Kitabı oku: «Magdalenas Mosaik»
Gabriele Engelbert
Magdalenas Mosaik
ein Frauenleben zwischen Eigensinn und Anpassung
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Magdalenas Mosaik
Prolog
Der Schreibtisch
Kein wüstes Leben
Haltepunkte
Das Familien-Nest
Kinder und Kindereien
Freiheiten
Wer ist Magdalena?
Aufbruch im Sturmschritt
Der Porzellanhund
Umwege zum Ausprobieren - London
Lernen, leben und was dazwischenkommt
Kriegsdienst
Verwundete, Tote und Herzklopfen
Die Hölle von Hamburg
Bangen und Hoffen
Lebensnotwendiges
Wiedersehen im Familienkreis
Endlich Schluss?
Die Familie im Norden
Alte und neue Freiheiten
Endlich angekommen
Familienmittelpunkte
Die Vielfalt von Glück
Wie die Zukunft beginnt
Aus dem Gleichgewicht
Familienfeste
Wie begegnet man dem Schicksal?
Trauer
Plötzlich
Epilog
Impressum neobooks
Magdalenas Mosaik
Prolog
Wer bist du?
eine Brille auf dem Schreibtisch vor der Kant-Büste,
aufgeschlagene, bebilderte Seiten eines Merianheftes: Stadtanlagen Ostpreußens,
Reihen altersduftender Bücher im schwarzen Holzregal hinter der Chaiselongue,
das dicke, hochlehnige Kanapee hinter dem runden Esstisch,
das imposante Ölportrait eines energischen Herrn: der Urgroßvater,
Brennschere und Kerzenhalter aus Messing auf dem schmalen Bord über der Heizung,
die weißbraunen Schachbrett-Karos des niedrigen Spieltisches zwischen zwei Sesseln,
tief unten vor dem Fenster draußen der quirlige Verkehr auf der Breitenfelder Straße
und Baumwipfel vor dem Universitätskrankenhaus Eppendorf,
eine kuschelige Pelzweste aus Kaninchenfell,
faltige Hände, behutsame Finger auf den Bilderbuchseiten,
Linien, Furchen, Kerben erlebter Begebenheiten auf der Stirn,
gegerbter Humor in den Augenwinkeln, fragend,
ein strenger Mund vor versiegelten Erinnerungen,
dein Gesicht voller Antworten, deren Fragen ich noch nicht kenne,
dein Blick nach innen, - weit weg – zurück? Wohin?
Wer bist du?
Spärliche, fast verlorengegangene Mosaiksteinchen aus blassen Erinnerungsbruchstücken, die kaum ein Ganzes ergeben können. Kein greifbares Bild, kein farbiger Inhalt, nur Fragen. Wo gibt es Anfänge? Wie sehen sie aus? Führen sie zu einem Mittelpunkt? Welche Farben, Formen und Dimensionen hat dieses Bild? Wie viele Teilchen gibt es? Wie lässt sich dieses verblasste Durcheinander entwirren?
Da sitzt eine frühe Erinnerung mit der Großmutter auf der moosgrünen Chaiselongue, -dahinter die nach altem Leder duftenden, gedämpft farbigen Bücherreihen in dem hohen schwarzen Holzregal. Ein kleines Mädchen neben Großmutter auf jenem Sofamöbel und fragende Blicke zu dem alten Gesicht hinauf: wer bist du eigentlich?
Und die Großmutter, mit einem Lächeln nach unten auf das kleine Gesicht herunter: Und du? Wer wirst du eines Tages werden?
„Als ich so klein war wie du…, früher mal…“, so mag es angefangen haben mit uns beiden.
Angefangen mit liebevoll wissendem Lächeln in meine ungläubigen Blicke hinein, denn wie hätte ich mir diese Großmutter kinderklein vorstellen können? Niemals. Oder vielleicht doch? Ihr Lächeln wie aus anderen, unbekannten Zeiten – zu mir, in meine kleine, blaue Kinder-Neugier hinein. Und dann, zögernd, mochte sie angefangen haben zu erzählen.
Früher mal auf der Chaiselongue, das war damals, als wir uns zuerst richtig trafen, etwa 1952, als ich fast drei Jahre alt war.
Ganz früher mal, im April 1892, wurde die Großmutter selbst drei Jahre alt wurde, also lange vor meiner eigenen Zeit, als ich sie kennenlernte. Lange bevor die Großmutter zur Gromo wurde. Lange bevor Großmutter Lene selbst nach und nach entdeckte, wer sie eigentlich war oder werden sollte.
Der Schreibtisch
Früher mal, eines Tages, schaffte Lenchen es, über die Schreibtischkante zu gucken. Auf die Zehen hoch gereckt und sich mit den Fingern anklammernd, erfüllte sie sich endlich diesen dringenden Wunsch. Tüchtige kleine Finger. Und Neugier. Na bitte, dieser Blick über die Kante war es, was sie unbedingt wollte. Sie sah Bücher, aufgeschlagene schwarze Hefte, Zettel, routinierte, krakelige Schriftzeichen, eine Schreibfeder, rote Tinte, alles von schräg unten her erspäht. Papas Geheimnisse.
Das fiel ihr jetzt, viel später, zuerst ein. Vaters Schreibtisch.
Der und Vater gehörten zusammen. Der Schreibtisch allein, ohne Vater, war ein hilfloser Anblick, war wie ein Hilfeschrei aus dem Alleinsein. Vater ohne Schreibtisch, naja, das ging noch an, aber wenn er etwa zur Schule hinüber ging oder zu Hause am Mittagstisch saß, wenn er nicht am Schreibtisch saß, dann schien er seinen Schreibtisch doch gewissermaßen im Kopf irgendwie oft mit sich herumzuschleppen. Seltsam war das.
Immer wieder überlegte sie, was es mit diesem Möbelstück wohl auf sich hatte? Manchmal, als sie noch keineswegs über die Schreibtischkante gucken konnte, hatte Vater sie auf seine Knie genommen, wenn er am Schreibtisch saß. „Na, Marjellchen? Kommst mal deinen Papa besuchen?“ Er wies auf das windbewegte Grün der Kastanie vor dem Fenster, auf die sonnenhellen Dächer der Häuser gegenüber. „Siehst du, wie schön ich’s hier habe?“ Der Federhalter lag auf einem aufgeschlagenen Schulheft, rote Tinte über schwarzem Gekritzel. Warum sollte sie aus dem Fenster gucken?
„Geh mal schön spielen, Lenchen“, sagte er, „Ich komm‘ nachher runter zu euch.“ Seine Finger strichen durch ihr dunkles Kraushaar. Gehorsam rutschte sie von seinen Knien.
Als sie dann eines Tages endlich selbst dem Schreibtisch über seine Kante gucken konnte, sah sie wieder nichts als diese Zettel, Federhalter, Schulhefte und Bücher.
Bücher also. Seinen Schreibtisch, seine Bücher und sein Schreibzeug, das war es, was Papa anscheinend nicht nur da liegen hatte, sondern was auch irgendwie wichtig und in seinem Kopf war. Was man nicht gleich sehen konnte wie etwa seine Nase, seine Stirn mit den energischen Falten oder seinen Kragenknopf. Vater am Schreibtisch, da durfte man ihn sehen und besuchen, immer war er liebevoll, aber streng, und man durfte ihn nicht lange stören. Da war er in einer anderen Welt, die in ihm drin war. Von Papas innerer Welt hatte sie keine Ahnung. Aber das störte sie eigentlich nicht. Noch nicht. Gehorsam schloss sie die Tür hinter dem Vater und seiner Schreibtisch-Welt, hangelte sich die Treppe hinunter und lief ins Kinderzimmer zu ihrem Schaukelpferd.
Und Mama? Hatte die auch so eine Innenwelt? Der Gedanke ließ die kleine Lene nicht so schnell los, war wie ein Spiel, wie Rätselraten. Bei ihrer Mutter, nein, da war erstmal alles sichtbar. Ihre schnellen Bewegungen, quirlig routiniert zwischen Essensdüften, Kochtöpfen, Messern, Gemüse, Kartoffeln, Mehl, Teigklumpen, zwischen Hitze, Dampf und schnippelndem, rührendem, knetendem, reibendem, mantschendem Wohlbehagen. Das waren Künste, die jeder sehen und anfassen konnte. Und die Lenchen wahrscheinlich später würde lernen müssen? Künste, die sie mit Bewunderung erfüllten. Oder Mutter abends am Nähtisch in ihrem Sessel mit Nadel und Faden, ihr geneigter Kopf über einem der Löcherstrümpfe, während der Vater, ihr gegenüber, aus der Zeitung vorlas, was ihm lesenswert schien. Oder, - und das war das Kostbarste -, Mutter am Flügel mit flinken Fingern über die Tasten flitzend. Dann legte Vater die Zeitung beiseite und lehnte sich zurück. Ein Lächeln, wie tief aus seinem Inneren auftauchend, huschte über sein Gesicht. Und die Geschwister drüben am langen Esstisch sahen von den Schularbeiten auf, ihre Gespräche verstummten oder wurden mit Vaters energischem „Pssst“ heruntergedimmt.
Mutters innere, unsichtbare Geheimnisse, ja, die gab es, davon war Lenchen allmählich überzeugt. Aber die saßen nicht in Mutters Kopf, sondern in ihren flinken Fingern.
Anscheinend hatte sie, 1952 also, lange mit der Enkelin auf der Chaiselongue gesessen. Ein so besonderes Sofa war gut für Gedanken, für Spurensuche, für Begegnungen alter und junger Zeiten. Gut zum Erzählen, Zuhören, Fragen und Antworten, auch wenn die Enkelin nicht sofort alles verstand.
Und deine Brüder? So hatte das Kind gefragt. Kleine Brüder gehörten zum Leben, anders wusste die Enkelin es nicht.
Davon ein andermal, hatte sie geantwortet, wir haben doch Zeit, wir beide. Die Enkelin war dicht neben ihr gewesen, hatte den rauen Karo-Wollstoff des Großmutterkleides gespürt, den leichten Mottenduft der Pelzweste, den Großmutter-Atem über ihren hellen Rattenschwänzchen. Aber gleichzeitig war diese Großmutter selbst doch weit in die Vergangenheit gerutscht. Außen und innen, das gab es inzwischen auch bei ihr. Eines Tages würde sie der Kleinen, die dann groß genug war, davon erzählen. Eine alte, wieder neue Geschichte. Die Enkelin war nicht ganz so dicht dran wie ihre inzwischen erwachsenen Kinder Georg und Hanna.
Aber jetzt saß sie, die inzwischen Gromo hieß, erstmal wieder an dem alten Schreibtisch in der Fensterecke. Und während sie auf die sehnige Faltenhaut ihrer Hände blickte, die blau hervortretenden Adern, die vielen Leberflecke, wusste sie, dass dieser Schreibtisch jedenfalls einer ihrer Lebensmittelpunkte war. Hier liefen alle Zeitenlinien zusammen. Das Früher, das noch Frühere, das Heute, das Zukünftige sicher auch. Dafür sorgte sie ja täglich, indem sie sich hier ausruhte, hier Altes und Neues sortierte. Ihre Finger strichen behutsam, fast zärtlich, über alte Papiere. Unwillkürlich neigte sie den Kopf darüber.
Woher kam der Gedanke, das Leben als ein wechselnd feines und grobes Gewebe zu betrachten, kompliziert gemustert, an einigen Stellen leuchtend farbig, anderswo verblichen, fast eingerissen, wieder geflickt, neu zusammengefügt und in anderem Muster fortgesetzt, neue Stränge in alte hinein gewebt, verschlungen und verhakt, nie erwartet, überraschend bunt geraten, zum Weiterarbeiten bereitgelegt? Konnte sie jetzt, nach so vielen Jahren anfangen, die Teile zu betrachten, neu zu ordnen, zusammen zu fügen?
Der erste Haltestrang, war das der Schreibtisch ihres Vaters? Nein, der bildete viel eher eine Art Knotenpunkt, eine Schaltstelle in der Mitte. Das davon ausgehende erste Anfangsmuster, das waren natürlich ihr Vater selbst und ihre Mutter. Mama und Papa, ja, wenn sie noch weiter zurückdenken könnte, hatte es auch mit denen irgendwann einmal angefangen. Und davon gab es doch noch Spuren in einer der Schubladen des Schreibtisches. Und in ihrem Kopf natürlich.
Das leise Knarren der Zimmertür. Sie wandte den Kopf.
„Ach, du bist es. Schon Abend? Zeit zum Essen?“
Das gemütliche, rauchige Lachen aus der Kehle heraus. „Aha, sitzt du wieder am Schreibtisch fest?“
Kein wüstes Leben
Ihr Vater hieß Ernst Leberecht Wüst. Dieser Name hatte, wie Papa erzählte, oft zu Scherzen Anlass gegeben, indem es in „Ernst, lebe recht wüst“ gewandelt worden war. Das konnte allerdings von seinem Leben keineswegs behauptet werden, soviel Lene inzwischen wusste. Nein, „wüst“ hatte der Vater höchstens ab und zu in Studentenzeiten gelebt in Jena und Berlin, jedoch nicht anders als andere Studenten seiner Zeit. Davon erzählte er aber nicht, sondern davon berichtete nur die von ihm verfasste Familien-Chronik. Geboren wurde er am 6. Dezember 1844 in Pröbbernau auf der schmalen Nehrung am Frischen Haff. Dort war sein Vater Pfarrer, seine Mutter stand dem großen Haushalt vor. Ernst wuchs unter 10 Geschwistern auf.
Von Lenes Mutter gab es keine von ihr verfasste Chronik. Sie wurde am 13. Juli 1851 als Martha Louise Charlotte Goldnick in der Mühle Slupp geboren. Sowohl ihr Vater, der Mühlenbesitzer, als auch die Mutter waren zweimal verheiratet, Martha hatte eigentlich fünf Geschwister und fünf Halbgeschwister, die aber fast alle sehr früh starben. Die Mühle Slupp in der Nähe des Gutes Orle liegt an der Ossa, einem rechten Nebenfluss der Weichsel östlich von Graudenz.
Wie Ernst und Martha sich kennenlernten und ihr Leben sich dadurch in eine gemeinsame Richtung lenkte, davon schrieb Vater selbst in der Familienchronik, die er später in Jena verfasste.
Nach kurzer Zeit hielt Lene die dicke Mappe in der Hand. Ihr Vater Ernst Leberecht Wüst schrieb da:
„Zu Beginn des Winterhalbjahres 1865/66 siedelte ich von Jena nach Berlin über…
Für mein ganzes Leben bedeutungsvoll wurde im Sommer 1867 ein Besuch einer Freundin des Orler Hauses in Berlin, der Frau Gutsbesitzerin Goldnick aus Mühle Slupp bei Graudenz, die mit ihrer Tochter Martha, damals 16jährig, gekommen war, um einen Arzt um Rat zu fragen. Ich war mehrere Tage der beständige Begleiter der beiden Damen, machte mit ihnen Besorgungen, führte sie zu Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten und eines abends auch ins Königliche Opernhaus. Da war es, als wir beiden jungen Menschen während einer Ballett-Aufführung nebeneinander sitzend, uns bei der Hand fassten, um uns für alle Zukunft nicht wieder loszulassen. Es lag ein köstlicher Reiz darin, die Heimlichkeit unserer Liebe zu bewahren und keinem von unserem Verspruch etwas zu sagen. Erst im Herbst desselben Jahres 1867 bei der Hochzeit meiner Schwester Auguste, die in Orle stattfand, merkten schärfer blickende Verwandten, was die Glocke geschlagen, und es fehlte in der nächsten Zeit nicht an solchen, die mahnten und Vorstellungen machten und Ratschläge erteilten und drohten. Was sollte auch ein Einverständnis zwischen einem noch die Schule besuchenden Mädchen und einem Studenten bedeuten? War es überhaupt ernst zu nehmen? Wir aber, die wir uns einmal die Treue versprochen hatten, hielten fest, kümmerten uns nicht viel um das Gerede der lieben Verwandten, schrieben uns gute und liebe Briefe und warteten, bis die Zeit sich erfüllen musste…
Das dauerte eine gute Zeit. Durch den Krieg 1866 war Ernst nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Er meldete sich zwar, als die Einberufung erfolgte, wurde aber wegen seiner mangelnden Sehtüchtigkeit zurückgewiesen. Auch als Krankenpfleger wollte man auf ihn verzichten. Im Herbst 1867 tauschte er die Universität Berlin mit der zu Königsberg zum Abschluss seiner Studien und um dort später eine Anstellung zu erhalten. Es war sein viertes Universitätsjahr. Auf den Abschluss seines philologischen Staatsexamens bereitete er sich in Königsberg und auch in Güttland vor, wo sein Vater seit 1850 Pfarrer war und er selbst den größten Teil seiner Jugendjahre verbracht hatte. Sein Vater, der Pfarrer mit seiner Familie hatte sich aus Pröbbernau versetzen lassen, um den Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Im Oktober 1868 legte Ernst die Prüfungen ab und erhielt die Lehrbefähigung für Lateinisch und Griechisch für alle Klassen und für Geschichte und Erdkunde für die Obersekunda einschließlich, zugesprochen. Er promovierte zum „doctor philosophiae“. Sein Probejahr leistete er anschließend auf der Realschule I. Ordnung auf der Burg zu Königsberg, der „Burgschule“. Weihnachten 1868 verlobte er sich endlich offiziell mit seiner Martha. Während die Brautleute einen glücklichen Sommer in der Mühle Slupp verbrachten, brach 1870 der Deutsch-Französische Krieg aus. Ernst eilte nach Königsberg, um sich freiwillig zu stellen, wurde aber wieder wegen seiner Kurzsichtigkeit abgewiesen. So ging er weiter seinem Beruf nach. Auch von dem Erleben der Kriegsereignisse berichtet die Chronik. Aber das war eine andere Geschichte. Ernst und Martha schauten mutig und zuversichtlich in die Zukunft: am 11. Oktober 1870 fand die Hochzeit statt.
„Unsere schönen Güter, die wir festzuhalten uns damals versprachen, bestanden nicht gerade in reichen äußeren Schätzen, obschon auch äußere Güter nicht mangelten, sondern in herzlicher Liebe, Vertrauen und zuversichtlicher Hoffnung. Die Hochzeit wurde im Elternhaus der Braut, in Mühle Slupp, bei entsetzlich schlechtem Wetter gefeiert. Mein Vater traute uns, Vater legte seiner Traurede das Bibelwort Epheser 4, Vers 2 und 3 zu Grunde: „Vertraget einer den anderen in der Liebe und seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“. Am Tage nach der Hochzeit ging die Reise in die neue Heimat meiner jungen Frau, nach Königsberg, wo wir in der alten Reifenbahn, in der Straße, die jetzt Yorkstraße heißt, eine aus 4 Zimmern und vielem Zubehör bestehende Wohnung gemietet hatten. Die Zimmer waren bei unserer Ankunft von der Familie Rautenberg, die zwei sehr schöne Gummibäume hineingestellt hatte, geschmückt worden.“
Die Eltern hatten, wie Lene nur zu gut wusste, immer ihr eigenes Leben gehabt, auf das sie viel Wert legten, auch als das Ehepaar sich im Laufe der Jahre mit sieben Kindern zu einer großen Familie auswuchs. Ohne ihre Kinder zu vernachlässigen, führten der Schuldirektor und seine Gattin ein offenes Haus, verbrachten viel Zeit mit Geselligkeit in wechselnder Runde von Freunden. Mit denen gingen sie musischen und geistreichen Liebhabereien nach, mit denen verbrachten sie, Gesellschaftsspielen frönend, viele Abende. Beide, Ernst und Martha, aus jeweils großen Familien kommend, waren an solch größere Runden befreundeter Menschen gewöhnt. Insbesondere Ernsts Vater, Lenes Großvater, hatte zeitlebens mit vielen Menschen, darunter vielen gelehrten Freunden gerne zu tun gehabt.
Und Mutter? Leider waren die Familien-Chroniken nur von den Familienvätern, aber nie von den Müttern geschrieben worden. Die gängigen Klischees der Rollenverteilung, - die sich erst, als Lene älter war, ganz allmählich zu ändern begannen -, hatten Lene ihr Leben lang beschäftigt. Warum nur taten alle so, als seien Männer in gewisser Weise wertvoller als Frauen? Etwa, weil bei ihnen der Werdegang, der Beruf, die Karriere und damit auch die Versorgung der Familie eine so große Rolle spielte? Das war aber doch nur möglich, weil die Frauen, die Mütter, ihnen brav alle Alltags- und Familienpflichten abnahmen. Die Frauen, naja, sicher waren sie nicht weniger gebildet, wenn sie nur wollten, aber die eigenen Mütter machten ihnen vor, wie man sich ein- und unterzuordnen, zu fügen hatte. Die Rollenklischees wurden eingehalten: die Männer sorgten für das finanzielle Wohlergehen und das eigene Ego, die Frauen kümmerten sich um Kinder und Haushalt, - und verzichteten auf die Idee etwa eine eigene Persönlichkeit ausleben zu wollen. Stattdessen wurden sie angebetet von den Männern. Und damit es auch klappte mit der erwünschten Anbetung und Eroberung, wollte diese von den Mädchen emsig, kichernd, trickreich und charmant geübt werden. Die Kunst der Verführung, das Sich-Erobern-Lassen, das war die gängige Erfolgsgeschichte von Frauen. Und das war natürlich Reiz und Spannung der Jugendjahre – bis zur Verheiratung. Wenn die manchmal doch nicht erfolgte, blieben ihnen Tätigkeiten von Kinder- oder Hausmädchen, höchstens Lehrerinnen. Solange aber verheiratete Männer und Frauen dann ihre Rollen erfüllten, das taten, was erwartet wurde und entsprechend behandelt und hochgeehrt wurden, blieb die Welt, - die kleine Familienwelt und die etwas größere soziale Welt -, im gewollten und nie anders gedachten, traditionellen, harmonischen Gleichgewicht. Die Familienväter protzten dann gern mit ihren vielen Kindern, - aber erzogen wurden die von den Müttern.
Lenes Mutter hatte die ihr zugedachte Rolle meisterhaft ausgefüllt. Ob sie jemals den Wunsch gehabt haben mochte, sich selbst dabei ins Spiel zu bringen, den eigenen Talenten, wie dem Klavierspiel, mehr Zeit zu widmen, ihnen mehr nachzugehen oder den eigenen Werdegang herauszustellen, das ahnte Lene nicht. Über Gefühle sprach man nicht. Selbstdisziplin war bei ihr selbst, sowie den vorherigen Generationen, von früher Kindheit an geübt und verlangt worden. Bei den üblicherweise vielen Kindern musste sich jedes zurücknehmen, das ging gar nicht anders, hatte nie anders funktioniert. Glück oder Unglück dagegen waren eben Schicksal, und die eigene Individualität, jedenfalls die der Mädchen, blieb manchmal vollkommen uninteressant. Dennoch, so überlegte Lene später oft, dennoch hatte sich eigentlich jede und jeder wohlgefühlt im Familiennest, das Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlte. Sie selbst hatte es nie anders empfunden und von ihren Geschwistern auch selten anderes gehört. Die Familie war Zentrum des Lebens, das der Kinder und das der Erwachsenen.
Lene am Schreibtisch, der jetzt ihrer war, wusste wenigstens, dass ihre Mutter geliebt worden war. Geliebt und verehrt von der ganzen Familie. Und Lene wusste auch genau, wonach sie jetzt suchte. Da gab es einen alten Brief, in vornehm steilen Schwüngen und Schnörkeln, von ihrem Großvater Wüst. Das war jener Carl Theodor Gotthilf Wüst, geboren 1808 in Danzig, 17 Jahre lang Pfarrer auf Pröbbernau auf der Frischen Nehrung, dann Pfarrer in Güttland in der Nähe von Dirschau im heute polnischen Westpreußen. Von dort schrieb er 1773 an seine Schwiegertochter Martha, also Lenes Mutter, zu deren 22. Geburtstag.
Der Brief klang so, als sei die junge Ehefrau mit ihrem Mann Ernst und erstgeborenen Sohn Ernst in der Sommerfrische in Peterhof,- dem Stammsitz der verwandten Familie Chomse -, und häufigen Ferien- und Familientreffpunkt der großen Familie gewesen. In dessen Nähe lag auch die Mühle Slupp und der kleine Ort Orle.
Güttland 13/7/1873
Liebe, trauteste Martha !
Du erhältst heute gewiss von allen Seiten so viel Gratulationen und Zuschriften, dass es gut scheint, einige auch noch für einen späteren Tag zu reservieren. So wird es denn dieses Mal mit unserem Glückwunsche gehen. Alles nur erdenklich Gute wünschen wir Dir von ganzem Herzen. Gott schenke Dir Gesundheit und ein zufriedenes Gemüth. Es möge Dein neues Lebensjahr rein und ungetrübt dahin fließen. Er erhalte Dir Deinen und unseren Ernst und Deinen trautesten Jungen! Das gehört ja doch in erster Weise zu Deinem Glück.
Leiblich zwar nicht, - aber im Geiste sind wir heute unter Euch! Wir sehen Euch Alle, Alle – denn die Orler kommen doch ohne Zweifel hin – theils auf der Veranda, theils im Garten in buntem und fröhlichem Gemisch, hören die Fontaine plätschern, und lauschen den herrlichen Klängen, die aus dem Saale herausschallen. Und Fräulein Jung singt dann noch ein schönes Lied und Alles ruft: Bravo! Ist’s nicht so? – Wir sitzen währenddessen im Kränzchen bei Ortmann, wo niemand spielt, niemand singt, wo keine Fontaine plätschert, wo keine Waldbäume rauschen; aber wo es denn doch ganz gemütlich sein kann….
Jetzt ist hier die Luft wunderschön, morgens schwül, dann während wir in der Kirche waren, Gewitter und ein schöner sanfter Regen; nun klar und schön, und die Temperatur angenehm. 18°….
Freitag haben wir noch lebhaft an euch Alle dort gedacht. Das Wetter war ganz herrlich und wir denken, es muss in Peterhof höchst vergnüglich gewesen sein. Hoffentlich erhalten wir bald Bericht über eure Erlebnisse.
Wir sind hier Gott Lob ganz wohl und freuen uns unserer kühlen Zimmer. Die Kinder amüsieren sich, theils unter sich, theils mit Linchen aufs Beste.
Halt! Eins hätten wir beinahe vergessen. Na, was schenkt Ihr mir denn zum Geburtstag? hören wir Dich fragen. Hübsch warten, wird sich finden.
Bist neugierig, nicht so?
Nun umarmen wir Dich und bitten, Alle, von Ernst ab die ganze Reihenfolge, Alle dort in Slupp, in Orle etc. herzlichst zu grüßen.
Gott befohlen!
Deine Dich innig liebenden Schwiegereltern Wüst u. Frau
Auf eure neue Wohnung sind wir recht gespannt. Ihr habt ja die Wahl entsetzlich beeilt.
Lene setzte die Brille ab und lehnte sich zurück. Auch von Peterhof würde sie den
Enkelkindern später erzählen. Dieses weiße Schloss östlich von Graudenz barg so viele Kindheitserinnerungen. Es hatte Geborgenheit und Ferienglück ausgestrahlt und war deshalb auch für sie selbst wie für die ganze große Familie ein gutes Stück Heimat gewesen. Behutsam strich sie über die so alte, blankgenutzte Holzplatte vor sich. Was war denn Heimat? Ein Platz der Geborgenheit zum Wohlfühlen? Der Geruch von altem Holz? Und von Büchern? Kaffeeduft? Ein Mozart-Klavierkonzert aus dem Hintergrund? Frühlingswind durch das offene Fenster streichelnd? Ein sonniger Weg vor dem Gartentor? Für Lene gehörte der alte Schreibtisch dazu.
Der Schreibtisch ihres Vaters. Papa, ja der hatte wohl ein schönes Leben gehabt. Eine gute Mischung aus Abenteuer, Pflichtbewusstsein, Erfolg und Anerkennung und Ausruhen. Und seine häufigen Krankheiten? Hatte er die als sehr lästig empfunden?
Und sie selbst? Brennend rot ist die Farbe der Erinnerung, dachte sie. Niemals blass, höchstens – manchmal – ein sanftes Traumblau.
Haltepunkte
Der Schreibtisch hatte sie nie wirklich losgelassen. Ein sicherer Platz, der nicht verloren gegangen war. Zumindest nicht in Gedanken. An den Schreibtisch kehrte sie immer zurück. So wie andere Menschen sich zurücksehnen an eine Gartenbank unterm Kirschbaum, an einen Ohrensessel vor dem Radio oder an einen blumenduftenden Kaffeetisch? Bei ihr jedenfalls war es in erster Linie immer der Schreibtisch gewesen. Ein Stück Heimat und wahrscheinlich ein Haltefaden ihres verworren gewebten Lebens-Musters.
Früher hatte er seinen Platz in Vaters Arbeitszimmer vor dem Fenster mit dem weiten Blick über Osterode in Ostpreußen gehabt, später im Arbeitszimmer in den wechselnden Wohnungen beim lebhaften Uni-Zentrum Jenas, noch später in der ostpreußischen Schulstadt im Norden. Und jetzt in Hamburg, drei Stockwerke über dem quirligen Leben an der Ecke der Haynstraße zur Breitenfelder Straße mit Blick auf den kleinen Park vor dem Universitätskrankenhaus. Ein Stückchen Heimat, jawohl, aber Heimat, das war doch mehr. Heimat war, so hatte sie gelernt, mit dem Ort der Kindheit verknüpft. Aber ihr fielen gleich viele Orte ein. Heimat, nein, das war nicht nur das ostpreußische Osterode aus Kinderzeiten, das war auch hier. Ein Ort vieler glücklicher Erinnerungen, bedeutete das nicht Heimat? Ein Ort voller gebündelter Wohlfühl-Momente? Heimat, dachte sie, das muss doch nicht nur ein Ort sein, und es muss auch nicht die Kindheit sein. Heimat war eher an ihr inneres Erleben gebunden, das konnte sie jederzeit hervorkramen. Das war ihr Zuhause, wusste sie: Momente, die ein inneres Lächeln der glücklichen Zufriedenheit bedeuteten. Gab es eine innere Heimat voller Wohlfühl-Erinnerungen?
Sie sah auf ihre sehnigen Altershände, dieselben, die früher, klein und wissbegierig, die Kante des Schreibtisches erreicht hatten. Vorhin das Zusammensein mit der kleinen Enkelin auf der Chaiselongue, die runden Kinderfinger auf den Bilderbuchseiten, war das nicht fast wie eine Wiederholung des Anfangs gewesen?
Ein Leben kann mit der Kindheit beginnen, dachte sie amüsiert. Aber es kann auch, - später? - zwischendurch? - plötzlich? -, neu anfangen. Warum saß sie denn jetzt hier, so weit weg von allen früheren Vorstellungen? Saß also hier, - immerhin an jenem alten Schreibtisch, und stellte Gedanken über das Leben an? Das Leben: Kreuz und quer gestrickt oder zielstrebig geradeaus? Umwege, Sackgassen, Bergpfade und Schluchten, Hohlwege? All das eingearbeitet in ein Gewebe? Oder war es ein Spiel aus bunten Bauklötzen? Abenteuerliche Bauten, die unerwartet zusammenstürzten oder auseinander fallen konnten, auch wenn das Fundament immer ganz ordentlich haltbar ausgesehen hatte?
Ein rauchiges Räuspern riss sie aus ihren Grübeleien. „Kein Kaffee heute?“
Natürlich, da war ja noch jemand. Kaffee? Aber sicher. Schnell schob sie die alten Papiere zusammen, rückte energisch den Stuhl nach hinten und streckte den Rücken gerade. Der alte Herr im grünen Sessel am Spieltischchen hielt schon seine gewohnte Rettung zwischen den Fingern, in der anderen Hand den Zigarren-Schneider aus Messing.
„In Gedanken, Lenchen? Oder hast dich wieder festgelesen?“
Sie brauchten keine Worte. Sein Augenzwinkern, der liebevoll spöttische Mundwinkel. Eines der Fundamente, - oder wenigstens etwas, das zuverlässig davon übrig war. Schnell öffnete Lene die weiß gestrichene Tür, durchquerte den Korridor, der wie so oft kalt und dunkel war. In der Küche machte sie Licht, fingerte den Gasanzünder vom Haken und setzte Wasser im Kessel auf. Hinten vor dem winzigen Eckbalkon stand der Schemel, sie hatte die hölzerne Kaffeemühle schon zwischen den Knien, sog genussvoll den Duft ein. Richtiger Bohnenkaffee, den gab es jetzt zwar seit Jahren wieder, aber sie genoss ihn jedes Mal neu.
Ihr Blick ging hinaus über den viereckigen Hofplatz, von dem im Karree angelegten Klinkerbau eingefasst, hinunter auf die Teppichstangen und den Sandkasten, die Wiese, wo drei Kinder Fußball spielten. Kakis Jungens waren nicht dabei, sah sie. Und Kaki war auch nicht zu entdecken hinter dem Fenster schräg gegenüber. Die saß sicher fleißig an ihrer Nähmaschine in der Stube drüben.
Sie schüttete die kleine Schublade der Mühle in den Filter aus. Das Wasser kochte schon fast. Der Gasherd war immer fix. Während der Kaffee durchlief, füllte sie den blauen Teller aus der alten Blechdose nach, stellte Tassen und den Teller aufs Tablett und kehrte ins Wohnzimmer zurück. „Hab‘ noch Kekse.“
Aber der alte Herr saß nicht mehr dort. Ach, er war natürlich mit seinem neuen Werk beschäftigt. Sie lächelte. Über Langeweile konnten sie sich beide nicht beschweren. Waren wechselnd jeder für sich und auch zusammen zufrieden. Aber der Kaffee zwischendurch, das musste sein, das war ein Ritual.
Sie schob die Zeitungen auf dem runden Esstisch beiseite, setzte das Tablett ab, wandte sich wieder zur Küche. Wie der Kaffee duftete. Dann eilte sie über den Korridor. Hinten rechts war sein Zimmer, sie klinkte die Tür auf. „Ist schon fertig. - Enn? Kommst nu‘?“
Er verbrachte viel Zeit in seinem Atelier, seinem grünen Reich. Alle Besucher, die es zum ersten Mal sahen, blieben unweigerlich überrascht in der Tür stehen. Wie die Schwelle zu einem Märchen, wie Eintauchen in betäubenden Traum, duftend nach Farben, nach Zigarren, oft nach Rosen. Ästhetisches Chaos, genussvoll ausgebreitet, Wohlfühl-Zuhause und erfahrene Weltweite. Ein bisschen Maracaibo hier in Enns Atelier natürlich, dachte Lene, aber die ganze jetzige Wohnung ist auch ein bisschen Ostpreußen, ostpreußisches Osterode, nur nicht so unerreichbar wie das alte Ostpreußen es seit jetzt fast acht Jahren war. Und dann natürlich ein Stückchen Jena. Diese Wohnung wie ein Muster aus kleinen Fixpunkten, Haltepunkten, Erinnerungspunkten. Osterode auf jeden Fall, aber noch viel mehr. Vieles aus der anderen, letzten Heimat im Norden, fast am Haff, - nein, darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken.
Ernst saß vor der Staffelei, skizzierte etwas, die Pinsel steckten noch im Glas.
“Was wird das?“
Er schüttelte den Kopf, brummte etwas, stand auf. „Ein Waldstück vielleicht. Im Frühling – ?“
Sie lachte. „Sag nicht, dass ich in Gedanken bin. Du bist es genauso.“
Ernst folgte ihr ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Kanapee, bugsierte seine langen Beine hinter den Tisch. Dort hatte Paul immer…, Kaffeestunden damals…, nein, sie wollte das jetzt nicht zulassen. Vorbei ist vorbei. Aber das Früher drängte sich immer wieder in die Gegenwart. Das war wohl so bei alten Leuten. War sie so alt? Mit 63 Jahren zu alt vielleicht für die Gegenwart? Sie straffte die Schultern, setzte sich gegenüber auf einen der hochlehnigen, kunstvoll gedrechselten Holzstühle, - auch die waren aus Osterode, hatten später in Jena gestanden, um den gleichen runden Tisch herum… Sie goss Kaffee ein und rückte den Teller in die Mitte.
„Kekse? Deine selbstgebackenen?“
„Die mit Haferflocken und Rosinen. Heute Morgen waren ja Lilo und Georg hier mit den Kindern.“ Sie lächelte. „Du magst doch auch immer Süßes.“
Er kaute schon. „Prima, fast wie bei Mutter.“
„Niemals.“
Sie lehnte sich zurück, nahm die Tasse in beide Hände, heiß dampfte es heraus. Dieser Duft.
Ernst nickte ihr zu. „Nicht mehr die olle Wasserplörre, was?“
„Oh, nee, wir sind hier vornehm bei den hanseatischen Leuten – Hanseoaten?“ Sie zögerte. Hamburgische Mundart hatte sie ab und an probiert, was meistens misslang. Ernst lachte, schüttelte den Kopf, nahm noch einen Keks und schwieg eine Weile. Seine Meta war ja eine waschechte Hamburger Deern gewesen, von ihr hatte er immer richtiges Hamburgisch mit allen S-pitzen S-teinen gehört. Wie lange war das her. Eine Ewigkeit - mit Südamerika dazwischen. Einen Seufzer konnte er nicht unterdrücken. Und dann die Kinder, als sie noch klein waren. Die inzwischen selbst Kinder hatten. „Wie schnell sie groß werden, die Lütten, die Enkel.“
„Schneller als wir damals auf jeden Fall.“
„Auch schneller als die eigenen Kinder, oder?“
Lene nickte. „Auf jeden Fall.“ Sie drehte die dampfende Kaffeetasse zwischen den Fingern, unversehens schweiften ihre Gedanken ab. Ihre Kinder Georg und Hanna, die waren ihr geblieben. Auch sie unbedingte Haltepunkte in ihrem Leben. Spätere. Es gab ein Noch-Früher. Eine Art Fundament, eine Basis-Linie. Damals im alten Ostpreußen, als alles noch seine Tradition und Ordnung hatte.
Ernst saß ihr gegenüber. Er sah im Geist wieder seinen Frühlingswald vor sich, der auf der Staffelei sein Grün erwartete.
Sie konnten auch zusammen schweigen. Den Gedanken hinterherlaufen. Auch ins Früher. …
Eines Tages ging Lenchens sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Am 29. April 1895 wurde sie sechs Jahre alt. Das bedeutete: in diesem April durfte sie endlich zur Schule gehen.
Die alte Lene musste lächeln, wenn sie daran dachte, wie sie damals der Schule entgegengefiebert hatte. Endlich würde sie hinter das Geheimnis der Bücher kommen. Vaters Bücher in dem schwarzen hohen Regal und auf dem Schreibtisch in seinem Studierzimmer und weitere Bücher, die im Haus in verschiedenen Regalen auf sie warteten. Etwas lesen und einige Buchstaben kritzeln konnte sie natürlich längst, wozu hatte man schließlich große Geschwister in reicher Auswahl? Aber das genügte nicht. Die Geschwister waren oft genug hier und da unterwegs. Und der große Bruder Ernst war längst aus dem Haus, hatte sich in Hamburg zum Kaufmann ausbilden lassen und wollte jetzt, 1995, wahrscheinlich sogar nach Südamerika auswandern. Solche Entfernungen musste Lenchen auf dem Atlas suchen, es war ihr unvorstellbar. Sie selbst hatte erstmal hier genug zu tun. Es war üblich, den Geschwistern kleine Grüße auf Postkarten oder Briefen zu schreiben. Ja, das war ein weiterer wichtiger Grund unbedingt schreiben zu lernen.
Vermutlich während des ersten Schuljahrs, sobald sie einige Buchstaben irgendwie zusammenfügen konnte, entstanden spontan erste Briefchen, die sie sichtlich mühevoll zu Papier brachte, in krakeliger, spitzer, noch sehr ungelenker Schrift.
meine liebe mata ich gratuliere dier zum geburztag in der schule geht es mir gut heut hat mir die lote einen bratapwelgemacht grüße die grete auch denhans und den namfe die stubinsind ganz umgeändert ich schlawe mit mama und mit poc poc und lebe den wollen Danzig
(meine liebe Martha, ich gratuliere Dir zum Geburtstag. In der Schule geht es mir gut. Heut hat mir die Lotte einen Bratapfel gemacht. Grüße die Grete, auch den Hans. Und die Namen für die Stuben sind ganz umgeändert. Ich schlafe mit Mama und mit Poc Poc . Und lebe denn wohl in Danzig)
Deineliebelene
Darunter hatte Lenchen zwei weibliche Figuren gezeichnet: trese dore
Auf die Rückseite hatte Bruder Fritz einen kurzen Gruß geschrieben.
Im Herbst 1895 waren ihre Schrift und die Orthographie auch noch nicht viel besser:
Wieder hatte sie drei weibliche Gestalten gezeichnet: „ Trese“ „Dore“ „Lote“ (ihre drei anwesenden Schwestern, Martha war die vierte)
Auf der Rückseite steht krakelig und etwas rätselhaft:
liebe martha ich bin heute krank ich war heute nicht in der schule, ich hate kopfschmerzen
ich war beim geburtstag beinie schka ich gehe balt wieder zum geburtztag fritz ist schoninKöln, erst war er in belien, da hate frau flato iem zwanzich markgeschengt Deine liebe lene wüst
Martha, 1895 schon 20 Jahre alt, war also bereits außer Haus. Lotte mit 21 Jahren zwischenzeitlich zu Hause, Therese, 16 Jahre, und Dorothea, 15 Jahre, wohnten noch zu Hause, Fritz war 18 Jahre alt.
Die „städtische höhere Mädchenschule“ in Osterode war damals in einem alten Mietshaus untergebracht, das früher als Kaserne gedient hatte. Zu der Zeit von Lenes Einschulung war in Osterode das Schulwesen im Um- und Aufbruch. Alte Schulen wurden geändert, neue eingerichtet. Aber die Räumlichkeiten ließen oft noch zu wünschen übrig, die Einrichtung war häufig eher spartanisch, die hygienischen Verhältnisse lagen meist noch im Argen. Seit Lenes Vater 1877 dort in den Schuldienst gekommen war, hatte man bald die Knabenmittelschule aufgelöst und stattdessen unter Vaters Anweisungen und Ratschlägen die „höhere Bürgerschule“ eingerichtet. 1881 wurde diese in ein Real-Progymnasium umgewandelt und 1893 bis 1898 allmählich zu einem richtigen Gymnasium, zum Stolz der Stadt.
Darüber schrieb Lenes Vater, Ernst Leberecht Wüst, selbst in seiner Chronik.
Er besuchte im Spätherbst 1876 seinen schwer erkrankten Vater, den Pfarrer im Ruhestand Carl Theodor Gotthilf Wüst in Güttland. Gerade hatte er die Nachricht erhalten,
„dass ich zum Direktor einer neu zu errichtenden höheren Lehranstalt zu Osterode in Ostpreußen gewählt worden sei und dass ich zu Ostern 1877 mein neues Amt antreten sollte. Auf einem Lehnstuhle in der „Schlafstube“ dem nach Nordwesten gerichteten Eckzimmer, an dem Sophatische sitzend, sorgsam eingehüllt in wärmende Decken, besprach er (sein Vater) mit mir lebhaft und sachlich die neuen mich erwartenden Aufgaben, und als er die Schmerzen wiederkommen fühlte, bat er mich wohl im Bewusstsein, dass es hinnieden der letzte Abschied von ihm sein werde, vor seinem Sessel niederzuknieen, damit er mich segne, was er mit schlichten und einfachen aber umso eindringlicheren Worten tat, die auf mich, meine Mutter und Schwager Franz einen tiefen Eindruck machten.“
Im Dezember desselben Jahres starb der geliebte, verehrte Vater.
„Ostern 1877 brachen wir (die Familie lebte seit 1871 in Danzig und war inzwischen um Lotte und Martha, geboren 1874 und 1875, vergrößert, hatte also mit Ernst jetzt drei Kinder) also wieder einmal unser Zelt ab und verließen das uns so werte und liebe Danzig und zogen zurück nach dem kälteren Ostpreußen, nach dem kleinen Osterode, das nun bestimmt war, die Arbeit meines Lebens zu empfangen. 33 ½ Jahre habe ich in Osterode gewirkt und meine Aufgabe gelöst, die Mühe und Ausdauer erforderte, mit deren Lösung aber auch Freude, Anerkennung und erhebendes Selbstbewusstsein in reichem Maße verknüpft war. Ich habe in Osterode eine gehobene Mittelschule, die ich vorfand, in eine höhere Bürgerschule, diese in ein Real-Progymnasium, dieses in ein Realgymnasium und dieses schließlich in ein humanistisches Gymnasium umgewandelt, ich habe für die Schaffung eines Pensionsfonds für die Lehrer der neuen Anstalt gesorgt, habe es dahin gebracht, dass für die Witwen und Waisen der Lehrer durch Anschluss an die Provinzial Witwen- und Waisenkasse gesorgt wurde, ich habe darauf gedrungen, dass für die von Jahr zu Jahr an Schüler- und Klassenzahl wachsende junge Anstalt ein neues schönes Haus an der Hohensteiner Chaussee gebaut wurde und habe es schließlich durchgesetzt, dass die Anstalt, die städtisch war, obschon reich unterstützt durch Mittel des Staates, von diesem übernommen wurde, sodass ich bei meinem Scheiden aus dem Amt am 1. Mai 1911 als königlicher Gymnasialdirektor in den Ruhestand trat. Dass ich diese Erfolge nur mit Unterstützung aller beteiligten Kreise, der städtischen Behörde, der Bürgermeister Kotze, Frede, Demsky und namentlich Elwenspoer, der Mitglieder des Lehrkörpers und zuletzt aber in allererster Reihe durch die Förderung meiner Arbeit von Seiten der staatlichen Behörden, habe erreichen können, bedarf nicht des Nachweises….
Die Stadt Osterode, die nun unsere Heimat wurde, hat eine günstige Lage. Zwischen zwei Seen, dem Drewenz- und dem Pausensee, sich weit hinstreckend, von dem Drewenzflusse durchflossen, ist die Stadt auf sanft sich erhebenden Hügeln und in den Niederungen zwischen jenen aufgebaut, sodass ihre Straßen ansteigen und sich senken und man von den höheren Punkten einen freundlichen Blick über die tiefer liegenden Teile genießt. Besonders ruht das Auge mit Entzücken auf dem Drewenzsee mit seinen Einbuchtungen und seinen bewaldeten Ufern, wenn man sich in Straßen befindet oder auf Plätzen, die einen freieren Blick gewähren. Wer auf der Uferpromenade wandert und hinüberschaut nach Winchertsruh und dem Stadtpark und dem Walde bei Grünortspitze, wird immer wieder von der Schönheit des Bildes ergriffen werden, ob dunkler Himmel sich über dem Wasser wölbt oder die helle Sonne lacht, ob er bei Sonnenuntergang die wechselnden Beleuchtungen beobachtet oder am frühen Morgen die wallenden Nebel aus den Fluten auftauchen sieht. Unter den Häusern der Stadt, die dereinst im 13. Jahrhundert zur Zeit der Herrschaft des deutschen Ritterordens gegründet worden ist, ragten durch Größe und Bedeutung vor anderen hervor das Schloss, die alte Komturei, das Rathaus, die evangelische und die katholische Kirche, das Königliche Seminar, das Schulhaus für die neue Schule und einige wenige Privatgebäude. Im Ganzen waren, zumal in der ersten Zeit unseres Dortseins, die Häuser der Stadt unansehnlich und zum Teil in sehr schlechtem baulichem Zustand, was einen besonderen Grund hatte. Die Stadt war im Jahre 1788 am 21. Juli bis auf wenige Häuser durch eine furchtbare Feuersbrunst vernichtet worden, und der Neubau der Häuser hatte mit geringen Mitteln erfolgen müssen, sodass niedrig und dürftig gebaut wurde. Als wir im Frühjahr 1877 nach Osterode kamen, hatte die Stadt etwa 5000 Einwohner, als wir 1910 die Stadt verließen, war ihre Zahl auf 15000 gestiegen. Namentlich als Osterode Garnison erhielt und ein ganzes Regiment und ein Bataillon in die Stadt gelegt wurde, nahm die Einwohnerzahl schnell zu, da nun Kaufleute und Handwerker besseren und sicheren Verdienst erhielten. In den 33 Jahren, die wir in Osterode zugebracht haben, hat die Stadt ihr Aussehen ganz und gar geändert, sodass der Ort, der früher einen ärmlichen und schmutzigen Charakter zeigte, sich zu einer freundlichen und sauberen Landstadt entwickelt hat, eine Folge vor allen Dingen der unermüdlichen Tätigkeit des Bürgermeisters Elwenspoer, der in jeder Weise die Stadt zu heben bemüht gewesen ist.“
Die damals fünfköpfige Familie bezog eine geräumige Dienstwohnung im östlichen Anbau desselben mächtig großen Hauses, in welchem die neu gegründete Schule ihr Heim hatte. Hier wurden 1877 der Sohn Fritz, dann 1879 und 1880 die Töchter Therese und Dorothea geboren. Und hier erblickte Lenchen als Jüngste 1889 das Licht der Familien- und dann der größeren Welt.
Das Familien-Nest
Umgeben von Papieren und Büchern hatte Lene sich noch nie allein gefühlt. Auch jetzt in Hamburg nicht. Nein, das Leben war noch nicht vorbei, sondern voller unerledigter Aufgaben. Da lag die Tageszeitung, das neue Merian-Heft, der aufgeschlagene Artikel zu den Eigenheiten und Charakteristiken ostpreußischer Stadtanlagen, der Artikel zur Frauenbewegung, und im Hintergrund der Stapel alter Briefe. Die hatte sie sich vorhin herausgesucht. Obenauf ein vergilbter Umschlag mit der sorgfältigen, ordentlichen, aber ausgeschriebenen Lehrer-Schnellschrift ihres Vaters. Wie sich die Familie in Osterode wohlfühlte, wurde nicht nur in der Chronik, sondern auch in diesem Brief ihres Vaters deutlich. Und hier zeigte sich, - anders als in der Chronik -, eine ungemein sympathische Seite des Vaters, nämlich seine Liebe zur Familie, zu seinen Kindern.
Behutsam strich Lene mit den Fingern darüber, zog das dünne Papier aus dem Umschlag. Ihr Vaters, Ernst Leberecht Wüst, schrieb an seine Mutter Paulina Mathilda, also Lenes Großmutter. Ein Brief von 1893, mitten aus dem Leben ihres Vaters heraus. Er war damals 49, seine Mutter 83 Jahre, sie selbst, Lenchen, vier Jahre alt.
Eine wohl später notierte Bemerkung oben drüber lautete:
der letzte Brief, den ich an meine Mutter geschrieben
Osterode, den 11. Juni 1893
Meine liebe Mama!
Sonntag-Morgen. Die Kinder sind teils im Walde, teils im Garten, ich sitze bei offenen Fenstern, und wenn ich hinausblicke auf die rotblühenden jetzt schon ganz stattlichen Kastanienbäume, die grünen Hecken und dahinter auf den von Wald bekränzten See, dann
Kommt es wie Freude über einen, und man ist fast versucht zu glauben, dass das Gezwitscher der unzähligen Schwalben Glück verkündigt und heitere Zukunft. Aber es wird Dich mehr interessieren, wenn ich Dir Gegenwärtiges berichte. Lenchen ist nun schon wieder auf, freilich recht elend und schwach auf den Beinen, also dass sie zu rüstigem Schreiten sich unfähig fühlt, doch unzweifelhaft auf dem Wege der Besserung. Dorchen, im übrigen flink wie ein Wiesel, ist das alte Piepsküken, seit Ostern Schülerin der ersten (also obersten) Klasse, schließt Freundschaften und fährt, da ihre „beste“ Freundin so verständig ist ein Ponyfuhrwerk zu besitzen, fast täglich in den Wald. Fritz feilt und schlossert nach wie vor, geht zum Konfirmandenunterricht und soll zum Herbst eingesegnet werden. Die beiden großen Töchter machen sich in der Wirtschaft nützlich und denken, wenn sie dazu Zeit haben, darüber nach, wie sie als alte Jungfern ihr Leben fristen werden. Enn, der Krieger, malt augenblicklich im Walde, hat sonst ziemlich viel Dienst, wird zum 1. Juli Unteroffizier werden und thut im übrigen Schritte, um am 1. Oktober irgendwo eine Stelle zu erhalten. Und wir, die Alten? So wie ein Stoppelfeld, über das im Herbste die kalten Nordwinde fegen, sich ausbreitet, ab und zu mahnen späte Blumen und grüne Halme noch an den Sommer – also wir und unsere Stimmung. Aber der Vergleich hinkt wie alle Vergleiche. Euch aber in Danzig und Dir, liebste Mama; in Sonderheit, geht es hoffentlich gut. Mit dieser Hoffnung und den herzlichsten Grüßen von uns allen an alle, Dein dankbarer
Ernst Leberecht
Lene sah auf. Das herbstgelbe Laub der Ahornbäume im Park glänzte, noch nass vom Regenschauer, in den Strahlen der Abendsonne. Der Verkehrslärm schallte gedämpft herauf, das Bimmeln der Straßenbahn, dann wieder die eilig aufheulende Sirene eines Krankenwagens, der mit Blaulicht in die Krankenhauseinfahrt lenkte.
Die Geschwister, ja, sie lächelte in Gedanken, die waren wie eine Art Girlande, die ihr eigenes Lebensgewebe immer umschlungen hielt. Kitschig so ein Vergleich, der, wie der in Vaters Brief, natürlich auch hinkte, aber doch Wahres enthielt. Sie selbst fühlte sich mittendrin in dieser Girlande. Oder, als Jüngste, an deren Ende?
Als Vater jenen Brief schrieb und sie selbst vier Jahre alt war, da war von Dore, dem „Piepsküken“ die Rede, damals schon stolze 13 Jahre alt. Therese, 14 Jahre, wurde aus irgendwelchen Gründen ausgelassen. Sicher gab es von ihr gerade nichts Bemerkenswertes zu berichten. Vergessen hatte Papa sie bestimmt nicht. Fritz war 16 Jahre, die beiden großen Schwestern Martha und Lotte 18 und 19 Jahre alt. Ernst, der Älteste, zählte sogar bereits 22 Jahre. Schon damals malte er in jeder freien Minute, wenn er nicht gerade wie ein Weltmeister turnte, ritt oder schwamm. Ernst konnte anscheinend alles. Er hatte in Stettin eine Kaufmannslehre absolviert und war Angestellter einer Hamburger Kaufmannsfirma, hatte aber zwischendurch auch Kriegsdienste geleistet. Lotte, ebenso bewundernswert, hatte 1888, 14jährig, schon die Schule beendet, war ein Jahr lang zu Hause geblieben, hatte gerade die Geburt ihrer jüngsten Schwester miterlebt und war dann vier Jahre lang als Haushaltshilfe mit einer russischen Familie nach Bialystok gegangen. Nach dem Brief zu urteilen, war sie 1893 wieder zu Hause.
Die Geschwister waren immer groß gewesen. Fast oder dann ganz erwachsen, fand sie früher aus ihrer niedrigen Kinderperspektive heraus. Sie selbst war leider die Kleinste und leider ein Mädchen. Mädchen mussten Kleider tragen, sie durften sich weniger schmutzig machen und weniger herumtoben als Jungen. Mädchen waren kaum irgendwelche Abenteuer und spannende Erlebnisse vergönnt. Jungen dagegen konnten sich ohne große, nachwirkende Probleme gern mal ihre Hosen zerreißen, sie durften sich prügeln, schnell rennen, und sie mussten sich auch nicht ständig dieses „das schickt sich nicht“ anhören. Sie selbst hatte immer versucht dieses ganze Mädchen-Getue möglichst zu überhören und zu übergehen. Die großen Schwestern waren natürlich vorbildliche Mädchen. Sie selbst hatte aber schnell entdeckt, dass sie als Jüngste doch einige Vorteile hatte und oft versucht, diesen Bonus heraus zu kitzeln. Die Großen fanden sie „niedlich“, verwöhnten sie oft. Und beim Vater fand sie immer ein offenes Ohr für ihre Fragen, Anliegen und Extrawünsche. Als Kleinste Papas Liebling zu sein, das war nicht schwierig.
Als sie geboren wurde, war ihr Vater immerhin schon 45 Jahre alt. Einen lieberen Vater konnte sie sich gar nicht vorstellen. Und eine liebere Mutter, bei Lenchens Geburt schon 38 Jahre alt, ebenso wenig.
Kinder und Kindereien
Wenn sie eines unwahrscheinlichen Tages einmal einen Sohn haben sollte, dann würde er so sein wie ihr Vater. So hatte Lene früher gedacht. Jungen waren wie ihre Großväter oder Väter, oder nicht? Und Mädchen wie ihre Großmütter oder Mütter? Wie naiv war sie früher gewesen, so etwas zu denken. Ihr eigener Sohn Georg war auf jeden Fall anders. Liebenswert, romantisch, humorvoll, betörend charmant oft. Eigensinnig, - aber nur tief in seinem Innern, selten nach außen hin. Unglaublich gut aussehend. Besser als sein eigener Vater? Ach nein, völlig anders war Georgs Gesichtsausdruck, vor allem weniger streng, weniger ernst, stattdessen hatte er etwas spielerisch Kreatives. Aber das konnte sie nicht ganz vergleichen: Georg war jetzt, 1952, erst 32 Jahre alt, seinen Vater hatte sie in jenem Alter nur von wenigen Fotos gekannt. Frauen hatten Georgs Vater nicht besonders herausgefordert. Er nahm sie eben hin, hatte genug andere Probleme. Und an seine eigene Mutter konnte sowieso keine herankommen. Georg dagegen konnte im Nu jeden und jede um den Finger wickeln. Besonders jede, jawohl. Nein, halt,- sie musste lächeln -, mit seiner Frau Lilo, Lenes Schwiegertochter, war es von Anfang an etwas anderes gewesen. Das musste auf jeden vom ersten Moment an ganz und gar ernst und von innen heraus gewesen sein. Da zählten die selbstverliebten, eher eitlen Liebeleien, Spielereien vorher nicht mehr. Das hatte Lene gleich gemerkt, als er ihr zuerst von Lilo erzählt hatte. Ja, auch Georg hatte ein Außen und ein Innen. Lenes Tochter Hanna übrigens ebenso. Was Georg betraf, so gehörten das Rechnen, das Verkaufen, Kaufen und Kalkulieren zu seinen Außenseiten. Zartheit, Romantik, ab und zu sein überraschend lautes Lachen, sein neugieriger, liebevoller Humor bei Kleinigkeiten, manchmal mit spöttischer Ironie, das machte seine Innenseiten aus. Hanna hatte auch oft diese Ironie im Lachen und in Worten. Dazu die Lebenskunst, alles in Ruhe anzugehen. Und Geschicklichkeit hatte sie. Vielleicht ähnlich wie ihre Großmutter Martha, also Lenes Mutter. Oder wie Hannas Onkel väterlicherseits, der Uhrmacher gewesen war.
Georg und Hanna standen mit ihren jugendlichen Beinen fest auf der Erde. Diese Erde war ja wacklig genug gewesen noch vor wenigen Jahren und jetzt vielleicht immer noch. Da waren guter Halt und Stehvermögen angebracht und wahrscheinlich eine notwendige Basis. Dazu gab es seit einigen Jahren Lilo in der Familie, die Künstlerin mit ihrer fraglos singenden Sicherheit über die Alltagsdinge hinaus und mit ihrem trotzigen Mut. Inzwischen hatte Lene Lilos Elternhaus kennen- und Lilo selbst längst schätzen gelernt. Lilo waren als Jüngste vielleicht ein paar Freiheiten mehr gelungen als ihren zwei viel älteren Schwestern? So dachte Lene, die ja als Jüngste ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. Vielleicht hatte diese Position Lilo geholfen weg zu schlüpfen aus der elterlichen, liebevoll-strengen Fürsorge, hinein in ihr Künstlertum - und obendrein in die Liebe. Das beides bestimmte ihr Leben, das ein „Singen“ werden sollte und wurde, wie sie selbst einmal geäußert hatte. Ein singend romantisches Vertrauen ohne pessimistische Hindernisse der Wirklichkeit strahlte Lilo aus. Und das tat Georg nur gut.
Mit den Dreien hatte sie wirklich ein großes, mütterliches Glück. Und dazu war Hanna dann auch mit einem Verlobten angekommen, der inzwischen ihr richtiger Ehemann und fest in der Familie verankert war. Das war Gerd, der ernsthafte Junge vom Ruderclub an der Alster. Die beiden hatten sich beim Rudern und Feiern dort kennen und schätzen gelernt. Aber dieser Gerd konnte weit mehr als Rudern, auch er hatte sein kritisches Außen- und reichhaltiges Innenleben. Mit Lilo konnte Lene Gedichte lesen, ihrer Musik zuhören und für Komponisten schwärmen, mit Gerd konnte man über Kant diskutieren und über Theologie. Besonders den Theologen Thielicke schätzte er. Auch mit dänischen Philosophen hatte Gerd sich beschäftigt. “Zur Abwechslung“, wie er bescheiden äußerte.
Ein Jammer wirklich, dass ihre eigene Mutter weder Lilo, noch Gerd kennengelernt hatte. Mama nicht und Papa nicht und die väterliche Großmutter Wilhelmine, genannt Hermine, auch nicht.
Wieder liefen Lenes Gedanken in die Vergangenheit. Manchmal begegneten sich Lebende und Gestorbene in ihrem Kopf. In der Tat, da hatten sich viele Menschen versammelt. Und sie selbst war irgendwie immer mittendrin.
Georg und Hanna, wie schnell waren sie groß geworden. Schneller als sie selbst jedenfalls, oder nicht? Bei ihr selbst hatte das lange gedauert, so ihre Erinnerung. Früher, als sie selbst jung gewesen war, als sie zum ersten Mal ihre eigenen Lebensfäden entwickelt und ineinander gesponnen hatte, zum ersten Mal ihre kleine Welt entdeckt und erobert hatte…, ja, das waren scheinbar endlos lange Tage, Wochen und Jahre gewesen.
Manchmal war es ihr, als sei das noch gar nicht so lange her. Damals in Osterode…
Sie, das kleine Lenchen, besuchte also ab Ostern 1895 die städtische höhere Mädchenschule. Sie begann dort mit der siebten Klasse. Das System der Klassenreihenfolgen war damals noch anders als heutzutage. Die höhere Mädchenschule war in sieben Klassen eingeteilt. Diese durchlief jede Schülerin aber nicht in sieben, sondern in zehn Jahren. Die unterste Klasse war die Klasse 7, die höchste die Klasse 1. Die ersten zwei Schuljahre war man in der Klasse sieben, erst in der 7 B, dann in der 7 A. Lenchen wurde dann Ostern 1897 in die Klasse 6 versetzt, Ostern 1898 in die fünfte Klasse, diese dauerte drei Jahre. Ostern 1901 kam sie in die vierte Klasse, Ostern 1902 in die dritte und Ostern 1903 in die zweite Klasse. Ostern 1904 begann sie die erste und höchste Klasse.
Mit Feuereifer stürzte sie sich zu Beginn, 1895, ins Reich der Buchstaben. Ach ja, und es gab sogar noch mehr, was sie lernen sollte: Religion, Rechnen, Zeichnen, Singen und Turnen. Kein Problem, sie hatte sich das Lernen komplizierter vorgestellt. Wenn das weiter nichts war, meine Güte. Aufpassen sollte man, Ordnung halten, sich gut betragen, sich zusammennehmen. Kinder waren klein und unwichtig und hatten zu gehorchen. Das war zu Hause sowieso üblich und selbstverständlich, also nichts Neues für Lenchen. Genug Zeit zum Spielen blieb ihr jeden Tag, und das war eigentlich viel wichtiger und spannender, fand sie nach den ersten Schulwochen. Aber sie tat Vater und Mutter den Gefallen, erledigte das, was verlangt wurde, und ging ansonsten ihre eigenen Wege. Kletterte mit Freundinnen und Freunden auf Bäume, ärgerte Nachbars Kläffköter, wenn niemand in der Nähe war, stritt und lachte mit ihren Spielkameraden, schlich sich indianermäßig an, wenn die großen Schwestern ihre Albernheiten wegen der hochgelobten, heiß ersehnten Liebe stundenlang beschwatzten und belauschte irgendwelche Seufzer, schmachtendes Geflüster und erste Küsse in der überwachsenen Flieder-Laube hinten im Garten. Herrje, immer diese Liebe, die machte doch nicht klug. Wie konnte man sich bloß mit sowas beschäftigen? Es gab wahrlich Wichtigeres, fand Lene.
Zu den wichtigeren Ereignissen gehörte bald nach Lenchens Schulbeginn eines Tages die Silberhochzeit ihrer Eltern. Die fand am 11. Oktober 1895 statt, sagten Mutter und Vater. Sie mussten es ja wissen. Mama war 44 Jahre alt und Papa sogar schon 51, beide also schon steinalt, fand Lenchen.
Es wurde eine große Feier für und von und mit Mama und Papa, na klar, sie waren die Hauptpersonen, aber auch eine Feier für die Kinder. Die waren ja damals bei der Hochzeit vor 25 Jahren alle nicht dabei gewesen. Aber jetzt umso mehr. Alle waren zu Hause. Und deshalb konnte die ganze Familie aus diesem Silber-Anlass ein Fotoatelier aufsuchen. Das war selten und richtig aufregend. Man sollte stillstehen und musste versuchen ein kluges, ernstes Gesicht zu machen. Das gelang den Großen, die durften auf einem Sofa sitzen. Aber Lenchen als Kleinste sollte wirklich still stehen, das war fast unmöglich, und dazu nicht nur klug und ernst, sondern süß aussehen. Das fand sie unglaublich schwierig. War das ganze Getue nicht albern? Sie unterdrückte krampfhaft ein Lachen, das in ihrem Bauch herausdrängelte. Und in ihrem Bauch zappelte alles vor Aufregung und von der Anstrengung, denn sie wollte den Eltern natürlich den Gefallen tun und nicht alles verderben bei dem vornehmen Fotografen. Schließlich war diese Geschichte aber vorbei, etwa wie eine geglückte Theaterprobe. Sie saßen endlich alle gemütlich zu Hause, Mama und Papa guckten sich immerzu an und lächelten und dachten sicherlich an ihre Hochzeitsfeier vor 25 Jahren. Wie das damals genau gewesen war, das behielten sie aber für sich, das gehörte zu ihren „inneren“ Erlebnissen, welche die Kinder wohl nichts angingen, und in welche die sich nicht einmischen wollten. Aber neugierig waren sie natürlich. Und schließlich bekamen sie auch wenige, knappe Antworten auf ihre wissbegierigen Fragen. Man stelle sich vor, damals waren Papa und Mama junge Leute gewesen. Und Mama wurde sogar rot, als sie zugab, dass sie und Papa an jenem 11. Oktober vor 25 Jahren sehr aufgeregt gewesen waren. Aufgeregt? Nein, das stritt Papa energisch ab. Aber Mama knuffte ihn lächelnd in die Seite. „Doch, du auch“, kam es unter Lachen heraus, „Warst richtig zappelig. Kannst es ruhig zugeben, Ernst.“
Da hatten sie alle etwas zu lachen und überhörten Papas empörtes „Papperlapapp.“ Aber er lachte auch.
Sobald Lenchen einigermaßen mit Buchstaben umzugehen verstand, schloss sie sich, wie bereits erwähnt, mit Vehemenz der Familien-Tradition des Briefeschreibens an.
Aus der Schulzeit sind einige dieser Kinderbriefe erhalten. Die machten deutlich, wie sehr sie seit jeher an ihren Geschwistern hing. Die waren ihr immer wichtig gewesen. Und umgekehrt liebten alle das Nesthäkchen, auch wenn es sich so anders entwickelte als die großen Schwestern. Von der Geschwisterliebe geben die Briefchen einen Eindruck.
Liebe Marta ich war auf dem polterabend Dore Trese un alfridridwilde fürten drei Ledis auf Dore mit dem reifen Trese mit dem bal alfrid die puppe. Da Bei sangen sie an manchen schtellen immer heiter Gott hilft weiter sei euer Walschpruch alle zeit zangt euch nimmer liebt euch immer bis in alle ewigkeit:
Darunter hatte Lenchen drei Damen gezeichnet, mit besagtem Reifen, Ball und Puppe:
Drei Ledis (Ladys)
Die alte Lene erinnerte sich. Wer damals geheiratet hatte, wusste sie zwar nicht mehr, aber es war ein lustiger Vor-Hochzeitsabend, sicher in einer der befreundeten Familien gewesen.
In einem anderen Brief hieß es:
Liebe gute Lotte!
Ich kann dir nicht viel schenken aber weil Du meine Schwester bist muss ich Dir doch wenigstens eine Kleinigkeit machen. Deshalb packte ich Dir das Lesezeichen. Für die hübsche Karte danke ich Dir sehr ich habe mich über sie sehr gefreut.
Es küsst dich 100 000 Mal! Deine Schwester L.W.
Aus ihrem fünften Schuljahr, als sie fast 10 Jahre alt war, ist folgendes erhalten:
Liebe Lotte !
Nun bekommst Du wieder ein Paket. Denke bloß, bei uns hat es gespukt. Mama, Papa und Therese waren auf Gesellschaft und Martha und Dore oben. Fritz war in seiner Stube und ich mit Annchen in der Eßstube. Da klingelt es hinten, ich und Annchen laufen hin aufzumachen, aber es ist keiner da. Martha kam runter auch Werner. So ging daß drei Mal, ist daß nicht doll. Ich könnte noch lange Geschichten davon schreiben.
Martha hat noch immer Influenza sie wird bald schreiben. Ich schreibe mir mit Mieze Hönn sehr oft, es ist Fritzens Schwester. Nun aber genug.
Besten Gruß von deiner Lene.
Martha läßt sehr grüßen.
Die Namen Annchen und Fritz waren schon damals gebräuchlich. Die genannten Kinder seien natürlich nicht mit Lenes Nichte Annchen und mit ihrem eigenen Bruder Fritz zu verwechseln, erklärte sie Hanna und Georg, wenn sie ihnen, selten genug, von der eigenen Kindheit erzählte.
Auch sie selbst erhielt Briefe, vor allem vom Vater. Der schrieb nicht nur an die eigenen Eltern und weitere Verwandten, sondern auch an seine größeren Kinder und Lenchen. Die konnte immerhin lesen, seit sie zur Schule ging, also bekam sie Post vom Vater, wenn der dienstlich verreist war. Anscheinend hatte er schon damals mit 55 Jahren, - wie aus den Briefen mehr oder weniger deutlich hervorging -, mit Herzproblemen zu tun, die ihn später noch mehr quälten.
Postkarte, abgestempelt 7.11.1899, Königsberg, Ankunftsstempel 8.11.99. Osterode
An Fräulein Magdalene Wüst Osterode
Dienstag Nachm.
L.L. (liebes Lenchen) heute ist mir wieder ganz gut, so dass ich in der Synode gewesen bin und abends zum Generalsuperintendent gehen werde, der mich zum Abendessen eingeladen hat. Wenn ich nicht morgen telegraphiere, fahre ich 2:51 Uhr Nachmittag morgen hier ab u. bin abends in Osterode, wo ich von Martha und Dore empfangen zu werden wünsche, falls sie nicht ausgebeten sind. Grüße Mama, danke ihr für die Karte und sage ihr, dass ich mich schon sehr auf „zu Hause“ freue. Ebenso grüße Fritz I., Fritz II. und Leo, ersterer ist hoffentlich schon wieder im Dienst. Dein Vater E.L.W.
Fritz war ein gebräuchlicher Name. Mit Fritz I war sicherlich der Bruder gemeint. Fritz II konnte möglicherweise Lottchens geliebter Fritz sein, den sie aber erst 1904 heiratete.
Eine Postkarte (aus Königsberg?), angekommen in Osterode am 10.6.1901, lautete:
An Fräulein Lenchen Wüst
Osterode in Ostpreußen (Gymnasium)
Wenn ich mich nach der Heimat seh’n
Und mir im Aug die Thränen stehn –
Dann eil‘ ich flink zur Quelle hin
Und stürz mich in den Strudel rin,
Fort sind die Thränen
Und all das Sehnen !
Warum schreibst Du nicht wieder einmal? Habt ihr auch die Bäume begossen?
Dein tr. V(ater) E.L.W.
Mir geht es (Sonntag) gut.
Vergessen habe ich Mama herzl. zu danken für die Süßigkeiten.
Heute Brief vom Bürgermeister (Bestätigung) und Karte von Königsberger alten Schülern
Morgen schicke ich die Wäsche ab.
Ein Briefchen in rotem Umschlag vom Dezember 1904 (offenbar fast heimlich auf ein ähnliches Briefchen von Lene hin, innerhalb des Elternhauses Osterode geschickt), lautet
Liebes Lenchen !
Über Dein Schreiben habe ich mich, obschon der Inhalt nicht gerade erfreulich war, doch gefreut, weil ich daraus dein Vertrauen zu mir wieder erkannt habe; ich bin also nicht böse.
Hoffentlich wird im nächsten Vierteljahr nichts vorkommen, denn bei der Aufnahme ins Seminar wird gerade viel auf das Betragen gegeben; außerdem ist es nötig, dass man in der Physik gute Kenntnisse besitzt, da bei der Aufnahmeprüfung in Danzig der Direktor, der ein Physiker ist, gerade darin immer prüft. Aber bis dahin wird ja alles wieder gut sein. Also auf fröhliches Wiedersehen zum Abendbrot.
Dein Vater
E.L.W.
Die Schule hatte in diesen Jahren insgesamt um die 200 Schülerinnen, jede Klasse bestand also aus etwa 20 Mädchen, nach der Jahrhundertwende in manchen Jahrgängen aus bis zu 30 Schülerinnen. Jedes Schuljahr gab es zunächst vier Zeugnisse, jeweils von Ostern bis zu den Sommerferien, beziehungsweise bis Johanni, vom Sommer bis Michaelis, von Michaelis bis Weihnachten und von Neujahr bis Ostern. Erst ab 1900 gab es dann drei Zeugnisse: von Ostern bis Michaelis, von Michaelis bis Weihnachten und von Neujahr bis Ostern. Unterschrieben haben neben den Klassenlehrern die Rektoren Lauer bis 1900, Schmidt bis 1902 und Cartellieri anschließend.
Bis Ostern 1902 ist in jedem Zeugnis der Klassenplatz gemäß dem Leistungsvergleich angegeben. Das war die im Zeugnis festgehaltene „Rangordnung“. So waren jeweils die Klassenbesten und Klassenschlechtesten auf den ersten Blick sichtbar. Lenchen saß in den ersten Jahren auf dem dritten oder zweiten Platz, dann auch mal auf dem sechsten oder sogar neunten. Sie strengte sich nicht immer an, das war mal sicher. Erst in den letzten Schuljahren behauptete sie den ersten Platz. An ihren Zeugnis-Zensuren hatten die Eltern fast nichts auszusetzen. Nur im Schönschreiben kam sie oft mit einem „genügend“ nach Hause, das Fach war ihr zu langweilig. Schreiben musste sie immer viel und schnell. Wie das Geschriebene dann aussah, war doch vollkommen unwichtig, fand sie. Außer ihr selbst und den Lehrern musste auch niemand lesen, was sie schrieb, oder? Naja, Briefe an die lieben Schwestern und an Verwandte natürlich, da gab sie sich manchmal Mühe. Aber der Inhalt war immer die Hauptsache. Und den hatte sie im Kopf und krakelte dann fix drauflos. …
Ernst riss Lene, – in der Haynstraße -, aus Gedanken. „Hast du nicht was Leckeres für heute Abend, Lenchen?“
Männer, warum dachten die immer ans Essen? Obwohl sie selbst, naja, da war sie nicht viel anders, oder? Essen, das war unbedingt eine ihrer eigenen Stärken – oder ein Schwachpunkt natürlich. Amüsiert drehte sie sich zu ihm um. „Käsestangen sind noch in der Vorratsdose, glaub‘ ich.“
„Oder Nüsse?“ fiel es Ernst ein, „Tyart brachte neulich doch welche mit.“
Lene legte die alten Briefe, Papier und Stift beiseite. Klappte das darunter aufgeschlagene Buch zu: Herder-Gedichte. Die liebte sie. Daneben lag ein Drama von Sudermann. Der war ein ungeheuer beeindruckender Zeitgenosse gewesen. Nein, wie dieser Mann schreiben, wie er die Leser und Theaterbesucher mitreißen konnte. Leider war er seit 25 Jahren nicht mehr am Leben. Den hätte sie gern mal kennengelernt, das hatte sich aber nicht ergeben.
Sie musste also jetzt in die Küche. Aber erst zog sie die unterste Schublade des alten Schreibtischs auf. Vaters Schreibtisch, Vaters Ordnung. Sie hatte das im Kopf, brauchte nicht zu suchen. Und hielt es schon in den Händen, das, was ihr eingefallen war. Die Chronik? Nein, eher die Erinnerungen waren wieder mal über sie hergefallen. Nachher also.
Schade, dass Mutter nichts geschrieben hatte.
Mama, die gute, natürlich hatte sie Papa immer den Vorrang gelassen. In jeder Beziehung. Männer waren nun mal wichtiger als Frauen, - ja, warum eigentlich? Hatte noch nie eine der vielen Frauen damals drüber nachgedacht? Doch, bestimmt, aber wahrscheinlich war es bei Gedanken geblieben und das Handeln ausgeblieben oder untergegangen. Vater war Lehrer, Rektor, Mutter war nur das Anhängsel, die „Frau Rektor“. Er schrieb die Briefe, sie bekritzelte in ihrer dünnen, steilen Schrift die Ränder und Ecken des Briefpapiers, die er frei gelassen hatte. Er arbeitete am Schreibtisch und in der Schule, sie am Herd, im Haus, am Waschzuber, am Nähtisch. Er hatte seine Schüler, sie ihre wenigen Mägde. Er verdiente Geld, sie das, was er für sie und den großen Haushalt ausgerechnet hatte. Eine Arbeitsteilung war notwendig und sicherlich sinnvoll. Aber war sie so richtig? Konnte es nicht auch umgekehrt sein? Oder ausgeglichener?
Fast musste sie über diese Gedanken lachen, so ungewohnt waren sie früher tatsächlich gewesen. Inzwischen gab es zum Glück allmählich andere Bestrebungen. Tüchtige Frauen, die sich sehr wohl die Köpfe zerbrachen und darüber redeten und schrieben, wie die Männer-Dominanz zu ändern, die alten Strukturen aufzubrechen seien und warum.
Lene reckte den Rücken gerade. Mutter hätte höchst erstaunt geguckt, wenn man früher von sowas angefangen hätte. Nein, hätte sie gesagt und nachdenklich den Kopf geschüttelt, nein, alles musste seine Ordnung haben und behalten. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir plötzlich alle guten Sitten und Regeln über den Haufen werfen? Aber genau diese Fragen hatten Lenes eigenes Leben von Anfang an bestimmt. Hatten sie bewegt, um- und angetrieben. Wollte sie nicht früher viel lieber ein Junge sein? Wollte sie etwa so sein wie alle anderen Mädchen? Naja, vielleicht nicht alle, aber die meisten, die sie kannte? Die sich anpassten an gängige Vorstellungen und nie auf die Idee kamen, ob das richtig war, ob das für sie überhaupt passte? Nicht nachzudenken, das machte vieles leichter, zweifellos. Für jede? Nicht für Magdalena Wüst.
Auf keinen Fall. Sie liebte ihre Schwestern, oh, sie verehrte und bewunderte sie alle. Für ihre Tüchtigkeit, ihre Fantasie, ihre geistige Regsamkeit und Klugheit, ihre Heiterkeit. Eine jede hatte ihre eigene, liebenswerte Art. Aber so werden wie eine von ihnen, das wollte Lene nicht. Sie sah das alles mit an, was ihre Schwestern machten. Was mit ihnen gemacht wurde. Sah ihre Gesichter vor den Türen – und hinter den Türen der Gesellschaft des offenen Hauses. Sie ahnte manches, verstand kaum etwas, jedenfalls früher nicht. Die anderen waren schon groß, erwachsen. Sie selbst war ein Schulkind, das zum Glück noch viel Zeit für sich selbst hatte. Zeit auf Bäume zu klettern, Zeit, mit Freunden herumzutoben, den ahnungslosen, armen Erwachsenen in ihrer Einfalt Streiche zu spielen, sich hinter Büschen anzuschleichen, albernes Gestammel von Liebe zu belauschen, sich über Schmatzküsse halbtot zu kichern. Nein, niemals würde sie selbst, Lene, so einfältig werden. Niemals sich derart gehenlassen, sich jemandem ausliefern.
Das war doch nicht möglich, dass Jungens von vornherein klüger auf die Welt kamen als Mädchen und alles zu bestimmen hatten. So etwas Ungerechtes konnte sich der liebe Gott doch nicht ausgedacht haben. Wer weiß, was später mal aus ihr selbst werden würde? Sie nahm sich vor, höllisch auf der Hut zu sein vor allem, was etwa irgendeine ungerechte Schlagseite bekommen sollte. Da musste sie aufpassen.
Bis jetzt war die Schule jedenfalls zum Glück ein solches Kinderspiel, dass ihr Zeit genug blieb, die Nase in Vaters Bücher und Zeitungen zu stecken oder auf dem Flügel Etüden zu klimpern, Lieder zu singen oder nachmittags hinter dem Schulgebäude oder in der leeren Turnhalle Ballspiele zu veranstalten, Wettkämpfe mit den Freundinnen und Freunden im Schnelllauf und Weitsprung zu gewinnen. Jawohl, Zeit genug blieb ihr das Leben zu genießen.
Vaters Schule lag im Osten der Stadt. Der stattliche, rote Ziegelbau war sein ganzer Stolz. Das Rektor-Haus daneben wirkte direkt verschüchtert bescheiden. Wer allerdings erstmal durch die Haustür in den Flur eingetreten war, fand es überraschend geräumig, - und laut natürlich.
Zum See hinunter, - über den langen Marktplatz, dann an der alten, ehemaligen Ordensburg vorbei -, war es auch nicht weit. Da glänzte nachmittags die Sonne übers Wasser. Sie selbst und die Freundinnen hatten, als sie etwas älter waren und meinten, die Kindheit läge endlich hinter ihnen, ihre Lieblingsplätze seitwärts zwischen den Erlen- und Haselbüschen am Schilfrand. Geheim natürlich. Endlose Stunden schabberten sie da, Freundinnen unter sich eben. Die meisten hatten Träume, hatten ihr Leben schon in abgesteckten Bahnen vor sich. Wenn die Schule beendet war, würden sie sich hübsch machen, - noch hübscher und ohne Pickel. Ja, sie wussten, was zu tun war. Manchmal klang es fast so, als hätten sie ihr Leben, zumindest gedanklich, schon hinter sich und abgeschlossen. Wo blieb da noch Platz für das Schicksal, für Überraschungen, Begegnungen, Ereignisse?
Nein, Lene sah erstmal keinen Grund, die Schule zu beenden. Keinen Grund, ihre Freiheiten aufzugeben, die sie sich nach und nach auch als Nesthäkchen erobert hatte. Jedenfalls nicht, bevor sie herausgefunden hatte, was das Leben mit ihr vorhatte – oder sie selbst mit ihrem Leben? Und was sie vermochte? Und nichts aufgeben, bevor sie Vaters Bibliothek durchgelesen hatte. Wahrscheinlich gab es sogar noch weitere Bücher. Neue und alte, von denen sogar Vater nichts ahnte? Nein, ihre eigene, kleine Freiheit würde Lene nicht aufgeben, sondern möglichst weit ausdehnen, solange das eigene Leben spannend und unerforscht war.
Sie sah das alte Schulgebäude in Gedanken vor sich. Sah sich selbst, immer eilig, gerade und energisch, lachend mit den Freundinnen durch die altbekannten Straßen laufen. Oder allein, bummelnd, den Kopf gesenkt auf die Pflastersteine oder Sandwege. In tiefe Gedanken versunken. Sie kannte wohl jeden dieser Steine, jede Pfütze bei Regenwetter. Fest war das in die ersten, profunden Rillen des Gehirnspeichers eingegraben.
Oder sie spielte Hans-guck-in-die-Luft. Lene-guck-in-die-Luft forschte in dunklen Winterabenden die Sterne durch, ihre leuchtenden Himmelsbilder, ihre gleißende Helligkeit, und sie dachte Wege von oben nach unten, von unten nach oben. Und manchmal wünschte sie sich da hoch hinauf, der gute Gottvater wohnte da irgendwo zwischen seinen Sternen, so hatte es der Pastor erzählt, und der musste es ja wohl wissen. Mutter meinte, das könne kein Mensch so genau erforschen, denn das sei „eine Sache des Glaubens und der symbolischen Glaubensvorstellung“. Aber Lene hielt sich lieber an Leute, die es wussten, an gut gelernte und sichere Wahrheiten. Jedenfalls war der liebe Gott seinen Sternen näher als den Menschen, denn er ließ sich auf der Erde nicht mehr blicken. Das allerdings bestritt der Pastor energisch und Mutter war da ganz seiner Meinung, aber das glaubte Lene nun allen beiden nicht. Obwohl die Erwachsenen natürlich schon mehr Jahre und Erfahrungen auf dem Buckel hatten und allerlei erlebt haben mochten, wer weiß. Tatsache war aber doch: Seit der ungerechten Kreuzigung damals hatte Gott sich von der menschlichen Erde verabschiedet, - und das konnte ihm auch niemand verübeln, fand Lene, so kleinlich und voller komischer Gesetze, Regeln und Sitten und mancherlei Bosheiten und Gemeinheiten es hier zuging. Deshalb wollte sich Gott wohl auch nicht mehr in irgendeiner Menschengestalt hier blicken lassen. Das nahm Lene ihm nicht übel. Da hatte er es zwischen seinen Sternen doch weitläufiger und herrlicher, übersichtlicher und unabhängig von der vergleichsweise so jämmerlich kleinen Erde.
Lene fand die Menschen um sich herum zwar nicht schrecklich, aber sie dachte für sich, es könnte nicht schlecht sein einigen Kontakt nach oben zu halten. Drähte zu spannen. Gedankenfäden hinauf zu schicken. Sich in diesen Sternen auszukennen. Es ging eine Ruhe, eine Stille von da oben aus. Blicke nach oben, nachts, so aus der menschlichen Dunkelheit heraus, machten manches erträglicher: aufgeschlagene Knie, Ärger mit der dummen Nachbars-Trine, Sorgen wegen Vaters gefalteter Stirn oder Muttchens Husten.
Diese Gewohnheit, nachts nach oben zu blicken und tagsüber nach unten -, Distanz zu den Menschen um sich herum zu schaffen, sich selbst wieder ordentlich zu sortieren, und vor allem Ausschau zu halten nach Zeichen oder Wundern, vielleicht auch nur solche herbei zu sehnen, das war immer so geblieben. Intensive Wünsche, Träume und Sterne, die gehörten für Lene zusammen und hatten ihre hellen Plätze am Nachthimmel.
Die Sterne, das leuchtende Firmament über ihr und die hölzerne Schreibtischplatte vor ihr, das waren Fixpunkte. Dazwischen hatte sich ihr Leben gespannt.
Stopp, ehe ihre Gedanken zu weit voraus liefen, kehrte Lene in ihr Früher zurück. Die Schule, ach ja, und die Kleinstadt Osterode. Damals groß, denn weiter reichte, abgesehen von den Ferien, ihr tägliches Leben kaum.
Osterode mit seinen Schulalltagen, mit seinen Honoratioren, die ins Direktorhaus zu Besuch kamen, mit seinen kleinstädtischen Problemen und Perspektiven, aber auch Diskussionen über Weltgeschehen und Zukunft, Osterode nicht zuletzt natürlich mit seinen Festen.
Ein besonderes, Aufsehen erregendes, für Klatsch sorgendes und noch lange freudig erinnertes Ereignis war die feudale Doppelhochzeit im Rektorhaus 1904. Lotte, die älteste Tochter und ihr Landvermesser Fritz feierten gleichzeitig mit Dore und ihrem humorvollen Leo ihre standesamtliche und dann kirchliche Trauung. Lenchen hatte ihr letztes Schuljahr zu fassen, kam sich jedoch angesichts dieser spektakulären Erwachsenen-Allüren ihrer geliebten Schwestern wieder einmal gehörig klein, unfertig und unerfahren kindlich vor. Wahrscheinlich war sie das auch. Dore war damals 24 Jahre alt, Lotte mit ihren 30 Jahren schon doppelt so alt wie Lenchen.
Die Stadt ließ sich nicht lumpen, sondern schenkte wertvolles Silber für 24 Personen. Man denke: zwei der fünf Töchter des Gymnasialdirektors wurden gleichzeitig aus der elterlichen Obhut und Oberaufsicht entlassen und den wahrlich liebenswerten und tüchtigen Schwiegersöhnen übergeben.
Lenes Abgangs-Zeugnis der Schule wurde am 7. April 1905 ausgestellt. Lenchen war fast 16 Jahre alt.
Fünf Tage, bevor sie mit diesem Abschlusszeugnis die Schule verließ, gab es ein weiteres denkwürdiges Ereignis. Lene wurde in der Evangelischen Stadtkirche von Superintendent Stange konfirmiert. Es war der Sonntag Lätare, der zweite April 1905.
Das war eine wichtige, einschneidende Feierlichkeit, nicht nur für Lene, sondern für die ganze Familie. Denn immerhin wurde die Jüngste nun nach der Taufe erneut und aus eigenem Willen unter Gottes Schutz und Schirm gestellt und damit gewissermaßen und traditionell ins Erwachsenenleben gehoben.
Getauft worden war sie am 30. Juni 1889, ebenfalls in dieser evangelischen Kirche von Superintendent Stange. Der sollte sie jetzt auch konfirmieren.
Für die Eltern war ihre Konfirmation sicher mit einer Art Erleichterung verbunden, - es war eben der Schritt ins Erwachsensein -, für Lenchen selbst aber doch mit äußerst gemischten Gefühlen. Natürlich wollte sie ihre Taufe nun selbst bekräftigen und erneuern. Damals war sie ja noch zu klein gewesen. Als sie in festlich-vornehmes Schwarz gekleidet mit ihren Freundinnen die Kirche betrat, wünschte sie nichts sehnlicher, als Gottes Gegenwart so richtig zu spüren, fromm zu sein für ihr ganzes restliches Leben, demütig alles zu tun, was Gott von ihr verlangte, was auch immer das sein mochte. Würde sie das denn spüren? Als sie zu den vordersten Reihen der Kirchenbänke schritt, wo die Konfirmanden Platz nehmen sollten, war sie plötzlich skeptisch: konnte sie denn wirklich versprechen, was sie jetzt gleich geloben würde? Ein Versprechen musste gehalten werden, das war unumstößlich. Immer und immer musste dieses Versprechen zu Gott gelten, nie durfte sie ausbrechen. Gott würde besonders ab jetzt wohl immer an ihrer Seite sein, alles sehen, alles vielleicht sogar kommentieren, kritisieren? Aber versprach Gott ihr denn nicht auch etwas? Wenn sie das nur mal sehen oder richtig merken könnte. An diesem Sonntag bildete sie sich das auf jeden Fall ein, vielleicht war es auch so, aber wer konnte das wissen? Du liebe Zeit, ihr kritischer Verstand spielte nicht immer mit, wenn ihre Gefühle mal anders wollten, - war das etwa schon Sünde? Lene merkte, wie sie immer aufgeregter wurde. Sie zerknüllte ihr weißes Spitzentaschentuch zwischen den Fingern, merkte, wie ihr heiß wurde, wahrscheinlich bekam sie auch wieder einen roten Kopf. Verstohlen blickte sie zur Seite, wo ihre Freundinnen vielleicht von ähnlichen Gedanken drangsaliert wurden. Aber deren Gesichter sahen rein, weiß und himmelsschön aus. So sah sie natürlich auch aus, - jedenfalls für oberflächliche Blicke. Aber sah irgendjemand, wie es in ihr drinnen aussah? Am letzten Sonntag bei der Konfirmanden-Prüfung vor versammelter Gemeinde, als die Freundinnen zappelig und heiß vor Aufregung waren, da war sie die Ruhe selbst gewesen. Alles Gelernte saß in ihrem Kopf, das wusste sie, und sie konnte es ohne weiteres hervorholen und aufsagen, was war denn groß dabei? Aber jetzt, jetzt kam es doch erst darauf an, ob sie tatsächlich wollte, ob sie es wert war, ob nicht doch ihre vielen Missetaten, - kleine Lügen, Spöttereien, Frechheiten -, überwogen vor Gottes Angesicht?
Mit Herzklopfen ließ sie die Zeremonie über sich ergehen. Ihre beiden Konfirmationssprüche konnte sie natürlich auswendig. Sie waren aus der Offenbarung Johannes 2,10: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben“ und aus Jesaias 41,10: „Fürchte dich nicht, Ich bin bei Dir, weiche nicht, denn ich bin Dein Gott“. An das „fürchte dich nicht“ wollte sie sich halten, das nahm sie sich vor, das passte ihr gut.
Dann war alles überstanden. Unter dröhnend klingendem Glockengeläut traten sie hinaus, der Himmel war hell über den hohen Linden, die Luft frühlingsfrisch und herrlich. Lene atmete auf, hob das Gesicht zum Himmel. Da oben war er auf jeden Fall, der Gott, das spürte sie. Und gleichzeitig also jetzt dicht bei ihr. Naja, irgendwie würde sie es schon schaffen, ihr Versprechen zu halten.
Zu Hause besah sie ihre Konfirmations-Urkunde, die rundum mit feinen, alten und mit kunstvollen Schnörkeln versehenen Zeichnungen in zartem Grün versehen war. Das heilige Abendmahl bildete das Hauptbild unten, an den Ecken und Seiten war die Urkunde mit Geschehnissen aus dem Neuen Testament illustriert. Sie seufzte. Also gut: sie würde „getreu sein“, fürchten tat sie sich sowieso fast nie, bis jetzt jedenfalls nicht. Warum sollte sie jetzt damit anfangen, wenn Gott mit ihr sein würde?
Eine Woche später war die Schulzeit zu Ende.
Und jetzt? Schluss mit Lernen? Nach zehn Schuljahren hielt sie ihr Abgangs-Zeugnis in den Händen. Die Zensuren waren natürlich in Ordnung, aber sie freute sich nicht. Nein, wirklich nicht, war das nicht komisch? Die Klassenkameradinnen machten frohe und glückliche, zumindest zufriedene Gesichter. Sie spekulierten auf Arbeit, vielleicht als Haushaltshilfe oder in der elterlichen Landwirtschaft, vielleicht bei der Post. Und manche dachten sogar schon ans Heiraten. Dachten an den Märchenprinzen? Die große Liebe etwa? Oder schlicht ans Versorgtsein durch einen Ehemann, der Geld für beide verdiente?
Lene konnte es nicht ändern, sie war enttäuscht. Das bisschen Lernen sollte alles gewesen sein? Wieder einmal haderte sie mit ihrem Schicksal als Mädchen auf der Welt zu sein. Schade, schade, dass sie nicht ein Junge geworden war. Dann hätte sie gerade jetzt mehr Möglichkeiten gehabt. Was gab es denn für Mädchen? Gar nichts weiter? Sie war nicht nur enttäuscht, sie war empört.
„Freust dich gar nicht, Lenchen?“ fragten die Freundinnen. Alle umringten sie. „Hast doch die besten Noten!“
„Na und?“ Sie wusste, dass sie zum Erschrecken streng aussehen konnte, und das genau wollte sie jetzt auch. Die anderen Mädchen aber waren so fröhlich, die lachten sie einfach aus. Lene wandte sich ab. So wie die anderen war sie eben nicht. Nein, das würde ihr nicht gelingen, auch wenn sie sich Mühe geben sollte. Aber das wollte sie gar nicht. Nein, sich einfach zufrieden geben mit dem, was andere vielleicht von ihr erwarteten, das kam nicht in Frage. Vater und Mutter würden natürlich die guten Zensuren sehen, die sie so wichtig fanden. Tatsächlich hatte sie „sehr gut“ in Betragen, in Aufmerksamkeit, Fleiß und Ordnungsliebe, in Religion, Deutsch, Englisch, Rechnen, Geschichte und Erdkunde. Ein „gut“ stand da für Französisch, Naturwissenschaften, Singen und Turnen. Das einzige „genügend“ stand da natürlich für das elende „Schreiben“. Ja, das würden die Eltern alles zu sehen bekommen und sie deswegen loben. Sie selbst blieb aber am letzten Satz hängen, der untendrunter stand:
„Da Magdalena Wüst jetzt die Schule verlässt, um in das Elternhaus zurückzukehren, so wird sie mit den besten Segenwünschen für die Zukunft entlassen.“
Ins Elternhaus zurück? War das nicht beschämend? Im Elternhaus war sie vor der Schule und während der Schule doch die ganze Zeit schon gewesen. Sie überlegte: Nach Hause, dahin waren die Schwestern nach der Schule zurückgekehrt, hatten sich im Haushalt getummelt und geübt und sich auf Festen vergnügt, lustig und kritisch nach Verehrern Ausschau gehalten und sich erwachsen gefühlt. Mit dem Abgangs-Zeugnis in der Hand galt man als groß und die Kindheit war vorbei. Naja, was die Leute so dachten!
Mit gesenktem Kopf und einer zornigen Falte auf der Stirn kam sie nach Hause, hielt den Eltern ihr Zeugnis entgegen. Gnädig nahm sie Lob und Glückwünsche entgegen, bemühte sich Stolz und Freude zu zeigen. Mutterchen hatte ihr Lieblingsessen gekocht. Das war reizend von ihr.
Zum Glück hatte sie sich bald etwas anderes in den Kopf gesetzt. Etwas, das Vater ja ebenfalls schon vermutet und angedeutet hatte: ein Seminar? Danzig? Wieder zu Hause herumsitzen, das war jedenfalls nichts für sie, nein, bestimmt nicht. Was für Möglichkeiten gab es denn noch?
Freiheiten
Der Kaffee war ein Ritual, das unbedingt eingehalten werden musste. Jedenfalls seit sie zusammen in der Haynstraße wohnten. Oft kam Kaki zum Kaffee herüber, oft trafen sie sich bei ihr in der Husumerstraße drüben. Oft gab es auch Kaffee mit Nachbarn.
Wenn das Wasser im Kessel kochte, der Filter auf der Kanne stand und es bereits betörend duftete, griff Lene eilig im Flur den Schlüssel vom Haken, ließ die Wohnungstür einen Spalt offen und lief die Treppe hoch.
„Frau Zettel? Kaffee ist gleich fertig.“
Oben ging die Wohnungstür. „Ach, Sie Gute! Komme gleich.“
Das war schon früher so gewesen. Schon kurz nachdem sie hier in Hamburg angelangt waren. Während Lene jetzt in ihre Küche zurückeilte, liefen auch ihre Gedanken unversehens zurück. Früher mal…
In den Jahren kurz vor dem Krieg, als sie selbst kaum hier angekommen war, da hatten sie auch schon zusammen Kaffee getrunken. Damals, Mitte der Dreißiger Jahre, war die liebe Nachbarin, Frau Zettel, nicht allein gekommen. „Ich kann die Lütte doch nicht oben lassen.“
Die Kleine knickste artig, spähte durch den Flur zur offenen Stubentür. „Onkel Viva da?“
Der alte Herr, kaffeedurstig wartend in seinem Sessel, war entzückt. „Na, unser Ilschen, was für eine Ehre.“ Er paffte sich in eine Venezuela-Duftwolke und musterte das junge, rotwangig-energische Persönchen. „Kaffee oder Malen?“
„Weißt du doch.“ Ungeduldig zappelte sie vor seinen übereinander geschlagenen Beinen. „Ich trink doch nicht Kaffee.“
„Immer noch nicht? Na, dann zu den Farben.“ Vorsichtig legte er die Zigarre auf den Messing-Ascher. Seine Knie knackten, als er sich erhob. „Lenchen, bringst mir den Muckefuck rüber? Dann habt ihr die Stube für euch.“
Frau Zettel trug schon das Tablett mit Tassen aus der Küche herein. „Machen Sie mir das Kind nicht eitel.“
Er schüttelte den Kopf: „Nee, so ist die nicht.“ Und er folgte der Kleinen, die bereits quer durch den Korridor hüpfte. „Das grüne Zimmer, das mag ich so.“
Er öffnete die Tür. „Ich hör immer Zimmer? Von wegen! Mein Atelier heißt das doch, wie du weißt. So viel Höflichkeit muss sein.“
„Malen Sie wieder, Herr Wüst?“ rief die Nachbarin.
Aber er war schon hinten in der Diele, winkte ab. „Schscht. Verraten wird nichts.“
Frau Zettel hörte ihr Töchterchen kichern und flüstern. Hatten die beiden ein Geheimnis?
„Kaffee kommt gleich.“ Lene schob die Zeitungen auf dem Tisch beiseite. „Immer Platz nehmen, liebe Frau Zettel.“ Sie wies auf das Kanapee, rückte für sich selbst einen Stuhl ab und setzte sich. Nur auf die Kante, denn sie sprang gleich wieder auf, um den Kaffee zu holen. Stillsitzen war nicht ihre Sache. Der Schreibtisch hatte sie lange genug festgehalten. Jetzt war Kaffee dran. Und dafür war auch die liebenswerte Nachbarin immer zu haben.
„Kekse?“ Sie hielt die Schale schon in der Hand. „Kennen Sie ja schon. Nichts Neues. Die Kinder mögen‘s auch mal gern süß.“
„Ihre selbstgebackenen? Ah, die mit ohne alles?“ Sie kicherte, „Nur mit Liebe, weiß ich ja.“
Lene nickte. „Mach‘ ich doch oft. Einfach und schnell.“
„So die Kinder, ja was machen die? Gute Fortschritte?“
„Naja“, Lene zögerte, „Alles ist eben anders. Sehr anders hier.“
Frau Zettel nickte.
Lene war schon wieder auf dem Weg in die Küche. Immer neugierig, die Nachbarin, dachte sie, obwohl von Herzen mitfühlend und aufmerksam. Aber Frau Zettel brauchte nicht alles zu wissen. Georg hatte es nicht leicht. Die Buben waren hier so hanseatisch, arrogant, eben weltoffen, manche eingebildet, wie auch immer, Lene selbst war da noch nicht so ganz im Bilde. Hanna in der Grundschule hatte es besser getroffen.
„Ich bringe den beiden eben was rüber“, rief sie der Nachbarin zu.
Mit der dampfenden Kaffeetasse und einem weiteren Kekstellerchen beladen durchquerte sie den dunklen Korridor und klinkte die Ateliertür mit dem Ellenbogen auf. Da saß der alte Herr vorgebeugt auf seinem Hocker an der Staffelei. Die kleine Ilse hatte er auf einen Stuhl vor den Kleiderschrank beordert. Da thronte sie, stolz und rot, weil sie sich doch so Mühe gab still zu sitzen. Das war nicht einfach. Und dazu noch das ständige „Sitz gerade! Schultern zurück. Hände ruhig, - Meine Güte, bist du zappelig. – Oh, Kaffee, wunderbar. Dank dir.“
„Hilft euch das hier?“ Lene setzte alles auf den Tisch ab und zwinkerte dem Kind zu. „Ich verrat‘ auch nichts.“
Sie ließ die beiden allein und kehrte ins Wohnzimmer zurück, wo Frau Zettel gemütlich in der Sofaecke lehnte.
„Nu‘ aber, was?“ Lene goss ein, schob der Nachbarin das Milchkännchen näher und setzte sich endlich. „Was gibt’s denn so Neues?“
Während sie sich bemühte zuzuhören, schweiften ihre Gedanken ab. Frau Zettel merkte es nicht. Lene nahm die Tasse in beide Hände. Der Duft, ah! Sie nahm einen Schluck, lächelte zum Kanapee hinüber, nickte der Nachbarin zu. Dort hatte Paul immer…, Kaffeestunden damals…, nein, sie wollte das jetzt nicht zulassen. Vorbei ist vorbei. Aber das Früher drängte sich immer wieder in die Gegenwart vor. Das war wohl so bei alten Leuten. War sie so alt? Zu alt vielleicht für die Gegenwart? Sie straffte die Schultern, stellte die Tasse ab. „Nehmen Sie Kekse, Frau Zettel, - ach, ich seh‘, Sie haben ja schon.“
Das Lachen der Nachbarin war hell und fast mädchenhaft übermütig. „Wieder in Gedanken? Nein, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. - Wie kommt Hanna denn zurecht?“
Hanna. Ihre allerbeste alte Hanna-Freundin und die junge, tüchtige Hanna, ihre Tochter. Hanna und Georg. Die waren ihr geblieben, und das war die Gegenwart. Haltepunkte.
Lene schüttelte die Vergangenheit in die sauber geputzte Vergangenheits-Gehirn-Schublade. Verstauben sollte hier nichts. Aber alles hatte seine Zeit, und jetzt wollte sie die Nachbarschaft genießen. Die Frauen mochten sich, so unterschiedlich sie auch waren. Zum Kaffee gehörte ein Schwatz und entspannte Leichtigkeit. Eine kleine, kalte Dusche im Kopf, die erfrischte. So eine Abwechslung hatte sie schon immer gebraucht. So einen Plausch, liebe Menschen, mit denen man lachen konnte.
Als Ernst mit Ilschen aus dem Atelier kam, sprang die Kleine mit roten Wangen zu ihrer Mutter. „Du weißt das nicht, du weißt das nicht, Mami, und du darfst das nicht wissen.“
„So? Also doch ein Geheimnis?“
Ernst schmunzelte. „Nichts verraten, Ilschen.“ Und die Kleine legte verschwörerisch den Finger an die Lippen.
Die Kanne war leer. Die große und die kleine Nachbarin verabschiedeten sich dankend, Lene räumte den Tisch ab. Dann eilte sie wieder an den Schreibtisch. „Du hast wohl auch noch zu tun, Enn?“
„Bin schon weg, keine Sorge.“ Er lachte der Schwester ins Gesicht.
„Noch eine halbe Stunde, dann kommt Hanna aus der Schule.“
Ja, so war das früher gewesen. Bald nach ihrer Ankunft hatte sich die Vormittags- Kaffeestunde etabliert. Das war jetzt gute 16 Jahre her, turbulente, schreckliche und inzwischen neue, sehr andere Zeiten. Gewohnheiten waren da zum Anklammern wichtig, das hatten sie alle gemerkt.
Der Schreibtisch war ihr geblieben. Lene ging vor den Schubladen in die Knie. Sie wusste, wonach sie suchte. …
In Elbing gab es ein Lehrerinnen-Seminar in der „Kaiserin-Victoria-Schule“. Vater war Lehrer geworden, warum also sollte Lene das nicht auch fertigbringen? Sie musste ja nicht Gymnasialdirektorin werden, aber Lehrerin, das wäre doch wenigstens etwas.
Es gab auch noch einen weiteren Grund: Erst wenn sie zu Hause auszog, würde sie sich vielleicht mal erwachsen fühlen. Wie mochte das sein?
Sie verlor keine Zeit, meldete sich an mit Vaters Hilfe, und bekam am 11. April 1905 das nötige Führungs-Attest der Polizeiverwaltung zu Osterode ausgehändigt. Nachteiliges über ihre Führung war zum Glück ja nicht bekannt.
Soweit ihr Plan. Und den setzte sie durch. Zog also, schwupps, zu Hause aus. Und bereits nach wenigen Tagen stellte sich auch das ein, was sie selbst und sicherlich die Schwestern von ihr erwarteten: das Erwachsen-Gefühl. Jetzt konnte das richtige Leben losgehen. Jetzt entschied sie selbst weitgehend, wie sie ihre Tage und Nächte einteilte, was sie sonst so trieb. Ein klitzekleiner Haken war nur der Geldbeutel. Mit diesem Haken hing sie noch am Vater fest. Da waren die ehemaligen Schulkameradinnen natürlich besser dran, die jetzt selbst ihr Brot verdienten.
Elbing war nicht weit weg, aber doch weit genug, fand Lene. Nur etwa acht Kilometer vom Frischen Haff entfernt, konnte sie hier schon den Duft der großen weiten Welt schnuppern, oder nicht?
Elbing, das Wort stammte, wie sie lernte, vom ostgermanischen „Albing“, dem „weißen, hellen“ Fluss. Hell und nordisch wirkte auch die Stadt. Schlank wie der Turm der Nikolaikirche waren auch die Fronten der Patrizierhäuser am Hermann-Balk-Ufer, jedes in seiner individuellen, vornehmen Eigenart der Backsteinbaukunst gestaltet, die Fronten zur Straße hin. Der mächtige Bau des Heilig-Geist-Hospitals beeindruckte ebenso wie das schmucke Rathaus am Friedrich-Wilhelm-Platz mitsamt den rund um den viereckigen Marktplatz gelegenen hanseatischen Kaufmanns- und Bürgerhäusern. Hohe Fachwerkspeicherhäuser lagen am Elbingfluss. Die Stadtanlage war der Ostsee zugewandt und spürbar auf Handel ausgerichtet. Wie andere Hafenstädte wurde auch in Elbing der Schutz einer Ordensburg frühzeitig durch den naheliegenden Schutz des Fernhandelsplatzes ersetzt.
Ja, Elbing gefiel Lenchen. Die Stadt stand der schwesterlichen Hansestadt Danzig in nichts nach, fand sie. Noch vor rund 600 Jahren war Elbing die weitaus bedeutendere Hansestadt gewesen. Es hatte eine günstigere handelsgeografische Position. Erst als die Öffnung des Frischen Haffs weitgehend verlandete, verlor auch der Handel an Bedeutung.
Die berühmteste Verbindung zwischen Osterode und Elbing war natürlich der Oberländer Kanal, eine ausgetüftelte technische Meisterleistung. Das wusste jedes ostpreußische Schulkind. 1845, also 44 Jahre vor Lenes Geburt, begann man unter Leitung des Königsberger Ingenieurs Steenke mit dem Bau dieses Kanals. Er sollte eine Schiffsverbindung zwischen den 100 Meter höher gelegenen Seen des Oberlands und dem Drausensee bei Elbing und damit auch zum Frischen Haff werden. Fünf Geländestufen innerhalb der Seenkette wurden durch geneigte Ebenen miteinander verbunden. Auf diesen geneigten Landwegen wurden die Schiffe auf Eisenbahnwagen geladen und auf Schienen jeweils hinaufgezogen. Dampfer rollten so über Land. Es war eine etwa 200 Kilometer lange Verbindung zwischen den Seen, davon 41 Kilometer Kanal. Etwa 1860 war das technische Kunstwerk fertiggestellt. Die neue Schiffsstraße diente zunächst meist dem Güterverkehr. Als 1893 dann die Eisenbahnstrecke zwischen Elbing und Osterode gebaut wurde, verlor der Kanal an Bedeutung für den Handel, entwickelte stattdessen aber als einzigartige Kuriosität eine Anziehungskraft auf Feriengäste zu jeder Jahreszeit.
Lenchen reiste mit der Bahn. Direkt nach den Ferien fing das Lernen in Elbing an. Das war fast wie Schule, nur etwas „erwachsener“ und mit strengerer Beurteilung. Die „sehr gut“ fielen nicht mehr so einfach vom Himmel. Nur im Rechnen und Zeichnen lagen ihre Leistungen an dieser begehrten Spitze. Die Fächer waren ähnlich, Handarbeiten kam dazu und Geigenspiel. Letzteres sollten Lehrer üblicherweise beherrschen. 1905, im ersten Jahr kam sie in Klasse C, Zeugnisse gab es zu Michaelis vor den Herbstferien und zu Ostern 1906, da wurde sie versetzt in Klasse B. Ostern 1907 kam sie in die Klasse A, das war schon die höchste. In den letzten eineinhalb Jahren musste sie auch Lehrproben halten. Die waren dann mit „genügend“ beurteilt worden.
Auch während dieser Zeit blieben Briefe nicht aus. Reichlich kamen die aus dem Elternhaus, aber auch von Freundinnen und Freunden.
Beispielsweise schrieb der gute Freund und Verehrer Max Horn aus Berlin. Am 16. Juni 1906 schickte er eine Postkarte aus Berlin an „Fräulein Maria Magdalena Wüst in Elbing, Westpreußen, Höhere Mädchenschule“ mit umseitig einem romantischem Blick „Partie am neuen See im Tiergarten - Gruss aus Berlin“.
Möchte wieder wallen / hin zu diesem Ort / ist er doch vor allem / meiner Träume Hort.
Unter diesen Zweigen / wonnevoll und traut / hab‘ in Einsamkeiten / diesen Vers gebaut.
Als der Traum geschwunden / musst ich heim zur Stadt. / Hatte Ruh‘ gefunden / die gesucht ich hatt‘./ Möchte wieder wallen / hin zu jenem Ort. / Ist er doch von allen / meiner Träume Hort.
Ja, der gute Max, mit ihm verband Lene mittlerweile eine Freundschaft. Zuletzt hatten sie sich in Berlin getroffen. Lene war dort ja nicht selten in den Ferien zu Besuch bei den Schwestern Dore und Thea. Seit sie selbst nun etwas größer und runder geworden war, meinte Max anscheinend, die Freundschaft könnte sich in etwas mehr wandeln und fortsetzen? Oh, bitte, das ließ sie sich gern gefallen. Ganz was Neues. Es kitzelte auf vergnügliche Weise. Warum also nicht? Er war doch ein lieber Junge.
Das Lernen war allerdings doch die Hauptsache. Deswegen war sie hier in Elbing.
Am 11. Februar 1908 hielt sie ihr „Prüfungs-Zeugnis“ in Händen. Sie wurde, so stand es darin, „nachdem sie ihre sittliche Führung und ihre körperliche Befähigung für den Lehrberuf durch Zeugnisse dargelegt, von der unterzeichneten Kommission am 10. und 11. Februar vorschriftsmäßig geprüft.“ Nun war sie „befähigt zum Unterricht an mittleren und höheren Mädchenschulen“, unterzeichnet von der „Königlichen Prüfungs-Kommission für Lehrerinnen“ des „Königlichen Provinzial-Schul-Kollegs von Westpreußen“.
Soweit, so gut. Inzwischen war sie fast 19 Jahre alt und wirklich erwachsen. Naja, so meinte sie jedenfalls meistens. Aber wie wichtig war das eigentlich? Wichtig für die Menschen um sie herum? Wichtig für sie selbst? Wichtiger war doch wohl das, was sie gelernt hatte, oder?
Jetzt war sie immerhin Lehrerin. Also her mit irgendwelchen Mädchen oder Mädchenschulen, bitteschön, wo sie unterrichten konnte.
Wer ist Magdalena?
Ja, da saß sie also Jahrzehnte später in der Haynstraße. Gerade hatte sie zurückgedacht an ihre Jugend. Jetzt betrachtete sie fast irritiert ihre blau geäderten Hände, die altersgekrümmten Finger, die den Stift hielten. Faltige Haut, sehnige, leberfleckige Hände waren das geworden, an den Knöcheln verdickte Finger. Wie war sie früher stolz gewesen und eitel auf ihre schlanken, biegsamen Hände, jawohl. Und auf ihre Geschicklichkeit damit. Die hatte sie immer wieder gebraucht zum Schreiben, zum Verbände-Anlegen, Klavierspielen, zum Teigkneten, zum behutsamen Streicheln oder Kartenspielen. Verbraucht, abgenutzt sahen sie jetzt aus, diese alten Hände. Sie lächelte unwillkürlich, als sie an ihre damalige Eitelkeit, besonders ausgeprägt in den Jahren in Elbing -, zurückdachte. Zwar hatte sie eigentlich nie so dämlich angepasst gepflegt und auf Äußeres bedacht sein wollen wie ihre Schulkameradinnen, oh nein. Aber, oh ja, genauso angepasst dämlich und naiv war sie doch oft gewesen. Obendrein arrogant und leider besserwisserisch, oft überheblich. Weiß Gottchen, sie hatte sich zeitweise für etwas Besonderes gehalten. Hatte mit hochgereckter Nase ihren Charme in die Freundesrunde gestrahlt und begierig die Hände, Augen und Ohren aufgehalten nach Schmeicheleien. Energiegeladen vom Kopf bis in die Zehenspitzen eben, so war sie immer, und dagegen ließ sich anscheinend nichts tun.
Amüsiert blickte die alte Lene auf ihre wie Leder gegerbten Altershände. Jawohl, die Beweise lagen vor ihr. Meine Güte, damals, besonders zwei Jahre vor dem Abschluss des Seminars in Elbing, war sie diese überspannten, unschuldigen und backfischalbernen Jahre alt gewesen.
Damals also, mit 16 Jahren, war sie allmählich komisch geworden. Ähnlich wie die meistern Mädchen ihres Alters wahrscheinlich. Man nannte sie nicht Teenager, wie es heutzutage hieß, sondern Backfische, das bedeutete, im Laufe des Backvorgangs im „Ofen“ der Umgebung, also noch nicht fertig. Backfisch traf dieses Alter viel besser als das Wort „Teenager“, was ja nur eine zeitliche Einordnung enthielt. Diese Jahre mit all ihren Merkwürdigkeiten, dem Unfertigen, Unsicheren, den vielen Fragen und der Auflehnung gegen alles Alte. Merkwürdigerweise wurden aber früher nur Mädchen so betitelt. Waren Jungens nie im Backfisch-Alter? Weder albern, noch unsicher, weder vorlaut, noch schüchtern, weder aufsässig, noch frech und kratzbürstig? Oder verschwieg man damals etwas und hatte man sich stattdessen wieder einmal nur über Mädchen-Allüren lustig gemacht?
Wieder musste die alte Lene lächeln. Nein, inzwischen wusste sie es in der Tat besser. Wusste, dass Jungen ebensolche Backfische waren, oft dazu besessen von lachhaft tollkühnem Übermut und pfiffigem Erfindungsreichtum oder überspannten Ideen. Hier passte der Ausdruck Teenager jedenfalls besser und galt für beide Geschlechter.
Lenchens Art komisch zu werden, war damals allerdings etwas anders als bei ihren Altersgenossinnen. Obwohl sicherlich jede von ihnen so ihren eigenen krausen Vorstellungen und Träumen nachhing.
Lenchen war nicht mehr das Nesthäkchen, sondern Lene. In Elbing begann sie sich selbst zu entdecken. Vielleicht hatte sie auch ein Inneres und ein Äußeres? So wie sie es früher bei Papa und Mama gemerkt hatte? 0der anders?
Sie war auf jeden Fall nicht so wie ihre Schwestern, nein, da war sie sicher. Sie liebte und bewunderte alle, aber so wie eine von ihnen wollte und könnte sie nie sein, dachte sie. Warum auch? Jede war verschieden, so wie ein farbenprächtiger Blumenstrauß hielten sie deshalb aber umso fester zusammen. Wenn sie beispielsweise an die liebe Lotte, die Älteste, dachte, ach, du liebe Zeit, die Ärmste war mit 14 Jahren von der Schule abgegangen, um zu Hause mit anzupacken und sich nützlich zu machen. Als ihre Mutter schwanger wurde mit Lenchen, brauchten die anderen fünf Geschwister Aufsicht, der Haushalt geschickte Hände. Lotte konnte alles. Anscheinend hatte sie das immer gekonnt. Sie war tüchtig, fleißig, flink, und sie fragte nicht viel, sondern guckte, wo zu helfen war und half. Nach einem Jahr zu Hause fand sie eine Stelle als Hausmädchen bei einer russischen Familie. Ihre Eltern willigten ein, so zog sie mit nach Bialystok und war auch dort bei der Familie und im Haushalt bald nicht mehr wegzudenken. Ja, was einen Haushalt anging, so konnte man sich niemanden vorstellen, der da vorbildlicher sein konnte. Völlig unbegreiflich, fand Lenchen. Hatte Lotte das eigentlich so gewollt? Oder war sie einfach nie auf die Idee gekommen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich wollte, sondern hatte alles so genommen, wie es ihr geschah? Und später wurde sie auch noch Krankenschwester. Eine perfekte Hausfrau also, oder? Kein Wunder, dass sie im vorigen Jahr ihren Landvermesser Fritz heiratete. Gleichzeitig als ja auch Dore ihren lustigen Leo heiratete. Dore hatte nach der Schulzeit keine weitere Ausbildung gehabt, sondern stattdessen mal in einem Kaufhaus, mal in einem Versandgeschäft gearbeitet. Da hatte sie gelernt Pakete zu packen. Niemand war so schnell und geschickt, Pakete zu verschnüren wie Dore. Aber ebenso genoss sie, wie alle Kinder des Gymnasialdirektors, viele geistige und kulturelle Anregungen, Dore hatte kunstgewerbliche Dinge hergestellt und auch mit der Malerei angefangen, allerdings nicht so intensiv wie ihr Bruder Ernst. Ihr größtes Interesse galt Konzerten und dem Theater. Dass sie umsichtig, tüchtig und im Nu einen Haushalt führen konnte, schien ihr selbst eine selbstverständliche Nebensache zu sein. Martha, naja, die war meist etwas im Hintergrund der Familie, zurückhaltend, immer liebenswert und sehr auf Tradition bedacht. Und Therese, na, die war ja die fantasiebegabte Dichterin. Zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen zog sie gereimte Verse aus dem Ärmel, gewitzt mit familiären Eigenheiten, Stichworten und Schrullen, für viele Nichteingeweihte völlig unverständlich.
Ihre Schwestern hatten wenig Zeit gehabt, – oder es nicht unbedingt erstrebenswert gefunden? –, sich in erster Linie weiter zu bilden, obwohl keine von ihnen ungebildet war. Papas Verdienst? Stattdessen waren sie, zwar lebhaft und kreativ, aber ziemlich brav in etwa die Rollen geschlüpft, die von ihnen erwartet worden waren. Hatten Papa und Mama das angestrebt? Oder wer sonst? Und warum war das bei ihr selbst anders?
Nein, das kam für Lenchen alles nicht in Frage. In der Schule war sie hier natürlich, ähnlich wie zuvor in Osterode, eine von vielen und eine, der alles leicht fiel. Aber am Nachmittag gab es weder Vaters Kontrollblick, noch Mutters Fürsorge. Nein, jetzt streckte das ehemalige Nesthäkchen seine Erwachsenen-Nase wohin und zu wem es ihm gefiel. Lenes Neugierde war grenzenlos. Ihre meist sehr direkten Fragen wurden mit Lachen, Spott oder mit Ablehnung quittiert. Sie selbst lachte auch immer gern, sogar über sich selbst. Provozierte gern, half aber auch gern jedem, der irgendwie in Nöten war, - meistens bei Dingen, die das Lernen und die Schularbeiten betrafen. Kurz und gut: Sie probierte alles aus, was ihr über den Weg lief. Und das war nicht wenig. Sie hielt wissbegierig nach allem Ausschau, was da so gelaufen kam.
Halb ernsthaft, halb lachend versuchte sie bei jenen „Mädchengesprächen“ zuzuhören und mitzureden: sich über die neuste Mode den Kopf zu zerbrechen, die Pickel im Gesicht zu dramatisieren, die Probleme erster, aussichtsloser Liebe zu beklagen oder die Tricks ausfindig zu machen, wie man sich mit der Brennschere so wahnsinnig engelsgleiches, gelocktes Haar zulegte. Bei all dem versuchte Lene mitzuhalten, - nein, das lohnte meist doch nicht die Zeit, jedenfalls nicht so unendlich, fand sie. Viel lieber diskutierte sie mit Freunden über Politik, das war anregend. Allerdings staunte sie oft heimlich über das eng begrenzte Blickfeld, regte sich auf über die niedrige Horizontlinie, die scheinbar außerhalb Deutschlands oder gar Ostpreußens aufhörte und über die viele anscheinend nicht hinausdenken konnten. Das musste man aber doch. Hatten sie nicht alle wenigstens etwas Englisch und Französisch gelernt? Wozu sollte das gut sein, wenn einen das Land und seine Menschen nicht interessierten? Man denke nur an den eigenen Bruder, der seit Jahren in Venezuela lebte, zuerst fast im Urwald, dann in Maracaibo, das war doch ein bisschen weiter weg als das nächste ostpreußische Dörfchen! Bei solchen Debatten konnte sie sich ereifern, erhitzen und auch laut, direkt und aufbrausend werden. Gar nicht mädchenhaft, geradezu fürchterlich. Im Nachhinein schimpfte und seufzte sie dann manchmal über sich selbst, aber es war nicht zu ändern.
Dagegen konnte sie durchaus auch anders, oh ja. Sie ließ sich gern in Cafés einladen, testete ihren Charme und spielte mit bei allen Vergnügungen. Tanzen war natürlich gefragt, ja, Tanzen mochte sie unbedingt, - jedenfalls, sofern der Partner nicht gegen den Takt herumtrampelte oder ihr mit keuchendem Atem zu nahe kam. Tanzvergnügungen hatten unbedingt einen eigenen Nervenkitzel. Verwundert lächelte sie darüber, wie leicht es war der Männlichkeit den Kopf zu verdrehen, - aber wozu eigentlich? Was den jungen Herrchen so durch die Köpfe gehen mochte, was sie oft lächerlich zappelig, glutrot und komisch werden ließ, das durchschaute sie noch nicht so ganz. Und sie staunte über Oberflächliches, leicht Geplaudertes, was zwar anregend, aber wenig inhaltsreich war.
Fast immer und bei allem behielt sie ihre gute Lach-Laune, eine aus der Tiefe herausschießende Fröhlichkeit, die erstmal nichts allzu ernst nahm.
Natürlich hatte sie Träume, hatte Zukunftsvisionen weit jenseits solcher Tändeleien. Die behielt sie wohlweislich erstmal für sich, wie in einem Brutkasten, so verglich sie das. Sie wollte unbedingt etwas, - ja, was denn? Na, mindestens die Welt verbessern, als erstes die Menschen, vor allem die Kinder aus armseligen Elternhäusern. Denen musste man etwas bieten, die Augen öffnen und ihre kleinen ahnungslosen Köpfe mit spannender Bildung füllen.
Noch etwas entdeckte Lene: Es machte ihr Spaß, die Menschen um sich herum zu beobachten: ihr Aussehen, ihre Bewegungen, ihre Gesichtsausdrücke und wie sie redeten. Sie mochte es, Eigenheiten von Menschen ihrer Umgebung herauszufinden und was dahintersteckte. Ihr Äußeres und ihr Inneres. Oh ja, das Leben in Elbing war ein ungeahnter Reichtum von neuartigen Genuss-Variationen.
Und sie selbst? Sie ertappte sich dabei, auch sich selbst zu beobachten. Dazu genügte aber nicht der kleine Spiegel über dem Waschtisch der Pension. Wer war sie? Was waren ihre Stärken, ihre Schwächen? Wie wurde sie von anderen gesehen und wahrgenommen?
Ein Jahr später wurde sie schon 17. Die Fragen waren geblieben. Wie wirkte sie? Wie und wer wollte sie sein? Ihr Äußeres und ihr Inneres? Klare Zielvorstellungen waren jetzt mal angebracht, fand sie.
Allmählich entstand eine Idee: Charakteristiken ihrer eigenen Person? Das wäre doch etwas, oder nicht? Sie erbat sich Charakteristiken von Freunden und Geschwistern, Menschen, die sie ja gut genug kannten. Schriftlich sollten sie sein, ehrlich und gut überlegt. Würde das funktionieren? Es war wie eine Art Spiel, sie wollte das gar nicht so furchtbar ernst nehmen, oder doch? Na, mal sehen, je nachdem, was da so eintrudelte.
Tatsächlich erhielt sie das Gewünschte.
„Versuch einer Charakteristik über Magdalena Wüst“, so schrieb ihre damalige Zimmernachbarin Stavha. Was für ein Name. Wie sie wirklich hieß, daran konnte sich Lene gar nicht mehr erinnern.
„In den eineinhalb Jahren, die ich an der Seite meines lieben kleinen „Mannes“ verbrachte, habe ich oft Gelegenheit gehabt, ihn bis in sein Innerstes kennen zu lernen und zu durchschauen. Ich will mich daher bemühen, eine einigermaßen zutreffende Beschreibung seiner Licht-, sowie seiner Schattenseiten, der Nachwelt zu überliefern. Ich kann mich rühmen, einen recht angenehmen, edlen Menschen in meinem „Mann“ gefunden zu haben. Von Natur mit guter Begabung ausgestattet, wirkt Lena durch ihr interessantes Wesen anregend und belebend. Doch fühlt sie sich dabei nicht erhaben über ihre Mitmenschen, sondern sie ist stets bereit, andere zu unterstützen und ihrer Not zu helfen. (ich denke dabei an meine Rechenkunst). Sie hat ein sehr natürliches, frisches Auftreten, zuweilen etwas jungenhaft, aber das hindert nicht daran sie ein echtes, junges Mädchen zu nennen. Eitelkeit kennt sie nicht, doch könnte ein ganz klein wenig davon ihr nicht schaden. Für Bücher, Musik, Kunst (im engeren Sinne), Natur hat sie viel Sinn und genießt, was ihr davon geboten wird, in vollen Zügen. – Doch kann ich nicht umhin, auch ihrer großen Vorliebe auf sinnliche Genüsse zu verweisen. Daneben liebt sie sehr die Bequemlichkeit und bewahrt allem Ansturm des Lebens gegenüber eine stoische Ruhe. – Ihr Auftreten ist ein selbständiges Sicheres, das ihr gewiss im Leben einst Stütze sein wird. Sie kann sehr liebenswürdig sein, zuweilen aber auch recht schroff, und sie fährt ihre Meinung direkt ins Gesicht. – Ihr Eigensinn lässt uns beide Eisenköpfe manchmal recht hart aneinander stoßen, doch wird der Streit bald durch ihr leicht zu versöhnendes Gemüt geschlichtet. Von jungen Leuten nimmt sie gern Huldigungen entgegen. Man sagt zwar, dass sie stets kühl wäre, doch will ich gerade das Gegenteil behaupten. Gerade ihr munteres, frisches Wesen gewinnt alle Herzen für sich. - Man hat sie einst mit dem lieblichen Heideröschen verglichen und diesem Vergleich schließe ich mich gern an.
Deine Stavha“
Diese Zimmernachbarin hatte sie „kleiner Mann“ genannt, das war damals so ein Spiel zwischen ihnen gewesen, weil Lene manchmal beklagt hatte kein Junge zu sein. Dann hätte sie es nämlich leichter gehabt mit der Bildung und mit einem Beruf später sicherlich auch.
Ein weiterer Brief kam im September 1906 aus Osterode von Schwester Therese.
Liebes Lenchen,
Deine Karte erreichte mich erst hier in Osterode, daher erfülle ich Dir erst jetzt die Bitte um Deine Charakteristik.
Also, Du bist eine ziemlich interessante Persönlichkeit von ausgeprägtem Selbstgefühl und steter Betonung des eigenen Willens, eine bewegliche, geistig rege Natur, die für viele Dinge, aber nicht gerade für häusliche Tätigkeit Interesse hat. Ich denke auch dabei an Deine Antipathie gegen Bettenmachen, es entstanden oft seltsame Gebirge, doch Du schläfst oder würdest selbst auf Steinen prachtvoll schlafen.
Du besitzest ziemlich viel Widerstandskraft, welche man manchmal als Eigensinn bezeichnen könnte. Idealismus und Begeisterungsfähigkeit sind bei Dir in hohem Maße vorhanden und äußern sich meist durch fürchterlich strampelnde Bein- und Armbewegungen, rollende Augen und an Indianergeheul erinnernde Kreischtöne.
Besonders charakteristisch sind bei Dir ewige Leere im Geldbeutel, stete Bewegung der Lachmuskeln, besondere Vorliebe für leicht zu öffnende Einmachtöpfe, tadellos sitzendes Schuhwerk, Auslecken von Kuchenteigschüsseln etc.
Du kannst sehr liebenswürdig sein, aber nur, wenn Du willst .
Dein Wesen ist oft jungenhaft, Du kletterst, rauchst Zigaretten etc. Das schließt aber nicht aus, dass Du gern mit Papier- und anderen Puppen spielst, Dir gern von hübschen Primanern huldigen lässt, besonders kühl tust, obgleich Deine Gefühlstemperatur ewig im Steigen und Fallen ist, leidenschaftlich Tagebuch schreibst – item viele echt weibliche Eigenschaften besitzest.
Jedenfalls bist Du ein frisches und natürliches Wesen, dem jede Zippigkeit fremd ist. – Du liest, vielmehr verschlingst unzählige Bücher, besonders solche, in denen sie sich am Schluss kriegen.
So, mein geliebtes Schweinchen, das ist alles, was ich zu sagen weiß.
Ich bin in großer Eile, daher das Geschmiere. Mama lässt Dir sagen, das weiße Kleid würde sie Dir in den nächsten Tagen schicken. – Die Kräutersammlerin habe ich hier und Du kannst sie in den Oktoberferien mitnehmen. – Papa, Mama, Lotte, Martha, Herbertchen und ich grüßen herzlichst.
So, nun noch eine Scherzfrage:
Was ist das? Es fängt mit Po an, ist zweisilbig und man kann darauf sitzen?
Ein Witz nach Deinem Geschmack:Eine Dame erzählt einem Herrn, sie hätte gebadet, und das wäre so wunderschön gewesen und sie schloss: „Die Wellen kamen und küssten mich!“ – „Und nachher“, erwidert darauf der Herr, „gingen sie ans Ufer und brachen sich!“ –
Verschiedene andere Witze erzähle ich Dir später. Kuss!
Addio! Thelo.
(Dass ihr alle im Seminar nicht wissen sollt, was Liebe ist, macht mir nicht vor, ihr Scheinheiligen)
Typisch Therese, dachte Lenchen und musste lachen, während sie diesen Brief las. Thea, die Altkluge und Gewitzte! „Herbertchen“, das war Lottes kleiner Sohn, gerade ein Jahr alt und mit seiner Mutter zu Besuch in Osterode. Ach, die gute Therese, wie erfrischend offen und herrlich unverblümt! Naja, etwas Wahres war natürlich dran, wenngleich Lene sich jetzt doch meistens erhaben fühlte, jedenfalls aus den Puppenspielen, Baumklettereien, Kreischtönen und anderen Kindlichkeiten herausgewachsen wähnte. Naja, heimlich dachte sie manchmal mit Sehnsucht an jene unbeschwerte Zeit zurück. Das brauchte aber niemand zu wissen. Es war alles so leicht gewesen früher… Und das Zigarettenrauchen, naja, Schweigen drüber in der Öffentlichkeit. Jedenfalls hatte der Brief eine wohltuend erwärmende Wirkung. Thea hatte immer die genau treffenden Worte gewusst. Lenchen faltete den Brief zusammen und legte ihn unters Kopfkissen. Für abends im Bett nochmal, das würde sie sich gönnen.
Schwester Dore aus Spandau (mit ihrem Leo und dem fast einjährigen kleinen Jochen) kamen im September 1906 folgende Zeilen:
Liebe Lusch!
Charakteristiken schreibt man im Allgemeinen nur von bedeutenden Menschen, aber da Du es wünschst, kann ich ja auch mal Deine Tugenden und Untugenden beleuchten. Dein Wunsch allein beweist schon, wie kindlich und unverdorben Du noch bist. Dies ist der Grundzug Deines ja durchaus noch unfertigen Menschens. Harmlos vergnügt freust Du Dich über die kleinsten Dinge und nimmst dankbar hin, was Dir Leben, Natur und Mitmenschen bieten. Frech, gerade und offen wirst Du Dir schon Deinen Weg durchs Leben bahnen. Dass Du lieber ein Junge sein möchtest, zeigt, wie gut Dir Jungensmanieren liegen. Eitel bist Du nicht, ein Zug, der allerdings wohl nur meinem Vorbild zuzuschreiben ist. Deine schlechten Eigenschaften will ich nicht erwähnen, da zu erwarten ist, dass Du sie bei Deiner Einsicht bald erkennen und ablegen wirst. Zum Schluss erwähne ich nur noch Deine Treue, mit der Du an den Gespielen Deiner Kindheit hängst!
Eigentlich könnte ich Seiten über Dich schreiben, obgleich Leo sagt, Du wärst unbeschreiblich, aber wir fangen schon an umzuziehen, deshalb habe ich keine Zeit. –
Amüsiere Dich schön in den Herbstferien und komme bald mal wieder nach Spandau. Jochen spricht jetzt schon sehr viel und lässt dich sehr grüßen desgleichen Leo und ganz besonders sei gegrüßt von Deiner Dosch
Außerdem lief noch ein Brief von Max Horn ein, das war der Freund und anhängliche Verehrer, den sie vor etwa zwei Jahren in Berlin getroffen hatte und der jetzt gerade auch in Elbing war. Ein lieber Kerl. Immer umständlich. Immer bemüht, dem Kern der Dinge akribisch auf den Grund zu gehen, dabei oft sich zerfasernd im Hin und Her, Entweder - Oder. Was der wohl zu sagen hatte? Hoffentlich nicht nur Süßholz.
Elbing, den 15. September 1906
Ich habe vor, über ein 17jähriges junges Mädchen, das meine Freundin ist, eine Charakteristik zu schreiben. Wird sie objektiv ausfallen? Kann überhaupt eine Charakteristik sich gänzlich frei machen von dem Beobachter? Zumal wenn beide ein Freundschaftsband umschlingt? Ich könnte mich in diesem Falle vergleichen mit einem Richter, welcher ein Urteil zu fällen hätte über eine ihm befreundete Person. Er müsste sich wegen Befangenheit ablehnen, da eben sein Urteilsspruch nicht objektiv, unparteiisch ausfallen würde. So sollte ich es eigentlich auch tun. Ein anderer Grund, aus dem diese Charakterbeschreibung keinen Anspruch auf Vollkommenheit machen darf, ist der, dass mir Zeit wie Gelegenheit gemangelt hat, um eingefasste Beobachtungen über dieses Wesen in den verschiedensten Lebenslagen machen zu können. Aber doch glaube ich, einzelne Eigenschaften und Züge dieses eigenartigen „aparten“ Geschöpfes richtig erkannt zu haben, so dass sein Bild für mich schon unverrückbar feststeht und so sollt ihr es mit meinen Augen schauen.
Ein menschliches Wesen ist es, das in Frage steht. Es hat also seine Licht- und Schattenseiten, seine Vorzüge und Fehler. Welche von diesen überwiegen, sollte man wohl erst zum Schluss sagen, wenn man die einzelnen Eigenschaften näher beleuchtet hat, oder am besten, man sollte es dem Leser überlassen, aus den angegebenen durch objektives Schauen gewonnenen Zügen, sich das Wesen selbst vorzustellen und auszumalen. Dieses Bild würde dann ja nach dem subjektiven Empfinden des Betreffenden mehr im Lichte oder im Schatten zu stehen kommen.
Meine Antwort auf diese Frage habe ich bereits im ersten Satze vorweggenommen, da ich dieses junge Mädchen meine Freundin nannte und damit ihre Hauptzüge als die mir sympathischen kennzeichnete. Und das sind vor allem das Natürliche und Urwüchsige; das Frische und Gesunde, das Offene und Wahre ihres Wesens, das seinen Ausdruck findet in einer wahrhaft gesunden, von keiner angekränkelten Lebensanschauung, in ruhig genießender Lebens- und Schaffensfreudigkeit und zuversichtlichem Lebensmut, kurz, mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist, bedingt durch einen ebenso gesunden Körper: Sie wird sich das höchste Lebensgut, die Freude am Leben, niemals verkümmern lassen, mag ihr das Schicksal das höchste Los, den edelsten, verantwortungsvollsten Beruf der Frau, den ruhigen Kindern einer lieben Häuslichkeit bescheren oder aber einen Platz anweisen mitten im Getriebe der Welt, wo sie aus eigener Kraft sich eine Lebenserfüllung erringen und in den Stürmen des Lebens behaupten muss. Stets wird sie mit ihrem Los zufrieden sein, wahres Lebensglück zu finden. Wie ganz anders steht es um so viele andere Mädchen, denen man es sofort anmerkt, dass sie ihr Glück nur an der Seite eines liebenden Mannes als das einzig mögliche zu sehen vermögen, und die sich dann elend und unglücklich fühlen werden, wenn ihnen das Schicksal ein solches Los versagt. Schon jetzt in steter Sorge und Furcht um die Zukunft leben sie oft in trüben schwermütigen Gedanken, die sie Tag und Nacht verfolgen, und die nur dann sich aufklären und in tollen Übermut ausarten können, wenn nach ihrer Meinung ein Lichtblick in Gestalt einer derartigen oft ach so trügerischen Hoffnung ihren vermeintlich trüben Lebenspfad erhellt. Geht ihr Wunsch nicht in Erfüllung, dann sind sie die unglücklichen Geschöpfe unserer Zeit, bedauernswerte Opfer der heutigen Gesellschaftsordnung.
Das Wesen, von dem ich schreibe, hat ein besseres Los erwählt. Um ihre Zukunft ist mir nicht bange, sie wird in allen Lebenslagen ein glückliches Menschenkind sein können. Das erfordert aber Energie, Selbständigkeit und etwas Selbstbewusstsein, denn eine allzu anschmiegende, unselbständige Natur wird dazu nie imstande sein. Und auch diese Eigenschaften finden wir hier vertreten, vielleicht sind sie sogar etwas zu stark ausgeprägt. Denn öfters tritt ihr Selbstbewusstsein allzu lebhaft zutage, und rechthaberischer Eigensinn wirft dann und wann einen Schatten auf ihr Bild. Sie setzt sich oft brüsk, vielleicht ein wenig unbescheiden hinweg über Meinungen und Urteile selbst erfahrener Leute und kann dadurch wohl manchen verletzen. Und noch etwas anderes findet bei ihr nicht die nach Meinung der Leute gebührende Beachtung, was allerdings mehr der Natürlichkeit ihres Wesens entspringen mag: Allzu kleinliche Beobachtung althergebrachter Normen und Manieren, die dem Weibe wohl anstehen sollen, ist ihr nicht eigen. Ängstlich, scharf urteilende Gemüter nennen das wohl ein Verleugnen der Weiblichkeit, einen männlichen, jungenhaften Zug ihres Wesens. Ich wäre sehr geneigt, es burschikos zu nennen, dass sie z.B. mädchenhafte Schüchternheit nicht kennt, dass sie keinen Wert legt auf strenge Ordnungsliebe, dass sie gern noch in wildem Lauf kindlichem Spiel sich hingibt und dabei nicht allzu hoch bewertet die äußere Erscheinung. Damit hängt nun freilich zusammen, dass Eitelkeit und Gefallsucht ihr fern liegen.
Wer will aber leugnen, dass ein solches Wesen angenehmer berührt als ein verzogenes, verwöhntes, putz- und gefallsüchtiges, empfindliches Modepüppchen, das mit einem jungen Menschenkinde auch nicht das Mindeste mehr gemein hat?
Ich kann vielmehr sagen, dass trotz dieser oft rauhen Schale ein weicher, echt weiblicher Kern in ihr verborgen ist, dass ihr innerstes Wesen edle Weiblichkeit verrät und dem, der es näher kennen lernen will, ein tiefes Gemüt erschließt.
Das sind die Charakteranlagen, die sich, je nachdem ihr künftiges Leben sich gestalten wird, mehr nach der einen oder der anderen Seite hin ausbilden und verkörpern werden. – Wird es ihr beschieden sein, Gattin und Mutter zu sein, dann wird dieser schöne innere Kern ihres Wesens zu voller Entfaltung gelangen, und an der Seite eines Mannes, der ihr Wesen vollständig erfasst, versteht und zu leiten weiß, können auch ihre Schwächen sich mildern und das Ganze ein schön harmonisches Gebilde werden, sich selbst und ihrer Umgebung ein Quell dauernden Glückes. Im anderen Falle aber, wenn das Schicksal sie hineinzieht in den Strudel des Lebens, wo sie angewiesen auf sich und ihre eigenen Kraft den Kampf aufnehmen muss, der größere Anforderungen an ihre Energie stellt, dann wird die äußere Schale härter und rauher werden, der schöne Sinn wird immer schwerer für die Außenwelt zu finden sein. Nur wird sie selbst in einsamen Stunden hinabsteigen in die innersten Tiefen ihres Herzens wie in einen tiefen Brunnen, und der dort verwahrte Schatz wird sie wie die kühle Flut des Brunnens erfrischen und beleben zu weiterem mutigem Fortschreiten auf der Bahn des Lebens in Zufriedenheit und Glück. –
Möge sie sich diesen kostbaren Schatz stets bewahren!!
Für Fräulein Magdalena Wüst
von Max Horn
Du liebe Güte, sie hatte es ja gewusst: Umständlich! Der gute Max, soviel Mühe hatte er sich gemacht. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, wie lange er zu diesen Überlegungen, zu diesem rührend detaillierten Brief gebraucht hatte.
Dass Männer sich am ehesten alle Frauen als gute Mütter mit Kindern und als Hausfrauen wünschten, war ja nichts Neues, aber bei Max überraschte es sie doch etwas. War das seine Verliebtheit? Na klar, verliebt war er sicher, das war ja nicht zu übersehen seit dem Spaziergang neulich durch die Wiesen, als er plötzlich hier in Elbing aufgetaucht war. Immerhin gestand er ihr auch eine andere Zukunft ein, natürlich nicht ohne Warnung, oder wie sollte sie das deuten? Zumindest hatte Max ein Inneres und Äußeres an ihr entdeckt.
Zuerst war sie erschrocken über die Ernsthaftigkeit, die Länge des Schreibens. Aber dann musste sie doch lachen: Er traute ihr also einiges zu, sieh an, wenigstens das. Na, sie würde mal abwarten. Und vielleicht das eine oder andere aus den Briefen im Kopf behalten. Und wenn auch nur für spätere Vergleiche? Was von den Vermutungen würde eintreffen? Was nicht? Was würde das Leben ihr zu knacken geben, was an Herausforderungen und Schwierigkeiten ihr abverlangen?
Und – ja, - war sie nun eigentlich klüger nach diesen erbetenen Charakteristiken, die sie jetzt auf dem Tisch liegen hatte? War sie so, wie die anderen sie sahen? Oder doch anders? Ganz oder teilweise anders vielleicht in irgendeinem geheimen Winkel ihres Ichs?
Tröstlich war jedenfalls der Gedanke, dass sie sich jederzeit ändern konnte. Je nachdem, was so passierte, wem sie begegnete, was sie entdeckte. Oder nicht? Sie war doch immer in ihre Zeit gebunden. Und vermutlich an Orte, Möglichkeiten und Umstände, die sich ergaben.
Ach, du liebe Zeit, nein, sie lachte doch lieber über das ganze Geschreibsel. Fast gegen ihren Willen nahm sie die Blätter allesamt, stopfte sie in einen Umschlag und versteckte sie zuunterst in der Wäschekommode.
Aufbruch im Sturmschritt
Hinter ihr das leise Knarren der Zimmertür. „Sitzt du hier im Dunkeln?“
Lene fuhr auf. Es war doch hell. Sie wies aus dem Fenster und lächelte dem Bruder verschmitzt zu. „Im Abendlicht. Wie es meinem Alter entspricht.“
Ernst zog die buschigen Brauen hoch. „Deinem-Was? Na, wenn du noch Sonne siehst, bin ich sicher längst im Dämmern verschwunden?“
Das bekannte Lächeln, die alte Ironie. Sie wusste, wie er’s meinte. „Also nicht wir zusammen?“ fragte sie mit gespielter Empörung, „Die läppischen 18 Jahre Unterschied sind doch nichts, oder?“
Er faltete seine langen Gliedmaßen in seinem Sessel zusammen, sie ließ sich gegenüber am Schachtischchen in ihren plumpsen. Sie sahen sich an, mussten beide lachen. Lachen half aus allen Gedankenschluchten. Und lag immer dicht unter der Oberfläche ihrer erprobten Zweisamkeit.
„So lange wie wir‘s aushalten“, knurrte er.
„Ach, Enn, wenn ich dich nicht hätte.“ Sie würden es aushalten, das wussten sie, und sie liebten diese altvertraute und inzwischen eingespielte neue Gemeinsamkeit. Das gleiche Holz, dachte Lene. Das gleiche, beständige Ostpreußen-Holz. Und die gleiche Erziehung zu Rücksicht, Selbstdisziplin, Verantwortungsbewusstsein und Loyalität. Ohne das hätten sie die schlimmen Jahre wohl nicht durchgestanden. Immerhin: sie waren übriggeblieben. Sie hatten viel erlebt. An verschiedenen Ecken der Erde. Auch Enn hatte diesen wechselnden Blickwinkel aus der Nähe oder Weite, dazu – oder deswegen - eine gehörige Portion Menschenkenntnis. Und er hatte wohl eine Art innere Ruhe gefunden zwischen seinen Lieben, den lebenden und gestorbenen.
Und ebenso, wieder in der Nähe, waren die gute Lotte und Martha und – mehr nicht. Denn Dore war seit Jahren nicht mehr da und die gute Therese in diesem Frühjahr 1953 auch gestorben. Jedenfalls zwei Schwestern, dazu sie selbst und Enn waren übriggeblieben und hatten wieder zueinander gefunden. Die Familien-Runde von früher war es nicht mehr, stattdessen verändert jetzt die mit den Kindern und sogar Enkeln. Und immerhin wachte auch über diese neue Familien-Runde der Wüst-Vater in Öl, von Enn gemalt natürlich, wachte mit strengem Blick von der Wand überm Kanapee. Hier war die Familie wieder beieinander und hielt eisern zusammen. Je größer der räumliche Abstand zueinander und je schlimmer und schwieriger die Zeiten, desto fester der Zusammenhalt hinterher. Das hatten sie erlebt.
„Und du bist doch der Mittelpunkt von uns allen“, sagte Enn lächelnd, so, als hätte er ihre
Gedanken verfolgt.
„Meinst du?“ Sie überlegte einen Moment, schüttelte dann leicht den Kopf. „Wir beide, Enn, wir beide. Vielleicht, weil wir gleich zwei sind von der alten Familie? Und weil wir als Duo so verschieden sind.“
Das Abendlicht verblasste, schob spielerische letzte Strahlen durchs Laubgeäst der alten Parkbäume. Schon fast menschenleer und stiller geworden lag das matte Grün der kleinen Wiese daunter. Vereinzelte Gestalten eilten noch darüber hin.
Lene erhob sich und wandte sich wieder ihrem Schreibtisch zu. Sie knipste die Lampe an. Schon hatte sie den Stift in der Hand, blickte auf das Papier vor sich. Vorhin hatte sie geblättert, etwas notiert. Erinnerungen? Gedanken-Übungen wie eifriges Lernen früher, ach ja. Mehr noch und immer wieder Gedankenwanderungen zu den Geschwistern, - früher und heute. Das war jene Girlande um ihr eigenes Lebens-Puzzle. Fixpunkte zum Festhalten.
Sie selbst, Lene, hatte viele Menschen kommen und wieder gehen sehen oder verabschieden müssen. Letztere hatten die Furchen gegraben und vertieft, die Lene morgens in ihrem Spiegelgesicht sah. Falten, aber auch Energie sprangen ihr da jeden Morgen entgegen. Jawohl, Energie, die noch nicht ausgedient hatte. Nein, jetzt erst recht nicht. Die Zeiten der Anpassung waren vorbei. Die hatte sie nicht mehr nötig. Manchmal blickte sie ihr Spiegelbild an wie eine Herausforderung: Hatte sie sich früher wirklich so oft untergeordnet? Natürlich, wenn es nötig war, so wie die strenge Erziehung es selbstverständlich machte. Unterordnung mit oft zusammengebissenen Zähnen. Und die dickköpfige Energie immer in der Hinterhand, die Suche nach Schleichwegen zur Auflehnung. Nicht gegen Menschen, sondern immer gegen geltende Regeln und Maßstäbe. Inzwischen war sie wohl viel älter, aber vielleicht nicht viel anders geworden. Früher hatte sogar ihr Vater eines Tages eingesehen, dass seine Jüngste ihren eigenen Weg ging. Nach seinen wiederholten Bitten, Ratschlägen und altersschlauen Vorträgen hatte er ihren Wünschen zugestimmt.
Vielleicht war er selbst ähnlich energisch gewesen? Das hatte sie sowieso immer heimlich gehofft. Aber Vater war ein Mann. Und diese Tatsache hatte immense, nicht zu unterschätzende Unterschiede geschaffen. Und damit Vorteile, die ihm vieles leichter gemacht hatten. Allerdings war von Anfang an mehr von ihm erwartet worden als von ihr, so viel war klar. Vielleicht war das doch nicht so leicht gewesen? Ihr eigener Vorteil dagegen war wahrscheinlich der des von allen geliebten Nesthäkchens.
Ihr fielen die drei ineinander verschlungenen Ebenen der legendären baltischen Armreifen ein. Die drei Dimensionen des Lebens sollten sie verdeutlichen: die eigene Lebenslinie, die Einbindung in die Gesellschaft, Staat und Ordnung, und drittens das göttliche Schicksal. Diese drei Dimensionen seien in jedem Leben untrennbar ineinander verschlungen, so hieß es. Der Gedanke hatte Lene immer fasziniert.
Auch damals in Elbing hatte sie bereits darüber nachgedacht. Ihr Nesthäkchen-Dasein war so eine schicksalhafte Gegebenheit, ebenso wie ihr Frauendasein. Vater als Mann, Mutter als Frau, das war Schicksal, die Erwartungen daran eher sozial bedingt. Die Familie, sowie die gerade lebende Gesellschaft mit ihren Gesetzen und Regeln konnte sie auch nicht abstreifen. Nur die eigene Lebenslinie, die war damals in Elbing gerade dabei sich als dünner Anfang hinein zu fädeln.
Sie liebte es, mit dieser Idee der baltischen Armreifen herumzuspielen, ihn zu drehen und die einzelnen Ebenen aus der verschlungenen Einheit heraus zu fingern….
Sobald sie ihre Lehrzeit in Elbing abgeschlossen hatte, nahm Lene eine Stelle auf einem Rittergut in Westpreußen in der Nähe von Streckentin an. Die Gelegenheit hatte verlockend geklungen, und sie hatte keine Lust gehabt, lange zu warten. Sie unterrichtete dort ein zehnjähriges Mädchen in der sechsten Klasse. Von Oktober 1908 ein Jahr lang. Und sie war nicht nur als Lehrerin angestellt, sondern auch als „Erzieherin“. Das bedeutete, dass sie auch die Freizeit ihrer Schülerin teilte. Zu den Vergnügungen zählten Tennisspielen, Schwimmen, ausgedehnte Spaziergänge und gemeinsame Ausflüge. So bekam Lene einen Einblick in das nach außen hin sorglose Leben der vornehmen Gesellschaft. Wie es um die Arbeit des Rittergutsbesitzers stand, wusste sie natürlich nicht näher. In dieser Zeit wurde sie jedenfalls selbst fast vornehm und richtig erwachsen, so empfand sie es damals. Zwar hatte sie rund um die Uhr gut zu tun mit ihren ersten Unterrichts- und Erziehungsversuchen, aber nebenbei war oft Gelegenheit, sich auch mit eigenen Beschäftigungen zu vergnügen. Sie las, schrieb Briefe und hatte Zeit, für ihre Zukunft Pläne zu schmieden. Über diese immer mehr gefestigten Zukunfts-Pläne schrieb sie den Eltern. Und erhielt Antworten, die von vielen mitfühlenden Gedanken, aber auch Sorgen zeugten.
Zu ihrem 20. Geburtstag am 29. April 1909 erhielt Lene von den Eltern einen Brief aus Osterode. Zuerst schrieb Vater in seiner energisch ausgeschriebenen Schul-Schrift.
Mein liebes Lenchen!
Dein lustiges Lachen tönt mir noch in den Ohren, und wenn ich Dir zu Deinem Geburtstage etwas wünschen soll, so ist mein herzlicher Wunsch der, dass Du im neuen Lebensjahr oft in der Gemütsstimmung sein möchtest, die Dich zu fröhlichem Lachen anregt. Dann wirst Du auch Trauriges, das etwa kommt, überwinden und wegstecken. Daraus will ich der Oberflächlichkeit nicht das Wort reden, aber zu der neigst Du ja ohnehin nicht. Hoffentlich leben wir in Göttingen oder in Breslau bald wieder ganz zusammen und studieren fleißig Genaueres zum Examen, - der Oberlehrerinnen-Prüfung? Noch besser freilich wäre es, wenn Du Dich verlieben und verloben wolltest, und Du bist ja nachgerade in den Jahren, in denen man auch das einem jungen Mädchen zum Geburtstag wünschen kann, was ich hiermit getan haben will. Lateinische Arbeiten zu korrigieren ist mir eine Freude, wenn sie von Dir kommen. Also schicke nur immer Deine Übersetzungen her. Alles andere Schreiben macht Mama und die Sprachen, und so bleibt mir nur noch übrig, Dich herzlich zu grüßen. In Liebe und Treue Dein Vater E.L.W.
Göttingen oder Breslau, diese Wohnorte überlegte Papa vermutlich für die Zeit nach seiner Pensionierung. Mama hatte sein Geschriebenes ergänzt, - darunter, darüber und daneben und an den Rändern, wo eben noch Platz war -, in ihrer feinen, gleichmäßigen Schrift:
Mein liebes Lenchen! Viel Gutes und Liebes wünsche auch ich Dir zum Geburtstage, den Du hoffentlich recht vergnügt verbringst. Papa und ich schenken Dir die gewünschten
Tennisschuhe, die quittierte Schneiderrechnung und die Süßigkeiten, der Kuchen ist leider gar nichts geworden, iss nur nicht alles auf einmal auf. Einen Teil Sommersachen schicke ich mit, der Rest kommt nach der Wäsche, die nächste Woche ist. Anbei nur ein Blusenübertuch, ich bekam aus Versehen falschen Stoff und muss alles erst waschen. Die Auslagen verrechnen wir in den großen Ferien. – Papa hat sich seinen falschen Zahn ausgebrochen und kann nun vorläufig nicht singen. Gestern Nachmittag waren Schachers hier und blieben, weil ein starkes Gewitter kam, zum Abendbrot. Um acht kam noch der Bürgermeister, es war sehr nett. Neues gibt es kaum, in voriger Woche ist Frau C. gestorben und heute kam die Todesanzeige von Frau D. Für heute lebe wohl. Mit herzlichem Gruß für Dich und einer Empfehlung an die anderen Herrschaften Deine M.(utter) M. Wüst
Wenn wir etwas besorgen sollen schreibe nur. Morgen schicke ich dann Schuhe etc.
Die anderen Sachen bekommst Du gelegentlich, ich schicke ja öfter.
Heute fehlt Oberlehrer Schmidt wieder, an Pfingsten hat er Urlaub genommen.
Von dem neuen Kleid sind noch eine Menge Flicken übrig.
Die Jungen wollten das neue Boot (ein Boot im schuleigenen Ruderhaus am See) „Ernst Leberecht Wüst“ nennen. Papa geht aber nicht darauf ein.
Sorgen der lieben Eltern, natürlich, Lene hatte kaum anderes erwartet. Denn das Nesthäkchen hatte ja immer noch seine Extrawünsche. Aber ihre Pläne, ja, die hatte sie natürlich inzwischen richtig entwickelt. Nichts Geringeres als das Abitur sollte es sein. Das hatte sie sich in den Kopf gesetzt. Und was sich dort einmal eingenistet hatte, blieb unweigerlich da sitzen. Basta. Armer Vater, mit seiner jüngsten Tochter hatte er es wahrlich nicht leicht. Wissensdurst in allen Ehren, aber als Mädchen musste man das seiner Meinung nach ja nicht übertreiben. Lenchen war doch jetzt fertige Erzieherin. Wozu denn noch mehr? Überkluge Mädchen waren als Haus- und Ehefrauen weniger beliebt, so die Volksmeinung. Vater Wüst seufzte, aber er gab natürlich nach. Die Wünsche seiner Kinder nahm er ernst. Wenngleich dieser Wunsch bedeutete, dass das liebe Lenchen, inzwischen mit 20 Jahren auch nicht mehr die Jüngste, noch immer kein eigenes Geld verdienen wollte. Er selbst kam auch allmählich in die Jahre. Seine Gesundheit war schon lange nicht mehr die beste. Diese Sorgen konnte Lene durchaus verstehen. Die Idee mit dem Abitur wollte Vater noch immer nicht recht schmecken. Das machte ein weiterer Brief der Eltern vom Juni 1909 deutlich. Wieder schrieb zuerst Vater, dann Mutter, wo noch Platz an Rändern, Kopf- und Seitenenden war.
Mein liebes Lenchen!
Ich habe mich über Deine Entschließung, das Abitur nachzuholen und zu studieren doch sehr gewundert. Das Entgegenkommen, das der Minister durch seine letzte Verfügung den Lehrerinnen beweist, lehnst Du ab. (Statt eines Examens wählst Du lieber garni, also Erzieherin im Privathaushalt). Statt einer Verbeamtung von fünf Jahren sprichst Du Dich für solche von sieben Jahren aus. Auch werden die Prüfungskommissionen auf solche Lehrerinnen, die das Abiturientenexamen gemacht haben, nicht die geringste Rücksicht nehmen, sondern sie behandeln wie die Kandidaten, die heut zu Tage mindestens acht Semester studieren, während man die Lehrerinnen, die für höhere Mädchenschulen geprüft sind und dann der letzten Verfügung entsprechend die Oberlehrerinnenprüfung ablegen wollen, mit einiger Nachsicht zu behandeln gar nicht abgeneigt sein dürfte. Vor allem glaube ich, dass Du Dir die Vorbereitung auf das Abitur-Examen zu leicht vorstellst. Dass Dich die Aussicht so vielen Kram in Mathematik, Chemie und Physik u.s.w. wieder in den Kopf „einzupremsen“ Dich nicht zurückschreckt!! Aber alles das, was ich eben ausgesprochen habe, soll Dich nur veranlassen, noch einmal alles zu überlegen. Falls Du wirklich von dem Wunsch beseelt bleibst erst noch das Abiturexamen zu machen, so werde ich Dir, soweit ich es vermag, zur Erreichung des Zieles behilflich sein: in Deines Vaters Hause wird stets eine Wohnung und Essen und Trinken, wo wir auch weilen, bestehen, nur dass ich den Abschluss Deiner Studien noch erleben sollte, ist ja sowieso nicht anzunehmen, später wohnst Du dann mit Mama zusammen. Dass Du zum 1. Oktober Streckentin verlässt, scheint mir, wenn Du die Oberlehrerinnenprüfung ablegen willst, ob so oder so, unerlässlich, und Herr und Frau Guhse werden ja ein Einsehen haben und Dir eine Kündigung Deiner Stelle nicht übelnehmen. Das ganze Mädchenschulwesen und alles, was drum und dran hängt, ist immer noch in der Entwicklung und man ist vor Überraschungen keinen Augenblick sicher. Ob schließlich die Mühe und Arbeit, die Du aufzuwenden gedenkst, im Verhältnis stehen wird zum pekuniären Erfolge, wer will es heute sagen. Ob ein dreijähriges Studium auf einer Malerakademie und das Examen für Zeichenlehrerinnen nicht den gleichen Erfolg bringen sollte, wobei freilich Begabung und Neigung eine Hauptrolle spielen, wer kann’s wissen. – Rieke Fuhrmann ist z.Z. so geschwächt, dass sie ihr Studium in Bonn abgebrochen hat und in Olivar weilt zur Erholung. Sie wird sich freilich in Crefeld bei der Pflege der Mutter erheblich angestrengt haben. Sonst nichts Neues von Paris.
Mit herzl. Gruß
Dein getreuer Vater E.L.W.
Ja, noch eins, liebes Lenchen! Deine beiden letzten Briefe haben uns eine große Freude gemacht. Wie schön, dass Du alles so mit Verständnis und Liebe zur Natur und zu den Menschen genießest. Die Tage in Stettin scheinen ja herrlich gewesen zu sein.
Mama schrieb dazu:
Mein liebes Lenchen! Deine Stelle in Streckentin musst Du unter allen Umständen zum 1. Oktober kündigen, ob Du nun so oder so das Examen machst. In den großen Ferien besprechen wir dann in Ruhe und nach allen Seiten hin die Sache. Dass ich alles tun will Dir Deine Wünsche zu erfüllen weißt Du, und selbst, wenn uns Papa, was Gott verhüten möge, früher verlassen sollte, als wir glauben, wird es mir immer möglich sein, die Kosten für Dein Studium zu bestreiten.
Das Baumkuchenrezept lege ich bei, so wie ich es Frau J. abgesehen habe, sie wollte es mir geben.
Gestern habe ich Zeug zu einer weißen Bluse gekauft, was sagst Du dazu? Mit herzlichen Grüßen, auch an Frau Steinert Deine tr. Mutter M. Wüst
Unser Garten ist ein Blütenmeer!
Lene lächelte liebevoll über solche Briefe, aber sie war jetzt alt genug, um die nachdenklichen Äußerungen zu verstehen. Die Eltern waren nicht mehr die Jüngsten, Papa bereits 65 Jahre alt, Mama 58. Im nächsten Jahr würde Papa wohl in den Ruhestand gehen. Die Hauptsorge der beiden angesichts ihres Alters war natürlich, ihre Kinder, auch die Jüngste, in gesicherten Verhältnissen zu wissen. Hauptsächlich aber sprachen die Briefe von uneingeschränkter Liebe gegenüber ihrer jüngsten, oft wohl verwöhnt anmutenden Tochter. Zugegeben, manchmal kam sie sich selbst immer noch wie das verhätschelte Nachkömmlings-Töchterchen vor, das seit jeher daran gewöhnt war, immer als etwas Besonderes zu gelten. Zumindest in der Familie. Und sonst auch? Ihre eigenen Ansprüche waren nicht gerade bescheiden, das sah sie ein. Aber konnte sie etwas für ihren ererbten, energischen Dickkopf?
Sie kündigte zum Oktober 1909.
„Sie hat in dieser Zeit ihre Schülerin in der sechsten Klasse zu unserer vollen Zufriedenheit unterrichtet und hat es verstanden sich durch ein bescheidenes und entgegenkommendes Wesen die Zuneigung ihrer Hausgenossen zu erwerben. Wir sehen sie ungern scheiden und wünschen ihr für ihre Pläne das Beste“, so hieß es in Lenes Abschiedsbescheinigung.
Mutter freute sich, dass ihre Jüngste wieder nach Osterode ins alte Zuhause kam. Zwar nicht in ihre Küche, nicht um hier Haushaltung zu lernen, sondern an den Schreibtisch, um sich wiederum in die Bücher zu stürzen. Genauer gesagt: in die lateinischen, denn da wurde ein gewisses Pensum fürs Abitur verlangt. Wozu hatte Lene einen gelehrten Vater? Mit seiner Hilfe klappte das natürlich bestens.
Am 30. März 1910 attestierte er das offiziell:
„Meine Tochter Maria Magdalena Wüst, die während ihres dreijährigen Aufenthalts auf dem Lehrerinnen-Seminar zu Elbing an dem dort erteilten wahlfreien lateinischen Unterricht regelmäßig teilgenommen hat, ist während der Ferien und im letzten Halbjahre täglich in einer Stunde im Lateinischen von mir unterrichtet worden. Sie hat die lateinische Schulgrammatik von H. J. Müller durchgearbeitet und eine große Anzahl von Stücken aus Ostermanns Übungsbuch (Tertia und Untersekunda der Realgymnasien) aus dem Deutschen ins Lateinische schriftlich oder mündlich übersetzt. Von lateinischen Schriftstellern hat sie gelesen 1. Cornelius Nepos, 2. Caesar, 3. Ovid, 4. Livero pro imperis Cn. Pompei, 5. Livius, Abschnitte aus dem 21. Buche, 6. Vergil, Abschnitte aus dem 2. Buche.
Gymnasialdirektor Dr. Wüst,
Geh. Reg. Rat.
Lieber Vater, er war wirklich unentbehrlich. Und Mutter füllte den Bauch mit gutem Essen, sorgte für Einkäufe, Sauberkeit, Gemütlichkeit und Wohlbehagen. Bessere Eltern konnte es nicht geben.
Das Städtische Realgymnasium zu Königsberg Preußen wartete auf sie. Und Lenchen, - nein, die kluge, große Magdalena -, verlor keine Zeit. Königsberg war das Größte, wusste sie. Und dorthin ging ihr Weg jetzt. Wieder packte sie ihre Siebensachen.
Während ihrer Königsberger Zeit wurde der gute Papa in Osterode in den Ruhestand versetzt. Bereits im Oktober 1910 wurde er aus dem Amt entlassen, und im Mai 1911 dann mit allen Ehren, großartigen Danksagungen, Reden, Geschenken, Fackelzug der Oberstufenschüler, mit Tränen des Kollegiums und unvergesslichen Erinnerungsgeschenken offiziell pensioniert. Die Eltern zogen nach Jena.
Lene aber war zunächst in Königsberg und lernte und lernte, dass ihr der Kopf rauchte. Abwechselnd saß sie am Schreibtisch über den Büchern, dann wieder lief sie im Sturmschritt draußen durch Straßen und Parks, den Kopf gesenkt, und rekapitulierte und festigte das Gelesene vor sich hin murmelnd im Kopf.
Sie brauchte nicht lange, verschwendete keine unnötige Zeit mit irgendwelchen anderen Dingen. Bereits nach zwei Monaten war es geschafft und das Abitur bestanden.
Sie wurde „durch Privatunterricht vorbereitet und durch Verfügung des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums zu Königsberg Preußen vom 28. Dezember 1910 dem hiesigen Städtischen Realgymnasium zur Reifeprüfung überwiesen“. So hieß es im dreiseitigen, ausführlichen „Zeugnis der Reife“ vom 21. Februar 1911. In Deutsch bestand sie mit „gut“: „In der mündlichen Prüfung wusste sie über Lessing als Reformator des Dramas, über Schiller und die Schicksalsdramatiker, über König Ödipus und Grillparzers „Sappho“ genügende Auskunft zu geben. Dagegen war der Prüfungsaufsatz nach Form und Inhalt durchaus gut zu nennen, sodass das Gesamtprädikat gut sein kann.“
In allen übrigen Fächern bekam sie ein „genügend“, nämlich in
Religionslehre: Mit befriedigendem Verständnis für das Wesen des evangelischen Schriftentums verband sie ausreichende Kenntnisse in der Kirchengeschichte und Bibelkunde.
Latein: Die Prüfungsarbeit war genügend. Die in der mündlichen Prüfung aus Cicero de imperio Cn . Pompei vorgelegte Stelle vermochte sie mit hinreichender Sicherheit zu übersetzen und zu erklären.
Französisch: Die schriftliche und mündliche Prüfung zeigten, dass sie hinreichende Sicherheit im Gebrauche der französischen Sprache besitzt. Auch mit einigen Hauptwerken der Literatur ist sie vertraut.
Englisch: die ihr vorgelegte Stelle aus Macanlay: „Hallam’s constitutional History“ übersetzte sie mit hinreichender Gewandtheit und konnte die ihr aus der Grammatik und Synoptik gestellten Fragen genügend beantworten.
Geschichte und Geographie: Die Prüfung in der Geschichte bezog sich auf die Entwicklung der deutschen Frage im 19, Jahrhundert. In der Erdkunde sind ihre Kenntnisse „nicht genügend“.
Physik: Ihre schriftliche Prüfungsarbeit war genügend.
Chemie: Ihre Kenntnis der wichtigsten chemischen Gesetze genügte.
Die unterzeichnete Prüfungs-Kommission hat ihr demnach, da sie jetzt neuere Sprachen studieren will, das Zeugnis der Reife zuerkannt.“
Das wollte sie tatsächlich: studieren. Es war nicht üblich, nein, ganz und gar nicht. Aber der Reiz war deshalb umso größer.
Die Eltern gaben sich skeptisch: Auch das noch? Dem guten Papa standen sicherlich die wenigen, verbliebenen Haare zu Berge, als er erfuhr, dass seine Jüngste dieses Ansinnen tatsächlich wahr machen wollte. Warum konnte sich das gute Kind denn nicht endlich zufriedengeben und einen netten Mann heiraten? Davon gab es doch genug Exemplare zur Auswahl, die sie umschwärmten. Warum ließ sie die liebenswürdig lächelnd links liegen?
Aber das kümmerte Lenchen nicht die Bohne. Warum hatte sie denn Abitur machen wollen und es auch im Eiltempo bestanden? Stand ihr nicht ein Studium offen? Bereits am 11. Mai hielt sie die Immatrikulation an der Universität Jena in Händen und war Studentin der Philologie und Germanistik.
Der Porzellanhund
Wenn Lene an das Jahr 1936 zurückdachte, so war das im Hinblick auf die baltischen Armreifen eine eigenartige Verknüpfung von Schicksal und Familieneinbindung. Wenn sie daran dachte, dann mit sehr zwiespältigen Gefühlen. Trauer, Verzweiflung und erleichtertes Aufatmen ließen sich schwerlich unter einen Hut bringen. Und von Zukunft war damals eigentlich nur äußerlich die Rede.
Als sie im Herbst 1936 in Hamburg-Altona aus dem Zug stiegen, hatten sie eine lange Fahrt hinter sich.
Sie schleppte Koffer und Rucksack, Georg lud den zweiten Rucksack auf seine schmalen, 15jährigen Schultern und packte Tasche und Koffer an. Hannele, gerade 11 Jahre alt, ließ Lenes Hand nicht los. Suchend sahen sie sich um.
Ernst stand auf dem Bahnsteig. Wie alt er aussah. Die Schultern vorgebeugt, sein Schädel fast blank, sobald er den Hut schwenkte, als er sie erblickt hatte. Aber seine Augen leuchteten altbekannt. „Lenchen!“
Sie liefen aufeinander zu, lagen sich in den Armen. Sich aneinander festzuhalten, das war doch etwas. Fast wie ein Nach-Hause-Kommen. Mein Gott, das tat gut nach all dem elendigen Durcheinander in den vergangenen Monaten.
Die Kinder waren zögernd stehengeblieben. „Weint er?“ flüsterte Hanna.
„Sei nicht dammlich“, sagte Georg, „Du weißt doch, dass wir alle traurig sind.“ Aber er hatte beim Anblick des unbekannten Onkels einen hoffnungsvollen Zug um den Mund, das bemerkte die kleine Schwester auch bei der eigenen Unsicherheit.
Lene nahm sich zusammen, straffte die Schultern, holte tief Luft. „Meine Güte, sind wir froh, dass wir hier sind bei Onkel Enn.“
„Sagt man gerne ‚Viva‘ zu mir. So nennen mich hier die lieben Leute.“
Die Kinder gaben ihm die Hand, Hanna knickste mit einem fragenden Blick, Georg dienerte wohlerzogen. Ernst musterte sie. Sein altvertrautes Lächeln wischte Unsicherheiten aus. „Ich denk‘ wir kommen schon klar, was Hanna? Geoorch?“
Der Junge lächelte dankbar. Der Onkel sprach seinen Namen ostpreußisch aus, das tat gut.
Sie nahmen die Straßenbahn. Lene sah die Blicke der Kinder, die neugierig den unbekannten Onkel musterten.
„Keine Bange“, sagte der, „Ihr seid natürlich gespannt, wie das so wird mit uns.“ Er spreizte erwartungsvoll die Finger auseinander, „Und das bin ich übrigens auch, wisst ihr?“
Als Lene die zaghafte Erleichterung in Georgs Gesicht sah, war sie bereits sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die beste Notlösung auf jeden Fall.
Sie saßen sich gegenüber, die jungen und die alten Geschwister. Die Kinder sperrten Augen und Ohren auf vor der fremden, großen Stadt, die sie gemütlich durchquerten. Hamburg, das war neu, ebenso das Quietschen in den Kurven und das eifrige Klingeln dieser komischen gelben Straßenbahn an den Haltestellen. Die Bahn fuhr auf Schienen, hing an der Oberleitung wie an Drähten eines vom Grauhimmel gesteuerten Marionettentheaters.
„Müde?“ fragte Enn.
Lene nickte. Müde von der Fahrt, müde sowieso durch und durch von innen heraus das ganze letzte Jahr. Müde, wie zersplittert und gleichgültig fühlte sie sich wie nie zuvor in ihrem Leben, - das waren ihr bisher völlig unbekannte Gefühle. Erstaunlich, dass da doch so etwas wie eine Spitze von Neugier sich hervordrängelte. Obwohl: was konnte jetzt noch kommen? Gegen die Gleichgültigkeit hatte sie angekämpft. Wegen der Kinder. Das war sie Paul schuldig. Das einzige, was sie für ihn noch tun konnte, was ihr geblieben war.
„Umsteigen“, sagte Enn und stand auf. Dammtor hieß es hier. Dann in die nächste Bahn, eine Nummer zwei, Richtung Winterhude. Was für Namen die hier hatten.
Schon bald sollten sie wieder aussteigen. „Eppendorfer Krankenhaus“, sagte der Onkel, den sie Viva nennen sollten, „Da oben ist die Wohnung.“ Er wies in die hohen Baumzweige gegenüber, hinter denen Hausmauern knapp zu erkennen waren. Sie überquerten die große Straße. Der Wohnblock aus roten Klinkern lag behäbig zwischen Kastanienlaub unter dem blassen Abendhimmel. Hier wirkte die Stadt nicht ganz so städtisch wie Lene es befürchtet hatte. Und dann das Treppenhaus mit halbhoch moosgrün tapezierten Wänden, verhalten knarrenden, gebohnerten Dielen, und die Glastür des Fahrstuhls mit blitzenden Messing-Griffstangen und -Rahmen. Also wirklich, vor solchem Luxus erstarrten sie alle drei fast ehrfurchtsvoll. So vornehm? Fragend blickten die Kinder, aber der Viva nickte schmunzelnd. „Is‘ schon richtig hier.“
Dann zeigte er ihnen die Wohnung. Hohe Zimmer, weiße Decken, Tapeten und weiß gestrichene Türen, große Fenster überall. Herrschaftlich. Nobel. Sie staunten.
„Provisorisch erstmal“, erklärte Ernst, „Eure Möbel kommen ja noch.“
„Und die Bücher“, erinnerte Lene.
Sie ließen sich herumführen wie in einem leeren Museum. Vorn die Garderobe, ein Spiegel über dem Tischchen. „Da kommt der Hund drauf“, meinte Lene.
„Ach, ja? Den hast du noch?“
„Kennst du den? „ fragte Georg, „Unseren weißgrauen Porzellanhund?“
„Natürlich.“ Viva lächelte. „Sowas vergisst man nicht.“
Das war wie ein kleiner Schritt aufeinander zu. Weitere würden folgen.
Links vom Eingang, der Garderobe gegenüber, ein kleines Zimmer mit Fenster zum weitläufigen Innenhof. „Das war früher das Mädchenzimmer, die Hilfskraft, die wäre eigentlich auch jetzt noch nötig“, meinte Ernst, „Oder, ich dachte, vielleicht wird das dein Reich, Georg?“
Sie guckten erstmal weiter. Den Flur entlang. Rechts neben der Garderobe, stand eine Couch, die man unter Kissen kaum sehen konnte. Daneben das Telefon. Das war nicht üblich zu der Zeit. Aber hier bei Ernst und seinen Hanseaten hätte Lene wahrscheinlich nichts anderes erwarten können. Die Kinder waren von zu Hause natürlich daran gewöhnt.
Dann, neben dem kleinen Zimmer, die Küche: Geräumig, sah Lene. In der Mitte ein großer Tisch mit Stühlen, rechts vor der Wand ein Herd, Spüle, links hinten eine schmale Balkontür, in der Ecke wohl eine Speisekammer.
Ernst öffnete die Tür. „Der Balkon ist winzig. Aber wir können uns zuwinken.“
Lene sah ihn fragend an, dann begriff sie. „Kaki und Christian wohnen da drüben mit den Jungs?“ Sie blickte in das Hofkarree hinunter, sah eine magere Wiese, zwei Teppichstangen. Rundum der Häuserblock, einheitlich rote Klinker, große Fenster, kleine Küchen-Balkone. Irgendwo da gegenüber wohnten sie also: Ernsts Tochter mit ihrer Familie. „Wie gut für euch“, sagte sie und begriff ohne Worte, wie der Bruder froh war nach Metas Tod wenigstens Margarita in der Nähe zu haben, die von allen Kaki genannt wurde.
Ernie, Enns Ältester, war mit seiner Irene in Venezuela geblieben mit ihrer inzwischen großen Familie. Und Peter? Der wohnte auch nicht weit weg. soviel Lene wusste.
„Was für Jungchen?“ wollte Georg wissen.
„Die beiden von Vivas Tochter, der Kaki“, sagte Lene, „Die werdet ihr kennenlernen.“
„Sind noch klein, Eure Neffen“, sagte Viva, „Sechs und acht Jahre alt.“
Hanna blieb stumm. Blickte wie ihr Bruder in den Hof hinunter. Zwei Mädchen liefen da mit einem Ball herum. „Habt ihr keinen Garten?“ fragte sie schließlich leise.
Lene presste die Lippen aufeinander. Viva strich der Nichte über die dunklen Zöpfe. „Es ist ganz sicher da unten“, sagte er zu Lene gewandt, „Kein Garten, aber sicher vor fremden Leuten und vor Hunden. Kein direkter Zugang von der Straße her.“
„Man kann nicht alles haben“, meinte Lene. Der Garten vorher, die Freiheiten dort überall in und um die Kleinstadt, - Sicherheit war dort selbstverständlich gewesen. Hier war die Fremdheit einer Großstadt. Einfach würde es natürlich nicht werden. Nicht für die Kinder, nicht für sie selbst.
Sie traten wieder auf den Flur. Links um die Ecke herum öffnete sich eine riesig große Diele im Halbdunkel. „Der Korridor“, sagte Ernst.
„So viel Platz?“ staunte Hanna, „Und unsere Sachen?“
Es wird hier schon alles hineinpassen“, sagte Lene, „Das sehen wir dann.“
Geradeaus hinter der Glastür war erstmal ein großes Zimmer mit Blick zur Straße und zum Park. Nur ein Sessel und ein niedriges Tischchen mit Aschenbecher standen da. „Das wird wohl unser Wohn- und Esszimmer?“ meinte Ernst fragend.
Daneben lag ein weiteres Zimmer, auch zur Straße hin, ganz leer bis auf drei Matratzen mit Bettzeug auf dem Fußboden. „Provisorisch, sag‘ ich ja.“ Ernst hob bedauernd die Schultern. „Von Kaki geliehen.“
Georg nickte. Ihm machte Provisorisches sicher am wenigsten aus. Lene lachte. „Wunderbar erstmal. Danke.“
Das Eckzimmer war bewohnt. „Oh, grün!“ rief Hanna. Sie staunten – und waren alle sofort verliebt.
„Dein grünes Reich, Enn?“ An den Wänden Aquarelle und Ölgemälde, neben dem Fenster die Staffelei, auf der anderen Seite ein Schreibtisch mit losen Blättern, im Hintergrund Bett und Schrank.
„Aber ich dachte…“, Georg zögerte, „Bist du nicht Kaufmann?“
Der Onkel zwinkerte ihm zu. „Das war ich allerdings. Aber jetzt male ich nur noch.“
„Und paffst“, stellte Lene fest und schnupperte in die intensive Zigarren-Luft.
Nebenan öffneten sie die Tür zum anderen Eckzimmer, das lag zum Hof hin und war auch leer. Daneben gab es einen schmalen, langen Raum mit einer überdimensionalen Badewanne an der Längswand. Andächtig blieben sie in der Tür stehen. Lene hatte bisher nicht auf sich selbst geachtet, spürte aber jetzt plötzlich, wie verschwitzt sie war, wie sie sich nach Wasser sehnte. „Herrlich“, lobte sie.
Daneben ein Raum, noch schmaler, da befand sich das Klo mit extra Waschbecken, nach hinten hin war das Räumchen horizontal abgeteilt, der obere Teil hatte hinten ein Fenster, das mit einer langen Stange zu öffnen war, der untere Teil war zugemauert und verbarg die niedrige Speisekammer, die ja von der Küche aus zugänglich war.
Der erste, große Schritt war getan. Der zweite, bald darauf, war der Tag, an dem ihre Möbel kamen. Und die elf großen Bücherkisten. Meine Güte, so viele Bücher hatten selbst die Hanseaten hier anscheinend noch nie gesehen. So dachte Lene amüsiert angesichts der erstaunten Gesichter mit ungläubig aufgerissenen Augen im Treppenhaus. Möbel und Kisten um Kisten schleppten die Träger unten in den Fahrstuhl und dann oben in die Wohnung. Die Hausbewohner ließen sich das Ereignis nicht entgehen. Man musste doch sehen, was diese seltsam sprechende Frau aus Ostpreußen für Möbel hatte. Viel konnte es ja nicht sein. Eine Frau, naja, die brachte gewöhnlich ihren Nähtisch, Strickkorb, ihre Kochtöpfe, vielleicht ihr Kopfkissen, Blumentöpfe oder ein Heft Backrezepte an. Aber Bücher? Liebe Zeit, was wollte eine Frau denn damit? Ein ganzes Regal voll womöglich? Nein, wo gab es denn so etwas? Selbst vornehme Leute mussten sich doch nicht unbedingt mit Büchern belasten. Und die beiden Kinder, ja, wie redeten die denn? Kaum zu verstehen so ein Kauderwelsch.
Lene dirigierte in der Wohnung die Möbel an ihre richtigen Plätze. Wie und wo sie was stellen wollten, hatte sie zuvor mit ihrem Bruder wohl durchdacht. Der Schreibtisch ins Wohnzimmer rechts hinten ans Fenster, das Bücherregal gegenüber. Der runde Tisch mitten ins Zimmer, dahinter an die Wand das alte Familien-Kanapee. Der Flügel, - na, der war natürlich nicht so einfach zu transportieren, o je, o je, ein Glück, dass Muttchen das nicht mitansehen musste -, der und die Chaiselongue ins zweite Wohnzimmer nebenan. Den anderen Schreibtisch sollte Georg in seinem Zimmerchen haben, der gehörte sowieso zu seinem väterlichen Erbe. Ja, und die Küche wurde jetzt mit weiterem Geschirr und Töpfen richtig ausgestattet. „Fehlt noch der Eisblock für die Speisekammer, Enn, den hast du doch bestellt?“
Ernst lehnte in der Küchentür oder stand abwechselnd in der Diele im Weg und hielt sich an einer Zigarre fest. Ab und zu nickte er, erkannte manches wieder. „Das hast du noch? Ach ja, ich erinnere mich. Herrschaften, das sieht ja hier bald so aus wie bei uns zu Hause früher?“
Die Vergangenheit, dachte Lene, sie hängt sich an Möbeln und Gegenständen fest. Die Vergangenheit, die schleppt doch jeder mit sich herum. Und wir alten Leute erst recht. War sie alt? Mit 47 Jahren? Um Himmels Willen, sollte denn ihr Leben schon fertig sein?
Sie gab sich Mühe. Nach und nach gelang es ihr, die Haynstraße, die Wohnung, das Zusammenleben mit dem Bruder, mit ihren Kindern hier und seinen Kindern drüben im Wohnblock auf der anderen Hofseite, das alles als ein neues Zuhause zu sehen. Die Kinder, vorher gewohnt ihr eigenes Leben, - eigene Freunde, Spiele, Treffpunkte -, zu leben, die rückten dichter an sie heran. Hanna besonders. Gerade sie, die bisher alle unbewussten Privilegien der Tochter, des Vater-Lieblings, gewohnt gewesen war, sie brauchte und fand jetzt ihre Mutter. Sie selbst, Lene, hatte Zeit. Ganz ungewohnt. Sie hatte weder Schüler, noch Schule oder Schul-Organisatorisches hier. Die Kinder brauchten sie, so wie sie die Kinder brauchte. Erstaunlicherweise war es Hanna, die sich am schnellsten eingewöhnte. Begierig sog sie alles Neue hier in der Großstadt in sich hinein, fand ihre Schlupfwinkel und Freundinnen, passte sich an. Alles mit einer Art spielerischer Leichtigkeit, oft wie aus einem Traum heraus und zugleich aus beobachtend kritischer Distanz und mit eigensinnigem Dickkopf. Lene wurde jetzt erst bewusst, wie selbständig die kleine Hanna früher schon gewesen war, wie wenig sich jemand um sie hatte kümmern müssen, wie wenig Zeit sie selbst für ihre Tochter bisher erübrigt hatte. Jetzt wurschtelte sich Hanna ebenso selbständig wie zuvor auch hier durch alle Schwierigkeiten. Früh und unwillkürlich hatte sie Individualität gelernt. Lene erkannte auch sich selbst darin wieder. So hätte sie vermutlich auch reagiert.
Für Georg dagegen war alles schwieriger. Vor einem Jahr erst war er nach Königsberg ins Gymnasium gekommen. Aufatmend, der strengen, gefürchteten Autorität des Vaters entkommen zu sein, hatte er gerade begonnen, sich dort selbst zu entdecken. Besonders nach seiner Konfirmation im Frühjahr war er entschieden ein erstes Stückchen erwachsen geworden. Dennoch der Schock, der plötzliche Druck eines schlechten Gewissens, wenngleich natürlich ungerechtfertigt... Nein, Lene verbot sich daran zu denken. Und jetzt für Georg zusätzlich gleich ein zweiter Schulwechsel. Konnte das anders als eine Katastrophe werden? Der Junge, schmal, feingliedrig wie sein Vater, mehr als normale Größe würde er nicht erreichen, so sehr er sich auch streckte. Die schlaksigen, meist hoch aufgeschossenen, kräftigen Hamburger Jungs dagegen waren durchweg kühl herablassende Hanseaten. Arrogant, so musste Georg sie empfinden. Und sie nannten ihn lässig „Geeorg“, statt des gewohnt liebevollen „Geoorch“. Sobald er aber selbst den Mund aufmachte, bereits nach wenigen Worten, krümmten sich die Bengels vor Lachen. „Kiek mol, der kann ja nich‘ mol richtig Deutsch!“
Georg schwieg erschrocken. Was konnte er denn für seine breite, ostpreußische Schabber-Snut? Nein, über den Klang seiner Kindheit, seiner Freunde, sollte keiner lachen. Er wurde schweigsam, verschlossen. Und wieder erwischte ihn jede Grippe, jede Halsentzündung warf ihn gleich fiebernd zu Bett. Er ging zwar weiterhin zur Schule, solange es irgend nötig war, aber er war nur körperlich anwesend. Innendrin, gedanklich, war er bereits weit voraus und weg, nämlich bei dem Vetter, den Nichten und Neffen in Venezuela. Er musste sich lediglich sein langjährig bewährtes Kaufmannsgespür offiziell bestätigen lassen. Und Spanisch würde er natürlich lernen, das konnte nicht so schwierig sein, er verstand ja bald sogar die s-pitze S-prache der Hamburger Jungs und sogar etwas Hamburger Platt. Alles kein Problem. Und dazu brauchte er nicht mal Abitur. Wen er allerdings brauchte, das war Onkel Enn, den Viva. Das war einer, Mannchen, ein größeres, besseres Vorbild gab es nicht auf der Welt. Wie viele Stunden saß Georg mit dem Onkel in dessen grünem Zimmer und ließ sich zwischen Onkels Pinseln und Farbträumen von Maracaibo, von den Urwäldern Venezuelas, von Trinidad, Curacao und anderen fernen Orten erzählen. Und träumte sich weit weg.
Ernst hatte nichts dagegen. Er mochte den Jungen gut leiden. Und Lene war heilfroh darüber. Georg sollte seinen eigenen Weg suchen und finden. Sie würde ihn zu nichts zwingen, ihn in keine bestimmte Richtung drängen. Was er auch anfing, sie würde ihn unterstützen. So wie ihr eigener Vater sie jederzeit unterstützt hatte.
Und sie selbst? Sollte sie den Rest ihres Lebens hier sitzen, niedergedrückt, gebeugt, mit den Zähnen klappernd und trauern?
Ja, das war wieder eine andere Geschichte.
Umwege zum Ausprobieren - London
Wie einfach war es jetzt, 1953, für begabte junge Menschen das Abitur zu machen. Wie einfach, das zu tun und zu erreichen, was sie erstrebten. Das bekam sie gerade an Kakis Söhnen mit. Bei Georg war das anders gewesen, der erlebte seine Schulzeit immer als Schrecken, als Druck und Tortur. Schule war für ihn fast immer mit Angst verbunden gewesen. Angst vor dem eigenen Vater mit dessen hochgesteckten, unwiderruflichen Anforderungen: als Schulleiter musste der eigene Sohn immer Vorzeigefunktion erfüllen, ob er wollte und konnte oder nicht. Das ließ nie eine Lust am Lernen zu. Als Georg sich dann gerade in Königsberg am Gymnasium zurechtgefunden hatte, kam der Umzug, gefolgt von erneuter Angst, diesmal vor den hanseatischen Schnöseln, die vollkommen anders gestrickt waren und fest in ihren angestammten Familien und Positionen saßen. Richtige Schulfreunde hatte Georg hier in Hamburg nicht gefunden. Kein Wunder, dass er die Schul-Strapazen vor dem Abitur abbrach und einfach weg wollte. Möglichst weit weg. Das konnte nicht so schwierig sein, denn schließlich gab es, dank des geliebten Onkels Viva genug Kontakte nach Venezuela, erstens kaufmännischer, zweitens familiärer Art durch den dortigen Cousin, die Nichten und Neffen. Lene konnte ihm das Vorhaben nicht übelnehmen.
Kakis Jungens zogen ihr Abitur einige Jahre später mühelos und zielstrebig durch, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, - abgesehen von zeitweiligen Unterrichtsausfällen während des zweiten Weltkriegs. Sie selbst, Lene, hatte damals wesentlich länger gebraucht, war nicht ohne verschiedene Umwege ausgekommen. Allerdings, - sie musste lächeln -, diese Umwege hatten ihr nicht geschadet, sondern ihr die Gelegenheit gegeben, sich auszuprobieren. Sie hatte sich nicht gleich festgelegt, sich gewehrt in ein Raster schieben zu lassen. Jung war sie, wie alle einmal jung sind im Leben, aber vielleicht eine Spur neugieriger als die Altersgenossinnen? Und sorgloser? O ja, und sie hatte ihre Jugend genossen, auch wenn sie sich immer gehörig angestrengt und am Riemen gerissen und die eigenen Ziele hoch gesteckt hatte.
Nein, sie bereute nichts. Die beste Zeit ihrer Jugend? „Cheer up, William, you will soon be dead.“
England, das war eine Gelegenheit. Die ließ sie sich nicht entgehen. Die Gelegenheit zu leben. Dass diese Chance nebenher ein notwendiger Teil des Studiums war, nämlich das Gouvernanten-Halbjahr, kam ihr nur gelegen. Sie sagte sofort zu. Ohne zu zögern. Nicht länger ausprobieren, wie oder was sie sein könnte, sondern leben, das würde sie jetzt. Wozu war sie fast 23 Jahre jung? Wozu hatte sie Kräfte? Wozu war sie neugierig auf die Welt gekommen?
Also los. Mit der ihr eigenen energischen Wucht und Wonne stürzte sie sich in das London-Abenteuer.
Im April 1912, - nachdem sie an der Jenaer Universität das Sommer- und Wintersemester 1911/1912 studiert hatte -, machte sie sich auf, und als sie im Pfarrhaus in Lightwood (so wurde der Ort dann für die Danziger Zeitung umbenannt) ankam, war sie, - schwupps -, eine neugebackene Gouvernante. Warum nicht? Gouvernante, das klang besser als simple Erzieherin, klang wie eine vornehme, weitere Stufe zum Lehrerinnen-Dasein.
Natürlich schrieb sie Tagebuch. Und sie berichtete den Eltern zu Hause, wie es ihr erging und was sie erlebte.
Papa hatte die Idee, vieles von Lenes Geschreibsel der Briefe, also ihre unsortierten Spontan-Eindrücke in dem Blatt „Heimat und Welt“, einer Beilage der Danziger Zeitung, abdrucken zu lassen. Es wurden nur die Namen der Familie, bei der sie wohnte, und die Ortsnamen geändert. So erschienen in regelmäßigen Abständen die Berichte „Eine ostpreußische Studentin als Erzieherin in einem englischen Pfarrhause. – Zwanglose Briefe von Magdalena Wüst“
Typisch Papa. Er hatte sie natürlich gefragt, ob sie zustimmte, und das hatte sie.
Sie musste das alles, - Jahre später -, nochmals lesen. So energisch, schwungvoll, impulsiv und lebenslustig hatte sie sich nie zuvor oder später in einen neuen Lebensabschnitt gestürzt. Sie beobachtete, sie erlebte, sie probierte sich in England an der Welt aus. Konnte deshalb dort fast jede kleinste Begebenheit zu einem Abenteuer werden? In der Tat inhalierte sie jedes Erlebnis in vollen Zügen, ließ sich begeistern, mitreißen, - selten aber ohne ihren kritischen Verstand und Humor außen vor zu lassen.
Wie außergewöhnlich war es damals, ins Ausland zu reisen, erst recht für eine alleinstehende junge Frau. Telefonieren? Fotos schicken? Kein Gedanke an so etwas. Einzig geschriebene Worte, also Briefe, zählten. Wenn Lene, - Jahrzehnte später -, an England zurückdachte, wurde ihr einiges deutlich, was mit Zeitgeschichte, technischen Entwicklungen und daran anknüpfenden Gewohnheiten zusammenhing: Wie wenig damals Fotos oder kurzes Filmmaterial eine Rolle spielten, einfach weil es kaum Möglichkeiten dazu gab. Was für immense Bedeutung dagegen hatten geschriebene Worte, Schilderungen von Landschaften, Stimmungen, Erlebnissen. Dazu war allerdings genaues Beobachten notwendig, ohne das ging es nicht. Inzwischen war ein Wechsel im Gange, überlegte Lene. Worte verschwanden mehr und mehr zu Gunsten von Bildmaterial. So änderte sich die Zeit und mit ihr die Gewohnheiten. Lene lächelte. Sie selbst hatte ja so einiges miterlebt, aber die Zukunft, ja, leider würde sie deren Entwicklungen nur noch, so hoffte sie zumindest, einige Jahrzehnte miterleben, wer weiß.
Die England-Erlebnisse begannen mit der Seefahrt vom Hamburger Hafen aus:
An Bord der Vesta, den 21.4.1912, mittags 3 Uhr
So bin ich nun wirklich unterwegs, um auch diesen für mein Studium nötigen Teil, das Gouvernanten-Halbjahr in England, anzutreten. Vorläufig ergeht es mir tadellos, ich glaube wirklich, ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht so himmlisch wohlgefühlt, wie jetzt eben. Ich liege seit morgens früh in meinem Liegestuhl auf Deck und lasse mich von der Sonne braten, sehe nichts als das grüne Meer mit den weißen Schaumkämmen und den blauen Himmel darüber, höre nichts als das Rauschen der Wellen und das leise, einförmige Arbeiten der Maschine. Ich habe wieder einmal mein altes Glück. Der Kapitän sagt, er habe seit Jahren keine so ideale Überfahrt gehabt, und meinetwegen könnte sie noch Wochen dauern! Es war schon 9 Uhr abends, als gestern der Dampfer die Anker lichtete. Es war ein großartiger Anblick, als die Millionen Lichter im Hafen und an den Kais aufblitzten, und dann allmählich schwach und schwächer wurden. Ich blieb auf Deck, solange die Temperatur es erlaubte, sah den Mond und die Sterne heraufkommen und ein Licht nach dem anderen verschwinden, bis die Ufer der Elbe sich immer weiter entfernten und ich müde wurde.
Die Vesta ist ein ganz kleines Ding, nur für etwa 20 bis 25 Passagiere eingerichtet. Wir sind deren acht, ich das einzige weibliche Wesen. Infolgedessen werde ich wie eine Königin behandelt! Alles springt, wenn ich komme. Der Kapitän ist ein entzückender alter Seebär.
Er zeigte mir heute Vormittag auf meinen Wunsch das ganze Schiff, vom Maschinenraum bis zur Logleine, von der Kommandobrücke bis zur Küche. Vom Koch bis zum jüngsten Matrosen sind alle furchtbar nett mit mir. Geschlafen habe ich prachtvoll. Die Kabine ist klein, aber sehr sauber, das Bett so wunderschön, dass ich heute früh gar nicht heraus wollte! Ich liege so, dass ich durch die Luke gerade den Horizont sehen kann, wo Himmel und Meer sich berühren. Ich wachte heute auf, als eben diese Linie rot aufglühte, und gleich darauf tauchte die Sonne als roter Feuerball aus den Fluten empor. Ich freue mich schon, sie abends untergehen zu sehen. Dann schlief ich noch einmal ein und erhob mich gegen sieben Uhr. Von da ab liege ich, wie gesagt, auf Deck und träume und freue mich des herrlichen Bildes.
Der kleine Dampfer ist auf das einfachste ausgestattet, von Komfort und Eleganz keine Spur, und bei schlechtem Wetter mag es nicht sehr angenehm sein, auf ihm zu fahren, aber die Überfahrt auf einem der vornehmen Schiffe des Hapag ist doch erheblich teurer und kostet, -während ich auf der Vesta nur 40 Mark einschließlich der Verpflegung zu zahlen habe -, mehr als das Doppelte dieser Summe. Das Essen ist sehr schmackhaft zubereitet und gut, auf eine Auswahl unter mehreren Gerichten muss man freilich verzichten. Es muss eben gegessen werden, was der Steward aufträgt: morgens Kaffee nebst Gebäck, um 9 Uhr warmes Frühstück, um 1 Uhr Mittag (Suppe, Braten mit Gemüse und Kompott, Pudding, Apfelsinen), um 4 Uhr Kaffee, abends – habe ich noch nicht gegessen, da ich gestern für alle Fälle, im Hinblick auf die Gefahr der Seekrankheit, nüchtern zu Bett gehen wollte. Aber heute soll mir’s auch abends gut schmecken, denn der Gedanke, ich könnte seekrank werden, kommt mir nicht im Entferntesten in den Sinn. –
Soweit bin ich nun! Hin und wieder fliegt eine Möwe vorbei, und am Horizont zeigen sich öfters Schiffe. Von Zeit zu Zeit kommt der Kapitän und gibt mir sein Fernglas und fügt Erklärungen hinzu: „Das ist ein Fischdampfer“, „das der Norderneyer, das der Borkumer Feuerdampfer, das ein Ozeandampfer des Norddeutschen Lloyd“, er tut, als wäre er mein Großvater!
Abends, 10 Uhr
Die Blinkfeuer von Terschelling und Texel an der holländischen Küste sind versunken, nun gehen wir ins offene Meer. Ich sitze in der Kajüte. Bis jetzt war ich an Deck, rauchte Zigaretten, die der Kapitän mir geschenkt hatte und ließ mich vom Steuermann unterhalten, obschon ich, da er holsteinisches Plattdeutsch spricht, so gut wie kein Wort verstand. Dagegen habe ich vorhin dem Zimmermann beinahe in den Armen gelegen, da ich plötzlich sein unverkennbar Königsberger Platt hörte und wir uns als biedere Ostpreußen zusammenfanden.
An Bord der Vesta, den 22. April, morgens
Land! Ganz hinten im Nebel taucht Englands Küste auf. Der Kapitän hat mir auch schon an der Färbung des Meeres gezeigt, dass wir bald in die Themse kommen. Ich bin in den zwei Tagen schon der reine Seemann geworden!
Nachmittags 4 Uhr
Und jetzt sind wir wirklich in England! Ich liege im Faulenzer und lasse rechts Essex und links Kent vorüberziehen. Alles strahlt in hellem Sonnenschein: Wiesen, Hügel, Bäume. Es ist ein entzückendes Bild! Der englische Lotse ist schon seit einer ganzen Weile an Bord, und ich habe mich auch mit ihm ganz flott unterhalten können.
Da aber taucht London auf, das Ziel der Reise.
Dann kam sie also ins Pfarrhaus in Lightwood und lernte seine Bewohner kennen:
Lightwood, den 23. April
Zum Schluss der Fahrt hatten wir noch einen sehr üblen Unfall: wir mussten, da wir nicht mehr die Flut erreichten, bis 12 Uhr nachts vor Gravesende liegen und kamen also erst nachts 2 Uhr in London an. Fräulein Jane, die gute Seele, die an der Landungsstelle erschienen war, um mich zu empfangen, hatte das vom Dockmeister erfahren und holte mich heute morgen 7 ½ Uhr ab, brachte mich sicher bis Marelybone-Station, und von dort kam ich in etwa 30 Minuten glücklich bis hierher, an den Ort meiner neuen Tätigkeit, wo ich von der Familie Rockesmith, namentlich von meinen künftigen Schülerinnen Liz und Bella, freundlich begrüßt wurde. …
Es würde wohl eine Weile dauern, meinte Lene, bis sie sich gewöhnt hätte, da alles so anders sei als zu Hause. Aber die Gegend sei „paradiesisch schön“, lobte sie und beschrieb, wie alles der sanft hügeligen Landschaft rundum grün belaubt und in Blüten stand auf Wiesen, in Feld und Wald und in Gärten. Das kleine Dorf habe nur 1900 Einwohner, das Pfarrhaus liege dicht an der Kirche, herrlich sei der Pfarrgarten und sehr verlockend der Tennisplatz dahinter.
… Aber das Innere des Hauses selbst – Ihr könnt euch keine Vorstellung machen! Während bei uns in den Zimmern eine gemütliche Ordnung herrscht, Tische, Sessel und Stühle freundlich gruppiert den Mittelpunkt bilden und auf die Stellung des Klaviers und der Spiegel besondere Rücksicht genommen wird, sieht man hier in den vielen Räumen des großen Hauses überall ich möchte sagen eine geniale Unordnung. Wohin du kommst, überall stehen Schalen voll wunderbarer Blumen, überall helle Tapeten, weit geöffnete Fenster, fliegende Türen, überall Luft und Licht. Aber die Möbel und was auf den Tischen so umherliegt, alles durcheinander und beladen mit Gegenständen, die nach unserem Geschmack nicht in ein Wohnzimmer hineinpassen. Mein Zimmer ist hell und groß, nur kann man darin unmöglich etwas anderes tun wie schlafen! Bett, Waschtisch, Spiegelschrank, Spiegeltoilette, Spiegelkommode, Spiegel über dem Kamin, doch nur ein einziger Stuhl, eine Fensterbank, kein Tisch – das bildet seine Ausstattung. Ich schreibe diesen Brief in der Nursery, einem unglaublich lustigen Zimmer. Mich umgibt ein Chaos von Büchern, Blumen in Töpfen und Vasen, Nähmaschine, Spielsachen, Vogelbauer, Schaukelstuhl, Bilder, Wäscheschrank. Ich wollte meine Hutschachtel auf einen Schrank stellen, das war jedoch leichter gedacht als getan. Erst mussten alte Tennissachen , schmutzige Vorhänge, Bürsten, Papier usw. entfernt werden. Im ganzen Hause steht alles offen, Schränke, Schubladen, Schreibtische. Schlüssel gibt es nicht. Nun bin ich natürlich weit davon entfernt zu verallgemeinern. Es wird gewiss in sehr vielen englischen Häusern Ordnung gepaart mit höchster Sauberkeit herrschen, aber man findet, wie ich nun sehe, auch in dem Hause hochgebildeter Engländer, unter die ich die Familie meines Mr. John Rockesmith doch rechnen muss, geringeres Verständnis für das, was uns unsere Häuslichkeit erst behaglich macht.
Über die Menschen, die mich umgeben, kann ich selbstverständlich noch nicht urteilen. Sie scheinen mir alle mehr Originale als Typen zu sein. Er, der Reverend, gefällt mir zunächst am besten, ein langer, dünner, echter Engländer, Hände in den Hosentaschen, trotz seiner grauen Haare dem Tennisspiel mit Passion huldigend. Von meinen beiden Zöglingen macht Liz einen klugen, netten Eindruck, ganz süß ist das kleine Geschöpf, Bella, bildschön und graziös, und wie ein Quirl beweglich.
Lightwood, den 28.April
Der erste Sonntag! Ich will ihn benutzen, um Euch, so gut ich kann, mein Leben hier zu schildern. Ich stehe um 6 ½ Uhr etwa auf, früher als alle anderen Hausgenossen, und gehe bei schönem Wetter in den Garten, bei schlechtem in die Nursery, d.h. Kinder- und Schulstube, wo ich meine Bücher habe. Ich möchte hier einschalten, dass ich für die kleine Kiste, in der die Bücher verpackt waren, sage und schreibe 34 Mark an Frachtkosten bezahlt habe. Und in welcher Verfassung kam dabei die Kiste an! Die Vorlegeriegel waren fortgerissen, der Deckel mit gewaltigen Nägeln aufgenagelt, die Bücher durchwühlt, der Inhalt zum Teil zerbrochen! Na, das nebenbei! Um 8 Uhr kommt Bella, die jüngere Schülerin, zur Klavierstunde. Sie ist noch bei „Mädchen, warum weinest du?“ und hat täglich nur ¼ Stunde. Um 8 ¼ ist Frühstück. Die Familie beginnt es mit Porridge, einem furchtbaren Brei aus Haferoats, Milch und Zucker, den zu genießen ich mich nicht überwinden kann. Aber es reihen sich ja auch manche anderen guten Sachen daran, Eier, Schinken, Wurst (gebraten), irgendetwas von Fischen, dazu immer Toast, Butter, Weißbrot, Marmeladen, Tee oder Kaffee. Nach dem breakfast füttern wir Hühner, Hunde, Katzen, Vögel, und alsdann liest der Reverend die Morgenandacht, wirklich sehr nett, in durchaus würdiger Weise. Wir sitzen alle im Wohnzimmer auf Sesseln und Sofas umher in der bekannten Unordnung. Der Hund bellt, die Hühner kommen aus dem Garten durch die offene Tür herein. Es wird eine kurze Bibelstelle gelesen, – plötzlich wälzen sich alle von ihren Sitzen auf die Knie und vergraben das Gesicht in den Händen, um zu beten. Aber es ist tatsächlich so, man steht nicht etwa auf und kniet nieder, nein, die Andächtigen rollen sich sozusagen vom Stuhl auf die Erde. Ich bin so schnell von Begriff und machte die eigenartige Gebetsübung sofort mit und jetzt habe ich es darin schon herrlich weit gebracht. Und um das gleich hier zu sagen: von der englischen Frömmigkeit ist Gott sei Dank im Hause nichts zu merken. Alle Hausgenossen sind vergnügt, spielen alle andauernd auf einem schlimmen Klavier die dröhnendsten Gassenhauer, singen und tanzen. Vor Tisch wird nicht gebetet und ebenso wenig nachher. Nach dem Prayer beginnt in der Nursery der eigentliche Unterricht, der bis 1 Uhr dauert. Da meine beiden Schülerinnen so ganz verschiedenen Alters sind, – Bella ist 8 und Liz 16 Jahre alt -, gestaltet sich für mich der Unterricht recht schwierig, so dass ich zur Zeit ziemlich verzweifelt bin. Nachmittags tun beide Mädchen nichts mehr für die Wissenschaft, wie sie denn überhaupt unfähig sind, allein zu arbeiten. Häusliche Schularbeiten kennen sie nicht. Um 1 Uhr ist Lunch: Fleisch (kalt oder warm) und Pudding. Dann gehen wir drei spazieren, und das ist nun wirklich wundervoll. Der Wald ist gerade jetzt bezaubernd. Der Boden ist blau von einer Art wilder Hyazinthen, blue-bells, die herrlich duften, und wilde Obstbäume und mannigfache Sträucher stehen in voller Blüte. Und das alles auf diesem entzückenden Gelände von Hügeln und Tälern und weiten Wiesen. Um 4 Uhr haben wir drei Tee in der Nursery: Tee, Kuchen, Weißbrot (eine Art Strietzel, Schwarzbrot kennen die Engländer gar nicht), Butter, Marmeladen. Nach der Teestunde bin ich eigentlich frei, aber auch jetzt komme ich noch nicht dazu, etwas für mich zu arbeiten. Der Reverend bittet mich, ihm bei seinen Bienen zu helfen, seine Gattin will meine Hilfe zur Vorbereitung für ein Theaterstück, das am Geburtstage der Queen Victoria im Dorf aufgeführt werden soll, Liz will Tennis spielen usw. Auch zum Nähen wurde ich neulich – allerdings in liebenswürdiger Weise – aufgefordert, habe aber die gewünschten Arbeiten in den Handarbeitsstunden am Vormittag erledigt. Um 7 ¼ oder 7 ½ Uhr ist Dinner. Die Familie erscheint in denselben Kleidern, die sie den ganzen Tag über getragen haben und daher nicht gerade sehr sauber sind, ein ganz unfasslicher Kontrast zu der entzückenden Tafel: alles Silber, Blumen, feinstes Porzellan. Es gibt drei Gänge: Suppe oder Fisch, Braten und Pudding und als Nachtisch meistens Bananen. Und nun erst, nach dem Dinner, kann ich wirklich tun, was ich will, und kann mich meinen Büchern widmen. Zum Schluss noch ein kurzes Wort über den heutigen Gottesdienst. Er begann um 11 Uhr, die Kirche war von Andächtigen gefüllt. Den ersten Teil des Gottesdienstes – etwa eine Stunde lang – bildeten Gebete und Lieder, während welcher die Gemeinde fast andauernd kniet. Wunderschön ist das Singen. Die Melodien sind bewegt und fast lustig zu nennen. Die Gemeinde singt sehr gut die erste, acht bis 12 Chorknaben mit dem Pfarrer singen zweite Stimme. Alle Texte sind mit dynamischen Zeichen versehen, piano, crescendo, forte usw. Der Gesang klingt bei leiser Orgelbegleitung prachtvoll. Dann folgt eine ganz kurze Predigt, ziemlich naiv heute und ohne tiefere Gedanken. Gebet und nochmaliger Gesang schließen die kirchliche Feier. Von der Predigt verstand ich jedes Wort. Bei Tisch erklärte sich das freilich: Mr. Rockesmith habe meinetwegen so langsam gesprochen, langsamer und deutlicher als sonst. Der Abendgottesdienst, der hier um 6 ½ Uhr anfängt, verläuft im Allgemeinen wie der Gottesdienst am Vormittag, ist aber kürzer.
Nach einiger Zeit hatte sie Gelegenheit zum ersten Mal allein nach London zu fahren.
Lightwood, den 22. Mai 1912
Es wird hier im Garten von Tag zu Tag schöner. Das ganze Haus ist von gelben Rosen umrankt, sie sehen zu meinem Fenster herein. Täglich gehen wir in den Wald und freuen uns der herrlichen Luft und der Vögel und Blumen. Englische Kinder leben viel mehr mit Tieren und Pflanzen zusammen, ich glaube sehr zum Vorteil für den Charakter. Liz spricht mit jedem Huhn, jeder Biene und kennt jede Vogelstimme, Bella weint über jede Blüte, die ohne Wasser sterben muss und könnte nicht essen, ohne vorher ihren Vogel gefüttert zu haben.
Am Himmelfahrtstage, der merkwürdigerweise hier zu Lande kein rechter Feiertag ist, an dem nur ein kurzer Gottesdienst abgehalten wird und Läden und Schulen in vollem Betriebe sind, war ich zum ersten Male ohne Führung und ohne Begleitung in London, um im „King’s College“ meine akademischen Studien zu beginnen. Es war alles sehr spaßig. Ich fragte mich bis zum Office durch, bezahlte das Honorat für die Vorlesungen und erhielt eine Karte. Nach mehrfachen Irrgängen gelangte ich in meine Klasse, einen dunklen, unsauber gehaltenen Raum, halb unter der Erde, mit recht unbequemen Schulbänken ausgestattet. Etwa 40 Hörer, zum größeren Teil Damen, erschienen nach und nach, man sitzt in Hut und Jacke. Dann kam Professor G. und fing an King Lear zu lesen. Nach drei Minuten machte er halt, kam auf mich zu und erkundigte sich in liebenswürdigster Weise nach meinem Namen, meiner Heimat usw. und setzte dann seine Vorlesung fort. Übrigens wird man bei Beginn der Stunde aufgerufen, also richtiger Schulbetrieb! Auf dem Wege nach dem College, das in einem sehr feinen Stadtviertel Londons liegt, habe ich Schönes und Interessantes gesehen. Gleich anfangs hatte ich das Glück, King Georg und die Königin in prächtigem Galawagen an mir vorüberfahren zu sehen. Alles blieb stehen und nahm den Hut ab, aber kein Hurra, kein Hochrufen ertönte. Dann fuhr ich mit dem „bus“ (Auto-Omnibus) nach Hyde Park. Aber wahrlich, Ihr könnt Euch kein Bild machen von dem Betrieb in London! Was der Potsdamer Platz in Berlin im Verhältnis zu unserem Marktplatz im guten Osterode ist, das ist hier eine der belebteren Straßen gegenüber der Leipziger oder der Friedrichstraße in Berlin. Eine ununterbrochene Reihe von bus, Autos, Wagen, Radlern, Ausrufern usw. schiebt sich, aber buchstäblich genommen, die Straßen entlang. Alles rennt, hastet, ohne sich aufzuhalten. Der Verkehr ist aber tadellos geregelt durch Schutzleute, die überall sind, sehr zuvorkommend Auskunft erteilen und durch eine Armbewegung alles zum Stehen bringen. Der Hyde Park ist entzückend. Ich war gerade dort, als die feine Welt Londons zu Pferd, Wagen und Auto sich amüsierte. Und am schönsten ist dies: In dem ganzen Riesenpark kein Zaun, kein „Verboten“, kein Gitter. Quer über jeden Rasen darfst du gehen, überall liegen die langen Engländer im Gras und schlafen, Kinder spielen unter den prachtvollen alten Bäumen, niemand läuft uniformiert umher und passt auf. Und noch niemals sah ich einen besser gehaltenen Park! Die Erziehung der großen Menge ist in England sicherlich vorgeschrittener als bei uns. Vom Hyde Park, wo ich mir noch das Albert Memorial ansah, ging ich zu Fuß durch die prachtvolle Reihe von Palästen und öffentlichen Gebäuden des westlichen London und gelangte endlich, zum Schluss die „tube“ (Untergrundbahn) benutzend, glücklich in Lightwood wieder an.
Lightwood, den 26. Mai
Gestern in London war es wieder wundervoll. Ich war in der Westminster-Abtei. Schon von außen betrachtet wirkt die ganze Anlage großartig, besonders das dicht daneben liegende Parlamentsgebäude in seinen gewaltigen Größenverhältnissen. Etwas Ähnliches wie Westminster gibt es wohl kaum zum zweiten Mal: die ganze Geschichte Englands ist da von frühester Zeit an zusammenbedrängt. Könige, Staatsmänner, Dichter und andere Künstler, Freunde und die ärgsten Feinde ruhen in Frieden zusammen: Pitt und Fox, daneben Darwin, Händel, Maria Stuart und Elisabeth – alle findet man in den weitern Räumen. Die Gotik ist zum Teil durch Renovierungen etwas gestört, im Großen und Ganzen aber prachtvoll. Das Leben in London auf den Straßen kommt mir jedes Mal lauter und verwickelter vor. Es ist nun allerdings gerade jetzt – Mai, Juni, Juli – die Hochsaison hier, besonders was Theater, Konzerte und Gesellschaften anbetrifft. Ich bin denn auch, um möglichst viel kennen zu lernen, leichtsinnig gewesen und habe mir zum 4. Juni ein Theater-Billett bestellt. Denkt dann an mich. Ich werde im feinsten Londoner Theater den ersten englischen Schauspieler Sir Herbert Tree im Shakespearischen Julius Cäsar sehen!
Jenes erste Theater-Erlebnis, nein, das würde sie niemals vergessen:
Lightwood, 4.Juni, nachts 1 ½ Uhr
Liebster Vater, wundere Dich nicht über die sonderbare Zeit, in der ich diese Zeilen auf das Papier werfe. Es ist mir einfach unmöglich, ins Bett zu gehen, ohne einem Menschen erzählt zu haben, dass ich so begeistert gewesen bin, wie noch nie in meinem Leben. Und da bist Du ja wohl „der nächste dazu“, um mit Reuter zu reden, denn Du kennst die Römer und kannst Dir etwas darunter vorstellen, wenn ich Dir erzähle, ich habe mit Mark Anton an der Leiche Cäsars gestanden und mit den tausend Römern gejauchzt und geschrien und mit Brutus den Geist Cäsars im Zelt gesehen und schließlich vor der Leiche Brutus‘ das Schwert gesenkt und gesagt: „Das war ein Mann!“ Bitte tu mir die Liebe, Vater, und lies morgen wieder einmal Julius Cäsar! Du kannst Dir ja von der Wucht und der unmittelbaren Wirkung keine auch noch so geringe Vorstellung machen, aber versuche, Dir vorzustellen, dass Deine doch sonst reichlich phlegmatische Tochter Lene mit unzähligen Englishmen bei dem ersten Siegeseinzug Cäsars einfach mitgejubelt hat mit den Römern auf der Bühne, dass sie bei dem „Et tu, Brute“ sich mit beiden Händen hat festhalten müssen, um nicht einfach auf das Forum zu stürzen, und dass sie ganz richtig geweint hat, als Brutus die kurzen Worte sagt: „Portia ist tot!“ Und nun gar die Leichenrede des Mark Anton! Wie kann ein Mensch so spielen! Was für ein jämmerliches Zeug sind doch die Erzeugnisse unserer modernen Dramatiker gegen die Dramen Shakespeares! Das ist Leben, das sind Menschen aus Fleisch und Blut. Allerdings vereinigte sich nur heute auch alles zu einer geradezu glänzenden Vorstellung. Die Ausstattung märchenhaft: das römische Volk auf den Straßen, der Senat – wirklich, eine Versammlung von Königen! Cäsar mit dem Marmorgesicht und dem goldenen Lorbeerkranz im Haar, Brutus und all die Verschwörer einfach glänzend, Mark Anton, wie schon gesagt, unübertrefflich (Herbert Tree, der „Star“ Englands!), das Gewitter auf der Bühne so täuschend echt, dass mehrere Damen im Zuschauerraum bei Blitz und Donner aufkreischten, das Schlachtfeld von Philippi mit den kämpfenden Römern in blinkenden Panzern und klirrenden Schildern und Schwertern – man kann das eben nicht beschreiben, man muss es sehen und hören und miterleben. Und dann – wie gut war ich vorbereitet auf die Vorstellung im Theater! Ich hatte das mir ganz bekannte Stück natürlich vorher englisch gelesen, Schückings Kolleg darüber noch einmal durchgearbeitet, und hätte so fast soufflieren können! Der Jubel und Beifall wollte natürlich nicht enden! Ich schaudere noch zusammen, wenn ich die Verschwörer im Geist ihre Hände in Cäsars Blut tauchen sehe und dann über seiner Leiche die Schwerter zum Schwur zusammenschlagen höre, und wahrscheinlich wird mir im Traum Cäsars Geist erscheinen! Hättest Du es doch sehen können!
5. Juni, früh morgens
Also – auch bei Tageslicht betrachtet – sie war wirklich ganz wunderbar schön, diese Shakespeare-Aufführung. Sehr sonderbar berührte es mich zuerst, dass kaum ein Mensch im Theater ablegte. Vor mir saß ein Riesenhut, der erst auf meine Bitte hin verschwand, und ich glaube gern, dass die folgende niedliche Geschichte wahr ist: Ein Herr im Theater wendet sich an die im Parkett vor ihm sitzende Dame mit den Worten: „Ich habe 10 Shilling für meinen Platz bezahlt, kann aber nur Ihren Hut sehen, möchte Sie also höflichst bitten, denselben abzunehmen!“ Worauf die Lady entrüstet erwidert: „Und ich habe 10 Pfund für meinen Hut bezahlt, kann also verlangen, dass er gesehen wird!“
Vor dem Theater war ich mit Fräulein Jane in der St. Pauls-Kathedrale, dem Mittelpunkte Londons. Das der Peterskirche in Rom nachtgebildete Gebäude ist wundervoll, am schönsten die in ihrer großartigen Ruhe und Stille gewaltig wirkende Krypta mit den Gräbern von Nelson und Wellington. Als wir um 4 Uhr hereinkamen war gerade Gottesdienst. Die herrliche Orgel durchbrauste den gewaltigen Kuppelbau, dessen Fenster von der Sonne beleuchtet wurden und die hellen Knabenstimmen des Chors sangen eine Motette. Überall kniende Menschen, am Altar ein Geistlicher, der mit monotoner Stimme singend eine Bibelstelle las, rings umher Fremde, die sich in der Besichtigung der Kirche kaum stören ließen, ganz unwillkürlich sah ich mich nach dem Weihwasserbecken um, so außerordentlich erinnerte alles an eine katholische Kirche. Täglich findet in St. Paul Gottesdienst statt, zweimal sogar und sonntags viermal. Wir stiegen sogar die 300 und mehr Stufen zur Whisgeringalerie hinauf und dann noch höher, wo man von einem Rundgang um die Kuppel einen herrlichen Blick über die City hat, dies Stück London gerade, wo jedes Haus fast durch Dickens für alle Zeiten unsterblich gemacht ist. Wir beide, Fräulein Jane und ich, hatten es vorher durchwandert, dieses Gewirr von Gassen mitten im Geschäftsviertel, wir wollten zur Börse, in die man aber leider zur Geschäftszeit nicht hineinkam, wie doch z.B. in Berlin.
Heute hatten wir hier einen Kricket-Match, etwas, was man in Deutschland nicht kennt. Die Entwickelung und der Verlauf des Spiels haben mich brennend interessiert, ich war den ganzen Nachmittag draußen auf dem Platz…
Immer wieder etwas Neues also. Sie inhalierte alles und jedes und berichtete den Eltern davon. Vor allem die große Stadt London interessierte sie brennend.
…Am letzten Dienstag in London war so herrliches Wetter, dass ich alle Museen usw. verschmähte und ziellos durch die Straßen wanderte. Das macht mir immer von neuem großes Vergnügen. Das ganze Gepräge des Londoner Lebens ist so vollkommen anders als das Berliner z.B. Da sieht man, glaube ich, doch nicht in dem Maße den größten Luxus und die gräulichste Armut dicht nebeneinander. Wenn man darauf achtet, findet man zwischen den feinen Gestalten der Londoner Damen, die zwischen 5 und 7 „shopping“ gehen (d.h. Einkäufe machen) die elendesten Figuren, die sich scheu nach jeder Haarnadel bücken und Bindfäden, Knöpfe, Papier in ihren Taschen verschwinden lassen. Es gibt hier tatsächlich ein Stadtviertel, in das sich niemand hereinwagt, nicht einmal die Polizisten. Sehr interessant sind auch die Straßendemonstrationen. Da stellt sich irgendein Kerl wie der Kapuziner im „Wallenstein“ mitten in den Hyde Park oder der Trafalgar Square und schreit los. Tausende scharen sich um ihn und hören atemlos zu. Ich habe es im Hyde Park einmal gesehen, es soll aber gerade jetzt bei den ewigen Streiks fortwährend vorkommen. Wenn nicht Geldgeben auf der Straße national-ökonomisch ein Blödsinn wäre – hier käme man oft in die Versuchung, es zu tun. Als ich neulich einmal bei strömendem Regen ins College rannte, gestoßen und gedrängt von dem Menschengewühl, das gerade um 6 am „Strand“ unglaublich ist, stand unbeweglich ein alter Blinder an einer Ecke und spielte Geige. Keine Seele sah sich nach ihm um. Die Autos und Bus und Kutschen sausten vorbei, die Menschen liefen, der Regen goss und verwandelte das an und für sich dreckige London in eine große Lehmpfütze – der Alte stand und spielte seinen Choral ungehört und unbeachtet.
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