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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 22

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Diese letzte, prächtige Waffentat schien das Ende des Kampfes zu bilden, der schon so lange gewütet hatte. Einige Pfeile flogen um Diaz herum, ohne ihn zu treffen; seine Waffengefährten empfingen ihn mit einem Freudengeschrei, das an wildem Klang dem der Apachen nichts nachgab. Diaz ersetzte seinen zerbrochenen Degen und schöpfte Atem.

Ein beiden Teilen unentbehrlicher Augenblick der Ruhe stellte sich wie auf gemeinschaftliche Verabredung ein. Man konnte einander befragen und wieder zu sich kommen.

»Armer Benito«, sagte Baraja; »Gott nehme seinen Geist auf! Er ist ein Verlust für uns. Es ist nichts an ihm, glaube ich – bis etwa auf seine schrecklichen Geschichten —, was ich nicht bedauerte.«

»Und was noch beklagenswerter ist«, unterbrach ihn Oroche, »das ist der Tod unseres ausgezeichneten Cuchillo, des Führers der Expedition.«

»Eure Gedanken sind noch etwas verwirrt von dem Schlag des Streitkolbens, den Ihr auf den Schädel bekommen habt!« sagte seinerseits Diaz, indem er auf seinem Steigbügel die Biegsamkeit der neuen Klinge, mit der er sich versehen hatte, versuchte. »Ohne den ausgezeichneten Cuchillo, wie Ihr ihn nennt, würden wir nicht heute abend wenigstens zwanzig brave Kameraden verloren haben, die wir morgen zur Erde bestatten müssen. Cuchillo hat unrecht gehabt, einen Tag zu spät zu sterben. Von ihm wage ich nicht zu sagen: ›Gott möge seine Seele aufnehmen.‹«

Während dieser Zeit berieten sich die Indianer untereinander. Diaz‘ letzte Tat; der Tod, den mehrere von den Ihrigen im Lager der Weißen gefunden hatten, und diejenigen, die von den mexikanischen Kugeln kampfunfähig gemacht worden waren, hatten ihre Reihen gelichtet. Die Indianer bestehen niemals auf der Ausführung unmöglicher Dinge. Eine merkwürdige Mischung von Vorsicht und Todesverachtung bezeichnet diese außerordentliche Rasse. Die Vorsicht riet ihnen zum Rückzug; sie führten ihn ebenso plötzlich aus als den Angriff.

Die Abenteurer jedoch mußten einer ganz anderen Taktik folgen. Es war dringend nötig, einen Sieg zu nützen, von dem das Gerücht sich bis tief in die Steppen verbreiten und ihren Marsch sicherstellen mußte. Auch wurde der Befehl zur Verfolgung der Flüchtlinge, den Don Estévan gab, mit einem Freudengeschrei aufgenommen. Zwanzig Reiter warfen sich auf ihre Pferde. Pedro Diaz war nicht der letzte. Den Degen in der einen Hand, den Lasso und den Zügel in der anderen, verschwand er bald mit seinen Begleitern aus den Augen der Mexikaner, die im Lager zurückgeblieben waren.

Obgleich diese alle mehr oder weniger verwundet waren, so beschäftigten sie sich doch zuerst, ehe sie sich ausruhten, damit, sorgfältig für den Fall eines neuen Angriffs ihre durchbrochene Verschanzungslinie wiederherzustellen. Dann streckte sich jeder, von Mattigkeit, Durst und Hunger überwältigt – ohne daran zu denken, den Umkreis des Lagers von den Leichnamen, die ihn bedeckten, zu reinigen —, auf diese noch blutgetränkte Erde nieder, um nur einige Augenblicke Ruhe zu haben. Bald beleuchteten mitten im feierlichen Schweigen der Nacht die Strahlen des Mondes und die halberloschenen Holzscheite diejenigen, die einen kurzen Schlaf schliefen, ebenso wie die, die nicht wieder erwachen sollten.

31. Der Fatalist

Unterdessen erhob sich mitten in dieser augenblicklichen Ruhe, die auf den Lärm des Gefechts gefolgt war, während der durstige Boden alles auf ihm vergossene Blut trank, ein einziger Mann leise etwa nach einer Stunde. Einen Feuerbrand in der Hand, untersuchte er bei dem unbestimmten Licht, das dieser verbreitete, alle Leichname, die vor seinen Füßen ausgestreckt dalagen. Er schien in diesen todbleichen oder blutigen Gesichtern die Namen derer zu suchen, die diese bei ihren Lebzeiten getragen hatten. Bald beleuchtete der Glanz der Fackel die sonderbare Malerei eines indianischen Leichnams, bald das bleiche Antlitz eines Weißen, die hier nebeneinander den ewigen Schlaf schliefen; zuweilen bezeichnete bei seinen Nachforschungen ein halberstickter Seufzer einen der verwundeten Abenteurer; aber bei jeder Untersuchung machte der nächtliche Forscher eine Gebärde getäuschter Erwartung.

Plötzlich nahm mitten in diesem Schweigen des Todes, das über die Lebenden wie über diejenigen ausgebreitet war, deren Seele schon den Leib verlassen hatte, eine schwache Stimme die Aufmerksamkeit des nächtlichen Suchers in Anspruch. Er suchte im Halbdunkel den Ort zu entdecken, von dem aus die Stimme ertönte, die ihn anrief. Eine schwache Bewegung mit der Hand, die einer von denen machte, die vor ihm ausgestreckt lagen, machte seiner Ungewißheit ein Ende. Er näherte sich dem Sterbenden, und mit Hilfe des geringen Lichts, das die Fackel verbreitete, die er vor sein Gesicht hielt, erkannte er den vor seinen Füßen liegenden Mann.

»Ach, Ihr seid es, mein armer Benito!« sagte der Mann, während sein Gesicht ein Gefühl tiefen Mitleids ausdrückte.

»Ja«, sagte der frühere Hirt, »es ist der alte Benito, der in der Steppe stirbt, wie er stets darin gelebt hat… Was mich betrifft, so weiß ich nicht, wer Ihr seid; meine Augen sind sehr dunkel… Ist Baraja noch am Leben?«

»Ich denke«, antwortete der Mann, »er ist jetzt mit bei der Verfolgung der Indianer, und ich hoffe, er wird zeitig genug zurückkommen, um Euch ein letztes Lebewohl zu sagen.«

»Ich bezweifle es«, erwiderte Benito. »Ich hatte ihn einen letzten Vers aus dem Gebet für Sterbende lehren wollen … ich weiß ihn jetzt nicht mehr. Wißt Ihr nicht einige?«

»Auch nicht ein Stückchen«, antwortete derjenige, der mit dem Sterbenden sprach.

»Dann muß ich mich damit zufriedengeben«, antwortete Benito, den sein philosophischer Gleichmut auch in diesem letzten Augenblick nicht verließ. Darauf nahm er wieder mit noch schwächerer Stimme das Wort: »Ich habe Baraja einen alten Gefährten, einen alten Freund zurückgelassen; wer Ihr auch sein mögt, bringt ihm meinen letzten Wunsch, daß er ihn liebe wie ich …«

»Einen Bruder ohne Zweifel?«

»Mehr als das: mein Pferd!«

»Ich werde ihm Eure letzten Wünsche überbringen, glaubt es sicherlich.«

»Danke!« erwiderte der Greis. »Was mich anlangt – ich habe meine Wanderungen beendigt. Die Indianer haben mich in meiner Jugend nicht getötet, als ich ihr Gefangener war; sie haben mich in meinem Alter getötet, ohne mich gefangenzunehmen, das …«

Er hielt inne. Es war das letztemal, daß der Greis etwas absichtlich verschwieg.

»Das gleicht sich aus«, fügte der alte Hirt mit so schwacher Stimme hinzu, daß deren Ton kaum in das Ohr dessen gelangte, der ihm zuhörte.

Es war auch das letzte Wort, das über die Lippen Benitos kam. Er war mit dem Fatalismus entschlafen, der alle Ereignisse als gut ansah und der den Grundzug seines Charakters bildete.

»Er war ein braver Diener«, sagte der nächtliche Sucher zu sich selbst. »Friede sei mit ihm!«

Indessen fuhr er immer noch fort, die blutigen, auf dem Sand hier und da eingedrückten Spuren zu untersuchen; dann ging er gedankenvoll, einer nutzlosen Nachforschung müde, mit sorgenvoller Stirn auf den Platz zurück, den er verlassen hatte. Nun schien die kalte, einförmige Ruhe des Todes abermals das ganze Lager einzuhüllen, als ob der letzte Lebende sich seinerseits zum Sterben niedergelegt hätte.

Kaum verbreiteten die Feuer noch einen schwachen Schein, als ein Lärm von Stimmen und Pferden die Rückkehr der Abenteurer bezeichnete, die zu der Verfolgung der Apachen ausgezogen waren. Derselbe Mann, der sich schon einmal erhoben hatte, ging ihnen entgegen und befragte sie. Während mehrere Reiter vom Pferd stiegen, um sich einen Durchgang durch die Barrikaden zu öffnen, näherte sich ihm Pedro Diaz. Blutiger Schweiß strömte von seiner Stirn.

»Don Estévan«, sagte er zu ihm, »wir sind in unserer Verfolgung nicht glücklich gewesen. Kaum zwei oder drei Flüchtlinge haben wir niederstoßen können, und dazu haben wir noch einen von den Unsrigen verloren. Doch bringe ich einen Gefangenen mit: Wollt Ihr ihn vielleicht befragen?«

Mit diesen Worten löste Diaz seinen Lasso vom Sattelknopf und zeigte mit dem Finger auf eine unförmige Masse, die in der Schlinge lag. Es war ein Indianer, der, unbarmherzig durch die Steine und Dornen der Ebenen geschleift, bei jedem Schritt etwas von seinem Leib eingebüßt hatte und sozusagen keine Spur von menschlicher Form mehr an sich trug. »Er war doch noch lebendig, als ich ihn fing!« sagte der Abenteurer. »Aber diese indianischen Hunde sind imstande, sich lieber sterben zu lassen, um nur nicht zu sprechen.«

Ohne bei diesem grausamen Scherz zu lächeln, machte Don Estévan Diaz ein Zeichen, ihn zu einem Ort des Lagers zu begleiten, wo sie sich beraten könnten, ohne gehört zu werden.

Als die zuletzt Gekommenen sich ebenfalls auf die Erde gelagert hatten und alles wiederum ruhig war, sagte Arechiza: »Diaz, wir sind dicht am Ende unserer Expedition; morgen, habe ich Euch gesagt, werden wir am Fuß jener Berge lagern. Damit aber der Erfolg unsere Anstrengungen kröne, darf kein Verrat uns Hindernisse in den Weg legen. In Beziehung darauf will ich heute abend Euren Rat hören und mich ohne Rückhalt gegen Euch aussprechen.

Ihr kennt Cuchillo seit langer Zeit, aber nicht so lange und gewiß nicht so gründlich wie ich. Seit seiner frühesten Jugend ist es sein Gewerbe gewesen, diejenigen zu verraten, denen er am meisten ergeben zu sein schien. Ich weiß nicht, welches von den Lastern, mit denen er so reich begabt ist, den Preis bei ihm davonträgt; mit einem Wort, der unheilverkündende Ausdruck seines Gesichts ist nur ein schwacher Abglanz seiner schwarzen Seele. Diese reiche und geheimnisvolle Goldmine, zu der ich Euch führe und deren Ausbeute die ruhmvolle Wiedergeburt Sonoras bezahlen soll – er hat mir, wie ich Euch schon gesagt habe, deren Geheimnis verkauft. Ich habe erfahren, wie er sich zu dessen alleinigem Besitzer gemacht hat: nämlich dadurch, daß er den Freund, der es ihm umsonst mitgeteilt hatte, ermordete, während dieser Unglückliche in ihm einen treuen Begleiter in der Gefahr zu finden wähnte.

Ich habe also immer ein offenes Auge auf Cuchillo gehabt; heute abend hatte mich sein Verschwinden beunruhigt, aber es konnte die Folge eines in diesen Steppen sehr gewöhnlichen Ereignisses sein. Der Angriff, dessen Opfer wir beinahe alle geworden wären, hat meinen Verdacht bestätigt. Er hat sich abermals unter unserem Schutz bis zu der Stelle begeben, wo seine Hand sich nach einem Teil dieser unermeßlichen Schätze ausstrecken konnte. Er bedurfte der Hilfe, um sechzig entschlossene Männer zu ermorden; die Apachen sind heute nur seine Werkzeuge und Mitschuldigen gewesen.«

»In der Tat«, erwiderte Diaz, »ist mir einiges Zögern bei seinem Bericht verdächtig erschienen; aber es gibt ein einfaches Mittel: Man kann einen Kriegsrat versammeln, ihn verhören, der Verräterei überführen und ihn noch während der Sitzung erschießen.«

»Seit dem Beginn des Kampfes hatte ich ihm einen Posten in meiner Nähe angewiesen, um ihn leichter überwachen zu können; ich habe ihn schwanken und – anscheinend tödlich getroffen – zu Boden stürzen sehen.

Ich habe mir Glück gewünscht, einen Verräter und Feigling losgeworden zu sein, aber eben habe ich die Toten wieder und wieder gezählt und Cuchillo nirgends gefunden. Es ist darum dringend notwendig, daß wir, ohne Zeit zu verlieren, seine Spur verfolgen; er kann noch nicht weit von hier sein. Ihr seid an solche Art von Expeditionen gewöhnt; wir müssen ohne Verzug seine Verfolgung aufnehmen und schnelle, strenge Gerechtigkeit an einem Ehrlosen üben, der seine Verräterei mit seinem Leben bezahlen soll.«

Diaz schien einige Augenblicke nachzudenken, dann faßte er einen schnellen Entschluß und sagte: »Seine Spur wird nicht weit und nicht schwer zu verfolgen sein; Cuchillo hat die Richtung nach dem Val d‘Or einschlagen müssen. In der Richtung nach dem Val d‘Or hin müssen wir also suchen.«

»Ihr werdet eine Stunde ausruhen«, erwiderte der Chef, »denn Ihr müßt müde sein vom Gemetzel. Ach, Diaz, wenn alle die Männer wären wie Ihr, wie leicht würden wir uns – das Gold in der einen, den Degen in der anderen Hand – einen Weg bahnen!«

»Ich habe getan, was ich vermochte«, entgegnete der Abenteurer einfach.

»Ihr werdet unseren Leuten sagen, daß es notwendig ist, eine Rekognoszierung in der Umgebung des Lagers vorzunehmen. Ihr werdet unseren Soldaten den Befehl überbringen, gut Wache zu halten und unsere Rückkehr zu erwarten; dann sollen Baraja und Oroche uns begleiten, und alle vier zusammen wollen wir die Richtung nach dem Val d‘Or einschlagen.«

»Es ist ganz gewiß, daß Cuchillo dort sein muß; und trotz des Vorsprungs, den er vor uns hat, werden wir ihn doch auf dem Hinweg oder auf der Rückkehr wiederfinden.«

»Wir werden ihn im Val d‘Or treffen«, sagte Don Estévan. »Wenn Ihr es ein einziges Mal gesehen habt, so sollt Ihr mir sagen, ob es ein Ort ist, den ein Mensch wie Cuchillo leicht verlassen kann, sobald er ihn erreicht hat.«

Diaz entfernte sich, um die Befehle seines Chefs auszuführen. Dieser ließ sein Zelt wieder aufrichten, damit selbst in seiner Abwesenheit sein Sternenbanner über dem Lager wehe als ein Zeichen schützender Gewalt; dann warf er sich auf sein Bett und schlief den Schlaf des Soldaten auf dem Schlachtfeld nach einem mühevollen Tagwerk.

Eine Stunde darauf stand Diaz vor seinem Lager. »Don Estévan«, sagte er, »es ist alles zum Aufbruch bereit.« Der Herzog von Armada stand auf; er hatte sich in voller Kleidung niedergelegt. Sein Pferd war gesattelt und wartete auf ihn. Oroche und Baraja saßen ebenfalls im Sattel.

»Diaz«, sagte Don Estévan vor dem Aufbruch halblaut, »fragt doch die Wachen, ob Gayferos zurückgekehrt ist.« Diaz wiederholte die Frage des Chefs einer Schildwache, die mit dem Gewehr im Arm hinter den Wagen auf und ab ging.

»Señor Capitan«, antwortete der befragte Soldat, »der arme Kerl wird ohne Zweifel niemals zurückkehren. Die Indianer haben ihn gewiß überrascht und erschossen, ehe sie uns angriffen. Das ist auch wahrscheinlich, wie der alte Benito sagte, die Ursache der Flintenschüsse, die wir den ganzen Nachmittag gehört haben.«

»Es ist nur zu gewiß, daß Gayferos getötet worden ist«, antwortete Pedro Diaz; »was aber die Flintenschüsse betrifft, deren Schall das Echo uns zugetragen hat, so ist es wahrscheinlich, daß sie eine andere Ursache haben.« Als er diese Worte gesprochen hatte, war Don Estévan seinerseits zu Pferd gestiegen, und während die Schildwachen allein wachten, wie die Reihe sie gerade traf, schlugen sie im scharfen Trab die Richtung nach den Nebelbergen ein.

32. Steppenbilder

Zur selben Stunde des Tages, wo die Indianer vereint um das Beratungsfeuer saßen und über die Mittel zum Angriff auf das Lager der Goldsucher berieten, müssen wir drei Personen wieder aufsuchen, die wir schon zu lange, wie man uns vorwirft, vergessen haben.

Es ist ungefähr vier Uhr nachmittags. Die Steppe ist noch ruhig; der Nebel fängt an, sich langsam vom Fluß zu erheben, in dessen Mitte das kleine Eiland liegt, das den drei Jägern Bois-Rosé, Fabian und Pepe einen Zufluchtsort geboten hatte. Große Weiden und Zitterpappeln wuchsen an den Ufern des Rio Gila, etwa einen Büchsenschuß von der kleinen, in Rede stehenden Insel und dem Wasser so nahe, daß ihre Wurzeln den Uferrand durchbrachen und vom Fluß benetzt wurden. Der Zwischenraum zwischen den Bäumen war überdies ausgefüllt durch die kräftigen Schößlinge der Wasserweide oder durch sonstigen ineinander verschlungenen jungen Nachwuchs.

Der Insel aber beinahe gegenüber öffnete sich ein ziemlich weiter vegetationsloser Raum. Das war der Weg, den sich die Herden wilder Pferde und Büffel gebahnt hatten, um am Fluß ihren Durst zu löschen. Man konnte also von der Insel aus durch diese Öffnung einen freien Blick auf die Ebene werfen. Die Insel, auf der sich die drei Jäger befanden, war in ihren ersten Anfängen durch Baumstämme gebildet, die durch ihre Wurzeln auf dem Grund des Flußbettes festgehalten wurden. Andere Bäume waren durch dieses Hindernis aufgehalten worden – die einen noch mit ihren Zweigen und ihrer Blättermasse versehen, die anderen schon trocken seit langer Zeit —, und aus der Verschlingung ihrer Wurzeln hatte sich etwas wie ein plumpes Floß gebildet.

Seit dieser Anschwemmung hatten aber noch viele Winter und Sommer vergehen müssen, denn trockenes Gras, das durch großes Wasser von den Flußufern weggerissen worden war und sich in den Zweigen verwickelt hatte, füllte die Zwischenräume dieses Floßes aus. Dann hatte der Staub, den der Wind aufjagt und weithin mit sich fortnimmt, dieses Gras mit einer Erdkruste bedeckt und bildete so auf dieser schwimmenden Insel eine Art festen Bodens. Wasserpflanzen waren an ihrem Rand entlang aufgeschossen. Weidenstämme hatten kräftige Schößlinge getrieben, die samt dem Rohr und dem Schilf diese Insel mit einer grünen Einfassung umgaben, die sich sonderbar genug um die trockenen Baumskelette und die großen Zweige ohne Rinde geschlungen hatte.

Diese Art von Floß konnte fünf bis sechs Fuß im Durchmesser haben, und ein Mann, der sich niedergelegt hatte oder selbst nur kniete, verschwand gänzlich, wie groß er auch sein mochte, hinter dem Vorhang, den die Schößlinge und die Zweige der Weiden bildeten.

Die Sonne senkte sich gegen Westen, und schon warf der Blätter- und Pflanzengürtel ein wenig Schatten, der sich über den ganzen Raum der Insel verlängerte. Unter dem Einfluß der Kühle des eben entstandenen Schattens und den Ausdünstungen des Flusses schlief Fabian, auf der Erde liegend. Bois-Rosé schien diesen kostbaren Schlaf zu überwachen, dem er sich nach den Beschwerden eines langen Tagesmarsches und mitten unter stets sich wieder erneuernden Gefahren in aller Hast überlassen hatte. Pepe suchte Erfrischung, indem er seine Beine im Wasser badete.

Wir wollen den augenblicklichen Schlaf Fabians nützen, um den Schleier aufzuheben, unter dem der junge Graf vor den Augen seiner beiden Freunde seine geheimsten und teuersten Gedanken verbarg.

In dem Augenblick, als Fabian in den Gießbach stürzte, hatte Pepe vergessen, daß der Feind, dem er Rache geschworen hatte, seinem Haß entging. Der Kanadier und er hatten nur daran gedacht, Fabian schnell zu Hilfe zu kommen. Als das Leben in ihn zurückkehrte, war sein Herz noch zerrissen von der Erzählung des früheren Grenzjägers, und seine erste Bewegung bestand darin, eine abgebrochene Verfolgung wiederaufzunehmen. Die Eroberung des Val d‘Or, die stets lebende Erinnerung an Doña Rosarita waren einen Augenblick vor der gebieterischen Notwendigkeit, seine Mutter zu rächen, zurückgetreten. Pepe seinerseits war nicht der Mann, auf den Eid, den er geschworen hatte, zu verzichten. Was Bois-Rosé anlangt, so hatte er seine ganze Liebe auf seine beiden Gefährten übertragen und wäre ihnen bis ans Ende der Welt gefolgt.

Weit davon entfernt, durch diese augenblickliche Schlappe den Mut zu verlieren, hatte diese ihren Eifer nur noch mehr angespornt. In der Liebe wie im Haß sind die Hindernisse immer ein mächtiger Sporn bei Gemütern von kräftigem Schlag. Nach und nach war in dieser Verfolgung ein doppeltes Ziel vor Fabians Augen getreten. Er näherte sich durch diese dem Val d‘Or, das in der Steppe lag, in die Don Antonio eben eindrang, und belebte zugleich eine unbestimmte Hoffnung: Vielleicht war die Goldmine, deren Geheimnis ihm entdeckt war, die gleiche wie diejenige, die die durch den Herzog von Armada geführte Expedition in Besitz nehmen wollte. Bei ruhiger Überlegung sagte sich nun Fabian, daß die Tochter Don Agustins sich ohne Zweifel nur den ehrgeizigen Plänen ihres Vaters fügte und daß es ihm, von edler Geburt und reich, ein leichtes sein würde, den Sieg über einen Nebenbuhler wie den Senator Tragaduros davonzutragen.

Aber nach und nach war auch die Mutlosigkeit zurückgekehrt und hatte sich Fabians bemächtigt. Er liebte die Tochter des Hacenderos mit allen Kräften, von ganzem Herzen. Er hätte lieber das Herz Rosaritas allein besessen, als daß er ihre Person und nicht ihre Liebe mit dieser gekauft hätte, und das Bewußtsein, diese Liebe nur den Schätzen, denen er nachjagte, zu verdanken, hatte die Mutlosigkeit bei ihm hervorgebracht, deren Opfer er geworden war.

Fabian hatte ebensogut begriffen, daß die glühende und eifersüchtige Liebe des Kanadiers ihn zum Mittelpunkt seines Lebens gemacht hatte; daß Bois-Rosé, der wie alle seine Genossen, die Waldläufer, dem zivilisierten Leben für immer entsagt hatte, ähnlich dem Adler, der sein Junges der Hand des Menschen entreißt, um es auf seinen Horst zu tragen, der ihm nur allein zugänglich ist, aus ihm seinen unzertrennlichen Gefährten in der Steppe machen wollte und daß es hieß, einen Trauerschleier über die Zukunft des alten Mannes zu werfen, wenn er in dieser Hoffnung getäuscht würde. Indessen hatte noch keinerlei vertrauliche Besprechung über ihre zukünftigen Pläne zwischen Fabian und Bois-Rosé stattgefunden. Aber einer – wie er glaubte – hoffnungslosen Liebe gegenüber hatte Fabian den glühenden, wenn auch geheimen Wünschen des Mannes, der zwei Jahre hindurch Vaterstelle bei ihm vertreten hatte und dem eine Trennung das Herz brechen mußte, großmütig und stillschweigend seine Wünsche und Hoffnungen, die sich noch gegen den Tod stemmten, zum Opfer gebracht.

Wir könnten mit einem Wort die Lage Fabians, der sozusagen nur die Hand auszustrecken brauchte, um Güter, die jedermann beneidet – Reichtum, Titel, Ehren – in Besitz zu nehmen, mit nichts besser vergleichen als mit dem Zustand eines Mannes, dessen Leben durch eine unglückliche Liebe allen Reiz verloren hat, der die Zukunft verschmäht und in einem Kloster Vergessen der Vergangenheit sucht. Für Fabian de Mediana war die Steppe dieses Kloster; und hatte er erst Rache für seine Mutter genommen, so blieb ihm nichts mehr übrig, als sich für immer darin zu begraben. Die Einöde mit ihren geheimnisvollen Stimmen; mit den glühenden Betrachtungen, die sie weckt; mit den endlosen Aufregungen, in die sie stürzt, ist nur ein trauriges und wirkungsloses Heilmittel für eine Leidenschaft, die die Einsamkeit selbst so tief in dem jungen Herzen Fabians entwickelt hatte.

Eine einzige Hoffnung blieb ihm: nämlich daß mitten unter den stets wiederkehrenden Gefahren eines abenteuerlichen Lebens der Tag vielleicht nicht fern war, wo er sein Leben in irgendeinem Zusammentreffen mit den Indianern oder bei einem verzweifelten Unternehmen verlor, das er gegen den Mörder seiner Mutter versuchen würde.

Er hatte vor dem Kanadier sorgfältig die Liebe verborgen gehalten, die noch in der Tiefe seines Herzens begraben lag, und nur in dem Schweigen der Nächte wagte Fabian, während er wachte, zuweilen verstohlene Blicke in die geheimen Falten seines Herzens zu werfen. Dann erhob sich wie der strahlende Widerschein, den der Verbannte am Horizont eines dunklen Himmels über den großen Städten bemerkt, von denen er scheiden muß, vor den Augen Fabians ein ferner Glanz in der unermeßlichen Steppe und zeigte ihm ein ewig strahlendes Bild in jener Maueröffnung der Hacienda, an die sich seine letzten Erinnerungen knüpften. Oder wie die dumpfe Stimme eines Mannes, den man lebendig begraben hat, vom Lärm des Tages erschreckt wird, so sprach Fabians vergeblich bekämpfte Liebe leise in sein Ohr, während diese Nächte voll banger, trauriger Klagen langsam vergingen.

Am Tag jedoch suchte der heroische junge Mann unter einer anscheinenden Ruhe die Melancholie zu verbergen, die ihn verzehrte. Er begnügte sich, mit trauriger Ergebung bei den Plänen für die Zukunft zu lächeln, die der Kanadier zuweilen vor ihm aufzurollen nicht unterließ. Dieser fühlte sich glücklich, den wiedergefunden zu haben, und zitterte, den noch einmal zu verlieren, dessen Hand eines Tages seine Augen zudrücken sollte, wenn er sich zu einem ewigen Schlaf in diesen Steppen niederlegte, in denen sein Leben verlaufen mußte.

Die blinde Zärtlichkeit Bois-Rosés ahnte nicht den Abgrund auf der ruhigen Oberfläche des Sees. Pepe allein schien klarer zu sehen. Unter dem Eindruck solcher Gedanken begegnen wir den drei Gefährten auf der Insel des Flusses Gila wieder.

»Gewiß«, sagte der spanische Jäger, »würden die Einwohner von Madrid einen Wasserstrom wie diesen hier im Manzanares teuer bezahlen; aber es ist auch nicht weniger gewiß, daß wir hier einen ganzen Tag verlieren, der nützlicher hätte angewandt werden können, wenn wir uns dem Val d‘Or genähert hätten, von dem wir zur Zeit nicht mehr fern sein können.«

»Ich gebe es zu«, antwortete Bois-Rosé, »aber das Kind« – und mit diesen Worten meinte er den kraftvollen jungen Mann, der unter seinen Augen schlief— »ist nicht so wie wir daran gewöhnt, lange Tagemärsche zu Fuß zu machen; und obgleich sechzig Meilen in zwölf Tagen für uns keine Anstrengung sind, so bedeuten doch für ihn sechzig Meilen schon etwas, da er niemals weite Strecken anders als zu Pferd zurückgelegt hat. Aber er wird noch kein Jahr bei uns sein, so ist er imstande, ebenso lange zu marschieren, als wir selbst es nur vermögen.«

Pepe konnte sich nicht enthalten, bei dieser Antwort des Kanadiers zu lächeln; aber dieser bemerkte es nicht, und der frühere Grenzjäger fuhr fort, mit den Füßen im kühlen Flußwasser zu plätschern. »Sieh nur«, sagte der Spanier, indem er auf den schlafenden Fabian zeigte, wie sehr sich der arme Junge seit wenigen Tagen verändert hat. Ich finde es ganz begreiflich; als ich mich in seinem Alter befand, hätte ich das einfachste hübsche Gesichtchen einer Manola und die Puerta del Sol zu Madrid allen Herrlichkeiten der Steppe vorgezogen. Die Anstrengung allein hat diese Veränderung bei ihm nicht hervorgebracht. Es steckt ein Geheimnis dahinter, das der junge Mann uns nicht sagt!« Aber ich werde es eines Tages erfahren, schloß Pepe in Gedanken. Bei diesen Worten wandte der Kanadier lebhaft sein Gesicht nach seinem heißgeliebten Kind, und ein freudiges Lächeln verjagte die Wolke, die plötzlich seine Stirn umlagert hatte.

Fabian lächelte wirklich; er träumte, daß er vor Rosarita kniete und ihrer süßen Stimme lauschte, die ihm von ihrer Angst während seiner langen Abwesenheit erzählte, und daß hinter ihm, auf seine Büchse gestützt, Bois-Rosé sie beide segnend betrachtete. – Aber es war nur ein Traum.

Die beiden Jäger waren einen Augenblick still und betrachteten den schlafenden Fabian.

»Das ist also der letzte Sprößling der Mediana«, sagte der Spanier seufzend.

»Was gehen uns jetzt die Mediana und ihr mächtiges Geschlecht an?« unterbrach ihn der Kanadier. »Ich kenne hier nur ganz einfach Fabian. Als ich ihn gerettet, als ich mich so seiner angenommen habe, als wäre er ein Knabe von meinem eigenen Blut gewesen, habe ich da etwa nach seinen Ahnen gefragt?«

»Du wirst ihn aufwecken, wenn du in solchem Ton sprichst; deine Stimme rauscht wie ein Wasserfall«, sagte Pepe. »Das ist wahr!«

Und der Riese fuhr mit leiserem Ton fort: »Du willst mich immer an Dinge erinnern, die ich gar nicht zu wissen wünschte oder die ich wenigstens vergessen möchte. Ich weiß gewiß, daß einige Jahre in der Steppe ihn daran gewöhnen werden …«

»Du bildest dir wahrhaftig sonderbare Dinge ein, Bois-Rosé«, unterbrach ihn seinerseits der Spanier, »wenn du meinst, daß mit den Hoffnungen, die Don Fabian in Spanien erwarten, und mit den Rechten, die er dort wieder in Anspruch nehmen kann, dieser junge Mann sich entscheiden sollte, sein ganzes Leben in den Steppen zuzubringen. Das ist gut genug für uns, die wir weder Haus noch Hof haben; aber er …«

»Wie denn? Ist nicht die Steppe den Städten vorzuziehen?« antwortete lebhaft der frühere Matrose, der es sich vergeblich auszureden suchte, daß der Spanier recht hatte. »Ich nehme es auf mich, ihn über die Vorzüge eines unsteten Lebens vor einer sitzenden Lebensart aufzuklären. Ist nicht der Mensch geboren, um sein ganzes Leben hindurch zu kämpfen und die mächtigen Aufregungen der Steppe zu empfinden?«

»Ganz gewiß ist es so«, sagte Pepe ernsthaft; »darum sind auch die Städte so öde und die Steppen so volkreich!«

»Scherze nicht; ich spreche von ernsten Dingen«, antwortete der Kanadier. »Ich lasse Fabian vollkommene Freiheit, seinen Neigungen zu folgen, aber ich werde es schon dahin bringen, daß er dieses berauschende Leben von Mühseligkeiten und Gefahren lieben lernt. Sieh nur einmal: Ist nicht ein solcher in aller Eile in der Mitte von zwei Gefahren in der Steppe genossener Schlaf demjenigen vorzuziehen, den man nach einem sicher durchlebten, müßigen Tag in den Städten genießt? Würdest du wohl selbst, Pepe, einwilligen, jetzt in dein Vaterland zurückzukehren, nachdem du die Reize eines unsteten Daseins schätzen gelernt hast?«

»Es gibt zwischen dem Erben der Mediana – und ich nehme es auf mich, ihn seinen Onkel beerben zu lassen, ehe es noch Zeit dazu ist – und dem früheren Grenzjäger einen wesentlichen Unterschied. Ihm wird man schöne Besitzungen, einen großen Namen, ein schönes gotisches Schloß mit Türmchen, verziert wie die Kathedrale von Burgos, zurückgeben; während man sich beeilen würde, mich wieder nach Ceuta zu schicken, um Thunfische zu angeln, was wohl das abscheulichste Leben ist, das ich kenne. Ich hätte dann nur eine Aussicht, ihm zu entgehen: nämlich eines schönen Morgens in Tunis oder in Tetuan als Sklave unserer Nachbarn, der Mauren Afrikas, zu erwachen. Es ist wahr, ich habe hier täglich die Aussicht, von den Indianern skalpiert oder lebendig von ihnen geschunden zu werden, was mich viel eher zu der Behauptung brächte, daß die Städte ebenso gefährlich für mich sind wie die Steppen; aber für Don Fabian …«

»Fabian hat immer in der Einöde gelebt«, unterbrach ihn der Kanadier, »und ich denke, er wird die Ruhe der Steppe dem Lärm der Städte vorziehen. Wie schweigend und feierlich ist nicht alles um uns! Sieh nur das Kind an« – er zeigte mit der Hand auf den schlafenden jungen Mann —, »es schläft sanft, eingewiegt vom Murmeln des Flusses, der dies kleine Eiland bespült, oder vom Lufthauch, der leise durch die Weiden rauscht. Sieh dort unten den Nebel« – und er zeigte auf den Horizont —, »den die Sonne zu färben beginnt; sieh die grenzenlose, unermeßliche Ebene, die der Mensch in seiner ursprünglichen Freiheit durchstreift wie der Vogel, der durch die Luftregionen schwebt!«

Der Spanier schüttelte das Haupt mit zweifelnder Miene, obgleich er von Herzen die Ansichten des Kanadiers teilte, da auch für ihn das umherschweifende Leben durch die Gewöhnung daran mit einem geheimen Zauber erfüllt war. »Sieh«, fuhr der alte Jäger fort; »diese Staubwolke, die sich am Ufer des Flusses erhebt, ist ein Haufe wilder Pferde, die ihren Durst löschen wollen, ehe sie für die Nacht ihren fernen Weideplatz wieder aufsuchen. Sieh doch, wie sie sich in der ganzen stolzen Schönheit nähern, die Gott den Tieren in der Freiheit gegeben hat! Das Auge glüht, die roten Nüstern sind weit geöffnet, die Mähne flattert durch die Luft! Ach, ich habe Lust, Fabian aufzuwecken, damit er sie sehe und bewundere …«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1180 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain