Kitabı oku: «Kranichschwingen»

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Für Heidi

Alle Personen, Ereignisse und Orte

dieser Erzählungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen,

Orten oder Geschehnissen wären zufällig.

G. K. Ruediger, unter diesem Pseudonym publiziert der 1949 in Karlsruhe geborene Rüdiger K. Herrscher seit 2021 bei Lindemanns. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaften und Psychologie war er als Gymnasiallehrer, in der Lehrerfortbildung sowie einige Jahre an einer Schulpsychologischen Beratungsstelle tätig, ehe er zunächst die Schulleiterstelle am Melanchthon- Gymnasium Bretten und danach am Hermann-Hesse-Gymnasium Calw übernahm. Neben seiner Tätigkeit als Coach für Kinder und Jugendliche sowie Mediator und Mediatoren-Ausbilder arbeitete er viele Jahre als Fachjournalist und freier Schriftsteller für verschiedene Verlage. Neben zahlreichen Sachbüchern und Fachaufsätzen veröffentlichte er Kurzgeschichten und Gedichte in Sammlungen und Anthologien. 2021 erschien sein Buch „Morsezeichen aus der Einsamkeit“. Der Autor ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

G. K. Ruediger

Kranich-

schwingen

Wege aus der Einsamkeit

Lindemanns

Vorweg

Seit wir Menschen vor Jahrtausenden den Charme sozialer Verbände und deren wohltuende Wirkung auf unser Innerstes erfahren durften, beschäftigen wir uns mit dem Miteinander, mit der zwischenmenschlichen Kommunikation, mit den Gefühlen, die uns das Zusammenleben in Gruppen, in Familien, in Partnerschaften erst ermöglichen. Spätestens seit der Epoche der Romantik war es nicht mehr ungehörig, dass Menschen sich in Liebe verbunden fühlten und dies in Liedern und Gedichten auch öffentlich zum Ausdruck brachten, obwohl Ehen, als der klassische, in Konventionen gegossene Ausdruck der Geschlechterverbindung, bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein meist unter rein ökonomischen, sachlich nüchternen Überlegungen geschlossen wurden.

Dass früher derart geschlossene Ehen ein Leben lang hielten, während sich die Statistiken heutiger Scheidungsraten in Mitteleuropa jährlich zu neuen Höhepunkten emporschwingen, hängt nicht mit dieser archetypisch emotionslosen Grundlage von damals zusammen, sondern allein mit der Tatsache, dass es heute nahezu selbstverständlich ist, dass Menschen, durch intensive Aufklärung zur Liebe befähigt und ermutigt, sich einem Partner auf dieser von Gefühlen geschaffenen Basis zuwenden, sobald sie erkennen können, dass sie in der Welt des Wunschpartners vorkommen. So kann dieser oder diese für ihn respektive sie aufgeschlossen bleiben und in der täglichen Kommunikation über diese Liebe sich mit dem Partner, der Partnerin in der Beziehung weiterentwickeln, eventuell auch verändern. Wo das nicht mehr möglich ist oder als niemals vorhanden festgestellt werden muss, findet die Liebe fast zwangsläufig ihr dann bitteres Ende.

Vor allem in der derzeit nahezu unkontrolliert durch Europa mäandernden Corona-Pandemie wird die Liebe zwischen Partnern auf die ultimative Bewährungsprobe gestellt, nachdem gesellschaftliche Vernunft ganz offensichtlich an ihre Grenzen gestoßen ist und eine neue Wut sich gegen diese Fortschritte auflehnt, von egomanischen Unvernunftsfetischisten und Wissenschaftsleugnern massiv befördert. Die Belastungen im Alltag durch gesundheitspolitisch notwendige Einschränkungen fordern von jedem ein Höchstmaß an Verständnis für den anderen, ein Höchstmaß an Toleranz. Gerade jetzt muss sich Liebe ständig neu erfinden, im stetigen Fluss frei aller von außen auferlegten moralischen Regeln und Einschränkungen bleiben. Dazu gehören die bedingungslose Entmaterialisierung von Liebesbeziehungen, die Aufgabe von Privilegien, die man dem Partner gegenüber zu besitzen glaubt, die Aufgabe von Besitzansprüchen, der Verzicht auf sogenannte Liebesbeweise. Liebe darf nicht in sich selbst verharren, indem beispielsweise der Anfang pseudoromantisch verklärt wird, das „weißt du noch“ zum Dressurritual verkümmert. Dann lässt das bereits angelegte Ende meist nicht lange auf sich warten. Niemals verharren, sondern miteinander in der Liebe wachsen, dabei die eigene Identität weiter entwickeln und zur in der Liebe gereiften Persönlichkeit sich zu verändern ist eines der Geheimnisse gelingender Liebe, gelingender Partnerschaft, völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung der Partner.

In der Liebe mehr zu geben als gefordert wird, statt auf vermeintlich berechtigten Ansprüchen zu beharren, sich der Liebe mit Leidenschaft auszuliefern und sie tagtäglich neu zu entdecken, statt sich mit banalen, vermeintlich die Liebe befeuernden Ekstasen der drohenden Langeweile und dem näher rückenden Ende zu entziehen – ein weiteres Geheimnis. Veränderungen in der Liebesbeziehung gemeinsam zu entdecken, sich darüber auszutauschen und mit einfühlsamer Rhetorik neue Werte und neue Anreize für die Liebe zu erschaffen – ein übriges.

Liebe in Hingabe wird niemals unklug dem Partner gegenüber handeln, einzig aus einer momentanen, oft schicksalhaften Laune heraus, sondern sich nach jedem gemeinsam erlebten emotionalen oder erotischen Höhepunkt klug zurücknehmen, um jegliches eigene Anspruchsdenken abzuwehren. Und um Schaden vom Partner abzuwenden. So können aus dem Beieinander und Miteinander keine Ambivalenzen erwachsen, welche dem Auseinander Vorschub leisten. Und Liebe kann jede Grenze überwinden: religiöse, kulturelle oder selbst altersbedingte.

Liebe kann selbst denjenigen Menschen neue Perspektiven eröffnen, die sich nach einer gescheiterten Beziehung in die selbst gewählte oder fremdbestimmte Isolation begeben haben. Aus der Liebe erwachsen Auswege aus dem vermeintlich endlosen Tunnel, auch wenn der Weg steinig und anstrengend sein mag. Am Ende trägt die Liebe jeden davon aus seinem Jammertal, leicht und schwerelos wie mit Kranichschwingen.

Kreuzweg

Im Nachhinein fiel es einem immer schwer, genau festzulegen, wann es nun angefangen hatte. Aber das war eigentlich egal, denn er war noch nie ein Jahrestag-Fetischist gewesen, hatte selbst mit diesen ritualisierten christlichen Feiertagen wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten Mühe, um sie nicht zu vergessen. Ein paar Menschen gab es ja, die von ihm wenigstens zu Weihnachten ein Lebenszeichen, in Geschenkpapier verpackte Aufmerksamkeiten erwarteten, auch wenn ihm selbst das schon immer herzlich egal war. Und jetzt, mitten in den Beschränkungen durch die harten Pandemie-Auflagen der Bundesregierung, vermisste er, im Gegensatz zu vielen anderen, eigentlich rein gar nichts.

Seit Kindertagen war ihm dieses verlogene, moralinsaure Getue um die Geburt des vermeintlichen Erlösers zuwider, von einem Tag auf den andern lagen sich Menschen, die sich das restliche Jahr über in Zank und Streit herzhaft verbunden wussten, in den Armen, vergossen ein paar frömmelnde Tränchen und pflegten ihre Heuchelei unterm bunt staffierten Weihnachtsbaum, zu dem er selbst ein eher ambivalentes Verhältnis hatte: Einerseits brachte er Grün ins Wohnzimmer, andererseits war er als Symbol vollkommen überholt und in einer Zeit, in der weltweit über vierzig Kriege oder Bürgerkriege tobten, fast schon eine Verhöhnung der Betroffenen, ob sie nun Christen oder Andersgläubige sein mochten. Jetzt wurde dem durch das boshafte Virus zumindest teilweise Einhalt geboten.

Seine Exfrau, diese Schicki-Micki-Tante, die sich das teure Loft in Hamburg aus der Scheidungsmasse gekrallt hatte, erwartete noch immer ein Weihnachtsgeschenk von ihm. Als sie es in den ersten Jahren nach der bitteren Scheidung – immerhin hatte sie ihn mit diesem Bodymaßindex normierten Fußballprofi betrogen – nicht erhielt, instrumentalisierte Jolanthe die in London lebende Tochter, welche sich dem Vater zwar verbunden fühlte, aber keinen Stress mit ihrer zickigen Mutter wollte. Also biss er Vanessa zuliebe in den sauren Apfel und erwarb für seine Ex auf einer Auktion zu jedem Anlass ein günstiges Schmuckstück. Vanessa erhielt wie gewohnt ihren Weihnachtsscheck, und damit hatte es sich dann auch.

Jedenfalls fiele ihm das Datum beim besten Willen nicht mehr ein, wann es wirklich angefangen hatte. Die Beschränkungen im öffentlichen Leben, das Maskentragen und das Abstandhalten störten ihn keineswegs, ganz im Gegenteil. Rings um ihn lebten doch schon lange Zeit überwiegend verzärtelte, egomanische Spaßsucher, die rücksichtlos auf ihr ganz persönliches Wohlergehen bedacht schienen. Ob sie damit zur weiteren gesellschaftlichen Spaltung beitrugen, interessierte diese ausgewählte Klientel für künftige Psychiatriebesuche keineswegs. Er verzichtete auf nahezu alles, vom Einkaufen und dem obligatorischen Zahncheck bei seiner attraktiven und überaus fähigen Zahnärztin Dr. Laura, für welche er heimlich schwärmte, einmal abgesehen. Ansonsten galt während der sich austobenden Pandemie: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Das wilde Aufbegehren gegen die von allen Virologen empfohlenen Schutzmaßnahmen konnte er nicht verstehen, auch wenn dies die offensichtliche Spaltung der Gesellschaft nur verdeutlichte.

Wenn er die Sache nüchtern betrachtete: Die gesellschaftliche Situation in seinem Land war letztlich doch bereits seit der Wiedervereinigung angespannt. Kanzler Helmut Kohl hatte den Neubürgern aus dem Osten blühende Landschaften versprochen, erhalten hatten sie prekäre Lebensverhältnisse, welche ihr Wahlverhalten zunehmend radikalisierten. Die wenigen Super-Reichen in der erweiterten Republik wurden, seit der damalige Kanzler Schröder seine unsozialen Reformen durchs Parlament gepeitscht hatte, wie überall in Europa, immer reicher, die Boni für erfolglose Manager schossen ins Astronomische, während Kleinbürgertum und Mittelstand zunehmend verarmten. Carsten konnte das relativ gleichgültig sein, hatte er doch trotz Scheidung einen Großteil seines väterlichen Erbes gerettet und sicher vor der gierigen Hamburger Krake auf wohl verborgenen Schweizer Konten angelegt.

Und später dann kamen sie – die Flüchtlinge. In Massen. Hunderttausende flohen vor Krieg und Bürgerkrieg, vor Fassbomben und IS-Terror, vor Versklavung und mittelalterlicher Rechtsprechung radikalisierter Muslimbrüder, später vor den wiedererstarkten Taliban im vom Westen fluchtartig verlassenen Afghanistan. Aus anfänglicher Willkommenskultur erwuchsen bald schon neue Vorurteile, neue Ablehnung, erwuchs neuer Rassismus.

In seiner übersichtlichen Stadt am Bodensee fielen sie zunächst nicht großartig auf; erst als sie nach der Erfassung im Aufnahmelager auf einigermaßen zivilisierte Unterkünfte verteilt worden waren, begannen sie nach und nach das Straßenbild zu prägen: Frauen mit Kopftuch, Frauen im Nikab, Frauen in orientalischen Gewändern, dunkelhäutiger als Europäer, verunsicherten, ebenso wie deren stolze Männer, die braven Bürger, die sich zunächst so viel auf ihre Willkommenskultur zugutegehalten hatten, ließen Ressentiments sprießen, vor allem bei denjenigen, die sich ohnehin zu kurz gekommen fühlten. Wie vor Jahrhunderten beim die Stadt überflutenden Konzil fühlten sich die Einheimischen überrannt. Plötzlich bekamen längst überwundene Ängste wieder Konjunktur, politische Glücksritter nutzten die Gunst der Stunde für Agitprop wie zu besten NS- oder DDR-Zeiten, nur dass das Pendel diesmal wieder nach rechts ausschlug. Die aufwallende Pandemie lenkte endlich vom neuen, künstlich geschaffenen Feindbild ab, ließ die selbsternannte politische Elite aus Querdenkern, Rechtsideologen, sogenannten Reichsbürgern, und Identitären ihre vermeintlich bedrohte Freiheit gegen das neu gewonnene Feindbild der Corona-Einschränkungen aggressiv verteidigen. Flüchtlinge gerieten da in Vergessenheit – der Staat wurde zum Feind.

Zum ersten Mal gesehen hatte er sie kurz vor Beginn der Pandemie in seinem Edeka-Markt, in welchem der Flüchtlingsbeauftragte der Stadt ihr für Mindestlohn ein paar Stunden als Putzfrau vermittelt hatte: Fatima aus Syrien. Das kleine Mädchen, das sich stets in ihrer Nähe aufhielt, schien ihre Tochter zu sein, Tulum, wie er später erfuhr. Akribisch wischte diese stille junge Frau die Regalböden sauber, nicht das geringste Staubkörnchen entging ihren flinken, wachen, dunklen Augen, die so ernst in die Welt blickten. Erst beim zweiten Aufeinandertreffen war ihm aufgefallen, dass sie gegen die landläufige Erwartung kein Kopftuch trug, das rabenschwarze, lockige, volle Haar zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden bändigte.

Ihr nächstes Aufeinandertreffen fand schon in den Wochen der Pandemie zwischen den Regalen mit fernöstlichen Gewürzmischungen und den sich daran anschließenden Alkoholika statt. Er studierte durch seine wegen der Gesichtsmaske ständig beschlagenen Brille eben die diversen Angebote an fertiger Kokosmilch aus der Dose, als er von einem lauter werdenden Stimmengewirr abgelenkt wurde. Bei einem eher flüchtig-neugierigen Blick um die Regalecke sah er drei Jugendliche sich intensiv um die junge Frau kümmern: verbale, zotige, nicht stubenreine Beleidigungen wurden ihr an den Kopf geworfen, während insbesondere der korpulenteste der drei mehr oder minder adipösen Spätpubertierenden ihr auf den Leib rückte und sie gegen das Regal drücken wollte. Alle Masken der eingebildet Starken hingen auf Halbmast, was keinen im Markt zu scheren schien, an den gebotenen Sicherheitsabstand dachten sie nicht im Traum. Carstens Eingreifen erfolgte spontan und vermutlich deshalb auch so wirkungsvoll. Er packte den kleinen Dickwanst am Unterarm und drehte ihm diesen gekonnt auf den ebenso wulstigen Fettrücken, fauchte: Verschwindet sofort und lasst diese Frau in Ruhe, sonst setzt es ein paar heiße Ohren. Und setzt eure Masken auf!

Als der Jungbulle zu einem Schwinger ausholen wollte, erhielt er den Satz Ohrfeigen, den ihm längst während seiner versäumten Erziehung ein anderer hätte verabreichen sollen, um ihn zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft statt einem Jungkriminellen werden zu lassen. Die Meute stob davon, aus ängstlichen Augen sah ihn die junge Frau dankbar an.

