Kitabı oku: «Klingen, um in sich zu wohnen 2»

Yazı tipi:

Fachbücher therapie kreativ Band 3

Klingen, um in sich zu wohnen

Methoden und Modelle leiborientierter Musiktherapie

Band 3.2: Von den Klängen der Stille bis zum musikalischen Sharing

Baer, Udo / Frick-Baer, Gabriele

Klingen, um in sich zu wohnen: Methoden und Modelle leiborientierter Musiktherapie

Band 3.2: Von den Klängen der Stille bis zum musikalischen Sharing

Neukirchen-Vluyn : 2. Auflage 2009 in 2 Bänden

ISBN 978-3-934933-46-0

© 2009 Affenkönig Verlag, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Lore Remke, Unna / Barbara Maier, Bonn

Satz: TRITUM, Jena

Schneider Visuelle Kommunikation unter

Verwendung eines Bildes von © Klaus Schneider

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer

Klingen, um in sich zu wohnen

Methoden und Modelle leiborientierter Musiktherapie

Band 3.2: Von den Klängen der Stille bis zum musikalischen Sharing



Neukirchen-Vluyn – Jg. 1952. Dipl. Pädagogin, Kreativer Leibtherapeut (HPG). Mitbegründerin der Zukunftswerkstatt therapie kreativ. Sie arbeitet seit vielen Jahren in therapeutischer Praxis und als Leiterin von Seminaren und Ausbildungsgruppen in künstlerischen Therapien, u. a. in Kreativer Traumatherapie. Autorin zahlreicher Fachbücher und Artikel. www.therapie-kreativ-baer.de

Udo Baer

Neukirchen-Vluyn – Jg. 1949. Dr. phil., Dipl. Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut (HPG). Leiter der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, die er auch mitbegründete. Er arbeitet seit vielen Jahren in therapeutischer Praxis und leitet Aus- und Fortbildungen in künstlerischen Therapien. Zahlreiche Veröffentlichungen. www.zukunftswerkstatt-tk.de

Inhalt

Band 3.2:

Von den Klängen der Stille bis zum musikalischen Sharing

11 Klänge der Stille

12 Die Klänge des Atems

12.1 Atemerleben – Atem-Achtsamkeit

12.2 Vom Atem in die Stimme

12.3 Atem-Rhythmen

13 Aktives Symbolisieren

13.1 Symbole und Symbolisieren in der Musiktherapie

13.2 Heilgesänge und -lieder

14 Wort und Klang

14.1 Der Klang der Sprache

14.2 Vom Gespräch zum Musizieren

14.3 Vom Musizieren zum Reden

14.4 Wort + Musik = Lied

15 Rezeptive, aktive und themenzentrierte Musiktherapie

15.1 Rezeptive Musiktherapie und leibliches Hören

15.1.1 Das Haus der Stimmungen

15.1.2 Das Rad des Musikerlebens

15.2 Aktive Musiktherapie

15.3 Themenzentrierte Musiktherapie

16 Die Kunst des Niedrigschwelligen

16.1 Zwölf Wege zum Tönen und Musizieren

16.2 Minimale Dialoge

16.3 Rituale

16.4 Gehe zurück auf …

17 Rahmen und Veränderung

17.1 Rahmen als Halt und Sicherheit

17.2 Aus dem Rahmen fallen

18 Musiktherapeutische Arbeit mit bestimmten Personengruppen

18.1 Rahmenbedingungen

18.2 Kinder und Jugendliche

18.3 Demenziell erkrankte Menschen

18.4 Psychiatrisch erkrankte Menschen

19 Unser Theorieverständnis

20 Was uns am Herzen liegt oder: Die sieben Unentbehrlichkeiten unserer Musiktherapie

20.1 Musiktherapie ist Leibtherapie

20.2 Musiktherapie verändert Leibmuster

20.3 Musiktherapie ist Beziehung

20.4 Musiktherapie achtet KlientInnenkompetenz

20.5 Musiktherapie achtet Tönen und Hören als Primäre Leibbewegung

20.6 Musiktherapeutische Diagnostik ist prozessual und interaktiv

20.7 Musiktherapie verfolgt eher Absichten als Ziele

21 Musik und Erleben: Was dem Musizieren und Musikhören innewohnt

21.1 Musik, Musizieren, Musikhören

21.2 Die neun wichtigsten Erlebnisqualitäten

21.2.1 Musik wirkt leiblich

21.2.2 Musik bewegt

21.2.3 Musik intensiviert Gefühle

21.2.4 Musik erinnert

21.2.5 Musik führt weg

21.2.6 Musik transzendiert

21.2.7 Musik verbindet

21.2.8 Musik ist machtvoll

21.2.9 Musik revoltiert und verändert

22 Der therapeutische Prozess

22.1 Musikalisch-künstlerischer und therapeutischer Prozess

22.2 Wirkfaktoren in der musiktherapeutischen Begegnung

23 Vom Musizieren zum Muster – vom Muster zum Musizieren

23.1 Gestalten, Strukturen, Muster …

23.2 Strukturen und Muster im freien Musizieren

23.3 Harte Muster musizierend schmelzen

24 Die therapeutische Beziehung

24.1 Szene, Übertragung, Resonanz

24.2 Tridentität in der therapeutischen Beziehung

24.3 Fragen, Feedback, Sharing

25 Der Baum leiborientierter Musiktherapie

Nachklänge

Literaturverzeichnis

11

Klänge der Stille

Zur Musik gehören auch die Pausen, in denen nichts erklingt, zur Musik gehört die Stille. Der Dirigent Simon Rattle sagte in einem programmatischen Interview, nachdem er zum Leiter der Berliner Philharmoniker gewählt worden war: „Man muss das Stück von der Stille her denken und nicht vom Forte. (…) Es gibt diesen wunderbaren Satz von Leopold Mozart, den ich den Musikern immer und immer wieder sage: Jeder Ton beginnt mit der Stille und kehrt zur Stille zurück.“ (Rattle 2002, S.35)

Wenn Sie mögen, dann achten Sie einmal auf die Momente der Stille, wenn Sie Musik hören, und nehmen Sie wahr, welche Wirkung diese Phasen der Stille auf Sie haben. Wahrscheinlich werden auch Sie die Erfahrung gemacht haben, dass bei manchen Konzerten unmittelbar nach dem letzten Ton ein Beifallssturm losbricht. Bei anderen herrscht Schweigen, aber kein Schweigen der Ablehnung, sondern ein Schweigen der Ergriffenheit. Durch die dargebotene Musik ist eine Atmosphäre der Stille entstanden, in der jede Beifallsäußerung störend wäre. Verschiedene Qualitäten der Stille können Sie auch im Alltag erfahren: die erhabene und weitende Stille auf dem Berggipfel; die ertappte Stille, wenn eine Person den Raum betritt, über die gerade gesprochen wurde; die Stille nach einem berührenden Vortrag; die leise Stille des ersten Schnees; die laute Stille nach einem Ehekrach; die schweigende Stille, wenn die Liebe erstorben ist; die klirrende Stille der Verachtung; die bedrückende Stille eines Familientabus; die tödlich anmutende Stille nach erfahrener Gewalt; die stolze Stille eines liebevoll anvertrauten Geheimnisses; die staunende Stille bei einem Naturereignis; die schlaffe Stille in der Mittagshitze; die Stille des unverhofften Beschenktwerdens usw.

Stille ist nicht nur Verneinung von Klängen oder Fernbleiben von Lärm. Stille ist eine eigene Qualität des Erlebens. Richtiger gesagt: Stille kann eine Vielzahl von Erlebensqualitäten beinhalten. Stille ist Nachhall und Vorbereitung, Erwartung und Lösung … George Steiner hat einmal gesagt: „Ich bin in meinem allzu gesprächigen Leben ein Sammler von Stillen gewesen.“ (Steiner 1999, S.189)

Es lohnt sich, auf Stillen zu achten, sie nicht zu „überhören“, auch wenn den meisten Menschen der Reichtum ihrer Qualitäten kaum bewusst ist. Was hat Stille nun mit Therapie zu tun? Zweierlei: Zum einen haben KlientInnen unterschiedliche, oft leidvolle Erfahrungen mit Stille und bringen diese mit in die Therapie, zum anderen kann die Beschäftigung mit den Klängen der Stille Türen zum inneren Reichtum öffnen.

Um persönlichen Qualitäten der Stille und Zusammenhängen zwischen ihr und dem Musizieren auf die Spur zu kommen, schlagen wir Ihnen und unseren KlientInnen folgende Experimente vor:

„Spielen Sie, was Sie gerade bewegt …

Halten Sie dann inne und lauschen Sie der Stille …“

Oder:

„Seien Sie einige Minuten lang still. Lauschen Sie der Stille …“

Jeder Mensch erlebt Stille unterschiedlich. Manchmal wird dies daran deutlich, welche Gefühle, Bilder, Klänge, Assoziationen in der Stille Gestalt annehmen, manchmal wächst die persönliche Bedeutung der Stille aus dem, was nach der Stille entsteht, was die Stille gebiert. Einige einfache Experimente, um dies zu erfahren, sind:

„Lauschen Sie einige Zeit, mindestens eine Minute, wenn möglich aber auch länger, Ihrer Stille. Lassen Sie dann mit Ihrer Stimme den Ton entstehen, der nach der Stille entstehen möchte.“

Oder:

„Lauschen Sie mindestens eine Minute Ihrer Stille und greifen Sie dann zu einem Instrument und lassen Sie die Klänge erklingen, die aus der Stille heraus erklingen wollen.“

Spannende Erfahrungen sind möglich, wenn die Stille in das Musizieren eingebettet wird. Wichtig dabei ist, dass die Pause, dass das Schweigen sich über eine ausreichende Länge erstreckt. Wir schlagen oft vor, dass es mindestens eine Minute dauern sollte. Für manche Menschen ist dies zu lang, weil für sie Schweigen kaum aushaltbar ist. Andere brauchen länger, um sich dem Schweigen hinzugeben, um der Qualität des Erlebens im Schweigen auf die Spur kommen zu können.

„Spielen Sie Musik und drücken Sie aus, was gerade ist …

Zu irgendeinem Zeitpunkt, der Ihnen passend erscheint, lassen Sie Ihre musikalische Improvisation ausklingen und lauschen der Stille, die danach entsteht …

Irgendwann, wenn Sie dem, was Sie in der Stille erleben, etwas näher gekommen sind, beginnen Sie wieder zu musizieren, mit einem Instrument oder mit Ihrer Stimme. Lassen Sie sich überraschen, was nun entsteht …“

Hilfreich zur Vorbereitung dieses Experimentes oder zur Ergänzung bzw. zur Vertiefung ist der Bezug auf den Atemrhythmus. Wer bewusst auf seinen Atem achtet, wird feststellen, dass es zwischen dem Ausatmen und dem Wiedereinatmen eine Pause gibt. Diese Pause mag winzig klein sein oder als längere wahrgenommen werden, in jedem Fall liegt zwischen jedem Atemzug ein Moment der Stille, ein Moment des Innehaltens. Wir weisen auf diesen Umstand hin und erklären, dass somit auch in unserem Atemrhythmus wiederkehrende Pausen, Momente der Stille eingebaut sind. Um dies zu erfahren, kann das folgende Experiment unterstützend wirken:

„Achten Sie auf Ihren Atem. Nehmen Sie ihn wahr, ohne ihn verändern zu wollen …

Achten Sie nun besonders auf Ihr Ausatmen. Nehmen Sie wahr, wie Ihr Ausatmen beginnt, wie es sich erstreckt, wie es endet …

Achten Sie nun besonders auf die Pause nach dem Ausatmen, auf den Moment der Stille, auf den Moment des Innehaltens zwischen dem Ausatmen und dem Wiedereinatmen. Vielleicht kommt Ihnen diese Pause nur sehr klein vor, vielleicht länger. Ganz egal, bewerten Sie nicht, messen Sie nicht, nehmen Sie nur wahr und schicken Sie Ihre Konzentration in diese Pause …

Lauschen Sie dieser Pause, hören Sie in diese Pause hinein …

Was hören Sie in dieser Pause? Welche Gedanken, Bilder, Gefühle entstehen? …“

Wir haben es schon erwähnt und jede Erfahrung, von der wir in diesem Buch berichten, bekräftigt es: Das Erleben ist subjektiv! Jeder Mensch empfindet die Stille unterschiedlich, je nach den persönlichen Verknüpfungen, Vorerfahrungen, Bewertungen, usw.

Einige Beispiele:

 Eine junge Klientin war über sich überrascht, als sie den Klängen der Stille zu lauschen versuchte. Schon nach 20, 30 Sekunden brach sie ab, da die Stille für sie äußerst bedrohlich war: „Mir war, als kämen Leute mit grimmigen Gesichtern auf mich zu. Das klang dumpf und laut!“

 Eine andere Frau, Ende 30, erlebte die Stille als ruhig und friedlich: „Ich höre eigentlich nichts, allenfalls ein leises Rauschen, so wie ein entferntes Meer. Für mich ist das Frieden pur.“

 Ein Mann ähnlichen Alters erlebte seine Stille ebenfalls als ruhig, aber als eine Ruhe, die für ihn nicht aushaltbar war: „Das ist so ruhig, das halte ich nicht aus. Da werde ich selber so komisch unruhig, als Reaktion da drauf. Ich weiß auch nicht, womit das zusammenhängt.“

 Eine Frau, Mitte 60, entdeckte in ihrer Stille ihre lange verschüttete Sehnsucht. Sie griff zur Flöte und spielte eine klare Melodie. „In der Stille ist Klarheit und Eindeutigkeit. Da finde ich Boden und weiß, woran ich bin. In der Stille spüre ich mich, da weiß ich, was ich fühle. Sonst geht das zu leicht unter.“

Ebenso unterschiedlich sind die Erfahrungen damit, was aus der Stille heraus individuell entstehen kann: Da hört aus der Stille heraus eine Klientin plötzlich die harte Stimme der Mutter, während für eine andere eine Szene des Schweigens entsteht, des strafenden Schweigens im Elternhaus. Ein Klient fühlt sich eins mit der Natur und hört (und pfeift) die Geräusche des Windes auf einem Berggipfel, während ein anderer den Klang seines Herzens wahrnimmt, zum Monocord geht und ihn damit wiederzugeben versucht.

