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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 14

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Heilige Jungfrau!« fuhr Pepe fort. »Ein solches Ende setzte mich in Erstaunen und war mir durchaus nicht lieb, denn ich verlor eine prächtige Stelle und hatte gar keine Lust zur Fischerei. Deshalb machte ich mich davon und kam nach tausend Abenteuern, deren Erzählung zu lang ausfallen würde, nach Amerika – und da bin ich nun.«

»Es war also ein reicher und mächtiger Mann, den ihr angegriffen habt?« fragte Bois-Rosé.

»Ei freilich! Es war ein großer Herr; ich war der irdene Topf, der am eisernen zerbricht. Doch in der Steppe gilt kein Rangunterschied mehr, und ich hoffe es ihm morgen früh oder später zu beweisen. Ach, wenn ich doch hier ebenso sicher einen gewissen Alkalden Don Ramon Cochecho und den ihm mit Leib und Seele ergebenen Señor Cayatinta hätte, ich würde sie alle drei eine schlimme Viertelstunde erleben lassen!«

»Wohlan – ich gebe dir recht«, sagte Bois-Rosé, indem er ein Stück Hammelbraten zu sich nahm, das zwei Männer hätte sättigen können; »wir wollen demnach unsere Reise nach Arizpe aufschieben.«

»Es ist, wie du siehst, eine alte Geschichte«, sagte Pepe zum Schluß, »und wenn ich seit zehn Jahren mein Schicksal mit dem deinigen verbunden habe und nach deiner Anleitung Waldläufer geworden bin, nachdem ich Grenzjäger Seiner katholischen Majestät gewesen bin, so verdanke ich es jenem Mann, den wir den Reitertrupp haben befehligen sehen, der die Richtung nach dieser Hacienda einschlug.« Und Pepe zeigte mit dem Finger in der Richtung der Hacienda del Venado.

»Ja, ja«, sagte der Kanadier lachend, »ich erinnere mich noch der Zeit, wo du einen ›Cibolo‹ auf fünfzehn Schritt gefehlt haben würdest, und ich glaube jetzt aus dir einen ziemlich guten Schützen gemacht zu haben, obgleich du noch zuweilen das Auge einer Fischotter mit ihrem Ohr verwechselst, was den Preis ihres Felles immer geringer macht. Aber du brauchst dich nicht darüber zu beklagen, das Garnisonsleben mit dem Waldleben vertauscht zu haben. Ich bin auch nicht immer Otternjäger gewesen. Ich war Matrose, wie du weißt; nun gut, ich finde, daß die Steppe dem Meer gleicht – diejenigen, die darin gelebt haben, können sie nicht wieder verlassen.« Dann nahm er nach einem Augenblick wieder das Wort: »Ich würde indes auf das Meer nicht ohne ein trauriges Ereignis verzichtet haben … Doch warum von dem sprechen, das nicht mehr ist? Vergangen ist vergangen!«

»Das Leben in den Wäldern hat seinen Reiz, ich gebe es zu«, sagte Pepe; »aber ich habe es nicht gern, daß ein Beruf mir aufgenötigt wird! Nicht darum jedoch zürne ich ihm, sondern der Umstände halber, die dem abenteuerlichen Leben, das ich nun seit fünfzehn Jahren führe, vorangingen und mich dazu bestimmt haben.«

»Still!« unterbrach ihn der Kanadier, indem er seinen Finger an die Lippen legte. »Ich glaube das dürre Gestrüpp brechen zu hören; andere Ohren als die meinigen könnten deine vertrauliche Mitteilungen mit anhören. Das ist übrigens kein Mann, der unbemerkt zu bleiben sucht«, fügte er hinzu, indem er seine Büchse nachlässig zur Hand nahm; »der Mond läßt ja im Dickicht den geringsten trockenen Halm erkennen, und er hätte die Zweige sehen können, die er auf seinem Weg zertrat.«

Pepe warf einen raschen Blick nach der Richtung, aus der der Lärm kam. Das Auge des spanischen Jägers hatte bald einen Schatten bemerkt, der sich auf dem grünen Teppich einer Lichtung, ungefähr dreißig Schritt von ihm, immer mehr verlängerte. Unter allen anderen Umständen würde er über diese Erscheinung nicht unruhig geworden sein – besonders nach den Erklärungen, die der Kanadier abgegeben hatte —, aber der Herankommende näherte sich von der Seite der Hacienda her, und allein aus diesem Grund war er ihm verdächtig.

»Wer geht da?« rief er mit einer Stimme, deren Klang durch die schweigende Nacht erscholl.

»Ein Mann, der einen Zufluchtsort bei Eurem Feuer sucht«, antwortete eine andere Stimme, nicht in dem hellen Ton, den diejenige Pepes hatte.

»Soll ich ihn herankommen lassen oder soll ich ihn ersuchen, seinen Weg fortzusetzen?« fragte dieser den Kanadier.

»Wolle Gott nicht, daß wir ihn zurückwiesen«, antwortete der. »Vielleicht hat man ihm dort unten die Gastfreundschaft verweigert; er ist allein, und seine Stimme, die ich, wie mir scheint, nicht zum erstenmal höre, beweist, daß er ermüdet oder vielleicht krank ist.«

»Wohlan, Ihr seid willkommen am Feuer und beim Essen.«

Gleichzeitig erschien Tiburcios Gesicht, noch bleich von der Aufregung der letzten Ereignisse und auch vom Blutverlust, den er erlitten hatte.

Obgleich seine Züge schon beiden Jägern bekannt waren, so schien doch Pepe davon betroffen zu sein, so daß er eine kaum bemerkbare Gebärde des Erstaunens machte, während das Gesicht des Kanadiers nur jenes natürliche Wohlwollen des Alters für die Jugend ausdrückte.

»Seid Ihr weit von den Reitern verirrt, bei denen Ihr Euch befandet?« fragte Pepe Tiburcio, der sich mehr auf den Rasen fallen ließ, als daß er sich setzte. »Und wißt Ihr nicht, daß Ihr eine Viertelstunde von hier eine bessere Gastfreundschaft als die unsere hättet finden können? Ich kenne den Besitzer des Hauses da unten nicht, aber ich denke nicht, daß er sie Euch verweigert hat. Oder kommt Ihr vielmehr nicht von der Hacienda selbst her?«

»Ich komme von ihr«, antwortete Tiburcio. »Ich kann Don Agustin nicht den Vorwurf machen, mir die Gastfreundschaft verweigert zu haben; aber sein Dach beherbergt Gäste, mit denen ich meiner Sicherheit halber nicht weiter zusammenwohnen kann.«

»Wie denn?« erwiderte Pepe mit mißtrauischer Miene, denn diese Ähnlichkeit mit seinen eigenen Gedanken schien ihm zu offenbar, um nicht einen Hinterhalt zu verdecken. »Ist etwa da unten etwas Außerordentliches vorgefallen?«

Tiburcio schlug seinen Zarapa auseinander und zeigte seinen rechten Arm, dessen Ärmel von Cuchillos Messer zerrissen und mit Blut befleckt war. Dieser Anblick zerstreute Pepes Argwohn vollständig.

»Hier ist meine Hand«, sagte er mit mehr Hingabe, als er zu zeigen glaubte; »wenn mein Verdacht betreffend die Behandlung, die Ihr in der Hacienda erduldet habt, begründet ist, so könnten wir uns, glaube ich, noch verständigen.« Bei diesen Worten warf er einen Blick des Einverständnisses auf Bois-Rosé und streckte Tiburcio die Hand hin, der ihm seine linke Hand reichte.

Der Kanadier setzte seine gastronomischen Verrichtungen aus, um die Wunde seines neuen Gastes zu untersuchen, und tat dies mit einer seltenen Geschicklichkeit und ungeachtet seiner rauhen Gesichtszüge mit einer fast zärtlichen Teilnahme. Teufel«, sagte er, »Ihr habt es mit einem Schelm zu tun gehabt, der eine feste Hand hatte! Einige Zoll seitwärts hätten Eure Abenteuer beendet. Doch es wird nichts zu bedeuten haben, mein Junge, beruhigt Euch!« fügte er hinzu, indem er die auf die Wunde geklebten Kleidungsstücke abnahm, nachdem er sie mit Wasser angefeuchtet hatte. »Ein Verband von gequetschten Kräutern darauf, und man wird keine Spur davon sehen. Pepe, sieh doch zu, ob du dir nicht eine Handvoll Oregano verschaffen kannst; quetsche es zwischen zwei Steinen, und bring es mir her.«

Pepe kam bald mit einem Bündel jenes Krauts zurück, dessen Heilkräfte im ganzen Land so bekannt sind, und befolgte sorgsam die Befehle Bois-Rosés. Dieser legte diese Art von Pflaster auf die Wunde und verband sie mit Tiburcios Gürtel aus chinesischem Flor. »Ihr müßt Euch schon leichter fühlen«, sagte er. »Es gibt nichts Besseres als den Oregano, um Wunden vor Entzündung zu bewahren, und Ihr werdet auch nicht den kleinsten Fieberanfall spüren. Nun, mein Junge, wenn Ihr Appetit habt, so stehen Euch ein Stück Hammelbraten und ein Schluck Branntwein zu Diensten; danach werdet Ihr guttun, Euch beim Feuer niederzulegen und zu schlafen, denn die Müdigkeit scheint Euch zu überwältigen.«

»Ich habe wirklich seit achtundvierzig Stunden so viele Ereignisse Schlag auf Schlag erlebt«, antwortete Tiburcio, »daß es mir vorkommt, als ob ich ein Jahrhundert gelebt hätte; und in diesem Augenblick scheint sich alles im Kreis um mich herum zu drehen. Was das Essen anbetrifft, so danke ich Euch; der Schlaf wird mir die Kräfte wiedergeben, die ich in der kritischen Lage, in der ich mich befinde, nötig habe. Ich bitte Euch nur noch um einen Dienst – nämlich den, mich nicht zu lange schlafen zu lassen.«

»Gut, gut!« sagte Pepe seinerseits. »Ich frage Euch nicht, warum; aber wenn Ihr vorhabt, die Hacienda in Belagerungszustand zu erklären, so bin ich da, und ich habe gute Augen, die Euch zu Diensten stehen! Also schlaft ruhig ein!«

Tiburcio streckte sich lang auf dem Gras nieder, und nachdem er abermals seine beiden Gastfreunde gebeten hatte, ihn kurz vor Tagesanbruch zu wecken, versenkten ihn die Müdigkeit und die aufregenden Gefühle, die er empfunden hatte, sehr bald in einen fast lethargischen Schlaf.

Der Kanadier betrachtete ihn schweigend einige Augenblicke, wandte sich dann an Pepe und sagte: »Wenn die Gesichtszüge nicht trügerisch sind, so glaube ich nicht, daß wir es bereuen werden, diesen armen Burschen aufgenommen zu haben.«

»Ich hatte schon Mißtrauen in ihn gesetzt«, antwortete Pepe; »aber das Zeugnis an seinem Arm beweist mir, daß er keine Freunde unter dem Dach, das er verläßt, gefunden hat, und es wird nur an ihm liegen, ob ich der Seinige werden soll.«

»Wie alt mag er wohl sein?« fragte Bois-Rosé, dessen Gesicht die ganze Teilnahme verriet, die er bei seiner Frage empfand.

»Er ist nicht älter als 24 Jahre, dafür stehe ich!« antwortete der gewesene Grenzsoldat. »Das meinte ich auch«, sagte der Kanadier, der mehr mit sich als mit seinem Freund zu reden schien, während ein wehmütiger Ausdruck seine rauhen Gesichtszüge sanfter erscheinen ließ; »das ist das Alter, das er haben muß, wenn er noch lebt.« Und ein Seufzer entwand sich gegen seinen Willen seiner breiten Brust.

»Wer denn? Wen meinst du?« unterbrach ihn rasch der Spanier, in dessen Seele diese Worte zufällig ein Echo zu finden schienen. »Solltest du jemand kennen …?«

»Das Vergangene ist vergangen, sage ich dir«, erwiderte Bois-Rosé; »und wenn etwas nicht mehr da ist, dessen Dasein man gern wünschte, so ist es das beste, es zu vergessen. Doch still – lassen wir diese traurigen Erinnerungen! Es würde mir den Appetit rauben, wollte ich mich noch länger dem überlassen, was nicht mehr ist, oder noch länger auf das hoffen, was nicht sein kann. Ich habe einsam in den Wäldern gelebt und muß einsam sterben, wie ich gelebt habe.«

Der ehemalige Soldat, dem die Vergangenheit – obgleich aus einem ganz anderen Grund – ebensowenig freudvoll zu sein schien, sagte nichts mehr über diesen Gegenstand. Beide wechselten plötzlich die Unterhaltung und machten sich, so gut es anging, daran, die Gegenwart zu feiern, deren Symbol für sie die Hammelkeule war – oder vielmehr der Rücken, der allein noch übrigblieb. Daraus folgte denn, daß trotz des guten Willens der beiden Tischgenossen, die Mahlzeit zu verlängern, diese doch endlich ein Ende nehmen mußte.

»Wenn ich das Vergnügen hätte, diesen Don Agustin, der der Besitzer der benachbarten Hacienda zu sein scheint, persönlich zu kennen, so würde ich ihm ein Kompliment über seine ganz besonders wohlschmeckenden Hammel machen«, sagte Pepe, einen tiefen Seufzer leiblichen Wohlbehagens ausstoßend; »besonders wenn man sie in eine dicke Lage Oregano einwickelt, um ihr Fleisch duftig zu machen. Und wenn nur seine Pferde von gleicher Güte zum Reiten sind, so werde ich sehr glücklich sein, eins von ihnen entleihen zu können.«

»Was?« fragte Bois-Rosé. »Bist du nicht mehr mit dem deinen zufrieden?«

»Nein, gewiß nicht! Du weißt wohl, da wir unsere Verfolgung in eine Belagerung verwandelt haben, so muß ich wenigstens mit einem guten Pferd auf jeden Fall versehen sein; ich habe hier meinen Sattel, und somit werden wir wie jede wohl organisierte Streitkraft Infanterie und Kavallerie haben. Ein Pferd weniger wird keine größere Lücke in den Scharen, die diese Wälder durchfliegen, zurücklassen als ein Hammel in den Herden – und mir wird es von großem Nutzen sein.«

»Gut«, sagte der Kanadier. »Ich denke nicht, daß du dem Eigentümer ein großes Unrecht tust, und wünsche dir guten Erfolg. Was mich betrifft, so will ich diesem braven Jungen Gesellschaft leisten; er schläft, als ob er es seit vierzehn Nächten nicht getan hätte!«

»Niemand wird sich wahrscheinlich diese Nacht in der Hacienda rühren; aber trotzdem schlafe nur mit einem Auge, während ich nicht da bin; und sollte es etwas Neues geben, so wird ein dreimaliges Bellen in gleichen Abständen mich benachrichtigen, auf meiner Hut zu sein.«

Mit diesen Worten nahm Pepe den Lasso, der an seinem Sattel befestigt war, und wandte sich nach der Gegend, wo er glaubte ein Pferd anzutreffen. Bois-Rosé blieb allein. Er betrachtete abermals den jungen, neben der Feuerstelle schlafenden Mann, warf trockene Zweige ins Feuer, die einen lebhaften Glanz verbreiteten; dann legte er sich an seiner Seite nieder und war bald ebenfalls eingeschlafen.

Der Abendwind bewegte rauschend die Wipfel, unter denen diese Männer, die einander auf so wunderbare Weise wieder begegnet waren, ruhten und nicht ahnten, daß sie zwanzig Jahre früher lange Zeit Seite an Seite geschlafen hatten – damals eingewiegt vom Brausen des Ozeans wie diesen Abend vom Rauschen der Bäume des Waldes.

21. Fabian und Bois-Rosé

Wenn es der göttlichen Gerechtigkeit gefällt, endlich ihre feierlichen Sitzungen zu eröffnen, nachdem sie den Zeitraum, den ihr Wille festgesetzt hat, verfließen ließ, so sieht man nicht bloß von einem Ende eines Landes zum anderen die Schuldigen und die Zeugen nach dem von den Richtern bezeichneten Ort eilen – nein, von entgegengesetzten Punkten der Erdkugel, aus den entlegensten Gegenden kommen Richter, Zeugen, Ankläger und Schuldige, gehorsam der unsichtbaren Hand, die sie vorwärts treibt, und begegnen einander auf gemeinschaftlichem Boden.

Die Gerechtigkeit Gottes kennt für das Verbrechen keine Verjährung. Zwanzig Jahre, die seit der Ermordung der Gräfin von Mediana verflossen waren, hatten sie nicht entwaffnet – die Zeit war nur noch nicht gekommen, wo ihr Urteilsspruch in Kraft treten sollte; jetzt nahte sie heran. Schon längst zerrissene Fäden begannen sich wieder anzuknüpfen, längst getrennte Persönlichkeiten begegneten einander endlich.

Fabian von Mediana und der kanadische Matrose, die vor zwanzig Jahren dreitausend Meilen von diesem Ort plötzlich auseinandergerissen worden waren, schliefen wieder neben derselben Feuerstelle. Ein zufällig entschlüpftes Wort konnte den Jäger das Kind, um das er täglich trauerte, konnte Fabian von Mediana den Mann wiederfinden lassen, der den Leichnam seiner Mutter gefunden und seine eigene Kindheit zwei Jahre hindurch beschützt hatte; denjenigen, dessen Name seinem Gedächtnis entfallen war, an dessen Dasein aber die Frau Arellanos‘ ihn bei ihren letzten Enthüllungen dunkel erinnert hatte.

Wir dürfen es nicht in Vergessenheit kommen lassen, daß dies beinahe zu derselben Zeit stattfand, in der Don Estévan den Senator und den Hacendero weckte, um so plötzlich Abschied von ihnen zu nehmen.

Unterdessen rückte die Nacht vor; die Sternbilder, die für die Reisenden in diesen Einöden die Stunden angeben, hatten den Teil des Himmels verlassen, der sich über die Lichtung ausspannte, und neigten sich augenscheinlich nach Westen. Der Kanadier, der nach der Warnung Pepes »nur mit einem Auge« schlief, hatte öfter seinen Schlaf unterbrochen, um einen Blick ringsumher zu werfen; aber das Licht der Flamme beschien nur den immer noch schlafenden Tiburcio. Pepe war noch nicht wieder erschienen.

Unruhe und Argwohn sind nicht mit einem athletischen Körperbau wie dem Bois-Rosés vereinbar; er hatte also auch ebensooft seinen unterbrochenen Schlaf von neuem begonnen.

Zwei Stunden vergingen noch, als ein leichtes Krachen der Zweige, ein Geräusch von Schritten, die durch den Moosteppich gedämpft waren, und besonders das Schnauben der Nüstern eines Pferdes ihn abermals aufweckten. Bald darauf zeigte sich auch Pepe. Er zog am Halfter ein Pferd nach sich, das beim Anblick des Feuers und der beiden auf dem Boden liegenden Männer vor Schrecken ängstlich schnob. »Ich bin fertig«, sagte der Spanier mit leiser Stimme, »und bringe den schönsten Renner mit, der jemals diese Wälder durchflogen hat. Ich fürchte nur, daß er sich noch ein wenig unbändig gegen den Reiter benehmen wird; aber die Hauptsache ist, daß ich ihn habe, obgleich es nicht ohne Mühe so weit gekommen ist.«

Pepe trocknete seine von Schweiß triefende Stirn mit den Überresten eines Taschentuchs und zog gewaltsam ein prächtiges Tier ans Feuer, dem der Schrecken ein noch herrlicheres Aussehen verlieh, denn mit Ausnahme des Menschen, der von Natur König der Schöpfung ist und den die Furcht erniedrigt und herabwürdigt, verleiht sie fast allen Tieren noch eine Schönheit mehr. Dieses hier stemmte sich auf seine feinen Füße, die wie gespannte Saiten zu zittern schienen; der Hals war weit vorgestreckt, die Ohren gespitzt und nach vorn gerichtet; zwischen ihnen fiel ein Bündel Haare auf ein wildes Auge herab; der ganze Leib zitterte, die Nüstern dehnten sich und zogen sich wieder zusammen – kurz, es war der vollkommenste Typ jener mexikanischen Rasse, die mit der arabischen wetteifert – ein Tier, um einem Pascha Lust zu machen.

»Ich habe eine glückliche Hand gehabt, nicht wahr?« sagte Pepe mit zufriedener Miene, während er den Renner fest an den Stamm einer Eiche band.

»Sofern dein Vorhaben dir ebensogut gelingt, wird alles ausgezeichnet gehen«, antwortete Bois-Rosé, der trotz seiner Geringschätzung des Pferdes im allgemeinen doch nicht umhin konnte, dieses hier zu bewundern; »aber ich zweifle daran. Bis dahin leg dich schlafen; ich meinesteils habe es schon genug getan und will für dich wachen.«

»Ich habe es wohl verdient«, erwiderte Pepe, »und werde deinen Rat befolgen.« Mit diesen Worten streckte er sich aufs Gras, und bald hatte sich seiner ebenfalls der Schlaf bemächtigt; dieser ist ein Gast, der in den Wäldern nicht auf sich warten läßt, in welcher Lage man sich auch dort befinden mag.

Obgleich unter den gegenwärtigen Verhältnissen nichts diese Vorsichtsmaßnahmen rechtfertigte, so war die Macht der Gewohnheit in einem Leben voll Gefahren doch so groß, daß auch im Freundesland der eine wachte, während der andere schlief. Der Kanadier erhob sich also von seinem Mooslager, streckte seine gewaltigen Glieder, ging einige Minuten auf und ab, um den letzten Rest von Schlaf abzuschütteln, und setzte sich dann dicht bei der Feuerstelle, mit dem Rücken an den Stamm eines Korkbaums gelehnt, nieder. Der Glanz des Feuers beleuchtete vollständig sein Gesicht, auf dem tiefe Furchen mehr von den Anstrengungen als vom Alter eingegraben waren; seine beiden schlafenden Gefährten lagen tief im Schatten. Mitten in dem tiefen Schweigen der Natur, in einem jener feierlichen Augenblicke des Nachdenkens, wo das ganze Leben in der Erinnerung noch einmal durchlebt wird, hätte man leichter in seinen ruhigen Zügen eine Vergangenheit ohne Vorwurf und ohne Gewissensbisse lesen können. Unbeweglich wie eine Statue schien er das schönste Ebenbild der wachsamen Kraft.

Wenn es aber auch in der Kraft des Menschen liegt, sein Leben so zu gestalten, daß er ohne Bedauern zu jeder Stunde und an allen Orten in den Schacht seines Herzens hinabsteigen kann, so verfügt doch eine höhere Macht als sein Wille frei über Ereignisse, die noch nach vielen Jahren traurige Erinnerungen im Herzen erwecken können. Beim Anblick des schlafenden Tiburcio flog dann und wann ein wehmütiger Zug wie eine Wolke über die Stirn des Kanadiers; sein Anblick schien eine schlecht geschlossene Wunde wieder zu öffnen.

Bois-Rosé erhob sich vorsichtig, näherte sich dem jungen Mann und neigte sich über ihn, um ihn aufmerksamer zu betrachten. Nachdem er ihn lange Zeit genau angesehen hatte, ging er schweigend zurück.

»So alt müßte er wohl sein, wenn er noch lebt«, sagte er mit leiser Stimme vor sich hin; »aber wie in dieser Haltung, in diesen Zügen eines jungen Mannes, in seiner ganzen Kraft diejenigen eines Kindes wiedererkennen, das kaum vier Jahre alt war, als es mir entrissen wurde?« Ein Lächeln des Zweifels flog um seinen Mund, als ob er gezwungen wäre, die Torheit seiner Gedanken selbst anzuerkennen. »Und doch«, fuhr er fort; »ich bin der Spielball von zu vielen Ereignissen gewesen; ich habe zu lange mitten in der Natur gelebt, um an der Allmacht der Vorsehung zu zweifeln. Warum sollte sie kein Wunder tun? War es nicht ein solches, das mich auf dem Ozean ein Kind hat finden lassen, das auf dem Schoß seiner ermordeten Mutter dem Hungertod nahe war? Warum sollte ich es nicht wiederfinden in der ganzen Kraft der Jugend? Warum sollte es nicht abermals zu mir gewiesen sein, um von mir Hilfe und Schutz zu verlangen? Wer weiß? Sind die Wege Gottes nicht unerforschlich?«

Als ob diese Gedanken eine gewisse Überzeugung in seiner Seele hervorgerufen hätten, erhob sich Bois-Rosé abermals, um aus den Zügen Tiburcios das Bild des jungen Knaben wieder herauszufinden, den ihm seine Erinnerung stets mit rosigen Wangen und blonden Haaren vor die Seele führte; aber der Schein des Feuers zeigte seinen Augen ein schwarzes Haar, das eine bleiche Stirn lockig umgab und abgemagerte Wangen beschattete.

»Wie oft«, sagte er zu sich selbst, als er seinen Irrtum einsah, »habe ich nicht so meinen kleinen schlafenden Fabian betrachtet! Aber wer du auch sein magst, junger Unbekannter, du hast in mir die Hoffnung wachgerufen! Schlafe ruhig; du hast dich nicht an meinem Feuer niedergelegt, ohne hier einen Freund zu finden! Möge Gott meinem armen Fabian vergelten, was ich für dich zu tun bereit bin!«

Der Kanadier kehrte noch einmal auf seinen Platz, einige Schritte von Fabian entfernt, zurück, und hier, in dem erhabenen Schweigen des amerikanischen Waldes, erwachten seine Erinnerungen durch die Gegenwart eines jungen Mannes von gleichem Alter, als der Sohn der Gräfin von Mediana sein mußte, und gefielen sich darin, die Ereignisse im Golf von Biskaya noch einmal seinen Augen vorzuführen.

Diese Nacht erinnerte ihn an jene, in der er unter dem Feuer desselben Pepe des Schläfers, der heute sein Waffenbruder war, das ihm später entrissene Kind in einem Nachen aufgerafft hatte, wo der Leichnam seiner Mutter lag. In seinem Gedächtnis konnte er fast Tag für Tag die Spur aller Ereignisse verfolgen, durch die die glücklichsten zwei Jahre seines Lebens sich ausgezeichnet hatten, und zwar viel treuer, als es bis dahin der Fall gewesen war.

Der Kanadier wußte noch nicht, daß Pepe der Schläfer derselbe Soldat war, an dessen Ungeschicklichkeit in bezug auf seine Person er immer noch dachte. Man sieht, daß der Spanier bei seinen vertraulichen Mitteilungen Elanchove in keiner Weise erwähnt hatte, denn Pepe hätte gern aus seinem Leben die Nacht gestrichen, wo er auf Posten an der Ensenada gestanden hatte. Wenn Bois-Rosé in Pepe jenen Soldaten wiedererkannt hätte, der ihn in jener Nacht ebenso hartnäckig als ungeschickt, wie er sich ausdrückte, bombardierte, so hätte er gewiß nach diesem merkwürdigen Zusammentreffen noch viel lebhafter auf einen zweiten, nicht weniger wunderbaren Zufall gehofft. Aber Bois-Rosé wußte es nicht und blieb dabei, ohne es zu wollen, über einen Gedanken zu lächeln, der den jungen, unter seinen Augen schlafenden Mexikaner in jenen Fabian verwandelte, den er so innig betrauerte.

Schon begann die Kühle der Nacht, die man bereits einige Stunden vor dem Aufgang der Sonne fühlt, wie ein eiskalter Mantel niederzufallen. Der Nebel um die Wipfel der Bäume wurde immer dichter und senkte sich als kalter Tau herab; doch war trotz der vorgerückten Stunde noch alles still um ihn her.

Plötzlich schnaubte das angebundene Pferd heftig und suchte das Halfter zu zerreißen, indem es im Galopp einen weiten Halbkreis beschrieb; die vom Halfter zerbrochenen Zweige krachten laut. Offenbar hatte irgendein – wenn auch unsichtbarer – Gegenstand es erschreckt.

Bois-Rosé, so plötzlich aus seinen Träumereien gerissen, ging leise vor mit lauschendem Ohr und spähendem Auge; da er aber nichts bemerkte als den Mond, der immer noch mit schräg herabfallenden Strahlen die Baumstämme mit einem Silberglanz umgab und seinen Lichtschimmer verstohlen ins Dickicht sandte, so setzte er sich wieder auf den Platz, den er vorher eingenommen hatte. Er fand Tiburcio eben vom Schlaf erwacht. Obgleich seine Augen offenstanden, war es doch klar, daß sein Gast noch im Land der Träume weilte, denn er schien diese Feuerstelle, neben der er lag, den schlafenden Mann an seiner Seite und den Riesen, der schweigend auf seinen Posten zurückkehrte, mit erstaunter Miene zu betrachten. Doch dauerte diese Ungewißheit über seine außerordentliche Lage nur einige Sekunden, denn das wohlwollende Lächeln des Kanadiers erwiderte er mit der Frage, was der Lärm bedeutete, der ihn aufgeweckt habe.

»Es ist nichts«, antwortete Bois-Rosé, obgleich der leise Ton, mit dem er sprach, bis auf einen gewissen Punkt seine Worte Lügen strafte. »Das Pferd wird in Schrecken geraten sein durch die Witterung irgendeines Jaguars, der gewiß nicht weit von der Stelle herumstreift, wo wir die Felle seiner Gefährten und das eines Hammels gelassen haben, von dem wir ein Stück verzehrt haben. Dabei erinnere ich mich, daß Ihr vielleicht gern noch ein wenig von dem annehmt, was ich Euch aufbewahrt habe.«

Der Kanadier bot hierauf Tiburcio zwei kalte Bratenschnitten an, die er zurückgelegt und in Oregano gewickelt hatte. Diesmal tat Tiburcio dem Mahl Ehre an, und als er nach dem Rat seines Wirtes einen Schluck Wasser zu sich genommen hatte, das, wie er sagte, das beste Mittel zur Erwärmung des Magens sei, fühlte er, daß er ein ganz anderer Mensch geworden sei. Das leibliche Wohlsein, das er dank dieser Mahlzeit empfand, und die Wärme, die ihm nach dem kühlen Trunk durchströmte, gaben der Zukunft eine hellere Färbung und milderten den Schmerz der Vergangenheit. Beim Anblick des kanadischen Jägers, der seine Wunden mit so großer Sorgfalt verbunden hatte – dessen Sorge sich sogar bis auf sein Mahl erstreckte —, fühlte er sich nicht mehr so allein, so verlassen; ein geheimes Gefühl sagte ihm, daß er einen mächtigen und durch seine herkulische Stärke, seine Unerschrockenheit und seine Geschicklichkeit furchtbaren Freund gefunden habe; Bois-Rosé seinerseits sah vergnügt lächelnd zu, wie er aß, und wurde sich immer klarer bewußt, daß sein Herz dem jungen Mann entgegenschlug.

»Nun, mein Junge«, sagte der Jäger, »die Indianer haben die Sitte, ihre Gäste, die sie bei sich empfangen, erst dann nach Namen und Stand zu fragen, wenn sie unter ihrem Dach gegessen haben. Ihr befindet Euch hier bei mir, Ihr habt von meinem Mahl gegessen – darf ich Euch jetzt wohl fragen, wer Ihr seid und was auf der Hacienda vorgefallen ist, daß man Euch dort einen solchen Empfang bereitet hat?«

»Recht gern«, antwortete Tiburcio. »Aus Gründen, deren Kenntnis Euch nicht interessieren dürfte, hatte ich meine Hütte verlassen, um mich nach der Hacienda del Venado zu begeben. Mein Pferd stürzte mitten auf der Straße vor Durst und Mattigkeit unter mir zusammen, und der Leichnam des armen Tieres war es, der den Puma und die beiden Jaguare herbeigezogen hatte, die Ihr und Euer Gefährte so kühn und geschickt getötet habt.«

»Hm«, sagte lächelnd der Kanadier, »das ist ein ziemlich erbärmliches Geschäft; doch fahrt fort. Welche Beweggründe kann man haben, einen jungen Mann zu hassen, der kaum aus dem Jünglingsalter herausgetreten ist? Denn ich wette, Ihr seid noch nicht älter als zwanzig Jahre.«

»Vierundzwanzig«, antwortete Tiburcio; »doch ich fahre in meiner Erzählung fort. Ich selbst hätte beinahe das Schicksal meines Pferdes geteilt, und als ihr beide während des Nachtlagers an der Poza zu uns kamt, hatte der Reiterzug, bei dem ich damals war, kaum einige Stunden früher mich sterbend vor Fieber und Durst auf offener Straße gefunden, und ich kann nicht recht klar darüber werden, warum diese Leute mich damals nur gerettet haben, um später einen Mordversuch an mir zu begehen.«

»Aus Eifersucht vielleicht«, sagte lächelnd der Kanadier; »das ist immer die Geschichte der ersten Jugend.« »Ich gestehe es ein«, antwortete Tiburcio etwas verwirrt; »aber es gibt noch einen anderen Grund: das ist nämlich ein Geheimnis von außerordentlicher Wichtigkeit, das ich mit ihnen teile und dessen ausschließlichen Besitz sie sich allein sichern wollen. Es ist Tatsache, daß es drei Menschen gibt, denen mein Leben im Wege steht; aber unter ihnen gibt es auch einen, an dem Rache zu nehmen ich habe schwören müssen; und obgleich einer gegen drei, muß ich doch den Eid erfüllen, den ich auf dem Totenbett einer Person geschworen habe, die mir sehr teuer war!« (Tiburcio schrieb immer Don Estévan den Mord Arellanos‘ zu.)

Das Auge des Kanadiers folgte mit Teilnahme dem bewegten Antlitz Tiburcios und gab heimlich diesem jugendlichen Feuer seinen Beifall, das ihn die Gefahr gar nicht ermessen ließ. »Aber Ihr habt mir Euren Namen nicht genannt«, sagte Bois-Rosé zögernd.

»Mein Name ist Tiburcio Arellanos.«

Der Kanadier konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als er diesen Namen hörte, der ihn aus seinen Träumereien in die Wirklichkeit zurückführte.

»Ruft dieser Name Euch irgendeine Erinnerung zurück?« rief Tiburcio. »Mein Ad…« – Tiburcio wollte sagen: Mein Adoptivvater, aber er hielt inne und fuhr fort: »Arellanos ist oft durch Steppen gereist, wo Ihr ihm hättet begegnen können; er war der berühmteste Gambusino in einer Gegend, die eine große Anzahl berühmter aufzuweisen hat.«

»Ich höre diesen Namen zum erstenmal«, antwortete Bois-Rosé; »Euer Aussehen allein … ruft mir … Ereignisse zurück, die schon längst vergangen sind …« Der Jäger beendete seine Rede nicht und schwieg. Tiburcio seinerseits, der sich noch lebhafter an alles erinnerte, was sich in der Hacienda zugetragen hatte, schwieg ebenfalls und hielt es für eine Gunst des Himmels, mit den beiden Jägern zusammengetroffen zu sein; das Geheimnis des Val d‘Or, das einem einzelnen Mann wie ihm unnütz war, wurde mit diesen beiden mächtigen Bundesgenossen eine kostbare Hilfsquelle und ein Pfand für den Erfolg seiner Liebe in den Augen Don Agustins; er beschloß also dem Kanadier unmittelbar Eröffnungen darüber zu machen.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1180 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain