Kitabı oku: «Comanchen Mond Band 2»
Comanchen Mond
Der letzte Sommer in den Plains
Historischer Roman
von
G.D. Brademann

Impressum
Comanchen Mond Teil 2, G.D. Brademann
TraumFänger Verlag Hohenthann, 2021
1. Auflage eBook Juli 2021
eBook ISBN 978-3-941485-99-0
Lektorat: Michael Krämer
Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag
Datenkonvertierung: Bookwire
Titelbild: Frank McCarthy
Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,
Hohenthann
Printed in Germany
Die Wahrheit, vor der wir uns fürchten, liegt so lange im Dunkeln, bis wir bereit sind, sie zu erkennen und ans Licht zu bringen.
Für meine Großmutter Hilda Brademann,
die mir kurz vor ihrem Tod 1961 einen silbernen Armreif schenkte,
in den innen die Namen Selma, Else, Marie, Gertrud, Frieda,
Eliese, Marta und Berta eingraviert waren.
Inhalt
Teil II Der letzte Sommer in den Plains
2.Kapitel
3.Kapitel
4.Kapitel
5.Kapitel
6.Kapitel
7.Kapitel
8.Kapitel
9.Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
Teil II
Der letzte Sommer in den Plains
Die klaren Wasser des texanischen Colorado River spülten kleine Wellen bis an das versandete, allmählich steiler werdende Ufer. Auf der anderen Seite schirmte dichtes Gehölz die dahinterliegende Böschung ab. Der Fluss, aus dem Llano Estacado kommend, hatte bereits eine felsige Berglandschaft hinter sich gelassen, um hier – an zahlreichen Canyons vorbei – durch offene Prärie nach Südosten zu fließen. Viele Meilen weiter kam der Concho River mit seinem meist schlammigen Wasser dazu, bevor er – noch vor dem San Saba, dem Llano River und schließlich dem Pedernales – an Austin vorbei in den Golf von Mexiko mündete.
Die Tipis der Antilopenbande standen wie immer in loser Formation entlang des Flusses. Lediglich Familien gruppierten sich enger zusammen. Mittlerweile hatte der Monat begonnen, den die Comanchen ‚Mond der herabfallenden Blüten‘ nennen. Dark-Nights Augen sahen noch eingefallener aus als sonst, durch dunkle Schatten untermalt, ihre Wangen hohl und blass. Großmutter plagte ihre Arthritis. Manchmal konnte sie kaum mehr die Finger zu Fäusten ballen.
Dream-In-The-Days Schwangerschaft war inzwischen gewaltig fortgeschritten. Sie trug ihren runden, gewölbten Bauch stolz vor sich her. Irgendwie sah sie hübscher aus – das musste auch Magic-Flower bemerkt haben. Sie hielt sich mit ihrer spitzen Zunge in letzter Zeit etwas zurück. Woran das lag, konnte man nur vermuten. Wahrscheinlich bekam das hübsche Mädchen auf einmal keinen Zuspruch mehr, wenn es wie immer lästernd über andere herfiel. Ihre schamlose Art, Dream-In-The-Day schlechtzumachen, kostete sie ihre einstigen Freundinnen.
Dream-In-The-Day dagegen besaß seit ihrer Heirat mit Gray-Wolf mehr Einfluss als jemals zuvor. Die Konsequenz, mit der sie immer schon ihre Meinung vertrat, hatte sie auch jetzt nicht abgelegt. Crow-Wing hingegen musste sich vorsehen, um nicht ganz und gar in Ungnade zu fallen. Die meisten Frauen nahmen es ihr übel, dass sie sich in die Angelegenheiten ihres Mannes einmischte, was Dark-Night betraf. Immer öfter schlossen sie sie daher von ihren gemeinsamen Vergnügungen aus. Dabei hätte sie doch froh sein sollen, sich mit einer so jungen Frau die Arbeiten teilen zu können. So jedenfalls dachte die Mehrheit. Crow-Wing wollte davon nichts hören. Sie war bisher ohne Dark-Night ausgekommen und wollte sich auch in Zukunft in nichts hineinreden lassen. Der eigentliche Grund jedoch war ihre immerwährende Eifersucht.
Icy-Wind aber kümmerte sich nicht um die Zwistigkeiten in seinem Tipi. Für ihn zählte nur seine eigene Bequemlichkeit. Mochten sich doch seine beiden Frauen in die Haare kriegen – was kümmerte es ihn? Und das Geschwätz der Weiber interessierte ihn sowieso nicht. Trotzdem war er von Tag zu Tag misstrauischer geworden.
Dann war dieser Zwischenfall auf dem Geröllfeld passiert. Er hatte sich dazu hinreißen lassen, Crow-Wings Zuflüsterungen zu glauben, und sich dabei beinahe vor dem ganzen Lager blamiert. Natürlich vermutete er auch heute noch, dass ihn damals Light-Cloud zusammen mit Storm-Rider hereingelegt hatte. Doch die beiden waren dabei so geschickt vorgegangen, dass es keinerlei Beweise gab. Nun lauerte er auf eine Gelegenheit, es ihnen zu vergelten – vor allem Light-Cloud. Sich von seiner eigenen Frau vorführen zu lassen, das war gegen seine Ehre, und so sann er auf Rache. Der Tagesablauf eines Kriegers war angefüllt mit Arbeit. Er hatte ein Recht darauf, wenigstens in seinem Tipi Ruhe und Erholung zu finden. Immerhin bestand für ihn die Möglichkeit, sich mit diesem Problem an ihren Häuptling, Old-Antelope, zu wenden. Das hätte die Sache ein für alle Mal aus der Welt geschafft. Der alte Mann stand seit vielen Wintern an der Spitze der Antilopenbande. Sie liebten und achteten ihn für die Art, wie er Streitigkeiten schlichtete, bei Familienzwisten ein gerechtes Urteil fällte, ja, sogar die jungen Krieger in ihrem Übermut zu zügeln verstand. Für Recht und Ordnung im Lager zu sorgen, war für ihn eine stetige Herausforderung. Dass es keine größeren Streitigkeiten gab, dafür sorgte er zusammen mit Great-Mountain. Niemandem war es bisher eingefallen, diesen beiden ihre Positionen streitig zu machen.
Anstatt sich an sie zu wenden, verbrachte Icy-Wind in letzter Zeit die Tage damit, seiner zweiten Frau hinterherzuspionieren. Sollte sie ihn mit Light-Cloud betrügen, würde er das über kurz oder lang selber herausfinden. Kein Tag verging, an dem er nicht dort auftauchte, wo sie gerade war. Einige der Männer, besonders die jungen, machten sich bereits einen Spaß daraus, ihn in die Irre zu führen. Dieser Zustand konnte nicht mehr lange gutgehen. Das war wie bei dem Topf mit Fleischbrühe über dem Feuer; wenn man nicht aufpasste, kochte irgendwann alles über.
Eine friedliche Lösung wäre für alle Beteiligten am besten gewesen und hätte endlich wieder Ruhe einkehren lassen. Doch das galt nicht für einen so nachtragenden und in seiner Ehre gekränkten Mann wie Icy-Wind. Die Feindschaft zwischen ihm und Light-Clouds Familie rührte noch aus den Zeiten von Sun-In-The-Red-Hair. Eine Entscheidung musste endlich fallen. Diese ganze Sache begann bereits Zwietracht in der kleinen Gemeinschaft zu säen. Die Meinungen, was Light-Cloud betraf, wenn etwas an der Sache dran sein sollte, oder Icy-Winds Recht gingen inzwischen weit auseinander. Ja, es wurden bereits unter der Hand Wetten abgeschlossen, was die Möglichkeiten einer Lösung betraf. Da gab es verschiedene. Bestrafte Icy-Wind seine Frau, indem er sie verunstaltete? Schickte er sie zurück, oder würde er Light-Cloud herausfordern? Eine offene Auseinandersetzung konnten sich viele, die Icy-Winds hochfahrende Art kannten, durchaus vorstellen. Mord – so etwas kam unter Comanchen so gut wie nie vor.
Red-Eagle befürchtete das Schlimmste. Doch es stand auch ihm in seiner Position als amtierender Kriegshäuptling nicht zu, sich in Familienangelegenheiten einzumischen. Vermitteln, ja. Dazu wäre er bereit; eine andere Möglichkeit gab es für ihn nicht. Kein Häuptling hatte das Recht, jemandem etwas zu befehlen. Sollte er das tun, dann wäre er die längste Zeit Häuptling gewesen. Für Icy-Wind selbst kam nur eine einzige Möglichkeit in Frage: Er musste Light-Cloud an seiner empfindlichsten Stelle treffen – und die hieß Dark-Night. Um mit erhobenem Kopf aus der ganzen leidigen Angelegenheit herauszukommen, war er bereit, seinen Widersacher zu töten. Niemand beleidigte ihn, der einst wie ein eisiger Wind über seine Feinde gekommen war, ungestraft. In seiner verletzten Eitelkeit konzentrierte er sich voller Wut auf Dark-Night. So verging kein einziger Tag, an dem sie nicht mit neuen Zeichen einer Misshandlung auftauchte. Früher wäre ihm so etwas nie in den Sinn gekommen. Jetzt jedoch war es ihm eine heimliche Freude, zu sehen, wie Light-Cloud nur noch von seinen Freunden daran gehindert wurde, offen gegen ihn vorzugehen. Manchmal sah sich Dark-Night gar nicht mehr in der Lage, das Tipi zu verlassen. Dann war es am Schlimmsten für Light-Cloud. Einmal musste Great-Mountain sogar eingreifen, um ihn daran zu hindern, sofort zu Icy-Wind in dessen Tipi zu stürmen. Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, war auch Crow-Wings Verhalten der kleinen Mexikanerin gegenüber kaum noch auszuhalten. Sie sah in dieser Entwicklung ihre Position als Hauptfrau mehr als je zuvor gestärkt.
Jemand musste endlich etwas unternehmen. Es war ja nicht so, dass die Männer im Lager großes Interesse am Wohlergehen Dark-Nights bekundeten. Doch das Ganze brachte allmählich zu viel Unruhe auch in ihre Tipis. An den Feuern gab es nur noch ein Thema. Das war gar nicht gut. Auch für Light-Clouds Freunde – und das waren wesentlich mehr als die von Icy-Wind – stand seine Ehre auf dem Spiel. Es musste unbedingt und so schnell wie möglich eine Lösung her, denn inzwischen hatte sich die ganze Angelegenheit zu weit zugespitzt.
An einem sonnigen Morgen trafen sich deshalb sechs junge Männer mit Light-Cloud an einer Stelle oben auf einem Geröllfeld, von dem aus man den Großteil der Tipis am Fluss überblicken konnte. Einige sacht vorgefühlte Gespräche mit Icy-Wind waren bereits gescheitert; Red-Eagle hatte ihn in sein Tipi eingeladen, ihn bestens bewirtet und zusammen mit Moon-Night Andeutungen gemacht. Das Ganze war natürlich völlig schiefgelaufen, denn Icy-Wind hatte sofort gewusst, worum es ging, und wutentbrannt das gastliche Tipi verlassen – ein Affront gegen Red-Eagle. Zum Glück bewahrte der ruhig Blut und tat das nur mit einer gleichgültigen Geste ab. Doch in seinem Innersten brodelte es. Warum nur sträubte sich Icy-Wind so sehr gegen eine friedliche Einigung? Schließlich ging es hier nur um eine Frau – noch dazu um eine Mexikanerin.
Jetzt saßen die jungen Männer beisammen und sprachen eifrig miteinander. Endlich, nachdem sie sämtliche Möglichkeiten durchgegangen waren, kamen sie zu dem Entschluss, dass das alles nur auf einen Zweikampf hinauslaufen konnte. Light-Cloud, der es nicht mehr aushielt, bei Dark-Nights Misshandlungen tatenlos zuzusehen, war zum Äußersten entschlossen. Er stand für einen Kampf bereit. Diese Entwicklung der Dinge hätte er sich beim besten Willen zu Beginn seiner Liebschaft mit der Mexikanerin nicht vorstellen können. Was als harmlose Tändelei begonnen hatte, war tödlicher Ernst geworden. Mit seinen zweiunddreißig Wintern hätte er es eigentlich besser wissen müssen. Seine wertvollsten Pferde – ja, sogar die aus der Züchtung seines verstorbenen Vaters – wäre er bereit gewesen, für sie herzugeben. Das war mehr als Icy-Wind verdiente.
Er, einer der begehrtesten Junggesellen, hätte jede haben können. Es gab Väter, die sogar bereit waren, ihm ihre Töchter für einen geringen Brautpreis zuzuführen. Sein Status als Krieger hätte nicht besser sein können. Wer einen Schwiegersohn wie ihn bekam, brauchte sich um seine eigene Zukunft keine Sorgen mehr zu machen. Doch was nützte das alles? Sein Herz hing nun einmal an dieser verheirateten Frau, die nicht einmal mehr schön war, seit Icy-Wind sie tagtäglich misshandelte. Es konnte also nicht an ihrem Äußeren liegen. Viele der jungen Mädchen fragten sich, was sie wohl hatte und sie selbst nicht.
Light-Cloud bekräftigte am Ende der Zusammenkunft den sechs jungen Männern seine Bereitschaft, um Dark-Night, wenn es sein musste, auch zu kämpfen. Noch musste es nicht zum Äußersten kommen. Er wusste genau, worauf er sich da einließ. Sollte er Icy-Wind besiegen, dann würde er ihm einen angemessenen Preis für Dark-Nights Entlassung aus dieser Ehe zu zahlen haben. Niemand musste deshalb sterben. Anders lagen die Dinge, wenn er in diesem Kampf unterlag, denn dann würde er für seine Geliebte nichts mehr tun können. Und auch Großmutter hätte dann keinen Versorger mehr. Wollte er dieses Risiko eingehen? Ja, seine Entscheidung stand fest, ohne dass er Dark-Night oder Großmutter um ihre Meinung fragen würde.
Über Dream-In-The-Day, Gray-Wolfs Ehefrau, wurde an diesem Morgen Dark-Night in die Pläne der jungen Männer eingeweiht. Die kleine Mexikanerin wusste also genau, um was es ging, ohne dass man ihr ein Mitspracherecht einräumte. Die Männer hatten entschieden. Es war die Angst um Light-Clouds Leben, die sie bereits seit vielen Monden Tag für Tag mehr verzweifeln ließ. Jeder hier im Lager ahnte etwas von ihrem Verhältnis, obwohl niemand es laut aussprach. Richtige Beweise gab es nämlich nicht, und so machten Mutmaßungen die Runde. Dark-Night wurde nicht mehr nur von Crow-Wing oder Icy-Wind beobachtet; jetzt folgten ihr immer misstrauische Blicke, wohin sie auch ging. Es war fast unmöglich geworden, dass sich die beiden Liebenden noch treffen konnten. Und jetzt? Ihr Leben gegen das seine – sie wollte das nicht! Dark-Night ahnte nur zu gut, dass es schon lange nicht mehr nur um sie ging. Es ging um die Ehre ihres Geliebten. Um sein Gesicht zu wahren, musste er etwas unternehmen. Light-Cloud konnte nicht einfach nur still dabei zusehen, wie Icy-Wind ihn Tag für Tag damit erniedrigte, dass er seine Geliebte in aller Öffentlichkeit misshandelte. Wie lange, so wetteten viele bereits, würde er das noch aushalten? Auch über Icy-Winds Tun wurden Wetten abgeschlossen. Sie war schließlich sein Eigentum. Wenn das stimmte, was alle vermuteten, würde er es weiter dulden, dass Light-Cloud sie ungebeten benutzte?
Dark-Night dagegen bangte jeden Tag um Light-Clouds Leben, nicht um ihres. Wie lange würde er nichts tun? Am liebsten wäre sie einfach weit fortgelaufen.
Nun, hier oben, bei seinen engsten Freunden, war die Entscheidung gefallen. Obwohl Light-Cloud wusste, was Dark-Night denken würde, konnte er darauf keine Rücksicht nehmen. Einen Rückzieher zu machen, kam überhaupt nicht in Frage. Für ihn, den Sohn von Sun-In-The-Red-Hair und Three-Bears, wäre das mehr, als er ertragen konnte. Dark-Night wusste das – so gut kannte sie ihren Geliebten inzwischen. Lieber hätte sie selber sterben wollen, als von ihm dieses Opfer zu verlangen.
Light-Clouds aussichtslose Lage war offensichtlich. Für ihn gab es keinen anderen Weg; er musste Icy-Wind herausfordern. Jetzt, nachdem das beschlossen war, kam es darauf an, dem Ehemann seiner Geliebten in aller Form diese Entscheidung mitzuteilen. Damit wollte man ihn überraschen, denn er sollte keine Möglichkeit mehr haben, eigene Bedingungen zu stellen. Vielleicht fand sich ja doch noch eine friedliche Lösung. Diese Möglichkeit wollten sie auf alle Fälle im Auge behalten. Die jungen Männer um Light-Cloud waren der Meinung, dass es dafür noch nicht zu spät war. Light-Cloud hatte auch dazu sein Einverständnis gegeben. An der Anzahl der Pferde als Entschädigung sollte es auf keinen Fall scheitern. So warteten sie auf das Erscheinen von Icy-Wind, um ihn mit ihrem Vorschlag zu überrumpeln.
Sie hatten die Rechnung ohne ihn gemacht, denn er duldete auf keinen Fall eine Einmischung in seine Angelegenheiten. Erbost empfing er zwar den Herold, der ihn zu dem Treffen oben am Geröllfeld einlud, aber er machte keinerlei Anstalten, hinzugehen. Nachdem der Herold wieder davongeritten war, verließ wenig später die kleine Mexikanerin ihr Tipi, um Brennholz zu sammeln. Sie wollte damit allem Ärger aus dem Weg gehen, denn es war offensichtlich, in welchem Zustand sich ihr Mann befand. Er holte sie bereits nach wenigen Schritten ein. Seine Absicht war unverkennbar. Grob, nur mühsam seine Beherrschung zurückhaltend, drängte er sie ins nahe Unterholz. Unsichtbar für alle anderen; als ob ihn das sonst gekümmert hätte, fiel er brutal über sie her. Sie wollte davonlaufen, ihm entwischen, doch sie kam nicht gegen ihn an. Er zerrte sie hinter sich her, schlug sie, trat nach ihr, bis sie das Bewusstsein verlor. Damit sie wieder zu sich kam, warf er sie ins Wasser und schleifte sie über das versandete, flache Ufer bis hinüber auf die andere Seite. Einige Frauen, die das sahen, wandten sich nur erschrocken ab. Sie gehörte ihm, war sein Eigentum. Alles, was er mit ihr machte, war sein gutes Recht.
Icy-Wind, ein Mann Anfang fünfzig mit breiten Schultern und von etwas gedrungener, kräftiger Gestalt, besah sich das Häufchen Elend zu seinen Füßen. Dark-Night, diese kleine, zierliche Frau, gezeichnet von einem entbehrungsreichen Leben, blutig, verzweifelt, hob flehend ihre Arme. Sie wusste, dass sie selbst verschuldet hatte, was er ihr antat. Doch hatte sie nicht auch ein bisschen Glück verdient? Geringschätzig die schmalen Lippen verziehend, betrachtete er sie einen Moment mit seinen eng zusammenstehenden Augen. Er war noch lange nicht mit ihr fertig. Dark-Night senkte den Blick. Unter ihr bildete sich eine Blutlache, färbte den hellen Sand. Der Schmerz in ihrem Unterleib war kaum zu ertragen, aber sie verzog keine Miene. Sollte er sie doch töten, ihr war in diesem Moment alles egal. Sie wünschte sich fast, er hätte es endlich getan. Ihre blutunterlaufenen Augen durchbohrten ihn ohne jede Regung. Stoßweise flach atmend, da sie vor Schmerzen nicht mehr tief Luft holen konnte, versuchte sie, rückwärts von ihm fortzukriechen. Das ließ er nicht zu. Sein Griff war fest, als er sie am Arm packte, sie hochzog. Doch Dark-Night konnte nicht stehen und knickte wieder ein. Sein Blick zum Wasser hin sagte alles. Am liebsten hätte er sie zurück in den Fluss geworfen und dort ertränkt. Er beherrschte sich. Nur sie zu bestrafen, wäre zu einfach gewesen, damit wollte er sich nicht zufrieden geben. Jemand anderem wollte er wehtun. Und wie er das konnte! Das würde sie Gehorsamkeit lehren. Sollte dieser Sohn einer texanischen Hündin doch seinen Kampf haben! Plötzlich begann er zu lachen.
Dark-Night erschrak. Was hatte er vor? Ihre Gedanken überschlugen sich. Ängstlich presste sie ihre Hände auf die schmerzende, von seinen Zähnen gezeichnete Brust. Wie als Antwort darauf griff er nach ihr, warf sie sich wie ein Bündel Felle über die Schulter und machte sich auf den Weg den Fluss hinauf. Mit weit ausgreifenden Schritten durchquerte er einen Teil der grasenden Pferdeherde und verschwand hinter hervorstehenden Felsen des Canyons, um Dark-Night dort grob auf die sandige Erde zu werfen. Ein abschätzender Blick auf sie überzeugte ihn, dass sie nicht mehr aus eigener Kraft von hier fort konnte. Ohne zu zögern zog er sein Messer. Kurz betrachtete er ihr zerschlagenes Gesicht. Dann schnitt er die Hälfte ihrer Nase ab. Blut spritze auf seine Hände, verteilte sich auf dem Felsen, sickerte in den Sand. Das Ganze war ein Werk von Augenblicken; das Messer war breit und scharf. Erst jetzt spürte er eine Welle der Befriedigung über sich hinwegschwappen. Genugtuung breitete sich in ihm aus. Dann war es vorbei. Völlig ruhig sah er dabei zu, wie sich das Blut aus der hässlichen Wunde über ihr Gesicht ergoss, ihre Hände entsetzt danach griffen, schwarze, weit aufgerissene Augen ihn anstarrten – und doch kam kein einziger Schrei aus ihrem Mund.
Er empfand keine Reue. Icy-Wind, fürs Erste zufriedengestellt, machte einen Schritt rückwärts, um sich sein Werk zu betrachten. Unzufrieden, dass sie nicht geschrien, sich nicht einmal gewehrt hatte, keine Hand erhoben, um ihn zu hindern, knirschte er mit den Zähnen. Sie war nur kurz zusammengezuckt. Jetzt rannen Tränen aus ihren schwarzen Augen und zerteilten das Blut auf ihrem Gesicht in unzählige Rinnen. Icy-Wind nickte zu ihr hin und lächelte hinterlistig. Wenn sie dort verreckte, war das nicht seine Schuld. Er war ein großzügiger Mann und gab ihr die Möglichkeit, hier wieder herauszukommen. Schließlich hatte er sie nicht gefesselt oder irgendwo angebunden. Nun ja, der Anfang war gemacht. Diese Verstümmelung, sagte er sich befriedigt, wird sie ihr ganzes Leben lang behalten. So, wie sie jetzt aussieht, wird sie kein anderer mehr haben wollen. Schon gar nicht ein eitler Mann wie Light-Cloud. Ich hab´s ihr gezeigt, ihr beigebracht, was es heißt, einen wie mich zu hintergehen. So etwas in der Art ging ihm durch den Kopf.
Nun hatte er, der wie ein eisiger Wind über seine Feinde kommt, die Wahl. Die Entscheidung über ihr Schicksal lag allein in seiner Hand. Er konnte sie aus dem Lager jagen – eine Ausgestoßene, die Elend, Hunger und Tod erwartete. Oder sich gnädig zeigen, indem er sie bei sich behielt. Damit würde er Light-Cloud immer an seine Verfehlung erinnern. Fürs Erste war er völlig zufrieden mit sich selbst. Während er den Rückweg antrat, stellte er sich vor, wie Light-Cloud das hier aufnehmen würde. Der Mann würde toben. Soll er doch. Er, Icy-Wind, hatte noch ganz anderes mit ihm vor. Der zweite Teil seiner Rache würde ebenso befriedigend werden.
Niemand vermisste Dark-Night. Weil sie auch nach Beginn der Nacht noch nicht wieder zurück war, ahnte nur Crow-Wing, dass etwas nicht stimmen konnte. Doch das war nicht ihr Problem. Gleichgültig machte sie ihre Arbeit, ohne Icy-Wind diesbezüglich auch nur eine Frage zu stellen.
Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne den Horizont berührte, machten sich die jungen Männer mit Light-Cloud erneut auf den Weg zu ihrem gestrigen Treffpunkt. Ein zweiter Bote war bereits zu Icy-Wind unterwegs – mit der freundlichen Aufforderung, doch dort zu erscheinen. Die Männer warteten lange. Als wieder niemand kam, wurden sie unruhig.
Storm-Rider, der natürlich nicht fehlen durfte, schlug vor, ins Lager zurückzureiten. Es konnte nicht sein, dass ein Mann die abermalige Aufforderung durch einen Boten einfach ignorierte. Zumindest verdienten sie eine Begründung. Ratlos blickten die jungen Männer Light-Cloud an. Der machte einen bedrückten Eindruck. Er ahnte bereits, dass das nichts Gutes bedeutete, und äußerte laut seine Befürchtungen, was die Sicherheit von Dark-Night betraf. Storm-Rider war ziemlich aufgebracht. Sie konnten diese Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen – nicht, nachdem Icy-Wind ihre Aufforderung, mit ihnen zu reden, zwei Mal so dreist ignoriert hatte. Dark-Night war ihm nicht wichtig, Light-Cloud umso mehr. Der würde nicht eher ruhen, bis er sie aus dem Tipi ihres Ehemannes herausgeholt hatte. Es würde weiterhin Ärger geben – sehr großen Ärger. Bevor sich auch nur einer der Freunde entfernen konnte, übernahm er das Kommando und ritt mit ihnen hinunter ins Lager. Es stellte sich heraus, dass weder Icy-Wind noch die junge Frau seit dem vergangen Tag gesehen worden war. Niemand wusste etwas.
Die Frauen, die etwas wussten, schwiegen betroffen. Niemand mischte sich gern in die Angelegenheiten der anderen ein. Allmählich jedoch kippte die Stimmung. Je mehr Zeit verstrich, ohne dass man Dark-Night oder ihren Ehemann zu Gesicht bekam, desto unruhiger wurde das gesamte Lager. Es gingen sogar schon Gerüchte um. Am meisten litt Light-Cloud, denn er machte sich inzwischen große Sorgen.
Mitten in diese Unruhe hinein platzte Icy-Wind. Hoch erhobenen Hauptes schritt er den Hauptweg entlang, der dem Flussufer mit den Tipis vorgelagert war. Ohne sich umzusehen oder mit jemandem zu reden, erreichte er sein Tipi und verschwand im Innern. Die, die das beobachtet hatten, waren ratlos. Doch es traute sich auch niemand, ihn nach dem Verbleib seiner Ehefrau zu fragen.
Der halbe Tag war bereits vorüber und Dark-Night noch immer nicht wieder aufgetaucht. Da machten sich einige der älteren Frauen unter der Führung von Light-Clouds Tante, die alle hier nur „Großmutter“ nannten, endlich auf, um nach ihr zu suchen. Dream-In-The-Day schloss sich ihnen mit einigen jüngeren Frauen an. Danach war das gesamte Lager in Aufruhr. Old-Antelope schickte einen eilig zusammengestellten Suchtrupp hinunter zum Fluss. Great-Mountain, ihr Friedenshäuptling und gleichzeitiger Medizinmann, begann die Trommel zu schlagen. Er zog sich in sein Tipi zurück, um seine Geister um Beistand zu bitten. Noch immer fragte niemand Icy-Wind. Niemand wagte es, unaufgefordert sein Tipi zu betreten. Nicht einmal Great-Mountain wäre das eingefallen. Es gab schließlich nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er für Dark-Nights Verschwinden verantwortlich war. Jetzt ging es erst einmal darum, sie zu finden. Die Suche blieb jedoch weiter ohne Ergebnis. Dann begann es.
Die Sonne stand bereits tief im Süden, da ging Icy-Wind zum Tipi von Light-Cloud, der kurz zuvor erschöpft von der Suche nach Dark-Night dort eingetroffen war. Icy-Wind war prächtig gekleidet, als gelte es, einen großen Empfang zu geben. Breitbeinig baute er sich vor dem Eingang auf, sein Gewehr lässig in der Hand, und rief herausfordernd nach Light-Cloud. Das nächste Tipi, außer dem von Großmutter, war etwa 80 große Schritte entfernt; man konnte seine Stimme bis dorthin hören.
„He, du Sohn einer räudigen Hündin! Deine Mutter taugte schon nichts, und du bist ihr Ebenbild! Die Reste meiner Frau liegen im Canyon, wenn sie nicht schon dort herausgekrochen ist wie eine Kröte aus dem Schlamm!“ Mit diesen Worten warf er das grüne Band von Dark-Night, das sie immer in ihren Haaren trug, gegen die Klappe des Tipis. Light-Cloud war bereits nach seinen ersten Worten heraus gekommen. Während er jetzt das Band ergriff, schnauzte Icy-Wind: „Damit kannst du deine Tränen trocknen!“
Wie erstarrt betrachtete der jüngere Mann zuerst das Band und dann den Peiniger seiner Liebsten.
„Das ist meine Antwort auf ihre Ehrlosigkeit! Doch es ist noch nicht zu Ende. Du hast meine Ehre beschmutzt, und dafür sollst du ebenfalls büßen“, rief Icy-Wind so laut und deutlich, dass jeder, der sich in der Nähe aufhielt, es hören musste. Dann schritt er erhobenen Hauptes wieder fort.
Light-Cloud starrte ihm immer noch nach, obwohl er schon nicht mehr zu sehen war. Unwillkürlich ballten sich seine Hände zu Fäusten. Dann ging ihm auf, was soeben passiert war. Die Entscheidung – sie war gefallen und es gab kein Zurück mehr.
Storm-Rider, gerade auf dem Weg zu ihm, hatte alles gehört. Schon war er bei ihm, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn heftig. Beide blickten sich kurz in die Augen; dann nickte Light-Cloud, dem alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Großmutter tauchte aus ihrem in der Nähe stehenden Tipi auf. Die alte Frau verschwendete keine Zeit mit unnützen Worten – hatte sie doch die Beleidigungen ebenfalls gehört und bereits nach ihrem Pony gerufen. Augenblicke später stürmten die drei auf ihren Pferden in Richtung Canyon.
Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kehrten sie zurück, denn sie hatten Dark-Night nicht gleich finden können. Sie lag noch immer dort, wo Icy-Wind sie verlassen hatte. Bewusstlos, mehr tot als lebendig. Jetzt hielt Light-Cloud eine schwerverletzte Dark-Night vor sich auf dem Pferd. Großmutter, mit wie zu Stein erstarrtem Gesicht, ritt hinter ihm. Storm-Rider machte den Schluss. Er hatte die Augen zusammengekniffen, seine Miene bedeutete nichts Gutes. Für ihn hatte Icy-Wind mit dieser Tat eindeutig eine Grenze überschritten. Es wäre besser gewesen, die Einladung der Krieger anzunehmen, um diese Angelegenheit mit Anstand und Ehre zu Ende zu bringen.
Die Nachricht von Dark-Nights Rückkehr und ihrem Zustand ging wie ein Lauffeuer durch das Lager, und die, die noch immer nach ihr suchten, kehrten zurück. Nur zögernd zerstreuten sich die Menschen, aber neugierig waren sie doch. Jetzt war man gespannt, was weiter passieren würde. Dass eine Entscheidung anstand, war allen klar. Die Mutmaßungen, was Dark-Night und Light-Cloud anging, wurden zur Gewissheit.
Vor Großmutters Tipi hielten die drei ihre Pferde an. Light-Cloud übergab Dark-Night in die Arme der alten Frau, dann verschwand er mit Storm-Rider zur Beratung in seinem eigenen Tipi. Viele, die ihnen auf ihrem Weg begegnet waren, sahen kurz darauf Icy-Wind in stolzer Haltung und in seinem Festgewand vor dem eigenen Tipi stehen. Noch immer fühlte er sich im Recht. Crow-Wing, die sich nicht einmal die Mühe machte, ihre Schadenfreude zu verbergen, kam gerade von einer Runde durch das Lager zurück. Auch sie wusste inzwischen von der Neuigkeit, dass man Dark-Night gefunden und in Großmutters Tipi gebracht hatte. Eifrig öffnete sie die Klappe ihres Tipis, ließ Icy-Wind vorangehen und schlüpfte nach ihm hinein.
Die Worte von Icy-Wind, die er zu Light-Cloud gesagt hatte, wanderten von Mund zu Mund. Ihm Dark-Night jetzt auszuliefern, sie zu ihm zu bringen, das konnte sich keiner hier vorstellen. So blieb nur ein Weg, den Light-Cloud betreten musste. Und das hatte Icy-Wind wohl auch bezweckt.
Gray-Wolf, obwohl er oft die dümmsten Ideen hatte, war diesmal weitsichtig genug, um den Häuptling zu informieren. Schnurstracks ritt er zum Tipi von Old-Antelope, der den Suchtrupp nicht begleiten konnte, da ihn wieder einmal sein Rheumatismus plagte.
Auf einmal tauchte Icy-Wind auf einem seiner Ponys auf, überquerte die seichte Furt bis auf die andere Seite des Flusses und ritt zur Pferdeherde. Das Pony dort gegen seinen besten Hengst, einen wunderschönen Schecken, tauschend, ritt er wieder über den Fluss zurück. Nachdem er lange in seinem Tipi verschwunden war, kam er waffenstarrend heraus. Diesmal hatte er keine Festkleidung an, sondern war wie ein Krieger, der sich einem Feind stellt, gekleidet. Er trug sein scharf geschliffenes Kriegsbeil in seinem Gürtel, ebenso steckte ein Messer mit kupfernem Griff, der dunkel wie Blut schimmerte, als ihn ein rötlicher Strahl der Abendsonne traf, daneben. Im gestreckten Galopp verschwand er im nahen Wäldchen und kam kurz darauf mit seiner Kriegslanze in der Armbeuge wieder heraus. Er ließ seinen Mustang herausfordernd nur wenige Schritte von seinem Tipi tänzeln, auf ein lautloses Kommando hin wenden und steigen. Dann wartete Icy-Wind regungslos wie ein Fels auf Light-Cloud. Nur die Mähne seines Pferdes und seine eigenen langen Haare wehten im Abendwind. Er hatte keine Aufforderung aussprechen müssen; seine Absicht lag klar auf der Hand.
Niemand erschien. Niemand wagte sich auch nur in die Nähe. Da setzte sich Icy-Wind in Bewegung. Langsam ritt er den Hauptweg hinunter, bis er etwa in Höhe von Light-Clouds Tipi war. Sein Pferd durch dichtes Gebüsch bis zum Fluss hinüber lenkend, kam er in Sichtweite von dessen Tipi. Er tat das mit einem Gesichtsausdruck, als gelte es, die ganze Welt umzubringen. Jetzt hielt er an. Im nächsten Moment galoppierte er direkt auf das Tipi zu, seine Herausforderung laut herausschreiend. „Komm schon, du Feigling, ich warte nicht länger!“ Er wollte diesen Kampf. Jetzt, sofort – nicht morgen, nicht am nächsten Tag, sondern jetzt! Und schon gar nicht wollte er sich Ort und Zeitpunkt von anderen bestimmen lassen.
Kurz vor dem Tipi riss er den Mustang zurück, ließ ihn steigen und wieder wenden; dann jagte er am Fluss entlang, einen schmalen Pfad einschlagend, zum Hauptweg zurück. Er schwang sein Kriegsbeil und stieß weiter seine herausfordernden Schreie aus. Er tat das bis zum Ende des Hauptweges, hielt dort, wo die Ebene begann, wendete und ritt wieder zurück. Zum zweiten Mal baute er sich vor Light-Clouds Zuhause auf.
Frauen hatten ihre vor den Tipis am Fluss spielenden Kinder aufgeregt hineingescheucht. Während dieser ganzen Aufregung gingen verschiedene Trockengestelle mit Fleisch zu Bruch. Kläffende Hunde stürzten sich gierig darauf und mussten weggezerrt werden. Einige Mustangs galoppierten zum Fluss hinunter. Das Durcheinander, das Icy-Wind mit seinem Auftritt angerichtet hatte, war zwar überschaubar, doch die Krieger, die jetzt auf der Bildfläche erschienen, warfen sich missbilligende Blicke zu. Es ging nicht an, dass ein einzelner Mann sich derart aufführte.
Plötzlich kam Bewegung in diejenigen, die sich inzwischen an der Flussbiegung, wo Großmutter und Light-Clouds Tipis standen, eingefunden hatten. Einige Frauen machten Platz für Old-Antelope, der aufgeschreckt, schwer atmend, von Gray-Wolf gestützt, auf der Bildfläche erschien. Der alte Häuptling trug seine besten Sachen als Zeichen der Würde. Einen Rundblick auf seine Leute werfend, erfasste er die Situation wie ein Feldherr. Er brauchte zwar etwas Zeit dazu, auch um seinen Atem wieder zu beruhigen; dann aber ging er ohne fremde Hilfe auf Icy-Wind zu.
Der erwartete ihn in hochmütiger, aufrecht sitzender Haltung. Auch einem Häuptling gegenüber musste man nicht klein beigeben. Das Recht war auf seiner Seite; alles andere zählte für ihn nicht. Beide Männer maßen sich mit herausfordernden Blicken: Icy-Wind mit erhobenem Kopf und tief heruntergezogenen Mundwinkeln; Old-Antelope mit gerunzelter Stirn, ansonsten völlig ruhig. Ohne jeden Zweifel hielt er sich nur mit Mühe zurück. Gespannt warteten alle auf das, was nun kommen würde.
Old-Antelope befand sich in einer verzwickten Lage. Um noch zwischen den beiden zu vermitteln, war es bereits zu spät. Den Mann vor ihm in die Schranken zu weisen für das, was er seiner Frau angetan hatte, kam nicht in Frage. Ihn wegen des Durcheinanders hier zur Rede zu stellen, ebenfalls nicht. Das war ohne Bedeutung. Was also sollte er tun? Machte er jetzt einen Fehler, konnte ihn das seine Häuptlingswürde kosten. Old-Antelope war ein Mann von Format. Ihn brachte so leicht nichts aus der Ruhe. Außerdem hatte Gray-Wolf ihn rechtzeitig informiert, und so hatte er Zeit gehabt, alles zu überdenken. „Du solltest dich an die Regeln halten“, rief er daher mit seiner gutturalen, wohlklingenden Stimme. Nicht böse, nicht laut, eher belehrend. Seine Augen hatten sich dabei zu Schlitzen verengt. Das gab ihm ein gerissenes Aussehen, genau so, wie er war. Sein nächster Satz traf es auf den Punkt. „Wenn du schon kämpfen musst, dann, bitte schön, nicht hier.“ Mit einer alles umfassenden Geste wies er den Fluss hinauf und hinunter. „Der Frieden darf nicht gestört werden. Such dir einen Platz außerhalb der Reichweite unserer Heimstätten.“ Damit hatte Old-Antelope Prioritäten gesetzt, ohne sich eine Blöße zu geben. Der schlaue Fuchs verstand es immer wieder, genau das Richtige zu tun. Red-Eagle, der wie die anderen gespannt zuhörte, atmete erleichtert auf. Klug gehandelt, dachte er. So etwas konnte nur Old-Antelope.
Dann passierten zwei Dinge auf einmal: Zum einen öffnete sich der Eingang von Großmutters Tipi. Aber es kam nicht Light-Cloud heraus, sondern die alte Frau in ihrem besten Kleid. Sie verschränkte die Arme und starrte Icy-Wind von dort aus an. Der stieß seinem Mustang die Fersen in die Seiten und galoppierte hart auf sie zu. Zeitgleich erschien etwa 100 Pferdelängen entfernt – unterhalb des Geröllfeldes, direkt neben einer Senke – ein rotbraunes Pferd mit heller Mähne. Auf diesem Pferd, seine Lanze herausfordernd in die Luft haltend, saß Light-Cloud. Das kam für alle so überraschend, dass ein Raunen durch die Menschen, die sich inzwischen hier versammelt hatten, ging. Sie fragten sich, wie er das hatte fertigbringen können. Wann war er aus dem Tipi gehuscht? Wie war er für alle unbemerkt bis vor das Geröllfeld gekommen? Und wann hatte er sein bestes Kriegspony holen können? Jetzt schrie er etwas, aber der Wind verschluckte seine Worte.
Icy-Wind, der sein Pferd knapp vor Großmutter zum Stehen gebracht hatte, drehte sich ahnungslos um, den erstaunten Blicken der Umstehenden folgend. Ungläubig starrte er auf Light-Cloud. Im ersten Moment brachte ihn das etwas durcheinander; schließlich war er hier derjenige, der das Überraschungsmoment auf seiner Seite wusste, dann aber blickte er mit spöttischem Gesichtsausdruck auf die vor ihm stehende alte Frau. Absichtlich ließ er die Hufe seines Mustangs unmittelbar vor ihr in den Boden stampfen. Doch Großmutter wäre nicht Großmutter, wenn sie sich dadurch hätte einschüchtern lassen. Seinen Arm ausstreckend, schrie er sie an: „Du wirst mich nicht daran hindern, das zu tun, was ich tun werde. Dieser Mann dort sollte sich besser mit seiner ehebrecherischen Hündin in einer der Höhlen verkriechen, wie schon einmal. Wenn ich mit ihm fertig bin, dann bringe ich ihn dir – aufgespießt auf meine Lanze. Die Bussarde können ihn haben, ihn und diese mexikanische Hündin.“
Seine Rede machte nicht den geringsten Eindruck auf die alte Frau. „Ich habe nicht die Absicht, dich an etwas zu hindern. Und was Light-Cloud betrifft: Noch steckt er nicht auf deiner Lanze“, meinte sie mit herablassender Miene. „Wenn Dark-Night diese Nacht übersteht, will sie mit dir nichts mehr zu tun haben.“
Icy-Wind runzelte die Stirn. Diese Antwort war eine Frechheit. „Wenn sie glaubt, eine Wahl zu haben, irrt sie sich gewaltig.“ Die Wut kochte in ihm hoch, doch er sollte besser aufpassen, was er jetzt sagte.
Großmutter blickte ihn herausfordernd von unten herauf an. „Man hat immer eine Wahl – immer. Verstehst du? Sollte sie es überstehen, wird sie sie treffen. Und sicher nicht zu deinen Gunsten. Sie kommt nicht zu dir zurück.“
In Icy-Winds Gesicht begann es zu zucken. Belustigt betrachtete er die alte Frau, fühlte sich ihr überlegen.
Großmutter hob warnend einen Zeigefinger und schleuderte ihm ihre nächsten Worte entgegen: „Sie ist mit dir fertig. Du kannst dein Lager in Zukunft mit einer Klapperschlange teilen.“
Verhaltenes Gelächter erklang bei einigen in der Nähe stehenden Frauen. Sie hielten sich die Hände vor den Mund, damit niemand sehen konnte, dass sie heimlich grinsten. Was die alte Frau da eben gesagt hatte, war gegen jede Regel. Sie wagte etwas, was noch nie dagewesen war. Doch Großmutter war eine starke Persönlichkeit. Sie hatte sich noch nie von etwas abbringen lassen, was sie sich einmal vorgenommen hatte. Ihr eigentlich gutmütiges Gesicht sah auf einmal hart und unerbittlich aus. Forsch trat sie einen Schritt auf den Mustang zu. Ohne auf das Kommando seines Reiters zu warten, machte der Schecke einige Schritte rückwärts, um mehr Platz zwischen ihnen zu lassen.
Icy-Wind starrte sie ungläubig an. Er war wütend auf die alte Frau und wütend auf seinen Hengst.
Jetzt hatte Großmutter ihn da, wo sie ihn haben wollte. Sie kannte den Mann vor ihr mit all seinen Schwächen. Wie ein Messer in eine Wunde, so stachen ihre nächsten Worte zu. „Du hast eben gesagt, Light-Cloud soll sich mit deiner ehebrecherischen Hündin in eine der Höhlen dort verkriechen? Wir haben das alle gehört. Nun ja, du willst also keine ehebrecherische Hündin in deinem Tipi haben? Das kann hier jeder verstehen“, legte sie seine Worte in ihrem Sinne aus. Sie wusste, er würde keinen klaren Gedanken mehr fassen können, denn spätestens jetzt hätte er ihr widersprechen müssen. Doch er saß nur völlig sprachlos auf seinem Mustang.
„Diese ehebrecherische Hündin wird sich ein anderes Tipi suchen – verlass dich drauf“, kam die nächste Frechheit ungerührt von Großmutters welken Lippen. Sie sprach mit erhobener Stimme, so dass jeder sie hören musste. „Alle wissen, dass du sie zum Sterben im Canyon zurückgelassen hast. Damit hast du sie ja bereits verstoßen.“
Icy-Wind wollte jetzt dagegen protestieren, sie zurechtweisen, ihr ihren Irrtum unter die Nase reiben. Außer sich vor Wut öffnete er bereits den Mund, da sah er aus den Augenwinkeln die Zustimmung in den Gesichtern der Umstehenden. Es war die Wahrheit, was Großmutter zuletzt gesagt hatte. Er verstand die Welt nicht mehr – die Alte hatte ihn übertölpelt. Wann war ihm dieser Fehler unterlaufen? Er kam sich vor wie jemand, der weder vorwärts noch rückwärts konnte. Kam er aus dieser vertrackten Situation überhaupt noch unbeschadet heraus? Diese Frage raste ihm durch den Kopf, während er beobachtete, wie Old-Antelope einen wissenden Blick mit Red-Eagle und Gray-Wolf wechselte. Jeder hier wusste, dass eine von ihrem Mann verstoßene Frau keinerlei Versorgungsansprüche mehr an ihn stellen konnte und auf sich selbst gestellt war. Im schlimmsten Fall musste sie verhungern.
Icy-Winds Gedanken überschlugen sich. Nie hatte er vorgehabt, Dark-Night zu verstoßen. Das wäre eine viel zu geringe Strafe für sie gewesen; er wollte sie leiden sehen, jeden Tag, und damit Light-Cloud treffen. Noch immer hielt er sein Kriegspony auf der Stelle. Krampfhaft suchte er nach den richtigen Worten. Zurechtweisung, Beleidigung oder gar Richtigstellung, was auch immer – er fühlte sich völlig missverstanden. Schließlich war er hierher gekommen, um Light-Cloud zum Kampf herauszufordern. Auf keinen Fall hatte er vor, dieser Alten seine Frau zu überlassen – oder dieser eine Wahl. Doch darauf schien das hier hinauszulaufen. Erbost, ungeduldig, völlig aus dem Konzept gebracht blickte er sich um. Zu seinem Verdruss kam Old-Antelope zu ihm heran. Wenn der jetzt auch noch mit dem Finger auf ihn zeigte, würde er die Beherrschung vollends verlieren. Alle schauten ihn an und schienen auf seine nächsten Worte gespannt zu sein. Er war in die Falle getappt, in die Großmutter ihn so geschickt hineingeführt hatte.
Sich in die Brust werfend, hochmütig bis in die Zehenspitzen, den schmallippigen Mund herablassend verzogen, sagte er schließlich genau das, was sie erwartet hatte. Es blieb ihm ja auch gar nichts anderes übrig.
„Die Mexikanerin interessiert mich nicht mehr. Sie ist weniger wert als ein Haufen Hundescheiße.“ Den Kopf den Umstehenden zuwendend, fixierte er einen nach dem anderen mit eng zusammenstehenden Augen. „Einen Haufen Hundescheiße spieße ich nicht einmal mit einem Stock auf. Soll sie doch verrecken. Und wenn du, alte Frau, denkst, dass ihr nach meinem Zweikampf mit Light-Cloud noch einen Versorger habt, dann täuscht ihr euch gewaltig. Sucht euch schon einmal einen Platz zum Sterben draußen in der Prärie, bei den Coyoten.“
Leicht mit den Fersen seinem Mustang gegen die Flanke tippend, drehte er ihn, jetzt triumphierend, weil ihm diese Antwort noch rechtzeitig eingefallen war, einmal um sich selbst. Doch ein bitterer Nachgeschmack blieb zurück. Er wusste, dass die alte Frau ihn hintergangen hatte, ja, mit äußerster Schläue überlistet. Wütend biss er sich auf die Lippe. Am liebsten hätte er sich auf sie gestürzt oder sie einfach mit seinem Mustang niedergeritten. Stattdessen stob er aus dem Stand heraus los. Grasbatzen stoben hinter ihm hoch. Nicht einen Augenblick länger hätte er es in der Gegenwart von Großmutter ausgehalten. Seine Hand war schon bereit gewesen, nach dem Schlachtbeil zu greifen, um ihr den alten Kopf damit zu spalten; seine Finger zuckten noch jetzt, als er an die eben erlittene Niederlage dachte.
Doch das wäre Mord gewesen – Mord, der mit seinem eigenen Ausschluss aus der Gemeinschaft geendet hätte. All das ging ihm durch den Kopf, während er auf das Geröllfeld mit dem auf ihn wartenden Light-Cloud zuritt.
Erst jetzt hörte er die Trommelschläge, die schon eine Weile von flussabwärts heraufklangen. Great-Mountain, ging ihm auf – er ruft die Geister. Kurz blickte er zurück, aber das Tipi des Friedenshäuptlings war von hier aus nicht zu sehen. Während er weiterritt – jetzt etwas langsamer, um zur Ruhe zu kommen – wippte sein nackter Rücken bei jedem Schritt, den sein Mustang machte. Seine schwarzen, schon mit grauen Strähnen durchzogenen Haare wehte ein sachter Windzug zur Seite. Er machte mit seinen einundfünfzig Wintern noch immer eine gute Figur. Unbestritten war er ein großer Krieger, voller Kraft – und hier und jetzt fest dazu entschlossen, die Schmach, die ihn schon seit vielen Wintern quälte, endlich mit Blut auszulöschen. Sun-In-The-Red-Hairs Sohn – sein Blut wollte er.
Großmutter, die unbeweglich, doch mit heftig klopfendem Herzen auf ihrem Platz ausgeharrt hatte, zog die Unterlippe nach innen und biss darauf. Sie wartete, bis sie Icy-Wind nicht mehr sehen konnte, dann verschwand sie rückwärtsgehend in ihrem Tipi. Inzwischen löste sich auch der Rest der Versammlung auf, um mit Old-Antelope zum Geröllfeld zu eilen. Großmutter atmete auf, während sie die Klappe hinter sich schloss. Wenigstens für Dark-Night, die Light-Cloud alles bedeutete, hatte sie etwas tun können. In ihrer unerschütterlichen Zuversicht glaubte sie fest, dass er sich gegen Icy-Wind behaupten würde. Und wenn nicht? Hatte er überhaupt einmal daran gedacht? Still in sich hineinlächelnd wusste sie, dass das überhaupt keine Rolle mehr spielte. Die Würfel waren gefallen. Sie war eine alte Frau – aber was würde aus Dark-Night werden? Sie brauchte ihn – jetzt noch mehr als jemals zuvor. Großmutter schaute kurz nach der Frau, die völlig apathisch auf weichen Fellen lag. Moon-Night war ebenfalls hier und kümmerte sich um sie. Sich davon überzeugend, dass sie nicht gebraucht wurde, huschte sie wieder hinaus. Eine in ihrer Nähe grasende Stute ergreifend, ritt sie in Richtung Geröllfeld.
In gebührendem Abstand zu dem von Light-Cloud ausgesuchten Kampfplatz sah sie schon von weitem eine große Anzahl älterer Männer stehen. Jüngere auf ihren Mustangs hatten sich in einem Halbkreis näher postiert. Darunter waren viele Freunde Light-Clouds. Weiter entfernt standen sogar einige jüngere Frauen um Dream-In-The-Day gruppiert – hinter Gebüsch etwas verborgen. Großmutter suchte sich einen Platz, von dem aus sie ihren Jungen beobachten konnte, sie jedoch selbst nicht zu sehen war. Plötzlich hörten die Trommelschläge auf. Auch Great-Mountain machte sich auf den Weg hierher.
Der Kampf hatte bereits begonnen. Light-Cloud, auf seinem besten Kriegspony, mit Beil und Lanze bewaffnet, schrie Icy-Wind, der ihn auf seinem Mustang in immer enger werdenden Kreisen umrundete, seine ganze Verachtung entgegen. Gerade wich er dem Schlachtbeil seines Gegners aus, indem er sich, sich nur mit einem Fuß in einer Schlinge am Pferderücken haltend, nach unten fallen ließ. Schnell kam er auf der anderen Seite wieder hoch. Das Manöver war schnell und gekonnt ausgeführt worden und brachte ihm die Bewunderung der Menge ein. Sein Kriegspony machte auf der Hinterhand kehrt und umrundete Icy-Wind, der seinem Gegner mit obszönen Handbewegungen zeigte, was er von ihm hielt. Hoch aufgerichtet im Sattel sitzend, wartete er auf eine Blöße Light-Clouds; immerhin besaß er eine größere Kampferfahrung als der Jüngere. Doch auch der konnte auf viele Kämpfe zurückblicken. Ruhig und besonnen, wenn auch innerlich völlig aufgewühlt, wartete auch er auf einen Fehler seines Gegners. Beide umkreisten sich weiter.
Etwa zwölf Schritte eine Böschung hinauf begann das Geröllfeld, auf dem Icy-Wind vor nicht allzu langer Zeit eine Blamage erlitten hatte. Dies wurmte ihn immer noch gewaltig. Johlend zeigte jetzt Light-Cloud nach oben, ihn daran erinnernd. Bisher erschien ihr Kampf eher wie ein Geplänkel zwischen Halbwüchsigen. Das änderte sich auch nicht nach dieser Provokation. Icy-Wind hatte nicht vor, sich zu einer unüberlegten Handlung hinreißen zu lassen. Das mit Großmutter hatte ihm vor Augen geführt, wie schnell man seinen Kopf verlieren konnte.
2. Kapitel
Jenseits der Senke begannen die Zuschauer inzwischen, Wetten abzuschließen. So ernst das auch alles war – davon ließen sich die wenigsten abhalten. Wetten abzuschließen, das war ein Vergnügen, dem sich kein Comanche so leicht entziehen konnte. Noch umkreisten die beiden Gegner einander und warfen sich gegenseitig Schimpfwörter zu. Es hagelte Beleidigungen der übelsten Art. Je einfallsreicher sie sich dabei anstellten, desto mehr Zustimmung erhielten sie von den Zuschauern. Noch immer machte es den Eindruck, als wäre das hier nur ein Schaukampf – ein Kräftemessen zweier Krieger, die gerade nichts Besseres zu tun hatten. Das Gegenteil war der Fall. Hier traf seit langem aufgestauter Hass auf unbezähmbare Wut. Da waren zwei Krieger, die sich nichts schuldig bleiben würden, denen es nicht nur darum ging, einander zu verletzen. Icy-Wind wollte Light-Cloud tot sehen, und auch Light-Cloud dachte nicht daran, Icy-Wind zu verschonen.
Great-Mountain drängte sich nach vorn neben Red-Eagle. Offen zeigte er seinen Zorn; alle konnten es sehen. Er missbilligte diesen Kampf aufs Schärfste. Nur mit größter Mühe gelang es dem neben ihm stehenden Kriegshäuptling, ihn daran zu hindern, nicht einfach auf den Kampfplatz zu stürmen – Regeln hin oder her. Immerhin waren sich beide darin einig, dass man das anders hätte regeln können. Great-Mountain machte sich jetzt Vorwürfe, den Einsatz der jungen Männer nicht unterstützt zu haben. Zu seiner Entschuldigung musste er sich zugute halten, dass er davon nichts gewusst hatte. Trotzdem – Great-Mountain war sehr, sehr aufgebracht.
Soeben tänzelte Light-Clouds rotbrauner Mustang auf der Stelle – ging rückwärts, dann wieder nach vorn. Mit gelangweilter Miene wog sein Reiter die Lanze in der Hand. Wachsamen Auges beobachtete er jede Bewegung des Gegners. Plötzlich – kaum dass die Zuschauer es wahrgenommen hatten – wich der gut trainierte Mustang bereits dem Ansatz eines Angriffs aus. Begeistertes Kopfnicken der umstehenden Männer folgte auf die Reaktionsschnelle des Pferdes und seines Reiters. Sie bekundeten damit Light-Cloud ihren Respekt, als ginge es hier um weiter nichts als eine Zurschaustellung seines Könnens. Erneut stürmten beide Gegner aufeinander los. Ihre Kriegsponys prallen hart zusammen, Schlachtbeile sprühten Funken. Das schabende Geräusch Stahl auf Stahl wurde nur durch das laute Schnauben der Pferde übertönt. Ein Raunen ging durch die zuschauenden Männer. In diesem Moment wurde auch dem Letzten klar, dass es sich hier nicht um ein bloßes Gerangel handelte.
Light-Cloud wich zurück. Seine braunen Haare flatterten lose im Wind. Er schüttelte sie sich flüchtig aus der Stirn. Der rechte Oberarm blutete, und aus einer Wunde in der Hüfte sickerte ebenfalls Blut. Auch Icy-Wind war verletzt. Blut rann ihm an der linken Schulter herunter und versickerte in seinem Lendenschurz. Ein erneuter Angriff Icy-Winds mit der Lanze brachte Light-Cloud ziemlich in Bedrängnis. Sein Gegner attackierte ihn dabei so heftig, dass er ihn verfehlte und seine Lanze zwei Pferdelängen hinter ihm in den Boden ging. Deckung suchend tauchte er unter dem Bauch seines Mustangs weg. Gleichzeitig wendete er das Tier, um wieder in die Nähe seiner Waffe zu gelangen. Noch im Hochkommen griff er nach ihr. Dieses Ausweichmanöver hatte ihn in eine bessere Angriffsposition gebracht. Dem Mustang mit den Schenkeln die Richtung gebend, in der linken Hand das Kriegsbeil, in der rechten seine Lanze, ritt er eine enge Wendung dicht an Icy-Wind heran. Der konnte nicht mehr ausweichen, sein Hengst musste vor dem Pferd seines Gegners stoppen, beide Tiere rangelten kurz miteinander, während ihre Reiter aufeinandertrafen.
Light-Clouds Beil blinkte kurz in der Luft, dann senkte es sich auf seinen Feind hinab und schlitzte ihm den Oberkörper vom Schlüsselbein bis zum Nabel auf. Die Lanze in der rechten Armbeuge, holte er erneut mit dem Beil aus. Die Schneide war rot. Icy-Wind keuchte, musste schwer atmend zurückweichen und stellte erleichtert fest, dass die Wunde nur oberflächlich war. Eng an den Hals seines Mustangs geduckt, schleuderte er mit aller Kraft seine Lanze gegen Light-Cloud. Diesem eine tiefe Wunde in der Seite zufügend, fegte die Waffe zu Boden und blieb zwischen hohem Gras stecken. Icy-Wind war schnell. Nur einen Herzschlag später hatte er sie bereits wieder in seiner Gewalt.
Light-Cloud schüttelte sich nur kurz, den Schmerz ignorierend, der ihm die Luft abzudrücken drohte. Vor allem ärgerte es ihn, dass er die gegnerische Lanze nicht eher zu fassen bekommen hatte. Seine eigene schob er, während er eine Kehrtwende machte, mit einem die Genitalien des Gegners betreffendem Wort fester unter die rechte Achsel. Sein Beil schwingend, drängte er sein Pferd dichter an Icy-Winds Schecken heran. Das nun folgende Manöver zeugte von Light-Clouds Talent, mit Pferden umzugehen. Sein Brauner griff den Hengst seines Gegners an. In dem Knäuel ineinander verbissener Pferde versuchte Icy-Wind, seinen Hengst wieder in seine Gewalt zu bringen, während Light-Cloud zu ihm hinübergriff, um ihm die Lanze aus dem Arm zu reißen. Auf einen einzigen Pfiff seines Reiters hin zog sich der Braune rückwärtsgehend, noch immer um sich beißend, Schritt für Schritt zurück. Triumphierend schwang Light-Cloud die erbeutete Lanze über seinem Kopf und ritt damit eine Ehrenrunde am äußersten Rand der Senke entlang.
Die bewundernden Blicke seiner Zuschauer waren ihm sicher. Das war mehr als ein Coup gewesen – das war eine tollkühne Demonstration des Zusammenspiels von Pferd und Reiter. Light-Cloud ließ sein Pferd stillstehen, dann warf er die Lanze seines Gegners mit einem kräftigen Schwung weitab in den Boden. Augenblicke lang vibrierend blieb sie dort stecken.
Während er jetzt näher an den Hengst seines Gegners heranritt, hatte Icy-Wind sein eigenes Pferd wieder in der Gewalt. Im nächsten Moment überraschte er Light-Cloud. Blut spritzte über den Rücken des Braunen – Icy-Wind hatte mit seinem Schlachtbeil ausgeholt, kurz einen Hieb nach seinem Gegner angetäuscht, dann aber das Tier getroffen. Blitzschnell holte er noch einmal aus, diesmal traf er Light-Cloud an der Schulter. Erneut, sein Pferd zurückweichen lassend, wog er das Beil in der Hand, konnte aber keinen Treffer mehr landen. Light-Cloud hatte sich mit seinem verletzten Pferd rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Er machte ein Wendemanöver, sah, dass Icy-Wind sich nach seiner Lanze umblickte – doch sie war zu weit weg, lag zwischen ihm und seinem Gegner. Da tat Light-Cloud, was ein Light-Cloud eben tat. Warf, um Gleichstand der Waffen anzuzeigen, seine eigene Lanze neben die von Icy-Wind. Einige Male schwang sie dort hin und her; schließlich blieb sie ruhig stecken, während von Icy-Wind nur ein höhnisches Auflachen kam. Dumm, dachte er, einfach nur dumm.
Light-Cloud wendete sein Pferd, seinem Gegner den Rücken zudrehend, die leere Hand in den Wind haltend, damit die umstehenden Männer es sehen konnten. Noch während er das tat, ritt Icy-Wind ungerührt zu seiner im Boden steckenden Waffe, beugte sich hinunter, griff wie selbstverständlich danach und nahm sie wieder an sich. In seinem von Wut verzerrten Gesicht leuchtete das Weiße in den eng zusammenstehenden Augen. Sich aufrichtend bemerkte er die auf ihn gerichteten Blicke, und da zögerte er nun doch. Zwei Herzschläge lang wog er, die Folgen seiner Tat abschätzend, die Lanze in der Hand. Ihm war erst in diesem Moment bewusst geworden, dass man ihm ein solches Handeln übelnehmen würde. Sein Blut schrie nach Rache und er kämpfte mit sich selbst. Einen Light-Cloud mit einer Hinterlist zu besiegen, brachte keine Ehre.
Icy-Wind waren Ansehen und Ehre wichtiger als alles andere. Die Lippen fest aufeinandergepresst schleuderte er widerwillig die Lanze zurück. Im nächsten Moment stand er mit einem Satz auf dem Sattel seines Hengstes. Gekonnt führte das Pferd mit ihm eine Kehrtwende aus; dann ritt er wieder, das Kriegsbeil durch die Luft pfeifen lassend, auf Light-Cloud zu. Der Schecke rammte den verletzten braunen Hengst. Der ging vorn in die Knie, schlidderte mit dem Kopf auf dem Boden noch einige Schritte weiter, während Light-Cloud bereits auf dem Boden stand. Die blutige Waffe von einer Hand in die andere werfend, breitbeinig vor dem Pferd seines Gegners stehend, forderte er Icy-Wind mit einem winkenden Zeigefinger auf, sich doch herunter zu ihm zu trauen. Beleidigende Worte unterstrichen das noch.
Staub wirbelte auf, der Schecke sprang zur Seite, Light-Cloud rollte herum und wich so dem Beil aus, mit dem Icy-Wind nach ihm hieb. Hinter seinem Rücken stand der braune Hengst wieder auf. Man konnte das Keuchen der beiden Mustangs hören, das Scharren der Hufe. Icy-Wind war vom Rücken seines Mustangs geglitten und stellte sich Light-Cloud. Beide Männer standen vor ihren Pferden, die zur Seite wichen und dann stehenblieben – so, wie es ihnen beigebracht worden war.
Hoch über dem Geröllfeld stahl sich die Sonne zwischen den Felsen hindurch. Glühend, gleißend weiß und grell wie vergossenes Silber. Der breite Strahl suchte sich seinen Weg durch weitere Lücken, glitt über die Böschung dort oben hinweg und reichte bis hinunter zu den kämpfenden Männern. Ihre Waffen hatten sich ineinander verhakt, und sie mussten sie erst wieder trennen; dann gingen sie erneut aufeinander los. Die rasiermesserscharf geschliffenen Kriegsbeile hatten bereits tiefe Wunden bei beiden Männern hinterlassen und rissen weitere in ihre Körper hinein. Blut – überall war Blut. Blut, das wie Regen nach allen Seiten hin spritzte.
Noch war nichts entschieden, erbarmungslos ging der Kampf weiter. Wieder krachten die Schneiden aufeinander, beide stemmten sich dagegen, verhakten sich erneut ineinander. Das brachte nichts. Icy-Wind warf als Erster sein Beil zur Seite; es war ihm im Nahkampf nur hinderlich.
Light-Cloud folgte seinem Beispiel, riss ebenfalls sein Messer aus dem Gürtel, unterlief gebückt die Stöße, die Icy-Wind bereits nach ihm machte. Kurz sah er eine Lücke in dessen Deckung und stürzte sich mit vollem Risiko auf ihn. Beide prallten hart aneinander und fielen gemeinsam zu Boden. Icy-Wind kam aus dieser Umklammerung als Sieger hervor; Light-Clouds linke Seite war von der Brust bis hinunter zum Schenkel mit einem hässlichen, klaffenden Riss gezeichnet. Zugleich, den Schmerz nicht einmal spürend, versetzte er seinem Gegner von unten nach oben ansetzend längs über den Oberleib einen Hieb.
Icy-Wind taumelte kurz rückwärts, fing sich aber sofort wieder. Nur ein schmales blutiges Rinnsal sickerte an ihm herunter, sich mit der anderen Wunde dort vereinigend. Zu flach angesetzt, um ernsthaften Schaden anzurichten – nicht tief genug, um ihm den Leib aufzuschlitzen. Light-Cloud sah hin, erwartete herausquellende Gedärme, doch da war nichts, nur eine rote Linie. Aufkeuchend warf er sich wieder über seinen Gegner, unachtsam vor Enttäuschung und unglaublicher Wut. Was waren all seine erlittenen Verletzungen gegen die von Dark-Night?
Icy-Wind parierte geschickt, fing ihn ab, ging abermals mit ihm zu Boden. Niemand von ihnen fühlte Schmerzen; sie existierten nicht – nicht jetzt, nicht, während sie kämpften. Dann kniete Icy-Wind auf Light-Cloud und versuchte, ihm das Messer aus der Hand zu winden. Als das nicht gelang, rollten sie, ineinander verkrallt wie eine einzige Masse, die Senke ein Stück weit hinunter. Verbissen rangen sie, traten um sich, stemmten sich mit den Füßen ins Gras – so eng verschlungen, dass sich ihr beider Atem vermischte. Icy-Winds Augen glitten kurz zur Seite – lange genug, dass es Light-Cloud bemerkte: Sein vorhin von ihm zur Seite geworfenes Kriegsbeil lag in Reichweite. Ihre Köpfe berührten sich, doch dann stieß sich Light-Cloud ab, konnte sich losmachen, kam über Icy-Wind zum Stehen, jedoch nur einen Wimpernschlag lang. Mit einem gewaltigen Ruck riss ihm sein Gegner die Beine unter dem Körper weg und fast gleichzeitig das Messer aus der Hand.
Light-Cloud stürzte, rammte seine Ellbogen in den Boden, robbte zwei Armlängen nach hinten, wollte sich mit den Füßen abstemmen, um wieder hochzukommen, doch Icy-Wind schlug ihm zum zweiten Mal die Füße weg. Sich die Haare aus dem Gesicht schüttelnd, als könnte er dadurch klarer denken, erwartete Light-Cloud den nächsten Stoß. Er hatte ja noch seine Hände, um sich zu wehren. Blut rann ihm in die Augen, auf seiner Stirn klaffte eine Wunde, die Wulst über einem Auge hing lose herab. Fahrig, wie in Trance, wischte er sich mit der leeren Messerhand flüchtig das Blut aus den Augen. Jetzt hätte er sein Kriegsbeil brauchen können. Doch das lag irgendwo im Gras, genau wie das seines Gegners. Sein Atem ging stoßweise; der Blutverlust machte ihm zu schaffen, und er wusste das.
Icy-Wind blickte ruhigen Blutes auf sein und Light-Clouds Kriegsbeile, die in Reichweite lagen. Das gab ihm ein Gefühl der Überlegenheit. Er wollte seinen Gegner am Boden sehen, sich an seiner Niederlage weiden – und das hatte er erreicht. Blut, das ihm von der Stirn tropfte, mit dem Messer in der Hand wegwischend, ließ er Light-CLoud nicht aus den Augen. Entgegen den Erwartungen – und den Wetten – der Männer war er äußerst fair geblieben, genauso wie Light-Cloud, der im Gegensatz zu ihm dafür bekannt war. Da er zögerte, sah es aus der Sicht der sie beobachtenden Männer so aus, als wartete er auf etwas. Doch das täuschte. Er wollte diese Situation in sich aufnehmen, diesen Anblick, seinen Gegner in der Hand zu haben, genießen. Alle anderen sollten es auch sehen. Er war hier der Sieger – er, Icy-Wind. Er besaß jetzt Macht über diesen hier.
Light-Cloud machte sich bereit, das Messer abzufangen, das so bedrohlich über ihm schwebte. Noch hatte er sich nicht aufgegeben. Icy-Wind, ohne den lauernden Blick von Light-Cloud zu bemerken, senkte langsam den Arm und zog provozierend die scharfe Klinge durch das Gras. Eine Furche blieb zurück, bis in die Erde reichend. Die schmalen Lippen zu einem Lächeln verzogen, holte er zum Stoß aus. Dieser hier musste sterben, stellvertretend für einen Feind aus alten Tagen. Er würde ihn töten, um damit die Erinnerung an einen anderen Tag aus seinem Gedächtnis zu löschen. Was auch immer ihm jetzt durch den Kopf ging – es war ein befriedigendes Gefühl, bis er plötzlich blinzeln musste. Ein winziger Sonnenstrahl stach ihm in die Augen, und er senkte seinen Messerarm ein kleines Stück. Als er wieder klarer sah – es hatte nur zwei Wimpernschläge lang gedauert – blickten er und Light-Cloud sich direkt an. Icy-Wind ließ den Messerarm vorwärts schnellen, direkt auf die Brust seines Gegners zu. Dieses Glücksgefühl von eben machte alles andere um ihn herum bedeutungslos. Plötzlich spürte er, wie die Finger Light-Clouds sein Handgelenk umspannten, und erstarrte. Verzweifelt versuchte er, sich zu konzentrieren, doch da schwindelte es ihn. Es mochte der Blutverlust sein – oder vielleicht verließen ihn ganz einfach die Kräfte. Jedenfalls verschwamm alles vor seinen Augen in einem roten Nebel. Er blinzelte, holte tief Luft, während er weiter mit Light-Cloud um das Messer rang.
Da löste sich der Nebel auf, um sie seinen Blicken freizugeben: Sun-In-The-Red-Hair. Im nächsten Augenblick verschwand dieses Bild wieder, als wäre es nie dagewesen, löste sich einfach auf. Eine schwere Last blieb. Eine Last, die ihn zu erdrücken drohte – die Last der Erinnerung. Sun-In-The-Red-Hairs Sohn rang mit ihm um sein Leben. Er wusste, dass es so war und dass er das Leben ihres Sohnes in der Hand hielt.
Keuchend, den Tod erwartend, denn die scharfe Messerschneide bedrohte seine Kehle, wand sich Light-Cloud unter ihm. Langsam begannen beiden die Kräfte zu schwinden, doch der Jüngere befand sich in der schlechteren Position. Das Messer senkte sich ein Stück weiter und ritzte ihm bereits die Haut. Eine Schnur aus Blut sickerte über seinen Adamsapfel hinunter in die kleine Kuhle und sammelte sich dort. Um sie herum war es plötzlich still, selbst die Mustangs schienen den Atem anzuhalten. Die Männer, die wie erstarrt dem allen zugesehen hatten, beobachteten, wie Icy-Wind tief Luft holte – zum Letzten bereit; niemand griff ein, niemand würde sich in die Angelegenheiten dieser beiden Krieger mischen.
Die untergehende Sonne stand genau über einem der gezackten Felsen oben auf dem Geröllfeld. Das gegossene Silber war zu einem Rot geworden. Rot, wie glühendes Eisen, das zu schmelzen beginnt, fiel genau auf Light-Clouds Haare. Eigentlich dunkelbraun, schienen sie jetzt in Flammen zu stehen. Er lag auf dem Rücken, hingestreckt wie ein menschliches Opfer, mit wissenden Augen den tödlichen Stoß erwartend. Seine Gedanken waren bei Dark-Night. Jetzt, in seinen letzten Atemzügen, wusste er, dass er alles falsch gemacht hatte. Sie in dieser Lage zurückzulassen, war es nicht wert gewesen. Und doch … Noch mehr Rot ergoss sich über seine Haare. Icy-Wind stockte der Atem. Sun-In-The-Red-Hairs schemenhafte Gestalt drang erneut in sein Bewusstsein. Er wollte sich davon nicht aufhalten lassen. Seine Hand mit dem Messer drückte fester gegen den Hals, über die pulsierende Ader. Aus einer Hautfalte quoll Blut. Da geschah etwas mit ihm. Der Geist der Frau, die er niemals hatte vergessen können, nahm von ihm Besitz. Auf Light-Clouds Haaren lag der gleiche rote Schein wie damals auf ihren. Das traf ihn zutiefst. Die Erinnerung tat weh und löschte das eben noch gespürte Glücksgefühl aus. Seine Messerhand begann zu zittern, und er hätte laut aufschreien mögen. Der Augenblick des Triumphes verwandelte sich urplötzlich in eine Niederlage, und doch konnte er nichts dagegen tun.
Das war zu viel für ihn. Keuchend wandte er sich ab, nahm das Messer von Light-Clouds Hals und zog stattdessen abermals eine tiefe Furche durch das Gras, direkt neben der von eben. Fest schlossen sich seine Finger um die Waffe – eine harte Faust. Ein Schluchzen, das tief aus seiner Kehle hochstieg, zwang er nur mit größter Mühe zurück. Nein, er konnte ihren Sohn nicht töten. Nicht, wenn ihre Gegenwart ihn beschützte – nicht jetzt, nicht, wenn er sie spüren konnte. So nah, so nah. Diese Erkenntnis tat weh. Mehr, als jeder andere Schmerz zuvor in seinem Leben. Wie sollte er ihn auch töten können, wenn sie ihm dabei zusah?
Langsam steckte er sein Messer zurück in die Scheide, den brennenden Schmerz in seiner Kehle noch immer spürend. Mühsam versuchte er sich zu erheben, keuchend auf ein Knie gebeugt. Er schnappte nach Luft, stemmte sich weiter hoch, machte zwei, drei unsichere Schritte, torkelte zur Seite, fing sich wieder, ging weiter, ging einfach nur weg. Weg von Light-Cloud, ihm den Rücken zukehrend, weg von der Erinnerung an Sun-In-The-Red-Hair.
Totenstille herrschte ringsum – Unverständnis, Fragen, die in der Luft hingen. Niemand wusste eine Antwort – man hörte nur das heftige Atmen der beiden Männer. Icy-Wind blieb wieder stehen, wandte sich zurück und schaute mit einem gequälten Blick auf Light-Cloud. Dann erst schien er in seiner Trance die anderen Männer zu bemerken. Doch diese hatten nur den Eindruck, als blickte er durch sie hindurch. Erneut wischte er sich über beide Augen, entdeckte jetzt einzelne Gesichter, nickte ihnen zu, konnte aber noch immer nicht klar denken. Was war mit ihm geschehen? Diese Frage stellte er sich jetzt selber, seinen Gegner betrachtend. Dieser hatte sich inzwischen ebenfalls erhoben. Schwer verwundet stützte er sich mit beiden Armen auf den Knien ab und blicke direkt zu Icy-Wind. Das hier mussten sie zu Ende bringen, aber nicht heute. Es war ein stummes Versprechen, das sie sich gegenseitig gaben.
Sich wieder abwendend, versuchte auch er eine Antwort auf das soeben Geschehene zu finden. Er begriff überhaupt nichts. Ungläubig blinzelte er. Komm, sagte er sich, reiß dich zusammen. Du lebst, alles andere ist jetzt erst einmal unwichtig. Sein Kopf war völlig leer, bis Dark-Night vor seinem inneren Auge auftauchte. Dark-Night, schrie alles in ihm. Was würde nun aus ihr werden? Sollte das denn nie aufhören? Verzweifelt machte er einen Schritt auf sein Pferd zu. Er fühlte den Boden unter sich – aber dann nichts mehr. Wie in einem Traum gefangen sah er einen der Männer auf sich zukommen. Wer? Gray-Wolf? Storm-Rider, der ihm dabei geholfen hatte, hierher zu kommen? Er wusste es nicht.
Icy-Wind stand neben seinem Schecken. Der rote Schimmer der untergehenden Sonne umschloss Light-Cloud jetzt völlig. Er starrte ihn an. Sun-In-The-Red-Hair hatte ihn in diesen Schein, ihren Schutz gehüllt; das glaubte er noch immer. Mühsam zog er sich in den Sattel hoch, denn auch er war verwundet. Jemand reichte ihm seine Lanze, ein anderer das Beil. Eine Handbewegung, und seine undurchsichtige Miene sagte ihnen: Macht Platz, lasst mich in Ruhe. Blut rann an seinem Körper herunter und tränkte einen seiner Mokassins. Ohne die Zügel zu benutzen, wendete er und ritt in Richtung Fluss, seinem Zuhause zu. In ihm war alles leer, wie ausgehöhlt. Am liebsten hätte er sich von aller Welt in eine dunkle Höhle zurückgezogen. Sun-In-The-Red-Hair, klopfte sein Herz unaufhörlich. Sun-In-The-Red-Hair, Sun-In-The-Red-Hair. Oh ja, ohne jeden Zweifel, sie war dort gewesen, dort bei ihrem Sohn. Er hatte sie ganz deutlich gesehen. Genauso wie damals mit dem kleinen aufklappbaren Messer in der Hand. Nie hatte er das vergessen können – sie vergessen können, all die lange Zeit über, so einfach war das. Jetzt, hier, bei ihrem Anblick, war ihm zum ersten Mal im Leben seine Ehre egal gewesen, sein Ansehen, einfach alles. Als wäre er unsichtbar für alle, ritt er unbehelligt bis zu seinem Tipi. Niemand stellte Fragen, sie ließen ihn einfach nur stumm an sich vorbeireiten.
Sein Handeln jedoch wurde ihm anders ausgelegt. Jeder bewunderte seine Großherzigkeit Light-Cloud gegenüber. Die Entscheidung, ihn am Leben zu lassen, brachte ihm mehr Ehre und Ansehen ein als alle seine Taten jemals zuvor. Manche vergaßen dabei sogar seine erfolglosen Versuche, Kriegszüge organisieren zu wollen, die allesamt gescheitert waren. Ihn zeichneten keinerlei Führungsqualitäten aus wie Red-Eagle. Trotzdem wären einige der jungen Männer nach diesem Vorfall bereit gewesen, ihm zu folgen. Im Nachhinein begriff er das verwundert. Jedenfalls machte das den Verlust von Dark-Night mehr als wett. Die schlaue Finte von Großmutter tat er als Weiberkram ab, damit konnte er leben. In ein paar Tagen würde er darüber lachen. Eine Frau war leicht zu ersetzen. Schlimmer wäre der Verlust eines Pferdes gewesen.
Großmutter hatte von ihrem Platz aus das Kampfgeschehen beobachtet. In dem Moment, als die untergehende Sonne ihre Strahlen auf die Haare ihres Neffen warf, hatte auch sie den Atem angehalten, denn sie erinnerte sich plötzlich an ihre Schwägerin. Dankbar schickte sie ein Gebet an die Geister, die ihren geliebten Light-Cloud beschützt hatten. Während Icy-Wind ihren Blicken entschwand, wendete sie ihre Stute und ritt eilig zurück. Jetzt galt es, die Wunden Light-Clouds zu versorgen und sich um Dark-Night zu kümmern. Alles wird gut, sagte sie sich immer wieder – alles wird gut, Icy-Wind wird keinen Anspruch mehr auf sie erheben. Schließlich hatte es genügend Zeugen für ihr Gespräch mit Icy-Wind gegeben.
Moon-Night, Red-Eagles Frau, erwartete sie bereits, um ihr vom Zustand Dark-Nights zu berichten, und natürlich wollte sie wissen, was am Geröllfeld passiert war. Großmutter machte nicht viele Worte, denn schließlich musste Light-Clouds Tipi für ihn vorbereitet werden. Er brauchte jetzt ihre volle Aufmerksamkeit. Nach einem kurzen Bericht huschte sie, beladen mit Verbandsmaterial und Kräutern, hinüber in Light-Clouds Tipi.
Unterdessen hievten Storm-Rider und Gray-Wolf den Schwerverletzten auf sein Kriegspony, das sie bereits abgesattelt hatten. Er hätte kein anderes reiten mögen. Sich über seinen Hals beugend, flüsterte er ihm Kosewörter zu. Eine tiefe Wunde in der Kruppe des Tieres würde besonderer Pflege bedürfen. Darum mussten sich seine Pferdejungen kümmern. Vorsichtig drehte er sich um, legte die Handfläche in das Blut und wischte sacht darüber. Storm-Rider, der wie immer Summer-Wind ritt, tauchte neben ihm auf, griff – ohne ein Wort zu sagen – zu ihm hinüber, um ihn zu stützen. Einen Augenblick später war auch Gray-Wolf da. Beide nahmen ihn in die Mitte, um ihn nach Hause zu bringen. Währenddessen wanderten Light-Clouds Gedanken zurück zum Kampfgeschehen. Er versuchte gar nicht erst, Icy-Winds Handeln zu verstehen. Was ihn auch immer dazu bewogen hatte – er wollte es nicht wissen. Jetzt, während er zurück zu seinem Zuhause ritt, flankiert von seinen Freunden, quälte ihn mehr und mehr der Gedanke an Dark-Night. Diese Angst betäubte für kurze Zeit seine Schmerzen. Die beiden tiefen Wunden an seiner Seite pumpten noch immer Blut. Die Zähne zusammengebissen, blies er den Atem nach oben gegen seine Stirn, gegen den herunterhängenden, halb abgerissenen Wulst über den Augen, der nicht weiter ins Gewicht fiel. Er presste die Hand gegen seine Rippen und atmete flach. Die Schmerzen waren plötzlich wieder da. Damit konnte er umgehen. Schon seit Kindesbeinen lernten Comanchenjungen das. Undenkbar, dass jemand auch nur einen einzigen Jammerlaut von ihm zu hören bekommen würde.
Die ihn begleitenden beiden Männer waren unterschiedlicher Ansicht über den Ausgang des Kampfes. Während sie laut darüber nachdachten, nahm Gray-Wolfs Gesicht einen nachdenklichen Zug an. Er war der Meinung, Icy-Wind wäre vielleicht zur Vernunft gekommen und wollte, zwar etwas verspätet, endlich Frieden mit Light-Coud schließen. Diese Fehde zwischen den beiden Familien dauerte nun schon viel zu lange – und niemand kannte den Grund dafür. Storm-Rider jedoch hätte es an Light-Clouds Stelle erst nie so weit kommen lassen. Er wäre mit seinem Mädchen auf und davon. Dark-Nights Verstümmelung wäre somit auch nicht passiert. Nun ja, das alles war nun nicht mehr rückgängig zu machen; geschehen war geschehen.
Gray-Wolf lächelte jetzt unverhohlen. Großmutters Art, Icy-Wind Dark-Night abzuschwatzen, ja, ihn zu überlisten, fand er beachtenswerter. Natürlich konnte Light-Cloud davon noch nichts wissen. Diese Botschaft sollte ihn erfreuen. Doch er war nicht derjenige, um sie ihm zu überbringen. Dies gebührte einzig und allein Großmutter. Gray-Wolf war darüber froh – und besonders über den Ausgang des Kampfes. In seiner praktischen, einfachen Art interessierten ihn keine komplizierten Gründe. Man musste es eben hinnehmen, so wie es war.
Während sich Gray-Wolf mit Storm-Rider weiter an ihm vorbei über Kampfmethoden unterhielt, wendete Light-Cloud seinen Kopf von einem zum anderen. Sie waren schon eine ganze Strecke geritten, als er die Frage stellte, die ihn am meisten beschäftigte: „Weiß jemand von euch, wie es Dark-Night geht?“
Storm-Rider schürzte leicht die Lippen und schüttelte den Kopf. Seine Haare, offen und vom Wind zerzaust, fielen ihm in leichten Wellen unordentlich über den Rücken. Nervös fuhr er sich mit einem Finger über den breiten Rücken seiner Nase. In seinem männlich herben Gesicht erschien ein ernster Zug. „Spar dir deine Spucke“, meinte er dann leichthin, „denn du bist nicht leicht zu ersetzen. Was Dark-Night betrifft, um die kümmern sich Großmutter und meine Mutter.“ Er hüstelte verlegen, weil er auch nichts weiter wusste – und ebenso wie Gray-Wolf der Meinung war, dass ihm das mit Dark-Night Großmutter sagen musste.
Light-Cloud richtete sich mühsam auf, ihm einen dankbaren Blick zuwerfend. Gray-Wolf, der den Zügel von Light-Clouds Mustang in der Hand hielt, lenkte ihn den Fluss hinunter seinem Tipi zu.
„Großmutter wird dich schon wieder zusammenflicken“, meinte Storm-Rider, um das Thema zu wechseln. Er wollte einfach nicht mehr davon sprechen, auch nicht über den Kampf mit Icy-Wind – sich keine Gedanken mehr darüber machen, was vielleicht hätte sein können.
Vom Fluss her tauchte Little-Wolf auf und ritt ihnen entgegen. Nachdem er gesehen hatte, wohin Icy-Wind verschwunden war, wollte er wissen, wie es Light-Cloud ging, und schloss sich ihnen an. Gray-Wolf und er waren im gleichen Alter. Er jedoch war sehniger, etwas größer – und seine Haut hell. Fast ein Drittel aller Comanchen waren Mischlinge oder sogar weiß. Die Mitglieder der Antilopenbande dagegen hatten – bis auf wenige Ausnahmen – eine dunkle Haut. Ein weiterer Freund, der wie Little-Wolf das Kampfgeschehen beobachtet hatte, stieß aus dem seitlichen Gebüsch zu ihnen. Er war zu Fuß, passte sich aber leicht dem ruhigen Gang der Mustangs an. Ursprünglich stammte er aus Mexiko und war jetzt einer der Pferdejungen. Storm-Rider musterte ihn kurz. Ihm war eben etwas eingefallen. Oh, dachte er verwirrt. Ja, „Swims-Through-The-River“, hieß er – „Swimmer“, nannten sie ihn nur kurz. Hatte er doch im Mond, in dem die gelben Blumen blühen, versucht, mit Summer-Rain anzubandeln. Das war nun schon etwas über einen Winter her.
Nach einem prüfenden Blick auf Light-Clouds Pferd zeigte der junge Mexikaner auf das Blut, das dem Tier die Flanken hinunterlief. „Ich werde mich um deinen Braunen kümmern“, stellte er sachkundig fest, ihm die Flanke streichelnd. „Lass mich das für dich tun, Light-Cloud; es wäre mir eine Ehre.“
Sein Lächeln ist umwerfend, stellte Storm-Rider neidlos fest. Auch gehörte er zu den angesehensten Männern und war bekannt für seine heilenden Hände, wenn es um Pferde ging – beinahe so gut wie Light-Cloud selbst. Ohne auf das Angebot einzugehen, murmelte der nur Unverständliches vor sich her. Anscheinend hatte er gerade jetzt große Schmerzen.
Statt seiner antwortete Storm-Rider für den verletzten Freund: „Er wird es nicht selber tun können, das siehst du ja. Also wäre es schön, wenn du das übernimmst.“
„Ihr braucht nicht so zu tun, als wäre ich nicht hier“, schnappte Light-Cloud, der sich damit wieder ins Leben zurückmeldete. „Ich weiß, was ihr denkt, doch dieser Mann hier hat nur ein paar Kratzer abbekommen und wird in der nächsten Zeit noch nicht sterben. Auch verkriecht er sich nicht wie ein wundgeschossener Wolf irgendwo. Also, haltet euch besser zurück!“
„Oho, gib nur nicht so an!“ Gray-Wolf lachte glucksend. Man sah es ihm an, wie froh er über den Zustand des Freundes war. Wenn er schon wieder scherzen konnte, dann würde es sicher nicht so schlimm sein. Doch Light-Clouds Lächeln war nicht echt. Storm-Rider hatte es sehr wohl bemerkt, verbiss sich jedoch jeden Kommentar.
Swimmer drängte sich neben Storm-Riders Pferd. „Ich wünschte nur, seine Schwester Summer-Rain wäre jetzt hier“, sagte er laut. Sein Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck, während er weitersprach. „ Sie kann Wunden zusammennähen, da bleiben schnurgerade Narben zurück. Nicht solche unschönen Wülste, wie sie Great-Mountain draufhat. Hier“, damit hielt er ihm den nackten Oberarm hin. „Das hat sie mir sauber zusammengenäht – eine gerade Linie, wie du sehen kannst.“
Storm-Rider rümpfte die Nase und verzog geringschätzig den Mund. „Pah! Wenn man nichts mehr davon sehen kann, heißt das wohl, dass deine Verletzung nicht von Bedeutung war. Solche Wunden näht jedes kleine Kind gerade zusammen.“
„Nein, du weißt genau, dass das nicht stimmt. Du musst ja nicht alles gutheißen, was Summer-Rain tut. Ich weiß wirklich nicht, was du gegen sie hast. Mir ist sie nie egal gewesen. Wenn sie von ihrem Erkundungsritt zurück ist, wird sie uns bald wieder verlassen. Diesmal aber endgültig. Ich jedenfalls finde das schade – noch dazu wegen eines Cheyenne. Das hätte einfach nicht passieren dürfen. Sie ist eine Comanche und gehört hierher zu uns.“
Diese Feststellung hing drei Herzschläge lang in der Luft, bevor Storm-Rider mit hochgezogenen Brauen, die er im Gegensatz zu seinen Freunden nie auszupfte, durch einen zur Hälfte geöffneten Mundwinkel hervorstieß: „Das ist wohl so, That-Swims-Through-The-River.“ Als es heraus war, schluckte er schwer. Seine Kehle war wie ausgetrocknet.
Gray-Wolf schürzte die Lippen, bevor er ebenfalls seine Meinung kundtat. „Wer weiß denn schon mit Sicherheit, ob dieser Cheyenne überhaupt jemals zurückkommt? Auf dieses Volk war doch noch nie Verlass. Unsere Großväter haben zwar damals diesen Großen Frieden mit ihnen geschlossen, doch das heißt noch lange nicht, dass sie uns ebenbürtig sind!“ Bei dieser Verkündung blickte er triumphierend in die Runde und warf sich in Position.
Mühsam hob Light-Cloud den Kopf. Er hatte diesem Gespräch trotz seiner Schmerzen folgen können.
„Summer-Rain wird uns verlassen“, brachte er heraus, hustete und spuckte Blut. „Egal, was ihr sagt – auf den Cheyenne ist Verlass. Ihr seid wie gackernde Truthühner, die sich um einen Wurm streiten, der im Boden verschwindet. Wenn ich seiner nicht so sicher gewesen wäre, denkt ihr etwa, ich hätte sie ihm versprochen?“
Storm-Rider, der so tat, als interessierte ihn das alles nicht, sog die Wangen nach innen, während Swimmer und Little-Wolf enttäuscht vor sich hin nickten. Gray-Wolf schwieg betreten, er hatte Light-Cloud mit seinen Worten natürlich nicht beleidigen wollen.
Da meinte Light-Cloud leise, an keinen im Besonderen gewandt: „Warum eigentlich hat außer Swimmer niemand Interesse an meiner Schwester gezeigt? Da muss erst ein Fremder kommen, und jetzt beschwert ihr euch!“
Es folgte betretenes Schweigen und Schulterzucken. Nein, so war es nicht. Es gab eine einfache Erklärung, und ihrer aller Verlegenheit war Antwort genug. Eigentlich trug Summer-Rain ja an diesem Zustand selber die Schuld. Die jungen Männer befürchteten jedenfalls, von ihr abgewiesen oder was noch viel schlimmer war – lächerlich gemacht zu werden. Das wollte niemand, und so zog sich mancher bereits beim ersten Anzeichen einer Abfuhr zurück. Summer-Rain hatte eine scharfe Zunge, und deshalb überlegte man es sich reiflich, überhaupt mit ihr anzubandeln. Sie gaben lieber auf, als sich zu blamieren. Summer-Rains Stolz und ihre Unnahbarkeit schreckten sie alle ab – und die Gewissheit, dass es sowieso vergebliche Mühe wäre, seine Zeit mit ihr zu verschwenden. Das war die Wahrheit, die aber niemand sich laut zuzugeben getraute.
Storm-Rider legte schweigend eine Hand auf die blutige Flanke von Light-Clouds Braunem. Er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Trotz seines Zustandes bemerkte es Light-Cloud. Etwas an dem Gesichtsausdruck des Freundes ließ ihn jetzt stutzen. Es war nur ein kurzes Aufflackern der goldenen Sprenkel in den braunen Augen, ein kurzes Blinzeln. Die letzte Bemerkung über seine Schwester hing noch immer in der Luft. Sie schien die Männer verlegen gemacht zu haben. Jedenfalls blickten sie sich an, als wüssten sie alle außer ihm Bescheid.
„Wir waren überrascht, Light-Cloud“, ergriff Little-Wolf zögernd das Wort, „als das mit Running-Fox bekannt wurde. Das hat einige von uns schwer getroffen. Keiner konnte es so recht begreifen. Ich möchte jetzt keine Namen nennen, doch so war es.“ Ein Seufzer entrang sich ihm, und er schaute verlegen zur Seite. Natürlich hatte es alle überrascht! Summer-Rain wählte ausgerechnet einen Fremden!
„Eben war sie noch das Mädchen, an dessen Anblick man sich erfreute, ohne weiter darüber nachzudenken – und dann schnappt sie uns ein Fremder einfach vor der Nase weg“, offenbarte Little-Wolf seine Gedanken den anderen. Kurz überlegte er, zu schweigen, aber dann sprach er doch weiter, Light-Cloud einen schelmischen Blick zu werfend. „Deine Schwester kam mir immer wie ein wunderschöner Pilz vor, den man aber nicht zu essen wagt – aus Angst, sich zu vergiften. Obwohl es da nur etwas mehr Mut gebraucht hätte. Keiner von uns hat den gehabt. Naja, vielleicht von Swimmer einmal abgesehen.“
Seine Freunde prusteten los und feixten. Little-Wolf jedoch redete unbeirrt weiter, als sei er stolz darauf, das endlich laut aussprechen zu können, was andere insgeheim dachten. „Glaube mir, deine Schwester schwirrt immer noch in so manchen Köpfen herum, ohne dass sie das auch nur ahnt.“
„Naja, man sollte sich ja eigentlich vor giftigen Pilzen vorsehen“, meinte Gray-Wolf leicht belustigt.
Little-Wolf runzelte die Stirn und warf ihm einen wütenden Blick zu. „Ich habe nicht gesagt, dass sie ein giftiger Pilz ist, du Schlauer. Ich hab gesagt, dass man Angst haben könnte, sich zu vergiften – nicht dass es so ist!“ Er musterte Swimmer, der bisher geschwiegen hatte. „Ich will damit sagen“, fuhr er fort, ihn nicht aus den Augen lassend, „sie hat so eine Art, die die Männer abschreckt. Wer holt sich schon gern eine Abfuhr? Dieser Blamage setzt sich kein vernünftiger Mann gern freiwillig aus. Höchstens, er ist so verrückt, wie ich es im vergangenen Sommer war.“
Seine Stimme stockte, er biss sich auf die Unterlippe. Wollte er ihnen das wirklich jetzt hier, in aller Öffentlichkeit, erzählen? Einen Augenblick lang zögerte er, doch dann zog er die Schultern hoch und redete weiter. „Sie hat gelacht und mich verspottet, als ich ihr wie ein treuer Hund überallhin gefolgt bin. Jedes andere Mädchen hätte sich geehrt gefühlt. Glaubst du wirklich, Light-Cloud, das hält ein Mann lange durch? Ich jedenfalls hab‘s aufgegeben. Allerdings hat das einen vollen Mond lang gedauert. Und Swimmer? Frag ihn, er wollte erst mit dir, als ihrem Bruder, reden, bevor er sich eine Abfuhr holt. Natürlich hat Summer-Rain das mitgekriegt. Frag ihn – los, frag ihn danach!“
Der junge Mann, jetzt darauf angesprochen, schaute ziemlich verlegen drein. Das ganze Gespräch war ihm sichtlich unangenehm. Trotz der Schmerzen grinste Light-Cloud in sich hinein. Nein, sagte er sich – nein. Seine Schwester hatte etwas Besseres als einen dieser Männer verdient. Er suchte nach den richtigen Worten, schließlich wollte er niemanden beleidigen. Was, dachte er, hat mir meine kleine Schwester noch alles verschwiegen? Und da fielen ihm Storm-Riders Worte wieder ein. Damals, als sie miteinander von dem Geröllfeld zurückgekommen waren, als der Freund mit Gray-Wolfs Hilfe seine Dark-Night in Sicherheit gebracht hatte. Tief auf den Widerrist seines Kriegsponys gebeugt, konnte er von dieser Position aus Swimmers Gesicht nicht sehen. Aber seine Füße, die jetzt ins Stolpern gerieten. Etwas belustigt richtete er deshalb seine nächsten Worte nach unten, direkt an Swimmers Mokassins. „Ich frage dich also, Swims-Through-The-River – außer der Absicht, mir für meine Schwester Pferde zu versprechen: Was hast du denn sonst noch so getan?“
Swimmer stolperte abermals, denn er hatte den scharfen Ton in Light-Clouds Stimme wohl herausgehört. Etwas verwirrt schaute er besser auf den Weg. So hatte er gleich einen Vorwand, Light-Cloud nicht ins Gesicht sehen zu müssen. „Naja“, druckste er, „was man eben so tut.“
Gray-Wolf, der jetzt hinter ihm ritt und den er nicht sehen konnte, verkniff sich nur mühsam das Lachen.
Etwas kleinlaut kamen die nächsten Worte von Swimmer, der nicht recht wusste, ob man ihn herausfordern oder sich über ihn lustig machen wollte. „Ich hab ihr vorgeschlagen, mit mir auszureiten, ihr kleine Geschenke gemacht, die sie aber nicht angenommen hat. Solche Sachen eben, die man so tut bei einem Mädchen. Sie wollte nicht einmal bunte Bänder haben, die doch wohl keine, die etwas auf sich hält, abgelehnt hätte! Bunte Perlen wollte sie auch nicht. Zuerst hat sie mich einfach nur stehen lassen, wenn ich mit ihr reden wollte; dann, als ich nicht aufgegeben habe, ist sie wütend geworden. Natürlich war ich enttäuscht, zumal es genug Mädchen gibt, die mir schöne Augen machen. Ich bin ein guter Mann – das kann jeder bezeugen. Für sie anscheinend nicht gut genug. Immerhin hat sie mich nicht ausgelacht.“
Betreten schwieg er; die ganze Sache vor seinen Freunden auszubreiten, war ihm jetzt irgendwie peinlich.
Light-Cloud nickte. Er respektierte die Ehrlichkeit, mit der er gesprochen hatte. „Davon wusste ich nichts“, meinte er deshalb in entschuldigendem Ton. Seine Schwester hatte also auch ihre Geheimnisse gehabt – nicht nur er. „Das ist jetzt sowieso nicht mehr von Belang“, tat er das Thema ab.
Storm-Rider, der etwas zurückgefallen war, wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Swimmer reckte sich zu Light-Cloud hoch und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Beide blickten sich an. „Sie wird uns verlassen“, sagte er leise, „weggehen, mit diesem Fremden.“ Swimmers Stimme klang weich und bedauernd. „Niemand wird etwas dagegen tun können; eine Frau gehört zu ihrem Mann.“
Das war richtig, und doch – plötzlich hörten sie die laute Stimme von Storm-Rider in ihrem Rücken. „Noch ist das nicht entschieden.“
„He“, meinte Light-Cloud, dem eine heiße Welle Schweiß über das Gesicht rinnen ließ, „habt ihr nichts anderes zu tun als euch über meine Schwester auszulassen?“
Erschöpft fielen ihm die Arme auf die Flanken seines Mustangs hinunter. Es wurde Zeit, dass er in die Obhut von Großmutter kam. Nur mit Mühe schaute Light-Cloud auf, blinzelte, da er jetzt alles nur wie durch einen grauen Schleier sah. „Mir fließt Blut aus dem Körper wie bei einem Topf der Tejano, in den wir Löcher geschossen haben, und ihr redet nur von meiner Schwester. Kümmert euch lieber um den, der hier wie ein angeschossenes Wild über seinem Kriegspferd hängt.“ Seine Augen waren jetzt geschlossen, sein Atem ging mühsam. Augenblicke später flankierten ihn wieder, wie zuvor schon, Gray-Wolf und Storm-Rider.
Inzwischen waren sie schon so weit an sein Tipi herangekommen, dass Großmutter sie eigentlich hören musste. Das hatte sie tatsächlich, denn sie erschien genau in diesem Moment davor. Dark-Night in ihrem eigenen Tipi gut versorgt wissend, hatte sie hier inzwischen alles für Light-Cloud vorbereitet. Sogar Fleischbrühe brodelte bereits über dem Feuer in einem Kessel. Die letzten Schritte seines treuen Pferdes bis zu seinem Tipi bekam Light-Cloud schon nicht mehr mit; er war in einen Wachtraum gefallen. Die Stimmen der Freunde verhallten in seinem Kopf wie ein abklingendes Echo. Vor seinen Augen verschwammen die Konturen des Flusses. Die Körper der Pferde auf der anderen Seite drüben im Canyon überlagerten sich. Der Blutverlust und das beginnende Fieber forderten bereits ihren Tribut. Light-Cloud glitt in eine andere Welt hinüber. Ohne dass er sein Bewusstsein wiedererlangte, brachten sie ihn in sein Tipi, wo Großmutter ihn übernahm. Später würde Moon-Night sich ebenfalls um ihn kümmern. Dark-Night musste auch gepflegt werden, und Dream-In-The-Day kam, um lange nicht mehr von ihrer Seite zu weichen.
Auch Icy-Wind war schwer verwundet. Viel schwerer als seine Verletzungen jedoch war für ihn die Erkenntnis, sich all die Zeit über nur etwas vorgemacht zu haben, was seine Gefühle für Sun-In-The-Red-Hair betraf. Sun-In-The-Red-Hair! Wenn er jetzt in der Nacht zu schlafen versuchte, erschien sie ihm immer öfter in seinen Träumen, ihre Haare rot wie der Sonnenuntergang. Ein Gesicht, so voller Sonnenspuren, dass es einem den Atem verschlug, und Augen, die ihn ansahen, flehten, baten. Anstatt sich als ihr Beschützer zu erweisen, hatte er ihr nur Gewalt angetan. Er, Icy-Wind, hätte wie Three-Bears handeln müssen. Diese Erkenntnis kam ihm viel zu spät. Doch den Hass und den Neid, den die Zeit in ihn hineingefressen hatte – den konnte dieser Mann nicht verwinden. Der Stachel, dass ihm etwas weggenommen worden war, das eigentlich ihm zugestanden hätte, egal, wessen Schuld das am Ende auch war – saß tief. Beim Anblick von Light-Clouds Haaren, dem rötlichen Schimmer darin, war alles wieder hochgekommen. Er hatte sie in ihm gesehen, Sun-In-The-Red-Hair hatte ihre Macht über ihn niemals verloren. Da begriff er die Bedeutung seines richtigen Namens, den er einst durch einen alten, weisen Mann erhalten hatte: The-One-Who-Should-Not-Look-Back. Das jedoch konnte er nicht, schon lange nicht mehr. Da gab es zu viel, das ihn immer wieder daran erinnerte. Light-Cloud, sagte er sich mit Hass im Herzen – bevor du tot bist, finde ich keine Ruhe vor den Geistern meiner Vergangenheit.
3. Kapitel
Storm-Rider besuchte Light-Cloud, wann immer es seine Zeit zuließ. Der Verwundete lag im Tipi, von Großmutter umsorgt, die viel zu viel Aufhebens um ihn machte – behauptete er selbst jedenfalls. Was sie für Dark-Night gewagt hatte, einem Mann wie Icy-Wind so mutig entgegenzutreten, ihn etwas sagen zu lassen, was er niemals sonst gesagt hätte – das rechnete er ihr hoch an. Darauf musste man erst einmal kommen. Doch das sah Großmutter ähnlich. Nie hielt sie sich zurück, wenn es um ihre beiden Lieblinge ging.
Auch Great-Mountain konnte ein Lied davon singen. Wegen Summer-Rains Wanderung nach Colorado hatte er so manches Streitgespräch mit ihr geführt. Sie hatte den alten Medizinmann und Friedenshäuptling sogar aufs Übelste beschimpft, bevor sich beide mit ihren Meinungen in der Mitte trafen. Weder Großmutter noch Great-Mountain war nachtragend. Das machte die Sache hinterher einfacher. Bei der Versorgung des verwundeten Light-Cloud lagen die Dinge etwas anders. Great-Mountain konnte zwar in ihr Tipi kommen und gehen, wie er wollte, doch wenn es darum ging, Light-Clouds Wunden zu versorgen, hatte er nichts zu sagen; das ließ sie einfach nicht zu.
Moon-Night und Dream-In-The-Day kümmerten sich inzwischen hingebungsvoll um Dark-Night. Einen Tag nach Light-Clouds Kampf war sie sicherheitshalber in Red-Eagles Tipi übergesiedelt. Dort waren zwei Männer, die ihr Schutz bieten konnten, sollte Icy-Wind seine Ansprüche auf sie erneut anmelden wollen. Ihr Zustand verbesserte sich überraschend schnell – obwohl es am Anfang so ausgesehen hatte, als würde sie das alles nicht überleben. Great-Mountain kam täglich; hier wurde er gelitten, und seine Medizin war willkommen. Dark-Nights Nase würde für immer entstellt bleiben. Ihr schönes Gesicht war zerstört. Die junge Frau, klein und zierlich, bestand nur noch aus Haut und Knochen. Sie versuchte, ihr Gesicht hinter einer breiten Binde aus grünem Stoff – Grün war schon immer ihre Farbe gewesen – zu verbergen. Und sie weigerte sich vehement, Light-Cloud zu sehen.
Es war ihm egal, wie sie aussah. Sobald er nur selbständig aufrecht stehen und gehen konnte, kam er unaufgefordert in Red-Eagles Tipi. Wütend riss er ihr die Binde von der zerstörten Nase, um ihr damit klarzumachen, dass ihr Aussehen ihm gleichgültig war. Diese Frau gehörte zu ihm – schließlich bestand sie nicht nur aus ihrem Gesicht. Er liebte sie mit jeder Faser seines Körpers, ob entstellt oder nicht.
So ging ein Mond vorüber. Light-Cloud änderte seine Meinung nicht, was Dark-Night betraf. Auf eine vorsichtige Anfrage von Old-Antelope stellte Icy-Wind keinerlei Ansprüche mehr. Nach den Gesetzen des Volkes genügte das jedoch nicht. Da machte der alte Häuptling Light-Cloud seine Aufwartung. Sie redeten lange miteinander, wie die ganze leidige Angelegenheit am besten für alle Beteiligten geregelt werden konnte. Auch Great-Mountain gesellte sich irgendwann dazu. Am Ende wurde die Beziehung zwischen Dark-Night und Light-Cloud offiziell gemacht, indem sie einen Herold mit dieser Nachricht von Tipi zu Tipi schickten.
Niemand verschwendete mehr ein Wort über das, was geschehen war. Das Vergangene musste endlich ruhen – nur so konnte man in die Zukunft blicken. Die Frauen, die noch vor einigen Monden Abstand zu Dark-Night gehalten hatten, trafen sich einen Sonnenaufgang später mit Moon-Night, Dream-In-The-Day und Großmutter. Es dauerte nur so lange, bis die Sonne direkt über ihnen stand, um alles Nötige für eine Hochzeit vorzubereiten.
Das Tipi von Light-Cloud reichte für beide aus; deshalb musste es nur noch innen etwas verschönert werden. Die formlose Hochzeit fand noch am selben Abend statt. Es gab niemanden, dem der zukünftige Ehemann Pferde als Brautgeschenk überreichen konnte, deshalb verschenkte er – dem Rat von Great-Mountain folgend – drei seiner besten an ärmere Mitglieder des Lagers. Die Hochzeitsgaben, die sich bald darauf vor ihrem Tipi stapelten, wurden, wie es Tradition war, an bedürftige Familien weitergereicht. Dark-Night behielt nur das Notwendigste. Großmutter bereitete ihnen ein Festessen zu, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte. Und so verschwanden gegen Abend Light-Cloud und Dark-Night ganz offiziell glücklich in ihrem Tipi. Der begehrteste Junggeselle in fortgeschrittenem Alter war vergeben. Weil er sich nicht schonte, heilten seine Wunden nur langsam, denn er ging schon bald darauf auf die Jagd. Niemand sollte Grund zum Zweifeln haben, dass er seine Lieben nicht mit Nahrung versorgen konnte.
Was Icy-Wind betraf, so nahm er seinen Platz in der Gemeinschaft wieder ein, als sei nichts gewesen. Allerdings verschwand er nach seiner Genesung für einen halben Mond von der Bildfläche. Er hatte zwar mitbekommen – wer nicht? – dass seine ehemalige Zweitfrau mit Light-Cloud glücklich war, doch das schien ihn nicht mehr zu berühren. Man merkte es ihm jedenfalls nicht an. Manch einer behauptete, dass er sogar froh war, sie los zu sein. Als er wieder auftauchte, wusste niemand, wo er gewesen war. Er kümmerte sich ausschließlich um seine eigenen Angelegenheiten. Sein Tipi musste mit Wild versorgt und Wintervorrat angeschafft werden. Seine Kriegsgeräte besserte er selber aus. Crow-Wing jedoch hatte so viel zu tun, dass sie Tag für Tag nur herumhastete, um all das zu schaffen, was sonst zwei Frauen leisten mussten. Icy-Wind sorgte mit seinen besonderen Wünschen schon dafür.
Swimmer hielt Wort und kümmerte sich indessen um Light-Clouds Braunen. Der Mustang erholte sich wieder.
Eines Tages kam Storm-Rider auf seinem liebsten Kriegspony den Fluss herunter, band es vor dem Tipi Light-Clouds an und setzte sich zu ihm und Dark-Night. Vor Light-Clouds Tipi wuchs hohes, dichtes Gebüsch, das er zu einer Laube gebunden hatte. Dort hielt er sich oft im Schatten auf, um seine Wunden zu pflegen. Auch konnte ihn hier niemand sehen, wenn Dark-Night ihm kühlende Kompressen auflegte oder er einfach nur ruhte.
Storm-Riders Achtung für Light-Cloud war enorm gestiegen. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie jemanden um etwas so hart kämpfen gesehen. Von klein auf gab es für ihn kaum einen Wunsch, der ihm nicht erfüllt worden wäre. Das Ansehen, das sein Vater genoss, kam ihm bei allem Unsinn, den er so trieb – und das war nicht wenig – wie ein Schutzschild zu Hilfe. Das wurde mit seinem Eintritt in die Gemeinschaft der Krieger auch nicht anders. Eigentlich hatte er das nie so gesehen, sondern immer geglaubt, seine Erfolge hätte er nur sich selbst zu verdanken. Vielleicht stimmte das ja auch zum Teil, doch da war immer der Schatten seines Vaters gewesen, der ihm vieles ermöglichte, was andere in seinem Alter erst beweisen mussten.
Doch seit dem Winter, der bereits eine große Sonne zurücklag, hatte sich alles geändert.
Je mehr er über sich nachdachte, desto einsilbiger wurde er. Für sein gutes Aussehen konnte er wahrhaftig nichts. Das schöne Gesicht seines Vaters war nur ein Erbteil. Von Moon-Night hatte er die braunen Augen mit den goldenen Sprenkeln – groß und offen, mit langen schwarzen, nach oben gebogenen Wimpern. Seine Haare ähnelten mit ihrem nachtdunklen bläulichen Schimmer dem der Ahnen seines Vaters. Zu seinem Verdruss wellten sie sich trotz aller gegenteiligen Bemühungen. Den O-beinigen Gang konnte er auf niemanden als sich selbst schieben. Das war schon so, seit er laufen konnte. Ansonsten hatte ihn hauptsächlich die Erziehung durch seinen Großvater, der einen großen Einfluss auf ihn gehabt hatte, geprägt. Dessen Wertvorstellungen waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen und das war etwas, worauf er stolz sein konnte. Natürlich hatte auch seine Mutter einen großen Anteil an seiner Erziehung gehabt. Ihre feinfühlige Art, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben, brachte ihm den Ruf ein, ein guter Schlichter zu sein. Dass seine Mutter ihn vergötterte, war kein Geheimnis. Doch sie war es auch, die ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte, wenn er zu prahlerisch oder selbstverliebt zu werden drohte und sich Eigenschaften anzueignen begann, die sie hasste. Eitelkeit gehörte dazu oder Ungerechtigkeit, auch das Übervorteilen von Schwächeren. So etwas duldete sie nicht. Von seinem Vater lernte er das Kriegshandwerk. Im Alter von dreizehn Wintern hatte er seinen ersten Feind getötet. Die Weibergeschichten, in die er laufend geriet, schadeten seinem Ruf nicht im Geringsten.
Moon-Night lachte darüber und befürchtete nur, sie würden ihm zu sehr schmeicheln. Manchmal jedoch erschrak sie über die Kaltblütigkeit, mit der er die Mädchen abfertigte, wenn er genug von einer hatte. Deswegen redete sie ihm manchmal ins Gewissen – mehr aber auch nicht. Die Wahrheit jedoch war, dass es ihm egal war, wie viele zerbrochene Herzen er hinter sich ließ. Unwichtig, nicht des Nachdenkens wert. Keine hatte ihn nachhaltig interessiert. Auch nicht Magic-Flower, diese umwerfende Schönheit, die von Anfang an ernste Absichten mit ihm hatte. Die falschen Spielchen, die sie mit ihm spielte, durschaute er, der bei seinen Liebschaften immer alles bestimmte, nicht sofort. Dann rüttelte ihn ein Vorkommnis im vergangenen Mond der fallenden Blätter wach – machte ihm deutlich, wie nah er daran gewesen war, ihr in die Falle zu gehen. Der Spielraum zwischen Vergnügen und Ernst war weniger breit als die Schneide seines Messers. Er hatte sich von ihr benutzen lassen, nicht die Fäden gesehen, die sie spann, nicht auf das Gerede geachtet, das sie damals in Umlauf brachte. Was sich Magic-Flower in den Kopf gesetzt hatte, das musste auch genau so eintreten. Sie prahlte mit ihrem Verhältnis, das nie ein Verhältnis gewesen war. Erst als ihn Moon-Night darauf ansprach – schließlich munkelten die Frauen hinter vorgehaltener Hand bereits von Hochzeit – schreckte er auf. Da war der Schaden bereits angerichtet und ihm wurde klar, was das für ihn bedeutete. Er konnte nur von Glück reden, dass ihr Vater nicht darauf beharrte, sie ihm zu verkaufen. Oh ja, er hatte Schweigegeld bezahlt. Ein Pferd, damit er Ruhe gab und es zu keiner peinlichen Situation kam.
Über all das dachte er jetzt wieder nach, während er auf dem Ehrenplatz in der Sommerlaube von Light-Cloud und Dark-Night saß. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich ernsthaft gefragt, ob das Bild, das er von sich selbst hatte, dem der anderen entsprach. Er war kein Mann, der nur auf sein Äußeres reduziert werden wollte. Seine Fähigkeiten bestanden darin, genau wie sein Vater andere Männer zu führen. Er musste endlich Prioritäten setzen, rauskommen aus der Ecke, in die er sich selbst durch seine Oberflächlichkeit hineinmanövriert hatte. Storm-Rider sah sich endlich als der, der er sein wollte – der begriff, worauf es ankam, was wirklich wichtig war und zählte. All das hatte er sich bereits vor einigen Monden in ihrem Winterlager an einem kleinen Seitenarm des North Canadian River vor Augen gehalten. Der Anlass dafür war etwas gewesen, was noch immer wie ein Dorn in seinem Fleisch schwärte, und er konnte diesen Blick aus ihren blauen Augen nicht vergessen.
Mädchen, die ihm schmachtende Blicke zuwarfen, wurden ihm plötzlich lästig. Dinge, die ihm vorher unwichtig erschienen, traten jetzt in den Vordergrund. Das, was er vor nicht allzu langer Zeit bei seinem Vater abgelehnt hätte, entdeckte er jetzt an sich. Wie selbstverständlich fand er plötzlich seinen Platz in der Hierarchie der Männer und ihre Anerkennung für wirklich Wichtiges. Icy-Winds hochfahrendes, arrogantes Wesen, seine Selbstüberschätzung und diese Art, mit anderen umzugehen, legte er als Schwäche aus. So wollte er nicht sein. Die Überheblichkeit und Uneinsichtigkeit dieses Mannes, der ganz und gar von sich selbst überzeugt war, hatte sich in seinen Augen als Dummheit erwiesen. Wenn man davon wichtige Entscheidungen abhängig machte, setzte man sich leicht ins Unrecht, und das musste sich zwangsläufig irgendwann rächen. Auch verspätet einen Fehler nicht einzusehen, konnte einen Mann weit mehr kosten, als ihn zuzugeben. Icy-Wind hatte das nicht begriffen. Light-Cloud und Dark-Night hätte das beinahe das Leben gekostet und ihre kleine Gemeinschaft einen wertvollen Mann. Er jedenfalls sah das so – und viele andere auch, musste die Antilopenbande doch mit jedem Mann und jeder Frau rechnen. Der Verlust von gleich zwei Menschen wäre kaum zu verschmerzen gewesen. Nun, es war ja noch einmal gut ausgegangen.
Von seinem Platz aus konnte Storm-Rider die kleine Mexikanerin sehen. Sie lag, noch immer geschwächt, auf einer weichen Büffelhautdecke gegen ein mit Moos gefülltes Lederkissen gelehnt. In ihrem schmalen, blassen Gesicht wurde ihre entstellte Nase von der für sie unentbehrlich gewordenen (trotz des Protestes von Light-Cloud beharrte sie darauf) breiten grünen Stoffbinde verhüllt. Ihre schmächtige Figur hatte so gar nichts mehr von der elastischen, biegsamen Schönheit von einst. Trotzdem schien das für Light-Cloud keine Rolle zu spielen.
Über einer flachen, von Steinen eingefassten Feuerstelle hing ein Kessel. Dark-Night wollte gerade aufstehen, um dem Gast eine Schale mit heißem Kräutersud daraus zu bringen, da bezeugte er ihr mit einer Handbewegung, dass sie liegen bleiben sollte. Stattdessen bediente er sich selbst. Light-Cloud blickte erstaunt zuerst auf ihn und dann mit einem Lächeln auf seine Frau. Storm-Rider und Frauenarbeit? Die Augen des frisch ernannten Ehemannes bekamen noch immer diesen seltsam verklären Schimmer, wenn er seine Dark-Night anschaute. Storm-Rider wurde in diesem Moment klar, was er selbst schmerzlich vermisste.
Die Unterhaltung der Männer ging weiter. Hauptsächlich drehte es sich dabei um wichtige Dinge – Pferde eben, immer nur um Pferde, ein unerschöpfliches Thema. Plötzlich horchte Storm-Rider auf. Er hob die Hand, um Light-Clouds Worten Einhalt zu gebieten. Beide lauschten. Doch da war nichts – nur die üblichen Geräusche, die das Leben im Lager beherrschten, wenn es auf den Abend zuging.
Nach einer Seite hin war die Laube offen. Ein leichtes Geflecht, womit man sie schließen konnte, lehnte gegen einen Pekannussbaum. Storm-Rider konnte die mit langen hellen Haaren besetzten Beine von Light-Clouds rotbraunem Hengst dort draußen erkennen. Noch immer lauschend, schüttelte er seine Haare zurück in den Nacken. Irgendetwas beunruhigte ihn weiter. Er wechselte einen Blick mit Light-Cloud, erhob sich und nickte zu Dark-Night hinüber; dann zögerte er kurz. Der immer noch geschwächte Light-Cloud hatte ihn vorhin zu einem längeren Jagdausflug überreden wollen, doch er hatte abgelehnt. „Also gut“, meinte er jetzt, seine Entscheidung überdenkend. „Dann lass uns also bei Sonnenaufgang gemeinsam auf die Jagd gehen, wenn du unbedingt darauf bestehst.“
Ein breites Grinsen zeigte sich auf dem schmal gewordenen Gesicht des Freundes ab. „So ist es, Storm-Rider. Deine Befürchtungen, ich würde es nicht lange durchhalten, mit dir auf die Jagd zu gehen, sind wie die Scheu eines Mädchens vor dem ersten Liebhaber. Beide verflüchtigen sich. Ich war schon einige Male allein auf der Jagd, habe zwar nur Kleingetier erlegt, doch mit deiner Hilfe geht es jetzt auf größere Beute.“
Sie hatten vor, Antilopen zu jagen. Das würde mindesten einen Tag lang dauern. Light-Cloud wollte sich endlich wieder als vollwertiger Krieger fühlen, was Storm-Rider durchaus nachvollziehen konnte. Jetzt erhob er sich, kaum auf die Worte des Freundes hörend, der schon bei der morgigen Jagd war; so sehr beschäftigte ihn das ungute Gefühl, das ihn wie eine Ahnung von etwas Gefahrvollem beschlich.
Die Abendsonne warf lange Schatten, während er dem Flusslauf auf einem kleinen Wall entlang folgte. Das nächste Tipi stand mehr als dreißig Pferdelängen entfernt hinter einer Biegung. Etwas zwang ihn, seinen Blick hinüber auf die andere Seite zu richten. Er musste nur die vor ihm liegend Böschung hinunterreiten, um an das Ufer zu kommen. Das Gefühl der Alarmbereitschaft ließ ihn nicht los, und er sprang ab. Baumgruppen, Weiden und Erlen, eine trockene, hoch aufgeschüttete Flussterrasse, durch die im Frühling noch der Colorado geflossen war, betrachtend, stand er aufmerksam neben seinem Lieblingspferd. Den Canyon dort drüben im Südwesten, mit der Pferdeherde, konnte man von hier aus nur erahnen. Bis zum westlichen Horizont breitete sich weites Grasland aus. Grelle letzte Sonnenstrahlen malten die Umrisse niedrig stehender weißgrauer Wolken nach. Unter ihnen entstand ein rotgoldener Streifen, vermischte sich mit zarten zinnoberroten Farben und zog sich bis zum Horizont hin. Gleißendes Licht blendete seine Augen. Er kniff die ledrigen Lider zusammen, um besser sehen zu können. Sein Schimmelhengst lauschte, die Ohren aufstellend, in den Wind.
Doch da war nichts. Mit seinen Gedanken wieder ganz woanders, fasste er nach dem Kopf des Tiers, spürte die feuchten Nüstern; dann blickte er hoch. Unwillig schnaubend schüttelte der Hengst seine prächtige weiße Mähne. Irgendetwas beschäftigte auch ihn, machte ihn wachsam. Seine Nervosität ging sofort auf Storm-Rider über – beide erstarrten, jetzt völlig regungslos, als wären sie eins.
Auf einmal witterte Summer-Wind und bleckte die Zähne. Storm-Rider blickte wie er in die Richtung über den vor ihnen liegenden Fluss. Dann hörten sie heranpreschende Pferde.
Etwa 200 Pferdelängen den Fluss hinab, durch eine seichte Furt des Colorado hindurch, sprengte eines mit einem Reiter. Millionen aufsprühende Wassertropfen hüllten es ein, während es das Wasser durchpflügte. Hinter ihm folgten zwei weitere, verschwanden an einer tiefen Stelle, tauchten prustend wieder auf und folgten dem ersten Pferd diesseits ans Ufer. Die niedrig stehende Sonne umspielte die Gestalt auf dem Pferderücken, seine Silhouette zeichnete sich scharf gegen das Licht ab. Storm-Rider glaubte zu träumen. Soeben drehte der Reiter zum Ufer hin ab, kam die niedrige Böschung herauf und blieb dort oben stehen, wartete auf die beiden Pferde, den Kopf ihnen zugewandt. Summer-Rain!
Storm-Rider flüsterte unwillkürlich ihren Namen, hauchte ihn in den Wind – erstaunt und freudig überrascht zugleich, ein Kribbeln im Nacken. Summer-Rain war endlich wieder zurück.
Müde beugte sie sich hinunter auf ihren Mustang, tätschelte die Flanke des erschöpften Pferdes; dann blickte sie hoch. Unter ihrem bis zu den Oberschenkeln geschlitztem, erdfarbenen Hirschlederkleid leuchteten dunkle Leggins hervor. Ihre Füße steckten in hohen Lederstiefeln. In den dunklen Haaren flatterten zwei rote Bänder. Über dem Sattel lag ein staubfarbenes Fell. Neben ihrem rechten Knie ragte ein Gewehrfutteral hervor. Auf dieser Seite des Pferdes befand sich auch ihr Köcher mit dem ausgehakten Bogen und den Pfeilen. Über der Kruppe des einen Pferdes hingen zwei prall gefüllte Satteltaschen, das andere hatte Decken übergeschnallt. Soeben kamen sie aus dem Wasser. Die rotbraune Stute, die sie ritt, schnaubte unwillig, senkte den Kopf, knabberte an einigen gelblich verfärbten Halmen, dann hob sie sichernd den Kopf.
Summer-Rain musste ihn jetzt bemerkt haben. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich jäh. Aus dieser Entfernung sah er nicht, wie sie errötete und sich ihre Finger nervös um den Zügel krampften. Sie bemerkte nicht einmal, dass ihre Stute unruhig wurde.
Storm-Rider konnte nicht mehr denken, schwang sich einfach nur auf sein liebstes Kriegspony Summer-Wind und ritt ihr entgegen. Sie rührte sich nicht, sondern verharrte auf ihrem Pferd. Dann, als erwachte sie aus einem Traum, blickte sie zurück ans andere Ufer – dorthin, woher sie eben gekommen war. Und sie bemerkte die Unruhe ihrer Stute. Jetzt wirkte auch sie beunruhigt – sehr beunruhigt. Der junge Krieger glitt vom Rücken seines Schimmelhengstes und kam ihr in dem für ihn typischen O-beinigen Gang die wenigen Schritte, die ihn noch von ihr trennten, entgegen.
Summer-Rain saß auf ihrem Pferd, nervös und ratlos. Sie wollte sich abwenden, ihn ignorieren, aber sie konnte es nicht. Das Herz tat ihr weh, schlug ihr bis zum Hals; sie zwang sich, tief durchzuatmen. Ihm musste es ähnlich ergehen. Sein Auftreten war unsicher – er blinzelte, hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Da war er auch schon neben ihr. Im nächsten Moment wollte er sie berühren, sie von ihrem Pferd zu sich herunterziehen – alles auf einmal. Dann geschah etwas Unglaubliches.
Noch bevor er tun konnte, wozu es ihn drängte, zerriss ein ohrenbetäubendes Geräusch die Stille.
Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, den sie gerade überquert hatte, flog zischend etwas durch die Bäume, zersplitterte Äste und riss sie mit sich, als dieses Etwas in den Boden krachte.
Im nächsten Moment schlug er mit der Hand leicht auf die Flanke ihrer Stute. „Fort, wir müssen von hier fort“, schrie er in das Geräusch hinein.
Summer-Rain preschte den Abhang hinunter, er, bereits wieder auf Summer-Wind, holte sie ein. Die beiden anderen Pferde liefen hinter ihnen her. Da zerriss ein Trompetensignal die Luft, die Tonleiter hoch und runter. Wieder ertönte zuerst dieses zischende Geräusch, dann explodierte der Boden drüben erneut, näher als der erste Einschlag. Eine Fontäne aus Gras und Erde flog klatschend ins Wasser. Vögel stoben davon, kreischten ihre Angst hinauf in den Äther. Die Rotbraune mit Summer-Rain drängte sich nahe an Summer-Wind, während Storm-Rider die Mustangs stoppte. Sein Knie berührte das ihre, so nahe beieinander hielten sie an.
„Reite zu den Tipis“, rief und deutete er. „Das Lager muss abgebrochen werden – sofort. Sag allen, die dir begegnen, sie sollen durch den Bogen neben dem Canyon in den Sonnenuntergang flüchten. Ich kümmere mich um die Krieger. Reite, Summer-Rain, reite!“
Sie starrte ihn einen Herzschlag lang wie versteinert an, als redete er eine fremde Sprache. Der nächste ließ sie nach der Lederhülle neben ihrem Steigbügel greifen, in dem das Geschenk von John Black steckte. Ohne zu zögern zog sie die Winchester heraus und drückte sie ihm wortlos zusammen mit der Munitionstasche gegen die nackte Brust. In ihrem Kopf herrschte völlige Leere. Ihr Herz pochte wie wild. Seine Augen bohrten sich in die ihren – zuerst ungläubig, dann mit einem wissenden Erkennen. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht, brauchte es nicht. Ihre Finger krallten sich in die leere Hülle mit den Zeichen der Cheyenne, als suchten sie dort nach einem Halt. Er legte seine freie Hand darauf. Der Blick von ihr aus dunklen, blauen Augen zu ihm hoch hätte ihn beinahe aufschreien lassen. Mit ihrem nächsten Atemzug lösten sie sich voneinander.
Wummm! Noch ein Einschlag, diesmal auf ihrer Seite – der Zauber war vorüber.
„Reite, Summer-Rain, reite!“ Er warf ihr einen letzten Blick zu.
Die Trompete schmetterte erneut. Unwirklich – alles war so unwirklich; hier passierte etwas, das gar nicht hierher passte. In dieses Bild des Friedens, diese Idylle, diese Heimstätte von Menschen. Doch es passierte. Die Luft vibrierte, der Schall pflanzte sich fort – seine Töne in dieser Umgebung unheimlich und schrill.
Storm-Rider betrachtete flüchtig das Gewehr. Sein Blick ging zurück zu ihr, die bereits bei ihren beiden Pferden war. Schon verschwand sie mit ihnen zwischen den Bäumen flussaufwärts. Im nächsten Augenblick machte sich Storm-Rider, seinen Schimmel anfeuernd, auf den Weg zur Pferdeherde, denn um diese Zeit befanden sich fast alle Männer dort. Da war das Lager bereits alarmiert. Männer griffen sich Pferde – irgendwelche, es kam nicht darauf an, wem sie gehörten. Diejenigen, die ihre besten Kriegsponys in der Nähe wussten, nahmen diese.
Alles ging rasend schnell – keiner verlor ein unnützes Wort. Storm-Riders Stimme hallte laut bis über den Fluss, seine Anweisungen kamen so klar und überlegt, als wäre das schon immer so gewesen. Plötzlich hörten sie alle auf ihn. Unbewusst hatte er das Kommando übernommen. Wenig später tauchte sein Vater neben ihm auf seinem Kriegspony auf. Auch Icy-Wind kam von irgendwoher. Aus sämtlichen Himmelsrichtungen strömten sie herbei, formierten sich auf ihren Pferden, bereits bewaffnet, während die Frauen die Tipis abzureißen und ihren Hausrat zusammenzupacken begannen.
Nachzügler, die auf der Jagd gewesen waren, stießen zu ihnen – noch, als Storm-Rider Späher ausschickte, um sich ein genaueres Bild von dem anrückenden Feind zu verschaffen. Er wies die Pferdejungen an, die Herde in Bewegung zu setzen und in eine bestimmte Gegend zu bringen. Wie eine einzige Welle rannten die Mustangs los – eine riesige lebende Masse davonstürmender Leiber, Hufe und Mähnen. Fast 700 Pferde donnerten den Canyon entlang, begleitet von erfahrenen, aber noch halbwüchsigen Jungen und zwei älteren Männern. Sie tauchten hinter den terrassenförmig ansteigenden Felsenklippen unter und verschwanden dort. Einen Teil der Pferde benötigte die Antilopenbande für sich selbst. Sie blieben zurück, wurden durch die flache Furt getrieben, von den Frauen und halbwüchsigen Jungen in Empfang genommen und verteilt.
Die Krieger machten sich bereit. Sie saßen auf ihren bestens ausgebildeten Kriegsponys, manch einer hatte sogar noch die Zeit gefunden, seine Lanze aus einem nahen Versteck zu holen, denn ihre Kriegslanzen bewahrte niemand im Tipi auf. Nach den ersten Einschüssen war nur so viel Zeit vergangen, wie ein Falke brauchen würde, um hoch in den Wolken ihr Lager zu umsegeln. Storm-Rider setzte sich ohne zu zögern an die Spitze der Krieger. Die Frauen hatten bereits die meisten Tipis abgerissen; nun beluden sie die Pferde und die Travois mit den zusammengerollten Büffelplanen und ihrem Hausrat. Von überall den Flusslauf entlang kamen sie auf den Hauptweg. Es war der kürzeste Weg, der durch den Felsendurchgang hinaus in die Weite führte.
Dort, wo Summer-Rain vorbeigekommen war, war man schon mit dem Zusammenpacken fertig. Die ersten Travois zogen bereits durch den breiten Bogen aus Felsen nach Südwesten, fort von dem Beschuss, denn ein weiterer Kanonendonner trieb sie zur Eile. Inzwischen wusste Storm-Rider auch mehr über den plötzlich erfolgten Angriff. Er hatte zwei Männer ausgeschickt, um den Flussabschnitt weiter unten im Auge zu behalten. Die Späher ritten in aller Eile auf die andere Seite des Flusses hinüber. Von dort signalisierten sie Storm-Rider, dass von da keine Gefahr drohte. Diesseits des Flusses hatten sie Soldaten gesichtet – Soldaten mit zwei Kanonen – und noch eine abgedeckte Waffe, die sie nicht erkennen konnten. Die beiden Späher waren bis auf etwa 20 Schritte an die aufgeprotzten Haubitzen herangekommen, ohne dass sie jemand entdeckt hatte. Wenig später stießen sie auf weitere Spuren und hatten mit Vogelstimmen Meldung gemacht.
Kavallerie – das war nicht mehr zu übersehen. Storm-Rider wusste also bereits, mit welchem Feind er rechnen musste. Er rief sich die ersten Einschläge noch einmal ins Gedächtnis und musste sich trotz der Gefahr ein Grinsen verkneifen. Diese Männer mussten verwirrt sein, sagte er sich. Hatten sie doch über den Fluss hinweg geschossen. Dachten sie etwa, ihre Tipis ständen dort drüben? Egal, er hatte sich jetzt um ganz andere Sachen Gedanken zu machen. In fliegender Eile packten die Frauen weiter all ihren Hausstand zusammen. Die ihnen zugetriebenen Pferde wurden eingefangen und beladen. Menschen rannten durcheinander, Kinder weinten und suchten nach ihren Müttern. Aber schon ging das anfängliche Durcheinander in ein geordnetes Chaos über.
Summer-Rain suchte fieberhaft nach ihrer Familie. Da sie nicht wusste, wo sich ihr Tipi befand, ritt sie noch einmal zurück. Endlich tauchte Großmutter aus einer Baumgruppe neben dem Hauptweg auf, vor sich ein beladenes Pony. Eine andere Frau griff danach, befestigte ein Travois und setzte ein kleines Mädchen hinein. Weitere Einschläge erfolgten, fetzten Äste von den Bäumen und schlugen eine Schneise neben dem Hauptweg. Und immer wieder dieses Geräusch. Das war fast schlimmer zu ertragen als die Einschläge danach. Eine Qualmwolke breitete sich von dort, wo die ersten Tipis unten am Fluss gestanden hatten, aus. Durch die Schneise, die die Kanonenkugeln gerissen hatten, konnte man sogar schon blaue Uniformen zwischen den Baumlücken erkennen. Sie kamen jedoch nur langsam voran. Von flussabwärts zogen schwere Pferde zwei Geschütze mühsam weiter.
Die Strahlen der abendlichen Sonne lagen auf den langen Rohren und ließen das Metall glitzern. Eben verhallte das Donnern der Pferdeherde in der Ferne; sie mussten den Canyon bereits weit hinter sich gelassen haben. Die Krieger hoben kurz die Köpfe – ein erstes Aufatmen. Schon preschten sie an den flüchtenden Menschen vorbei, ließen sie hinter sich, stoppten und warteten auf Storm-Rider, der für sie alle die nächsten Entscheidungen traf. Niemand stellte seine Führungsrolle in Frage. Niemand hatte ihn dazu aufgefordert; es war einfach so gekommen. In ihrer aller Gesichter stand eine Entschlossenheit, die Furchtlosigkeit signalisierte. Niemand nahm sich Zeit, Kriegsfarben anzulegen; auch so sahen sie schon furchterregend genug aus. Sie würden ihre Familien – das Liebste, was sie besaßen – verteidigen und, wenn es sein musste, bis zum Tod kämpfen. Als die letzten Krieger das Geröllfeld erreichten, um sich den anderen anzuschließen, kamen die von Storm-Rider ausgesandten Späher zurück. Nach ihrem ausführlichen Bericht wechselte er einen Blick mit seinem Vater Red-Eagle. Es brauchte keine Worte, um sich miteinander zu verständigen. Sechzehn junge, achtzehn ältere und vier bereits sehr betagte Krieger warteten auf seinen Befehl. Achtunddreißig Comanchen, die bereit waren, ihr kleines Volk – wenn es sein musste, bis zum bitteren Ende – gemeinsam zu verteidigen.
4. Kapitel
In Fort Concho war vor einigen Tagen ein neuer Mann zusammen mit sechs Pawnee-Spähern und einer berittenen Abteilung Artillerie von 80 Mann eingetroffen. Statt der üblichen vier Geschütze führten sie nur zwei dabei – plus eine Gatling-Kanone. Bei dem Mann handelte sich um Oberstleutnant William Smith. Er hatte im Sezessionskrieg den Rang eines Generalmajors bekleidet und war nach seinem Übertritt zur siegreichen Armee des Nordens als Oberstleutnant übernommen worden. Sowohl der Quartiermeister als auch einige der Offiziere blickten den Ankömmlingen mit Argwohn entgegen. Oberst Ronald S. Mackenzie, Kommandeur von Fort Concho und Fort Richardson, von den Comanchen als Eagle Chief Bad Hand Mangoheute genannt, 32 Jahre alt und damals der beste Indianerkenner, den der Westen vorzuweisen hatte, lag mit einer schweren Erkältung im Lazarett. Die vierzig Gebäude des Forts beherbergten zur Zeit etwas mehr als 500 Infanteristen und Kavalleriesoldaten.
General Mackenzie hatte im Februar 1871 das Kommando des 4. US-Kavallerieregiments in diesem Fort übernommen. Im März desselben Jahres beorderte man ihn nach Fort Richardson. Nun, ein Jahr später, war er für eine Inspektion mit einer Kompanie und einer Handvoll seiner ihm treu ergebenen Tonkawa-Spähern zurückgekommen. Oberstleutnant William Smith hatte man telegrafisch als Unterstützung im Kampf gegen marodierende Comanchen herbefohlen. Eine dementsprechende Depesche mussten Mackenzie und der jetzige Befehlshaber des Forts leider akzeptieren – ob sie nun wollten oder nicht. Mackenzie wollte durchaus nicht. Was, um Himmels willen, fragte er sich, hatte sich General Sherman, der derzeitige Oberbefehlshaber der US-Armee, nur dabei gedacht? Dieser neue Mann, der sich einbildete, etwas von Kriegsführung gegen die Indianer zu verstehen, war in seinen Augen eine völlige Niete. Noch dazu hatte er sich angemaßt, 80 Mann berittene Artillerie inkl. Captain mitzubringen – dazu noch sechs Pawnee-Späher, die er ohne vorherige Absprache einfach dem Kavallerieregiment, das hier zur Zeit stationiert war, einverleibte – sehr zum Verdruss von Mackenzies bewährten Tonkawa-Spähern. Das würde unweigerlich Ärger mit sich bringen. Laut Shermans Befehl sollte er 180 Soldaten der Kavallerie hier aus dem Fort übernehmen, um mit ihnen und seiner Artillerie nach Westen aufzubrechen. Comanchen aufbringen, so hieß es – ohne auf Näheres einzugehen.
Vor dem Bürgerkrieg hatte Smith seinen Abschluss in West Point gemacht und danach auf der Seite der Rebellen gekämpft. Seinen Dienstgrad war er mit der Generalamnestie losgeworden. Nach seinem Eintritt in die US-Armee hatte man ihn zu einem Lieutenant Colonel – Oberstleutnant – heruntergesetzt und damit auch seinen Sold. Wenn es ihm nicht gelang, große Taten zu vollbringen, würde das auch noch jahrelang so bleiben. Von dem Sold, der nicht gerade üppig ausfiel, konnte er keine großen Sprünge machen. Zwar stammte er aus einer wohlhabenden Südstaatenfamilie, doch als jüngster von drei Brüdern und nach dem verlorenen Krieg war da nicht mehr viel für ihn übrig geblieben. Statt jedoch in der kämpfenden Truppe zu bleiben, hatte er sich für den Stabsdienst entschieden und es bald schon bereut. Er war von einem langweiligen Posten zum nächsten geschoben worden. Nun wollte er sich hier bewähren oder zumindest so tun. Das konnte doch nicht schwer sein, glaubte er.
„Ein gestärkter Kragen und ein Auftreten wie ein Feldherr machten noch keinen Kämpfer“, knurrte Mackenzie, als man ihm mitteilte, dass Smith für einen Einsatz in Richtung Westen vorgesehen war.
Es nutzte ihm nichts. Er war durch die Krankheit außer Gefecht gesetzt – im wahrsten Sinne des Wortes. Wie um ihn noch zu verhöhnen, hatte Smith die von ihm empfohlenen Männer, alles erfahrene Indianerkämpfer, zusammen mit den Tonkawa-Spähern verschmäht und sich unter den hier stationierten Truppen 180 Kavalleriesoldaten zu der von ihm mitgebrachten Batterie Artillerie für seine – wie er es nannte – Strafexpedition gegen die Comanchen – ausgesucht. Mit Mackenzies in z.T. völlig verdreckten Uniformen herumlaufenden Männern, die ihre meiste Zeit außerhalb des Forts zubrachten, wollte er nichts zu tun haben. Ausgerechnet an dem Tag, als er hier ankam, musste er miterleben, wie einer von Mackenzies Soldaten an ein Wagenrad gebunden und ausgepeitscht worden war. Sein Vergehen bestand lediglich darin, während seiner Wache geschlafen zu haben. Natürlich würde das in keinem Bericht Mackenzies erwähnt werden. Solche Vorkommnisse verschwieg er. Das Gleiche galt, wenn es um Details bei der Verfolgung und der sogenannten Aufbringung von Indianern ging. Nach Mackenzies Meinung zählte allein das Resultat. Seine Männer, die wie eine eingeschworene Truppe zu ihm hielten – alles erfahrene, hartgesottene Indianerkämpfer – legten genau wie er keinerlei Wert auf Äußerlichkeiten. Allerdings bedauerten viele von ihnen später, dass das, was sie für diese Nation geleistet hatten, niemals in einem Bericht gewürdigt worden war – geschweige denn, in einer Zeitung gestanden hatte. Custer dagegen, in Paradeuniform und mit gepflegten blonden Locken, glänzte laufend mit seinen Taten in der Öffentlichkeit. Dabei schönte er seine Berichte und nahm es nicht immer so genau mit der Wahrheit.
Als die Kavallerie, die Artillerie und die sechs Pawneescouts zusammen mit Oberstleutnant Smith das Fort verließ, konnte Mackenzie nur fassungslos den Kopf schütteln.
In einer vorbildlich geordneten Reihe verschwanden sie samt Tross langsam am schlammigen Ufer das Concho River. Die blankgeputzten Uniformknöpfe blitzten in der Sonne, die Standarten und Fahnenwimpel wehten lustig über der reitenden Truppe. So waren sie mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen und Trommelschlägen aus dem Fort gezogen. Smith hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Säbel zum Abschied zu zücken. Auch der Adjutant, der ihn begleitete, ebenfalls ein ehemaliger Südstaatenoffizier, hatte es ihm gleichgetan.
Mackenzie, der seinen Zeigefinger im Bürgerkrieg verloren hatte und deshalb von den Indianern nur Bad Hand oder Three Fingers genannt wurde, blickte von seinem Fenster aus mit fiebrigem Gesicht auf die abziehende Truppe, bis die Staubwolke, die die Pferde aufwirbelten, sie verschluckte. Nichts Gutes ahnend, wischte er sich über die aus der Stirn zurückgekämmten spärlichen Haare. Auf seiner geraden, hohen Stirn erschien eine Zornesfalte. Er selbst verabscheute Signalhörner, Trommeln und Säbelgerassel. Darum hatte er das alles kurzerhand abgeschafft, ohne sich auch nur einen Deut um die öffentliche Meinung oder die der anderen Offiziere zu kümmern. Auf seine eigene schroffe, unnachgiebige Art behandelte er seine Leute hart, aber gerecht. Sie liebten ihn nicht gerade, trotzdem konnten sie sich auf ihn verlassen. Seine Kampfeinsätze ähnelten sehr denen der damaligen Texas Ranger, die sich außerordentlich gut bewährt hatten. Unter seinem Kommando ritten die Soldaten nicht in Reih und Glied, auch nicht mit herausgeputzten Uniformen oder gezückten Säbeln. Mackenzies Methode bestand darin, sie in mehrere Stoßtrupps aufzuteilen, die in gnadenloser Jagd die Indianer bis weit in die Plains hinein verfolgten und – wenn es sein musste – in Einzelkämpfen stellte. Egal, wie lange es dauerte, um sie endlich zu erwischen – egal, wie verdreckt die Männer dabei wurden, das Ergebnis dieser ihm eigenen Art der Zerschlagung des Widerstandes auf den Plains gab ihm recht. Das Geheimnis seines Erfolgs war eigentlich ganz einfach: Diese Soldaten kämpften wie Comanchen gegen Comanchen.
Smith dagegen war all seinen guten Ratschlägen gegenüber taub gewesen. Uneinsichtig hatte er darauf bestanden, dass die berittene Batterie Artillerie die Kavallerie in diesen Einsatz begleiten sollte. Das Material, das sie mitführten, bestand aus zwei Dreißigpfünder-Haubitzen und einer sechsläufigen Gatling-Gun. Die Gatling stammte noch aus dem Bürgerkrieg und war eine der wenigen gewesen, die dort zum Einsatz gekommen waren. Wo der Captain der Artillerie sie aufgetrieben hatte, blieb sein Geheimnis. Allerdings würde sie dieser ganze Aufwand am schnelleren Vorankommen hindern. Mackenzie führte bei seinen Einsätzen höchstens Dragoner mit sich.
Oberstleutnant William Smith, ein Mann um die dreißig mit schütterem, hellem Haar, hatte nach dem Bürgerkrieg, in dem er bei der Artillerie gedient hatte, Schwierigkeiten gehabt, irgendwo in der sich neu orientierenden Armee Fuß zu fassen. Es war ihm mehr schlecht als recht ergangen. Da sein Büroposten für ihn allmählich unerträglich wurde und er ohne Aussicht auf Beförderung war, meldete er sich kurz entschlossen zur Kavallerie. Das war die einzige Truppe, bei der er für sich Chancen sah, weiterzukommen. Er, ein ehemaliger Südstaatenoffizier, fand dort bald Gleichgesinnte. Für viele seiner Herkunft galt das als einzige Möglichkeit, nach dem Krieg irgendwo unterzukommen. Die Männer aus dem Süden waren berühmt für ihre Reitkünste. Vielleicht ergab sich ja hier, weitab von der Kontrolle besserwisserischer Vorgesetzter, für ihn endlich eine gute Gelegenheit, seine Fähigkeiten zu beweisen. So von sich selbst überzeugt, wollte er mit diesem Einsatz glänzen.
Er hatte kerzengerade im Sattel gesessen, seinen Kavalleriesäbel an der Seite, um Mackenzie, der am Fenster des Lazaretts stand, zum Abschied hochmütig zu grüßen. Seinem Befehl, ein Lied anzustimmen, waren seine Männer ein wenig lustlos nachgekommen. Nicht gerade die besten Sänger, klang es nicht einmal melodisch – auch ein wenig durcheinander. Die beiden Trompeter, die die Truppe begleiteten, schmetterten los, als gelte es, einen Preis zu gewinnen. Es wirkte beinahe so, als ritten sie zu einer Parade. Erst nachdem sie die erste Kurve hinter sich gelassen hatten, verstummten sie. Smith hatte, als er sicher war, durch die Staubwolke hinter ihnen nicht mehr gesehen zu werden, seinen Säbel wieder zurückgesteckt.
Mit ihren ausgeruhten Pferden überquerte die ganze Truppe samt Tross zügig den Concho River. Dann wandten sie sich mit wehenden Fahnen, von denen einige das Kennzeichen der US-Armee mit der Nummer ihrer Kompanie in einer Ecke trugen, der vor ihnen liegenden Ebene zu. Sie kamen überraschend schnell voran und rasteten am ersten Abend am Fuße eines flach auslaufenden Hügels vor dem Concho. Oberstleutnant Smith rechnete damit, jeden Tag bei langsamem Trab etwa 60 Meilen zurückzulegen. Natürlich mussten sie sich dem Tempo der Artillerie anpassen. Doch das machte nichts. Für ihn war nur wichtig, diese mitgeführten Waffen irgendwann erfolgreich einsetzen zu können. In der Nacht zündeten sie überall im Lager vor ihren mitgeführten Zelten Feuer an. Einige der erfahreneren Männer dachten über diesen Leichtsinn anders. Doch Smith war der Meinung, hier – so nahe beim Fort – gäbe es keinen Grund, ängstlich zu sein. Seiner Überzeugung nach würden sie erst viel weiter westlich auf Indianer stoßen. Über diese offensichtliche Weisheit konnten die, die es besser wussten, nur die Köpfe schütteln. Vorsichtshalber schickte Smith dann doch seine Pawnee los. Sie kamen in der Nacht zurück, nur um ihm zu berichten, dass sie keine Spuren von Indianern entdeckt hatten.
Am nächsten Morgen ritten sie die ersten vier Meilen im Schritt weiter, dann ließ Smith in langsamen Trab überwechseln und schließlich in wechselnden Trab. Dann wiederholte er das Ganze. Nur selten gab er den Befehl für gestreckten Galopp. Bald schon mussten sie wieder im Schritt reiten, um den Abstand zur Artillerie nicht allzu groß werden zu lassen. Ab und zu schickte Smith seine Pawnee voraus, um die genaue Beschaffenheit des Geländes zu sondieren. Schließlich gab es hier noch keinerlei zuverlässige militärische Aufzeichnungen, geschweige denn Karten, nach denen man sich richten konnte. So weit nach Westen in Richtung des Llano Estacado hatte sich bisher nur Mackenzie mit seinen eingeschworenen Männern gewagt. Die Soldaten folgten dem jetzt nicht mehr so schlammigen Flusslauf. Smith hatte vor, zunächst westwärts zu reiten, dann nach Norden und zurück ostwärts zum Colorado River. Die verdammten Comanchen würden schon irgendwo dort draußen sein. Er würde siegreich zurück nach Fort Concho kommen – davon war er überzeugt.
Doch schon nach einem Tag änderte er seinen Plan. Er war sich nicht über die Strapazen klargewesen, die ein Ritt in diesem Klima mit sich brachte. Schon jetzt hatte er die Nase voll. Das Klima hier entsprach nicht seinen Vorstellungen. Nicht nur die Trockenheit machte ihm zu schaffen – auch wollte er nicht zugeben, wie recht Mackenzie wegen der mitgeführten Artillerie hatte. Jetzt fragte er sich, wie dieser in seinen Augen lächerlich wirkende Mann und seine Männer dieses Klima nur aushalten konnten. Die Sonne stand gleißend hell am Himmel, und sie mussten die Pferde bis weit hinein in den Concho führen, damit sie an besseres Wasser herankamen. Nachdem sie sie getränkt und ihre eigenen Wasservorräte aufgefüllt hatten, ritten sie weiter. Am Abend rasteten sie mitten in einem weitläufigen Canyon. Der Himmel war voller Sterne, und es herrschte eine unheimliche Stille. Die erfahrenen Soldaten unter ihnen meinten, all die Tiere, die es sonst hier im Überfluss geben sollte, würden sich vor ihnen verkriechen, weil sie wie eine Elefantenherde durch die Gegend trampelten. Sie spielten dabei vor allem auf den Trupp mit den Wagen und den Geschützen an.
Am nächsten Morgen überquerten sie den Concho, der irgendwo weiter westlich entspringen musste. Smith gab den Befehl, nach Norden zu reiten. Er hatte sich entschlossen, nicht weiter in dieses unzugängliche Gebiet vorzudringen. Von einer Landkarte, die in Fort Concho hing, wusste er in etwa, wo der Colorado River entlangführte. Sie mussten erst nach Norden, um dann nach Osten abzubiegen. Er wollte auf keinen Fall die gleiche Strecke wie auf dem Herweg nehmen. Wenigstens konnte er so behaupten, auf Comanchenjagd gewesen zu sein. Nach einem weiteren Tag in diesem fast unerträglichen Klima und mit dem wenigen Wasser, das sie inzwischen nur noch hatten, ließ Smith am Abend doppelte Rationen ausgeben. Damit wollte er die Moral der Truppe verbessern.
Am nächsten Tag zogen sie weiter. Keine Spur von Indianern – nichts. Smith war am Verzweifeln. Nun war er schon so weit gekommen und immer noch ohne Resultat. Doch er wollte das Risiko nicht eingehen, noch weiter nach Norden zu reiten, tiefer in die Llanos hinein. Also ließ er die Männer bereits am Nachmittag dieses Tages Rast machen. Am nächsten Tag ritten sie – in der Hoffnung, irgendwann auf den Colorado zu stoßen – nach Osten. Noch einen weiteren Tag ins Ungewisse, dann schlugen sie ihr Lager hinter einem flachen Hügel auf. Die Pferde waren unruhig; das lag wahrscheinlich daran, dass sie Wasser witterten. Konnte der Colorado bereits so nahe sein?
Oberstleutnant Smith hatte nichts dagegen, als die Whiskeyflaschen von Mann zu Mann wanderten. Die Stimmung war so schon schlecht genug. Ihm selber machte der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht zu schaffen. Nichts konnte die Moral der Truppe mehr erschüttern, als wenn es an ihrem Wohlergehen mangelte; das war seine feste Überzeugung. Sie hatten nur ihre Rationen dabei und konnten sich keine warmen Mahlzeiten zubereiten – deshalb hatte er auch nichts gegen Lagerfeuer, an denen sie wenigstens Kaffee kochen konnten. Doch die wenigsten machten Feuer an – zu groß war ihre Angst vor den Comanchen. Sie mussten sich die missbilligenden Blicke ihrer Kameraden gefallen lassen. Der nächste Tag brachte eine Veränderung des Geländes. Bald ritten sie an einer Anzahl kleiner Canyons vorüber.
Smith hatte die Hoffnung, auf ein Indianerlager zu stoßen, noch immer nicht aufgegeben. Die Vorstellung, die er davon hatte, entsprang lediglich seiner Phantasie oder einem Bericht, den er in seinem Büro gelesen hatte. Auch Hörensagen von anderen Offizieren, die mit ihren Erfolgen prahlten, gehörte dazu. In diesen Berichten spielte es für ihn keine Rolle, ob es sich um Sioux, Osage oder sonstwelche Indianer handelte; Indianer waren Indianer.
Manchmal – selten – hatte ihn die Kaltblütigkeit erschreckt, mit der diese Offiziere von ihren Schreckenstaten erzählten. Zwar war er nicht gänzlich unbedarft, was Indianer betraf, denn im Bürgerkrieg hatte er gesehen, mit welcher Todesverachtung ein Trupp Cherokees auf Seiten der Rebellen gekämpft hatte. Doch hier ging es schließlich um primitive Wilde – raubende, mordende Barbaren.
Die Pawnee-Scouts, die er eigentlich ebenfalls als Indianer ansah und auch wieder nicht, nahmen in seinen Vorstellungen eine Sonderstellung ein. Sie mussten nun den ganzen Tag über vorausreiten und ständig Meldung machen. So weit hinein in den südlichen Llano Estacado war wahrscheinlich nicht einmal Mackenzie gekommen, machten sich die Männer klar. Hier war eindeutig Comanchenland. Und sie konnten jeden Moment auf sie stoßen. Hatte Smith das nicht gewollt?
Langsam wuchs die Spannung unter den Soldaten. Einige der neuen, völlig unerfahrenen Freiwilligen – sogenannten Zeitsoldaten, die sich wegen des Soldes zur Armee gemeldet hatten – sahen sich nach allen Richtungen um. Unter ihnen herrschte eine seltsame Stimmung. Smith hatte dazu nicht unwesentlich beigetragen. Immer wieder gab er seine Überzeugung kund, dass sie hier bald auf Comanchen stoßen würden. Er, der davon nur wenig Ahnung hatte, spielte sich jetzt als Indianerkenner auf. Am Schlimmsten empfanden viele der Soldaten die Stille, die über der Landschaft lag. Laut zu singen trauten sie sich schon seit einiger Zeit nicht mehr. So weit war keiner von ihnen jemals gekommen, und die Freiwilligen kannten nicht mal den besiedelten Westen. Auch der Zusammenhalt untereinander hatte sich verändert. Die meisten von ihnen fanden schon gleich zu Beginn dieses Feldzuges heraus, mit was für einer Art Mensch sie es bei Oberstleutnant Smith zu tun hatten. Er war nicht nach ihrem Geschmack. Großspurig, angeberisch, völlig von seiner Meinung überzeugt, ließ er sich von niemandem etwas sagen. Das hatte auch der Adjutant, der aus Fort Concho stammte, zu spüren bekommen. Mackenzie dagegen verlangte nie etwas von seinen Leuten, was er nicht auch selbst tun würde.
Als sie am nächsten Tag weiterzogen, bewegte sich die Kavallerie inzwischen nicht viel schneller als die Artillerie. Schwer beladen rumpelten die Wagen und die Geschütze hinter ihnen her. Die vor die beiden Haubitzen gespannten Pferde mussten sich oft in dem unwegsamen Gelände, durch das sie jetzt kamen, gewaltig in die Gurte legen. Einige der Männer halfen schieben. Mackenzie hätte sich diesen ganzen unnützen Ballast erspart. Hier ging es in die Plains, auf die Suche nach Indianern, sagten sich die alten Hasen, die sich damit auskannten. Wenn sie mit einem genauen Ziel vor Augen losgezogen wären, könnte man das ja noch verstehen. Hier ging es nicht auf ein Indianerlager zu – hier mussten sie erst einmal eins suchen. In einem unübersichtlichen Gelände nach der Nadel im Heuhaufen. Und das mit der Belastung einer Artillerie im Schlepp.
Was soll´s, sagte sich Smith. Wir haben es jedenfalls versucht. Hoffentlich würden sie gegen Abend am Colorado sein. Sie waren bestimmt weiter westlich gewesen, als sich selbst Mackenzie bisher gewagt hatte, und das war doch schon mal was. Das mussten sogar die erfahrenen Männer mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zugeben. Sei‘s drum – Smith brauchte den Erfolg. Er musste auf ein Comanchenlager treffen – er musste einfach. Vielleicht schon hinter dem nächsten Canyon, an irgendeinem Bach, der zum Colorado floss und aus den Bergen kam. Oder direkt am Colorado oder, oder, oder. Immer musste man hier darauf gefasst sein, Comanchen zu begegnen. Die meisten der Männer wollten endlich etwas zu tun haben. Dem Rest wäre es lieber gewesen, dass es nicht so war. Dieser ganze trostlose Marsch hinein ins Ungewisse legte ihre Nerven inzwischen blank. Die Moral der Truppe sank auf den Nullpunkt. Die Zeitsoldaten waren das Klima nicht gewohnt – schon gar nicht die Entbehrungen, die ein solcher Ritt mit sich brachte. Sie murrten als Erste. Heimlich zwar, doch Smith entgingen die Blicke nicht, mit denen sie ihn maßen. Wenn dann noch eines der Pferde verrückt spielte und sie es aus Mangel an Ausbildung nicht gleich wieder in ihre Gewalt bekamen, war der Ärger vorprogrammiert.
Wenigstens die Artillerie, die einen eigenen Tross mit sich führte, funktionierte reibungslos. Deren Captain hatte seine Männer fest im Griff. Sie waren eine eingeschworene Truppe und standen füreinander ein. Sehr zu seinem Leidwesen musste Smith gleich zu Beginn ihrer Exkursion begreifen, dass er sich dort nicht einzumischen hatte – wenigstens, was ihren Umgang miteinander oder mit ihren Geschützen betraf. Diese Männer ignorierten ihn vollkommen, ja, blickten sogar geringschätzig auf ihn herab, wenn er mit seinen blankgeputzten Stiefeln ihre Reihen abschritt. Die tägliche Routine machte sich in Langeweile bemerkbar, und das war nicht gut, was Smith durchaus klar war. ‚Ich muss mir was einfallen lassen‘, dachte er voller Unbehagen. Aber ihm fiel weiter nichts ein, als sie zu einer schnelleren Gangart anzutreiben. Das wiederum hatte zur Folge, dass die Artillerie weit hinter die Kavallerie zurückfiel. Dafür erntete er nicht nur von den einfachen Soldaten wütende Blicke, sondern auch vom Captain der Artillerie.
Bevor er sich weiter den Kopf darüber zerbrechen konnte, kam gegen Mittag dieses Tages einer der Pawnee-Späher zurück. Er habe Spuren gefunden, meldete er – Spuren von einem Comanchenlager am Colorado. Um dort hin zu gelangen, versuchte einer der Scouts, Smith in seinem schlechten Englisch den Weg zu beschreiben. Am Ende zeichnete er mit einem Finger einige wenige Anhaltspunkte auf die Erde. Obwohl die Angaben ziemlich vage waren, genügten sie Smith fürs Erste. Vielleicht wussten die anderen Späher ja mehr. Na also! Hatte er doch den richtigen Riecher gehabt! Fast hätte er sich bereits selber auf die Schultern geklopft. Nach dieser hoffnungsvollen Meldung ritt der Pawnee erst einmal weiter, um sich Proviant zu holen. Smith gab den Befehl zum Halt. Der eine der beiden Trompeter blies die allgemein bekannte Tonfolge. Die lauten, unmelodischen Klänge, obwohl allen vertraut, schreckten viele von ihnen auf. Einige schüttelten die Köpfe. Ein einziger Ruf hätte auch genügt. Der ganze Trupp kam zum Stehen, sie saßen ab und blickten sich um. Sobald sie die Ursache erfuhren, wurde ein Lager aufgeschlagen und gerastet. Smith wollte erst auf neue, genauere Nachrichten der anderen Späher warten.
Er holte sein Fernrohr heraus und begann, die Landschaft damit abzusuchen. Baumgruppen wuchsen unterhalb felsiger, sich vor ihnen aneinanderreihender Hügelketten. Diese seltsamen Tafelberge, die das Bild der Llanos bestimmten, musste man doch schon sehen können? Aber nein. Enttäuscht schob er das Instrument wieder zusammen. Die niedrig hängende Wolkendecke war lichtdurchflutet und strahlend hell. Die Sonne knallte unbarmherzig auf sie herab. Nach zwei Stunden war noch keiner der anderen Pawnee zurück. Da gab Smith enttäuscht den Befehl, wieder aufzusitzen.
Nach einer halben Stunde im langsamen Schritt sahen sie von einem Hügel aus weit vor sich endlich das dunkle Band des Colorado River und begrüßten es mit lauten, freudigen Rufen. In eine schnellere Gangart überwechselnd durchquerten sie einige tiefliegende Senken, an deren Rändern blühende Sträucher wuchsen. Wilde Rosen ließen blassrosa Blüten auf sie herabregnen.
Ihr Ritt führte sie an wie Oasen anmutenden Gruppen wilder Pflaumen-, Nussbäumen sowie andere ihnen unbekannte Gehölze vorbei. In der Ferne wurden jetzt immer deutlicher Felsformationen sichtbar, vor denen sich kleinere Wäldchen hinzogen. Hohes, wogendes Gras, das schon gelb zu werden begann, wurde vom lauen Wind bewegt. Oft reichte es ihren Pferden bis an die Bäuche. Nach einer ganzen Strecke, die nur aus dieser Graslandschaft bestand, ragten dann wieder vor ihnen riesige Felsen auf, die von Eichen und Eschen eingerahmt wurden.
Nach Smiths Berechnungen entfernten sie sich jedoch wieder vom Colorado. Sie kamen an schlanken Kiefern, Zedern, Fichten, Erlen und Maulbeerbäumen vorbei bis in eine schlammige Senke.
Dort fanden sie sogar eng beieinanderstehende Weiden in größerer Zahl, deren überhängende Äste bis hinunter in ein trübes Wasser reichten – jedenfalls nicht der Colorado. Gabelböcke sprangen erschrocken flüchtend in Sichtweite vorüber. Das waren die ersten Tiere, die sie seit langem zu sehen bekamen. Irgendwo kläfften Kojoten. Zwischen einem großen, aufgehäuften Steinberg wuselten Murmeltiere umher, und einmal sahen sie sogar eine kleine Antilopenherde am Horizont verschwinden.
Endlich kehrte einer der ausgesandten Späher zurück und meldete, dass sich weiter nach Osten – der aufgehenden Sonne zu, wie er es ausdrückte, ein Canyon befand, durch den der Colorado River floss. Dort vermutete er ein Indianerlager. Um da hinzugelangen, müssten sie allerdings durch einen dicht zugewachsenen Wald. Man könnte auch über eine langgezogene Hügelkette von Osten her reiten – das wäre dann aber ein großer Umweg. Wir reiten durch den Wald. Das stand für Smith fest, sobald er sich die Meldung angehört hatte. Das Ziel vor Augen, setzten sie ihren Marsch fort. Sie kamen über einen Hügel und auf der anderen Seite zwischen Bäumen hindurch wieder heraus – da tauchte ein kleiner Canyon plötzlich wie aus dem Nichts vor ihnen auf. Es konnte unmöglich schon der von dem Späher angekündigte sein; außerdem gab es hier keinen Fluss. Gegen Abend-–Smith hatte nicht gedacht, dass es noch so lange dauern würde – entdeckten sie ein schmales Rinnsal zwischen verstreut wachsenden Bäumen. Brackiges, flaches Wasser spiegelte unter ihnen das Sonnenlicht. War das der Colorado? Sie ritten hinunter, tränkten ihre Pferde, füllten ihre Wasservorräte auf, so gut es ging, und ritten weiter nach Osten. Dann kamen sie aus einem kleinen Wäldchen heraus, und da lag vor ihnen eine mehrere Meilen breite offene Prärie. Mittlerweile war es fast Nacht. Zwei seiner Pawnee-Späher ritten heran, um Smith lediglich das zu bestätigen, was er schon von ihrem Kameraden gehört hatte. Sie waren also auf dem richtigen Weg. Doch jetzt konnten sie nicht mehr weiter. Sie mussten warten, bis der neue Tag begann. Also schlugen sie ein Nachtlager auf – diesmal jedoch ohne Feuer, ja, sie vermieden sogar jedes Geräusch. Am frühen Morgen des nächsten Tages ritten sie weiter.
Allmählich wurde das Gelände unzugänglicher. Sie mussten zerklüftete Felsen umrunden und durch Canyons reiten, deren Wände steil vor ihnen aufragten. Schließlich tauchten sie in den von dem Pawnee angekündigten dichten Wald ein, der mit Unterholz zugewachsen war. Anfangs ging es ja noch gut voran, doch dann versperrten ihnen immer öfter Nadelbäume den Weg. Es sah so aus, als käme man da nur schwer hindurch. Besonders die Artillerie mit ihren Wagen und den Geschützen musste sich wieder um Hindernisse herumkämpfen. Oberstleutnant Smith hatte es eilig und wollte auf keinen Fall den anderen Weg über die Hügel im Osten nehmen. Zwar hatte er sie kurz durch sein Fernrohr betrachtet, dann jedoch diese Möglichkeit endgültig verworfen. Die Nachricht von einem Comanchenlager hinter diesem verdammten Wald machte ihn leichtsinnig.
Der Captain der Artillerie fluchte, als sie ein ums andere Mal umgestürzte Bäume erst zur Seite räumen mussten. Die Hügelkette im Osten wäre besser geeignet gewesen. Wahrscheinlich hätten sie damit sogar Zeit gespart. Doch Smith hatte darauf bestanden, dass sie alle zusammenbleiben sollten.
Für die Soldaten bisher nicht zu sehen, ragte ein hohes Geröllfeld im Süden auf, an dessen Südwestseite dunkelrote, mit gelbem Quarz durchzogene Felsen in den Himmel ragten. Zwischen diesem Geröllfeld und dem Beginn eines weitläufigen, hoch aufragenden Canyons, durch den der Fluss kam, tat sich ein Felsenbogen auf, unter dem drei, vier Reiter bequem nebeneinander hindurchpassten.
Die Pawneespäher hatten recht gehabt. Direkt vor ihnen befand sich ein Comanchenlager. Doch ihre Berichte waren nur vage gewesen. Smith war von ihnen lediglich mit Beobachtungen versorgt worden, die eher Mutmaßungen ähnelten. Die alte Furcht dieser Pawnee vor den Comanchen – sie hatten schlechte, sehr schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht – hielt sie davon ab, nahe an das Lager heranzukommen. Ihre Informationen waren deshalb nur äußerst spärlich und mit Vorsicht zu genießen. Smith sah das anders. „Hier sind wir richtig“, rief er seinen Männern zuversichtlich zu. „Wir müssen durch das Dickicht. Dahinter sind der Fluss und das Lager der verdammten Comanchen.“
Ihre Alarmbereitschaft wuchs mit jedem Schritt, den sie sich weiter durch das dichte Unterholz vorwärtskämpften – jeden Moment damit rechnend, auf den Feind zu stoßen. Plötzlich war der Fluss da. Er schimmerte etwa eine halbe Meile vor ihnen zwischen Bäumen hindurch. Sein Fernrohr zu Hilfe nehmend, erkannte Smith davor das kurze Stück eines breiten Pfades, der sich durch dichtes Unterholz nach Süden wand. Dort schien auch der Kiefernwald zu enden, denn er sah Laubbäume, die weiter auseinander standen. Dass dieser Pfad, von dem er nur eine kurze Strecke sehen konnte, der Hauptweg der Comanchen war, der die gesamte Flussstrecke, an der die Tipis standen, bis zur Ebene vor dem Geröllfeld durchmaß, wusste er nicht. Er wusste so vieles nicht.
Die Artillerie tat sich weiterhin schwer, mit ihren Geschützen durch das dichte Unterholz zu kommen. Fluchend schoben sie sich an Gestrüpp vorbei, stiegen über vermoderte Bäume, blieben am Ende in dichtem Dornengestrüpp stecken. Der Kavallerie erging es auch nicht viel besser. Nur, dass sie keine schweren Geschütze mitführen mussten. Da der Wald noch dichter wurde, weigerten sich die Pferde, weiterzugehen. Einige Männer saßen bereits ab, um sie zu führen. Die Geräusche, die vor allem die Artillerie machte, beunruhigten Smith nicht im Geringsten. Sie gingen in der Dichte des Waldes und des feuchten, jungen Unterholzes unter. Der Fluss, den sie gesehen hatten, war noch mindestens eine halbe Meile entfernt – und damit auch das Lager der Comanchen, wenn es denn wirklich dort war. Vorsichtshalber gab er den Befehl aus, wenn möglich jedes laute Geräusch zu vermeiden. Sowie seine Pawnee die ersten Tipis sichteten, würde er mehr wissen. In dem Glauben, diesen Wilden militärisch überlegen zu sein, überkam ihn nicht einen Moment das Gefühl von Furcht. Wenn hier irgendwo Comanchen waren, dann sollten sie sich gefälligst zeigen.
Er rieb sich die Hände, die in feinen Lederhandschuhen steckten, und überdachte seinen Plan noch einmal. Ja, er würde der Artillerie zuerst das Signal zum Angriff erteilen. Dabei verließ er sich ganz auf die Reichweite der Haubitzen. Diese Waffengattung war noch immer sein liebstes Kriegsspielzeug. Die Kavallerie sollte erst losschlagen, wenn er die Indianer aufgescheucht hatte.
Frustriert erkannten die Männer weit vor sich durch die Lücken der Bäume den Colorado. Da in dieser Richtung kein Durchkommen mehr war, mussten sie sich wieder von ihm entfernen. Der Einsatz von ein paar vorausgeschickten Männern hätte das vermeiden können. Smith musste wohl oder übel halten lassen. Sie steckten fest. Das konnte auch er nicht mehr leugnen. Endlich schickte er zwei seiner Männer zu Fuß voraus. Als sie zurückkamen, meldeten sie, dass es weiter vorn ein besseres Durchkommen bis zum Fluss hin gab. Erfreut wollte er gerade die Artillerie dorthin beordern, da tauchten drei Pawnee-Späher vor ihm auf. In ihren Gesichtern erkannte er höchste Befriedigung. Die Freude, die sie nicht einmal zu unterdrücken versuchten, taten sie in äußerst fragwürdigen obszönen Gesten kund. Vielleicht täuschte er sich ja, aber man konnte darin eine gewisse Vorfreude erkennen, was das Schicksal ihrer Todfeinde betraf. Plötzlich fröstelte es ihn. Er tat dieses Gefühl mit einem unwilligen Schnaufen ab und forderte die Pawnee zum Sprechen auf. Einer von ihnen, dessen Gesicht voller Pockennarben war, trat vor. In einem besseren Englisch als die anderen machte er Meldung. Stolz warf er sich in die Brust. Ich habe mich näher herangewagt als die da, radebrechte er. „Frauen holen Wasser, Krieger bei Pferdeherde – vor Canyon.“ Dabei deutete er mit der linken Hand und meinte die linke Seite des Flusses, also die gegenüberliegende. Smith dachte, der Späher deutete zum diesseitigen Ufer.
„Tipis“, sagte der Pawnee und fuhr in seinem gebrochenen Englisch fort: „Lager Comanchen an Fluss.“ Wieder zeigte er in die Richtung und machte eine schlängelnde Bewegung – diesmal mit der rechten Hand. Seine Meldung war folgende: Auf der linken Flussseite vor einem Canyon befindet sich die Pferdeherde. Auf der rechten Flussseite hatte er Tipis entdeckt. Die schlängelnde Bewegung zeigte den Verlauf des Flusses an.
Aha, dachte Smith, und glaubte verstanden zu haben: Die Pferdeherde steht diesseits in einem Canyon, die Comanchen lagern hier am Fluss. Mit der schlängelnden Bewegung konnte er nichts anfangen. Egal – viel wichtiger war seine Frage nach der Anzahl der Tipis und wie weit sie noch von ihnen entfernt waren. Das interessierte ihn viel mehr.
„Tipi, ich gesehen Tipi“, kam die Antwort von dem aufgeregten, mit drei Fingern zum Fluss weisenden Pawnee. Da ihn Smith etwas enttäuscht anblickte, fügte er mit einem bewundernden Nicken hinzu: „Mustangs viel, sehr viel. Fluss durch Canyon kommt hier entlang, dann weiter –“, er zeigte mit dem Arm geradeaus nach Westen.
„Wie weit sind die Tipis noch von uns entfernt?“, hakte Smith noch einmal nach, ohne die drei Finger zu hinterfragen.
Ein Schulterzucken kam als Antwort. Dann, als fielen ihm die englischen Worte gerade wieder ein, nickte er und sagte: „Wo du sehen Fluss durch Baum, ich sehen Tipi halb Meile weit“, er versuchte mit den Händen wedelnd, ihm die ungefähre Entfernung begreiflich zu machen – zeigte Richtung Fluss und zu einer Stelle, an der ein großer Baum aufragte. „Halb Meile Feuerzunge machen wumm, Tipis fliegen fort, Feuerzunge machen wieder wumm, Comanche laufen schnell.“ Befriedigt über seine Erklärung grinste ihn der Pawnee an.
Smith wartete noch auf mehr. Aber weitere Informationen bekam er nicht. Anscheinend wusste der Scout wirklich nichts mehr oder dachte, es wäre nicht von Bedeutung. Eine hoheitsvolle Geste machend, bezeugte ihm Smith, sich zu entfernen. Seit man ihm diese Pawnee-Scouts in Fort Griffin zugeteilt hatte, war er das beklemmende Gefühl nicht losgeworden, das er in ihrer Nähe empfand. Aber anstatt sie als Führer einzusetzen, schickte er sie jetzt fort. Die Pawnee drehten sich um, spuckten in hohem Bogen aus, um ihre Abscheu gegenüber den Comanchen zu bezeugen, und verschwanden im nahen Gebüsch. Sie waren nicht böse über Smiths Entscheidung.
Nach einer kurzen Unterredung mit seinen Offizieren – einem ihm unterstellten Adjutanten, einem First Lieutenant sowie dem Captain der Artillerie – in der er ihnen seine Version der Aussage des Pawnee mitteilte, ebenso wie seine letzte Information über den vermeintlichen Standort des Comanchenlagers – fügten sich diese Männer schließlich dem, was ihr Oberstleutnant vorhatte.
Etwas irritiert hatten sie die Mitteilung vernommen, dass das Indianerlager nur noch eine halbe Meile von dem Platz, den sie jetzt von hier aus durch das Fernrohr sehen konnten, entfernt sein sollte. Im Gegensatz zu ihm wussten sie sehr wohl, dass ein Comanchenlager hier nicht als zusammenhängendes Ganzes existierte. Nur in der weiten Ebene befanden sich die Tipis im Kreis. Doch wenn ihr Kommandant meinte, dass da ein Comanchenlager sei, dann stand es ihnen als Untergebene nicht zu, ihn zu belehren. So ordneten sie sich widerspruchslos seinem Befehl unter. Am Ende der nicht gerade befriedigend verlaufenen Beratung stellte ihm einer seiner Offiziere dann doch noch die Frage, ob er überhaupt schon jemals gegen Comanchen gekämpft hätte. Ein bisschen spät, dachten die anderen, die sich ein Grinsen kaum verkneifen konnten, als sie sahen, dass Smith rot wurde. Der Offizier bekam keine Antwort auf seine Frage und schwieg betreten. Niemand wagte einen weiteren Einwand. Oberstleutnant Smith aber bildete sich ein, sie von seinem Plan überzeugt zu haben, und schwelgte bereits in Kampfeslaune. Endlich gab es etwas zu tun. „Packen wir es an!“, rief er seinen Männern mit gewichtiger Miene zu und rieb sich die behandschuhten Hände. Er wollte endlich Erfolge verbuchen und setzte seinen Plan auch sofort in die Tat um. Dafür musste die Artillerie als Erstes den Flussabschnitt mit dem großen Baum, den sie von hier aus einsehen konnten, erreichen. Nach Angabe des Pawnee sollten die Tipis der Comanchen ja von dort aus eine halbe Meile weiter flussaufwärts stehen. Er überließ es dem Captain, wie nahe er an das Lager herankommen wollte. Wenn die Geschütze bereit waren, sollte man es ihm melden. Dafür stellte er einen seiner Männer ab. Bis dahin sollte die Kavallerie bis zum Ende dieses vermaledeiten Dickichts vorgedrungen sein, um in gebührendem Abstand zum Fluss Aufstellung zu nehmen. Dabei setzte er voraus, dass der Fluss in gerader Linie verlief, und legte den Abstand bis dorthin fest – also ihre Marschroute. Der Artillerie musste unbedingt Vorrang eingeräumt werden, betonte er noch einmal. Die Kavallerie sollte sich noch zurückhalten und auf sein Angriffssignal warten; so war der Plan.
Smith, der seine ganze Taktik auf die Feuerkraft der Geschütze setzte – schließlich hatte er ja selbst in dieser Waffengattung gedient, hatte vor, die Tipis zu beschießen, um dann die flüchtenden Comanchen mit der Kavallerie abzufangen. Ein paar Treffer sollten reichen, um die ganze Bande aufzuscheuchen. Durch sein Fernrohr hatte er inzwischen die hoch aufragenden Felsen auf einem Berg voller Geröll und Steine entdeckt. Eine Flucht nach dort würde schwierig werden, wenn nicht gar unmöglich. Sollten sie versuchen, auf die andere Seite des Flusses zu entkommen, war das wahrscheinlich auch ihr Todesurteil, denn das Ufer des Flusses ließ er ja beschießen. Und über die Hügel im Osten? Das fand er absurd. Bis dahin – durch die Reihen der Kavallerie – würden sie es niemals schaffen. Seiner Meinung nach befand sich die Pferdeherde ja diesseits des Flusses, sicher in der Nähe der Tipis, und würde nach dem ersten Beschuss die Flucht ergreifen – davon war er überzeugt. Seine Reiterei und die Artillerie würden die Comanchen in die Zange nehmen. Sie hatten keine Chance.
Sein Adjutant, der während der kurzen einseitigen Beratung etwas betreten geschwiegen hatte, trat jetzt zu ihm. Zaghaft schlug er vor, man könnte doch einen kleinen Trupp Männer erst einmal näher an die Tipis heranschicken, bevor man weitere Entscheidungen traf. Ihm war nicht entgangen, wie sich die Pawnee mit Blicken verständigt hatten, um dann im Dickicht abzutauchen. Außerdem schlug er vor, dass ein Teil der Kavallerie die Hügel im Osten besetzen sollte. Smith lehnte das mit einer unwirschen Handbewegung rundweg ab. Er allein hatte hier die Befehlsgewalt, und das sollte auch so bleiben. Sein Kommando, seine Entscheidung, sein Sieg. Der Adjutant konnte nur den Kopf schütteln. Hier, in diesem unzugänglichen Gelände – sogar die Sicht auf den Verlauf des Flusses war ihnen verwehrt – war seiner Meinung nach die Artillerie völlig fehl am Platz. Er fragte sich, wohin sie wohl zielen sollte, wenn sie nicht einmal wussten, wo der Feind genau steckte. Irgendwo auf das Ufer des Flusses vor ihnen? Die Angaben des Pawnee befand er als viel zu vage. Vielleicht war der Captain ja so weitsichtig und schickte einen seiner Männer den Fluss hinauf, bevor er seine Geschütze ausrichtete. Doch dieser Smith würde sich von ihm nichts sagen lassen. Wären die Comanchen im Canyon gewesen, dann läge die Sache anders. Sie hätten den Aus- und den Eingang besetzen und sie von oben aus beschießen können. Aber so – der Adjutant zuckte die Schultern, während er meinte: „Die Pawnee sind verschwunden – haben anscheinend eine Heidenangst vor den Comanchen. Auch wir sollten etwas vorsichtiger sein.“
Smith betrachtete ihn einen Moment lang mit gerunzelter Stirn. „Sollen sie doch Schiss haben“, sagte er hochmütig. „Und was die Vorsicht betrifft: Schließlich sind wir in der Überzahl. Die wenigen Spuren, die die Pawnee gefunden haben, bedeuten doch wohl, dass diese Bande hier nicht gerade zahlreich ist. Mit denen werden wir leicht fertig.“
Während sich sein Adjutant mit zusammengepressten Lippen entfernte, schaute er sich grimmig um. Die verdammten Pawnee waren doch tatsächlich verschwunden. Indianer eben – alles elendes Gesocks. Als Spurensucher waren sie ja noch zu gebrauchen – aber ansonsten traute er ihnen nicht über den Weg. Smith saß auf und schickte die Artillerie mit einem seiner Männer in Richtung Fluss.
Er hätte dem Pawnee mehr Beachtung schenken sollen. Selbst kannte er den genauen Verlauf des Colorado River des Südens, wie er genauer hieß, nur flüchtig und kramte jetzt in seinen Erinnerungen. Es wäre besser gewesen, er hätte sich auf diesen Ritt hierher gründlicher vorbereitet. In seiner Arroganz war er nicht auf diese Idee gekommen. Was er wusste, war nur das, was er irgendwann einmal auf einer Landkarte in seinem Büro gesehen hatte – und auf der in Fort Concho.
Sein Versäumnis, sich dort die Aufzeichnungen des derzeitigen Kommandanten anzusehen, bereute er jetzt. Bisher hatte er nicht mehr als den vielleicht 30, 35 Fuß breiten Streifen Wasser, der in der inzwischen niedrig stehenden Sonne durch dichten Baumbewuchs und einen großen Baum hervorglitzerte, gesehen. Den hatte auch der Pawnee gemeint. Smith war entgangen, dass er nur von drei Tipis gesprochen hatte. Drei Finger – drei Tipis, kein Comanchenlager. Für die Artillerie war seine Aussage der einzige Anhaltspunkt. Dieses Ziel vor Augen, bahnten sie sich jetzt einen Weg durch das Dickicht in Richtung Fluss. Nach der Hälfte der Strecke atmeten die Männer auf. Von hier aus kamen sie bedeutend leichter voran. Der Captain ließ seine Leute nahe am Fluss weiterziehen, nach diesem großen Baum Ausschau haltend. Etwa eine halbe Meile weiter sollte sich ja das Lager der Indianer befinden. Nachdem er ihn gefunden hatte, ließ er seine Männer noch so weit vorrücken, dass sie endlich ihre Geschütze in entsprechender Entfernung ausrichten konnten. Nachdem das geschehen war, schickte er den ihm mitgegebenen Mann wieder zurück. Nun mussten sie nur noch auf den Befehl zum Beschuss warten.
Die Kavallerie quälte sich unterdessen noch ein gutes Stück durch das Unterholz, bis sich das dichte Gestrüpp endlich lichtete und sie auf besseres Gelände stießen. Die allgemeine Laune hatte sich mit einem Schlag gebessert. Nun, da sie alle wussten, es ging bald los, konnten sie es kaum noch erwarten. Smith ließ anhalten, und da kam auch schon der Mann von der Artillerie zurück, um Meldung zu machen. Bevor er den Befehl zum Beschuss erteilte, wollte er mehr über das vor ihm liegende Gelände wissen. Von den Pawnee ließ sich niemand mehr blicken. Keiner von ihnen würde sich freiwillig in die unmittelbare Nähe eines Comanchenlagers begeben. Diese angeworbenen Scouts unterschätzten keineswegs die Lage. Inzwischen befand sich die Kavallerie direkt gegenüber der Artillerie. Der Abstand zwischen ihnen belief sich auf weniger als eine Viertelmeile.
Ein Sonnenstrahl traf auf eines der Rohre, und Oberstleutnant Smith konnte sich selbst davon überzeugen. Er befahl der Kavallerie, in gerader Linie von ihnen weiter flussaufwärts zu reiten und dabei den Abstand zur Artillerie einzuhalten. Flussaufwärts? Er wusste ja nicht einmal, wo genau der Flussverlauf war.
Es herrschte allgemein eine angespannte Stimmung. Die Soldaten – auf ihren Pferden sitzend, nachdem sie etwa eine halbe Meile in gerader Linie weiter Halt gemacht hatten – warteten auf das Signal zum Angriff.
Noch war es nicht so weit. Smith fand einen etwas erhöht liegenden Platz, von dem aus er durch sein Fernrohr das Gelände besser überblicken konnte. Südlich von hier, in etwas weniger als einer Viertelmeile Entfernung, erkannte er ein kleines Stück von dem breitgetretenen Weg, der ihm zuvor schon aufgefallen war. Wohin er führte, konnte er allerdings wegen des dichten Gesträuchs nicht erkennen. In den Steigbügeln stehend suchte er noch einmal gründlich die Gegend ab. Im Süden musste eine offene Fläche sein und der Wald enden, vermutete er. Im Osten erkannte er die sich dort hinziehende Hügelkette. Wie eine Barriere, dachte er. Vielleicht wäre es doch kein so schlechter Gedanke gewesen, dort eine Abteilung Kavallerie zu postieren. Dazu war es jetzt allerdings zu spät.
In einer halben Stunde etwa würde die Sonne untergehen. Seine Männer waren bereit. Sobald er den Befehl zum Beschuss gab, sollten sie sich dem Fluss gegenüber nach beiden Seiten hin auffächern und Aufstellung nehmen. So würden sie die Comanchen erwarten. Smith war nicht im Mindesten beunruhigt, dass sie vorzeitig entdeckt werden könnten. Wenn er etwas über Comanchen wusste, dann war es die Tatsache, dass sie niemals Wachen aufstellten, weil diese arroganten Dummköpfe sich einbildeten, es nicht nötig zu haben. Sie waren so sehr von sich eingenommen, dass sie immer noch der festen Überzeugung waren, ihnen gehörten die südlichen Plains. Doch die Zeiten hatten sich geändert, und das war sicher noch nicht bis zu ihnen vorgedrungen.
Smith lachte still vor sich hin. Nun gut, sollten sie eben die Konsequenzen ihrer Arroganz zu spüren bekommen. Er war hier, um ihnen diese Lektion aufs Fell zu brennen. Aufgeregt wegen des kurz bevorstehenden Angriffs nahm er sein Fernrohr wieder zur Hand und suchte erneut das vor ihm liegende Gelände ab. Südwestlich von ihm konnte er den Fluss und den großen Baum davor sehen, den der Pawnee vorhin erwähnt hatte. Eine halbe Meile weiter also standen die Tipis der Comanchen – dachte er. Um noch Genaueres erkennen zu können, ritt er ein Stück in Richtung Artillerie. Sich erneut in die Steigbügel stellend, suchte er nach den gesichteten Tipis. Da begann sein Herz schneller zu schlagen. Die Enden der Stangen mit dem Rauchabzug von drei Tipis tauchten in seinem Fadenkreuz auf. Doch seiner Meinung nach waren sie viel zu weit vom Fluss entfernt. Aufgeregt schwenkte er das Fernrohr hin und her. Da war er wieder, dieser ausgetretene Weg. Es schien, als führte er an den drei Tipis vorbei, dann verlor er sich wieder zwischen den Bäumen. Er starrte durch sein Fernrohr, aber mehr war von seinem Standort aus nicht zu sehen. Entschlossen schickte er den neben ihm wartenden Mann mit dieser Information und dem Befehl zum Beschuss wieder zur Artillerie zurück. Ihm nachblickend atmete er erleichtert auf. Die lange Zeit des Wartens war endlich vorüber. Lässig winkte er seinen Adjutanten heran und gab ihm Order, die Männer sich auffächern zu lassen.
Während das geschah, tauchte neben ihm sein First Lieutenant auf, dem er mit einem Nicken in die Richtung der drei Tipis das Fernrohr reichte. „Schaut hin, dort ragen drei Tipis aus den Bäumen hervor. Der Pawnee hatte recht, dort befindet sich das verdammte Comanchenlager.“
Der Mann zog seinen Hut tief ins Gesicht, damit man nicht sehen konnte, dass er sich ein Schmunzeln verbiss. „Mit Verlaub, Oberstleutnant, aber das sind Comanchen. Wir sind nicht in den Weiten der Plains. Deren Tipis stehen hier weder im Kreis noch dicht beisammen“, bemühte er sich um einen sachlichen Ton.
„Das weiß ich, Mann“, herrschte Smith ihn mit gedämpfter Stimme wider besseres Wissen an, doch sein Magen verkrampfte sich. „Auf jeden Fall sind dort Tipis – das seht Ihr doch wohl selbst!“
„Weitere werden hinter den Bäumen flussaufwärts stehen“, beschwichtigte ihn der First Lieutenant, aber seine Stimme war unsicher. Was war, wenn der Fluss nicht geradeaus verlief, sondern dort eine Biegung auf ihre Stellung hier zu machte und die Tipis da standen? Dann, so überlegte er, hatten sie ein Problem. Würde der Captain der Artillerie dem Fluss folgend zu schießen anfangen? Welch ein Irrsinn! Seine Leute wären in Gefahr, von den eigenen Kugeln getroffen zu werden. Sie konnten die Kavallerie nicht so nahe wie geplant vorrücken lassen.
Smith nickte aufatmend, sein Stutzen nicht bemerkend – und dann schwieg er. Weil kein weiterer Kommentar mehr kam, schickte Smith den First Lieutenant weg und schob das Fernrohr zusammen, behielt es aber in der Hand. Was der Mann da gesagt hatte, beschäftigte ihn dann doch. Comanchentipis stehen nicht zusammen? Was war dann aber mit diesen drei? Es wollte ihm nicht recht in den Kopf. Diese drei Tipis sollten nicht ein Teil des Lagers sein? Verwirrt fragte er sich, wo der Rest von ihnen steckte. Hinter den Bäumen, flussaufwärts? Davon hatte der Pawnee nichts gesagt. Sollte er sich mit drei popligen Tipis zufrieden geben? Er atmete noch einmal tief durch. Der Pawnee hatte gesagt – was noch einmal? Ja, fiel es ihm wieder ein. Frauen, Krieger und viele Pferde. Jawohl. Seine bisherigen Erfahrungen mit Indianern waren gleich null – bis auf die tapferen, mutigen Cherokee, die im Bürgerkrieg auf Seiten der Rebellen – seiner Seite – gestanden hatten. Sein Wissen hatte er lediglich aus den Berichten geschöpft, die auf seinem Schreibtisch gelandet waren und die er sich genau durchgelesen hatte, um sie danach abzuheften. Dort war die Rede von völlig zerstörten Zeltdörfern gewesen – ein Kinderspiel für die siegreiche Armee. Zahlen von gefangenen und toten Indianern waren ihm in die Hände gefallen, und Angaben über massenhaft vernichtete Nahrungsmittel waren genauestens aufgeführt. Das hier verlief irgendwie anders. Allmählich fragte er sich, was ihn wohl geritten hatte, sich so emsig um ein Kommando im Westen zu bemühen. Es hatte ihn sogar Bestechungsgeld gekostet, um aus diesem vermaledeiten Büro herauszukommen. Nur der Fürsprache eines befreundeten Offiziers aus den alten Tagen und einem etwas geschönten Lebenslauf hatte er es letztendlich zu verdanken, dass er auf diesem Posten gelandet war.
Was, zum Teufel auch, hatte er falsch gemacht? Wieder blickte er durch sein Fernrohr, dann zurück zu seinen Leuten, und verwünschte die Pawnee-Späher, die nicht einmal richtig Englisch sprachen. Er war sowieso schon skeptisch gewesen, als man sie ihm vor ein paar Wochen übergeben hatte, und hatte immer ihre Nähe gemieden. Jetzt mochten sie sonstwo sein. Missmutig winkte er seinen Adjutanten wieder zu sich heran. Wenigstens der sollte in Reichweite bleiben, um Befehle schnell weitergeben zu können.
5. Kapitel
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, Schatten legten sich über die Männer. Sie warteten jetzt ungeduldig auf den nächsten Befehl. Einige von ihnen machten sogar schon Witze oder erzählten sich Schauergeschichten von vergangenen Überfällen, die sie angeblich selbst miterlebt hatten. Die Mehrzahl jedoch überprüfte noch einmal gewissenhaft die Funktionstüchtigkeit ihrer Waffen.
Smith blickte auf seine Uhr. Die Haubitzen mussten jede Minute losdonnern. Eine gut gezielte Ladung dorthin, wo er die drei Tipis gesichtet und – irrtümlich? – für das ganze Lager gehalten hatte, lautete sein Befehl. Es musste das Lager sein. Er konnte sich doch nicht dermaßen getäuscht haben? Der Pawnee hatte doch auch gesagt – ach was, er schob die zweifelnden Gedanken endgültig beiseite. Hier stand er mit seiner Truppe, bereit, loszustürmen. Seiner Überzeugung nach mussten bereits nach dem ersten Einschuss fliehende Comanchen auftauchen, direkt in das Fadenkreuz der Kavallerie, die gegenüber dem Flussverlauf, wie er ihn sich vorstellte, in Reih und Glied aufgereiht war.
Die Minuten verstrichen. Der Mann musste bereits bei der Artillerie angekommen sein und seinen Befehl übermitteln. Jetzt, ja, jetzt. Mit einer galanten Handbewegung bedeutete er dem etwas abseits stehenden jungen Trompeter, auf sein Zeichen zu warten. Sobald die ersten Einschüsse zu hören waren, sollte die Kavallerie noch näher zum Fluss hin vorrücken, um so die flüchtenden Comanchen zu erwarten. Der Captain der Artillerie gab das Zeichen zum Beschuss.
Hoch aufgerichtet saßen die Männer der Kavallerie in ihren Sätteln und warteten. Wummm! Der erste Einschlag zerriss die Stille. Ein Schwarm Vögel schwirrte entsetzt auf, flatterte über die Bäume und verschwand den Fluss hinauf in der Ferne. Der Trompeter bekam sein Zeichen und schmetterte los. Die Kavallerie setzte sich in Bewegung. Oberstleutnant Smith hob sein Fernrohr und schaute hindurch. Am liebsten wäre er jetzt dort bei den Geschützen gewesen. Der nächste Einschuss ließ auf sich warten. Schon wollte er ungeduldig werden. Wummm, das zweite Geschütz feuerte. Er stellte es sich vor, wie die Männer nachluden, emsig hin- und herliefen; jeder Handgriff musste sitzen. Inzwischen hatte die Haubitze bestimmt schon eine Bresche zwischen den Bäumen gerissen und den Blick auf die zerfetzten Tipis freigegeben. Aus dieser Richtung sah er jetzt jedenfalls Rauch aufsteigen. Zufrieden wandte er sich der Kavallerie zu, die wartend in den Sätteln saß. Pferde schnauften unruhig, stampften aufgeregt den Boden. Die Luft war dick vor Nervosität. Alles wartete nur noch auf den Befehl ihres Oberstleutnants.
Der Captain der Artillerie fluchte. In dem unübersichtlichen, vor ihnen völlig zugewachsenen Dickicht hatte er das eine Geschütz nach den Angaben Smiths geradeaus auf das vor ihm liegende Flussufer ausgerichtet und ließ seine Leute feuern.
Irgendetwas stimmte nicht. ‚Ich hätte jemanden nach vorn schicken sollen, um den genauen Verlauf des Flusses samt den verdammten Tipis auszukundschaften‘, wurde ihm jetzt klar. Warum, zum Teufel auch, habe ich mich auf diesen neunmalklugen Smith verlassen! Er fluchte noch einmal, diesmal lauter. Nein, sie konnten die Tipis nicht getroffen haben, dafür war es nach diesem ersten Schuss viel zu leise geblieben. Keine Schreie, keine flüchtenden Comanchen – nichts.
„Zu kurz, verdammt, viel zu kurz“, mutmaßte er deshalb laut brüllend von seinem Aussichtsposten aus – einem überhängenden Baum, bis zu dem er sich vorgewagt hatte. Nun hing er dort über dem Wasser. Zeichen zu seinen Leuten hin machend, deutete er nach vorn. So schnell sie konnten richteten sie die Haubitzen neu aus. Wieder hob er die Hand, als wollte er seinen Männern damit Einhalt gebieten, lehnte sich weiter nach vorn und starrte über den Fluss auf die Ebene davor. Es war ihm, als hätte er von dort einen Reiter kommen gesehen. Nein, wahrscheinlich täuschte er sich, denn jetzt war da nichts mehr. Abermals ging eine der Kanonen los. Bäume fielen krachend in sich zusammen. Der Captain war noch immer nicht zufrieden. „Neu ausrichten, los, weiter vor“, schrie er und klammerte sich an den über das Wasser hinausreichenden Ast. Am liebsten hätte er selbst Hand angelegt – es dauerte ihm alles viel zu lange. Seine Männer gehorchten und schoben eine der Haubitzen weiter nach vorn.
„Macht schon, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit“, schrie er mit aufgeregter, lauter Stimme überflüssigerweise seine Leute an. Wenn er davonlaufende Rothäute zu sehen erwartet hatte, sah er sich getäuscht. Es war ihm durchaus bewusst, dass sie nicht nur so in die Luft hineinballern konnten. Was dieser Smith da befohlen hatte, war einfach nur unüberlegt und dumm. Um Comanchen zu erwischen, dazu gehörte schon mehr. Der verdammte Smith mit seinen unausgereiften Ideen! Warum, um alles in der Welt, hatte er sich nur darauf eingelassen? Inzwischen schoben und wuchteten seine Männer die beiden Haubitzen Stück für Stück weiter das Ufer entlang. Die Männer schwitzten, von Insekten umschwärmt, die sich hier in der Niederung anscheinend alle verabredet hatten. Der Captain schaute auf seine Uhr. Acht Minuten waren seit dem ersten Einschuss vergangen.
Das Geschütz jaulte laut auf – mit einem ohrenbetäubenden Krachen zischte die nächste Ladung durch die Luft. Wummm! Eine Wasserfontäne spritzte auf.
„Was, zum Teufel, soll das denn?“, schrie der Captain von seinem Posten aus. „Ihr sollt nicht das Wasser beschießen, verdammt noch Mal, sondern das Ufer.“
Dann, plötzlich die Ursache erahnend, hangelte er sich noch weiter vor. Ohne zu zögern glitt er in den Fluss hinein, brachte sich mit ein paar kräftigen Schwimmstößen bis in die Mitte und ärgerte sich, das nicht schon früher getan zu haben. Denn jetzt erkannte er, dass der Fluss hier nicht schnurgerade verlief, wie Smith, dieser Schwachkopf, behauptet hatte, sondern eine Biegung nach Osten machte. Unter zerschossenen Weiden hindurch sah er jetzt drei Tipis. Sie standen vor der Biegung. Die ganze Zeit über waren sie von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Verdammt! Statt die Tipis zu beschießen, hatten sie die Ebene auf der anderen Seite des Flusses getroffen – und jetzt sogar das Wasser. Ihr erster Schuss ging nicht an das diesseitige, sondern an das jenseitige Ufer. Der Fluss hatte sich sozusagen weggeduckt. Der Gedanke ließ ihn beinahe hell auflachen, wenn es nicht so ernst gewesen wäre. Oh ja, der Fluss hatte sich weggeduckt, war ihnen ausgewichen, so eine Scheiße!
Dann schwamm der Captain ans Ufer zurück. Einer seiner Männer reichte ihm die Hand, um ihm am Ufer hochzuhelfen.
„Verflucht aber auch“, schnappte er. „Der Fluss macht genau dort vorn eine Biegung nach Osten!“
Er lachte hysterisch auf. Seinen Männern in die schmutzigen Gesichter blickend, bekam er sich wieder in den Griff. Der nächste Satz war mehr an sich selber gerichtet als an den Mann, der ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. „Ich habe mich zum Narren machen lassen, und Smith ist der Obernarr. Wenn wir jetzt dem Flussverlauf folgen, wie ja der Befehl lautet, kommen wir der aufgereiht wartenden Kavallerie so nah, dass wir unsere eigenen Leute beschießen!“
Oberstleutnant Smith blickte wieder durch sein Fernrohr und suchte in Richtung Fluss. Er schwenkte es hin und her, fand wieder die Tipis. Wieder fiel ihm auf, dass sie viel zu weit entfernt vom Flussverlauf, wie er ihn sich dachte, standen. Hatte der Pawnee nicht gesagt, sie stünden am Fluss? Wummm! Pfeifend flog die nächste Ladung über die Bäume hinweg, da sah er durch sein Fernrohr hindurch, wie eine Wasserfontäne aufspritzte. „Scheiße!“, ungläubig starrte er dorthin. „Scheiße, dort ist ja Wasser – wieso ist dort Wasser?“ In diesem Moment wurde ihm alles klar. Der Pawnee hatte recht gehabt. Die Tipis standen tatsächlich am Fluss, doch der verlief nicht geradeaus, sondern er machte hier eine Biegung nach Osten, direkt auf ihre jetzige Position zu. Aufgeregt suchte er noch einmal die Gegend ab. Jetzt waren die Tipis auf einmal verschwunden. Darauf konnte er sich erst recht keinen Reim machen. Verwundert rieb er sich die Augen. Nein, keine einzige Zeltspitze war mehr zu sehen.
