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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 26
So verfloß ein ziemlich langer Zeitraum, währenddessen an den Ufern wie auf der Insel das schwache Murmeln eines fernen Wasserfalls und das Rauschen des Schilfs, das sich unter dem Andrang des Wassers beugte, die einzigen Töne waren, die sich hören ließen.
Der indianische Häuptling war auf dem linken Ufer. Die Nachtluft verschlimmerte die Wunde an seiner Schulter und vermehrte noch Haß und Groll in seinem Herzen. Der Schein des Feuers, das neben dem Baum, an dem er lehnte, angezündet war, beleuchtete seine trotz der schwärzlichen Haut vom Blutverlust bleichen Züge. Sein Gesicht war mit gräßlichen Malereien bedeckt und vom Schmerz, den er unterdrückte, verzerrt; seine Augen blitzten mit wildem Glanz und gaben ihm Ähnlichkeit mit einem blutdürstigen Götzenbild aus einem rohen Zeitalter. Bald jedoch schlossen sich trotz der Herrschaft, die ein Indianer über seine Sinne auszuüben vermag, seine schlaftrunkenen Augenlider, und eine fast unüberwindliche Betäubung bemächtigte sich des Schwarzen Falken. Nach einigen Augenblicken verfiel er in einen so tiefen Schlaf, daß er nicht hörte, wie ein Mokassin die trockenen Zweige erkrachen ließ, und nicht sah, daß ein Indianer seines Stammes sich ihm näherte.
Unbeweglich und gerade wie ein Bambusrohr wartete ein Apachenläufer, mit Blut bedeckt, die Nasenflügel geschwellt, die Brust keuchend wie nach einem langen Lauf, zwei Schritte von dem eingeschlafenen Indianer, bis der gefürchtete Häuptling, vor dem er stand, die Augen öffnen und ihn befragen würde. Als der Läufer aber bemerkte, daß der Kopf des Häuptlings sich immer mehr auf die Brust neigte, entschloß er sich, ihm seine Gegenwart bemerkbar zu machen. In hoch klingenden Kehltönen sprach er folgende Worte: »Wenn der Schwarze Falke seine Augen öffnen will, so wird er aus meinem Mund eine Botschaft hören, die den Schlaf weithin verjagen wird.«
Der Indianer hob seine Lider beim Ton der Stimme, die in seine Ohren klang, und eine Anstrengung seines Willens entfernte plötzlich den Schlaf, dem er unterlegen war. Voll Scham, daß ein Häuptling wie ein ruhmloser Krieger im Schlaf überrascht worden war, glaubte der Indianer, sich entschuldigen zu müssen.
»Der Schwarze Falke hat viel Blut verloren; er hat genug verloren, daß die Sonne des nächsten Tages es nicht auf der Erde trocknen kann; sein Körper ist schwächer als sein Wille.«
»So ist der Mensch«, erwiderte der Bote spruchreich.
Der Schwarze Falke nahm wieder das Wort: »Ohne Zweifel erhalte ich eine wichtige Botschaft, da die Pantherkatze den schnellsten ihrer Läufer gewählt hat, sie mir zu überbringen.«
»Die Pantherkatze wird keine Botschaften mehr senden«, antwortete der Indianer mit seiner tiefen Stimme.
»Die Lanze eines Weißen hat seine Brust durchbohrt, und der Häuptling jagt jetzt mit seinen Vätern im Land der Geister.«
»Was liegt daran! Er ist siegend gefallen; er hat, ehe er starb, gesehen, wie die weißen Hunde sich in der Ebene zerstreuten.«
»Er ist besiegt gefallen; die Apachen haben im Gegenteil fliehen müssen, nachdem sie ihren Häuptling und fünfzig berühmte Krieger verloren!«
Es fehlte nicht wenig daran, so wäre der Schwarze Falke trotz des brennenden Schmerzes seiner Wunde und ungeachtet der Herrschaft, die ein indianischer Häuptling über sich selbst haben muß, bei dieser unerwarteten Nachricht auf die Füße gesprungen. Er hielt aber an sich und erwiderte fest, wenngleich mit zitternden Lippen: »Wer sendet dich dann also zu mir, du Bote mit so traurigen Nachrichten?«
»Krieger, die eines Häuptlings bedürfen, um ihre Niederlage wiedergutzumachen. Der Schwarze Falke war nur der Häuptling einer Abteilung; heute ist er der Häuptling eines ganzen Stammes.«
Befriedigter Stolz leuchtete in den schwarzen Augen des Indianers. Erstens wuchs sein Ansehen, und dann bewies auch die Niederlage, von der man ihn benachrichtigte, die Weisheit des Rates, den er gegeben und den die Häuptlinge zurückgewiesen hatten. »Wenn die Büchsen aus dem Norden mit denen unserer Krieger vereinigt gewesen wären, so würden die Weißen aus dem Süden nicht gesiegt haben.« Dann aber erinnerte er sich an die beleidigende Weise, mit der die beiden Jäger seine Vorschläge verworfen hatten; ein Blitz des Hasses mischte sich mit dem stolzen Blick seiner Augen, und er begann abermals, indem er mit dem Finger auf seine Wunde zeigte: »Was kann ein verwundeter Häuptling tun? Seine Füße versagen ihm den Dienst; kaum wird er sich auf seinem Pferd im Sattel halten können.«
»Man wird ihn daran festbinden«, antwortete der Indianer. »Ein Häuptling ist zugleich Kopf und Arm: Wenn der Arm machtlos ist, wird der Kopf handeln; der Anblick des Blutes ihres Häuptlings wird immer die Krieger anfeuern. Das Beratungsfeuer ist nach unserer kopflosen Flucht abermals angezündet worden; man erwartet, daß der Schwarze Falke seine Stimme dort vernehmen läßt. Sein Schlachtroß steht bereit – brechen wir auf!«
»Nein«, erwiderte der Schwarze Falke; »meine Krieger halten auf beiden Ufern des Flusses die weißen Krieger umzingelt, die ich zu Verbündeten machen wollte; jetzt sind sie Feinde! Die Kugel des einen unter ihnen hat auf sechs Monde den Arm zerschmettert, der so rasch bereit war zum Kampf; und böte man mir den Befehl über zehn Stämme an, so würde ich ihn zurückweisen, um hier auf die Stunde zu warten, wo das Blut, nach dem ich dürste, vor meinen Augen fließen wird.«
Der Schwarze Falke erzählte kurz Gayferos‘ Gefangennahme, seine Befreiung durch den Kanadier, das Verwerfen seiner Angebote und endlich das Rachegelübde, das er getan hatte.
Der Abgesandte hatte ihn ernst angehört. Er fühlte ganz, wie wichtig es sei, noch einmal die Goldsucher in dem Augenblick anzugreifen, wo diese siegestrunken glauben mußten, vor einem so nahe bevorstehenden Angriff sicher zu sein; er drang also eifrig in den Schwarzen Falken und machte ihm den Vorschlag, sich bei der Belagerung durch einen Häuptling seiner Wahl ersetzen zu lassen.
Der Schwarze Falke war unerschütterlich.
Der Läufer jedoch hielt sich noch nicht für geschlagen. »Es ist gut«, sagte er. »Der Augenblick ist nicht mehr fern, wo die Sonne aufgehen wird; ich werde warten, bis es Tag ist, und den Apachen die Nachricht zurückbringen, daß der Schwarze Falke die Sorge für seine eigene Rache höher schätzt als die Ehre seiner ganzen Nation. Unsere Krieger werden dann weniger Zeit haben, den Verlust des Bravsten unter ihnen zu bedauern.«
»So sei es«, sagte der Schwarze Falke mit einer um so ernsteren Stimme, je mehr diese geschickte Schmeichelei seinen Stolz angenehm kitzelte; »aber ein Läufer ist nach einer Schlacht und einem darauffolgenden langen Lauf der Ruhe bedürftig. Während dieser Zeit werde ich den Bericht über den Kampf anhören, in dem die Pantherkatze das Leben verloren hat.«
Der Abgesandte setzte sich mit gekreuzten Beinen ans Feuer, stützte einen Ellbogen auf das Knie und legte den Kopf in die flache Hand. Nach einigen Minuten des Schweigens und der Ruhe, währenddessen sich das heftige Klopfen seines Herzens mäßigte, begann der Indianer einen umständlichen Bericht über den Angriff, den sein Stamm auf das Lager der Weißen gemacht hatte. Er vergaß keine Tat, die den Haß des Schwarzen Falken gegen die Mexikaner zu wecken vermochte.
Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, streckte sich der Läufer am Feuer nieder und schlief ein oder schien wenigstens einzuschlafen. Diesmal aber hielten die stürmischen, entgegengesetzten Leidenschaften, die im Herzen des Schwarzen Falken siedeten – der Ehrgeiz auf der einen, die Rachsucht auf der anderen Seite —, den Häuptling wach, ohne daß er irgendeine Anstrengung zu machen brauchte, den Schlaf zu bewältigen.
Das Ufer, auf dem der Schwarze Falke lagerte, wurde ebenso ruhig wie die mitten im Nebel verlorene Insel. Nach Verlauf von ungefähr einer Stunde erhob sich der Läufer halb von seinem Lager auf dem Rasen; er schlug den Zipfel des Mantels aus Büffelhaut, den er über den Kopf gezogen hatte, um den Nebel abzuhalten, zurück und bemerkte den Schwarzen Falken unbeweglich in derselben Stellung und mit offenen Augen. »Die Stille der Nacht hat in meine Ohren geflüstert«, sagte er. »und ich habe gedacht, daß ein berühmter Häuptling wie der Schwarze Falke bei Sonnenaufgang seine Feinde in seiner Gewalt haben und ihren Todesgesang hören muß.«
»Meine Krieger können nicht auf dem Wasser gehen wie auf dem Kriegspfad«, entgegnete der Häuptling. »Die Männer aus dem Norden gleichen nicht denen aus dem Süden, in deren Händen die Büchsen nur hohles Schilf sind!«
»Der Blutverlust des Schwarzen Falken hat seinen Geist verwirrt und seine Augen verdunkelt. Wenn er es erlauben will, so werde ich für ihn handeln, und morgen soll seine Rache vollständig sein.«
»Tu es!« antwortete der Häuptling. »Von welcher Seite auch die Rache komme – sie wird ein gerngesehener Gast an meinem Feuer sein.«
»Gut; ich werde bald die drei Jäger samt demjenigen hierherbringen, dessen Skalp sie nicht haben retten können.« Mit diesen Worten erhob sich der Läufer und verlor sich bald im Nebel aus den Augen des Schwarzen Falken, die immer fest auf die Insel gerichtet waren. – Dort wenigstens waren edlere Leidenschaften tätig. Während das feierliche Schweigen der Nacht die ganze Natur ringsumher deckte, floh der Schlaf auch die Augenlider der drei Jäger.
Wenn es entscheidende Augenblicke im Leben gibt, wo auch das Herz der bravsten Männer schwach wird, so gehörte die gegenwärtige Lage gewiß zu solchen Augenblicken. Die Gefahr war schrecklich und unvermeidlich und bot außerdem weder die Aussicht, in der Hitze des Kampfes zu fallen, noch die Hoffnung, sein Leben teuer zu verkaufen – eine Hoffnung, die wie ein letzter Trost erscheint.
36. Der Waldläufer
Umringt von Feinden, die hinter den Bäumen am Ufer vor den Kugeln der drei Jäger gedeckt standen, konnten diese letzteren nicht hoffen, deren Wut wie am vorhergehenden Tag dadurch anzustacheln, daß einige von ihren Kugeln niedergestreckt wurden. Bois-Rosé und der Spanier kannten die unversöhnliche Hartnäckigkeit der Indianer zu gut, als daß sie noch erwartet hätten, der Schwarze Falke würde, einer erfolglosen Belagerung müde, seinen Kriegern eine Erwiderung ihrer Angriffe nicht verwehren und ihnen somit die Möglichkeit lassen, durch ein mörderisches Gewehrfeuer das Leben zu verlieren.
Ein solcher Soldatentod auf dem Schlachtfeld wäre dem Haß des Apachenhäuptlings zu sanft vorgekommen. Er wollte seine Feinde, an Leib und Seele durch den Hunger entkräftet, lebendig haben.
Unter dem Eindruck dieser traurigen Gedanken sprachen die drei Jäger kein Wort mehr, aber sie fügten sich viel eher in ihr Schicksal, als daß sie daran gedacht hätten, den unglücklichen Verwundeten zurückzulassen und einen Fluchtversuch nach einem Ufer des Stromes zu machen. Fabian war ebenso zum Sterben entschlossen wie seine Gefährten; er war in seinen Hoffnungen betrogen; eine tiefe Mutlosigkeit hatte sich seiner bemächtigt, und darum hatte auch der Tod für ihn nichts Schreckliches mehr. Nichtsdestoweniger aber hätte sein heißes Blut einen raschen Tod mit den Waffen in der Hand dem schmachvollen und langsamen, der sie alle am Marterpfahl der Indianer erwartete, vorgezogen. Er entschloß sich zuerst, die Totenstille zu brechen, die mitten im nächtlichen Nebel über der Insel zu schweben schien.