Ähnlich unterschiedlich sind die Klänge, mit denen KlientInnen sich ausdrücken. Häufig hören wir klare und nicht allzu laute Klänge, Töne bzw. Tonfolgen, aber auch dumpfe Trommelrhythmen oder ein kreischendes Crescendo.

Besondere Aspekte des Erlebens der Stille werden deutlich, wenn die Stille geteilt wird. Es besteht ein Unterschied, ob zwei Menschen sich im gleichen Raum aufhalten und jede oder jeder für sich still ist und Erfahrungen mit der Stille macht oder ob z. B. folgende Aufforderung ausgesprochen wird:

„Ich schlage Ihnen ein Experiment vor: Teilen Sie mit mir Stille. Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie immer irritiert sind, wenn jemand schweigt und dass Sie versuchen, das Schweigen dann zu übertönen.

Hier, in dieser therapeutischen Situation können Sie mit mir probieren, was geschieht, wenn wir beide schweigen.“

Der Klient ließ sich auf dieses Experiment ein. Schon nach wenigen Sekunden begann er, unruhig mit den Augen zu flackern und hin und her zu rutschen. Nach einigen weiteren Sekunden errötete er und sagte: „Ich bin mir ganz sicher, Sie durchschauen mich! Wenn ich nicht rede, kann ich nicht von dem ablenken, was mich wirklich beschäftigt. Wenn ich schweige, durchschauen sie mich.“ Therapeut und Klient unterhielten sich über die Angst, durchschaut zu werden. Der Klient wollte die Fähigkeit beibehalten, sich durch Reden zu tarnen und sich dadurch auch zu schützen. Er wollte aber auch versuchen, nicht immer zu diesen Schutzreaktionen gezwungen zu sein, und wollte sich bemühen, einmal zu wagen, das, worin er nicht durchschaubar werden wollte, mit einem anderen Menschen zu teilen. Sie verabredeten, dass sie noch einmal versuchen wollten, sich gegenseitig anzuschweigen und die Stille zu teilen. Der Therapeut bat: „Wenn Sie spüren, dass etwas in Ihnen ist, was nun bedroht ist, durchschaut zu werden, dann greifen Sie zu einem Instrument und lassen dies erklingen, so viel oder so wenig, wie es Ihnen gerade möglich ist.“ Der Klient entdeckte für ihn überraschende und wertvolle Gefühle, Meinungen, Überzeugungen, die nun, aus der Stille heraus, erstmals Gehör finden konnten.

Dass Schweigen befremdlich ist, damit steht der Klient in unserer Kultur nicht allein, das gehört zu unseren Gepflogenheiten. Wenn in einem Gespräch Phasen der Stille auftreten, dann gehört es zum „guten Ton“, diese zu überbrücken. Wenn eine unbekannte Person zu einem Gespräch hinzutritt, werden alle Beteiligten bemüht sein, diese Person schnell den anderen vorzustellen – alles andere wäre missachtend, befremdlich oder peinlich. Angehörige anderer Kulturen würden sich eher über unsere Gepflogenheiten wundern. In der traditionellen Kultur der Navajo-Indianer ist es üblich, dass eine neu hinzu tretende Person zuerst einmal längere Zeit schweigt und auch von anderen nicht angesprochen wird, um ihr Gelegenheit zu geben, über die Stille Verbindung zur vorhandenen Atmosphäre aufzunehmen. Alles andere wäre unhöflich bis beleidigend.

In der therapeutischen Arbeit setzen wir das Teilen der Stille in verschiedenen Varianten ein. Wie immer ist das Erleben individuell unterschiedlich. Eine Klientin erzählte einmal nach einem gemeinsamen Schweigen, dass sie dies als einen „Dialog der Stille“ bzw. einen „Dialog der Stillen“ erlebt hätte. Sie konnte ziemlich genau beschreiben, welche unterschiedlichen Klangfarben und Atmosphären die Stille nacheinander angenommen hatte. Wir haben diese Anregung aufgegriffen und gelegentlich KlientInnen zu einem Dialog der Stille bzw. der Stillen aufgefordert. Oft entstanden intensive Begegnungen, oft waren wir überrascht über den Klangreichtum, den Stille enthalten kann.

12

Die Klänge des Atems
12.1 Atemerleben – Atem-Achtsamkeit

Dem Atem kommt in der Musiktherapie eine besondere Bedeutung zu. Viele KlientInnen begegnen in der Musiktherapie Themen, die ihnen Angst machen. Angst engt ein, auch den Atem. Auch Erregung jeder Art beeinflusst den Atem, lässt ihn stocken oder tief fließen. Blasinstrumente werden mit dem Atem „gespielt“. Und, last not least, wird in der Musiktherapie vielfach mit der Stimme gearbeitet. Stimme ist schließlich nichts anderes als tönender Atem.

Um das Spiel eines Musikinstrumentes zu erlernen, bedarf es manchmal des Erlernens einer dafür richtigen Atemtechnik. In der Musiktherapie, wie wir sie verstehen, spielt das technisch richtige oder falsche Atmen keine Rolle. Unsere Musiktherapie ist leiborientiert, folglich interessiert uns das Atemerleben. Was erlebt eine Klientin, wenn sie auf ihren Atem achtet? Welche Gefühle treten auf, wenn sie fünf Minuten lang ihrem Atem lauscht? Welche Klänge und Bilder entstehen, wenn sie auf die Pause zwischen den Atemzügen fokussiert? Wie beeinflusst der Atem den Kontakt, die Resonanz zwischen verschiedenen Menschen? Wie spiegelt sich in der Nähe bzw. Entfernung zu anderen Menschen der Atem wieder? Solche und viele ähnliche Fragen interessieren uns und die KlientInnen. Solchen Fragen gehen wir nach.

Wir arbeiten in erster Linie mit der Achtsamkeit für den Atem. Auf den Atem zu achten, ihm zu lauschen, ohne ihn verändern zu wollen, lässt uns und die KlientInnen drei Qualitäten des Atmens erfahren:

 Der Atem ist ein treuer Begleiter. Unermüdlich atmen wir Menschen von der ersten Lebenssekunde an „bis zum letzten Atemzug“. Solange wir leben, atmen wir, ob wir das wollen oder nicht, ob wir darauf achten oder nicht – der Atem begleitet uns Menschen, verlässlich und treu. Durch die Achtsamkeit für den Atem können wir diese Unterstützung sinnlich erfahren.

 Der Atem ist weise. Je nachdem, wie wir uns verhalten und bewegen, ob wir joggen oder ruhig auf dem Sofa sitzen, ob wir innerlich aufgewühlt sind oder Ruhe und Frieden spüren, der Atem passt sich flexibel an. Dazu müssen wir dem Atem keine Anweisungen geben, der Atem reguliert sich weise von allein. Nur im Schock oder schockartigen Erkrankungen wie Asthma ist die Flexibilität außer Kraft gesetzt und damit auch die Fähigkeit der Selbstregulation.Die Achtsamkeit für den Atem verhilft uns dazu, dass wir uns seiner Weisheit bewusst werden und dass wir zu einer Haltung angeregt werden, dem Atem Spielräume für diese Weisheit zu lassen und die Weisheit des Atems als Hinweis für das zu nutzen, was in uns als innere und äußere Bewegtheit vorhanden ist.

 Der Atem ist dankbar. Wenn wir Menschen unserem Atem Achtsamkeit schenken, verändert sich der Atem in Dankbarkeit, zumeist wird er ruhiger, manchmal auch aufgeregter, häufig weiter oder tiefer. Die Achtsamkeit für den Atem schafft diesem den Raum, so zu sein, wie es seiner Weisheit angemessen ist. Der Atem bedankt sich für die Aufmerksamkeit, indem er sich auf unser jeweils aktuelles Erleben einstellt.

Übungen zur Atem-Achtsamkeit gibt es sehr viele, wir werden einige aus der Gruppenarbeit exemplarisch vorstellen, die sich genauso gut für die Arbeit mit einzelnen KlientInnen eignen. Einige dieser Einheiten beinhalten die Möglichkeit des Körperkontaktes. Dazu als grundsätzliche Anmerkung: Wir sind in Bezug auf körperliche Berührungen vorsichtig und behutsam, schließen sie aber nicht grundsätzlich aus. Bei manchen KlientInnen verbieten sie sich generell oder in bestimmten Phasen der Therapie. Bei anderen auf Berührungen zu verzichten, würde kränken und therapeutische Möglichkeiten außen vor lassen. Immer fragen wir, ob die Berührung gewünscht bzw. akzeptiert wird, und bieten Alternativen an.

„Sucht euch einen Platz, auf dem ihr bequem einige Minuten stehen könnt …

Nehmt euren Atem wahr …

Nehmt wahr, wie ihr einatmet, wie ihr ausatmet und wie ihr eine vielleicht kleine, vielleicht größere Pause zwischen den Atemzügen macht …

Wenn ihr einatmet, begleitet euch innerlich mit den Worten ‚ich atme ein’, wenn ihr ausatmet, begleitet euch innerlich mit den Worten ‚ich atme aus’ …

Wenn ihr einatmet, begleitet euch innerlich mit dem Wort ‚ein’, wenn ihr ausatmet, begleitet euch innerlich mit dem Wort ‚aus’ …

Wenn ihr einatmet, sagt ihr euch ‚ein’, wenn ihr ausatmet, sagt ihr euch ‚ich begrüße mich’ …

Die Idee, den Atem innerlich mit den Worten „ich atme ein“ und „ich atme aus“ zu begleiten, stammt von dem vietnamesischen Buddhisten Thich Nhat Hanh (1996, 1997, 1998). Dieser arbeitet viel mit der Atem-Achtsamkeit und hat diese meditationsfördernde Arbeit in seinen Büchern beschrieben. Häufig gibt er beim Ausatmen Bilder und Qualitäten in den Erlebensprozess hinein, z. B. „Frische“. Wir arbeiten eher mit Begrüßungen, beispielsweise:

„… Wenn du einatmest, sage dir innerlich ‚ein’, wenn du ausatmest sage dir, guten Morgen’ (oder: guten Abend, guten Tag) …’’

Oder:

„… Wenn du einatmest, sage dir innerlich ‚ein’ und wenn du ausatmest begrüße dein Herz …“

Sehr schön finden wir:

„… Wenn du einatmest, sage dir innerlich ‚ein’, wenn du ausatmest, schenke dir ein Lächeln …“

Oder wir fragen nach dem Erleben: „… Wenn du einatmest, sage dir innerlich ‚ein’, wenn du ausatmest, nimm wahr, was du erlebst …“

Eine Übung der Atem-Achtsamkeit, die vor allem dem erlebten Atemraum Aufmerksamkeit schenkt, ist folgende:

„Sucht euch einen Platz im Raum, an dem ihr es euch gemütlich machen könnt. Nehmt euch Decken oder Matratzen und legt euch bequem auf den Boden …

Nehmt wahr, wie ihr ein- und ausatmet …

Nehmt die Pausen und den Fluss eures Atems wahr …

Nehmt wahr, wie sich euer Brustkorb beim Atmen bewegt. Legt eine Hand oder beide Hände dorthin und spürt, wie euer Atem die Hand oder die Hände bewegt …

Nehmt nun wahr, wie sich euer Bauch beim Atmen bewegt, legt die Hand oder die Hände dorthin und nehmt wahr, wie der Atem die Hände berührt …

Geht nun zu der Region unterhalb des Bauchnabels, legt auch dort die Hände hin und nehmt wahr, ob und wie der Atem euch bewegt, beeinflusst, berührt. Wenn ihr keine Bewegung der Hände wahrnehmt, ist auch dies kein Makel, seid nur achtsam und nehmt wahr, was ist, registriert, spürt hin …

Legt nun eure Hände rechts und links seitlich, etwa in die Gegend der Nieren. Und nehmt auch dort wahr, ob und wie euer Atem die Hände bewegt, berührt …

Führt nun die rechte Hand unter die linke Achsel, berührt die obere linke Rippengegend. Nehmt auch dort die Atembewegung wahr …

Führt nun die linke Hand unter die rechte Achsel und berührt die rechte Rippengegend …

Legt nun eine Hand oder beide Hände auf den Hals und den Bereich des Schlüsselbeins und spürt auch dort die Atembewegungen …

Geht nun mit euren Händen auf eine Entdeckungsreise im Kopfbereich, legt sie hierhin und dorthin und spürt nach, ob und gegebenenfalls wie ihr etwas von euren Atembewegungen wahrnehmt …

Legt nun die Hände dorthin, wo ihr sie gern liegen haben wollt, und lasst den Atem fließen …

Nehmt nun den ganzen Raum wahr, den der Atem in euch ausfüllt. Es geht nicht um Anatomie, sondern darum, welchen Raum ihr erlebt, welchen Atemraum in eurem Körper …

Nehmt wahr, wie der Atem in diesen Raum hineinfließt und wie er wieder hinausfließt …

Nehmt wahr, wie euer Atem für euch sorgt, indem er Altes hinausnimmt und Neues, Frisches in euch hineinbringt, wie er dies tut, ohne dass ihr etwas dafür leisten müsst, wie er es immer für euch tut …

Nehmt auch wahr, wie der Atem dankbar ist für die Achtsamkeit, die ihr ihm schenkt, vielleicht hat er sich etwas verändert gegenüber dem Atem, den ihr am Anfang dieser Einheit wahrgenommen hat. Nehmt ihn wahr, wie er jetzt ist, auch die Veränderungen …

Nehmt wahr, wie es euch jetzt geht, wie ihr euch erlebt …

Und gebt nun zum Ausklang eurem Atem ein Wort, einen Begriff, vielleicht auch einen Satz oder stellt ihm eine Frage, ganz allein für euch, ganz privat …

Und nun bereitet euch wieder darauf vor, die Augen zu öffnen, wenn ihr sie geschlossen habt, und mit der Aufmerksamkeit wieder in den Raum und in die Gruppe zurückzukehren. Der Atem wird weiter für euch sorgen, dankbar, dass ihr ihm Achtsamkeit geschenkt habt …

Und kehrt nun mit der Aufmerksamkeit in den Raum zurück.“

Solche Übungen kann man unendlich variieren. Aus ihnen können Bilder entstehen, Klänge und vieles andere mehr. Die Atem-Achtsamkeit kann auch dialogisch in Partnerübungen erfahren werden. Dazu ein Beispiel:

„Sucht euch eine Partnerin oder einen Partner eures Vertrauens …

Eine oder einer von euch legt sich bequem auf eine Decke, die andere Person setzt sich auch möglichst bequem daneben. Die liegende Person achtet nur auf ihren Atem, nimmt wahr, wie sie einatmet und ausatmet …

Die sitzende Person achtet ebenfalls auf den eigenen Atem und, so gut es geht, gleichzeitig auf den Atem der Partnerin oder des Partners …

Ihr Sitzenden, spürt nun einem Impuls nach, wo ihr euren liegenden Partner oder eure liegende Partnerin berühren wollt, wo eine Berührung eurer Hand seinem bzw. ihrem Atmen gut tun würde. Vielleicht fällt euch eine Stelle ein, indem ihr den Atem eurer Partnerin oder eures Partners beobachtet, vielleicht entspringt der Impuls aus eurer Resonanz zur Partnerin oder zum Partner …

Wenn ihr einen solchen Impuls habt, fragt die Partnerin oder den Partner, ob ihr dort die Hand auflegen könnt oder ob ihr lieber die Hand einen Zentimeter über diese Stelle halten sollt. Und dann tut dies …

Ihr könnt nach einiger Zeit eine weitere Stelle ausprobieren oder aber bei dieser einen Stelle bleiben. Seid frei in euren Impulsen. Auch wenn ihr den Impuls verspürt, z. B. die Füße zu berühren, also Körperregionen, die der Atem anatomisch nicht erreichen kann, folgt ihm. Geht euren Impulsen nach, nehmt sie ernst, nehmt euch ernst, nehmt eure Partnerin oder euren Partner ernst …

Zum Abschluss probiert noch eine Berührung, die ihr euch noch nicht getraut habt oder die ihr gerne zum Ausklang dieser Partnerarbeit eurer Kollegin oder eurem Kollegen gönnen wollt. Wenn ihr unsicher seid, ob ihr das dürft, fragt eure Partnerin oder euren Partner …

Löst nun eure Hand langsam in Zeitlupe von der Partnerin oder dem Partner ab …

Die liegende Person lässt die Berührung nachwirken …

Die liegende Person kommt nun, mit der Aufmerksamkeit wieder in den Raum zurück. Die Sitzenden streifen ihre Hände ab und tauschen sich mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner über die Erfahrungen, die sie gemacht haben, aus.

Diese Einheit benötigt mindestens 20 Minuten Zeit und eine Stimmung der Muße. Es empfiehlt sich, anschließend einen Rollenwechsel zwischen den PartnerInnen vorzunehmen.

12.2 Vom Atem in die Stimme

Wir haben anfangs schon gesagt, dass die Stimme tönender Atem ist, Atem mit Klang. Doch auch das Atmen selbst ist hörbar und oft ist es sinnvoll, KlientInnen darauf aufmerksam zu machen:

„Sucht euch einen Platz zum Stehen oder Sitzen und schenkt eurem Atem Aufmerksamkeit …

Lauscht eurem Atem, hört auf ihn …

Vielleicht hört ihr Geräusche, vielleicht erahnt ihr nur die Klänge eures Atmens, lauscht ihnen …

Wenn ihr mit dem Mund geatmet habt, atmet nun durch die Nase und lauscht; wenn ihr durch die Nase geatmet habt, atmet nun durch den Mund und lauscht …

Was empfindet ihr, wenn ihr euren Atem hört, euer Einatmen und euer Ausatmen?“

Viele Menschen sind überrascht von den Klängen ihres Atems, manche angerührt, viele bezeichnen das, was sie hören, mit bestimmten Qualitäten wie z. B. zart, fordernd, gelassen, friedlich usw. Manche KlientInnen erinnern sich an störende Klänge ihres Atmens, z. B. beim Einschlafen oder wenn sie in der Nacht durch eigene Schnarchgeräusche erwachen. Und andere können ihren Atem nicht oder kaum hören, weil z. B. der Magen grummelt oder – am häufigsten – das eigene Herz plötzlich so laut wahrnehmbar ist, dass es die Atemgeräusche übertönt. Häufig spüren die KlientInnen, dass in der Achtsamkeit des Atemhörens auch hier eine Weisheit liegt, z. B. die Weisheit, dass das Herz sehr beschäftigt ist, sehr laut ist und gehört werden möchte.

Aus dem Lauschen der Atemgeräusche kann sich ein Spiel ergeben, in dem wir auffordern, diese Geräusche lauter werden zu lassen und variantenreicher:

„Spielt nun mit den Atemgeräuschen, die ihr hört, probiert Varianten. Lasst sie lauter oder leiser werden, lauscht der Klangpalette eures Atems …

Probiert nun Geräusche, indem ihr durch die Nase ausatmet …

Probiert nun Geräusche, indem ihr durch die Nase einatmet …

Probiert nun Geräusche, indem ihr durch den Mund ausatmet …

Probiert nun Geräusche, indem ihr durch den Mund einatmet …

Probiert nun Geräusche aller Art, egal ob durch den Mund oder durch die Nase, egal ob beim Einatmen oder Ausatmen, probiert Tiergeräusche, probiert anständige und unanständige Geräusche, verliebte und zornige, lasst euren Atem auf unterschiedliche Weise erklingen.“

Zumeist entsteht in Gruppen eine lebhafte Atmosphäre. Manchmal tritt auch Scham neben spielerischer Lust auf, Kindheitserinnerungen können wach werden, verbunden mit unterschiedlichen Gefühlen oder Stimmungen.

In der Einzeltherapie ergibt sich die Arbeit in der Verbindung von Atem und Stimme aus den Themen, die die KlientInnen mitbringen. Eine Klientin hatte darüber geklagt, dass in ihr „viel los“ sei, dass sie aber nicht wisse, was. Auf hier nicht näher zu beschreibenden Wegen war sie dahinter gekommen, dass sie einen Spiegel für ihr Herz suchte. Sie bekam von anderen Menschen häufig Rückmeldungen bezüglich ihres Verstandes, aber nicht bzw. zu selten zu dem, was ihr Herz bewegte. Und wenn sie eine Rückmeldung bekam, verschloss sich ihr Hals, sie fühlte sich leer und taub. Sie suchte nach einer Verbindung zwischen Innen und Außen, zwischen ihrem Herzen und anderen Menschen. Der Therapeut schlug ihr ein Experiment vor:

„Ich schlage ihnen einen Weg vor, wie Sie aus Ihrem Herzen über Ihren Atem einen Klang entstehen lassen können. Was für ein Klang das sein wird, weiß ich nicht. Lassen Sie sich von Ihrem Atem und von Ihrem Herzen überraschen.“

Die Klientin stimmte zu. Der Therapeut bat sie, aufzustehen und auf ihren Atem zu achten. Die Klientin tat dies.

„Legen Sie nun eine Hand oder beide Hände auf Ihr Herz und lauschen Sie weiter Ihrem Atem.“

Die Klientin legte ihre rechte Hand auf ihr Herz und atmete weiter. Der Atem war sehr aufgeregt, stockte immer wieder und floss dann weiter. Der Therapeut stand ca. zwei Meter von ihr entfernt und fragte die Klientin:

„Stehe ich hier richtig oder möchten Sie mich an einem anderen Platz?“

„Da sind Sie zu weit weg. Kommen Sie bitte näher an mich heran. Hier so neben mich, ein bisschen hinter mich.“

Der Therapeut stellte sich an den gewünschten Platz. Er begleitete mit seinem Atem den Atem der Klientin und versuchte sich auf ihren Atem einzustellen, der nun allmählich ruhiger wurde.

„Nun bitte ich Sie, sich auf Ihr Ausatmen zu konzentrieren. Nehmen Sie wahr, wie Ihr Ausatmen beginnt, wie es sich weiterentwickelt, wie es endet … Sie brauchen nichts zu verändern, es gibt kein Richtig und kein Falsch, nehmen Sie nur wahr, seien Sie achtsam für Ihr Ausatmen …“

Und nach einiger Zeit:

„Begleiten Sie nun Ihr Ausatmen mit einem Summen. Lassen Sie sich überraschen, welcher Klang entsteht, welche Töne kommen. Sie halten eine Hand auf Ihr Herz, Ihr Atem berührt Ihr Herz, Ihr Atem fließt aus Ihnen heraus und so fließt auch etwas aus Ihrem Herzen heraus, lassen Sie es hörbar werden, indem Sie Ihr Ausatmen mit einem Summen begleiten.“

Die Klientin begann zu summen, erst verhalten, dann immer hörbarer und deutlicher. Nach einigen Ausatemzügen bat der Therapeut:

„Und nun bitte ich Sie während des Ausatmens und des Summens allmählich den Mund zu öffnen und daraus einen Atemklang entstehen zu lassen. Lassen Sie sich auch hier überraschen, welcher Klang entstehen möchte, vertrauen Sie auf Ihren Atem, vertrauen Sie auf Ihr Herz, vertrauen Sie auf die Klänge, die in Ihnen sind.“

Die Klientin folgte diesem Wunsch. Es entstanden hauchzarte Töne, die auf den Therapeuten und die Klientin, wie sie später sagte, scheu und kindlich wirkten. Die Klientin musste weinen, als sie diese Klänge hörte. Irgendwann stockte ihr der Atem und sie folgte ihrem alten Muster, in die Starre und die Leere zu gehen.

Doch der Therapeut, der neben ihr stand, ermutigte sie mit seinem Atem und den Worten:

„Atmen Sie bitte weiter, lassen Sie erklingen, was erklingen möchte.“

Das Herz, das wenig gespiegelt worden war, das Herz, das wenig sprechen konnte, das Herz, das wenig Ermunterung erfahren hatte, wurde hörbar. Es fand über den Atem seine Stimme, eine zarte und scheue Stimme, ungewohnt, sich in die Welt hinaus tastend.

Auf solche Weise kann der Weg vom Atem in die Stimme zu einem Weg vom Herzen in die Stimme werden. Jedes Mal, wenn dieser Weg in der Einzeltherapie beschritten wird, ertönt Wahrheit. Wie immer in der Atemarbeit führt die Achtsamkeit für den Atem und dessen Klänge zu dem Wesentlichen, zu dem, was vielleicht verborgen war, zu dem, was zu kurz gekommen ist, zu dem, was als wahrhaftes Erleben hörbar und sichtbar werden möchte. Dabei können die KlientInnen unterschiedliche Qualitäten ihres Atems wahrnehmen und diese über sein Stimmhaft-Werden hören. Mit diesem Aspekt kann in der Einzel- und Gruppenarbeit auch gesondert gearbeitet werden, teilweise spielerisch. Ein Beispiel aus der Gruppenarbeit:

„Ich bitte euch ein Experiment zu wagen, mit eurem Atem und eurer Stimme. Wenn Menschen atmen und ihrem Atem lauschen und ihren Atem hörbar werden lassen, ertönen immer unterschiedliche Qualitäten des Erlebens. Ich werde euch nun solche Qualitäten als Themen vorgeben und bitte euch auszuwählen, welches Thema euch hier und jetzt interessiert.“

Der Gruppenleiter oder die Gruppenleiterin hängt Zettel in unterschiedliche Ecken des Raumes mit Themen, von denen sie oder er vermutet, dass sie in der Gruppe gerade von Interesse sind. Zum Beispiel: „Der Atem der Leidenschaftlichkeit“, „Der Atem der Zärtlichkeit“, „Der Atem des gerechten Kampfes“, „Der Atem der Lust und Fülle“, „Der Atem der Gelassenheit“, „Der Atem des Eigensinns“ oder „Der Atem der Unverschämtheit“. Die GruppenteilnehmerInnen treffen sich in der Nähe des Zettels mit dem Thema, das sie gerade besonders neugierig macht, und bilden somit Kleingruppen.

„Ihr habt nun in der kleinen Gruppe jeweils eine halbe Stunde Zeit, euch mit diesem Thema zu beschäftigen. Beginnt damit, dass ihr, jede und jeder für sich, euren Atem der jeweiligen Qualität ausprobiert und anschließend dazu den anderen aus der Gruppe etwas mitteilt. Versucht dann als zweiten Schritt, diesen Atem z. B. der Leidenschaft hörbar werden zu lassen, nutzt dazu eure Stimme oder ein Instrument. Sucht dann als dritten Schritt eine Form oder legt den Einstieg in eine Improvisation fest, mit der ihr diese Klänge gemeinsam in irgendeiner Art und Weise den anderen mitteilen könnt.“

Anschließend werden „Sessions“ von den jeweiligen Gruppen für die anderen dargeboten.

12.3 Atem-Rhythmen

Der Herzrhythmus und der Atemrhythmus sind zwei Rhythmen, die jedem Menschen körperlich eigen sind. Der Atemrhythmus ist jedem Menschen zugänglich, jede Atem-Achtsamkeit schenkt auch dem Atemrhythmus Aufmerksamkeit. Musikalisch kann der Atemrhythmus in zweierlei Weise betont werden:

„Achtet auf euren Atem, nehmt das Einatmen wahr und das Ausatmen …

Lauscht dem Rhythmus eures Atmens …

Achtet besonders auf den Wendepunkt zwischen dem Ausatmen und dem Wieder-Einatmen, macht dort vielleicht eine kleine Pause – vielleicht habt ihr das Bild, dass euer Atem in ein Tal fließt und von dort aus sich wieder erhebt – ganz gleich, welche Vorstellung ihr habt, ganz gleich, wie ihr diesen Wendepunkt wahrnehmt, schenkt ihm eure Aufmerksamkeit …

Macht nun jeweils am Wendepunkt zwischen dem Ausatmen und dem Wieder-Einatmen ein Geräusch, einen Klang, indem ihr z. B. mit euren Händen klatscht oder auf euren Körper oder auf den Boden trommelt oder ihn mit einem Instrument erzeugt …

Lauscht diesem Klang, dem Klang eures Atemrhythmus …“

Die andere Möglichkeit, diese Einheit anzuleiten, beginnt genauso und fährt dann fort:

„Lauscht nun den beiden Wendepunkten eures Atmens, dem zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen und dem zwischen dem Ausatmen und dem Einatmen … Gebt diesen beiden Wendepunkten einen Ton, indem ihr mit den Händen klatscht oder trommelt oder mit einem Musikinstrument einen Ton erzeugt …

Lauscht dem Rhythmus eures Atems …“

Bei dieser Möglichkeit haben meistens die beiden Töne unterschiedliche Klangfarben und Dynamik. An dieser Stelle liegen die Fragen nahe:

„Wie erlebst du deinen Atemrhythmus? Welche Bilder, welche Assoziationen ruft er bei dir hervor?“

„Was hat dieser Rhythmus mit dem Rhythmus deines Lebens zu tun? Ist er Teil deines Lebens oder gehört er eher zur Wunschseite?“

In der Einzeltherapie führt die Arbeit mit dem Atemrhythmus zumeist zu einer Zentrierung, zu einer Achtsamkeit nach Innen. Rhythmen bestimmen unser Leben, werden zum Teil unseres Lebens. Auch der Atemrhythmus, der ja nicht statisch ist und sich je nach Lebensbedingungen verändert, ist Teil der Lebensrhythmen und regt an, über die verschiedenen Rhythmen nachzudenken, Probleme zu erkunden, Wünsche wahrzunehmen und dergleichen mehr.

Der eigene Atemrhythmus einer Klientin oder eines Klienten kann auch Auftakt für einen musikalischen Dialog zwischen Therapeut/Therapeutin und Klient/Klientin werden. In der beschriebenen Weise lässt die Klientin oder der Klient den eigenen Atemrhythmus ertönen. Der Therapeut bzw. die Therapeutin lässt dies auf sich wirken, spielt Töne dazu, „klingt sich ein“. Die Klientin oder der Klient kann das zum Anlass nehmen, ihre oder seine Töne zu variieren, die wiederum Resonanz bei der Therapeutin oder dem Therapeuten finden, so dass eine gemeinsame Improvisation entsteht.

In der Gruppe ist es für viele Menschen eine besondere Erfahrung, wenn der eigene Atemrhythmus Grundlage einer gemeinsamen Gruppenimprovisation wird, wenn andere Menschen sich (musikalisch) auf den eigenen Atemrhythmus einstellen, ihn ernst nehmen, ihn zum Ausgangspunkt ihrer eigenen Klänge machen:

„Eine oder einer von euch lässt den eigenen Atemrhythmus erklingen … Fahre damit fort, während die anderen diesen Atemrhythmus auf sich wirken lassen und darauf achten, welche Resonanzen er in ihnen hervorruft.

Lasst nun aus diesen Resonanzen und aus den Wirkungen des Atemrhythmus, den ihr hört, Impulse entstehen, musikalische Impulse, und lasst diese erklingen …

Nun lasst daraus eine gemeinsame Improvisation entstehen, diejenige oder derjenige von euch, die mit ihrem oder seinem Atemrhythmus den Anfang gemacht hat, kann seinen oder ihren Rhythmus beibehalten, kann aber auch freier spielen und dem folgen, was nun entstehen möchte, unabhängig davon, ob dies noch mit dem Rhythmus des Atems etwas zu tun hat. Der Atemrhythmus ist indirekt Grundlage des gesamten Spiels. Improvisiert …“

13

Aktives Symbolisieren
13.1 Symbole und Symbolisieren in der Musiktherapie

Symbole sind Zeichen, Gegenstände oder Sinnbilder, die ihre Bedeutung über den Moment und über die konkrete Situation hinaus innehaben. Zumeist sind es Kennzeichen oder Erkennungszeichen wie z. B. das Kreuz des Christentums. In unserer Zivilisation werden aus Symbolen häufig Markenzeichen, der Stern von Bethlehem ist mittlerweile vielleicht weniger bekannt als der Mercedes-Stern als Statussymbol für Wohlstand und Erfolg. Viele Gegenstände können Symbole sein, z. B. der Ehering als Zeichen der Verbundenheit zweier Menschen, die sie sich zumindest einmal versprochen haben.

Auch in der Musik gibt es Symbole. Das ta-ta-ta-taaa eröffnet nicht nur eine Sinfonie, sondern steht für Beethoven, ja für Klassik. Oder denken wir an die Erkennungsmelodien von „Bonanza“, von „Spiel mir das Lied vom Tod“, des „Tatorts“, der „Tagesschau“, der Eurovision oder an die Nationalhymne: Alle bislang genannten musikalischen und anderen Symbole, vom Ehering bis zur Nationalhymne, haben gemeinsam, dass sie Bedeutung für viele Personen, ja für ganze Kulturen haben. Welche konkrete Bedeutung der einzelne Mensch ihnen gibt, ist unterschiedlich. Der Ehering kann für den einen Glück und Liebe symbolisieren, für den anderen Unterdrückung und Gefängnis. Die Erkennungsmelodie von „Bonanza“ symbolisiert für viele Menschen Kindheit und 60er-Jahre. „Spiel mir das Lied vom Tod“ mag ein Symbol sein für tiefes Entsetzen oder verliebtes Händchenhalten im Kino, die Erkennungsmelodie des „Tatorts“ für einen gemütlichen Sonntagabend oder die Einsamkeit. Die Nationalhymne kann Stolz oder Heimatgefühle oder Ekel und Schuldgefühle hervorrufen oder belanglos sein. Wenn solche Symbole in der therapeutischen Arbeit auftauchen, gilt es, die individuelle Bedeutung herauszufinden, die das jeweilige Symbol für die Klientin oder den Klienten hat. Dies möchten wir an dieser Stelle ausdrücklich betonen, denn uns scheint besonders bei der Beschäftigung mit Symbolen, die einen hohen Verbreitungsgrad haben, die Gefahr zu lauern, dass Menschen mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass sie das Gleiche meinen, hören und empfinden wie andere bzw. dass andere das Gleiche meinen, hören und empfinden wie sie selbst.

Es gibt auch Symbole, die von vorneherein und ganz deutlich nur für eine bestimmte Person Bedeutung haben können und sollen. So der Talisman der Freundin, den man in der Tasche trägt, oder das Schmuckstück, das man vom Geliebten erhalten hat. Im Kapitel „Die musikalische Biografie“ (s. Kap. 2) sind mehrere Beispiele aufgeführt, welche Bedeutungen Musikstücke oder Lieder für Menschen haben können. Auch in der Arbeit mit traumatisierten Menschen erfahren wir oft, dass bestimmte Klänge oder Geräusche Symbole für Bedrohung, Todesangst, Ohnmacht o. Ä. sind und Auslöser von Flashbacks, erlebten Wiederholungen traumatischer Erfahrungen, sein können. Werden musikalische Symbole eines Klienten oder einer Klientin im therapeutischen Prozess hörbar, heißt es, sie ernst zu nehmen und näher zu erkunden. Häufig weist die Existenz eines musikalischen Symbols auf einen bedeutenden Lebensabschnitt oder auf Szenen im Leben der Klientin oder des Klienten hin, die nachhaltig wirken und Leiden hervorrufen oder verstärken. Hier ist es notwendig, den Kontext zu erkunden, das Feld, in dem das Symbol entstanden ist, wieder lebendig werden zu lassen und aus diesem Erleben heraus Veränderungen des Erlebens und Handelns zu suchen.

In der musikalischen Improvisation hören TherapeutInnen und manchmal auch KlientInnen, dass sich bestimmte Themen oder andere Klangfolgen wiederholen. Ein solches Thema kann auf vieles verweisen, es kann auch ein musikalisches Symbol sein. Ein Klient spielte in seinen Improvisationen, die er gerne am Klavier vornahm, häufig die Tonfolge c d e g g. Ihm selbst fiel es nicht auf. Als der Therapeut ihm dieses Motiv spiegelte, meinte er: „Ja, das kenne ich, das ist mir vertraut.“ Der Therapeut bat ihn, nur dieses Motiv zu spielen, es mehrmals zu wiederholen, vielleicht verschiedene Rhythmen, Phrasen, Oktavensprünge und Tempi auszuprobieren. Er spielte, er probierte und blieb schließlich dabei, mit der rechten Hand diese Tonfolge zu wiederholen, wieder und immer wieder, wie in Trance. Dabei veränderte sich sein Gesichtsausdruck, er wurde blasser, die Augen schauten ins Leere. Der Therapeut vermutete, dass im Klienten eine andere Zeit seines Lebens lebendig geworden war und fragte: „Wie alt sind Sie jetzt?“ Der Klient sagte: „Sieben Jahre, acht Jahre, elf Jahre, vielleicht auch jünger, fünf Jahre, drei Jahre …“, und er spielte sein Tonfolge weiter.

Plötzlich unterbrach er, klappte den Klavierdeckel zu und trommelte mit seinen Fingern den gleichen Rhythmus, in dem er eben seine Tonfolge gespielt hatte. Zeigefinger c, Mittelfinger d, Ringfinger e – dann mit dem Zeigefinger zwei mal g. Und wieder und wieder und wieder.

Er schaute auf und sagte: „Jetzt weiß ich es. So habe ich immer mit den Fingern getrommelt, wenn ich mich als Kind beruhigen wollte. Ich war sehr unruhig und habe mich aufgeregt und bekam dafür ständig eins auf den Kopf. Allen Menschen fiel ich auf den Wecker, also riss ich mich zusammen. Die Unruhe blieb in den Fingern, blieb in der rechten Hand.“ Die Tonfolge war Symbol für diese Zeit, war Ausdruck seiner Unruhe, symbolisierte seine Bemühungen, diese Unruhe bzw. die Folgen dieser Unruhe zu bewältigen.

Wir beschäftigen uns nicht nur mit Symbolen, die in der Musiktherapie auftauchen, sondern unterstützen KlientInnen darin, ihre eigenen Symbole zu schaffen. Symbole sind nicht natürlich vorgegeben, sind nicht genetisch angelegt, sondern von Menschen geschaffen worden, um Bedeutsamkeiten ihres Lebens zu ordnen. Also können Menschen ihre eigenen Symbole schaffen. Sie tun dies im Alltag, warum nicht auch in der Therapie.

Einige Beispiele:

 Eine Klientin schuf einen „Angstverscheucher“. Sie spannte die Lippen so an, dass der Mund nur noch leicht geöffnet war und stieß zwischen den Lippen einen Ton hervor, der zwischen einem Fauchen und einem Pfeifen lag. Sie entdeckte diesen Ton, als sie danach suchte, was ihr gegen ihre Angst helfen könne, nicht nur in der Therapie, sondern auch im Alltag. Später erzählte sie: „Den Angstverscheucher benutze ich überall. Ich kann ihn sehr laut für mich machen und ich kann ihn im Supermarkt, wenn mir jemand begegnet, vor dem ich Angst habe, so leise von mir geben, dass ihn außer mir niemand hört.“

 Eine andere Klientin „vergaß“ immer wieder ihre Sehnsucht. Die Therapeutin bat sie, ein Lied oder ein Musikstück herauszusuchen, das sie an ihre Sehnsucht erinnern könne, und dies zur nächsten Therapiestunde mitzubringen. Zur nächsten Sitzung erschien sie mit einem Lied („Fallin“ von Alicia Keys), das zum Symbol ihrer Sehnsucht wurde. Sie hatte es auf Kassette im Auto immer dabei, in der Wohnung lag es neben ihrem CD-Player.

 Ein Klient hatte auf dem Klavier in einem langen musiktherapeutischen Prozess seinen eigensinnigen Ton herausgefunden, der zwischen dem hohen Ton, Symbol für seine Mutter, und dem tiefen Ton, Symbol für seinen Vater, lag. Um sich diesen eigenen Ton symbolisch zu sichern, um nicht wieder im Alltag innerlich zwischen den Tönen seiner Eltern unterzugehen, wählte er sorgfältig einen Stein aus unserem Angebot aus, um ihn mitzunehmen und bei sich zu tragen. Er schwor „Stein auf Bein“, dass diesem Stein sein Ton innewohnte.

 Schutzengel haben unserer Erfahrung nach eine hohe symbolische und therapeutische Kraft. KlientInnen nutzen ein schier unerschöpfliches Potenzial, um sie zum Klingen zu bringen. Nicht nur Kalimba, Rainmaker, Trillerpfeifen, Tanzrasseln und Fußschellen, Saiteninstrumente, Barchimas und Glockenspiele werden gewählt. Über alle Arten von Instrumenten und über die eigene Stimme hinaus regt dieses Sinnbild viele dazu an, Materialien mit bestimmten Klangqualitäten auszusuchen oder sich Klangkörper selbst zu basteln: knisterndes Papier unterschiedlicher Art und Stärke, Stoffe, die aneinander gerieben oder an der Wand entlang gezogen werden, Wasser, das in Schwingungen gebracht wird. Körperklänge sind sehr beliebt, weil man sie jederzeit „bei sich hat“, so wie man den Schutzengel jederzeit bei sich haben möchte, z. B. den Körperklang, der zu hören ist, wenn man mit den Füßen über den Boden gleitet oder aufstampft, wenn man sich mit der Hand fest über den Nacken streift oder die Hand vor den Mund hält und kräftig dagegen atmet.

 Sehr gerne nutzen wir das Sinnbild der Zauberflöte (s. a. Kap. 21.2.8). Sie wurde Mozarts Opernhelden geschenkt, um ihn zu begleiten und zu unterstützen. Wenn wir KlientInnen fragen, was ihre Zauberflöte sein könne, greifen sie nur selten zur Flöte, meistens zu anderen Instrumenten, oft nutzen sie auch die Stimme. Immer regen wir an, einen eigenen Klang, eine eigene Melodie zu finden, die sie persönlich und individuell unterstützen und bei den Herausforderungen, die vor ihnen stehen, begleiten kann.

13.2 Heilgesänge und -lieder

Eine besondere Form aktiven Symbolisierens in der Musiktherapie sind Heilgesänge. Gesänge, die auf eine heilende Wirkung abzielen, gibt es vermutlich schon so lange, wie Menschen singen. Es gibt eine jahrhunderte-, vielleicht jahrtausendelange reichhaltige Tradition indianischer, schamanischer und sakraler Heilgesänge, deren Überreste sich in den Liturgien des Christentums und anderer Religionen wiederfinden.

Der Kern des Heilgesangs besteht in dem Bemühen, manchmal auch Versprechen, über das Singen bestimmter Melodien und Texte konkrete heilende Wirkungen hervorzurufen. Die Form des Singens ist unterschiedlich. Sehr verbreitet sind gemeinsame Gesänge, daneben gibt es Sologesänge von Heilern, weniger verbreitet auch von Kranken. Es gibt ferner die Tradition des Besingens, in der gerichtet auf eine Person, die der Heilung bedarf, gesungen wird. Häufig wird die heilende Wirkung des Gesanges über die Anrufung höherer Mächte angestrebt.

Heilgesänge als Methode des aktiven Symbolisierens, so wie wir sie im Folgenden vorstellen wollen, sind nicht religiös. Religiöse Auffassungen der TherapeutInnen, die gebunden sind an eine bestimmte Glaubensgemeinschaft, dürfen unserer Meinung nach nicht Gegenstand und Inhalt musiktherapeutischen Handelns sein. Selbstverständlich aber können und sollen, manchmal sogar müssen religiöse und spirituelle Themen Gegenstand und Inhalt der therapeutischen Prozesse sein, wenn KlientInnen sie einbringen, sei es als Faktor des Leidens oder als Ressource, die Heilung unterstützen kann. Insofern sind die Heilgesänge, von denen wir hier sprechen, nicht religiös, können aber individuell religiös bzw. spirituell gefüllt werden. Heilgesänge in unserem Sinne haben auch nichts gemein mit einer therapeutischen Hausapotheke:

Man nehme diesen Gesang gegen Bulimie und jenen gegen Angststörungen … Heilgesänge sind ein Weg, auf dem KlientInnen klangliche Ausdrucksformen finden und entwickeln können, die sie über den therapeutischen Rahmen hinaus nutzen und die nachhaltige heilende Effekte bewirken können. Aus der Vielfalt der Möglichkeiten, Heilgesänge musiktherapeutisch einzusetzen, wollen wir fünf kurz vorstellen:

 Eine Klientin leidet an chronischen Schmerzen vor allem in den Schultergelenken. Sie hat Wege der Atementspannung ausprobiert, die ihr gut tun und schmerzreduzierend wirken. Sie liegt auf dem Rücken und entspannt mit jedem Ausatemzug ihre Körpergelenke nacheinander ein wenig mehr. Zur Vertiefung lässt sie ab und zu einen Heilgesang entstehen. Dazu horcht sie während des Entspannungsprozesses nach innen und versucht, ihren besonderen Ort der Kraft, wie sie ihn bezeichnet, zu erkennen. (Manche nennen ihn auch den Ort der Heilung oder finden ähnliche für sie passende Begriffe. Manche nehmen ihn unmittelbar als Klangquelle wahr, andere eher als Bild.) Aus diesem Ort lässt sie nun einen Klang entstehen und wiederholt ihn immer wieder und wieder langsam im Rhythmus des Atmens. Nun entwickelt sich aus diesem Ton ein Wort oder ein Satz, den die Frau wiederholt singt.Hier entsteht ein Heilgesang aus der Körperentspannung und Körperwahrnehmung. KlientInnen, die diesen Weg wählen, finden nach zweimaligem oder dreimaligem Durchgang zumeist einige eigene Schlüsselworte oder Schlüsselsätze, auf die sie bei späteren Heilgesängen zurückgreifen können.

 Fast jeder Mensch hat in seiner musikalischen Biografie Lieder gehört, die auf ihn heilend und zumindest lindernd gewirkt haben. Vielleicht hat die Mutter zur Linderung und zum Trost das Kinderlied „Heile, heile Gänschen“ vorgesungen oder das gemeinsam gesungene Kirchenlied „Eine feste Burg ist unser Gott“ gab Kraft und Zuversicht. In der musikbiografischen Arbeit können solche Ressourcen erschlossen werden und teilweise wiederentdeckt werden. Zahlreiche KlientInnen sind von den nachhaltigen Wirkungen überrascht, wenn solche Lieder durch den Therapeuten oder die Therapeutin gesungen werden oder wenn sie selbst solche verschütteten musikalische Erinnerungen wiederbeleben.

 Der dritte Weg des Heilgesangs besteht darin, Helfer zu schaffen, die musizieren. Ein Beispiel aus einer Gruppenarbeit:„Stellt euch vor, ihr habt einen persönlichen Helfer oder eine Helferin.Ich z. B. denke an den kleinen Helfer von Daniel Düsentrieb. Vielleicht kennen einige von euch diese Micky-Mouse-Figuren? Daniel Düsentrieb war jedenfalls Ingenieur und sein kleiner Helfer versuchte, seine Pannen und Verrücktheiten im Zaum zu halten oder zu reparieren.Wie eure Helferfigur aussieht und wofür ihr sie braucht, könnt nur ihr wissen:Vielleicht ist sie groß oder klein …, vielleicht liegt sie, geht sie, kniet sie …, vielleicht ist sie ein Mensch, ein Tier oder eine Fantasiefigur … Stellt sie euch vor, malt sie euch innerlich aus …Dann horcht auf diese Helferfigur, wie sie Musik macht, wie sie für euch musiziert. Vielleicht singt sie, vielleicht spielt sie auf einem Instrument, vielleicht beides …Horcht so gut hin, dass ihr das, was sie singt oder musiziert, erfassen könnt und in euch aufnehmt …Sucht euch nun einen Ort, an dem ihr selbst die Klänge eurer Helferfigur erklingen lasst …“Anschließend kann man eine andere Person aus der Gruppe bitten – oder sich in der Einzeltherapie als Therapeut oder Therapeutin selbst anbieten – die Klänge der Helferfigur dann für die oder den anderen singend zu spiegeln und damit eine konkrete Helferfigur zu sein. Die Wirkung dieser Heilgesänge liegt dann in ihrem Hörbar- und Erhörtwerden, in der heilenden Resonanz zweier Menschen.

 Ein Klient litt unter großen Ängsten, die ihn beunruhigten und in denen er sich über längere Zeiträume verfing. Er begann zu singen: „Ich brauche keine Angst zu haben.“ Später änderte er den Satz in: „Ich bin groß und kräftig.“ Diesen Satz sang er vor sich hin, so, wie Kinder im Wald pfeifen, um die Angst zu vertreiben. Er sang ihn nicht einmal, sondern mehrmals und er erzählte: „Wenn ich das mindestens zehn Minuten lang singe, dann helfe ich mir, dann geht meine Angst weg. Zumindest verzieht sie sich in den Hintergrund und ich kann mich wieder orientieren und ausatmen und schauen, was ich brauche und was mir gut tut.“Ein solches Vertrauen in die Wirkungskraft seines gesungenen Satzes erinnert an Mantras, also bestimmte tibetanische Liedzeilen, die wiederholt gesungen werden. Hier ist es nicht so sehr der Text (der nicht unwichtig ist, dem aber an dieser Stelle keine mystische Bedeutung zukommt), sondern die Wiederholung und der Trost, der im laut werdenden Wiederholen enthalten ist.

 Die letzte wichtige und häufige Form sind Reinigungsgesänge. Sie sind in der Musiktherapie besonders dann notwendig, wenn Menschen sich z. B. durch Erfahrungen des Missbraucht-Werdens (nicht nur körperlich, sondern auch emotional oder geistig) und der sexuellen Gewalt, des Ausgeliefertseins und der Fremdbestimmung verunreinigt, beschmutzt oder vergiftet fühlen. „Singe für dich und vor dich hin und reinige und wasche dich mit deinem Gesang.“, oder: „Dusche dich mit deiner Stimme.“, sind Aufforderungen, die vielleicht zunächst etwas absurd oder verrückt klingen, aber die erstaunlichsten Klänge und Wirkungen der Selbsthilfe hervorrufen.Wenn die Not nicht so groß ist und eher die Lust am Sich-Reinigen im Vordergrund steht oder KlientInnen etwas Altes abstreifen, sich wie eine Schlange „häuten“ wollen, damit etwas Neues entstehen kann, dann birgt die folgende Variante des Reinigungsrituals und -gesangs gute Chancen:Man kann sich selbst oder die Körperperipherie abstreifen, abrubbeln, abkribbeln, abreiben oder andere TeilnehmerInnen einer Gruppe – so wenig oder so viel, wie man möchte – bitten, das zu tun. Entscheidend ist, dass die andere Person oder die anderen Personen währenddessen singen.

14

Wort und Klang
14.1 Der Klang der Sprache

Nehmen Sie, wenn Sie mögen, Ihr Lieblingsgedicht und lesen Sie es sich laut vor. Lauschen Sie dem Klang der Sprache. Ihnen wird vermutlich auffallen, dass diesem Text ein eigener Klang, vielleicht eine Melodie, ein Rhythmus innewohnt. Lyrik ist in unseren Ohren klingende Sprache. Lyrik spielt mit den Wortbedeutungen, mit grammatikalischen Sinnzusammenhängen, spielt aber auch mit den klanglichen Qualitäten der Wörter und Wortzusammenhänge – kurz: Lyrik komponiert Sprache.

Wer dies überprüfen möchte, kann für sich selbst oder mit TeilnehmerInnen einer Gruppe folgendes Experiment durchführen:

„Suchen Sie ein Gedicht oder eine Gedichtzeile aus, die Ihnen etwas Besonderes bedeutet. Vielleicht weist dieses Gedicht auf ein Gefühl hin, das für Sie gerade wichtig ist, oder auf eine Lebenserfahrung, die in Ihnen nachhallt.

Lesen Sie dieses Gedicht mehrmals laut vor und lauschen Sie dem Klang des Vorgelesenen …

Und begleiten Sie jetzt den Text mit einem Rhythmusinstrument …

Nun versuchen Sie, diesen Text zu singen, ihm eine Melodie zu geben …

Spielen Sie mit diesem Text musikalisch, versuchen Sie ihn musikalisch auszudrücken, ganz gleich, ob sie dabei die Worte begleiten oder mittlerweile den Text hinter sich lassen und nur das Klangbild, die klangliche Essenz des Gedichtes oder der Gedichtzeile vertonen.“

In der Therapie bilden weniger Gedichtzeilen oder andere lyrische Texte den Ausgangspunkt eines ähnlichen Experimentes, sondern eher ein eigener Text bzw. Bedeutungssätze einer Klientin oder eines Klienten. Unter Bedeutungssätzen verstehen wir, wie die Bezeichnung sagt, Sätze, die im Gespräch eines Klienten oder einer Klientin als bedeutungsvoll hervorstechen. Häufig sind das das Leben grundsätzlich bestimmende Sätze wie z. B.: „Immer komme ich zu kurz.“, „Ich habe ja nie eine Chance.“, oder „Immer ich. Ich bin immer schuld.“ Oder es handelt sich um Sätze der Selbstabwertung wie: „Immer mache ich alles falsch“, „Ich bin im Grunde ein Versager.“, oder „… eine Mogelpackung“ oder „… eine Zumutung“ oder „wäre besser gar nicht geboren“. Diese Sätze zu verklanglichen und damit hervorzuheben, herauszuheben aus ihrer selbstverständlichen und unüberprüften Existenz, ist oft ein Anfang, ihnen an Bedeutungskraft zu nehmen oder sie zumindest zu relativieren. Oft reicht es nicht, wenn KlientInnen bestimmte Aussagen für sich als falsch erkennen, es braucht das Gegenteil, die Gegenformulierung. Deshalb arbeiten wir häufig damit, dass wir die KlientInnen bitten, zu solchen Sätzen Gegen-Sätze zu bilden, individuelle Sätze, die auf diese negativen Bedeutungssätze antworten. Solche Gegenteilsätze können z. B. sein: „Ich habe das Recht geliebt zu werden.“, „Ich bin daran schuld, dass …, aber ich bin nicht daran schuld, dass …“ oder „Ich habe Mut.“ Einen solchen Gegenteilsatz zu formulieren, fällt vielen KlientInnen schwer. Noch schwerer fällt es ihnen, diesen Satz auch laut auszusprechen. Ist diese Hürde erst einmal genommen, hilft es häufig, diesen Satz auch durchzukauen, ihn zu singen, ihn zu rhythmisieren, ihn in verschiedenen Tonhöhen und Lautstärken auszusprechen etc. Dadurch wird der Satz angeeignet, erhält er eine eigene Färbung.

Der Klang der Sprache kann von großer Bedeutung für den therapeutischen Prozess sein, auch ohne dass Sätze oder Textbestandteile Ausgangspunkt sind. „Jede Stimme ist einzigartig in ihrer Zusammensetzung und Nutzung der musikalischen Bausteine:

 Der Rhythmus, in dem eine Stimme spricht, das Pausieren oder Fließen der Stimme, ihre Abruptheit und ihre großen Bögen.

 Die Dynamik, mit der eine Stimme spricht, die Zurückgenommenheit oder Vordergründigkeit der Stimme, ihr Poltern, Bellen, Lärmen oder ihr Wispern, ihre Verhaltenheit, ihre Zärtlichkeit.

 Der Klang, die Fülle oder Enge, Dichte oder Dünnheit, mit der eine Stimme immer auch Nähe oder Distanziertheit ausdrückt, ihre Dumpfheit oder Helligkeit, ihre Belegtheit oder Klarheit.

 Ihre Melodie, zwischen monotoner Rezitationsstimme oder in großen, dramatischen Melodiebögen sich entwickelnd, zwischen winzigen Ausschlägen nach oben und unten, in Höhen und Tiefen schwankend, zwischen Schlichtheit oder verzierender Überladenheit, dem ‚Pathos’ einer Stimme.“ (Decker-Voigt 1999, S.159)

Wenn wir KlientInnen zuhören, vernehmen wir nicht nur die Worte, sondern lauschen auch dem Klang ihrer Sprache und lassen ihn auf uns wirken. Die Unterschiede der Sprachklänge können frappierend sein. Auffallen kann z. B.:

 Ein Klient erzählt monoton im immer gleich bleibenden Rhythmus, ganz gleich ob es sich um eher belanglose Ereignisse handelt oder aufregende Dinge – im Klangbild der Sprache wird keine Gewichtung vorgenommen.

 Manche KlientInnen singen ihr gesprochenes Wort. Wenn man ihnen mit geschlossenen Augen lauscht, hört man Melodien unterschiedlichen Charakters, die differenzierte Reaktionen hervorrufen.

 Ein Klient nutzte die Lautstärke seiner Stimme als Barometer seines inneren Erlebens. Je aufregender es wurde, je mehr seine Erregung in die Höhe stieg, je mehr sein Herz betroffen wurde, desto leiser wurde er.

 Eine Klientin erzählte und erzählte, die Therapeutin vernahm vor allen Dingen die Kraftlosigkeit im Klang ihrer Sprache. Diese rief stärkere Resonanzen in ihr hervor als die Wortaussagen. Als sie ihre Resonanz mitteilte und fragte: „Kann es sein, dass Sie keine Kraft mehr haben?“, stimmte die Klientin zu. Ihre Hauptaussage bestand nicht in den Worten, sondern im Klang ihres Erzählens.

 Häufig fallen Diskrepanzen zwischen einem dramatischen Inhalt und einem monotonen, sachlichen Klangbild auf oder umgekehrt zwischen relativ beiläufigen Geschehnissen, von denen erzählt wird, und einem Klangbild des Erzählens, das einer dramatischen Verdi-Oper entspricht.

Solche und viele andere Wahrnehmungen lassen nie konkrete Schlüsse in Bezug auf die KlientInnen zu, sie gehören aber zu den leiblichen Phänomenen, die seitens der MusiktherapeutInnen Beachtung finden sollten. Musiktherapie beginnt nicht erst, wenn Instrumente erklingen oder gesungen wird. Musiktherapie beginnt, wenn einer Sprache und ihren Klängen gelauscht wird und gleichzeitig den Resonanzen, die sich aus diesem Lauschen ergeben, Respekt erwiesen wird.

14.2 Vom Gespräch zum Musizieren

Bestandteil der Musiktherapie ist auch das Sprechen. Musiktherapie ist besonders geeignet, das Unsagbare hörbar werden zu lassen und das Unerhörte zu hören. Musiktherapie kann insbesondere Menschen erreichen, die sich sprachlich nicht oder nur beschränkt ausdrücken können. Und gleichzeitig ist es für die meisten KlientInnen wichtig, für das musizierend Erlebte auch Worte zu finden. Rosemarie Tüpker sagt deshalb zu Sprache und Musik: „Die musiktherapeutische Behandlung bedarf des Austausches von Musik und Sprache. (…) Musiktherapie ist daher kein ‚non-verbales Verfahren’.“ (Tüpker 1996, S.228f) Und sie fügt hinzu, dass dies natürlich nur für die Arbeit mit den Menschen gilt, die nicht auf sprachliche Artikulation verzichten müssen.

Vor einigen Jahren haben wir von frisch ausgebildeten MusiktherapeutInnen die Klage gehört: „Wir kennen uns ganz gut damit aus, wie wir mit Klientinnen und Klienten Musik machen. Wir können uns auch mit Klientinnen und Klienten unterhalten. Aber an den Übergängen hapert es. Wie kommt man aus dem Gespräch ins Musizieren? Und wie redet man anschließend über das Musizierte?“ Diese Klage hat uns deutlich gemacht, dass solche Übergänge nicht selbstverständlich sind, sondern der besonderen Beachtung und Übung bedürfen. Wir haben in diesem Buch an verschiedenen Stellen versucht, dem Rechnung zu tragen, und hoffen, sowohl in methodischer Hinsicht als auch in den Praxisbeispielen etliche Anregungen gegeben zu haben. Dennoch wollen wir hier einige zentrale Gesichtspunkte dieser Übergänge zusammenfassend darstellen. Ausdrücklich weisen wir hier noch einmal darauf hin, dass dem Gespräch, wie im vorherigen Kapitel beschrieben, schon Aspekte des Musizierens innewohnen, dass man Gesprächen auch klanglich lauschen kann, der eigenen Stimme und denen der anderen, dass also die Kluft zwischen dem Sprechen und dem Musizieren oft gar nicht so groß ist, wie angenommen wird.

Grob zusammengefasst praktizieren wir vier Hauptwege, um aus dem Gespräch ins Musizieren zu gelangen:

 Der erste Weg ist einfach: kein Gespräch, nur die Aufforderung oder Absprache zu musizieren. Mit manchen KlientInnen ist keine Möglichkeit der Verständigung gegeben, außer, dass man, wenn man sich begegnet, zu Musikinstrumenten greift und improvisiert. Mit anderen gibt es Vereinbarungen oder sind Rituale entstanden, etwa dass zu Beginn einer jeden therapeutischen Einheit gemeinsam musiziert wird und sich aus diesem gemeinsamen Musizieren Themen, Fragestellungen, Begegnungen etc. ergeben.Häufig gibt es für die Aufforderung zur Improvisation, allein oder gemeinsam, einen Anlass. Ein Anlass muss noch kein Thema sein, ein Thema kann sich daraus ergeben. Ein Anlass kann sein: „Ich möchte, dass wir uns kennen lernen. Vielleicht machen wir dies, indem wir gemeinsam musizieren.“ In vielen Gruppen- oder Einzeltherapien ist die Improvisation der KlientInnen oder das gemeinsame Musizieren der KlientInnen und TherapeutInnen der gegebene Einstieg.

 Der zweite Weg ist der Weg über ein Thema (s. a. Kap. 15.3). Ein Thema kann im musikalischen Ausdruck lebendig, erlebbar und veränderbar werden. Manchmal bringen KlientInnen ein Thema mit: „Ich habe mich tierisch über meinen Freund geärgert …“ – „Haben Sie Lust, diesen Ärger zu musizieren?“ Oder ein Thema ergibt sich im Gespräch: ein Beziehungsproblem zur Therapeutin oder zum Therapeuten, ein altes Muster, ein verborgenes Gefühl, das hörbar werden möchte, usw. Fast alle methodischen Darlegungen in diesem Buch enthalten solche Beispiele. Ob dann eine freie Improvisation angeboten wird oder eine differenzierte Methode wie musikalisches Verraumen, ein musikalischer Dialog, ein Ständchen, hängt vom Thema und dem konkreten Stellenwert innerhalb des therapeutischen Prozesses ab. Auch „kein Thema“ kann ein musiktherapeutisches Thema sein. Eine Klientin kommt z. B. mürrisch in die Therapie. Auf die Frage, wie es ihr geht, zuckt sie mit den Schultern. Auf die Frage, ob sie ein Thema mitgebracht hat, schüttelt sie den Kopf. Auf die Frage, ob sie Lust hat zu musizieren, verneint sie. Die Therapeutin schlägt vor: „Gehen Sie zu den Musikinstrumenten und spielen Sie: Ich habe kein Thema und möchte gar nicht hier sein.“ Dieser Vorschlag ist für die Klientin so absurd und offensichtlich gleichzeitig so passend, dass sie lächeln muss, zur Concertina greift und loslegt.

 Der dritte Weg: Im Gespräch tauchen häufig Schattenthemen oder Themenschatten auf, auf die die TherapeutInnen hören und die sie ernst nehmen sollten. Werden sie von den KlientInnen musikalisch ausgedrückt und damit hörbar, stecken in ihnen wichtige Erlebnisqualitäten. Zum Beispiel reden KlientInnen manchmal davon, dass ihnen etwas „komisch“ vorkommt oder dass etwas „in der Luft hängt“. Oder die TherapeutInnen spüren eine Atmosphäre, eine nicht greifbare Stimmung. All solche vagen, zunächst nicht konkretisierbaren leiblichen Regungen rufen für uns nach musikalischem Ausdruck. Das gilt auch für therapeutische Prozesse, in denen wir nur am Rande musiktherapeutisch und eher gestaltungs- oder tanztherapeutisch arbeiten. Auch dann ist die Musik, das Musizieren in den meisten Fällen das geeignete Mittel, die Stimmung, die Atmosphäre, die therapeutische Beziehung, das, was „komisch“ ist, das „Nebelige“ und „Diffuse“ hörbar werden zu lassen. In diesem Prozess des Hörbar-Werdens konkretisiert es sich, verdichtet es sich zu Themen, zu Wünschen, zu Problemen, zu Beziehungsaspekten usw. Dann, wenn es konkretisiert ist, kann es auch in Zusammenhänge gestellt und verändernd angegangen werden.

 Der vierte Weg besteht im Aufgreifen von musikbezogenen Gesprächsfetzen. Unsere Sprache ist teilweise auditiv ausgerichtet. KlientInnen erwähnen: „Ich glaube, ich höre nicht richtig“, oder erzählen, dass die Stimme der Mutter „bedrohlich“ klang. Hier „haken“ wir gerne ein und sagen: „Dann lassen Sie doch bitte einmal diesen Klang hörbar werden, wie klang die Stimme der Mutter?“ Wenn ein Klient erzählt, er fühle sich „durchgeschüttelt“, können wir ihn bitten, dieses Schütteln mit einem Schüttelinstrument erklingen zu lassen.

Der Boden für alle Wege, für alle Übergänge vom Gespräch ins musiktherapeutische Arbeiten, ist und bleibt, glauben wir, Interesse und Präsenz und der Leitspruch: Die Klientin/den Klienten ernst nehmen und sich selbst ernst nehmen, Mut zu unkonventionellen Wegen, zum Suchen und Ausprobieren, Vertrauen in die Resonanz und in die KlientInnenkompetenz – und Übung, Übung, Übung.

14.3 Vom Musizieren zum Reden

Die Anzahl der Möglichkeiten, von der Erfahrung eines Musizierens ausgehend ein Gespräch zu führen, sind so unendlich wie die Menschen und die Vielfalt ihrer klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten. Auf manches, was uns innerhalb dieser Vielfalt wesentlich ist, haben wir in anderen Zusammenhängen hingewiesen. Es zieht sich als therapeutische Haltung und damit verbundener Gesprächsmethodik durch all unsere Beschreibungen. An dieser Stelle wollen wir uns vor allem dem Fragen widmen. Selbstverständlich muss keine Frage am Anfang stehen. Der erste Satz des Therapeuten oder der Therapeutin kann ebenso aus einem Sharing bestehen („Ich habe Sehnsucht gespürt, als ich Ihnen zugehört habe.“) oder einem Feedback („Es gab sehr laute und sehr leise Phasen in Ihrem musikalischen Spiel.“) (s. Kap. 24.3). Dennoch: Fragen eignen sich für den Übergang vom Musizieren ins Gespräch eigentlich immer. Welche Frage stelle ich als erste? In dieser Unsicherheit können gerade MusiktherapeutInnen mit wenig Erfahrung offensichtlich Unterstützung brauchen. Deswegen wollen wir hier einige unserer Erfahrungen vorstellen und kommentieren:

 „Was ist jetzt?“ Diese Frage zielt auf den Nachklang, auf die Wirkung des Musizierens ab. Wir stellen sie gern, wenn wir einen solchen Nachklang hören und zum Beispiel am Gesichtsausdruck der KlientInnen beobachten und den Eindruck haben, dass das Musizieren eine Überraschung oder eine Veränderung im Erleben des Klienten oder der Klientin hervorgerufen hat. Wir verwenden diese Frage ebenfalls gern bei KlientInnen, die dazu neigen, ein Erleben schnell wegzuanalysieren, also über das, was war, zu reden und darüber Distanz zu gewinnen. Manchmal brauchen das die KlientInnen, um ihre Erregung zu verkraften und zu ordnen. Dann respektieren wir dies selbstverständlich. Oft leiden KlientInnen aber darunter, dass sie zu schnell etwas „wegreden“. Dann helfen wir mit dieser Frage, die Aufmerksamkeit auf den Nachklang und das unmittelbare Erleben nach dem Musizieren hier und jetzt zu richten.Abgesehen von all diesen Indikationen ist diese Frage, wenn sie ernst gemeint ist und man ihr und den damit verbundenen Leibregungen auf der Spur bleibt, universell: Sie kann im therapeutischen Prozess nicht falsch sein, hilft über Stockungen und Sackgassen – auch die der TherapeutInnen – professionell hinweg und lässt den Prozess weitergehen.

 „Was haben Sie erlebt?“ Diese klassische Frage fordert auf, so gut es geht, das, was im Musizieren als Erlebens- und auch Veränderungsprozess erfahren wurde, in Worte zu fassen. Häufig wünschen und brauchen KlientInnen solche Verbalisierung. Sie sehnen sich danach, das auszusprechen und zu verstehen, was in ihnen geschieht und zwischen ihnen und den TherapeutInnen. Ein solches Gespräch dient der Verdauung und der Integration.

 „Was haben Sie gehört?“ Diese Frage schieben wir manchmal vor die Frage „Was haben Sie erlebt?“. Sie ermöglicht, die Aufmerksamkeit zuerst einmal auf Klangbild, Melodie, Rhythmen, musikalische Themen, Veränderungen usw. zu richten. Diese Frage kann helfen, von außen nach innen zu gehen, vom Gehörten zum Erlebten, und somit einen kleinschrittigen Weg der Verarbeitung einleiten. Manche KlientInnen vermitteln allerdings mit ihrer Antwort, dass sie die Frage: „Was haben Sie gehört?“, unmittelbar synonym setzen mit der Frage: „Was haben Sie erlebt?“ Und das ist dann ja auch gut so.

 „Was haben Sie gemacht?“ Diese Frage richtet sich auf die Wahrnehmung des eigenen Tuns.

 „Was haben Sie gedacht?“ Diese Frage ist wichtig für Menschen, deren Gedanken kreisen und die glauben, darauf keinen Einfluss mehr zu haben.

 „Was für eine Atmosphäre haben wir eben in den Raum gezaubert?“Dass Klänge häufig Atmosphären hervorrufen, haben wir schon betont.– „Was hätte ein kleines Mäuschen dort in der Ecke eben bei unserem Spiel erlebt, gehört, gedacht usw.?“ Oft brauchen KlientInnen helfende Beobachter. TherapeutIn und KlientIn können sich auch gemeinsam vorstellen, ein Spaziergänger wäre am Raum vorbeigegangen, hätte erstaunt innegehalten und gedacht: „Das klingt ja wie …“

 „Woran erinnert Sie das?“ Manchmal wird in den ersten Sätzen eines Klienten oder einer Klientin nach einer musikalischen Improvisation oder einem anderen musikalischen Agieren deutlich, dass ein Lebensthema oder Zusammenhang zu alten Mustern angeklungen ist. Dieser Frage sollte eine der oben genannten Fragen vorhergehen, damit zuerst einmal dem unmittelbaren konkreten Erleben Raum gegeben werden kann. Wenn das Besondere der klanglichen Strukturen, wenn das Besondere des klanglichen Erlebens im Musizieren deutlich geworden ist, kann man fragen, in welchen Zusammenhängen des Lebens solche Strukturen, solche Erlebnisqualitäten noch bekannt sind, und damit in Richtung Mustererkennung und Musterveränderung weiterarbeiten.Oft reicht die Frage einfach so, wie sie oben gestellt ist, und oft müssen TherapeutInnen die KlientInnen dabei unterstützen, Einfälle zuzulassen und ihnen zu vertrauen. Die inneren spontanen Antworten werden manchmal zunächst als zusammenhanglos, absurd oder vollkommen unverständlich erlebt und „weggesteckt“. Hilfreich sind neben ein wenig Hartnäckigkeit wahlweise folgende Anregungen: „An welche Situation oder Situationen erinnert Sie das? An welches Alter? An welche Lebensphase? An welche Atmosphäre oder Atmosphären? An welche Farben? An welche anderen Geräusche, Klänge, Stimmen? An welche Menschen?“

 Nach einem musikalischen Dialog reicht es oft nicht, die Klientin oder den Klienten nur nach dem persönlichen Erleben zu fragen. Es ist meist notwendig, sich speziell danach zu erkundigen, wie die Klientin/der Klient die musikalische Interaktion erlebt hat, z. B.: „Wie war der Kontakt mit mir?“, „Wie ist jetzt der Kontakt mit mir?“, „Was hat sich zwischen uns verändert?“, „Was hat gut getan, was hat beruhigt oder beunruhigt, was hat gestört?“, „Was haben Sie, was haben wir beide Ihrem Eindruck nach vermieden?“ KlientInnen haben häufig eine Scheu, ihr Erleben in Bezug zum Therapeuten oder zur Therapeutin zu setzen. Deswegen bedarf es in dieser Hinsicht der besonderen Ermunterung.Es ist sicher auch günstig, dass die TherapeutInnen an irgendeiner Stelle des Gesprächs nach einem musikalischen Dialog von sich aus diese Fragen beantworten, ein Feedback und ein Sharing geben und erzählen, wie sie die Beziehung erlebt haben.

 „Was brauchen Sie jetzt?“ Diese Frage liegt uns sehr am Herzen. Manchmal kann diese Frage, die häufig im späteren Gesprächsverlauf ihren Platz hat, sogar unmittelbar am Anfang nach einem Musizieren gestellt werden, wenn die KlientInnen sichtbar und hörbar aufgerührt und aufgewühlt sind und spürbar ist, dass sie irgendeine Art von Unterstützung oder Veränderung brauchen. Falls im Musizieren eine Unterbrechung eintritt, die entweder nach Aussage der KlientInnen („Ich weiß nicht weiter.“) oder atmosphärisch bzw. in der Resonanz der TherapeutInnen nach einer Fortsetzung verlangt, könnte diese Frage heißen: „Welchen Impuls haben Sie jetzt?“ Die meisten KlientInnen wissen zu ihrer eigenen Überraschung genau Bescheid: „mich neben Sie zu setzen“, „mich hinzulegen“, „Ich möchte mich an das Fenster stellen“, „Ich möchte das Instrument wechseln.“

 Unser beliebtester erster Satz nach einem Musizieren besteht darin, gar keinen Satz zu sprechen, also mit einer Pause zu beginnen, eine Pause zuzulassen. Oft fühlen sich gerade angehende, engagiert und ernsthaft arbeitende MusiktherapeutInnen unter Druck, nach dem Musizieren eine „schlaue“, zumindest aber „hundertprozentig“ treffende Frage zu stellen, und geraten dabei so in Eifer, dass sie sich selbst nicht die Zeit nehmen, das Gehörte zu verarbeiten und nachklingen zu lassen. Auch die Klientin/der Klient, braucht diese Zeit, braucht Stille, braucht Schweigen.

 Wir erinnern uns auch an musikalische Begebenheiten mit KlientInnen nach denen wir nichts gesagt haben. Sie sprachen für sich, jedes Wort hätte ein Erleben zerstört oder zerredet. Nach einer angemessenen Pause hören wir uns in der Erinnerung in solchen Situationen sagen: „Geht es Ihnen auch so, dass Sie am liebsten nicht weiter darüber sprechen mögen? Ich fand dieses musikalische Erlebnis so reich und so kostbar, dass wir es nicht zerreden sollten. Oder? Vielleicht später, vielleicht ein andermal.“

14.4 Wort + Musik = Lied

„Das Lied ist die fleischlichste und zugleich die geistigste aller Realitäten. Es beschäftigt Zwerchfell und Seele. Schon mit seinen ersten Noten kann es den Zuhörer in Verzweiflung stürzen oder ihn in Ekstase versetzen. Die singende Stimme kann in einer Kadenz die Seele zerbrechen oder heilen.

Organisch rückt uns das menschliche Lied in größere Nähe zur Tierhaftigkeit als jede andere Manifestation.“, schreibt George Steiner (1999, S.91). Lieder begleiten jeden Menschen durchs Leben. Nahezu alle KlientInnen erinnern sich an Lieder, die ihnen in verschiedenen Etappen ihres Lebens wichtig waren. Auch ohne dass die Biografie ausdrücklich Thema ist, können Lieder an jeder Stelle des therapeutischen Prozesses lebendig werden. Manche Lieder sind ständige Wegbegleiter, andere können über Jahre an Bedeutung verlieren und verschwinden, um dann plötzlich wieder aufzutauchen. Liedern wohnt eine besondere Qualität im Musikerleben und in der Musiktherapie inne. Vier Faktoren sind uns dabei vor allem wichtig:

 Lieder spielen, wie schon erwähnt, in der musikalischen Biografie eine wichtige Rolle. Das gilt nicht nur für die Lieder der Pubertät und Jugend, mit denen sich junge Menschen identifizieren und an denen sie sich „festhalten“, um diese schwierigen Übergangsjahre zu überstehen. Manche borgen sich ihre Identität aus Liedern, der wohl kulturell bedeutsamsten musikalischen Form des 20. Jahrhunderts. „Paint it black“, „Let it be“ oder „Oops … I did it again“ sind da nicht nur Songs, die man gerne hört, sondern werden Ausdruck der eigenen Lebensphilosophie, der eigenen Identität. Doch auch vorher schon sind Kinderlieder jeder Art Wegbegleiter der Kindheit. Das gemeinsame Singen von Liedern schafft Verbindungen in der Familie, im Kindergarten und in der Schule.Allein oder mit mehreren auf der Elternfeier oder dem Schulfest ein Lied vorzusingen, kann in Beschämung münden oder den eigenen Stolz festigen und als Erfahrung Bestandteil der Identität werden. In den meisten Liedern, die für KlientInnen in irgendeiner Weise Bedeutung haben, wird gleichzeitig biografisches Erleben transportiert.

 Jedes Lied verbindet Text und Ton. Damit sind beim Hören wie beim Singen zwei Ebenen der Resonanz angesprochen: Die Poesie als Sprache des Erlebens und die Musik. Vielleicht ist das der Grund, warum zahlreiche Lieder bei so viele Menschen eine so hohe Resonanzwirkung hervorrufen oder warum so vielen Menschen gerade auf Lieder mit besonders großer Resonanzbereitschaft reagieren.

 In einem Lied spricht die Stimme des Sängers oder der Sängerin. Viele fremdsprachige Lieder wirken allein über die Stimme. Diese erzählt Geschichten, auch wenn der Text nicht in der eigenen Sprache und dadurch unverständlich ist. Eine Stimme in einem Lied zu hören, hat die Wirkung: Jemand spricht zu mir. Die Wirkung der Stimme ist ein Angebot, eine Beziehung zu stiften. Nicht selten begegnen wir in der Therapie erwachsenen KlientInnen, die eine beziehungsähnliche Verbindung zu einzelnen LiedermacherInnen oder SängerInnen eingegangen sind. Sie identifizieren sich nicht unbedingt mit dem Liedermacher oder der Sängerin, wie oben in Bezug auf die Pubertät und Jugendzeit erwähnt, sondern fühlen sich von ihm oder ihr verstanden. Jede neue CD wird mit Spannung erwartet, hoffend, ja wissend, dass die neuen Lieder wieder ganz speziell sie als die ZuhörerInnen ansprechen werden.

 Lieder beruhen auf dem Prinzip der Wiederholung. Die feste Strophenform, der zumeist eindeutige Reim und die Wiederholung des Wesentlichen im Refrain bieten einen sicheren Rückgriff, geben der Musik wie dem Text einen Rahmen und damit einen Halt. Die Wiederholung fördert, dass Texte und Melodien im Gedächtnis bleiben, und spricht vor allem die zahlreichen Menschen unter unseren KlientInnen an, die existenziell verunsichert sind und denen die Liedform Halt gibt. All dies macht ein Lied attraktiv zur Wiedererkennung und bietet die Möglichkeit eines sicheren Rückgriffs.

Die Bandbreite des Einsatzes von Liedern in der Musiktherapie ist sehr groß. Da werden in der biografischen Arbeit alte, schon vergessen geglaubte Lieder hervorgekramt, angehört und als Zugangsmöglichkeit zu verschüttetem Erleben genutzt. Da werden in der therapeutischen Gruppenarbeit von den TeilnehmerInnen Lieder angestimmt, um einem Gruppenmitglied Unterstützung zu signalisieren, Mut zuzusprechen oder Trost zu spenden. Da werden Lieder gesungen, um dem eigenen Erleben Ausdruck zu geben und diesen mit anderen Menschen zu teilen. In seinem Roman „Mister Aufziehvogel“ lässt Haruki Murakami einen Mann folgende Worte, die genau das illustrieren, „mit leiser, aber durchdringender Stimme“ (Murakami 2000, S.308) sprechen: „‚Wie Ihnen selbstverständlich allen bekannt ist’, (…) erleiden wir im Laufe unseres Lebens vielfältige Schmerzen. Körperliche Schmerzen und seelische Schmerzen. Ich weiß, dass ich in meinem Leben Schmerz in vielen verschiedenen Erscheinungsformen erlitten habe, und ich bin sicher, das Gleiche gilt für Sie. Ebenso sicher bin ich aber, dass es Ihnen in den meisten Fällen sehr schwer gefallen sein dürfte, einem anderen Menschen die Realität dieses Schmerzes zu vermitteln: ihn mit Worten auszudrücken. Man sagt, verstehen könne jeder nur den Schmerz, den er selbst empfindet. Aber ist das wirklich wahr? Ich zumindest glaube nicht, dass das zutrifft. Wenn wir jemanden sehen, mit eigenen Augen sehen, der wirklich leidet, erleben wir seinen Schmerz manchmal durchaus als den unsrigen. Das ist die Kraft des Einfühlungsvermögens. Drücke ich mich klar aus?’

Er unterbrach sich und sah sich noch einmal im Raum um.

‚Der Grund, warum Leute für andere Lieder singen, ist deren Wunsch, das Einfühlungsvermögen der anderen wachzurufen, aus der engen Hülse des eigenen Ich auszubrechen und ihren Schmerz und ihre Freude mit anderen zu teilen.’“ (a.a.O.)

Der Kollege und Musiktherapeut Martin Lenz komponiert und textet Lieder für Feiern in der psychiatrischen Klinik, in der er tätig ist. Zu Weihnachten schrieb er uns: „Ich hatte mir für dieses Jahr geschworen, kein Lied zu schreiben. Zu viele Verabschiedungssongs mussten in den letzten Wochen aus meinen humor-lyrischen Gehirnzellen gezeugt werden. Da wollte ich mal pausieren. Aber die KollegInnen hatten sich in meiner Abwesenheit für das Thema ‚Frieden’ für die Weihnachtsfeier entschieden und ich sollte ‚nur’ wieder die Lieder ‚zusammenstellen’. Hol’s der Teufel! Mir fielen nur Lieder wie ‚Für den Frieden der Welt steht die Menschheit auf Wacht’ oder ‚Kleine weiße Friedenstaube’ aus der Kampf- und Pionierliederkiste vergangener Tage oder christliche Friedenslieder sehr unterschiedlicher Qualität ein; vom wunderschönen „Dona nobis pacem“ bis zu eher frömmlichen Liedlein. Nichts passte für eine PatientInnen-Weihnachtsfeier in einer psychiatrischen Klinik. Da musste ich wieder ran …

Lasst euch recht herzlich grüßen von einem, dem es besser geht, wenn er sich morgens im Spiegel anlächelt.“ Und er schickte uns beiliegend folgendes Lied:



Ein anderer Kollege, Lutz Debus, arbeitet mit KlientInnen daran, eigene Lieder zu entwickeln (Debus 2002, S.47ff. und: Debus 2001).

Er bittet die KlientInnen, auf einem selbst gewählten Instrument ihre aktuelle Stimmung zu suchen und ausdrücken. In einem zweiten Schritt soll der erzeugte Klang notiert werden. Dabei wird keine Notenschrift benutzt, sondern Buchstaben, die comicartig und lautmalerisch die Klänge beschreiben. Damit wird eine erste Brücke zwischen Klang und Text geschaffen. „Ausgehend von der Verklanglichung des vorherrschenden Gefühls füllten die Teilnehmenden einige Seiten mit Assoziationen, Geschichtsfetzen, Bildern, ersten Dialogen. Nach der Verdichtung, der Dichtung des Gefühls, folgte also die Dehnung, die Weitung, die Raum schuf für kreative Gestaltung. Die so entstandenen Texte wurden größtenteils vorgelesen. Im nächsten Schritt ging es um Schritte. Schreitend konnten die Teilnehmenden auf dem Hintergrund ihrer bereits verfassten Texte dichten. Zunächst wählte jede/r eine Schrittfolge. Jemand trippelte durch den Raum, eine Teilnehmerin stampfte, eine schlich. Nach einigen Schritten hielten die Teilnehmenden inne, notierten eine Zeile, schritten weiter. So entstanden unweigerlich Rhythmus durchtränkte Texte. Nun mussten die fast fertigen Lieder nur noch mit Melodien und Harmonien versorgt werden.“ (Debus 2002, S.58)

Auch andere Wege zum eigenen Lied sind praktikabel. Der Ausgangspunkt kann eine Melodie sein oder ein Klang. KlientInnen können damit beginnen, Gedanken niederzuschreiben, die sie beschäftigen, Sätze, die für sie Bedeutung haben und daraus einen Liedtext produzieren, der irgendwann musikalisch begleitet wird. Ganz gleich, auf welchem Weg ein eigenes Lied entsteht, Hauptsache, es ist ein eigenes – damit ist der Entstehungsprozess ein Vorgang intensiven Erlebens mit Scham und Scheu, Stolz und Freude, eine Entdeckungsreise von außen nach innen und von innen nach außen. Ein Kollege, Ralf Hollnack, der musiktherapeutisch in der Forensik arbeitet, berichtet von einem solchen, auch ihn überraschenden Prozess:

„Ein 24 Jahre alter Patient kommt zum ersten Mal in die Musiktherapie. Er sitzt mit gebeugtem Rücken, die Hände und Füße sind ständig in Bewegung. Er möchte Rap singen – Freestyle Rap. Ich frage ihn, wie das denn geht. Er erklärt mir, dass er spontan Texte improvisieren will, aber einfach nicht in den Rhythmus hineinkommt. Ich bitte ihn, doch einen Rhythmus zu klatschen, der ihm gefällt. Er beginnt, ich übernehme den Rhythmus, er beginnt zu sprechen. Er wirkt sehr angestrengt, deshalb biete ich ihm an, sich dazu zu bewegen. Er beginnt, auf und ab zu gehen, ich klopfe den Rhythmus weiter auf dem Gitarrenkorpus, improvisiere dann eine Basslinie über diesem Rhythmus. Jetzt sprudeln die Worte aus ihm heraus. Ohne Punkt und Komma in einem durch. Er spricht sehr schnell, ich kann nur Bruchstücke aufschnappen. Es geht um Musik, um Träume, um Drogen, ums Getriebensein, darum, sich wie eine Maschine zu fühlen. Zwischendurch nimmt er immer wieder Bezug zu mir, zu dem Rhythmus, zu der Gitarre. Das Zusammenspiel wird immer dichter. Ich reagiere mit meiner Gitarre auf seine Stimme, er nimmt jede Veränderung meines Spieles sofort auf. Zwanzig Minuten spricht er ohne Pause weiter und tanzt dazu. Ich wandle den harten Beat langsam in einen weicheren Reggae-Rhythmus um, er spricht langsamer, Sehnsucht ist jetzt das Thema und Enttäuschung. (Ich erfahre später, dass er in der Klinik ist, weil er seine Freundin aus Eifersucht bedroht hat). Ich werde leiser, er reagiert sofort, spricht immer leiser und flüstert schließlich über meinem letzten Ton:

,Vielleicht wäre es gut, einfach mal ganz ruhig zu sein.’

Wir sehen uns kurz an, lassen die Stille noch etwas wirken. Sein Rücken beugt sich langsam wieder nach vorne, aber er wirkt nicht mehr so gespannt, wie noch zu Anfang der Stunde. Er sagt, dass er so etwas noch nicht erlebt hat, sich selbst noch nie so deutlich gespürt hat.“

15

Rezeptive, aktive und themenzentrierte Musiktherapie
15.1 Rezeptive Musiktherapie und leibliches Hören

Wenn ein Mensch Klänge hört, dann ruft das in ihm eine innere Regung hervor. Wenn wir dem Rauschen des Meeres lauschen oder beim Schreien eines Babys aufmerken, wirken diese Klänge in uns, beeinflussen unser Erleben und Verhalten. Viele Menschen nutzen dies, sie hören eine bestimmte Musik, um in Schwung zu kommen oder aus einer schlechten Laune wieder aufzutauchen oder auch, z. B. wenn sie traurig sind, dieser Trauer einen Rahmen zu geben. Dass Klänge das Erleben und Verhalten von Menschen beeinflussen, ist altbekannt und wurzelt in frühen Zeiten. Schon unsere Vorfahren wussten, dass, wenn sie Vogelstimmen hörten, der Frühling nahte und die Not des Winters sich ihrem Ende zuneigte. Sie hörten die Geräusche der Tiere und wappneten sich zur Verteidigung oder zur Jagd. Fischer hören, auch wenn sie abends im dunklen Zimmer sitzen, am Geräusch des Windes, wie sich das Wetter verändert.

Geräusche beeinflussen das Erleben. Sie zu hören, heißt nicht nur, Informationen aufzunehmen und sie wie eine Datei im Computer abzuspeichern. Sie können wichtige, ja existenzielle Bedeutung für den Menschen haben. Der sich verändernde Klang des Windes kann darüber entscheiden, ob ein Schiff in Seenot gerät oder nicht. Das Zwitschern eines Frühlingsvogels kann die Hoffnung erwecken, dass die Zeit des Hungers und des knappen Überlebens im Winter zu Ende geht. Das Kreischen der Bremsen ruft Angst und Schrecken und vorsichtiges Verhalten hervor. Das Wimmern eines Babys bewirkt Impulse, zu helfen und sich zu kümmern. Klänge beeinflussen das Erleben der Menschen und diesem Erleben entspringen Regungen, die in Verhalten, Stimmungen, in Gefühle und anderes mehr münden können.

Menschen setzen Klänge gezielt ein: der Klang der Kirchenglocken soll Menschen bewegen in die Kirche zu kommen, die Kaufhausmusik soll bewirken, dass die Kunden mehr kaufen. Manchmal gelingt dies, manchmal nicht.

Die Klänge und die Wirkungen der Klänge auf das Erleben der Menschen therapeutisch einzusetzen, um Krankheiten zu heilen oder zu lindern, ist die älteste Form der Musiktherapie. Menschen nehmen Musik und ihre Wirkung auf, deswegen wird diese Musiktherapie rezeptive Musiktherapie genannt. Wir achten darauf, dass diese Art der Musiktherapie von Seiten der KlientInnen nicht nur passiv wahrgenommen wird, sondern dass sie eingebettet wird in den Dialog mit der Therapeutin oder dem Therapeuten und dass die KlientInnen Möglichkeiten finden, die Wirkungen des Erlebens in irgendeiner Weise auch zum Ausdruck zu bringen, z. B. durch Worte, durch Schreiben, durch Malen, durch musikalische Impulse.

Rezeptive Musiktherapie hat oft reaktualisierende Wirkung, knüpft an biografische Wurzeln an oder schafft erlebte Verbindungen zur Biografie (s. a. Kap. 2). „Mir begegnet es immer wieder in der Arbeit,“ so zitieren wir hier den Musiktherapeuten Ralf Hollnack, „dass Klienten, die ansonsten eher unbeteiligt von Ereignissen aus ihrer Vergangenheit berichten, ganz anders im Erleben sind, wenn sie eine Musik mitbringen, die sie in dieser Zeit gehört haben. Hören sie sie jetzt wieder, werden viele Kleinigkeiten erinnert, die plötzlich sehr wichtig sind, und viele sinnliche Wahrnehmungen aktiviert. Besonders aus der Geriatrie und aus der Psychiatrie berichten mir KollegInnen oft über erstaunliche Wirkungen, wenn die PatientInnen eine Musik hören, die vor ihrer Erkrankung eine wichtige Bedeutung für sie hatte. Manchmal taucht urplötzlich ganz viel Lebendigkeit und längst verloren Geglaubtes als Potenzial wieder auf. Ich habe bei meinen PatientInnen festgestellt, dass die Musik, die sie zurzeit hören, viel weniger ergiebig ist als die Musik, die sie früher gehört haben.“

Als Klient oder Klientin rezeptive Musiktherapie zu erfahren, bedeutet nicht, sich einfach „berieseln“ zu lassen. Sicher ist das Aktivitätsniveau anders, also viel niedriger als bei anderen Formen der Musiktherapie. Sicher ist der Musiktherapeut bzw. die Musiktherapeutin in der offensichtlich aktiveren Rolle, weil er oder sie musiziert oder singt bzw. die Musik auswählt, die vorgespielt wird, und die Klientin, den Klienten bittet, sich der Musik hinzugeben und ihrer Wirkung zu folgen.

Auf der Seite der KlientInnen ist dennoch immer sowohl Passivität als auch Aktivität gefordert.

Beginnen wir mit der passiven Seite. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in manchen Einheiten rezeptiver Musiktherapie sogar die konkrete Wirkung konkreter Musik hinter der Erfahrung zurücktritt, dass da ein Mensch ist, der für einen anderen Musik spielt. Allein dieser Vorgang wirkt nährend – Therapeut oder Therapeutin könnten relativ wahllos eine CD auswählen oder irgendwie musizieren, der Effekt bliebe ähnlich.

Auch bei anderen KlientInnen besteht ebenfalls relativ unabhängig von der konkreten Musik die Herausforderung im Zuhören. Das Interesse liegt darin, wie die Art und Weise des Zuhörens wahrgenommen wird:

 „Kann ich mich entspannen?“

 „Kann ich zuhören?“

 „Oder schweife ich ab?“

 „Komme ich, wenn ich abschweife, wieder zurück?“

 „Kann ich mich auf die Musik einlassen bzw. kann ich die Musik in mich hineinlassen?“

 „Kann ich meine Resonanz, mein Mitschwingen zulassen?“

 „Was kann ich zulassen, was nicht?“

Solche und ähnliche Fragen beschäftigen KlientInnen. Das Zuhören, das Rezipieren ist ein Prozess komplexer Erfahrung, den differenziert zu betrachten sich lohnt. In der Gruppenarbeit laden wir die einzelnen TeilnehmerInnen öfter ausdrücklich zu dem Experiment ein, einer Musik zuzuhören und sich selbst wahrzunehmen, wie sie mit ihrer Passivität, mit dem Zulassen umgehen. Wir stellen, während KlientInnen einer Musik lauschen, solche Fragen, mit denen wir versuchen, die Achtsamkeit auf den Prozess rezipierenden Erlebens zu lenken.

Rezeptive Musiktherapie ist ein Prozess des Erlebens – Hören ist in unserem therapeutischen Zusammenhang immer leibliches Hören. Wenn Menschen zuhören, entstehen und verändern sich Schwingungen, Gefühle, Gedanken und Bilder und es treten körperliche Reaktionen auf. Wir laden in der rezeptiven Musiktherapie dazu ein, auf eine Art und Weise zu hören, die den entstehenden Resonanzen Achtsamkeit schenkt und auf unterschiedliche Weise Ausdruck verleiht.

Einige Möglichkeiten:

 „Hören Sie der Musik zu, die ich Ihnen vorspiele, und achten Sie währenddessen besonders auf Ihre körperlichen Reaktionen: Wo spüren Sie Ihren Körper? Wie spüren Sie ihn? Wie verändert sich Ihr Atem? Welche Impulse haben Sie …?“

 „Ich werde Ihnen drei verschiedene Musikstücke spielen. Bitte nehmen Sie sich drei Blatt Papier sowie einen Stift. Unterteilen Sie jedes Blatt in drei Spalten, eine für Ihre körperliche Reaktion, eine für Ihre emotionalen Resonanzen und eine für Ihre geistigen, bildhaften Assoziationen. Während Sie das erste Musikstück hören, notieren Sie bitte Ihre Reaktion in die jeweilige Spalte. Nach dem ersten Musikstück legen Sie das Blatt weg und greifen zum nächsten und machen das Gleiche.“

 „Ich werde Ihnen nun ein Musikstück vorspielen und bitte Sie, beim Zuhören Ihren inneren Bildern zu folgen. Nehmen Sie sich ein großes Blatt Papier und Stifte oder Farben und malen Sie, während Sie zuhören, die inneren Bilder, die Ihnen als Reaktion auf die Musik entstehen.“ Man kann auch sagen: „Lassen Sie die Musik durch ihr Ohr, Ihren Arm, Ihre Hand, Ihre Farbstifte auf das Papier fließen.“Diese Einheit verhilft besonders dann zu Einsichten, wenn man Zeit und Muße lässt mehrere Musikstücke nacheinander zu hören. Die Musikstücke sollten mindestens acht bis zehn Minuten lang sein, damit die KlientInnen in die Musik eintauchen und sich ihre inneren Bilder entfalten können. Manchmal ist der Hinweis notwendig, dass die KlientInnen nicht versuchen sollten, die Musik „abzumalen“, also den Rhythmus oder sonstige formale Aspekte der Musik wiederzugeben oder abzubilden, sondern dass es einzig und allein darauf ankommt, den inneren Bildern, die als Resonanz auf die Musik in ihnen hervorgerufen werden, einen gestalterischen Ausdruck zu verleihen.

 „Ich teile diesen Raum in zwei Räume. Der eine Raum heißt Eng, der andere Raum heißt Weit. Bitte hören Sie der Musik zu, die ich Ihnen nun vorspiele. Es sind drei kleinere Stücke, die etwas unterschiedlich sind. Folgen Sie Ihren Impulsen. Wo ruft die Musik eher Enge, wo eher Weite hervor? Begeben Sie sich je nach Ihren Impulsen in diesen Raum hinein oder in jenen. Folgen Sie der Musik und Ihren körperlichen Impulsen und bewegen Sie sich jeweils in die Räume.“Hier wird rezeptive Musiktherapie mit Verraumen kombiniert (s. Kap. 6). Welche Räume angeboten werden, hängt von den Themen und den Bedürfnissen der KlientInnen bzw. einer Gruppe ab. Vor allem die Konstitutiven Leibbewegungen (s. Kap. 3.3) bieten sich an.

 „Bitte lauschen Sie der Musik, die ich Ihnen vorspiele. Nehmen Sie Ihre Reaktionen wahr und vor allem Ihre Impulse, die als Antwort auf diese Musik entstehen. Wenn die Musik verklungen ist, greifen Sie zu einem Instrument oder nutzen Sie Ihre Stimme und antworten Sie mit eigenen Klängen auf das, was Sie gehört haben.“Hier ist es oft sinnvoll, die Spielregel einer Pause zwischen dem Hören und der Antwort einzurichten, z. B: „Machen Sie, bevor Sie musizierend antworten, eine Pause von drei Atemzügen“. Häufig braucht es Zeit und Muße, dass aus dem Gehörten Eigenes entstehen und nach außen dringen kann.

In vielen KlientInnen ist der „innere Ort der Bewertung“, wie ihn Carl Rogers genannt hat, unterentwickelt. Manchmal wurde er durch Missachtung, Beschämung und Gewalt geschädigt, die Bewertungskriterien und -möglichkeiten gebrochen, so dass es in der Therapie von Bedeutung ist, diesem inneren Ort der Bewertung Aufmerksamkeit zu schenken, ihn zu hegen und zu pflegen. Manche Menschen haben so intensive Erfahrungen damit, dass ihre Bewertungen nicht „zählen“, dass sie sich abgewöhnt haben, überhaupt Bewertungen vorzunehmen. Auch psychische Krisen oder chronifizierte psychische Erkrankungen führen zu einer existenziellen Verunsicherung, die in vielen Fällen Bewertungen reduziert oder gar verunmöglicht. Die rezeptive Musiktherapie kann wunderbare Möglichkeiten bieten, Bewertungen wiederzubeleben bzw. neu zu entwickeln.

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