Kitabı oku: «Das triadische Prinzip»
Die Reihe »Beratung, Coaching, Supervision«
Die Bücher der petrolfarbenen Reihe Beratung, Coaching, Supervision haben etwas gemeinsam: Sie beschreiben das weite Feld des »Counselling«. Sie fokussieren zwar unterschiedliche Kontexte – lebensweltliche wie arbeitsweltliche –, deren Trennung uns aber z. B. bei dem Begriff »Work-Life-Balance« schon irritieren muss. Es gibt gemeinsame Haltungen, Prinzipien und Grundlagen, Theorien und Modelle, ähnliche Interventionen und Methoden – und eben unterschiedliche Kontexte, Aufträge und Ziele. Der Sinn dieser Reihe besteht darin, innovative bis irritierende Schriften zu veröffentlichen: neue oder vertiefende Modelle von – teils internationalen – erfahrenen Autoren, aber auch von Erstautoren.
In den Kontexten von Beratung, Coaching und auch Supervision hat sich der systemische Ansatz inzwischen durchgesetzt. Drei Viertel der Weiterbildungen haben eine systemische Orientierung. Zum Dogma darf der Ansatz nicht werden. Die Reihe verfolgt deshalb eine systemisch-integrative Profilierung von Beratung, Coaching und Supervision: Humanistische Grundhaltungen (z. B. eine klare Werte-, Gefühls- und Beziehungsorientierung), analytisch-tiefenpsychologisches Verstehen (das z. B. der Bedeutung unserer Kindheit sowie der Bewusstheit von Übertragungen und Gegenübertragungen im Hier und Jetzt Rechnung trägt) wie auch die »dritte Welle« des verhaltenstherapeutischen Konzeptes (mit Stichworten wie Achtsamkeit, Akzeptanz, Metakognition und Schemata) sollen in den systemischen Ansatz integriert werden.
Wenn Counselling in der Gesellschaft etabliert werden soll, bedarf es dreierlei: der Emanzipierung von Therapie(-Schulen), der Beschreibung von konkreten Kompetenzen der Profession und der Erarbeitung von Qualitätsstandards. Psychosoziale Beratung muss in das Gesundheits- und Bildungssystem integriert werden. Vom Arbeitgeber finanziertes Coaching muss ebenso wie Team- und Fallsupervisionen zum Arbeitnehmerrecht werden (wie Urlaub und Krankengeld). Das ist die Vision – und die politische Seite dieser Reihe.
Wie Counselling die Zufriedenheit vergrößern kann, das steht in diesen Büchern; das heißt, die Bücher werden praxistauglich und praxisrelevant sein. Im Sinne der systemischen Grundhaltung des Nicht-Wissens bzw. des Nicht-Besserwissens sind sie nur zum Teil »Beratungsratgeber«. Sie sind hilfreich für die Selbstreflexion, und sie helfen Beratern, Coachs und Supervisoren dabei, hilfreich zu sein. Und nicht zuletzt laden sie alle Counsellor zum Dialog und zum Experimentieren ein.
Dr. Dirk Rohr
Herausgeber der Reihe »Beratung, Coaching, Supervision«
Gabriela von Witzleben
Das triadische Prinzip
Minimalinvasive Psychologie
mit Bauch, Herz und Kopf
Zweite Auflage, 2021

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe Beratung – Coaching – Supervision
hrsg. von Dirk Rohr
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlagfoto: cc pixabay
Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Zweite Auflage, 2021
ISBN 978-3-8497-0281-6 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8184-2 (ePUB)
© 2019, 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
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Vangerowstraße 14 · 69115 Heidelberg
Tel. + 49 6221 6438-0 · Fax + 49 6221 6438-22
Inhalt
Geleitwort von Michael Bohne
Einleitung
1Das triadische Prinzip
1.1Das Ordnungsprinzip der Triade
1.2Die drei Kernbedürfnisse Beziehung – Sicherheit – Autonomie
1.2.1Herz – Beziehung
1.2.2Kopf – Sicherheit
1.2.3Bauch – Autonomie
1.2.4Die Kernbedürfnisse als intrinsische Motivation
1.3Die Begehung der Triade
1.3.1Die Aufstellung
1.3.2Die Flow-Richtung
2Minimalinvasive Psychologie
2.1Rationalität als Fata Morgana
2.1.1Alltagsillusionen
2.1.2System 1 und System 2
2.1.3Selbstbild und embodimentale Wirkung
2.1.4Das Johari-Fenster
2.1.5Eisberg-Modell
2.2Embodimentale Intelligenz
2.2.1Bottom-up statt top-down
2.2.2Die Psychotonne
2.3Die Psyche als Ökosystem
2.3.1Risikominimierung von Überlastung
2.3.2Ressourcenausbeutung
2.3.3Das Risiko von struktureller Gewalt
2.3.4Artgerechte Haltung – sich selbst führen und begleiten
3Komponenten der Methode
3.1Teilearbeit
3.1.1Verschiedene Teilekonzepte
3.1.2Embodimentaler Zugang und Clusterbildung
3.1.3Struktureller Aufbau
3.1.4Trickster/Gestaltenwandler
3.1.5Von Emokokken, Kognokokken und Embodikokken
3.1.6Innere Anteile personalisieren
3.1.7Die innere Bühne wird real begangen
3.1.8Update und Integration
3.2Die Aufstellung
3.2.1Die Arbeit mit Bodenankern
3.2.2Das Anliegen
3.2.3Das Wünschelrutenverfahren
3.2.4Fremdes von Eigenem trennen
3.2.5Risiken und Nebenwirkungen von Aufstellungen
3.2.6Ressourcenorientierter Fokus
3.3Prozess- und embodimentfokussierte Psychologie (PEP)
3.3.1Was ist PEP?
3.3.2PEP als Intervention in der Triade
4Das triadische Prinzip in der Praxis
4.1Die drei Kernbedürfnisse als Werte
4.1.1Triadische Haltung, triadische Begegnung, triadischer Blick
4.1.2Führungsstil und die triadischen Werte
4.1.3Bauch, Herz und Kopf als Metaphern in Organisationen
4.2Selbstwirksamkeit
4.3Coaching und Beratung
4.3.1Zirkulärer Perspektivwechsel als Grundlage
4.4Psychotherapie
4.4.1Körpersymptome und Erkrankungen
4.4.2Trauma und Triade
4.4.3Depression
4.5Paarberatung
4.5.1Die stete Wechselbeziehung der Kernbedürfnisse im Alltag
4.5.2Die Dramaturgie der Paarberatung
4.6Transgenerationale Kontexte
5Fraktalität – Selbstähnlichkeit in der Triade
6Manual
6.1Erarbeitung des Anliegens
6.2Vorgehensweise in der Triade
6.2.1Die horizontale Begehung
6.2.2Das Anliegen kommt ins Bild, Personalisierung der Zentren
6.2.3Die Kommunikation zwischen den drei Kompetenzzentren
6.2.4Dosisreduktion
6.2.5Bypass
6.2.6Zentrumsverschiebung
6.2.7Die drei Kernbedürfnisse als Ressourcen nutzen
6.3Fraktale Aufstellungen
6.3.1Jedes Zentrum hat ein Anliegen
6.3.2Ein Zentrum hat eine Triade
6.3.3Ein Anteil hat eine Triade
6.3.4Zentrumsfilialen
6.4Triadenarbeit mit drei Fragen
7Überlegungen zum Geschehen in der Triade
Literatur
Über die Autorin
Geleitwort von Michael Bohne
Wenn es unter den vorhandenen psychotherapeutischen Schulen und Vertretern jemanden gibt, der bzw. die mich in den letzten Jahren am meisten inspiriert hat, so ist dies mit Sicherheit Gabriela von Witzleben und ihr triadisches Prinzip. Gabriela von Witzleben hat auf das Eleganteste die Wirkelemente einiger wesentlicher innovativer Psychotherapiemethoden kombiniert, verdichtet und so klar dargestellt, dass daraus eine Methode entstanden ist, die sich gleichermaßen durch elegante Einfachheit wie durch hohe Vielschichtigkeit auszeichnet. Als ich Gabriela von Witzleben vor einigen Jahren auf der Teile-Therapie-Tagung das erste Mal mit ihrem System habe arbeiten sehen, war ich fasziniert von der Leichtigkeit, der Zuversicht und dem Humor ihrer Arbeit – drei Elemente, die mir in der psychotherapeutischen Arbeit als unabdingbar erscheinen. Danach habe ich sie immer wieder bei ihrer Arbeit beobachten dürfen, und ich muss sagen, dass ich jedes Mal wieder aufs Neue beeindruckt und fasziniert bin, wie sich gerade bei großen und komplexen Themen durch die vom Klienten körperlich erlebten und somit evidenten Perspektiven von Bauch, Herz und Kopf vorhandene Ressourcenräume erschließen lassen und wie die Handlungsräume der Klienten sich spielerisch erweitern lassen.
Der Untertitel Minimal invasive Psychologie beschreibt recht gut das, was man in ihrer Arbeit beobachten kann. Und natürlich freut es mich sehr, dass PEP, die von mir entwickelte Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie, geholfen hat, die Schönheit und Ästhetik des triadischen Prinzips noch besser sichtbar zu machen.
Ich wünsche dem Buch, dass es viele interessierte und offene Leser findet; den Lesern wünsche ich, dass sie beim Gehen über die Bodenanker Bauch, Herz und Kopf Freude daran finden werden, die Weisheit ihres eigenen Körpers zu nutzen; und Gabriela von Witzleben wünsche ich, dass sie im psychotherapeutischen Feld die Anerkennung bekommt, die ihr zweifelsfrei zusteht.
Dr. Michael Bohne
Hannover, im März 2019
Einleitung
Das Wort Triade entstammt der altgriechischen Sprache und kann mit »Dreiheit« übersetzt werden.
Es ist eine Metapher für etwas dreifach Strukturiertes, wie wir es in allen Bereichen der Wirklichkeit antreffen:

Tab. 1: Dreifache Strukturierung
Diese kleine Auswahl zeigt, wie eine triadische Ordnung auf vielfältige Weise Relevanz hat.
So ist auch die Betrachtung des Körpers als Triade der drei Wahrnehmungs- und Reaktionszentren Bauch, Herz und Kopf fest im allgemeinen Sprachgebrauch verankert. Das demonstriert die folgende Auswahl entsprechender Redewendungen:
Herz
•Seinem Herzen folgen
•Ein Herz aus Stein haben
•Jemanden ins Herz schließen
•Das Herz am rechten Fleck haben
•Etwas kommt von Herzen
Kopf
•Einen kühlen Kopf bewahren
•Eine reine Kopfentscheidung
•Einem schwirrt der Kopf
•Ein Brett vor dem Kopf haben
•Eine kopflose Entscheidung
Bauch
•Aus dem Bauch heraus handeln
•Eine reine Bauchentscheidung
•Eine Bauchlandung
•Schmetterlinge im Bauch haben
•Frei von der Leber weg reden
Es ist offensichtlich, dass dem Herzen, dem Kopf und dem Bauch unterschiedliche Kompetenzen zugeschrieben werden. Intuitiv verstehen wir, dass ein kühler Kopf einen besseren Ressourcenzustand darstellt als ein kühles Herz. Wenn man einen Menschen warmherzig nennt, klingt das positiver als die Zuschreibung, er hätte ein Herz aus Stein. Und das berühmte Bauchgefühl besagt, dass man zu einer Entscheidung/Einschätzung gekommen ist, ohne genau zu wissen, wie und warum. Anscheinend gibt es eine Menge unbewusster Informationen, die dafür förderlich oder gar ausschlaggebend sein können.
Die Bauch-Herz-Kopf-Triade begegnete mir vor 25 Jahren, als ich mich mit dem Enneagramm beschäftigte (ennea = gr. neun und gramma = gr. Figur). Das Enneagramm besteht aus dieser Triade der drei Körperzentren und ihren jeweils drei Ausdifferenzierungen (3 x 3 = 9). So kann man es als ein embodimentbasiertes fraktales Modell ansehen. Die Einladung in eine Typisierung, die das Modell auch hergibt, barg jedoch für mich mehr Fragen und Einengungen, als dass sie Möglichkeiten schuf.
