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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 46
55. Der Ausfall
Mitten in den Steppen des fernen Westens, in den weiten Prärien des westlichen Amerikas sind drei Dinge vor allem nötig: ein der Furcht unzugängliches Herz, dann ein schneller und kräftiger Renner, endlich eine erprobte Büchse.
Ein unter allen Umständen bewährter Mut, wie die drei Jäger ihn besaßen, macht oft ein Pferd entbehrlich; aber ohne sein Gewehr ist der Mann mit starkem Herzen nichts weiter als ein gebrechliches Spielzeug, das Hunger und wilde Tiere einander streitig machen oder das die Willkür eines herumstreifenden Indianers vernichten kann.
Beim Anblick seiner bewährten Waffe, der treuen Gefährtin in so vielen Gefahren, die, seinen Händen entschlüpft, in denen sie von den Wäldern Kanadas bis zu den Nebelbergen so oft ihr Krachen hatte ertönen lassen, dort unten auf dem Sand lag, wurde das Herz des alten Waldläufers wie durch den Anblick des leblosen Körpers eines teuren Freundes tief erschüttert. Man hatte eben dem Kanadier nicht bloß seine eigene Kraft und sein Leben, sondern auch das Leben und die Kraft seines Kindes geraubt. Der rauhe Krieger der Prärien fühlte seine Augen feucht werden wie der Araber, der seinen Renner beweint. Eine Träne rollte aus den Augen über seine Wangen.
»Ihr seid von jetzt an nur zu zweit auf dem Felsen; der alte Bois-Rosé zählt nicht mehr!« sagte er endlich, indem er eine Anstrengung machte, seine Schwäche zu verbergen. »Ich bin nur noch ein Kind in den Händen seiner Feinde. Fabian, mein Sohn, du hast keinen Vater mehr, um dich zu verteidigen …« Dann verfiel er in ein düsteres, trauriges Schweigen wie ein besiegter Indianer.
Seine beiden Kameraden machten es nicht anders. Beide fühlten das Unglück, das sie alle drei getroffen hatte, in seiner ganzen Ausdehnung. Der Versuch, eine Waffe wiederzuerlangen, die durch den Anprall der Kugeln verbogen sein konnte, war eine nutzlose Tollkühnheit. Das hieß, sich der Gefahr aussetzen, in einem Augenblick von Feinden umzingelt zu sein, deren Anzahl den Jägern ganz unbekannt war; das hieß, sich den Indianern lebendig überliefern, während auf dem Gipfel der Pyramide wenigstens noch Rettung – das heißt, ein der Gefangenschaft vorzuziehender Tod in der Tiefe des nahen Abgrundes – zu finden war.
»Ich verstehe dich, Bois-Rosé«, sagte Pepe, der die Augen des Kanadiers überraschte, wie sie sich auf den Wasserfall hefteten, der einen Augenblick glänzte, um im Abgrund zu verschwinden; »aber soweit sind wir bei Gott noch nicht; du bist ein viel besserer Schütze als ich, und meine Büchse wird in deinen Händen besser aufgehoben sein als in den meinigen.« Mit diesen Worten schob Pepe seine Waffe auf dem Boden bis zu dem Kanadier hin.
»Solange noch ein Gewehr unter uns dreien übrigbleibt, muß es dir gehören, Bois-Rosé!« fügte Fabian hinzu. »Ich denke wie Pepe; welch besseren Händen könnten wir je unsere letzte Zuflucht anvertrauen?«
»Nein, ich danke, mein Kind; ich danke, mein alter Gefährte. Ich schlage euer Anerbieten aus, denn das Unglück ruht auf mir.« Und Bois-Rosé verweigerte die Annahme der Büchse, die Pepe in seine Hand legte. »Aber Gott sei Dank«, begann er abermals, und seine schmerzliche Niedergeschlagenheit machte nach und nach einem solchen löwenhaften Zorn Platz, wie ihn der Riese zuweilen fühlte, »habe ich noch ein Messer, um damit so vielen den Bauch aufzuschlitzen, als herankommen werden, und Arme, die stark genug sind, sie zu ersticken oder ihre Köpfe an den Felsen zu zerschmettern!«
Pepe hatte seine Büchse nicht wieder genommen.
»Nun, du Hund von Mestize, du Auswurf der weißen Rasse, ihr indianischen Landstreicher – werdet ihr es denn wagen, aus eurer Höhle hervorzukriechen und hier heraufzukommen?« rief der Kanadier, der sich einem Ausbruch der Wut überließ und Main-Rouge, Sang-Méle und ihre Bundesgenossen zugleich anredete. »Nur zwei sind noch hier, die euch erwarten. Was ist ein Krieger ohne Gewehr?«
Ein mahnender rollender Donner brach plötzlich am dunklen Gewölbe des Himmels los und übertönte Bois-Rosés Stimme. Ein anderer Indianer, der beinahe denselben Weg eingeschlagen hatte wie sein Vorgänger, war hinter der grünen Einfassung des Val d‘Or angelangt; nur verbarg er sich so sorgfältig, daß man nur seine Augen und den oberen Teil seines Kopfes mit den roten Bändern sah, die seine Skalplocke schmückten.
»Ah! Er ist es; es ist dieser Hund von Mestize!« sagte Pepe, ohne die Augen von den Merkmalen abzuwenden, die in der Tat den Sohn des Renegaten kennzeichneten, und suchte dabei nach seiner Büchse.
Bois-Rosé war ihm zuvorgekommen. Blind vor Wut gegen Sang-Méle, aufgeregt durch den Verlust seiner Büchse, hatte der Kanadier die Pepes ergriffen, und in einem Augenblick, wo der Zorn, der wie der Donner am Himmel in seiner Brust grollte, ihm alle Kaltblütigkeit raubte, legte er auf den Mestizen an. Der Feind hatte dieselbe Stellung eingenommen wie der Indianer vor ihm und hatte den Jäger genötigt, sich wie das erstemal eine Blöße zu geben, um ihn treffen zu können; der Indianer stürzte auch tödlich getroffen hinter der Hecke nieder; aber zwei Schüsse knallten abermals zugleich mit dem Bois-Rosés.
»Verflucht!« rief der Jäger mit Donnerstimme, indem er sich fast gerade aufrichtete und wütend den nutzlosen Kolben, der in seinen Händen zurückgeblieben war, nach dem Leichnam des eben von ihm getöteten Feindes schleuderte. So groß war die Kraft gewesen, mit der der Koloß seine Waffe umschlungen hielt, daß der Lauf sich vom Schaft gelöst hatte, ohne diesen den fest umspannenden Fingern entreißen zu können. »Die Hölle bekomme deine Seele bei lebendigem Leib, verdammter Mestize!« fuhr der Kanadier fort und zeigte mit der Faust nach dem regungslosen Leichnam.
Ein schallendes Gelächter, das ein Teufel, der mit der Erfüllung des Fluches des Kanadiers beauftragt war, ausgestoßen zu haben schien, erscholl auf den Felsen gegenüber, und der Mestize erschien einen Augenblick schnell wie der Blitz und voll Lebenskraft über dem Wall von Büffelhäuten. Sein Kopf war mit aufgelösten, wallenden Haaren bedeckt, und sein Gesicht strahlte von einem teuflischen Spott; dann verschwand die Erscheinung ebenso rasch, als sie sich gezeigt hatte.
Der Indianer, der zum letztenmal seine treulose Rolle spielte, hatte sich schlau genug den Kopfputz des Mestizen geliehen, um desto sicherer den Haß seiner Feinde zu reizen, und es war ihm nur zu gut geglückt. »Der Adler der Schneegebirge ist nur eine Eule am hellen Tag. Seine Augen können nicht in der Sonne das Gesicht eines Häuptlings von dem eines Kriegers unterscheiden!« rief die Stimme Sang-Mêlés nach der Prahlerei, die er eben durch sein Hervortreten bekundet hatte.
»Ach, Pepe! Dieser Mensch ist verderbenbringend für uns; aber von jetzt an soll zwischen ihm und uns ein Krieg auf Leben und Tod geführt werden«, sagte Bois-Rosé; »und die Prärien, so groß sie auch sind, sollen doch nicht mehr Raum genug für uns beide haben.« Er hatte seine Stellung mechanisch wieder eingenommen, dann murmelte er mit leiser Stimme: »›Wehe über den‹, hat der Herr gesagt, ›der in meinen Händen die Rute meines Zorns und der Stab meiner Gerechtigkeit sein wird!‹ Pepe, nachdem der Herr sich unserer zu seiner Rache bedient, hat er das Werkzeug, dessen er sich hat bedienen wollen, zerbrochen; er hat die Kraft in unseren Händen zerschmettert!«
»Ich fange an, es zu glauben«, antwortete Pepe; »aber ich schwöre bei der Seele meiner Mutter, daß ich, wenn Gott mich am Leben erhält, noch einmal seinem Zorn dadurch dienen werde, daß ich meinen Dolch bis an das Heft in das Herz dieses halb roten, halb weißen Teufels tauche!«
Als ob der Himmel diesen Schwur angenommen hätte, bedeckte eine plötzliche Dunkelheit die Ebene, Blitze durchfurchten gleich Flammenströmen den Horizont von einer Seite zur anderen, und der Donner brach wie eine Batterie von hundert Kanonen los. Die Berge und die Ebene wiederholten in klagenden Echos die gewaltige Stimme des Sturms, die in den Prärien wie mitten auf dem unermeßlichen Ozean erscholl. Das bleiche Licht der Blitze, das durch die fleischlosen Seiten des Pferdeskeletts sprühte, gab der Gruppe der Jäger einen fremdartigen, unheimlichen Ausdruck. Wie die Augen zweier in die Enge getriebener Löwen, so leuchteten die Augen des Kanadiers und Pepes von einem wilden Feuer.
Der schreckliche Verlust, den sie eben erlitten hatten, hatte ihren Mut nicht zu Boden geworfen, aber ihn für den Augenblick in eine düstere, passive Resignation verwandelt. Es war jedoch klar, daß diese beiden Männer, die sich eine Zeitlang beugten wie zwei Eichen, die der Wind bis in ihre Wurzeln erbeben läßt, sich bald ebenso wie diese wieder aufrichten mußten. Schon machte in Bois-Rosés Seele der ungestüme Zorn der Demütigung eines alten Soldaten Platz, der sich von Neulingen entwaffnet sah. Pepe bekam nach und nach seinen angreifenden, spottenden Mut wieder.
Was Fabian anbelangt, so hatte er die Ruhe eines Mannes bewahrt, für den das Leben, ohne gerade eine schwere Last zu sein, doch unbequem genug ist, um ohne Schwäche den Augenblick zu erwarten, wo er davon befreit wird.
»Fabian«, sagte der Kanadier traurig, »ich habe bis jetzt zuviel Vertrauen auf meine Kraft und meine Erfahrung gehabt; was haben mir diese Erfahrung und diese Kraft, auf die ich so stolz war, geholfen? Durch meine Unbesonnenheit seid ihr verloren. Fabian, Pepe, werdet ihr mir verzeihen?«
»Wir wollen später davon sprechen«, antwortete der frühere Grenzjäger. »Deine Waffen sind in deinen Händen zerschmettert worden, wie es in den meinigen ebenfalls geschehen sein würde, und das ist alles. Aber glaubst du denn, daß wir nichts Besseres tun können, als wie Weiber uns etwas vorzujammern oder den Tod wie zwei verwundete Büffel zu erwarten?«
»Was willst du von einem Jäger hören, dessen Hände jetzt ein Hirsch ohne Gefahr lecken könnte?« antwortete der gedemütigte Kanadier.
»Es ist offenbar, daß wir von hier nicht vor Einbruch der Nacht entfliehen können; wir werden einen Ausfall auf die Belagerer machen. Fabian wird uns von diesem hohen Posten aus mit seiner Büchse decken. Siehst du, gerade diese kühnen Streiche gelingen immer. Wohlan denn; dort unten, unter diesen Steinen, sind vier Schelme, die wir in ihren Löchern töten müssen. Der Tag ist beinahe ebenso dunkel als die Nacht; wir sind zwei gegen vier, und das ist gewiß hinreichend.«
Dann wandte er sich an Fabian, der den kühnen Plan Pepes billigte: »Ihr werdet«, fuhr der Spanier fort, »ohne die Schelme auf den Felsen allzusehr aus den Augen zu verlieren und besonders, ohne Euch eine Blöße zu geben, die Taugenichtse in der Ebene überwachen. Wenn diese letzteren uns bemerken und einer von ihnen sich rührt, so schießt auf ihn – wenn nicht… das übrige geht uns an … Nun Bois-Rosé, das ist ohne Zweifel auch deine Meinung. Wohlan, vorwärts! Wenn der Streich gelungen ist, Don Fabian, so werde ich Euch abholen, und wir wollen dann aufbrechen.«
Der Kanadier folgte einem Rat, der ihm gerade wegen seiner Tollkühnheit gefiel und den die Dunkelheit nicht unausführbar machte; dann hatte auch Bois-Rosé außer der Rettung seines Sohnes, die er bewerkstelligen mußte, eine bittere Demütigung zu rächen. Ein rascher Blick, den sie zuerst auf die den Felsen gegenüberliegende Ebene warfen, zeigte ihnen, daß nichts um sie her sich verändert hatte; nun ließen sich die beiden Jäger, das Messer zwischen den Zähnen, so rasch vom Gipfel der Pyramide hinabgleiten, daß Fabian glaubte, sie wären eben erst aufgebrochen, während sie doch schon alle beide längs des Schilfs am See hinschlichen.
Fabian war mehr beschäftigt, ihren Bewegungen zu folgen, und suchte ihr Leben mehr zu decken als sein eigenes; er ließ sich ganz von dem Schauspiel voll schrecklichen Interesses fesseln, das die beiden unerschrockenen Waffengefährten ausführten. Die breiten Steinplatten, die die Indianer bedeckten, blieben so gänzlich ohne Bewegung, als ob sie Leichensteine gewesen wären, die die Toten in ihrem Grab bedeckten. Fabian wurde durch die tiefe Ruhe, die auf dieser Seite herrschte, beruhigt und begleitete mit weniger ängstlichen Augen die Bewegungen des Kanadiers und des Spaniers.
Beide hatten haltgemacht und schienen sich eine Sekunde lang zu beraten, dann sah er sie leise in das Schilf gehen, mit dem die Ufer des Sees bedeckt waren, und darin verschwinden. Der Sturmwind warf dieses bewegliche Dickicht so heftig hin und her, daß die Bewegung, die durch den Marsch der beiden Jäger hervorgebracht wurde, den Indianern nicht zur Warnung dienen konnte.
Von der Sorge befreit, seine beiden nun unsichtbar gewordenen Freunde zu überwachen, da die Dunkelheit und die Dichte der Binsen und des Schilfs sie hinreichend beschützten, beruhigte sich Fabian über den Erfolg ihrer kühnen Unternehmung und beeilte sich, seinen Posten am entgegengesetzten Rand der Plattform wieder einzunehmen.
Es war Zeit.
Damit wir jedoch nicht Verwirrung in die Erzählung der beiden gleichzeitigen Handlungen bringen, wollen wir uns einen einzigen Augenblick lang nur mit dem Waldläufer und dem spanischen Jäger beschäftigen.
Nachdem Fabian sie in dem mit Schilf bedeckten Schlammgrund hatte verschwinden sehen, hatten sie abermals haltgemacht. Ihre Augen konnten den Vorhang von Wasserpflanzen, der sie verbarg, nicht durchdringen, aber sie wußten, daß Fabian vom Gipfel der Anhöhe aus viel weiter sehen konnte. Bei der Dunkelheit des Himmels und unter dem hohen Schilf, dessen grüne Büsche der Wind niederbeugte, schienen die Ufer des Sees gänzlich verlassen.
»Wenn wir nicht in einer Minute«, sagte der Kanadier, »Fabians Büchse knallen hören, so ist das ein Zeichen, daß die Indianer uns nicht vom Hügel haben herabsteigen sehen; dann werden wir, da sie sich in gleicher Entfernung voneinander und in derselben Linie versteckt haben, uns jeder auf eines ihrer Enden werfen. Erdolche du den letzten, ich werde den ersten unter seinem Stein zerschmettern; was die beiden anderen anlangt, so werden sie, von beiden Seiten angegriffen und über den Tod ihrer Begleiter bestürzt, uns keine große Mühe verursachen.«
»Ich rechne darauf, caramba!« sagte Pepe.
Dieser Plan war von schrecklicher Einfachheit. Während einer Minute jedoch, wo der Donner rollte und die Blitze wie feurige Schlangen über die Ebene fuhren und in langen Strahlen durch das Schilf sprühten, waren die beiden Jäger jeden Augenblick darauf gefaßt, den Knall von Fabians Büchse zu hören. Die Ungeduld verzehrte sie, und mit der nervösen, von der Aufregung der Gefahr verursachten Ungeduld verband sich bei Bois-Rosé noch die Beunruhigung, den Schatz seines Lebens, seinen vielgeliebten Fabian, der allein einer schrecklichen Gefahr ausgesetzt war, verlassen zu haben, selbst wo es sich darum handelte, ihn zu retten.
Vergeblich hatte dieser seit dem kurzen Zeitraum, in dem er seinem Ziehvater Bois-Rosé zurückgegeben war, Proben von einem Mut abgelegt, der in keinem Punkt dem seinigen nachstand; Bois-Rosé sah immer noch, mitten in seinem Leben voll Gefahr, in dem energischen, kräftigen, jungen Mann nur das Kind mit den langen, lockigen Haaren, dessen Schwäche er zwei Jahre hindurch beschützt hatte. Er schauderte bei dem Gedanken, daß der Angstruf Fabians, mit dem er seine Hilfe forderte, vom Gipfel des Hügels bis zu ihm dringen könnte.