Danke, Sir, war das Einzige, was sie hervorbrachte, ehe sie in Tränen ausbrach. Und ihm, der schon so lange allein und ohne jeglichen engeren zwischenmenschlichen Kontakt gelebt hatte, fiel in diesem Moment nach kurzem Zögern das einzig Richtige ein. Er nahm die Verschüchterte, Zitternde an der Hand, Corona-Regeln hin oder her, fasste mit der anderen das Kind und spazierte mit den beiden in die angrenzende Cafeteria, wo er sie zu einem Tee und einem Plunderstückchen einlud. Die Tische standen in ausreichender Entfernung von anderen Besuchern, sodass sie hier die Masken absetzen durften. Jetzt konnten die Tränen ungehemmt fließen. An der Kasse hatte er Bescheid gegeben, weshalb kurz darauf der Geschäftsführer auftauchte und sich hinter seiner Billigmaske fürchterlich über diesen Eingriff in die Betriebsabläufe aufregte. Dass er selbst nicht für Sicherheit in seinem Unternehmen sorgen konnte, blieb unerwähnt. Typisch Platzhirsch hinter blauer Einfachmaske. Carsten beachtete ihn nicht.

Spontan bot er der jungen Frau eine Stelle als Haushaltshilfe in seinem Haus an – Putzen war ohnehin eine ihm verhasste Tätigkeit. Lieber saß Carsten bis Börsenschluss vor dem PC und entschied, je nach Kursverlauf, über An- beziehungsweise Verkäufe von Wertpapieren. Er pflegte schon lange das Homeoffice dem geselligeren Treiben dort draußen vorzuziehen. Aktiendeals ließen sich so problemlos abwickeln. Das war seine Welt, in der er sich sicher fühlte, seine Kontostände zeigten, dass er durchaus ein Händchen für die Börse hatte. Die übrige Zeit verbrachte er entweder auf seinem Boot oder mit langen Spaziergängen und Wanderungen, mitunter ins nahe gelegene Allgäu oder auf den Bodanrück.

Die Anstellung regelte er mit dem zuständigen Flüchtlingsbetreuer, Fatima war als Flüchtende vorübergehend anerkannt und durfte mindestens für die nächsten zweieinhalb Jahre bleiben. Eine beschränkte Arbeitserlaubnis hatte sie erhalten. Sie kam seit diesem ereignisreichen Tag drei Mal in der Woche zu ihm, brachte, und darüber war sie sehr froh, ihre kleine Tochter mit, die sich schnell mit Carsten anfreundete. Er besorgte dem Mädchen allerhand Spielzeug aus einem der Läden im Zentrum, recht nahe am Bahnhof, begeisterte sich daran, wie die kleine Tulum Interesse an Technik-Spielsachen zeigte.

Carsten, den viele in seinem Bekanntenkreis bisher für einen kinderfeindlichen Hagestolz gehalten hatten, fing an, dieses kleine Mädchen mit den großen, fast schwarzen Murmelaugen zu lieben; er vermisste sie an den Abenden, an denen er allein in seinem, für einen Menschen viel zu großen Haus regelmäßig Selbstgespräche führte. Und er vermisste zunehmend die angenehme Ruhe, die von Fatima ausging, wenn sie bei ihm Fenster putzte oder Wäsche bügelte, leise vor sich hin summend. Es war augenfällig, dass auch sie zunehmend entspannter war, ihn jedes Mal an der Haustür mit einem Lächeln begrüßte, einem Lächeln, wie er es bei seiner geldgierigen Ex schon kurz nach den Flitterwochen für ewig vermissen musste.

Es war an jenem letzten Freitag im November, alle rechneten bereits mit dem nächsten Lockdown, es war jeweils der dritte Tag, an dem es im Haus eigentlich nichts mehr zu putzen gab, weshalb er sie immer zu einem Tee, später gar zu einem gemeinsamen Mittagessen einlud, als ihm auffiel, dass sich Fatima, nachdem das saubere Geschirr aus der Spülmaschine geräumt und die gesamte Küche blitzblank gescheuert war, noch immer an der Spüle zu schaffen machte. Ihr Deutsch war dank seiner Unterstützung inzwischen derart verfeinert, dass sie sich besser als manch weniger versierte Einheimische, die Deutsch als ihre erste Fremdsprache erlernt hatte, verständigen konnte, und deshalb fragte er sie geradeheraus, ob sie mit etwas ein Problem habe. Tulum hielt im Wohnzimmer auf der Couch ihren Mittagsschlaf, als er erkennen musste, wie heftig Fatima mit den Tränen zu kämpfen hatte.

Sie habe keine Probleme, meinte sie zunächst. Als er nachhakte, sie sogar zum ersten Mal in den Arm nahm, Abstand hin oder her, ließ sie den Kopf auf seine Schultern sinken, fing an zu schluchzen und erklärte ihm, nachdem sie sich einigermaßen gefangen hatte: Da sind böse Männer in der Unterkunft. Junge Männer aus Gambia. Sie wollen Bum Bum mit mir machen. Kein Interesse, ob ich auch will Bum Bum. Sie nehmen sich einfach ...

Sie haben dich vergewaltigt?

Ihr fragender Blick zeigte ihm, dass sie diesen Terminus nicht kannte, also fragte er verständlicher:

Sie haben mit Gewalt Bum Bum mit dir gemacht? Ein Nicken war die ganze, aber eindeutige Antwort. Und dann der Hinweis mit dem Kopf auf Tulum: Was, mit ihr auch?

Nein. Sie sagen: nächstes Mal.

Er wusste in diesem Moment, dass er jetzt endlich aus seinem Schneckenhaus musste, sich für sie und dieses unschuldige Kind einsetzen. Beide mussten hier bei ihm bleiben. Er besprach sich mit Fatima, rief den zuständigen Flüchtlingsbetreuer am späten Freitagnachmittag an, ließ sich von dessen Frau nicht abspeisen, erklärte, dass er sonst Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstatten und eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim zuständigen Regierungspräsidium einreichen wollte, wenn der feige Hund, wie er ihn in seiner Rage titulierte, nicht sofort ans Telefon käme.

Er brüllte seine Anschuldigungen regelrecht in den Hörer, ließ den „Beamtenarsch“ und „Sesselfurzer“, der ganz typisch zunächst die Schuld beim aufreizenden Gang Fatimas suchen wollte, nicht länger zu Wort kommen, drohte mit der Presse und seiner härtesten Gangart inklusive Schlägertrupp und erreichte, dass noch abends kurz vor der Tagesschau der Kleingemachte, der regelrecht auf die passende Größe gehäckselte A11-Diener seines Dienstherrn, Fatimas persönliche Sachen vorbeibrachte.

Ein amtliches Schreiben bestätigte, dass Fatima und Tulum ab sofort bei Carsten wohnen durften; beide erhielten nur wenige Tage später dank der Hilfe seines Freundes Josef, diesem genialen Anwalt, die unbegrenzte Aufenthaltsbefugnis, und zum ersten Mal sah er wieder ein flüchtiges Lächeln über Fatimas apartes Gesicht mit den tieftraurigen, nachtdunklen Augen huschen. Die beiden bezogen die freien Gästezimmer, Tulum fühlte sich bald wie eine Prinzessin. Ihm fiel auf, dass die beiden relativ wenig Kleidungsstücke besaßen, weshalb er am nächsten Samstagmorgen, der bislang für ihn bedeutungslose 1. Advent rückte näher, nach dem Frühstück mit ihnen zum Einkaufen in ein etwa neunzig Kilometer entferntes Outlet-Center in der Nähe der Landeshauptstadt fuhr, wo er beide für fast dreitausend Euro neu einkleidete. Sein kleines Mädchen – als das empfand er inzwischen Tulum – tanzte vor Freude, umarmte ihn, gab ihm einen feuchten Kuss auf den Mund, meinte: Danke, Baba!

