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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 18
26. Das Blut der Mediana
Nachdem Oroche und Baraja mehrmals ihre Büchsen erfolglos abgeschossen hatten, da die Entfernung zu groß war, als daß die Kugeln hätten gefährlich werden können, so beeilten sie sich, mit Cuchillo wieder zusammenzutreffen.
Der Bandit war bleich wie der Tod. Die Kugel, die ihm der Kanadier aufs Geratewohl hin nachschickte, hatte Cuchillos Schädel so nahe gestreift, daß sie ihn aus dem Sattel warf. Nun hätte ihn Bois-Rosé ohne Zweifel wie ein giftiges Gewürm mit dem Fuß zertreten, wenn sein Pferd nicht so wunderbar dressiert gewesen wäre. Als das edle Tier nämlich sah, daß sein Herr sich nicht bis zu ihm erheben konnte, bückte es sich vor Cuchillo nieder, der nun die Mähne ergriff und sich in den Sattel schwang. Als das Pferd fühlte, daß er fest in die Bügel gestiegen war, galoppierte es schnell genug vorwärts, um seinen Reiter dem Messer Bois-Rosés, der in großen Sätzen herbeikam, zu entreißen.
Das war aber nicht die einzige Gefahr, in der der Bandit schwebte. Als er mit seinen beiden Mitschuldigen Oroche und Baraja zusammengetroffen war und alle drei sich mit Don Estévan und Diaz, die sie am bezeichneten Ort erwarteten, wieder vereinigt hatten, brauchte der Spanier Cuchillo nicht zu fragen, um zu erfahren, daß Fabian noch einmal seinem Haß entgangen war. An der niedergeschlagenen Miene der beiden Taugenichtse, an der Blässe des Banditen, der noch betäubt im Sattel wankte, hatte Don Estévan alles erraten.
In seiner Erwartung betrogen, fühlte der Spanier in seinem Herzen zuerst eine dumpfe Wut kochen, die aber bald zum Ausbruch kam. Er spornte sein Pferd gegen Cuchillo und schrie mit donnernder Stimme: »Feiger, ungeschickter Hund!« Und in seiner blinden Wut bedachte er gar nicht, daß Cuchillo allein die geheimnisvolle Lage des Val d‘Or kannte, und zog eine Pistole aus den Halftern.
Glücklicherweise für den Banditen warf sich Pedro Diaz rasch zwischen ihn und Don Estévan, dessen Wut sich nach und nach besänftigte.
»Was sind es für Männer, die bei ihm sind? Wer sind sie?« fragte der Spanier.
»Die beiden Jaguartöter«, antwortete Baraja.
Eine kurze Beratung fand in einiger Entfernung und mit leiser Stimme zwischen Don Estévan und Pedro Diaz statt; sie endete mit folgenden Worten, die alle vernehmen konnten: »Wir wollen die Brücke über den Salto de Agua zerstören«, sagte der letztere; »und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sie uns vor Tubac einholten!«
Die Reiter galoppierten vorwärts.
Fabian hatte tags vorher Don Estévan zu Cuchillo sagen hören, daß er nur einige Stunden vor seiner Abreise nach dem Presidio in der Hacienda verweilen würde. Die letzten Ereignisse, die am vorigen Abend bei Don Agustin stattgefunden hatten, mußten diese Abreise noch beschleunigt haben. Es war also keine Zeit zu verlieren. Pepes Pferd wurde jetzt ein kostbares Hilfsmittel, um darauf den Flüchtigen zu folgen und ihnen nötigenfalls den Weg abzuschneiden; es blieb nur noch übrig zu bestimmen, wer es besteigen sollte, um ein so gefährliches Unternehmen zu wagen, wie das war, sich allein der Flucht von fünf bewaffneten Reitern zu widersetzen.
»Das bin ich!« sagte Fabian. Mit diesen Worten sprang er auf das Pferd los, das erschrocken zurückfuhr; er ergriff den Halfter, mit dem es festgebunden war, und warf ihm sein Taschentuch über die Augen. An allen Gliedern zitternd, blieb das Pferd unbeweglich stehen. Fabian holte Pepes Sattel, schnallte ihn wie ein Mann fest, der an solche Arbeit gewohnt ist, schlang dann den Lasso so fest um die Nase, daß er zugleich Zügel und Kappzaum bildete, und wollte eben, ohne das Taschentuch, das wie eine Kappe über den Augen lag, wegzunehmen, in den Sattel springen, als Pepe auf ein Zeichen Bois-Rosés sich rasch ins Mittel legte.
»Sachte, sachte! Wenn irgend jemand das Recht hat, dieses Pferd zu besteigen, so bin ich es; mir gehört es nach dem Recht der Eroberung!«
»Aber seht Ihr denn nicht«, erwiderte Fabian ungeduldig, »daß diesem Pferd das Zeichen des Eigentümers noch nicht aufgebrannt ist? Das heißt, es ist noch niemals geritten worden; und wenn Ihr etwas auf Eure gesunden Gliedmaßen haltet, so werdet Ihr es nicht versuchen!«
»Das muß meiner Entscheidung überlassen bleiben«, antwortete Pepe, der nun vorwärts trat, um den Fuß in den Steigbügel zu setzen.
Aber das Pferd hatte kaum, obgleich die Augen verhüllt waren, gespürt, daß eine Hand sich fest auf den Sattelknopf stützte und ein Fuß fest in den Bügel trat, als ein wütender Seitensprung und einige plötzliche Sätze vorwärts den gewesenen Grenzjäger ganz betäubt zehn Schritt weit wegschleuderten.
Pepe hatte seinen zornigen Lieblingsschwur noch nicht ganz ausgesprochen, als Fabian, ehe nur Bois-Rosé seinerseits sich seinem Vorhaben widersetzen konnte, in den Sattel sprang, ohne die Steigbügel zu berühren.
»Halt, Fabian, halt!« schrie Bois-Rosé mit angstvoller Stimme. »Willst du dich allein der Gefahr aussetzen, in ihre Hände zu fallen?«
Doch schon hatte Fabian das Taschentuch von den Augen des Pferdes gerissen, das, plötzlich wieder sehend geworden, mit den Nüstern vor Zorn schnaubte und hintereinander drei ungeheure Sätze machte, um die Last abzuschütteln, die zum erstenmal auf ihm ruhte; dann blieb es unbeweglich zitternd stehen, als ob es sich über seine Bändigung schämte.
Bois-Rosé benützte diesen Augenblick der Ungewißheit, um den Riemen zu ergreifen, der als Zügel diente; aber es war zu spät: Trotz seiner Kraft zwang ihn ein zweiter Sprung des Pferdes, diesen fahren zu lassen, und das erschreckte Tier flog mit blindem Ungestüm, den menschliche Kraft nicht mehr bändigen – höchstens noch lenken – konnte, dahin. Einige Augenblicke konnte der Kanadier mit bangem Blick dem unerschrockenen Reiter noch folgen, der mit seinem wütenden Tier kämpfte und sich auf den Sattel niederbeugte, um den Schlag der Zweige zu vermeiden; aber bald sah ihn Bois-Rosé nicht mehr. »Sie werden ihn töten!« rief er schmerzlich bewegt. »Fünf gegen einen! Das ist kein ehrlicher Kampf! Laß uns so nahe wie möglich folgen, Pepe, um noch einmal dieses Kind zu beschützen, das mir erst seit so kurzer Zeit wiedergegeben ist!«
Bois-Rosé hatte schon seine Büchse über die Schulter geworfen, und ohne die Antwort seines Freundes abzuwarten, war er schon mit einigen gigantischen Schritten außerhalb der Tragweite seiner Stimme in der Richtung, die Fabian eingeschlagen hatte.
»Dieses Pferd ist nicht leicht zu regieren!« schrie Pepe ihm nach. »Ich weiß gewiß, daß es nicht in gerader Linie fortstürmen wird! Sei nicht bange; wir kommen vielleicht ebenso rasch hin wie er! Ach, Don Estévan, Euer böser Stern hat Euch unter diese Banditen geführt!«
Unterdessen sprengte Fabian wie jene abenteuerlichen Reiter in den Legenden, die kein Hindernis aufhält, mit einer erschreckenden Geschwindigkeit über den ungleichen Boden, über Bäche, Baumstämme, die vor Alter umgestürzt waren. Seine Aufregung schien mit der seines Tieres zu wetteifern. Pepe hatte sich nicht getäuscht; kein Zweifel – er hätte trotz des Vorsprungs, den sie vor ihm hatten, schnell diejenigen, die er verfolgte, erreicht, wenn er den ungestümen Anlauf seines Pferdes nach seinem Willen hätte lenken können. Unglücklicherweise oder vielleicht glücklicherweise für ihn zwang sein noch ungezähmtes Pferd ihn zuweilen, von der geraden Linie auf der Verfolgung abzuweichen, und nur nach ungeheuren Anstrengungen konnte er es auf den engen Fußpfad zurückbringen, der sich durch den Wald schlängelte und auf dem die Spur der fünf Flüchtigen sichtbar war. Oft fand er sich plötzlich diesseits des Weges wieder, den er schon zurückgelegt hatte, und er verlor somit alles, was er an Raum beim vorhergehenden Ritt gewonnen hatte.
Nach einer Stunde eines solchen regellosen Rennens und furchtbaren Kampfes jedoch fing das Pferd an zu fühlen, daß es seinen Meister gefunden hatte, seine Kraft begann nachzulassen; der heftig von der kräftigen Hand des Reiters angezogene Kappzaum preßte seine Nüstern, die nur noch einen pfeifenden Atem ausstießen; seine Schnelligkeit nahm nach und nach ab, seine Sprünge geschahen weniger rückwärts; endlich gehorchte es dem Druck, den es fühlte. Wie auf eine getroffene Verabredung hielten Mann und Pferd an, um Atem zu schöpfen; der Schweiß rieselte beiden vom Leib herab, und von den Flanken des Pferdes stieg der Dampf wirbelnd empor.
Fabian benützte diesen Waffenstillstand, um sich zu orientieren; der Nebel, der seinen Blick verschleierte, begann sich zu zerstreuen, und das heftige Klopfen seines Herzens betäubte nicht mehr seine Ohren – er konnte hören und sehen.
Zertretene Blätter, kleine frische, zerbrochene Zweige, die Spur mehrerer Pferdehufe auf dem Gras oder im Sand zeigten dem geübten Auge Fabians unzweifelhaft den Weg, den diejenigen eingeschlagen hatten, die vor ihm flohen. Plötzlich schlug das ferne Geräusch eines Wasserfalls an sein Ohr. Einen Augenblick noch, und die Flüchtigen gewannen vor ihm die unförmige Brücke, die über das breite und tiefe Bett führte, in dem der Waldstrom dahinstürmte; mit vereinten Kräften konnten sie die Brücke zerstören. Dann wurde jede Verfolgung unnütz, denn Don Estévan konnte, während er nach einer Furt suchte, mitten in die weiten Ebenen entrinnen, die sich bis nach Tubac hin ausdehnen.
Diese Gedanken weckten abermals Fabians Leidenschaften; er preßte die Flanken seines Pferdes und sprengte im Galopp den Fußpfad entlang, dessen Windungen ihm noch die Feinde, die er verfolgte, verbargen. Diesmal hatte sein Tier eine höhere Macht anerkannt, und der Weg, den es gelehrig verfolgte, verschwand unter seinen Tritten.
Das Brausen des Sturzbaches war schon lauter als der widerhallende Galopp des Pferdes, und obgleich es zu fliegen schien, so trieb es Fabian doch immer noch an. Bald mischten sich menschliche Stimmen in das Grollen der Gewässer. Diese Stimmen machten auf ihn einen so mächtigen Eindruck, daß seine Stöße in die Flanken des Tieres sich verdoppelten; noch einige Augenblicke mußten ihn mitten unter den Feind bringen, den zu erreichen er vor Begierde brannte.
Die ungestümen Sprünge eines Pferdes treiben die menschlichen Leidenschaften auf den höchsten Gipfel der Aufregung; Pferd und Reiter stehen in Wechselwirkung miteinander; das Herz des Mannes verfügt über die stählernen Hacken, und das unvernünftige Tier erhebt sich zu einem Verständnis der Gefühle seines Reiters. Trunken vom wilden Ritt, trunken von einer nahen Befriedigung seiner Rache verschwand die Ungleichheit an Zahl vor Fabians Augen. Auch versetzte ihn der Anblick, der sich ihm bald darbot, in einen Schwindel getäuschter Erwartung.
Wie schon erwähnt, verband eine Brücke von grob behauenen, viereckigen Baumstämmen die beiden steilen Ufer zwischen denen unten der Salto de Agua brauste. Die beiden äußersten Enden dieser Balken, die zusammen gerade so breit waren, daß ein Pferd hinübergehen konnte, ruhten auf dem bloßen Felsen und waren in keiner Weise befestigt. Die Kraft einiger Männer konnte also die Brücke, die zur Verbindung diente, auseinanderreißen oder hinabwerfen und somit an dieser Stelle, wo die beiden Ufer sehr entfernt voneinander waren, den Übergang unmöglich machen.
Gerade in dem Augenblick, als Fabian die Brücke erreichte, zogen vier von ihren Reitern angespornte Pferde mit aller Kraft ihrer Hacken an den Lassos, die mit dem einen Ende am Sattelknopf befestigt, mit dem anderen an die Balken gebunden waren, die, dieser Anstrengung weichend, sich bewegten, auseinandergingen und dann in den Gießbach stürzten, wo der Schaum garbenweise aufbrauste, während die rasch vom Sattelknopf gelösten Riemen pfeifend dem Zug der beiden ungeheuren Massen folgten.
Fabian stieß einen Schrei der Wut aus. Bei diesem Ausruf wandte sich ein Mann um; es war Don Estévan! Aber Don Estévan – durch eine unübersteigbare Schlucht von ihm getrennt —, der nun, geschützt vor aller Verfolgung, mit spöttischer Miene Fabian betrachtete, der mit Kleidern, die vom Dickicht zerrissen waren, mit blutendem Gesicht, mit wutentstellten Zügen ungestüm heransprengte, um über den Wasserfall zu setzen. Doch am Rand des Abgrunds angelangt, bäumte sich das erschreckte Tier heftig auf und sprang zurück.
»Gebt Feuer auf ihn!« rief Don Estévan. »Gebt Feuer, oder dieser Wütende wird uns alle unsere Pläne durchkreuzen! Feuer, sage ich euch!«
Drei Büchsen richteten sich schon auf Fabian, als sich in einiger Entfernung hinter ihm eine donnernde Stimme hören ließ und im selben Augenblick zwei Männer aus dem Gebüsch hervorbrachen: es waren der Kanadier und Pepe, die dank dem Umweg, den Fabian zu machen genötigt war, rechtzeitig hatten anlangen können.
Beim Anblick der beiden furchtbaren Büchsen zögerten die Banditen. Fabian nahm einen neuen Anlauf; aber das erschrockene Tier bäumte sich abermals auf und wand sich, einem unbesiegbaren Schrecken nachgebend, heftig unter seinem Reiter hin und her.
»Feuer! Feuer!« brüllte Don Estévan.
»Wehe euch!« schrie der Kanadier angsterfüllt. »Wehe dem, der schießen wird! Und du, Fabian, komm zurück im Namen Gottes!«
»Fabian?« wiederholte Don Estévan wie ein Echo beim Anblick des jungen Mannes, der, taub für die Bitten Bois-Rosés, noch immer sein Pferd anspornte, um über den Gießbach zu setzen; es sprang rechts und links, die Flanken waren mit Schaum bedeckt und pochten vor Schrecken.
»Ja, Fabian!« rief er mit einer Stimme, die den Donner des Katarakts und den Ruf der beiden Jäger übertönte. »Fabian, der von Euch, Don Antonio de Mediana, Rechenschaft fordert für das Blut seiner Mutter!«
Während diese Stimme, die sich mit dem Brausen des Sturzbaches vermischte, in den Ohren Medianas wie eine schreckliche Vorbedeutung klang; während ihn – vielleicht zum erstenmal in seinem Leben – der Schrecken auf seinen Platz bannte, zog der ungestüme junge Mann sein Messer, und indem er sein Pferd dessen Spitze fühlen ließ, trieb er es mit einem neuen, wütenden Anlauf vorwärts. Diesmal sprang das Tier wie ein Blitz über den Abgrund und fiel auf das entgegengesetzte Ufer.
Aber ein Hinterfuß glitt auf dem feuchten Abhang aus. Einen Augenblick – einen einzigen Augenblick – kämpfte das Pferd, das Gleichgewicht wiederzugewinnen; der Fels knirschte unter seinen Hufen; aber eine unüberwindliche Macht brach die Kraft seiner Sprunggelenke, sein Auge wurde dunkel, ein ängstliches Wiehern ließ sich vernehmen, und seinen Reiter mit hinabreißend, verschwand es mit ihm.
Beim Rauschen des Wassers, das bis auf das Ufer wallte, entfuhr ein herzzerreißender Schrei der breiten Brust des Kanadiers; ein Schrei des Triumphes erscholl vom entgegengesetzten Ufer; aber beide wurden bald übertönt von der grollenden Stimme des Waldstromes, der sich über seiner zweifachen Beute schloß.
27. Die Steppe aus der Vogelperspektive
Ungefähr vierzehn Tage nach dem letzten von uns erzählten Ereignis – das heißt, nach dem Sturz und dem Verschwinden Tiburcio Arellanos‘ oder vielmehr Fabians von Mediana im Salto de Agua – fanden andere Szenen in einer Gegend der Steppen statt, die sich vom Präsidio von Tubac bis an die mexikanische Grenze ausdehnen. Bevor wir jedoch die handelnden Personen wieder aufsuchen, wollen wir den Schauplatz beschreiben, auf dem sie uns wieder begegnen werden.
Die weiten Ebenen, die Mexiko von den Vereinigten Staaten trennen, sind nur durch die ziemlich schwankenden Berichte der Jäger und der Goldsucher in einem Teil des Landes bekannt, der durch den Rio Gila und seine Nebenflüsse gerade am wenigsten bewässert ist. Dieser Fluß, dessen Quelle in den fernen nördlichen Bergen liegt, ist der einzige, der unter verschiedenen Namen einen unermeßlich ausgedehnten, sandigen und baumlosen Landstrich durchströmt, dessen dürre Einförmigkeit nur durch die von den Regenwassern ausgehöhlten Schluchten unterbrochen wird; aber diese Gewässer verwüsten, ohne zu befruchten.
Der steinige Boden zeigt dem Reisenden nur die abschüssigen Schluchten – das Bett ausgetrockneter Gießbäche —, die seinen Marsch hemmen, ohne irgendeine Nahrung für ihn oder sein Pferd zu bieten. Der Damhirsch und der Büffel fliehen diese Einöden, wo höchstens ein spärliches Gras zu wachsen scheint, das schon vertrocknet, ehe es nur ausgewachsen ist. Selbst die Indianer durchstreifen sie nur, wenn der sengende Wind, der einen Teil des Jahres in diesen Steppen weht, vorüber ist.
Wir führen den Leser an einen Ort, der etwa sechzig Meilen vom Presidio von Tubac und etwa hundert Meilen von der Grenze der Vereinigten Staaten entfernt ist. Die Sonne neigt sich nach Westen und sendet schon schrägere Strahlen herab. Das ist die Stunde, wo der Wind, obgleich er immer noch durch die Ausstrahlungen des glühenden Sandes erhitzt ist, doch nicht mehr aus der Öffnung eines Schmelzofens herauszuwehen scheint. Es mochte etwa vier Uhr nachmittags sein. Leichte, weiße Wolken, die anfingen, eine rosige Färbung zu bekommen, bewiesen, daß die Sonne zwei Drittel ihres Laufes vollendet hatte.
Mitten am unermeßlichen Himmel, dessen dunkler Azur hier und da hinter Wolkengruppen verschwand, schwebte ein Adler bewegungslos über der Steppe. Er war hier der einzige Bewohner dieses Luftmeeres. Von dem erhabenen Punkt aus, wo der König der Vögel sich majestätisch wiegte, konnte sein durchdringendes Auge menschliche Geschöpfe auf den Ebenen der Erde zerstreut erblicken; die einen bildeten eine Truppe, die anderen waren ziemlich weit davon entfernt, so daß sie nur ihm allein sichtbar waren und einander nicht sehen konnten.
Gerade unter ihm dehnte sich ein unregelmäßiger Kreis aus, der durch eine natürliche Hecke von großen Kakteen mit scharfen Spitzen und stachligen indianischen Feigenbäumen gebildet wurde. Einige wenige Eisenholzgebüsche mischten ihr bleiches Laub unter die Feigenbäume und die Kakteen. An dem einen Ende dieses Kreises erhob sich ein Hügel mit flachem Gipfel einige Fuß hoch und beherrschte diese Umzäunung nach allen Seiten hin. Rings um diese Verschanzung, bei deren Errichtung die Hand des Menschen sich nicht beteiligt hatte, lagen kalkige Strecken, sandige Heide oder eine Anzahl nacheinander folgender kleiner Hügel, die wie versteinerte Wellen in diesem Sandozean aussahen.
Ein Trupp von ungefähr sechzig Reitern war in dieser Umzäunung von Kakteen und Gebüsch abgestiegen. Die Flanken der Pferde dampften wie nach einem angestrengten Marsch. Es war ein verworrener Lärm von Rufen, Wiehern der Pferde und Klappern von Waffen aller Art, denn dieser Reitertrupp schien kein gewöhnlicher zu sein. Lanzen mit roten fliegenden Fähnchen, Musketen, Büchsen, Doppelgewehre hingen noch am Sattelbogen. Von den Reitern putzten die einen ihre Pferde; andere lagen auf dem Sand im spärlichen Schatten der Kakteen und dachten nur daran, sich vor allem nach einem ermüdenden Tagesmarsch auszuruhen, auf dem die glühende Sonne die Glieder ebenso erstarrt wie die Kälte in der nördlichen Zone.
Etwas weiter zurück kamen die beladenen Maultiere zu der für das Nachtlager gewählten Stelle, und noch weiter zurück, hinter diesen, fuhren schwer beladene Wagen – zwanzig an der Zahl – in einer krummen Linie; die vorgespannten Maultiere zogen sie in langsamstem Schritt heran.
Endlich entdeckte das Auge des Adlers in der Richtung, der die Reisenden hatten folgen müssen, noch ohne Mühe, was das Auge keines Reiters oder Wagenleiters mehr sehen konnte: nämlich Leichname von Menschen und Tieren, die auf diesen dürren Flächen verstreut lagen und die den blutigen Weg bezeichneten, den diese Expedition von Abenteurern mitten unter stets erneuerten Kämpfen und unter den Gluten eines feurigen Himmels hatte machen müssen. Man hat gewiß schon die Schar Goldsucher unter den Befehlen Don Estévans wiedererkannt.
Als die Maultiere und die Wagen das Nachtlager erreicht hatten, gab es zwar einige Verwirrung, aber sie dauerte nur wenige Augenblicke. Die Wagen waren bald abgeladen, die Maultiere ausgespannt, die Pferde abgesattelt. Die Wagen wurden nun Deichsel an Deichsel mit eisernen Ketten zusammengebunden, und die Packsättel der Maultiere füllten mit den übereinandergelegten Sätteln der Pferde, mit den Kakteen und den Feigen die Zwischenräume zwischen den Rädern, so daß augenblicklich eine furchtbare Barrikade daraus entstand.
Im Innern des Lagers wurden die Tiere an die Wagen gebunden, Küchengeräte mit dazugehörigen Reisbündeln wurden in die Wagen hineingelegt. Eine tragbare Schmiede wurde aufgerichtet, und diese Kolonie, die wie durch ein Wunder aus der Erde emporgewachsen zu sein schien, war bald in voller Tätigkeit. Der Amboß ertönte von den Schlägen des Hammers, mit denen man die Hufeisen oder die Beschläge der Wagenräder in die gehörige Form brachte.
Ein reichgekleideter Reiter, dessen Anzug jedoch von Staub und Sonne verblaßt war, saß auf einem schönen Schweißfuchs und war allein inmitten des Lagers, das sein Auge in allen seinen Einzelheiten sorgfältig prüfte, im Sattel geblieben. Der Herzog von Armada, der Chef der Truppe, war leicht in diesem Reiter wiederzuerkennen.
Unterdessen waren drei Männer beschäftigt, auf dem Gipfel des kleinen Hügels die Pflöcke eines leinenen Zeltes in die Erde zu schlagen. Als das Zelt aufgerichtet und mit Stricken befestigt war; als auf dessen Spitze ein entfaltetes Banner mit sechs goldenen Sternen im azurenen Feld und der Umschrift »Ich werde wachen« im Wind flatterte, stieg der Reiter ebenfalls ab; er schien einem seiner Leute einen Befehl zum Überbringen zu geben, denn dieser stieg wieder auf und ritt aus dem Lager. Darauf ging der Herzog mit nachdenklicher Miene in das Zelt.
Alle diese Vorbereitungen hatten kaum die Zeit von einer halben Stunde in Anspruch genommen, so sehr schien die Gewohnheit alles vereinfacht zu haben. Zur Rechten des Lagers – in östlicher Richtung, aber noch weit hinter den wellenförmigen Hügelreihen – erhob sich aus dem Sandmeer ein breites, dichtes Gehölz von Gummibäumen und Eisenholz, den einzigen Bäumen, die in diesen verlassenen Ebenen wuchsen.
Eine zweite Reitertruppe hatte im Schatten dieses dichten Waldes haltgemacht. Hier gab es weder Wagen noch beladene Maultiere und keinen Verhau irgendwelcher Art. Aber das war nicht die einzige Verschiedenheit, den die letztere Truppe mit der ersteren darbot. Sie schien mehr als doppelt so stark zu sein. An dem bronzefarbigen Teint der Reiter, von denen die einen fast nackt, die anderen mit einem weiten, flatternden Lederanzug bekleidet waren; am Kopfputz, auf dem die Adlerfeder schwankte; an der gelben Ockerfarbe, mit der ihre Gesichter bemalt waren; am wilden Zierat ihrer Pferde konnte man leicht eine Abteilung Indianer auf einem Kriegszug erkennen.
Zehn von ihnen – ohne Zweifel die Anführer – saßen in ernster Haltung rund um ein Feuer, das mehr rauchte als brannte, und ließen das Kalumet oder die lange Beratungspfeife von Hand zu Hand gehen. Die vollständige Rüstung eines jeden Häuptlings – das heißt, ein lederner Schild, mit dicken Fransen aus ähnlichen Federn besetzt, wie sie sich an ihrem beweglichen Kopfputz fanden, eine lange Lanze, eine Streitaxt und ein Messer – lag an der Seite eines jeden auf dem Sand.
In einiger Entfernung vom indianischen Beratungsfeuer – weit genug, um die Worte der Ratsversammlung nicht hören zu können – hielten fünf Krieger je zwei sonderbar aufgeschirrte Pferde am Zügel; ihre hölzernen Sättel waren mit rohem Leder überzogen, und Fuchspelze schmückten ihr Hinterstück. Es waren die Pferde der zehn Häuptlinge; die fünf Krieger schienen nur mit großer Mühe die feurigen Tiere zu bändigen. Während das Kalumet seinem Nachbarn gereicht wurde, zeigte einer der Häuptlinge den anderen mit dem Finger einen Punkt am Horizont. Die Augen eines Europäers hätten an dem azurenen Himmel nur eine kleine graue Wolke mehr gesehen; aber das Auge des Indianers unterschied dort eine leichte Rauchsäule, die sich wirbelnd aus dem rings eingeschlossenen Lager der Weißen erhob.
In diesem Augenblick brachte ein indianischer Bote ohne Zweifel irgendeine wichtige Nachricht, denn alle Reiter gruppierten sich um ihn.
Jetzt entdeckte das Auge des Adlers zwischen dem Lager der Indianer und dem Verhau der Weißen noch einen Reiter; aber allein und ohne daß er von den Weißen und den Indianern gesehen werden konnte. Es war dies offenbar der Reiter, zu dessen Suche, wie wir gesehen haben, einer aus dem Lager der Goldsucher abgesandt war. Er ritt einen grauen Apfelschimmel und hielt jetzt an, und sein Pferd schien mit ausgestrecktem Hals und offenen Nüstern ebenso wie sein Reiter eine noch unsichtbare Spur zu suchen. Der Reiter trug den Lederanzug der Weißen, und seine – wenn auch sonnverbrannte – Gesichtsfarbe bewies hinlänglich, daß er der weißen Rasse angehörte.
Der Mann zu Pferd war Cuchillo; er schlug plötzlich die Richtung mitten durch die Steppe ein und ließ dann sein Pferd den Gipfel einer Anhöhe in der Ebene ersteigen. Hier angelangt, fuhr er vor einem zweifachen Anblick zurück, denn seine Augen richteten sich abwechselnd auf die Rauchsäule, die sich aus dem Lager der Abenteurer erhob, und auf das Biwak der Indianer.
Die Indianer bemerkten ihn aber ebenfalls, denn ein langes Gebrüll wie von hundert Panthern erhob sich zum Himmel, und der durch den Aufruhr erschreckte König der Vögel verlor sich bald wie ein schwarzer Punkt mitten in den Wolken.
Der Bandit entfloh mit verhängten Zügeln nach der Rauchsäule hin, als er die Indianer wie hungrige Wölfe auf einer Hirschjagd zu seiner Verfolgung aufbrechen sah. Endlich unterschied sich noch weiter am Horizont – doch kaum dem Adler selbst sichtbar – eine andere Männergruppe ziemlich undeutlich inmitten eines leichten Nebels. Ihre Stellung war so, daß sie ein Dreieck mit den beiden Lagern – dem der Rothäute und dem der Weißen – bildete. Jener Nebel war durch die Ausdünstungen eines ziemlich breiten Flusses erzeugt, dessen Ufer von Bäumen beschattet waren und der in seinem Lauf eine kleine, dicht bewachsene Insel bespülte. Mitten auf diesem Eiland befanden sich augenblicklich die zuletzt angeführten Personen. Waren es aber zwei oder drei oder vier – das konnte man vor Nebel nicht unterscheiden. Doch überstieg ihre Zahl wohl nicht die zuletzt genannte.
Dieser Teil der Steppe, dessen verschiedene Bewohner wir kennengelernt haben, endete an dem obenerwähnten Fluß. Er strömte von Osten nach Westen, teilte sich eine Meile westlich von der Insel in zwei Arme und bildete ein weites Delta, das von einer Bergkette begrenzt wurde; aber ein dichter Nebel bedeckte diese Anhöhen, und das Auge Gottes allein hätte diesen Dunstschleier durchdringen können, der – je nachdem die Sonne sich ihrem Untergang zuneigte – auch lebhaftere violette und azurfarbige Schattierungen darbot.
In diesem Delta, das mehr als eine Quadratmeile groß ist, beinahe in gleicher Entfernung von der Hügelkette und dem Anfang der vom Fluß gebildeten gabelförmigen Landzunge, lag das Val d‘Or.
Um die Erwartung des Lesers nicht länger zu ermüden und seinen Augen nicht bloß schweigende Schatten vorzuführen, wollen wir diesen Schatten zuerst Gedanken, dann Worte und endlich gleichzeitig Handlungen verleihen. Diese verstreuten Gruppen streben nach demselben Ziel; zwei von ihnen aus entgegengesetzten Interessen, die anderen als ihre Nebenbuhler. Einzeln oder vereint werden sie bald zusammenstoßen, wie die von entgegengesetzten Winden gepeitschten Sturmfluten aufeinandertreffen und im unermeßlichen Ozean eine an der anderen zerschellen.
Infolge geschickter, von Pedro Diaz geleiteter Bewegungen hatte die Expedition am Tag vor ihrer Ankunft im Val d‘Or die Richtung, die sie eingeschlagen hatte, vor den Indianern seit zwei Tagen verheimlichen können. Aber sechzig Gefährten, mit denen Cuchillo teilen mußte – darauf hatte der Bandit nicht gerechnet. Er mußte diese Zahl vermindern, und unter dem Vorwand, den Weg auszukundschaften, hatte er sich seit zwei Tagen von seinen Kameraden getrennt. Voll Vertrauen auf die Schnelligkeit seines Pferdes und auf die genaue Kenntnis dieser Steppen wollte Cuchillo abermals die Indianer auf die rechte Fährte bringen.
Um ihn seinen Weg finden zu lassen, falls sich etwas ereignete, das war der Grund, warum im Lager ein Feuer angezündet war, dessen Rauch ihm als Führer dienen sollte, und warum Don Antonio de Mediana einem seiner Leute, der sich auch – wie man gesehen hat – aus dem Verhau entfernte, den Auftrag gegeben hatte, das Feld zu durchstreifen, um den Führer der Expedition wiederzufinden. Ein kühnerer Gedanke keimte noch im Herzen Cuchillos; aber die Ausführung dieses Planes sollte ihn nur zu einer schrecklichen Strafe führen, die er so wohl verdiente. Doch hier ist noch nicht der Ort, davon zu reden.
Wir hatten gesagt, daß ein Läufer mit anscheinend wichtigen Nachrichten im Lager der Indianer angekommen war. Dieser Läufer war beim Suchen der Weißen, die er verfolgte, bis an die Ufer des Flusses vorgedrungen; unter den dortigen Weiden versteckt, hatte er auf einer kleinen Insel drei von ihren weißen Feinden bemerkt. Diese drei Männer konnten nach der Beschreibung des Indianers nur der Kanadier Bois-Rosé, der Spanier Pepe und Fabian de Mediana sein, der nun ihre Abenteuer mit ihnen teilte. Es waren wirklich die drei Freunde, die man vielleicht nicht ohne einige Befriedigung wiederfinden wird.
Wir haben Bois-Rosé und Pepe den Schläfer vierzehn Tage vor diesem Augenblick am Rand der Schlucht verlassen, in der der junge Spanier in dem blinden Ungestüm seines Alters und noch besonders aufgeregt durch die Erzählung des gewesenen Grenzjägers von der Ermordung seiner Mutter beinahe sein Grab gefunden hätte. Glücklicherweise war der Sturz nur für das Pferd tödlich gewesen; der Reiter war wie durch ein Wunder gerettet und dem Schicksal entgangen, das ihn auf dem Grund des Salto de Agua erwartet hätte.
Die drei Freunde nahmen also die Verfolgung, die der Sturz Fabians gewaltsam unterbrochen hatte, wieder auf; da sie jedoch gezwungen waren, zu Fuß denselben Weg zu verfolgen, den ihre Feinde zu Pferd zurücklegten, so waren Fabian und die beiden Jäger erst an dem Tag in Tubac angekommen, an dem die Expedition es verließ; das heißt, nachdem sie durch den Sturz Fabians einen Tag verloren, hatten sie nur fünf gebraucht, um zu Fuß ungefähr sechzig Meilen zurückzulegen.
