Kitabı oku: «Der Charme von New Orleans», sayfa 2
Kapitel 3: Die Sängerin Norma an einem heißen Tag
Die schwarze Sängerin heißt Norma, ist Anfang dreißig und hat eine Stimme, die an Whitney Houston erinnert, aber sie findet ihre Stimme hässlicher. Außerdem kann sie die drei Oktaven nicht vollständig singen. Wie sie weiß, bewundert man den vollen Klang ihrer Stimme und sie liebt Improvisationen. Das war ein Grund für Ihre Berufswahl. Die Frau, die allein vom Typ her sehr feminin wirkt, ist klein und zierlich und hat das Problem, schnell übersehen zu werden. Wie Louis Armstrong kommt sie ursprünglich aus einem ärmeren Viertel von New Orleans. An dieser Tatsache richtet sie sich in schlechten Zeiten auf. Norma hat eine schmale Nase, schöne Zähne und ist vollbusig, und diese Äußerlichkeiten verbucht sie ebenfalls als ihren Vorteil. Kurze Haare, die sich fast selbstständig in große Locken legen, verstärken den Eindruck einer natürlichen Schönheit. Sie kann nicht nur singen, sondern auch Klavier spielen. In der Band, in der sie arbeitet, hat sie jedoch nur wenig Gelegenheit, am Piano zu sitzen.
Vormittags um halb zwölf Uhr ist sie aufgestanden und hat in dem bei der Sommerhitze durchwühlten Bett als erstes die Ohrstöpsel gesucht, die sie spät nachts beim Zu Bett Gehen anzieht. Sie lebt allein. Es wird ein sonniger und heißer Tag, so stellt sie fest, als sie sich mit einem Sportdress bekleidet die Tüte mit Croissant und Brötchen holt, die vor der Haustüre des adretten kleinen Häuschens liegt und nicht vor dem Vorgartentörchen. Es hat sie Mühe gekostet, bis der Lieferservice des Bäckers verstanden hatte, dass er das Vorgartentörchen öffnen muss und die Tüte vor die Haustür legt und nicht einfach nur hinter das Vorgartentörchen wirft. Die Zeitung liegt bereits im Briefkasten.
Zurück in der Wohnung öffnet sie das Schiebefenster über dem Frühstückstisch und kocht sich einen Kaffee. Von draußen schallt irgendwoher Musik her und jemand kehrt mit einem Besen die Straße. Die Geräusche passen nicht zueinander, findet sie, und so schließt sie das Fenster wieder. Es ist heiß, und sie frühstückt lieber bei offenem Fenster. Das kleine Haus, das sie in einer ruhigen Seitenstraße bewohnt, wird morgens auf der Seite, wo ihre Küche ist, von dem höheren Nachbarhaus beschattet. Auf diese Weise spart sie sich das Geld für die Klimaanlage und stellt aus Gewohnheit auch keinen Ventilator an. Sie verträgt die Hitze gut und im Grunde liebt sie das warme Wetter.
Nach dem Aufstehen hat sie eine Musik-CD von Whitney Houston heraus- und dann zum Frühstücken aufgelegt und sie trinkt in kleinen Schlucken den Kaffee zum Wachwerden. Ab und zu sieht sie nach draußen. Als sie das Croissant aufschneidet und überlegt, mit welcher Marmelade sie es essen soll, läuft „I will always love you“. Vielleicht ist es das Fegen des Besens ein paar Minuten zuvor, der sie an ihren schon länger gehegten Plan denken lässt, irgendwas Musikalisches zu machen, was gut ist für das Klima. Die Leute aufrütteln, ist eine Phrase, die ihr dazu immer einfällt. Dabei ist es doch einfacher, nicht zu vergessen. Manchmal tut sie sich mit Worten schwer, wie sie weiß, und dann singt sie lieber irgendeine Variation zu einer Melodie als das, was sie fühlt, in Worte zu fassen.
Sie legt das Croissant hin und holt die Butter, die sie vergessen hat, aus dem Kühlschrank. Die unterschiedlichsten Improvisationen gehen ihr durch den Kopf und innerlich verjazzt sie den Song, doch dann wird es plötzlich traurig und sie muss über sich selbst und ihre im Grunde wenig ernsthaften Anstrengungen lachen.
Wenige Minutenspäter hat sie ihr Frühstück unterbrochen, sitzt im angrenzenden Wohnraum vor einem Blatt Papier und kaut auf den Kugelschreiber. Wollte man eine Jam Session machen, dann könnte man ein paar Standards berühmter Musiker mischen und daraus eine musikalische Themengeschichte machen, die langsam zu einem eigentlichen Bedürfnis hinführt, es variiert und um ein Grund-Thema kreisen lässt. Bei einer Jam Session müsste man eine feste Rhythmusgruppe haben und die wechselnde Melodiengruppe mit Musikern aus den unterschiedlichsten Bereichen mischen. Wer sagt denn überhaupt, dass daran ein Interesse besteht? Sie macht das Fenster erneut auf, holt ´The Real Book´ mit den meist gespielten Jazzstandards aus dem Schrank und beginnt zu blättern. Es ist jedes Mal das Gleiche: Sobald sie etwas sucht, dann kann sie sich nicht entscheiden. Jedes Mal ist ihr dann zum Jammern zumute. Wenn sie im Dixieland Stil musikalische Duelle auf der Straße austragen wollte, dann stellt sich im Grunde das gleiche Problem: womit und mit wem soll sie anfangen? Im Prinzip würde eine Jazz Session auf eine Art musikalisches Duell ohne Massen hinauslaufen, so befürchtet sie, und bei solcher Vorstellung muss sie regelmäßig an eine Gruppe protestierender Vögel denken, in der alle ihr eigenes Lied singen.
Rex ist der Bandleader. Regelmäßig kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen ihnen, und dann müssen die anderen Musiker den Streit schlichten. Rex nennt
Norma Sweetie und sie mag den Namen genauso wenig wie Süßigkeiten und
Schokolade, wird ihn aber trotz aller Anstrengungen so schnell nicht los.
Rex trägt seinen Beinamen nach dem Karnevalskönig des Mardi Gras mit großer
Selbstverständlichkeit. Er ist Trompeter und spielt auch Saxophon. Mit seinem Selbstbewusstsein setzt er die klare Trennung in Melodiengruppe mit drei Musikern und in Rhythmusgruppe aus vier Musikern durch. Den Rhythmus der Band geben Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug als Ensemble vor. In der Melodiengruppe konkurrieren der Posaunist, der gleichzeitig Klarinette spielen kann, Rex und Sweetie. Die Sängerin ärgert sich über ihren Namen.
Da ihr Kaffee kalt geworden ist, macht sie sich einen Milchkaffee und setzt gedankenverloren ihr Frühstück fort. Sie muss an Louis Armstrong denken, von dem es heißt, dass er aus jedem Popsong einen Jazz-Erfolg machte und dass diese Benennungen durcheinander gehen. Nach ihrem Verständnis ist Jazz in den Zeiten Louis Armstrong die populäre Musik, die überall gehört wurde, aber dann gibt sie solche fruchtlosen Gedankengänge auf.
Bekanntermaßen war Armstrong nicht nur Trompeter, sondern auch Sänger. Sie denkt an ihn und dann an modernen Untergrund-Jazz, den sie gerade nicht spielen will. Sie will etwas machen, was die Leute angeht. Vielleicht Superdome? Superdome erinnert an Fußball. Wer denkt bei Superdome an das Klima?
Die Menschen aus New Orleans können etwas damit anfangen, denkt Norma. Die im Superdome gebangt haben, dass Katrina vorüberzieht. Viele sind danach weggegangen, manche sind zurückgekommen. Ein wenig kommt es ihr vor wie
New-Orleans-Jazz und Jazz Revival. Aber ohne die anderen Musiker wird nichts aus ihrem Thema.
Als sie so weit gekommen ist, dass sie das als gedankliches Ergebnis ansieht, geht ihr wie so oft das große Problem des Wie durch den Kopf. Im Superdome zur Zeit des Sturms und das Problem mit dem Trinkwasser.
´Never flying with an banyard´, die Melodie streift sie und lässt sie für den Augenblick nicht los. Um ein Haar wäre sie damals für immer ausgewandert. Jazz gibt es überall, findet sie, in New York, in Chicago, in Europa, Russland, überall. Bloß auch in New Orleans, und so ist sie dann geblieben. Plötzlich kommt sie sich vor wie eine Backstreet Woman mit dem Gedanken an Superdome im Kopf.
