz allein zu sein oder im Gewimmel von zehntausend Menschen. Ich wählte das Gewimmel, denn wie kann man in einem Hauptbahnhof ganz allein sein?
Mein Schritt war fest und zielbewußt. Nichts von Zaudern und Unsicherheit. In der Halle wandte ich mich nach links und bahnte mir einen Weg durch die Menschenmenge, vorbei an dem Zeitungskiosk, der zu zehn Prozent Zeitungen und zu neunzig Prozent billige Bücher und Schulheftchen verkaufte, wenigstens nach der Auslage zu urteilen. Die meisten Zeitschriften zeigten unanständige Titelbilder, aber das ist ja heutzutage überall so. Der Geschlechtstrieb hat sich in den letzten Jahren von seiner natürlichen Stelle in die Augen verlagert. Niemand will mehr als zwei Kinder haben, so daß die Pille ein Massenartikel geworden ist und Abtreibungen erlaubt sind. Man will genießen, ohne Folgen tragen zu müssen. Na ja, wer wirft mit Steinen, wenn er selbst im Glashaus sitzt? Ich ging an dem Blumenstand vorbei und bog rechts um die Ecke zum Restaurant. Dann vorbei an Automaten mit Lebensmitteln und einem zweiten Zeitungskiosk – eine unglaubliche Menge von Kultur, die Reisende konsumieren –, und endlich hatte ich die Schließfächer vor mir. Es waren nicht viele – vielleicht dreißig –, und alle waren besetzt.
Es war keine gute Stelle. Keine Bank, wo ich harmlos hätte sitzen können. Nur ein Durchgang für Leute, die nach der Ankunft dem Ausgang zustrebten oder umgekehrt. Das machte nichts. Auch in der Ankunftshalle gab es Schließfächer, sogar an die hundert. Ich ging weiter.
Offenbar erfreuten sich Schließfächer großer Beliebtheit. Ich mußte fast die ganze Reihe abschreiten, bevor ich ein leeres Fach fand. Ich las die Benutzungsanweisung. 24 Stunden Aufbewahrung für eine Krone. Ich schaute mich schnell um. Ich hatte nicht daran gedacht, etwas mitzunehmen, das ich hineinlegen könnte. Niemand beachtete mich. Warum sollte man auch einen älteren Mann mit schütterem Haar und ohne besonderes Kennzeichen beachten? Einem Mann mit abgearbeiteten Händen, schlechter Haltung und ungeputzten Schuhen schenkt man keinen zweiten Blick. Nicht zu vergessen den kleinen Schmerbauch, das Ergebnis allzu vielen Biertrinkens und zu geringer körperlicher Bewegung. Ja, ich mache mir nichts vor. Eine ganz gewöhnliche Erscheinung, von der es in meinem Gesichtskreis mindestens fünfzig ihresgleichen gab.
Ich steckte eine Krone in den Schlitz und schloß das Fach ab. Den Schlüssel steckte ich wie selbstverständlich in die Tasche und schlenderte dann zum Stehbüfett. Ich kaufte zwei Würstchen und ein Bier und suchte mir ein freies Tischchen.
Ich nahm den Schlüssel aus der Tasche und spielte geistesabwesend damit. Aber mit meinen Nerven war alles in Ordnung. Nur meine Neugier trieb mich, ihn sofort näher zu untersuchen. Ich befühlte ihn mit den Fingern und betrachtete ihn ab und zu.
Stahl. Zacken. Eine deutlich eingeprägte Nummer. Damit konnte ich unmöglich zu einem Schlosser gehen. Er wußte vielleicht, daß derartige Schlüssel nicht vervielfältigt werden durften. Ich konnte ihn aber auch nicht selbst nachmachen. Dazu war besonderes Werkzeug vonnöten.
Ich trank mein Bier aus und ging wieder zu den Schließfächern. Ich las die Verordnungen, die in mehreren Sprachen abgefaßt waren, und die kurze, fast patzige Mitteilung der Dänischen Eisenbahngesellschaft, daß sie sich jeglicher Verantwortung entziehe. Wieder einmal ein strenges Reglement.
Mißbrauch war nicht gestattet.
Mein Problem fand seine Lösung.
Verlust oder Beschädigung des Schlüssels wurde zwecks des Ersatzes mit fünf Kronen geahndet. Man wende sich an den Handgepäckschalter.
Ich wollte sogleich zu dem Schalter gehen, als mir einfiel, daß mein Fach leer war, und das durfte es nicht sein. Es hätte merkwürdig ausgesehen. Ich mußte am nächsten Tag etwas hineinlegen. Am besten so bald wie möglich, denn es konnte ja einige Zeit dauern, bis sich mein Plan ausführen ließ.
Früh am folgenden Tag ging ich wieder zu den Schließfächern, diesmal mit einem Koffer, der alles enthielt, was man für eine zweitägige Reise braucht. Alle Fächer waren besetzt, obwohl keine Reisezeit war. Ich mußte ein paar Stunden warten, bevor ein Fach leer wurde. Die Wartezeit verbrachte ich auf einer Bank, wo ich friedlich saß und die Tageszeitungen las.
In den letzten Tagen hatte die Presse nicht viel über Marie Louise gebracht, doch das wenige hatte mich in meiner Auffassung bestärkt, daß ich den richtigen Mann gefunden hatte. An diesem Tag wurde alles nochmals aufgewärmt, ohne daß neue Einzelheiten vermerkt waren.
Marie Louise war spurlos verschwunden. Es hatten sich zwar ein paar Mitreisende gemeldet, die sie in dem betreffenden Zug gesehen hatten; aber niemand vermochte anzugeben, wo sie ausgestiegen war. Auch die Nachforschungen auf den einzelnen Stationen hatten zu keinem Ergebnis geführt. Es war ja über zwei Wochen her. Die Polizei vertrat die Theorie, sie sei vielleicht auf der Fähre über den Großen Belt über Bord gefallen, und wenn das stimmte, würde man später ihre Leiche finden. Fest stand nur, daß sie nicht in Struer angekommen war, denn unterwegs waren andere Schülerinnen zugestiegen, die sie hätten sehen müssen, wenn sie sich zu der Haushaltungsschule begeben hätte.
Endlich wurde ein Schließfach frei, das ich gebrauchen konnte. Es mußte weiter oben beim Ausgang zur Bernstorffsgade liegen, so daß es mir möglich war, schnell zu entschlüpfen.
Es war das Schließfach Nr. 91. Ich stellte den Koffer hinein, steckte eine Krone in den Schlitz und schloß das Fach ab. Dann ging ich. Das heißt, ich fuhr mit der Stadtbahn nach Hause. Daheim betrachtete ich den Schlüssel. Ein kleines Stahlding, doch für mich eine Kostbarkeit. Stark genug, mein Opfer mir gefügig zu machen.
Oh, ich wollte mit dem Geld sorgsam umgehen. Nicht damit um mich werfen. Nein, jede Woche einen Hundertkronenschein heimlich, still und leise in meinen Umsatz gleiten lassen. Das ergab fünfhundert Wochen, wenn ich 50000 Kronen aus ihm herausholte. Fast zehn Jahre. Ich konnte es mir gestatten, einiges davon zusammenzusparen, so daß es mir vergönnt war, einmal etwas Großes zu kaufen oder Ferien zu machen. Auf Mallorca, in Italien, in Griechenland, ja in der ganzen Welt – alles stand mir offen, wenn ich jede Woche einen steuerfreien Hunderter unter die Matratze steckte. Bis jetzt hatte ich jede Woche durchschnittlich zweihundert Kronen mit den Särgen und dem Schmuck dazuverdient, aber das ging immer für Zigaretten und Bier drauf. Die neuen Hundertkronenscheine bedeuteten eine fast fünfzigprozentige Erhöhung meines wöchentlichen Taschengeldes.
Ich verdiene wöchentlich 450 Kronen als Ofenwart, aber wenn ich Miete, Steuern, das Essen und andere feste Ausgaben bezahlt habe, bleiben mir nur 75 Kronen für Kleidung, Ferien und Taschengeld, so daß es wohl nicht verwunderlich ist, wenn ich vom einwandfreien Lebenswandel abgekommen bin. Ich lebe gern und gut, bin nicht aus Holz, und ein bißchen sogenannten Sex muß der Mensch ja auch haben; aber dazu reicht mein Gehalt leider nicht.