Ein seltsames Getöse hallte wirklich in der Ebene wider. Der Wind pfiff durch die Prärie mit einem Ton, der so traurig war, als ob die Einöde weinte. »Es ist Zeit«, sagte Bois-Rosé, »denn Fabian ist allein … Vorwärts, Pepe! Du weißt… den ersten und den letzten!«
Das Schilf bog sich in einem breiten Raum wie unter einem ungestümen Stoß des Südwinds, und die beiden Jäger stürzten wie bengalische Tiger, die sich, ohne zu brüllen, aber ebenso schnell wie schweigsam, mitten aus den Dschungeln auf ihre Beute werfen, in die Ebene hinaus. Mit einer wunderbaren Genauigkeit eines unwillkürlichen Instinkts lief ein jeder der schrecklichen Kämpfer gerade auf seinen Feind zu; Bois-Rosé auf den ersten, Pepe auf den letzten.
In diesem Augenblick erscholl der wohlbekannte Knall von Fabians Büchse weithin. Bois-Rosé bebte, aber er konnte nicht anhalten; der Knall von Fabians Büchse war allein erschollen, und sie mußten mit ihren Feinden ein Ende machen.
Der Kanadier verließ sich auf die Kraft seiner Arme und preßte in dem Augenblick, wo der zu spät durch den Widerhall des Bodens gewarnte Indianer einen Versuch machte, durch die enge, freie Spalte herauszuspringen, mit einem Fuß, so schwer wie ein Granitblock, den Körper des Apachen. Den breiten Stein vom Boden aufheben und ihn auf den Wilden niederschmettern lassen, war für Bois-Rosé das Werk eines Augenblicks; dann sprang er auf den zweiten los.
Pepe hatte seinen Gegner auf andere Weise angegriffen; er hatte sich mit seinem ganzen Leib auf ihn geworfen, und sein mit dem Dolch bewaffneter Arm wühlte eine Sekunde lang unter dem Stein, dann erhob sich der Spanier mit einem Sprung und traf wieder mit Bois-Rosé zusammen.
»Zertritt das Gewürm, bevor es zischt!« rief Bois-Rosé in dem Augenblick, wo einer von den Indianern sein Bärengeheul ausstieß und zurückweichend von einem Bogen, den er in der Hand hielt, Gebrauch zu machen suchte, während der andere ebenfalls heulend auf Pepe losstürzte.
Die beiden von einem entgegengesetzten Antrieb fortgerissenen Feinde stießen mächtig aufeinander, aber nicht mit gleichem Erfolg. Der Indianer fiel schwer zu Boden; Pepe stürzte sich auf ihn. Der Apache hatte kaum die Kraft, sich einen Augenblick lang hin und her zu werfen, dann blieb er unbeweglich liegen.
Während dieser Zeit bückte sich Bois-Rosé, um dem Pfeil auszuweichen, der einige Linien über ihm zischend vorüberflog, und als er sich wieder aufrichtete, war der Indianer schon weit; aber die Schlange hatte, wie er es befürchtet hatte, gezischt. Sein Geheul widerhallte in der Ebene.
»Schnell, schnell, Pepe; zur Pyramide!« rief Bois-Rosé. Beide nahmen laufend wieder die Richtung nach der Stelle, wo Fabian kaum zehn Minuten lang allein zurückgeblieben war – so rasch hatten die beiden Jäger ihre Tat ausgeführt. Als sie, sich mit den Händen am Gesträuch haltend, fast atemlos die steilen Seiten des Hügels erstiegen, erschreckte sie das unheimliche Schweigen, das auf dem Gipfel herrschte.
»Fabian! Fabian!« rief der Kanadier außer sich, während seine nervigen Beine vor Angst unter ihm zusammenzuknicken schienen. »Fabian, lebst du noch?« Niemand antwortete; der Sturmwind allein brauste wütender durch die klirrenden Zweige der Tannen auf der Plattform.
56. Die Stimme Rahels
In dem Augenblick, wo Fabian mit aufmerksamen Augen die geringste Bewegung seiner Gefährten überwachte, schlich sich der letzte von den Indianern, die durch das Los bestimmt waren, das Feuer der Belagerten auszuhalten, vorsichtig an der Einfassung des Val d‘Or entlang. Es war Lufthauch. Sein Verhalten war ihm vom Mestizen bestimmt vorgeschrieben. Da das Mißtrauen der drei Jäger wach geworden sein mußte, so hatte der Indianer, um nicht die Kriegslist, die bisher so gut geglückt war, merken zu lassen, Befehl erhalten, anscheinend seine Vorsicht zu verdoppeln, um den Gipfel der Pyramide zu erreichen. Auf seinem Weg im Schutz des Gürtels von Weiden und Baumwollstauden sollte Lufthauch jedoch eine gewisse Grenze nicht überschreiten; er sollte an dem Ort stehenbleiben, wo die Büchse eines Jägers ihn nur noch treffen konnte, wenn der Schütze seine Arme oder seinen Kopf über die Zinnen hervorstreckte. Sang-Mêlé begann seine Toten mit einer gewissen Unruhe zu zählen; ohne Baraja und die drei Indianer zu rechnen, die Pepe und der Kanadier außer Gefecht gesetzt hatten, waren von elf Kriegern, die er hergeführt hatte, sechs gefallen. Lufthauch sollte der siebente sein, und der wilde Mestize wollte wenigstens, daß er der letzte und sein Tod ihm von Nutzen sei. Sang-Mêlé ahnte nicht im entferntesten, daß nur ein einziger von den Belagerten auf dem Gipfel des Hügels zurückgeblieben war; er wußte aber recht gut, daß keiner von den Jägern die Unvorsichtigkeit begangen hatte, seine Glieder dem Feuer des Feindes auszusetzen.
In der Tat ist die Vorsicht das einfachste Element der Kriegskunst in den Steppen. In diesen Kriegen an der Grenze muß man kriechen wie ein Tiger, sich winden wie eine Schlange, den Tod senden, ohne daß man auch nur das Gewehrfeuer sieht, das ihn aussprüht; man darf sich keine Blöße geben, so verführerisch auch die Gelegenheit zu einem guten Schuß sein mag.
Lufthauch staunte nicht wenig, daß er schon seit einigen Augenblicken frisch und gesund an dem Ort stand, wo die beiden Krieger, seine Vorgänger, den Tod gefunden hatten. Er blieb stehen, wie er den Befehl dazu erhalten hatte.
Obgleich es infolge der dichten Bewölkung des Himmels düster geworden war, so unterschieden die stets wachsamen Augen des Indianers doch vollständig selbst die geringsten Felsenspalten, und er konnte leicht sehen, daß diesmal nicht – wie die beiden vorhergehenden Male – der Lauf einer Büchse seinen leichtesten Bewegungen folgte. Der Grund davon war einfach der, daß Fabian, anderswo in Anspruch genommen, die Gegenwart von Lufthauch nicht ahnte, während dieser das Schweigen und diese Untätigkeit dem Feind gegenüber irgendeiner Kriegslist zuschrieb, die er nicht begriff. Er war darum auch nicht weniger darauf gefaßt, jeden Augenblick von einer unsichtbaren Waffe getroffen zu werden.
Für einen roten Krieger war dies ein langer und schrecklicher Augenblick, und er hatte Zeit, eine ganze Welt von Gedanken den beiden Wesen zuzusenden, die er ohne Hilfe in seiner Hütte zurücklassen sollte: sein junges Weib und das Kind, das erst so wenige Sonnen zählte. Während das Schweigen auf dem Gipfel der Pyramide herrschte, kämpfte der todesmutige Indianer, unbeweglich an die verhängnisvolle Grenze gefesselt, die er nicht überschreiten durfte, gegen die gebieterische Pflicht, die ihn an seinen Platz band, und gegen den ebenso gebieterischen Instinkt der eigenen Rettung, der ihm zurief, vorwärts zu gehen, da er ja der Gefahr getrotzt hatte, ohne daß die Gefahr anscheinend mit ihm zu tun haben wollte.
Gewiß, der Krieger der Steppe hatte genug für sein Gewissen getan; der Instinkt der Selbsterhaltung trug den Sieg davon, und er überschritt die durch die Befehle Sang-Mêlés gesetzte Grenze. Dasselbe Schweigen dauerte noch über seinem Haupt, und der Apache hatte schon den Fuß der Pyramide erreicht, ohne daß ihn irgend etwas beunruhigt hätte. Ermutigt durch diesen unerwarteten Erfolg wagte der Indianer die Hoffnung zu fassen, mit seinen eigenen Händen den Feinden die letzte Waffe, die ihnen noch blieb, zu entreißen, ohne diese Heldentat mit seinem Leben zu bezahlen. Übrigens war dieses ja zum voraus schon als Opfer bestimmt, und sein Los konnte nicht schlimmer ausfallen als das, zu dem er bestimmt war.