Pleasant Moments In Some Superdome, denkt sie ein wenig sarkastisch, kann man das mit Rag vertonen? ´Wolkige Impressionen´ hat jemand in einem Geschäft in ihrer Nachbarschaft über die Satellitenbilder zu Katrina geschrieben. Unwillkürlich folgt sie ihren Gedanken zu dem Sturm. Die Leute auf der Straße sagen Sturm und nicht Hurrikan der Kategorie fünf oder drei nach der Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala, wie es genauer wäre.
Die Grenze zwischen tropischen Sturm und Hurrikan entspricht der Grenze zwischen Windstärke 11 und 12 nach Beaufort. Während bei einem tropischen Sturm der Wasserspiegel nur um 0,1 bis 1,1 Meter ansteigt, beträgt der Anstieg für einen
Hurrikan der Kategorie Eins im Zentrum 1,2 bis 1,6 Meter. Und die Vehemenz der Hurrikans ist dann in der Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala in den Kategorien von 1 bis 5 gestaffelt, wie Norma im Internet recherchiert hat.
Alles in Allem hatte man sogar noch Glück gehabt. Katrina war beim Landgang von der Stufe fünf auf die Stufe drei herabgestuft worden. Die Stufe fünf ist die höchste Kategorie und durch Windgeschwindigkeiten ab 250 Stundenkilometern charakterisiert. Im Zentrum des Hurrikans werden dann vom Sturm Meereswellen über 5,5 Metern erzeugt. Hätten die Dämme und Kanäle damals gehalten, wäre es nicht so schlimm geworden. Achtzig Prozent der Stadt hatten meterhoch unter Wasser gestanden. Und kurze Zeit nach Katrina kam Hurrikan Rita. Aber Rita ging an anderer Stelle an Land und verschonte New Orleans. 2005 war ein Jahr heftiger Stürme und Hurrikans. Norma gesteht sich ungern ihre Angst ein, die sie manchmal hat. Mehrere Hurrikans könnten aufeinandertreffen. Sie weiß nicht genau, ob so etwas möglich ist, aber sie hat einfach Angst vor solchen Ereignissen.
Entschlossen räumt Norma den Tisch-Ventilator, den sie für die Gäste vor ein paar Tagen herausgeholt hatte, zurück in den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Sie will Strom sparen.
´Never flying with an Banyard´, sie summt die Melodie mit und denkt an Banyard Blues. Norma hat keine Lust, sich beim Herannahen eines schlimmen Sturms noch einmal wie ein Vogel auf einem Bauernhof vorzukommen. Sie macht das Küchenfenster endgültig zu und räumt den Tisch ab.
Als sie später das Haus verlässt, hat sie es geschafft und neben ein paar ausformulierten Ideen eine Mail an einige ihrer Bekannten geschrieben, die Musiker sind, und in der es um das Klima geht. Ihre Laune ist besser geworden.
In dem niedrigen Baum, der in ihrem kleinen Vorgarten steht, tschilpen munter einige Spatzen. Der kleine weiße Bretterzaun vor dem grünen Rasen sieht sauber aus und erinnert ein wenig an Huckleberry Finn, nachdem er kürzlich einen Neuanstrich bekam. Sie gießt die Fleißigen Lieschen, die ordentlich in Blumentöpfen auf dem Rasen stehen, und zupft hier und dort an einer Graspflanze, die nah am Bürgersteig wächst. Spät nachmittags öffnet sie das kleine Vorgartentörchen und verlässt die häusliche Idylle, um einkaufen zu gehen. Es ist heiß draußen, aber sie mag das Wetter.
