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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 35

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»Zu zweit ist man zweimal stärker.«

»Was Ihr da sagt, ist unbestreitbar«, sagte Oroche.

»Wohlan! Zu zweit werden wir ihn bekommen.«

»Was?« sagte Oroche, der den Unwissenden spielte.

»Demonio! Den Goldblock, den Ihr ebensogut wie ich gesehen habt!«

»Aber wie es anfangen?« fragte Oroche.

»Wir flechten unsere beiden Lassos wie ein Bild unserer Freundschaft zusammen; einer von uns läßt sich längs der Felsenwand hinunter und raubt dem Abgrund seinen Schatz«, sagte Baraja mit flammenden Augen.

»Wer von uns beiden wird sich opfern?«

»Das Los wird darüber entscheiden, Señor Oroche, und wenn Ihr es seid …«

»Wenn ich es bin, so werdet Ihr mich fallen und zerschmettern lassen!«

Baraja zuckte mit den Schultern. »Ihr seid ein Einfaltspinsel, mein teurer Oroche; ein Freund läßt nicht mit seinem Freund zugleich einen dreifach königlichen Schatz fallen. Den Freund … ich will nicht dagegen streiten; aber den Schatz … niemals!«

»Mein teurer Baraja, Ihr treibt Euren Scherz mit den ehrwürdigsten Dingen – sogar mit der Freundschaft«, erwiderte Oroche mit so großer Zerknirschung, daß Baraja mehr als jemals darüber erschrocken war.

Bald jedoch gaben die beiden Abenteurer der Trunkenheit nach, die sich ihrer bemächtigte: Sie hörten auf, an Schlauheit miteinander zu wetteifern, und beschlossen, mit vereinten Kräften den Goldklumpen seiner Felseneinfassung zu entreißen. Baraja zog aus seiner Tasche ein Spiel Karten; man kam überein, daß der Gewinnende das Recht hätte, die Rolle, die ihm die beste schiene, zu wählen. Dieses Recht fiel Oroche zu.

Außer daß Barajas Worte ihn überzeugt hatten, dachte der Gambusino auch, daß der Besitz des Schatzes ein allmächtiger Talisman gegen die Verderbtheit seines Gefährten sei, und er wählte wider Erwarten des letzteren die gefährliche Rolle, sich, über dem Abgrund schwebend, hinunterzulassen.

Nachdem die beiden Schelme sich geeinigt hatten, lösten sie nach dem Vorschlag Barajas ihren Lasso vom Sattelknopf, den jeder mexikanische Reiter, dort festgebunden, bei sich führt. Die beiden Leinen wurden so zusammengeflochten, daß sie ein noch schwereres Gewicht als das eines Mannes tragen konnten. Das eine Ende wurde um Oroches Leib gebunden und das andere mehrmals um den Stamm einer jungen Eiche geschlungen, die in einer Felsenspalte wurzelte; Baraja hielt es in der Hand. Wirklich wäre ohne die Stütze, die der noch schwache Stamm der Steineiche gewährte, Barajas Rolle ebenso gefährlich gewesen wie die Oroches, dessen Schwere ihn leicht trotz seines Widerstands zuerst in den Abgrund hätte ziehen können.

Nachdem das doppelte Seil unter seinen Armen fest um die Brust gebunden war, fing Oroche an, langsam hinabzusteigen, indem er sich an den Vorsprüngen des Felsens festhielt und sich mit seinen Füßen in den Spalten stützte.

Dumpfer Lärm stieg aus der Tiefe des Abgrunds herauf; unterirdische Stimmen schienen ihn zu rufen; die Anziehungskraft des Unermeßlichen schien sich des Abenteurers zu bemächtigen. Aber die Habgier sprach stärker in sein Ohr als das Rauschen des Abgrunds. Nach Verlauf einer Minute berührten seine Füße, dann sein Leib, endlich seine Hände den Goldklumpen. Er konnte seine gerundete Außenseite liebkosend betasten, die Festigkeit seiner Lage im Gestein untersuchen. Der Abgrund grollte nicht mehr drohend unter ihm; er sang sanfte Weisen wie der Bach der murmelnd dahinfließt und die süßesten Träume hervorruft.