Die tiefe Ruhe auf dem Fluß und auf seinen Ufern war in den Augen der beiden erfahrenen Jäger – des Kanadiers und des Spaniers – nur ein um so gewisseres Zeichen vom unerschütterlichen Entschluß ihrer Feinde. Aber Fabian erschien sie wie ein beruhigendes Zeichen, wie eine Gunst des Himmels, die man nützen müsse. »Alles schläft jetzt um uns«, sagte er; »nicht nur die Indianer auf dem Ufer, sondern alles, was Leben hat, in den Wäldern und in der Steppe; selbst der Fluß scheint langsam zu strömen. Seht nur, der Widerschein der Feuer erstirbt in ziemlich weiter Entfernung von uns. Wäre dies nicht der Augenblick, einen Fluchtversuch auf dem einen oder anderen Ufer zu machen?«
»Die Indianer schlafen?« unterbrach ihn Pepe mit Bitterkeit. »Ja, wie dieses Wasser, das stehenzubleiben scheint, aber nichtsdestoweniger seinen Lauf bis zu den unbekannten Abgründen fortsetzt, in denen es sich verliert. Ihr könnt nicht drei Schritte im Fluß tun, ohne zu sehen, wie die Indianer sich euch nachstürzen, gerade wie ihr die Wölfe sich zur Verfolgung des Hirsches habt hineinstürzen sehen. Hast du nichts Besseres vorzuschlagen, Bois-Rosé?«
»Nein«, erwiderte der Kanadier kurz, während seine Hand still die Hand Fabians suchte. Dann zeigte er mit der anderen auf den Verwundeten, der sich immer noch im Schlaf auf seinem Schmerzenslager hin und her warf. Diese Gebärde antwortete allen Einwürfen Fabians.
»Wenn wir keine andere Aussicht haben«, fuhr dieser fort, »so bliebe uns doch wenigstens die, ehrenvoll Leib an Leib zu sterben, wie wir haben sterben wollen. Wenn wir siegen, so können wir diesem Unglücklichen, der nur uns allein zu seiner Verteidigung hat, zu Hilfe kommen. Wenn wir fallen, würde uns dann wohl selbst Gott, wenn wir vor ihm erscheinen, den Vorwurf machen können, daß wir das Leben des Mannes, den er unserem Schutz anvertraut hat, geopfert hätten, während wir doch selbst das unsrige für die Rettung aller aufs Spiel setzen?«
»Gewiß nicht«, antwortete Bois-Rosé; »aber hoffen wir noch auf den Gott, der uns durch ein Wunder wieder vereinigt hat. Was heute nicht geschieht, kann morgen geschehen; wir haben noch Zeit vor uns von jetzt bis zu dem Augenblick, wo unsere Lebensmittel ausgehen. Auf irgendeinem Punkt ans Ufer zu steigen, das hieße jetzt, da die Anzahl der Indianer sich wahrscheinlich mehr als verdreifacht hat, einem sicheren Tod entgegengehen. Der Tod würde nicht viel zu bedeuten haben – denn er ist immer das letzte Hilfsmittel, über das wir verfügen, solange wir noch ein Messer in der Hand haben. Aber vielleicht würden wir gefangengenommen, und ich schaudere bei dem Gedanken an den schrecklichen Todeskampf, der uns bevorstünde. O mein vielgeliebter Fabian, diese Indianer wollen uns nur lebendig fangen und verlängern dadurch wenigstens für mich das Glück bei dir zu sein, um einige Tage.«
Abermals herrschte Schweigen unter der bestürzten Gruppe. Dieser Gedanke, noch bei seinem Kind zu leben, war für den Kanadier das, was für den Verurteilten die Frist vor der Hinrichtung ist. Wie aber der Verurteilte im Gedanken an den furchtbaren Augenblick, der auf diese Frist folgen muß, wütend an den Eisengittern seines Kerkers rüttelt, so trat auch bald vor Bois-Rosés Einbildungskraft der Tag, wo er auf diesen Trost, so schrecklich er auch war, verzichten mußte, und er schüttelte krampfhaft einen der Stämme, aus denen das Eiland bestand. Unter dem gewaltigen Stoß zitterte die Insel, als ob sie sich von ihrem Grund losreißen wollte.
»Ach, die Hunde! Die Teufel!« rief im selben Augenblick der Spanier, der einen Ausbruch der Wut nicht unterdrücken konnte. »Seht nur!«
Ein rötliches Licht durchdrang nach und nach den Dunstschleier, der auf dem Fluß lag, und schien bei seiner Annäherung immer größer zu werden wie der Widerschein eines sich immer mehr ausdehnenden Feuers. Und – sonderbar genug! – das Feuer schwamm auf dem Wasser. So dicht auch der Nebel war, der sich aus dem Fluß erhob, dessen warme Ausdünstungen die Kühle der Nacht zusammenballte – so dicht, daß man ihn fast mit den Händen greifen konnte —, die Feuermasse, die auf dem Wasser dahertrieb, zerstreute ihn wie die Sonne die Finsternis.