Am folgenden Tag fuhr ich abermals zum Hauptbahnhof, aber eine Stunde später, so daß meine vierundzwanzigstündige Aufbewahrungsfrist abgelaufen war. Laut Reglement würde mein Fach leer oder gesperrt sein. Es war denn auch leer.
Ich begab mich zum Handgepäckschalter und sagte: »Entschuldigen Sie, daß ich mich verspätet habe. Ich hätte gern meinen Koffer zurück. Schließfach Nummer 91. Hier die zwei Kronen Gebühr.«
Ich hatte es mit einem älteren Mann in überlangem blauem Kittel zu tun. Er musterte mich sauertöpfisch und brummte: »Den Schlüssel bitte.«
Ich kramte vergeblich in meinen Taschen und murmelte: »Das verstehe ich nicht ...«
Er sah mit der gleichen mürrischen Miene zu, während ich nochmals überall suchte.
»Ich kann Ihnen Ihren Koffer nicht herausgeben, wenn Sie den Schlüssel nicht abliefern. Woher soll ich wissen, daß er wirklich Ihnen gehört?«
»Ich kann ihn beschreiben«, erwiderte ich. »Ich kann Ihnen genau sagen, was darin ist.«
»Macht fünf Kronen«, sagte er.
»Was?« rief ich. Er konnte nicht ahnen, daß ich das Reglement gründlich durchgelesen hatte.
»Sie müssen den Schlüssel ersetzen, und das kostet fünf Kronen«, erklärte er und sah mich abwartend an.
Ich kramte einen Fünfer hervor und gab ihm das Geld. Er sagte nichts, sah mich aber immer noch erwartungsvoll an.
Ich sagte ebenfalls nichts.
Ich gewann, denn nun machte er den Mund auf.
»Wie sieht er aus?«
»Ach so, der Koffer.« Ich lächelte. »Er ist aus dunkelbraunem glattem Leder und hat an den Ecken Metallbeschläge. Er ist alt und abgenutzt. Besondere Kennzeichen hat er nicht.«
»Hm«, brummte er und schlurfte weg. Kurz darauf kehrte er mit meinem Koffer zurück.
»Ist er abgeschlossen?« fragte er und fingerte an dem einen Schloß.
»Nein«, antwortete ich.
»Was ist also darin?« Er war nicht mehr ganz so mißtrauisch.
Ich beschrieb ihm den Inhalt, worauf er den Koffer aufmachte und gleichgültig hineinschaute.
»Stimmt«, sagte er, klappte den Deckel zu und schob mir den Koffer hin. »Haben Sie einen Ausweis bei sich?« fragte er, wobei er den Koffergriff noch festhielt.
»Ja«, antwortete ich, holte bereitwillig meinen Fahrausweis hervor und reichte ihn ihm. Er verglich teilnahmslos die Fotografie mit meinem Gesicht und ließ den Koffer los.
»Sie müssen den Schlüssel zurückbringen, wenn Sie ihn finden«, sagte er, kehrte mir den Rücken und entfernte sich.
»Ja, mache ich«, gelobte ich dem Rücken, seufzte erleichtert auf und zog mit meinem Koffer ab.
Ich hatte meinen Schlüssel und mußte nun nur abwarten. Ich beschloß, sechs Wochen verstreichen zu lassen, bevor ich mich an mein Opfer heranmachte. Bis dahin war der kleine Zwischenfall mit dem Schließfach Nr. 91 bestimmt vergessen.
Nur etwas mußte ich kontrollieren, ehe ich ans Werk ging. Also fuhr ich drei Wochen später wieder zum Hauptbahnhof, um nachzusehen, ob mein Schlüssel immer noch zum Fach Nr. 91 paßte. Ja, er paßte. Es war ja auch nicht zu erwarten, daß man ein ganz neues Schloß einsetzte, wenn der Ersatz nur fünf Kronen kostete.
Weitere drei Wochen später machte ich meinen kurzen Telefonanruf. Ich hielt ein Taschentuch über die Muschel, um meine Stimme zu verstellen, und hängte den Hörer ein, ehe er sich sammeln und etwas sagen konnte. Gespannt wartete ich zwei Tage, aber es bestand keine Gefahr. Er gehorchte. Natürlich konnte ich nicht wissen, ob er die Polizei benachrichtigt hatte; aber er unterließ es. Ich war gut geschützt.
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