Die zusammengezogenen Finger des Gambusinos erschütterten den Block; er widerstand anfänglich; bald jedoch bewegte er sich im Felsen wie das Kind, das sich eben dem Schoß seiner Mutter entwindet und das Licht der Welt erblickt. Zwei gierige Hände genügten kaum, ihn zu umspannen; eine schlecht angebrachte Anstrengung konnte ihn dem Felsen, der ihn umschloß, entreißen und in den Abgrund stürzen lassen. Oroche atmete nicht mehr, und Baraja, der sich über ihm vorgebeugt hatte, teilte seine Angst.

Das Echo des Abgrunds wiederholte zweimal einen zweifachen Schrei: das Triumphgeschrei Oroches und seines Gefährten – der Goldklumpen funkelte in den Händen des Räubers. Wie der Adler, der sein Junges aus dem unzugänglichen Horst rauben sieht, in dem er es verborgen hatte, so schien der Abgrund, indem er das Geschrei wiedergab, den Raub zu beweinen, den man ihm entriß.

»Zieht mich schnell empor, bei der Liebe Gottes!« sagte Oroche mit bebender Stimme. »Ich trage sechzig Pfund gediegenen Goldes in meinen Armen. Ach, ich hätte mich nicht für so stark gehalten!«

Baraja zog anfänglich die Leine mit krampfhaftem Eifer empor, bald jedoch langsamer, und dann hörte er plötzlich mit jeder Anstrengung auf. Die Hände Oroches waren noch nicht in gleicher Höhe mit der Plattform.

»Auf Baraja, noch einmal!« sagte Oroche. »Spannt das Seil an, und ich bin bei Euch.«

Aber Baraja blieb unbeweglich. Ein teuflischer Gedanke blitzte durch seine verwirrten Ideen. »Gebt mir diesen Goldblock!« sagte er. »Er macht Eure Anstrengungen vergeblich, und meine Kräfte sind zu Ende.«

»Nein, nein, tausendmal nein!« rief der Gambusino, dessen Stirn von einem plötzlichen Schweiß triefte und der seinen Schatz in seine Arme preßte. »Ich würde Euch eher meine Seele geben. Aha«, fuhr er fort, »Ihr würdet dann loslassen!«

»Wer sagt Euch denn, daß ich Euch nicht jetzt loslasse?« antwortete Baraja mit dumpfem Ton. »Euer eigenes Interesse«, erwiderte der Gambusino, dessen Stimme zitterte.

»Wohlan! Ich will Euch nicht loslassen – doch nur unter einer Bedingung: Ich will dieses Gold für mich allein haben … für mich allein, versteht Ihr? Gebt es mir … oder ich überlasse Euch dem Abgrund!«

Oroche schauderte bis ins Mark seiner Gebeine. Beim Anblick des bleifarbigen Gesichts Barajas verwünschte der Unglückliche einen Augenblick sein tolles Vertrauen. Er wollte eine Anstrengung versuchen, aber die Last, die er trug, machte die Kraft seiner Arme vergeblich. Er blieb unbeweglich wie der Mann, in dessen Händen sein Leben lag.

»Ich will dieses Gold, versteht Ihr?« wiederholte Baraja. »Ich will es haben, oder ich lasse die Leine los … oder schneide sie durch.« Und er zog einen scharfen Dolch aus seinem Gürtel.

»Lieber will ich sterben!« rief Oroche. »Lieber soll der Abgrund mich verschlingen und das Gold mit mir!«

»Die Wahl steht Euch frei«, wiederholte der Elende.

»Euer Gold für Euer Leben.«

»Ah! Ihr würdet mich töten, wenn ich es Euch auch gäbe.«

»Gut«, sagte Baraja, der langsam eine der sechs Schnüre des Seils zerschnitt, indem er dem Unglücklichen zurief, daß es noch Zeit sei, sich zu entscheiden.