Hingegen wurden die triadischen Aspekte des Modells für mich immer relevanter und sie erschienen mir als Ordnungs- und Strukturierungssystem konsistent und praktikabel. So begann ich, die Bauch-Herz-Kopf-Triade genauer zu erforschen, und suchte nach adäquaten Möglichkeiten, sie in meiner Arbeit einzusetzen.
In der Praxis besonders bewährt hat sich der Einsatz der Körpertriade als strukturiertes und komplexitätsreduzierendes Aufstellungsformat. Die Fokussierung auf Bauch, Herz und Kopf schafft einen übersichtlichen Rahmen, und die ihnen zugehörigen Kernbedürfnisse erweisen sich als drei fundamentale Ressourcen:
•Bauch – Autonomie
•Herz – Beziehung
•Kopf – Sicherheit
Die Aufstellung erfolgt mittels Bodenankern: Scheiben, die auf den Boden gelegt werden, repräsentieren die Körperzentren (siehe Abb. 1).1 Auf der jeweiligen Scheibe stehend wird der Klient angeleitet, seine Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in das zu aktivierende Zentrum zu lenken. Dadurch werden Bauch, Herz und Kopf als unterschiedliche Kompetenzzentren erlebt und als solche personalisiert angesprochen: »Was sagt der Bauch, wenn er auf das Anliegen schaut?«, »Was sagt das Herz …«, »Was sagt der Kopf …«. Dies sorgt für einen fortwährenden zirkulären Perspektivwechsel im Prozess. Die innere Bühne des Erlebens wird real begangen.
Abb. 1: Die Triade als Aufstellungsformat
Durch die Aktivierung des Körpers kommen die zu bearbeitenden Themen oder Blockaden meist schnell an die Oberfläche, vergleichbar mit abgelagerten Sedimenten, die durch die Bewegung des Wassers nach oben gespült werden.
Minimalinvasiv kann dann an dem Zentrum gearbeitet werden, an dem sich die jeweiligen Phänomene zeigen. Da in aller Regel die Befindlichkeiten und Wahrnehmungen in jedem Zentrum anders sind, werden sie auch nicht generalisiert. Sicherheit und Steuerungsfähigkeit bleiben so für den Klienten weitestgehend erhalten. Er kann, im Falle von Überflutung etwa, einfach zum nächsten Zentrum weitergehen.
Die drei Kernbedürfnisse Autonomie, Beziehung und Sicherheit bieten bei dieser Arbeit fortwährend und implizit den Bezugsrahmen für die Prozessbegleitung.
Aus diesem Aufstellungsformat erwuchs im Lauf der Jahre das triadische Prinzip als Methode. Es ist eine Komposition, von der Sie einige oder auch viele Töne aus Ihrer Praxis oder Ihrem Erfahrungshorizont kennen: Systemische Strukturaufstellungen, Traumaaufstellungen, Focusing, die Arbeit mit inneren Anteilen wie Voice Dialogue oder Ego-State-Therapie, hypnosystemische Verfahren und PEP (Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie) sind Komponenten einer inzwischen ganz eigenen Melodie.
1Das Scheibenset können Sie auf der Webseite www.von-witzleben-coaching.de bestellen.
1Das triadische Prinzip
1.1Das Ordnungsprinzip der Triade
»Das Wesen der Abstraktion besteht […] im Vorgang des Ausziehens einer Invarianz, das heißt im lustvoll-spannungslösenden Finden einer versteckten Gemeinsamkeit in einem zunächst heterogenen Durcheinander« (Ciompi 1997, Pos. 6058 f.).
Menschen interagieren mit ihrer Umwelt über den ganzen Körper, mit dem sie unablässig Informationen senden und aufnehmen. Das geschieht so selbstverständlich, wie der Atem kommt und geht, nur mit einer ganz anderen Geschwindigkeit. Die mit Bauch, Herz und Kopf verknüpften Redewendungen zeigen, dass es eine unwillkürliche und geradezu natürliche Auffassung über die Aufteilung des Körpers in diese drei Regionen und die mit ihnen unmittelbar verknüpften Kompetenzen und Bedürfnisse gibt. Wenn jemand sagt, etwas sei nicht gerade eine Herzensangelegenheit, dann bezieht er sich auf das Herz. Er hat ein Unterscheidungsvermögen und sagt damit zugleich, dass es sehr wohl auch Herzensangelegenheiten gibt. Und die Aussage: »Ich bin ganz und gar kopfgesteuert« besagt zugleich, dass es noch etwas anderes gibt, sonst würde sie sich nicht auf den Kopf beziehen. Und wenn jemand bedauert, dass er nicht auf seinen Bauch gehört hat, dann hat er offensichtlich auf etwas anderes gehört.
Tatsächlich ermöglicht der Fokus auf diese drei Filter und die an sie gekoppelten Kernbedürfnisse eine körperorientierte Ausdifferenzierung des in beide Richtungen strömenden Informationsflusses. Durch die Unterschiedsbildung wird das zugrunde liegende Ordnungsprinzip erkennbar und so mehr über das Gesamtgeschehen erfahren. Ähnlich wie bei einer chemischen Analyse: Indem die einzelnen Elemente beachtet und untersucht werden, bekommt man ein besseres Verständnis für den Stoff als Ganzes.
Durch diese natürliche Differenzierung können alltägliche und auch spezielle Erfahrungen von Menschen in der Triadenarbeit aufgefächert werden. Das Ergebnis ist ein Mehr an Information, wobei im Mittelpunkt immer die Körperreaktion steht.
Die Reflexion darüber, welche Rolle wohl dem einzelnen Zentrum im Leben einer Person zukam, zukommt oder zukommen sollte und wie die mit ihm verknüpften Werte repräsentiert sind, ist so gut wie immer hilfreich und erhellend.
Im Beratungssetting finden es die meisten Menschen interessant, darüber nachzudenken, wie das Zusammenspiel ihrer drei Zentren funktioniert, und sie haben aufgrund ihrer Lebenserfahrung durchaus Thesen dazu. Damit wird vorab das Kernbedürfnis nach Überblick und Orientierung abgedeckt, und es erhöht sich die Bereitschaft, das Kopf-Zentrum zu verlassen und in die Erfahrung zu gehen.
Ein häufiger Kommentar zum ersten Triaden-Erlebnis lautet: »Das konnte ich mir nicht vorstellen!«, was meist für Heiterkeit auf beiden Seiten sorgt, da Minuten zuvor darüber gesprochen wurde, dass es um eine Erfahrung geht, die man zuvor in dieser Art und Weise noch nicht gemacht hat. Die eigentliche Ironie dabei ist, dass ja der Körper Zeit seines Lebens hauptsächlich unwillkürlich und spontan agiert. Vielen Menschen wird erst durch die Triaden-Arbeit bewusst, dass sie Körper sind.
Das der Triade innewohnende Ordnungsprinzip ermöglicht eine von Inhalten relativ abstinente Prozessarbeit. Es macht Hypothesen oder Konstruktionen des Beraters oder des Klienten selbst weitgehend überflüssig, weil es über den Körper automatisch Form annimmt. Indem bei der Aufstellung die drei Zentren räumlich dargestellt und so aktiv getrennt werden, können komplexe psychische Phänomene besser verortet und auch geordnet werden (siehe Abb. 2).
Darüber hinaus bieten sich folgende Vorteile:
•Bauch, Herz und Kopf als zentrale Begriffe zu nutzen, holt die Menschen in ihrer Erfahrungswelt ab.
•Die triadische Perspektive verringert automatisch das Risiko eines Entweder-oder.
•Die drei Zentren bieten eine ausreichende Differenzierung bei gleichzeitiger Überschaubarkeit.
•Bauch, Herz und Kopf dienen als embodimentale Magneten für das, was der Körper ausdrücken möchte.
Meine Erfahrung ist, dass die meisten Menschen wie selbstverständlich und ohne Mühe diese triadische Strukturierung übernehmen und auch ganz organisch anwenden. Der embodimentale Zugang zu ihren Themen scheint das »Sesam, öffne dich« zu sein, da er unmittelbar anschlussfähig an das eigene Erleben ist.
Abb. 2: Die Triade als Ordnungssystem
1.2Die drei Kernbedürfnisse Beziehung – Sicherheit – Autonomie
Jedes der Kernbedürfnisse ist im jeweiligen Körperzentrum implizit vorhanden bzw. wird dort körperlich generiert (siehe Abb. 3).
Jeder Mensch kann das an sich selbst erfahren:
Wenn er ganz mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung ins Herz, sprich den Brustbereich geht, dann fühlt er, dass das Herzzentrum für Gefühle zuständig ist. Diese entstehen automatisch, sobald man mit etwas oder mit jemandem in Kontakt und dadurch auch in Beziehung ist.
Wenn der Mensch ganz mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in den Kopf geht, dann fängt er unwillkürlich an, sich zu orientieren. Das Kopfzentrum möchte Sicherheit erzeugen, indem es versucht, in den Strom der Sinneseindrücke und der kognitiven Informationen Überblick und Orientierung zu bringen.
Abb. 3: Die Kernbedürfnisse
Wenn er ganz mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung im Bauch ist, dann spürt er seine eigene räumliche Grenze. Das Bauchzentrum ist darauf angelegt, Raum und Autonomie zu behaupten und sich dadurch Handlungsspielraum zu verschaffen.
Der Begriff Kernbedürfnis soll verdeutlichen, dass Beziehung, Sicherheit und Autonomie auch fundamentale Ressourcen sind. Bedürfnis wird hier also nicht primär als Mangel verstanden, sondern zugleich als Antrieb und Motivation.
Jedes der drei Kernbedürfnisse steht für sich und ergibt doch ohne die jeweils beiden anderen keinen Sinn, ähnlich den drei ungemischten Grundfarben: Erst durch die Mischung von Rot, Blau und Gelb entsteht ein lebendiges Farbenspektrum.
Das einzelne Kernbedürfnis kann man sich als Kontinuum mit zwei Polen vorstellen. Alle drei bilden entsprechend den sie erzeugenden Körperzentren Bauch, Herz und Kopf eine Triade (siehe Abb. 4). Um einen rein kognitiven Zugang zu dieser embodimental geprägten Triade zu erleichtern, wird für die nachstehende Erläuterung die Reihenfolge Beziehung – Sicherheit –Autonomie gewählt.
1.2.1Herz – Beziehung
Das Herzzentrum steht für Gefühle und es kann genauso nicht nicht fühlen, wie der Kopf nicht nicht denken kann. Es gibt den interessanten Irrglauben, man könne Gefühle außen vor lassen und auf der sogenannten Sachebene bleiben. Doch selbst eine Tabelle oder eine Statistik beinhaltet immer eine Auswahl, sie kann eben nicht die Wirklichkeit abbilden und enthält neben dem Glaubenskonstrukt dahinter auch einen emotionalen Aspekt. Gefühle sind das Bindemittel im Kontakt zu etwas oder jemandem und bilden damit auch den Bezugsrahmen für diesen Kontakt. Ob es sich um einen Menschen handelt oder ein Tier, einen Gegenstand oder eine Landschaft: Darauf bezogen kann man nur dann sein, wenn es einen Kontakt dazu gibt, und den stellt ein Gefühl her. Man findet z. B. irgendetwas schön oder hässlich und kann auch beschreiben, warum, aber jede Beschreibung ist untrennbar an ein Gefühl gekoppelt. Auch das Bedürfnis, sich selbst in Beziehung zur Welt wahrzunehmen, kann nur durch Gefühle erfüllt werden.
Abb. 4: Die Pole der Zentren
Zugleich sind Gefühle Motivatoren, um mit jemandem oder mit etwas in Kontakt zu treten. Man trifft sich eher mit Menschen, die man mag, und geht eher dort spazieren, wo es einem gefällt. Die Motivation muss aber nicht unbedingt positiv sein: Wenn man sich über jemanden ärgert, möchte man ihm gerne seine Meinung sagen, und auch ein Schüler, der den ganzen Nachmittag lang über einen Lehrer schimpft, ist intensiv in Kontakt mit der nichts ahnenden Person und setzt sich in Beziehung zu ihr.
Die Herzpole: Versteckte versus flutende Gefühle
Gefühle werden meist mehr oder weniger automatisch adaptiert. Situativ wägt man ab, unwillkürlich oder durchaus bewusst, wie sehr man seine Gefühle zeigt, ob im Umgang mit nahen oder weniger nahen Menschen, bei der Arbeit, der Erziehung von Kindern oder auch im Kontakt mit sich selbst. Man verhält sich vermeintlich oder tatsächlich und aus gutem Grund angemessen, obwohl man sich anders fühlt, das heißt, man kann seine Gefühle teilweise oder ganz verstecken. Wenn dies jemand dauerhaft und in hohem Maße tut, gilt er als gefühllos. Tatsächlich ist er seine Gefühle nicht los, sondern er hat sie so gut vor sich selbst versteckt, dass er keinen Zugang mehr zu ihnen hat. Somit steht ihm die Ressource Beziehung nur noch begrenzt zur Verfügung.
Am anderen Pol wird man von seinen Gefühlen so überwältigt, dass einem die Steuerungsfähigkeit abhandenkommt. Mit Ausnahme von intimen oder besonders ergreifenden Erlebnissen werden Gefühlsüberflutungen von einem selbst oder von anderen als eher unangenehm erlebt. Die Kontrolle darüber ist sehr unterschiedlich ausgeprägt und Menschen, die hier ein geringes Maß an Kontrolle besitzen, leiten daraus gerne ab, dass man seine Gefühle besser »wegsperrt ohne Wasser und Brot« (so das Originalzitat einer Klientin). Entsprechend dem Staudammeffekt brechen sie dann, in einem womöglich unpassenden Moment, umso heftiger wieder hervor, wodurch oftmals gerade das Kernbedürfnis Beziehung verlorengeht.
Das Herzzentrum kann nur dann gut ausbalanciert arbeiten, wenn es mit den beiden anderen Zentren kooperiert. Steuerungsfähigkeit entsteht hier, wenn man sich in seinen Gefühlen orientiert und ihnen einen adäquaten Raum lässt.
1.2.2Kopf – Sicherheit
Das Kopfzentrum ist für das Aufnehmen, das Verwalten und auch das Rekapitulieren kognitiver Informationen zuständig. Deren Verarbeitung erfolgt über Vorstellungen, die dabei helfen sollen, Orientierung und Überblick zu bekommen. Deshalb ist es ganz natürlich und auch notwendig, dass man projiziert, entsprechend einem Projektor, der ein Bild an die Wand wirft. Ohne Projektion ist es z. B. nicht möglich, an die Zukunft zu denken. Dafür nutzt man automatisch und unwillkürlich Informationen aus der Gegenwart oder der Vergangenheit. Wenn Vorstellungen einigermaßen kongruent mit dem Erleben sind, dann fühlt man sich orientiert und es entsteht das, was das Kopfzentrum unablässig sucht: Sicherheit. Aber auch noch so zutreffende Vorstellungen sind höchstens ähnlich dem, was dann tatsächlich erlebt wird. Und wenn die Realität ganz anders aussieht oder ein Realitätsabgleich nicht möglich ist, dann verliert man den Überblick und es entsteht automatisch Unsicherheit.
Das pure Abwägen von Zahlen, Daten, Fakten oder dem Für und Wider in einer Entscheidungsfrage ist oft eher quälend und bringt dann nicht das gewünschte Ergebnis. Das Bezugssystem bleibt auch bei vermeintlich rationalen Entscheidungen unser gesamtes Erleben. Die Kognition kann einem lediglich Orientierung verschaffen, und sie wird als Entscheidungsinstrument meist erheblich überschätzt. Ich möchte hier etwas provozierend sagen: Die Idee, man könne rein rationale Entscheidungen treffen, ist höchst irrational.
Die Kopfpole: Zu wenig versus zu viel Vorstellung
Beim Kopfzentrum wird besonders deutlich, dass durch die Fixierung auf das Kernbedürfnis – hier Sicherheit – gerade dieses verloren gehen kann, ähnlich dem Wertequadrat Schulz von Thuns (1989), demzufolge das Übertreiben eines Wertes zu einem Mangel wird. Wenn etwa diverse innere Stimmen unterschiedliche Interessen haben und so ein innerpsychischer Konflikt entsteht, dann wünscht man sich mehr Orientierung und Überblick. Im günstigen Falle entsteht ein integrativer Prozess und die inneren Anteile können sich auf eine Position einigen. Im anderen Fall erzeugt der Kopf einen steten Strom immer wieder ähnlicher Gedanken. Er kann damit nicht mehr aufhören und verliert zunehmend das, was er so dringend sucht: Sicherheit.
Am anderen Pol können einem die eigenen Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme (Ciompi 1997) eine Orientierung suggerieren, die scheinbar keiner weiteren Überlegungen bedarf. So kann auch das Vermeiden von Vorstellungen das Kernbedürfnis Sicherheit beeinträchtigen.
Das Kopfzentrum kann nur dann gut ausbalanciert arbeiten, wenn es die beiden anderen Zentren mit in der Wahrnehmung hat. Steuerungsfähigkeit entsteht hier, wenn man Handlungsimpulse und Gefühle ernst nimmt und die eigene Begrenztheit immer im Blick hat.
1.2.3Bauch – Autonomie
Im Bauchzentrum geht es um Grenzen, Abstand wahren, seinen Platz einnehmen, zusammengefasst: um Raum, mithin Handlungsspielraum. Mit diesem Begriff ist all das ausgedrückt, was »Autonomie« meint. Denn Handlungsspielraum braucht es, um sinnvolle Entscheidungen treffen zu können. Naturgemäß ist das Kernbedürfnis Autonomie dem Verstand und dem Bewusstsein nicht immer direkt zugänglich.
Um eine Ahnung davon zu bekommen, stelle man sich einen überfüllten Bus oder Zug vor: Viele Menschen fühlen sich in einer solchen Situation eingeengt und manche berichten, dass sie ungeachtet der Luftqualität kaum atmen können, es wird also nicht nur eng im Außen, sondern der eingeschränkte Handlungsspielraum erzeugt auch Enge im Körper. Das erleben diese Menschen als reale Bedrohung ihrer Autonomie.
Wenn man von einer reinen Bauchentscheidung spricht, die man getroffen habe, meint man damit lediglich, dass es für diese Entscheidung keine wirkliche (bewusste) Begründung gab. Wenn es gut ausgeht, dann hat der Bauch »instinktiv richtig« gehandelt. Wenn es nicht so gut ausgeht, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Bauch ignoriert hat, was das Herz fühlte und was der Kopf dachte. Handlung entsteht durch spontane Impulse und diese kommen aus dem Bauchzentrum. Noch für die überlegteste und abgewogenste Handlung, wie und wo auch immer sie vorbereitet und beeinflusst wird, braucht es am Ende einen Entscheidungsimpuls. Wenn man versucht, Handlungen im Herz- oder Kopfzentrum zu generieren, gerät man unweigerlich ins Stocken.
Die Bauchpole: Gelähmte versus unkontrollierte Impulse
Wenn Spontaneität verloren geht, erscheint es einem nicht mehr möglich, eine autonome Entscheidung zu fällen. Manchmal wird man von sich selbst überrascht, wenn dann doch die schon erwähnte reine Bauchentscheidung greift. Aber meist übernimmt entweder der Kopf und rattert unentwegt auf der Suche nach Sicherheit oder das Herz, indem es auf parafunktionalen Gefühlen (Bohne 2010a) beharrt, oder gleich beide zusammen. Die sich im Bauch weiterhin anbahnenden Impulse werden nun als zu risikoreich eingeschätzt mit der Folge, dass sie entwertet oder zumindest rationalisiert werden. So haben sie nicht mehr genügend Raum, die Autonomie geht verloren und sie erlahmen. Dies kann punktuell vorkommen, so wie zum Beispiel fast jedem das Phänomen Prokrastination (Aufschieberitis) bekannt ist. Doch Menschen, die dauerhaft unter gelähmten Impulsen leiden, werden von sich selbst und ihrer Umwelt als zäh und langwierig empfunden. Sie sind keine guten Entscheidungsträger, denn es dauert einfach zu lange, bis sie zu einem fassbaren Ergebnis kommen. Das Kernbedürfnis Autonomie steht nur begrenzt als Ressource zur Verfügung.
Das Bauchzentrum agiert jedoch von Natur aus unwillkürlich und schnell. Manchmal so schnell, dass ein Impuls sich der Kontrolle entzieht, und damit befindet man sich am anderen Pol. Jeder kann dort mal hingeraten, z. B. wenn er jemanden ungewollt anschreit. Sehr impulsive Menschen bewegen sich häufiger in die Richtung dieses Pols und werden von daher als relativ unberechenbar erlebt.
Mangelhafte Impulskontrolle kann aber auch das Gegenteil von Autonomie erzeugen: Wer nicht an sich halten kann und dem Chef unverblümt »die Meinung geigt«, dem kann fristlos gekündigt werden. Was sich im ersten Moment vielleicht wie ein Befreiungsschlag anfühlt, endet womöglich in einer nur noch größeren Abhängigkeit, sei es der des Arbeitsmarktes oder von der Agentur für Arbeit. Oder er findet sich auf einer neuen Arbeitsstelle wieder, bei der er sich noch weit mehr unterordnen muss als vorher. Womöglich, weil er sich abermals impulsiv entschieden hat, ohne die anderen beiden Zentren ausreichend mit einzubeziehen.
Das Bauchzentrum kann nur dann gut ausbalanciert arbeiten, wenn es auch den beiden anderen Zentren Raum zugesteht und von deren ganz eigener Kompetenz profitieren kann. Steuerungsfähigkeit entsteht hier, wenn es ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Kooperation und kognitiver Leistung gibt.
1.2.4Die Kernbedürfnisse als intrinsische Motivation
Ich betrachte die Kernbedürfnisse als intrinsische Motivatoren. Sie können mangelhaft repräsentiert sein, aber sie entstehen nicht aus einem Mangel heraus, sondern sind ursprüngliche Kräfte, die uns unwillkürlich mehr oder minder unbewusst antreiben. In uns allen ist ein autonomes Selbst angelegt. Wir alle leben in Beziehung mit anderen. Wir alle brauchen Orientierung und Sicherheit. So gesehen sind die Kernbedürfnisse die drei Quellen, aus denen sich der strukturelle Raum der Psyche bildet und zugleich gespeist wird.
Die folgenden Beispiele sollen veranschaulichen, wie die Kernbedürfnisse im alltäglichen Miteinander andauernd vorhanden sind. Es kann spannend und aufschlussreich sein, sich ihre ständigen Wechselwirkungen auch bewusst zu erschließen.
(Im Folgenden: A = Autonomie, B = Beziehung, S = Sicherheit)
a) Peter und Petra treffen sich
Peter und Petra sind alte Schulfreunde. Sie haben sich lange nicht gesehen und sind am Bahnhof verabredet. Petra kommt mit dem Zug, er wartet in der Eingangshalle. Petra sieht ihn und geht noch »ganz schnell« zur Abfahrtstafel, um zu schauen, wann der letzte Zug zurückfährt (S). Peter ist irritiert, dass sie ihn nicht zuerst begrüßt (B). Als sie auf ihn zukommt, meint er etwas schnippisch: »Du kannst es wohl nicht erwarten, wieder nach Hause zu kommen«, er ist – wenn auch leicht – verletzt (B). Bei Petra entsteht Unsicherheit und sie fragt sich, warum Peter so »komisch« sei (S+B), trotzdem will sie ihn umarmen (B). Peter ist dabei etwas reserviert, für ihn ist ihr Verhalten jetzt etwas zu aufdringlich (A). Petra denkt: »Hat der sich aber verändert seit dem letzten Mal!« (Projektion: Sie möchte sich auskennen [S]). Sie weiß nicht recht, wie sie jetzt reagieren soll (A+S+B).