Vielleicht waren sie ja doch getroffen wurden? Aber dann hätten sie ja im Wasser stehen müssen; dieser blöde Gedanke machte ihn total verrückt. Wo sind diese verdammten Tipis jetzt hin? Leise fluchend beschlich ihn eine Ahnung. Nein, unmöglich – sie konnten nicht weg sein, nicht so schnell. Die Reiterei stand immer noch angriffsbereit und wartete. Sollte er sie jetzt noch etwas näher in Richtung Fluss losschicken, um die Comanchen abzufangen? Seine Hände, die sich um den Zügel krampften, zitterten, denn jetzt wusste er, dass sie dem Fluss schon viel zu nahe waren. Wenn das stimmte, und er machte dort einen Bogen, dann gerieten sie höchstwahrscheinlich in die Schusslinie seiner eigenen Artillerie, wenn die dem Flussverlauf wie befohlen folgte. Sicher ließ der Captain seine Leute mit den Geschützen weiter vorrücken. Nur, dass sie jetzt dabei der Kavallerie in die Quere kamen. Eigentlich müsste der Captain das doch selber erkennen. Aber konnte er sich darauf verlassen? Würde er nicht seinerseits denken, dass er, Smith, die Kavallerie auf Abstand hielt? Aber was wurde dann aus ihrem Angriff auf das Lager? In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Einen Augenblick lang war er versucht, dem Trompeter einfach das Zeichen zum Angriff zu geben. Vorwärtsstürmen, zum Fluss hin, Comanchen töten!
Nein, das war unmöglich. Sie waren hier an Ort und Stelle gebunden, erkannte er schaudernd. Eigentlich bereits viel zu nahe am Fluss. Schon in der Schusslinie der Artillerie? Er hoffte, nicht.
Der First Lieutenant, der unbemerkt an ihn herangeritten war, musterte ihn mit gerunzelter Stirn.
Seine Gedanken erratend, meinte er: „Die Rothäute haben diese drei Tipis, die wir vorhin gesehen haben, abgebaut und sind verschwunden, Herr Oberstleutnant. Die Artillerie hat sie nicht zu uns gescheucht. Wir stehen hier fehl am Platz. Die Angaben dieses Pawnee waren entweder falsch, oder Ihr habt sie nicht richtig verstanden.“
Der Oberstleutnant überhörte den Tadel; ja, ihm war durchaus bewusst, dass es stimmte. Mitten in seinen Überlegungen unterbrochen, schreckte er hoch. Sein Gesicht, das eine dunkelrote Farbe angenommen hatte, war völlig erstarrt. Ja, genau das Gleiche hatte er eben auch gedacht. Das bringt meine ganze Taktik durcheinander, wurde ihm endgültig klar. Es musste ihm etwas anderes einfallen – sofort. „Das wissen wir nicht genau, First Lieutenant Stones“, sagte er deshalb, um Zeit zu gewinnen. „Ich an Ihrer Stelle würde mich mit solchen Mutmaßungen zurückhalten – das kann Sie Ihre Stelle kosten.“ In hoch aufgerichteter, stolzer Haltung – der teure Sattel machte es möglich – wies er seinen Untergebenen zurecht. Glaubte er selber noch, was er da sagte?
Der First Lieutenant jedenfalls zog wütend seine Stirn in Falten. Smith konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er an seinen Fähigkeiten zweifelte. Einen Blick auf den Trompeter neben ihnen werfend und einen auf seinen Vorgesetzten, presste Stones, sich kaum noch beherrschen könnend, zwischen nur leicht geöffneten Lippen hervor: „Ist mir scheißegal, was es mich kostet, Oberstleutnant. Wir sollten etwas unternehmen, bevor die verdammten Krieger auf ihren Mustangs sitzen und uns überrennen! Es ist schon viel zu viel Zeit vergangen. Beordert Ihr uns jetzt zum Fluss, der ganz anders verläuft, als wir bisher glaubten, werden wir von unserer eigenen Artillerie beschossen.“
Während er das sagte, krampften sich seine Hände um den Zügel. Es juckte ihn in den Fingern, diesem arroganten Fatzke von Oberstleutnant seine Faust ins Gesicht zu schlagen. Er hatte leichtsinnig das Leben seiner Kameraden in Gefahr gebracht, und mit seinem Zögern tat er das noch immer. Auch er – genau wie die halbe Kavallerie – hatte ja die Wasserfontäne gesehen und seine Schlüsse gezogen. Plötzlich hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. Begriff Smith das denn nicht? Sie mussten sich der neuen Situation anpassen. Der Captain der Artillerie jedenfalls würde das tun; dessen war er sich sicher.
„Die Geschütze – sie müssen weiter den Fluss hinauf, egal, wie viele Biegungen er auch noch macht“, rief Smith, ihn ignorierend, und schaute sich suchend nach einem Mann um, der diesen Befehl hinüber zur Artillerie bringen konnte.
„Er windet sich wie eine Schlange“, fiel sein First Lieutenant ihm ins Wort. Dann, richtig wütend: „Ihr wollt doch jetzt nicht etwa jemanden mit diesem Befehl da rüberschicken? Und uns solange hier tatenlos schmoren lassen? Der Captain wird seine Geschütze flussaufwärts schicken. Besser wäre es, Ihr ließet die Artillerie schweigen und uns zum Fluss hinüberreiten, um das Ufer nach den verdammten Rothäuten abzusuchen. Vor allem nach den Tipis, die die Pawnee Euch ja gemeldet haben.“
Diese Maßregelung seines Vorgesetzten war gewagt, aber das war dem Mann jetzt egal. Seine Finger öffneten und schlossen sich unaufhörlich, während er auf die Reaktion des Oberstleutnants wartete.
Bewundernswert ruhig reagierte Smith. Um einen sachlichen Ton bemüht, sagte er lediglich: „Warten wir noch einen Moment, Stones. Wir stehen hier gut. Die Artillerie schießt schließlich nicht in den Wald, sondern auf das Flussufer. Die vermaledeiten Rothäute müssen aus ihren verlausten Tipis hervorgekrochen kommen. Diese Aufgabe wird die Artillerie meistern – glaubt es mir.“
„Wenn die Haubitzen nur einen Strich weit abweichen, könnten sie uns …“, verkniff sich der First Lieutenant die nächsten Worte, da der Adjutant plötzlich auftauchte.
„Die Comanchen könnten auch über den Fluss auf die andere Seite wechseln – was dann?“, sagte er, an seinen Vorgesetzten gewandt. Er hatte die Beiden wohl gehört.
Mitten in den erneuten Beschuss hinein rief ihm Smith zu: „Das haben wir doch alles bereits besprochen – oder etwa nicht? Und wir waren uns darüber einig, dass sie das wegen des Beschusses nicht können. Also, Mann, haltet Eure Klappe!“
Der Adjutant biss sich auf die Unterlippe. Er wusste es besser. Allein die Tatsache, dass der Fluss hier eine große Biegung machte, änderte alles. Es war durchaus vorstellbar, dass die Comanchen unbemerkt auf die andere Seite entkamen. Für die Krieger wäre das ein Leichtes. Allein die Tatsache, dass sie ihre Familien bei sich hatten, sprach dagegen.
Smith blickte zuerst seinen Adjutanten und dann den First Lieutenant an. Die Artillerie wird die Comanchen aufscheuchen und uns in die Arme treiben, sagte er sich wieder. Er würde sich nicht anders entscheiden. Sein Adjutant sah stur an ihm vorbei und schwieg. Er wendete sein Pferd und entfernte sich. Der First Lieutenant blickte ihm enttäuscht nach. Der Befehl – und damit die Verantwortung – lag einzig und allein bei Smith. Die Disziplin musste gewahrt werden. Er war nicht bereit, seinen Irrtum, was den Flussverlauf und damit die Konsequenzen betraf, einzugestehen. Es waren die Pawnees, die ihn falsch unterrichtet hatten. Doch statt sich der neuen Situation zu stellen, hielt er hartnäckig das Fernrohr an sein Auge gepresst. ‚Erwartete er etwa, flüchtende Comanchen zu sehen?‘, fragte sich sein First Lieutenant.
Ja, Oberstleutnant Smith erwartete genau das. Egal, ob die Artillerie nun in den Fluss oder daneben geschossen hatte – auf jeden Fall sollten sie die Indianer aufgeschreckt haben. Wieder zog er seine Uhr zu Rate. Zehn Minuten. Seit zehn Minuten tat sich nichts. Abermals strich er mit seinem Fernrohr über die Bäume, die den Fluss vor seinen Blicken abschirmten – dann noch einmal hinüber zu dem seltsamen Pfad. Als hätte es die vorangegangene Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen nicht gegeben, reichte er seinem First Lieutenant das Glas. „Seht Ihr dieses kleine Stück ausgetretenen Weg?“, fragte er, mit dem Zeigefinger deutend. „Dort irgendwo sind sie – ich kann sie förmlich riechen!“
First Lieutenant Stones, ein hartnäckiger Mann, wagte erneut einen Vorstoß. „Mit den Geschützen kommen wir nicht weiter, Sir. Zum Fluss reiten können wir wegen des Beschusses nicht. Noch einmal mein Vorschlag: Schickt jemanden hinüber, und lasst die Geschütze schweigen. Dann sollten wir mit der Kavallerie von hier aus zum Fluss vorrücken, um dort nach den Comanchen zu suchen. Wenn die Artillerie sie aufgeschreckt hat, dann haben wir gute Chancen, sie zu erwischen, bevor sie über alle Berge sind.“
‚Egal‘, sagte er sich, wenn ich mir ihn damit auch nicht zum Freund mache, meine Kameraden sind mir wichtiger! Die Zeit saß ihm im Nacken. Er hatte schon gegen Comanchen gekämpft und wusste, was sie erwartete, wenn sie zu lange zögerten. Es war so, als stocherte man mit bloßen Händen in einem Hornissennest herum.
„Ihr müsst mir nicht sagen, was ich zu tun habe“, maßregelte ihn Smith barsch.
Stones ließ sich nicht einschüchtern. „Wenn die Artillerie noch länger wahllos herumballert, ohne ein direktes Ziel zu haben, müssen wir mit einem Angriff rechnen. Inzwischen werden sich die Krieger formieren, ohne dass Ihr das durch das Fernrohr sehen könnt. Und das, Oberstleutnant, wird gar nicht lustig werden.“ Während er das ziemlich gefasst hervorbrachte, hätte er seinen Vorgesetzten erwürgen können. Oberstleutnant Smith dagegen musterte ihn nur hoheitsvoll. Wagte der Mann es doch tatsächlich, ihn mitten im Kampfeinsatz zu kritisieren?
Den Blick zurück auf seine wartenden Kameraden gerichtet, hatte dieser trotzdem kein schlechtes Gewissen. Wenn Smith nicht mit Kritik umgehen konnte, dann war das sein Problem. Vielleicht würde ihn das einen Verweis kosten, vielleicht aber auch nicht. Männer wie er waren rar im Westen. Das Wohl seiner Leute ging bei ihm über die Befindlichkeit eines Vorgesetzten. Ohne sich weiter um Smiths wütendes Gesicht zu kümmern, harrte er der Dinge auf seinem Pferd. Und doch – seine wartenden Männer betrachtend, beschlich ihn das Gefühl, versagt zu haben, denn erreicht hatte er nichts. Hilflos hob er die Schultern und ließ das Kinn schwer atmend auf die Brust sinken. Seine langjährige Erfahrung als Indianerkämpfer ließ ihn frösteln.
Smiths Gesicht war nach seiner letzten Bemerkung wieder puterrot angelaufen. Vor Wut, weil er nicht gleich eine Antwort wusste, pumpte er Luft.
Der Adjutant, der sich seit seinem Abgang nicht weit entfernt hatte, lenkte sein Pferd neben das des First Lieutenant. Seine Miene verhieß nichts Gutes. Bevor er jedoch nur ein einziges Wort sagen konnte, bellte Smith ihn an: „Wollt Ihr Euch etwa auch noch erdreisten, mich zu belehren?“ Die Hand auf dem Säbelknauf, betrachtete er ihn herablassend.
Der so Angeherrschte verbiss sich die Frage, die er stellen wollte. Kurz streifte sein Blick den First Lieutenant, dann schaute er wieder zu Smith. Die Männer hinter ihnen wurden langsam unruhig, zumal die Artillerie weiter schoss und sie hier untätig herumstanden. Dass die Stimmung zwischen ihren Vorgesetzten nicht gerade die beste war, konnte man sehen und sogar hören. Die ganze Situation verlangte nach einer Entscheidung. Smiths Position als Befehlshaber hatte empfindliche Risse bekommen.
„Noch einmal zum Mitschreiben“, sagte er, sowohl an den First Lieutenant als auch an den Adjutanten gewandt. „Die Späher haben mir berichtet, dass das verdammte Comanchenlager dort ist, wo die Artillerie jetzt hinschießt. Sie belegen das Ufer, und es kann nicht mehr lange dauern, bis wir diese Kreaturen zu sehen bekommen – und zwar flüchtend!“
Entschlossen, stur seinen Plan weiterzuverfolgen, duldete er keinen Widerspruch. Mit diesem First Lieutenant würde er nachher ein Wörtchen reden müssen – und zwar vor versammelter Mannschaft. Ein solches Verhalten konnte er nicht einfach so hinnehmen – nicht bei einem so wichtigen Einsatz. Wohl hatte er die Blicke der ihm zunächststehenden Männer bemerkt. Es würde sich herumsprechen, wenn er Schwäche zeigte. Das ganze Schlamassel, in dem er jetzt steckte, hatte er den verdammten Pawnee zu verdanken. Sie hätten das Gelände vor ihnen gründlicher auskundschaften sollen, anstatt sich vorzeitig zu entfernen. Wo in aller Welt, steckten sie? Dann ging ihm auf, dass er sie ja höchstpersönlich fortgeschickt hatte. Nach einem tiefen Seufzer wandte er sich an seinen Adjutanten: „Kein Comanche wird uns entkommen, dafür werde ich sorgen. Nicht nur, dass wir in der Überzahl sind – auch unseren Waffen können sie nicht viel entgegensetzen.“
Immer noch schweigend nickte sein Adjutant, mit einer Hand den Knauf seines Säbels tätschelnd.
First Lieutenant Stones bewegte kaum merklich den Kopf hin und her. Wie hatte sich Smith das denn gedacht? Da warteten sie hier wie die Katze vor dem Mauseloch, und die Mäuse entkamen durch die Speisekammer. Entschlossen schob der Oberstleutnant das Fernrohr zusammen. Er hatte endlich einen Einfall.
„Nun gut, wir können nicht näher an den Fluss heran, ohne von unserer eigenen Artillerie getroffen zu werden. Da die Comanchen ja sowieso schon wissen, dass wir hier sind: Trompeter, gebt das Zeichen zum Angriff. Unsere Leute werden aus diesem Wald hier herausreiten, weg vom Fluss. Es sieht ganz danach aus, als befände sich hinter diesem vermaledeiten Wald eine große, freie Fläche, dort vor den Hügeln. Während die Artillerie weiter den Fluss hinauf marschiert, wird sie uns den Gegner zutreiben.“ Inständig hoffte er, dass das so einfach wäre.
Ein erleichtertes Raunen ging durch die Reihen der Männer. Endlich hatte das Warten ein Ende. Der First Lieutenant biss sich auf die Unterlippe. Dieser Befehl war schon lange überfällig. Er jedoch hätte die Artillerie schweigen lassen und wäre mit der Kavallerie zum Fluss gestürmt. Seinem Pferd in die Seiten tretend, machte er sich zu seinen Leuten auf.
Oberstleutnant Smith hob die Hand, und einer der beiden Trompeter schmetterte los. Das Signal war noch nicht halb verklungen, als sich die Kavallerie bereits in Bewegung setzte. Ohne den Tross, der zurückblieb, verließen sie zügig den sich lichtenden Wald. Vierzehn Minuten waren seit den ersten Salven vergangen. Smith zögerte, dann winkte er den jüngeren der beiden Trompeter zu sich. „Wir bleiben hier“, befahl er mit einem Blick auf die abziehenden Männer. „Wenigstens bis ich weiß, was der Captain vorhat. Ich habe die Gatling noch nicht gehört, eigentlich hätte sie längst zum Einsatz kommen müssen. Da drüben am Fluss sind Comanchen – ich weiß es. Der Captain soll sie gefälligst vom Fluss wegscheuchen und unseren Männern den Rest der Arbeit überlassen.“ Smith kniff die Augen zusammen, erneut sein Fernrohr ansetzend. Dichter Rauch zog den Fluss entlang und hing schwer über den Bäumen.
6. Kapitel
Die sechsläufige Gatling, ein Überbleibsel aus dem Bürgerkrieg, in dem die US-Armee zwölf Stück im Einsatz an der Front bei Petersburg hatte, stand noch immer unbenutzt und abgedeckt hinter dem Versorgungswagen. Man brauchte vier Männer, um sie zu bedienen.
Nach jeder Salve aus den beiden Haubitzen brachten die Männer die Geschütze ein wenig weiter nach vorn. Dort, wo die Treffer einschlugen, prasselte ein Regen aus Erde, Steinen, Ästen herunter und begrub alles unter sich. Bald konnten die Schützen das Gelände vor ihnen kaum noch erkennen. Nicht mehr lange, und sie würden auf ihre eigene Verwüstung stoßen. Ohne Informationen von Seiten der Kavallerie, die unterdessen zu den Hügeln im Osten ritt, fragte sich der Captain, ob er weiterschießen oder die nächsten Befehle abwarten sollte. Zumal ihm klar war, dass sie jetzt, wo sie den Flussbiegungen folgten, näher als ursprünglich gedacht an die Kavallerie herankamen. Ein einziger Fehlschuss würde die eigenen Leute treffen. ‚Hoffentlich haben sie das schon selber gemerkt und machen sich aus dem Staub‘, dachte er. Doch konnte er sich auf diesen Mann, diesen unfähigen Oberstleutnant überhaupt verlassen? Sollte er den Befehl, mit dem Beschuss innezuhalten erteilen, bis er Genaueres wusste? Was für ihn noch viel schwerer wog, war die Tatsache, dass sie bis jetzt keine Indianer gesichtet hatten. Wir ballern hier in der Gegend rum, sagte er sich wütend, ohne rechtes Ziel. Was ist, wenn die Comanchen irgendwo dort vorn sind, statt hier am Fluss, und die Kavallerie mit ihren Kriegern empfangen?
Entgegen seiner Überzeugung gab er den erneuten Befehl zum Schießen.
Dichte Rauchschwaden hingen über den Bäumen am Fluss. First Lieutenant Stones sah diese Zerstörung mit gemischten Gefühlen. Bis jetzt hatte die Artillerie nichts erreicht. Sie waren auf ihrem Ritt durch den sich lichtenden Wald und dann hier in der Ebene auf keinen einzigen flüchtenden Indianer gestoßen. Er schwenkte mit seinen Männern von den Hügeln weg – jeden Moment darauf gefasst, flüchtende Comanchen aus Richtung Fluss auftauchen zu sehen.
Plötzlich waren sie da. Frauen, Kinder, Travois, beladene Pferde. Sie kamen in Scharen vom Fluss herüber, einen ausgetretenen Weg entlang, der sich bis jetzt ihren Blicken entzogen hatte. Na also. First Lieutenant Stones, dem bei diesem Anblick kurz der Atem stockte, zog den Revolver und spornte sein Pferd zu einer schnelleren Gangart an. Da rissen die Männer vor ihm ihre Pferde herum, so dass die nachfolgenden ausweichen mussten. Von einem Moment auf den anderen kamen ihre geordneten Reihen durcheinander. Männer, die eben noch vor ihm ritten, duckten sich, von Pfeilen getroffen in ihren Sätteln zusammen. Verwirrt stoppte die erste Reihe. Pferde stiegen, gingen zu Boden, rafften sich wieder ausschlagend auf, manchen Reiter unter sich begrabend. Die Männer – harte, erprobte Indianerkämpfer, die Stones ganz vorn bei sich hatte – preschten mit ihm weiter. Rechts von ihnen, vom Fluss her, kam das laute Donnern der Kanonen immer näher. Dann wurde dieser ihnen vertraute Ton von einem anderen überlagert. Einigen stellten sich die Nackenhaare auf, anderen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Ein grässliches Gefühl, dem sich niemand entziehen konnte, ließ sie auf dem Rücken ihrer Pferde erstarren. Furchterregendes Geschrei – mehr ein Kreischen – ließ die Luft vibrieren. Dagegen war das, was die Rebellen im Bürgerkrieg nachzuahmen versucht hatten, geradezu ein Wiegenlied.
Während die Kavallerie nach dem ersten Erschrecken versuchte, die Reihen wieder zu schließen, rasten halbnackte Krieger in gewagten Manövern an ihnen vorbei und verschwanden hinter den Hügeln wie ein Spuk. Ungläubig starrten die Männer, die zum ersten Mal mit Indianern in Berührung kamen, ihnen nach. Die erfahrenen Kämpfer unter ihnen wussten, dass dieser Spuk gerade erst begonnen hatte. Einige Verwundete hingen stöhnend in ihren Sätteln. Nein – so hatten sie sich das nicht vorgestellt. Irgendjemand brüllte laut Befehle. Das Signalhorn schmetterte die Tonleiter rauf und runter: Angriff!
Dann kamen die Comanchen über die Hügel zurück.
Oberstleutnant Smith, neben dem Trompeter auf seinem Pferd sitzend, trieb es aufgeregt nach vorn, um besser sehen zu können. Auch von dieser Position aus konnte er das Geschehen vor sich nur erahnen. In dem Geräusch der Geschütze vom Fluss her und den Einschlägen ging alles andere unter.
Im nächsten Moment übertönte der Kriegsruf der Comanchen alles.
Für Smith war es das erste Mal, dass er diese Art, über den Gegner Angst und Schrecken zu verbreiten, erlebte. Denn das war es, was ihm die Härchen auf den Armen sich aufstellen ließ. Nackte Angst. Unwillkürlich bekreuzigte er sich und blickte zu dem jungen Trompeter, dem das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. Seine Uniformjacke hatte vorn und auf dem Rücken vom Schweiß dunkle Flecken bekommen. Im Schritt war seine ausgebleichte Hose verdächtig feucht. Smith sah es mit gemischten Gefühlen. Beklommen öffnete er die obersten Knöpfe seiner Uniformjacke. Wieder zum Fluss hin blickend, konnte er jetzt ein Stück offenes Wasser erkennen. Die Geschütze hatten ganze Arbeit geleistet. Ein Gefühl der Überlegenheit ergriff von ihm Besitz, machte ihn sicher. Wir kämpfen hier gegen primitive Wilde, sagte er sich. Mit Pfeil und Bogen haben sie gegen unsere Kanonen und Gewehre keine Chance. So sah er das noch immer. ‚Es müsste ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir diese Rothäute, die ihre Frauen und Kinder an der Backe haben, nicht besiegen könnten!‘ Schwer atmend stützte er sich mit einer Hand auf den Sattelknauf, mit der anderen führte er das Fernrohr wieder an sein Auge.
Durch den Rauch, der sich nur langsam lichtete, hatte der Captain einen besseren Blick auf das vor ihnen liegende Ufergelände. Da waren sie endlich, die Tipis. Manche bereits halb abgebrochen, so dass nur noch die Gerüste standen, andere schon auf Travois geladen. Frauen liefen eilig neben vollbepackten Pferden her; Kinder halfen, wo sie konnten. Kurzum, er sah – seinem Empfinden nach – ein heilloses Durcheinander. Eine Schar halbwüchsiger Kinder lief gerade in Richtung Fluss und verschwand hinter Bäumen. Als sie wieder auftauchten, saßen diese kleinen Mistkerle, von denen zwei noch kaum laufen konnten, mit ihren nackten Hintern auf Pferden, weitere Tiere geschickt im Schlepp an langen Leinen führend. Wie machten sie das nur?
Widerwillig musste er zugeben, dass ihm das imponierte. Sein Herz krampfte sich zusammenn und er bekam weiche Knie. Kurz zuvor hatte er noch überlegt, die Gatling einzusetzen; jetzt aber verwarf er diesen Gedanken ganz schnell wieder. Nicht, dass die Entfernung zu ihnen ein Hindernis gewesen wäre. Nein, die Reichweite stimmte. Plötzlich hatte er Hemmungen, auf wehrlose Kinder und Frauen zu schießen. Das würde ein Blutbad geben, sagte er sich schaudernd. Wieder blickte er in die Richtung, wo er eben noch die Kinder gesehen hatte; da waren sie verschwunden. Gottlob. Verdammt, was war nur mit ihm los?
Smith hatte bei ihrer letzten Besprechung noch gesagt: Wenn sie sich nicht freiwillig ergeben, dann machen wir sie alle nieder – alle, keine Gefangenen; wir vertilgen sie von der Erde. Jetzt musste er sich die Frage stellen, ob er ihnen diese Möglichkeit des Kapitulierens denn überhaupt gelassen hätte. Er selber war dieses Tötens müde. All die Jahre unter Mackenzie hatte er nur gegen Krieger gekämpft.
Frauen und Kinder wurden weitestgehend verschont, wenn es nur irgendwie ging. Aber das hier?
Erwartete Smith etwa von ihm, mit den Geschützen direkt auf Frauen und Kinder zu schießen? Bisher hatten sie nur auf Tipis mit der Absicht, sie von dort aufzuscheuchen, gezielt. Ihm machte es nichts aus, Krieger zu verfolgen, um sie zu töten. Sie oder ich – leben oder sterben. Während ihm das jetzt durch den Kopf ging, warteten seine Männer auf den nächsten Befehl. Die Frauen und Kinder vor ihnen waren nicht zu übersehen. Kinder, deren kleine Hände sich in die Mähne ihrer Pferde krallten.
„Wartet, bis sich die Rohre abgekühlt haben“, sagte der Captain und bedeckte mit einer Hand die drei goldenen Balken auf seiner Schulter. Auf einmal schien alle Kraft aus ihm gewichen zu sein. War das hier noch sein Kampf? Sein Leben? Müde blickte er sich um. Die Männer sahen aus wie die Schweine: schwarz verschmiert, verschwitzt, einige bluteten, ihre Gesichter und die Hände zum Teil mit Brandwunden bedeckt. Nein, sie hatten sich nicht geschont. Auch die Pferde standen erschöpft an der Seite. Sie alle hatten getan, was sie konnten, um – ja, was?
Er holte tief Luft. Um Menschen umzubringen. Das hier sollte sein letzter Einsatz sein, schwor er sich.
Oberstleutnant Smith fragte sich indessen ziemlich erbost, warum die Gatling noch immer nicht zum Einsatz kam. Durch sein Fernrohr hatte er eine flüchtende Schar Frauen mit Kindern gesehen und fluchte erneut. Irgendwie kam er sich wie ein Befehlshaber auf verlorenem Posten vor und wollte doch jemand sein, der seine Truppen zum Sieg führte. Entschlossen wandte er sich an seinen Trompeter, um ihn zur Artillerie hinüberzuschicken. Der Junge, nicht älter als vielleicht sechzehn Jahre, sollte dem Captain den Einsatz der Gatling eindringlich befehlen. Ungeduldig blickte er ihm nach. Dann bugsierte er sein Pferd mit einem leichten Schenkeldruck hinter eine Baumgruppe aus schlanken Erlen. Die Gatling blieb noch immer stumm, jetzt ebenfalls die beiden Haubitzen. Nun ja, sie mussten neu bestückt werden. Vielleicht waren auch die Rohre inzwischen zu heiß geworden.
Der Trompeter kam zurück. Smith nahm seine Antwort, die Gatling hätte Ladehemmung, als das hin, was sie war: eine Lüge. Ladehemmung? Dafür hätte sie erst einmal schießen müssen. Doch was sollte er machen? Die 80 Männer, die der Captain um sich hatte, waren eine eingeschworene Truppe. Sie würden ausnahmslos zu ihm halten. Erneut hob er sein Fernrohr ans Auge. Ich sollte diesen Wald verlassen und nachschauen, was meine Männer inzwischen erreicht haben, dachte er, da lief ihm ein Schauer über den Rücken. Das Geschrei der Comanchen übertönte erneut sämtliche andere Geräusche. Nervös suchte er die Gegend vor sich noch einmal ab. Rauchschwaden lösten sich in Richtung Fluss nur langsam auf. Die Bäume, die noch standen, hatten ein weiß-grau-schwarzes Aussehen angenommen, als läge alles unter einer riesigen wabernden, nebelhaften Glocke.
Um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, musste er näher heran. Ein seltsames Gefühl stieg in ihm hoch – Vorahnung? Da winkte er dem Trompeter, ihm zu folgen. Sie beide waren die Einzigen, die noch hier waren. Langsam ritten sie durch den sich vor ihnen lichtenden Wald. Die kurz zuvor dort entlanggekommene Kavallerie machte es ihnen leicht. Dann standen sie vor einer weiten Ebene, die sich vom Fluss bis in die Hügel hinzog. Durch sein Fernrohr betrachtete er mit klopfendem Herzen das Kampfgeschehen vor ihm. Da begannen seine Hände zu zittern.
Eine lebendige wogende Masse, bestehend aus Mustangs und Kriegern, ließ den Boden erbeben.
Er sah Arme, die Bogen spannten, eingelegte Pfeile, wieder andere Arme, sehnig, kraftvoll – in der Beuge Gewehre, Lanzen, auf dem Rücken prall gefüllte Köcher mit Pfeilen, glänzende, scharf geschliffene Kriegsbeile, die Griffe mit Bast umwickelt. Mustangs, die Nüstern aufgerissen und mit Augen, in denen das Weiße leuchtete, bleckten die Zähne, waren eins mit ihren Reitern. Grasfetzen, von wirbelnden Hufen hochgerissen, stoben nach allen Seiten.
Ungläubig starrte Smith auf Pferdeköpfe mit geknoteten Halftern, die so schnell dahingaloppierten, dass es einfach nicht sein konnte. Krieger, fast nackt, nur mit Waffen als Schmuck, hielten sich auf ihnen, als wären sie mit ihnen verwachsen. Der Begriff Zentaur fiel ihm ein. Vor seinen Augen wirbelte all das wild durcheinander. Wie versteinert saß er auf seinem Pferd. Ungläubig – in der Überzeugung, sich täuschen zu müssen – riss er erneut das Fernrohr ans Auge. Er war kurzsichtig und konnte ohne diese Hilfe nicht weit sehen. Doch das Bild veränderte sich nicht.
Augenblicke später war diese Masse aus Pferden und menschlichen Leibern bereits dabei, sich aus seinem Blickfeld zu entfernen. Unwillkürlich hatte er die Luft angehalten. Erneut setzte er das Fernrohr ab, um es sich gleich darauf wieder ans Auge zu reißen. Wo waren sie hin? Verdammt auch! Da – sie kamen wieder. Sie hatten ihre Mustangs nur gewendet und waren zurück. Aufgescheucht winkte er dem jungen Trompeter, der die ganze Zeit neben ihm geblieben war. Wo waren seine Männer – verdammt noch mal? „Angriff!“, brüllte er überflüssigerweise in den Lärm hinein und gestikulierte wild mit den Händen. Niemand hörte ihn. Der Trompeter riss sein Signalhorn an die Lippen und schmetterte den Befehl.
Da sah er seine Kavallerie inmitten dieser Teufel. Uniformen, in überwältigender Überzahl. Sie ritten, was das Zeug hielt, stoppten, versuchten auszuweichen, hielten auf die leichten wendigen Mustangs zu, verschwanden im Kampfgewühl, tauchten wieder auf. Ein riesiges Knäuel gegeneinander kämpfender Massen – uniformierter und halbnackter. Eine Abteilung Kavallerie – plötzlich wieder geordnet – sammelte sich, saß ab. Dann hoben die Männer ihre 16-schüssigen Remington-Gewehre, feuerten, was sie konnten, wurden mit Pfeilen, Lanzen, gegnerischen Gewehren attackiert. Harrten aus, schossen weiter, während schreiende, todesverachtende Krieger erneut auf sie einstürmten.
Die Mehrheit der Kavallerie konnte ihnen nicht helfen; sie hatten selber genug zu tun. Aus einer wirbelnden Masse reitender Comanchen, scheinbar ungeordnet und undiszipliniert, löste sich eine umgekehrt V-artige Formation und durchtrennte die Reihen der Kavallerie. Das geschah so plötzlich, dass es fast schon Zauberei war. Alles sah so leicht und einfach aus, so spielerisch und gekonnt, dass es dem Oberstleutnant die Sprache verschlug. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Sein Pferd tänzelte unter ihm wie von Sinnen; er versuchte, es zu zügeln – es stieg und warf ihn beinahe ab. Endlich brachte er es wieder unter Kontrolle. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Inzwischen hatte sich das Kampfgeschehen näher an ihn heran verlagert, so dass ihm der Pulverdampf in die Nase stieg. Die Luft war träge und schwer. Er ließ sein Pferd rückwärts in den Wald verschwinden, und auch der Trompeterjunge tat es ihm gleich.
Noch immer krachten Schüsse – dem Klang nach waren das seine Männer. Pfeile surrten, trafen lautlos und blieben in den Uniformen stecken. Stumme Waffen, dachte er irgendwie irritiert, doch genauso tödlich wie laute Gewehre. Pferde wieherten – das mussten die ihren sein. Irrwitzigerweise glaubte er nicht, dass Comanchenpferde überhaupt wiehern konnten. Oder doch? War er verwirrt? Das Ganze dort erschien ihm irgendwie unwirklich, hatte nichts mehr mit dem Hochgefühl zu tun, das ihn beim Anblick der ersten Tipis ergriffen hatte.
Menschen schrien. Stimmen erklangen in seiner Sprache. Jemand brüllte Befehle. Ein Trompetensignal ertönte. Geschütze krachten, das Bellen der Gatling zerriss endlich die Luft. Alles zusammen, alles auf einmal. Krieg, dachte er nur noch – das ist Krieg. Endlich – es waren nur Augenblicke vergangen, die ihm wie die längsten in seinem Leben vorkamen – löste sich die Starre von ihm. Entschlossen gab er seinem Pferd die Schenkel zu spüren und wandte sich in Richtung Artillerie. Ungefragt folgte ihm der junge Trompeter. Den kürzesten Weg einschlagend, erreichten sie die berittene Batterie Artillerie mit ihrem Captain. Der stand neben der feuerspeienden Trommel der Gatling und blickte ihm grimmig entgegen. Dort, wo er die ganze Zeit hinzielte, war kein einziger Mensch zu sehen.
„Die Gatling umdrehen, sofort – die Gatling rum“, brüllte Smith ihn an, wohl ahnend, was sich hier abspielte. Wenn es nach den Männern um ihren Captain ging, dann sollte sich das auch nicht ändern. Widerwillig, doch gehorsam, kam man seinem Befehl schleppend nach. Was nun passieren würde, hatte er nicht zu verantworten, sagte ihm der Blick des Captains. Die Gatling schwenkte auf dem eingeölten Standbein herum. Wild gestikulierend deutete der Oberstleutnant nach Osten. Wohin sollten sie zielen? Erst in diesem Moment begriff es der Captain. Hatte dieser Mensch denn völlig den Verstand verloren? Hart nach dem herunterhängenden Zügel des Pferdes, auf dem der Oberstleutnant saß, greifend, starrte ihn der Captain entsetzt an. Smith hatte die Augen wütend zusammengekniffen. Die des Captains der Artillerie waren blutunterlaufen und brannten vom vielen Rauch. Wenn sie jetzt die Gatling einsetzten – in dieser Richtung – dann würden sie die eigenen Leute treffen, ihre Pferde niedermähen, Menschen aus den Sätteln holen; es würde unnütze Verluste geben, viel zu viele Tote.
Smith atmete durch. In seinen Füßen kribbelte es bis in den Rücken hinauf. Er blinzelte. War er denn schon so verzweifelt, dass er das Leben seiner eigenen Leute aufs Spiel setzte? Den Kopf schüttelnd, um klarer denken zu können, riss er sich zusammen. Was war nur in ihn gefahren?
Als er die Veränderung in den Zügen seines Kommandanten sah, ließ der Captain erleichtert die Zügel los. Zugleich mit Smith wandte er sich in Richtung des Kampfgeschehens. Das Kriegsgeschrei schien näherzukommen. Den Männern der Artillerie machte das nichts aus, sie ignorierten es einfach. Aus ihren vom Pulver geschwärzten Gesichtern leuchteten die hellen Augen wie Irrlichter. Die Zunächststehenden hatten sehr wohl die stumme Zwiesprache zwischen Smith und ihrem Captain beobachtet.
Da rief einer von ihnen mit krächzend klingender Stimme, weil er zu viel Rauch eingeatmet hatte: „Sollen sie nur kommen – wir werden sie schon gebührend empfangen, Herr Oberstleutnant!“
Der Bann war gebrochen. Smith ließ sein Pferd langsam zurücktreten, bis es direkt neben der Gatling stand. „Zielt über ihre Köpfe“, meinte er erschöpft; dann musste auch er husten. Ein Nicken der umstehenden Männer. Wieder hustend deutete Smith nach vorn, über die Bäume hinweg. Seine Stimme war etwas belegt. „Sie sollen sich einfach nur vor Angst die nackten Ärsche bescheißen!“
Die Männer lachten gezwungen, obwohl keinem von ihnen zum Lachen war. Vier von ihnen traten an die Gatling heran und begannen, sie zu bedienen. Die erste Feuerzunge wischte ratternd über die Masse aus Kavallerie und Indianern hinweg.
Die Comanchen stoppten, ließen ihre Mustangs auf der Hinterhand wenden, rissen sie zurück und ritten aus der vermeintlichen Schusslinie. Wieder ratterte die Gatling los, leere Patronenhülsen zur Seite spuckend. Von irgendwoher tauchte der Adjutant auf. Staubbedeckt glitt er stöhnend vom Pferd. Seine ganze Erscheinung sah ziemlich mitgenommen aus. Schweißflecken zeichneten seinen Rücken, die Uniformhose hing zerfleddert um seine Knie, Blut rann aus einem zerfetzten Ärmel. Mit einer Hand wischte er sich über die Augen, mit der anderen stützte er sich stöhnend an einen Baum. „Wir haben zwölf Verwundete, Sir; wir haben sie hinter einen der Hügel bringen können.“
Heftig atmend schaute er die Gatling an und schüttelte den Kopf. „Die richtet nicht viel aus. Die verdammte Bande ist viel zu schnell dafür – und unsere Männer sind mittendrin.“
Smith wollte etwas erwidern, als jemand brüllte: „Nicht schießen, nicht schießen!“ Vor ihnen kamen zwei ihrer Männer durch die Bäume auf sie zu. Fluchend ließen sie sich aus dem Sattel ins Gras hinuntergleiten. Einer hatte einen Pfeil in der Brust. Sein Kamerad half ihm, sich halb aufzurichten, und der Captain beugte sich über ihn. Leicht mit dem Kopf schüttelnd blickte er dann zu Oberstleutnant Smith. Der Trompeter stand stumm daneben, Schweißperlen auf der Stirn.
„Der ist tot, Sir“, meinte der Captain überflüssigerweise und zog die Nase schniefend hoch.
Smith nickte; das erkannte er auch. Sich an seinen Adjutanten wendend, sagte er: „Ich will genau wissen, was sich da vorn tut.“
Der Bericht war kurz und knapp. Die Comanchen hatten ihre Reiterei überrumpelt. Es war ihnen gelungen, sich zwischen sie und die flüchtenden Frauen und Kinder zu werfen. Alles war viel zu schnell gegangen und sie selbst nicht auf diese Art Angriff vorbereitet gewesen. Was mit der Pferdeherde sei, fragte Smith. Die hatten die verdammten Comanchen schon längst in Sicherheit gebracht. Weiß der Teufel, wie. „Könnten die Geschütze …?“, versuchte es Smith mit einem Vorschlag. Er war sichtlich ratlos.
„Können sie nicht.“ Der Adjutant schlug sich an die Seite, an der sonst immer sein Säbel hing. „Wir haben getan, was wir konnten; es ist vorbei, machen Sie sich das endlich klar.“
„Aber“, wollte Smith erneut einwenden, als etwas an ihm vorbeipfiff und in einem der Bäume hinter ihm einschlug. Zwei Herzschläge später wurde sein Oberarm von einem Streifschuss getroffen. Das Pferd unter ihm stieg, und er rutschte aus dem Sattel. Einer der Artilleristen sprang hinzu, griff nach dem Halfter und hielt es fest. Der Adjutant wollte Smith helfen, da krachte ein weiterer Schuss und verfehlte ihn nur knapp.
Unter der Hand, die Smith auf die Wunde an seinem Oberarm presste, sickerte Blut. „Woher, zum Teufel auch, kam das denn?“, japste er und blickte sich um. Sie waren hier außer Reichweite der Gewehre – eigentlich.
„Das war keine der alten Schusswaffen, die die Indianer sonst so haben. Das war bestimmt das neue Modell einer Winchester. Möchte mal wissen, wo sie die herhaben“, schnappte der Adjutant und riss Smith die Uniformjacke von der Schulter. „Zum Glück nur ein Streifschuss, Sir“, stellte er fest, indem er sich sein Halstuch abband, um damit die Blutung zu stillen.
Der Oberstleutnant, dem seine Situation sichtlich peinlich war, rappelte sich wieder auf. „Eine der neuen Winchester?“ Ungläubig blickte er auf den provisorischen Verband. Die Umstehenden beachteten ihn nicht weiter. Sie waren in Deckung gegangen und lauschten. Der Kampflärm hatte wie mit einem Schlag aufgehört. Es war vorbei. Smith würde keine weitere Entscheidung mehr treffen müssen. Jedenfalls keine, die das Töten von Comanchen betraf. Ihr Kriegsgeschrei kam nur noch aus vereinzelten Kehlen – und ähnelte jetzt mehr einem Triumphgeheul. Ab und zu krachte noch ein Schuss.
„Ich habe nichts von Rückzug befohlen“, keuchte Smith, indem er versuchte, wieder in den Sattel zu steigen.
„Macht Euch nichts vor – wir können hier nichts mehr ausrichten“, versuchte ihm sein Adjutant klarzumachen. Es war die Wahrheit, so schmerzlich sie auch für ihn sein mochte. Smiths Kinnmuskeln mahlten. Doch jetzt überlegte er es sich, bevor er etwas sagte, das er im Nachhinein bereuen würde. Die Mienen der Männer, die ihn umstanden, bestätigten eindeutig die Meinung des Adjutanten.
„Haben wir Tote zu verzeichnen?“, fragte er, den Ärger hinunterschluckend. Seine Stimme war leise geworden.
„So viel ich weiß zwei, mit dem hier“, ergriff der Adjutant wieder das Wort. „Was mit den Comanchen ist, weiß ich nicht.“
„Wieso? Es wird doch sicher viele Tote bei denen gegeben haben?“
„Keine Ahnung, Oberstleutnant. Aber wenn, dann wissen wir es nicht. Sie nehmen die Toten mit, bevor sie sich zurückziehen.“
Smith betrachtete seinen Adjutanten mit einem seltsamen Blick. Er verstand das nicht. Warum sollten diese Wilden ihre Toten mitnehmen? Wollten sie sie etwa essen? Mit einem Seitenblick auf die überraschend hinter ihm wieder aufgetauchten Pawnee-Späher schwieg er jedoch. Völlig ruhig standen sie dort – sichtlich enttäuscht. Sie hatten die Armeemützen nicht mehr auf. Ihre Haare flatterten im aufkommenden Wind. Das war das Einzige, was sich an ihnen bewegte.
Ohne sie zu beachten – ja, als wären sie Luft – wandte sich der Captain der Artillerie an den Oberstleutnant. „Ah, die Pawnee sind ja auch wieder da. Dann ist es wirklich vorbei. Verlasst Euch darauf, Oberstleutnant. Die Comanchen sind auf und davon.“ Erst jetzt musterte er die Späher. In seinem Blick lag Verachtung. Er würde nie die Gründe verstehen, weshalb Indianer gegen Indianer kämpften.
Der Captain der Artillerie sollte Recht behalten. Was blieb, war ein aufgewühlter Kampfplatz. Tote, verendende Pferde und einige, sich aus ihrer Deckung endlich herauswagende verwundete Soldaten. Die Comanchen hatten niemanden ihrer Leute zurückgelassen – keine Verletzten, keinen einzigen Toten.
Während die Männer unter der Führung First Lieutenant Stone eilig, bevor die Sonne ganz verschwand, den Fluss entlangritten, fanden sie nicht mehr viel von den Tipis. An manchen Stellen lagen zerbrochene Stangen, einige Felle, Hausrat – weggeworfene Gegenstände, die es nicht wert waren, mitgenommen zu werden. Und Steine. Steine, mit denen die Büffelplanen der Tipis ringsum beschwert worden waren.
Die Kavallerie sammelte sich, nachdem der junge Trompeter auf Befehl des Oberstleutnants das Signal geblasen hatte. Langsam ritten sie zu dem wartenden Tross zurück. Vierzehn mehr oder weniger schwer Verwundete wurden unterdessen von zwei Sanitätern versorgt. Ein weiterer Mann würde es wahrscheinlich nicht überleben. Also drei Tote, musste Smith feststellen. Scheiße, dachte er und schluckte seinen Ärger hinunter. Beschämt über die offensichtlich erlittene Niederlage, die er als seine persönliche nahm, überlegte sich Oberstleutnant Smith reiflich, was in seinem Bericht stehen sollte. Dann – sich an einige, die in seinem Büro gelandet waren, erinnernd – beschönigte er ihn so, wie es alle anderen seiner Meinung nach sicher auch machten. Kein Wort von Niederlage. Er schrieb, dass es ihrem Einsatz zu verdanken war, ein Comanchenlager aufgescheucht zu haben – was so ja auch nicht unbedingt falsch war.
Die sechs Pawnee verfolgten die Spuren, die die Travois hinterlassen hatten, noch eine Weile – allerdings in gebührendem Abstand. Von einer Nachhut der Comanchen gesichtet, flüchteten sie eiligst zurück. Oberstleutnant Smith beschloss, ein Lager vor dem Geröllfeld aufzuschlagen. Dort richteten sich die Soldaten ein. Wo die Pferdeherde der Comanchen noch kurz zuvor gegrast hatte, brachte die Artillerie ihre Geschütze und die Wagen unter. Sie waren eine eigene, eingeschworene Truppe und zogen es vor, etwas entfernt von der Kavallerie zu kampieren.
Das geräumige Zelt des Oberstleutnants stellte man vor der Senke auf – gegenüber einer knorrigen, mächtigen Eiche. Er teilte eigenhändig die Wachen ein, und der Captain machte es ebenso auf der anderen Seite des Flusses. Bald loderten überall Feuer und erhellten die beginnende Nacht. Genügend Holz fand sich überall, zumal die Haubitzen ganze Bäume umgemäht hatten. Kleine Trupps von Soldaten kauerten neben den Feuern, teilten Proviant, Tabak und Whiskey miteinander. Natürlich drehten sich die Gespräche um den vorangegangen Kampf. Manch einer protzte mit seinen Taten, aber die meisten zogen sich erst einmal in sich zurück und schwiegen – besonders die Neulinge unter ihnen, die so genannten Zeitsoldaten. Nach einer kurzen lückenhaften Ausbildung waren sie nach Westen verfrachtet worden. So aber hatten sie sich das nicht vorgestellt. Die hartgesottenen Indianerkämpfer unter ihnen lachten, machten derbe Späßchen mit ihnen. Sie kannten noch ganz andere Geschichten – gruselige Geschichten, die sie jetzt hervorkramten. Darin war von grauenhaften Foltermethoden die Rede, angeblich mit eigenen Augen gesehen.
Immer wieder – heimlich und von den anderen unbeobachtet – suchte der eine oder andere in der Dunkelheit nach Anzeichen von Comanchen. Unsicher durchforschten ihre Blicke die Dunkelheit. Waren sie wirklich fort? War der Spuk vorbei? Hinter jedem Schatten, jedem flackernden Licht oder einem unbekannten Geräusch witterten sie eine neue Gefahr. Noch trauten die wenigsten von ihnen dem Frieden. Nur langsam kehrte Ruhe ein.
Im Zelt des Oberstleutnants wurde im Kreis der Offiziere geredet und unmäßig gezecht. Sie waren erleichtert, so glimpflich davongekommen zu sein, obwohl das niemand zugegeben hätte. Auch Gelächter ertönte zuweilen. Insgeheim fragte sich Smith, was wohl Mackenzie zu seiner Aktion sagen würde. Zwar war es ihm gelungen, die Comanchen in die Flucht zu schlagen – doch war das wirklich so? Das änderte nichts am Zweck seiner Mission. Die noch immer frei herumstreifenden Comanchen zu töten – das wäre es gewesen. Sie gehörten umgebracht oder in die Reservate verfrachtet. Sie waren und blieben eine ständige Gefahr für Texas, also mussten sie weg.
Oberstleutnant Smith hatte soeben seinen geschönten Bericht beendet. Zwar war er ein penibler Mann, aber für ihn stand mehr auf dem Spiel: seine militärische Zukunft. Für ihn war das hier sein erster und letzter Einsatz im äußersten Westen gewesen. Mit einem Blick auf den sachgemäßen Verband, der jetzt seinen Oberarm zierte, seufzte er. Das Büro, das ihm bisher nur als einengender und langweiliger Arbeitsplatz vorgekommen war, erschien ihm plötzlich als der willkommenste Ort auf Erden. Mit dem niedrigen Sold musste er sich eben abfinden. Immer noch besser, als hier draußen von einem Gewehr getroffen zu werden, dessen Herkunft zweifelhaft war. Sollte Mackenzie doch Recht behalten – er jedenfalls sah sich nun hier fehl am Platz. Selbstkritisch stellte er fest, das alles völlig unterschätzt und seine eigenen Fähigkeiten überschätzt zu haben. Ein klein wenig plagte ihn auch sein Gewissen, denn oft schon war er sich mit hochrangigen Offizieren, die er auf Empfängen und Bällen getroffen hatte, einig gewesen, was die Beurteilung eines Mackenzie betraf. Hinter seinem Rücken hatten sie sich nur herablassend über den Oberst und jetzigen Kommandanten der Forts Concho und Richardson geäußert. Ja, sogar seine Kompetenz hatten sie angezweifelt. Was seine Kriegsführung anbelangte, war Smith in das verächtliche Lachen eines herausgeputzten, blondgelockten Schönlings wie Custer eingefallen – ohne eigentlich zu wissen, worüber er da lachte. Welche Ironie. Was wusste er denn schon von Indianerkämpfen? Er hatte gerade selber erfahren müssen, was es bedeutete, als Theoretiker gegen Indianer zu kämpfen. Jetzt, nach dieser einen Erfahrung, nahm er sich vor, in Zukunft nicht mehr alles zu glauben, was manch ein großspuriger Schwätzer so von sich gab. Und die Berichte, die die Öffentlichkeit zu lesen bekam, waren sicher genauso geschönt wie sein eigener. Dieser Westen hier war verdammt noch mal das Letzte, was er sich als Kommandeur eines Armeeverbands vorstellen konnte.
Nachdem die betrunkenen Offiziere das Zelt verlassen hatten, saß er noch lange grübelnd über seinem abgeschlossenen Bericht. Er hatte sich einen warmen Mantel übergezogen, denn die Nächte hier waren kalt. Eine zusätzliche Patrouille zu der eingeteilten Wache sollte die ganze Nacht hindurch das Lager umrunden. Wie eine Herde Rinder, um die die Cowboys leise ritten, ging es ihm durch den Kopf. Aber statt nach Wölfen oder Viehdieben hielten sie nach Comanchen Ausschau. Am nächsten Morgen bei hellem Tageslicht sollte die weitere Umgebung noch einmal gründlich abgesucht werden. Vielleicht fand man ja doch noch etwas – Verletzte vielleicht oder sogar Tote?
Seufzend zog er den Mantel enger um sich. Ein letzter Rundgang durch das Lager stand noch an, das war er seinen Männern schuldig. Im Grunde genommen wollte er nur sein Ansehen aufpolieren, denn er wusste wohl, welchen Eindruck er bei vielen von ihnen hinterlassen hatte.
Vier von seinen sechs Pawnee-Spähern sollten ihn dabei begleiten, obwohl er noch immer kein großes Vertrauen zu ihnen empfand. So sehr er sie auch verabscheute – die Tonkawa-Scouts, die Mackenzie immer begleiteten und die ihm dieser angeboten hatte – waren ihm noch mehr zuwider. Zu gut erinnerte er sich an die wilden Geschichten, die man über sie erzählte – haarsträubende Geschichten, die von Kannibalismus und Fressgelagen mit Teilen getöteter Gefangener handelten. Smith schüttelte sich voller Abscheu. Egal, ob das nun stimmte oder nicht – er jedenfalls glaubte es. Warum um alles in der Welt sich Mackenzie mit ihnen abgab, ja, ihnen sogar sein eigenes Leben und das seiner Männer anvertraute, blieb ihm ein Rätsel. Da verließ er sich doch lieber auf diese Pawnee-Scouts, obwohl ihm bei ihrem Anblick nicht gerade wohl war. Dass sie auf einmal wieder ihre Armeemützen trugen, weil sie nicht sofort von eventuel herumstreifenden Comanchen als Pawnee erkannt werden wollten, machte es für ihn nicht gerade besser. Und doch konnte er sich nicht über sie beklagen. Während des Ritts nach Fort Concho waren sie ihm nicht einmal zu nahe gekommen; immer hatten sie Abstand gehalten, was ihm nur recht gewesen war. Wenn auch ihre Manieren manchmal zu wünschen übrig ließen – ihm gegenüber blieben sie immer höflich. Kein Anzeichen von Feindseligkeit, während er selbst sein Misstrauen nicht ablegen konnte.
In Gedanken versunken ritt er im Schritttempo mit vier von ihnen an der Senke vor dem Geröllfeld vorbei. Der Mond beleuchtete einen Teil des unten wachsenden Gesträuchs. Die alte, knorrige Eiche warf ihren Schatten lang auf den Boden. Irgendwie sah alles hier gespenstisch aus. Gerade wollte Smith zum Fluss hin abbiegen, da machte ihn der Pawnee mit den Pockennarben auf etwas aufmerksam und hob lauschend den Kopf. Jetzt hörte er es auch. Irgendwo von dort oben, von den Felsen her, kam ein unterdrückter Schrei. Kurz danach folgte ein unheimliches Wimmern, das jäh abbrach. Mit gespannten Gesichtern lauschten sie in die Stille der Nacht. Doch da weiter nichts mehr passierte, schüttelte Smith nur den Kopf. „Vielleicht ein Raubtier? Ein Puma?“ Seine Stimme klang verhalten, als hätte er Angst, dass ihn jemand hörend könnte. In Wahrheit war ihm der Schreck durch Mark und Bein gefahren.
Die Pawnee lauschten weiter. Einer von ihnen verzog spöttisch den Mund. „Nein“, sagte Narbengesicht, „Baby. Hören an wie Baby.“
Entsetzt weiteten sich Smiths Augen. Der Pawnee nickte und wiederholte herausfordernd: „Baby. Comanchen-Balg. Píh-rau. Du nicht kennen Schrei von Puma? Ich, Pawnee-Mann, kennen gut.“
„Gehst du da jetzt hoch, um nachzusehen?“ Oberstleutnant Smith stellte diese Frage mit voller Absicht, um sich für seinen Tonfall zu rächen. Er kannte ihre Furcht vor den Comanchen ja jetzt. Der Pawnee würde das nicht wagen, davon war er überzeugt. Ein Blick aus seinen dunklen Augen ließ ihn erschauern. „Nein, ich hab nur einen Scherz gemacht“, sagte er deshalb schnell; er wollte den Scout nicht verärgern. „Ich will heute Nacht keine Alleingänge mehr“, setzte er erklärend hinzu. „Wenn dort oben noch Comanchen stecken, dann können sie nicht weg. Und ein Kind? Ein Baby? Dort oben sitzen sie in der Falle, sie können nirgendwo anders hin, als hier runter. Und Pferde werden sie wohl auch nicht dort oben haben. Hier wimmelt es nur so von unseren Männern; und sollten sie über den Wald abhauen wollen – da sind ebenfalls unsere Leute.“
„Falle gut, Pawnee passen auf.“ Wie, um seine Worte zu bekräftigen, blieb er mit verschränkten Armen auf seinem Pferd sitzen.
Smith betrachtete ihn zweifelnd. Aber dieser sture Hund meinte es tatsächlich ernst. Oben blieb es weiterhin still. Smith nickte, als würde er diesen Einfall befürworten. Langsam machte er sich mit den drei anderen Pawnee wieder auf den Weg ins Truppenlager. Leutselig, nicht mehr an den eben erlebten kleinen Zwischenfall denken wollend, unterhielt er sich mit den Männern, die noch vor ihren Zelten saßen.
Der Wache haltende Pawnee mit dem Pockennarbengesicht saß still und aufmerksam auf seinem Pferd. Das Geröllfeld über ihm lag im Dunkeln. Später, als kleine Steine herunterkullerten, suchte er zwar nach der Ursache, konnte aber nicht viel erkennen, dafür hätte er schon nach oben klettern müssen. Sich selber beruhigend, gab er sich damit zufrieden, dass es vielleicht nur der Wind gewesen war oder ein kleines Tier. Doch der Schrei klang ihm immer noch in den Ohren. Das war nicht der Wind gewesen. Misstrauisch blieb er auf seinem Posten. Das Lager vor ihm glich einem lärmenden Haufen Soldaten, die auch zu dieser späten Stunde nicht zur Ruhe kamen. Der Weiße Mann ist ein großer Dummkopf, sagte er sich. Überall brannten Feuer; man konnte die Männer ganz deutlich sehen, die sich gegenseitig zutranken oder einträchtig beieinander saßen und Karten spielten. Erzählungen, die meisten davon völlig übertriebene eigene Heldentaten gegen ihnen unterlegene Indianer – machten weiter die Runde. Oberstleutnant Smith ließ sich großmütig an manchem Feuer nieder und hörte sich diese Geschichten an. Doch, dachte er ein über das andere Mal, wenn er in die strahlenden Gesichter seiner Männer blickte – eigentlich war das hier ja gar keine Niederlage gewesen. Alles in allem vielleicht sogar ein kleiner Sieg. Schließlich war es ihnen gelungen, alle Comanchen von hier zu vertreiben. Jawohl, das hatten sie. Warum nicht einfach behaupten, dass sie ihre Toten mitgenommen haben? Der eine oder andere Augenzeuge ließ sich doch wohl finden? Wer sollte denn das Gegenteil beweisen? Vielleicht stimmte es ja sogar. Nun, er würde diesen unseligen Bericht noch einmal umschreiben – was war schon dabei? Mit den schwindelerregenden Verlustmeldungen, was die getöteten Indianer eines Custer betraf, wollte er zwar nicht mithalten, doch es würde niemandem schaden, wenn er ein wenig übertrieb. Wahrscheinlich war Mackenzie, den niemand, den er kannte, besonders schätzte, der Einzige, der die Wahrheit in seinen Berichten schrieb.
Diese Überlegungen im Kopf, ritt er zum Fluss hinunter. Die drei Pawnee-Scouts an seiner Seite, überquerte er eine flache Stelle und kam am anderen Ufer – fast ohne sich die Stiefel nass zu machen – heraus. Die Wagen und Geschütze der Artillerie hatte der Captain dicht beieinander angeordnet. Hier hatte vor kurzem noch die Pferdeherde der Comanchen gegrast, wie Smith deutlich erkennen konnte. Kaum zu glauben, wie viele es gewesen sein mussten! Er schluckte seinen Unmut hinunter. Bedauerlich, dass die ihm entwischt waren. Sein Pferd anhaltend, schaute er sich um. Die Deichseln der beiden mit Munition und Verpflegung beladenen Wagen ruhten jede quer auf einem Stein. In weitem Umkreis lagen verstreute Ausrüstungsgegenstände der Männer, die sich etwas abseits um einige Feuer versammelt hatten. Ihre Pferde grasten weiter oben. Man konnte sie nicht sehen, jedoch ihr leises Schnaufen hören. Auch hier wurden Geschichten erzählt, die nicht immer der Wahrheit entsprachen.
Smith saß ab, um sich zu ihnen zu gesellen, und prompt verstummte das Gelächter. Er sah wohl auch die Blicke, mit denen sie die drei Pawnee musterten, und schob es darauf, dass sie das für völlig übertrieben hielten – hier, inmitten seiner Männer. Deshalb schickte er zwei von ihnen auf Streife in den Canyon. Einer blieb in angemessener Entfernung von ihm auf seinem Pferd sitzen. Bald schon verschmolz seine einsame Gestalt mit der Nacht.
7. Kapitel
Summer-Rain erreichte auf ihrem Pony die ersten Tipis. Sie brauchte, genau wie Storm-Rider, nur Augenblicke, um ihre Leute zu mobilisieren. Sie waren bereits von dem ersten Kanonendonner aufgeschreckt worden. Allein dieser Einschlag in der Nähe der ersten drei Tipis hatte seine Wirkung auf alle anderen nicht verfehlt. Weiter flussaufwärts rissen Frauen bereits ihre Tipis nieder, rollten Büffelhäute zusammen, warfen hektisch Sachen auf Decken und ergriffen die Flucht. Alles war in Bewegung.
Storm-Rider schickte Späher aus, während schon die ersten beladenen Travois in Richtung Felsendurchgang unterwegs waren. Kinder griffen sich wahllos Pferde, die bis eben noch grasend in der Nähe gestanden hatten. Die Besitzverhältnisse waren egal. In Windeseile beluden sie sie mit ihren Habseligkeiten. Um ein Tipi abzubauen, brauchte eine darin geübte Frau nicht lange. Wenn ein Weißer die Zeit gestoppt hätte, wäre er auf 15-18 Minuten gekommen. Den Haushalt brachten sie in eigens dafür vorgesehenen Ledertaschen unter. Alles, was sie greifen konnten, kam dort hinein oder wurde in sämtliche Lücken des Travois gestopft. Was wie ein heilloses Durcheinander aussah, entsprang langer Übung. Kleinkinder hingen bereits in Tragewiegen sicher verstaut an der Seite der Pferde. Die letzten Behältnisse mit Vorräten und frischen Nahrungsmitteln warfen Frauen im Laufen noch den größeren Kindern zu, die sich damit auf ihre Ponys hievten. Unnütze Gegenstände blieben zurück.
Das kleine Völkchen rannte, ritt, trug, was es nur konnte, von ihren Heimstätten am Fluss zum Hauptweg hinüber, um von dort aus den Durchgang zwischen dem Canyon und dem Geröllfeld zu erreichen. Schon verschwanden die ersten Flüchtenden dort hindurch, fürsorglich sich nach den Nachfolgenden umblickend. Wenn es nur irgend ging, würde niemand zurückgelassen werden. Das alles geschah ohne Zutun der Krieger, die ihre Waffen geholt hatten und sich vor dem Geröllfeld sammelten. Manch eine Mutter rief laut nach ihren Kindern, die sich – aufgeregt durch das hektische Treiben – etwas entfernt hatten. Wo Hilfe gebraucht wurde, unterstützten sich die Frauen untereinander, griffen dort nach einem Halfter, halfen hier einer Nachbarin beim Befestigen ihres Travois. Oft fand sich ein Kind plötzlich auf dem Pony neben einem Freund, während die eigene Mutter noch nach ihm Ausschau hielt. Junge Mädchen hielten die Pferde fest, dirigierten ihre Geschwister auf zusätzliche Ponys und halfen ihren Müttern. Die halbwüchsigen Jungen ritten zur Pferdeherde hinüber und kamen mit Mustangs im Schlepp wieder zurück.
Währenddessen donnerten bereits die ersten Pferde der großen Herde durch den Canyon. An ihrer Seite ritten die Pferdejungen und weitere die Herde betreuende Männer. Wie sie es schafften, diese gewaltige Anzahl – etwa 700 – heil und geordnet durch den Canyon zu bringen, blieb ihr Geheimnis. Zwei der Männer, die sich auch sonst immer um die Herde kümmerten, kamen mit etwa 20 Mustangs über den Fluss geritten, um sie noch zusätzlich an die Frauen zu verteilen. Es waren Arrow-Head und Raven-Feather, die Haare von der Sonne ausgebleicht, hochgewachsen und von dem Leben in den Plains fast so dunkel wie Comanchen. Kurz darauf preschte auch der Rest der Herde zusammen mit ihnen durch den Canyon hinaus in die Weite.
Sie waren die Götter der Pferde – sie waren Comanchen.
Die den Frauen zugetriebenen Pferde wurden in fliegender Hast beladen. Kleine Kinder – kaum, dass sie laufen konnten – wussten schon ganz genau, was man von ihnen erwartete. Von den älteren Geschwistern unterstützt, hievten sie sich auf die Pferderücken. Summer-Rain kam denen zu Hilfe, die Hilfe brauchten, und ritt eilig von Tipi zu Tipi den Fluss entlang. Sie belud Travois und reichte kleine Kinder, die auf unerklärliche Weise von ihren Müttern getrennt worden waren, in die tröstenden Arme irgendwelcher Verwandte, brachte Nachrichten hin und her. Es wurde nicht laut geschrien, kein unnützer Lärm gemacht, keine Hektik verbreitet. Immer mehr Menschen kamen von flussabwärts, schließlich hatten die Tipis den gesamten Flussabschnitt entlang gestanden. Wer zu viel Hausrat zurücklassen musste, bekam ihn später von der Gemeinschaft ersetzt. Summer-Rain hatte ihre beiden Ersatzpferde bereits abgegeben, so dass damit zwei Travois beladen werden konnten. Das aufgelöste Lager kam im Eiltempo den ausgetretenen Hauptweg entlang. Schützende Bäume hatten sie bisher vor den Augen der Angreifer abgeschirmt.
Drei alte Männer wurden kurzerhand, ohne ihren Protest zu beachten, auf die Travois ihrer Familien gehievt. Sie alle waren geliebte Großväter, einer sogar ein Urgroßvater, die niemand als leichte Beute für die Soldaten zurücklassen wollte – schon gar nicht ihre Enkelkinder. Das alles schafften die Frauen ganz ohne männliche Hilfe. Es war ihre Aufgabe, denn die Krieger hatten anderes zu tun. Bereits als die ersten Tipis zusammenfielen, die ersten Stangen aus dem Boden gerissen wurden, griffen sie zu den Waffen und ritten auf ihren besten Kriegsponys zum Geröllfeld. Für solche Fälle hatte Red-Eagle, der bisher ihr Kriegshäuptling gewesen war, schon bei ihrem Eintreffen hier im Sommerlager Anordnungen getroffen. Jeder wusste also, was er zu tun hatte. Das waren Dinge, die notwendig waren und in die sich jeder bedingungslos fügte. Die Mustangs der Krieger tänzelten unruhig; sie wussten, was vorging. Gut ausgebildet, waren sie begierig auf den kommenden Kampf. In der kurzen Zeit, in der sich die Reiter versammelten, sah so mancher von ihnen von seinem Standplatz aus die eigene Familie flüchten. Erleichtert atmeten sie auf, wenn sie sahen, wie sie mit dem gesamten Hausrat samt Kindern den Durchgang passierten. Sie würden sich mit ihrem eigenen Leben dafür einsetzen, dass sie auch weiter in Sicherheit blieben. Die Krieger, von denen einige gerade einmal fünfzehn, sechzehn Winter zählten, ritten vor dem Geröllfeld auf und ab. Niemand von ihnen wusste, wie stark der Feind, der stetig den Fluss heraufkam, wirklich war. Sie verließen sich auf Storm-Rider. Wie selbstverständlich hatten sie alle seine Anweisungen befolgt. Flüssig, ohne zu zögern oder Unsicherheit zu zeigen, hatte er ihnen gesagt, was zu tun war. Nicht einmal absichtlich – es hatte sich einfach so ergeben.
Jetzt warteten sie hier auf ihn. Die Späher, die er gleich am Beginn des Beschusses ausgeschickt hatte, waren soeben zurückgekehrt. Red-Eagle wandte sich halb zu den Kriegern um, musterte ihre versteinerten Gesichter, die mit keiner Regung anzeigten, was sie dachten. Doch es war offensichtlich, dass sie nach seinem Sohn Ausschau hielten. Unsicher streifte sein Blick Old-Antelope, ihren betagten Häuptling, dann Great-Mountain, der sich ebenfalls auf seinem Kriegspferd eingefunden hatte, und blieb schließlich bei Storm-Rider hängen, der eben herangeritten kam.
Die vom Signalhorn ausgestoßenen grellen Töne, dieses Hoch und Runter, konnten sie bis hierher hören. Ruhig, nur ruhig, bedeutete ihnen Storm-Rider mit einer Hand und glitt von seinem Mustang, um die Meldung der unberittenen Späher entgegenzunehmen. Einschläge, noch weit weg, aber stetig näherkommend, kündeten von einem Angriff auf ihr Zuhause.
Grey-Wolf, der fürsorglich die Pferde und die Waffen der Späher mitgebracht hatte, übergab sie ihnen, ohne etwas zu sagen. Mochte er auch manchmal übermütig wie ein Kind sein – er war ein umsichtiger, weitsichtiger Mann. Die Späher ordneten sich in die Reihe der Krieger ein. Storm-Rider schwang sich in den Sattel seines Lieblingspferdes Summer-Wind. In der Armbeuge hielt er Summer-Rains Winchester, geladen mit 17 Patronen. Stumm blickten sich Vater und Sohn einen Herzschlag lang an – Gedankenübertragung. Red-Eagle nickte zuerst ihm und dann den Kriegern zu. Na los, schien er zu sagen; es ist gut so. Die Männer hatten beide nicht aus den Augen gelassen. Jeder Einzelne von ihnen traf seine Wahl – im Hinterkopf die Gefahr, die immer näher kam. Niemand brauchte noch zu überlegen, es war längst entschieden. Dann ritt der älteste der Krieger zu Storm-Rider hinüber. Weitere folgten, bis sich schließlich fast alle neben ihm auf ihren Kriegsponys einfanden. Drei zögerten noch, Icy-Wind unter ihnen; doch auch sie lösten sich nur Augenblicke später aus ihrer Starre und ritten an Storm-Riders Seite. Red-Eagle kam als Letzter. Er zog sich den Riemen, an dem die Kriegspfeife hing, über den Kopf, um damit zu zeigen, dass er die Verantwortung für die Antilopenbande an seinen Sohn weitergab. Und so war es beschlossen. Die Würde des Kriegshäuptlings war auf Storm-Rider übergegangen. Das alles hatte nicht lange gedauert.
Ein zufriedenes Murmeln hing in der Luft. Dieser Mann auf seinem Schimmelhengst hatte ihr Vertrauen. Sie würden ihm folgen, seinen Befehlen gehorchen. Solange dieser Kampf dauerte, war keiner von ihnen mehr ein Einzelkämpfer. Storm-Rider hatten sie zu ihrem Anführer gemacht, weil er schon immer jemand war, der die Bewunderung aller auf sich zog – der mit seinem starken Charakter und seinen Führungsqualitäten nicht nur die jungen Männer mit sich reißen konnte. Auch die älteren Krieger blickten zu ihm auf. Manch einer wünschte sich, einen Sohn wie ihn zu haben oder einen Schwiegersohn. Storm-Rider war ein Mann, wie ein Mann sein sollte, trotz seiner Jugend oder der Geschichten, die man sonst noch über ihn wusste. Jetzt spielte das keine Rolle mehr. Durch sein umsichtiges Handeln hier und jetzt hatte er seine Fähigkeiten längst bewiesen.
Wie als wäre das schon immer sein Platz gewesen, ritt er vor die Männer. Während der Zeit, die das dauerte, hatte er schon einen Plan entwickelt. Ohne das vor ihnen liegende Gelände noch einmal betrachten zu müssen, wusste er, was zu tun war. In seinem Kopf stand die Schlachtordnung fest – wo und wie sie angreifen mussten und wo die Schwächen des Feindes lagen. Die große Pferdeherde, ihr ganzer Stolz und ihre Lebensgrundlage, befand sich in Sicherheit, dafür hatte er bereits gesorgt. Das Geräusch der Hufe auf den Gesteinsplatten des Canyons – dort, wo das Wasser des Flusses an den Seiten darüberströmte – war das einzige Geräusch, das man noch von ihnen hörte.
Der junge Kriegshäuptling war sich durchaus seiner Verantwortung bewusst. Rasch ritt er die Reihe seine Männer ab, jeden mit einem prüfenden Blick musternd. Diese Zeit musste sein. Erst wenn er wusste, dass wirklich alle hinter ihm standen, konnte auch er ihnen voll vertrauen. Auf seinem nackten Rücken wippte der Köcher mit dem bereits eingehakten Bogen. Summer-Rains Winchester steckte jetzt griffbereit an der Seite von Summer-Wind. Die dazugehörige Patronentasche hing ihm über der Brust. Er hatte es vorhin überprüft. 17 Patronen passten hinein. Erst nach 17 Schüssen würde er nachladen müssen. Neben dem Köcher ragte der Griff des scharf geschliffenen Schlachtbeils auf seinem Rücken hervor. Er hatte das bei Icy-Wind gesehen. Wenn er unter dem Bauch seines Mustangs hindurch musste, war das praktischer, als das große Schlachtbeil im Gürtel zu tragen.
Nach dem raschen Vorbeiritt an seinen Männern hielt Summer-Wind. Wie aus Stein gemeißelt stand das treue Tier völlig still. Alle Kriegsponys ignorierten den Pulverqualm, der vom Fluss heraufwehte, ignorierten die näherkommenden Einschüsse, den Aufbruch des Volkes. Ja, sogar die ihnen völlig unbekannten schrillen Töne der Trompete. Jedes von ihnen wusste, was ihm abverlangt werden würde, noch bevor sein Reiter ihm ein Zeichen gab. Mann und Pferd bildeten eine vollkommene Einheit. Nicht umsonst verbrachten sie die meiste Zeit ihres Lebens zusammen.
Storm-Riders offene Haare flatterten im aufkommenden Wind. Genau wie die anderen Krieger trug er keinerlei Kriegsbemalung, keinen Schmuck – auch die Pferde nicht. An ihren Lanzen, wenn sie denn Zeit gehabt hatten, sie aus ihren Verstecken zu holen, wehten keine Skalps. Sie vertrauten einzig und allein auf ihre Medizin. Jeder von ihnen hatte seinen Tiergeist angerufen, um Unterstützung gebeten und – sollte er sterben – um eine freundliche Aufnahme. Jetzt blickten sie zu Storm-Rider und warteten auf sein Zeichen. Was auch immer er von ihnen verlangte, sie waren bereit, es zu tun.
Der junge Häuptling ließ Summer-Wind, sein liebstes Kriegspony, neben dem seines Vaters halten.
Stumm griff er hinüber nach der Hand seines Vaters und drückte sie kurz. Dann beugte er sich nach vorn zu Summer-Wind, löste den Zügel vom Halfter und ließ ihn auf den Boden gleiten. So würde er die Hände zum Kämpfen frei haben. Andere folgten seinem Beispiel. Sich im Sattel zu seiner vollen Größe aufrichtend, drückte er seinen Oberkörper durch, griff über den Rücken und riss sein Schlachtbeil mit einem einzigen Ruck aus der Halterung. Mit der anderen Hand führte er die Kriegspfeife an die Lippen. Der schrille Laut vermischte sich mit dem Schmettern der Trompete, wurde eins mit ihm, verklang. Noch einmal und noch einmal, aber jetzt allein die Luft zerteilend, unüberhörbar das Donnern der Kanonen überlagernd. Die Mustangs schnaubten aufgeregt, und ihre Köpfe flogen in die Höhe. Den Klang der Kriegspfeife kannten sie, waren vertraut mit jedem Signal und kaum noch zu halten. Im nächsten Moment, aus dem Stand heraus, preschten sie in einer einzigen Formation los. Und so führte Storm-Rider sie mitten hinein in die Reihen der Feinde.
Es waren ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Großväter und -mütter, ihre Familien, die sie bereit waren, mit ihrem Leben zu beschützen. Manch eine Frau, die zu ihrem Ehemann schaute, war stolz und gleichzeitig wurde ihr weh ums Herz. Würde er noch hier sein, wenn alles vorbei war? Jedem der flüchtenden Comanchen war klar, um was es hier ging. Das Leben der Krieger – der Preis für das ihre.
Ein Ton aus der Kriegspfeife, und die Formation der Pferde löste sich auf. Vier Herzschläge später stießen sie in die Reihen der Angreifer – wie ein Raubvogel auf seine Beute. Für die Soldaten völlig überraschend, zerteilten sie deren Reihen, brachten sie durcheinander und waren wieder verschwunden. Dann kamen sie zurück. Wie der Flügelschlag eines Adlers fächerte sich die Formation in einer einzigen fließenden Bewegung zu einem umgekehrten V. Sich wie in einer Umarmung hinter der überraschten Kavallerie schließend, hinterließen sie einen ungefähren Eindruck, was es bedeutete, sich mit Comanchen-Kriegern anzulegen. Der Wind hätte nicht schneller sein können.
Das Schlachtfeld vor sich im Blick, gab Storm-Rider das nächste Zeichen. Den Rückzug ihrer Familien zu schützen, das war ihre vorrangige Aufgabe. Hier ging es nicht um Töten oder Skalps – nicht um Ruhm, nicht um Ehre. Es ging um das Überleben ihres Volkes. Wie ein Sturm, der über die Ebene fegt, kamen sie über die Soldaten. Ihr Ziel war es, den Feind aufzuhalten. Und das taten sie. Mit waghalsigen Wendemanövern und todesverachtenden Einsätzen verhinderten sie immer wieder, dass der ihnen zahlenmäßig weit überlegene Feind vorrücken konnte.
Die Lippen fest aufeinandergepresst, ihre Angst niederkämpfend, hatte Summer-Rain endlich Großmutter gefunden. Jetzt war alles gut. Aufatmend rutschte sie von ihrem Pony. Überall herrschte hektisches Treiben. Immer noch trieben Frauen ihre beladenen Pferde mit den Travois im Schlepp durch den Felsenüberhang zwischen dem Geröllfeld und dem Canyon. Jetzt waren sie am verwundbarsten. Niemand schaute zurück – auch Summer-Rain nicht. Sie eilte auf Großmutter zu, umarmte die alte Frau und lehnte sich an ihre schmale, knorrige Schulter. Kurz dachte sie an Storm-Rider, sah ihn wieder vor sich, sah, wie er auf sie zukam. Seinen ihr so vertrauten Gang, die Art, wie er den Kopf hob, sein schiefes Lächeln – alles. Sie hätte ihn aus Tausenden herausgefunden.
Großmutter, dachte sie und fühlte ihre Knochen durch das Kleid. Angst schnürte ihr die Kehle zusammen, als sie bemerkte, wie die alte Frau zitterte. Dark-Night fiel ihr ein. Sie hatte sie bisher nicht finden können, auch Dream-In-The-Day nicht. Wo waren ihre beiden Freundinnen? Lebte Dark-Night überhaupt noch? Großmutter musste es wissen. Bevor sie sie jedoch fragen konnte, hörte sie die Männer auf ihren Kriegsponys herandonnern. Sie erkannte Gray-Wolf, Red-Eagle, Icy-Wind – sogar Great-Mountain und Old-Antelope. Dann ihren Bruder Light-Cloud. Er musste verletzt sein, registrierte sie erschrocken, denn er trug einen Verband um den Oberkörper und hielt sich seltsam gebeugt auf seinem Mustang. Da tauchte Storm-Rider in ihrem Blickfeld auf. Der Wind griff in seine Haare. Sie konnte nicht hören, was er rief, doch der Klang seiner Stimme griff ihr ans Herz – als gelte es, daraus zwei Hälften zu machen. Der Schmerz traf sie völlig unvorbereitet. Im nächsten Augenblick waren die Krieger vorbei.
Summer-Rain stand wie erstarrt, merkte nicht einmal, dass jemand ihren Namen rief. Es war Großmutter, die auf sie einredete. „Summer-Rain, Summer-Rain, mein Kind, mein Liebling, mein Alles. Du bist da, du bist wirklich da!“ Außer Atem schob sie sie vor sich her. „Alle haben mir schon gesagt, dass du zurück bist“ – sich unterbrechend – zeigte sie aufgeregt auf eine kleine Baumgruppe in einer flachen Mulde vor einem der Hügel. „Dream-In-The-Day bekommt ihr Baby. Ausgerechnet jetzt. Komm, du musst mir helfen!“ Das war alles, was sie hervorbrachte.
Doch Summer-Rain verstand sofort, was sie meinte, und eilte, ihr Pferd am Halfter, hinter ihr her. Die Baumgruppe bestand aus dichtem Haselnussgesträuch und bot ausreichend Schutz. Dream-In-The-Day lehnte an einem dahinter aufragenden Eichenstamm. Neben ihr kniete Dark-Night, die ihr Gesicht jetzt den Ankommenden zuwandte. Erschrocken über ihren Anblick wollte Summer-Rain zuerst Fragen stellen, unterließ es dann aber. Es war unverkennbar: Jemand hatte der kleinen Mexikanerin die Hälfte ihrer Nase abgeschnitten.
„Warum seid ihr nicht längst fort?“, war alles, was sie sagen konnte. Eben noch musste sie verarbeiten, dass ihre beste Freundin hochschwanger war – und dann das. Dark-Night, die ihren Blick wohl bemerkt hatte, zog sich die heruntergerutschte grüne Binde wieder über die Nase. Ihre schwarzen Augen musterten sie etwas erstaunt. Sie hatte sie hier nicht erwartet. Summer-Rain schluckte bei ihrem Anblick unwillkürlich – so verhärmt und hohlwangig sah Dark-Night aus. Es war ein ungewohnter Anblick; als sie sie verlassen hatte, war sie noch eine Schönheit gewesen. Was war passiert? Inzwischen hatte sich Dark-Nights Blick verändert. Jetzt lächelte sie Summer-Rain freundlich an. Dann beantwortete sie ihre Frage. „Ging nicht mehr. Dream-In-The-Day hatte bereits schlimme Wehen, während wir ihr Tipi abrissen.“
Das Lächeln verschönte ihr eingefallenes Gesicht auf wunderbare Weise. „Du weißt es sicherlich noch nicht, Schwägerin“, meinte sie, das letzte Wort besonders betonend. „Ich bin jetzt Light-Clouds Ehefrau.“ Sie zeigte in die Richtung, in die die Krieger geritten waren. „Hast du ihn gesehen? Ich musste ihm einen dicken Verband anlegen, denn er wollte unbedingt mit den Kriegern reiten. Du kennst ja unseren Light-Cloud!“
Großmutter warf ihr einen missbilligenden Blick zu. Als ob sie nichts Wichtigeres zu tun hätten, als über solche Dinge zu plaudern, sollte das wohl heißen. Vielleicht wollte sie aber auch nur nicht, dass Summer-Rain sich Sorgen machte.
Das Mädchen drehte sich zu Dream-In-The-Day um, die unter Stöhnen die nächste Wehe wegatmete.
„Und wer, bitte schön, ist dein Ehemann? Ich scheine ja ziemlich viel verpasst zu haben!“ Damit zeigte sie auf den hochgewölbten Bauch der Freundin.
Dream-In-The-Day lächelte schief. Natürlich, Summer-Rain konnte das ja nicht wissen. „Gray-Wolf ist mein Ehemann, Summer-Rain“, sagte sie sichtlich stolz.
„Weiß er, dass du hier bist und euer Kind bekommst?“
Großmutter und Dark-Night wechselten einen wissenden Blick.
„Weiß er nicht“, presste Dream-In-The-Day hervor, nach Atem ringend. „Muss er auch nicht, ich komme schon klar. Das hier ist Frauensache, da hat ein Mann nichts zu suchen.“
Wie zur Bekräftigung ihrer Worte deutete Großmutter mit einer knappen Kopfbewegung unter einen der Haselnusssträucher. Dort kauerten zwei Frauen, die Summer-Rain erst jetzt bemerkte. Die eine war Dream-In-The-Days Mutter und die andere, eine etwas ältere, die von Gray-Wolf. Innerlich stöhnte Summer-Rain auf. Auch das noch! Einen Blick auf ihr Pferd werfend, wandte sie sich ihnen zu. „Ihr beiden“, unmissverständlich wies sie mit dem Finger. „Ihr nehmt jetzt sofort mein Pferd und reitet hinter den anderen her.“
Weiter kam sie nicht, denn Gray-Wolfs Mutter richtete sich kerzengerade auf. Hinter ihren Rücken langend, holte sie ein ziemlich mitgenommen aussehendes Gewehr hervor. Eine Munitionstasche hing an ihrem Gürtel; sie fingerte darin herum, dann ergriff sie eine Handvoll Munition und schüttelte sie Summer-Rain entgegen. „Ich gehe nirgendwohin, ich kann meine Tochter beschützen!“ Entschlossen hielt sie die Waffe hoch, um sie dem Mädchen zu zeigen.
Einen Moment lang war Summer-Rain sprachlos angesichts so viel Dummheit, dann stieß sie wütend hervor:
„Wem willst du denn damit Angst einjagen?“
Die Frau blickte zuerst auf ihre Waffe, dann auf Summer-Rain. „Wie meinst du das?“
Wieder hielt sie ihr die Waffe entgegen, jedoch schon etwas unsicherer. Ihr bei einem Jagdunfall verunglückter Mann hatte sie immer in Ehren gehalten. Es musste eine gute Waffe sein!
Ungehalten schüttelte Summer-Rain den Kopf. Sie hatte keine Zeit für Erklärungen. „Steigt auf mein Pferd, alle beide“, forderte sie erneut, diesmal lauter. „Das Gewehr ist so alt, dass du daraus keinen einzigen Schuss mehr abfeuern kannst. Außerdem gehört die Munition, die du da hast, nicht zu diesem Gewehr.“ Noch während sie das sagte, war sie dem alten Trapper dafür dankbar, ihr so viel über Waffen beigebracht zu haben. „Großmutter und ich“, fuhr sie fort, „wir werden uns um Dream-In-The-Day kümmern. So, wie es jetzt aussieht, kann deine Tochter nicht einmal mehr auf einem Travois reisen, was wir im Übrigen auch gar nicht hier haben. Und reiten geht erst recht nicht. Wir müssen hier bleiben. Je weniger wir sind, umso leichter finden wir einen Ort, an dem wir vor den Soldaten sicher sind.“ Ihr Ton war jetzt milder. Sie hatte durchaus Verständnis für die beiden besorgten Mütter. Energisch griff sie nach dem Arm der älteren Frau und schob sie auf ihr Pferd zu. Die jüngere, die bisher ruhig geblieben war, legte ihre Hand auf den Rist des Ponys. „Ist schon gut – komm, hör auf sie. Dein Sohn würde das auch so wollen!“ Sich nach einem Bündel, das zusammengezurrt vor ihr lag, bückend, wuchtete sie es über den Rücken des Pferdes. Während sie es mit flinken Händen so befestigte, dass noch Platz für sie beide blieb, half Summer-Rain ihr dabei.
Flüchtig musterte die Frau das Fell, das darauf lag, während ihnen Dark-Night ein weiteres Bündel reichte. Die Miene der kleinen Mexikanerin bedeutete nichts Gutes – hatte sie Summer-Rains Worte doch gehört. Sie und Großmutter würden sich um Dream-In-The-Day kümmern? Schließlich war sie ja auch noch da!
„Dark-Night kann sich den Nachzüglern anschließen“, kam es auch schon prompt von Summer-Rain. „Jemand wird sie schon mit auf sein Pferd nehmen“, kommandierte sie mit energischem Ton.
„Du hast mir gar nichts zu sagen“, schnappte Dark-Night und stemmte beide Fäuste in die Seiten. In ihren kugelrunden schwarzen Augen blitzte es drohend auf.
Summer-Rain betrachtete sie nur kurz; dann kam sie zu dem Schluss, dass es besser war, sich nicht mit ihr anzulegen. „Also gut, wenn du darauf bestehst, dann bleib eben.“
Großmutter verzog den Mund; sie hatte nichts anderes erwartet. Diese beiden würden sich nichts schenken.
Zufrieden trat Dark-Night zu Dream-In-The-Days Mutter und half ihr beim Aufsteigen. „Ich weiß ein gutes Versteck“, sagte sie dabei mit ihrer angenehmen, melodischen Stimme, ohne sich den Ärger von eben noch anmerken zu lassen. „Dort wird deine Tochter sicher sein, bis das Baby da ist. Da oben, in den Höhlen zwischen den Felsen, wird uns niemand finden.“ Kurz zögerte sie – dann, an alle gewandt: „Ich kenne mich dort aus. Lasst mich euch die Höhle zeigen, wo wir am unsichtbarsten sind. Hier jedenfalls können wir nicht mehr bleiben.“
Großmutter kniff die Lippen ein wenig boshaft zusammen. Wie gut sie sich da oben auskannte, war schließlich zur Genüge bekannt. „Wir kommen nach“, meinte sie jedoch nur, an die beiden Frauen auf dem Pferd gewandt. Dann betrachtete sie ihre Nichte, die mit der Hand leicht über das Fell strich, und ihr wurde klar, wie viel inzwischen geschehen sein musste. Ihre Augen begegneten sich – sie würden einander eine Menge zu erzählen haben.
Dream-In-The-Day blickte den beiden sich rasch entfernenden Frauen hinterher, sichtlich froh, die Sorge um sie endlich los zu sein. Die Verantwortung für ihr Baby lastete schon schwer genug auf ihr. Sie wollte sprechen, doch es verschlug ihr den Atem, als die nächste Wehe kam.
„Los, Kind, wir müssen uns beeilen“, übernahm Großmutter das Kommando. Entschlossen raffte sie die Decken, die neben der Schwangeren auf dem Boden ausgebreitet lagen, zusammen, griff sich ein kleineres Bündel, das dort lag, und reichte alles Dark-Night. „Zeig uns den kürzesten Weg bis zu deiner Höhle. Dream-In-The-Day wird nicht laufen können. Fass mit an, Summer-Rain, wir beide tragen sie.“ Gemeinsam hoben sie die Schwangere hoch und nahmen sie in die Mitte. Das Baby wollte unbedingt jetzt in diese gefahrvolle Welt hineingeboren werden. Dream-In-The-Days Atem ging flach und sie versuchte, die stärker werdenden Wehen wieder wegzuatmen. Mit einem verkrampften Lächeln täuschte sie über ihre Schmerzen hinweg.
Der Geschützdonner kam näher. Über dem Fluss hing schwarzer Rauch. Auch die Geräusche der miteinander kämpfenden Männer konnte man bis hierher hören. Noch waren die Soldaten zu weit weg, als dass sie sie sehen konnten. Trotz ihrer Last kletterten die Frauen schnell das steinige Geröllfeld hinauf; sich hinter jedem großen Stein oder Gebüsch versteckend.
Dark-Night führte sie. Ganz oben, hinter Dornensträuchern verborgen, zeigte sie ihnen die Höhle, die sie hemeint hatte. Sie war nicht sehr groß, doch wenigstens war sie trocken und bot vorläufig Schutz. Bei Dream-In-The-Day kamen die Wehen jetzt bereits schnell hintereinander. Großmutter hatte recht gehabt. Hoffentlich waren die beiden anderen Frauen inzwischen in Sicherheit. Gut, dass Summer-Rain sie weggeschickt hatte. Für noch mehr Leute wäre es hier oben zu eng geworden. Sie richteten sich mit den mitgebrachten Decken einigermaßen ein.
Summer-Rain kniete in dem niedrigen Eingang und versuchte, durch das davor wuchernde Gesträuch etwas zu erkennen. Großmutter hockte neben ihr, während sich Dark-Night jetzt um Dream-In-The-Day kümmerte. Lange schwieg die alte Frau. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste erfahren, wie es ihrem Liebling ergangen war. Besonders die Frage nach dem Fell lag ihr auf der Zunge. Ungeachtet der Schüsse, die von unten bis hier herauf zu hören waren, und der Sorgen um ihre Leute wollte sie alles wissen. Es würde vielleicht ein wenig ablenken. Summer-Rain begann also, ihnen von ihren Erlebnissen zu erzählen, während Dream-In-The-Days Wehen schnell nacheinander kamen. Angefangen von ihrem Aufbruch, dann die Sache mit den Apachen bis hin zu John Black und seinem Hund. Keine der Frauen unterbrach auch nur einmal ihre Erzählung. Ja, es war eine gute Methode, sich von dem Geschehen unter ihnen abzulenken.
Sogar Dream-In-The-Day schien sich beim Klang ihrer Stimme zu entspannen – oder das Kind, wie Großmutter behauptete.
Am Ende musterte die alte Frau aus dem Dunkel heraus Summer-Rain. Nachdenklich legte sie den Kopf auf ihre dünnen, sehnigen Arme. In ihren Gedanken tauchte ein Bild auf, das sie lieber nicht heraufbeschwören wollte. Insbesondere nicht vor Summer-Rain, schon gar nicht jetzt. Sanft berührte sie den von Brandnarben gezeichneten Arm des Mädchens und war dankbar, sie wieder hier bei sich zu haben. Als Summer-Rain ihr das Gesicht zuwandte, fragte sie sie leise, so dass es die anderen nicht hören konnten: „Glaubst du, dass dieser Hund eine Verbindung zu deinem Tiergeist hat und er ihn zu dir schickte, um dich zu beschützen?“
Summer-Rain, die sie nur erstaunt über eine solche Frage anstarren konnte, erschauerte. Es war ihr plötzlich, als berührte sie ein Schatten. Sie wusste zunächst keine Antwort. Dann aber, nach kurzem Besinnen, lächelte sie und schüttelte das, was sie bedrücken wollte, ab. „Diese Erklärung hätte dem alten Trapper gefallen, Großmutter“, sagte sie.
Die alte Frau nickte. „Ich bin froh und dankbar, dass sich dieser alte Mann um dich gekümmert hat – sehr froh …“ Schwer seufzend lehnte sie sich zurück an die Felsenwand der Höhle. Das Schweigen, das sich danach auf alle legte, wurde nur durch Dream-In-The-Days unterdrückte Schmerzenslaute unterbrochen.
„Was denkt ihr? Haben sie es alle rechtzeitig geschafft? Und unsere Männer – die Krieger – können sie diesen Feind dort unten besiegen?“, unterbrach Dark-Night leise die nur zäh dahinfließende Zeit.
Großmutter beugte sich zu ihr hinüber, sanft die Binde über ihrer Nase berührend. „Mach dir keine Sorgen“, sagte sie ebenso leise. „Wir können es nicht wissen. Bis dahin sollten wir uns diese Fragen nicht einmal stellen.“
Das war zwar nicht das, was Dark-Night hören wollte, doch bevor sie sie weiter damit beunruhigen konnte, legte die alte Frau ihr sanft die Hand auf den Mund. Bis auf Dream-In-The-Days unterdrücktes Stöhnen herrschte lange Zeit wieder Schweigen. Dann meinte Großmutter, als hätte Dark-Night ihre Frage eben erst gestellt: „Wenn sie es nicht geschafft hätten, würden die Soldaten dort unten jetzt jubeln; aber sie sind still.“
Damit hatte sie natürlich recht. Nur war das bisher niemandem außer ihr aufgefallen. Tatsächlich – draußen war es merkwürdig still geworden. Der Beschuss hatte aufgehört. Es drängte alle, aus der Höhle zu kriechen, um sich davon zu überzeugen, doch das wäre sehr dumm gewesen. Plötzlich wurde ihnen klar, dass niemand außer Dream-In-The-Days Mutter und Schwiegermutter von ihnen hier oben etwas wusste. Sie waren also völlig auf sich allein gestellt. Um die Zeit, bis das Baby käme, zu überbrücken und keine unnütze Grübelei aufkommen zu lassen, begann Großmutter, Geschichten aus ihrem eigenen Leben zu erzählen. Dream-In-The-Day hatte sich ein Stück Holz zwischen die Zähne geschoben, damit niemand sie jetzt, wo es vielleicht unten von Soldaten nur so wimmelte, hören konnte. Weil die Wehen stärker wurden, biss sie fest darauf. Während Großmutters Stimme leise dahinplätscherte, rückte die Geburt ihres Babys immer näher. Es konnte nicht mehr lange dauern.
Summer-Rain hielt es vor Ungeduld kaum noch aus. Sie wollte endlich wissen, was unter ihnen vorging. Ihre Gedanken eilten bereits weit voraus. Schließlich mussten sie von hier weg. Dafür brauchten sie Pferde. Woran keine der anderen Frauen dachte, schwirrte ihr bereits seit einiger Zeit im Kopf herum. Um Gewissheit zu erlangen, wagte sie sich ungefragt ein Stück aus der Höhle. Inzwischen war es dunkel geworden, und der Mond stand schräg über ihnen im Osten. Ein Trompetensignal war zu hören; also waren die Soldaten noch in der Nähe. Summer-Rain sah die Feuer brennen, und ihr Herz klopfte laut. Die Soldaten hatten unter ihnen ihr Lager errichtet. Das hieß, dass sie noch eine Weile bleiben wollten. Auch auf der anderen Seite des Flusses waren Feuer zu sehen. Unruhig schaute sie auf die Menge der Zelte, auf die Wimpel und Fahnen, die sich im Nachtwind bewegten. Soldaten liefen dazwischen hin und her, einige waren zu Pferde, andere saßen um Feuer. Was sollten sie machen? Ratlos wandte sie sich zurück und suchte im Halbdunkel der Höhle die Augen von Großmutter, die jedoch gerade mit Dream-In-The-Day beschäftigt war.
Wieder blickte sie hinunter. Es half nichts – ihr musste etwas einfallen. Sie hatte gehofft, die Soldaten würden abziehen. Wie es aussah, dachten diese aber nicht daran. Bis zum Fluss hinunter breitete sich das Lager aus. Immer mehr Feuer brannten und erhellten die Dunkelheit. So viele Soldaten auf einmal hatte sie noch nie gesehen. Manche von ihnen trugen Verbände, einige hinkten oder stützten sich auf ihre Kameraden. Die meisten saßen an ihren Feuern, hatten aber ihre Waffen in Reichweite neben sich liegen. Schräg unter ihr erblickte Summer-Rain ein großes Zelt vor einer Senke. Davor ging ein Posten auf und ab. Soeben ritten vier Männer vom Fluss herauf auf das große Zelt zu.
Pawnee-Scouts. Wütend ballte sie die Fäuste. Pawnee und Comanchen hatten sich noch nie vertragen. Unbehelligt ritten sie durch dieses Lager, trugen Uniformjacken, sogar Soldatenmützen, und benahmen sich wie Sieger. Sie tat diese Gedanken mit einem Kopfschütteln ab. Viel wichtiger war die Frage: Wie lange hatten die Soldaten vor, hier zu bleiben?
Während Dream-In-The-Day ihr Baby zur Welt brachte, blieb Summer-Rain auf ihrem Beobachtungsposten. Soeben ritten einige Soldaten mit einer größeren Anzahl Pferde unten am Geröllfeld vorbei nach Osten und entschwanden ihren Blicken. Sie musste unbedingt wissen, was sich dort befand. In ihrem Kopf begann sich eine Idee zu entwickeln. Bevor sie die Pawnee gesehen hatte, war sie davon überzeugt gewesen, es länger hier oben aushalten zu können. Nun war sie beunruhigt. Der kleinste Hinweis würde genügen, und die Pawnee würden hier heraufkommen. Weiße waren leicht in die Irre zu führen – da genügte eine einfache List. Diese Pawnee würden nicht so leicht zu täuschen sein. Und wenn es hell wurde, kam vielleicht einer von ihnen auf den Gedanken, hier hochzusteigen. Sie wandte sich um und bemerkte die Erschöpfung in Großmutters Gesicht. Die Frauen froren und es gab kein Wasser. Das letzte hatten sie Dream-In-The-Day gegeben. ‚Hier können wir nicht bleiben‘, dachte sie gerade, als das Baby geboren wurde. Deam-In-The-Day drückte es an ihre Brüste, damit seinen ersten Schrei unterdrückend. Obwohl die Geburt im Dunkeln stattgefunden hatte und das Umfeld nicht gerade geeignet für ein Willkommen war, kam es ihnen doch wie eine große Freude vor. Es war ein Mädchen. Großmutter hob das winzige Menschlein hoch und kurz in das spärliche Licht, das der Mond durch den Eingang warf. Dabei hielt sie dem Baby die Nase zu, damit es durch den Mund atmen musste und nicht schreien konnte. Das war das Erste, was Comanchenkinder lernten: nicht zu schreien.
Dann bat sie den Großen Geist, es zu beschützen. Es wurde nicht viel gesprochen. Leise murmelten sie Gebete, dann wickelten sie das Kind rasch in eine der Decken, die sie dafür mitgenommen hatten. Das Mädchen schien gesund zu sein – mehr war nicht wichtig. Schon nach kurzer Zeit nahm Summer-Rain wieder ihren Beobachtungsposten ein. Jetzt jedoch, da sie die Pawnee fürchten musste, mit noch mehr Aufmerksamkeit. Bei dem großen Zelt vor der Senke tat sich etwas. Großmutter hatte ihr gesagt, dass dort vor gar nicht langer Zeit Light-Cloud mit Icy-Wind gekämpft hatte.
Die vier Pawnee warteten anscheinend auf jemanden. Dann sah sie einen weißen Mann mit diesem Ding an der Seite, von dem John Black gesagt hatte, dass das ein Säbel sei. War das ihr Kriegshäuptling? Jemand brachte ihm ein Pferd, und er ritt mit den Pawnee unter dem Geröllfeld entlang. Gebannt beobachtete sie die Reitergruppe. Auf einmal hörte sie das Neugeborene hinter ihr. Nur ein kleiner, unterdrückter Schrei – mehr ein Luftschnappen. Sofort drückte Dream-In-The-Day ihrer Kleinen die Hand auf den Mund. Summer-Rain starrte erschrocken nach unten auf die Reitergruppe, denn der Wind wehte genau in ihre Richtung. Einer der Pawnee schaute hoch. Hatte er etwas gehört? Wie zur Bestätigung ihrer Befürchtung zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf die Felsen.
Summer-Rains Herz schlug schneller. Drei der Pawnee ritten mit dem weißen Soldaten weiter. Schon wollte sie aufatmen, doch da fiel ihr ein, dass es zuvor vier gewesen waren. Wo aber war dieser Pawnee? Er musste direkt unterhalb von ihnen sein. Eine Warnung zu den Frauen hin flüsternd, zog sie sich etwas zurück. Sie war sich sicher, dass er immer noch unter ihnen war. Wenn sie sein Misstrauen erregt hatten, konnten sie nicht länger hierbleiben. „Wir müssen weg“, hauchte sie in die Dunkelheit. „Sofort“, flüsterte sie bestimmt. „Bei den weißen Kriegern sind Pawnee. Einer wartet direkt unter uns. Wenn die Sonne den neuen Tag begrüßt, ist es für eine Flucht zu spät. Dann werden sie heraufkommen.“
Sie hatte sich um einen sachlichen Ton bemüht, um die Frauen nicht unnötig zu ängstigen.
Großmutter warf einen besorgten Blick auf Dream-In-The-Day. Die lag – in eine der Decken gewickelt, ihr Baby an der Brust – gegen die Felswand gelehnt und bemühte sich, in eine bequemere Stellung zu kommen. Ihr Gesicht war entspannt; die roten Flecken, die noch vor kurzem dort zu sehen waren, hatten sich aufgelöst. Für diese Verhältnisse hier und angesichts der erst vor kurzem überstandenen Geburt sah sie sogar hübsch aus. Nach vorn gebeugt, mit dem Gesicht im Mondlicht, konnten alle sie sehen, als sie sich mit schwacher Stimme an Summer-Rain wandte. „Dann müssen wir gehen. Comes-Through-The-Summer-Rain, du warst schon immer die Mutigere von uns allen. Sag du uns, was wir tun sollen.“
In der Höhle konnte man nur das leise schmatzende Geräusch hören, das das Baby beim Trinken machte. Zärtlich strich Dream-In-The-Day ihm über das kleine, mit dunklem Flaum bedeckte Köpfchen. Summer-Rain dachte kurz nach. Konnte sie das, was ihr, seit sie die Pawnee entdeckt hatte, durch den Kopf ging, den Frauen zumuten? Ihrer Großmutter würde das überhaupt nicht gefallen. „Wir brauchen Pferde“, raunte sie. Dann, sich wieder auf ihren Beobachtungsposten begebend, doch nach hinten gewandt: „Ich werde sie für uns besorgen.“
Niemand sagte etwas, auch Großmutter nicht. Summer-Rain schaute wieder nach unten. Der Mond kam hinter einer Wolke hervor. Jetzt war der Schatten des Pferdes mit dem Pawnee zu sehen. Jedes kleinste Steinchen, das den Abhang hinunterrollte, würde sie verraten. „Ich gehe runter“, flüsterte sie, ihren Zeigefinger hebend. Niemand sollte ihr widersprechen, nicht einmal Großmutter.
„Wenn ich unten bin, werde ich nach Sonnenaufgang gehen“, erklärte sie ihnen ihren Plan. „Ich habe gesehen, wie die Soldaten Pferde nach dort gebracht haben.“ Dieses Sommerlager hier war ihr nicht vertraut. Deshalb wandte sie sich jetzt an Dark-Night, die am nächsten von ihr hockte. „Sag mir, was dort unten ist; beschreib mir alles, und ich brauche außerdem einen sicheren Ort, wo ich drei Pferde verstecken kann.“
Dark-Night rückte noch näher an sie heran und begann, ihr die Gegebenheiten zuzuflüstern. „Hinter dem Wald, auf der anderen Seite, gibt es einen kleinen Birkenhain“, kam sie zum Schluss. „Dort kannst du die Pferde verstecken.“
Summer-Rain nickte. Niemand wagte einen Einwand, und doch wussten alle, welches Wagnis sie einzugehen bereit war. Es blieb ihnen nur diese eine Nacht zur Flucht. Wenn die Sonne aufging, wäre es längst zu spät. Summer-Rain machte es kurz. „Ich muss versuchen, die Soldaten und besonders diesen einen Pawnee, abzulenken, damit ihr hinten an den Felsen vorbei in den Wald und dann auf die andere Seite zu den Pferden gelangen könnt.“
Großmutters Gesicht fiel in sich zusammen. Ihre weit aufgerissenen Augen starrte Summer-Rain entsetzt an. Es war dunkel in der Höhle; trotzdem spürten die Frauen, dass sie damit ganz und gar nicht einverstanden war. Doch niemand fragte nach ihrer Meinung. Ihr Mund öffnete sich, dann schloss sie ihn wieder. Angesichts ihrer jetzigen Situation blieb ihnen keine Wahl.
„Der Pawnee“, fuhr Summer-Rain ungerührt fort, „wird sich nicht von der Stelle rühren. Niemand von euch wird von hier fortkönnen, solange er dort Wache hält.“ Fürsorglich griff sie nach Großmutters Hand und drückte sie fest. „Ich verspreche dir, so vorsichtig zu sein wie eine Wildkatze – wie mein Bruder mich manchmal nennt. Ich habe schon einmal die Pawnee überlistet. Mir, Comes-Through-The-Summer-Rain, wird das auch diesmal gelingen. Diese Pawnee sind nur Büffelscheiße – und vor Büffelscheiße habe ich keine Angst.“
Trotz ihrer Bedenken nickte die alte Frau. „Ich weiß, Kleines“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Dein großer Bruder Light-Cloud hat dir mehr beigebracht, als ich hätte zulassen dürfen. Nie hast du um Erlaubnis gefragt. Statt dich zu bestrafen, habe ich deine Wunden verbunden. Nun, das habe ich nun davon. Sei vorsichtig, mein Kleines – etwas anderes zu sagen bleibt mir nicht übrig. Zeig dieser Büffelscheiße dort unten, dass Summer-Rain eine Comanche ist.“ Zwar seufzte sie schwer und war doch ein bisschen stolz auf ihr Mädchen.
Summer-Rain wandte sich wieder den Anderen zu. „Wenn ihr dreimal den Ruf einer Eule hört, dann macht euch bereit. Wartet nicht auf mich – nehmt die Pferde und reitet so schnell ihr könnt; ich werde nachkommen.“ Nach dem Messer in ihrem Stiefel tastend, überzeugte sie sich, dass es noch dort steckte. Schnell zurrte sie ihre Haare mit einem der Bänder von Sally Kamp hinten im Nacken zusammen, damit sie sie nicht verraten konnten, wenn der Wind hineinfuhr. Ein letztes Mal blickte sie sich nach den anderen Frauen um – prägte sich ihre Gesichter ein, schloss die Augen, vertraute sie und sich selber dem Schutz ihres Tiergeistes an. Dann strich sie dem Baby, das warm und geborgen an der Brust seiner Mutter lag, zärtlich über die Wange. So nahm sie Abschied von ihnen allen. „Egal, was auch passiert, ihr schaut nicht zurück“, schärfte sie ihnen noch einmal ein. „Reitet so schnell ihr könnt – ich will, dass ihr mir das versprecht.“
In die Stille, die darauf folgte, konnten die Frauen nur nicken. Die aufkommenden Tränen hinunterschluckend, vertrieben sie die Angst aus ihren Köpfen.
Wortlos schlüpfte Summer-Rain aus der Höhle. Der Mond stand jetzt so dicht hinter den Wolken versteckt, dass er die Felsen mit der Höhle hinter ihr nicht mehr erreichte. Trotzdem musste sie sichergehen. Das Geröllfeld war hier, so weit oben, besonders dicht mit kleinen Steinen bedeckt. Mit äußerster Vorsicht auftretend, tastete sie sich Schritt für Schritt voran. Erst, wenn sie festen Halt fand, ging sie weiter. Sie wünschte sich Flügel wie ein Schmetterling, ein Nachtfalter oder wäre wenigstens so leicht wie ein Grashüpfer oder eine Grille. Trotz aller Vorsicht konnte sie nicht verhindern, dass einige Steinchen abwärts rollten. Nach einigen Schritten bis zu den Rand des Geröllfeldes begrenzenden Felsen musste sie sich, um in den Wald nach Osten zu gelangen, wie es Dark-Night ihr beschrieben hatte, nach links wenden. Hier lagen größere Steine, war ein festerer Untergrund. Auch machte es ihr dichtes Dornengestrüpp leichter, Deckung zu finden. Sie traute dem Pawnee durchaus zu, seinen Standort zu wechseln, um mit mehr Abstand weiter nach oben blicken zu können. Hinter einem Dornenbusch verharrte sie, um zu lauschen. Die herabrollenden Steinchen hatten irgendwo Halt gefunden. Und doch war es ihr vorgekommen, als hätte sie einen Steinschlag losgetreten.
Das war der Zeitpunkt, als der Pawnee abermals aufmerksam wurde und nach oben horchte. Summer-Rain konnte ihn nicht sehen – nicht einmal mehr seinen Schatten. Doch dort unter ihr musste er noch immer sein.
Genau so war es. Er saß auf seinem Pferd, den Kopf nach oben gerichtet, die Militärmütze abgesetzt und unter seinen Sattel gesteckt, jetzt als Pawnee zu erkennen. Das Geräusch der Steine war verebbt. Enttäuscht schnaubte er durch die Nase, als da nichts mehr nachkam. Doch sein Misstrauen war abermals geweckt.
Summer-Rain, die ihn sich vorstellen konnte, sich in ihn hineinversetzte, griff zu einer List. „Unterschätze niemals einen Gegner“, hatte Light-Cloud ihr immer wieder eingeschärft. „Wenn du sein Misstrauen erregt hast, verwirre ihn, lasse seine Gedanken andere Wege gehen.“ Also griff sie nach einem großen Stein, wog ihn abschätzend in der Hand und warf ihn nach dem bogenförmigen Durchgang, in eine andere Richtung, als sie gehen wollte. Dort prallte er gegen einen der Felsen.
Es wirkte. Im selben Moment hörte sie das Pferd des Pawnee sich mit ihm nach dort in Bewegung setzend. Die Zeit, die er dafür brauchte, nutzte sie, indem sie oben an den Felsen entlanghuschte. Der Mond kam wieder hinter der Wolke hervor, aber das war nicht mehr von Bedeutung. Unten hielt der Scout jetzt vor dem Bogen. Sie stellte ihn sich vor, wie er nach der Ursache suchte – vielleicht sogar den Stein, der dort eigentlich nicht hingehörte, fand. Als ihr dieser Gedanke kam, biss sie sich auf die Unterlippe. Na gut, dann hatte sie eben einen Fehler gemacht. Das Geröllfeld lag bereits hinter ihr, und sie tauchte im angrenzenden Wald unter. Kurz darauf fand sie einen Abhang, an dem sie hinunterglitt. Hier brauchte sie nicht mehr so vorsichtig zu sein, denn es waren keine Wachen aufgestellt, wie sie mit einem Blick in die Runde feststellen konnte.
Noch immer stand der Pawnee nachdenklich vor dem Durchgang. Er konnte die Ursache des Geräusches nicht finden. Vielleicht war es doch nur ein Tier auf der Jagd gewesen? Also ritt er zurück und begab sich abermals auf seinen Wachposten.
Unterdessen befand sich Summer-Rain bereits unterhalb des Waldes vor der von Dark-Night beschriebenen flachen Mulde, in der brackiges Wasser stand. Gebückt lief sie weiter, die vom Mondschein beleuchtete Ebene hinter dem Wald absuchend. Unruhiges Schnauben und Stampfen kündigten ihr an, dass sie hier richtig war. Die Soldaten hatten etwa 20 ihrer Pferde in eine Koppel gebracht, die sie aus zerbrochenen Zeltstangen und Seilen errichtet hatten. Einige Pferde waren jedoch außerhalb untergebracht. Ihnen hatte man die Vorderfüße gefesselt oder sie mit einem langen Zügel an die dort stehenden Bäume gebunden.
Summer-Rain schaute sich wieder nach einer Wache um. Vorsichtig durchquerte sie das hohe Gras am Rande eines kleinen Walls, der bis hinunter in die Mulde reichte. Beinahe wäre sie einem der drei Männer, die dort in ihre Decken gehüllt lagen, auf die Füße getreten. Sie hatten sich die Mützen tief in die Stirn gezogen, und zwei von ihnen schnarchten.
Der dritte lag auf der Seite; das glühende Ende einer Zigarette erhellte kurz sein bärtiges Gesicht.
Summer-Rain kroch in einem weiten Bogen an ihnen vorbei. An der nächsten Baumgruppe aus schlanken Kiefern erhob sie sich und suchte drei Pferde aus. Über den Ästen hingen Halfter und Zügel – wahrscheinlich hatte die Wache sie ihren Pferden abgenommen und dort aufgehängt. Sie griff sich drei Halfter, um sie den erbeuteten Pferden umzulegen, löste die Seile, mit dem zwei andere an einen Baum gebunden waren, und verband ihre damit. Ungehindert kam sie mit ihrer Beute bis zu dem versteckt liegenden Birkenhain. Sie konnte nicht anders – sie musste noch einmal zurück, um auch die Seile der anderen angebundenen Pferde zu lösen und die Koppel zu öffnen. Kurz sah sie zu, wie sich die Pferde gemächlich hinter den Hügeln zerstreuten. Dann schlich sie im Schutze der Dunkelheit unten am Wald entlang bis zur Senke mit dem Geröllfeld. Es war ganz einfach gewesen.
Während sie hinter Gebüsch am Rande Deckung suchte, konnte sie den Pawnee auf seinem Pferd sitzen sehen.
Die Zelte, in acht Reihen hintereinander aufgereiht, reichten bis hinunter zum Fluss. Noch immer brannten einige Feuer, aber nicht mehr so viele wie zuvor. Soldaten sah sie kaum noch. Die meisten schienen bereits zu schlafen – schließlich hatten sie alle einen harten Tag hinter sich. Die lauten Geräusche des Lagers waren verstummt. Einige ruhelose oder vielleicht sogar betrunkene Soldaten, die noch immer unterwegs waren, würden sich auch bald zur Ruhe begeben. Soeben bog Oberstleutnant Smith mit einem ihn begleitenden Pawnee-Scout um ein Dickicht, das sein großes Zelt von der Senke etwas abschirmte. Sie ritten in geringer Entfernung an ihr vorbei. Der weiße Soldatenhäuptling sagte etwas zu dem Pawnee, der sich daraufhin entfernte. Sein Pferd einem vor dem großen Zelt stehenden Mann übergebend, schlüpfte er hinein.
Summer-Rain ließ den Pawnee nicht aus den Augen, bis er zum Fluss hinunter verschwunden war.
Erst dann schlich sie bis an den Rand der Senke. Als hätte man sie für sie bereitgelegt, griff sie nach einem der dort liegenden Äste. Zehn Schritte weiter glomm noch ein Feuer vor einem der Zelte. Es dauerte nur Augenblicke, dann brannte der Ast. Ein letzter prüfenden Blick – niemand war zu sehen – schon hockte sie vor einem Zelt, zündete es an, lief zum nächsten, zum übernächsten und so weiter. Während sie das tat, drehte sie sich in Richtung Geröllfeld und ahmte dreimal den Schrei einer Eule nach.
Die ersten Männer sprangen aus den brennenden Zelten, aber da war sie bereits verschwunden. Augenblicke später war das halbe Lager alarmiert. Die brennenden Zelte zu löschen, war verlorene Mühe. Also versuchte man nur noch, die in der Nähe stehenden zu retten. Von überall eilten Soldaten herbei. Oberstleutnant Smith erschien vor seinem eigenen Zelt. Nicht gerade erfreut, in seiner Nachtruhe gestört zu werden, erteilte er überflüssige Befehle.
Summer-Rains Plan war, in dem Aufruhr auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Dark-Night hatte ihr die Furt beschrieben. Dort, wo der Fluss aus dem Canyon kam, konnte sie unbemerkt verschwinden. Es war der Weg, den auch die Pferdeherde genommen hatte. Hinter einem bis ins Wasser ragenden entwurzelten Baum fand sie Deckung. Doch wo war die Furt? Dark-Night hatte gesagt – aber hier war sie anscheinend falsch. Jetzt wusste sie nicht mehr weiter. Sie hatte zu viel Zeit verloren – inzwischen war auch das Lager auf der anderen Flussseite hellwach. Von ihrem Versteck aus sah sie, wie eine Handvoll Soldaten mit zwei Pawnee-Scouts von Zelt zu Zelt durch das Lager ritten. Der Oberstleutnant, dem jetzt nicht mehr nach Schlaf zumute war, rief immer noch laute Befehle. Summer-Rain beobachtete hinter ihrer Deckung im Schein der huschenden Fackeln, wie der vor dem Geröllfeld wachende Pawnee zu ihm ritt. Da entschloss sie sich, durch den Fluss zu schwimmen. So eine weite Strecke hatte sie noch nie geschafft. Zögernd hielt sie abermals nach einer flachen Stelle Ausschau – hoffend, dass ihre Lieben längst in Sicherheit waren – Großmutter, Dark-Night, Dream-In-The-Day und das Baby. Gerade, als sie sich von einer der in die Luft ragenden Wurzeln des Baumes lösen wollte, ertönte durch den Tumult des Lagers eine laute Männerstimme, die nach einer Fackel rief. „Hierher, Männer, hierher! Bringt Fackeln mit, hier hoch.“
Summer Rain erstarrte. Aus Richtung Geröllfeld kamen deutliche Geräusche, wie wenn große Mengen Steine herunterrollten. Soldaten, die in der Nähe waren, liefen mit brennenden Fackeln los. Wo waren die Frauen? Waren sie noch immer dort oben? Sich zur Ruhe zwingend, wartete sie und horchte – unsicher, was sie tun sollte, denn sehen konnte sie nicht viel. Schüsse krachten. Der helle Schein von Fackeln zerriss das Dunkel, zog das Geröllfeld hinauf. Kurz darauf riefen Männer von dort aus nach unten. Da schrie eine Frau. Dream-In-The-Day. Das war unverkennbar Dream-In-The-Day. Dann war alles still. Ohne auf ihre Sicherheit zu achten, reckte sich Summer-Rain aus ihrer Deckung heraus. Es hörte sich so an, als kletterten jetzt weitere Männer den steinigen Abhang aufwärts. Der Schein hin und her schwingender Fackeln markierte ihren Weg. Was auch immer dort gerade passierte, es klang nicht gut. Den Gedanken an ihre eigene Sicherheit verwarf sie. Zuerst musste sie wissen, was mit Großmutter und den anderen Frauen passiert war. Also watete sie geduckt zurück ans Ufer, fest davon überzeugt, dass sie alle bei ihrer Flucht entdeckt worden waren. Es blieb nur eine Möglichkeit, ihnen jetzt noch zu helfen. Sie musste die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Hoffend, dass ihr Plan doch noch funktionieren würde, richtete sie sich auf. Mit dem Mut der Verzweiflung begann sie die ihr zunächst stehende Gruppe Soldaten laut zu beschimpfen. Sie schrie ihre Beleidigungen nicht auf Comanche, sondern fluchte auf Taibo-Tekwapu, amerikanisches Englisch – radebrechte, was ihr gerade einfiel.
Sofort verstummten die Männer. Die ersten kamen vom Geröllfeld zurück, andere, die weiter weg waren, griffen sich ihre Pferde und ritten auf sie zu. Oberstleutnant Smith versuchte, Ordnung in seinen Haufen zu bekommen – vergeblich; niemand achtete auf ihn. Summer-Rain, die erkannte, dass die Fackeln wieder den Abhang herunterkamen, watete so schnell sie konnte zurück in den Fluss, hinein in die Dunkelheit – und hoffte und hoffte. Bis zu den Augen im Wasser liegend, sah sie, wie sich die leuchtenden Punkte der Fackeln auf das Ufer zubewegten, weg von dem Geröllfeld. Vielleicht hatte die Zeit doch gereicht, um den Frauen durch ihre Aktion einen Vorsprung zu verschaffen. Vielleicht hatten die Soldaten auch oben nichts entdeckt. Diese Vielleichts im Kopf, horchte sie weiter in die Nacht hinein, denn viel sehen konnte sie nicht. Stimmen näherten sich und entfernten sich wieder. Dann verlosch eine Fackel nach der anderen flussabwärts, und auch die Stimmen ließen nach. Erleichtert watete sie durch das flache Wasser in entgegengesetzter Richtung, zurück auf ihre erste Deckung zu. Der Pawnee fiel ihr wieder ein. Würde er so einfach aufgeben? Wohl kaum. Er hatte die ganze Zeit über Hartnäckigkeit bewiesen; sie sollte ihn also nicht unterschätzen.
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