44. Die beiden Mediana

Kehren wir nun zu einem Teil unserer Erzählung zurück, den wir einen Augenblick unterbrochen haben. Diaz schüttelte bald die schmerzliche Niedergeschlagenheit und das tiefe Erstaunen von sich ab, das ihn einen Augenblick überwältigt hatte. »Ich bin euer Gefangener nach den Gesetzen des Krieges«, sagte er, indem er langsam den Kopf hob, »und warte darauf, zu erfahren, was ihr über mich entscheiden werdet.«

»Ihr seid frei, Diaz«, sagte Fabian; »frei ohne Bedingungen.«

»Keineswegs!« fiel Bois-Rosé ein. »Wir legen Euch vielmehr eine unerläßliche Bedingung für Eure Freiheit auf.«

»Welche?« fragte der Abenteurer.

»Ihr wißt jetzt wie wir«, erwiderte Bois-Rosé, »ein Geheimnis, das uns schon seit langer Zeit bekannt war. Ich habe meine Gründe, daß die Kenntnis von diesem Geheimnis mit denen sterbe, die so unglücklich gewesen sind, es mit uns zu teilen. Ihr allein«, fügte der Kanadier hinzu, »werdet eine Ausnahme von der Regel machen, weil ein braver Mann, wie Ihr einer seid, Sklave seines Wortes sein muß. Ich fordere also, ehe ich Euch die Freiheit wiedergebe, daß Ihr Euch auf Ehrenwort verbindlich macht, niemals irgend jemandem das Dasein des Val d`Or zu entdecken.«

»Ich hatte von der Eroberung dieses Schatzes«, erwiderte der edle Abenteurer schwermütig, »nur die Befreiung und die Größe meines Landes gehofft. Das traurige Schicksal, das dem Mann droht, von dem ich die Erfüllung meiner Hoffnungen erwartete, macht aus dem allen nur noch einen Traum. Ob alle Reichtümer des Val d`Or für immer in diesen Steppen begraben bleiben, das kümmert mich jetzt wenig. Ich schwöre also und gebe mein Ehrenwort, das Dasein dieser Schätze niemals jemandem in der Welt – wer es auch sein mag – zu entdecken. Ich werde selbst vergessen, daß ich sie einen Augenblick gesehen habe.«

»So ist es gut«, sagte Bois-Rosé; »Ihr könnt nun gehen.«

»Noch nicht, wenn Ihr es erlaubt«, erwiderte der Gefangene. »Es liegt in allem, was sich unter meinen Augen zugetragen hat, ein Geheimnis, das ich nicht aufklären will … aber …«

»Es ist, bei Gott, sehr einfach«, unterbrach ihn Pepe. »Dieser junge Mann«, sagte er, indem er auf Fabian zeigte …

»Noch nicht«, fügte dieser feierlich hinzu, indem er dem spanischen Jäger ein Zeichen machte, mit seiner Aufklärung einzuhalten. »In der Gerichtssitzung, die in Gegenwart des höchsten Richters« – Fabian zeigte gen Himmel – »eröffnet werden soll, wird alles durch Anklage und Verteidigung in Diaz‘ Augen klar werden, wenn er bei uns bleiben will. In der Steppe sind die Minuten kostbar, und wir müssen uns durch ruhiges Nachdenken auf die schreckliche Pflicht vorbereiten, die uns noch zu erfüllen übrigbleibt.«

»Gerade um die Erlaubnis, zu bleiben, wollte ich nachsuchen. Ich weiß nicht, ob dieser Mann unschuldig ist oder schuldig. Alles, was ich weiß, ist, daß er der Chef ist, den ich frei gewählt habe, und daß ich bei ihm bleiben werde bis zu seinem letzten Augenblick; bereit, ihn gegen euch mit meinem Leben zu verteidigen, wenn er unschuldig ist; bereit, mich vor dem Urteilsspruch, der ihn verdammen wird, zu beugen, wenn er schuldig ist.«

»Gut! Ihr werdet erst hören und dann urteilen«, sagte Fabian.

