Kitabı oku: «Der Schuh»

Yazı tipi:

Gabriela Bock


Impressum

Der Schuh

ISBN 978-3-947167-91-3

ePub Edition

V1.0 (03/2021)

© 2021 by Gabriela Bock

Abbildungsnachweise:

Umschlagfront (Hand) © dundanim | # 100506418 | depositphotos.com

Umschlagfront (Schuhe) © paulmhill | # 8862062 | depositphotos.com

Porträt der Autorin © Ania Schulz | as-fotografie.com

Porträt Innentitel © Gabriela Bock

Lektorat:

Sascha Exner

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

E-Mail: mail@harzkrimis.de


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch ist ein Roman. Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder lebenden Personen sind rein zufällig und von mir nicht beabsichtigt. Orte, Gebäude und Institutionen entstammen zum Teil meiner Fantasie.

Inhalt

Titelseite

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Das Spiel beginnt

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

Kapitel 94

Epilog

Eine kleine Bitte

Über die Autorin

Mehr von Gabriela Bock

Prolog


Die Stunden kriechen dahin, während er wach im Bett liegt. »Jeder Zwölfjährige hat Geheimnisse.« Mutters Worte. Sie weiß nicht viel von ihm. Die Haustür, Schritte auf dem Flur. Er wünscht sich sehnlichst, die Schritte eines Nachts nicht mehr hören zu müssen. Genau wie die lange Stille und das Weinen seiner Mutter danach. In dieser Nacht durchbrechen Schreie das verzweifelte Weinen. Er will nicht mehr länger stillhalten. Das Messer liegt zwischen Matratze und Lattenrost. Ein Griff. Diesmal muss kein Kissen herhalten, kein Fußball. Er wird ihn kaltmachen. Noch kälter, als er ohnehin schon ist. Ein kalter zynischer Sadist weniger. Kissen schreien nicht, auch Fußbälle nicht, aber er. Er wird schreien. Wie lange hat er sich das schon vorgestellt. Er öffnet die Tür zum Elternschlafzimmer.

»Bitte Junge, geh wieder.«

Er blickt in die verweinten, weit geöffneten Augen seiner Mutter.

»Bitte, leg das Messer weg.«

Wie schön sie ist. Nackt sitzt sie im Bett und zittert.

»Hat er dich geschlagen?«

»Es geht dich überhaupt nichts an, du kleines armseliges Muttersöhnchen, du Sohn einer Abtrünnigen.«

Der Schlag trifft ihn hart. Auch sein Vater ist nackt. Er ist groß, kräftig. Der Junge versucht gar nicht, sich zu wehren, während sein Kopf an den Haaren nach hinten gezogen wird. Er hat das Messer an der Kehle.

»Manchmal denke ich schon daran, meine Brut samt der Mutter auszumerzen. Aber dann fällt mir ein, gerade mit dir, mein Sohn, habe ich noch viel vor. Vielleicht wird aus dir ja doch noch mal ein Mensch.«

»Bitte verschone den Jungen.«

»Ich sagte schon, halt dich da raus. Du hast hier gar nichts zu melden!«

Ein weiterer Schlag trifft ihn kaum noch. Es ist nicht so schlimm wie die psychischen Misshandlungen und die Schläge mit Worten.

»Hier, nimm das Messer mit, du kleiner Feigling. Das traust du dich ja doch nicht.«

Wenn er groß ist, wird er ihn töten. Er wird viele Waffen besitzen. Nur die bloße Vorstellung daran gibt ihm inneren Frieden.

Kapitel 1


Fasziniert von Musik und Stimmung durchquerte ich schwankend den Raum und ließ mich schließlich auf das breite, weiche Sofa fallen. Alles war gut … Mucke, Leute und Helgas Rotweinbowle, von der ich eindeutig zu viel getrunken hatte. Vielleicht hätte ich nicht auch noch an dem Joint ziehen sollen, der draußen auf dem zugigen Balkon rumgegangen war.

Aber egal, worüber machte ich mir eigentlich Gedanken? Auch wenn dies Pauls Geburtstagsparty war, gab es für mich allen Grund zu feiern. Erst vor einer Woche hatte ich mein Baby abgestillt und dabei eine – bis dahin unbekannte Schwermut – empfunden, die bis zu diesem Abend angehalten hatte.

Aber, jetzt war es vorbei. Alles gut überstanden. Den Nervenkrieg mit Niclas’ Erzeuger, dem Arsch, der sich dann auch kurz vor der Geburt aus dem Staub gemacht hatte. Die Geburt … die erste Zeit mit dem Kleinen … die Schwangerschaft war toll gewesen. Ich war mir noch nie so schön vorgekommen wie während dieser Zeit. Meine langen schwarzen Kringellocken hatten geglänzt wie nie zuvor und mein sehr schmaler Körper hatte ein paar Rundungen bekommen. Eines Abends hatte Paul mich angesehen und gesagt: » Emi, ich sehe es genau, du leuchtest ja richtig von innen.« Paul, der Mann meiner besten Freundin Helga, süß und etwas verrückt. Er musste es wissen, er arbeitete im Weser-Krankenhaus als Assistenzarzt auf der Gynäkologie. Er hatte mich auch dazu überredet, demnächst eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen. Ich musste mein Leben ändern, schon wegen der Verantwortung, die ich für Niclas trug. An diesem Abend hatte ich ihn bei meinen Eltern geparkt. Sie sind großartige Menschen und die besten Großeltern, die es für Kinder geben kann. Obwohl ich mit ihm nur eine Etage über ihnen wohnte, hatte Niclas bei ihnen alles, sogar ein eigenes Zimmer mit Babybett, Wickelkommode und Ersatzklamotten. Überhaupt, meine armen Eltern. Was hatte ich ihnen in der Vergangenheit bloß alles zugemutet?

Es lag mir fern, plötzlich enthaltsam zu werden, aber ich musste an Niclas denken, der brauchte eine beständige Mutter und keine, die ewig von einer Beziehung in eine nächste, meist noch chaotischere, schlitterte.

Seit langem war mir kein Mann mehr zu nahe gekommen, auch nicht Niclas’ Erzeuger. Männer waren Feiglinge und bekamen anscheinend einen verstärkten Fluchtreflex bei dem Anblick von dicken Babybäuchen, Kinderwagen oder stillenden Frauen. Ich wiegte mich zu der Musik hin und her und summte dabei. Alles drehte sich, als ich die Augen schloss. Hat eine geile Stimme, diese Sängerin Melanie, dachte ich.

Als ich die Augen wieder öffnete, erblickte ich Robert Hagedorn, der auf dem flauschigen Teppich vor meinem Sofa saß. Ausgerechnet Robert, der auf dem Gymnasium mal zwei Klassen über mir gewesen war und ein schrecklich arroganter Schönling! Robert, der ein unglaublicher Kotzbrocken sein konnte, mit seiner besserwisserischen Art, mit der er sich damals erfolgreich die Mitschüler vom Hals gehalten hatte. Eigentlich mochte ich Sonderlinge wie ihn. Aber er! Er war einer von der Sorte gewesen, an dessen verschlossener Art man sich die Zähne ausbiss. Außer Paul natürlich, der jeden und alles verstand, hartnäckig war, und der ihn als so was wie einen Freund bezeichnete. Wie verdammt gut Robert aussah, ich konnte kaum wegsehen. Würde ich inzwischen lallen? Ich dürfte mich in kein Gespräch verwickeln lassen, schon gar nicht mit Robert, der mich wahrscheinlich gleich fragen würde, warum ich damals, nach drei Jahren, das Gymnasium abgebrochen hatte und heute noch ohne Beruf dasaß. Ich, Emilia Weber, die Rakete im Sturzflug.

Was hatte ich schon alles versemmelt? Erst hatte ich meinen Realschulabschluss mit Ach und Krach auf der Handelslehranstalt nachgeholt, und später, nach knapp einem halben Jahr Lehre als Bürokauffrau, einer schrecklichen Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes das Weite gesucht. Der Versuch, eine Ausbildung als medizinische Bademeisterin durchzustehen, schlug bereits nach zwei Monaten fehl. Ich konnte mich absolut nicht mit dem Gedanken anfreunden, ein Leben lang mit einem Beruf auskommen zu müssen, den ich nicht voll und ganz liebte. Zwischendurch hatte ich mich mit meist mies bezahlten Jobs über Wasser gehalten. Aber damit war jetzt Schluss, ich freute sich schon darauf, demnächst diese Ausbildung beginnen zu können.

Robert kniete inzwischen neben dem Sofa und sah mich ständig an. Seine langen, blonden Haare fielen auf mein Gesicht, als er mich küsste.

»Ich fand dich schon immer anders als die anderen Mädchen. Du warst netter zu mir und nicht so puppenhaft und schrill. So was kann ich an weiblichen Wesen überhaupt nicht leiden«, sagte er zu mir.

»Ich fand dich früher saublöd«, rutschte es mir raus. Dabei wunderte ich mich, noch einigermaßen klar sprechen zu können.

»Und jetzt?«, fragte er.

Ich schlang die Arme um Roberts Hals und zog ihn neben mich aufs Sofa. Dann strich ich ihm die Haare aus dem Gesicht und streichelte ihn sanft. Dabei berührte ich sein Antlitz mit meinen Lippen.

»Weiß ich noch nicht, bis jetzt gut.«

»Dann finde es raus, heute noch.«

»Hey ihr!«

Paul stand neben uns.

»Helga und ich, wir stellen euch unser Schlafzimmer zur Verfügung. Wollt ihr?«

»Wollen wir?«, fragte Robert und ich nickte ihm zu.

Er zog mich vom Sofa hoch. Paul grinste und drückte Robert zwei Stecklaken in die Hand, die die Aufschrift des Krankenhauses trugen, in dem er arbeitete.

Im Schlafzimmer beobachtete ich Robert dabei, wie er fein säuberlich die Laken auf die Matratzen des Ehebettes zog. Er bestand darauf, das Licht im Zimmer an zu lassen, weil er genau sehen wollte, was er mit seinen großen, schmalen Händen anfasste. Obwohl ich das den Raum kannte, fand ich ihn in der Nacht besonders karg ausgestattet, nicht nur der Aufdruck auf den Stecklaken erinnerte mich an ein Krankenhauszimmer. Ich registrierte die weißen Wände, die weiße Bettwäsche und genoss den intensiven, kühlen Blick aus Roberts graublauen Augen. Wie er über meinen Körper glitt. Immer und immer wieder. Er bekam nicht genug davon.

»Meine Oberschenkel sind zu dick.«

»Oh nein.«

Robert drehte mich zum x-ten Mal in dieser Nacht auf den Bauch. Er fuhr mit der Hand über das große Muttermal zwischen meinen Schulterblättern.

»Es hat mich vorhin zuerst erschreckt und etwas gestört, aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt.«

»Gehörst du zu den Exorzisten, dass dich mein Hexenmal stört?«

Robert lachte. Es war so ein erotisches Lachen, mit einem kleinen Gluckser am Ende.

»Wer außer dem Leibhaftigen persönlich würde es lebend überstehen, die Nacht mit einer Hexe zu verbringen?«

»Oh Exzellenz.«

Auf allen vieren kroch ich im Bett umher und küsste die Innenflächen seiner Hände.

»Mit diesem Ding auf dem Rücken wirst du nie untertauchen können«, bemerkte Robert trocken.

Inzwischen war ich immer nüchterner und müder geworden. Draußen begann die Dunkelheit einem neuen Morgen zu weichen. Alle Lampen im Zimmer brannten noch. Robert kniete neben mir im Bett. Seine linke Faust war auf mich gerichtet, der Zeigefinger zeigte nach vorn, der Daumen nach oben. Es sah aus, als wenn er gleich auf mich schießen wollte. Es war eine Geste, die Robert schon zu Schulzeiten oft angewendet hatte. Jetzt fand ich es lustig.

»Bitte«, sagte er, »bitte ergib dich noch einmal.«

Danach schlief ich tief und fest.

Am Vormittag zauberte die Sonne etwas Farbe in das kahle, weiße Zimmer. Panik überkam mich. Es war nicht nur spät, sondern auch zwei Tage vor Ostern, und meine Eltern hatten nicht damit gerechnet, dass ich die ganze Nacht wegbleiben würde. Ich warf noch einmal einen Blick auf Roberts schönen Körper und auf sein markantes Gesicht.

Es würde das letzte Mal sein, dass ich ihn so sah, da machte ich mir nichts vor. Es sollte bestimmt eine Anspielung gewesen sein, dieses: »Ergib dich noch mal.« Eine Anspielung auf meine Passivität beim Sex. Ich war es nun mal, die sich dabei hinschmiss und die einen Mann brauchte, der diese Passivität auszunutzen verstand. Dabei liebte ich intensive Blicke, von denen Robert mir in dieser Nacht ganz viele geschenkt hatte. Vielleicht hätte es kuscheliger und dunkler sein können. Das Ganze hatte schon etwas von einer klinischen Operation gehabt. Entschlossen rüttelte ich Robert wach.

»Tschüss dann, ich geh jetzt«.

»Wieso haust du jetzt einfach so ab?«, fragte er verschlafen, sprang aus dem Bett, zog die Stecklaken ab, faltete sie ordentlich und legte sie zurück aufs Bett.

»Hast du mal im Krankenhaus gearbeitet?«, wollte ich wissen. Soweit mir bekannt war, studierte Robert im fünften Semester Jura.

»Guter Drill«, meinte er, »fällt mir schon gar nicht mehr auf.« Er hatte sich wieder hingelegt. »Komm bitte wieder ins Bett«, flehte er.

»Ich muss zurück zu meinem Kind, das ist bei meinen Eltern.«

Wie konnte einer wie Robert wissen, was in mir vorging?

»Weißt du, wie geil ich auf dich bin? Das Kind ist mit Sicherheit bei deinen Eltern gut aufgehoben«, sagte er, aber ich stand bereits angezogen in der Tür. »Bitte Emi, bitte beantworte mir noch eine Frage.« Robert setzte seinen alten Robert-Hagedorn-Blick auf, den ich noch vom Schulhof kannte. »Hat es dir schon mal jemand so besorgt?«

»Glaubst du, du warst mein erster Mann?«, schrie ich ihn an und knallte die Tür zu.

Die Todesfrage. Unglaublich. Er war auch nicht anders als die Anderen. Wie war ich? Ich, ich, ich! An was anderes konnten sie wohl nicht denken? Waren alle Männer gleich? Warum musste ich nur ständig auf solche Egozentriker stoßen?

Ich aß mit meiner Mutter zusammen zu Mittag, die den schlafenden Niclas anschließend auf einen Spaziergang mitnahm. Ich ging die Treppe hoch in die Wohnung über ihnen und fiel hundemüde und erschöpft in mein Bett. Diese Wohnung im Haus meiner Eltern zu besitzen, war, außer Niclas, das Beste, was mir je passieren konnte. Meine Eltern hatten das alte denkmalgeschützte Haus mit dem Laden im Erdgeschoss in der Fischpfortenstraße im Zentrum von Hameln erst vor drei Jahren gekauft, nachdem mein Vater sich aus dem gutbezahlten, aber unsicheren Job in der Wirtschaft mit einer Abfindung verabschiedet hatte. Mit diesem ›Kunst-, Trödel-, Briefmarkenladen‹ hatte er sich einen langersehnten Wunsch erfüllt. Das Haus war noch nicht fertig renoviert, aber es war schon jetzt urgemütlich darin. Wenn meine Eltern nicht zuhause waren, wurde es mir manchmal etwas unheimlich in dem alten Gemäuer. Dann war ich froh, dass Pan und Syrinx wachten, unsere Hunde, die ich vor zwei Jahren als Welpen angeschleppt hatte. Beides waren Mischlinge. In dem riesigen schwarzen Pan steckte mit Sicherheit ein Neufundländer, und meine Mutter hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie die großen Pfoten des Welpen bemerkte. Syrinx war ganz weiß und winzig, mit dem Temperament eines Terriers.

Mein Vater hatte sich die beiden wohlwollend angesehen, einen Kunstband vorgeholt, auf die Abbildung eines Gemäldes von Peter Paul Rubens und Jan Bruegel gezeigt, auf dem der Gott Pan die Nymphe Syrinx jagt, und gefragt, ob wir die Hunde so nennen wollen. Seiner Meinung nach könnte es nicht besser passen. Damit es keine erotische Jagd werden würde wie auf dem Bild, wurde die Hündin kastriert. Jetzt lag nachts Pan immer etwas träge neben meinem Bett, während Syrinx mal hier und mal da lag und bei jedem neuen Geräusch im Haus sofort zu bellen anfing.

Als ich erwachte, war es draußen schon dunkel. Mir war, als hätte ich die gesamten schlaflosen Nächte seit Niclas’ Geburt nachgeholt. Die Tür des Schlafzimmers stand offen, ich sah meine Eltern in der Küche sitzen. Mutter gab Niclas gerade das Fläschchen. Was für ein schönes Paar, dachte ich. Sie sahen beide noch so jung aus, als wäre Niclas ihr Baby. Oma und Opa, das passte wirklich nicht zu ihnen, und deshalb hatten wir uns auch geeinigt, genau wie ich es schon seit Jahren tat, sollte Niclas, wenn er erst mal sprechen konnte, auch Franziska und Konstantin zu ihnen sagen.

Später kläffte Syrinx, als die Türglocke läutete. Robert Hagedorn stand mit einem Blumenstrauß vor der Tür.

»Besuch für dich, Emi!«, rief Franziska.

Ich war hastig aus dem Bett gesprungen und in Hemd und Unterhose auf den Flur gerannt.

»Es tut mir leid, wegen der blöden Frage heute Morgen. Vergiss es bitte«, stammelte Robert.

Der sonst eher verschlossene Robert verstand sich auf Anhieb gut mit Konstantin, mit dem er noch am selben Abend in dem Laden im Erdgeschoss verschwand. Mein Vater war völlig von den Socken, dass es jemanden gab, der noch viel mehr über Kunst wusste, als er selbst. Aber so war Robert. Wenn ihn etwas interessierte, wollte er am liebsten alles darüber wissen. Franziska fand Robert gutaussehend, besonders geschmackvoll gekleidet. Und er hätte Benehmen, was auch nicht mehr selbstverständlich wäre in der heutigen Zeit.

Am Abend darauf besuchten wir alle gemeinsam das Osterfeuer. Treffpunkt war wie immer ›dort, wo die Wege sich kreuzen‹. Mit dem selbst gemachten Eierlikör von Helga hielt ich mich absichtlich zurück. Im Schein des Feuers fand ich Robert noch schöner. Später wiederholte sich das Ritual von neulich. Wieder genoss ich Roberts intensiven Blick, nur das Licht war wärmer. Ich registrierte die dunkelroten Wände meiner eigenen Wohnung, das blaue Bettzeug auf dem dunklen Dielenboden, den Mond, der durch das gardinenlose Fenster schien und den langgliedrigen Körper von Robert. Morgens schrie Niclas nach mir und wollte sein Fläschchen. Nachdem ich ihn aus dem Himmelbett genommen hatte, gab ich ihn Robert auf den Arm. Der schaukelte den Kleinen hin und her und wirkte schier verzweifelt, als das Geschrei immer lauter wurde.

In den darauffolgenden Wochen kam Robert immer vorbei, wenn er Zeit fand. Egal, ob Robert Tintenfische flambierte oder Spaghetti kochte, ob er ein Frühstücksei mit einem Hieb durchschlug oder mit seinen Händen über meinen Körper glitt, was er tat, das zelebrierte er irgendwie. Nach etwas Gelungenem streckte er meist die linke Faust vor, den Zeigefinger nach vorne gerichtet und den Daumen nach oben. Es hätte ein ›Peng‹ gefehlt, aber er sagte nichts, sondern setzte seinen kühlen, etwas überheblichen Robert-Hagedorn-Blick auf.

In finanziell rosigeren Zeiten hatte ich mal einen gebrauchten Käfer erstanden. Als ich das Auto gesehen hatte, musste ich es einfach haben, auch ohne einen Führerschein zu besitzen. Seitdem stand es die ganze Zeit bei Freunden im Schuppen rum. Jetzt fuhr Robert uns damit in der Gegend umher. Meist nahm er die Kiste einfach mit. Mir war es egal, wo er damit hinfuhr. Beim Kinderarzt hatten sie uns drei für eine nette kleine Familie gehalten, aber ich wusste es besser. Robert hatte mir unmissverständlich klargemacht, dass so was wie Familie für ihn nicht in Frage käme. Er wäre gerade dabei, sich von den überholten, verkrusteten Strukturen seines Elternhauses zu befreien. Mit dieser ehrlichen Aussage konnte ich etwas anfangen. Ich liebte Direktheit, auch wenn sie wehtat, und hasste verlogenes Getue und Gequatsche, genoss Roberts intensiven Blick beim Sex, die Tatsache, dass er einen Führerschein besaß, seine gelegentliche Kritik an meiner Person, besonders wenn es darum ging, dass er mich für völlig unpolitisch hielt, und fand es gut, dass er mir Distanz gewährte und nicht zu sehr in mein Leben eindrang. Trotzdem gab er mir viel und kümmerte sich ab und zu liebevoll um Niclas.

Manchmal empfand ich eine starke Verbundenheit oder gar Liebe für Robert. Ich glaubte sogar, dass er meine Gefühle erwiderte. Dann hatte Robert einen Blick drauf, der wie eine Aufforderung auf mich wirkte, auf die Straße laufen zu müssen, um irgendetwas anzuzünden. Ständig fragte ich mich, was hinter Roberts Brandstifterblick für Gedanken steckten. So nah kam ich ihm zu der Zeit aber nicht, dass ich das erfuhr.

Kapitel 2


Der Sommer 1975 sollte einiges in meinem Leben verändern. Endlich besaß ich einen Führerschein, was mich aber nicht davon abhielt, mich gelegentlich noch von Robert umherkutschieren zu lassen. Niclas, der Wonneproppen im Hause Weber, kommunizierte nun fleißig mit seiner Umwelt und konnte bereits alleine sitzen. Seine Krabbelversuche schlugen zwar noch fehl, aber er hatte eine Taktik entwickelt, sich so geschickt auf dem Boden umherzurollen, dass er beinah überall hinkam, wo er hinwollte. Es war anstrengender geworden mit ihm, man konnte ihn kaum noch aus den Augen lassen. In einem Monat würde meine Ausbildung beginnen, und dann bräuchte ich meine Mutter für Niclas. Meine Mutter hatte zwar süßsauer gelächelt und ›Ja‹ gesagt, aber ich wusste, wie schwer ihr die Zusage gefallen war. Franziska hatte jahrelang ihre eigene Mutter gepflegt, meine Großmutter, die auch Emilia hieß. Dann war Oma in demselben Jahr gestorben wie ihre Tochter Dorothea, meine Tante, Franziskas Schwester. Jetzt erst hatte sich meine Mutter langsam davon erholt, und eigentlich hatte sie vorgehabt, eine ›Verkaufsecke‹ für Edelsteine in dem Laden einzurichten. Franziska war überzeugt davon, Edelsteine würden nicht nur wunderschön aussehen, sondern auch große Kräfte besitzen. Sie hatte Seminare zu dem Thema besucht und viele Bücher gelesen.

Aber wenn man schon mal an sich selbst dachte. Es tat mir leid – wegen Franziska, aber Niclas brauchte eine Mutter mit einer Berufsausbildung. Es wäre ja nur für kurze Zeit, dann käme er in die Tagesstätte.