Die drei Jäger hatten noch nicht Zeit gehabt, über das Erscheinen dieses plötzlichen Lichtes zu erstaunen, als sie auch schon dessen Ursache erraten konnten.
Eine lange Erfahrung während eines Lebens in der Steppe und unter den stets wiederkehrenden Gefahren, die ein solches Leben hervorruft, hatte dem Kanadier eine solche Festigkeit der Muskeln gegeben, die der Spanier noch nicht besaß. Anstatt sich durch seinen Zornausbruch fortreißen zu lassen wie Pepe, hatte Bois-Rosé seine gewöhnliche Ruhe beibehalten. Er wußte, daß eine Gefahr, wenn man ihr nur kaltblütig ins Antlitz blickt, fast schon halb überwunden ist, so schrecklich sie auch erscheinen mag; und sein kaltes Blut wurde beim Nahen der Gefahr noch kälter als gewöhnlich. »Ja«, sagte er als Antwort auf den Ausruf des früheren Grenzsoldaten, »ich sehe gerade ebensogut, was es ist, als ob die Indianer es mir im voraus gesagt hätten. Du sprachst doch eben von Füchsen, die man aus ihrer Höhle räuchert; wohlan, die Schelme wollen uns in unserer Höhle verbrennen.«
Der Feuerball, der den Fluß heruntertrieb, vergrößerte sich mit erschreckender Schnelligkeit und bestätigte die Worte des Kanadiers. Schon wurden mitten im flammenroten Wasser die Schilfbüschel und Weidenschößlinge, von denen die Insel stromauf und stromabwärts umgeben war, vom Schein des schwimmenden Feuers erleuchtet.
»Das ist ein Brander«, sagte Pepe, »mit dem sie unsere Insel anzünden wollen.«
»Gott sei Dank!« fügte Fabian hinzu. »Es ist immer noch besser, mit dem Feuer zu kämpfen, als so den Tod ohne Kampf zu erwarten.«
»Das ist wahr«, sagte Bois-Rosé, » aber das Feuer ist ein schrecklicher Gegner. Ach, wenn ich doch ein Feuer dagegen anzünden könnte; unglücklicherweise sind wir nicht in einer Prärie, und aller Vorteil ist auf Seiten dieser Teufel.«
Der Kanadier spielte auf eine Kriegslist an, die oft in den Prärien von den Indianern gegen ihre Feinde angewandt wird. In den unermeßlichen Steppen Amerikas, wo der Wind das lange Gras wie die Wellen des Ozeans hin und her wogen läßt, verbreitet sich die Flamme mit der Schnelligkeit des Pulvers. Der weiße Jäger jedoch oder der erfahrene Indianer, den der Brand zu verschlingen droht, bekämpft das Feuer durch das Feuer. Eilig zündet er selbst auf einem großen Raum dieses trockene Gras an, und wenn das durch seine Hand entstandene Feuer allen brennbaren Stoff rings um ihn verzehrt hat, steht die feindliche Flamme vor dem leeren Raum, den er geschaffen hat, still.
Hier aber konnten die Belagerer nicht der Glut die Glut entgegenstellen, und der von den Indianern abgeschickte Brander mußte das Floß vernichten, ohne daß denen, die sich darauf befanden, eine andere Aussicht, dem Feuer zu entgehen, übrigblieb, als sich in das Wasser zu stürzen. Dort aber waren sie in der Gewalt der Indianer, die sie entweder mit Flintenschlüssen töten oder lebendig gefangennehmen konnten.
Darauf war der Plan des indianischen Läufers berechnet. Auf seinen Befehl hatten die Indianer die Zweige einer harzigen Fichte abgehauen, hatten sie auf einen Baumstamm, der noch alle seine Zweige besaß, geschichtet, Feuer daran gelegt und ihre Brandmaschine dem Strom überlassen. Die Richtung war so genau, daß die schwimmende Flamme gerade auf die Insel losgetrieben wurde.
Pepe warf einen bitteren Blick auf Bois-Rosé und Fabian. Man sah, daß die rachsüchtigen Leidenschaften des Spaniers sich der Gefahr gegenüber entflammten. Sein Blick traf die ruhigen, leidenschaftslosen Züge des Kanadiers und das unbewegte Gesicht Fabians. Der edle junge Mann hatte in seinem Herzen schon ein schmerzlicheres Opfer als das des Lebens gebracht.