»Dieser Mann ist einer der Großen der Erde«, fuhr Diaz traurig fort, »und er liegt dort geknebelt, wie ein Missetäter des niedrigen Standes.«

»Löst seine Bande, Diaz«, erwiderte Fabian, »aber macht keinen Versuch, der Rache eines Sohnes den Mörder seiner Mutter zu entziehen. Nehmt Don Antonio das Wort ab, nicht zu fliehen; wir verlassen uns in dieser Beziehung auf Euch!«

»Ich bürge mit meiner Ehre für ihn, daß er nicht fliehen wird«, antwortete der Abenteurer; »ebenso daß ich selbst seine Flucht nicht unterstützen werde.« Und Diaz ging rasch auf Don Estévan zu.

Während dieser Zeit saß Fabian abseits, das Herz voll feierlicher und trauriger Gedanken, und seufzte über seinen schmerzlichen Sieg.

Pepe wandte den Kopf ab und schien aufmerksam das Spiel des Nebels auf dem Kamm der Nebelberge zu betrachten; was Bois-Rosé anlangt, der seine gewöhnliche ruhende Stellung beibehalten hatte, so richteten sich seine besorgten Blicke auf den jungen Mann, und sein Gesicht schien von denselben Wolken bedeckt zu sein, die sich auf der Stirn seines geliebten Kindes anhäuften.

Diaz war bei Don Estévan angelangt. Wer könnte die stürmischen Gedanken aussprechen, die nacheinander in der Seele des im Staub liegenden spanischen Señors kamen und gingen? Seine Augen strahlten noch vom selben Stolz wie in den Tagen des Glücks, wo er davon träumte, dem gestürzten Erben der spanischen Monarchie einen Thron zu erobern und zu schenken.

Doch bei Diaz‘ Anblick, der seine Sache verlassen zu haben schien, zeigte sich ein schmerzlicher Ausdruck in seinem Antlitz. »Kommt Ihr als Freund oder Feind zu mir, Diaz?« fragte er. »Solltet Ihr auch einer von denen sein, die ein heimliches Vergnügen beim Anblick der Demütigung von Männern empfinden, denen sie in den Tagen ihrer Macht schmeichelten?«

»Ich gehöre zu denen, die nur gefallenen Größen schmeicheln und sich nicht beleidigt fühlen durch die bitteren Worte, die ein großes Unglück in den Mund legt.« Mit diesen Worten, die von seiner Haltung und seinen traurigen Worten bestätigt wurden, beeilte sich Diaz, den Gürtel aufzubinden, der um die Arme des edlen Gefangenen geschlungen war. »Ich habe mein Wort verpfändet, daß Ihr keinen Versuch machen würdet, Euch dem Schicksal – wie es auch sein mag – zu entziehen, das Euch in den Händen jener Männer, die ein verderblicher Zufall auf unseren Weg geworfen hat, erwartet«, fügte Diaz hinzu. »Ich habe gedacht, daß Ihr die Flucht niemals gekannt habt.«

»Und Ihr habt recht daran getan, Diaz«, erwiderte Don Estévan. »Aber ahnt Ihr etwas von dem Schicksal, das diese Tollköpfe mir zugedacht haben?«

»Sie sprechen von einem zu rächenden Mord, von einer Anklage … einem Richterspruch.«

»Ein Richterspruch?« erwiderte Don Antonio mit einem bitteren und hochmütigen Lächeln. »Man kann mich morden, aber man wird mich niemals richten!«

»Im ersteren Fall werde ich mit Euch sterben«, sagte Diaz einfach; »im zweiten … Aber wozu nützt es, von dem zu reden, was nicht sein kann? Ihr seid an dem Verbrechen, dessen man Euch anklagt, unschuldig.«