Es ist vorstellbar, dass diese klitzekleine Anfangssequenz Folgen für die weitere Beziehung hat, weil beide nicht wissen, was genau passiert ist.
b) Im Seminar
Genau diese Geschichte erzähle ich in einem Seminar. Kurz darauf ist Pause und eine Teilnehmerin kommt auf mich zu, während ich gerade dabei bin, am Laptop die nächsten Folien zu überprüfen (S). Während sie mich anspricht, schaue ich auf die Leinwand, worauf sie sagt: »Ich sehe schon, dass interessiert dich nicht« (B). Ich schaue zu ihr und sage: »Ich habe nur noch eine Folie gesucht« (S), aber da ist sie schon weg (A). Jetzt bin ich genervt: »Sieht die denn nicht, was ich gerade tue?! (B) Soll ich sofort parat stehen?!« (A). Ich gehe ihr nach und wir können im klärenden Gespräch über unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen lachen (B+S).
c) Wohnungsfinanzierung
Vor einiger Zeit habe ich zwecks einer Wohnungsfinanzierung ein Darlehen aufgenommen. Seither habe ich eine Lieblingsbank: Von Anfang an kann man entsprechend dem eigenen Bedarf das jeweils auftretende Kernbedürfnis stillen.
Autonomie:
Die Identitätsprüfung erfolgt via Skype, für mich entspricht das meinem Bedürfnis nach Handlungsspielraum, weil ich nicht auf der Post anstehen muss für die Ausweiskontrolle. Technisch gibt es ausreichend Möglichkeiten, Dokumente zu scannen und hochzuladen, ich kann also jederzeit das Nötige selbst tun.
Beziehung:
Bei Bedarf kann man anrufen und es steht jedes Mal eine sehr freundliche und kompetente Person zur Verfügung, die einem geduldig den Sachverhalt erklärt und Sätze sagt wie: »Das sind auch schwierige Begriffe, das verstehe ich, dass Sie da Unterstützung brauchen.«
Sicherheit:
Die Vertragsunterlagen sind übersichtlich und transparent gestaltet. Durch die gute technologische Unterstützung sehe ich jederzeit, inwieweit sie vollständig sind oder was noch fehlt. Die ganze Angelegenheit wird sehr zügig abgewickelt, ich bin stets orientiert über den Bearbeitungsstand und weiß, wie lange was dauern wird.
d) Der Nadeldrucker im Fokus der drei Kernbedürfnisse
Tag 1 – Die Teammitglieder
Beim Coaching mit dem 18-köpfigen Team einer großen Arztpraxis werden Brennpunktthemen gesammelt und auf Moderationskarten geschrieben. Diese sollen dann an der Pinnwand triadisch verortet werden, entsprechend den Kernbedürfnissen, die vorher natürlich erklärt wurden.
Ein Thema ist der alte Nadeldrucker, der interessanterweise in allen drei Bereichen angepinnt wird. Für die jeweiligen Teilnehmerinnen ist tatsächlich je ein anderes Kernbedürfnis betroffen:
Autonomie:
»Der stresst mich, weil er so laut ist. Man kann nicht in Ruhe arbeiten.«
Beziehung:
»Wir monieren den Drucker seit Langem immer wieder und die Chefs reagieren einfach nicht. Denen ist es einfach egal, mit welchen steinzeitlichen Maschinen wir hier arbeiten müssen.«
Sicherheit:
»Das Ding ist störanfällig und wir haben keinen passenden Kundendienst mehr für das Gerät. Mich stresst schon jetzt die Vorstellung, dass er mal wieder nicht geht.«
Drei unterschiedliche Perspektiven auf einen Drucker und damit natürlich auch unterschiedliche Werte, die im Vordergrund stehen. Es entsteht ein reger Austausch zwischen den Teammitgliedern, weil sie es spannend finden, wie das, wovon jemand selbstverständlich ausgeht, für den Nächsten ganz anders sein kann. Und weil sie erkennen, dass man den anderen zuvor eben nicht verstanden hat, wächst die Motivation und Fähigkeit des zirkulären Nachfragens untereinander. Die Kernbedürfnisse als ein Ordnungsprinzip zu nutzen, hilft ihnen, besser zu verstehen, wie anders der andere tickt.
Tag 2 – Die Chefs
Am nächsten Tag kommen die Praxisinhaber zum Teamcoaching und können an der Pinnwand die Moderationskarten lesen. Bisher ist der Nadeldrucker für sie ein unbedeutendes Sachthema gewesen und sie betrachten ihn als ein technisches Detail. Nachdem sie sehen, dass beim Praxisteam alle drei Kernbedürfnisse betroffen sind, erkennen sie die Wichtigkeit des Themas. Die Entscheidung, dieses Problem aus der Welt zu schaffen, wird dann sehr zeitnah umgesetzt.
Übung: die Wahrnehmung von Bauch – Herz – Kopf
Für die Übung brauchen Sie sich nicht anzustrengen oder zu konzentrieren, es reicht die Vorstellung, dass das jeweilige Zentrum Augen habe. Es ist sehr hilfreich, diese Übung im Stehen oder Gehen durchzuführen und nicht im Sitzen. Bevor Sie mit Ihrer Wahrnehmung von einem Zentrum ins nächste wechseln, sollten Sie einen Platzwechsel vornehmen. Lassen Sie sich von sich selbst überraschen: Was verändert sich konkret, wenn Sie ganz bewusst und explizit versuchen, aus nur einem der drei Zentren wahrzunehmen?
Gehen Sie mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in den Bauch: Geben Sie sich etwas Zeit. Wie nehmen Sie den Raum um Sie herum wahr? Wie erleben Sie sich selbst, wenn Sie ganz mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung im Bauch sind? Wie ist Ihr Raumgefühl?
Gehen Sie mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung ins Herz (den Brustbereich): Wie sind Sie in Beziehung zu anderen Lebewesen, den Möbeln und Gegenständen im Raum? Wer oder was zieht Ihre Aufmerksamkeit auf sich? Wie nehmen Sie sich selbst wahr? Wie ist Ihre Beziehung zum Raum?
Gehen Sie mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in den Kopf: Was genau und wie nehmen Sie wahr? Sehen Sie mehr oder weniger Details? Wohin geht Ihr Blick? Wie orientieren Sie sich im Raum? Haben Sie ausreichend Überblick?
Machen Sie, wenn Sie möchten, mehrere Durchgänge und hören Sie bei dem Zentrum auf, das (im Moment) am angenehmsten ist.
Übung: Spurensuche
Man neigt allgemein dazu, Inhalte zu beschreiben, das, was man erlebt hat, und dass es eben eher positiv oder eher negativ war. Oder man regt sich über andere auf bzw. lobt sie.
Bei der Übung geht es um die Suche nach dem zugrunde liegenden Kernbedürfnis. Vielleicht gibt es auch eine Präferenz in Ihrem Leben, sodass eines der drei Kernbedürfnisse für Sie einen besonderen Stellenwert hat.
Jetzt lade ich Sie ein, zwei Situationen in Ihrem Leben näher zu untersuchen. Zunächst eine unangenehme, schwierige und im zweiten Durchgang eine angenehme, positive Situation:
Wenn Sie jetzt an diese Situation denken, sich einfühlen, Ihren Körper wahrnehmen:
Was ist unangenehm/angenehm daran? Welches Kernbedürfnis war zuerst betroffen?
Einfach bei dieser Frage bleiben.
Natürlich darf man sich einfach ärgern oder freuen, aber spannend ist auch die triadische Reflexion, weil sie hilft, in einen Selbstklärungsprozess einzusteigen. Wenn man für sich geklärt hat, was triadisch gesehen bei einem abgelaufen ist, dann entsteht mehr Verständnis für die Gesamtsituation und man kann sich besser positionieren. So wächst der Raum der Möglichkeiten im Sinne von besserer Beziehung, mehr Überblick und größerem Handlungsspielraum.
Übung: Reflexion der drei Kernbedürfnisse im eigenen Leben
Vergegenwärtigen Sie sich die drei Begriffe: Autonomie, Beziehung, Sicherheit. Was meinen Sie, wie sehr diese drei zentralen Aspekte in Ihrem Leben aktiviert und integriert sind?
Wieder ist es hilfreich, zuerst mit der Aufmerksamkeit in den Körper zu gehen: Wenn Sie während der Reflexion Reaktionen aus Ihrem Körper wahrnehmen, ist das unterstützend.
1. Stellen Sie sich die Beziehung zu Ihrem Partner, einem Ihrer Kinder oder zu einer anderen nahestehenden Person vor.
Wie würden Sie die Beziehung zu dieser Person anhand der Triade einschätzen?
Autonomie: Hat jeder genügend Freiraum für sich?
Beziehung: Wie gut sind Sie in Kontakt miteinander? Sind Ihre Gefühle füreinander überwiegend positiv?
Sicherheit: Wissen Sie immer, woran Sie mit dem anderen sind und er mit Ihnen? Können Sie sich aufeinander verlassen?
Wie viel von welchem Kernbedürfnis bieten Sie an?
Wo würden Sie selbst gerne mehr oder auch weniger bekommen?
2. Denken Sie an Ihre Arbeit oder an das Unternehmen, in dem Sie tätig sind (auch als Hausmann/-frau). Was meinen Sie, wie stark die drei Kernbedürfnisse in Ihrem Arbeitsleben repräsentiert sind?
Sicherheit: Ist ausreichend Überblick und Orientierung vorhanden, was Ihren Arbeitsplatz, die Arbeitsplatzbeschreibung, Abläufe, Handlungsanweisungen, Richtlinien betrifft? Gibt es womöglich eine Überforderung?
Autonomie: Wie sieht es mit Handlungsspielräumen aus, der persönlichen Freiheit, Gestaltungsmöglichkeiten, selbstständigem Arbeiten?
Beziehung: Wie ist das Verhältnis unter Kollegen, im Team, zum Chef oder Vorgesetzten? Welchen Wert stellt das Betriebsklima dar? Wie ist der kollegiale Austausch?
Inwieweit ist einer der Bereiche durch die jeweils anderen beiden beeinflusst? Natürlich wirken immer alle drei Bereiche zusammen, aber wenn man sie separat und in ihrer Wechselwirkung betrachtet, wird einem oft klar, wo die Quellen für Schwierigkeiten oder Wohlergehen liegen.
1.3Die Begehung der Triade
Bei der Aktivierung der drei Zentren stehen die somatischen Marker im Zentrum. Durch die Aufteilung in Bauch, Herz und Kopf erfolgt eine Strukturierung, die diese Marker auf spezifische Weise erlebbar werden lässt.
»Die Hypothese der somatischen Marker geht von folgender Annahme aus: Gefühle markieren bestimmte Aspekte einer Situation oder bestimmte Ergebnisse möglicher Handlungen. Das Gefühl nimmt diese Markierung entweder offen vor, etwa als ›Bauchgefühl‹, als instinktives Empfinden, oder verdeckt mittels Signalen, die unterhalb der Bewußtseinsschwelle empfangen werden« (Damasio 2004, Pos. 159 f.).
1.3.1Die Aufstellung
Drei Bodenanker (Scheiben) in möglichst neutraler Farbe werden am Boden als Dreieck gelegt. Sie repräsentieren die Triade von Bauch, Herz und Kopf eines Menschen. Dieser stellt sich nacheinander auf die Scheiben und richtet seine Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in das entsprechende Zentrum. Es wird auf der Scheibe gestartet, die den Bauch repräsentiert. Das nächste Zentrum, welches aktiviert wird, ist Herz, dann folgt Kopf. Man dreht sich nicht im Kreis, sondern man geht im Dreieck. Der Gang durch die Triade bietet eine Orientierung darüber, wie zugänglich die jeweiligen Ressourcen sind. Der erste Schritt im Prozess ist es, eine Unterschiedlichkeit festzustellen. Erlebt jemand, dass die Wahrnehmung in den Zentren verschieden ist, so ist in aller Regel sein Interesse für die Triadenarbeit geweckt. Und erst recht, wenn er überrascht ist, wie zuverlässig der Körper seinen momentanen Zustand ausdrücken kann, und oft noch ziemlich präzise. Meist kommt die Person während der Begehung zu einer realistischeren Einschätzung dieses Zustands, oder er wird ihr überhaupt erst bewusst.
Eine Belastung betrifft selten alle drei Zentren, zumindest nicht gleich stark, und oft gibt es nur an einem Zentrum etwas zu tun. Dann erfährt man schon mal die gute Nachricht, dass nicht der ganze Körper/Mensch betroffen ist, sondern nur ein Drittel. Liegt nur eine geringe Belastung vor, egal in wie vielen Zentren, dann tritt im Allgemeinen alleine durch die Begehung eine Besserung ein. Ansonsten stehen die mit dem triadischen Prinzip entwickelten spezifischen Tools oder die darin integrierbaren anderen Methoden zur Verfügung.
Vorher können die Menschen nicht wissen, was bei einer Triaden-Begehung auf sie zukommt. Das ist logisch, da sie sie ja noch nicht erlebt haben und alles, was sie sich vorzustellen versuchen, nur eine Projektion sein kann. Deshalb möchte ich Sie jetzt einladen, es einfach auszuprobieren:
Übung: Bestandsaufnahme in der Triade
Ziel der Übung ist es, die Unterschiedlichkeit der Zentren zu erleben und Veränderungen im Körper wahrzunehmen. Ihr Körper ist eingeladen, autonom zu reagieren. Daher sollten Sie einfach nur rumstehen, also nicht intervenieren, sich nicht konzentrieren, keine Meditationstechniken oder Ähnliches anwenden. Lassen Sie sich von Ihrem Körper überraschen. Die Augen bleiben geöffnet, das unterstützt die autonome Körperreaktion, Augen schließen wäre schon ein Eingriff. Alles ist eingeladen, sich auszudrücken. Nichts wird geordnet oder gedeutet. Sie erfahren mehr über sich, wenn Sie nicht vorschnell interpretieren, sondern die Informationen, die Sie von Ihrem Körper erhalten, einfach sammeln. Sollte eine innere Stimme skeptisch sein oder Sorgen haben, weil sie nicht weiß, was auf Sie zukommt, dann laden Sie diese Stimme dazu ein, erst mal eine Erfahrung zu machen und nach der Übung das Geschehene zu reflektieren.
Sie legen drei Scheiben (Blätter/Moderationskarten) in Form eines Dreiecks auf den Boden. Sie definieren zuerst, welche Position Bauch repräsentiert (nicht beschriften, keine Zeichen). Dann folgen im Uhrzeigersinn die Position für Herz und schließlich die für Kopf.
Starten Sie mit dem Bauchzentrum: Sie stellen sich auf die entsprechende Position, lassen die Augen offen und richten Ihre Wahrnehmung und Aufmerksamkeit in den Bauch. Wie nehmen Sie Ihren ganzen Körper wahr?
Sie gehen weiter auf der gedachten Linie zum nächsten Zentrum.
Herz:
Nun richten Sie ihre Wahrnehmung und Aufmerksamkeit ins Herz. Wie nehmen Sie Ihren ganzen Körper wahr? Auch hier wird wieder alles gesammelt, was sich bemerkbar macht.
Sie gehen weiter auf der gedachten Linie zum nächsten Zentrum.
Kopf:
Nun richten Sie Ihre Wahrnehmung und Aufmerksamkeit in den Kopf. Wie nehmen Sie Ihren ganzen Körper wahr? Auch hier wird wieder alles gesammelt, was sich bemerkbar macht.
Sie gehen weiter zum Bauchzentrum für eine zweite Runde. Hier geht es darum, ob sich etwas verändert hat gegenüber der ersten Runde. Sie richten Ihre Wahrnehmung und Aufmerksamkeit wieder in das Bauchzentrum: Hat sich hier etwas verändert im Vergleich zum letzten Mal an dieser Stelle? Wieder wird nur gesammelt, dann folgen Herz und schließlich Kopf.
Sie können noch eine dritte Runde gehen und dabei innerlich Ihre Zentren fragen, welche Rolle diese in Ihrem Leben spielen.
Wie reagieren Ihr Bauch, Ihr Herz und Ihr Kopf körperlich, wenn sie die Frage hören?
Sind die Zentren auskunftsfreudig, kann in einer vierten Runde die Frage anschließen, wie Bauch, Herz und Kopf jeweils zu den beiden anderen stehen bzw. ob sie diese überhaupt kennen.
Für den Ausstieg aus der Triade gehen Sie zu dem Zentrum, das Sie als größte Ressource erleben.
Zusammenfassung:
1. Sie starten bei Bauch, im Uhrzeigersinn folgen Herz und dann Kopf.
2. Sie gehen mit der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit in das jeweilige Zentrum, die Augen bleiben geöffnet.
3. Sie nehmen Ihre Körperempfindungen im ganzen Körper wahr. Sie sammeln nur und interpretieren nichts.
4. Erster Durchgang: Fokus auf Unterschiede in den Zentren. Zweiter Durchgang: Fokus auf Veränderungen im Vergleich zum ersten Durchgang.
5. Frage an die Zentren, welche Rolle sie spielen (dritter Durchgang).
6. Frage nach dem Verhältnis zueinander/der Kenntnis voneinander.
7. Ausstieg bei der stärksten Ressource.
1.3.2Die Flow-Richtung
Schon bei den ersten Experimenten mit dem neuen Aufstellungsformat wurde deutlich, dass bei der Begehung des Dreiecks die Richtung eine große Rolle spielt. Intuitiv begann ich mit der Reihenfolge Bauch–Herz–Kopf, und zwar im Uhrzeigersinn (siehe Abb. 5). Damit machte ich gute Erfahrungen in unterschiedlichen Beratungs- und Therapiesettings. Auffallend war vor allem, dass viele Klienten, die sich auf eine noch als Experiment etikettierte Begehung einließen, hinterher ein verändertes Embodiment hatten, ohne dass überhaupt eine Intervention erfolgte.
Ich vermied es instinktiv, in die andere Richtung zu gehen, alleine den Gedanken empfand ich als unangenehm. Aber das war noch nicht Grund genug für mich, diese Option sofort zu verwerfen, vielleicht würde es ja auch dafür eine Indikation geben. Bald wurde ich eines Besseren belehrt:
Abb. 5: Die Flowrichtung
Bei einem Aufstellungs-Seminar mit ca. 20 Personen hatte ich die Gelegenheit, mit der ganzen Gruppe durch die Triade zu gehen. Am Boden wurde ein großes Dreieck markiert und wir gingen zunächst zwei Runden in der bewährten Richtung. Übereinstimmend berichteten die Teilnehmer, dass sie in der Gruppe die Zentren noch intensiver wahrnehmen konnten und allein das Begehen der Triade die Wahrnehmung und Empfindung für den eigenen Körper in einem positiven Sinn intensivierte. Dann wurden sie gebeten, in die Gegenrichtung zu gehen, also vom Bauch zum Kopf zum Herz zum Bauch.
Schon bei der ersten Station, vom Bauch zum Kopf, gab es deutliche Befindlichkeitsstörungen und spätestens nach dem ersten Durchgang brach mehr als die Hälfte der Teilnehmer die Aufstellung ab wegen Schwindel, Übelkeit, Druck im Kopf und ähnlichen Körperreaktionen. Einige wollten, obwohl sie schon betroffen waren, aus Neugier und Interesse noch eine zweite Runde gehen. Die Folge war, dass sie sich nach mehreren Stunden am Ende des Seminartages noch nicht ganz und gar erholt hatten.
Im Lauf der Jahre gab es immer wieder Seminarteilnehmer, die das gegenläufige Begehen der Triade austesten wollten. Einzeln reagierte nicht jeder mit Körpersymptomen, aber alle berichteten von einer Verringerung der Wahrnehmung des eigenen Körpers/der Gefühle/der Umgebung bis hin dazu, »ganz abgestellt« zu sein. Hingegen habe ich noch nie erlebt, dass die Gegenläufigkeit zu einer Überflutung mit Gefühlen führte.
Es gab also ein Phänomen und keine Erklärung dazu.
Wir wandten uns als Institut mit dieser Frage an diverse Experten aus den Bereichen Medizin/Neurologie und Biologie. Sie wurde mit großem Interesse aufgenommen, aber der aktuelle Forschungsstand scheint eine profunde Antwort noch nicht herzugeben.
Während der ersten ca. 10 Jahre, in denen ich mit der Triade arbeitete, setzte ich ein paar wenige Male die Effekte der Gegenläufigkeit ein. Zum Beispiel hatte ein Klient unmittelbar vor einem wichtigen Gespräch mit seinem Chef ein Coaching gebucht. Er befürchtete zu Recht unerwünschte Gefühlsausbrüche und zog es vor, mittels Gegenläufigkeit in der Triade seine Gefühlskanäle ganz abzudrehen. Meist war solch eine Arbeit mit anschließenden Kopfschmerzen oder zumindest Kopfdruck verbunden. Heute biete ich das nur noch Klienten an, von denen ich den Eindruck habe, dass sie psychisch sowieso in der Gegenrichtung unterwegs sind. Also den Bauch nicht spüren und dann im Kopf nachdenken. So haben sie die Möglichkeit, die Erfahrung zu machen, dass dies meist mit einer Verringerung des Wohlbefindens einhergeht, sei es durch den erwähnten Kopfdruck oder anderweitige Körpersymptome oder eine abnehmende Wahrnehmung des Körpers. Nur sehr selten spürt jemand keinen Unterschied.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass es sehr empfehlenswert ist, die Triade in der richtigen Reihenfolge und im Uhrzeigersinn zu begehen. Allein durch die Begehung, also ohne überhaupt zu intervenieren, kann in aller Regel ein größeres Wohlbefinden erzeugt werden.
2Minimalinvasive Psychologie
»Es lohnt sich, geduldig zu beobachten, was in der Seele im Stillen geschieht, und es geschieht das Meiste und Beste, wenn es nicht von außen und oben hineinreglementiert wird. Ich gestehe es gerne: Ich habe eine solche Hochachtung vor dem, was in der menschlichen Seele geschieht, dass ich mich scheuen würde, das stille Walten der Natur durch täppische Zugriffe zu stören und zu entstellen« (Jung 2001b, S. 203).
Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten sich mit Freud, Jung, Adler, Reich etc. große Schulen der Psychotherapie. Mit der Erforschung des Unbewussten sowie der Erfindung und Erprobung von für psychische Störungen geeigneten Heilverfahren entwickelte sich das, was sich als Psychotherapie nach und nach in unserer Gesellschaft etabliert hat.
Die Krankenkassen gehen seit jeher davon aus, dass eine wirksame Behandlung psychischer Probleme lange dauert. Zugleich ist die Begrenzung der einzelnen Sitzungen auf 50 Minuten eine zeitliche Herausforderung für den Therapeuten und vor allem auch für den Klienten. Er soll während dieser Zeitspanne in einen psychischen Prozess finden, diesen produktiv weiterführen und schließlich sinnvoll ausklingen lassen.
Bisher gelten die Verhaltenstherapie sowie psychoanalytische Verfahren als anerkannte Psychotherapieverfahren. Seit Ende 2018 sind die Weichen gestellt für die Aufnahme der systemischen Therapie als weiteres Richtlinienverfahren. Viele Psychotherapeuten haben jedoch viel mehr in ihrem Methodenkoffer zur Verfügung als die bisher von den Kassen zugelassenen Verfahren.
Seit den 1970er-Jahren haben neue Ansätze frischen Wind in das Therapiegeschehen gebracht. Ganz wesentliche neue Impulse gab es durch die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie von Steve de Shazer (1989). Die konsequente Orientierung weg vom Problem und hin zur Lösung brachte eine ganz andere Sichtweise von Psychotherapie mit sich. Es wurde immer mehr darauf vertraut, dass auch die Psyche über ein hohes Maß an Selbstheilungskräften verfügt.
Mit der zunehmenden Entwicklung systemischer Methoden entstanden neue und vielversprechende Konzepte. Körperresonanz, Embodiment und inhaltliche Abstinenz sind einige der Begriffe, die mich hier besonders interessierten. Diese komplexitätsreduzierenden Faktoren in Kombination mit dem minimalistischen Aufstellungsformat des triadischen Prinzips führten mich zu dem, was ich heute minimalinvasive Psychologie nenne.
Der Begriff minimalinvasiv stammt aus der chirurgischen Medizin. Er steht für punktgenaue Eingriffe, bei denen der ganze Körper weitestgehend geschont wird, und er steht für das geringstmögliche Risiko der Kontamination.
Die minimalinvasive Vorgehensweise auf Psychotherapie, Coaching und Beratung zu übertragen, klingt vielleicht etwas konstruiert. Doch wenn man sich vorstellt, dass die Psyche eines Menschen ein hochkomplexes und naturgemäß zu weiten Teilen nur begrenzt verstehbares Ökosystem darstellt, dann bietet dieser Begriff für Interventionen einen hilfreichen Rahmen.
Denn das Eingreifen in ein bestehendes Ökosystem birgt immer ein Kontaminationsrisiko. Egal mit welchen Methoden wir als Behandler/Begleiter arbeiten, die Gefahr ist immer gegeben, dass wir von außen unwillkürlich etwas in den Prozess bringen, das der Psyche des Klienten nicht dienlich ist oder sogar kontraproduktiv wirken kann. Das ist kein Problem, solange die psychische Immunabwehr stabil genug ist, um nicht hilfreiche, unpassende oder gar schädliche Einflüsse abwehren zu können. Ob das der Fall ist, können wir aber nicht immer zuverlässig wissen. Dazu kommt, dass die Psyche – so wie es auch beim Körper der Fall ist – nach Eingriffen eine Ruhezeit braucht für die Reorganisation.
Die Idee der minimalinvasiven Psychologie setzt auf die drei fundamentalen Ressourcen/Werte Autonomie, Beziehung und Sicherheit. Wenn diese zur Verfügung stehen, dann ist das psychische Immunsystem maximal gestärkt und fremde Inhalte sowie Infektionen aus dem Familiensystem etc. können automatisch besser abgewehrt werden.
Die folgenden Überlegungen und Konzepte sollen die Idee einer minimalinvasiven Vorgehensweise unterstützen und ihre Vorteile erhellen. Der Grundpfeiler der Betrachtungen ist die fortwährende Konzentration auf das Körpergeschehen.
2.1Rationalität als Fata Morgana
»Mangel an Gefühlen kann eine genauso wichtige Ursache für irrationales Verhalten sein« (Damasio 2004, Pos. 1191 f.).
Das, was wir als rational bezeichnen oder als eine überlegte Entscheidung ansehen, wird aus viel mehr Quellen gespeist, als uns meist bewusst ist. Wir empfinden aber subjektiv, wenn wir mal so richtig fokussiert nachdenken, dass wir einem stringenten Ablauf in unserem Kopf folgen.
Oft wird in Beratungssettings dem Kopf eine tragende Rolle zugeschrieben, weil er vermeintlich die sicherste Strategie hat, um etwas umzusetzen. Dabei versucht der Kopf, mit Nachdenken und mit Vorstellungskraft die beiden anderen Kernbedürfnisse von Beziehung und Autonomie selbst zu generieren. Ein heiß gelaufener Kopf ist ja hoch aktiv und wird dann womöglich noch als produktiv empfunden, obwohl es tatsächlich keinen oder nur verhältnismäßig wenig Output gibt oder so viel Output, dass man darin die Orientierung verliert.
Die Rationalisierung ist die »Mutter« aller Abwehren, weil wir uns am Ende alles irgendwie meinen erklären zu können. Aber für Gefühle ist nun mal das Herz zuständig und für Impulse der Bauch. Bei vielen Menschen hat der Kopf ein erhöhtes Risiko, die irrationalste Instanz zu sein, gerade weil er unbedingt ein Ergebnis braucht. Das Kernbedürfnis Sicherheit erzeugt fortwährend den Wunsch, sich auszukennen, und deshalb ist der Kopf auch ein Spezialist für Bedeutungszuschreibungen. Solche Gedanken finden unwillkürlich statt und dann folgt auf diese natürlich eine Schlussfolgerung. Ein Beispiel:
Man ist auf einer Wanderung und merkt, dass man schon länger keine Wanderzeichen mehr gesehen hat. Jetzt möchte man herausfinden, wo man sich befindet, ob man noch auf dem richtigen Weg ist, und schaut auf die Wanderkarte. Um sich zu orientieren, definiert man, wo man vermeintlich steht (in Zeiten vor Google Maps und Standortbestimmung). Ausgehend von dieser Bestimmung läuft man weiter auf dem Weg und hat einen Plan, wo es jetzt langgeht. Wenn dann die Karte irgendwann nicht mehr zur Wirklichkeit passt, kommt die Rationalisierung um die Ecke und erklärt, dass der Plan o. k. war, dass aber die Umstände sich geändert haben (»der Weg ist zugewachsen«, »ein neuer Weg wurde gebaut«, »es sind nicht alle Wege eingezeichnet«, gerne werden Höhenlinien für Wege gehalten etc.).
Wie schnell wir andauernd Zusammenhänge konstruieren, ist uns meist nicht bewusst. Hinzu kommt, dass die Erinnerung immer eine Gedächtnisleistung ist, auf die der Kopf angewiesen ist, um seine Berechnungen durchzuführen, was für die Zukunft das Sinnvollste ist. Sinnvoll in dem Sinne, dass für ihn (subjektiv) Orientierung, Überblick und Sicherheit entstehen.
Die rationalen Überlegungen des Kopfes gründen auf Vorstellungen aus der Vergangenheit oder über die Zukunft. Und ähnlich einer Fata Morgana kann das Vorstellungsvermögen jedes Szenario erschaffen. Ein vermehrtes Bewusstsein für diese Vorgänge lässt beim Kunden auch die Bereitschaft wachsen, sich auf eine Entdeckungsreise bezüglich der anderen beiden Zentren zu begeben. Denn die Vorstellung, dass der Kopf gemäß dem triadischen Prinzip tatsächlich nur 1/3 der Gesamt-Ressource ausmacht, erzeugt ein Gefühl der Unsicherheit, und dem will der Kopf naturgemäß entgegenwirken.
2.1.1Alltagsillusionen
Chabris und Simons (2011) benennen in ihrem Buch Der unsichtbare Gorilla sechs Alltagsillusionen:
•Aufmerksamkeit
•Gedächtnis
•Selbstvertrauen
•Wissen
•Möglichkeiten
•Ursache und Wirkung
Sie schreiben über die Hartnäckigkeit der Alltagsillusionen:
»Selbst wenn wir wissen, dass wir mit unseren Überzeugungen und Intuitionen danebenliegen, verschwinden sie deshalb noch nicht. Wir nennen sie Alltags-Illusionen, weil sie unser Verhalten buchstäblich jeden Tag bestimmen« (Chabris u. Simons 2011, Pos. 108 f.).
»Manchmal nehmen wir nämlich auch dort Muster wahr, wo es keine gibt. […] Jedes Muster, das wir wahrnehmen, ob es wirklich existiert oder nicht, interpretieren wir nur zu leicht als Ergebnis eines ursächlichen Zusammenhangs. […] Die Ursachen-Illusion tritt auf, wenn wir in Zufälligkeiten Muster hineinsehen, und Muster sehen wir am ehesten, wenn wir zu verstehen glauben, was sie verursacht« (Chabris u. Simons 2011, Pos. 3090 f.).
Da wir uns alle dem nicht entziehen können und es ja auch durchaus sinnvoll ist, Muster zu erkennen, sollten wir zumindest ein partielles Bewusstsein dafür haben, dass das Bedürfnis, verstehen zu wollen und aus vermeintlich vorhandenen Mustern Bedeutung zu kreieren, auch in Beratung und Therapie ein gewisses Risiko beinhaltet.
Zwei der sechs aufgeführten Illusionen möchte ich hier kurz vorstellen und kommentieren:
a) Die Illusion über Ursache und Wirkung
»Korrelationen, lehrt die Statistik, haben nichts mit Kausalität zu tun. Das heißt: Wenn zwei Messgrößen sich irgendwie parallel entwickeln, dann heißt das noch lange nicht, dass die eine die Ursache für die andere ist. Der Zusammenhang kann rein zufällig sein, oder es kann eine verborgene dritte Größe dahinterstecken. […] Wenn viel Speiseeis verkauft wird, ertrinken mehr Kinder – nicht aufgrund des Eiskonsums, sondern weil in heißen Sommern mehr Eis gegessen wird und gleichzeitig die Kinder mehr schwimmen gehen.«2
Oft kann man nicht wissen, ob man die Eis-Ertrinken-Korrelation hergestellt hat, weil man z. B. den Faktor »Warmes Wetter – Baden« nicht kannte und/oder nicht berücksichtigt hat.
Ein weiteres Beispiel ist die Pest mit ihren Ursachenzuschreibungen: Im 14. Jahrhundert hat sie wohl ein Drittel aller Europäer »dahingerafft«, was eine Vielzahl an Deutungen/Erklärungen bezüglich der Ursachen mit sich brachte, um sich irgendwie zu orientieren: schlechte Winde, die Strafe Gottes, vergiftetes Wasser, »die Juden« etc. Die Pest wurde folglich u. a. mit dem Verbrennen von Kräutern, Aderlass, Geißelung und Niederbrennen von jüdischen Gemeinden »bekämpft«.3
So wie die Idee eines Pestbakteriums nicht existierte und deshalb ein anderer Zusammenhang entstehen musste, so kann man getrost davon ausgehen, dass einem immer wieder ein wesentlicher Teil an Information fehlt, der Verstand das aber nicht wissen kann und also aus dem Vorhandenen seinen kausalen Aberglauben konstruiert.
Jeder Therapeut und Berater kennt diese schnell hergestellten Illusionen von Ursache und Wirkung: Trotz hoher Kompetenz und viel Erfahrung und Wissen tragen die im Prozess aktivierten Inhalte dazu bei, Hypothesen zu bilden.
»Das kommt daher, weil der Vater, die Mutter …« Wenn diese Annahme einmal getroffen ist, wird sie oft nicht mehr infrage gestellt. Damit wird eine Wirklichkeit konstruiert, die zutreffend sein kann oder eben auch nicht.
Dass die Kindheit einen prägt, steht außer Frage. Jedoch mehren die Bedeutungszuschreibungen, die immer weitergeführt werden wie eine ewig wirkende Buchführung mit den entsprechenden Kontierungen, nicht den Raum der Möglichkeiten. Kontierung soll hier heißen: Man hat eine ganze Sammlung von Ereignissen, Begebenheiten und sieht diese als Ursache für gegenwärtige Probleme, Schwierigkeiten oder auch Fähigkeiten und vieles mehr.
Die Bemühung um eine gewisse Abstinenz von Inhalten und deren Deutung ist in der Beratung durchaus eine Herausforderung, denn unter Umständen findet der Kunde das unbefriedigend, schließlich wendet er sich an einen Experten und der sollte auch Bescheid wissen. Dann kann man die Illusion von Ursache und Wirkung als Thema in die Beratung mit einbringen und erläutern. Das schafft einerseits eine Atmosphäre von Humor und gleichzeitig ein gewisses Maß an Bewusstsein dafür, dass man sich dieser Illusion nicht entziehen kann.
Was die Hypothesenbildung betrifft, so kann man in der Triadenarbeit austesten, ob ein vermuteter Kontext oder eine angenommene Ursache auch Körperresonanz erzeugt. Man legt dafür einen Bodenanker (eine Scheibe) und prüft, ob eine schnelle, unwillkürliche Resonanz im Körper entsteht. Gibt es keine signifikante Reaktion, dann wird diese Scheibe wieder aus der Aufstellung entfernt, gleichgültig, ob der Klient nichts wahrnimmt, weil er blockiert ist, oder weil es einfach keine Relevanz gibt. Man kann es nicht wissen und muss aufpassen, dass man nicht einer weiteren Hypothesenbildung anheimfällt.
b) Die Unaufmerksamkeitsblindheit
Sehr eindrücklich zeigt diese das Gorilla-Experiment von Simons u. Chabris (Chabris u. Simons 2011):
Die Versuchspersonen schauten sich die Aufnahme eines Basketballspiels an und wurden instruiert, die Ballkontakte einer der Mannschaften zu zählen. Während des Spiels lief ein Mensch in einem Gorillakostüm durchs Bild. Fast die Hälfte der Versuchspersonen nahm den Gorilla nicht wahr und zudem bestanden diese meist darauf, dass da kein Gorilla gewesen sei. In anderen Versuchen wurde mittels Eye-Tracker (Augenverfolger) nachgewiesen, dass sowohl die Gorilla-Wahrnehmenden als auch die Gorilla-Überseher den Gorilla ca. eine Sekunde lang angesehen hatten.
Die Autoren beeindruckte besonders, wie überrascht die Probanden waren, als sie den Film nochmals sahen. Nicht wenige unterstellten den Versuchsleitern, dass es nicht der gleiche Film sei.
Chabris und Simons erläutern in vielen anschaulichen Beispielen, dass Kompetenz und Erfahrung vor dieser Art von Blindheit nicht schützen können, vor allem wenn es um Unerwartetes geht. Sie beschreiben bei ihrem Gorilla-Experiment, dass der Hinweis, es würde etwas Unerwartetes geschehen, ausreichte, dass alle Probanden den Gorilla sahen.
»Für das menschliche Gehirn ist Aufmerksamkeit im Wesentlichen ein Nullsummenspiel: Wenn wir einem Ort, Objekt oder Ereignis größere Aufmerksamkeit zuwenden, bleibt für andere zwangsläufig weniger übrig. Unaufmerksamkeits-Blindheit ist daher ein notwendiges, wenn auch unerwünschtes Nebenprodukt der normalen Funktion von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung« (Chabris u. Simons 2011, Pos. 851 f.).
Analog dazu besteht ein gewisses Risiko, dass sowohl Berater als auch Klient fixiert sind auf ein bestimmtes Geschehen und währenddessen ein »Scheunentor« übersehen. In der Triadenarbeit liegt der Fokus automatisch auf dem Unerwarteten: Ohne vorher zu wissen, was der Körper alles zu sagen hat, wird die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung auf das jeweilige Zentrum gerichtet. Mit den schnellen, unwillkürlichen Reaktionen geschieht dann das Unerwartete.
2.1.2System 1 und System 2
Wenn man das Phänomen »Rationalität« genauer untersuchen möchte, lohnt es sich, die zwei Systeme des Denkens im Blick zu haben, die Daniel Kahneman (2012) in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken ausführlich und eindrücklich beschrieben hat. Wir können diese beiden Systeme im Alltagsgeschehen kaum auseinanderhalten, da sie untrennbar zusammenarbeiten. Vereinfacht ausgedrückt: Alles, was unwillkürlich gemacht und gedacht wird, gehört zu System 1, und alles, was einer Rechenleistung des Gehirns bedarf, gehört zu System 2.
»In System 1 entstehen spontan die Eindrücke und Gefühle, die die Hauptquellen der expliziten Überzeugungen und bewussten Entscheidungen von System 2 sind. Die automatischen Operationen von System 1 erzeugen erstaunlich komplexe Muster von Vorstellungen, aber nur das langsamere System 2 kann in einer geordneten Folge von Schritten Gedanken konstruieren (Kahneman 2012, S. 33).
Kahneman führt weiter aus, dass, wenn System 1 beteiligt ist, die Schlussfolgerung zuerst kommt und dann erst die Argumente von System 2 folgen. Das Spannende an Kahnemans Konzept ist, wie diese beiden Systeme trotz ihrer fundamentalen Unterschiedlichkeit ineinandergreifen. Das, was man subjektiv als rationale Gedanken empfindet, ist aus dem Zusammenwirken beider Systeme gespeist. Aus den Wahrnehmungen und Gedächtnisinhalten konstruiert das assoziative Gedächtnis (System 1) fortwährend und blitzschnell seine Interpretationen. Diese sind dann sozusagen das Futter für die langsameren mentalen Aktivitäten (System 2), deren Ergebnisse sich rational anfühlen und subjektiv ohne Weiteres als Handlungs- und Entscheidungsfreiheit erlebt werden können.
Seitdem ich ein Bewusstsein für die beiden Systeme des Denkens habe, fallen mir manchmal solche – zum Teil abstrusen – Interpretationen auf. Hier zwei Beispiele aus meinem Alltag für das unglaublich schnell agierende System 1:
Beispiele: Von Siamkatzen und Gorillas
a) Beim morgendlichen Walken über eine Wiese sehe ich von Ferne etwas, das mein System 1 sofort als leblose Siamkatze identifizierte – unwillkürliche Mustererkennung. Automatisch geht es weiter in meinen Gedanken: Hab ich mein Handy dabei, um ein Foto für den Besitzer zu machen oder einen Tierarzt anrufen zu können? Dann überlege ich weiter, wie ich sie mitnehmen könnte, falls sie nur schwer verletzt ist. Mein Herz klopft stark, ich zittere etwas und während ich näher komme, bin ich auf alles gefasst …, um dann eine hingewehte, hellbeige Luftpolsterfolie zu entdecken.
b) Als Beifahrerin im Auto schaue ich auf ein Feld, in dem mein System 1 einen Menschenaffen entdeckt. Ich reagiere ungläubig, und trotzdem produzieren meine Gedanken eine glaubwürdige Hypothese: Der Züricher Zoo ist nicht weit und es besteht theoretisch die Möglichkeit, dass der Affe seiner Gefangenschaft entkam und nun hier herumläuft. Er entpuppt sich dann als Bauer im schwarzen Regenmantel.
System 1 schafft blitzschnell Wirklichkeiten, die sich der Selbststeuerung komplett entziehen, eben weil es so schnell ist. Auf den Begriff der Rationalität angewandt könnte man daraus schließen, dass geordnetes Denken erheblich komplexer vonstattengeht, als man sich das landläufig vorstellt, und es deshalb mit Vorsicht zu genießen ist. Frei nach Heinz Erhardt: »Man sollte sich nicht alles glauben, was man denkt.«
Die Arbeit mit der Triade unterstützt eine solche Haltung, da man immer wieder überrascht wird, wie eklatant die Diskrepanz sein kann zwischen den rationalen Überlegungen zum Geschehen und dem reinen Körpererleben.
2.1.3Selbstbild und embodimentale Wirkung
»Da das Bewusstsein allen möglichen äußeren Anziehungen und Ablenkungen ausgesetzt ist, lässt es sich leicht dazu verleiten, Wege zu gehen, die seiner Individualität fremd und nicht gemäß sind« (Jung 2011, S. 30 f.).
Dieses Zitat von C. G. Jung fasst zusammen, dass äußere Einflüsse, sowohl aus dem Familiensystem als auch aus anderen systemischen Kontexten, in uns und auf uns wirken. So speist sich auch die Einschätzung der eigenen Persönlichkeit ein Leben lang aus unterschiedlichsten Quellen und schafft in Summe das Selbstbild. Jeder kennt Situationen und Begebenheiten, in denen er sich falsch verstanden fühlt. Man erhält z. B. die Rückmeldung, dass man im Ton nicht angemessen sei, oder jemand schreit los: »Ich bin überhaupt nicht genervt!« Oft wissen wir nicht wirklich, welche Wirkung wir auf andere haben, und es ist geradezu natürlich, dass wir manchmal der Meinung sind, der andere habe ein Problem, aber nicht wir selbst.
Die eigene psychische und auch körperliche Wirkung auf die Umwelt und besonders auf andere Menschen kann man häufig nur bedingt in den Fokus bekommen. Man steckt nun mal in der eigenen Haut und kann sich selbst eben nicht von außen wahrnehmen. Im Fokus ist das, was man von sich sieht. Das, von dem man meint, dass es einen ausmacht. Und unter anderem generiert man daraus die eigene Identität. Immer wieder stellt man jedoch fest, dass man auf andere Menschen anders wirkt, als man sich selbst wahrnimmt (siehe Abb. 6).
Abb. 6: Fokus und Wirkung
Je höher die Kongruenz – die Übereinstimmung von Selbstbild und Fremdbild –, desto realistischer ist ein Mensch, was die Einschätzung seiner selbst und seiner Außenwirkung betrifft. Wenn Selbst- und Fremdbild eines Menschen sehr stark voneinander abweichen, dann sind Konflikte nicht weit. Denn er versucht automatisch – vor allem für sich selbst –, Erklärungen dafür zu finden, warum ihn andere angeblich falsch wahrnehmen oder falsch interpretieren. Dann kann er an sich selbst zweifeln oder an den anderen oder auch an beidem. Jede der Varianten ist für zwischenmenschliche Beziehungen belastend. Wie unsere Wirkung auf andere ist und was das wiederum mit ihnen zu tun hat, ist ein komplexes systemisches Geflecht.
Es gibt die interessante Idee, man könne einen anderen Menschen spiegeln. Da jedoch der »Spiegel« ein anderer Mensch mit eigenem Fokus und Bezugssystem ist, kann es höchstens ähnlich sein, was man einem anderen zur Verfügung stellt. Aufgrund der Unterschiedsbildung beim triadischen Prinzip kann man den einzelnen Komponenten in sich mehr auf die Spur kommen.
Die embodimentale Wirkung mit in den Fokus nehmen
Diese Betrachtungsweise ist für die Idee einer minimalinvasiven Psychologie hilfreich, da man geneigt ist, sich in der Beratung damit zu befassen, was der Kunde im Fokus hat, und das ist unter Umständen problem- oder defizitorientiert. Der embodimentale Zugang eröffnet jedoch einen weiteren Horizont: Durch den zirkulären körperlichen Perspektivwechsel können Bereiche, Themen, Relevanzen bemerkt und aktiviert werden, die über den Rahmen des bewusst Erfassten hinausgehen. Was über den persönlichen Fokus hinauswirkt, erschließt sich hier auf eine natürliche Weise.
2.1.4Das Johari-Fenster
Ein weiterer Begriff, der das Phänomen der eigenen Wirkung auf die Umwelt aufgreift, ist der blinde Fleck. Dieser bezeichnet den Teil der Persönlichkeit, der anderen bekannt, einem selbst jedoch unbekannt ist. Im Modell des Johari-Fensters (Knust 2011) ist er einer der folgenden vier Bereiche (siehe Abb. 7):
•die öffentliche Person – einem selbst und anderen bekannt
•die private Person – einem selbst bekannt, anderen unbekannt
•der blinde Fleck – einem selbst unbekannt, anderen bekannt
•das Unbekannte – einem selbst und anderen unbekannt
Das Unbekannte umfasst unter anderem nicht bekannte/ungenutzte Ressourcen und vergessene/abgespaltene Erfahrungen.
Abb. 7: Das Johari-Fenster
Der Körper als Ganzes repräsentiert alle 4 Bereiche. Daher werden bei der Arbeit mit dem triadischen Prinzip die beiden Quadranten Blinder Fleck und Unbekanntes automatisch mitberücksichtigt, weil die drei Zentren unweigerlich auch aus diesen Feldern Material an die Oberfläche bringen.
Es ist übrigens ganz natürlich, dass sowohl der Klient als auch der Begleiter nicht wissen können, worum es dabei geht. Deshalb ist es wesentlich, dem was auftaucht, möglichst wenig Bedeutung zuzuschreiben. Da Nicht-Wissen aber im Sinne des Kernbedürfnisses Sicherheit und Orientierung Un-Sicherheit hervorrufen kann, braucht es die Überzeugung und Zuversicht des Begleiters für diese Expedition ins Unbekannte. Hier ist das Johari-Fenster ein anschauliches Modell, um dem Klienten zu erläutern, dass die Triadenarbeit gerade den Quadranten Unbekanntes mehr in den Blick rücken kann und dass eine vorschnelle Hypothesenbildung, nur um orientiert zu sein, das Risiko von Irrwegen erhöht.
2.1.5Eisberg-Modell
Das Eisberg-Modell (siehe Abb. 8) dient in der Psychologie als Metapher dafür, dass der weit überwiegende Teil psychischer Inhalte unter der Oberfläche liegt und nur ein vergleichsweise geringer Teil bewusst und klar erfassbar ist.
In der Alltagskommunikation fühlt sich dieses Verhältnis eher umgekehrt an, denn der untere Teil ist nun mal un- bzw. vorbewusst. Für dessen Erkundung wurden im Lauf der Zeit unterschiedliche Zugänge ersonnen, die auf ihre je eigene Weise hilfreich in der Psychotherapie oder im Coaching eingesetzt werden können.
Die minimalinvasive Vorgehensweise des triadischen Prinzips hat zum Ziel, über die Körperwahrnehmung punktgenau mit denjenigen unbewussten Inhalten in Kontakt zu kommen, die für den Klienten und sein Anliegen Relevanz haben.
2.2Embodimentale Intelligenz
In den letzten Jahren hat sich das Interesse für die Intelligenz des Körpers weiter intensiviert. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, da wir ja Körper sind. Es scheint so, als ob man sich einen Teil des impliziten Körperwissens, das schon immer vorhanden war, erst wieder erschließen muss.
Abb. 8: Das Eisberg-Modell
Die im unteren Teil des Eisbergs liegenden Informationen und die dort verborgenen Entscheidungskriterien anzuzapfen, ist immer ein lohnenswertes Projekt. Denn wenn es möglich ist, für die embodimental gesteuerten Entscheidungen eine gewisse Nachvollziehbarkeit zu erzeugen, dann verringert sich auch die Skepsis, dass diese »unberechenbar« seien.
Nonverbale Kommunikation findet meist unwillkürlich statt: Wenn man erschrickt, das Herz angesichts dessen wie wild klopft oder einen in einer Situation ein vages Unbehagen überkommt, dann agiert der Körper deutlich wahrnehmbar. Ihn ganz bewusst als Resonanzkörper zu aktivieren, ist vielen Menschen zunächst einmal unvertraut, interessanterweise dem Körper selbst aber nicht, denn der reagiert – wie sonst auch – ganz spontan.
In der Triade werden durch die Fokussierung auf das jeweilige Zentrum recht zielgenau die das Anliegen betreffenden Blockaden, Traumata, Kontextüberlagerungen, kindlichen Anteile etc. aktiviert. Dies findet überraschend schnell und unwillkürlich statt und manchmal ist das überwältigend. Aber da im Allgemeinen nur ein Zentrum und höchst selten alle drei Zentren stark betroffen sind, lassen sich überflutende Affekte oder heftige Körperreaktionen meist durch den Wechsel ins nächste Zentrum stoppen. Auf diese Weise bleibt die Steuerungsfähigkeit und damit auch die Autonomie des Klienten während der Behandlung erhalten, was vor allem für komplex traumatisierte Menschen sehr entlastend ist.
Vermutlich wird diese Steuerung durch das autonome Nervensystem ermöglicht, jedenfalls sind solche schnellen Wechsel willentlich gar nicht möglich.
2.2.1Bottom-up statt top-down
Die Idee, dass man die Ursache verstanden haben sollte, bevor sich etwas ändern kann, sorgt oft für eine Ursachenforschung oder gar eine Problemfokussierung.
Wenn man verstehen möchte, kann das Gehirn ja nicht anders, als auch Illusionen über Ursache und Wirkungen herzustellen. Und je mächtiger die Illusion ist, desto überzeugender fühlt sie sich an und unterstützt einen dabei, sich selbst als kompetent, wissend und wirksam zu erleben.
Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass selbst die konstruktivistischste Haltung kein Mittel ist, diese Illusionen zu verhindern.
Aber wie kann man dann überhaupt Klienten/Teams, andere Menschen (oder auch sich selbst) adäquat beraten? Wie sich nicht vom Gegenüber oder von zu viel Inhalt beeinflussen lassen? Ich würde sagen: Wenn man sich so wenig wie irgend möglich eine Meinung erlaubt, dann bleibt der Blick entsprechend unverstellt und damit die Möglichkeit einer passgenauen Begleitung erhalten. Das Risiko der Meinungsbildung wird minimiert, wenn man dem Körper gezielt und strukturiert die Führung überlässt, das heißt, immer bei dem bleibt, was im Körper auftaucht. Natürlich kann das dann auch in Sprache gefasst werden, so entstehen Bilder, neue Bedeutungszusammenhänge etc.
Dem embodimentalen Geschehen die Führung zu überlassen, sehe ich als sinnvolle Haltung an. Mein Gehirn produziert natürlich während des Prozesses interessante und manchmal geradezu spektakuläre Ideen und ich würde sagen, dass Mustererkennung mir leichtfällt. Aber die Gretchenfrage gerade in der Psychotherapie lautet für mich, wie viel muss ein Mensch tatsächlich »aufarbeiten«? Es gibt Menschen, die viel und hart an sich gearbeitet haben und denen doch alle drei Zentren noch nicht als Ressource zur Verfügung stehen. Andere wiederum, die Schweres erlebt haben, sind ohne Behandlung in einem relativ guten Ressourcenzustand. Deshalb vertrete ich die Ansicht, dass ein wesentlicher Aspekt psychischer Arbeit die Orientierung an der Körperwahrnehmung sein sollte. Sie zügelt die Fantasie und auch die Fachkompetenz, die dazu neigt, interessante Konstrukte zu entwickeln.
Eugene Gendlin (1993) hat mit Focusing ein Verfahren entwickelt, welches darauf basiert, die im Körper entstehenden Reaktionen und Empfindungen mit einzubeziehen. Da wir dazu neigen, unsere kognitive Leistung zu überschätzen, und hoffen und meinen, dass relevante Antworten im Kopf entstehen, wird im Focusing immer wieder verlangsamt und mit innerer Achtsamkeit auf Körperreaktionen geachtet. Gendlin schreibt auf die Frage »Was ist Focusing?«:
»Meine einfachste und kürzeste Antwort lautet: Focusing nenne ich die Zeit, in der man mit etwas ist, das man körperlich spürt, ohne schon zu wissen, was es ist. […], dass der Körper unsere Situationen und unser Leben lebt« (Gendlin u. Wiltschko 1999, S. 13 f.).
Er hat hierfür einen wunderbaren Begriff geprägt: Felt Sense, den man mit begreifendes Empfinden übersetzen könnte. Im triadischen Prinzip wird durch die Arbeit in den drei unterschiedlichen Zentren diese Fokussierung auf den Körper noch weiter ausdifferenziert. Meist gibt der Körper recht präzise Auskunft und sein »Besitzer« staunt über dessen autonome Art und Weise, sich zu organisieren und auszudrücken.
2.2.2Die Psychotonne
Man kann sich auf das, was im Prozess durch rationale Überlegungen und Vorstellungen entsteht, weniger verlassen als auf das embodimentale Erleben. Deshalb ist es immer eine gute Idee, eine Psychotonne zu installieren.4 In diese Tonne werden alle Angebote, Hypothesen und genialen Ideen des Beraters geworfen, die beim Klienten bzw. seinem Körper nicht wirklich Resonanz erzeugen. Sie kann durchaus mal etwas Interessantes und Weiterführendes enthalten, auf das man eventuell zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommt, aber alles andere wird zu gegebener Zeit entsorgt.
Die Psychotonne hilft dem Berater dabei, dass er nicht auf seiner Idee, seinem Vorschlag oder seiner Hypothese beharrt, und sie kann ebenso dem Klienten helfen, manche Vorstellungen oder Illusionen über Ursache und Wirkung zu verwerfen. Ich hatte einige Klienten, die ich aufforderte, die Schubladen ihrer Mehrfach-Diagnosen zu entrümpeln mit dem Hinweis: »Sollten Sie die Diagnose noch mal brauchen, können Sie sie ja wieder aus der Tonne holen.« Das gilt natürlich nicht nur für Diagnosen: Eine Klientin, die sich sehr für die Psychotonne begeisterte und auch sehr schnell darin war, alles Mögliche dort reinzuwerfen, berichtete: »Und manchmal sehe ich mich kopfüber in der Tonne stecken und etwas suchen, das ich mal wieder zu schnell reingeworfen habe.«
Mit dem Begriff Psychotonne wird auch deutlich, dass die Deutungshoheit beim Klienten liegt, genauer gesagt: beim Körper des Klienten. Der Begleiter/Therapeut kann lediglich etwas zur Verfügung stellen.
2.3Die Psyche als Ökosystem
Der Gedanke, dass man die Psyche eines Menschen auch als ein in sich funktionierendes Ökosystem begreifen kann, erkennt an, dass dieses Gebilde zu jeder Zeit das Ergebnis eines jahrelangen und meist jahrzehntelangen selbstorganisatorischen Prozesses ist. Und er erkennt an, dass bei jedem Eingriff in dieses hochkomplexe Gefüge das Risiko einer – u. U. nachhaltigen – Störung besteht.
Unter solcher Voraussetzung ist das Konzept der Permakultur auch für psychische Ökosysteme interessant. Bei diesem Konzept geht es darum, dass Kreisläufe naturnah und nachhaltig funktionieren, also an die Umgebung angepasst sind. Dieses Prinzip, das Vorhandene zu gestalten und weiterzuentwickeln, wird in Bereichen der Gartenpflege, der Energieversorgung etc. angewandt. Als Denkprinzip hat es inzwischen auch in Bereichen wie sozialer Infrastruktur, Stadtteilplanung und vielem mehr Einzug gehalten: Es wird nur mit Ressourcen gewirtschaftet, die sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig sind.
Dieses im Bereich der Beratung anzuwenden, würde heißen, zuerst mehr über das natürliche Habitat des Klienten zu erfahren und dann mögliche Interventionen der dortigen Beschaffenheit anzupassen. Dafür bietet sich die Triade als Intervisionsinstrument an: Den Rahmen einer Therapie / eines Coachings mit einer triadischen Haltung zu gestalten, dem Klienten triadisch zu begegnen und stets mit einem triadischen Blick auf den Prozess zu schauen, verhilft zu einem dementsprechenden Vorgehen.
2.3.1Risikominimierung von Überlastung
In der Beratung, im Coaching und vor allem in der Psychotherapie besteht ein gewisses Risiko, dass tiefer führende Prozesse Gefühle und Zustände auslösen, die als überwältigend erlebt werden. Sich deshalb besonders vorsichtig zu nähern oder über den Faktor Zeit zu agieren, verstärkt die unausgesprochene Trance, dass es gefährlich sein könnte, tiefere Schichten der Psyche zu aktivieren. Interessanterweise hält man es eher für möglich, dass der Klient sehr schnell in einen dekompensierten Zustand gerät, als dass er sehr schnell aus einer stark negativen Befindlichkeit in einen ressourcenstarken Zustand kommen kann.
Mit der Triade wird der Prozess auf drei Säulen gestellt, die zugleich drei Quellen sind. Durch die erste körperliche Bestandsaufnahme des Ressourcenzustandes von Bauch, Herz und Kopf wird geprüft, wie sehr diese Quellen zur Verfügung stehen. In den meisten Fällen zeigt sich, dass nur ein oder zwei Zentren belastet oder eingeschränkt nutzbar sind. Der fortwährende Perspektivwechsel ermöglicht dann den Erhalt der Steuerungsfähigkeit und mindert das Risiko der Überforderung oder gar Retraumatisierung. Wenn Gefühle sehr stark anfluten und es sich so anfühlt, als seien sie nicht mehr zu stoppen, können sie alleine durch einen Zentrumswechsel wieder weitgehend abflachen. Diese bemerkenswerten Wechsel kann man in der Triade regelmäßig beobachten. Auch wenn der Klient davon zunächst nur überrascht ist, so gewinnt er doch an Zuversicht.
Wenn sich zeigt, dass alle drei Zentren massiv belastet sind, empfiehlt es sich, erst einmal gezielt Lösungsblockaden wie Selbst- und Fremdvorwürfe zu bearbeiten (siehe Kap. 3.3) oder auch andere bifokal-multisensorische Methoden einzusetzen.
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