Kapitel 4: Eine Touristin im Vieux Carrée
Das schöne Wetter hat mich aus dem Bett getrieben, denkt eine blonde Touristin, die zu dem frühen Zeitpunkt, zu dem sie morgens aufgestanden war, ihre eigenen Überlegungen anstellt. Warum bin ich nicht noch etwas liegen geblieben. Kein Mensch war schon auf um die Uhrzeit, alle anderen Reisemitglieder lagen noch in den Federn, und ein wenig untypisch findet sie es schon. Vielleicht war ich nur einfach sehr hungrig, denkt sie. Man sagt nicht umsonst, dass Reisen hungrig macht. Der freundliche, kreolisch aussehende und ein wenig untersetzte Geschäftsführer des Hotels - im Zweifelsfall hatte sie beschlossen, den Herrn am Empfang als Geschäftsführer zu bezeichnen - hatte ihr mit echtem Bedauern mitgeteilt, dass vor acht Uhr nicht mit einem Frühstück zu rechnen sei. Unter keinen Umständen. So war sie unter Verzicht des Hotelfrühstücks und hungrig wie ein Tiger losgezogen und sucht ein offenes Geschäft oder Lokal, um etwas Essbares zu finden, bereut jedoch ihren Leichtsinn mit jedem Schritt mehr. Die ersten Geschäfte, die sie sieht, sind noch mit Roll-Türen verschlossen und ruhen im Dornröschenschlaf. Nur wenige Menschen sind auf der Straße, der Autoverkehr fließt spärlich und trotz des Sonnenscheins wirkt der Ort zu der frühen Stunde ungefähr so verschlafen und so verträumt, als wäre sie auf einem Dorf. Nur dass ein Dorf kleiner ist als eine Stadt mit über 340 000 Einwohnern, und den Unterschied zwischen einem Dorf und der Stadt hatte sie schon am Abend vorher zur Kenntnis nehmen müssen, als sie sich verlaufen hatte. Ihr Mann und sie hatten an dem charakteristischen Wolkenkratzer, wie er sagte, einen Treffpunkt ausgemacht, dann hatten sie sich getrennt, um nach ein paar Geschenken für die Verwandten zu Hause zu suchen. Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwo zwischen Canal Street, Central Business Distrikt und Warehouse Distrikt hatte sie sich auf der Suche nach dem charakteristischen Hochhaus so verlaufen, dass sie nur mit einem Taxi zum Hotel zurückgefunden hatte. Auf dem Tisch im Hotelzimmer lag dann das Handy ihres Mannes. Geschlagene zwei Stunden hatte er am Treffpunkt gewartet, bis alles zu spät war, wie er sagte, und musste dann noch allein zum Abendessen gehen. Es hatte einen heftigen Urlaubsstreit gegeben, wie er keiner Beziehung guttut, und sie hatte sich mit hungrigem Magen nicht bereit erklärt, irgendeine Versöhnung zu akzeptieren. Und zu allem Überfluss hatte er dann auch noch behauptet, sie habe sein Smart-Phone mitgenommen. Wie sie weiß, will er an dem Tag zum Mississippi, den Krokodilen beim Faulenzen zusehen, und dieser Ausflug reizt sie weniger. Ohne viel Umstände hat sie ihm einen Zettel hingelegt, „Bin frühstücken, suche danach einen Frisör. Finde dich heute Abend am gestern unauffindbaren Treffpunkt, wie ich hoffe. In Liebe.“ und ist losgezogen. Vorher hat sie sich noch mit Kugelschreiber und Stadtplan bewaffnet. Die Blamage vom Vortag will sie auf jeden Fall vermeiden.
Zudem sind die Straßen quadratisch angelegt, hatte er abends x-mal gesagt. Nach kurzer Zeit hat die blonde Frau die zwei runden Plätze ausfindig gemacht, die ihr bereits am Vorabend zu denken gegeben hatten. Am ersten Platz, so erinnert sie sich, gibt es eine Unmenge an Esslokalen, Fressbüdchen und ähnlichen Lokalitäten, die unter anderem ein reiches Obst- und Früchteangebot gegen den kleinen und auch größeren Hunger anbieten. Ärgerlich stellt sie zum wiederholten Male fest, dass es sich nach ihrem Verständnis um einen eindeutig runden Platz handelt, den ihr Mann aufgrund des Zusammentreffens zweier Straßen mit Sicherheit als viereckig bezeichnen würde, und der daraus resultierende Wortstreit um einen eckigen Platz – wahrscheinlich schläft er noch, und das ist an solchem Tag dann besser. Zu ihrer Freude ist das erste Lokal bereits geöffnet. Sie studiert die Karte und überlegt, wie viel Obst und Gemüse sie zu sich nehmen soll. Die Weißkrautbrötchen sind zwar appetitlich, findet sie, aber die Namensgebung mit ´armer Junge´ oder Po´boy veranlasst sie, weiter die Karte zu studieren.