Er wußte, daß die Augen der beiden Häuptlinge seinen Bewegungen folgten, und nachdem er einen Augenblick stehengeblieben war, machte er den beiden hinter der Masse von Büffelhäuten im Hinterhalt liegenden Freibeutern, die ebenso wie er über die unerklärliche Bewegungslosigkeit der Belagerten erstaunt waren, ein Zeichen mit der Hand und begann langsam den steilen Abhang des abgestumpften Hügels zu erklimmen. Er stieg so vorsichtig und leicht hinauf, daß auch nicht ein losgerissener Stein, auch nicht ein von seinen Füßen abgetretenes Stückchen Erde herabrollend die Gegenwart eines Feindes verriet.
In dem Augenblick, als er den Kopf über die Fläche der Plattform hinausstrecken wollte, lauschte der Indianer unbeweglich. Nicht ein Hauch, nicht ein Wort ließ sich vernehmen. Nun wagte es der Indianer, einen Blick über einen von den Steinen zu werfen, die die Belagerten deckten.
Das war der Augenblick, wo Fabian, auf dem Gipfel der Pyramide liegend, mit aufmerksamen Augen die Bewegungen seiner beiden Gefährten verfolgte und sie vom Schilf des Sees bedeckt verschwinden sah.
Bevor der junge Mann, der durch das gewaltige Interesse, das er am Gelingen des kühnen Plans des Spaniers und des Kanadiers nahm, sich umwandte, um nun auch die Feinde auf der entgegengesetzten Seite zu überwachen, hätte der Indianer Zeit gehabt, ihm den Kopf mit einem Axthieb zu zerschmettern. Aber es war einer von denen, die bestimmt waren, der Rache des großen Häuptlings lebendig überliefert zu werden, und sein Leben war darum geheiligt für den Apachen. Nur die Büchse des weißen Jägers wollte er haben, und anstatt den Arm auszustrecken und ihm einen Hieb zu versetzen, näherte sich der Indianer kriechend, um ihm die Waffe, nach der er so gierig war, zu entreißen.
Beim Anblick dieses bemalten Gesichtes, in dem zwei Augen wie die einer wilden Katze funkelten, fühlte Fabian, der nicht wußte, ob dies der einzige Feind auf der Plattform sei, ein Schaudern des Schreckens; das dauerte jedoch nur eine Sekunde lang. Er unterdrückte einen Hilferuf an seine Gefährten, wodurch diese hätten verraten oder ihnen der Rückzug hätte abgeschnitten werden können, und da er sich seiner Büchse nicht bedienen konnte, die der Indianer eben beim Lauf ergriffen hatte, so umschlang der unerschrockene junge Mann schweigend mit seinen Armen den Leib des roten Kriegers.
Ein erbitterter Kampf begann.
Bei der Verteilung ihrer Gaben zwischen den verschiedenen menschlichen Rassen hat die Natur dem Indianer so geschmeidige und nervige Fersen gegeben, daß sehr wenige Weiße mit ihm an Schnelligkeit wetteifern können, aber sie hat bei weitem nicht die Arme des Indianers mit einer Kraft begabt, die der des Weißen gleichkäme. Lufthauch machte eine rauhe Erfahrung darin. Zweimal rollten die beiden eng miteinander verschlungenen Gegner auf der Plattform mit zweifelhaftem Vorteil herum, und in der Hitze des Kampfes ging die heftig gestoßene Büchse los, ohne daß die Kugel einen von den Kämpfern traf.
Das war der Schuß, der bis zu den Ohren der beiden Jäger gelangte, die selbst in einen nicht weniger schrecklichen Kampf verwickelt waren.
Endlich behielt Fabian, der viel kräftiger war als der Indianer, die Oberhand und hielt seinen Feind unter sich nieder; dann vergrub der junge Spanier mit einer Hand, deren Stoß Lufthauch nicht schnell genug ausweichen konnte, da er entschlossen war, die Büchse, die er ergriffen hatte, nicht wieder loszulassen, sein Messer in der Brust des Apachen. Der Weiße und der Indianer waren durch das heftige Ringen bis zum äußersten Rand der Plattform gekommen. Unter ihnen grollte dumpf der Abgrund; der Sprühregen des in der Tiefe der Schlucht gebrochenen Wasserfalls mischte sich mit ihrem Atem, und der sterbende Indianer setzte alle Kraft daran, Fabian mit sich hinabzureißen. Dieser strebte vergebens, sich von der verzweifelten Umschlingung des roten Kriegers frei zu machen.
Einen Augenblick fühlte der junge Mann, wie seine erstarrten Muskeln nachgaben und ihm den Dienst versagten; aber die Furcht vor einem schrecklichen Tod rief bald seine schwindende Kraft zurück, und er konnte den Abgrund zwar vermeiden, aber nicht den Indianer daran hindern, ihn mit sich nicht weit von der Tiefe des Wassersturzes hinabzuziehen. Fabian, der Indianer und die Büchse, die von dessen Hand nicht losgelassen worden war, rollten übereinander den fast senkrechten Abhang der Pyramide hinunter. Ein schrecklicher Stoß traf die beiden immer noch verschlungenen Feinde, als sie den Grund der Schlucht erreichten; Fabian fühlte, wie die Arme des Indianers, vom Tod gelähmt, losließen; dann fühlte er nichts weiter. Er war mit dem Kopf auf die spitze Ecke eines Steines geschlagen, wie solche die Ebene bedeckten, und der junge Graf wurde ohnmächtig und blieb ebenso unbeweglich liegen wie der Indianer.
Lange Minuten waren seit dem Büchsenschuß Fabians bis zu dem Augenblick verflossen, wo der Kanadier, ohne auf seinen Ruf eine andere Antwort als das Pfeifen des Windes in den Tannen zu erhalten, mit dem Kopf die Plattform erreichte. Ein herzzerreißender Ausdruck der Angst entstellte die Züge des alten Jägers. Als sein Gesicht den Gipfel der Pyramide überragte, als seine Augen auf dem noch frischen Grab Don Antonios die tiefen Spuren eines verzweifelten Kampfes, die Verschanzungen zerstört und deren Steine auf dem Boden zerstreut sah, stieß er einen schrecklichen Schrei aus: Fabian befand sich nicht mehr auf der Plattform.
In diesem Augenblick brach der Sturm in seiner ganzen Heftigkeit los. Der grollende Donner ertönte in lautem Echo, rasch und dicht wie der Hagel folgten die Blitze ohne Unterbrechung aufeinander. Die Erde erbebte unter dem den Blitzen folgenden Donner, die an dem schwarzen, mit Elektrizität geschwellten Gewölk aufzuckten. Dann ließen diese dunklen Wolkenmassen den Regen stromweise hervorbrechen, als ob alle Wasserfälle des Himmels sich mit einem Mal geöffnet hätten. Bois-Rosé rief Fabian mit donnernder, zuweilen gebrochener Stimme, indem er mit verstörten Augen mitten im dichtesten Regenguß alle Ecken der Plattform durchsuchte. Sie war verlassen.
»Bück dich, Bois-Rosé! Bück dich!« schrie Pepe, der ebenfalls endlich die Pyramide erstiegen hatte.
Der Kanadier hörte ihn nicht, und doch richtete sich eben plötzlich auf dem Felsen ihnen gegenüber der Mestize empor wie ein böser Geist, den die krampfhaften Bewegungen der Elemente aus der Erde hatten heraufsteigen lassen.
»Aber um Gottes willen, so bück dich doch!« wiederholte Pepe. »Bist du denn des Lebens müde?«
Ohne die Gegenwart Sang-Mêlés zu ahnen, dessen Büchse gegen ihn gerichtet war, neigte sich Bois-Rosé vornüber und suchte mit den Augen sein Kind am Fuß der Pyramide. Selbst der Leichnam des Indianers war nicht mehr da.
Als der Kanadier den Kopf wieder emporhob, bemerkte er zum erstenmal den Mestizen. Beim Anblick des Mannes, den er mit Fug und Recht als den Urheber allen Unglücks, das ihn eben getroffen hatte, ansah, fühlte der Waldläufer, wie eine Flut von Haß sich gegen ihn wälzte; aber er fühlte auch, daß das Schicksal Fabians in seinen Händen lag, und er befahl der Wut, die in seinem Inneren grollte, zu schweigen.
»Sang-Mêlé«, rief der Kanadier, dessen Angst den Stolz zum Schweigen gebracht hatte, mit flehentlicher Stimme, »ich demütige mich vor Euch bis zur Bitte! Wenn Ihr noch irgend Mitleid im Herzen habt, so gebt Ihr mir das Kind zurück, das Ihr mir genommen habt!« Bei diesen Worten blieb Bois-Rosé, den Schüssen des Banditen ausgesetzt, aufrecht stehen, während Pepe, hinter dem Stamm der Tannen in Sicherheit, ihm vergeblich zurief, sich in acht zu nehmen.
