Kitabı oku: «Aufrichten in Würde»

Yazı tipi:

Fachbücher therapie kreativ

Band 9

Aufrichten in Würde

Modelle und Methoden leiborientierter

kreativer Traumatherapie und -begleitung

Frick-Baer, Gabriele

Aufrichten in Würde

Neukirchen-Vluyn:

Affenkönig Verlag 2009

ISBN 978-3-934933-39-2

© 2009 Affenkönig Verlag, Neukirchen-Vluyn

1. Auflage 2009

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Barbara Meier

Satz: TRITUM, Jena

Umschlaggestaltung: Schneider Visuelle Kommunikation unter

Verwendung eines Bildes von © Klaus Schneider

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Gabriele Frick-Baer

Aufrichten in Würde

Modelle und Methoden leiborientierter

kreativer Traumatherapie und -begleitung



Gabriele Frick-Baer (Neukirchen-Vluyn – Jg. 1952)

Ich bin Diplom-Pädagogin, Kreative Leibtherapeutin (HPG), Kreative Traumatherapeutin. Mitbegründerin der Zukunftswerkstatt therapie kreativ und Autorin zahlreicher Fachveröffentlichungen.

Ich war in der Mädchenarbeit, der Erwachsenenbildung und der Leitung eines Frauenaufnahme- und -wohnheims tätig. Ich arbeite seit vielen Jahren in freier Praxis und leite Ausbildungsgruppen in Tanz-, Musik- und Kunsttherapie, Kreativer Leibtherapie sowie Kreativer Traumatherapie bei der Zukunftswerkstatt therapie kreativ und an Hochschulen und anderen Institutionen.

www.zukunftswerkstatt-tk.de

Inhalt

1 Annäherung

2 Das Traumaerleben und seine Folgen

2.1 Spuren und Phänomene

2.2 Traumatische Situationen und Phasen des Traumaerlebens

2.3 Biologisch-neuronale Prozesse und Folgen für das Erleben und Erinnern traumatischer Erfahrungen

2.4 Vier Konsequenzen, vier Essentials

2.4.1 Die traumatische Erfahrung ist ein Erlebensprozess

2.4.2 Worte allein reichen nicht

2.4.3 Würdigen, was ist

2.4.4 Beziehung, Beziehung, Beziehung

3 Essential „Leib“: Grundlegende leibtherapeutische Modelle des Verstehens und der Hilfe

3.1 Erregungskonturen und Erregungspulsieren

3.1.1 Vom Erregungsverlauf zur Erregungskontur

3.1.2 Erregungskonturen spielerisch-kreativ verändern

3.1.3 Den Fuß in die Tür bekommen …

3.2 Bedeutungsräume

3.2.1 Der Intime Raum, der Persönliche Raum und der Öffentliche Raum

3.2.2 Der Zentrale Ort, der Unzerstörbare Kern

3.3 Primäre Leibbewegungen – vom Gehört-Werden und Hinschauen über das Greifen zum (misstrauischen) Lehnen …

3.4 Raum- und Richtungs-Leibbewegungen – Boden und Gerichtetsein

3.5 Konstitutive Leibbewegungen – die Suche nach Ruhe und Entspannung

3.6 Körpererleben und Körpergedächtnis – von der Fragmentierung zur Integration

3.7 Resonanzbereitschaft, Resonanzebenen und Resonanzmuster – wenn nichts mehr klingt oder zu viel klingt

3.8 Das ABC und die Grammatik der Gefühle

3.9 Spuren der Dissoziation: der Spalt im Dunkeln

4 Essentials „Kreative Zugänge“: wenn Worte allein nicht reichen ...

4.1 Klecker- und Verwandlungsbilder

4.2 Rahmenbilder

4.3 Tänzerische Dialoge

4.4 Verraumen und der sichere Ort

4.5 Musikalisches Verraumen und musikalische Dialoge

4.6 Puppen und Tiere

4.7 Stoff

4.8 Ton

4.9 Schattenbewegungen

4.10 Gesten

4.11 Anklageschriften, Briefe und andere literarische Formen

4.12 Aktives Symbolisieren

4.13 Kreative Gestaltungen: Scham, Ekel, Schuld

4.14 Der Tanz der Würde

5 Essential „Alles würdigen, was ist“: die vier B

5.1 Die vier B: Beziehung, Boden, Begegnung, Bewältigung

5.2 Zwei Ideologien: „Immer muss man …!“ und „Niemals darf man …!“

5.2.1 Lächeln statt Konfrontation?: „Niemals darf man …“

5.2.2 Erst Stabilisierung, dann Konfrontation?: „Immer muss man …“

5.2.3 Die Perspektive wechseln: Würdigen, was ist!

5.3 Die vier B im therapeutischen Prozess

6 Essential „Beziehungserleben“

6.1 Widersprüche, Widersprüche, Widersprüche

6.2 Die Notwendigkeit des Misstrauens

6.3 Mein Raum, dein Raum, unser Raum

6.4 Nähren – Spiegeln – Gegenüber

6.5 Die vier Geißeln der Würde

6.6 Zuversicht und Alltagsverknüpfung

7 Traumatisches Erleben und Krankheit

7.1 Fibromyalgie: die Scham, die zündelt

7.2 Essstörungen und Trauma

8 Traumatherapeutische Praxis auf dem Prüfstand

8.1 Nicht alles ist heilbar – wenn fast die ganze Welt triggert

8.2 Ähnlichkeit – Falle und Chance

8.3 Verortung – Werte – Standpunkt

Literaturverzeichnis

Danksagung

1

Annäherung

Ich widme dieses Buch den Menschen, die ein Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

Meine therapeutischen Erfahrungen beruhen überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, auf der Arbeit mit erwachsenen Frauen, die als Kinder und Jugendliche tiefe Verwundungen davongetragen haben, mitten in Deutschland, mitten in normalen, sprich: sozial unauffälligen, meist sogar gut „angesehenen“ Familien. Sie haben den Krieg, den Terror und den Horror innerlich erlebt und müssen ihn oft noch tagtäglich weiter erleben mitten in einer Zeit, die gesellschaftlich und politisch gesehen eine Zeit des Friedens ist. Ich bin voller Hochachtung, wie diese Klientinnen und Klienten ihr Leben meistern, und danke ihnen, dass ich von ihnen lernen durfte und darf. Sie verdienen den Schutz ihrer Intimität, wenn über sie geschrieben wird. Diese Intimität in diesem Buch zu wahren und zu gewährleisten – darum werde ich mich bemühen. Wenn ich ihre Erfahrungen mitteile, selbstverständlich anonymisiert und verfremdet, dann nicht, um das Leiden ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren, sondern nur deshalb und in dem Maße, wie es mir unerlässlich erscheint, um Wege der Unterstützung aus dem Schrecklichen aufzuzeigen. Ich hoffe, ich erweise mich dieser Menschen als würdig.

Dieses Buch ist geschrieben für Therapeutinnen und Therapeuten, die mit diesen Menschen arbeiten. Traumahilfe umfasst Traumatherapie und Traumabegleitung. Dieses Buch soll deshalb, so wünsche ich es mir, auch anderen, die traumatisierten Menschen helfend, begleitend und beratend zur Seite stehen, Einsichten bestätigen und vertiefen helfen, Perspektiven eröffnen und Anregungen geben. Es richtet sich an alle Kolleginnen und Kollegen, an die Frauen und Männer mit den unterschiedlichsten beruflichen Identitäten, die persönlich-professionelle Erschütterungen in Kauf nehmen, um den Menschen, die „aus der Welt gefallen sind“, auf ihrem Weg (zurück) ins Leben zur Seite zu stehen. Ich hoffe, auch ihnen erweise ich mich als würdig.

Der Weg von Menschen, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, führt, wenn er heilsam gelingt, vom „Traumaopfer“ zur oder zum „Traumaüberlebenden“, wie u. a. Michaela Huber formuliert. Wie unterschiedlich dieser Weg und seine Bezeichnung für jede und von jeder einzelne/n Person auch ist, so gibt es doch eine Leitorientierung, die für Therapeut/innen und ebenso für die Klient/innen wegweisend sein kann. Wir, meine Kolleg/innen und ich, die sich den grundlegenden Werten der Kreativen Leibtherapie verpflichtet fühlen, nennen die Leitorientierung: „in Würde aufrichten“.

Sexuelle Gewalt ist erniedrigend, der Weg des Verarbeitens und der Loslösung aus dem Trauma ist ein Weg des Aufrichtens. Auch andere traumatische Erfahrungen, denen Gewalt und der Verlust des Vertrauens und Selbstvertrauens innewohnt, führen zu Gefühlen der Erniedrigung, der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins; auch die hiervon Betroffenen brauchen den Weg des Aufrichtens.

Aufrichten ist das Erleben, aus der Ohnmacht und Erstarrung wieder in Bewegung zu kommen, sich wieder rühren zu können. Aufrichten ist das Erleben, wieder zu stehen, wieder den Kopf zu heben, wieder der Welt in die Augen zu sehen.

Aufrichten heißt, sich körperlich wieder als durchlässig zu spüren, von unten nach oben und von oben nach unten, den Körper bzw. das Körperempfinden als zu sich selbst gehörend, als eigen, zurückzugewinnen.

Aufrichten ist der Prozess, aufrichtig werden zu können, mit sich und mit anderen, durch das Misstrauen, die Angst und die Scham hindurch und mit Misstrauen, Angst und Scham.

Aufrichten bedeutet zu spüren, wer das ist, wenn „ich ‚Ich’ sage“.

Aufrichten braucht einen Boden, auf dem ein Mensch stehen kann.

Aufrichten braucht Rückendeckung und ein aufrichtiges bzw. aufrichtige Gegenüber und eine Umgebung, die Freiheit für die Entwicklung von Eigen-Sein ermöglicht und Halt gibt.

In Würde aufrichten bedeutet nicht, sich aufzurichten um jeden Preis, sondern bedeutet auch, sich wegducken zu können, wenn es hilfreich ist, um sich zu schützen. Kämpfen, sich wehren, fliehen, sich verstecken, sich erwärmen für bestimmte wohltuende Menschen und anderen die kalte Schulter zeigen, all das kann „in Würde aufrichten“ beinhalten. Nicht verhärten, sondern Härte zeigen gegen Entwürdigung. Nicht zerfließen, aber weich bleiben oder weich werden.

Diese Leitorientierung hilft uns Therapeut/innen. Sie hilft auch den Menschen, mit denen wir arbeiten. Sie und wir stellen uns bei schwierigen Entscheidungen die Frage: Hilft die mögliche Lösung genau diesem bestimmten Menschen, sich in Würde aufzurichten, oder nicht? Hilft es z. B. diesem einzelnen Menschen zum Wiedererlangen seiner Würde, vor den Täter hinzutreten und ihn anzuklagen? Oder würde die Würde, die Aufrichtigkeit, eher an der Härte und grausamen Uneinsichtigkeit des Gegenübers zerschellen?

Wir achten die Kompetenz der Klient/innen zu entscheiden, welchen Schritt in der Therapie, in der Traumabewältigung sie gehen können und wollen. Die Haltung der Klient/innen-Kompetenz ist eine Voraussetzung dafür, den Weg des Aufrichtens zu beschreiten. Bevormundung, mag sie noch so gut gemeint sein, erniedrigt oder hält unten. Zu ermutigen und zu stützen, was oft und gerade in der Arbeit mit traumatisierten Menschen nötig ist, mit Erfahrungen, Meinungen und Ideen zur Bewältigung nicht hinter dem Berg zu halten, sondern sie den Klient/innen zur Verfügung zu stellen, damit sie für sie Sinnvolles auswählen können, ist etwas anderes als Bevormundung. Doch dazu später.

Der Prozess des Aufrichtens bedarf der Begleitung und des Halts. Wenn Menschen sexuelle Gewalt erfahren oder andere traumatisierende Situationen durchleben mussten, waren sie und fühlten sie sich allein. Und nach solchen Erfahrungen wurden sie erst recht oft allein gelassen, wurden sie nicht gesehen und nicht gehört, sollte allzu oft der Mantel des Schweigens über das Geschehene, über das Leiden ausgebreitet werden. Besonders, wenn dem „kindlichen Ich“ Gewalt angetan wurde und wird, versteht es die Welt nicht mehr und verliert jedes Verständnis für sich im Bezug zur Welt. Wenn dann niemand da ist, der oder die das Geschehene zurechtrückt, Täter und Opfer als solche benennt, das Unfassbare begreifbar macht, bleibt das Verständnis und Selbstverständnis auf der Strecke.

Wer kein Verständnis erlebt, kann auch kein Verständnis für sich gewinnen. Viele Opfer sexueller Gewalt haben nicht nur die Erinnerung an das traumatische Geschehen oder Teile davon verdrängt, sondern auch das Verständnis für sich verloren. „Verständnis“ beinhaltet „Verstehen“: warum sie so sind, wie sie sind; warum sie so handeln, wie sie handeln; warum sie so fühlen, wie sie fühlen. Das Ringen um Verstehen, die Suche nach Verständnis, ist oft ein verzweifelter Prozess auf Seiten der Klient/innen. Wir Therapeut/innen haben es viel leichter mit dem Verstehen: Was sich für uns als folgerichtiges Lebensmuster aus der erfahrenen Traumatisierung darstellt, was uns zutiefst verständlich ist, ist für die Klient/innen alles andere als selbstverständlich. Das müssen wir wissen und beachten und in diesem Prozess müssen wir beharrliche Anwälte des Verstehens bleiben. „Verständnis“ meint noch etwas, was über Verstehen hinaus geht: das Mitgefühl. Und das ist den traumatisierten Klient/innen oft verloren gegangen – wohlgemerkt: nicht das Mitgefühl für andere, aber das Mitgefühl für sich selbst. Mit neutraler Stimme und unbeteiligter Miene erzählen sie von dem Schrecklichen und Erniedrigenden, das ihnen widerfahren ist, als ob es das Normalste von der Welt wäre.

Erst wenn wir als Therapeut/innen und beteiligte Menschen Mitgefühl für ihr Leiden zeigen, kann ein Prozess beginnen, in dem sie selbst Mitgefühl für sich und für das Kind oder die junge Heranwachsende, die sie einmal waren, und für die, die sie heute sind, entwickeln.

Dieses Buch handelt von Verständnis in diesem doppelten Sinn. Es ist zwar auch aus Forschungsaktivitäten (qualitative Interviews mit traumatisierten Menschen und systematischer Auswertung von Therapieprozessen) entstanden, vor allem aber ist es Resultat des gemeinsamen Ringens um Verständnis. Das meiste, was ich gelernt habe und in diesem Buch weitergeben möchte, habe ich in den Begegnungen mit den Klient/innen gelernt.

Verständnis ist der Beginn des Aufrichtens, ein weiterer und oft schwieriger Weg folgt. Ich bitte die Klient/innen immer wieder zu überprüfen: „Ist der Weg, den wir einschlagen, immer noch der richtige für Sie?“ Der Weg des Aufrichtens braucht Pausen und Innehalten genauso wie mutige Sprünge nach vorn. Er beschäftigt sich mit dem Hier und Jetzt des Alltagslebens und er führt zur Begegnung mit dem Schrecken des Erfahrenen. Dieser Weg braucht Zuversicht. Manchmal, wenn der Klientin oder dem Klienten die Zuversicht zeitweilig abhanden kommt, bin ich es, die stellvertretend für sie die Zuversicht hat und hält. In einer vertrauensvollen Beziehung ist das manchmal und phasenweise der einzige Lichtblick und Orientierungspunkt in Verwirrung, Verzweiflung und Dunkelheit.

Mein Leitsatz, der es mir möglich macht, Menschen auf diesem Weg durch den Schrecken zu begleiten, lautet:

„Schrecklicher als damals, nicht einmal so schrecklich wie damals, kann es nicht werden. Denn jetzt sind Sie nicht mehr allein damit. Jetzt passe ich auf, dass Ihnen nichts passiert.“

Wenn wir diesen Satz einer Klientin oder einem Klienten sagen und aufrichtig meinen, hat er Wirkung. Zum Schrecken des Traumas, hilflos sexueller Gewalt ausgeliefert gewesen zu sein, kommt und kam vor allem der Schrecken des Alleinseins und des Alleingelassen-Werdens. Dies zu durchbrechen, Halt und Unterstützung anzubieten und mitfühlende Begleitung in den Dienst der therapeutischen Arbeit zu stellen, hilft beim Prozess des Aufrichtens und ist somit ein zentraler Leitsatz meiner Arbeit und der meiner Kolleg/innen.

Am Herzen liegt mir und uns ferner:

Wir stehen auf der Seite der Menschen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, mitfühlend und parteilich, unterstützend und aufrichtend. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht.

Wir betrachten die Folgen traumatischen Erlebens, wie z. B. Dissoziationen, nicht als Krankheit, sondern als eine produktive, kreative Lösung, die es ermöglicht, in und nach einer als existenziell bedrohlich und unaushaltbar erlebten Situation weiterleben zu können (s. auch Becker 1992 und 2006). Das Leiden der Betroffenen, das sich aus diesen Bewältigungsstrategien ergibt, bedarf therapeutischer Begleitung, wenn sie chronisch werden und das Leben beeinträchtigen.

Wir verstehen uns als Teil der Strömung engagierter Therapeutinnen und Therapeuten, die sich, oft in Engagement und Fachlichkeit auf Judith Herman beziehend, um die Entwicklung und Verbreitung spezieller und würdigender Therapieansätze verdient gemacht haben (Huber, Reddemann und viele andere mehr).

Wir stützen uns auf die Forschungsergebnisse der Psychotraumatologie, die seit Mitte der 90er Jahre einen enormen Aufschwung des Interesses fand und zahlreiche für Diagnostik, Therapie und sonstige Hilfen wichtige Einsichten hervorbrachte (Fischer/Riedesser, van der Kolk, Farlane, Horowitz, Keilson und viele andere mehr). Der besseren Lesbarkeit willen bin ich mit Zitaten und Literaturverweisen in diesem Buch sehr sparsam umgegangen. Ich verweise auf das Literaturverzeichnis und v.a. auf eine in Vorbereitung befindliche Veröffentlichung, die ausführlich auf den Forschungsstand Bezug nehmen wird.

Was wir beitragen wollen und können, sind v.a. Modelle, Methoden und Erfahrungen kreativer Therapien. Wenn Worte allein nicht reichen, können die Ausdrucks- und Kommunikationsweisen des Tanzes, des Musizierens, des Gestaltens und der Poesie das Ungesagte und das Unsagbare hervorbringen und neue Wege des Heilens ermöglichen. Das ist unsere Erfahrung, seit wir mit Opfern sexueller Gewalt und anderer traumatisierender Erfahrungen arbeiten. Die Forschungen der Psychotraumatologie haben gezeigt, dass das Erleben vieler Traumaopfer einfriert und in Fragmente zerfällt und so verbalen Dialogen und Erzählstrukturen nicht zugänglich ist. Oft muss also über die Ebene des Verbalen hinausgegangen und an den bildhaften und anderen sensorischen Qualitäten der Fragmente angeknüpft werden. Wir haben seit vielen Jahren beobachtet, dass hier kreative Therapie in einem Maße hilft, dass ich mir eine Traumatherapie und -begleitung ohne kreativ-therapeutische Methoden kaum noch vorstellen kann.

Doch mit diesem Buch verfolge ich den Anspruch, über die Vermittlung praktischer kreativ-therapeutischer Methoden hinauszugehen bzw. sie in Verbindung zu bringen mit den grundlegenden therapeutischen Werten, Haltungen und Modellen, denen sie entspringen. Um in Worte zu fassen, was in den kreativ-therapeutischen Prozessen geschieht und wie kreative Therapien wirken, haben wir unsere theoretischen Modelle entwickelt bzw. vorhandene weiterentwickelt. Da kreative Therapie immer ein Prozess des Erlebens ist, waren die leib-phänomenologischen Gedanken von Merleau-Ponty, Fuchs und anderen Philosophen („Leib“ kommt vom indogermanischen „lip“ oder „lib“ und bedeutet „Leben, Erleben, der erlebende Mensch“, ist also nicht mit „Körper“ gleichzusetzen) ein besonders fruchtbarer Boden. Darüber hinaus haben Erkenntnisse und Modelle der Säuglingsforschung und der Neurowissenschaften viele der Erfahrungen kreativ-therapeutischer Prozesse bestätigt und vertieft. Aus diesen Auseinandersetzungen sind theoretische Modelle hervorgegangen, die dann wiederum unsere Praxis bereichert und die Entwicklung neuer praktischer Methoden angeregt haben.

Wir haben diesem Ensemble den Namen Kreative Leibtherapie gegeben. Einige unserer theoretischen Grundlagen, unsere Modelle Kreativer Leibtherapie wie z. B. Erregungskonturen, Primäre, Konstitutive und Raum- und Richtungs-Leibbewegungen haben sich aus der Verbindung der genannten Quellen, aus unserer eigenen therapeutischen Ausbildung mit unserer therapeutischen Praxis entwickelt. Unsere Erfahrungen haben wir sowohl in der Einzeltherapiepraxis als auch in den kreativ-therapeutischen Ausbildungsgruppen gesammelt, die mein Mann und ich geleitet haben.

Wir haben ein großes Interesse am Lehren, an der Nachvollziehbarkeit und Transparenz von therapeutischen Prozessen, und wir haben viel Neugierde und Freude an dem, was Kolleg/innen und Therapie-Lernende an eigenem Stil daraus entwickeln. Das Erleben jedes einzelnen Menschen in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen, birgt Überraschungen, die keine therapeutische Einheit wie eine andere sein lässt. Und dennoch gibt es Erfahrungen, die wir jetzt schon über 20 Jahre machen dürfen, die sich bündeln lassen und als Modelle einen theoretischen Boden und Orientierungsrahmen bilden, die dann in den kreativen Methoden ihren Ausdruck finden.

An dieser Stelle muss und will ich meinem Mann Udo Baer meine Wertschätzung aussprechen: für sein leidenschaftliches Interesse am Wachstum von Menschen, für sein Engagement im Dienste der Heilung ihrer Verletzungen und für seine Leistung in der theoretischen Fundierung und Didaktik Kreativer Leibtherapie aussprechen.

Ohne seine unterstützende, mich aufrichtende, Mut machende Haltung und seine freigiebige und unermüdliche Diskussionsfreude ist die Entstehung dieses Buch undenkbar. Es ist in weiten Teilen im Grunde ein gemeinsames. Aber ergänzend z. B. zu unserem Fachbuch „Leibbewegungen, Herzkreise und der Tanz der Würde. Methoden und Modelle leiborientierter Tanztherapie“ (Baer, Frick-Baer 2001/08) oder dem musiktherapeutischen Fachbuch, „Klingen, um in sich zu wohnen“ (Baer, Frick-Baer 2004) und den anderen gemeinsam herausgegebenen Büchern und Artikeln sowie dem Fortbildungsskript zur Kreativen Traumatherapie und -begleitung ist dieses Buch mein Versuch, den Besonderheiten der therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, Bedeutung und Gewicht zu geben. Mein aufrichtiges Anliegen ist es, meinen Anteil, so gut ich es vermag, dazu zu tun, dass diese Menschen im therapeutischen und begleitenden Prozess Unterstützung finden, sich aufzurichten.

Kreative Traumatherapie kann mit anderen Verfahren, die auf einem humanistischen Menschenbild beruhen, verbunden werden. Therapeut/innen dieser anderen Richtungen, die in ihrer professionell-persönlichen Haltung grundsätzlich am Erleben der Klient/innen, an ihrer Innenwelt und nicht an ihrer Erziehung interessiert und orientiert sind und den therapeutischen und helfenden Prozess als Resonanz- und Beziehungsentwicklungsprozess begreifen, können von ihr sicherlich professionell-persönlichen Gewinn haben. Auch wenn Kreative Leibtherapie als „Mutter“ der Kreativen Traumatherapie eine fundierte, eigene Richtung ist, so ist sie offen für Integrationsbewegungen und bemüht sich um einen fruchtbaren Austausch. Abgrenzung gilt nicht anderen Verfahren, sondern Verletzungen der Würde.

2

Das Traumaerleben und seine Folgen
2.1 Spuren und Phänomene

Die Traumatherapie und -begleitung soll und will Heilungsprozesse bei Menschen unterstützen, die an den Folgen traumatischer Erfahrungen leiden. An den Erscheinungsformen dieses Leidens, an dessen Phänomenen, gilt es anzuknüpfen, will man die betroffenen Menschen ernst nehmen. Dabei darf und soll es nicht bei einer Aufzählung der Phänomene bleiben. Die Aufmerksamkeit muss sich auf die Untersuchung der inneren Zusammenhänge zwischen den Phänomenen und dem Erleben der traumatischen Situationen richten. Ich werde die Untersuchung des Traumaerlebens und seiner Folgen damit beginnen, Phänomene darzustellen, mit denen Klient/innen v.a. in der Anfangsphase einer Therapie und dann, wenn sie nicht ausdrücklich wegen ihres Traumas Hilfe suchen, ihr Leiden beschreiben. Ich werde diesen Spuren folgen und von dort aus werde ich Verbindungen zum Erleben der traumatischen Situationen ziehen.

Jedes Phänomen des Erlebens eines Menschen kann in Verbindung mit Erfahrungen sexueller Gewalt stehen und als ein Symptom der Traumafolgen auftreten. Dies ist wichtig zu wissen, um sich immer wieder offen auf die Begegnung mit den Klient/innen einstellen zu können, deren Erleben ernst zu nehmen und deren Kompetenz zu achten. Die Symptomsammlungen des Posttraumatischen Stresssyndroms und anderer diagnostischer Klassifizierungen sind wichtige Hinweise und müssen als Anhaltspunkte herangezogen werden. Gegenüber solchen und ähnlichen Sammlungen ist dennoch Vorsicht angesagt. Selbstverständlich lässt nicht jedes einzelne Symptom auf Erfahrungen sexueller Gewalt oder anderer traumatischer Erfahrungen schließen, auch nicht jede Häufung mehrerer Symptome. Ebensowenig ist das Nicht-Vorhandensein bzw. Nicht-Offensichtliche „klassischer“ Symptome ein Hinweis darauf oder ein Beweis dafür, dass dem betroffenen Menschen keine sexuelle Gewalt widerfahren ist. Zu individuell ist die Verarbeitung biografischer Erfahrungen in jeder Persönlichkeit, zu subjektiv ist jedes Leiden. Symptome geben keine Gewissheiten, sie sind eher Spuren, die zu Fragen und Suchbewegungen Anlass geben.

Es sind gerade am Anfang der therapeutischen Begegnung häufig nicht Symptome des Posttraumatischen Stresssyndroms oder sonstige offenkundige „Traumathemen“ (wie gestörte Sexualität, Flashbacks, Schlaflosigkeit, Ängste …), die im Erzählen der Klient/innen im Vordergrund stehen, sondern oft „harmloser“ und alltäglicher daher kommende Phänomene, die allerdings nichtsdestoweniger im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Trauma stehen und die Qualitäten des Traumaerlebens beleuchten.

Das häufigste, worüber traumatisierte Klient/innen nach meinen Erfahrungen in einem Erstgespräch klagen, ist ihr mangelndes oder fehlendes Selbstwertgefühl. Dies äußert sich im Großen wie im Kleinen, bei besonderen Herausforderungen des Lebens wie im Alltag. Selbstverständlich ist der Umkehrschluss unzulässig, dass mangelndes Selbstwertgefühl immer oder meistens auf traumatische Erfahrungen schließen lässt. Doch auf der Skala der Phänomene, an denen Menschen mit Traumata leiden, scheint mir das geringe Selbstwertgefühl die „Nummer 1“ zu sein. Mögen es manche Klient/innen auch hinter scheinbar selbstsicherem Auftreten oder beruflichem Erfolg verbergen, so ist die Selbstverunsicherung und oft Selbstabwertung doch das, was sie innerlich erleben. Wenn der innere Kampf dagegen und die Anstrengung, diesen Spagat aufrechtzuerhalten, zu groß und zu auslaugend werden, führt dies oft zum Schritt in die Therapie.

Dass das Selbstwertgefühl bei Opfern traumatischer Erfahrungen und insbesondere sexueller Gewalt gemindert und gestört ist bzw. als zerstört erlebt wird, ist nachzuvollziehen. Sexuelle und andere Gewalt gehen über die persönlichen und intimen Schutzgrenzen hinweg und behandeln Menschen als Verfügungsmasse ohne Eigenwert. Etwas davon bleibt in Menschen zurück. Mit den solchen traumatischen Situationen innewohnenden Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht verbunden bleibt das Erleben der Wertlosigkeit zurück.

Das Gefühl der Unverletzlichkeit und Geborgenheit, das behütete Kinder haben und sie im Idealfall auch als Erwachsene als Grunderfahrung durchs Leben begleitet, wird durch sexuelle Gewalt und andere traumatische Situationen brutal gebrochen. Dieser Schock verunsichert und diese Verunsicherung bleibt über die traumatische Situation hinaus. Der innere zentrale Ort, von dem aus Menschen Entscheidungen treffen und Bewertungen, auch Selbstbewertungen, vornehmen, wird zumindest gefährdet, meist geschädigt (s. Kap. 3.2.2).

Oft wirkt diese Schädigung und Verunsicherung so tief, dass Klient/innen mit traumatischen Erfahrungen häufig davon erzählen, dass sie „verrückt sind“ oder „Angst haben, verrückt zu werden“. Dies ist Ausdruck der existenziellen Verunsicherung durch die traumatische Situation, die ja zumeist das Leben und die Lebenssicht der Betroffenen „verrückt“ hat. Dies ist oft auch Ausdruck davon, dass die meisten Betroffenen von Triggern, also meist kleinen (im Sinne von: unauffällig daherkommenden) sinnlichen Eindrücken (ein Geruch, ein Geräusch, ein Blick …), an die traumatische Situation erinnert werden und mit Angst oder Starre, Zorn oder Fluchttendenzen, Zittern oder hoher Erregung, mit dem Erleben, „neben sich zu stehen“ usw. reagieren. Sehr oft vollziehen sich solche Reaktionen unbewusst und bleiben für die Menschen selbst unerklärlich. Die einzige Erklärung, die sie haben, lautet dann: „Ich werde (oder bin) verrückt.“

Ein weiteres häufig angeführtes Phänomen im Vorfeld des traumatherapeutischen Prozesses ist die Schwierigkeit m Umgang mit „Nähe und Distanz“. Gemeint sind zumeist die Schwierigkeiten in sozialen Kontakten und Beziehungen. Das reicht von den Problemen in (Ehe-)Partnerschaften, die sich oft als Lebensarrangements zweier Unerreichbarer darstellen, bis zu den Problemen, sich „überhaupt an andere heranzutrauen“. Manche Menschen sind vereinsamt, andere haben viele Kontakte, ohne dass ihnen die ersehnte Liebesbindung gelingt. „Im Nebel zu sein“, „eine Wand zwischen sich und anderen Menschen zu spüren“, „abgeschnitten zu sein“, eine „Glasglocke um sich herum zu haben“: So oder so ähnlich sind die Bilder, die diesem Erleben Ausdruck verleihen. Auch für dieses Phänomen liegt die Verbindung zum Traumaerleben nahe: Sexuelle Gewalt ist ein Beziehungsakt, eine Beziehungstat. Dieser kann bzw. muss Folgen für das künftige Beziehungserleben haben, unabhängig davon, wie sich die Folgen im Beziehungserleben der Einzelnen äußern. Da die meisten Taten sexueller Gewalt innerhalb der Familie oder von anderen sehr nahe stehenden Personen begangen werden, ist der Bruch des Vertrauens besonders groß – ebenso die Schwierigkeit, wieder Beziehungsvertrauen aufzubauen.

Sich dennoch darum zu bemühen und trotz der Angst, verrückt zu sein, und der oft existenziellen Verunsicherung des Selbstwertgefühls darum zu kämpfen, den Alltag mit Arbeit und manchmal Familie bewältigen zu können, ist anstrengend und macht Druck, großen Druck. Von diesem Druck berichten die Klient/innen häufig in der ersten therapeutischen Begegnung. Sie fühlen sich schwer und angespannt (s. Kap. 3.5) und haben oft jedes Maß für das, was sie leisten, verloren. Was sie leisten, ist nie genug. Sie können sich nie oder nur für kurze Zeit nach Geleistetem oder Erledigtem entspannen, es muss gleich weiter gehen. Sie erleben sich v.a. in Phasen der Tatenlosigkeit als Versager/innen, die zum einen wieder mal nicht alles geschafft haben, was sie hätten schaffen müssen, und zum anderen nicht einmal fähig sind, zu entspannen. Ein erlebter Teufelskreis. Er ist bei Klient/innen mit traumatischen Erfahrungen ein Hinweis darauf, welche Lasten sie oft seit Jahren mitschleppen.

Genauer können sie diese Lasten und ihren Ursprung zumeist nicht benennen. Falls sie den Zusammenhang mit ihrem Trauma überhaupt kennen, so hindert sie doch oft die Scham daran, davon zu erzählen. Auch das Schweigegebot bzw. Redeverbot, mit dem es vielen Täter/innen gelang, die sexuelle Gewalt im Verborgenen zu halten, und die damit verbundenen Drohungen wirken oft nach und lassen verstummen. Auch die Erfahrungen vieler Opfer sexueller Gewalt, dass sie mit dem, was sie erlebt und erlitten hatten, danach oft allein gelassen wurden, sind wirksam und nachhaltig und lassen verstummen. Also bedarf es bei vielen Klient/innen erst des Aufbaus einer vertrauensvollen Beziehung, bis sie von ihren traumatischen Erfahrungen erzählen können.

Das Verstummen führt in den ersten therapeutischen Begegnungen oft zu solchen Äußerungen wie: „Wie es mir geht? Das weiß ich nicht.“ Oder: „Ich weiß nicht genau, was ich hier will.“ Oder: „Ich weiß nicht, was heute Thema ist.“ Wenn ich dann z. B. bitte, das „Ich weiß nicht“ einmal musikalisch mit einem Instrument auszudrücken, und wenn die Klientin oder der Klient nach verwundertem Zögern dies versucht, dann werden oft Spuren dessen hörbar und deutlich, was in der traumatischen Situation dissoziiert wurde. Im traumatischen Erleben sind die Betroffenen oft Unaushaltbarem ausgesetzt. Sie wehren sich dagegen, halten aus, indem sie Teile des Erlebens dissoziieren, aus ihrem bewussten Erleben abspalten (s. Kap. 3.9). Das Unaushaltbare wurde gleichsam begraben – doch die Erde bebt. Sonst wären sie nicht in der Therapie.

Was dieses Beben besagt und was es hervorruft, dafür haben sie keine Worte. Das „Ich weiß nicht“ ist Ausdruck der Dissoziationen und des Zwiespalts zwischen dem Dissoziieren und dem Spüren, „dass da was ist“.

2.2 Traumatische Situationen und Phasen des Traumaerlebens

Das Wort Trauma stammt aus dem Alt-Griechischen und bedeutet „Wunde“. Die Bezeichnung „Trauma“ wird in der Medizin für bestimmte körperliche Wunden benutzt, in Psychologie und Psychotherapie für bestimmte seelische Verletzungen. „In einer ersten Arbeitsdefinition können wir psychisches Trauma als seelische Verletzung verstehen (von dem griechischen Wort Trauma = Verletzung). Wie die verschiedenen somatischen Systeme des Menschen in ihrer Widerstandskraft überfordert werden können, so kann auch das seelische System durch punktuelle oder dauerhafte Belastungen in seinen Bewältigungsmöglichkeiten überfordert und schließlich traumatisiert/verletzt werden.“ (Fischer, Riedesser 1999, S.19)

Neben sexueller Gewalt werden Erfahrungen wie Kriegsereignisse, Tod von Angehörigen, Naturkatastrophen, Unfälle, andere Gewalttaten usw. als traumatische Ereignisse bezeichnet. Jede traumatische Erfahrung wird individuell unterschiedlich erlebt, was allgemeingültige Definitionen nicht einfach macht. Die Forscher des Instituts für Psychotraumatologie definieren ein psychisches Trauma als ein „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (Fischer, Riedesser 1999, S.79)

Begrifflich hat es sich für uns als sinnvoll herausgestellt, verschiedene Aspekte zu unterscheiden, die in der Sammelbezeichnung „Trauma“ enthalten sein können:

 das Traumaereignis oder die Traumasituation, also in diesem Kontext die Handlungen sexueller Gewalt,

 das Traumaerleben, also die Art und Weise, wie ein Mensch sich und seine Welt vor, während und unmittelbar nach dem Traumaereignis erlebt,

 die Traumabewältigung, also die Art und Weise, wie der Mensch langfristig sein Traumaerleben bewältigt,

 die Traumafolgen, also die Folgen des Traumaerlebens und der Traumabewältigung.

Trauma ist eine subjektive Kategorie und beinhaltet das subjektive Erleben einer Situation. Wesentliche Merkmale des traumatischen Erlebens sind:

 Die Situation wird als existenziell bedrohlich erlebt. Was unter „existenziell“ verstanden wird, ist individuell unterschiedlich. „Existenziell bedrohlich“ sind nicht nur Situationen, in denen das Leben bedroht ist (die es allerdings auch sehr häufig gibt), grundlegend bedroht werden kann auch die seelische und soziale Existenz.

 Fischer und Riedesser betonen in ihrer Definition die Diskrepanz zwischen der Bedrohung und der eigenen Hilflosigkeit. Das Ohnmachtserleben, das Grundgefühl, einer Gewalt ausgeliefert zu sein, die Erfahrung, in allem, was man tut, unwirksam zu sein, gehört folglich ebenso zum Traumaerleben.

 Die Beschädigung des Selbstwertgefühls habe ich in der Beschreibung der Phänomene betont.

 Ebenso haben wir dort aufgezeigt, dass die Schutzgrenzen, die die Intimität und Persönlichkeit bewahren, gewalttätig durchbrochen wurden. Jede sexuelle Gewalt ist ein Erleben existenzieller Beschämung.

 Das Erfahren sexueller Gewalt ist immer auch eine Beziehungserfahrung. Nähe wird als gewalttätig und grenzverletzend erlebt, Vertrauen wird gebrochen.

 Erleben sich Opfer sexueller Gewalt in der traumatischen Situation einsam und allein, so setzt sich das Gefühl, alleingelassen zu sein bzw. zu werden, für viele in der „Zeit danach“ noch fort.

Alle diese Merkmale traumatischen Erlebens müssen nicht für alle Opfer sexueller Gewalt zutreffend sein, für die meisten sind sie es – nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen und nach wissenschaftlichen Studien. In letzteren ist der „Zeit danach“ bisher nicht die Bedeutung zugemessen worden, die dieser Phase meiner Meinung nach gebührt. Aufgerüttelt durch Erfahrungen von Klient/innen, deren Aussagen sich in dem Zitat „Das Schlimmste ist das Alleinsein danach“ stellvertretend wiederfinden, habe ich mir die Forschungsaufgabe gestellt, diese Phase genauer zu untersuchen. Über die Ergebnisse Rechenschaft abzugeben, wird einer späteren Veröffentlichung vorbehalten sein. (Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Damit verharmlose oder relativiere ich keinesfalls die Taten der Täter/innen. Ohne die Taten gäbe es keine „Zeit danach“.) Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die „Zeit danach“ für viele Opfer darüber entscheidet, ob das Traumaerleben bewältigt werden kann oder zu einem nachhaltig bestimmenden Teil der Biografie wird, und dass sie oft über die Nachhaltigkeit des Schreckens und der anderen Folgen entscheidet.

Das Traumaerleben sollte deshalb in drei Phasen unterteilt werden: das Erleben der akuten traumatischen Situation/en der Erfahrung sexueller Gewalt, die „Zeit danach“, in der die Betroffenen getröstet und parteilich aufgefangen werden – oder auch nicht, und die Phase der Traumabewältigung, in der die Betroffenen auf unterschiedliche Weise mittel- und langfristig die Folgen des Traumaerlebens in ihre Lebensmuster integrieren.

2.3 Biologisch-neuronale Prozesse und Folgen für das Erleben und Erinnern traumatischer Erfahrungen

Eine traumatische Erfahrung ist ein Erleben existenzieller Bedrohung. Um solchen Bedrohungen zu begegnen, greifen besondere Mechanismen im Körper, insbesondere im Gehirn. Diese zu verstehen, ist wesentlich, um zu begreifen, auf welche besondere Art das Erleben sexueller Gewalt und anderer Traumata im Gehirn bearbeitet und gespeichert wird. Aus diesen Prozessen ergeben sich wichtige Schlussfolgerungen für das Wiedererinnern und die therapeutische Arbeit. Hier sollen v.a. zwei wesentliche Besonderheiten des Traumagedächtnisses vorgestellt werden (Damasio 2001, Hüther 2001, Roth 2003, 2007, Singer 2002, Spitzer 2002, 2006 u.a):

Die erste Besonderheit besteht darin, dass alle sinnlichen Eindrücke des Menschen auf ihre existenzielle Gefährlichkeit geprüft werden. Dieses jahrtausende alte Prüfprogramm ist entwicklungsgeschichtlich sinnvoll für das Überleben der einzelnen Menschen wie der Gattung Mensch.

Wenn ein Mensch etwas Ungefährliches wie eine Blume sieht, reagiert er anders, als wenn er einem Säbelzahntiger begegnet und es um sein Überleben geht. Alles, was an einen Säbelzahntiger erinnert, mobilisiert die höchste Alarmstufe. Was früher die Geräusche, Gerüche und Spuren der Säbelzahntiger waren, sind heute die Trauma-Trigger.

Neurobiologisch beginnt der Prozess beim Thalamus. Diese Region des Gehirns ist zuständig für die Roherfassung der sinnlichen Eindrücke. Zur genaueren Bewertung und Einordnung leitet der Thalamus sie immer auch an die Amygdala weiter. Die Amygdala ist die existenzielle Wächterin des Gehirns. Sie prüft, ob ein Notfall, eine existenzielle Bedrohung vorliegt. Trifft dies zu, aktiviert sie ein Notfallprogramm.

Das traumatische Erleben ist ein Notfall. Wenn sinnliche Eindrücke über den Thalamus an die Amygdala gelangen, setzt diese Sofortreaktionen in Gang. Wer über die Straße geht und plötzlich ein herannahendes Auto hört, versucht wahrscheinlich, zur Seite zu springen. Dies geschieht, bevor er das Signal eingeordnet hat. „Flight“ oder „Fight“ werden die spontanen, durch die Amygdala hervorgerufenen Reaktionen genannt.

Wie kann die Amygdala solch ultraschnelle Reaktionen bewirken? Sie umgeht den Hippocampus, worin die zweite Besonderheit besteht. Der Hippocampus integriert üblicherweise die vom Thalamus neu eintreffenden Erfahrungen zeitlich, räumlich und emotional mit den Erinnerungen der Neocortex (dem neuronalen Speichersystem, der „Festplatte“) und schafft ein inneres Bild, aufgrund dessen ein Mensch handeln kann und das er abspeichern kann. Normalerweise hilft steigende emotionale Erregung, den Hippocampus zu stimulieren. An den ersten Kuss werden sich noch viele Menschen erinnern. Doch wird in der extremen Notfallsituation die Erregung außergewöhnlich hoch, wird der Hippocampus ausgeschaltet und umgangen. Wenn ein Mensch vom Säbelzahntiger bedroht wird, werden viele organische Funktionen, die nicht unmittelbar zum Überleben notwendig sind, abgeschaltet oder reduziert. Die genauen Umstände des Angriffs des Säbelzahntigers sind ebenso unwichtig wie sein Alter oder die Zahl seiner Barthaare.

Diese Kurzschlussreaktion führt dazu, dass die Amygdala autonom das vegetative System aktiviert und damit das gesamte Stressprogramm mobilisert, von der Adrenalinausschüttung bis zum Herzrasen. Gleichzeitig stellt die Amygdala unmittelbar Verbindungen zur Neocortex her. Die Folge ist, dass in solchen Situationen oft gar kein zusammenhängendes Bild hergestellt wird, an das sich der betroffene Mensch später erinnern kann. Um eine solche Erinnerung zu schaffen, hätte der Hippocampus aktiv sein müssen. Es bleiben in der Erinnerung der Amygdala und teilweise des Neocortex nur Fetzen, Fragmente, Bruchteile der Erinnerung, ein Geruch, die Erregung, Aktionen des vegetativen Nervensystems usw. Die fehlenden bzw. nur in Bruchstücken vorhandenen Erinnerungen, über die traumatisierte Menschen oft klagen, sind Ergebnis dieses Prozesses.

Nun kann nach einer Notfallsituation oft der Hippocampus reaktiviert werden und aus den Bruchstücken ein erinnerungsfähiges Bild zusammensetzen. Doch ist die Situation der meisten Opfer sexueller Gewalt oder anderer traumatischer Ereignisse von besonderer Hilflosigkeit und Überforderung gekennzeichnet (s. auch Kap. 3.9). Sie können weder kämpfen noch fliehen – also geraten sie in die Falle traumatischer Überforderung. Die Reaktion darauf ist „Freeze“ und „Fragment“. Das Traumaerleben wird „eingefroren“ in der Dauererregung und den anderen Symptomen des Posttraumischen Stresssyndroms (PTSD), das Erleben und die Erinnerung daran bleiben fragmentiert. Die Nacharbeit des Hippocampus gelingt jedoch bei einigen Opfern nicht, bei denen, die unter den Folgen des PTSD leiden. Vor allem nicht bei Menschen, die Multitraumata erlebt haben.

Die Opfer sexueller Gewalt und anderer Traumata, die kein erinnerungsfähiges Bild konstruieren können, können jedoch über körperlich-sinnliche Erinnerungen angesprochen werden: „Ist die Erinnerung an die traumatische Situation verloren oder fragmentiert, so repräsentieren traumatische Reaktionen bzw. Prozesse diese Erfahrung als implizite Erinnerung, auf der Ebene des Körpergedächtnisses.“ (Fischer/Riedesser 2003, S.119) In bildgebenden Verfahren wird bei experimentell herbeigeführten Flashbacks deutlich, dass das Broca-Areal als motorisches Sprachzentrum in seiner Aktivität unterdrückt wird, während der Bereich, dessen Schwerpunkt im bildhaften Speichern von Emotionen und Sinneseindrücken liegt, „besonders aktiv (ist). Dieser Befund erklärt, warum viele Traumatisierte das Geschehen oft nur bildhaft wiedererleben, nicht in Worte fassen können und von einem Zustand wortlosen Entsetzens (speechless terror) berichten.“ (a.a.O., S.123) Diese spezifische Art neurobiologischer Traumaverarbeitung macht die erste große Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen zwingend: Traumatherapie muss Körper- und Sinnesgedächtnis ernst nehmen und ansprechen und auf der Ebene der Bilder, der Klänge und der Körpererfahrungen arbeiten.

Die verschiedenen Fragmente des Traumaerlebens, die gespeichert sind, können als Trigger das traumatische Erleben reaktivieren. Sie müssen neu integriert und umgewandelt werden, um diese Kraft zu verlieren bzw. zu verringern. Um dem Traumaerleben heilend zu begegnen, in welcher Phase der Therapie auch immer, wird es oft notwendig sein, sich den Erinnerungen mit all dem damit verbundenen Schrecken zu stellen. Solche Erinnerungen sind nicht gegeben, sondern werden in dem Prozess des Erinnerns neu geschaffen (Schauer, Nenner, Elbert 2003). Erinnern ist immer auch Neu-Erinnern. Die neuronalen Vernetzungen des erinnerten Geschehens werden neu aktiviert. Das ist der Schrecken, der Schmerz der traumatischen Erinnerung. In dieser Neuaktivierung werden sie jedoch nicht in dem Gehirn von damals geschaffen, sondern in dem Gehirn des heutigen Zeitpunkts, mit Boden und Beziehung, mit größerem Selbstbewusstsein und helfender Unterstützung. Diese neuen Bedingungen, diese veränderte Umgebung des Erinnerns kann die Erinnerung verändern, was wir in der Traumabewältigung aktiv angehen. Nicht die erlebte „alte“ Erinnerung wird anschließend wieder gespeichert, sondern die neue, die veränderte Erinnerung. Forscher sprechen deshalb von der „Transformation der traumatischen Erinnerung“ in der Traumatherapie (Peichl 2001, S. 151).

Auch dann, wenn Opfer zusammenhängende Geschichten des Traumaereignisses erzählen können, sind immer auch Dissoziationen und Fragmentierungen des Erlebens vorhanden, ist das Traumaerleben nicht vollständig integriert, was natürlich nur dann ein Problem ist, wenn Menschen darunter leiden. Bei der Bewältigung dieser Integration ist in der Therapie das nachzuholen, was dem Opfer unmittelbar nach dem Ereignis nicht möglich war. Der entscheidende Unterschied zu dieser Situation, die durch Hilflosigkeit, Einsamkeit und dem Dilemma, weder zu „Fight“ noch „Flight“ in der Lage zu sein, gekennzeichnet war, besteht in der therapeutischen Beziehung: Das Opfer ist nicht mehr allein, nicht mehr hilflos, nicht mehr überfordert, es bekommt Unterstützung, sich aus der Erniedrigung aufzurichten.

Die Psychotrauma-Forscher kennzeichnen zusammenfassend das Trauma als „unterbrochene Informationsverarbeitung und als unterbrochene Handlung“. Die zweite große Schlussfolgerung, die wir daraus ziehen, besteht darin, den Prozess in Handlung und Informationsverarbeitung – im geschützten Setting der therapeutischen Beziehung – so auf der Erlebensebene fortzusetzen, dass die Unterbrechung aufgehoben und in einen Prozess der Aufrichtens und der Erfahrung von Unterstützung überführt wird.

2.4 Vier Konsequenzen, vier Essentials

Aus dem beschriebenen biologisch-neuronalen Prozess des Traumaerlebens und des Traumaerinnerns sind Konsequenzen für die Traumatherapie zu ziehen. Die vier wichtigsten sind:

2.4.1 Die traumatische Erfahrung ist ein Erlebensprozess

Jede Therapie mit Opfern sexueller Gewalt muss eine Therapie des Erlebens sein, denn die traumatische Erfahrung ist eine Erfahrung besonderen Erlebens. Diese besondere Erlebensstruktur gilt es in der Therapie zum Thema zu machen und zu verändern. Es geht nicht nur darum, ein bestimmtes Verhalten zu ändern oder ein bestimmtes Gefühl wie den Zorn auf einen Täter zuzulassen. Es geht nicht nur um kognitive Erinnerungen oder Denkweisen. Es geht nicht nur darum, dem Schrecklichen Positives gegenüberzustellen usw. All das sind Einzelaspekte. Es geht darum, die traumatische Erfahrung als Erfahrung besonderen Erlebens ernst zu nehmen und im therapeutischen Prozess zum Thema der Veränderung zu machen.

Nur dann werden wir unserer Überzeugung nach den Klientinnen und Klienten gerecht.

Wir nennen diese grundsätzliche Haltung leibtherapeutisch. Das Wort „Leib“ haben wir – um an dieser Stelle noch einmal zu wiederholen, worauf in Kapitel 1 schon hingewiesen wurde – aus der Phänomenologischen Philosophie übernommen. Leib bezeichnet den sich und seine Welt erlebenden Menschen. „Leib“ bedeutet „Leben“, „lebendig“. Leib meint den Menschen, der sich erlebt, ist also nicht synonym mit Körper, meint also nicht den gewogenen, gemessenen, äußerlich beschriebenen Menschen.

Die Phänomenologische Philosophie hat die Prozesse des Erlebens untersucht und dafür eine Reihe von Begrifflichkeiten entwickelt (u.a. Merleau-Ponty 1966, Fuchs 2000). Wir haben diese Begrifflichkeiten aufgegriffen und um Ergebnisse der Säuglingsforschung (u.a. Stern 1992, Dornes 1999) und Neurowissenschaften ergänzt sowie auf der Grundlage der Auswertung unserer Erfahrungen zu einem Bündel diagnostischer Kategorien des Erlebens und leiborientierter Wege therapeutischen Veränderns erweitert, das wir Kreative Leibtherapie nennen.

Traumatherapie muss sich auf die Besonderheiten des traumatischen Erlebens und seiner Nachwirkungen einstellen und diese zum Ausgangspunkt therapeutischen Einwirkens nehmen. Die beschriebenen Notfallreaktionen erklären z. B. die Bedeutung der Erregungsverläufe im Traumaerleben und betonen die Wichtigkeit, mit den Erregungskonturen in der Traumabewältigung zu arbeiten. Die Traumabewältigung ist wichtig, um die chronifizierte hohe Erregung zu reduzieren und die Erregungskontur zu flexibilisieren. Und die Veränderung der Erregungskontur ist notwendig, damit nicht jede hohe Erregung ein Trigger ist, ein Auslöser für die Reaktivierung der Amygdala und damit die Wiederbelebung des Traumaerlebens.

Um solche Erregungsprozesse und ihre Veränderungen zu verstehen und zu handhaben, ist es nützlich, auf die leibtherapeutischen Modelle der Erregungskonturen und die Arbeit mit ihnen zurückzugreifen. In Kapitel 3 werde ich die für die Traumatherapie relevanten leibtherapeutischen Modelle des Verstehens und Handelns vorstellen und illustrieren, wie ich mit ihnen arbeite.

2.4.2 Worte allein reichen nicht

Gerade weil der Hippocampus die in der traumatischen Situation hereinströmenden Eindrücke und Erfahrungen nicht zu einem kognitiv sortierten Bild zusammensetzen kann, sind die Betroffenen auf Erinnerungen ihres Körpers und ihrer Sinne angewiesen und diesen oft hilflos und verständnislos ausgeliefert. Über keine konsistenten Erinnerungen zu verfügen, woran viele Klient/innen verzweifeln, weil sie an ihrem Erleben zweifeln, ist kein Mangel der Betroffenen, sondern Ausdruck des neuronalen Prozesses traumatischen Erlebens. Worte, die dies den Klient/innen erklären, sind hilfreich und notwendig für ihr Verständnis für sich und ihre Selbst-Sicherheit und ihr Selbst-Vertrauen. Auf diese erklärendenden Worte haben sie ein Recht. Auch auf deren Wiederholungen, wenn das Wissen darum wieder zu entschwinden droht.

Traumatherapie erfordert deshalb aber auch, an den Fragmenten und eingefrorenen Aspekten des Traumaerlebens anzusetzen, nicht nur an den kognitiven Reflektionen oder Bewertungen, sondern v.a. an sinnlichen Eindrücken wie Bilderfetzen, Geräuschen, Gerüchen sowie Erregungskonturen und körperlichen Aktionen und Reaktionen. Dies ist der tiefe Grund, warum Worte allein oft nicht reichen, warum Körperarbeit Zugänge verschafft und Veränderungen ermöglicht, warum z. B. Musiktherapie Erregungskonturen aufweichen und umwandeln kann und Kunsttherapie Bilderfetzen und andere sinnliche Fragmente re-integrieren kann.

Die Integration künstlerischer Medien in die Traumatherapie findet darin ihre Begründung und Legitimation. Entgegen manchen Vorurteilen ist die kreative oder künstlerische Therapie mehr als Basteln und mehr als das Malen eines Bildes, über das dann „therapeutisch“ geredet wird.

Künstlerische Medien in der Traumatherapie

 ermöglichen Zugänge zum subverbalen und nonverbalen Erleben des Traumas,

 bieten Chancen, Veränderungen des Erlebens und Verhaltens spielerisch-experimentell auszuprobieren,

 ermöglichen Erinnern über die Sinneserfahrungen sowie gleichzeitig und darüber hinaus neue Erfahrungen der Sinne,

 ermutigen und üben, zu greifen und zu ergreifen: Pinsel und Ton, Stoffe und Hände, Papier und Instrumente

 öffnen Wege aus der Erstarrung,

 bieten Chancen, ein Aufrichten körperlich-seelisch „probeweise“ zu er leben und individuelle Wege des Aufrichtens zu erproben,

 geben Hinweise auf Spuren, die Dissoziierungen hinterlassen haben, und öffnen Wege der Entdissoziierung und Wiedergewinnung von Lebendigkeit,

 lassen Unaussprechliches erklingen und ermöglichen niedrigschwellige Formen, mit dem Bruch des Schweigetabus zu beginnen,

 ermöglichen neues Erleben und so auch neue und andere Worte,

 können Erregungsverläufe hörbar und tanzbar und somit veränderbar werden lassen,

 können Sinn und Spaß machen und Lebensfreude wiederbeleben

 …

Traumatherapie ohne kreative Medien ist für mich nicht mehr vorstellbar. Das wird Ausdruck meiner persönlichen und therapeutischen Geschichte und Lebenserfahrung sein. Mir ist es ein großes Anliegen, alle Traumatherapeut/innen zu ermutigen, in dieser Richtung wenigstens das eine oder andere Experiment zu wagen. Sicherlich ist für die sichere Handhabung eine Aus-oder Weiterbildung in einer künstlerischen Therapie sinnvoll. Doch auch viele einzelne Elemente aus dem breiten Fundus künstlerischer Therapien können von erfahrenen Traumatherapeut/innen in ihre Arbeit integriert werden. Deswegen werde ich in Kapitel 4 einige dieser Methoden vorstellen, die sich in meiner traumatherapeutischen Praxis besonders bewährt haben und in der Fortbildung und Supervision von Traumatherapeut/innen Anklang und Bestätigung durch deren traumatherapeutische Praxis gefunden haben. Dabei bin ich mir bewusst, dass die schriftliche Beschreibung dieser Methoden das Erleben und das reflektierte Lernen in einer Aus- oder Weiterbildung nicht ersetzen kann.

2.4.3 Würdigen, was ist

Die Fragmentierung traumatischen Erlebens führt bei den meisten Betroffenen dazu, dass sie verunsichert sind und nicht mehr wissen, „woran sie mit sich dran“ sind, wie es eine Klientin ausdrückte. Das geringe Selbstwertgefühl, mit dem die meisten Klient/innen eine Therapie aufsuchen, ist Ausdruck davon. Traumatherapie ist deshalb immer auch Arbeit am Verständnis für die eigene Person, mit allen Fragmentierungen und Zerrüttungen, mit all den Unsicherheiten und Widersprüchlichkeiten.

Das Erleben einer existenziellen Bedrohung ist so chaotisch wie für viele Menschen die Folgen davon. Dieses Erleben sollte zuerst einmal so angenommen werden, wie es ist, ohne dass es zurechtgewiesen wird, weil es nicht in vorgegebene Phasen therapeutischer Behandlung oder in ideologische Vorannahmen der Therapeut/innen passt (dazu später mehr). Würdigen, was ist! In Kapitel 5 werde ich deshalb unser Konzept der 4 B (Boden, Beziehung, Begegnen, Bewältigen) vorstellen, mit dem wir diesem Erleben der Klient/innen gerecht zu werden versuchen, mit Blick auf die konkrete Person mit ihren konkreten Ressourcen und ihrem konkreten Leiden.

2.4.4 Beziehung, Beziehung, Beziehung

Das Erleben der traumatischen Situation ist eine existenzielle Bedrohung und somit eine Überforderung des betroffenen Menschen. Fight oder Flight, Freeze oder Fragment sind Ausdruck dieser Bedrohung und Überforderung. Das Handeln der Täter/innen kann nur deshalb auf Ohnmacht und Hilflosigkeit stoßen, weil die betroffenen Menschen ohne Hilfe, Beistand und Rettung sind.

Das traumatische Erleben ist ein Beziehungserleben in doppelter Hinsicht: Es ist das Erleben einer existenziell bedrohlichen Beziehung zu einem oder mehreren Täter/innen und es ist das Erleben einer Leere, des Fehlens von Hilfe und Unterstützung. Das Alleinsein in der traumatischen Situation setzt sich oft fort im Alleinsein „danach“.

Therapie ist ein Beziehungsangebot. Im therapeutischen Prozess wird die Beziehung zum Täter/zur Täterin ebenso lebendig wie das Erfahren von Leere und unterlassener Hilfeleistung. Und die therapeutische Beziehung ist eine Alternative zum Alleingelassen-Werden, eine Chance, Beziehung neu zu wagen und zu erproben. Deswegen werde ich in Kapitel 6 auf verschiedene Aspekte der therapeutischen Beziehung in der Traumatherapie eingehen.

3

Essential „Leib“: Grundlegende leibtherapeutische Modelle des Verstehens und der Hilfe
3.1 Erregungskonturen und Erregungspulsieren

3.1.1 Vom Erregungsverlauf zur Erregungskontur

Eine Klientin, 32 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, halbtags im Bürotätig, kommt in die Therapiestunde und erzählt aufgeregt und mit hoher Stimme: „Ich bin den ganzen Tag unter Dampf, nie komme ich zur Ruhe. Immer wollen alle etwas von mir. Und wenn die mal Pause machen, fällt mir ein, was ich alles noch zu tun habe, und überlege, was ich wann mache und ob ich nicht etwas vergessen habe. Das ist bei der Arbeit so und zu Hause auch. Und abends falle ich dann vor dem Fernseher todmüde in den Tiefschlaf, ganz plötzlich bin ich weg. Aber morgens um fünf bin ich genauso plötzlich wach, mein Herz klopft mir bis zum Hals vor Angst und ich überlege, was ich alles vergessen habe und was ansteht und so weiter. Ich bin zu müde, um aufzustehen, und zu wach und aufgeregt, um einzuschlafen. Dann bin ich gerädert.“

Diese Klientin erzählt von ihrem Erregungserleben, das sich auf einem permanent hohen Niveau zu einer Erregungskontur dauerhaft verfestigt hat. Dauerhaft erhöhte Erregung ist ein Symptom des posttraumatischen Stresssyndroms, eine der häufigsten Lebensqualitäten chronifizierten traumatischen Erlebens.

Jeder Mensch neigt zu bestimmten Erregungsverläufen. Manche neigen eher dazu, auf relativ gleichbleibendem Erregungsniveau zu leben, für andere gilt „himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt“, also rasch wechselndes Auf und Ab. Manche leben in stetig niedrigem Erregungsniveau, andere stehen „ständig unter Dampf“. Für einige ist ein stetiges Ansteigen und abruptes Abbrechen der Erregung charakteristisch, wieder andere steigen von Null abrupt auf „150“, wie es umgangssprachlich heißt.

In der Kreativen Leibtherapie wird Erregungsverläufen eine besondere Bedeutung zugemessen:

 Bei vielen Menschen verfestigen sich Erregungsverläufe wie die genannten zu Erregungskonturen. Sie leiden darunter, in bestimmten immer wiederkehrenden Erregungskonturen gefangen zu sein, und suchen Wege der Flexibilisierung.

 Erregungsverläufe und Erregungskonturen sind transkonkret, das heißt, dass z. B. abrupte Wechsel innerhalb eines Erregungsverlaufes sowohl bei freudiger Erregung als auch in Wut und zorniger Erregung geschehen können. Dies führt dazu, dass die Festlegung auf prägende Erregungskonturen in besonders vielfältiger Weise das Leben eines Menschen beeinflusst.

 Erregungsverläufe sind die frühesten Muster, die in der Interaktion zwischen Säuglingen und ihren Müttern oder anderen Bezugspersonen entstehen. Die Art und Weise, wie z. B. die Mutter im körperlichen Kontakt beim Füttern, beim Wickeln usw. mit dem Säugling umgeht, verbindet sich mit den Eigenheiten des Säuglings und führt zum Entstehen erster Erregungskonturen. In Erregungskonturen sind folglich sehr frühe und sehr intensive Erfahrungen enthalten, sie bestimmen das Gesamtbefinden des Erlebens eines Menschen.

Umso gewichtiger ist es zu wissen, dass das Traumaerleben zumeist die Erregungskonturen eines Menschen nachhaltig beeinflusst. Dies kann unterschiedliche Ausdrucksformen haben:

 Eine häufige Folge traumatischer Erfahrungen besteht darin, dass Menschen unter dauerhafter Hocherregung leiden. Ihre „normale“ Erregung läuft auf hohem Niveau ab bzw. sie geraten sehr leicht in einen stetig hohen Erregungsverlauf hinein. Erlebt wird das oft als chronische Hochgespanntheit, chronische (Über-)Anstrengung oder chronisches Auf-der-Hut-Sein. Die betroffenen Menschen beschreiben ihr Lebensgefühl als „Über-Angestrengtsein“. Ist die hohe Erregung in der Situation des traumatischen Ereignisses noch eine natürliche Schutzreaktion auf die existenzielle Bedrohung, so bindet ihre Chronifizierung zahlreiche Lebensenergien, beeinflusst soziale Kontakte und reduziert die Möglichkeiten, Ruhe und Entspannung zu finden.

 Andere Opfer traumatischer Erfahrungen leben in einer plötzlich ansteigenden Erregungskontur, die äußerliches Eingefrorensein und innere Hocherregung kombiniert. Auslöser sind oft Erinnerungen an das traumatische Erleben oder Trigger, die unbewusst traumabezogene Reaktionen wiederbeleben. Oft beschreiben die Betroffenen das, was sie erleben, mit Formulierungen, die ihr Herz betreffen: „Mein Herz bleibt fast stehen.“ Oder: „Mein Herz klopft so wahnsinnig, als ob es gleich aus dem Körper springen möchte.“

 In einer dritten Erregungskontur, die häufig bei Opfern sexueller Gewalt anzutreffen ist, ist nur die Erstarrung sichtbar. Sie wird auch von den betroffenen Menschen nur als „wie tot“ bzw. „tot“, „wie eine Salzsäule“, „eiskalt“, „leer“, „nichts, kein Gefühl“, „absolut gleichgültig“ beschrieben. Die Erregung ist nicht auszuhalten, sie wird dissoziiert und nicht wahrgenommen. Diese Starre ist eine Schutzreaktion auf eine nichtaushaltbare Hocherregung bzw. auf eine Erregung, die allein nicht aushaltbar ist. Die Erstarrung reißt die Betroffenen aus jeder Kontaktmöglichkeit. Wird allerdings in der therapeutischen Beziehung eine kleine Veränderung aus der Einsamkeit heraus möglich, z. B. ein Blickkontakt oder ein Ton, dann löst sich die Dissoziation und die Erregung wird spürbar und durch den entstandenen Kontakt aushaltbar.

 Jede dieser Formen der Hocherregung kann zu einem abrupten Abfall führen, der in tiefste Erschöpfung mündet. Oft sackt der Kreislauf ab, die Menschen werden bleich und/oder um den Mund herum blau, der plötzliche Zusammenbruch kann bis zur Ohnmacht gehen.

Jede Traumatherapie muss deshalb den Erregungskonturen besonderes Augenmerk schenken. Dazu ist es notwendig, sie zuerst einmal zu identifizieren. Es gibt mehrere Anzeichen v.a. hoher Erregungszustände. Oft ist die Muskelspannung sehr hoch. Füße und Hände werden als kalt beschrieben, die Klient/innen erzählen, dass sie „immer frieren“. Das Herz beginnt zu rasen. Der Atem ist bei hohen Erregungszuständen verbunden mit starker Angespanntheit zumeist flach. Verändert er sich, ist dies kein Zeichen, wie sich die Erregungskontur entwickelt, aber ein Zeichen, dass sie dies tut. Bei manchen Klient/innen findet ihre innere Hocherregung auch in unwillkürlichen Bewegungen wie dem Ausschlagen einer Hand oder Zuckungen des Ellbogens ihren Ausdruck. Solche Bewegungen sind oft den Menschen bewusst, da auffällig, und werden oft auch von ihnen selbst als „Tiks“ bezeichnet. (zu unbewussten Bewegungen s. Kap. 4.9: Schattenbewegungen) In ihnen bricht sich oft zurückgehaltene innere Hocherregung ihre Bahn.

Die meisten Klientinnen und Klienten bringen ihre traumatischen Erfahrungen nicht in Verbindung mit den Erregungskonturen, unter denen sie leiden. Wenn ich solche Zusammenhänge erläutere, diagnostiziere (im Sinne von: Einsicht gewinnen), hat das positive Folgen, da die Klient/innen dann weniger mit ihren Erregungen und damit mit sich hadern und mehr Verständnis für sich aufbringen. Gleichzeitig sind solche Hinweise ein Einstieg, in der Therapie mit den Erregungskonturen zu arbeiten.

3.1.2 Erregungskonturen spielerisch-kreativ verändern

Mit Erregungen therapeutisch zu arbeiten, beinhaltet, sie mit kreativen Ausdrucksmöglichkeiten überhaupt sichtbar, spürbar, fühlbar werden zu lassen, sie wahrzunehmen und insofern zuerst einmal anzunehmen, also zu akzeptieren, dass sie Folgen einer traumatischen Erfahrung sind. Finden Erregungskonturen ihren Ausdruck, können sie verändert werden oder, so unsere Beobachtung, verändern Klientinnen und Klienten sie manchmal im Laufe des spielerisch-kreativen Ausdrucksprozesses von selbst ohne Aufforderung durch die Therapeutin oder den Therapeuten. Da vielleicht manchen Leser/innen das Wort „spielerisch“ im Zusammenhang mit dem schweren Thema Trauma unpassend erscheinen mag, möchte ich kurz die Bedeutung des Spiels definieren. Spiel ist der Weg, auf dem Menschen die Welt entdecken und sich aneignen. Spielen verknüpft Spontanität mit Ernsthaftigkeit sowie Regeln mit Zufall. Spielen ist experimentelles Ausprobieren. Spielen bedeutet, in Bewegung zu kommen.

Wer seine hohe Erregung musiziert, tanzt oder in großflächigen Bildern gestalterisch zum Ausdruck bringt, tendiert dazu, im Verlauf der kreativen Improvisation die Erregung herunterzufahren, zumindest zu verändern. Gelingt dies nicht allein, laden wir dazu ein, indem wir als Therapeut/innen uns an dem kreativen Ausdruck beteiligen und diesen im Dialog fortführen. Bei einer Klientin äußerte sich chronifizierte Erregung als Traumafolge u.a. in Schlafstörungen, unter denen sie aktuell sehr litt. „Jede Nacht das Gleiche. Das überfällt mich. Ich komm da nicht raus.“

Ich bat sie, die Schlafstörungen als Bewegung darzustellen. Sie sprang sofort aus ihrem Sessel auf und begann, im Kreis umher zu laufen. „In meiner Vorstellung ist das immer gleich, ich dreh mich im Kreis, immer das Gleiche …“, sagte sie resignierend.

Ihre Erregungskontur hatte einen Ausdruck gefunden: den Kreis. Dabei geschah die erste Veränderung: Die Klientin selbst bewegte sich im Kreis, sie war aktiv, immer noch gefangen, aber aktiv sich bewegend, nicht nur den Schlafstörungen ausgeliefert, die sie nachts „überfallen“, als würden sie nicht Teil ihrer selbst sein.

Im nächsten Schritt regte ich mit meinem Vorschlag an, diesen Ausdruck zu konkretisieren. Ich bat sie nun, in den Kreis, den sie beschritten hatte, Musikinstrumente zu legen. Sie legte mehrere Instrumente hinein: eine Mundharmonika, eine Trommel, einen Gong, eine Rassel und mehrere Klangstäbe. Die Wahl der Instrumente kommentierte sie: „Der Gong ist das Knallen, wenn ich aufwache. Dann kommt die Trommel, mein Herz rast und klopft. Dann werde ich langsam ruhiger im Herzen, aber in mir rasselt es, manchmal ist das auch ein Quietschen, wie so ein hoher Ton …“ Die zweite Veränderung vollzog sich: Der Kreis war nicht mehr eintönig, nicht „immer das Gleiche“, sondern wurde von ihr durchaus differenziert beschrieben und erlebt.

Ich ermutigte sie nun, diese Instrumente oder wenigstens das eine oder andere von ihnen auszuprobieren und zu spielen. Dabei gab es mehrere Überraschungen. Einige Klänge waren ganz anders, als die Klientin erwartet hatte. Sie schlug den Gong beim ersten Mal sehr laut, meinte dann aber: „Das stimmt so nicht.“ Sie probierte unterschiedliche Klangmöglichkeiten des Gonges aus, bis sie bei sehr leisen Tönen, die aus leichten Schlägen an den Rand des Gongs entstanden, energisch nickte und sagte: „Das ist es.“

„Was hören Sie?“, fragte ich. „Ein Wimmern“, antwortete sie, „so hab ich früher oft in meinem Bett gewimmert.“ „Wann?“ „Nachts. Viele Nächte.“

Sie probierte weiter aus. Von der Mundharmonika erwartete sie einen quietschenden hohen Ton, einen „ganz nervigen“. Aber es gelang ihr nicht, diesen Ton aus der Mundharmonika hervorzubringen. „Das ist ja ganz zart. Vielleicht hätte ich das gebraucht, so etwas Zartes und Tröstendes, wenn ich früher allein in meinem Bett vor mich hin gewimmert habe.“ Das Ausprobieren der Instrumente führte die Klientin in unterschiedliche Aspekte ihres Erlebens, die in der Erregungskontur enthalten waren, leidvolle und stärkende und tröstende. Ein solches Aufweichen fester Erregungskonturen ist der erste Schritt, oft die Voraussetzung für die weitere therapeutische Arbeit, die notwendigerweise folgen muss, um die Triebkraft hoher Erregung dauerhaft zu verändern.

3.1.3 Den Fuß in die Tür bekommen …

Entscheidend ist oft die Arbeit mit der Frage: „Was war los, bevor es losging, bevor die Erregung anstieg oder explodierte?“ Hier gilt es, bei immer wieder gleich oder ähnlich laufenden Erregungsverläufen gleichsam den „Fuß in die Tür“ zu bekommen, um Änderungen zu ermöglichen. Die Klient/innen haben fast immer schon vieles versucht, z. B. Ausbrüche explodierender Erregung „in den Griff“ zu bekommen oder bei hoher Dauererregung Entspannung zu suchen – zumeist vergeblich. Ist die Erregung erst einmal auf hohem Niveau, ist sie nur schwer zu stoppen, sie ist allenfalls zu reduzieren. Hilfreich ist die Frage nach dem „Was war vorher?“ Dazu als Beispiel die Beschreibung des Prozesses einer Therapieeinheit:

Eine Klientin leidet unter abrupt explodierenden Erregungsschüben. Sie malt sie. Ich frage sie: „Wo ist die spannendste Stelle?“ Sie zeigt auf eine Stelle in dem Bild, an den Anfang der Explosion. Ich bitte sie nun, für diese spannendste Stelle einen Platz im Raum zu suchen. Sie bestimmt einen Platz in der Mitte des Raumes. „Wählen Sie nun für diese Stelle ein Musikinstrument und nehmen Sie es mit an diese Stelle.“ Die Klientin wählt das Bandoneon.

„Wählen Sie nun ein Instrument für die Zeit oder den Moment davor.“ Sie wählt das Cello. „Wählen Sie nun ein Instrument für danach.“ Sie wählt eine große Trommel.

Dabei schaut sie mich fragend an: „Warum ich diese Instrumente ausgewählt habe, weiß ich nicht. Keine Ahnung, die kamen mir nur so in den Sinn.“

Ich kann ihre Frage auch nicht beantworten, weil ich nicht mehr weiß als sie, lediglich auf ihre Weisheit vertraue, und sage: „Vertrauen Sie Ihren Impulsen und Eingebungen. Herausbekommen können Sie einiges über sich und ihre Erregungen, wenn Sie diese Instrumente erklingen lassen. Lassen Sie sich überraschen. Beginnen Sie mit dem Instrument für die spannendste Stelle, mit dem Bandoneon.“ Sie greift zu dem Bandoneon, probiert ein wenig herum, indem sie verschiedene Tasten und Rhythmen ausprobiert und wiederholt dann einige schräge Töne. „Das hört sich an wie mein Vater. Und das wie meine Mutter.“

Oft wird, so wie hier, bei dem, was die Klient/innen als spannendste Stelle aussuchen, etwas Vertrautes sichtbar oder hörbar. Und aus dem Ausdruck entsteht ein Impuls des Veränderns, eine irgendwie geartete Weiterentwicklung. Die Klientin drückt das Bandoneon weiter zusammen und zieht es auseinander, hört aber auf, dabei auf die Tasten zu drücken. Es entstehen Töne, die wie Atem klingen, immer leiser werdend. „Das erinnert mich an mich selbst, wie ich fast verschwinde, darin untergehe.“

„Was war vorher?“ Der für den Prozess oft am ehesten weiterführende Impuls entsteht aus dieser Frage. So auch hier. Sie ergreift das Cello, streicht mit dem Bogen hin und her und beginnt, leise zu weinen. In ihr entsteht ein Bild, wie sie allein in ihrem Zimmer ist, voller Tagträume, sich mit ihrer Einsamkeit träumend arrangiert. Diese Erinnerung ist traurig, schafft aber auch Zugang zu einer ihrer Ressourcen. „Dass ich so viel geträumt habe, war ja auch gut. Es hat mir geholfen. Ich habe mir ganze Welten erschaffen, was hatte ich für Fantasien!“, erzählt sie. Und sie stockt, bricht ab.

Diesem Moment der Stockung Aufmerksamkeit gebend, frage ich nach: „Und was war dann? Was war zwischen den Fantasien in Ihrem Zimmer und den Stimmen der Eltern?“ „Da ist die Lücke. Das Schlimme.“ Sie holt auch dafür ein Instrument, eine Schelle. Sie schlägt die Schelle mehrmals. „Das ist die Gewalt. Das ist das Dazwischen.“

Sie schaut auf das Bandoneon. „Das hat mir nicht geholfen. Da bin ich verschwunden.“

Ich verweise auf die Trommel: „Sie haben noch ein Instrument ausgewählt, eines für das Danach.“ Sie geht zu den Trommeln und beginnt zögernd zu schlagen. Allmählich wird sie kräftiger, dann schnell und verzweifelt, schließlich findet sie ihren Rhythmus, gar nicht so laut, aber klar und eindeutig. Und sie richtet sich, während sie in diesem Rhythmus schlägt, auf.

In den Zwischenbesprechungen und in der Nachbesprechung dieses hier komprimiert dargestellten Prozesses wird deutlich, dass die Klientin ihrem Traumaerleben dabei begegnet ist. Dies war aber nichts Neues im Sinne einer bewusst herbeigeführten „Trauma-Konfrontation“. Sie begegnet ihrem Traumaerleben fast täglich, nämlich in ihren Erregungskonturen, in ihren explosiven Ausbrüchen, an denen sie und ihre Familie leiden. Dadurch, dass sie diese Erregungskontur malerisch und musikalisch ausdrückte, wurde das Drama der ausweglosen Wiederholung beendet (zumindest einmal konnte sie diese Erfahrung machen, an die sie wieder anknüpfen kann, wenn die Alltagserfahrung weitere therapeutische Anläufe und Durchgänge notwendig macht). Entscheidend ist dabei, nicht nur auf den Aspekt zu schauen, der für die Klientin im Vordergrund steht (hier das Explosive), sondern darüber hinaus minutiös nach dem Davor bzw. dem Davor vor dem Davor oder dem Dazwischen zu fragen. Das, was im Erleben in Bruchteilen von Sekunden quasi automatisch und unbewusst passiert, wird zeitlich gedehnt und damit dem Bewusstsein und der aktiven Veränderung zugänglich. Gehen Klient/innen mit unserer Unterstützung dieser Frage nach, begegnen sie dem Leiden, oft der Gewalt, ohne dass diese unweigerlich sehr in den Vordergrund treten muss. Ob sie sich mit dieser Phase ihres Erlebens näher beschäftigen wollen oder müssen, hängt von der Phase des gesamten Therapieprozesses und der aktuellen Befindlichkeit ab. Sie haben auch die Chance, ihren Kraftquellen zu begegnen. Zumindest wird die Fokussierung auf einen bestimmten Erregungsaspekt aufgeweicht, aus einem sich wiederholenden So-Sein wird ein Prozess, aus Starre wird Bewegung, aus einer leidvollen Erregungskontur Erregungspulsieren. In dem früheren Traumaerleben der Klientin mündete die Traumaerfahrung in Alleinsein und Untergehen, ja Verschwinden unter den Stimmen ihrer Eltern. Hier mündet das Erleben in etwas anderes, in den Widerstand, in das Finden des eigenen Rhythmus, in das Aufrichten.

All das kann in einer Erregungskontur verdichtet enthalten sein. Die Weisheit der Klient/innen beginnt in der Wahl der Instrumente, ihrer Bewegungen, ihrer Bilder und Gestaltungen. Alles weitere entsteht aus den Impulsen des Prozesses, wenn sie sich darauf einlassen und ihrer Begleitung vertrauen.

3.2 Bedeutungsräume

3.2.1 Der Intime Raum, der Persönliche Raum und der Öffentliche Raum

Einer mehrfach traumatisierten Klientin geht es sehr schlecht. Sie wagt sich kaum noch vor die Tür ihrer Wohnung. Sie ist kaum in der Lage, mit mir über ihren Zustand zu reden, sie weiß nur, dass sie ihn irgendwie als depressiv bezeichnen würde, ihr versagt die Stimme und ihr fehlen die Worte.

Ich bitte sie: „Wenn es mit dem Reden nicht so klappt, versuchen Sie doch, ein Bild zu malen, wie es Ihnen geht.“ Sie greift zu den Ölkreiden und skizziert sehr schnell ein Bild. „Da unten der kleine, schwarze Punkt, das bin ich. So klein.“ Das Malen hat ihre Worte gelöst. „Und die schwarzen Striche, das sind die Mauern um mich herum. Da ganz draußen ist die Öffentlichkeit. Da komme ich gar nicht in die Nähe. Da sind immer mehrere Mauern um mich herum, durch die ich durch muss. Aber zur Zeit ist es ganz besonders schlimm. Da ist schon die erste Mauer undurchdringlich, die ist ganz nah bei mir … Die roten Pfeile, das ist meine Sehnsucht, mein Wunsch nach draußen zu kommen. Aber: keine Chance!“

In diesen Äußerungen der Klientin spiegelt sich auf geradezu idealtypische Art und Weise das Erleben unter dem Gesichtspunkt der Bedeutungsräume: Räume, die nicht in Metern oder Zentimetern zu messen sind, sondern subjektiv erfahrene Räume, die eine individuelle Bedeutung für das Erleben eines Menschen haben. Unser Modell der Bedeutungsräume (Baer 2001/2008) dient der gemeinsamen Einsicht in die Verletzungen der Klient/innen und zugleich der Orientierung, wie und wo Heilung geschehen kann.

In der Sozialpsychologie Curt Lewins und der Ökologischen Psychologie wurde und wird die Bedeutung von Räumen untersucht (Lewin 1982). Auch die Leibphänomenologische Philosophie geht davon aus, dass das Erleben eines jeden Menschen und damit sein Leib immer von räumlicher Qualität ist (Fuchs 2000). Bedeutungsräume sind die Räume, die für eine einzelne Person in ihrem Erleben spezifische Bedeutungen beinhalten. Da jedes Erleben subjektiv und individuell ist, sind letztlich Bedeutungsräume nur für eine Person konkret und genau zu beschreiben. Erfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen allerdings, dass bestimmte Bedeutungsräume beschrieben werden können, die für die meisten Menschen ähnliche Erlebnisqualitäten beinhalten, auch wenn diese kulturell und individuell variieren können. So ist es möglich, verschiedene Bedeutungsräume zu unterscheiden, die diagnostisch relevant sind und in kreativen Therapien in unterschiedlicher Hinsicht tänzerisch, musikalisch, gestalterisch, poetisch usw. ausgedrückt und experimentell verändert werden können.

Bedeutungsräume, die im therapeutischen Kontext relevant sind, sind vor allem: Intimer Raum, Persönlicher Raum, Raum der Begegnung, Öffentlicher Raum und Zentraler Raum bzw. Zentraler Ort. Auf den Raum der Begegnung gehe ich in Kapitel 6 im Zusammenhang mit der therapeutischen Beziehung ein, auf den Zentralen Ort in Kap. 3.2.2.

Alles, was innerhalb des menschlichen Körpers empfunden wird, gehört zum Körperraum und wird als Intimer Raum erlebt. Bei den genaueren Grenzen des Intimen Raums gibt es individuelle Unterschiede. Für manche Menschen kann der Intime Raum einige Zentimeter oberhalb der Haut beginnen, für andere unmittelbar auf der Hautoberfläche, wieder andere erleben ihn unterschiedlich in verschiedenen Körperregionen. Der Intime Raum umfasst all das, was für einen Menschen existenziell und in besonderer Weise schützenswert ist, was ihm besonders eigen ist. Dazu können neben dem Körpererleben wichtige Erfahrungen, Gedanken, Meinungen, Gefühle usw. zählen. Wird der Intime Raum verletzt, wird der Mensch in seinem Intimsten verletzt, was Narben hinterlässt und die Leiberfahrung und das Körperbild eines Menschen verändern kann und die Scham auf den Plan ruft.

Die Wächterin des Intimen Raums ist die Scham. Die natürliche Scham tritt auf, wenn der Intime Raum droht, anderen Menschen preisgegeben zu werden. Die Scham warnt und schützt. Sie ist nützlich. Die Beschämung allerdings, die sich zunächst genauso wie die Scham anfühlt, hat keine Schutzfunktion, sondern ist eine Reaktion auf Verletzungen des Intimen Raums.

Die sexuelle Gewalt verletzt die Grenzen des Intimen Raums und beinhaltet eine existenzielle Beschämung. Dies erklärt die Scham der Opfer und die nachhaltige Scham derjenigen, deren Traumaerleben sich chronifiziert hat. Manche betroffenen Menschen bauen um sich herum eine Mauer, um niemanden in Reichweite des Intimen Raums kommen zu lassen und so neue Verletzungen zu vermeiden. Anderen ist das Gefühl für die Grenzen des Intimen Raums, seine Schutzwürdigkeit und ihre Fähigkeit, ihn zu schützen, verloren gegangen, sie werden schamlos (s.a.: Baer, Frick-Baer 2008d).

Die Klientin, die am Anfang dieses Kapitels zu Wort kam, spürte eine „undurchdringliche Mauer“ schon in und an den Grenzen dieses Intimen Raums. Zu oft und zu intensiv war ihr Intimer Raum verletzt worden, als dass er seine Schutzfunktion wahrnehmen konnte. In manchen Zeiten verbarg sie sich in ihrer Hilflosigkeit und Angst hinter einer „dicken Mauer“, die die Stelle des Intimen Raums annahm. An einen Kontakt mit der Öffentlichkeit war dann nicht zu denken.

Für manche Menschen ist der Persönliche Raum identisch mit der Kinesphäre, also dem Raumvolumen, das ein Mensch mit seinen ausgebreiteten Armen und Beinen um sich herum ausfüllen kann. Für die meisten Menschen ist er ein unterschiedlich geformter Raum um den Intimen Raum herum, der vor allem eine besondere Bedeutung des Privaten, des Schutzes und des Erreichten hat. In Situationen des Gedrängels, z. B. im Fahrstuhl, in denen sich Menschen ungewollt in diesen Persönlichen Raum anderer hineinbegeben oder andere in den eigenen hineinlassen müssen, entsteht Unbehagen. Menschen, die sich in den eigenen Persönlichen Raum hineinbewegen dürfen, sind Menschen, in deren Reichweite man sich begibt, was eine erhöhte Verletzungsgefahr bedeutet. Der Schutz des Persönlichen Raums ist folglich von besonderer Bedeutung, er wird deswegen unter anderem als Pufferzone um den eigenen Leib bezeichnet. Für viele Menschen hat dieser Raum auch die Bedeutung eines Raumes des Reichtums, er beschreibt das persönliche „Reich“, das, was man „erreicht“ hat und „erreichen“ kann, all die persönlichen Erfahrungen, Kompetenzen und anderen Schätze, die für einen Menschen kostbar sind.

Die Erfahrung von Gewalt und anderer traumatischer Ereignisse sind gleichzeitig eine Erfahrung, dass der Persönliche Raum, sein Reichtum und seine Schutzwürdigkeit, negiert werden. Wiegt die Verletzung des Intimen Raums auch schwerwiegender und nachhaltiger, so wird bei Erfahrungen von Gewalt doch auch der Persönliche Raum durchstoßen und damit erschüttert. Das grundlegende Recht auf die Wahlmöglichkeit, darüber zu entscheiden, wer sich in den Persönlichen Raum begeben darf und wer nicht, wird in Frage gestellt und erschüttert.

Menschen, die Opfer traumatischer Gewalt geworden sind, reagieren oft so darauf, dass ihr Selbstwertgefühl, also ihr Gefühl für sich und ihr Reich, brüchig wird. Manche Opfer verlieren das Gefühl für die Grenzen des Persönlichen Raums, lassen andere Menschen zu nahe an sich heran (was scheinbar einladend wirken kann), da all ihre Energie auf die Verteidigung der Grenzen des Intimen Raums konzentriert ist. Andere verlegen ihre Verteidigungslinie weiter nach außen an die Grenzen des Persönlichen Raums, die oft sehr ausgeweitet werden. Niemand darf näher als an diese Grenze herankommen, niemand darf in ihre Reichweite treten. Geschieht dies doch, wirken sie sehr verletzlich und verletzt, da hinter dem Wall, an den Grenzen des Persönlichen Raums, die Grenzen des Intimen Raums kaum gespürt werden können und so als Schutz nicht wirken.

Die Sehnsucht vieler Menschen mit traumatischen Erfahrungen richtet sich darauf, die Mauern und Wälle zu überwinden und die Begegnung mit anderen Menschen zu suchen bzw. in die Öffentlichkeit zu gehen. Die großen roten Pfeile der Klientin, die anfangs zu Wort kam, drücken diese Sehnsucht aus.

Der Öffentliche Raum ist der Raum, in dem sich Menschen präsentieren können bzw. wollen. Der Öffentliche Raum fordert heraus, kann Angst hervorrufen oder positiv erregen. Der Öffentliche Raum bietet auch Chancen der Zugehörigkeit und kann die Umgebung bieten, in der Räume der Begegnung (s. Kap. 6) entstehen können. Viele Opfer sexueller Gewalt oder anderer traumatischer Ereignisse, die ihre Erfahrungen nicht verarbeiten konnten, meiden den Öffentlichen Raum. Dies ist verständlich. Wenn die Grenzen des Intimen und Persönlichen Raums erschüttert, gebrochen, gefährdet sind, fehlt die grundlegende Sicherheit, sich im Öffentlichen Raum frei bewegen zu können. Öffentlichkeit wird als Bedrohung erlebt und folglich gemieden.

Andere Opfer traumatischer Erfahrungen wiederum, vor allem solche, die ihre Scham als Wächterin des Intimen Raums verloren haben, bewegen sich bevorzugt im Öffentlichen Raum und spüren sich nur, wenn sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren. Dort erleben sie sich als Person. Sie brauchen die öffentliche Resonanz, da Privates mit Schlimmem verbunden ist. Sie benötigen, von anderen gesehen zu werden, um sich selbst als Mensch zu spüren. Öffentlichkeit verbirgt und erregt zugleich – und birgt in sich die Gefahr, dass sich Menschen mit diesem Erleben in der Öffentlichkeit suchtartig verlieren.

Klient/innen leiden oft darunter, dass sie sich in der Öffentlichkeit verlieren oder aber – zumeist – die Öffentlichkeit scheuen. Wenn man daran therapeutisch arbeitet, muss das Augenmerk auf den Schutz und die Stabilisierung des Intimen Raums und des Persönlichen Raums gelegt werden, nicht darauf, ob und wie sich Menschen in der Öffentlichkeit bewegen. Erst der Schutz und die Stabilisierung des Intimen und Persönlichen Raums schaffen den Boden dafür, dass Menschen mehr Wahlmöglichkeiten hinsichtlich ihres Verhaltens in der Öffentlichkeit entwickeln und wahrnehmen können. Das war auch der Weg, den die Klientin, die das Bild malte, mit meiner Unterstützung schon mehrmals beschritten hatte und immer wieder beschreiten musste, weil die traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit so vielschichtige und tiefe Verletzungen bewirkt hatten, dass sich ihr Erleben, ihre Lebendigkeit immer wieder in den kleinen schwarzen Punkt zurückzog.

3.2.2 Der Zentrale Ort, der Unzerstörbare Kern

Wenn Menschen in der Therapie in ihren Körper hineinspüren können, entdecken sie, gefragt oder ungefragt, häufig in sich einen Zentralen Ort oder Zentralen Raum, und damit einen weiteren der Bedeutungsräume. Dieser Zentrale Ort ist ein Ort des Erlebens. Er kann körperlich häufig lokalisiert werden, im Bauchraum, in der Herzgegend, aber auch an anderen, häufig unvermutet wahrgenommenen Stellen des Körpers wie z. B. in den Füßen. Immer hat er den Charakter eines Kerns und auch eines Ortes der Bewertung und der Maßstäbe. Er ist der Zentrale Ausgangspunkt, von dem aus der Intime Raum und der Persönliche Raum strukturiert, gestaltet und gefestigt werden. Wie konkret seine Bedeutung erlebt wird, ist wie bei allen Bedeutungsräumen individuell unterschiedlich. Erleben Menschen sexuelle Gewalt oder andere traumatische Erfahrungen, versuchen sie unwillkürlich, ihren Zentralen Ort zu schützen. Den meisten gelingt dies, indem sie sich mit ihm „wegbeamen“.

Er wird betäubt (freeze) oder spaltet sich dissoziierend in Splitter auf (fragment). Dies ist eine notwendige und sinnvolle Schutzreaktion im Moment des traumatischen Erlebens, die Chronifizierung kann aber dazu führen, dass auch spätere bedrohlich erscheinende Situationen, durch Trigger ausgelöst, ein ähnliches Verhalten wieder hervorrufen, was zum Erleben der Verwirrung, Betäubung, Desorganisation, mangelnder Impulskontrolle und Koordination führen kann. Schlimmere Folgen ruft es hervor, wenn der Schutz des Zentralen Ortes auch durch Wegbeamen nicht gelingt, sondern dieser selbst beschädigt wird, wie z. B bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen (worauf genauer einzugehen, allerdings den Rahmen dieses Buches sprengen würde).

Skizze 1


In dieser Skizze wird der Zentrale Ort „weggebeamt“, ganz oder in Einzelteilen nach außen verlagert. Manche Opfer sexueller Gewalt beschreiben ihr Erleben so, als würden sie sich „von außen“ betrachten, als seien nicht sie es, denen die Gewalt widerfährt.


Skizze 2

Bei vielen Opfern sexueller Gewalt ist der Zentrale Ort so gefährdet und der Intime Raum so verletzt, dass zum Schutz eine Mauer der Unzugänglichkeit aufgebaut wird. Das schützt zwar, schränkt aber soziale Kontakte oft sehr ein.


Skizze 3

Wieder andere verlegen die Verteidigung „nach vorn“, greifen vorsorglich andere Menschen an, die ihnen zu nahe kommen könnten. Der Zentrale Ort ist kein generell körperlich zu lokalisierendes Organ, sondern ein Bedeutungsraum, ein Raum bzw. Ort des Erlebens, und damit ein Bild von großer Kraft zum Verständnis und zur Veränderung menschlichen Erlebens.

Jede Therapie mit Opfern sexueller Gewalt muss darauf ausgerichtet sein, den Zentralen Ort der betreffenden Menschen zu würdigen, zu schützen und zu stärken. Manchmal drängt sich dieses Thema gleich zu Beginn eines therapeutisches Prozesses in den Vordergrund, oft gilt es zuerst den Intimen und den Persönlichen Raum zu stärken, bevor der Zentrale Ort überhaupt erspürt und danach gesucht werden kann, was ihn fördert, heilt, seine Koordinationsfunktion wieder einsetzt bzw. ihn stabilisiert.

Die meisten Opfer sexueller Gewalt, die therapeutische Hilfe benötigen, leiden darunter, dass das Traumaerleben ihren Zentralen Ort bzw. dessen Funktionsweise beeinträchtigt oder beschädigt hat. Das kann von andauernden Entscheidungsunsicherheiten („Ist es richtig, was ich mache?“) über chronische Selbstzweifel („Bin ich richtig?“) bis zu massiven Schädigungen reichen, die als existenzbelastend erlebt werden. Deswegen stehen wir in fast jedem therapeutischen Prozess mit traumatisierten Menschen vor der Notwendigkeit, dem Zentralen Ort Aufmerksamkeit zu schenken und uns seiner Kräftigung und Entfaltung zu widmen.

Wir bitten die Klient/innen, ihren Zentralen Ort in ihrem Körper zu spüren, ihn sich bildlich vorzustellen, ihn zu malen oder als Objekt zu gestalten, ihm einen Klang zu geben oder in einer Geste oder kleinen Bewegung Ausdruck zu verleihen. Auch wenn dies manchmal anfangs nicht oder nur schwer gelingt, ist es immer einen Versuch wert. Wer kein inneres Bild hat, malt die Vermutungen über ein mögliches Bild, wer keine Bewegungen findet, folgt dem ersten Impuls, wer sich kein Objekt vorstellen kann, lässt seine Finger in Stoff oder Papier greifen und diese etwas gestalten, was dann sicherlich mit dem Zentralen Ort zu tun hat. Der Weg ist zweitrangig, wichtig ist, dass die Klient/innen sich mit ihrem Zentralen Ort beschäftigen, dass sie ihn sich ausmalen, in ihn hineinhören, ihn mit allen Sinnen erfassen und ihn ernst nehmen. Dabei kann er nicht nur unterschiedliche Farben und Formen annehmen, sondern auch verschieden bezeichnet werden.

Für viele Menschen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, ist er ein Innerer Ort der Werte. Eine Klientin geriet wiederholt in die Situation, dass sie bei Begegnungen mit einer Arbeitskollegin erstarrte und innerlich vor Angst zu schlottern begann. Sie meinte: „Das liegt nur an meiner Geschichte, dass ich so reagiere. Ich muss das aushalten lernen, unbedingt.“ Die Kollegin war eine Frau, die nur ihre eigenen Auffassungen gelten ließ und die Meinungen anderer nicht respektierte. Dass die Klientin so stark auf sie reagierte, hatte sicherlich mit ihren Traumaerfahrungen zu tun. V.a. aber war sie dafür sensibilisiert, ob Menschen andere (und sie!) respektierten oder nicht. Sie lernte in der Therapie ihren Inneren Ort der Werte schätzen und nahm ihn als Maß für die Beantwortung der Frage: Mit welchen Menschen will ich zusammen sein und mit welchen nicht? Diesen Inneren Ort der Werte nannte sie Oskar: „Der Hund meiner Freundin heißt Oskar. Der weiß ganz genau, wen er mag und wen er nicht mag. Und die, die er nicht mag, bellt er an oder meidet sie.“ Sie nahm sich das Recht, auf ihren „inneren Oskar“ zu hören.

Oft bezeichne ich den Zentralen Ort in der Arbeit mit traumatisierten Menschen als Unzerstörbaren Kern. Wenn Klient/innen davon berichten, dass sie das Gefühl haben, sich in ihre Umgebung hinein aufzulösen, dann frage ich sie nach ihrem Unzerstörbaren Kern. Die Aufmerksamkeit geht dadurch vom Außen (des Verschwindens, s. auch Kap. 7.2) zum Innen, zum Unzerstörbaren Kern. „Jeder lebendige Mensch hat einen unzerstörbaren Kern. Auch Sie. Spüren Sie in sich hinein: Wo ist er? Oder wo könnte er sein?“ Manche Menschen finden ihn schnell, andere müssen mehr oder weniger lange suchen. Dann bin ich beharrlich und begleite sie auf ihrer Suche. Das gilt erst recht, wenn eine Klientin oder ein Klient sagt: „Ich habe keinen Unzerstörbaren Kern“, oder meint, er sei nicht auffindbar. Ich bleibe sicher und manchmal stur dabei: „Sie haben einen. Wenn Sie ihn jetzt nicht finden, dann finden Sie ihn später. Aber Sie finden ihn. Und ich helfe Ihnen dabei.“

Hilfreich sind Fragen danach, wann der Unzerstörbare Kern denn das letzte Mal bemerkt wurde und wobei er geholfen hat. Oder Annäherungsfragen wie: „Wenn er da wäre, welche Farbe hätte er? Welche Konsistenz? Woraus würde er bestehen? …“ Und: „Wo in Ihrem Körper hätte er sein Zuhause?“ Mit Geduld und Fantasie hat jede/r Klient/in den Unzerstörbaren Kern gefunden – wenn er auch immer wieder droht, in Vergessenheit zu geraten. Ihn zu spüren und sich immer wieder (angeregt durch den Therapeuten oder die Therapeutin) daran zu erinnern, sich darauf zu beziehen, gibt Sicherheit. Letzten Endes ist der Unzerstörbare Kern der innere sichere Ort. Ihn zu suchen und zu finden bzw. sich seiner zu vergegenwärtigen, ist eine der wichtigsten Vorbereitungen, damit Opfer sexueller Gewalt ihren traumatischen Erfahrungen begegnen und sie bewältigen können.

Für manche Klient/innen ist der Zentrale Ort identisch mit ihrem Inneren Ort des Glaubens. Entweder sind sie schon lange gläubig oder sie werden es, weil sie merken, dass ihnen neben der Begegnung mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten, die in manchen Phasen manchmal die einzigen Menschen sind, denen sie ihr innerstes Erleben mitteilen, die Begegnung mit einer höheren Macht wichtig ist, der sie sich anvertrauen können.

Die Namen für den Zentralen Ort sind unterschiedlich, da folge ich, wie gesagt, den Bedürfnissen der Klient/innen. Wesentlich ist, dass sie ihren Zentralen Ort entdecken und sich mit ihm beschäftigen. Die Arbeit mit diesem Zentralen Ort zieht sich wie ein Faden durch die Therapie, immer wieder wird darauf Bezug genommen. Auch bei (scheinbaren) Kleinigkeiten frage ich z. B.: „Was sagt Ihr Herz dazu?“ Auch mit dieser Formulierung wird der Innere Ort der Werte angesprochen. Wenn die Not groß ist, die Not sich aufzulösen, die Not, nicht in die Welt gehen oder gar nicht mehr leben zu können, dann ist der Bezug auf den Unzerstörbaren Kern zwingend notwendig und hilfreich.

3.3 Primäre Leibbewegungen – vom Gehört-Werden und Hinschauen über das Greifen zum (misstrauischen) Lehnen ...

Fast jede therapeutische Arbeit mit traumatisierten Menschen mündet in die Arbeit mit den Primären Leibbewegungen oder bezieht sie zumindest mit ein.

Mit Primären Leibbewegungen bezeichnen wir in der Kreativen Leibtherapie grundlegende Bewegungen des Erlebens, innere (eventuell eingefrorene, erstarrte) Bewegungen, die körperlich sichtbar sein können, aber nicht müssen (Baer, Frick-Baer 2001/2008). Primär sind sie in doppelter Hinsicht: Sie sind die ersten Lebens- und Erlebensäußerungen von Säuglingen und sie prägen für viele Menschen, gerade wenn sie viele Störungen und Kränkungen erfahren haben, in „erstrangiger“ Weise ihr Erleben.

Die fünf Primären Leibbewegungen sind das Schauen, Tönen, Greifen, Drücken und Lehnen:

 Menschen begegnen sich über das Schauen: Blicke begegnen sich, nehmen Kontakt auf, weichen aus, senden Signale, spielen miteinander, tanzen miteinander. Das Schauen ist wichtig, aber auch das Gesehen-Werden. Wer nicht gesehen wird, verkümmert und zweifelt an sich. Wer nicht würdigend, sondern missachtend und verachtend gesehen wird, wird verletzt.

 Mit ihren Tönen geben Menschen ihr Innerstes nach außen, sie werden hörbar und suchen danach, gehört zu werden, manchmal erhört … Zum Tönen gehört auch das Hören: das Bedrohliche einer Atmosphäre, die Stimmung in einer Stimme, die Lautstärke und den Rhythmus eines Atems oder den Klang des Schweigens.

 Menschen greifen in die Welt hinaus. Kleine Kinder begreifen über das Greifen. Menschen greifen nach anderen Menschen und werden von ihnen ergriffen, im positiven Sinn – der Menschen hilft, sich zu spüren –, wie auch verletzend und entwürdigend.

 Menschen fühlen sich unter Druck oder spüren inneren Druck bzw. üben Druck aus. Druck ist ein Erleben und eine Bewegung, eine körperliche Aktion, in der man andere von sich wegdrückt oder heranzieht, von an deren weggedrückt oder herangezogen wird, oder in der man einen Händedruck erfährt oder eine Hand oder ein Stück Ton drückt usw.

 Menschen brauchen es, sich anzulehnen. So hingebungsvoll, wie sich Säuglinge und Kleinkinder anlehnen und anschmiegen können, gelingt dies Erwachsenen nur noch selten. Umso größer ist die Sehnsucht danach. Menschen brauchen es auch, dass andere sich an sie anlehnen, dass sie Halt geben können und dürfen.

Erfahrungen sexueller Gewalt und andere Traumaerfahrungen beeinflussen die Primären Leibbewegungen eines Menschen in vielerlei Hinsicht. Vor allem, wenn sich das Traumaerleben chronifiziert hat, kann dies nachhaltige Folgen haben.

Zum Beispiel:

 Die Hilferufe eines Menschen, der Opfer einer Gewalttat geworden ist, sind nicht erhört worden. Er verstummt, schreit nur noch innerlich – und erlebt sich so dauerhaft als „unhörbar“ und „unerhört“.

 Opfer sind verletzend im traumatischen Ereignis angegriffen und ergriffen worden. Sie trauen sich nun nicht mehr, sich liebevoll ergreifen zu lassen oder andere zu greifen.

 Das Grundvertrauen in ihre Sicherheit wurde durch das traumatische Ereignis gebrochen. Ein Anlehnen und Hingabe ruft in der Folge sofort tiefe existenzielle Ängste, Flashbacks usw. hervor.

Wesentlich für die therapeutische Arbeit ist, dass gemeinsam mit der Klientin oder dem Klienten ein Blick der Einsicht auf die Primären Leibbewegungen gerichtet werden muss. Werden solche Zusammenhänge den Klient/innen bewusst, verstehen sie mehr, wie es ihnen geht und warum das so ist, wie es ist. Sie erhalten die Chance, weniger Energie darauf zu verwenden, mit sich zu hadern, und sich mehr den Veränderungsmöglichkeiten zuzuwenden. In der Therapie verknüpfen sich diagnostische Einsicht und das Ausprobieren, ja Wagen von Veränderungsmöglichkeiten.

Ein Beispiel zum Thema „Gehört-Werden“:

Eine Klientin ist völlig verstummt. Jeder Versuch, ein Wort zu äußern, bleibt ihr im Hals stecken. Ich versuche, ihr eine Brücke zu bauen: „Suchen Sie sich ein Instrument aus, das für Sie sprechen kann.“

Sie greift zu einer schweren Eisenglocke. Hält sie im Stehen. Lässt einen Ton erklingen. Hält inne. Lässt dann noch einen Ton erklingen. Dann mehrere. Bim bam, bim bam. Sie sinkt vornüber. Ich fürchte, sie könne hinfallen und sich weh tun, und halte sie fest, nehme sie in den Arm und bitte sie, sich an mir festzuhalten. Ich spüre, wie es in ihr arbeitet, sie aber innerlich feststeckt und einen Anstoß von mir benötigt. Ich frage sie: „Darf ich Ihnen sagen, was ich gehört habe?“ Sie nickt. „Ich habe Kirchenglocken gehört.“ Sie beginnt zu schluchzen und schüttelt sich. Dabei erzählt sie – die Worte kommen wieder –, was ihr Schreckliches geschehen sei, als sie sehr jung war, in der Sakristei, während die Kirchenglocken erklangen.

Wie bei dieser Klientin sind die traumatischen Erfahrungen bei vielen Opfern sexueller Gewalt mit Geräuschen und anderen Begleitklängen verbunden, die große und lang anhaltende Kraft besitzen. Die Klientin wollte sprechen, aber sie konnte nicht. Der Weg, sich hörbar zu machen, erfolgte über die Glocke, über den Klang dessen, was sie gehört hatte. Dieser Klang hatte sie zum Verstummen gebracht und das, was sie mitteilen wollte, übertönt.

Dem Klang dieser Kirchenglocken, der für diese Klientin so schreckliche Bedeutung hatte, einen anderen Klang entgegenzusetzen, kann zumeist nicht gelingen. Was hier (und meistens) entgegengesetzt werden kann, ist eine Veränderung auf der Ebene einer der anderen Primären Leibbewegungen. Hier hilft das Halten bzw. Drücken, das, während die Klientin erzählt, in ein Lehnen übergeht.

Die Klientin hat in dieser kleinen Sequenz noch etwas anderes „geleistet“: Sie, die den mit den Kirchenglocken verbundenen Schrecken allein überleben musste, hat die Klänge der Glocken und die Worte des Erzählens über die Geschehnisse mit der Therapeutin und damit zum ersten Mal mit einem anderen Menschen geteilt. In der weiteren Arbeit erzählt sie, dass sie immer die Worte in sich hatte: „Nicht machen! Nicht machen!“ Nie wurde sie mit diesen Worten erhört oder gehört. Sie teilt mit vielen Opfern sexueller Gewalt die tiefe Sehnsucht, mit solchen Worten und in ihren Hilferufen endlich gehört zu werden, zu hören: „Ich höre dich.“ Dieser Satz dringt, von Mitgefühl und Wahrhaftigkeit begleitet, am ehesten durch den Horror und das Verstummen.

Was hier zum Hören und Gehört-Werden gesagt wurde, ließe sich ähnlich für die anderen Primären Leibbewegungen beschreiben. Auf einige komme ich in anderen Kapiteln zurück, z. B. auf den Tanz der Augen (Kap. 6.4). Fast immer sind die ersten Impulse und Bedürfnisse der traumatisierten Menschen widersprüchlich. Besonders wenn sie mehrfach Opfer sexueller Gewalt waren, entwickelten sie meist eine Strategie, sich zu verstecken, aus der Aufmerksamkeit der Täter/innen zu verschwinden, um ja nicht wieder ergriffen zu werden. Sie wollten nicht gesehen oder gehört werden. Gleichzeitig hatten sie große Sehnsucht danach, von Menschen gesehen und gehört zu werden, die ihre Verletzungen bemerkt, ihre Not wahrgenommen und ihnen geholfen hätten. Diese Widersprüchlichkeit bzw. Zwei-Spurigkeit des Erlebens gilt es zu kennen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die Primäre Leibbewegung Greifen. Vielen Opfern sexueller Gewalt, v.a. solchen, die dieser wiederholt ausgesetzt waren, ist das Greifen abhanden gekommen. Sie wurden ergriffen und deshalb ist für die meisten von ihnen das Greifen etwas Schlimmes oder Böses. Sie packen nicht an, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn, und können ihr Leben nicht „in die Hand nehmen“. Oft bitte ich sie, sich selbst aus Zeitungspapier zu gestalten. Oder den Schmerz aus Ton. Oder ihre Sehnsucht aus Stoff … Wichtig ist, dass sie das Greifen üben und sinnlich erfahren, dass es auch eine andere, positive Qualität haben kann. Manchmal ist es auch ganz egal, wonach sie greifen, die Hauptsache ist, sie greifen. Wenn z. B. eine Klientin oder ein Klient völlig erstarrt ist, fordere ich oft auf, nach irgendetwas zu greifen, irgendetwas in die Hand zu nehmen – fast immer ist dies ein erster Schritt aus der Starre.

An dieser Stelle ist noch einmal zu wiederholen, dass für viele Opfer das traumatische Ereignis nicht mit dem Akt der sexuellen Gewalt beendet ist. Einen Abschluss des traumatischen Ereignisses nach der Tat kann es nur geben, wenn das Opfer unmittelbar danach Hilfe erfährt, Trost, Unterstützung, parteiliche Verteidigung und Ähnliches mehr. Doch bei vielen Menschen, die Opfer einer Gewalttat geworden sind, ist dies nicht der Fall, sie bleiben mit ihrer traumatischen Erfahrung allein, ihnen wird nicht geglaubt, das traumatische Ereignis wird nicht gesehen, sie werden nicht erhört, sie werden nicht getröstet und gehalten. Folglich dauert das Erleben des traumatischen Ereignisses für diese Menschen noch weit über die Tat hinaus an.

Die Phase der Tabuisierung, der Bedrohung („Wenn du etwas erzählst, dann ...“), des Vertuschens nach der sexuellen Gewalttat ist für die Opfer, denen ich begegnet bin, ein wichtiger und oft besonders nachhaltiger Teil ihrer traumatischen Erfahrung. In dieser Phase entstehen viele musterbildende und nachhaltig wirkende Erfahrungen mit den Primären Leibbewegungen. Viele sind verzweifelt darüber, dass sie nicht gesehen und nicht gehört wurden. In der therapeutischen Begegnung gilt es, dafür den Raum bereit zu stellen, Zeuge zu sein, hinzuschauen, hinzuhören. Viele Opfer brauchten es, hätten es gebraucht, nach der Tat umarmt zu werden und getröstet, also im Sinne der Primären Leibbewegungen schützend und tröstend ergriffen zu werden und sich anzulehnen. Geschah dies nicht, können sie in der Therapie eine Haltung des Schutzes und Trostes von Seiten der Therapeut/innen erfahren, um sich so die Fähigkeit des Anlehnens an andere Menschen wieder anzueignen. Dies wird und muss immer wieder oder noch lange Zeit oder dauerhaft von Misstrauen begleitet sein, von der Überprüfung, ob wir, ob der Mensch, an den sich das jeweilige Opfer anlehnen möchte, wirklich vertrauenswürdig ist oder nicht.

Abgesehen davon, dass sich die Primären Leibbewegungen durch künstlerische Prozesse ziehen, können wir mit ihnen in unterschiedlicher Weise kreativ arbeiten. Dass das Tönen und das Wiederbeleben der „eigenen Stimme“ als Quelle für ein Aufrichten in Würde musiktherapeutisch mit zahlreichen kleinschrittigen Experimenten gefördert werden können, liegt auf der Hand. Das Greifen ist ein Grundelement der Kunst- und Gestaltungstherapie, in der nicht nur nach dem Pinsel gegriffen wird, sondern auch nach Zeitungspapier und Ton, nach Holz und Stein und anderen Materialien mehr. Tanz- und bewegungstherapeutisch kann mit allen Primären Leibbewegungen auf vielfältige Weise gearbeitet werden vor allem in tänzerischen Dialogen. Eine Primäre Leibbewegung kommt selten allein, verdient aber oft besondere Aufmerksamkeit, bevor sie der Einbeziehung anderer Primärer Leibbewegungen bedarf, um in Heilungsprozessen veränderbar zu werden.

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