Ich war sehr verwundert, als Konstantin mir vorschlug, mit Robert mal ein paar Tage wegzufahren. Sie würden schon auf Niclas aufpassen. So könnte er Franziska mal zeigen, wie wunderbar sich ein Kleinkind in das Berufsleben integrieren ließ. Wie konnte ich nein sagen zu diesem verlockenden Angebot? Robert tauschte für die Fahrt meinen Käfer gegen den VW-Bus von Helga und Paul ein. Der Bus war hinten perfekt ausgebaut, mit einem Bett, auf dem man kuschelig in weichen Fellen lag. Decken und Kissen gab es in mehrfacher Ausführung, schmal, rund, eckig, die Bezüge von Helga selbst genäht. Paul hatte überall Kästen und Fächer eingebaut, die die unterschiedlichsten Sachen beherbergten: Küchenutensilien, ein Mikroskop, Bälle, Spiele, Klopapier und auch sonst alles Mögliche. Man konnte die Vorhänge an den Fenstern zuziehen, sie waren weiß mit gelb-blauen Zauberern drauf. Wir fuhren bei Timmendorf an die Ostsee und zogen von dort ein Stück die Küste hoch. Ein Fach unter dem Bett enthielt flaschenweise Spirituosen, was für mich ein abstinentes Reisen von Anfang an unmöglich machte. Leider war ich die meiste Zeit leicht betrunken und empfand deswegen eine tiefe Scham. Was ich tat, gehörte sich nicht. Schon gar nicht für eine erwachsene Frau mit Kind, fand ich.

Mir kamen Zweifel, ob ich mich jemals ändern könnte, dann wieder versuchte ich mich zu beruhigen, indem ich mir immer wieder selbst versicherte, ich hätte nie ernsthafte Alkoholprobleme gehabt. Allein Zuhause würde ich mich niemals volllaufen lassen, aber immer wenn sich mir in Gesellschaft die Gelegenheit dazu bot, trank ich zu viel, und es war wie eine Sucht, umher zu flippen und hemmungslose Sachen zu machen. So rannte ich zum Beispiel völlig nackt am Strand herum und provozierte damit die Leute. Ich fand, alle sollten so rumlaufen und endlich ihre blöde Verklemmtheit ablegen. Guckten die Männer mir hinterher, stritten ihre Frauen deswegen mit ihnen und zusammen taten sie ihren Kindern gegenüber so, als wäre was falsch daran, nackt zu sein. Dabei hatten Kinder eine völlig gesunde Einstellung zu ihrem Körper. Ich trat damit in viele Fettnäpfchen. Wäre der Alkohol nicht gewesen … Aber egal, beruhigte ich mich, am Strand würde mich ja niemand kennen. Nur noch dieses eine Mal, dann wollte ich für immer damit aufhören. Robert genoss das anscheinend, obwohl er selbst nie seine kühle Zurückhaltung verlor.

Robert machte mit meinem Fotoapparat eine Menge Fotos von mir: ich, nackt in der wellenlosen Ostsee, mit einer Qualle auf dem Kopf, ohne Qualle nackt, nass und nackt im Sand, im Bus, auf den Dünen …

Obwohl Robert der Fotograf war, gab es auch jede Menge Fotos von ihm. Auf allen war er nackt. Allerdings ließ er sich nur an verborgenen Orten fotografieren. Ich fand, er war das perfekte Modell, nur die Orte mussten für fremde Augen nicht zu sehen sein, dann präsentierte er sich gern.

Auf dem Rückweg legten wir einen Stopp in Hamburg ein. Dabei tönte ich rum, wie sehr ich Hamburg mögen würde und dass es ›meine‹ Stadt wäre. Früher hatte ich in den Ferien oft meine Tante Gertrud dort besucht. Als ich fünfzehn war, war ich meiner Tante nachts heimlich abgehauen und auf die Reeperbahn gefahren. Ich fand es schon immer aufregend, etwas zu machen, was meine Eltern nie erlaubt hätten und was mir sehr gefährlich vorkam. Dabei war mir nichts Schlimmes passiert und ich hatte meine heimlichen, nächtlichen Ausflüge in den folgenden Ferien öfter wiederholt.

Wir parkten den Bus auf einem Parkplatz unten an den Landungsbrücken. Ich gab mir besonders viel Mühe mit meinem Äußeren, drehte und wand mich vor dem langen, schmalen Spiegel im Innern des Busses. Leider sah man sich nicht ganz in dem Spiegel. Wahrscheinlich sah ich gut aus in dem knappen schwarzen Rock und den hohen Stiefeln. An dem Abend war es etwas frisch draußen und deshalb stülpte ich mir noch einen hüftlangen Wollponcho über das kleine rückenfreie Hemdchen. Natürlich war alles schwarz, ich trug nun mal gern schwarz. Das passte zu mir. Auch meine leuchtend blauen Augen umrandete ich schwarz. Das harmonierte mit meinen schwarzen Locken und dem blassen, sommersprossigen Teint, der jetzt von der Sonne leicht gebräunt war.

»Nicht die Lippen«, meinte Robert, der mich während der ganzen Zeit beobachtet hatte, »es reicht an Schminke, du siehst auch so traumhaft schön aus.«

Robert trug mal wieder Jeans und Hemd von einer teuren Markenfirma. Seine langen blonden Haare hatte er in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem Zopf geflochten. Robert war auf eine zurückhaltende Art eitel und ein wahnsinnig gut aussehender Mann. Er lächelte verstohlen, als ich ihm das sagte.

Ich fühlte mich so, als würde ich mich auf der Reeperbahn auskennen, dabei war ich das erste Mal in dieser Diskothek, in der ich mit Robert gelandet war. Nach dem zweiten Drink tanzte ich sofort, während Robert das machte, was er am liebsten tat: Menschen beobachten.

Nach einer ganzen Weile und dem vierten Drink sah ich, wie Robert sich mit einer sehr jungen Frau unterhielt. Die Musik war laut, und im Flackerlicht sah ich die beiden da stehen. Ich ging auf Robert zu und küsste ihn provokativ. Dann schrie ich der Frau ins Ohr, so dass er es auch hören musste.

»Er gehört mir zwar nicht, aber wenn du ihn haben willst!«

Robert brüllte mich an: »Hör auf mit dem Blödsinn!«

Die junge Frau warf mir einen wütenden Blick zu, bevor sie sich auf die Tanzfläche begab. Sie war ein kleines, zartes Geschöpf mit Schmollmund und einem äußerst puppenhaften Äußeren. Eigentlich so gar nicht Roberts Typ.

Warum starrte er sie dann so an?

An der Bar genehmigte ich mir noch einige Drinks. Wieder stand die junge Frau neben Robert. Ich schätzte ihr Alter auf höchstens siebzehn und entschloss mich, die Kleine ›Puppe‹ zu nennen. Das war zwar albern, aber der einzige Begriff, der mir dazu einfiel.

»Puppe, lass dich mal von ihm fotografieren!«, brüllte ich ihr ins Ohr. »Er macht super Fotos!«

»Ist er Fotograf?«, fragte die Puppe.

»Und was für einer!«, schrie ich.

»Bezahlt er für die Fotos?«, wollte sie wissen.

»Frag ihn doch selber!«

Inzwischen war mir das Ganze zu blöd. Er wollte keine Familie, also waren wir frei. Warum sollte Robert dann nicht mit anderen Frauen neben mir zusammen sein? Mit so vielen und so lange und so oft er nur wollte. Und ich auch. Mit so vielen anderen Männern, wie ich nur wollte. Alles in mir sträubte sich gegen diese Vorstellung, aber es war die ehrliche Version von dem, was bisher zwischen uns gelaufen war. Wir brauchten nicht mehr so zu tun, als würde sich aus unserer Beziehung noch mal was Ernstes entwickeln.

Während ich Robert umarmte, schrie ich ihm ins Ohr: »Ich gehe dann mal, wir treffen uns hier oder am Auto!«

»Spinnst du«, brüllte er zurück. »Wo willst du denn jetzt so alleine hin!?«

Kapitel 3


Schnell, mit großen Schritten, war ich nach draußen gestürmt. In der frischen Luft merkte ich erst, wie betrunken ich war. Es gab da einen Himmel über mir. Trotz des klaren, frischen Sommerabends vermisste ich die Sterne. Ich glaubte, mich dort auszukennen, aber plötzlich kam mir das alles sehr unbekannt vor und ich schlug einfach eine Richtung ein, irgendwo würde ich schon rauskommen. Ich wusste ja noch nicht einmal, wo ich hinwollte.

Erst kam da ein versteckter Winkel zwischen zwei Häuserfronten, als aber einige betrunkene Männer die Straße entlang kamen, entschloss ich mich, doch nicht dort zu pinkeln, sondern noch ein Stück weiter zu gehen. Ich merkte, dass ich leicht torkelte. Endlich fand ich eine Bar ohne Türsteher davor. Drinnen herrschte so eine plüschige Atmosphäre und die üblichen Figuren saßen an der Theke. Ich wollte nichts trinken, suchte nur das Klo. Ich ging in den Vorraum, von dort führte ein schmaler Gang zu einer Treppe, die runter zu den Toiletten führte. Auf dem Weg dorthin begegneten mir zwei Personen, die sich lebhaft unterhielten. Um die Treppen herunter zu kommen, brauchte ich das Geländer. Die meisten Türen von den Toilettenkabinen ließen sich nicht abschließen, und so versuchte ich, mit der Hand die Tür zuzuhalten, als ich in der Hocke über dem Klo pinkelte. Auf solche Klos setzte ich mich nie, wer weiß, wer da vorher drauf gesessen hatte. Draußen hörte ich Schritte, zielsichere Schritte.

Mit voller Wucht stießen zwei Männer die Tür meiner Kabine auf. Einer der beiden fasste mich mit einem schmerzhaften Griff, der so fest war, dass mir sofort klar wurde, wie ernst es war, ins Genick und presste meinen Kopf nach unten, gegen die Kabinenwand. Der andere zerrte meinen Rock hoch und zerriss die Unterhose. Er griff in meine Lenden und schob sein Glied in meine Scheide. Es wurde immer heftiger. Der Andere machte die Bewegung mit, mein Kopf schlug, genauso rhythmisch wie schmerzhaft, gegen die Wand. Es kam mir sinnlos vor, zu schreien. Ein Überfall! Ich hatte schon mal eine ähnliche Situation überlebt, weil ich nicht geschrien hatte.

Vernünftig sein, dachte ich, keinen Fehler machen. Sie werden gehen, wenn es vorbei ist.

Er war brutal mit seinen Händen und es hörte erst auf, als er, qualvoll für mich, in die hintere Öffnung meines schmalen Körpers eingedrungen war.

Hoffentlich gehen sie einfach so.

Ich hielt meinen Kopf extra nach unten, um zu demonstrieren, dass ich die Personen nicht gesehen hatte. Kühl bleiben. Nichts Hysterisches. Zumindest den Einen hatte ich genau gesehen, aber das brauchten sie nicht zu wissen.

Sie zerrten mich an den Haaren hoch. Mit einem Ruck wurde der Poncho nach unten gezogen, er saß jetzt wie ein zweiter Rock auf meinen Hüften. Ich zitterte, aber nicht, weil mir kalt war. Sie rissen die Kabinentür auf und führten mich, von beiden Seiten untergehakt, die Treppe hoch. Ein Mann kam die Treppe runter und guckte uninteressiert.

Nicht schreien! Ist es hier normal, was gerade passiert?

Sicher war ich das Opfer einer Verwechslung geworden. Schwarze Hose, schwarze Schuhe, rechts von mir der Mann. Groß, stabil. Lederjacke. Normal aussehend. Ein ehemaliger Nachbar von uns fiel mir ein, der hatte Ähnlichkeit mit ihm.

Wo wollten sie mit mir hin? Bekam ich überhaupt noch mal die Möglichkeit, das jemandem zu erzählen, oder wollten sie mich töten? Quatsch, das sind Scheißwichser, die Vergewaltigung spielen, beruhigte ich mich. Ich musste meine Rolle weiterspielen, welche Wahl blieb mir sonst noch?

Die Tür, die Straße, Autos, Menschen. Niemand schien sich zu wundern. Für einen Augenblick glaubte ich, Robert zwischen den Menschen erkannt zu haben.

»Hau bloß ab hier!«, rief ich ihm in Gedanken zu. Ein Wunsch, das alles. Der Wunsch, Robert zu sehen. Ich bekam Angst um ihn. Er durfte sich nicht einmischen. Hoffnung war jetzt das Zauberwort.

Sie zerrten mich zu einem Auto. Ein Reflex, ich wollte nicht einsteigen. Wie eine Reisetasche schob man mich auf die Rückbank. Eine Hand in meinen Locken drückte meinen Kopf an die Lehne des Vordersitzes. Turnschuhe und Jeans. Die schwarze Hose und die schwarzen Schuhe fuhren. Ich saß mit meinem Vergewaltiger auf der Rücksitzbank des Autos. Was hatten sie mit mir vor? Warum war´s das noch nicht gewesen? Ich musste ruhig bleiben. Niclas brauchte mich, ich musste ihn wieder sehen. Was mit mir passierte, war egal, Hauptsache, ich kam wieder nach Hause.

Welche Sprache sprachen diese Männer? Wer waren sie?

Am besten, ich würde es nie erfahren und sie würden mich einfach gehen lassen. Es gab ja Menschen, die mich gesehen hatten, also würden sie mich nicht einfach umbringen.

Ruhe bewahren, das Spiel mitspielen.

Das Auto hielt. Jetzt spürte ich den Zangengriff an meinem Arm. Raus aus dem Auto. Einen kurzen Schlag aufs Dach. Das Auto war schwarz, wie die Hose und die Schuhe, und fuhr weiter. Ich vermied, den Mann direkt anzusehen, aber er sah aus wie ein Durchschnittssportler. Vielleicht konnte er aggressiv aussehen, wenn er ein Spiel verlor. Aber nicht so, nicht im wirklichen Leben.

Er schloss das Tor eines eingezäunten Grundstücks auf, ich stand frei neben ihm. Für einen kurzen Augenblick dachte ich an Weglaufen.

Der Griff am Oberarm. Das Tor wurde von innen verschlossen. Von einer kräftigen Hand, ein Silberring am Mittelfinger. Wieder eine Tür und ein Schlüssel. Ich wurde jetzt nur noch geführt, nicht gezerrt. Wie ein willenloses Lamm, dachte ich.

Von drinnen sah das Haus aus wie eine Schule. Ein langer Flur mit Türen. Der Sportler öffnete eine Tür. Es gab hier offensichtlich noch andere Menschen, was mich etwas beruhigte. In Etagenbetten schliefen junge Männer. Einer war wach, machte sich hoch und gab dem Sportler einen Schlüssel.

»Verschwinde rechtzeitig mit ihr von hier«, flüsterte er, »du bist ja völlig wahnsinnig.«

Der Sportler schloss eine der Türen auf, ging mit mir in den Raum und knipste eine Stehlampe an. Die Wände des Zimmers waren weiß, ein Bett vor der Wand, ein Tischchen mit einem Sessel davor. Das Bett war mit einer Überdecke abgedeckt, blau mit groß gemusterten Mohnblumen, currygelbe Vorhänge vor den Fenstern.

Es war nur ein Knopf an dem Hemdchen, der in meinem schmerzenden Genick zu öffnen war. Er sprach meine Sprache. Keine unsympathische Stimme sagte zu mir auf Hochdeutsch: »Zieh den Rock und die Stiefel aus!«

Was sollte ich machen? Ich benahm mich weiterhin wie ein Lämmchen.

Er hatte eine extrem sportliche Figur und ein unauffälliges, etwas kantiges Gesicht. Die Adern an seinen Armen waren deutlich auf seinen Muskeln zu sehen. Eine silberne Uhr am Handgelenk, mit silbernem Armband. Er sah nicht aggressiv aus, wie nach einem verlorenen Spiel, aber sein Gesicht zeigte auch nicht, dass ihm das Spiel besonders viel Spaß machte. Ich empfand keine Scham, keine Wut und auch sonst nichts. War nur erschrocken über meine Gefühllosigkeit und meine Kälte. Ab und zu rammte er mir mit voller Wucht das Knie in den Schambereich. Dann sah er aus, als hätte er das Spiel verloren. Er zog mich heftig an den Haaren, ich versuchte in Panik, das Kopfkissen von meinem Gesicht fernzuhalten, damit er meinen Kopf nicht dort hineindrücken konnte.

Ich musste hier dringend wieder wegkommen. Alles andere war egal. Hauptsache, ich kam hier weg.

Ich legte mich zum letzten Mal auf den Bauch und er rammte sein Knie zwischen mein Gesäß, bevor er in mich eindrang. Ich hielt wieder verzweifelt das Kissen von meinem Gesicht fern, während er in meine Locken griff. Dann lagen wir nebeneinander in dem schmalen Bett.

»Warum machst du das?«, fragte ich.

»Weil ich Frauen suche, die für mich arbeiten.«

Er klang so normal, wie er aussah.

»Als Nutte?«, fragte ich.

Damit kannte ich mich absolut nicht aus, hatte aber nichts gegen Prostituierte. Aber wie kam er da drauf?

»Als was sonst?« Er grinste belustigt. »Das hier ist so ‘ne Art Sportschule. So was will ich mal selber haben. Und zwar bald. Dafür brauche ich Geld.«

»Ich habe ein sehr kleines Kind und arbeite als Krankenschwester«, sagte ich. »Was ich verdiene, genügt mir. Wirst du mich hier wieder rauslassen?«

»Was glaubst du denn, ich werde dich zu nichts zwingen. Du solltest aber besser nicht um diese Zeit im Dunkeln auf der Straße rumlaufen.«

Er stand auf, zog sich an und verließ das Zimmer. Ich wurde eingeschlossen. Schnell zog ich meine Sachen über und ging zum Vorhang. Nach draußen führte eine Terrassentür. Sie war verschlossen. Auch jetzt vermisste ich die Sterne am Himmel, die mich wenigstens etwas hätten trösten können.

Ich legte mich zurück aufs Bett. Es konnte alles nicht wahr sein. Was für ein kaltes Monster musste ich sein, dass ich das alles so einfach über mich ergehen ließ?

War ich die geborene Prostituierte? Gewisse Männer animierte ich wahrscheinlich mit meinem weichen, leidensfähigen Gesicht. Es wirkte wie ein Signal. Dabei war ich doch eine starke Person. Oder?

Ich lag wach, bis es draußen dämmerte. Hoffentlich entließ mich dieser Mann bald. Ich saß im Bett, als er die Tür aufschloss.

»Los, komm her!«, sagte er, als wäre ich seine Komplizin.

Er ließ mich auf das einzige normale Klo in einem Raum voller Pissoirs, weil ich nötig musste. Es brannte beim Pinkeln.

»Sei leise!«, befahl er mir, als wir den Flur mit den vielen Türen entlanggingen. Er schloss die große Tür auf und schob mich raus.

»Alles Gute für dich und dein Kind«, sagte er.

»Danke«, antwortete ich.

Vorne stand ein großes Tor auf. Ich ging schnell. Möglichst unauffällig sah ich auf die Hausnummer. Nirgends war ein Schild, auf dem Sportschule oder so stand, zu sehen. Sogar der gehäkelte Beutel mit meinem Geld hing noch an dem Gürtel meines Rockes. Zur Not befand sich auch noch etwas Geld in dem kaputten Futter meiner Stiefel. Hatte ich das wirklich erlebt? Mein Kopf schmerzte vom Alkohol und den Schlägen gegen die Kabinenwand. Ich hatte nichts weiter in mir als den Wunsch, nach Hause und zu Niclas zu kommen. Ich ging auf den nächsten Taxistand zu. Die Stadt war inzwischen wach.

Kapitel 4


Der Bulli stand noch da, wo er am Abend zuvor gestanden hatte. Entschlossen riss ich die Schiebetür auf. Robert hatte wohl nicht geschlafen, er sah völlig übermüdet aus. Er lag mit dem Mädchen aus der Diskothek zugedeckt auf dem Fell des Bettes. Augenblicklich machte er sich hoch und zog sich seine Hose über.

»Wo warst du? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«

Ich umarmte Robert. Der schob mich von sich weg und sah mich genau an.

»Du siehst furchtbar aus, Emi. Was ist mit dir passiert?«

»Ich bin mit so einem Typ mitgefahren und dann in einer Sportschule aufgewacht.«

»Ach ja, das soll ich dir glauben? Bekommt man davon blaue Flecken und ein Hörnchen an der Stirn?«

Ein Blick in den Spiegel. Tatsächlich hatte ich über der rechten Augenbraue einen stark angeschwollenen Bluterguss sitzen. Bauchschmerzen ohne Ende. Ich zog mich um. Robert taxierte meinen Körper.

Ich wusste, dass ich für alle Frauen, die noch nach mir auf diese Männer stoßen würden, zur Polizei gehen musste. Aber lief ich da nicht Gefahr, mein Baby zu verlieren?

»Was ist mit ihr?«, fragte ich, »hast du mit ihr? Geht mich ja eigentlich nichts an.«

Robert schwieg, schob dann einen Ärmel des weißen Rollkragenpullovers hoch, den das Mädchen trug. Ihre Arme waren total zerstochen.

»Wir müssen sie mitnehmen. Ich habe versprochen sie nicht alleine zu lassen«, meinte Robert. Also fuhren wir mit dem Mädchen, das hinten im VW Bus auf dem Bett schlief, zurück.

»Ich will nach Hause, nur noch nach Hause«, sagte ich.

»Hat das Schwein einen Namen? Weißt du, wer er ist?«, fragte Robert. »Ich bringe den auf der Stelle um.«

»Robert, eine Frage«, ich zögerte, »hältst du mich für gefühlskalt? Bin ich eine kalte Person?«

»Du? Du bist die wärmste Person, die ich kenne. Die zärtlichste, mit den schmalsten Schultern, die ich jemals an einer Frau gesehen habe.«

»Ich bin kein Opfer!«, fuhr ich ihn an. Ich hasste es, wenn man mich als zarte, schwache Frau ansah. Ich, das behütete Einzelkind, wollte schon immer verwegener und robuster als die anderen sein. Dafür hatte ich viel im Leben in Kauf genommen und war vor keinem aberwitzigen Abenteuer zurückgeschreckt.

»Du bist zu schade für die Welt und eigentlich viel zu schön, um frei rumzulaufen. Du brauchst wen mit besonders breiten Schultern, der auf dich aufpasst. Aber, wo wir schon mal beim Thema sind: Bitte, lass mich ein Opfer aus dem Schwein machen und erzähle mir endlich, was mit dir passiert ist.«

»Schon gut«, log ich, » lässt mich völlig kalt.«

Wir schwiegen.

»Wenn jemand Niclas was antun würde, den könnte ich töten«, sagte ich nach einer gewissen Zeit, »oder Eva.« Tatsächlich hätte ich jeden umgebracht, der meiner jüngeren Cousine Eva so was angetan hätte. So was, was mir gerade passiert war. Ich liebte Eva. Sie war vier Jahre jünger als ich und ich hatte sie immer als Schwester betrachtet.

»Du könntest niemanden töten. Du laberst doch auch nur rum. Wir wissen beide nicht, wovon wir sprechen«, fauchte ich Robert an. Seine Züge verfinsterten sich.

»Du weißt zum Glück gar nichts von mir. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Glaub mir, ich könnte es, ich könnte töten. Ich habe schon ernsthaft überlegt, ob die RAF für mich Verwendung hat.« Sein Blick wurde arrogant. »Aber du weißt ja noch nicht mal, wer das ist, oder?«

»Natürlich weiß ich das. Für wie blöd hältst du mich eigentlich?«

»Politisch für äußerst blöd.«

Ich hatte keine Lust zu streiten.

»Ich weiß, was Hass ist. Vor Jahren wollte ich mal meinen Vater töten«, sagte Robert.

»Warum?«

Es war das Letzte, was ich nachempfinden konnte.

Roberts Augen funkelten, als er mich ansah.