Meeresfrüchte dürften sie nicht ausfüllen, vermutet sie, und eins dieser fantasievollen Sandwiches wird ebenfalls nicht reichen. Nach einigem Hin und Her landet sie bei einem ausgiebigen Frühstück Americaine mitsamt einer Portion Bratkartoffeln mit Rührei, einer Zusatzportion preiswertem Obstsalat und einem der frisch gepressten Fruchtsäfte mit viel Mineralwasser, das sie sich dazu bestellt. Das Essen ist stark kreolisch beeinflusst, gibt der Reiseführer preis. Mit Kreolen wurden in Louisiana früher Personen französisch-spanischer Abstammung bezeichnet. Das zugrunde liegende Wort criollo steht für eine ausdauernde Pferderasse und bezieht sich folglich auf spanische Einwanderer. Spanien erteilte in der Region den USA erst Ende des 17. Jahrhunderts das Recht auf Niederlassung. Da die kreolische Küche mehr als die ebenfalls verbreitete Cajun-Küche die Speisetraditionen sämtlicher Einwanderer in sich aufnahm, nennt sie ihr reichhaltiges Frühstück kurz entschlossen kreolisch. In dem Sinne französisch kann sie es nicht nennen.
Gestärkt und tatendurstig beginnt sie, das French Quarter zu durchstöbern; es handelt sich um ein weltbekanntes Viertel, wiederholt sie vor sich selbst. Die Piazza d´Italia mitsamt Brunnen unweit der Lafayette Street fand sie am Vortag nicht so überzeugend, als dass sie sich das direkt ein zweites Mal ansehen müsste. Und ebenfalls am Vortag hatten ihr Mann und sie nicht den Schiedsrichter gefunden, der ihre manchmal divergierenden Geschmäcker unter einen Hut hätte bringen können. So war es eine Frage geworden, ob sie nicht einmal zusammen nach Rom fahren sollten, anstatt sich in einer Stadt wie New Orleans um Brunnen zu streiten. In den frühen Vormittagsstunden ruht French Quarter von Touristen verlassener da, als sie angenommen hatte. Fast alle Geschäfte sind verrammelt und zeigen ein anderes French Quarter als das von Touristen übervölkerte. Sie findet es beruhigend und überlegt, wie wohl Bourbon City aussieht, der Stadt, die dem Bourbon den Namen gegeben hat und nach der die Straße heißt. Die Werbetafeln sind untergestellt, aber die Reklameschilder geben genug Auskünfte über die Souvenir- und Getränkelädchen und die zahlreichen Lokale. Die Architektur ist von den Spaniern stark beeinflusst. Das Stadtgebiet ruht auf sumpfigen Untergrund, das jedes Jahr um eine bestimmte Zahl an Millimetern sinkt. Da es unter dem Meeresspiegel liegt, sind die Dämme sehr wichtig und sollen die Stadt am Mississippi vor Überschwemmungen bewahren.
Nachdem sie mindestens eine halbe Stunde eine Unmenge Fotos von New Orleans verschnörkelten Balkonbalustraden mit und ohne Geranien in Blumentöpfen geschossen hat, muss sie an ihren Mann denken. Ihr fällt seine Eigenart ein, jedes ihrer Fotos mit denen eines Starfotografen zu vergleichen. Seiner Kritik verdankt sie einige schöne Bildbände, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hat, und die Dezimierung etlicher, überflüssiger eigener Fotos. Sie ist auf der Suche nach ausgefallenen Geschenken und sie weiß, dass sie im falschen Viertel ist; Kaufhäuser findet sie nicht in Bourbon Street. Aber es geht ihr ein wenig um den Namen und es macht zu Hause bestimmt mehr her, wenn sie sagen kann, dies Mitbringsel ist aus French Quarter.
Danach macht sie binnen kurzem ein auswahlstarkes Hutgeschäft ausfindig mit mehreren Lederhüten im Terence Hill-Stil, einen altertümlich wirkenden Friseur, in dem anscheinend ausklappbare Rasiermesser ein Werbungs-Warenzeichen sind sowie ein Schallplattengeschäft mit echten alten Schallplatten, Jazz-CDs und einem recht beachtlichen Büchersortiment zu Jazz-Größen. Ein Schaukelstuhl in einem
Antiquitätengeschäft hat es ihr zwar angetan, jedoch ist der Schaukelstuhl teuer und sperrig und lässt sich wahrscheinlich nicht gut exportieren. Vielleicht beim nächsten Besuch von New Orleans. Irgendwie passt der Schaukelstuhl zu der Stadt und der Musik, findet sie. In Gedanken geht sie eine Liste ihrer Bekannten und Freunde durch, wer einen Schaukelstuhl hat und sich über ein kleines Mitbringsel in Sachen Jazz freuen würde.
Unvermittelt fällt ihr der Streit vom Vorabend ein. Kurz entschlossen schreibt sie eine SMS an ihren Mann, dass der Streit ihr leidtut, und ob er eine besondere Geschenkidee hat. Ist er mit seinem Handy unterwegs, wird er ihr im Laufe des Tages bestimmt antworten.
Das Musikgeschäft liegt in einem für New Orleans typischen weißen Haus im Erdgeschoß in einer ruhigen Seitenstraße und macht um elf Uhr auf. Ihre Uhr zeigt elf Uhr an und sie tritt mit einer hübschen Türmelodie ein: es ist geöffnet. Es riecht ein wenig muffig, findet sie, und ihr Blick fällt auf eine sehr gut erhaltene altmodische Registrierkasse mit lauter Hebeln und Knöpfen und einer Geldschublade, die wahrscheinlich beim Bezahlen klingelnd aufspringt und gegen die man beim Zumachen mehrmals stoßen muss, weil sie sonst nicht zugeht.
„Kann ich Ihnen helfen, Ma´am?“
Der zierlich wirkende Mann Mitte vierzig spricht sie an und sieht so aus, als würde er ihr fast jeden Wunsch erfüllen wollen.
„Ich wollte mich einfach nur umsehen. Ich suche noch nichts Bestimmtes, aber vielleicht finde ich ein Geschenk oder Souvenir.“
Sie lächelt ihn an, er versteht und zieht sich diskret in eine Art Bücherecke mit Lesesessel zurück. Auf einem kleinen Tisch liegt ein aufgeschlagenes Buch und eine Lesebrille, ein Schwarz-Weiß-Foto darüber zeigt Ella Fitzgerald. Daneben steht ein kleiner Laptop.
Langsam geht sie die Musik-CD´ s in den Schaukästen durch. Alles Jazz und dann eine große Auswahl. Ein paar Sachen kommen ihr bekannt vor, und viele Dinge kennt sie nicht. Sie ist ein wenig unsicher und sieht sich um. Es sind mehrere Tische da. Sie steht vor einem mit altem Jazz und darin stehen Schallplatten geordnet neben Musik-CDs. Alte Schellack-Platten, die intakt sind, sind automatisch wertvoll und es ist nicht verwunderlich, dass der Verkäufer in der Bücherecke sie nicht aus den Augen lässt. An zwei Wänden mit einer altmodischen Tapete in einem gedämpften Beige-Ton stehen dunkelbraun gebeizte, wertvolle antike Holzregale mit verzierten Kronleisten. Das Dunkelbraun wirkt sehr streng, findet die Touristin, wird aber durch die Schnörkel aufgelockert. In den Fächern steht eine ganze Reihe alter, älterer und neuer Bücher und Bildbände. An den freien Plätzen des Bücherregals befinden sich ein paar sehr alte, aber auch modernere Platten-Cover. Das ist ansprechend gestaltet.
Über den Holzregalen zur Linken gibt es eine Reihe schwarz gerahmter Aquarell-Drucke mit Musikinstrumenten, unter denen der Künstler mit Sinn für Belehrung in einer feinen Schreibschrift die Namen der Musikinstrumente gemalt hat. An der rechten Wand hängen über den Regalen Emaille-Schilder, wie man sie früher für Werbezwecke brauchte. Man sieht Louis Armstrong mit seiner Band, das ist bekannt, der durch die Straßen von New Orleans zieht, Benny Goodman und Duke Ellington. Neben dem Regal links und noch vor der Bücherecke mit kleinem Tischchen, in die sich der Verkäufer zurückgezogen hat, hängt ein mannsgroßes Poster zum Pink Panther. Die Zeichentrickserie mit dem rosaroten Katzenvieh hat eine bekannte Titelmelodie.
Die Touristin wechselt zum nächsten Tisch mit ´modern jazz´. San Francisco und Jazz, liest sie. In einer Reihe sind die Aufnahmen nach dem Ort der Mitschnitte geordnet.
Ein Liebhaber alter und neuer Jazz-Aufnahmen würde das Geschäft wahrscheinlich nicht unter einer Aufenthaltsdauer von zwei Stunden verlassen und wüsste genau, was die Sachen mit dem Aufdruck ´Limitierte Auflage´ im Einzelnen wert sind. Sie sieht sich um. Es ist schwierig, sich zu entscheiden, und irgendwie ist ihr noch nicht das Richtige in die Hände gefallen. Das Beste wäre natürlich, sie hätte ihren Mann mitgenommen.
Nachdenklich hält sie eine Musik-Aufnahme von Fats Domino in der Hand, der noch 2007 nach dem Hurrikan ein Konzert gegeben hat. Im Zweifelsfall kann sie die Musik-Aufnahme auch für sich behalten. Mit solchem Argument entscheidet sie sich für den Kauf und geht zur Kasse. Der Verkaufstresen liegt gegenüber der Eingangstür und ist eine massive Anrichte aus hell gebeizter Eiche mit einer dicken Holzplatte. Die Wand dahinter ist in einem Altrosa-Farbton angestrichen, dem man ein wenig Beige beimischte; das ist eine wirklich seltene Farbmischung. Große gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen schwarze, weiße und kreolische Jazzmusiker mit ihren Instrumenten abgebildet sind, ziehen durch die herausgearbeiteten harten Kontraste der Schwarz-Weiß-Fotografie den Blick auf sich. Darüber befinden sich eine akkurat gepinselte Notenzeile aus fünf schwarzen Strichen mit Notenschlüssel, großen Musik-Noten und Intonationszeichensetzungen. Es ist eine Titelmelodie abgebildet, die die Touristin nicht so schnell lesen kann. Vielleicht Glenn Miller mit Moonlight Serenade. Der sandfarbige Boden, der aus hellen und unterschiedlich geformten Steinfliesen besteht, eine helle Decke und kleine Halogenlampen, die ein unaufdringliches Licht verbreiten, sorgen für einen freundlichen Verkaufsraum.
Der Verkäufer hat ihre Kaufabsicht zur Kenntnis genommen und ist mittlerweile zur Kasse gekommen. Er sieht sich die CD an und gibt umständlich mit den Hebeln an der Kasse den Preis an.
„Das haben Sie gut ausgesucht, Ma´am.“, kommentiert er ihre Kaufabsicht. „Haben Sie schon die Prospekte hier gesehen und“, er weist dabei nach links über den Verkaufstisch „da liegen auch noch Veranstaltungskalender. Ich weiß ja nicht, wie lange Sie in New Orleans bleiben wollen.“
„Oh, nicht sehr lange, denke ich. Aber die Kalender würde ich mir gern gleich ansehen, da sind bestimmt für mich interessante Sachen dabei.“
„Darf ich Ihnen noch ein Buch zu Fats Domino zeigen? Oder einen Bildband zu den
Größen des Jazz in New Orleans?“
„Danke nein. Aber es kann sein, dass ich später noch mal hereinschaue.“
Vielleicht kann sie ihrem Mann das Geschäft zeigen; es hängt davon ab, wie lange sie bleiben wollen. Ein wenig lästerlich denkt sie über die Vor- und Nachteile moderner Technik im Zusammenhang mit der antiken Kasse nach. Als der Verkäufer jedoch die Drucktaste für den Kaufabschluss betätigt, springt die Geldschublade mit melodischem Klingelton auf und der eingebaute Drucker für den Verkaufs-Bon zeigt so laut ratternd seine Tätigkeit an, dass es eine wahre Freude ist.
Plötzlich undefinierbar irritiert will sie aus ihrem Portemonnaie das Geld zum Bezahlen herausfischen. Der Kassenton vor ihr hat sich munter angehört, aber mit etwas anderem vermischt. Der Druckerton, der erstirbt, lässt den Verkaufsraum in einer seltsamen, fast eisig anmutenden Stille zurück. Unwillkürlich zieht die Frau die Schultern hoch und sieht fragend den Verkäufer an, dessen Lächeln plötzlich wie eingefroren erscheint. Er sieht auf jemanden, der sich hinter ihr befinden muss. Neugierig dreht sie sich um und mustert den Kunden, der vor wenigen Augenblicken das Geschäft betreten hat, und stellt fest, dass er ihren Klischeevorstellungen eines Jazzliebhabers ganz und gar nicht entspricht.
Der Mann steht schräg hinter und neben ihr. Er ist vierschrötig, gut einen Kopf größer und wiegt wohl über hundert Kilo. Sein Körper weist einen beachtlichen Umfang auf. Bedauernd stellt sie fest, dass es sich nicht um einen Gemütsmenschen handeln kann, der gerne zu viele Nudeln isst oder derartig Kalorienhaltiges zu sich nimmt. Das Hemd ist für den muskulösen Oberkörper zu eng und sprengt gleich den dritten Hemdknopf. Die lange braune Hose ist zu warm, und die Schuhe sind abgelaufen. Das ist nicht gut für die Füße. Unter dem eng sitzendenden Blouson zeichnet sich in Achselhöhe eine eigenartige Ausbuchtung ab, die sie an eine Schusswaffe erinnert, die aber natürlich auch mit einer dicken Brieftasche erklärbar ist.
Von oben herab mustert er sie aus eiskalten graublauen und stechend wirkenden Augen unter kurzgeschorenen Haaren. Er schwitzt wie ein Schwein, stellt sie fest, aber sie weiß nicht, ob Schweine so schwitzen. Allmählich wird ihr bewusst, dass der Ventilator neben der altmodischen Kasse eifrig vor sich hin surrt und leistungsstark Kühle verbreitet. Seit ein paar Augenblicken steht sie da und ist umständlich nicht in der Lage, die richtigen Geldmünzen und Geldscheine zum Bezahlen heraus zu suchen. Kurzerhand nimmt sie einen Zwanzig-Dollar-Schein aus dem Portemonnaie, steckt das Wechselgeld ein, würdigt den Muskelmann keines weiteren Blickes und verlässt das Geschäft.
Draußen stellt sie fest, dass ihr die Knie zittern, aber sie schiebt das auf die Hitze. In der nächsten Nebenstraße sitzen vereinzelt Krähen auf den Spitzdächern und zwei. Purpurschwalben klammern sich in typischer Schwalbenmanier an einer Stromleitung fest. Diese größte Schwalbenart in Nordamerika ist ein wichtiger Nutzvogel, lebt auch in urbanen Gebieten und gehört zu den Singvögeln.
Sie trinkt in einem Lokal einen Orangensaft und kauft vorsorglich eine große Flasche Mineralwasser. Dabei fällt ihr der eigentliche Anlass für ihren Ausflug wieder ein: sie wollte zum Frisör. Auf ihrem Handy findet sie die minimalistische Antwort von ihrem Mann, auf die sie gehofft hatte. Sie freut sich, als sie liest: Alles okay, bis heute Abend.
Die SMS erinnert sie daran, dass sie das Friseurgeschäft vom Vormittag erst mal ausfindig machen muss, aber mit ein wenig Anstrengung und Konzentration gelingt es. Auf dem Weg waren ihr die malerischen Hinterhöfe aufgefallen und in den einen oder anderen hatte sie einen neugierigen Blick geworfen. Die typischen Hinterhöfe geben ihr eine Orientierungshilfe. Sie hört auf ihrem MP3-Player den Song „I´m walkin, yes I do, I´m walking“ und findet an einem Laternenpfahl den Bibelspruch „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“, der ihr bereits begegnet ist. Nach einer halben Stunde hat sie es geschafft.
Mit einem neuen Haarschnitt und einer Dose Bier, die man mitbringen muss, macht sie sich später auf in Richtung Preservation Hall in St. Peters Street und lauscht zufrieden all dem, was an New-Orleans-Jazz dargeboten wird. Als sie abends ihren Mann trifft, entwickelt sie die ihm bereits bekannte These, dass Touristen einen Zuschlag für abgegangene Touristenmeilen verdienen oder die sehenswerten Stätten ohne die vielen Touristen deutlich attraktiver wären mit dem Problem, was noch mal bei den Touristenstätten fehlten würde, wäre man ohne andere Touristen da. Wie ihr Mann hat sie keine Lust auf Katastrophentourismus und sowohl die Katastrophen als auch die Folgeschäden tun ihr leid.
Im Großraum New Orleans lebt ungefähr eine Million Menschen. Neun Millionen Menschen haben 2012 als Touristen die Stadt New Orleans besucht, so weiß sie zu berichten. Ihr Mann hört ihr zu. Er hat den ganzen Tag auf dem Mississippi verbracht und nur Blues gehört. Der Mississippi, so berichtet er, ist ungefähr 3000 Kilometer schiffbar. Er hat sie unendlich vermisst, wie er sagt, und eine Musik-CD erstanden mit Riverboat Jazz und Shuffle-Musik, die man verschenken könne. Aber im Zweifelsfall auch für sich behalten. Sie beschließen, aller Müdigkeit zum Trotz abends einen Ausflug zu machen und gehen tanzen. Es wird ein wundervoller Abend.
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