»Ich ahne das Schicksal, das mich erwartet«, erwiderte Don Estévan, ohne auf die Beteuerung des Abenteurers zu antworten. »Der König Don Carlos I. wird einen treuen Untertan verlieren. Aber Ihr werdet Sonora wiederaufrichten; Ihr werdet zum Senator Tragaduros zurückkehren; er weiß, was er tun muß, und Ihr werdet ihn unterstützen.«

»Ach«, sagte Diaz schmerzlich, »ein solches Werk könnte nur von Euch unternommen werden. In Eurer Hand wäre ich ein mächtiges Werkzeug gewesen; ohne sie falle ich in meine Unzulänglichkeit zurück. Die Hoffnung meines Lebens erlöscht mit Euch!«

Während dieser Zeit hatten Fabian und Bois-Rosé die Stelle verlassen, wo die vorigen Szenen sich so rasch ereignet hatten. Sie waren wieder zum Fuß der Pyramide zurückgekehrt. Dort sollte die feierliche Gerichtssitzung eröffnet werden, in der Fabian und der Herzog von Armada die Rolle des Richters und des Angeklagten übernehmen sollten.

Pepe gab Diaz ein Zeichen; Don Estévan sah und begriff es.

»Es ist nicht genug, nicht zu fliehen«, sagte er; »man muß seinem Schicksal entgegengehen; der Besiegte muß dem Sieger gehorchen … Kommt!«

Nach diesen Worten ging der spanische Señor, mit dem Stolz bewaffnet, der ihn niemals verließ, festen Schrittes zum Val d‘Or. Pepe war mit seinen beiden Gefährten zusammengetroffen.

Der Anblick Don Estévans, der sich ohne Prahlerei und ohne Schwäche mit unerschrockener, ruhiger Stirn näherte, nötigte seinen drei Feinden, die sich so gut auf den Mut verstanden, einen Blick der Bewunderung ab. Dann erhob sich Fabian, um seinem edlen Gefangenen die Hälfte des Weges zu ersparen. Einige Schritte hinter dem spanischen Edelmann ging Diaz mit gebeugtem Haupt, die Seele voll düsterer Gedanken. Alles sagte ihm in der Haltung der Sieger, daß diesmal das Recht auf seiten des Stärkeren war.

»Señor Graf von Mediana, Ihr seht, daß ich Euch kenne«, sagte Fabian, der mit entblößtem Haupt zwei Schritte von dem edlen Spanier stehenblieb, während dieser es ebenfalls tat, »und Ihr wißt, wer ich bin.«

Der Herzog von Armada blieb gerade und unbeweglich, ohne seinem Neffen Höflichkeit mit Höflichkeit zu vergelten. »Ich habe das Recht, mit bedecktem Haupt vor dem König von Spanien zu stehen; ich werde vor Euch von meinem Privilegium Gebrauch machen«, erwiderte er. »Ich habe auch das Recht, nur zu antworten, wenn ich es für gut befinde, und das ist abermals ein Recht, von dem ich Gebrauch machen werde, wenn Ihr nichts dagegen habt.«

Trotz seiner stolzen Antwort mußte der frühere jüngere Sohn der Familie Mediana sich erinnern, daß jetzt eine lange Zeit verflossen war, seitdem der junge Mann, der sich zu seinem Richter aufwarf, ein zitterndes Kind gewesen war, das unter seinem Blick vor zwanzig Jahren im Schloß von Elanchove geweint hatte. Der furchtsame junge Adler war herangewachsen und hielt nun ihn selbst zwischen seinen mächtigen Fängen.

Die Blicke der beiden Mediana kreuzten sich wie zwei Schwerter, und Diaz betrachtete erstaunt und nicht ohne eine Mischung von Ehrfurcht den erhabenen und anders gewordenen Adoptivsohn des Gambusinos Arellanos, der sich plötzlich so sehr über die niedere Sphäre erhoben hatte, in der er ihn vor kurzem kennengelernt hatte. Der Abenteurer erwartete die Lösung dieses Rätsels.