»Ich empfinde nur Hass für ihn. Er hat dieses sackartige, formlose Etwas aus meiner Mutter gemacht, dabei war sie so eine schöne, lebenslustige Frau. Aber er fühlt sich nur groß, wenn er andere kleinmachen kann. Er lässt auch Größe zu bei anderen, aber nur, wenn er sein Werk darin sieht. Wenn er sie manipulieren kann, verbiegen nach seinen kranken Vorstellungen. Er hat es mit uns allen versucht. Bei meiner Mutter hat er es geschafft. Sie besitzt kein Selbstwertgefühl mehr, geht kaum noch aus dem Haus. Seine Mutter ist die Größte, die wird von ihm vergöttert, und es ist selbstverständlich, dass sie alles benutzt und besitzt, was ihr Leben erleichtert. Sie steht nämlich auf dem Sockel, der auf diesem Fundament steht. Und weißt du, wie dieses Fundament heißt? Hagedorn! Eine große, selbstherrliche Sippe. Sie bestimmen, wer auf diesem Sockel steht, oder wer, wie meine Mutter, davor liegenbleibt. Du bekommst das Kotzen, wenn du dich da reindenkst. Er hält meine Mutter kurz, obwohl er als Bäderarzt und Privatdozent gutes Geld verdient. Arbeiten darf sie auch nicht, Frauen gehören ja ins Haus oder haben einen akademischen Beruf, dann aber bitte keine Kinder. Sie putzt und schrubbt und duckt sich. Äußerlichkeiten sind ja nicht alles, aber sie, sie besitzt seit Jahren nur einen Mantel, den sie im Sommer wie im Winter trägt. Er betrügt und quält sie.«

»Hast du noch Geschwister?«

Ich wunderte mich, dass ich noch nie mit Robert darüber gesprochen hatte.

»Ja, zwei ältere Schwestern. Ich mag sie auch ganz gern. Die sind schon eine Weile von zu Hause weg. Stell dir das vor, selbst während der schweren Krebserkrankung meiner Mutter war er zu geizig, eine Putzfrau einzustellen. Meine Schwestern schickten meiner Mutter dann heimlich das Geld dafür. Und sie tat ihm gegenüber so, als hätte sie sich das Geld von ihrem mickrigen Haushaltsgeld abgespart. Ich sag dir doch, der verdient ein Schweinegeld. Mir bläst er ja auch alles in den Arsch, weil ich ja angeblich inzwischen nach seinen Vorstellungen geraten bin. Wenn der wüsste. Deshalb will ich auch so schnell wie möglich zu Geld kommen, schon um meine Mutter freizukaufen, dann wird sie auch wieder völlig gesund.«

»Es muss doch einen Grund geben, warum sie bei ihm bleibt. Vielleicht ist da ja was zwischen den beiden, wovon du nichts mitbekommst, und sie will gar nicht von ihm weg.«

»Wenn du wüsstest, Emi. Nicht nur, dass er ein sadistisches Schwein ist, das Schlimmste ist sein Gleichmut und seine Gedankenlosigkeit anderen Menschen gegenüber. Wenn einer das Potenzial hat, anderen etwas zu geben, was sie glücklich machen könnte und er sie damit quält, es ihnen nicht zu geben. Ist das was anderes als Sadismus für dich? Ich versuche es erst gar nicht Emi, nachher werde ich noch genauso wie er. Er tötet meine Mutter mit seiner Lieblosigkeit. Das ist ein grässlicher Tod. Meine Schwestern und ich sind ihm entkommen, aber solche wie er verdienen auch nichts anderes als den Tod.«

»Du hast Recht«, sagte ich und überlegte, ob der von letzter Nacht auch den Tod verdiente, aber das war ja ein völlig anderer Fall.

Auf halber Strecke, Raststätte Brunautal, mussten wir anhalten, weil das Mädchen hinten im Bus rumrandalierte und unbedingt aussteigen wollte. Ich gab ihr erst mal zwei Kopfschmerztabletten und nahm selbst eine ein.

»Was machst du sonst so tagsüber?«, fragte Robert.

»Das geht euch einen Scheißdreck an, ihr verlogenen Arschgesichter!«, schrie das Mädchen.

Sie wirkte gar nicht mehr so puppenhaft, obwohl sie einen Kopf kleiner war als ich. Und ich bin schon nicht riesig mit meinen ein Meter siebzig. Die Kleine sah Robert wutentbrannt an.

»Ein toller Fotograf bist du!«

»Hast du das etwa ernst genommen? Bist wohl ein bisschen naiv, oder was?«, fragte Robert.

»Du Sau wolltest mich doch auch nur vögeln!«, brüllte das Mädchen und drosch auf Robert ein, »und dafür wolltest du mir Geld geben!«

Robert hielt ihre Hände fest.

»Ich habe dir fünfzig Mark gegeben, aber bestimmt nicht dafür.«

»Fünfzig Mark, was denkst du, was ich damit anfangen kann?«, schrie sie, kam mit ihrem Gesicht nah an Roberts und versuchte, ihn anzuspucken. Blitzschnell drehte Robert ihr den Arm auf den Rücken.

»Wenn du nicht sofort aufhörst und deine Klappe hältst, schmeiße ich dich hier raus, dann kannst du sehen, wie du zu deinem Zuhälter kommst.«

»Ihr könnt mich mal, ihr Arschfotzen!«, tobte sie.

Robert hatte ihren Arm immer höher gebogen. Er ließ sie los und schubste sie so, dass sie weinend aufs Bett fiel, wo sie unter die Bettdecke kroch.

»Da haben wir uns was eingehandelt«, meinte Robert, als wir vom Rastplatz zurück auf die Autobahn fuhren.

»Du hast dir was eingehandelt«, stellte ich fest.

»Zu Hause werde ich mal zum Arzt gehen«, sagte Robert.

Nach einigen Überlegungen beschlossen wir, das Mädchen bei uns ins Jugendzentrum zu bringen. Dort gab es Psychologen und Sozialarbeiter, kurzum, geschulte Leute, die sich auskannten.

»Ich kenne da einen«, sagte Robert, » der ist zwar nicht der Netteste, aber Hauptsache wir sind sie los.«

»Du bist sie los«, verbesserte ich ihn.

Später erfuhr ich, was der Psychologe Bernd Schuster an dem Tag dachte, als er uns ankommen sah, nämlich: Teufel die Pest! Da kommt ausgerechnet der jüngere Bruder meiner Ex über den Platz. Wie kommt Robert an die kleine, äußerst schmale Fixerin und eine schwarz gelockte Misshandelte, die ihre Wimperntusche noch in Nasenhöhe sitzen hat und eine gewaltige Beule über dem Auge? So was ...! Das hätte ich dem sonst so arroganten Robert, dem dressierten Vorzeigestück seines Vaters, nicht zugetraut.

»Wir haben einen Abstecher auf die Reeperbahn gemacht, und dort haben wir sie aufgegabelt…«, stammelte Robert, knallrot im Gesicht, rum.

»Aufgegabelt? Ihr habt mich weggelockt und mir erzählt, der da wäre ein berühmter Fotograf!« Die Puppe tobte so, dass sie kaum zu beruhigen war. »Das haben sie nur gemacht, damit diese Sau mich vögeln konnte!«

»Stimmt das, Robert?«, fragte Bernd.

»Na ja, ich gebe es zu, aber das mit dem Fotografen haben wir nie so zu ihr gesagt. Das ist ein Missverständnis.«

Sie rannte erneut auf Robert zu und trat mit voller Wucht gegen sein Bein. Bernd hielt sie fest und sprach beschwichtigend auf sie ein.

»Du solltest dich schämen, Robert. So was machst du also, wenn du nicht Papas Vorzeigeobjekt spielen musst. Bravo!«, meinte er dann zu Robert. Dem war die Situation oberpeinlich. Mir war es egal, was sie von mir dachten. Nach Hause, zu Niclas, sonst nichts.

»Mit so einfach abgeben ist das nicht getan. Ich möchte, dass ihr morgen um dieselbe Zeit hier noch mal auflauft. Nichts mit Ex und Hopp. Ich finde es voll Scheiße von euch, was ihr da gemacht habt.« Bernd war wirklich sauer.

Robert ließ mich hinter unserem Haus raus und wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Meine Eltern sahen mich total entsetzt an. Schrecklich, wie ihre Tochter aussah. Da stimmte doch was nicht. Ich kuschelte mich mit Niclas ins Bett und schwor mir, nie wieder ohne ihn für so lange Zeit wegzufahren. »Es wird alles gut«, sagte ich ihm. Pan legte seine große Schnauze auf die Kante meines Bettes und Syrinx rannte geschäftig umher.

Auch wenn es sich spießig anhört, dachte ich, Vertrautheit und Geborgenheit sind das Wichtigste im Leben. Und Liebe! Die wirkliche, die ich zu Niclas und meinen Eltern empfand. Und zu Eva. Der arme Robert. Er hatte nie viel davon abbekommen. Vielleicht von seiner Mutter? Plötzlich war ich mir meiner Verantwortung Robert gegenüber bewusst. Keine Spielchen mit einem wie ihm.

Am nächsten Tag holte Robert mich mit meinem Käfer ab und wir fuhren zum Jugendzentrum in der Kaiserstraße. Bernd war allerdings gerade mit einem Sozialarbeiter und einigen Jugendlichen auf dem Fahrzeugplatz. Hier wurden Autos und Motorräder repariert. Der Sozialarbeiter, der Henry hieß, stand Kaugummi kauend neben Bernd. Beide waren von Jugendlichen umringt. Wir holten uns unsere Standpauke ab.

»Wenn das noch einmal vorkommt, Robert, dann wünsche ich dir nur, dass du an den Richtigen gerätst, der dich nicht schont. Dann kannst du nämlich in den Knast wandern wegen Missbrauchs einer Minderjährigen. Schluss mit Jurastudium!«

Bernd hatte ganz schnell die Identität des Mädchens herausbekommen. Sie war erst fünfzehn Jahre alt und von zuhause abgehauen. Ein übler Kerl hatte sie von Rauschgift abhängig gemacht und zur Prostitution gezwungen. Ihre Eltern waren froh, ihre Tochter endlich wieder bei sich zu haben und verzichteten auf eine Anzeige gegen Robert. Wir hatten Glück, dass wir auf Bernd gestoßen waren. Ich verspürte eine Verbundenheit mit dem Mädchen und war froh, dass es auch wieder bei ihrer Familie war.

Kapitel 5


Obwohl wir uns ohne größere Diskussion vorgenommen hatten, uns nicht mehr so oft zu sehen, kam Robert auch jetzt beinah täglich aus Hannover, wo er studierte, bei mir vorbei. Wir trafen uns im Treppenhaus, als ich mich gerade auf den Weg machen wollte, Eva zu besuchen. Ausnahmsweise fuhr ich. Pan überfüllte den Beifahrersitz des Käfers. Hinten saß Robert mit Niclas auf dem Schoß. Syrinx stellte sich auf die Hinterpfoten, um alles, was auf der Straße vor sich ging, genau beobachten zu können. Dabei knurrte und kläffte sie, wuselte umher, guckte mal hier und mal da zum Fenster raus. Niclas quiekte bei dem Versuch, die Hündin zu schnappen, was ihm aber nicht gelang bei der quirligen Syrinx. Wir fuhren in Richtung Bad Pyrmont.

Ich hatte Eva seit drei Monaten nicht mehr gesehen, eine sehr lange Zeit. Für uns beide. Früher waren Onkel Ernst-Walter und Eva mindestens einmal in der Woche bei meinen Eltern vorbeigekommen. Aber seitdem mein Onkel vor einem Jahr diese Sybille von Grosche kennengelernt hatte, kam er gar nicht mehr und rief auch nicht mehr an, was er sonst beinah täglich getan hatte. Meine Eltern, die das gar nicht verstehen konnten, suchten krampfhaft nach einer Erklärung für sein Verhalten. Nach dem Tod von Tante Doro, Evas Mutter, hatten Franziska und Konstantin sich rührend um Ernst-Walter gekümmert. Für Eva waren sie schon vorher immer dagewesen. Für den Haushalt gab es seit Jahrzehnten Frau Müller, das Mädchen für alles, oder wie Onkel Ernst-Walter sie nannte, die Aufwartefrau. Frau Müllers Kinder waren längst ausgezogen. Sie wohnte mit ihrem gehbehinderten Mann, einem Frührentner, in einer bescheidenen Wohnung unten in der Ortschaft Welsede.

Walter ist ein Fachidiot, der im alltäglichen Leben einfach versagt, musste Konstantin immer wieder feststellen. Bis vor einem Jahr war er gut genug gewesen, für seinen Schwager den Kalfaktor zu spielen. Ernst-Walter beschäftigte zwar gelegentlich einen Gärtner, aber wenn Konstantin nicht an alles dachte – ob es das Holz für den Kamin war, das geschlagen, transportiert, gesägt und gestapelt werden musste, der Holzwurm die alte Standuhr zerfraß, oder ob eine neue Glühbirne eingeschraubt werden sollte ... Mit all so was kam Ernst-Walter nicht alleine zurecht. Um eine Glühbirne auszuwechseln, hätte er auf eine Leiter steigen müssen, denn die Lampen hingen sehr hoch unter den Decken des Landhauses.

Konservendosen öffnete Frau Müller immer, bevor sie ging. Beim letzten Versuch, es selber zu machen, hatte Onkel Ernst-Walter sich beinah den Daumen abgeschnitten. Ein Bild aufzuhängen, stellte eine unüberwindbare Hürde dar, weil er nicht in der Lage war, einen einfachen Nagel in die Wand zu schlagen, ohne sich dabei zu verletzen. Dabei kannte er sich mit Paragraphen und seinem selbstgewählten Fachgebiet, der Geschichte des Weserberglandes, aus wie kein anderer. Er hatte viel für die Region getan und war überall beliebt. Beruflich hatte Dr. Ernst-Walter Appenbrock bis zu seiner Pensionierung vor drei Monaten als Richter gearbeitet.

Ich fuhr mit dem Käfer durch die beiden geöffneten Tore des Anwesens und parkte neben den Säulen des ehemaligen Holzstalls. Jetzt sollte daraus eine Gaststube entstehen, daneben und schräg darüber ein Museum. Das Haus war deshalb wegen der Umbauarbeiten auf der Seite, auf der sich die Wohnung der Appenbrocks befand, total eingerüstet.

Wir fanden Eva und ihn im Park des Landhauses. Syrinx sprintete vorweg und Eva hüllte sich sofort in ihr übergroßes Handtuch, als sie Robert erblickte. Sichtlich verlegen versuchte sie so auf mich zuzugehen, dass Robert ja nicht zu viel nackte Haut sah. Sie war im Badeanzug, ausgerechnet heute. Es gelang ihr sonst immer, ihre üppigen Rundungen unter möglichst weiten Klamotten zu verbergen. Aber nun erwischte ich sie kalt, indem ich mit diesem gutaussehenden Robert unangemeldet vorbeikam. Von Robert hatte sie ja schon viel am Telefon gehört, aber dass er so gut aussah.

»Hallo, schön dass ihr auch mal kommt«, piepste sie gekünstelt. Eva hatte, aus welchen Gründen auch immer, wieder angefangen, wie ein kleines Mädchen zu sprechen. Sie begrüßte Robert, indem sie ihm die Hand gab, und dabei bemerkte ich die Andeutung von einem Knicks. Dann rannte Eva, so schnell sie konnte, die breiten, steinernen Treppen hoch, die zur hinteren Eingangstür des Hauses führten, und verschwand im Innern des Gebäudes. Sie musste sich ganz dringend etwas überziehen. Außer ihrem Vater hatte sie ja so noch nie ein Mann gesehen.

Mein Onkel, Dr. Ernst-Walter Appenbrock, legte seine Lektüre auf den Gartentisch, während er sich von seinem Stuhl erhob. Er war ein großer, stattlicher Mann mit vollem weißem Haar, der beinah immer lächelte. Sein gemütlicher, behäbig wirkender Gang und seine leicht vorstehenden Zähne im Oberkiefer verliehen ihm manchmal ein auf den ersten Blick etwas hilflos wirkendes Äußeres.

»Guten Tag, Emilia.«

Er ging an mir vorbei zielstrebig auf Robert zu. Er streckte ihm die Arme entgegen, überschwänglich schüttelte er Robert beide Hände.

»Endlich lerne ich den Herrn Studiosus auch mal kennen. Wie geht es Ihrem Vater, Herr Hagedorn? Leider habe ich Ihren alten Herrn länger nicht mehr gesehen. Wie Sie sicher wissen, waren sowohl Ihre Eltern wie auch meine verstorbene Gattin und ich, gemeinsam Mitglieder in einem kleinen privaten Wanderverein. Eine spaßige Sache. Der erste Vorsitzende, Herr von Meining, war ein guter gemeinsamer Freund von uns. Schade, der ist ja nun schon seit Jahren tot. Aber ich bin überzeugt, sein Geist weilt unter uns. So ein hervorragender Charakter vergeht nie. Kannten Sie den Herrn? Ach, was rede ich da? Da waren Sie ja noch ein kleiner Bub. Im wievielten Semester studieren Sie die Juristerei?«

Robert sah ihn eiskalt an. In seinem Blick steckte so viel Verachtung, dass ich erschrak. Onkel Ernst-Walters Blick war auch nicht viel herzlicher, aber es fiel nicht so auf, weil er dabei lächelte. Robert antwortete auf alle Fragen, die Onkel Ernst-Walter ihm stellte: Nein, er wohnt nicht mehr bei seinen Eltern und ist im sechsten Semester. Ja, die Schwestern sind auch schon ausgezogen. Nein, ihm ist nicht bekannt, dass seine Eltern mal in einem Wanderverein waren. Danke, der Frau Mutter geht es nicht so gut.

»Wir wollen eigentlich zu Morgenstern«, unterbrach ich ihr Gespräch, wenn man es denn so nennen konnte. Onkel Ernst-Walter sah mich herablassend von der Seite an. Ich wusste, was er dachte: Wie kommt die nur an den Sohn von Professor Artur Hagedorn? Was findet ein gebildeter Mann an einer wie ihr?

Er hielt nicht viel von mir. Seitdem er mit Sybille zusammen war, wurden ihm anscheinend viele Dinge auch wieder bewusst, die er in den vergangenen Jahren viel zu sehr in den Hintergrund gestellt hatte. Er hatte Franziska und Konstantin schon einmal darauf aufmerksam gemacht, dass sie in meiner Erziehung etwas versäumt hätten. Und dann bekam ich auch noch das uneheliche Kind von so einem dahergelaufenen Schauspieler, der dann ja auch sofort wieder verschwand.

»Muss das sein? Müsst ihr noch zu Morgenstern?«

»Ach bitte, bitte Papilein!«

Eva stand neben ihrem Vater und klatschte in die Hände. Ihre piepsige Stimme überschlug sich. Sie trug Reitstiefel und eine enge Reithose, darüber aber ein riesiges, beinah knielanges Oberhemd und eine Männerlederjacke. Um den Kopf hatte sie, wie immer, wenn sie das Haus verließ, ein Kopftuch gebunden, das im Nacken geknotet war. Ihre blonden, gewellten Haare fielen bis auf die Hüften. Die Macke mit dem Kopftuch hatte sie von ihrer Mutter, die nie ohne Kopfbedeckung aus dem Haus gegangen war.

»Ausnahmsweise Eva. Aber du weißt, auch in den Ferien muss man täglich etwas für die Schule tun!«

»Danke Papi, danke.«

Es ist schon peinlich, dachte ich, dieses idiotische Getue. Dabei wollte Onkel Ernst-Walter nur nicht, dass Eva etwas mit mir unternahm, und auch sonst war ihm jede Bekanntschaft von Eva sofort suspekt. Niemand war ihm für sein Kind gut genug. Deshalb hatte Eva auch keine Freunde. Am liebsten war ihm, wenn seine sechzehnjährige Tochter gemeinsam mit ihm etwas unternahm. Bloß, das passte seiner Bekannten nicht immer. Er hatte schon an ein Internat gedacht, aber das wollte Eva nicht.

»Endlich weg hier«, piepste Eva, als wir in dem vollbesetzten Käfer in Richtung Reitanlage fuhren. Eva saß auf dem Beifahrersitz, Robert fuhr. Sie errötete jedes Mal, wenn sie in seine Richtung blickte.

Die Friesenstute Morgenstern stand auf dem Paddock der Reitanlage. Sie wieherte und kam auf uns zugelaufen. Morgenstern war das Trostpflaster gewesen, das Eva nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Vater bekommen hatte. Seitdem nahm sie fleißig Reitstunden. Robert meinte, er hätte Respekt vor so großen Tieren und hielt sich zurück, als wir mit Morgenstern, den Hunden und Niclas im Tragetuch im Feld spazieren gingen. Auf einer abgemähten Wiese ritten Eva und ich abwechselnd ohne Sattel auf Morgenstern. Gut, dass es der Reitlehrer Herr Wille nicht sah, sonst hätte es wieder Ärger gegeben.

Als wir zurückfuhren, wirkte Eva gelöster, ja richtig glücklich. Sie bedankte sich für den schönen Nachmittag und vergaß manchmal sogar zu piepsen.

Kapitel 6


Auf dem Weg nach Hameln bog ich einfach von der Straße ab und fuhr mit dem Käfer in den Wald. Wegen Niclas fuhr ich nicht in ›meine Parkbucht‹, von wo aus ich sonst meinen liebsten Platz in diesem Wald erreichte, sondern hielt weiter oberhalb der Stelle auf einem Forstweg an. Jeder hat irgendwelche Lieblingsstellen. Bei mir war es diese kleine Lichtung im Wald, die ich vor Jahren mal zufällig mit Konstantin entdeckt hatte. Niclas war auf Roberts Arm eingeschlafen. Ich nahm den Kleinen und legte ihn vorsichtig auf die Rückbank des Käfers. Die Hunde ließen wir im Wald laufen. Ich legte mich mit Robert auf den weichen, piksenden Waldboden, der so aufregend verwegen roch. Ich war gern im Wald und besonders hier. Unten am Waldrand konnte es passieren, dass Spaziergänger vorbeikamen, aber hier war es eher unwahrscheinlich. Wir zogen uns aus und hängten unsere Sachen in die Äste des Gebüschs. Robert war ganz behutsam. Es war das erste Mal seit dieser Sache, über die wir nie wieder gesprochen hatten. Es war, als wenn er fragte: »Darf ich?« Ungewöhnlich für ihn.

»Glaub mir, ich bin okay«, sagte ich.

»Ich habe dich gesehen. In der Nacht. Du wurdest von zwei Männern zu einem Auto geführt. Du sahst mich an und riefst mir zu: Hau bloß ab hier!«

»Ich habe so was gedacht, aber nie gesagt. Ich habe weder gerufen noch geschrien, noch sonst was«, stellte ich entsetzt klar.

»Du hast laut gerufen.«

Ich kam gar nicht darüber weg. Hatte ich so unter Schock gestanden, dass ich davon nichts mehr wusste? Es war mir unbegreiflich.

»Du kannst dir alles von der Seele reden.«

Robert nahm mich sanft in die Arme, ich legte meinen Kopf auf seine Brust.

»Aber vorher muss ich dir etwas sagen, Emi. Ich liebe dich über alles, aber ich bin nicht der Mann, mit dem du …«

Ich hielt meinen Finger auf seinen Mund.

»Ich weiß«, sagte ich.

Ich hatte nicht geglaubt, dass es mir so schwerfallen würde, ihm alles zu erzählen.

»Ich verstehe es immer noch nicht«, sagte ich. »Wieso machen ganz normale Männer so was?«

»Sie wollen, dass du dich so fühlst, wie du dich gefühlt hast und wie du dich fühlen musst, um das zu überstehen. Sie wollen, dass dir alles egal ist, weil du glaubst, etwas völlig Schlechtes getan zu haben. Und dann, wenn sie dich von deiner Familie weggelotst haben und du an der Nadel hängst, dann holen sie dich großzügig aus dem Dreck. Großer Retter kümmert sich um kleine, gestrauchelte Prostituierte, die er selber erschaffen hat.«

»Ich glaube manchmal, für so einen Mist erschaffen worden zu sein«, hörte ich mich sagen.

Robert lachte. »Wenn ich nicht so ein blöder Idiot wäre, würde ich viele Kinder mit dir bekommen und immer bei dir bleiben. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.« Jetzt wirkte er bedrückt. »Meine wahre Passion muss ich wohl einsam in der Hölle ausleben, wie es sich als Sohn des Satans gehört.«

»Eigentlich ist es ja dramatisch mit uns«, meinte ich.

»Gut, dass wir den Schluss des Dramas nicht kennen!«, sagte Robert.

Ich nahm ihn an die Hand. Nachdem wir uns versichert hatten, dass Niclas noch schlief, liefen wir ein Stück durch den Wald, das Auto mit Niclas im Blick, bis zu der kleinen Lichtung. Menschen hatten ihre Gartenabfälle hier entsorgt und damit die Lichtung zu einem Wunderwerk der Natur gemacht. Die Vegetation hob sich hier von dem übrigen Wald ab. Wilde Rosen, Birken und das unterschiedlichste Buschwerk um-grenzten das hohe, mit Kissen aus Moos durchsetzte Gras. Wir wären gern noch dort geblieben, aber wegen Niclas liefen wir zurück. Robert lief leichtfüßig und elastisch, beinah lautlos durch den Wald. Wir blieben stehen, weil ich in eine Dorne getreten war.

»Kannst du dir vorstellen, dass ich früher immer im Wald gespielt habe? Ganz allein. Ich habe gespielt, ich muss vor der Polizei flüchten, weil ich...!« Er stockte. »Weil ich meinen Vater ermordet hatte.«

Er sah so wirr aus, dass ich mich gezwungen fühlte, etwas zu erwidern. Er sollte sich nicht schlecht fühlen. Er hatte immer so viel Verständnis für mich.

»Ich habe was Ähnliches gemacht. Mit einer Freundin. Auch so ein armes Einzelkind wie ich. Wir haben von zu Hause abhauen gespielt. Wir benutzten sogar eine Stoppuhr, um schneller zu werden als die Erwachsenen, die uns verfolgen würden. Wir bildeten uns ein, sie wären mit Mannschaften und Hunden hinter uns her. Ich wollte immer frei sein.«

Ich wusste, Robert war unheimlich ausdauernd und zäh, auch wenn man ihm das nicht auf Anhieb ansah. Paul hatte mal von einer gemeinsamen Kanutour berichtet, dass Robert eine Ausdauer wie eine Maschine hätte und der zäheste Bursche wäre, der ihm jemals untergekommen war.

»Wie findest du meine Cousine?«, fragte ich.

»Mit ihr muss dringend was passieren. Ich sage dir doch, solche selbstgefälligen, selbst total unzulänglichen Drecksäcke wie dein Onkel und mein Vater, die merken gar nicht, wie breit die Schneise der Verwüstung ist, die sie hinterlassen. Da kannst du nur wegrennen, oder…!«

Er streckte seine linke Faust vor, den Zeigefinger nach vorn und den Daumen nach oben.

»Halte dich morgen Nachmittag mal bereit. Ich will dir was zeigen. So eine kleine Demonstration. Was zum Abgewöhnen«, sagte Robert, als er mich, Niclas und die Hunde hinter unserem Haus rausschmiss und mit dem Käfer weiterfuhr.

Kapitel 7


Am nächsten Tag war es unheimlich heiß, tropische Temperaturen. Niclas planschte mit Franziska im Freibad und ich war gerade beim Wäscheaufhängen, als Robert kam.

»Soll ich mich umziehen?«, fragte ich.

»Nicht für den Zweck!«, sagte Robert.

Wir fuhren durch eine wunderschöne Landschaft, bis nach Holzminden. Vor einer zartrosa gestrichenen Villa hielten wir an. Mir fielen sofort die Löwenköpfe auf, die auf beiden Seiten neben der runden, ausladenden Treppe postiert waren. Sie waren aus rosa Granit und hatten ein hämisches Grinsen im Gesicht.

»Geschmacksache, ich würde mir solche Tiere nicht vor meine Bude stellen«, meinte ich zu Robert. Als ich merkte, dass er mich die Treppen hochführte, ärgerte ich mich über meine schäbige Aufmachung. Ich trug ein schwarzes, kurzes Leinenkleid, dazu ausgeleierte Sandalen.

»Was wird das?«, fragte ich.

»Ich sagte dir doch, eine Demonstration«, sagte er. »Egal, was passiert, nimm es locker.«

Robert klingelte an der Tür und eine ältere, ernst dreinblickende Frau öffnete.

»Guten Tag, Herr Robert, wie schön, dass Sie auch mal wieder den Weg zu ihrer Großmutter finden. Die alte Dame erwartet Sie im Speisezimmer. Weiß sie von der Begleitung, die Sie mitgebracht haben?«

»Ich hatte es ihr am Telefon mitgeteilt.«

Mir war unwohl, als ich den Geruch des Hauses einsog und das Gefühl bekam, mich in einer Kathedrale zu befinden. Die alte Frau saß im Esszimmer, auf einem der zwölf Stühle, die um den runden, aus dunklem, poliertem Holz bestehenden Esstisch herumstanden. Ihre schlohweißen Haare trug sie exakt und kunstvoll hochgesteckt. Sie blickte an mir vorbei und nickte Robert zu, ohne ihre Mimik zu verändern. Sie kann nicht aufstehen, um ihren Enkel zu begrüßen, dachte ich. Die Ärmste kann nicht. Ich bekam Mitleid mit der alten Frau und ging auf sie zu, die Hand ausgestreckt, um sie zu begrüßen. Sie sprach auf Französisch auf mich ein und wies mir mit Handzeichen einen Platz zu, weit von sich entfernt. Dann winkte sie Robert zu sich. Der gab ihr die Hand. Sie sprachen Französisch miteinander. Robert wurde ein Platz in ihrer Nähe zugewiesen. Es gab keinen Begrüßungskuss, keine Umarmung. Auch Robert machte keine Anstalten. Ihre Krähenaugen wirkten dunkel und kalt und ich dachte an Helga und Konstantin. Die waren ein Beispiel dafür, wie warm und herzlich braune Augen sonst dreinblicken konnten.

»Tee?«

Robert goss ihr aus einer schlichten Kanne Tee in die Tasse, die vor ihr auf dem Tisch stand. Er verzichtete darauf, sich selber etwas einzugießen, als er bemerkte, dass keine dritte Tasse auf dem Tisch stand. Robert und diese unsympathische Person sprachen weiterhin Französisch miteinander. Wie unhöflich, dachte ich, die kein Französisch sprach. Ich hatte damals in der siebten Klasse Latein gewählt. Für ein Jahr. Schwamm drüber.

»Wollen Sie sich nicht an unserem Gespräch beteiligen, Fräulein? Ich kenne ja noch nicht mal Ihren Namen.«

»Frau«, verbesserte ich sie, »Frau Emilia Weber. Wenn Sie wollen, können Sie auch Emi zu mir sagen. Leider spreche ich kein Französisch.«

Wieder wurde Französisch gesprochen und diesmal übersetzte Robert.

»Meine Großmutter fragt, ob du keine Schulbildung besitzt und was du so beruflich machst?«

»Sag ihr doch die Wahrheit, dass du mich stockbesoffen in einer Eckkneipe aufgegabelt hast und ich fünf Kinder von fünf verschiedenen Männern habe«, sagte ich auf Englisch zu Robert. Vielleicht hatte ich ja Glück und die Alte sprach kein Englisch. Und wenn doch! Was hatte ich bei der schon zu verlieren?

»So will ich dich hören«, erwiderte Robert auch auf Englisch, »ich wusste, du würdest so reagieren.«

Die alte Frau wirkte irritiert, damit hatte sie nicht gerechnet.

»Emi beginnt demnächst eine Ausbildung zur Krankenschwester, und sie hat einen süßen kleinen Sohn. Unehelich natürlich, wie sich das gehört.« Robert schien amüsiert zu sein.

Wieder wurde Französisch gesprochen. Robert übersetzte.

»Sie fragt, was ich mit so einer dahergelaufenen Zigeunerin will. Ob ich nicht aus den Fehlern meines Vaters schlau geworden bin, der hat auch nur so eine Lazaretthelferin ohne Bildung geheiratet.«

»Was hat deine Großmutter denn für einen Beruf?«, fragte ich provokativ auf Englisch.

Robert übersetzte. Die alte Frau stand auf. Sie wirkte so viel kleiner. Wäre das Ganze nicht so traurig gewesen, hätte ich laut losgelacht, aber so war ich nicht erzogen. Ich hatte Respekt vor dem Alter. Eigentlich.

»Hat Robert Ihnen nicht erzählt, wer ich bin? Ich bin die Witwe von Oberst Hagedorn, falls Ihnen das ein Begriff ist. Ich habe sieben Kinder zu dem gemacht, was sie heute sind: einflussreiche und wertvolle Menschen. Und jetzt gehen Sie bitte, bevor ich Sie aus meinem Haus entfernen lasse.«

»Du hast dich daneben benommen, Großmutter. Ich bin enttäuscht und werde jetzt auch gehen«, stieß Robert triumphierend hervor.

»Bitte, dann geh!«, sagte die alte Frau und machte Anstalten den Raum zu verlassen. Ich war schneller als sie, warf Robert einen wütenden Blick zu und stürmte nach draußen. Die Eingangstür hatte ich mit voller Wucht zugeschlagen.

Im falschen Film! Ich war im falschen Film gelandet. In einem miserablen Streifen mit zum Teil lächerlicher Besetzung! Trotzdem wartete ich auf ihn. Robert wirkte zufrieden, als er die Villa verließ. Ich ging auf ihn zu und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Sollte er meine aufgestaute Wut ruhig ordentlich spüren. Ein kräftiger Schlag! Er sollte merken, dass ich keine zarte, schwächliche Person bin.

»Du wirst mich nicht noch mal vorführen!«, schrie ich ihn an, »eigentlich müsste dir dein Vater leidtun!«

»Tut dir jemand leid, der dieses Spiel mitspielt und nichts daraus gelernt hat, als den Druck weiterzugeben?«

Ich ging schnell die Treppen runter, Robert folgte mir. Unten vor der Treppe angekommen, drehte er sich um und breitete die Arme aus, seine Fäuste zeigten auf die Löwen, die Zeigefinger nach vorn gestreckt und die Daumen nach oben.

»Päpäpäpäpäh, päpäpäpäpäh, päpäpäpäpäh!!!«

Er feuerte mehrere Salven auf die Löwen ab und lachte dabei wie irre.

»Mach so was nie wieder«, sagte ich während der Fahrt.

»Du warst klasse«, schwärmte Robert.

»Wenn sie dich jetzt enterben und dir den Geldhahn zudrehen? Wo würdest du dann das Geld für dein Studium und die teuren Klamotten herbekommen?«, fragte ich.

In gewissen Dingen bin ich nun mal praktisch veranlagt.

»Ich arbeite an meiner Unabhängigkeit. Dafür trainiere ich schon und mache mir meine Gedanken«, meinte Robert und blickte mich mit seinem Brandstifterblick an.

Niclas schlief schon fest in seinem Bettchen, in dem hellblau-weißen Kinderzimmer bei meinen Eltern. Die Hitze stand noch in meiner Wohnung, deshalb ließen wir die Fenster weit geöffnet und die Vorhänge im Wind wehen. Die Nacht hatte eine Abkühlung nötig. Ich brauchte nur zwei Teile ausziehen. Natürlich war das Licht an und dicke Nachtfalter kreisten um die Lampe. Vor ihnen habe ich Angst und verabscheute es, wie sie um meinen Kopf flogen. In dieser Nacht war alles anders als sonst. Wir stürzten uns aufeinander, wie zwei, die lange getrennt waren.

»Wir dürfen nicht mehr miteinander schlafen. Wir verletzen uns zu sehr damit«, sagte Robert, »wir verlieben uns immer mehr und … Emi, du brauchst was anderes. Etwas, was ich dir nicht geben kann. Ich würde dich unglücklich machen.«

Vor Traurigkeit schmerzte mein gesamter Körper.

»Lass uns Freunde bleiben«, sagte ich und drehte den Kopf zur Seite, damit er nicht mitbekam, wie meine Augen feucht wurden.

»Für immer die besten«, sagte Robert.

Ich fand sein Verhalten großartig. Unheimlich fair Niclas und mir gegenüber.

Kapitel 8


Nach den ersten Monaten meiner Ausbildung zur Krankenschwester wunderte ich mich, dass es mir nicht schon viel früher in den Sinn gekommen war, diesen Beruf zu erlernen. Das frühe Aufstehen, ich musste um sechs Uhr auf Station sein, fand ich wirklich ätzend. Aber es gab Blockunterricht und Spätschicht, was die Sache etwas auflockerte und erträglich werden ließ. Allerdings musste ich den fürchterlichsten Drachen des Krankenhauses zurzeit beinah jeden Tag ertragen. Schwester Veronika, die Stationsschwester der chirurgischen Frauenstation. Die Bedauernswerten, die ständig auf dieser Station arbeiten mussten. Als Schülerin durchlief man zum Glück alle Stationen und bald würde ich es hinter mir haben. Überhaupt war die Chirurgie nicht unbedingt mein Ding. Die Entbindungsstation mit den Babys und den Wöchnerinnen war da schon eher was für mich, und ich überlegte, ob ich nicht Säuglingsschwester oder Hebamme werden sollte.

Manchmal kam Paul auf Station vorbei, um mich zu besuchen. Dadurch war ich schlagartig in der Gunst der anderen Schwestern und Schülerinnen gestiegen. Paul, der ohnehin ein Charmeur war, machte dann seine für ihn typischen Späßchen und Bemerkungen. Weil ich das schwarze Haar unter meinem Häubchen zum Knoten gesteckt trug, nannte Paul mich immer ›Schwester Dolores‹.

»Was macht denn meine geliebte Schwester Dolores heute hier noch so außer Flamenco tanzen?«, fragte er. »Oh, ich sehe schon, ein Tänzchen mit dem Herrn Schieber, dem glücklichen Stinker!«

Oder er schnappte mich und zog mit mir im Tangoschritt über den Flur. Die anderen vom Krankenhauspersonal und die Patientinnen, die aufstehen durften und in ihren Bademänteln auf dem Flur entlangflanierten, amüsierten sich köstlich. Nur der Drache meckerte: »Vergessen Sie Ihre Arbeit nicht, Emilia!«

»Die wird mir eine schlechte Bewertung schreiben«, sagte ich.

»Nicht für diesen Tango«, frotzelte Paul.

Was so locker rüberkam, täuschte vielleicht etwas darüber hinweg, dass ich meist nicht abschalten konnte, wenn ich etwas Bedrückendes erlebt hatte. Das Schicksal der Patienten rührte mich sehr und ich nahm die Bilder mit nach Hause. Die älteren Schwestern versuchten mich zu beruhigen: Das wird besser, wenn man lange genug dabei ist, dann stumpft man irgendwie ab. Das war das Allerschlimmste, was ich mir vorstellen wollte, und es wäre ein Grund für mich gewesen, sofort mit der Ausbildung aufzuhören. »Abstumpfen«, wie sich das schon anhörte. Überhaupt wollte ich in keinem Bereich des Lebens mit den Jahren abstumpfen.

Endlich verdiente ich mal wieder eigenes Geld, wenn es auch sehr wenig war. Aber ich war wenigstens nicht mehr auf das Taschengeld von meinen Eltern angewiesen. Als Mutter Taschengeld zu bekommen, das passte in meinen Augen überhaupt nicht zusammen.

Kapitel 9


An diesem Tag war ich einkaufen gegangen. In der Zeit, die sich ›zwischen den Jahren‹ nennt, gab es viele Sonderangebote in den Geschäften und es fiel die Hektik der Vorweihnachtszeit weg. Ich stand in einem Plattenladen mit Kopfhörern auf den Ohren und war gerade vertieft in die Musik von ›Amon Düül‹. Niclas versuchte zu stehen und hielt sich krampfhaft an meinen Beinen fest.

Er hatte mich wohl schon etwas länger beobachtet, ich bemerkte ihn aber erst jetzt. Henry Wolff, den Sozialarbeiter, den Kollegen von diesem Bernd. Er stand mir direkt gegenüber, auch mit Kopfhörern auf den Ohren. Er starrte auf meine Beine, die wegen der klirrenden Kälte in einer dicken schwarzen Strumpfhose und gefütterten Stiefeln steckten. Den schwarzen Wollrock konnte man unter dem langen schwarzen Pullover nur ahnen. Ich wünschte mir, solche Blicke für immer festhalten zu können.

Er winkte mir zu, zerzaust wie damals, als er Kaugummi kauend neben Bernd Schuster gestanden hatte, und ich musste innerlich schmunzeln. So eine altrosa Cordhose, wie er sie trug, hatte Mick Jagger auf einem Poster angehabt, das mal vor Jahren an der Wand in meinem Zimmer hing. Wir nahmen zeitgleich die Kopfhörer ab.

»Hallo, ich bin Henry!«

»Emi, und das ist Niclas!«

»Hallo Niclas.«

Er kniete sich hin. Niclas beachtete ihn aber kaum.

»Was hast du denn gerade gehört, du warst ja völlig weggetreten.«

Seine dunklen, samtbraunen Augen. Diese raue Stimme. Der volle Mund.

»Amon Düül.«

»Finde ich auch gut.«

Wir hörten die Platte abwechselnd. Niclas durfte auch mal. Ich nahm ihm schnell die Kopfhörer wieder ab, weil er das Gesicht verzog.

»Hast du Silvester schon was vor?«, fragte Henry.

»Nein«, log ich und dachte: Helga und Paul werden es verkraften, wenn ich nicht komme.

Er schrieb seine Adresse mit Edding auf meinen Arm. Starke, kräftige Hände. Autoschrauberhände. Etwas verarbeitet.

»Ich werde Niclas mitbringen«, sagte ich.

»Natürlich, kein Problem. Er wird nicht das einzige Kind sein. Übrigens wohne ich in einer WG.«

Ein Wunder war passiert. Ich war total aufgeregt und fand, dass ich zu Silvester besonders gut aussehen musste, deshalb kaufte ich mir an demselben Tag noch schnell ein wadenlanges Strickkleid mit ganz großem, halsfernem Rollkragen. Schwarz, aus einer sauteuren Boutique.

Die WG in Holtensen, einem Ort unweit von Hameln, in der Henry zusammen mit Bernd, einer Frau namens Gabi und einem Pärchen wohnte, war wohl das Kramigste, was ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Unterschiedlich gemusterte Teppiche bedeckten den Boden. Entlang der Wände lagen Matratzen, darauf Decken und Kissen. Aus Schalbrettern gebaute Tische und Regale boten Platz für Bücher, Platten und jede Menge Hausrat. Die Atmosphäre war wirklich gut, in der Luft lag der süßliche Geruch von gutem Gras. Aus den Boxen der Anlage tönte die Musik von Bob Dylan. Meine gute Laune war schlagartig verflogen, als ich die Frau sah, die mit einem kleinen rothaarigen Jungen auf dem Arm neben Henry saß. Das Kind sagte Papa zu ihm. Ich fragte mich, warum er mich überhaupt eingeladen hatte und für welchen Freund ich wohl vorgesehen war. Er war ein Arschloch der besonderen Sorte. Er mit seinen Blicken und das, obwohl er Frau und Kind hatte. So ein blöder Wichser! Auch an diesem Abend sah er mich ständig an. Was dachte er sich eigentlich? Sah er nicht, dass ich Niclas umhertrug? Spielt man mit einer Mutter? Ausgerechnet jetzt musste auch noch dieser blöde Psychologe Bernd Schuster auf mich zukommen. Daher wehte also der Wind. Vielleicht war er es ja, der mich in dieser Silvesternacht abschleppen sollte. Mal was anderes. Eine, die schon mal was aufs Maul bekommen hatte. Das abgelegte Stück von Söhnchen Robert Hagedorn. Bestimmt interessant!

»Komm, ich glaube, ich muss mal mit dir reden«, sagte Bernd. Wir setzten uns auf eine Matratze. Das heißt, ich krachte mich hin, weil ich stinksauer war.

»Henrys Sohn heißt Daniel, und Gabi, die sich sehr viel um die beiden kümmert, ist das Beste was Henry passieren konnte.«

»Wie schön für ihn«, sagte ich und dachte, was quatscht mich dieser Idiot eigentlich zu.

»Nachdem Daniels Mutter kurz nach der Geburt mit ihrem Tutor durchgebrannt war und Henry mit dem Kind alleine dasaß, war Gabi die erste Hilfe. Verstehst du? Sie sind Freunde. Sie ist übrigens lesbisch. Also überleg dir, an wem du interessiert bist. An ihr oder an ihm.«

Ich lächelte Bernd an, der lächelte zurück. Vielleicht war er ja gar nicht der Verkehrteste.

Daniel war ein Jahr älter als Niclas und sagte ›Baby‹ zu ihm. Er war ein süßer kleiner Kerl mit dem Gesicht seines Vaters und den roten Haaren seiner Mutter, die irgendwo in Nepal rumtobte und nur ab und zu mal was von sich hören ließ. Aber nun schon länger nicht mehr. Da erging es ihm immer noch besser als Niclas, dessen Erzeuger vom Erdboden verschluckt blieb. Zum Glück, wie ich inzwischen fand.

»Sie wollte immer nur diskutieren«, sagte Henry.

»Was hast du gegen Diskussionen?«, fragte ich.

»Schade um die Zeit, die kann man auch verficken«, meinte er. Wenn er grinste, sah man seine schiefen Zähne und die Zahnlücke in der Ecke.

»Stimmt, gute Idee!«, prustete ich los.

Wir verstanden uns auf Anhieb. Auch gegen Morgen, als der angehende Tag das neue Jahr begrüßte. Unsere Söhne waren uns irgendwann, während der Unterhaltung, auf dem Arm eingeschlafen und wir hatten sie behutsam in Daniels Bett gelegt. Wir lagen längst eng umschlungen auf Henrys Matratze.

Er war nicht der Leidenschaftlichste. Und mit Sicherheit der größte Egoist, der mir jemals begegnet war. Als ich ihm beichtete, beim Sex gern passiv sein zu dürfen, wusste er damit nichts anzufangen und sagte: »Kommt gar nicht in Frage, beweg deinen Arsch!« Für ihn wäre Sexualität die normalste Sache der Welt und nichts anderes als eine intensive Art des Gesprächs.

Erst als wir uns zur Seite gedreht hatten, um zu schlafen, sah ich im Kerzenlicht sein Tattoo. Es stellte einen Wolfskopf dar und saß genau an derselben Stelle zwischen den Schulterblättern, wo sich bei mir das Muttermal befand, das er gar nicht bemerkt hatte. Ich streichelte und küsste ihn dort und war beeindruckt von seinen breiten Schultern.

»So eine blöde Jugendsünde. Wenn es woanders wäre, hätte ich es schon wegmachen lassen«, sagte er.

»Es stört mich überhaupt nicht«, meinte ich, »im Gegenteil, ich mag es, wenn Menschen sich mit ihrem Körper beschäftigen.«

Ich konnte es mir nicht erklären, aber ich musste es ja auch nicht. Ich war verliebt in ihn, nach so kurzer Zeit. Es war, als wäre ein Mensch in mein Leben getreten, den ich schon seit einer Ewigkeit kannte und den ich schon lange vermisst hatte. Wir frühstückten auf dem durchgesessenen Sofa in der Küche der Wohngemeinschaft und passten auf, dass die Kinder keinen Alkohol aus den halbvollen Gläsern tranken, die überall herumstanden. Im Hintergrund sang schon wieder oder immer noch Bob Dylan. Auf den Matratzen lagen Schnapsleichen oder schmusende Pärchen verstreut herum, bloß Gabi räumte laut fluchend auf.

Als wir auf die Straße traten, flockte Schnee vom Himmel und bedeckte die Silvesterknaller, die ausgebrannt und zahlreich auf der Erde lagen. Mein Käfer sprang mal wieder nicht an, besonders bei Kälte litt er unter dieser Krankheit. Bestimmt hätte Henry ihn zum Laufen bringen können, aber er bestand darauf, Niclas und mich zu fahren. Henrys Mercedesbus war noch geräumiger als der Bus von Helga und Paul und mindestens genauso perfekt ausgebaut. Obwohl er das Kramigste war, was ich…! Aber warum wunderte ich mich, nachdem ich diese WG gesehen hatte.