Fatima standen die Tränen in den Augen, und auf der Heimfahrt, als Tulum auf der Rückbank des großen Audi im Kindersitz eingeschlafen war, erzählte sie ihm zum ersten Mal aus ihrem Leben. Sie war Lehrerin in Aleppo gewesen, ihr zwanzig Jahre älterer Ehemann Arzt im größten Krankenhaus. Beim ersten Überfall der islamistischen Terroristen von Al Nusra, Verbündete des Islamischen Staates, war ihr Mann als Chefarzt aufgegriffen und hingerichtet worden, um die übrigen Ärzte leichter einschüchtern, steuern zu können. Sie weilte mit Tulum glücklicherweise auf dem Landgut ihrer Eltern, welche sie, sofort nach Eintreffen der Nachricht, in die benachbarte Türkei verfrachteten, ausgestattet mit dem gesamten Barvermögen der Eltern für die geplante Flucht.

Im September 2017 war sie mit einem riesigen Flüchtlingstreck über Ungarn nach Deutschland gelangt, ausgehungert und erschöpft, aber am Leben. Sie war erfreut über die Offenheit der Menschen hier und über die Einladung der Bundeskanzlerin. Erst mit der Zeit lernte sie die wahren Probleme kennen, den Druck in den Flüchtlingsunterkünften, die Einschüchterung durch nationalistische Deutsche, die ihr Angst machten.

Carsten versicherte ihr, dass sie von jetzt an keine Angst mehr haben müsse, weder um sich noch um ihre Tochter; sie lebten jetzt mit ihm zusammen, wie eine kleine Familie, und er sorge für sie. Vor den Gambiern müsse sie auch keine Angst mehr haben, deren Erziehung hatte ihn gerade einmal dreitausend Euro für die Fighter seines Freundes Georg aus dem Karate-Klub gekostet. Fatima könnte jetzt endlich zur Ruhe kommen und ihre schrecklichen Erlebnisse aufarbeiten, gerne auch im Gespräch mit ihm.

Und du? Was du willst?

Mit der Satzstellung haperte es bei Fatima immer nur dann, wenn sie angespannt, nervös war. Er verstand nicht gleich, worauf sie hinauswollte, doch dann dämmerte es.

Ich bin so froh, dass ihr beide da seid. Ich freue mich über eure Gesellschaft und habe dich und Tulum liebgewonnen. Ich war so lange allein, dass ich euch beide wirklich wie meine Familie empfinde.

Sie lebten einige Wochen zusammen, fuhren im Frühjahr, als die Beschränkungen gelockert worden waren, über die Wochenenden nach Österreich oder in die Schweiz. Tulum war begeistert von den Alpengipfeln, und als er sie einmal beim Abstieg vom Schafsberg nach einer anstrengenden Wandertour im Salzkammergut die letzten paar Kilometer bis zum Auto tragen musste, konnte er seine Tränen nicht länger zurückhalten. Welch ein Glück war ihm da doch noch einmal beschieden worden. Eine wunderbare Frau, die immer besser Deutsch sprach, ein lebendiges, wunderbares Kind, das er längst wie sein eigenes angenommen hatte.

Eingetrübt wurde das Glück während ihres Urlaubs in der Bretagne, Ende August. Die Corona-Beschränkungen, selbst im stark betroffenen Frankreich, waren größtenteils aufgehoben. Fatima zog sich mehr und mehr in sich selbst zurück, sprach wenig, wich ihm aus, wenn er wissen wollte, ob sie etwas bedrücke.

Ist nix, war ihre Standardantwort.

Er insistierte, bedrängte sie regelrecht, weil er genau erspürte, dass etwas nicht stimmte. Und endlich, als abends nach einem anstrengenden Tagesausflug Tulum erschöpft eingeschlafen war, brach es, als er wieder einmal ein Fragentrommelfeuer abfeuerte, aus ihr heraus: Du magst mich nicht. Ich wahrscheinlich hässlich bin. Du duldest mich nur, weil du mein Kind magst. Du nur Augen für Tulum hast, sie du liebst. Mich nicht.

Sie weinte. Heftig. Schluchzte zum Steinerweichen.

Endlich gelang es ihm, sich zu überwinden, sie in den Arm zu nehmen.

Das stimmt nicht. Ich liebe euch beide. Aber ich wollte dich auf keinen Fall bedrängen, nach allem, was du durchgemacht hast. Ich hatte Angst, du könntest auch vor mir davonlaufen, wenn ich dich zu sehr bedränge. Ich liebe dich auch ohne alles andere, ohne Umarmen oder Sex.

Mit großen Augen sah sie ihn staunend an. War fassungslos.

Du sagst, du liebst mich, aber willst nicht in mein Bett, weil du hast Angst, mir wehzutun? Kein arabischer Mann so denkt. Nimmt sich, was er will. Ohne zu fragen.

Er sah ihr zartes Lächeln nicht, schämte sich, dass er sie sehr bedrängt und mit seinen Worten offensichtlich verwirrt hatte. Als er nach dem anschließenden Strandspaziergang am heute recht ruhigen Atlantik entlang in der Dämmerung bei hereinbrechender Flut ins Haus zurückkehrte, waren alle Lichter aus. Also schliefen beide. Gut so. Er duschte ausgiebig, am Ende kalt, weil die Gedanken immer wieder um Fatima kreisten und entsprechende Reaktionen bei ihm auslösten, die nur mit kalten Güssen zu bewältigen waren, und kroch wie üblich ohne Schlafanzug unter das herrlich kühle Leinen. Er musste schon eingedämmert gewesen sein, als ihn ein Geräusch an der Tür weckte.

Er vernahm tapsige Schritte, vorsichtig auf den Holzdielen auftretend, sich seinem Bett nähern, und auf einmal spürte er einen warmen Körper, der unter seine Decke schlüpfte und sich an seinen presste: Fatima!!

Ehe er etwas sagen oder fragen konnte, verschloss sie mit ihren vollen Lippen leidenschaftlich seinen Mund, schmiegte sich in seine zunächst zaghafte Umarmung, streichelte ihn, ließ ihn schließlich alle Zurückhaltung über Bord werfen. Sie liebten sich wie zwei Ertrinkende, die sich beim Untergang der Titanic soeben noch im nachtkalten Ozean gefunden hatten und nicht mehr voneinander lassen wollten. Nach einem Höhepunkt, wie er ihn noch mit keiner Frau erlebt hatte – viele gab es ja nicht in seinem Leben –, kuschelte sie sich an ihn und flüsterte ihm ihre Liebe ins Ohr.

Er küsste sie, ehe er antwortete: Möchtest du meine Frau werden? Für immer und ewig mit mir vereint sein?

Ihre Antwort zeigte ihm: Er war nach seinem langen Irrweg aus Trial-and-Error, nach Niederlagen und Verletzungen, endlich angekommen in seinem ganz persönlichen Himmelreich.

Am nächsten Morgen beauftragte er einen örtlichen Notar mit dem Kauf des Ferienhauses.

Steinzeugen

Im letzten Frühsommer vor dem Ausbruch der weltumspannenden Seuche begegneten sie sich, ohne Einschränkung durch irgendwelche Seuchenschutzauflagen. Für sie, die Schöne, war das Aufeinandertreffen ein absoluter Glücksfall, ein Volltreffer wie das Knacken des Euro-Jackpots. Obwohl sie angesichts ihrer Lage sich das Lottospielen nicht leisten wollte, auch nicht konnte, traf sie das Glück unerwartet und genau zum richtigen Zeitpunkt. Als sie nicht mehr weiterwusste und ohne das gute Zureden ihrer Mutter längst aufgegeben hätte, alles hingeworfen. Amelia, die sie alle nur Melli riefen, sollte eine bessere Kindheit haben als sie selbst. Ihre eigene Kindheit wollte Anabelle keinesfalls, im Gegensatz zur Mutter, als rundum glücklich bezeichnen. Zwar gab es damals in der Pfälzer Kommune immer etwas zu essen, und auch Dope aus eigenem Anbau war zur Genüge vorhanden. Doch die zahlreichen Kinder, die nur mit Sicherheit sagen konnten, wer sie geboren hatte, dafür aber viele entspannte Väter um sich wussten, mussten auf vieles verzichten. Fernsehen zum Beispiel gab es nicht, Fleisch nur selten. Spielsachen waren Mangelware und heiß umkämpft.

Melli sollte nicht in ähnlich knappen, beinahe prekären Kindheitsverhältnissen aufwachsen wie sie selbst. Anabelles eigene Kindheit besserte sich erst, als ihre Mutter endlich, nach der Auflösung der Gemeinschaft, sich gegen ein promiskuitives Leben und für den Meister der Steine entschied. Er wurde Anabelles Vater, schuf nach und nach einen bescheidenen Wohlstand.

In ihrer jetzigen sorgenvollen Lage traf Anabelle genau im richtigen Augenblick auf ihn, ihr finales Glückslos in ein besseres, sorgenfreieres Leben ohne Angst vor dem Zustellungsbescheid des Amtsgerichts. Und eine strahlende Zukunft für Melli.

Carl-Peter seinerseits empfand dieses Zusammentreffen, nachdem er die ersten Gefühlswirren aufgearbeitet und sich mit der für ihn ungewohnten Situation angefreundet hatte, ganz ähnlich wie sie: Belle, die von ihm, dem frankophonen Ästheten, liebevoll als seine Schöne tituliert wurde. Er konnte sich nicht sattsehen an ihr, an ihrem wunderbar gleichmäßigen, edlen, mit südländischem Teint verwöhnten Gesicht, dem üppig proportionierten Körper, der lockigen, tiefschwarzen Haarpracht und den großen, leuchtenden, dunklen, fast nachtschwarzen Augen, die wie eine einzige Verheißung auf ihn wirkten. Als eben Sechsunddreißigjährige war sie einst als Kind freier Liebe gezeugt worden, lernte erst spät den Wert eines stabilen Familiengerüstes schätzen, genoss die späte monogame Liebe zwischen ihrem Vater, einem letztlich nur regional bekannten Bildhauer, und ihrer Mutter, die als Siebzehnjährige damals in die Hippiekommune im dichtesten Pfälzer Wald auf der Flucht vor dem jederzeit schlagbereiten Stiefvater gefunden und den dreißig Jahre Älteren nach der Auflösung der auf Gemeineigentum basierenden Kommune für immer erobert hatte. Obwohl die Eltern ihre Antibürgerlichkeit auch nach der Flucht in die scheinbar kleinbürgerliche Idylle deutlich lebten und daher auch wie selbstverständlich nie geheiratet hatten, wurde nach der Auflösung der Kommune klar, dass Loris ihr Vater war, auch wenn die Mutter, Klara, in all den wilden Jahren keine Scheu kannte bei der Partnerwahl.

Klara war es auch gelungen, Carl-Peter, den Großstadtbürger, dem in seinem bisherigen Leben alles Hippiemäßige schon immer zuwider gewesen war, ins kleine Restaurant zu lotsen, nachdem er sich auf dem Weg zum Wandern am Totenkopf auf den engen Sträßchen der Region vollkommen verfahren hatte. Sein Oldtimer-Jaguar besaß noch kein Navi, und am Smartphone wollte er nicht herumspielen während der Fahrt.

Die großzügige Lichtung auf der Hochfläche bot ihm zum ersten Mal seit gefühlten zehn Stunden wieder volles Sonnenlicht, Hunger und Durst stellten sich automatisch ein, ein zweites Frühstück in dem rustikalen, aber gemütlichen kleinen Gastraum brachte ihn wieder in die Spur, zauberte ein erstes Lächeln auf sein Gesicht. Über sein Handy – man hatte hier sogar Netz – verständigte er seine Wandergruppe und entschloss sich kurzfristig, nach der Mahlzeit gekräftigt, eine kleine Tour allein hier oben zu machen. Eine Karte erhielt er am Tresen ausgehändigt. Vielleicht erwies sich das Alleinwandern als bessere Alternative. So musste er weder das Geschnatter der Society-Ladies in der Gruppe noch das selbstherrliche Angeben der ehemaligen Beraterkollegen mit ihren Erfolgsprojekten ertragen, konnte sich ganz auf sich selbst besinnen. Die Jagdgeilheit des Unternehmensberaters in Verbindung mit Brunftschreien moderner Jäger auf immer neue Erfolge hatte er endgültig abgestreift.

Die urwüchsige Landschaft, Tannen und Kiefern von majestätischer Größe, die von gewaltigen Sandsteinfindlingen kreuz und quer umlagert waren, dazwischen uralte, stammrissige Buchen und Kastanien, gesäumt von üppig grünen Wiesen ohne jeden Weidezaun, weil sich hierher noch kein Rindvieh verirrt zu haben schien, klare, rieselnde Bäche, die jederzeit hinter einer Felswand oder einem mächtigen Kiefernstamm hervortreten konnten, um sanft, beinahe zärtlich auffordernd zu Tal zu plätschern, wo sie sich im Wiesengrund mit anderen zu einem breiten Bachbett zusammenfanden, vereinten, all das berührte ihn im Innersten stärker, als er es sich je vorzustellen gewagt hätte, und mit einem Mal spürte er, als er nach knapp vier Stunden Schuhe und Strümpfe auszog, um die heiß gewordenen Füße im frischen Bächlein zu kühlen, wie Tränen über sein Gesicht rannen, einzelne zunächst, dann immer mehr, und mit ihnen kam die Erinnerung an glückliche Kindertage auf dem Land, an den Kraichgauer Bauernhof der Großeltern, fernab von all dem Großstadtgetriebe, dem er sich später tagein, tagaus ausgesetzt sah.

Er fühlte, dass sich da so vieles im Innersten aufgestaut hatte, dass es da so manche Seelenschutthalde gab, die nach außen drängte. Er wollte, er konnte es endlich zulassen, seiner Melancholie gehorchen. Was war das Leben? Eine einzige, vierspurige Erfolgsautobahn? Wohin sollte diese führen? Manager des Jahres? Was bedeutete das schon! Burnout, wie bei etlichen Kollegen? Arme Welt, die sich diesem Zeitgeist-Terror verschrieben hatte, wie die Maus in Kafkas Parabel ausweglos festsaß. Hier in dieser nahezu unberührten Natur konnte er sich zum ersten Mal nach langer Zeit, eigentlich seit Beas Weggang, wieder selbst spüren. Er hörte wieder, roch, fühlte – ein Panikorchester sinnlicher Wahrnehmung spielte ihm hier auf.

Er hatte dieses sein Manager-Großstadtleben als Erwachsener nach dem VWL-Studium selbst gewählt, es lange Zeit angesichts seiner Verantwortung als selbstständiger Unternehmensberater für die wirklich großen Konzerne dieser Welt als optimal empfunden, schließlich war es zum Flughafen nie weit. Fliegen musste er praktisch jede Woche: London, Paris, Detroit, Bratislava, Singapur, Tokio. Man gewöhnte sich schnell an diesen Rhythmus, und Beate, seine Tanzstundenliebe, passte sich ihm dabei wunderbar an. Oft genug begleitete sie ihn in die Metropolen, wo sie dann noch zwei, drei Tage privat anhängen konnten. Zweifel kannte er nicht, empfand es lange als Befreiung, der ländlichen Abgeschiedenheit, der Kleinkrämermentalität entkommen zu sein. Zweifel kamen nie auf, jedenfalls so lange nicht, bis Beates plötzlicher Tod als Folge eines Aneurysmas im Gehirn ihm jäh den Boden dieser so gesichert scheinenden Existenz unter den Füßen wegzog, ihn mit zuvor nie gekannter Einsamkeit und Trostlosigkeit konfrontierte.

Die Nachdenklichkeit übermannte ihn zum ersten Mal nach diesem gravierenden Einschnitt, eine nie zuvor erlebte Melancholie erfasste ihn wie eine ins Tal donnernde Lawine in den Alpen, nahm ihn unmittelbar nach Beates Beerdigung abrupt in Besitz. Urplötzlich, praktisch noch am mit brauner Erde angehäufelten Urnengrab, sah er nichts Vernünftiges mehr in seinem Tun, in seinen jahrelangen Optimierungs-, Rationalisierungs- und Kostendämpfungsprogrammen für die Global Player dieser künstlichen Welt, die in aller Regel mit Arbeitsplatzverlusten verbunden waren. Verlusten für die kleinen Leute, für die, welche am Fließband seine Ideen mit immer weniger Personal umsetzen durften.

Alle waren überrascht, als er von heute auf morgen mit gerade sechzig Jahren ausstieg, auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Ersparnisse waren zur Genüge vorhanden: Aktienpakete, ein Nummernkonto in der Schweiz, drei Firmenbeteiligungen bei aufstrebenden Startups. Zum Leben für einen kinderlosen Privatier mehr als genug. Die nach Beas Tod überflüssigen Lofts in New York und London waren schnell lukrativ verkauft, die Villa in Thonon les Bains am Genfer See behielt er einstweilen, ebenso das Appartement in Bretten, dem letzten Stützpfeiler seiner nie zur Gänze vergessenen badisch-beschaulichen Herkunft. Er machte sich auf die Suche. Auf die strapaziöse Suche nach sich selbst, nach all dem in seinem Innersten, das er lange nicht mehr gefühlt hatte. Fühlen, das brachte ihm einst die Großmutter im Kraichgau bei, war essenziell für das seelische und körperliche Wohlbefinden. Nicht umsonst hatte sie ihn immer wieder alles Mögliche fühlen lassen, seine taktilen, olfaktorischen und geschmacklichen Sinne geschärft. Ein Hühnerküken fühlte sich zart an, forderte Behutsamkeit. Eine Fliederblüte konnte die Sinne betören. Und ein Blatt der frisch gepflückten Pfefferminze aus dem Bauerngarten schmeckte vor allem im Sommer frisch und belebend, ersetzte ihm damals die Pfefferminzbonbons seines späteren Lebens. All das strömte urplötzlich wieder auf ihn ein, in der idyllischen Abgeschiedenheit dieses Fleckchens Erde. Er konnte noch fühlen, schmecken, riechen. Nahm sich und alles um sich herum wieder mit allen Sinnen wahr.

Die Tränen, die ihm am mäandernden Bächlein plötzlich eine Tür zu seiner Seele öffneten, schufen Platz für längst verdrängte Erinnerungen, ließen Bilder in ihm hochsteigen, die sowohl schmerzten als auch hin und wieder ein Lächeln auf sein unrasiertes Gesicht zauberten. Er lag im kniehohen Gras, die Füße im kühlen Nass, das scheinbar den nicht enden wollenden Tränenfluss mit immer neuer Nahrung versorgte. Hier vollzog sich die endgültige Wende in seinem Leben. Sein von stetiger Hektik geprägter Ausflug in die große weite Welt war beendet, hier, in dieser unaufdringlichen Landschaft, konnte er in die Balance früher Kindheitstage zurückfinden. Er ließ die Tränen einfach weiter fließen, bis sie von allein versiegten, bis sie allen angestauten Kummer hinweggespült hatten.

Carl-Peter zog Schuhe und Strümpfe wieder an, begann den Rückweg zur Pension. Schnell entschlossen buchte er nach seiner Rückkehr das kleine Gästezimmer mit Etagendusche, betrat den kleinen, geschotterten Parkplatz, auf dem sein gepflegter Oldtimer abgestellt war, und brachte seinen Koffer ins Haus. Das Zimmer war überschaubar, aber sauber. Blümchenvorhänge an den Fenstern, ein übergroßes Che-Guevara-Poster zierte die Wand über dem kleinen Tisch, das Bett bequem. Ein ausgebleichter, selbst geknüpfter Teppich aus einst wohl leuchtendem roten und gelben Garn diente vor dem Bett als Fußwärmer. Die Welt schien hier in den Sechzigern stehen geblieben.

Carl-Peter wollte für eine Woche bleiben, sich hier in der Ruhe und Abgeschiedenheit erholen. Nach einer ausgiebigen Dusche genoss er das rustikale Abendessen aus Pfälzer Wurst und Käse sowie dem leckeren hauseigenen Brot. Nach zwei Vierteln Pfälzer Riesling fand er früher als sonst den Schlaf des Heimgefundenen bis weit in den nächsten Morgen hinein, als die Septembersonne bereits fordernd in sein Zimmer blinzelte. Er frühstückte, anders als vor Monaten von der hippen Ernährungsberaterin empfohlen, Rührei mit Speckwürfeln, genoss das noch ofenwarme, frisch gebackene Bauernbrot aus dunklen Mehlsorten dazu, ehe er sich gegen elf auf seine geplante tägliche Wanderung begab. Überall vernahm er die Paarungsrufe der Meisen, Buchfinken, Girlitze und Zeisige, hörte zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit einen Kuckuck auf der Suche nach einem aufnahmebereiten Nest für seine Schmarotzer-Brut selbstbewusst rufen. Ein Specht hämmerte wild auf einen morschen Fichtenstamm ein, Eichelhäher schwirrten streitend durch den sich zu einer Lichtung öffnenden Wald. Er blickte auf die Löwenzahnwiese, hörte Bienen und Hummeln zufrieden summen, fühlte, wie sich seine Wahrnehmung jenseits von Tablet, Laptop und Smartphone wieder schärfte.

Als er abends mit einem weiteren kräftigen Pfälzer Abendessen, Saumagen mit Bratkartoffeln und Karottensalat sowie zwei Gläsern Riesling und einem oder zwei Mirabellenschnäpsen zur besseren Verdauung diesen wunderbaren Tag abschloss, empfand er zum ersten Mal seit Beas Verlust wieder etwas Zufriedenheit. War es nicht das, was letztlich ein erfülltes Leben ausmachte? Nicht das große, sagenhafte, alles umfassende Glück, sondern täglich eine Prise Zufriedenheit mit sich und der Welt, trotz aller Kriege und Hungersnöte, an denen er nichts ändern konnte.

In der kleinen, wohligen Gaststube entging es ihm beim Abendessen natürlich nicht, dass die Mittfünfzigerin Klara, eine vollschlanke, aber noch immer attraktive Erscheinung mit großen dunklen Augen und sinnlich vollen Lippen, ihn permanent anbalzte, sich ihm fast unanständig aufdrängte, als sie sich grundlos und ohne Rücksicht auf die anderen Gäste an seinen Tisch setzte, sobald sie in ihrer kleinen Küche fertig war. Sie besaß die Eigenart, ihn im Gespräch, das stellenweise eher an ein Verhörgespräch erinnerte, ständig anfassen zu müssen, an den Händen, den Armen, und, manchmal ganz dreist, am Oberschenkel, während er nur Augen für die rassige, dunkelhaarige Tochter hatte, die hinter der Theke trotz voller Gaststube immer ein Lächeln auf den rotgemalten Lippen hatte. Für ihn? Für einen der anderen Gäste? Oder einfach für alle?

Die Jüngere faszinierte ihn. Schlug ihn in ihren Bann. Fast peinlich musste das wirken. War es, weil sie ihn mit ihren pechschwarzen, glänzenden Locken so sehr an Beate erinnerte, seine einzige und große Liebe. Sicherlich hatte sie deutlich größere, schwerere Brüste, die sich durch das leichte T-Shirt deutlich abzeichneten, und auch einen kräftigeren, rundbackigeren Hintern als seine eher knabenhafte Liebste. Doch ihr leicht rundes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, umrahmt von schwarzen Locken, und die dunklen, strahlenden Augen, wie sie auch die Mutter besaß, erinnerten doch ganz deutlich an Beate, schienen wie aus ihren Bildern aus besseren Tagen geschnitten.

In der darauffolgenden Nacht schlüpfte Klara, hemmungslos wie sie nun einmal war, einfach nach dem ersten, zaghaften Klopfen in sein Zimmer, nahm sich wie eine wilde Steppenfürstin einfach alles, wonach ihr der Sinn stand. Carl-Peter, der Monate mit keiner Frau zusammengewesen war, ließ es geschehen und genoss diese unverhoffte Nacht mit einer leidenschaftlichen Gefährtin, die keine Tabus zu kennen schien. Fast schämte er sich ein wenig, wenn er daran dachte, dass womöglich die anderen Gäste im hellhörigen Gebäude diese Laute der Wollust nicht überhören konnten. Und Anabelle erst? Was dächte sie wohl von ihm nach dieser Nacht?

Als er am nächsten Abend müde und durchnässt von einem plötzlichen Gewitterregen nach seiner Tagestour ins Hotel zurückkam, empfing ihn Anabelle auf das Herzlichste, schien besorgt, nachdem ihn dieses heftige Wetter überrascht hatte, brachte ihm sofort einen heißen Tee mit Zitrone, ehe er sich eine heiße Dusche gönnte. Anabelle hatte, wie er erfuhr, heute frei, weil die holländische Wander- und Klettergruppe abreiste und die nächste erst am Freitag, also übermorgen, ankäme.

Unter der heißen Dusche auf der Etage genoss er das warme Wasser auf seiner Haut, als die angejahrte Tür zum Bad quietschend aufging und kräftig zugeschlagen wurde. Hatte er nicht abgeschlossen? Im Dampf des heißen Wassers konnte er nur schemenhaft eine Gestalt erkennen, die sich ihrer Kleidung entledigte. Da bewegte sich jemand. Eine Frau offensichtlich. Er krächzte ein „Hallo“, erhielt aber keine Antwort. Eben wollte er die Dusche abdrehen, als eine jetzt splitternackte Anabelle zu ihm unter den heißen Strahl glitt, sich an ihn drängte, ihren Körper an seinen presste und seinen Mund, noch ehe er Fragen stellen konnte, mit wilden Küssen schloss.

Er ließ es geschehen, ließ alles geschehen, was er sich bis dahin unter einer Dusche nicht im Traum hatte vorstellen können. Mit Bea wäre er nie auf solche Gedanken gekommen. Mit Belle war das ganz anders, ihr konnte er nicht widerstehen, ihr nichts abschlagen, sie nahm ihn einfach in Besitz, brachte ihren vom restlichen Schaum und dem weiter sprühenden Wasser glitschigen Körper in Positionen, die er in seiner bisherigen Erfahrung eher mit einem Physiotherapeuten als mit einer sexuellen Begegnung in Beziehung gebracht hätte. Irgendwann waren sie, nur spärlichst abgetrocknet, in sein Zimmer gehuscht, fielen wie berauscht in sein Bett, wo sie sich weiter liebten. Nachts musste er vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn er erwachte ausgeschlafen und von tiefer Zufriedenheit erfüllt, als die Sonne bereits im Zenit stand und ihn, durch den schmalen Spalt, welchen die Blümchengardinen frei ließen, an der Nase kitzelte. Belle musste sich noch in der Nacht aus dem Staub gemacht haben.

Im Frühstücksraum – er hatte Hunger wie ein Grizzly nach monatelangem Winterschlaf – erwartete ihn Klara mit schiefem Lächeln. Doch es schien ihr nicht peinlich zu sein. Sie brachte ihm sein Frühstück, und als er, mit den Worten ringend, eine Erklärung anbringen wollte, winkte sie ab und meinte: Alles gut so.

Auf seine Frage nach Belle erfuhr er, dass diese die Kleine zum kommunalen Kindergarten ins Nachbardorf brächte und anschließend noch beim Fleischer und beim Bio-Bauern vorbeischauen wollte. Er frühstückte die von Klara servierten Spiegeleier und den deftig angebratenen Bauchspeck, packte sich ein Vesper mit gut abgelagerter Salami in den Rucksack und brach voller Freude auf ein weiteres Naturerlebnis auf. Er fand den von Belle angesprochenen Weiher, stürzte sich nackt ins klare Wasser und ließ sich von der jetzt kräftig wirkenden Sonne trocknen, freute sich auf den Abend nach der Heimkehr. Heimkehr? Fühlte er sich hier tatsächlich zu Hause? Wie einst bei Oma?

Alles schien bestens zu laufen, doch als er von seiner Halbtagestour am frühen Abend zurückkam, fand er nichts als Tränen vor. Tränen bei Mutter und Tochter. Ob sie sich nun doch gestritten hatten seinetwegen? Nach dem Abendessen klärte sich alles auf. Der Bezirksschornsteinfegermeister hatte sich zur jährlichen Feuerstätten-Beschau angekündigt und sowohl die altehrwürdige Ölheizung als auch den Kachelofen in der Gaststube nicht mehr abgenommen. Hinzu kam, dass er auch die Entlüftung in der Küche zu kritisieren hatte. Es waren Investitionen von über fünfzigtausend Euro erforderlich.

Als Belle nachts endlich entspannt neben ihm im Bett lag, fragte er sie vorsichtig nach ihren eigenen Investitionsmöglichkeiten und erfuhr, dass ihr bereits ein Angebot vorläge. Doch das Wichtigste fehle ihr: das nötige Kleingeld. Er war dermaßen von dieser für ihn noch jungen Frau eingenommen, empfand zum ersten Mal seit Bea derart intensiv für jemanden, dass er nicht lange überlegte und ihr anbot, bei ihr zu bleiben und als investierender stiller Teilhaber die Renovierungen zu finanzieren.

Belle schien zunächst sprachlos, doch dann erwachte mit der neu keimenden Hoffnung erneut ihre Leidenschaft, und beide liebten sich bis zum Morgengrauen. Beim Frühstück ließ er sich das Angebot des Restaurant- und Küchenausstatters zeigen, verzichtete auf die heutige Tour und übernahm sofort die Feinplanung und führte noch am selben Tag erste Verhandlungen. Er inspizierte nachmittags mit Klara und Belle das Gebäude, erkannte Erweiterungsmöglichkeiten im angebauten Schuppen und der ehemaligen Werkstatt des verstorbenen Steinhauers. Die unzähligen herumliegenden Steinplatten sollten als Fußbodenbelag für den Neubau dienen, nachdem unter seiner lenkenden Hand eine komplett neue Küche mit modernster Technik planerisch entstanden war.

Nachdem in der ersten Oktoberwoche die letzte holländische Wandergruppe abgereist war, stürzte sich Carl-Peter mit Verve in den Umbau. Die alte Küche wurde demontiert, der dadurch erweiterte Gastraum mit einer hochmodernen Theke ausgestattet, so dass Platz für weitere vier Gästetische entstand. Belle und Klara sah er zum ersten Mal wirklich zufrieden und glücklich, und es wunderte ihn nicht, dass Klara an den Tagen, wenn Belle unpässlich war, sein Lager wie selbstverständlich und mit der Einwilligung der Tochter mit ihm teilte.

Nie hätte er es für möglich gehalten, dass ihn, den urban geprägten Weltreisenden, dieses ländliche Glück dermaßen aus den Stiefeln hauen könnte. Er liebte, intensiver denn je und erfüllter denn je, und unter seiner Regie entstand in wenigen Wochen, als im November ohnehin keine Gäste zu erwarten waren, ein völlig neues, ansprechendes Gästehaus für Wanderer und Ski-Langläufer. Die Toiletten und die Bäder wurden modernisiert, die ultramoderne Küche fand sich nunmehr im früheren Schuppen, ein geräumiges Kühlhaus für verderbliche Ware schloss sich unmittelbar an. Ein nagelneuer Pelletofen sorgte für behagliche Wärme im Gastraum, eine hauseigene Photovoltaik-Anlage auf dem Haus- sowie Scheunendach lieferte Strom für die Wärmepumpe, welche Heißwasser für die Duschen und Wärme für die Gästezimmer lieferte. Carl-Peter hatte, zog er die staatlichen Zuschüsse für die nachhaltige Renovierung ab, knapp hunderttausend Euro an Eigenmitteln investiert. Mit der Niederschrift ihrer Vereinbarung beim Notar im nahen Bad Bergzabern hatten sie es nicht eilig, das liefe ihnen nicht davon. Sie durften sich gegenseitig vertrauen.

Weihnachten und Neujahr gingen völlig entspannt vorüber. Beide Frauen und die kleine Melli freuten sich über seine großzügigen Geschenke. Er selbst fand Gefallen an Selbstgestricktem: einen dicken Wollpullover für den Aufenthalt im Freien, Strickmütze und Schal, alles in den passenden und sich ergänzenden Farben, fand er unter dem Tannenbaum. Es musste nicht immer Weihnachten in New York, Boston oder London sein. Das beschauliche Leben in der abgeschiedenen Ruhe des Pfälzer Waldes und in dieser kleinen, ihm schnell vertrauten Familie ließ ihn zum ersten Mal nach seinem Ausstieg wieder hoffnungsfroh in die Zukunft blicken, die paar Zipperlein, die sich in Knie und Hüfte eingestellt hatten, waren schnell vergessen. Das Glück hatte Vorfahrt.

Im Januar dieses die gesamte Welt verändernden Jahres 2020 hörten sie zum ersten Mal etwas über die in China ausgebrochene Seuche mit einem neuartigen Virus. Das war für die vier weit weg. An Ostern erlebte er zum ersten Mal die Freuden eines Vaters, als er Mellis strahlende Augen angesichts des neuen grünen Kinder-Fahrrades auf sich ruhen sah. Sie bereiteten sich auf die neue Saison vor, auch wenn in Deutschland erste Fälle mit dieser neuen Corona-Virus-Infektion auftraten, die von einem Tiroler Skigebiet eingeschleppt worden waren. Bald schon wurde ihnen ein Strich durch ihre Planungen gemacht, denn statt Anfang Mai die ersten Touristen zu begrüßen, mussten sie einen von den politischen Entscheidern verhängten Lockdown mit entsprechenden Kontakteinschränkungen hinnehmen. Die ersten Bilder im Fernsehen aus Italien wirkten verstörend. Überlaufende Kliniken, Verstorbene in unglaublichen Fallzahlen, die an die verheerende Spanische Grippe vom Anfang der 20. Jahrhunderts erinnerten. Frankreich und Spanien waren bald betroffen, England und Portugal. Deutschland wähnte sich nach der Schließung der Gastronomie, der Hotels und aller Schulen auf der sicheren Seite, war überzeugt, damit Infektionsketten unterbrechen zu können.

Nach einem rastlosen, umtriebigen Leben war Carl-Peter endlich angekommen, hätte vor lauter Glück fast seinen zweiundsechzigsten Geburtstag Ende Mai vergessen, hätten ihn Belle und Klara nicht mit einer kleinen Überraschungsparty daran erinnert. Als Belle später neben ihm im neuen breiten Ehebett ruhte, kam ihm endlich in den Sinn, um ihre Hand anzuhalten. Sie wirkte merklich abwesend, schien mit den Gedanken woanders und wich diesem von ihm gewählten Thema geschickt aus. Auf seine Nachfrage erfuhr er, dass nach dem Ende der Corona-Beschränkungen am dritten Wochenende nach Pfingsten eine holländische Wandergruppe einträfe, Stammgäste gewissermaßen, um die sie sich intensiv kümmern müsse und deshalb etwas weniger Zeit für ihn habe. Klara sollte sie vertreten.

Erst viel später wurde ihm klar, dass es einen Grund gab, warum sie ihm bei diesem Gespräch nicht in die Augen sehen konnte.

Die neu angekommenen Holländer erwiesen sich als trinkfest und feierfreudig, keine Nacht kamen sie vor drei oder halb vier in die Betten, obwohl sie an jedem Morgen nach dem Frühstück ins Dahner Felsenland zum Klettern aufbrachen. Dass diese lebenslustigen, trinkfesten Burschen es mit der Maskenpflicht und dem Abstandsgebot nicht so genau nahmen, kaum waren sie den Auflagen im eigenen Land entkommen, verstörte ihn zunehmend. Belle versah ihren Dienst wie gewohnt mit dem strahlendsten Lächeln bis tief in die Nacht, erwirtschaftete Umsätze wie selten und schlief deshalb in Klaras Zimmer, um ihn nicht jede Nacht aus dem Schlaf zu reißen.

Carl-Peter blieb zunächst arglos wie ein Schaf. Es war in der vierten Nacht, der Nacht auf Dienstag, als sich ihm endlich der Himmel öffnete und Klarheit in sein rosarot vernebeltes Gehirn brachte. Abends hatte es ihn länger als sonst in der Gaststube gehalten, und selbst als Klara ihn nach Erledigung der Küchenarbeit zum Mitkommen aufforderte, war er sitzen geblieben und hatte dabei ein oder zwei Pils mehr zu sich genommen als üblich. Die verstohlenen Blicke, die zwischen Belle und diesem blonden holländischen Hünen hin und her wanderten, entgingen ihm bei all seiner Blauäugigkeit nicht.

Morgens gegen fünf Uhr, das Zusammensein mit Klara verlief ungewohnt oberflächlich, drückte seine Blase, Pils geladen, dermaßen, dass er zur Toilette musste. Er fand sich inzwischen auf dem Stockwerk blind zurecht und verzichtete darauf, die Deckenbeleuchtung einzuschalten. Auf der Höhe von Klaras Zimmer erreichte ein ihm wohlbekanntes, lustvolles Stöhnen sein Ohr. Beim Nähertreten bemerkte er, dass die Tür nur angelehnt war. Er schob sie einen Spalt breit auf und erblickte seine Belle, wie sie eben mit weit gespreizten Schenkeln von dem rosaroten Hintern des blonden Holländers bearbeitet wurde. Als er, von einem Moment auf den anderen vollkommen desillusioniert, die Tür wieder zuziehen wollte, hob sich für einen Moment ihr Blick und sie blickte ihm erschrocken in die Augen, vermutlich durch das leichte Kratzen des Holzes auf dem Fliesenboden ausgelöst. Er erkannte das Entsetzen in diesen Augen, die ihn so treuherzig anblicken konnten, drehte ab und verrichtete seine Notdurft.

Zurück in seinem Zimmer stellte er fest, dass Klara verschwunden war, vermutlich stand sie unter der Dusche, weil sie bald schon mit ihren Frühstücksvorbereitungen beginnen musste. Das passte ihm in den Kram. Ein Gespräch konnte er jetzt auf keinen Fall brauchen. Ein Anruf mit dem Smartphone bei Madame Renaud in Thonon genügte. Abends wäre die Villa gereinigt und gelüftet, auch wenn er für die Reise dorthin den kürzeren Weg über die hermetisch abgeschottete Schweiz meiden musste. Er holte seinen großen Reisekoffer und die kalbslederne Reisetasche vom Boden und verstaute seine paar Utensilien. Die Wanderschuhe ließ er zurück. Er nähme seine einzigartigen Erinnerungen an einige wunderbare Monate mit, die ihn dem Leben zurückgegeben hatten. Seine Erinnerungen an das Gefühl des Geliebt-Werdens blieben ihm, auch wenn sie nicht in die Zukunft wiesen. Das, was er für Klara und Belle empfunden hatte, musste zurückbleiben. Das ließe er jetzt zurück, doch die restliche jüngste Vergangenheit bliebe ihm für immer. Sie hatte ihn verwandelt. Er wollte nicht vergessen. So wie er Bea nicht vergessen hatte, konnte er jetzt Belle auch nie vergessen. Sein befristetes Glück, das ihn so unerwartet getroffen hatte, bot ihm keinen Ausblick wie den vergeblichen Traum von einer neuen Familie. Das für ihn bittere Ende musste er zurücklassen, wollte er zurücklassen. Belle schien glücklich zu sein. Er hatte sich bei seiner Investition eben geirrt.

Auf seinem am Tresen hinterlegten Zettel stand in großen Drucklettern zu lesen: SCHADE!! WAR WOHL ZU SCHÖN!!

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