Die Stirn Fabians zeigte denselben Stolz wie die des Herzogs von Armada. »Gut«, sagte er; »vielleicht jedoch solltet Ihr nicht vergessen, daß hier das Recht des Stärkeren kein Wort ohne Inhalt ist.«

»Das ist wahr«, antwortete Don Antonio, der trotz seiner scheinbaren Resignation bis in seine letzten Fibern vor Wut und Schmerz erbebte, sich so elend im Hafen scheitern zu sehen. »Ich darf nicht aus den Augen verlieren, daß Ihr ohne Zweifel entschlossen seid, dieses Recht zu benützen. Ich werde also Eure Frage beantworten, aber nur, um Euch zu sagen, daß ich nur etwas von Euch weiß: nämlich, daß ein Dämon Euch angetrieben hat, Eure Lumpen ständig zwischen das Ziel, das ich verfolge, und mich zu werfen … Ich weiß …« Die Wut erstickte seine Stimme.

Erbleichend verschluckte der ungestüme junge Mann die Beschimpfung von Seiten des Mörders seiner Mutter, den er außerdem auch noch im Verdacht hatte, der Mörder seines Adoptivvaters zu sein. Gewiß war diese Mäßigung die Folge einer heroischen Anstrengung; und wer da weiß, von welch geringem Gewicht das Leben eines Menschen in diesen Einöden ist, wohin der Arm des Gesetzes nicht zu reichen vermag, der wird sie gewiß bewundern. In Fabians Seele jedoch waren seit seinem Zusammenleben mit dem kanadischen Jäger tiefgreifende Veränderungen vorgegangen.

Es kommt uns sonderbar vor, wenn wir sehen, daß in Amerika die Zivilisation nur im Gefolge derer an Boden gewinnt und sich ausbreitet, die sozusagen vor ihr fliehen. Es gibt unter diesen Vorläufern eine große Anzahl, die von der Gesellschaft verstoßen sind oder nicht Geduld genug haben, um das Joch des Gesetzes zu ertragen, und deshalb die Steppen aufsuchen, in denen ihre Leidenschaften und Laster einen schrankenlosen Tummelplatz finden.

Es gibt aber auch andere unter ihnen, die, ohne es zu wissen, edleren Einflüssen gehorchen. Es gibt unter ihnen solche, die keinen anderen Lebenszweig kennen als die Jagd und sich dieser dort nicht mehr hingeben können, wo Wälder, die sonst ohne Besitzer waren, nun das ausschließliche Eigentum eines Mannes geworden sind, der sie durch Kauf erworben hat. Diese Jäger sind gezwungen, das Wild bis in die Steppe zu verfolgen, in die es beim Vordringen des Menschen geflüchtet ist.

Es gibt auch noch andere, die trotz ihres rauhen Äußeren eine poetische Seele haben und bei denen ein Leben voll Gefahren zur Gewohnheit geworden ist, wie der Matrose, den das Land langweilt und dessen Herz nur mitten im unermeßlichen Ozean frei und fröhlich schlagen kann. Bois-Rosé gehörte zur Zahl dieser letzteren. Das Leben auf dem Meer hatte bei ihm die Neigung für die großartigen Szenen in der Steppe entwickelt, doch trug er – wie die amerikanische Rasse im allgemeinen – in seinem Herzen die Ehrfurcht vor dem natürlichen Gesetz selbst da, wo das geschriebene Gesetz ihn nicht erreichen konnte.

Obgleich Fabian entgegengesetzte Grundsätze eingesogen hatte, so war er dem Einfluß des Jägers doch unterlegen. Er war nicht mehr der junge Mann, der seine wilden Leidenschaften einer blinden Rachsucht zur Verfügung stellte; er hatte gelernt, daß die Macht auch gnädig sein kann; er war mit einem Wort – ohne es zu wissen – dadurch, daß er die Ideen des Kanadiers annahm, der Stunde vorangeeilt, wo die Rasse, der er entsprungen war, in die anglosächsische wird aufgehen müssen. Das war das Geheimnis einer Mäßigung, die seinem bisher gezeigten Charakter gänzlich widersprach. Seine Züge zeigten jedoch eine solche Aufregung, daß man gut sehen konnte, welche Anstrengungen es ihn kostete, sich selbst zu beherrschen.

Der spanische Señor verschluckte unterdessen schweigend seine Wut.

»Also«, fuhr Fabian fort, »wißt Ihr nichts weiter von mir? Ihr wißt also nicht meinen Namen und Stand? Ich bin also nichts weiter, als was ich zu sein scheine?«

»Ein Mörder vielleicht«, erwiderte Mediana, indem er Fabian den Rücken zukehrte, um anzudeuten, daß er nicht mehr antworten wolle.

Während dieses Gesprächs zwischen zwei Männern vom selben Blut und von einer gleich unzähmbaren Natur waren der Jäger und Pepe abseits geblieben.

»Kommt heran«, sagte Fabian zu dem früheren Grenzjäger, »und sagt«, fügte er mit gezwungener Ruhe hinzu, »diesem Mann, wer ich bin; sein Mund legt mir einen Namen bei, den er allein verdient hat.«

Wenn Don Antonio noch irgendeinen Zweifel über die Gesinnung der Männer gehabt hätte, in deren Hände er gefallen war, so mußte dieser vor dem finsteren Antlitz verschwinden, mit dem Pepe sich bei der Aufforderung Fabians näherte. Die sichtlichen Anstrengungen, die er machte, um den leidenschaftlichen Haß zu unterdrücken, den der Anblick des spanischen Señors in ihm erregte, weckten in dem letzteren eine düstere Ahnung. Ein Schauder überlief Don Antonio; aber er schlug die Augen nicht nieder, und stark in seinem unbesieglichen Stolz erwartete er mit anscheinender Ruhe, daß Pepe das Wort ergreife.

»Wahrhaftig!« sagte dieser und strengte sich vergeblich an, einen spöttischen Ton anzunehmen. »Lohnte es sich wohl der Mühe, mich zur Thunfischerei an die Küsten des Mittelmeeres zu schicken, um zuletzt dreitausend Meilen von Spanien mir und dem Neffen zu begegnen, dessen Mutter Ihr ermordet habt? Ich weiß nicht, ob Don Fabian von Mediana Lust hat, Euch zu begnadigen. Was mich betrifft«, fügte er hinzu, indem er den Kolben seiner Büchse auf dem Sand erdröhnen ließ, »so habe ich geschworen, daß ich es nicht tun werde.«

Fabian warf Pepe einen gebieterischen Blick zu, der ihm einzuschärfen schien, seinen Willen dem seinigen unterzuordnen, und wandte sich dann an den Spanier. »Señor von Mediana, Ihr steht hier nicht vor Mördern, sondern vor Richtern, und Pepe wird es nicht vergessen!«

»Vor Richtern?« sagte Don Antonio. »Ich erkenne nur meinen Pairs das Recht zu, mich zu richten, und verwerfe als solche einen Flüchtling aus dem Presidio und einen Bettler, der einen Titel in Anspruch nimmt, auf den er kein Recht hat. Ich sehe hier keinen anderen Mediana als mich und habe nichts zu antworten.«

»Und dennoch werde ich Euer Richter sein«, erwiderte Fabian. »Aber ein unparteiischer Richter, denn ich nehme Gott zum Zeugen, dessen Sonne auf uns niederstrahlt – mein Herz kennt von diesem Augenblick an weder Bitterkeit noch Haß gegen Euch.«

Es lag so viel Ehrenhaftigkeit und überzeugende Kraft in dem Ton, mit dem Fabian diese Worte aussprach, daß Medianas Antlitz plötzlich sein düsteres Mißtrauen verlor. Die Hoffnung flog wie ein Blitz darüberhin, denn der Herzog von Armada erinnerte sich, daß er vor dem Erben stand, den sein Stolz einen Augenblick beweint hatte. Seine Stimme klang weniger hart, als er sagte: »Welchen Verbrechens bin ich denn angeklagt?«

»Ihr sollt es erfahren«, antwortete Fabian.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1180 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain