Kitabı oku: «Ein Pfirsich ist ein Apfel mit Teppich drauf»

Yazı tipi:

Rainer Orban

Gabi Wiegel

Ein Pfirsich ist ein Apfel mit Teppich drauf

Systemisch arbeiten im Kindergarten

Fünfte Auflage, 2021

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

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Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten

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Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Fünfte Auflage, 2021

ISBN 978-3-89670-709-3 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8355-6 (ePub)

© 2009, 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag

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Inhalt

Einleitung

1. Systemisch-ganzheitlich, geht das?

2. Theorie

Eine Warnung vorweg und einige Vorbemerkungen

2.1 Einführung in die Systemtheorie

2.1.1 Konstruktivismus

2.1.2 Das Systemische am Systemischen ist Rückkopplung

2.1.3 Was bedeutet nun systemisch-konstruktivistisch?

2.1.4 Die Kraft von Hypothesen – und die Kunst, sie wieder zu verwerfen

2.1.5 Systemtheorie: Chaos und Struktur, die zwei Seiten einer Medaille

2.1.6 Strukturierung und Entstehung von Ordnung durch positive Rückkopplung – Theorien dynamischer Systeme

2.1.7 Strukturierung und Entstehung von Ordnung durch negative Rückkopplung – Theorien selbstreferenzieller Systeme

2.1.8 Selbstorganisation

2.1.9 Synergetik – Eine Theorie dynamischer Systeme

2.1.10 Eine Abrundung

2.2 Bindungstheorie und Resilienz

2.2.1 Die Bindungstheorie, eine systemische Theorie

2.2.2 Das Konzept der Resilienz

2.3 Lernen

2.3.1 Eine kleine Geschichte des ganzheitlichen Lernens

2.3.2 Die Kindertagesstätte als Bildungseinrichtung – Was aber ist Bildung?

2.3.3 Die Kunst, zu entlernen

2.3.4 Lernen durch Ermöglichung

2.3.5 Wie funktioniert unser Gehirn?

2.3.6 Das menschliche Gehirn ist zum Lösen von Problemen gemacht

2.3.7 Wahrnehmung

2.3.8 Das ganzheitlich arbeitende Gehirn verdient ganzheitliches Lernen!

2.3.9 Bewegung – das Tor zum Lernen

2.3.10 Bewegung fördert den Spracherwerb

2.3.11 Selfcare als Basis

3. So organisieren Sie ihre Kindertagesstätte – systemisch!

3.1 Die Organisation, was ist das eigentlich?

3.2 Die (pädagogischen) Prozesse systemisch organisieren

3.3 Beobachtung

3.4 Verfahren zur Beobachtung

3.5 Aufgaben der Leitung bzw. Führungskraft

3.6 Teamarbeit

3.7 Besprechungen organisieren

3.8 nterne Vernetzung, Austausch organisieren

3.9 Personalentwicklung

3.10 Fortbildungen planen und umsetzen

3.11 Kundenorientierung

3.12 Qualitätsmanagement

3.13 Beschwerdemanagement

3.14 Kooperationen, vernetzt handeln

3.15 Mit einer Verwaltung kooperieren

3.16 Externe Kooperationspartner

3.17 Leitbild

4. Die Grundhaltung in der Anwendung – Ein kleiner Blick auf die Zusammenarbeit mit Eltern und den Kindern

4.1 Partizipation – Zusammenarbeit mit Eltern

4.1.1 Eltern einladen

4.1.2 Transparenz

4.1.3 Der Elternrat

4.1.4 Gespräche mit Eltern

4.2 Systemische Arbeit mit Kindern

4.2.1 Auf Augenhöhe

4.2.2 Erfahrungsräume schaffen

5. Selfcare – Für sich selber sorgen

5.1 Von Landkarten und Landschaften

5.2 Kleiner Methodenkoffer

5.3 »Morbus Aufschieberitis«

6. Ein Dank – statt eines Nachwortes

7. Anhang

Methoden kollegialer Beratung

Reframing

Zirkuläres Fragen

Auftragskarussell

Mind-Mapping

Skulpturenstellen

Optimist – Pessimist

Supervisionswaslzer

Gesprächsleitfäden

Systemisch-lösungsorientiertes Gespräch

Kritikgespräch

Anamnesebogen/Erstgespräch

Anamnesebogen

Erstgespräch

Literatur

Über die Autoren

Einleitung

»Das stört keinen großen Geist.«

Astrid Lindgren, Karlsson vom Dach

Dieses Buch handelt nicht davon:

 wie man an Problemen und Defiziten haften bleibt;

 wie man Probleme und Defizite erzeugt, um sich z. B. besonders wichtig zu fühlen;

 wie man über Probleme und Defizite und schlechte Ressourcen jammert, um sich z. B. besonders bemitleidenswert zu fühlen;

 wie man »1, 2, 3 im Handumdrehen« mit ein paar systemischen Zirkusnummern im Schnellkurs systemisch arbeiten kann.

Dieses Buch handelt davon:

 sich auf den Weg zu machen;

 mehr von dem zu tun, was funktioniert;

 das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zu sehen;

 zu verstehen, dass kleine Handlungen große Wirkungen haben können;

 die vorhandenen Rahmenbedingungen für sich zu nutzen;

 ein gutes Navigieren zwischen Akzeptanz und proaktiver Gestaltung zu erreichen;

 eine Haltung zu entwickeln, die auf Neugier, Wertschätzung und Wachstum gründet.

Dieses Buch ist unser Beitrag, den von uns gelernten und gelebten systemischen Ansatz zu vermitteln. Gleichwohl bewegen wir uns nicht im luftleeren Raum. Wir – Gabi Wiegel ganz explizit – arbeiten seit vielen Jahren täglich praktisch oder auch beratend im Kindergarten. Die Anforderungen und der Arbeitsalltag dort haben sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Diese Anforderungen und auch die Rahmenbedingungen gelten für alle, sie treffen auch alle.

Erzieher und Erzieherinnen sind, wenn Sie heute auf den Internetseiten der Agentur für Arbeit nachsehen, gefragt wie nie. Ob im Kindergarten oder in der Jugendhilfe, in allen Bereichen haben Personalverantwortliche heute Schwierigkeiten, gute, qualifizierte Fachkräfte zu finden, denn der berufliche Nachwuchs ist mehr als knapp. Eines eben gilt nach wie vor – dieser Beruf ist vor allen Dingen eins: unattraktiv.

Die soziale Anerkennung ist bis heute, verglichen mit der Bedeutsamkeit und Größe der Aufgabe, eine Katastrophe. Für ein Land mit dem Anspruch, den wir haben und nach außen tragen, könnte die Blamage nicht größer sein. Damit verbunden ist die auch weiterhin absolut katastrophale Entlohnung, die dazu führt, dass in vielen Städten Erzieherinnen und Erzieher, selbst wenn sie über viele Jahre Berufserfahrung verfügen, immer noch weniger als 2000 € brutto mit nach Hause bringen. Von öffentlichen Verwaltungen und von Verwaltungen freier Träger werden im Rahmen geltender Tarifverträge Menschen mit vier- bis fünfjähriger Ausbildung, die von der Dauer her der eines Studiums entspricht, in Gehaltstufen eingruppiert, die auf Verwaltungsebene kein Mensch akzeptieren würde.

Dies wird bereits seit Jahren selbst von den Spitzen der deutschen Wirtschaft kritisiert, da auch dort seit Langem verstanden wird, wie wichtig eine gute Kinderbetreuung für die Zukunft unseres Landes ist. Es ist zwar banal, gleichwohl aber auch Realität: Wir haben keine besseren und keine besser verfügbaren Ressourcen zu bieten als die Potenziale in unseren Kindern.

Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, warnt daher: »Wenn sich daran nicht schnell etwas ändert, werden Krippen und Kindergärten bald unausgebildetes Personal einstellen müssen.«

Dies, und da sind wir ohne jeglichen Zynismus sicher, dürfte so manchen Kämmerer und Sparkommissar erfreuen. Die nun im Jahre 2013 in großer Zahl fehlenden Krippenplätze machen dies noch schlimmer, weil die Förderung unserer Kinder, auch unter Bildungsgesichtspunkten, deutlich zu intensivieren ist. Viele Experten sind sich seit Jahren einig: Wir benötigen, um den Anforderungen an frühe Förderung wirklich gerecht zu werden, gut ausgebildetes Personal, gut qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen, gerne auch verstärkt solche mit Hochschulabschluss. All dies wäre aber verbunden mit einer höheren Entlohnung. Geplant ist Letzteres bisher nicht.

Allerdings sollten wir auch festhalten: Laut dem Entwurf des Armutsberichts der Bundesregierung (Stand 17.09.2012) liegt Deutschland im Vergleich von 25 OECD-Staaten bei den öffentlichen Ausgaben für die Betreuung von Kindern unter sechs Jahren im Jahre 2011 auf dem 19. Platz. Während ein Land wie Dänemark knapp 1,3 % des Bruttoinlandsproduktes einsetzt, werden in Deutschland nur 0,4 % des BIP für die Betreuung von Kindern unter sechs Jahren investiert.

Die Einführung von Kinderkrippen, die Entwicklung von Kindergärten hin zu Familienbegegnungsstätten sowie die größtmögliche Förderung von Kindern unter dem Gesichtspunkt ganzheitlicher Bildung erfordert auch eine hohe Kompetenz in der Kooperation mit Eltern und mit anderen Diensten.

Ein systemischer Blick auf die Welt, verbunden mit einer Vielzahl an Werkzeugen und Vorgehensweisen, fördert die geeignete Haltung und Professionalität, die man benötigt, um den Herausforderungen gerecht zu werden.

Dieses Buch stellt einen Einstieg in das Thema dar. Es kann Mut machen, soll Türen öffnen und Sie einladen, neue Möglichkeiten für sich, Ihr Team und Ihre Organisation zu gestalten.

Nun zu seinen Inhalten. Wir beginnen damit, dass wir Ihnen unsere Ideen zu einer systemisch-ganzheitlichen Sicht nahebringen. Danach folgt etwas, das manche in einem solchen Handbuch womöglich nicht erwarten würden: ein großer Theorieblock. In den Fortbildungen, die wir zu diesem Thema geben, haben wir es zu Beginn meist mit einer Vielzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu tun, die relativ skeptisch sind, wenn wir in ihre Einrichtung kommen, sie mit einem recht großen Ausmaß an Theorie konfrontieren und damit die Einladung verbinden, die Dinge neu zu betrachten. Unsere Erfahrung ist aber, dass sich dies lohnt.

Im Theorieteil geht es um Systemtheorie, Bindungstheorie und Resilienz sowie um das Thema Lernen und Bildung.

Auf dieser Grundlage beschäftigen wir uns dann mit der Umsetzung und dem Transfer in die Praxis. Es folgt ein großes Kapitel mit vielen Tipps und Anregungen dazu, wie Sie Ihre Einrichtung systemisch organisieren können. Anschließend erhalten Sie ebenso praxisnahe Anregungen für die Umsetzung im Kita-Alltag mit Eltern und Kindern. Dabei dreht es sich darum, wie Sie die Zusammenarbeit mit Eltern gestalten oder welches die Grundzüge von pädagogischer Förderung unter solchen Gesichtspunkten sein können.

Wir beenden unseren Rundflug schließlich mit dem Thema Selfcare, widmen uns also der Frage, was Sie tun können, um gesund und voller Tatkraft zu bleiben. Hierzu werden wir Ihnen einige Anregungen und Übungen an die Hand geben.

Noch eines vorweg: Auf der Basis unserer systemischen Haltung folgen wir bezüglich der Führung von Kollegen und Kolleginnen wie auch der Führung von Kindern (ins Leben) demselben Ansatz, nur benutzen wir teilweise unterschiedliche Begriffe. Bei Kollegen und Kolleginnen sehen wir als Vorgesetzte unsere Aufgabe darin, sie zu befähigen; als Pädagogen sehen wir unseren Auftrag darin, Kindern neue Erfahrungen zur ermöglichen.

Wir haben uns entschlossen, dieses Buch als ein Handbuch zu konzipieren. Dies bedeutet: Sie müssen es nicht von vorne bis hinten durchlesen, Sie können auch mit dem vierten oder dem fünften Kapitel beginnen, springen Sie ruhig immer wieder hin und her. Nutzen Sie das, was Sie benötigen. Wir verstehen dieses Buch wie eine Art Kaleidoskop. Wir laden Sie daher ein, sich von der Vielfalt und den Perspektivenwechseln ver-führen zu lassen.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß und hoffentlich neue Anregungen, die Mut machen.

Wir haben uns bei vielen Menschen zu bedanken. Unseren Kindern Jonas, Béla, Fiona und Kian danken wir für viel Geduld mit und Verständnis für uns und das motorische Geschick, nicht über die vielen Bücher und Zettel, die herumlagen, zu stolpern.

Ganz besonders gilt unser Dank Julia Bolender für ihren genauen Blick, ihre Anregungen und ihre Zeit.

Nicht vergessen dürfen wir das Team der Kindertagesstätte Zauberland. Ohne sie gäbe es dieses Buch nicht.

Dem Team vom Carl-Auer Verlag sagen wir danke für seine Ermutigung und sein Interesse an diesem Projekt und für die Zeit, die es uns gegeben hat, dies so umzusetzen.

Unserem Lektor Herrn Uli Wetz eine tiefe Verneigung. Seine Geduld, sein genauer Blick und sein Mut zu deutlichen Verständnisfragen waren nicht nur hilfreich, sondern haben uns und dem Buch enorm gutgetan.

Unserem Kollegen und wunderbaren Freund Matthias Ochs sagen wir Danke für seine sehr intensive und kreative Mitarbeit am Kapitel zur Systemtheorie.

Danken wollen wir an dieser Stelle zudem den zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an unseren Seminaren, Workshops, Fort- und Weiterbildungen der letzten Jahre. Sie haben uns bestätigt, dass es richtig war dieses Buch zu schreiben. Sie haben uns zudem ermutigt und inspiriert auf diesem Weg weiterzugehen.

Mitunter fehlten uns die Worte, dabei gibt es so viele Sprachen.

Hundert Sprachen hat das Kind

Ein Kind ist aus hundert gemacht

Ein Kind

Hat hundert Sprachen

Hundert Hände

Hundert Gedanken

Hundert Weisen zu denken

Zu spielen und zu sprechen.

Immer hundert Weisen

Zuzuhören

Zu staunen und zu lieben

Hundert Weisen zu singen und zu verstehen

Hundert Welten

Zu erfinden

Hundert Welten

Zu träumen.

Ein Kind hat hundert Sprachen

Doch es werden ihm neunundneunzig geraubt.

Die Schule und die Umwelt trennen ihm den Kopf vom Körper.

Sie bringen ihm bei

Ohne Hände zu denken

Ohne Kopf zu handeln

Ohne Vergnügen zu verstehen

Ohne Sprechen zuzuhören

Nur Ostern und Weihnachten zu lieben und zu staunen.

Sie sagen ihm, dass die Welt bereits entdeckt ist

Und von hundert Sprachen rauben sie ihm neunundneunzig.

Sie sagen ihm

Dass das Spielen und die Arbeit

Die Wirklichkeit und die Fantasie

Die Wissenschaft und die Vorstellungskraft

Der Himmel und die Erde

Die Vernunft und der Traum

Dinge sind, die nicht zusammengehören.

Sie sagen also, dass es die hundert Sprachen nicht gibt.

Das Kind sagt: »Aber sie gibt es doch.«

(Loris Malaguzzi, Reggio Emilia, 1985)

1. Systemisch-ganzheitlich, geht das?


Was Sie erwartet:

In diesem Kapitel geht es uns darum, Ihnen unsere Idee von einer systemisch-ganzheitlichen Sicht nahezubringen.

Dabei stellen wir infrage, ob es sinnvoll ist, den Begriff »systemisch-ganzheitlich« überhaupt zu benutzen. Zudem ist zu diskutieren, was denn ganzheitlich überhaupt bedeuten kann. Eine Er-Klärung dazu versuchen wir und laden Sie ein, uns dabei zu folgen.

Im Sinne systemischen Denkens und Handels schrecken wir auch nicht davor zurück, Sie ein wenig zu verstören – aber bitte keine Angst, lassen Sie sich einfach überraschen.

Sagen wir es mal so: Der Begriff Ganzheitlichkeit ist bereits durch so viele Hände gegangen, dass er im wahrsten Sinne des Wortes abgegriffen wirkt. Es bedarf daher schon einiger Überzeugung, will man ihn offensiv benutzen. Diese Überzeugung haben wir. Wir möchten Ihnen gerne schmackhaft machen, dass eine ganzheitliche Sicht enorm bereichernd und zielführend ist.


Übung

Was verstehen Sie unter ganzheitlich?

Wissen Sie noch, wo Ihnen der Begriff zuerst begegnete?

Gibt es Bedeutungen, die Ihnen merkwürdig erscheinen?

Wie sehen die Kollegen und Kolleginnen in Ihrem Team »Ganzheitlichkeit«?

Glauben Sie, dass wir auch eine ganzheitliche Wirtschaft benötigen?

Der Mensch ist mehr als sein Gehirn. Der Mensch ist mehr als seine Muskeln. Der Mensch ist mehr als sein Skelett. Der Mensch ist mehr als ein unbeschriebenes Blatt. Der Mensch ist mehr als das Ergebnis seiner Eltern. Der Mensch ist mehr als das Ergebnis von Einflüssen seiner Umgebungen. Der Mensch ist all das. Der Mensch ist eine Ganzheit. Und mehr. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile …

Endlos, auch ohne klares Ziel, könnten wir eine solche Reihe fortführen. Wie lang und umfassend würde wohl eine Liste, die aufführte, welche Potenziale ein jeder und eine jede von uns in sich trägt? Eine Liste, die so unüberschaubar wäre, dass sie womöglich den einen oder anderen erschlagen würde …

Erschlagen aber wollen wir Sie nicht. Wir wollen Sie ermutigen. Das Wissen über das Füllhorn an Möglichkeiten, diese im positiven Sinne unkalkulierbare Vielfalt in uns, ist die Triebfeder dafür, nicht nur ein solches Buch zu schreiben, sondern sich auch immer aufs Neue der Arbeit mit Kindern und ihren Familien zu widmen. Vielleicht lassen Sie sich ein wenig anstecken und werfen mit uns einen ersten Blick auf das Thema Ganzheitlichkeit im Kindergarten.


Abb. 1: Die ganzheitliche Kindertagesstätte

Abbildung 1 macht deutlich, wie wir ganzheitliches Arbeiten verstehen. Gerade für Gabi Wiegel, die nun seit vielen Jahren einen Integrationskindergarten leitet, hat dieses Verständnis unter anderem dazu geführt, sofort zuzupacken, als man ihrem Kindergarten vor mehreren Jahren über den örtlichen Kneipp-Verein antrug, zertifizierter Kindergarten nach Kneipp zu werden.

Nun mag so mancher Systemiker und ein sich der Postmoderne zurechnender Mensch zu Recht fragen, wie man eine solch angestaubte Idee wieder hervorholen kann. Man kann, es bedarf dafür jedoch eines gewissen Mutes und des Blicks für die Zusammenhänge. Schauen Sie sich einmal die Abbildungen 2–4 in Ruhe an.


Abb. 2: Die fünf Säulen des Wohlbefindens (nach Kneipp 1995)


Abb. 3: Fünf Säulen der Identität (nach Pearls 1980)


Abb. 4: Was zur Lebensbalance beiträgt (nach Seiwert 2005)

Ehrlich gesagt, sind wir nicht sicher, was nun wirklich spannend ist. Sind die offensichtlichen Überschneidungen spannend? Oder ist es spannend, dass diese offensichtlichen Parallelen und Überlappungen bisher nicht zusammengeführt wurden? Womöglich ist das Ganze einfach auch nur banal und hat lediglich damit zu tun, dass dies immer so ist. Immer gibt es Menschen, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten auf ähnliche Ideen kommen. Sicher.

Ist es aber nicht an der Zeit, diese parallelen und sich eben auch ergänzenden Kenntnisse wahrzunehmen und daraus neue, ganzheitliche Modelle zur Förderung unserer wichtigsten Ressource, unserer Kinder, zu entwickeln?

Lassen Sie uns nach diesem Ausblick in theoretische wie auch zukünftige konzeptionelle Ideen erst einmal zurück an die Basis gehen und konkret werden. Eine Erfahrung ist: Ein systemisch-ganzheitlicher Ansatz kann zum Beispiel dazu führen, dass Kindergärten, die einen hohen Migrantenanteil haben, in der Regel weitaus leichter und gelingender mit den Eltern arbeiten.

Lesen Sie hierzu bitte folgende Auszüge aus dem Artikel von Jürgen Rothlauf, »Interkulturelles Verhalten zielt auf Ganzheitlichkeit« (Frankfurter Allgemeine Zeitung/Sonntagszeitung, 29.10.2007):

[…] gibt es noch gewaltige Defizite im interkulturellen Lernen und Verstehen […]

»Andere Länder, andere Sitten« lautet der landläufige Ausdruck dafür, dass unterschiedliche Kulturen zu unterschiedlichen Handlungen neigen. Die Kultur hat Einfluss darauf, wie die einzelne Person sich sieht und bewertet. Das impliziert, dass auch die Bewertung anderer – sei es innerhalb der eigenen oder einer fremden Kultur – abhängig vom eigenen Kulturstandpunkt ist.

Es ist besonders schwierig, sich […] mit abweichenden Zielen und Werten in einer anderen Kultur durchzusetzen. Traditionen haben immer auch etwas mit dem Festhalten und damit auch mit der Angst und der Unsicherheit vor Neuerungen zu tun. Das beweist, dass trotz einer sehr positiven Bewertung des Kulturbegriffes die Konsequenzen dennoch negativ sein können.

Interkulturelle Kompetenz setzt dabei das Bewusstsein voraus, dass die eigene Kultur nur eine von vielen ist, dass in jeder Kultur eigene Vorstellungen davon existieren, was »real« ist, was Menschen unausgesprochen voneinander erwarten können. Dieses Bewusstsein ist noch kein Wissen um die Unterschiede. Aber es ist eine wesentliche Voraussetzung für die Neugier am Fremden, ohne die jedes Wissen steril bliebe.

Um interkulturelle Handlungskompetenz zu erlangen, sind gewisse Anforderungen zu erfüllen, zu denen unter anderem die nachfolgenden gehören:

Offenheit für fremde Kulturen: Besonderes Interesse und positive Neugier gegenüber fremden natürlichen und kulturellen Umwelten erleichtern die Akzeptanz der Andersartigkeit […], wobei die Bereitschaft zur Akzeptanz überhaupt als Grundlage für Lernfähigkeit in Bezug auf andersartige Lebensverhältnisse gegeben sein muss.

Akzeptanz fremden Verhaltens: Voraussetzungen hierfür sind Selbstdisziplin, Beachtung bestimmter Prinzipien der »ungesprochenen Sprache« sowie Einfühlungsvermögen in einen veränderten Verhaltenskodex. Dazu kommen noch Respekt vor Andersartigkeit, Anerkennung sozialer Ränge, die unter Umständen auch mit anderem Maß gemessen werden, sowie Toleranz gegenüber Ungewöhnlichem […].

Nur ein ganzheitlich ausgerichteter interkultureller Ansatz wird der Herausforderung gerecht, auf internationalen Märkten erfolgreich zu agieren. Dem Stellenwert des Interkulturellen Managements sollte von daher eine höhere Aufmerksamkeit geschenkt werden, als das bisher der Fall war.

Wenn Sie am Ende des Artikels ein leichtes Erstaunen bei sich bemerkt haben, dann haben wir unser Ziel erreicht. Es ist schon erstaunlich: Interessanterweise finden wir, wenn wir die diversen Suchmaschinen im Internet nutzen, immer wieder auch Links, die aus Bereichen stammen, denen wir nun in keiner Weise unterstellen würden, etwas mit ganzheitlicher Sicht zu tun zu haben. Jürgen Rothlauf, der Autor, ist Professor für Internationales Management an der Fachhochschule Stralsund. Viele Passagen aus diesem Text konnten wir hier ohne Bedenken zitieren.

Wie kommt das? Natürlich haben auch wir darauf keine eindeutige Antwort, doch wir sind überzeugt, dass eine systemisch-ganzheitliche Sicht viele Menschen anspricht. Sie können sehr unterschiedliche Gründe dafür haben, weshalb sie eine solche Sicht befürworten. Zum einen entspricht eine Sichtweise, die integriert statt separiert, die also verbindet, statt zu trennen, zentralen humanistischen Gedanken. Andererseits kann man auch einfach fasziniert davon sein, wie sehr ein solches Vorgehen, sich anderen neugierig zuzuwenden, zu sehr pragmatischen, effektiven und effizienten Ergebnissen führt.

So gesehen, ist es alles andere als erstaunlich, dass sich dieser Begriff auch zunehmend in Bereichen von Beratung, Coaching, und, wie oben bereits gezeigt, wirtschaftlichen Zusammenhängen wiederfindet. Im Bereich von systemischer Organisationsberatung findet man den Ausdruck »ganzheitlich« relativ häufig, gerade beim Projektmanagement, wenn es darum geht, verschiedenste Prozesse und Ebenen gleichrangig zu berücksichtigen.

Was nun bedeutet für uns Ganzheitlichkeit vor dem Hintergrund einer systemischen Betrachtung der Arbeit im Kindergarten? Systemische Konzepte sind immer wieder auch als eher intellektuelle, das kognitive Moment betonende Ansätze verstanden worden, und zum Teil wollten sie auch so verstanden werden. Dies hat sich inzwischen wesentlich verändert. Wir erleben eine Entwicklung, in der z. B. der ausgewiesene systemische Theoretiker und Forscher Wolfgang Tschacher zusammen mit der Psychotherapeutin Maja Storch, dem Neurobiologen Gerald Hüther und der Fitnesstrainerin Benita Cantieni ein Buch veröffentlicht hat (Cantieni et al. 2006), das vier verschiedene, sich aber ergänzende Perspektiven zusammenführt. Wir alle wissen mittlerweile durch die Ergebnisse der modernen Hirnforschung sehr viel darüber, was in unserem Körper abläuft. Eine rein psychische, rein kognitive oder rein somatische Betrachtung des Menschen ist wissenschaftlich überhaupt nicht mehr haltbar.

Systemiker und Nichtsystemiker tun daher äußerst gut daran, die Wechselwirkung aller möglichen Prozesse – auch der körperlichen – mit in ihre Überlegungen einzubeziehen. Man kann dies auch ein wenig poetischer formulieren: Ganzheitlichkeit ist wie Himmel und Erde, Glück und Unglück. Tag und Nacht. Ganzheitlichkeit ist wie ein Magnetfeld.

2. Theorie


Was Sie erwartet:

In diesem Kapitel werden wir zunächst einige grundsätzliche Herangehensweisen erläutern. Wir werden Ihnen dann, bewusst etwas springend, die Theorie auch anhand mehrerer Beispiele aus der Praxis Schritt für Schritt nahebringen.

Dabei beginnen wir mit allgemeinen systemtheoretischen Fragen und kommen über eine kurze Bekanntschaft mit Kybernetik und Konstruktivismus zur Chaostheorie. Wir machen dann einen Schwenk hin zu Fragen der Entstehung von Ordnung, streifen dazu kurz die Theorie dissipativer Strukturen, das Modell der Autopoiese sowie die Gestaltpsychologie und versuchen, Sie im Anschluss mit der Konzeption der Synergetik vertraut zu machen.

Abschließen werden wir diese Einführung mit einigen Folgerungen für die pädagogische und beraterische Praxis.

Eine Warnung vorweg und einige Vorbemerkungen

Dieses Kapitel ist nicht dazu gedacht, in einem Rutsch gelesen oder gar beim ersten Mal ganz verstanden zu werden! Erfahrungsgemäß braucht das Zeit. Daher unser Rat: Lesen Sie einen Teil, machen Sie dann, wenn Sie genug haben (das soll und darf bei solchen Themen vorkommen!) etwas anderes, oder blättern Sie weiter hinten in den praktischen Anwendungsteilen. Dort findet sich eine Vielzahl von Methoden oder Vorschlägen zur Umsetzung der hier vorgestellten theoretischen Ansätze.

Bevor wir in die Höhen und Tiefen systemischer Theorie steigen, vorab einige Anmerkungen dazu, wie es uns in der Vergangenheit mit der systemischen Theorie im Rahmen der von uns durchgeführten Fortbildungen in Kindergärten ergangen ist.

Als wir anfingen, solche Fortbildungen zu konzipieren, war uns bewußt, wie wichtig und grundlegend eine genaue und differenzierte Darstellung von systemischer Theorie für das Verständnis und die Umsetzung im Alltag ist. Gleichwohl blieb immer die Frage zu klären: Wie viel davon ist vertretbar, wie viel davon ist den Fortbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmern zumutbar?

Es kam daher nicht selten vor, dass wir am Abend vor einem Fortbildungstag bei der letzten Durchsicht unserer Unterlagen und Präsentationen noch einmal in eine intensive Diskussion darüber gingen, ob nicht das Ausmaß und die Tiefe von Theorie, die wir darstellen und vermitteln wollten, eine Zumutung seien. Die Rückmeldungen aus der Praxis aber haben uns dies recht gut und zuverlässig beantwortet – und sie haben uns ermutigt auch im Rahmen dieses Buches die Theorie relativ breit darzustellen. Das gesamte Buch ist als Einladung konzipiert. Wir möchten Sie einladen, sich die Welt und die Dinge einmal anders anzuschauen, sie von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. Womöglich auch aus einer, die zunächst befremdlich wirkt. Wir möchten Ihnen mit dem theoretischen Einblick in die Systemtheorie unsere Welt als eine Welt in Wechselwirkung vorstellen. Sicher können wir Ihnen die gesamte Theorie nicht in der möglichen und für den einen oder anderen vielleicht wünschenswerten und notwendigen Tiefe darstellen. Dazu gibt es viele besser geeignete Bücher, die wir zum Teil auch anführen werden.

Eine letzte Vorabbemerkung haben wir noch: Wir werden uns in der Darstellung ab und an in Kreisen bewegen. Sicher versuchen wir, Ihnen die aus unserer Sicht bedeutsamen theoretischen Inhalte in einer logisch geordneten Folge zu präsentieren, doch es gibt bei der Formulierung systemtheoretischer Konzepte so viele parallele Prozesse, dass uns ein wenig Tänzeln einfach notwendig erscheint. Wir werden daher immer wieder zwischendurch Beispiele aus der Praxis sowie Erläuterungen zu einer Haltung aus dieser theoretischen Sicht heraus anführen. Wir hoffen, dieses Vorgehen führt dazu, dass wir Ihnen die theoretischen Erkenntnisse parallel zu Fragen nach Praxis und Haltung gründlicher erläutern. Auch dieses Tänzeln mit dem Thema haben wir auf der Basis unserer Erfahrungen aus den jeweiligen Fortbildungen mit in dieses Buch aufgenommen.

Gleichwohl: Tänzeln ist das eine. Auf der anderen Seite benötigt es aber ebenso Stabilität, also einen festen Untergrund, auf dem man leicht dahingleiten kann. Daher setzen wir nun ein Schaubild an den Anfang (Abb. 5), das Ihnen zunächst einen Überblick bieten soll und Sie auf den folgenden Seiten immer wieder begleiten wird und Ihnen anzeigt, wo wir uns gerade befinden.

2.1 Einführung in die Systemtheorie


Abb. 5: Systemtheorie

Wir beginnen also mit Beschreibungen der Systemtheorie als Erkenntnistheorie, deren zentraler Gedanke die Rückkopplung, also das Denken in Wechselwirkungen, ist. Wir stellen Ihnen sodann die Ideen zur Kybernetik, der Lehre von der Steuerung, vor. Danach gehen wir über zu den zwei großen systemtheoretischen Richtungen. Die eine ist die Theorie dynamischer Systeme, deren Grundlage die Beschreibung von Phänomenen ist, die durch positive Rückkopplung entstehen, bei der sich selbst kleine Veränderungen zu großen Wirkungen aufschaukeln. Die andere, die Theorie selbstreferenzieller Ansätze, befasst sich mit Prozessen, die aufgrund negativer Rückkopplung entstehen. Bei Letzteren spielt die Frage eine Rolle, wie Systeme es schaffen, trotz Veränderungsdruck von außen stabil zu bleiben.


Übung

(ein kleiner Tanz um das Systemische)

1 Ihre Idee zum Thema »Systemisch arbeiten« – wie lautet sie?

2 Was gefiel Ihnen an dieser Idee ganz besonders gut, als sie Ihnen das erste Mal begegnete?

3 Gibt es Eigenschaften, Teile von ihr, die Sie irritieren?

4 Gibt es in Ihrem Team Menschen, die Ihre Idee (zum systemischen Denken) eher misstrauisch beäugen, oder solche, die sogar mit Ihnen sympathisieren?

5 Was glauben Sie, Ihre Idee und Sie – wie wird Ihre Beziehung in fünf Jahren sei? Werden Sie immer noch verbunden sein – oder getrennt?

2.1.1 Konstruktivismus

Jeder Mensch nimmt die Welt auf seine Art wahr. Im zwischenmenschlichen Bereich gibt es nicht die eine, die objektive Wahrheit. Wir alle leben in unseren eigenen, selbst konstruierten Wahrheiten. Jeder von uns konstruiert seine eigene Realität.


Abb. 6: Konstruktion der Realität

Ein systemisch-konstruktivistisches Vorgehen basiert auf einer systemischen Grundhaltung. Es basiert also auf einem mit anderen ausgehandelten Verständnis die uns umgebende Umwelt, die uns umgebenden Umwelten betreffend – es ist der Versuch, die Umwelten in ihren Interaktionen zu verstehen.

Es ist doch so: Ein jeder, eine jede von uns weiß, meist intuitiv, dass die Dinge im Zusammenleben oftmals weitaus komplizierter sind, als sie nach außen erscheinen. Wir wissen, dass unser Partner, unsere Partnerin, unsere Kinder oder andere Menschen in der Regel genau das nicht tun, was wir uns von ihnen wünschen. Zuweilen ist das richtig ärgerlich. Es käme uns so gelegen, könnten wir sie, ob nun neurolinguistisch oder einfach so, programmieren. Leider geht so etwas nicht. Das Gegenüber muss schon etwas davon haben, zumindest glauben, etwas davon zu haben, sich unserer Sicht der Dinge anzuschließen.

Mit unseren Wünschen und Erwartungen können wir, auch wenn wir sie direkt aussprechen, allenfalls Wahrscheinlichkeiten erhöhen, dass unser Gegenüber sich in unserem Sinne und den Dingen angemessen verhält. Immer bleibt dabei aber gültig: Unser Blick auf die Dinge ist unser Blick auf die Dinge. Daher ist es sinnvoll, eine Vorstellung davon zu bekommen, wieso andere Menschen dieselben Dinge völlig anders interpretieren, ja in aller Regel völlig anders interpretieren müssen, und wie und weshalb dies nicht nur eine Schwierigkeit, sondern eine große Chance im Zusammenleben und Miteinanderagieren von Menschen sein kann.

2.1.2 Das Systemische am Systemischen ist Rückkopplung

Die Systemtheorie ist eine Erkenntnistheorie. Der zentrale Punkt systemischen Denkens ist die Rückkopplung, also das Denken in Wechselwirkungsprozessen.

Jürgen Kriz (vgl. Literaturverzeichnis), einer unserer wichtigsten Lehrer und »Erklärer« systemischer Theorie, erläuterte einmal in einem Seminar kurz und knapp: »Das Systemische am Systemischen ist Rückkopplung.«

Was bedeutet das – Rückkopplung? Nun, nicht mehr und nicht weniger, als dass wir uns als Praktiker, als Menschen, in einer Welt bewegen, die wir als eine Welt in Wechselwirkung verstehen. Wir betrachten eine Welt, in der wir zwar isolierte Handlungen beobachten können, es aber durchaus Sinn ergibt, diese isolierten Handlungen jeweils im Kontext ihrer Entstehungs- oder Umweltbedingungen oder im Kontext verschiedenster Beziehungsgeflechte und Erwartungshaltungen zu betrachten.

Wenn wir uns die Geschichte der Familientherapie vor Augen halten, so sehen wir genau an dieser Stelle eine Entwicklung. Frühe familientherapeutische Konzepte wurden häufig von Praktikern entwickelt, die durch ihre Erstausbildung psychoanalytisch geprägt waren. Für sie war die individuumzentrierte Sicht – also die Annahme, dass die Gründe für eine psychische Störung im Individuum liegen – nicht mehr akzeptabel und nicht mehr therapeutisch sinnvoll. Es gab dann lange Jahre in einigen Ansätzen der Familientherapie die Tendenz, eher unausgesprochen als ausgesprochen, bei einer problematischen Familie zwar nicht mehr ein beispielsweise verhaltensauffälliges Kind als den Herd der Störung anzusehen, gleichwohl nun aber die Ursache für die Störung in der Familie oder bei den Eltern zu suchen.

Eine solche Sichtweise finden wir auch heute noch, unserer Ansicht nach sogar sehr häufig, bei Kolleginnen und Kollegen, die systemischer Betrachtung und Theorie nur ein gering ausgeprägtes Verständnis entgegenbringen. Daher begegnet uns auch oft die Ansicht, beim Systemischen handle es sich darum, das Verhalten im Kontext der ganzen Familie zu erklären, was, da zu kurz gegriffen, dazu führt, hier auch die Ursache für das Verhalten etwa eines Kindes finden zu wollen und (im Sinne des definierten Erklärungsrahmens) auch finden zu müssen.

Eine uns heute angemessen erscheinende Sicht erachtet das jeweilige Verhalten eines Menschen als Ergebnis einer langen Kette von Interaktionen, die womöglich viele Jahre oder gar Jahrzehnte zurückreicht, oder aber aktuell als ein dichtes Geflecht wechselseitiger Beziehungen und Erwartungen. Systemisches Betrachten und Analysieren von menschlichem Verhalten ist daher immer zirkulär angelegt. Das Denken in Ursache-Wirkungs-Abfolgen, das uns im Alltag brauchbar erscheint, ist bei der Betrachtung psychischer Probleme daher stets nicht nur eine Reduktion der zugrunde liegenden Komplexität, sondern versperrt uns auch den Blick für fruchtbare Lösungen.

Das ABC der rational-emotiven Theorie/Therapie (nach Ellis 2008):

Wenn eine große Firma, wie dies heute so häufig passiert, viele Menschen »freistellt«, dann gibt es immer wieder einen Menschen, der diese Nachricht zum Anlass nimmt, sich den sprichwörtlichen Strick zu nehmen und seiner Existenz ein Ende zu bereiten. Am anderen Ende des Kontinuums gibt es jedoch auch den anderen, den diese Neuigkeit dazu veranlasst, die größte Party seines Lebens zu feiern.

Wir wissen, dass sich die Dinge so verhalten: Die Botschaft (Activating Event – Auslöser) entscheidet nicht über ihre Wirkung (Consequences), sondern irgendwo zwischen der Botschaft und ihrer Wirkung passiert etwas im Empfänger (Beliefs – Glaubenssysteme). Irgendwo in uns gibt es diese Instanz, die bewertet, die entscheidet, die die Informationen, die wir aus unserer Umwelt erhalten, in unsere Lebenserfahrung, in unsere derzeitigen Lebensumstände, in unsere Erwartungen dessen, was das Leben für uns noch bringen mag, einordnet.

Dies wird unter anderem durch das Modell des ABC im Rahmen der rational-emotiven Theorie anschaulich erklärt.


Abb. 7: Das ABC der rational-emotiven Theorie

Wie wir z. B. fast alle wissen, wirken Veränderungen im zentralen Nervensystem nicht nur auf unser Immun- und Hormonsystem, diese Veränderungen wirken letztlich auch auf sich selbst zurück. Wenn wir uns infolge von Stress und Überforderung krank fühlen oder gar Infektionskrankheiten bekommen, wirkt sich dies auf unseren seelischen Zustand aus. Dieser wiederum hat Einfluss darauf, wie gestresst und überfordert wir uns fühlen, wie sehr unser Körper uns jetzt auch noch einen Streich spielt und uns damit zusätzlich schwächt, wie sehr wir dazu neigen, daraufhin erst recht unsere ganze Energie zu verlieren und das Gefühl zu entwickeln, die ganze Welt habe sich gegen uns verschworen.

Moderne neurobiologische Erkenntnisse, die auch im Rahmen von hypnotherapeutischer Arbeit genutzt werden, legen nahe, dass für die Verbesserung und Behandlung solcher Symptome eine Veränderung oder Verschiebung unserer Aufmerksamkeit von entscheidender Bedeutung ist.

2.1.3 Was bedeutet nun systemisch-konstruktivistisch?

Grundsätzlich einmal bedeutet es, dass Sie als die objektive Beobachterin/der objektive Beobachter ausgedient haben. In der Wissenschaft kam nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues Paradigma, eine neue grundsätzliche Position, ein wirklich neuer Ausgangspunkt der Betrachtung ins Spiel (vgl. Kriz 1997; von Schlippe u. Schweitzer 1997). Statt der bis dahin vorherrschenden gradlinig kausalen Erklärungen von Zuständen und Ereignissen setzten sich mit der Systemtheorie nun zunehmend zirkuläre Erklärungen durch. Statt der Objekte selber rückten nun die Beziehungen zwischen den beobachteten Objekten in den Fokus der Betrachtung.

Wie das entstanden ist, wo dies seinen Ursprung nahm – um das zu erklären, gehen wir nun noch einmal einen Schritt zurück.

2.1.3.1 Kybernetik


In der in den 1940er Jahren entwickelten Kybernetik (= Lehre von der Steuerung) wurde das Verhalten von aus einzelnen Elementen bestehenden Einheiten untersucht. Ihre Beziehung untereinander schaffte »Ganzheiten«, die nicht aus den einzelnen Elementen alleine erklärbar waren.

Was sich hier theoretisch so kompliziert liest, ist uns allen im Alltag dennoch sehr vertraut. Denken Sie einmal daran, wie das Team in Ihrer Einrichtung von außen wahrgenommen wird. Sicher gibt es dort die einzelnen Teammitglieder mit ihrer je eigenen Persönlichkeit, doch in der Regel sprechen die Menschen von außen über die Kindertagesstätte XY. Sie haben dabei mitunter sehr konkrete Personen vor dem inneren Auge, häufig bilden sie dabei aber eher eine ganzheitliche Gestalt ab. Das Team ist eben mehr – oder zumindest etwas anderes – als die Summe seiner Teammitglieder.


Zu Beginn der Formulierung einer Kybernetik ging es um die Frage, wie in komplexen, zirkulär funktionierenden Systemen, also Systemen in Wechselwirkung, Gleichgewicht erhalten bleibt. Dies wird heute als die Kybernetik erster Ordnung bezeichnet. Dahinter stand die Vorstellung, man könne einzelne Teile des Systems zielgerichtet beeinflussen und damit auch kontrollieren. Diese Vorstellung hält sich bis heute. Wir erleben sie überall dort, wo versucht wird, Systeme, wie Unternehmen, Familie etc., gezielt zu steuern, indem man die Muster und Regeln interner Prozesse genau durchleuchtet und daraufhin in einem gewünschten Sinne manipuliert. Anhänger dieser Denkrichtung waren auch Familientherapeuten wie Mara Selvini Palazzoli, Salvador Minuchin oder auch Jay Haley.

Mit der 1974 von Heinz von Förster formulierten Kybernetik der Kybernetik (Kybernetik zweiter Ordnung) wird diese gesamte Betrachtungsweise noch einmal grundlegend erweitert: Es geht nun darum, dass der Beobachter beobachtet, dass er beobachtet.


Auch für die Systemtheorie bedeutete diese Einbeziehung des Beobachters eine entscheidende Veränderung, sie wurde zu einer Erkenntniswissenschaft. Fragen zur Erkenntnis, zu der Art etwa, wie wir unser Bild von der Welt entwickeln, werden dabei in dem oben beschriebenen »Konstruktivismus« formuliert. Für unseren beruflichen Alltag bedeuten solche Erkenntnisse freilich: Wir sitzen mit im Boot, da unsere Urteile nicht frei und unabhängig von unseren Beobachtungen, von unseren Erfahrungen, von unseren Sichtweisen, von unseren erlangten Werten und Normen sind sowie den Normen und Werten unserer Umwelten.

2.1.3.2 Eine kleine Diskussion zu den Folgen für unser Handeln

Nun wird eine solche Sichtweise immer wieder auch von langjährigen Praktikern als »kompetenznehmend« und einengend empfunden. Sie sind es gewohnt, Deutungsmacht aus ihrem (mitunter nur selbstempfundenen) Expertentum herzuleiten. Die oben skizzierte Erkenntnistheorie aber schränkt aus unserer Sicht eine solche Machtposition sehr ein. Wir wollen Ihnen mit diesem Buch Mut machen, manches nun neu und anders zu betrachten.

Dass unsere Beobachtung subjektiv ist, unsere Werte nicht von allen geteilt werden, unsere Beobachtung und die daraus sich ableitenden Handlungen von uns und für uns zu verantworten sind – dies alles bedeutet aus unserer Sicht einen Zugewinn an Freiheit.

Beispiel

Die dreijährige Julia kommt aufgrund eines Gutachtens des Gesundheitsamtes in eine Gruppe eines Integrationskindergartens. Die Gutachterinnen hatten festgestellt, dass das Kind gehörloser Eltern in seiner gesamten Entwicklung massiv eingeschränkt ist und sich nahe an der geistigen Behinderung befindet.

Die pädagogischen Fachkräfte sowie die Therapeutinnen im Kindergarten haben es in den ersten Wochen auch mit einem sehr eigentümlichen Kind zu tun, das sie so selten erlebt haben. Gleichwohl besteht bei den Erzieherinnen von Beginn an die Vermutung, dass Julia alles andere als eingeschränkt ist, und sie beschließen, das Kind unabhängig von den Fördervorschlägen aus dem Gutachten intensiv, an seinen Potenzialen ansetzend, zu fördern. Es entsteht parallel durch intensive Gespräche ein guter, vertrauensvoller Kontakt zu den Eltern.

Sie und Julia sowie die Kinder der Gruppe finden innerhalb von wenigen Monaten so gut zueinander, dass Julia nicht nur nicht mehr »zurückgeblieben« wirkt, sondern in ihrem besonders positiven Verhalten geradezu auffällig erscheint.

Die Gutachterinnen würden sie sicher nicht mehr wiedererkennen.

Aus unserer Perspektive bedeutet eine solche Herangehensweise die Freiheit, nicht die Wahrheit wissen zu müssen; die Freiheit, nicht mehr über andere Menschen wissen zu müssen, als diese über sich selbst wissen. Es bedeutet, die Freiheit anzuerkennen, dass ein jeder und eine jede von uns Grenzen hat und dass eine Entscheidung, die ich heute getroffen habe, womöglich mit neuen Erkenntnissen morgen nicht mehr gültig ist.

2.1.4 Die Kraft von Hypothesen – und die Kunst, sie wieder zu verwerfen

Wieso nun haben wir einige Zeilen zuvor müssen und wissen kursiv geschrieben?

Das Müssen und die oftmals dahinterliegende Haltung ist ein Begriff, der unrealistische Erwartungen an sich selbst, an andere oder an die Welt beschreibt.

Wir müssen nicht wissen, was für Probleme Menschen haben, wichtig ist es aus unserer Sicht, eine möglichst hohe Übereinstimmung mit ihrem eigenen Erleben zu erzielen, sodass eine gelingende Behandlung, Förderung oder Beratung erfolgen kann.

Daraus erwächst die Freiheit, nicht über andere Menschen entscheiden zu müssen, sondern für den eigenen Standpunkt zu votieren und diesen zu vertreten.

Aus unserer Sicht ist die Freiheit, die eigene Meinung zu ändern, untrennbar mit der Übernahme der Verantwortung für die je eigene Sicht verbunden. Wenn wir, wie oben formuliert, sagen, man muss nicht mehr über andere Menschen wissen als diese über sich selber, dann heißt dies aber nicht, dass ich mein Expertentum und meine Fachlichkeit gering schätze. Es bedeutet, gerade für die je eigene Sicht gute Argumente zu finden, ohne damit objektive Wahrheiten zu formulieren.

Sicher haben wir als Fachkräfte mit unseren Erfahrungen mitunter gute und naheliegende Ideen dazu, was etwa bei einem Kind oder einer Familie zu beschriebenen Problemen führt. Dies ist aber kein Wissen, das sind Hypothesen (Annahmen), und selbst wenn diese Hypothesen, unseren Klienten angeboten, irgendwann mit Veränderungen in deren Verhalten in Zusammenhang stehen mögen, ist dies kein Beweis für die Richtigkeit unserer Hypothesen – vielleicht erfolgten die Verhaltensänderungen auch einfach durch Zufall.

Mit den Hypothesen ist es so eine Sache. Systemisches Arbeiten ist ohne das Bilden von Hypothesen gar nicht denkbar. Dabei beginnt die Arbeit mit dem alltäglichen Beobachten eines Phänomens. Sie machen sich dazu Ihre Gedanken, stellen ganz bewusst eine Hypothese auf. Sie testen diese Hypothese, indem Sie sie entweder im Gespräch direkt oder indirekt einbringen oder aber im Kontakt mit Kindern im Spiel oder in der Interaktion Dinge ausprobieren. Nun besteht die Möglichkeit, dass sich Ihre Hypothese bestätigt, dann merken Sie, dass Sie womöglich auf dem richtigen Pfad sind und verfolgen diesen bis zur nächsten Kreuzung. Wenn sie sich nicht bestätigt, verwerfen Sie sie.

Streng wissenschaftstheoretisch sind nur »Falsifizierungen« möglich, d. h., Hypothesen können niemals bewiesen (verifiziert), sondern nur widerlegt (falsifiziert) werden. Zum Beispiel gilt der Satz »Alle Schwäne sind weiß« nur so lange, bis der erste schwarze Schwan gesichtet wird.

Hypothesen zu verwerfen, die von Klienten, Eltern nicht angenommen werden, weil sie aus ihrer Sicht nicht passen, weil sie etwa für weitere Hypothesen etc. nicht anschlussfähig sind, stellt nun für viele eine große Herausforderung dar.

Dies hat zum einen damit zu tun, dass wir alle sehr schnell verliebt in unsere guten Ideen sind, es hat zum anderen sicherlich immer wieder auch damit zu tun, dass wir ahnen, dass wir, obwohl eine Hypothese abgelehnt wird, womöglich dennoch nicht ganz falsch liegen. Trotzdem gilt es, sie dann, zumindest für diesen Moment, zu verwerfen.

Warum ist das so? Systemisch betrachtet, geht es nicht darum, ob eine Hypothese richtig oder falsch ist, sondern darum, ob sie nützlich ist. Eine Hypothese etwa, die zum falschen Zeitpunkt aufgestellt wird – eine solche Hypothese ist eben nicht nützlich. Zu einem anderen Zeitpunkt, womöglich ein wenig anders formuliert, mag dieselbe Idee für Klienten durchaus reizvoll und akzeptabel erscheinen. Dann aber ist sie nützlich. Und darauf kommt es an.

Die Nützlichkeit von Hypothesen misst sich daher aus einer systemischen Sicht nicht zufällig an ihrer Fähigkeit, Vielfalt zu erzeugen. Der von Heinz von Foerster postulierte therapeutische Imperativ (vgl. etwa von Foerster u. Bröcker 2007, S. 15) »Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst« ist nicht zuletzt deshalb eine der wesentlichen Grundlagen einer solchen Denkweise.

Lassen Sie uns, bevor wir uns gleich der Chaostheorie zuwenden, an dieser Stelle kurz innehalten und überlegen, was die bisher vorgestellten Sichtweisen für unseren Arbeitsalltag bedeuten könnten. Versuchen wir, dies einmal schlagwortartig zu formulieren:

 Sie bedeuten, im Alltag vernetzt zu denken und zu arbeiten.

 Wir gewinnen sehr, wenn wir kooperieren. Mit anderen Institutionen und natürlich auch mit den Kolleginnen und Kollegen in unserem eigenen Team. Kooperation bedeutet dabei, immer zu versuchen, eine Win-win-Situation für beide; Kooperationspartner herzustellen.

 In der Fallbesprechung in Ihrem Team führen solche Betrachtungsweisen dazu, nicht mehr ausschließlich über das Kind zu reden. Es geht dann auch um seine Lebensbedingungen, und es geht auch um Ihre spezielle Sicht auf das Kind, um die spezielle Sicht einer jeden Erzieherin auf das Kind, um Ihre spezielle Sicht auf die vom Kind gezeigten Verhaltensweisen. Wie werden besonders diese Verhaltensweisen in Ihrem Kindergarten eingeschränkt oder toleriert? Haben Sie dazu eine eher pointierte oder weniger klare Sichtweise?

 Systemische Pädagogik stellt Ihnen eine Reihe von Werkzeugen zur Verfügung. Gleichwohl ist systemisches Denken und Handeln für uns mehr eine Summe von Haltungen denn eine von Werkzeugen.

2.1.5 Systemtheorie: Chaos und Struktur, die zwei Seiten einer Medaille


Noch einmal kurz zur Wiederholung: Moderne systemtheoretische Konzeptionen entwickelten sich zunächst in Biologie und Physiologie. Zum Durchbruch kamen diese Ideen nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Kybernetik, der Lehre von der Steuerung.

Wenn wir jetzt zur Chaostheorie kommen, lehnen Sie sich beim Lesen ruhig ein wenig zurück, und lassen Sie die Gedanken wirken.

Lange Zeit ging es zunächst um die Frage, wie in Systemen – plan- und auch steuerbar – Gleichgewicht entsteht. Doch im Laufe der Jahre zeigte sich, wie trügerisch diese Vorstellung der Plan- und Steuerbarkeit war. Neuere Erkenntnisse aus Chemie, Physik (Synergetik) und aus der Chaostheorie zeigten: Systeme können unter bestimmten Randbedingungen aus sich selbst heraus – selbstorganisiert – neue Strukturen entwickeln.

Halten Sie dies fest: Systeme – auch Individuen sind für sich betrachtet Systeme – können aus sich selbst heraus neue Strukturen, Lösungen finden. Wir werden diese Erkenntnis später im Buch an vielen Beispielen vertiefen und nutzen.

Dies gilt allerdings nur für nichttriviale Systeme. Mit Heinz von Foerster (vgl. etwa von Foerster u. Bröcker 2007, S 76) unterscheiden wir triviale und nichttriviale Systeme. Triviale Systeme sind solche, die bei gleichem Input stets den gleichen Output liefern (etwa ein Thermostat). Nichttriviale Systeme liefern, je nachdem, in welchem Zustand sie sich befinden, bei gleichem Input unterschiedliche Outputs.

In dieser Zeit, als die genannten neueren Erkenntnisse gewonnen wurden, wurde klar, dass man weniger auf die Herstellung von Gleichgewicht in Systemen und mehr auf die Veränderung in Systemen achten musste. Es wurde deutlich, wie sich nichttriviale Systeme – im Detail unvorhersehbar – von einem scheinbar stabilen Zustand in neue, oftmals überraschende Zustände entwickeln. Kurz zusammengefasst, lässt sich daraus folgern: Nichttriviale Systeme sind von außen nicht wirklich kontrollierbar. Sie sind wohl aber verstörbar und entwickeln dann oftmals – wiederum selbstorganisiert – neue Zustände, Lösungen.

Unterschiede, die einen Unterschied machen

Sie erleben täglich mit Ihrem Partner bzw. Ihrer Partnerin sehr anschaulich, wie unmöglich es ist, den anderen Ihren Wünschen und Vorstellungen entsprechend zu verändern. Zugleich zeigt sich auch: Wenn Sie sich im Verhalten ändern, führt dies häufig auch zu einer Veränderung im Verhalten Ihres Gegenübers. Dies ist sicher nicht immer so, denn wir stellen auch nicht jeden Morgen fest, wie unterschiedlich die Sonne aufgeht – und sie geht jeden Morgen auf eine andere Weise auf. Wenn Sie aber in Ihrem Verhalten einen Unterschied machen, der für Ihr Gegenüber bedeutsam ist, so wird dies nach aller Wahrscheinlichkeit eine Wirkung mit Neuigkeitswert erzielen.

Ob dies die Wirkung ist, die Sie wünschen, sei dahingestellt – dies ist die Würze, die wir doch meistens im Leben so lieben!

Kommen wir zurück zur Theorie: Der Osnabrücker Systemwissenschaftler und Professor für Psychologie Jürgen Kriz erläutert in seinem 1997 unter dem Titel Systemtheorie: Eine Einführung für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner erschienenen Buch die Entstehung der Chaostheorie sehr anschaulich. Sie basiert auf einem Zufall. Anfang der 1960er Jahre saß am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein junger Meteorologe an seinem damals noch sehr langsamen Computer und versuchte, die Wetterentwicklung mithilfe eines mathematischen Modells vorherzusagen. Im Rahmen dieses Vorgehens musste er bei einem gegebenen Zustand beginnen und dann Schritt für Schritt die Wetterentwicklung berechnen lassen. Da diese sehr langwierig war, ging der junge Meteorologe, während die Berechnungen liefen, schon mal einen Kaffee trinken.

Einmal ergab es sich, dass der junge Mann die Zeit abkürzen wollte und Ergebnisse aus einer früheren, kürzeren Entwicklung diesmal nur auf drei Stellen Genauigkeit eingab – sein Computer rechnete in der Regel mit achtstelliger Genauigkeit (drei Stellen bedeuten eine Genauigkeit von 1:1000). Dies hätte aus Sicht des jungen Meteorologen für die Berechnung ausreichen müssen. Dennoch waren die Kurven (siehe Abb. 8) völlig anders als vorhergesehen.


Abb. 8: Divergierender Verlauf zweier Wetterentwicklungen bei fast identischen Ausgangsbedingungen; x-Achse: Zeit, y-Achse: eine Wettervariable, z. B. Windgeschwindigkeit (nach Kriz 1997)

Das Problem lag darin, dass mit letztlich sehr einfachen Gleichungen gerechnet wurde, aber sie waren nichtlinear und hatten einen sogenannten Rückkopplungsterm, was bedeutet: Die Entwicklung einer Größe wirkte sich immer irgendwie auf die Entwicklung einer zweiten Größe aus und umgekehrt. Wissenschaftlich war dieses Phänomen der Rückkopplung sicherlich keine neue Erkenntnis. Es war klar, dass Entwicklungen durch Rückkopplungen den Normalfall bilden. Gleichwohl war man bis dahin der Auffassung gewesen, man könne kleine Abweichungen eher vernachlässigen. Heute aber wissen wir, dass auch kleine Veränderungen große Auswirkungen haben können.

Schmetterlingseffekt

Dies ist unter anderem bekannt geworden als sogenannter Schmetterlingseffekt. Dieser besagt: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in China kann darüber entscheiden, ob einen Monat später über dem Atlantik schönes Wetter herrscht oder ob sich ein Hurrikan zusammenbraut. Dies hört sich natürlich zunächst völlig übertrieben an, veranschulicht aber gut, dass es eine große Abhängigkeit solcher Entwicklungen schon von kleinsten Veränderungen, von winzigen Randbedingungen gibt.

Wir alle kennen diesen Effekt aber nicht nur aus der Physik, sondern auch aus zwischenmenschlichen Beziehungen. Wann immer eine Beziehung sehr unsicher ist, »kippelig«, wie man im Alltag zuweilen zu sagen pflegt, dann genügt oft ein kleiner Blick, eine kleine Geste, ein Wort, um den Auftakt oder das Ende einer Beziehung einzuläuten.

Wenn Sie in einer Stadt leben, dann kennen Sie wahrscheinlich das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man abends im Dunkeln durch die Straßen geht. Zuweilen kommen Ihnen Passanten entgegen, die man besser nicht zu lange anschaut, oft scheint es am besten zu sein, man schaut irgendwo anders hin. Sie spüren dann womöglich intuitiv, dass Sie einer emotional instabilen Persönlichkeit begegnen, die selbst mit einem offensichtlich freundlich gemeinten Blick womöglich eine Provokation verbinden könnte. Darauf könnte dann das berühmte »Was guckste so?« folgen.

Auch kleine Kinder, gerade wenn sie sehr unsicher gebunden sind (siehe »Bindungstheorie«, 2.2.1) können mitunter höchst irritierbar sein. Sie können schon bei kleinsten Veränderungen in geregelten Abläufen oder durch kleinste Grenzsetzungen, die sie anscheinend als persönliche Herabwürdigung begreifen, außer sich geraten.

Das »Konzept« der »fehlenden Frustrationstoleranz« – Ein Plädoyer für einen ausgewogenen Blick auf irritierbare Geschöpfe

Wir möchten Sie einladen, sich dieses Konzept einmal aus einer anderen Sicht anzuschauen. In all den Jahren unserer pädagogischen und psychologischen Arbeit hat es uns auf vielen Ebenen in der konkreten Arbeit mit Kindern und Familien begleitet. Die Idee hinter diesem Konzept ist, dass es Kindern, die Schwierigkeiten machen – in Kindergärten, Schulen etc. – an einer Toleranz gegenüber Frustrationen fehle. Die aus unserer Sicht sehr mittelschichtorientierte Vorstellung hierbei ist wohl, solche Kinder hätten nicht gelernt, Grenzen zu akzeptieren, sie seien verwöhnt und daher unfähig, mit normalen Frustrationen des Alltags umzugehen.

Nun mag es sein, auch wenn man dies im Einzelfall sicher anders betrachten kann, dass es solche Kinder wirklich gibt: Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, welches ihnen alle Wünsche erfüllt, sodass sie nicht lernen, sich bei frustrierenden Erlebnissen adäquat zu verhalten.

Was aber aus unserer Sicht völlig inakzeptabel ist: Wir verwenden dieses Konzept auch für solche Kinder – wir erleben sie in unserer täglichen Arbeit immer wieder und immer mehr! –, deren »Frustfass« bis zum Rand gefüllt ist. In solchen Fällen ist es äußerst bedenklich, von fehlender Toleranz zu sprechen. Das Leben dieser Kinder ist so gefüllt mit Frustrationen, dass für jede weitere die Bewältigungsfähigkeit ausgeschöpft ist. Diese Kinder haben auf dauernde Frustrationen eben noch nicht mit Resignation geantwortet, sie haben noch genug Leben und Kraft in sich, um sich gegen permanente Zurückweisungen, das permanente Erleben von Wertlosigkeit und Perspektivlosigkeit aufzulehnen. Sicher agieren diese Kinder sehr, sehr häufig auf eine für ihre Umwelt nicht angemessene, weil von außen kaum zu verstehende Art und Weise. Aber sie tun es nicht, weil sie gegenüber Frustrationen zu wenig tolerant wären. Frustrationen haben sie täglich genug, zu viele. Sicher gibt es auch Kinder, die Frustrationen einfach hinnehmen, wenn sie etwa Zurückweisungen erleben. Sie haben das Glück, sozusagen in ein Frustrationsfass schauen zu können, wo sie ganz unten das Aufplatschen hören. Sie können dabei in Toleranz auf eine eigene Geschichte voller Bestätigung und Liebe zurückgreifen.

Womöglich sollte man dieses Konzept der angeblich fehlenden Frustrationstoleranz einfach so begreifen, dass es mehr über die Betrachter aussagt als über die Beobachteten. So gesehen, könnte es hilfreich sein, Kurse für Fachkräfte anzubieten, die ihre Toleranz im Umgang mit Kindern erhöhen, die keine Toleranz mehr für die Nackenschläge des Alltags übrig haben.

2.1.6 Strukturierung und Entstehung von Ordnung durch positive Rückkopplung – Theorien dynamischer Systeme

Bei der Beschäftigung mit der Frage nach der Entstehung von Struktur aus scheinbar chaotischen Zuständen ist eine der wesentlichen Antworten, dass es auf die Randbedingungen ankommt. (Dies wird später im Rahmen der Darstellung der Synergetik sicher noch deutlicher.)


Es gibt allerdings mehrere theoretische Ansätze, die das Entstehen von Ordnung gut und schlüssig erklären. Wir haben beschlossen, uns bei der Darstellung auf die Theorie der Synergetik zu konzentrieren. Sie ist uns vertraut und auch sehr sympathisch, doch sind weitere Ansätze nicht weniger wichtig. Da ist zum einen die Theorie der »dissipativen Strukturen« des Chemikers Ilya Prigogine, einem in Russland geborenen späteren Belgier. Für seine Arbeiten zu diesem Thema erhielt er 1977 den Nobelpreis für Chemie. Er beschrieb in seiner Theorie, wie aus dem Chaos sich bewegender einzelner Teile eine geordnete, gebildete Struktur entsteht (Nicolis a. Prigogine 1977). Immer ist hierbei die Zuführung von Energie aus der Umwelt notwendige Voraussetzung. Solche Strukturen bilden offene Systeme, die im energetischen Austausch mit ihrer Umgebung stehen. Da jegliches Leben als dissipatives System beschrieben werden kann, ist es nicht sehr erstaunlich, dass es Prigogines späteres Grundanliegen war, eine Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaft herzustellen – zu ihrer wechselseitigen Befruchtung.

2.1.7 Strukturierung und Entstehung von Ordnung durch negative Rückkopplung – Theorien selbstreferenzieller Systeme

Auch das Modell der Autopoiese, (griech. autos = selbst, poiein = machen), welches von den beiden chilenischen Biologen Umberto Maturana und Francisco Varela formuliert wurde, beschreibt sehr anschaulich, wie solche gebildeten Strukturen ihrerseits auch wieder auf die Elemente zurückwirken, ja, selbst Elemente produzieren. Dies bedeutet, ihnen gelang es zu beschreiben, wie das Einzelne das Ganze formt und das Ganze wiederum zurückwirkt auf die Ausformung und das Entstehen einzelner Teile.

Familie organisiert sich autopoietisch

Die Formen von Familie sind ein gutes Beispiel für die Autopoiesetheorie von Maturana und Varela. Familien sind in ihrer Form nicht so oder so gut oder richtig, auch sind sie nicht die Keimzelle der Gesellschaft, aus der sich dann unsere Gesellschaft so oder so formt, sondern sie sind ebenso Teil des Systems, wirken in ihren diversen Ausprägungen auf die Gesellschaft, wie auch die Gesellschaft als Ganzes auf die Formen von Familie wirkt und mit neuen Anforderungen auch die Wahrscheinlichkeit des Entstehens neuer Formen begünstigt. (Vgl. dazu auch Ochs u. Orban 2008.)

Das Ganze ist mehr oder etwas anderes als die Summe seiner Teile. Diese Aussage ist sicherlich vielen von Ihnen schon einmal begegnet. Sie besagt schlicht und einfach, dass man allein anhand der einzelnen Teile nicht wirklich die daraus entstehende Ganzheit erklären kann. Bei der Entstehung des Ganzen spielen auch Faktoren wie z. B. Randbedingungen eine wichtige Rolle, denn sie wirken auf die Beziehung zwischen den Elementen.

Ein kurzes praktisches Beispiel:

Sie und Ihr Image

Unserer Erfahrung nach werden sich die einzelnen Mitarbeiterinnen im Kindergarten als Team jeweils anders präsentieren, je nachdem, was von außen auf sie einwirkt. Haben Sie das Glück, in einer relativ wohlwollenden Gemeinde Ihre Arbeit zu tun, in der die Bedeutung von früher Förderung und Entwicklung wertgeschätzt wird? Oder haben Sie es womöglich mit einer Verwaltung oder einem Träger zu tun, der permanent über die hohen Personalkosten für die »Kindergärtnerinnen« stöhnt? Je nachdem, wie dieser Energiezufluss von den Teammitgliedern empfunden wird, werden sie sich auch nach außen, ihren Kundinnen und auch ihren Kooperationspartnern gegenüber, verhalten. Natürlich kann man sich auch bei enormem Druck von außen als Antwort ein erhöhtes Zusammenhalten, eine Fokussierung auf noch bessere Arbeit vorstellen. Die Regel ist dies mit Sicherheit nicht. Häufiger erleben wir leider Fachkräfte, die aufhören, sich mit ihrer Arbeit, mit dem Sinn ihrer Arbeit grundlegend zu identifizieren.

2.1.8 Selbstorganisation

Wir wollen uns nun im Folgenden weiter mit der Frage nach der Selbstorganisation beschäftigen und dem – wie der Gestaltpsychologe Wolfgang Metzger es 1954 formulierte – Problem der Ordnung (vgl. Kriz 1997). Aus der damaligen Sicht interessierten vor allem die Entstehung dynamischer Ganzheiten und ihre Selbstordnungstendenzen. Vom heutigen Stand der Theorie her kann man Selbstorganisation als das wirklich universelle kreative Prinzip in der Natur bezeichnen. Evolution ist – so verstanden – demnach die Summe aus Selbstorganisation, Variation (Fluktuation) und Selektion. Dies müssen wir nun deutlicher und ausführlicher erläutern: Als Evolution bezeichnet man den stufenweisen Prozess des Aufbaus immer komplexerer Strukturen. Bezogen darauf, ist die erste Annahme, dass einzelne Elemente unter gewissen Randbedingungen praktisch aus sich selbst heraus neue Gebilde, neue Gestalten formen.

Diese Gebilde können, je nach den auf die einzelnen Elemente einwirkenden Faktoren, sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen. Sie bilden also unterschiedliche Varianten, Fluktuationen (ein Beispiel dafür kennen Sie alle: Es gibt helle und dunkle Haut bei Menschen), und diese treffen nun auf eine Umwelt, in der sie sich (als Gesamtheit, auch als Population) behaupten müssen.

Aber nur die Merkmale (Varianten), die langfristig – evolutionär gedacht! – stabil sind, werden auf lange Sicht erhalten bleiben und ihre Gene von einer Generation an die nächste weitergeben können. Sie müssen also in ihrer Population dem natürlichen Selektionsdruck ihrer Umwelten standhalten, um dauerhaft zu existieren.

Solche dynamischen Strukturgebungen, um die es uns hier geht, kennen wir alle vielfach auch aus der unbelebten Natur. Setzen Sie sich einmal an einem schönen Sommertag an einen See, beobachten Sie die unterschiedlichsten Wellen. Lehnen Sie sich dann gedankenverloren zurück, blicken in den Himmel, und beobachten Sie die verschiedenen Wolkenformen – und wie sich dann am Nachmittag am Horizont große Wolkentürme aufbauen, die ein kräftiges Sommergewitter verheißen.

Solch spontanen Ordnungsbildungen, die selbstorganisiert auf der Basis unspezifischer Randbedingungen ablaufen, werden aus unserer Sicht sehr gut durch die Theorie der Synergetik erläutert. Deshalb möchten wir denjenigen, die gerne etwas tiefer einsteigen wollen, diese Theorie im Folgenden vorstellen. Für die anderen gilt: Sie können diesen Teil gerne überspringen und zum nächsten Abschnitt oder einem anderen wechseln. Schauen Sie sich allenfalls noch einmal die Abbildung 9 an – sie spricht weitestgehend für sich selbst.

2.1.9 Synergetik – Eine Theorie dynamischer Systeme

Wie der Name schon sagt, ist die Syn-ergetik die Lehre vom Zusammenwirken. Die von Hermann Haken 1981 und 1983 vorgestellte Theorie (vgl. Haken 1995; Haken u. Schiepek 2006) ist eine umfassende systemtheoretische Konzeption. Sie entstand Anfang der 1970er Jahre zunächst als Theorie des Lasers. Allerdings wurde schnell deutlich, wie gut die damals gefundenen Erkenntnisse sich auf verschiedenste Formen von Systemen, die sich aus vielen Komponenten oder Subsystemen zusammensetzen, übertragen ließen. Synergetik beschäftigt sich hauptsächlich mit der Analyse des Zusammenspiels, des sogenannten kooperativen Verhaltens im Sinne einer Selbstorganisation, wie es zum Beispiel anhand der Bénard-Instabilität sehr schön erläutert werden kann.

Hierbei handelt es sich um ein sehr altes Experiment, das bereits 1906 von dem französischen Physiker Henri Bénard durchgeführt wurde: In eine flache Glasschale wird eine Flüssigkeit, zum Beispiel Silikonöl, gefüllt. Von der Unterseite der Glasschale her wird Wärme zugeführt. In der Flüssigkeit bilden sich daraufhin verschiedenste Muster, wie z. B. Wabenmuster, aus.

Das im Folgenden beschriebene Experiment ist etwas für besonders interessierte Personen – auch diese sollten es zumindest zweimal lesen!

Die Frage bei der Bénard-Instabilität lautet, wie es möglich ist, dass in einer Flüssigkeit durch solch eine unspezifische Beeinflussung wie Wärmezufuhr derartige Muster entstehen.

Auf der mikroskopischen Ebene (also auf der Ebene der einzelnen Teile) beginnen die einzelnen Flüssigkeitsmoleküle, indem sie die zugefügte Energie aufnehmen, herumzuzappeln. Dies führt dazu, dass die einzelnen Moleküle nun mehr Raum benötigen. Die zunächst erwärmten unteren Schichten der Flüssigkeit dehnen sich aus. Volumenmäßig sind nun dadurch in den unteren Schichten weniger einzelne Moleküle vorhanden als in den oberen Schichten, die ja noch kühler sind. Die Flüssigkeit als Ganze nimmt nun einen instabilen Zustand ein. Die oberen, noch kühleren und damit schwereren Flüssigkeitsmoleküle streben in der Folge nach unten, die warmen, leichten nach oben. Zugleich ergeben sich aus dem Herumzappeln der Moleküle stärkere Zufallsbewegungen, die Fluktuationen (Variationen) nehmen zu. Je höher nun die Temperaturdifferenz zwischen oben und unten wird, umso mehr sogenannter Fluktuationen entstehen. Dieser Zustand wird kritisch, größere Flüssigkeitsbewegungen sind die Folge. Diejenige Flüssigkeitsbewegung, die am ehesten geeignet ist, die Wärme zu transportieren, gewinnt die Oberhand, immer weitere Moleküle werden in die Bewegung mit einbezogen, es entsteht ein immer stabileres, gegen Störungen von innen wie außen resistentes Bewegungsmuster.

Zwei Begriffe sollten wir für das Folgende erklären. Man nennt es Emergenz, wenn aus einem zuvor unstrukturierten Chaos Struktur entsteht. Wenn allerdings das System bereits von einem emergierten, relativ stabilen Zustand in einen neuen übergeht, wird dies als Phasenübergang bezeichnet.

Interessant ist nun für unseren humanwissenschaftlichen, also sich mit Menschen beschäftigenden Bereich, zu erkennen, welche Faktoren beteiligt sind, wenn aus einzelnen »Molekülen« durch die Zuführung von Energie solche stabilen Muster emergieren. Zudem ist es spannend, wie aus bereits bestehenden Strukturen neue Muster hervorgehen. Wir können der synergetischen Theorie entnehmen, dass auf einer Makroebene, der Ebene der Muster, sogenannte Ordner entstehen, die den einzelnen Elementen im System praktisch ihren »Willen« aufzwingen. In der physikalischen Theorie der Synergetik wurde dazu von Haken der Begriff der Versklavung benutzt – dieser ist sicher für den Bereich menschlichen Verhaltens eher wenig geeignet. Gleichwohl macht er sehr drastisch deutlich, wie stark die auf Makroebene entstehende Ordnung das Verhalten und die Relationen zwischen den einzelnen Elementen auf der Mikroebene bestimmt. Sie werden praktisch zum Konsens gezwungen. Der Prozess wird daher auch als Konsensualisierungsprozess bezeichnet.

Bezogen auf menschliche Gemeinschaften, kann man dieses Prinzip relativ leicht erklären, wie auch Abbildung 9 für einen Kindergarten anschaulich macht (wir haben diese Abbildung weitestgehend aus dem Buch Synergetik in der Psychologie übernommen und haben sie an die Umwelt eines Kindergartens angepasst).

Die Regeln, Werte und Normen in einer Gesellschaft, in einer Gruppe oder in einer Institution gelten, weil sie akzeptiert sind. Sie bestimmen in stabilen Zeiten damit weitestgehend – im Konsens – das Verhalten der Mitglieder innerhalb der Gruppe. Nun ist es vorstellbar, dass von außen neue Energie zugeführt wird, in Form von neuen Anforderungen, neuen Erwartungen, gesetzlichen Regelungen, die die einzelnen Mitglieder der Organisation unruhig werden lassen. Sie beginnen, sprichwörtlich, ein wenig herumzuzappeln – die in Teams so bekannte Thermik entsteht. Viele beginnen, sich zu fragen: Gelten denn nun die bestehenden Werte, Normen und Regeln noch, ergeben sie so noch Sinn?


Abb. 9: Selbstorganisation in psychischen und sozialen Systemen (nach Haken u. Schiepek 2006)

Solche Phasen sind von Unruhe geprägt. Mitunter ist dies sicher auch eine positive Unruhe, die das Gefühl vermittelt, sich in einem – positiven – Aufbruch zu befinden.

Immer aber gibt es in solchen Phasenübergängen eine gewisse Unsicherheit in Bezug darauf, welche Regeln nun gelten – sie währt so lange, bis neue verabredet oder gesetzt werden. Diese führen, wenn sie formuliert und akzeptiert sind, durch den nun wiedergefundenen Konsens erneut zu relativ stabilen und vorhersagbaren Verhaltensweisen der Systemmitglieder.

Die Kindertagesstätte Villa Kunterbunt ist eine kleine Einrichtung, die vor sechs Jahren per Eigeninitiative in dem kleinen Ort Hirschenburg gegründet wurde. Sie hatte sich damals zum Ziel gesetzt, eine wichtige Versorgungslücke, nämlich die Betreuung kleiner Kinder unter drei Jahren, zu schließen. Hintergrund war, dass auch in diesem kleinen Ort immer mehr Frauen arbeiten mussten und es schlicht an Betreuungsmöglichkeiten fehlte. Da die Frau, die die Idee entwickelte, zufälligerweise Erzieherin und mit dem Ortsbürgermeister verheiratet war, wurde aus der Idee ein konkretes Projekt, das seitdem von einem Elternverein getragen wird.

2006 nun wurde die damalige Initiatorin und Leiterin der Einrichtung erneut schwanger und musste ihre Leitung abgeben. Eine junge Kollegin mit einer Ausbildung in Kleinstkindpädagogik übernahm. Und die Schwierigkeiten schienen nicht enden zu wollen. Die Rahmenbedingungen veränderten sich just zu dieser Zeit. Tagesmütter sprossen überall ringsum aus dem Boden, neue Kinderkrippen wurden in der nahe gelegen Kleinstadt eröffnet, der Druck wurde immer größer, und die eigentliche Chefin – die Gründungsmutter – war außer Dienst.

Manche Eltern vermissten sie und fanden immer wieder neue Kritik an der jungen Nachfolgerin. Die Unruhe wollte nicht weichen – bis die Kolleginnen sich mit ihrer ehemaligen Leitung und dem Trägerverein hinsetzten und ein Leitbild entwickelten. Nun, ein Jahr später, hat sich das Team wieder stabilisiert, die Gründungsmutter wird immer wieder um Rat gefragt, hilft auch aus, wenn nötig. Nichtsdestoweniger sind die Rahmenbedingungen schwierig und erfordern viel, viel Tatkraft.

Dennoch: Die schwierige Phase des Übergangs ist überstanden, und neue Stabilität ist gewachsen.

Für uns Autoren ist besonders faszinierend, dass uns diese ursprünglich für einen völlig anderen Bereich entwickelte Theorie der Synergetik viele schlüssige und nützliche Erklärungen dafür bietet, wie in menschlichen Gesellschaften, in Institutionen, in lebenden Systemen selbstorganisiert Musterbildungen, sprich Verhalten, Kulturen etc., entstehen. Wir erhalten durch sie wichtige Hinweise für die Organisation unserer Arbeitsabläufe wie auch für die pädagogische Arbeit mit Kindern und ihren Familien.

Entscheidend ist dabei, dass die Theorie sehr gut erklärt, wie unter gleichen Randbedingungen sehr viele verschiedene Strukturen und Muster entstehen können. Schon geringfügige Unterschiede können verschiedene Ganzheiten zur Folge haben. Wie diese Muster sich in ihren jeweiligen Umwelten behaupten, hängt davon ab, ob sie sich gegen den Selektionsdruck durchsetzen können und langfristig stabil sind.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
210 s. 35 illüstrasyon
ISBN:
9783849783556
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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