Noch an diesem Neujahrstag lernten meine Eltern ihren angehenden Schwiegersohn und ihren neuen Enkel kennen. Zwischen Henry und Konstantin entwickelte sich eine echte Freundschaft. Henry bewies sich als absoluter Praktiker, der die noch anstehenden Renovierungsarbeiten an dem alten Haus in der Fischpfortenstraße innerhalb von drei Monaten erledigte.

Im Herbst zog er mit Daniel und seiner Mischlingshündin Söckchen bei uns ein. Niclas und Daniel bekamen ein Piratenzimmer. Beide Jungs waren inzwischen im Kindergarten. Robert ließ sich öfter mal sehen. Er hatte sich äußerlich etwas verändert. Seine Haare trug er kürzer und er war kräftiger geworden. Er war innerhalb Hannovers umgezogen und studierte jetzt Medizin. Wenn Partys gefeiert wurden, war Robert jedes Mal anwesend. Henry und er liebten sich nicht gerade tief und innig, kamen aber miteinander aus. Robert lieh sich immer noch meinen Käfer, was für Henry das Allerletzte war. »Frauen und Autos verleiht man nicht«, pflegte er dann zu sagen, aber ich ließ mich davon nicht beirren.

Der Urlaub in diesem Sommer war das Schönste gewesen, was ich jemals mit einem Mann zusammen erlebt hatte. Wir waren drei Wochen lang mit den Kindern in der Bretagne unterwegs gewesen. So eine schöne und intensive Zeit mit Henry und den Kindern zu verleben, war das Größte. Der Strand. Das Meer. Wir hatten mit dem Bus direkt am Strand gestanden. An diesen Stränden war es völlig normal, nur in einem kleinen Höschen herumzulaufen. Die Nächte, die wir wegen der Kinder auf einer Decke vor dem Bus verbrachten, oder im Sand. Ich war total und absolut in Henry verliebt und fühlte mich längst völlig in ihm zu Hause. Ich war verblüfft, was er alles kann, sogar Gitarre spielen und wunderbar rau dazu singen. Auf Morgenstern ritt er umher, als wäre er auf einem Pferd zur Welt gekommen. Leider konnte er mit Eva nicht sehr viel anfangen. Wollte er auch nicht, sie war ihm als Mensch zu kompliziert. Onkel Ernst-Walters Person ging ihm nach eigener Aussage »total am Arsch vorbei« und er bezeichnete ihn als »dekadenten Volltrottel«. Was Henry nie beherrschte, waren die Zwischentöne. Er war absolut kein Diplomat. Ungehobelt wäre die falsche Bezeichnung für ihn gewesen. Er war ein Raubein. Und auch kein Schmeichler. Nicht jeder kam mit ihm zurecht, aber Niclas und Daniel liebten ihn. Die Jugendlichen, mit denen er beruflich zu tun hatte, mochten seine direkte, schnörkellose Art und dass er ihre Sprache sprach, dafür brauchte er sich nicht verstellen.

Kapitel 10


Ich hätte mich für den Fehler selbst ohrfeigen können, aber ich musste ihn ja unbedingt überreden, mir seine Eltern vorzustellen. Wir waren mit den Kindern ganz früh morgens losgefahren, die Eltern wohnten in der Nähe von Stuttgart. Die Mutter war eine kleine, freundliche, runde Person, die sofort auf Henry zuging und ihn herzte und küsste, ebenso tat sie es mit ihrem Enkel Daniel, den sie noch nie gesehen hatte. Henrys jüngerer Bruder Emmes, der draußen auf dem Hof seinen Manta reparierte, begrüßte uns nur mit einem »Hallo!« Er machte gar keine Anstalten, wegen des Besuches die Arbeit zu unterbrechen. Ich erschrak, als ich erfuhr, dass Henry seine Familie seit zehn Jahren, seit er siebzehn war, nicht mehr gesehen hatte. Es musste ein riesiger Bauernhof sein, auf dem wir waren, und ich fand mich komplett unpassend angezogen in meinem engen, schwarzen Minikleid und den Sandalen mit Pfennigabsätzen. Nirgends waren Tiere zu sehen, alles wirkte auf mich, als befände ich mich auf einem Fabrikgelände. Zwischen Henry und seinem Vater herrschte eine eisige Atmosphäre. Auch zu mir und den Kindern war der stur wirkende Endfünfziger eher abweisend. Henry führte mich in eines der ›Fabrikgebäude‹ und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Sieh es dir genau an. Weißt du jetzt, warum ich kein Fleisch esse und warum ich hier wegmusste?«

Es war wirklich ein grausiger Anblick, wie Rinder, eingeklemmt zwischen Stangen, sodass jede Bewegung unmöglich war, reihenweise in diesen Hallen standen. Jedes Eckchen, jeder Meter war ausgenutzt.

Henry brachte die Kinder und mich in die Küche zu seiner Mutter. Wir unterhielten uns über die Herstellung von Käsekuchen und sprachen über die Kinder. Henry war mit seinem Vater nach draußen gegangen.

Von dem Gespräch erfuhr ich erst später im Bus auf der Heimfahrt, nachdem Henry uns zum Aufbruch getrieben hatte. Ich war noch nicht mal dazu gekommen, mein viertes Stück Käsekuchen aufzuessen und mich von Henrys weinender Mutter zu verabschieden.

»Was war los?«, fragte ich.

»Weißt du, was der Sack mich nach zehn Jahren als erstes fragt? Ausgerechnet er. Wo hast du eigentlich diese Schlampe her? In welchem Nachtclub hat die denn vorher die Männer bezirzt? Er meint dich, Emi.«

»Und was hast du gesagt?«

»Ich fragte ihn, wie er auf so was kommt. Er daraufhin: Dafür habe ich einen Blick. Das glaube ich ihm. Ich habe ihn dann auch gefragt, ob er den Sex, den er braucht, immer noch im Puff sucht und ein Bild von Mutter mit Heiligenschein überm Bett hängen hat. Sie war immer nur für die Kinder da, obwohl, du hast das Kind ja gesehen, meinen Bruder, den Proll. Er kotzt mich an, mein Alter. Wir hatten mal einen richtigen Bauernhof mit allen Arten von Tieren. Ich habe meine Arbeitskraft und mein Herzblut da reingesteckt und war traurig, als mich meine Eltern für ein Jahr nach Amerika geschickt haben. Angeblich wegen der Bildung. Damals war ich fünfzehn. Als ich wieder kam, waren alle Tiere weg und mein Vater hatte diese Fleischzucht aufgemacht. Meine Träume waren weg, meine Pferde. Verstehst du, alles. Für mich zählt nur noch, was wirklich ist, und jetzt will ich nichts mehr davon hören.«

Mein Gott, der arme Henry. Ich konnte es nicht fassen. Und wie knallhart er war. Ein toller Typ.

»Sehe ich eigentlich nuttig aus, oder wie kommt dein Vater auf so was?«, fragte ich.

»Du siehst völlig in Ordnung aus«, sagte er, »vielleicht würde dir etwas mehr Farbe ganz guttun. Aber ich mag es auch ganz gern, wenn Frauen eine etwas verruchte Ausstrahlung haben.«

Verrucht? War es das? Wirkte ich so auf die Männer?

»Erinnere mich nicht mehr an meine Eltern und erschlag mich bitte rechtzeitig, wenn ich so werden sollte wie mein Vater!«, sagte Henry, bevor wir ausstiegen und die schlafenden Kinder in die Wohnung trugen.

Kapitel 11


Es war einer dieser bewölkten, verschleierten Tage, als ich mit den Kindern und den drei Hunden auf dem ›Autoschrauberplatz‹ stand, der zum Jugendzentrum gehörte, und auf Robert wartete, der sich mal wieder meinen Käfer ausgeliehen hatte. Selbst bei Regen bot das große Dach über einem Teil des Platzes mehreren Fahrzeugen und Personen genügend Unterstellmöglichkeit. An diesem Tag waren Henry, Bernd und einige Jugendliche trotz des miesen Wetters schon seit Mittag hier.

»Siehst du!«, meinte Henry, nach einer geschlagenen Stunde, »auf dein Auto kannst du lange warten, warum verleihst du die Kiste.«

Wir vernahmen das Klappern und Scheppern schon lange, bevor wir das Auto um die Straßenecke biegen sahen. Ich traute meinen Augen nicht. Der Käfer war völlig verbeult. Der Radkasten rechts über dem Vorderreifen schliff auf dem selbigen. Die Stoßstange war noch nicht ganz abgefallen und erzeugte einen Ton von Blech auf Kopfsteinpflaster, immer wenn sie auf die Erde schlug.

Robert bremste scharf, riss die Autotür auf, sprang aus dem Auto raus und rannte wie ein Wahnsinniger auf der Straße umher. Wir waren inzwischen alle auf die Straße geeilt, um uns das Schauspiel anzusehen. Roberts irrer Blick wechselte von einem zum anderen.

»Emi, kannst du dich noch an die Löwen vor ihrem Haus erinnern?! Na denen hab ich erst mal das Grinsen wegrasiert! Ich hab es ihr gezeigt, Emi!«

Robert brüllte und tobte wie von Sinnen. Ich dachte in dem Augenblick nicht an meinen Käfer, als ich in lautes Gelächter ausbrach. Robert prustete auch los. Nachdem wir eine Weile beide lachend umhergesprungen waren, fielen wir uns schließlich um den Hals.

»Ihr seid ja völlig irre!«, schrie Henry. Er trat so kräftig gegen meinen Käfer, dass die Stoßstange gleich abflog. »Ich mach da gar nichts dran!«, brüllte er, »der, der ihn in ‘n Arsch gefahren hat, soll ihn gefälligst wieder in Ordnung bringen!«

Was so was anbetraf, hatte Robert nun mal zwei linke Hände. Er hatte es nie gelernt, auf diesem Gebiet praktisch zu sein. Solche Leute wie er standen nicht gerade hoch in Henrys Gunst. Wer kein Auto reparieren konnte, war für ihn ein Schwachmat. Als Krönung des Ganzen zog Robert einen Hundert-Mark-Schein aus der Tasche und hielt ihn einem herumstehenden Jugendlichen hin, der natürlich sofort zugriff.

»Einmal ausbeulen!«, sagte er hochnäsig, woraufhin Bernd ihn als Aristokratenbrut beschimpfte.

»Ihr macht mir Angst!«, sagte Henry zu mir spätabends, als wir endlich im Bett lagen, »dieser Robert Hagedorn ist ein Psychopath und ein Schwachmat obendrein.«

»Das muss man verstehen«, meinte ich.

»Ich will so was erst gar nicht verstehen«, sagte Henry.

Kapitel 12


Wir heirateten am 10. Oktober 1978, an Niclas viertem Geburtstag. Wir waren uns darüber einig, dass wir gut auf Anzug, langes weißes Kleid und den ganzen anderen Krempel verzichten konnten. Ich war evangelisch-lutherisch getauft und konfirmiert und hatte mir vorher nie Gedanken über die Kirche gemacht. Jetzt war ich, extra Henry zuliebe, ausgetreten. Ich konnte aber nicht anders und hatte mir für den Tag ein schlichtes, weißes Kostüm geleistet. Weiß stand für mich für einen Neuanfang. Henry stellte pragmatisch fest, dass ich wie immer sehr gut aussehen würde. Der Rock des Kostüms spannte schon etwas über meinem Bauch. Ich war im vierten Monat schwanger. Die Frauenärztin hatte uns gesagt, wenn sie sich nicht total täuschen würde, bekämen wir Zwillinge. Besonders Henry war überglücklich, während ich diesmal nicht von Anfang an leuchtete. Ich würde meine Ausbildung kurz vor dem Abschluss unterbrechen müssen. Wieder etwas, was ich vielleicht nie zu Ende bringen würde.

Helga und Bernd waren unsere Trauzeugen. Wir feierten nach der standesamtlichen Trauung am Abend eine Polterhochzeit, die sich in keiner Form von den lockeren Feten unterschied, die wir auch sonst gelegentlich gaben. Meine Eltern waren froh, dass ich nach all dem Hin und Her und »na ja, sprechen wir nicht mehr drüber« nun doch noch so einen netten und liebenswerten Mann abbekommen hatte wie den Henry, von dem sie große Stücke hielten. Sogar Eva kam von ihrer Burg auf die Party. Die frischgebackene Abiturientin durfte jetzt endlich alleine aus dem Haus und sich zwischen das einfache Volk mischen. Eva hatte sich total verändert und sah hinreißend aus, in einem wollweißen Kaschmirpullover und engem, geschlitztem Rock. Der braune Hut harmonierte mit ihren blonden Haaren und gehörte zu den wenigen Sachen, die ihr von ihrer Mutter geblieben waren. Evas Stimme war nicht mehr piepsig, sondern klang selbstbewusster. Sie erzählte von ihrem Vater und seiner Bekannten, die, wie sie erst jetzt erfahren hatte, schon eine uralte Bekanntschaft war. Ihr verstorbener Mann und Onkel Ernst-Walter kannten sich aus Königsberger Zeiten, wo sie schon während des Krieges Kollegen gewesen waren. Eva machte kein Ge-heimnis daraus, dass sie Sybille von Grosche absolut nicht ausstehen konnte, und die Frau ihren Vater gegen sie alle aufbringen würde. Sogar gegen sie, Eva. Franziska nickte. Was könnte sonst noch der Grund dafür sein, dass Ernst-Walter so abrupt den Kontakt zu ihnen abgebrochen hatte? Da musste doch diese Frau von Grosche dahinter stecken.

Es war ein schönes Fest, obwohl einiges schief lief. Henry hatte erst noch Gitarre gespielt, später dann mit Bernd, der seine Querflöte mitgebracht hatte, Stücke von Jethro Tull vorgetragen, bis er, nach dem wievielten Glas auch immer, wild mit Gabi tanzte, während ich, die wegen der Schwangerschaft nüchtern geblieben war, sah, wie alles um mich herum in Feierlaune versank. Ich hatte beinah den ganzen Abend neben Robert gesessen. Er trank so viel wie noch nie und verschwand zwischendurch auch immer noch in dem kleinen Gärtchen hinter dem Haus, wo sich die Kiffer aufhielten. Plötzlich sah ich Robert auf dem Sofa nach hinten umkippen. Paul und Bernd schleppten ihn in unser Bett und Paul holte seine Arzttasche aus dem Bus, um ihn zu untersuchen. Er lehnte es ab, die Verantwortung zu übernehmen, weil er selbst zu viel getrunken hatte, und rief einen Rettungswagen, in dem er Robert ins Krankenhaus an der Weser begleitete. Bernd, der auch Alkohol getrunken hatte, ging die paar hundert Meter zu Fuß hinterher.

Paul und Bernd kamen bald zurück. Nichts Lebensbedrohliches, Robert wäre unter Kontrolle. Ich hatte noch einige ganz nette Gespräche und begab mich nachts irgendwann in unser Schlafzimmer. Das Bett roch noch nach Robert.

Henry kam mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages.

»Entschuldige bitte wegen der Hochzeitsnacht, die hast du dir sicher anders vorgestellt.« Er war sturzbesoffen und zog sich noch nicht mal mehr aus.

An diesem Morgen wurden die Kinder nicht ganz so früh wach wie sonst. Eva, Franziska und ich räumten auf. Mutter Franziska mit ihren Töchtern Emilia und Eva, dachte ich. Immer, wenn Evas Eltern Trouble miteinander gehabt hatten, was mehrmals im Jahr vorkam, hatte Eva bei uns gewohnt. Damals lebte unsere Oma noch und wohnte auch mit in dem Reihenhaus in Bad Pyrmont. Eva, Franziska und Dorothea, die ja leider tot war, ähnelten sich auf erstaunliche Art und Weise. Bloß Franziska trug ihre blonden Haare kurz. Alle drei liebten anscheinend elegante Kleidung. Wie man sah, hatte Eva ja inzwischen auch ihren Geschmack geändert.

Gegen Mittag machte ich mich auf den Weg ins Krankenhaus. Robert lag noch auf der Intensivstation. Ich streifte mir den Kittel über, desinfizierte meine Hände. Neben ihm war ein Wandschirm aufgestellt, hinter dem ich das röchelnde Husten eines Mannes hörte. Robert schlief noch, als ich mir einen Stuhl heranzog und mich leise neben sein Bett setzte. Ich genoss es, dazusitzen und die Gesichtszüge eines Schlafenden betrachten zu können. Mit meinen Blicken strich ich über seinen ausgeprägten Mund, die gerade Nase, die, wenn man genau hinsah, eine leichte Krümmung nach rechts besaß. Aber das fiel nur auf, wenn man wirklich sehr genau hinsah. Seine etwas hervorstehenden Wangenknochen in dem schmalen Gesicht. Die Augenbrauen, nicht wulstig, wie gezupft. Seine großen, gepflegten Hände mit den langen, schmalen Fingern, die leicht knochig wirkten. Er öffnete die Augen. Sein Blick war es, der mich faszinierte. Dieser durchdringende, hypnotische Blick aus seinen grauen Augen, die zwar hell waren, aber irgendwie auch dunkel. Er blinzelte verschlafen. Für einen Augenblick schien er vergessen zu haben, wo er war.

»Oh Emi, deine Schönheit tut weh. Ich musste mich gestern schon betäuben, um dich nicht ständig ansehen zu müssen. Bitte geh wieder, sonst werde ich gar nicht mehr gesund. Grüß Henry und sag ihm, er soll immer gut auf dich aufpassen und dich nie aus den Augen verlieren. Ich meine das genau so, wie ich es sage.«

»Du Spinner«, erwiderte ich, »ich hoffe, du wirst uns auch in Zukunft besuchen kommen, auch wenn ich jetzt in einer dir verhassten Institution verschwunden bin.«

»Es ist das Beste so«, sagte Robert.

Kapitel 13


Ich kam kaum noch aus dem Haus, dafür telefonierte ich umso mehr.

»Bitte Henry, könntest du mal eben bei der Arbeit rausspringen und Niclas und Daniel aus dem Kindergarten abholen und vorbeibringen? Ich weiß mal wieder nicht, wie ich hier wegkommen soll. Der Laden meiner Eltern ist voll, Kim hatte ich gerade gewickelt, jetzt hat sie schon wieder die Windeln voll und Linda brüllt wie am Spieß. Du hörst es ja.«

Er kam immer, wenn ich ihn brauchte. Ich konnte mich in jeder Lebenslage auf Henry verlassen. Die Zwillinge waren inzwischen ein halbes Jahr alt. Die Zeit, die hinter uns lag, war die härteste in meinem Leben gewesen. Obwohl Kim und Linda sich äußerlich ähnelten, beide hatten den vollen Mund und die braunen Augen von Henry, waren sie doch schon jetzt im Wesen unterschiedlich. Kim war die Kräftigere, die sich nahm, was sie brauchte, während Linda zarter und zögerlicher war. Natürlich stillte ich noch, obwohl das für Zwillingsmütter als beinah unmöglich galt. Paul jedenfalls betrachtete mich als so etwas wie das achte Weltwunder. Heimlich sehnte ich mich nach den ganzen durchzechten Nächten mit meiner Milchbar nach Normalität und Schlaf und einem Gläschen Wein und Henry und mehr Sex. Henry hatte mir gerade die beiden Jungen vorbei gebracht und war wieder zur Arbeit gefahren, als das Telefon klingelte. Eva war völlig aufgelöst.

»Bitte Emi, bitte komm sofort hierher. Mein Vater ist in Hannover bei Frau von Grosche. Die besitzt dort noch eine Wohnung. Ich hab es getan, Emi, ich habe den verbotenen Raum aufgebrochen. Du weißt doch, den Raum hinter der Küche, der schon früher zu unserer Wohnung gehörte. Wir haben uns doch schon immer gefragt, was da drin sein könnte.«

Ich erinnerte mich. Es handelte sich um eine Art größere Besenkammer, die sich neben dem Zimmer meines Onkels befand, das vorher das Schlafzimmer von ihm und Tante Doro gewesen war. Das Landhaus war über zweihundert Jahre alt und innen sehr verwinkelt. Die Form des Gebäudes stellte ein U dar. In der Mitte war ein gepflasterter Innenhof, in dem gen Norden liegenden Gebäudekomplex befand sich eine Rechtsanwaltskanzlei, Dr. Emmerich und Partner. Darüber gab es zwei Zweizimmerwohnungen. Die eine wurde von dem älteren Herrn Werner bewohnt, in der anderen lebte die geschiedene Frau Lege mit ihrer Mutter, Frau Bohr. Ich war in dieser Wohnung geboren worden und hatte auch meine ersten vier Lebensjahre dort verbracht. Konstantin hatte sich schon mal die Bemerkung erlaubt: »Wenn andere Leute ihre Leichen im Keller aufbewahren, so sind sie bei den Appenbrocks mit Sicherheit in diesem Raum versteckt.«

»Der Raum ist voll mit Sachen von Mutti. Interessant ist die Korrespondenz zwischen den beiden. Wusstest du, dass er sie auf niederträchtige Weise verachtet hat, bloß weil sie in russischer Gefangenschaft vergewaltigt worden war? Er ekelte sich vor ihr, und ich bin nur entstanden, weil sie ihm ein Kind versprochen hatte. Begreifst du das? Er hat sie mehrmals verprügelt, einmal brach er ihr sogar den Arm dabei. Emi, weißt du, was das bedeutet? Sie hat ihn nicht verlassen und ist ausgezogen, weil er ihre Sucht nicht mehr bezahlen wollte, so wie er es uns allen weismachte, sondern weil sie Angst vor ihm hatte.«

Es wunderte mich nicht, mein Gespür verließ mich selten. Onkel Ernst-Walter war mir schon immer unheimlich gewesen. Ich wusste, dass zwei Seelen in seiner Brust schlummerten.

»Emi, am besten, du kommst sofort!« Evas Stimme zitterte.

»Bitte Eva, begib dich nicht in Gefahr. Bekommst du denn die Tür des Raumes wieder so zu, ohne dass er es merkt? Ich kann hier leider nicht weg. Du weißt, die Kinder ... und ich bin ohne Auto.«

Eva stöhnte. »Ich werde das Schloss wieder so hinbekommen, sodass es nicht sofort auffällt, und die Briefe werde ich wieder in die Kisten legen, nachdem ich sie in der Bibliothek in Pyrmont fotokopiert habe. In dem Raum sind auch noch verschlossene Koffer und eine Metallbox. Bitte Emi, erzähl deiner Mutter nichts davon. Ich schätze Tante Franziska sehr, aber sie muss es nicht erfahren.«

Um Himmels willen, ich war entsetzt. Eva brauchte mich. Die Sache war spannend und gefährlich und mir waren die Hände gebunden.

Abends fragte ich Henry, ob er eine Frau noch genauso lieben könnte, wenn er wüsste, dass sie mal vergewaltigt worden wäre. Er wüsste nicht, was die Frage sollte, aber warum sollte er eine Frau nicht mehr lieben, bloß weil sie mal das Opfer einer Straftat geworden war? Damit war für ihn die Sache erledigt. Er fragte nicht viel, so war er eben. Wer nicht fragt, bekommt auch keine Antwort, dachte ich.

Am nächsten Tag kam Eva vorbei. Sie hatte die Fotokopien der Briefe bei sich. Kriege hatten dort in dem alten Landhaus stattgefunden, Dramen sich abgespielt. Was hatte ich als Kind davon mitbekommen außer den zahlreichen Selbstmordversuchen meiner Tante? Und Eva, immer dazwischen. Es war schwer zu begreifen, aber es wurde in den Briefen immer wieder erwähnt: Onkel Ernst-Walter war ein brutaler Schläger, der seiner Frau eine Vergangenheit vorwarf, für die sie nichts konnte. In einem der Briefe war auch noch von einem Bruder meines Onkels die Rede, von dessen Existenz weder Eva noch ich vorher etwas gewusst hatten.

»Ich werde mir eine Wohnung in Berlin nehmen und dort Lehramt studieren. Dann bin ich weit genug weg von Papa und seiner Sybille, aber leider auch von Morgenstern und euch«, sagte Eva. Sie fragte Henry, ob der ihr den Umzug machen könnte.

»Du wirst doch wohl nicht ernsthaft nach Berlin ziehen wollen?«, fragte Henry, der die Zwillinge auf dem Arm umhertrug. Aber Eva war es ernst. Henry versprach ihr, sich um Morgenstern zu kümmern. Er, der Pferdenarr. Er wollte sich ohnehin ein Motorrad kaufen, um mobiler zu sein. Sie schraubten die Maschine gerade auf dem Platz zusammen. Ich war zuerst hocherfreut, als ich hörte, dass ich dann ja immer den Bus für mich und die Kinder zur Verfügung hätte. Der Käfer hatte inzwischen ganz den Geist aufgegeben. Meine gute Laune legte sich, als ich mir vorstellte, mit den Kindern und den Hunden im Bus hinter seinem Motorrad her zu fahren oder mit allen zuhause zu sitzen, während er locker mal einfach so durch die Gegend brauste.

Ich stillte gerade ab und um Henry eins auszuwischen, entschied ich mich, gleich morgen zu Eva und Morgenstern zu fahren. Sollte er doch mit den Kindern zu Hause sitzen.

»Das ist ein Deal, ich bin froh, dass du mal hier rauskommst«, meinte Henry.

»Und du lernst gleich Frau von Grosche kennen.«

Eva freute sich.

Kapitel 14


So ganz allein im Bus über die Landstraße knattern, ich genoss es in vollen Zügen. Ich war eine vierundzwanzigjährige Mutter von vier Kindern, die mal eine Auszeit brauchte. Kaum zu fassen, dieses schöne Gefühl von Freiheit. Ich legte die Kassette mit der Musik von Jimi Hendrix ein. ›The wind cries Mary!‹

Im Wald angekommen, ließ ich die Zündung an und die Bustür geöffnet, sodass die Musik nach draußen drang und schmiss mich auf den Boden. Tränen verbanden sich mit dem lockeren Waldboden. Ich schrie ganz leise. Wie gern wäre ich nackt gewesen und mit Henry oder Robert. Oh Gott, ich musste den Gedanken aus meinem Kopf vertreiben. Warum hatte Henry nicht dieselben Wünsche wie ich? Vielleicht sollte ich ihn einfach mal in einen Wald entführen. Kannte er das unbeschreibliche Gefühl, nackt und zu zweit auf einem Waldboden dasselbe zu wollen? Was wusste ich von Henry, was seine Gefühlswelt in der Vergangenheit anbelangte? Eigentlich kannte sich ihn so gut wie gar nicht. Doch war ich mir sicher, dass es noch ganz viel mit Henry zu entdecken gab. Wir hatten ein gemeinsames, spannendes Leben vor uns. Er liebte die Kinder, sodass ich nie vor der Entscheidung stehen müsste: die Kinder oder er. Denn das würde schlecht für ihn ausfallen. Und wenn es mal so kommen würde, dass wir uns nicht mehr liebten? Es machte mir Spaß, solche Gedanken zu haben. Dann würde ich mir Robert fürs Bett nehmen und eine gute Mutter für die Kinder sein. Ich war frei, kein Stück abhängig von Henry. Ich brauchte diese Gedanken, denn Ehe hatte auch etwas Bedrückendes für mich.

Die Auffahrt zum Landhaus. Das erste Tor. Kopfsteinpflaster. Das zweite Tor. Mein Parkplatz, direkt neben dem Holzstall. Ich habe so viele schöne Erinnerungen an diesen Ort. Überhaupt erinnere ich mich bis heute gern an meine Kindheit. Geborgenheit und Liebe haben diesen Lebensabschnitt geprägt. Dafür bin ich meinen Eltern für immer dankbar. Später wollte ich meinen Kindern diesen Ort genauer zeigen. Irgendwie war es auch mein Haus. Evas Haus. Eva und ich, dachte ich, als ich auf den schwarzen Klingelknopf in der runden Messingscheibe drückte. Frau Müller öffnete. Sie machte immer sonntags hier sauber.

»Emilia du! Mädchen, wie gut du aussiehst als Mutter von drei Kindern. Das sieht man dir wirklich nicht an.«

»Von vier Kindern«, verbesserte ich sie.

»Na ja«, sagte Frau Müller.

Onkel Ernst-Walter und Frau von Grosche gab es als Paar erst seit wenigen Jahren, aber sie traten auf wie ein Ehepaar, das die goldene Hochzeit längst hinter sich hatte. Man sagt ja immer, dass gewisse Eigenschaften mit den Jahren auf den Partner abfärben. Bei meinem Onkel und dieser Sybille von Grosche war es das irritierende Dauerlächeln, was ihrem Auftritt in meinen Augen etwas Groteskes verlieh. Ich stand wie angewurzelt da, als die beiden wie eine Wand auf mich zukamen. Ihr Verhalten hatte Kalkül, das war mir schon klar, und dennoch vergaß ich augenblicklich meine Fragen. Warum er meine Eltern nicht mehr besuchte und anrief und was er denn eigentlich gegen mich hätte.

»Emilchen! Ich darf Sie doch so nennen? Kommen Sie Kindchen, setzen Sie sich doch hier in den Sessel. Abends ist das ja immer Walterchens Sessel, aber wir wollen ja keine strenge Platzordnung. Wie geht es Ihren Kindern?«

Frau von Grosche sprach den ostpreußischen Dialekt, wie ich ihn noch von meiner Oma kannte. Diese Sybille und mein Onkel setzten ihre Freundlichkeit wie scharfe Waffen ein und schafften es, ihr Gegenüber damit in Schach zu halten. Sie sah harmlos und nett aus, als sie mich in den großen, hellen Ohrensessel verfrachtete. Eva lag in einem hellbraunen, hautengen Minikleid ausgestreckt auf dem Sofa. Sie sah so aus, als wollte sie sagen: Das ist meine Wohnung und mein Sofa, und ich war schon da, bevor diese Schabracke in Vaters Leben getreten ist.

»Nimm dir Tee!«, sagte Eva, bevor Sybille von Grosche nur auf die Idee kam. Ich war gut erzogen, stand auf, stellte die zarten Tässchen auseinander, goss den Tee ein und reichte ihn den Anwesenden. Zuletzt stellte ich mir eine Tasse hin, nahm ein Gebäckstück, legte es auf den Untertassenrand und setzte mich wieder auf meinen Platz, in den Ohrensessel. Frau von Grosche guckte zufrieden wie eine alte Gouvernante, die einen Schützling beobachtet. Auch ich musterte Frau von Grosche. Die braunen, bequemen Gesundheitsschuhe, der cremefarbene, wadenlange Rock und die dezent gemusterte Bluse, alles teure, gute Qualität. Ihre kurzgewellten, graumelierten Haare brauchten ständig einen exakten Schnitt wegen der asymmetrischen Frisur. Sie wirkte älter als Onkel Ernst-Walter, und ich hielt es für fragwürdig, dass er sie sexuell begehrenswert finden könnte. Aber da gab es ja viele Unmöglichkeiten. Konnte ich mir meinen Onkel überhaupt als Liebhaber vorstellen? Die kleinen Härchen auf meinen Armen standen zu Berge bei dem Gedanken daran. Und was Eva von ihm erzählt hatte. Was verband die beiden?

Eva hatte sich bis zu der Sofalehne hochgeräkelt und flüsterte mir zu: »Achte mal auf den Schmuck, den sie trägt. Die Heiligtümer von seiner Mutter. So was hat meine Mama nie zu Gesicht bekommen.«

Der Schmuck passte überhaupt nicht zu der Frau, fand ich. Der dicke, mit roten Rubinen besetzte Ring an den prallen, kurzen Fingern und die Kette dazu, die man vielleicht zu einem schlichten, schwarzen Kleid in der Oper tragen konnte. Wenn man denn in die Oper ging. Die beiden sahen eher so aus, als würden sie lange Wanderungen unternehmen, Ottensteiner Hochebene, Teutoburger Wald oder Ähnliches.

Ich war so in ihre Gedanken vertieft, dass ich gar nicht mitbekam, was Onkel Ernst-Walter mich fragte.

»Wie bitte, was sagtest du?«

Er wiederholte etwas genervt: »Emilia, du hast ja von Evas Absicht gehört, in Berlin Lehramt studieren zu wollen. Eva erzählte mir auch, dass ihr es voll unterstützen würdet, dass sie dorthin geht. Warum überredet ihr sie zu einem Schritt, dem sie wahrscheinlich nicht gewachsen ist?«

»Wieso«, sagte ich, » ich überrede Eva zu gar nichts. Sie ist doch alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen.«

»Müssen Sie ihr denn den Umzug machen?«, fragte Frau von Grosche.

»Ich möchte, dass Emi und Henry auch sehen, wo ich lande, und du sparst das Geld für das Umzugsunternehmen, Vater«, meinte Eva.

»Wir sind bloß sehr besorgt um unser liebes Evchen«, bemerkte Frau von Grosche. »Mein Neffe und seine Frau sind auch der Meinung, dass eine Stadt wie Berlin für eine junge, unerfahrene Frau wie Eva viel zu gefährlich ist. Die beiden haben Erfahrung mit großen Städten, und ich kenne es aus Hannover, diese Rauschgiftsüchtigen und Kriminellen. Was sagst du dazu, Walterchen?«

»Ich hatte es bis vor kurzem jeden Tag mit Kriminellen zu tun, und dein Mann, Emilia, der kennt sich doch bestimmt gut mit Rauschgiftsüchtigen aus. Wer da erst mal drin ist und mit solchen Leuten in Kontakt kommt, ich weiß ja nicht, na der ist meist verloren. Du weißt, Eva, du bist von der Seite deiner Mutter her sehr suchtgefährdet. Sie hat sich indirekt mit ihren Schlaftabletten und ihrem Alkoholkonsum umgebracht.«

»Ich weiß, dass Eva kaum Alkohol trinkt. Von Rotwein bekommt sie sogar Pickel. Selbst auf unseren Feten konsumiert sie nichts, weder Rauschgift noch Alkohol.«

Es war mir rausgerutscht, am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen.

»Auf Ihren Feten, wie Sie es nennen, gibt es Rauschgift?«, fragte Frau von Grosche und sah Onkel Ernst-Walter siegessicher dabei an.

»Gelegentlich einen Joint«, sagte ich.

»Oh Mann, wie verstaubt!«, entrüstete sich Eva, »wir leben hier und heute und nicht im Mittelalter oder hinter dem Mond.« Sie verdrehte die Augen.

Wir verabschiedeten uns und gingen in Evas Zimmer. Der offizielle Teil der Audienz war zum Glück beendet. Ich hatte eine Platte von Melanie dabei, die ich auf den Plattenteller legte, dann schmiss ich meine Schuhe in die Ecke und tanzte barfuß im Zimmer herum.

»Was glaubst du«, fragte Eva und hielt mir ein großes Foto ihrer Mutter vors Gesicht. »War es Selbstmord oder nicht?«

»Sie hat zu viele Tabletten genommen«, sagte ich, immer noch umhertänzelnd.

»Wie ist doch egal, die Frage ist doch, ob sie es wollte oder nicht.«

Eva stoppte mich, ich war völlig aus der Puste.

»Eher nicht, ich glaube, sie wollte eigentlich noch leben.«

»Glaube ich auch. Die Selbstmordtheorie ist Quatsch. Ich weiß, dass sie es früher öfter mal versucht hat, aber sie war so lebenslustig. Hier…!«

Eva nahm einen Schuhkarton vom Tisch, in dem sich noch mehr Fotos von Tante Doro befanden. Wir sahen uns die Fotos gemeinsam an. Eva streichelte die schöne, lachende Frau auf den Bildern, die aussah wie sie. Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»Und das habe ich dir auch noch nicht gezeigt.«

Es war ein Brief des Bruders von Onkel Ernst-Walter. Anscheinend war er in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht. Dafür bedankte er sich bei seinem Bruder, wünschte ihm weiterhin alles Gute und ein erfolgreiches Leben. Hinten auf dem Brief stand ein Absender. Eine Berliner Adresse.

»Ich werde ihn besuchen, wenn ich in Berlin bin«, sagte Eva.

»Verstehst du das?«

»Bis jetzt noch nicht, aber bald«, sagte Eva entschlossen.

Eva zog sich um, dabei schmiss sie alles auf die Erde, was sie ausgezogen hatte und schlüpfte in ihre Reitsachen.

Wir ritten wieder abwechselnd auf Morgenstern und Herr Wille bekam ordentlich Grund zu meckern. Bevor wir gingen, streichelte und liebkoste Eva die Stute.

»Sie wird mir so sehr fehlen.«

Ich beruhigte sie. »Wir werden uns um sie kümmern. Besonders Henry, du weißt, wie vernarrt er in sie ist.«

Als ich Eva nach Hause brachte und vor dem ehemaligen Holzstall hielt, sah ich meinen Onkel mit Frau von Grosche und deren Neffe mit seiner Frau die breite Treppe vor der großen Eingangstür herunter kommen.

»Da ist ja das Gesocks!«, zischte Eva.

Ich tat so, als wollte ich nichts anderes, als Eva zur Tür begleiten, dabei wollte ich den Neffen und seine Frau nur mal aus der Nähe sehen. Wir begrüßten uns und auf den ersten Blick wusste ich, dass mit diesen Leuten etwas nicht stimmte. Mir fielen abgedroschene Begriffe wie Verbrecherbande, Gaunerpaar oder Mafiosi ein, obwohl ich mich innerlich sträubte, voreingenommen zu sein. Onkel Ernst-Walter musste blind sein. Er war Richter. Bei solchen Leuten setzte man doch eine gewisse Menschenkenntnis voraus.

Ich kam im Dunkeln zu Hause an. Henry war guter Laune. Er hatte genügend Hilfe. Gabi und Bernd schleppten die Zwillinge umher, Franziska und Helga brachten die Jungen ins Bett.

In dieser Nacht hatte ich einen unheimlichen Traum. Ich befand ich mich in ›meinem‹ Landhaus und ging die breite Holztreppe hoch, die zu dem Obergeschoß der Appenbrockschen Wohnung führte. Plötzlich war da noch eine breite Treppe, die zu einer Etage führte, die es in diesem Gebäude aber nicht gab. Ganz oben, auf einem Absatz, standen Onkel Ernst-Walter und Frau von Grosche. Sie lächelten und winkten mich zu sich. Mit jeder Stufe, die ich ihnen näherkam, wandelte sich ihr Lächeln mehr und mehr zu bösartigen Fratzen. In Panik lief ich die Treppen herunter und hatte beinah die Tür zum Park erreicht, als ich ein Wimmern vernahm. Ich konnte in den Raum neben dem Ausgang blicken. Eva lag in weitem Pullover und großer Hose auf dem Boden. »Mach die Tür zu, ich muss mich verstecken. Hier finden sie mich nicht«, sagte sie mit dieser piepsigen Kinderstimme. Ich sah mich um. In den Ecken des Zimmers versuchten dicke Nachtfalter sich aus klebrigen Nebelschwaden zu befreien. Ich hörte, wie ihre Flügel auf den Boden schlugen.

Schweißgebadet wachte ich auf. Es gab diesen Raum in dem Haus, dort bewahrten die Bewohner ihre Gartenwerkzeuge auf. Unter der Wohnung, in der Eva und mein Onkel wohnten, gab es noch ein Souterrain mit dem Ausgang zum Park, der terrassenförmig angelegt war. Die obere Stufe der Terrasse war zum Teil gepflastert und einige Räume konnte man nur von außen begehen. Zum Beispiel die Teestube am Fuße des Turms, die seit Tante Doros Auszug ungenutzt und verschlossen auf bessere Zeiten wartete. Direkt über der Teestube waren im Erdgeschoß des Turms die Wirtschaftsräume und darüber das Wohnzimmer der Appenbrocks untergebracht. Schräg darüber befanden sich auf dem riesigen Dachboden drei mit Erkern versehene Räume, die Eva und mir früher als ›Rückzugsdomizil‹, wie Onkel Ernst-Walter es nannte, gedient hatten. Von dem alten Gemäuer war ich schon immer fasziniert gewesen.

Ich blickte zur Uhr. Kurz nach Mitternacht. Henry schlief neben mir. Noch völlig eingenommen von dem Traum, sah ich nach den Kindern, auch sie schliefen alle vier tief und fest. Später saß ich mit den Hunden unten in dem kleinen Gärtchen hinter dem Haus, als Henry kam und mich liebevoll in den Arm nahm.

»Hast du mal wieder schlecht geträumt?«, fragte er.

»Ich glaube, Eva ist in Gefahr.«

»Du kannst dich im Augenblick nicht um alles kümmern.«

Zwei Wochen später fand diese Party bei uns statt, auf die ich mich so gefreut hatte. Aber es verlief mal wieder nicht wie geplant. Meine Eltern konnten die Kinder nicht nehmen, und so hielten die Kleinen Helga und mich den ganzen Abend auf Trab. Robert unterhielt sich angeregt mit Eva, die dann mit ihm im Piratenzimmer verschwand, um ihm die Fotokopien der Briefe zu zeigen, die sie in einem verschließbaren Aktenkoffer mitgebracht hatte. Robert war hochinteressiert und sah sich alles ganz genau an, auch die Fotos von Tante Doro. Henry trank viel und spielte wunderschön Gitarre, seine raue Stimme wirkte wie ein Aphrodisiakum auf mich. Später, als die Kinder endlich schliefen, tanzte er wieder nur mit Gabi. Noch nicht mal an so einem Abend konnte er mir zeigen, dass ich – und nur ich – ihm wichtig war. Er kam gegen Morgen ins Bett und schlief sofort ein, während ich in die Kissen weinte.

Kapitel 15


In den vergangenen Wochen und Monaten war mir bewusst geworden, was es heißt, eine Mutter von vier Kindern zu sein. Auch finanziell merkten wir, dass Henry der einzige Verdiener war und die Familie sich vergrößert hatte. Trotzdem hatten wir uns einen Urlaub mit Bus und Zelt an der französischen Mittelmeerküste geleistet. Wir mussten die Ferienzeit nutzen, denn Daniel wurde in diesem Jahr eingeschult. Niclas fand das saublöd, beneidete seinen Bruder und ging nicht mehr gern in den Kindergarten. Kim, die Frühstarterin, konnte schon längst laufen, während Linda, immer noch zaghaft, am liebsten auf allen vieren kroch. Henry brauste auf seinem Motorrad umher, tat aber sonst alles für die Familie, was er neben der Arbeit ermöglichen konnte. Und das war eine Menge. Er hatte mit Bernd für Eva den Umzug nach Berlin gemacht, bei dem ich zu gern dabei gewesen wäre, aber ich fand ausgerechnet an dem Tag niemanden für die Kinder.

Ab und zu kam Eva vorbei und wir fuhren zu Morgenstern. Eva sah hinreißend hübsch aus, war gut drauf und hatte mir bei ihrem letzten Besuch mitgeteilt, sie hätte jetzt einen Freund. Ich platzte fast vor Neugierde.

»Wer ist es? Wie sieht er aus?«

»Er sieht wahnsinnig gut aus«, schwärmte Eva, »er ist gebildet, lieb, interessant, witzig, einfach alles. Er hat wirklich alles, was ich mir nur wünsche, was ein Mann haben muss. Er ist großartig.«

»Hast du ein Foto von ihm?«

»Ich verspreche dir, du wirst ihn kennenlernen.«

Mit der Aussage gab ich mich nicht zufrieden, sondern bohrte immer weiter. Endlich hatte ich Eva weichgekocht.

»Mein Vater braucht nicht zu wissen, wer er ist, aber du kennst ihn schon. Du kannst dich doch noch an den süßen Justiziar erinnern, der vor ein paar Jahren bei Emmerich und Partner hospitiert hat. Weißt du noch, wie du für den geschwärmt hast? Weißt du, diesen Schönen, den du so geil gefunden hast.«

Ach, ich wusste…! »Du meinst doch nicht etwa Gerd Blusel, oder?«

»Blümel«, verbesserte Eva mich, »genau der.«

»Der ist doch verheiratet und hat Kinder.«

»Die Ehe ist längst kaputt. Ich traf ihn zufällig am Campus. Er hält ab und zu Vorlesungen an der Uni. Wir werden im Herbst zusammen nach Teneriffa fliegen. Ich freue mich schon wahnsinnig.«

Unser Tag begann relativ früh, dann war Kim wach. Linda musste meist geweckt werden, weil sie eine kleine Langschläferin war. Dann weckten wir gemeinsam die Jungs. Henry und ich machten die Kinder jeden Morgen zusammen fertig und wir frühstückten dann auch gemeinsam. Henry sagte, dass ihm etwas fehlen würde, wenn er nicht wenigstens die Mahlzeiten im Kreis seiner Familie einnehmen könnte. So was würde ihn fit machen für die ganzen stressigen Geschichten, die noch so im Laufe des Tages auf ihn zukämen. Mir fiel dazu nur ein, dass ich es ja meist war, die mittags das Essen kochte. So war es inzwischen. Für die Kinder nahmen wir uns immer Zeit, aber wir fanden kaum noch Zeit füreinander.

Es gibt Zufälle, die gibt es eigentlich gar nicht. Wie an jedem Tag nach dem Frühstück war ich losgezogen. Mit Kim und Linda in der Zwillingskarre, dem ständig knörenden Niclas und Daniel, dem Erstklässler. Die Hunde liefen ohne Leine nebenher oder vorweg, je nach Temperament. Erst gab ich Daniel in der Grundschule ab, dann brachte ich Niclas in den Kindergarten. Natürlich brüllte er und wollte nicht dableiben. Danach war mir meist nach einem Kaffee. Am Bahnhof war das einzige Café, wo man mit der Zwillingskarre und den Hunden …

Gerade hatte ich den Blick zur Seite schweifen lassen, als ich ihn sah. Dasselbe charmante Lächeln, denselben leicht frivolen Gesichtsausdruck wie damals, als ich als junger Teenie mal für ihn geschwärmt hatte: Gerd Blümel!

»Ist die Welt klein!«, rief ich. Er kam an meinen Tisch. »Ausgerechnet dich treffe ich heute hier.«

Offensichtlich freute er sich, mich zu sehen, verstand aber nicht so recht, warum ich mich ausgerechnet über ihn so freute. »Du gehörst doch jetzt bald zur Familie«, sagte ich und ärgerte mich augenblicklich. Wie konnte ich so was Blödes sagen?

»Wie, habe ich was verpasst?«, fragte Gerd.

Mir wurde heiß, und ich lief rot an.

»Na, du und Eva.«

»Wie geht es der Kleinen eigentlich? Dieser armen kleinen Piepmaus mit den exzentrischen Eltern.«

»Ihre Mutter ist tot und ich dachte, du hättest Eva…« Hastig verschluckte ich den Rest des Satzes. »Was… was… machst du so?«, stotterte ich verlegen.

»Wir sind jetzt von Hannover nach Kassel gezogen. Wir haben inzwischen auch zwei Kinder, so wie du. Ich bin ab und zu hier, weil ich meinen Vater in Schaumburg im Altenheim besuche. Meist fahre ich mit dem Auto, aber mit dem Zug ist es entspannter.« Er zeigte auf die Zwillingskarre. »Du weißt doch, wie es ist, mit so kleinen Nervensägen. Da sehnst du dich nach Augenblicken der Entspannung.« Er sah auf die Uhr und trank hastig seinen Kaffee aus. »Schön, dich mal gesehen zu haben, Emilia. Viel Glück für dich. Bist du verheiratet?«

Ich nickte.

»Na denn.«

Er eilte in Richtung Gleise. Nicht, dass ich unbedingt geschockt war, aber schon etwas irritiert. Warum log meine Cousine mich an? Ich nahm mir vor, Eva nicht direkt darauf anzusprechen. Abwarten, wie lange sie mir diese Geschichte noch auftischen würde.

Kapitel 16


Die Begegnung mit Gerd sollte nicht der einzige Zufall in dieser Woche bleiben.

Einmal in der Woche lief ein von Henry und Bernd ins Leben gerufenes Projekt mit einigen Jugendlichen, die sich im Forst nützlich machten. Bernd holte Henry dann mit einem größeren Bus ab und Henry nahm die Jungen und die Hunde mit. Ein besonderer Feiertag wurde es für mich aber erst, wenn Helga oder Franziska mir die Zwillinge abnahmen.

An diesem Tag hatte ich kinderfrei und fuhr bei der Musik von ›Joan Baez‹ zu Morgenstern. Ich hatte die Stute schon vermisst, daher fiel die Begrüßung sehr herzlich aus. Morgenstern wieherte freudig und demonstrierte ihren Bewegungsdrang. Ich longierte sie eine Weile, bevor ich vorschriftsmäßig, wie Herr Wille es wünschte, auf der Stute ausritt. Morgenstern war ein tolles Pferd, feinführig und sensibel, aber überhaupt nicht schreckhaft.

Auf dem Rückweg kaufte ich noch in einem besonders gut sortierten Obst- und Gemüsegeschäft in Bad Pyrmont Süßkartoffeln ein. Inzwischen aß die gesamte Familie vegetarisch, was für mich eine Umstellung darstellte. Vegetarisch kochen, bedeutet ja mehr, als nur einfach das Fleisch wegzulassen.

Plötzlich stand er neben mir, Hans, ein alter Freund meines Vaters. Eine imposante Erscheinung, hundertvierzig Kilogramm echte Lebensfreude, Junggeselle und absolut kein Kostverächter.

»Süße!« Ich bekam einen dicken Knutscher auf meine Wange. »Lass dich umarmen, Mädchen, du schönes Geschöpf. Die Kinder stehen dir gut.« Er sah wohlwollend an mir herunter, bevor er mir fast die Luft abdrückte.

»Ach, das weißt du schon?«, fragte ich provokant.

»Willst du mich jetzt daran erinnern, dass ich meinen alten Freund Konstantin in letzter Zeit total vernachlässigt habe? Und nicht nur ihn, euch auch. Komm her Süße, ich mach es wieder gut. Ich koch uns was Schönes.«

Eine von Hans’ großen Leidenschaften war das Kochen. Eigentlich hatte ich keine Zeit, aber Hans hatte mich untergehakt, und auf dem Weg zur Kasse behauptete er, er hätte da was Oberleckeres, extra schnell, für ganz besonders eilige Gäste. Im Feinkostladen kauften wir noch zwei Flaschen besten Weißwein.

Das Haus in dem Hans wohnte, hatte er vor Jahren von meinem Vater gekauft, der hatte es wiederum von seiner Lieblingstante Maria geerbt. Das Haus war ein Schmuckstück in bester Wohnlage, direkt neben dem Kurpark von Bad Pyrmont. Konstantin hatte damals mit sich gerungen, es selbst als Wohnhaus zu nutzen, aber sie hatten gerade das Reihenhaus gebaut, als die Tante starb. Einen besseren Käufer als Hans hätte Konstantin nicht finden können. Hans hatte das Haus nach dem Kauf mit viel Liebe und großem Gespür für kleine Details renovieren lassen.

Hans wohnte oben, unten befand sich seine Anwaltskanzlei. Die Zimmer, in denen er sich am meisten aufhielt, waren zu der breiten Allee vor dem Haus hin ausgerichtet, der Flaniermeile Bad Pyrmonts, damit Hans immer genau sehen konnte, was in dem Kurort so vor sich ging.

Er schnippelte und brutzelte nach einem Rezept, das er aus dem Süden der Vereinigten Staaten mitgebracht hatte. Dazu hörten wir reinsten ›New Orleans Blues‹. Wir unterhielten uns über vergangene Zeiten und er erkundigte sich, wie es mir so gehen würde mit Ehe und Kindern. Hans hatte mich schon immer verstanden, auch in Zeiten meiner wildesten Eskapaden.

Dann wurde plötzlich ernst. »Eigentlich wollte ich dich erst besuchen, wenn ich meine Recherchen völlig abgeschlossen habe, aber jetzt, wo mir das Glück vergönnt ist, dich mal hier zu haben ... Deinen Vater will ich auch nicht mit diesen Geschichten belasten. Übrigens, hast du eigentlich immer noch diese fantastische, übersinnliche Gabe, die Dinge vorauszuahnen? Und deine Träume, Emilia. Diese unglaublichen Vorwegträume. Hast du das noch? Sag!«

»Ich kann in meinen Träumen nicht mehr umherfliegen. Und sie werden immer düsterer und beängstigender«, sagte ich.

»Siehst du ein Unheil heraufziehen?«, fragte Hans.

»Im Augenblick sehe ich am Tag und in der Nacht Windeln und Rotznasen. Aber wenn ich träume, sehe ich etwas, was mit Eva zu tun hat und mir Angst macht«, bemerkte ich.

»Eine Gefahr ist mit Sicherheit diese Frau von Grosche«, meinte Hans, »dir und Eva ist doch sicher schon zu Ohren gekommen, dass sie überall herumerzählt, ihr hättet Eva rauschgiftabhängig gemacht und sie überredet, nach Berlin zu ziehen, damit sie dort einen Dealer-Standort einrichtet. Du wärst ja immer schon so eine Halbseidene gewesen und der Job von deinem Mann wäre auch nur Tarnung.«

Ich musste laut lachen. Hans nahm meine Hand und sah mir tief in die Augen.

»Wie du weißt, war ich ein glühender Verehrer von deiner Tante Doro. Aber leider lebte sie nach der Trennung von deinem brutalen Onkel nicht mehr lange genug. Aber ich habe sie so geliebt, dass ich sie auf der Stelle weggeheiratet hätte. Sie war älter als ich, von Tabletten abhängig. Das wäre mir völlig egal gewesen. Sie war so schön, so einmalig. Ihre verletzte Seele. Was meinst du, was sich in diesem Gruselhaus alles abgespielt hat? Und nur dieser Mann hat sie auf dem Gewissen. Kurz vor ihrem Tod bat sie mich, ich solle mich um Eva kümmern, wenn sie nicht mehr da wäre. Jetzt mache ich mir Sorgen um Eva.«

Ich nahm noch etwas von dem Fisch, der in einer wohlschmeckenden Soße aus Zwiebeln und Fruchtstücken schwamm.

»Zu meinen Eltern hat Onkel Ernst-Walter völlig den Kontakt abgebrochen«, sagte ich kauend und lobte noch einmal das köstliche Essen.

»Ich habe jetzt so ein bisschen was über diese Frau von Grosche herausbekommen«, meinte Hans und zog einen Schreibblock aus der Schublade des Esstisches. Das Thema schien ihn sehr zu beschäftigen. »Sybille von Grosche, geborene Sybille Schulze, hatte damals in Königsberg eine Vorliebe für sehr viel ältere Männer. Auf jeden Fall heiratete sie zu Beginn des Krieges den Doktorvater deines Onkels.«

»Herrn von Grosche«, fiel ich ihm ins Wort.

»Der Mann hieß Leiner und starb kurz darauf an Altersschwäche. Mit ihm hatte sie keine Kinder. Dann lernte sie Herrn von Grosche kennen, einen Richterkollegen von deinem Onkel. Sie heirateten. Nach dem Krieg machte Herr von Grosche Karriere in der Justiz. Auch mit ihm hatte sie keine Kinder. Sie hat eine Schwester, Irmgard heißt die und ist mit einem Herrenschneider aus Oldenburg verheiratet, dort wohnt sie auch. Sie hat mit ihrem Mann eine Tochter, die kinderlos geblieben ist. Sybilles erster Mann und Herr von Grosche waren kurioserweise auch ohne Geschwister aufgewachsen. Mit einer großen Familie konnte diese Frau nie aufwarten. Herr von Grosche starb vor acht Jahren. Sie fand ihn tot vor der Toilette. Kurz darauf entdeckte die Gute ihre Vorliebe für sehr viel ältere Männer wieder neu. Da ihr Mann ein Spieler gewesen war und ihr mehr Schulden als Bares vermacht hatte, besorgte sie sich das Geld auf anderen Wegen. Alle Männer starben, kurz nachdem sie ein Testament zu ihren Gunsten gemacht hatten, laut Totenschein eines natürlichen Todes. Weil nie Angehörige vorhanden waren, erbte sie immer die gesamte Barschaft, versteht sich.«

»Und wo kommt dieser Neffe her?«, fragte ich. Es war ja schon unglaublich, was Hans so erzählte.

»Das ist genau das, was ich dir eigentlich damit sagen möchte, Emilia. Der heißt wirklich Frank Holtziegel, der Name tauchte noch nirgends in Zusammenhang mit einem Verbrechen auf und er ist auch nicht vorbestraft. Jedenfalls ist er noch nie erwischt worden. Seine Frau hat mal das Finanzamt beschissen mit unterschlagenen Einnahmen aus ihrem Kosmetikinstitut, was sie auch nicht mehr besitzt. Dafür gab es aber nur eine saftige Geldstrafe. Auffallend ist doch, dass sie beide dicke Autos fahren und die Töchter auf einem teuren Internat sind. Die Herkunft des Frank Holtziegel, so wie die seiner Frau, einer geborenen Dörne, lässt nicht gerade eine große Erbschaft vermuten. Beide stammen aus sehr ärmlichen Verhältnissen und waren schon kurz nach der Heirat hoch verschuldet.« Hans schlug die dritte Seite seines Schreibblocks auf. »Ich gönne jedem Arbeitslosen, dass er gut gekleidet ist, aber hast du mal ihre Klamotten gesehen? Nur vom Feinsten. Ich frage mich einfach: Wo haben die das Geld her, um so einen auf dicke Hose zu machen? Wenn du sie fragen würdest, würden sie ›von Tantchen‹ sagen. Und so wird es auch sein. Die Frage ist doch nur, was die dafür für Tantchen machen. Und das, wo er doch nachweislich gar nicht ihr Neffe ist.«

»Was glaubst du?«, fragte ich, total erstaunt, was Hans alles wusste.

»Ich tippe mal so auf Finanzberater bei Erbschaften, Bodyguard, der Mann fürs Grobe«, meinte Hans.

»Weißt du, dass Eva von Anfang an schon misstrauisch gewesen ist und unglaubliche Dinge über ihren Vater herausbekommen hat?«, fragte ich, froh darüber, endlich jemanden gefunden zu haben, den das interessierte.

Hans wurde so weiß wie die Wand, vor der er saß.

»Um Himmels willen, Emilia. Bitte erzähl Eva nichts von unserem Gespräch heute Abend. Wenn du die Möglichkeit hast, halte sie davon ab, ihrem Vater gegenüber in die Offensive zu gehen. Wenn der Alte anfängt, um sich zu schlagen, und das mit solchen Leuten an seiner Seite, dann wird es für Eva gefährlich. Später erzähle ich dir mehr. Emilia, ich bin gerade an der Sache dran, aber es ist nicht ganz einfach.«

Ich kam gegen Mitternacht nach Hause. Außer den Hunden schliefen schon alle. Als ich zu Henry unter die Decke kroch, brummte der nur: »Wo kommst du denn jetzt erst her, konntest du nicht durchrufen?«

»Du musst dir das anhören, was Hans, ein Freund meiner Eltern, über meinen Onkel und Frau von Grosche erzählt hat«, sprudelte es aus mir heraus.

»Verschone mich bitte mit diesen dekadenten Leuten und ihren Geschichten«, brummte er, »das Leben ist kompliziert genug.«

Ich war aufgewühlt und musste meinen Kopf irgendwie freikriegen. An Schlafen war nicht zu denken. Weil Henry nach dem Ficken immer fragte: Ich fand’s geil, und du? Und ich nicht sagen wollte: Schön... wie immer, hatte ich mir angewöhnt, eine Farbe dafür zu finden. Es gab der Sache etwas zurück, was ich sehr vermisste.

»Zart lindgrün«, sagte ich.

Kapitel 17


Die Tage vergingen. Der Herbst kam. Das bedeutete: Nasse Hunde, Regenüberzüge über Kinderkarren, Gummistiefel, Spaziergänge im bunten Wald, das Einfangen von Sonnenstrahlen, bevor der Winter kommt, und Tage, die wir nur drin verbrachten. Linda lief jetzt auch perfekt, und ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, hinter den beiden her zu kommen. Von Eva erhielt ich eine Postkarte aus Teneriffa. Die Jungen spielten viel mit Freunden bei uns, und Henry träumte von einem Leben auf dem Land und fand die Vierzimmerwohnung entschieden zu klein. Obwohl er sich Mühe gab, mich so oft wie möglich zu entlasten, blieb doch die Hauptarbeit mit den Kindern und im Haushalt meist an mir hängen. Wie gern wäre ich arbeiten gegangen, raus aus dem Haus, eigenes Geld verdienen, mal was anderes sehen, aber…

Nachmittags hatte ich mich in dem Stress noch zum Frisör geschleppt und mir rote Strähnen ins Haar färben lassen. Vorher hatte ich die Jungs im Laden abgesetzt und die Zwillinge mitgenommen. Ich wollte, dass Henry mich mal wieder ansah, einmal was Liebes zu mir sagte. Ich hatte mir ein rotes Kleid gekauft, extra passend zu den Strähnen. Auch wenn ich mich nicht hundertprozentig wohl darin fühlte, er wollte, dass ich Farbe trug. Und genau so sollte er mich sehen. Ich stellte mir seinen Blick vor, wenn…

Er kam spät wegen einer Veranstaltung im Jugendzentrum.

»Du bist ja schon im Nachthemd«, sagte er, und, »gibt’s was zu essen?«

»Mach dir was«, sagte ich.

Und er fragte: »Sag mal, was machst du eigentlich den ganzen Tag?«

Reflexartig ging ich zur Schublade des Küchenschranks und holte mein Portemonnaie raus. Weg hier, dachte ich.

»Siehst du mich überhaupt noch?«, fragte ich ihn, dabei hatte ich schon Tränen in den Augen.

»Du hast die Haare kürzer, mit Rot drin. Steht dir gut«, sagte er, und ich fand seine ganze Art fürchterlich schnodderig und kühl.

»Findest du mich eigentlich noch attraktiv?«, fragte ich.

»Bitte verlange nicht von mir, dass ich ständig hinter dir herlaufe und dir sage, wie schön und attraktiv ich dich finde«, brüllte er mich an.

»Aber du sagst es nie!«, brüllte ich zurück.

»Zum letzten Mal«, sagte er, wieder etwas netter »ich finde dich attraktiv. Und jetzt nerv mich nicht mehr damit.«

»Ist das alles?!« Ich dachte, ich muss von der Welt, so wütend war ich inzwischen.

»Was willst du von mir?«, fragte er.

»Frag dich lieber, was du mir alles nicht gibst!«

»Ich bin nur für euch da und liebe nur dich«, sagte er.

»Vielleicht hast du ja eine andere!« Ich war außer mir.

»Meine Güte«, sagte er, »das eine Mal mit Gabi.«

»Wie mit Gabi?«

»Der Abschiedsfick an unserer Hochzeit. Ich war besoffen und es war mehr ein Joke.«

Ich griff nach dem nächstbesten Gegenstand, es war ein Kochtopf, und schleuderte ihn in seine Richtung. Dann rannte ich nach draußen. Er kam hinterher, aber ich hatte Vorsprung. Erst als ich auf einem Parkplatz kurz vor Hannover anhielt und auf den steinigen Boden trat, fiel mir auf, dass ich keine Schuhe trug. Unter der Bank hinten im Bus fand ich Badelatschen und eine verfilzte grüne Strickjacke, die ich immer trug, wenn ich zu Morgenstern fuhr. Einige Flaschen Bier fand ich auch noch, die nahm ich mit nach vorne und öffnete sie. Dabei war ich noch nicht mal wütend auf Gabi. Die nahm alles, was sie kriegen konnte.

Ich war von Henry enttäuscht. Es war keine offene Schlacht zwischen uns. Wenn er mich schon behandelte wie einen Teil der Wohnungseinrichtung, sollte er wenigstens fair und ehrlich zu mir sein.

Nach langem Umherfahren fand ich einen Parkplatz in Hannover in der Fridastraße. Drei leere Bierflaschen lagen auf dem Beifahrersitz. Leicht durchgefroren und wütend stand ich vor Roberts Tür.

Robert sah gut aus – wie immer, war braun gebrannt, die Haare trug er wieder länger. Er nahm mich in den Arm, als müsste er mich vor etwas abschotten. Ich war so fertig, dass ich mir einredete, beide Männer würden mich nicht mehr lieben, weder Henry noch er. Mit meiner Fassung war es zu Ende. Ich heulte und klammerte mich an ihn. Er zog mich in die Wohnung, die perfekt aufgeräumt war, was würde man auch sonst von ihm erwarten.

»Henry behandelt mich wie einen Hund«, heulte ich und fragte: »Warst du im Urlaub, du bist so braun?«

Er hätte einen guten Freund, der in seiner Sportschule eine große Höhensonne stehen hat, da würde er sich ab und zu vorsetzen. Dann sah ich die Frau, die nackt auf seinem Bett lag. Eine Hübsche, so um die dreißig, mit kurzen, hellroten Haaren. Er nahm die Sachen von der Frau vom Stuhl und gab sie mir.

»Ihr tauscht«, sagte Robert und zu ihr: » Ich gehe mit Emi aus und du lässt dich abholen. Wenn ich wiederkomme, bist du weg.«

»Wo wollen wir hin?«, fragte ich.

»Das siehst du dann«, sagte er.

Ich zog mich bis auf die Unterhose aus und legte meine Sachen aufs Bett. Robert konnte nicht wegsehen.

»Habe ich mich sehr verändert?«, fragte ich unsicher.

»Du bist noch schöner geworden«, sagte er.

Die Frau stülpte sich mein rotes Kleid über und ging in die Küche.

»Er müsste gleich da sein«, meinte Robert zu ihr. Sie war schnippisch und zuckte abweisend mit den Schultern.

»Beeil dich!«, drängte Robert ungeduldig.

»Lass uns hierbleiben«, bat ich.

Er zog mich etwas grob aus dem Haus auf die Straße. Ich stakste auf den Pfennigabsätzen zum Bus. Das schwarze Kleid war mir am Busen zu eng. Wir durchquerten Hannover und hielten vor einem italienischen Restaurant. Er gab mir seinen Mantel, weil ich so fror. Ich heulte ihm einen vor wegen Henry und lachte, als ich von meinen Kindern erzählte. Er bestellte Wein, den ich beinah alleine trank. Er strich wie früher über mein Gesicht und meinen Hals und ich hätte mich am liebsten auf den Boden des Restaurants gelegt. Als ich ihn immer wieder küsste und darum bat, zu ihm nach Hause oder in ein Hotel zu gehen, meinte er, das würde nicht in Ordnung sein. Ich kam sich vor wie am Rande des Nervenzusammenbruchs und wusste, dass ich genug Alkohol getrunken hatte. Er bestellte immer wieder nach, und ich fand kein Ende.

»Bitte, lass uns zu dir gehen«, bat ich erneut.

»Du bist das, was ich auf dieser Welt am meisten begehre. Aber es geht nicht. Ich kann nicht. Ich werde dir nicht dein Leben zerstören, und Henry ist so was wie ein Freund. Er hat eine Aufgabe zu erfüllen, nämlich dich zu behüten und glücklich zu machen.«

»Das macht er aber nicht. Er will mich gar nicht«, schluchzte ich.

Ich war etwas vom Stuhl gerutscht, Robert stand auf und setzte mich wieder gerade hin. Mir wurde ganz warm. Wie er mich anfasste. Ich stand auf und schmiegte meinen Rücken und mein Gesäß an ihn.

»Bitte Robert.«

Robert ließ mich sanft zurück auf die Sitzfläche gleiten.

»Du musst es mal so sehen«, sagte er, »Henry ist wahrscheinlich mit der Situation zur Zeit völlig überfordert.«

»Aber gerade dann muss er sich doch auf die gemeinsame Zeit mit mir freuen«, zeterte ich und kam mir kein bisschen blöd dabei vor.

»Ich rufe ihn jetzt an!« Robert fragte den Wirt, ob er mal telefonieren könnte.

Wir gingen nach draußen, in die ungemütliche Kühle.

»Du wirst mir immer fehlen«, sagte ich und küsste die Innenflächen seiner Hände.

Er strich immer wieder sanft über meinen Körper und mein Gesicht.

»Irgendwie werde ich immer bei dir sein«, sagte er, »irgendwie.«

»Du kommst doch aber noch zu uns?«

»Natürlich werde ich das.«

Henry kam mit Konstantin, um mich abzuholen. Sie hatten das Auto in einer anderen Straße geparkt und ich sah die beiden auf dem Bürgersteig entlangkommen. Mein Vater, groß, schlaksig, mit wehenden Locken und seinem typischen, schwungvollen Gang. Daneben Henry, kleiner, kräftig mit seinen engen Jeans und dem Kapuzenpullover, der ewige Jugendliche. Es war eine Übergabe. Ein kurzes »Hallo«, dann wurde die Ware mitgenommen. Ich konnte kaum noch gerade gehen. Im Bus wollte ich mir noch ein Bier aufziehen, aber Henry nahm es mir weg. Er sprach nicht mit mir und fragte auch nichts, während der gesamten Fahrt nicht und bis zum nächsten Abend. Auch nicht, als wir unter der Decke verschwanden. Hellstahlgrau fiel mir dazu ein.

Am nächsten Tag war mir schlecht und Franziska erbarmte sich, indem sie sich um die Kinder kümmerte.

Kurz darauf war der Schwangerschaftstest positiv. Ich machte mir Sorgen, weil ich das Kind im Alkoholrausch und aus einer so bedrückenden Stimmung heraus empfangen hatte.

Kapitel 18


Robert kam Heiligabend vorbei und zelebrierte zu Mittag eine Spaghettisoße, die die Zwillinge beim Essen auf dem Küchentisch verteilten und die Jungs mit Genuss, zusammen mit den überlangen Spaghetti, durch die Luft schnippten. Er brachte Konstantin und Franziska auch noch jeweils eine Portion runter in den Laden, der ziemlich voll war. Viele Leute kauften Heiligabend noch schnell Geschenke ein. Nach dem Essen tranken wir zusammen Kaffee, danach drehten Robert und ich mit den Kindern eine Runde durch das weihnachtlich geschmückte Hameln. So hatte Henry genug Zeit und Ruhe, den Weihnachtsbaum zu schmücken, und die Kinder sahen ihn nicht vor der Bescherung. Daniel glaubte ja inzwischen nicht mehr an den Weihnachtsmann, aber er sollte das auf keinen Fall vor Niclas erwähnen, noch nicht in diesem Jahr. Kim und Linda saßen warm eingemummelt in ihrer Karre.

Als wir an dem Tabakwarenladen in der Bäckerstraße vorbeikamen, stand der Besitzer, Herr Santotzky, vor seinem Geschäft, wie immer wie aus dem Ei gepellt. Die Haare pomadig nach hinten gekämmt, im teuren Zweireiher. Er hielt eine Holzkiste in der Hand. Seine Frau, im Kittel, putzte mit so heißem Wasser den Tritt, dass es um sie herum nur so dampfte. Sie kniete und wedelte mit dem heißen Feudel hin und her. Ab und zu machte sie sich hoch, hielt ihren Rücken, stöhnte und feudelte weiter. Ihr Blick sprach Bände. Robert und ich sahen uns nur an. Herr Santotzky kam auf uns zu.

»Na die Herrschaften, noch einen Spaziergang mit den lieben Kleinen machen, bevor der Weihnachtsmann kommt?« Er zeigte Robert die Zigarrenkiste. »Wie wäre es mit einer edlen Zigarre für den Herrn Papa?«

Er kannte mich und wusste genau, wer mein Mann war. Herr Santotzky sah Robert aufreizend an. »Bitte, möchten Sie?«

Robert war eigentlich Nichtraucher, aber er nahm sich eine. Herr Santotzky präparierte die Zigarre und gab ihm Feuer. Hoffentlich fängt er nicht auch noch an zu reden, dachte ich. Er kam öfter bei meinem Vater im Laden vorbei und quatschte sich fest. Besonders berüchtigt war er für seine frauenfeindlichen Witze. Wenn Konstantin ihn vorm Laden auftauchen sah, sagte er immer: »Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe, jetzt kommt der hinterfotzige, schleimige Santotzky.«

Robert hielt die Zigarre in der rechten Hand, die linke Faust war auf Herrn Santotzky gerichtet, mit dem Zeigefinger nach vorn gestreckt und dem Daumen nach oben. Er sagte: »Gar nicht schlecht, diese Zigarre. Davon nehme ich mal welche mit.« Er nahm eine aus der Kiste und steckte sie sich in die Manteltasche. »Genau das Richtige für meinen Vater.« Robert griff richtig zu und stopfte sich die Taschen voll. »Auch noch welche für Großmutter und Großvater, meine Schwestern und ihre Männer«, sagte er belustigt. Er hatte inzwischen die Taschen bis oben gefüllt, die Zigarren fielen schon auf den Boden. Ich fragte mich, was das Ganze sollte.

»Vielen Dank, dass Sie hier außerhalb der Geschäftszeiten so großzügig Zigarren verteilen. Das ist ein feiner Zug von Ihnen«, meinte Robert zu dem verdutzt dreinblickenden Herrn Santotzky.

»Eigentlich war es… äh… ja nicht kostenlos gedacht, aber… nun ja, weil heute Weihnachten ist, mache ich Ihnen einen Freundschaftspreis«, stotterte der.

»Und weil heute Weihnachten ist, bezahle ich natürlich den regulären Preis für diese Zigarren«, sagte Robert.

Er holte seine Brieftasche aus der Innentasche des Mantels und reichte dem Mann, der wie angewurzelt dastand, einen Hundert-Mark-Schein.

»Das reicht aber nicht ganz«, stammelte Herr Santotzky.

»Ach, was mache ich denn?«, sagte Robert und tat so, als hätte er das nicht mit Absicht gemacht.

Er griff erneut in seine Brieftasche. Und diesmal hielt er ein ganzes Bündel Hundert-Mark-Scheine in der Hand und legte es in die fast leere Zigarrenkiste.

»Das ist dafür, dass Sie Ihrer Frau mal was Anständiges zum Anziehen kaufen.«

Robert verzog gekünstelt mitleidig das Gesicht und holte noch ein Bündel Scheine aus der Brieftasche. Herr Santotzky fragte sich wohl, was als Nächstes kommen würde, und machte eine abwehrende Handbewegung. Robert schoss auf den Mann zu und stopfte ihm ein paar Scheine in den Mund.

»Das ist dafür, dass sie ihren Tritt in Zukunft selber wischen.«

Herr Santotzky spuckte die Scheine im hohen Bogen aus, dabei verzog er angewidert das Gesicht. Robert sammelte alle Scheine wieder ein, auch die aus der Zigarrenkiste nahm er heraus.

»Ich nehme das Geld jetzt wieder an mich, weil Sie es ja sowieso nicht Ihrer Frau geben werden.«

Ich bemerkte Roberts Brandstifterblick, als er die Scheine in der Hand bündelte und sie der ängstlich wirkenden Frau Santotzky in die Tasche ihres Kittels stecken wollte. Sie lehnte energisch ab und verschwand mit Eimer und Schrubber im Laden.

»Da ist Ihnen ja was ganz Tolles eingefallen!«

Herr Santotzky hatte sich etwas gefangen und versuchte nun, die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Er hatte die Kiste auf den Boden gestellt und klatschte in die Hände.

»Bravo!«, rief er, »bravo!«

Robert öffnete die Kiste und leerte seine Taschen dort hinein aus. Die meisten Zigarren waren kaputt und nicht mehr zu gebrauchen. Herr Santotzky schnappte sich die Zigarrenkiste und stolzierte wie ein Gockel in seinen Tabakwarenladen.

»Was soll der großkotzige Quatsch?«, fragte ich, obwohl ich im Stillen fand, dass es auch was hatte.

»Dann nimm du das Geld, bitte.«

Er blickte zur Seite. Niclas und Daniel spielten auf den Treppen am Pferdemarkt. Auf dem Platz davor räumte gerade ein Straßenmusikant seine Sachen zusammen.

»Ich will dir keine Almosen geben«, sagte er.

»Dann lass es doch gefälligst auch«, meinte ich entrüstet.

Er fasste in die Brusttasche seines Mantels und holte erneut einen dicken Stapel Geldscheine heraus, die er mir in die Hand gab.

»Es sind zehntausend Mark. Ich weiß, was Henry verdient, und ihr habt Kinder. Du bist finanziell auf ihn angewiesen. Es ist nicht gerade viel Geld, aber so fürs Erste, als kleine stille Reserve für dich.«

»Wo hast du so viel Geld her?«, fragte ich. Für mich war es viel Geld, so viel hatte ich noch nie auf einmal in der Hand gehalten.

»Dieser Freund aus Hamburg, von dem ich dir mal erzählt habe, der mit den Kampfsportschulen, der hat mich gefragt, ob ich ihm etwas helfen kann. Jetzt mache ich erst mal ein oder zwei Urlaubssemester. Bei ihm kann man gutes Geld verdienen. Diese Jobs bei ihm sind sehr interessant und lukrativ.«

»Aber deine Ziele?«, fragte ich verwundert.

»Meinen wirklichen Zielen komme ich so am schnellsten nahe. Glaub mir.« Er küsste mich auf die Wange. »Sei nicht kleinkariert, Emi. Steck das Geld ein.«

Ich verstaute das Geld in der geräumigen Innentasche meiner Winterjacke. Er begleitete uns noch bis zur Einbiegung in die Fischpfortenstraße, sein Blick hing an meinem Mund. Ich hatte das Gefühl, dass uns beiden zum Heulen zumute war.

»Bis bald?«, fragte ich.

Er nickte. »Bis bald.«

Ich sagte, ich müsste mal ganz nötig aufs Klo, als ich in Jacke und Mütze an Henry und meinen Eltern vorbeischoss, die schon mit dem Weihnachtsglöckchen auf dem Flur standen. Im Bad legte ich ein Handtuch ins Waschbecken, damit es nicht so klapperte, kippte den Inhalt meines pinken Kosmetikkoffers dort hinein und schnitt mit der Nagelschere das Futter des Köfferchens auf. Dahinter steckte ich das Geld. Ich hob das Handtuch aus dem Waschbecken und beförderte damit die Schminkutensilien zurück in den Koffer. Dort war das Geld erst mal in Sicherheit, und ich würde es für einen absoluten Notfall aufheben, beschloss ich.

Meine Familie wartete schon ungeduldig. Die Zwillinge bekamen eine Holzeisenbahn vom Weihnachtsmann und die Jungs jeder einen Rodelschlitten. Für alle zusammen gab es noch ein Spiel. Henry war der Meinung, die Kinder dürften erst gar nicht an zu viel Konsum gewöhnt werden, und er hatte auch seine Schwiegereltern gebeten, da mitzuziehen. Deshalb bekam jedes der Kinder von Franziska und Konstantin ein liebevoll eingepacktes Buch. Ich schenkte Henry eine neue Mundharmonika und bekam von ihm ein Parfüm. Ein sinnlicher Duft, etwas holzig, aber doch weiblich. Ich freute mich sehr darüber. Er hatte es super getroffen. Und dass er wegen mir durch die Parfümerien gestreift war.

»Ich fand es geil an einer Kollegin«, sagte er.

»Und an mir?« Ich hätte heulen können.

»Auch gut«, meinte er und küsste mich. Von Franziska gab es Selbstgestricktes. Henry bekam einen dicken Norwegerpullover, passend für jemanden, der sich sehr viel im Freien aufhielt. Mein Pullover war aus weicher, weißer Angorawolle, extragroß, um auch noch einen dicken Babybauch wärmen zu können. Ich zog den Pullover gleich über, er stand mir hervorragend.

»Sieh mal, gefalle ich dir darin?«, fragte ich Henry, dabei kam ich mir lächerlich vor, als ich mich so anpries.

»Du riechst gut und siehst gut aus, Emi«, war seine Antwort.

Nach der Bescherung stürmte ich ins Bad und begutachtete mich im Spiegel. Wenn er mich schön, aufregend und begehrenswert finden würde und ich ihn begeistern könnte, würde er anders reagieren. Und er würde es mir sagen, dachte ich. Er war nun mal kein Schmeichler. Solche Leute sagen immer die Wahrheit. Wenn ich mit den Kindern durch die Stadt ging, drehte sich sowieso kaum noch ein Mann nach mir um. Ich musste mich der Realität stellen. Ich war nicht mehr die Schöne, nach der die Männer verrückt waren, sondern eine, wenn überhaupt, durchschnittlich aussehende Frau, die Mitte zwanzig zum vierten Mal schwanger war und die außer Kinderkriegen nichts Richtiges auf die Rolle bekommen hatte.

Kapitel 19


Jonas kam am 7. August 1981 per Kaiserschnitt zur Welt. Mir ging es hinterher schlecht und ich musste wegen Bluthochdruck und einer Venenentzündung noch zwei Wochen länger im Krankenhaus bleiben. Henry kümmerte sich rührend. Er besuchte Jonas und mich jeden Tag mit der Rasselbande und kam auch noch mal abends, um mit mir an der Weser spazieren zu gehen. Er sah mich liebevoll an und wir sagten uns, wie sehr wir uns lieben würden. Ich schmeichelte ihm, wo ich konnte, und machte ihm ständig ehrlich gemeinte Komplimente. Ich hielt es für eine Krankheit von ihm, die ich im Stillen als ›Zwang zur Ehrlichkeit‹ bezeichnete, dass er mir nie ein Kompliment zurückgab. Außer, dass er mich für eine gute Mutter hielt und ich ihnen allen sehr fehlen würde.

Jonas war ein ruhiges, ausgeglichenes Baby. Als würde er ahnen, dass seine Mutter noch nicht so richtig bei Kräften war, benahm er sich pflegeleicht und schlief bereits nach sechs Wochen nachts durch. Ich hatte zwanzig Pfund zugenommen während dieser Schwangerschaft und befürchtete, ich müsste jetzt immer in Umstandsklamotten herumlaufen. Irgendwie ging die Ruhe des kleinen Jonas aber auch auf mich über und tat mir gut. Kim und Linda kamen in den Kindergarten. Manchmal fuhren wir alle gemeinsam zu Morgenstern. Ab und zu kam Eva aus Berlin vorbei. Bei ihren Besuchen handelte es sich immer um Blitzbesuche. Sie war aufgewühlt und tat geschäftig. Eva erzählte immer noch etwas von Gerd Blümel und sie hätte viel Interessantes in Berlin herausbekommen. Was, sagte sie aber nicht. Eines Tages würde ich alles erfahren. Onkel Ernst-Walter und Frau von Grosche machten nach wie vor Front gegen uns. Ich hatte Eva nichts von dem Gespräch mit Hans erzählt, trotzdem wusste sie, was für lächerliche Gerüchte dank Frau von Grosche in Bad Pyrmont und in Hameln die Runde machten. Zu Ernst-Walter hatten meine Eltern nach wie vor keinen Kontakt.

»Mein Vater glaubt inzwischen, wir würden ihn alle verfolgen, und nur seine Sybille und ihr toller Neffe wären sein Seelenheil. Sein Wahn nimmt schon groteske Ausmaße an. Er beruhigt sich Tag und Nacht mit Valium und abends ... hoch die Tassen mit Sybille, Frank und seinem Frauchen. Emi, du weißt um die verheerende Wechselwirkung von Valium und Alkohol. Das kann tödlich enden.«

Kapitel 20


Mein Leben war mit Kindern mehr als ausgefüllt und ich hatte mich noch nie so wenig wegbewegt wie in diesem Jahr. Die Wohnung im Haus meiner Eltern war viel zu klein für eine siebenköpfige Familie. Gerüchte gingen um, das Jugendzentrum würde bald schließen, und Henry bemühte sich verzweifelt um einen neuen Job. Bernd, der älter war als Henry, plante den Absprung in die Selbstständigkeit. Er war aus der Wohngemeinschaft aus- und mit seiner neuen Flamme Beate zusammengezogen. Beate arbeitete auch als Psychologin. Robert wohnte jetzt in Hamburg. Er rief von dort ab und zu an und erkundigte sich nach mir, Henry und den Kindern.

Die Silvesterparty 81/ 82 wurde größer gefeiert. Die Zwillinge und Jonas übernachteten in ihrem Kinderzimmer bei Konstantin und Franziska. Niclas und Daniel feierten mit. Gabi war da. Helga ohne Paul, der hatte Bereitschaftsdienst, Bernd und Beate und eine neue Arbeitskollegin von Henry.

Eva und Robert standen gemeinsam vor der Tür. Robert war extra in Hannover in den Zug gestiegen, mit dem Eva kam. Seine Freundin ließ sich entschuldigen, angeblich musste sie arbeiten, als Tänzerin am Theater. Eva wurde immer hübscher. Ich selbst fand mich mittlerweile optisch gewöhnungsbedürftig. Vollbusig und pummelig versteckte ich meine Figur in Jeans und indischen, extra weiten Baumwollhemden. Henry war es doch sowieso egal, wie ich rumlief. Ich brauchte ihn nie lange zu verführen. Wenn ihm danach war, nahm er mich. So einfach war das für ihn.

Ich hatte lange Angst vor diesem Abend gehabt und mir immer wieder vorgestellt, wie Robert mich ansehen und auf mich reagieren würde, wo ich mich doch so verändert hatte.

Der Blick, den Robert mir dann zuwarf, als er mit Eva auf den Flur kam, versuchte ich verzweifelt einzuordnen. So hatte er noch nie geguckt, aber es war zum Glück kein abwertender Blick gewesen.

Henry spielte Gitarre und ich wünschte mir, er würde mir mal liebevoll zulächeln. An diesem Abend hatte er aber nur Augen für Melinda, eine neue Arbeitskollegin, von der ich bis dato nur vorgegaukelt bekommen hatte, sie wäre noch viel dicker als ich und hätte einen festen Freund. Natürlich stimmte das alles nicht. Henry wollte mir bloß meine Eifersucht nehmen. Ich wurde schon wie ein Pflegefall behandelt.

Bernd beruhigte mich: »Ich glaube nicht, dass da was läuft zwischen den beiden, aber ich werde mir Henry mal zur Brust nehmen.«

Ich war verzweifelt, irgendwie war alles aus der Bahn geraten. Ich saß im Bad und weinte, als Robert an die Tür klopfte. »Mach bitte auf«, bat er.

Wir küssten uns. Er sagte, er würde Tag und Nacht an mich denken.

»Ich werde immer hässlicher«, schluchzte ich.

Er küsste mein Gesicht und zog mir die Bluse aus. Ich trug nie einen Büstenhalter. Er sah mich an mit seinen stechenden Augen, und ich badete mich in seinen Blicken. Es war, als wenn eine Energie in mich einfloss, die ich für eine lange Zeit konservieren musste. Henry sah mich nie so an. Robert hatte mich inzwischen völlig ausgezogen, mehrmals war an die Badezimmertür geklopft worden. Wir küssten und streichelten uns.

»Du machst das doch jetzt nicht nur, um mich aufzubauen?«, fragte ich unsicher.

»Ich liebe dich und genieße es, dich anzusehen. Du wirst für mich immer die attraktivste Frau der Welt bleiben.«

Er hatte mir die Hände mit einem Haarband auf dem Rücken zusammengebunden und betrachtete und liebkoste meinen Körper.

»Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich, auch wenn du nicht bei mir bist. Immer nur dich. Deinen Hals, dein zartes, sinnliches Gesicht. Deine wunderschönen blauen Augen. Wenn deine Haare über deine schmalen Schultern fallen. Dein Hexenmal. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich vor mir, Emi.«

Henry hatte aufgehört, Gitarre zu spielen, und als ich hörte, wie jemand meinen Namen rief, zog ich mich ganz schnell an.

»Mach auf, Emi!«

Helga klopfte an die Badezimmertür. Ich öffnete einen Spalt und sie schlüpfte herein. Sie schnappte sich Robert und ging mit ihm untergehakt nach draußen. Später kam sie grinsend auf mich zu. Wir standen am Speisebüfett.

»Du bist ja eine«, sagte Helga.

»Nicht das, was du denkst«.

»Und wenn schon.«

So war meine Freundin, so kannte ich sie.

»Emi, das Leben ist kurz und wer weiß, wie lange man uns noch attraktiv findet. Oder meinst du, ich schlafe mit dem Arsch an der Wand und wüsste nicht, mit wem mein Paulchen ab und zu die Nächte verbringt?«

»Bist du da sicher?«, fragte ich und tat so, als hätte ich davon noch nichts mitbekommen. Trotzdem imponierte es mir mal wieder, wie cool Helga sein konnte.

»Erst habe ich mir die Augen rot geheult, so wie du es manchmal machst, aber inzwischen sage ich mir, auch andere Mütter haben schöne Söhne. Mensch Emi, du warst doch früher viel weniger verklemmt als ich. Was stimmt mit Henry und dir nicht?«

Ich schluckte. Es fiel mir schwer, darüber zu sprechen. Irgendwas drückte mir den Hals zu und ich hatte Tränen in den Augen, als ich mit erstickter Stimme sagte: »Henry und ich, wir sind uns unheimlich vertraut. Er behandelt mich wie seine Ehefrau, mehr bin ich für ihn nicht. Die Mutter der Kinder. Wir haben drei Mal in der Woche Sex, davon träumen andere nur, aber ich spiele dabei keine große Rolle. Wahrscheinlich bin ich austauschbar und alles, was für ihn mit weniger Verpflichtungen zu tun hat, bringt ihm auch mehr Spaß. Jedenfalls hat Gabi mir erzählt, sie hätte noch nie einen wilderen Liebhaber gehabt als ihn.«

»Gabiiii?«

Helga sah mich an, als wäre ich ein Wesen von einem anderen Stern.

»Ja, in unserer Hochzeitsnacht. Und wahrscheinlich auch immer noch.«

»Der nimmt wohl alles, sogar so’n Mannweib!?« Helga schüttelte sich und grinste. »Interessant, diese Allesficker, oder? Uns sind doch früher schon oft solche begegnet.«

»Du begreifst nicht«, sagte ich, » ich habe das Gefühl, ihm völlig egal zu sein. Dabei sagt er mir immer, wie sehr die Familie mich braucht. Ich sterbe bald vor Angst.«

»Sag ihm doch einfach, was du brauchst. Stelle Forderungen an ihn.«

Helga kaute zufrieden und wirkte so, als hätte sie die Lösung für meine Probleme gefunden.

»Soll ich ihm sagen, dass ich leicht masochistisch veranlagt bin? Dass er sich eine durchgeknallte Nymphomanin als Mutter seiner Kinder ausgesucht hat? Dass ich mich immer wieder extrem spüren muss, um meine Akkus aufzuladen? Das alles rückt doch in den Hintergrund, wenn ich an mein Leben denke. Soll ich ihn bitten, mir etwas vorzuspielen, was er von sich aus niemals tun würde? Verstehst du, die Kinder sind mein Ein und Alles. Ich liebe Henry. Es ist ja nicht so, dass der Sex mit ihm nicht schön wäre, im Gegenteil, aber …«

Helga lächelte. »Ich weiß genau, wie es in dir aussieht, Emi. Du bist es einfach satt, von einem Arschloch zum nächsten zu wandern. Rate mal, warum ich glücklich bin, dass es Paul gibt?«

Mir tat es leid, was ich gesagt hatte. »Vergiss es, ich liebe Henry mehr als alle Männer zuvor.«

Helga ließ nicht locker. »Glaub mir, ich liebe Paul auch und er mich, und trotzdem vögelt er sich woanders die Seele aus dem Leib. Ich bin bald dreißig, aber Paulchen steht auf ältere Frauen. So mindestens um die vierzig, und er findet Hängebusen erotisch, meiner ist ihm viel zu knackig.«

»Bist du da sicher?« Ich verstand nicht so ganz.

»Doch«, lachte Helga, »und irgendwie muss ich auch so was wie Alter und Reife verkörpern, denn mir geht es so, dass ich immer auf jüngere, beinah noch pubertierende Männer abfahre. Und die auf mich. Aber bis jetzt nur einmal ernsthaft. Du weißt doch noch, Horst, diesen schnuckeligen Medizinstudenten, den er übrigens angeschleppt hatte, um mich abzulenken. Dreimal darfst du raten, wovon.«

»Wenn du so auf Pubertierende abfährst, dann versuch es doch mal mit Henry«, rutschte es mir raus, und ich meinte es in dem Augenblick todernst.

»Ach Emi«, stöhnte Helga, »wenn wir doch könnten, wie wir wollten.«

»Henry und die Kinder sind mir das Wichtigste«, verkündete ich, »ich will nie wieder in mein altes Leben zurück.«

Um Mitternacht liefen alle kreuz und quer und stießen mit Sekt an. Henry ging mit mir runter zu Franziska und Konstantin, die Besuch von Hans hatten.

Alle, die an der Silvesterknallerei auf der Straße keinen Gefallen fanden, trafen sich kurz nach zwölf oben auf dem Dachboden des Hauses. Hier gab es neben anderem Gerümpel ein altes Sofa und mehrere Sessel, jetzt besetzt von Robert, Hans, Franziska, Eva und mir. Wir alle waren winterlich angezogen. Von unten drangen gedämpft Musik und Knallgeräusche nach oben.

Eva sagte, dass sie Angst hätte und erst mal aus Berlin verschwinden würde. Sie bräuchte auch eine Pause. Nach zwei Semestern. Sie hatte beschlossen, ein Testament zu machen, weil einige Freunde von ihr auf seltsame Art und Weise ums Leben gekommen waren, und sie sich so absichern wolle. Nachdem sie uns das mitgeteilt hatte, stand Eva von ihrem Sessel auf und setzte sich auf die Lehne des Sofas direkt neben mich.

»Wenn mir was passiert, vermache ich dir meinen Fernseher, Emi. Den aus der Berliner Wohnung. Das Ding ist alt und kaputt. Wenn du ihn zum Laufen bringen willst, musst du ihn nur hinten aufschrauben und dann genau nachsehen, hörst du, dann findest du die Lösung. Versprich mir, dass du das machst.«

War sie nicht ganz dicht? Was sollte ich mit einem kaputten, alten Fernsehapparat anfangen?

»Machst du es, oder nicht?«

»Du spinnst doch. Erst der Quatsch, es könnte dir was passieren, dann das mit dem Fernseher!«

»Na gut, dann nicht!« Eva war eingeschnappt.

»Wenn dir so viel daran liegt. Natürlich mache ich es.«

Die anderen guckten erstaunt. Worüber stritten die eigentlich? Um einen alten Mistfernseher?

Eva sagte, sie würde sich im Landhaus von Frau von Grosche bedroht fühlen. Aber gut, dass sie schon mit so vielen darüber gesprochen hätte, da würde sie ihr nichts mehr antun. Hans gab Eva noch ein paar entscheidende Tipps für das Testament und Robert hörte interessiert zu. Franziska wollte konkret von Eva wissen, warum sie sich bedroht fühlen würde.

»Es ist noch zu früh, euch etwas zu erzählen«, meinte Eva, »aber so viel kann ich euch verraten. Die Sache ist so gefährlich, dass man ohne Beweise in ein Wespennest sticht, in das man besser niemals reingestochen hätte.«

Wir verließen den Dachboden bald wieder und schlossen uns den übrigen Feiernden an. Ich tanzte abwechselnd mit Hans und Konstantin.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
445 s. 9 illüstrasyon
ISBN:
9783947167913
Telif hakkı:
Автор
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