Die prasselnde Flamme des harzigen Holzes strahlte unglückbringend von der Oberfläche des Stroms zurück, und unter der schwarzen Rauchwolke, die sich mit dem Nebel mischte, waren die Insel und die Ufer des Flusses erleuchtet wie bei vollem Sonnenlicht, doch waren die Bewohner des Floßes unsichtbar hinter der grünen Einfassung; von Zeit zu Zeit aber konnte man den roten Schattenriß einer indianischen Schildwache bemerken.
Pepe konnte einer plötzlichen Versuchung nicht widerstehen. »Warte, du Dämon der Hölle«, sagte er halblaut; »du wenigstens wirst nicht zurückkehren und deinem Dorf von den letzten Augenblicken im Todeskampf eines Christen erzählen!« Bei diesen Worten leuchtete ein roter Blitz aus der Büchse des erzürnten Spaniers durch das Schilf hindurch, und man sah den Federbusch eines indianischen Kriegers im selben Augenblick zu Boden sinken, wo der Schuß das Schweigen der Nacht unterbrach.
»Eine traurige und verspätete Rache«, sagte Bois-Rosé feierlich, als er den Indianer fallen sah.
In der Tat schienen die Apachen die Kugeln eines besiegten Feindes nicht mehr zu beachten; das Ufer blieb in sein düsteres Schweigen gehüllt, ohne daß ein einziges Geheul, wie es doch gewöhnlich der Fall ist, die letzten Seufzer eines Kriegers begleitete. Die Flamme der brennenden Reisbündel, die sich nur noch in kurzer Entfernung von der Insel und in gerader Linie mit ihr befanden, ließ die von machtloser Wut verzerrten Züge des Spaniers hervortreten. »Demonio!« sagte er, mit dem Fuß stampfend. »Ich werde mit um so größerer Seelenruhe sterben, je mehr von diesen rothäutigen Teufeln ich vor mir in die andere Welt gesandt habe.« Und während er seine Büchse wieder lud, suchten seine Augen überall auf beiden Ufern nach einem Gegenstand, den er seinem Rachedurst opfern könnte.
Während dieser Zeit prüfte der Kanadier kaltblütig den Feuerball, der an der Insel stranden und deren trockene Bäume in Brand setzen mußte.
»Wahrhaftig«, sagte Pepe, bei dem die Wut die Urteilskraft verdunkelte, »betrachte nur immerzu diesen Brander! Hast du vielleicht auch ein Mittel in Bereitschaft, um diesen schwimmenden Scheiterhaufen, der sich an die Seiten unserer Insel klammern wird, aus seiner Richtung zu bringen?«
»Vielleicht«, erwiderte der Kanadier, der seine Prüfung fortsetzte, lakonisch.
Der ehemalige Grenzsoldat fing an, mit einer gleichgültigen Miene zu pfeifen – ein vergeblicher Versuch, um seinen Zorn nicht durchblicken zu lassen.
»Halt!« sagte Bois-Rosé. »Hier sehe ich etwas, was beweist, daß die Berechnung dieser Söhne der Wälder nicht untrüglich ist. Wenn es nicht in zwei Minuten einen Hagel von Kugeln und Pfeilen auf uns regnen würde, um uns zu zwingen, während der Zeit, da der Brander unsere Insel in Flammen setzt, eine gedeckte Stellung einzunehmen und ihn nicht wegzustoßen, so wollte ich dieses brennende Floß beseitigen wie eine Feuerfliege, die im Gras schwirrt.«
Auf einer dicken Unterlage von feuchtem Heu, die gleichsam einen Boden in den Baumzweigen bildete, auf dem der Haufe harziger Reisbündel ruhte, näherte sich das schwimmende Feuer der Insel. Die Indianer hatten die Stärke dieses Bodens so berechnet, daß er durch die Berührung mit dem Feuer trocken werden und sich selbst ebenso wie die Baumzweige gerade in dem Augenblick entzünden sollte, wo der Brander gegen die Insel stieß. Aber das Heu tauchte oft ins Wasser, und die Feuchtigkeit, die es in jedem Augenblick durchdrang, hatte seine Verbrennung verzögert. Die großen Zweige des Baums hatten ebenfalls noch nicht Zeit gehabt, in Brand zu geraten; nur die kleinen Zweige und Nadeln waren in Flammen aufgegangen. Dieser Umstand war dem Späherauge des Kanadiers nicht entgangen, und er entschloß sich, mit einer langen Stange in der Hand die Unterlage aus feuchtem Gras auseinanderzuwerfen, wie es der Heumacher mit dem abgemähten Gras tut; im selben Augenblick jedoch, wo er dieses gefährliche Unternehmen versuchen wollte, ging seine Voraussage in Erfüllung. Einige Kugeln und Pfeile fuhren zischend in den geringen Zwischenraum, der sich noch zwischen der Insel und dem Brander befand. Die Salven schienen mehr den Zweck zu haben, die Jäger zu erschrecken, als sie zu treffen.
»Es ist einmal beschlossen«, sagte Bois-Rosé mit leiser Stimme, »uns nur lebendig zu fangen; wohlan, wir müssen einen Versuch machen.«
Der Feuerberg berührte beinahe die Insel; noch einige Augenblicke, und die Flammen mußten sich der Insel selbst mitteilen. Heißer Rauch umhüllte schon deren Bewohner, als der Kanadier sich plötzlich mit der Schnelligkeit des Blitzes in den Fluß stürzte und gänzlich verschwand.
Ein Geheul ertönte auf beiden Ufern des Flusses, und die Indianer ebenso wie der Spanier und Fabian, die allein zurückgeblieben waren, sahen den schwimmenden Baum unter dem mächtigen Stoß des Kanadiers hin und her schwanken. Das große Feuer warf einen noch glänzenderen Schein umher; aber bald zischte das Wasser, die Heumasse löste sich auf und versank in einer Flut von Schaum.
Die tiefste Dunkelheit folgte plötzlich dem Glanz des Feuers; Finsternis und Nebel hatten abermals ihre düstere Decke über den ganzen Lauf des Flusses ausgebreitet. Der Baum, dessen Zweige vom Feuer geschwärzt waren, hatte seine Richtung geändert und schwamm, das Schilf zerknickend, an der Insel vorüber, als mitten unter dem Geheul der bestürzten Indianer Bois-Rosé wieder zu seinen Gefährten kam. Die Insel zitterte nach unter den Anstrengungen des Kanadiers, sie wieder zu ersteigen.
»Heult nach Belieben«, sagte Bois-Rosé, indem er Atem schöpfte; »ihr habt uns noch nicht! Aber«, fügte er ganz leise hinzu, »werden wir immer so glücklich sein?«
In der Tat war auch diese Gefahr beseitigt; wie viele blieben ihnen nicht noch zu überwinden übrig? Wer konnte die neuen Ränke voraussehen, die die Indianer gegen sie anwenden würden? Diese Gedanken hatten bald die erste Trunkenheit des Triumphes zerstreut; ein düsteres Schweigen folgte auf die Glückwünsche, die die beiden Jäger an Bois-Rosé richteten.
Plötzlich sprang Pepe auf seine Füße, einen Schrei unterdrückend – aber diesmal einen Freudenschrei. »Bois-Rosé, Don Fabian«, sagte er, »wir sind gerettet, ich stehe euch dafür!«
»Gerettet?« wiederholte der Kanadier mit zitternder Stimme. »O sprich doch, Pepe, sprich doch, schnell!« »Hast du nicht bemerkt«, fuhr der ehemalige Grenzjäger fort, »wie vor wenigen Stunden die ganze Insel unter unseren Händen zitterte, als wir einige große Äste zu unserer Deckung abrissen? Wie sie eben noch unter dir selbst zitterte, Bois-Rosé? Wohlan! Ich hatte einen Augenblick daran gedacht, ein Floß aus den Stämmen zu machen, die unter unseren Füßen liegen, aber jetzt verzichte ich darauf; wir sind unserer drei, wir können durch die Kraft unserer Arme die Insel selbst entwurzeln und flottmachen. Der Nebel ist dick, die Nacht schwarz, und morgen, wenn der Tag anbricht …«
»Werden wir weit von hier fortgetrieben sein«, sagte Bois-Rosé. »Ans Werk! Ans Werk! Der Wind weht schon frisch und kündigt die Nähe des Morgens an; wir haben nicht mehr zuviel Zeit vor uns! Wenn ich nicht meinen seemännischen Blick verloren habe, so wird uns der Fluß nicht schneller als drei Knoten in der Stunde treiben.«
»Desto besser«, sagte Pepe; »unsere Entfernung wird um so weniger sichtbar sein.«
Der brave Kanadier nahm sich nur Zeit, seinen beiden Gefährten die Hand zu schütteln, und erhob sich.
»Was willst du tun?« fragte Fabian. »Können wir nicht alle drei, wie es Pepe vorgeschlagen hat, die Insel mit vereinten Kräften losreißen?«
»Losreißen, gewiß, Fabian; aber wir laufen auch Gefahr, sie wie ein Reisbündel, dessen Band man zerrissen hat, auseinanderzuwerfen, und unsere Rettung hängt von der Erhaltung der Insel in dem Zustand ab, wie sie die Natur gemacht hat. Vielleicht hat sich nur irgendein Hauptast oder irgendeine große Wurzel an den Boden des Flusses festgeklammert und hält sie unbeweglich zurück. Viele Jahre haben verfließen müssen, seitdem diese Bäume sich hier festgepflanzt haben, sofern ich nämlich richtig von der Erdschicht aus schließe, die sich auf ihnen gebildet hat. Auf die Länge müssen diese Wurzeln oder Zweige im Wasser morsch geworden sein, und das will ich zu erfahren suchen.«
In diesem Augenblick unterbrach die traurige Stimme einer Eule den Kanadier. Diese klagenden Töne, die plötzlich die tiefe Stille der Nacht störten, klangen gerade in dem Augenblick, wo ein Strahl von Hoffnung in den Augen der Jäger blitzte, den Ohren Pepes wie eine traurige Vorhersagung. »Ach«, sagte der Spanier, bei dem die Gefahr abergläubische Gedanken weckte, traurig, »die Stimme der Eule in einer solchen Lage wie dieser bedeutet nichts Gutes.«
»Die Nachahmung ist vollkommen, ich gebe es zu«, erwiderte Bois-Rosé; »aber du solltest dich nicht so täuschen lassen. Eine indianische Schildwache stößt diesen Ruf aus, vielleicht um seine Gefährten zu warnen, die Augen offenzuhalten; oder es ist – was noch wahrscheinlicher ist – eine Erfindung ihrer teuflischen Niederträchtigkeit, um uns in Erinnerung zu bringen, daß sie über uns wachen. Es ist eine Art Todesgesang, mit dem sie uns belustigen wollen.«
Der Kanadier hatte kaum geendet, als sich vom entgegengesetzten Ufer derselbe Ton wiederholte, aber mit bald spöttischen, bald klagenden Modulationen, die die Voraussage des alten Jägers Punkt für Punkt bestätigten. Aber diese Stimmen waren darum doch nicht weniger schrecklich, denn sie zeugten von den Gefahren und Nachstellungen, die die Dunkelheit der Nacht verhüllte.
»Ich habe Lust, ihnen hinüberzurufen, sie sollten lieber wie Jaguare brüllen, die sie doch sind«, sagte Pepe.
»Tue es ja nicht; das hieße ihnen genau die Stelle bezeichnen, wo wir uns befinden. Die Schelme wissen es nicht mehr genau.« Bei diesen Worten trat Bois-Rosé mit der größten Vorsicht ins Wasser.
Nicht ohne einige Unruhe folgten die auf der Insel zurückgebliebenen zwei Jäger mit dem Auge der Untersuchung des Kanadiers. Dieser tauchte ins Wasser und verschwand von Zeit zu Zeit unter der Oberfläche des Flusses wie der Taucher, der längs der Wände des Schiffes die Stelle sucht, wo das einströmende Wasser das Schiff sinken zu machen droht.
»Nun?« fragte Pepe lebhaft, als der Kanadier wieder auftauchte, um Atem zu schöpfen. »Liegen wir an mehreren Ankern fest?«
»Ich glaube, alles geht gut«, antwortete Bois-Rosé.
»Ich bemerke bis jetzt nur einen, der die Insel auf der Stelle festhält; aber es ist der Notanker!«
»Nimm dich nur besonders in acht, zu weit vorzugehen!« sagte Fabian. »Du könntest dich in die Wurzeln und in das Netz von Zweigen unter dem Wasser verwickeln.«
»Sei ohne Furcht, mein Kind«, erwiderte der Kanadier. »Ein Wal würde eher an einem Fischerboot, das er zwanzig Fuß hoch in die Luft schleudern kann, hängenbleiben, als ich unter dieser Insel, die ich mit einem Schulterstoß in Stücke umherstreuen würde.«
Der Fluß rauschte abermals über dem Haupt des Kanadiers. Ein ziemlich langer Zwischenraum verfloß, währenddessen – als ob die Ahnungen Fabians sich erfüllen sollten – sich das Verweilen Bois-Rosés an den Wirbeln zeigte, die sich um die Insel bildeten, die bald wie ein Schiff mitten auf hochgehender See bis auf den Grund erbebte. Man fühlte, daß der Riese eine mächtige, letzte Anstrengung machen mußte. Fabians Herz stand einen Augenblick in seiner Brust bei dem Gedanken still, daß Bois-Rosé vielleicht mit dem Tod ringe, als ein dumpfes Krachen wie das der Rippen eines Schiffes, das an einem Felsen zerbirst, sich fast unter seinen Füßen vernehmen ließ.
