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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 24

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Noch eine andere Besorgnis quälte ihn. Er hatte Fabian in der Gefahr gesehen, als sein Blut siedete unter der Glut der Leidenschaft. Besaß aber Fabian auch wohl den kalten, unbewegten Mut, der dem Tod trotzt, ohne aufgeregt zu werden? Besaß er jenen stoischen Gleichmut, von dem der Spanier und er, Bois-Rosé, tausend Proben gegeben hatten? Der Kanadier faßte einen plötzlichen Entschluß.

»Höre, Fabian, wirst du die Sprache eines Mannes verstehen? Werden die Worte, die durch die Ohren in dein Herz dringen, es nicht erstarren lassen?«

»Warum an meinem Mut zweifeln?« erwiderte Fabian im Ton sanften Vorwurfs. »Was du auch sagen magst, ich werde es hören, ohne zu erbleichen; was du auch tun magst, ich werde es tun, ohne zu zittern.«

»Don Fabian hat recht, Pepe!« sagte der Kanadier. »Sieh nur, wie stolz sein Auge seine einfache Sprache Lügen straft!« Und im Ausbruch seiner Freude drückte er Fabian an seine Brust und begann dann wieder mit einer gewissen Feierlichkeit: »Niemals haben sich drei Männer in einer größeren Gefahr befunden, als diejenige ist, die uns bedroht; unsere Feinde sind siebenmal stärker als wir. Wenn jeder von uns sechs Krieger getötet hat, so wird immer noch eine Anzahl übrigbleiben, die der unseren fast gleichkommt …«

»Wir haben es schon gekonnt!« unterbrach ihn Pepe.

»Gut«, erwiderte Bois-Rosé; »was aber auch folgen möge – diese Dämonen sollen uns wenigstens nicht lebendig fangen. Laß hören, Fabian«, fügte der alte Mann mit einer Stimme hinzu, die nach Festigkeit rang, und entblößte zugleich ein langes breites Messer mit hornenem Griff. »Wenn wir kein Pulver mehr hätten und ohne Munition der Willkür dieser Hunde preisgegeben wären, was würdest du sagen, wenn in dem Augenblick, wo wir in ihre Hände fallen, dieser Dolch in meiner Hand die einzige Rettung wäre?«

»Ich würde sagen: ›Stoß zu, mein Vater; laß uns zusammen sterben!‹«

»Ja, ja«, sagte der Kanadier mit einem unaussprechlich zärtlichen Blick auf den Sprechenden, der ihn seinen Vater nannte, »das wäre noch ein Mittel, uns nicht mehr zu verlassen.« Und er reichte Fabian seine vor Aufregung zitternde Hand, der diese Hand eines Helden ehrerbietig küßte. Das Auge des Kanadiers leuchtete von einer stolzen Zärtlichkeit. »Jetzt«, sagte er, »mag kommen, was da will; wir werden uns nicht mehr trennen. Gott wird helfen – wir wollen die Rettung dieses Unglücklichen versuchen.«

»Ans Werk also!« sagte Fabian.

»Noch nicht, noch nicht, mein Kind; wir wollen erst sehen, was diese roten Dämonen mit ihrem Gefangenen vorhaben.«

Während dieses Gesprächs hatten die Indianer den Gefangenen herbeigeholt, ohne ihn jedoch am freien Gebrauch seiner Glieder zu hindern. In einer Entfernung von zwei Büchsenschüssen vom Ufer waren sie in einer geraden Linie aufgestellt. Der Weiße befand sich eine kurze Strecke diesseits seiner in gerader Linie stehenden Henker.

»Ich sehe, was sie tun wollen«, sagte Bois-Rosé; »so gut, als wäre ich bei ihrer Beratung zugegen gewesen. Sie wollen prüfen, ob die Füße des Unglücklichen fester sind als seine Hand. Diese Dämonen wollen sich das Vergnügen eines Wettlaufs machen.«

»Wieso?« fragte Fabian.

»Sie werden dem Gefangenen einen kleinen Vorsprung lassen, dann nimmt jeder auf ein gegebenes Zeichen seinen Anlauf. Die Indianer verfolgen ihn nun mit der Lanze oder der Streitaxt in der Hand. Wenn der Weiße schnellfüßig ist, so wird er eher als sie an den Fluß kommen, und wir wollen ihm dann zurufen, zu uns herüberzuschwimmen.

Einige Büchsenschüsse werden ihn beschützen, und er wird wohl und gesund auf die Insel gelangen. Das übrige ist unsere Sache. Wenn ihm aber seine Füße vor Schreck den Dienst versagen, wie es eben mit seiner zitternden Hand der Fall war, so wird der erste Indianer, der ihn einholt, seinen Kopf mit der Streitaxt zerschmettern oder ihn mit einem Lanzenstoß durchbohren. In jedem Fall wollen wir unser Bestes tun.«

In diesem Augenblick kamen die fünf Indianer, die sich entfernt hatten, ebenso wie ihre Vorgänger von Kopf bis zu den Füßen bewaffnet, zurück. Die zuletzt Gekommenen traten zu den übrigen.

Fabian preßte heftig den Lauf seiner Büchse und warf einen Blick innigen Mitleids auf den unglücklichen Weißen, der mit verstörten Augen und schreckentstellten Zügen in einer fürchterlichen Angst wartete, daß von dem indianischen Häuptling das Zeichen gegeben würde. Es war ein feierlicher Augenblick, denn die Menschenjagd sollte beginnen.

Auf dem Eiland wie auf der Ebene erwartete jedermann das Zeichen mit tiefer Beklommenheit, als der Schwarze Falke eine Gebärde mit der Hand machte, um den Augenblick der Eröffnung dieser schändlichen Jagd noch zu verzögern. Diese Gebärde war leicht zu begreifen. Mit dem Finger zeigte er auf die nackten Füße seiner Krieger und dann auf die Halbstiefel aus Korduanleder, die die Füße des Weißen bedeckten. Man sah nun, wie der Weiße sich auf den Sand niedersetzte und langsam und zögernd, um vielleicht noch einige Minuten zu gewinnen, sich seiner Fußbekleidung entledigte.

»Die Hunde! Die Dämonen!« sagte Fabian. Aber Bois-Rosé legte die Hand auf seinen Mund. »Still!« sagte er. »Nimm diesem Unglücklichen nicht, indem du dich zu früh zeigst, die letzte Aussicht, sein Leben zu retten; nämlich unseren Schutz im Bereich unserer Büchsen.«

Fabian begriff und schloß die Augen, um das schreckliche Schauspiel nicht zu sehen, das vor ihm aufgeführt werden sollte.

Endlich stand der Weiße zum zweitenmal aufrecht; die Indianer hatten den Fuß vorgestreckt und verschlangen ihn mit ihren Blicken. Der Schwarze Falke klatschte in die Hände.

Man könnte das Geheul, das auf dieses Signal folgte, nur mit dem Brüllen einer Schar Jaguare vergleichen, die auf eine Herde Damwild Jagd machen. Der unglückliche Gefangene schien die Füße des Hirsches zu haben, aber seine Verfolger setzten ihm wie jagende Tiger nach. Infolge des Vorsprungs, den er erhalten hatte, durcheilte der Gefangene wohlbehalten einen Teil der Entfernung, die ihn vom Ufer des Flusses trennte. Aber die Kieselsteine zerrissen seine Füße, und die scharfen Spitzen der Nopals, von denen sie durchbohrt wurden, ließen ihn bald hin und her schwanken.

Nichtsdestoweniger hatte er immer noch einigen Vorsprung, als einer der Indianer einen Sprung bis zu ihm machte und einen wütenden Stoß mit der Lanze auf den Läufer richtete. Die Waffe fuhr zwischen Arm und Leib hindurch; der Indianer verlor durch die Kraft seines verfehlten Stoßes das Gleichgewicht und stürzte unsanft in den Sand.

Gayferos – man erinnert sich, daß sein Name so lautete – schien einen Augenblick ungewiß zu sein, ob er die der Hand des gefallenen Indianers entschlüpfte Lanze aufraffen solle oder nicht. Dann ließ der Instinkt der Selbsterhaltung ihn seinen Lauf wieder fortsetzen. Dieses Zögern war ihm verderblich.

Die drei Jäger verfolgten, die Büchse im Anschlag, mit ängstlichen Augen die verschiedenen Aussichten auf den Erfolg des Kampfes eines einzelnen gegen zwanzig Feinde. Plötzlich blitzte mitten in der Staubwolke, die sich bei diesem verzweifelten Rennen erhoben hatte, eine Streitaxt über dem Haupt des unglücklichen Gayferos, der nun seinerseits zu Boden stürzte und durch seinen Fall beinahe bis ans Ufer geschleudert wurde.

Der Kanadier wollte Feuer geben; nur die Furcht allein, den zu töten, den er verteidigen wollte, hielt seinen Finger am Drücker fest. Einen Augenblick – einen einzigen Augenblick – öffnete der Wind die Staubwolke. Bois-Rosé gab Feuer – aber es war zu spät; der Indianer, den die Kugel des Jägers niederstreckte, schwang in der Hand den blutigen Skalp des unglücklichen Gefangenen, der verstümmelt am Ufer lag.

Auf diesen unerwarteten Schuß, dem ein vom Kanadier und vom Spanier zu gleicher Zeit ausgestoßener Kriegsruf folgte, antwortete das Geheul sämtlicher Indianer. Die Apachen zogen sich von dem zurück, der nur noch ein Leichnam zu sein schien. Bald jedoch sah man, wie der vermeintliche Tote sich blutend mit nacktem Schädel erhob, zwei Schritte vorwärts taumelte und, von dem herabströmenden Blut geblendet, erschöpft wieder hinstürzte.

Der kanadische Jäger bebte vor Entrüstung. »Ach«, sagte er, »wenn ihm noch ein Funke von Leben bleibt; wenn er nur skalpiert ist – denn man stirbt nicht davon —, so wollen wir ihn noch retten! Gott sei mein Zeuge!«

34. Indianische Kriegslist

Als der Kanadier den hochherzigen Schwur, den die Entrüstung ihm entrissen hatte, ausgesprochen hatte, schien es ihm, als ob er eine flehentliche Stimme vernähme. »Ruft der Unglückliche nicht um Hilfe?« sagte er. Und zum erstenmal hob er den Kopf über den Kreis von Schilf empor.

Beim Anblick der Mütze aus Fuchspelz, die das Haupt des Riesen bedeckte, und der langen, schweren Büchse, die seine Hand wie eine Weidengerte aufzuheben schien, erkannten die Apachen einen ihrer furchtbarsten Feinde aus dem Norden, und alle wichen bestürzt bei dieser plötzlichen Erscheinung zurück. Man darf nicht vergessen, daß außer dem Schwarzen Falken keiner der indianischen Krieger die Beschreibung des Jägers kannte. Dieser ließ einen festen und sicheren Blick über das Ufer gleiten, wo Gayferos lag, von dem die Indianer sich zurückgezogen hatten. Er bemerkte den armen Skalpierten, der mit schwacher Stimme um Hilfe rief und seine zitternden Hände nach ihm ausstreckte. Der Indianer, der ihn skalpiert hatte, hielt noch die Kopfhaut des Weißen in seinen vom Tod krampfhaft zusammengezogenen Fingern.

Bei diesem schrecklichen Anblick erhob sich der Kanadier und zeigte seine gigantische Gestalt in ihrer ganzen Größe. »Gebt nacheinander Feuer auf diese Hunde«, sagte er, »und vergeßt nicht, daß sie euch nicht lebendig gefangennehmen dürfen!«

Mit diesen Worten ging Bois-Rosé entschlossen ins Wasser. Jedem anderen Mann wäre es bis an den Kopf gegangen; aber der Kanadier ragte mit seiner ganzen Schulterbreite darüber hinaus. Seine Büchse hielt die Feinde in ehrerbietiger Entfernung.

»Schießt erst nach mir«, sagte Pepe zu Fabian; »ich habe eine festere Hand als Ihr, und meine Kentuckybüchse trägt doppelt so weit wie Euer Lütticher Gewehr. Aber auf jeden Fall macht es so wie ich und bleibt im Anschlag! Wenn einer dieser Hunde eine Bewegung macht, so überlaßt mir die Sorge, ihn daran zu hindern, uns Schaden zuzufügen.«

Der Spanier ließ sein funkelndes Auge über seine Feinde gleiten, die sich in gehöriger Entfernung hielten, und bedrohte seinerseits mit dem Lauf seiner Büchse jeden Apachen, indem er bereitstand, beim geringsten Zeichen von Feindseligkeit ihrerseits Feuer zu geben.

Der Kanadier ging während dieser Zeit immer vorwärts, und das Wasser um ihn wurde nach und nach flacher, als ein Indianer seine Büchse hob, um auf den unerschrockenen Jäger zu feuern. Ein Schuß kam ihm zuvor, und der Indianer ließ sein Gewehr in den Sand fallen, während er selbst aufs Gesicht stürzte.

»Die Reihe ist an Euch, Don Fabian«, sagte Pepe, indem er sich auf die Erde warf, um, nach amerikanischer Sitte für solchen Fall, auf dem Rücken liegend, seine Büchse wieder zu laden.

Fabian drückte ab; aber da sein Schuß weniger sicher war und sein Gewehr nicht so weit trug, so stieß der Indianer, auf den er zielte, nur einen Schrei der Wut aus, stürzte aber nicht nieder. Einige Pfeile flogen auf den Kanadier los; aber Bois-Rosé bückte sich oder parierte sie mit erprobter Kaltblütigkeit mit der Hand, und in dem Augenblick, als er den Fuß auf das Ufer setzte, hatte Pepe seine Büchse wieder geladen und war bereit, ein zweites Mal Feuer zu geben. Die Indianer waren einen Augenblick unentschlossen, und dies nützte der Jäger, um Gayferos auf den Rücken zu nehmen.

Der Unglückliche klammerte sich fest an seine Schultern und hatte die Geistesgegenwart, die Arme seines Retters nicht an ihrer Bewegung zu hindern. Der Kanadier trat mit seiner Last abermals ins Wasser, ging aber rückwärts. Ein einziges Mal ließ sich die Büchse Bois-Rosés hören, und ein Indianer antwortete auf den Schuß mit einem Todesschrei. Zuletzt flößte dieser Rückzug des Löwen, der unter dem Feuer Fabians und Pepes bewerkstelligt wurde, den Feinden Ehrfurcht ein, und einige Minuten darauf legte Bois-Rosé siegreich den armen, fast ohnmächtigen Gayferos auf den Boden der Insel nieder.

»Jetzt sind drei kampfunfähig«, sagte der Riese. »Wir werden einen Waffenstillstand von einigen Minuten haben. Nun, Fabian, siehst du, wie vorteilhaft ein Feuern nacheinander ist? Die Schelme haben eine Viertelstunde lang genug. Für dein erstes Auftreten ist es nicht übel, und ich kann dir die Versicherung geben, daß du mit einer Kentuckybüchse, wie wir sie haben, ein recht guter Schütze sein wirst.«

Der augenblickliche Erfolg, den er eben errungen hatte, schien bei dem Kanadier die düsteren Gedanken verscheucht zu haben; er wandte sich an Gayferos, der dumpfe Seufzer ausstieß, und sagte: »Wir sind zu spät gekommen, um Eure Kopfhaut zu retten, mein Junge; beruhigt Euch, das ist nicht gefährlich. Ich habe eine Menge Freunde, die in derselben Lage sind wie Ihr und sich darum nicht schlechter befinden; man spart noch dabei, indem man sich das Haar nicht schneiden zu lassen braucht; das ist alles. Das Leben ist für den Augenblick gerettet, das ist das Wesentliche bei der Sache! Wir wollen nun versuchen, ob wir es auch ferner bewahren können.«

Mittels einiger Stücke von Gayferos‘ Kleidung legte man um seinen skalpierten Schädel einen groben Verband aus gequetschten und reichlich mit Wasser getränkten Weidenblättern. Nachdem man diesen Verband erst angelegt hatte, war an dem von Blut überströmten Kopf des Mexikaners die fürchterliche Wunde nicht mehr zu erblicken.

»Siehst du«, sagte der Kanadier, dem der Gedanke, seinen Fabian bei sich zu behalten, immer noch Vergnügen machte, »du mußt nun die Gewohnheiten in der Steppe und die indianischen Sitten kennenlernen. Die Schelme, die auf Kosten von drei der Ihrigen erfahren haben, von welchem Schlag wir sind, haben sich zurückgezogen, um durch List zu versuchen, was sie mit Gewalt nicht zu erreichen vermocht haben. Sieh nur, wie still alles nach so großem Lärm ist.«

In der Tat hatte die Steppe ihr düsteres, regungsloses Ansehen wieder angenommen; die Blätter der Zitterpappeln rauschten in der Abendluft, und die untergehende Sonne begann das Wasser des Flusses lebhafter zu färben. Jenseits der Fernsicht durch die Bäume war die eben noch so geräuschvolle Ebene nur noch eine weite Sandfläche, ebenso ruhig wie der Spiegel eines Sees.

»Nun, was meinst du, Pepe? Es sind jetzt nur noch siebzehn …« fügte der Kanadier im Ton naiven Triumphes hinzu.

»Wenn es nur siebzehn sind«, erwiderte Pepe, »so sage ich wahrlich nicht, daß wir mit ihnen nicht fertig würden; aber wenn sie Verstärkung erhalten? …»

»Darauf müssen wir es ankommen lassen! Es ist eine schreckliche Aussicht – aber unser Leben liegt in Gottes Hand«, antwortete Bois-Rosé, der von neuem auf seine Besorgnisse für Fabian zurückkam: »Sagt doch, Freund«, redete er Gayferos an, »Ihr seid doch wahrscheinlich aus dem Lager Don Estévans?«

»Kennt Ihr ihn denn?« fragte der Verwundete mit schwacher Stimme.

»Jawohl. Und auf welchem abenteuerlichen Ritt habt Ihr Euch denn so weit von Eurem Lager entfernt?«

Der Verwundete erzählte, wie er sich auf Befehl Don Estévans auf den Weg gemacht hatte, um ihren verirrten Führer wieder zu suchen, und wie er sich selbst verirrt und zu seinem Unglück mit den Indianern, die Jagd auf wilde Pferde machten, zusammengetroffen sei.

»Wie heißt dieser Führer?« fragte Fabian.

»Cuchillo.«

Fabian wechselte einen Blick des Einverständnisses mit Bois-Rosé.

»Ja«, sagte der Jäger, »es ist einige Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß dein Verdacht gegen diesen Teufel mit weißer Haut nicht ohne Grund ist und daß er wirklich die Expedition zum Val d‘Or führt; aber, mein Kind, wenn wir diesen indianischen Hunden entgehen, sind wir dann nicht ganz in seiner Nähe? Haben wir uns erst einmal dort festgesetzt, so werden wir unser Ziel erreichen, und wenn es noch hundert an der Zahl wären.« Dies hatte er Fabian leise ins Ohr gesagt.

»Ein Wort noch«, sagte er zu dem Verwundeten, »dann sollt Ihr Ruhe haben. Wie viele Leute hat Don Estévan noch bei sich?«

»Sechzig ungefähr«, antwortete Gayferos.

Nachdem der Kanadier diese Erkundigung eingezogen hatte, kühlte er wiederum den schmerzenden Schädel des Verwundeten durch eine erneute Besprengung mit frischem Wasser. Der Unglückliche, der eine momentane Erleichterung fühlte, war so durch Gemütsaufregung und Blutverlust geschwächt, daß er in einen dem Tod ähnlichen Schlaf versank.

»Nun wollen wir an unsere Lage denken«, sagte der Kanadier, »und eine Verschanzung machen, die etwas mehr den Kugeln oder den Pfeilen widersteht als diese bewegliche Einfassung von Blättern und Schilf. Habt ihr gezählt, wie viele Büchsen die Indianer haben?«

»Sieben, wenn ich nicht irre«, antwortete der frühere Grenzjäger.

»Es sind also zehn unter ihnen, vor denen man sich weniger zu fürchten braucht. Laßt sehen; diese Hunde können uns auf diesem Floß weder von der rechten noch von der linken Seite angreifen, da sie dem Strom folgen müssen. Man braucht sich also nur auf einen Angriff von den beiden Ufern her gefaßt zu machen, denn vielleicht haben sie einen Umweg gemacht, um über den Fluß zu setzen und uns zwischen zwei Feuer zu nehmen.«

Die dem Ufer, auf dem die indianischen Krieger erschienen waren, entgegengesetzte Seite war hinreichend durch ungeheure Wurzeln, die wie spanische Reiter oder Schanzpfähle emporstarrten, gedeckt; aber die Seite, auf der der Angriff wahrscheinlich wieder beginnen würde, war nur von einer dichten, aber wenig haltbaren Einfassung von Schilf und Weidenschößlingen umgeben. Dank der nicht gewöhnlichen Kraft seiner Arme konnte der Kanadier mit Pepes Hilfe von den beiden äußersten Enden der Insel, die stromaufwärts und stromabwärts lagen, einige große trockene Zweige und kürzlich erst angeschwemmte Baumstämme abreißen. Einige Minuten reichten für die beiden geschickten Jäger aus, die schwächste und bedrohteste Seite mit einer groben, aber festen Verschanzung zu versehen, die den Verteidigern der Insel mehr als eine tödliche Wunde ersparen konnte.

»Siehst du, Fabian«, sagte Bois-Rosé, »hinter diesen Baumstämmen wirst du ebenso sicher liegen als in einer Festung von Steinen. Du bist nur den Kugeln ausgesetzt, die vielleicht vom Gipfel der Bäume am Ufer aus auf dich abgeschossen werden könnten; aber ich werde dahin sehen, daß keiner dieser eingefleischten Teufel den Gipfel erreicht.« Der Kanadier rieb sich die Hände vor Vergnügen, daß er zwischen Fabian und dem Tod eine genügende Schranke erbaut hatte, und bezeichnete ihm seinen Posten hinter der am besten befestigten Stelle. »Hast du wohl bemerkt, Pepe«, fragte er, »wie bei jeder Anstrengung, die wir machten, um einen Zweig oder einen Holzblock abzureißen, die Insel bis auf den Grund erzitterte?«

»Jawohl«, sagte Pepe; »man hätte glauben können, sie würde sich von ihrem Grund losreißen und mit dem Strom fortschwimmen.«

Die beiden Jäger fühlten jedoch, daß der Augenblick der Gefahr herannahe und der Waffenstillstand zu Ende ginge, um einem langen, tödlichen Kampfplatz zu machen. Der Kanadier empfahl darum seinen beiden Gefährten, ihre Munition zu sparen; er gab Fabian einige Unterweisungen, sicherer zu zielen; er drückte aufgeregt die Hand des Spaniers, der den Druck schweigend erwiderte; dann schloß er Fabian mit stürmischer Zärtlichkeit an sein Herz wie an dem Tag, wo er bei dem Seegefecht von ihm getrennt wurde. Nachdem dieser Tribut der menschlichen Schwäche dargebracht war, begaben sich die Verteidiger der Insel mit einem Gleichmut auf ihre Posten, wie ihn kein Indianer in höherem Maße gezeigt haben würde.

Einige Augenblicke vergingen, in denen der stockende Atem des Verwundeten, das Plätschern des Wassers gegen das Floß, das seinem Lauf hindernd entgegenstand, das einzige Geräusch war, das die tiefe Stille der Natur zu der Zeit unterbricht, wenn die Sonne eben untergehen will.

Die Oberfläche des Flusses, der Gipfel der am Ufer wachsenden Zitterpappeln, die Ufer selbst und ihre Schilfbüsche – nichts entging der aufmerksamen Beobachtung der Jäger, denn die Nacht mit dem Hinterhalt in ihrem Gefolge brach schnell herein.

»Das ist die Stunde, wo die Dämonen der Nacht ihre Schlingen legen«, sagte Bois-Rosé ernst; »die Stunde, wo diese menschlichen Jaguare umherstreifen und nach Beute suchen. Sie sind es, von denen die Heilige Schrift hat reden wollen.«

Niemand antwortete auf diese Worte des Kanadiers, die eher ein laut ausgesprochener Gedanke waren als eine Warnung, auf der Hut zu sein. Unterdessen wurde der Schatten nach und nach dichter. Die am Ufer wachsenden Gesträuche fingen an, die abenteuerlichen Formen anzunehmen, die das Ungewisse Licht der Dämmerung den Gegenständen auf freiem Feld verleiht. Das Grün der Bäume erhält eine schwarze Färbung; aber die Gewohnheit hatte den beiden Jägern – dem Kanadier und dem Spanier – das durchdringende Auge der Indianer verliehen, und nichts konnte bei der Wachsamkeit, die sie entfalteten, ihre geübten Sinne täuschen.

»Pepe«, begann der Jäger mit leiserer Stimme, wie wenn plötzlich die erwartete Gefahr vor ihm stünde, »kommt es dir nicht vor, als ob jenes Gebüsch dort drüben« – er zeigte mit dem Finger durch das Schilf auf einen Weidenbusch – »seine Form verändert hätte und breiter geworden wäre?«

»Ja«, antwortete der Spanier, »das Gesträuch hat seine Form verändert.«

»Sieh einmal, Fabian«, fuhr der kanadische Jäger fort, »du hast das durchdringende Auge, das ich in deinem Alter besaß; meinst du nicht, daß an jenem Weidenbusch – an seiner äußersten linken Seite – die Blätter sich nicht mehr in derselben Lage befinden als die Blätter unten am Stammende, wo der Saft ihnen Nahrung zuführt?«

Der junge Mann bog leise das Schilf auseinander und betrachtete mit aufmerksamen Augen den von Bois-Rosé bezeichneten Punkt. »Ich möchte darauf schwören«, sagte er; »aber …« Er hielt inne und blickte auf eine etwas entferntere Stelle.

»Nun?« fragte der Kanadier. »Siehst du noch etwas anderes? Ja oder nein?«

»Ich sehe dort unten«, erwiderte Fabian, »zwischen jener Weide und der Zitterpappel, zehn Schritt von dem Weidenbusch, ein Gesträuch, das vor einer Stunde gewiß noch nicht da war.«

»Ach«, sagte der Kanadier, »da sieht man, was es heißt, fern von den Städten zu leben; die geringsten Punkte in einer Landschaft prägen sich dem Gedächtnis ein und werden kostbare Kennzeichen! Du bist geschaffen, um das Leben der Jäger zu führen, Fabian.«

Pepe hob seine Büchse in der Richtung des erwähnten Gesträuchs.

»Pepe hat sogleich begriffen«, sagte Bois-Rosé; »er weiß so gut wie ich, daß die Indianer ihre Zeit benützt haben, um diese Zweige abzuschneiden und sich daraus eine tragbare Schutzwehr zu machen; aber das heißt in der Tat, die Weißen zu verächtlich behandeln, von denen doch zwei sie Kriegslisten lehren könnten, von denen sie noch gar nichts wissen. Überlaß dieses Gebüsch Fabian«, sagte der Kanadier zu Pepe. »Das wird für ihn ein leichteres Ziel sein; und du ziele auf jene Zweige, deren Blätter welk herabzuhängen beginnen. Hinter diesen steckt der Indianer. Nach der Mitte, nach der Mitte, Fabian!« schloß er lebhaft.

Zwei Schüsse fielen so von der Insel, daß sie nur einen einzigen bildeten. Das nachgemachte Gesträuch knickte zusammen, ohne daß das Auge der beiden Jäger einen roten Körper bemerkte, der hinter den Blättern gezuckt hätte; die dem Weidenbusch beigefügten Zweige bewegten sich heftig.

Pepe, Fabian und Bois-Rosé hatten sich auf den Rücken geworfen; die beiden ersten luden ihre Büchsen, der dritte machte sich bereit, von der seinigen Gebrauch zu machen.

Eine Anzahl Kugeln zerschmetterte über dem Haupt der Jäger Blätter und kleine Zweige, die verstreut auf sie herunterfielen. Zugleich zerriß das Kriegsgeschrei der überraschten Indianer ihre Ohren.

»Wenn ich mich nicht irre, so sind es nur noch fünfzehn«, sagte der Kanadier, indem er einen kleinen trockenen Zweig in fünf Stücke zerbrach und diese in die Erde steckte. »Es ist gut, ihre Toten zu zählen.«

Bois-Rosé verließ seine liegende Stellung, um sich aufs Knie zu erheben. Die Sonne färbte zum letztenmal die Gipfel der Bäume. »Achtung, Kinder!« sagte er. »Ich sehe, wie sich dort unten die Blätter einer Zitterpappel bewegen, und ganz gewiß ist es nicht der Wind, der das bewirkt. Es ist ohne Zweifel einer dieser Schelme, der den Gipfel ersteigt oder ihn schon erstiegen hat.«

Eine Kugel durchlöcherte einen zum Floß gehörigen Stamm und bewies, daß der Jäger recht hatte.

»Teufel! Man muß den Indianer durch List zwingen, sich zu zeigen.« Mit diesen Worten nahm er seine Mütze ab, zog seine Weste aus und legte sie leicht sichtbar in den Raum zwischen den Zweigen; Fabian beobachtete ihn aufmerksam. »Wenn ich einen weißen Krieger vor mir hätte«, sagte Bois-Rosé, »so würde ich meine Stellung neben meiner Weste einnehmen, denn der Soldat würde auf diese zielen; einem Indianer gegenüber aber werde ich mich dahinter stellen, denn die roten Krieger überlisten einander nicht auf diese Weise, und er wird seitwärts von meinen Kleidungsstücken zielen. Leg dich nieder, Fabian, und du auch, Pepe! Laßt mich nur allein; eine Minute später werdet ihr die Kugeln rechts und links von dem Ziel, das ich ihnen gesteckt habe, pfeifen hören.«

Der Kanadier kniete abermals hinter seiner Weste nieder und war bereit, Feuer auf die Zitterpappel zu geben. Er hatte sich in seiner Voraussetzung nicht geirrt. Noch eher, als er gesagt hatte, zerrissen indianische Kugeln die Blätter auf beiden Seiten der Weste und der Mütze; sie trafen aber weder Kanadier noch seine Gefährten, die sich links und rechts zurückgezogen hatten.

Der Jäger zielte auf einen gabelförmigen Zweig der Zitterpappel, wo sich ein roter Punkt zeigte, der jedem anderen Auge als eines von jenen rötlichen Herbstblättern erschienen wäre. Der Schuß krachte noch, als ein Indianer wie ein Apfel, der von einer großen Schloße getroffen ist, von Zweig zu Zweig herunterstürzte. Ein Geheul antwortete diesem trefflichen Schuß des Kanadiers und hallte so furchtbar wider, daß Nerven von Eisen und Stahl dazu gehörten, um beim Klang dieser ohrenzerreißenden Töne nicht vor Schreck zusammenzufahren. Der Verwundete selbst, den die aufeinanderfolgenden Schüsse nicht hatten aufwecken können, schüttelte für einen Augenblick seine Lethargie ab und murmelte mit zitternder Stimme: »Virgen de los Dolores! Sollte man nicht meinen, eine Schar Tiger heulte in der Dunkelheit? Heilige Jungfrau, erbarme dich meiner!«

»Dankt ihr vielmehr!« unterbrach ihn der Kanadier. »Die Schelme könnten mit ihrem Geheul, das sie einer nach dem anderen ausstoßen, wohl einen Neuling wie Euch täuschen, aber nicht einen alten Waldläufer. Ihr habt doch schon abends die Schakale heulen und einander antworten gehört, als ob sie zu Hunderten dagewesen wären, und oft sind es nur drei oder vier. Die Indianer machen es wie die Schakale, und ich stehe dafür, daß sich jetzt nicht mehr als zwölf hinter diesen Bäumen befinden. Ach, wenn ich sie doch dahin bringen könnte, durch das Wasser zu waten! Nicht einer von ihnen sollte in sein Dorf zurückkehren, um die Nachricht von ihrer Niederlage zu überbringen.«

Als ob ein plötzlicher Gedanke durch seinen Kopf führe, ließ Bois-Rosé seine Gefährten sich auf den Rücken legen. Die Ufererhöhungen der Insel und die Baumstämme boten ihnen hinreichenden Schutz, solange sie nur platt auf der Erde lagen.

»Wir sind sicher, solange wir in solcher Stellung bleiben«, fuhr er fort. »Es handelt sich nur darum, die Gipfel der Bäume im Auge zu behalten; nur von da aus können sie uns treffen. Laßt uns nur in dem Fall schießen, daß einige auf die Weidenbäume klettern; sonst wollen wir tun, als ob wir getötet wären. Die Schelme werden ohne unsere Skalpe nicht zurückkehren wollen und endlich doch den Entschluß fassen, herüberzukommen.«

Dieser Plan schien dem Jäger vom Himmel eingeflößt worden zu sein, denn kaum lagen sie ausgestreckt auf dem Boden, als ein Hagel von Kugeln und Pfeilen die Schilfeinfassungen durchlöcherte und zerriß, die Zweige zerschmetterte, hinter denen sie sich eine Minute vorher befunden hatten; aber da er in horizontaler Richtung vorübersauste, traf er sie nicht. Der Kanadier riß seine Mütze und seine Weste ungestüm herab, als ob er selbst unter den Kugeln seiner Feinde gefallen wäre, und das tiefste Stillschweigen herrschte nach dieser scheinbar mörderischen Salve auf der Insel.

Mit Triumphgeschrei nahmen die Indianer dieses Schweigen auf und unterbrachen es nur einen Augenblick durch einen neuen Kugelregen. Aber auch diesmal blieb die Insel stumm und düster wie der Tod.

»Steigt da nicht schon wieder einer von diesen Hunden auf jene Weide?« fragte Pepe.

»Ja; wir wollen aber sein Feuer aushalten, ohne uns zu rühren – als ob wir tot wären. Wir müssen es darauf ankommen lassen. Dann wird er herabsteigen und seinen Gefährten verkünden, daß er auf dem Boden die vier Bleichgesichter gezählt hat«, meinte Bois-Rosé.

Trotz der Gefahr, die in dieser Kriegslist lag, wurde der Vorschlag Bois-Rosés angenommen; jeder blieb unbeweglich auf der Erde liegen und beobachtete nicht ohne Beklommenheit alle Bewegungen des Indianers. Mit außerordentlicher Vorsicht stieg der rote Krieger von einem Zweig zum anderen und kam endlich an einen Punkt, von wo aus er das Innere der schwimmenden Insel übersehen konnte.

Es war noch hell genug, um auch nicht eine Bewegung des Indianers aus den Augen zu verlieren, als die Blätter ihn nicht mehr ganz bedeckten. Nachdem der Indianer endlich die gewünschte Höhe erreicht hatte, kauerte er auf einem großen Ast nieder und streckte den Kopf vorsichtig heraus. Der Anblick der auf dem Boden der Insel ausgestreckten Leichname schien ihn nicht zu überraschen. Vielleicht argwöhnte er jedoch eine List, denn mit einer Kühnheit, die durch den Tod eines seiner Gefährten auf demselben Baum nicht entmutigt sein mußte, zeigte sich der Apache ganz und gar und zielte mit seiner Büchse in der Richtung nach der Insel; sein Auge schien wie das der Schlange seine Feinde bezaubern zu wollen. Plötzlich hob er den Lauf seiner Waffe empor, zielte abermals und wiederholte dann noch mehrmals hintereinander dieselbe Bewegung. Aber die Jäger blieben bewegungslos liegen wie wirkliche Leichname. Nun stieß der Indianer ein Triumphgeschrei aus.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1180 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain