Kitabı oku: «Wie Traumata in die nächste Generation wirken»
SEMNOS LEHRBUCH
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www.semnos.de
Baer, Udo
Frick-Baer, Gabriele
Wie Traumata in die nächste Generation wirken
Neukirchen-Vluyn:
Semnos Verlag 2012
epub-ISBN 978-3-934933-44-6
© 2012 Semnos Verlag, Neukirchen-Vluyn
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Andrea Hahn
Satz: TRITUM GmbH, Jena
Umschlaggestaltung: Christin Ursprung, Berlin
Titelfoto: Simbär / photocase.com
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
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SEMNOS LEHRBUCH
Udo Baer, Gabriele Frick-Baer
Wie Traumata in die nächste
Generation wirken
Untersuchungen, Erfahrungen,
therapeutische Hilfen
SEMNOS

Udo Baer (Neukirchen-Vluyn – Jg. 1949)
Dr. phil., Dipl. Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie, Mitbegründer, Geschäftsführer und Gesamt-Ausbildungsleiter der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Vorsitzender der Stiftung Würde, wissenschaftlicher Leiter des Institut für Gerontopsychiatrie (IGP) und des Kompetenzzentrums für Kinder und Jugendliche (KKJ), Autor.

Gabriele Frick-Baer (Neukirchen-Vluyn – Jg. 1952)
Diplom Pädagogin, Kreative Leibtherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Kreative Traumatherapeutin, Autorin, therapeutische Leiterin der Zukunftswerkstatt therapie kreativ.
Inhalt
1 Von der Erschütterung und Neugier zum Forschungsprojekt
2 Was Therapeut/innen über Traumata wissen müssen
3 Die erste und die zweite Generation: Gemeinsamkeiten
3.1 Das Leiden und das Posttraumatische Stresssyndrom
3.2 Flashbacks
3.3 Erregung
3.4 Vermeidungsverhalten
3.5 Emotionale Abflachung, Ängste und Ängstlichkeit
3.6 Wie erklären sich Gemeinsamkeiten?: Spiegelneuronen und Resonanz
4 Leiden, ohne wissen zu können, warum: die vier Leeren der zweiten Generation
4.1 Schrecken ohne Worte – das große Schweigen
4.2 Verluste ohne Trauer
4.3 Schmerz ohne Trost
4.4 Die psychische Leere und das schwarze Loch
5 Zweite Generation: Leerstellen in Identität und Bindung
5.1 Risse in der Selbstverständlichkeit
5.2 Unstimmigkeiten: Von den zwei Heimaten bis zum „Was stimmt?“
5.3 Die transtraumatogene Bindungsstörung
6 … und viele andere Folgen
6.1 Geringes Selbstwertgefühl – trotz Erfolg
6.2 Leistung, Leistung, Leistung
6.3 „Unten bleiben“ oder „drüber weg“
6.4 Relativierung der eigenen Probleme
6.5 Riesenlast
6.6 Fokussieren und Vermeiden
6.7 Konfliktscheu
6.8 Aggressivität und Gewalttätigkeit
6.9 Abwertung
6.10 Scham- und Schuldgefühle
6.11 Parenting, Überforderung und „Retten wollen“
6.12 Kontrolle und Zwangsnormalität
6.13 Sich ausgeschlossen fühlen
6.14 Desorganisiert oder überorganisiert
6.15 Extreme Identifikationsfähigkeit
6.16 Zeitkollaps
6.17 Abgrund
6.18 Fürsorge und Solidarität
7 Anhaltspunkte in der Therapie: Was die Atmosphäre erzählt …
8 Wie helfen?
8.1 Essentials therapeutischer Arbeit mit transgenerativen Traumata
8.2 Praxisbeispiele
8.2.1 Der Todesstreifen
8.2.2 Schattenbewegung
8.2.3 Der volle Rucksack
8.2.4 „The next generation” und „The last generation”
8.2.5 Wie klingt Leere?
8.2.6 Wer aufgibt, versinkt!
8.2.7 Die schwarzen Kissen und das schwarze Loch
8.2.8 Der Stoff, aus dem die Trauer ist
8.2.9 Zwischen strotzender Kraft und maßloser Schwäche
8.2.10 Der Dreh
8.3 Nachklänge
Literatur
1 Von der Erschütterung und Neugier zum Forschungsprojekt
Ella D. – ihr Name ist wie alle anderen in diesem Buch verändert – zeigte alle Symptome eines Posttraumatischen Stresssyndroms. Sie wurde von Bildern sexueller Gewalt heimgesucht, sie begegnete sich und ihrer Welt mit hoher Anspannung und dauerhaft erhöhter Erregung, sie war ängstlich und wagte kaum, ihren eigenen Gefühlen zu lauschen, geschweige denn, sie zu zeigen, und vermied Situationen, vor und in denen sie Angst hatte oder das Aufkommen von Angst befürchtete. Während einer Verhaltenstherapie probierte sie zahlreiche Verhaltensänderungen aus, meisterte manche Alltagssituationen besser, scheiterte aber in der Bewältigung ihrer als existenziell erlebten inneren Ängste. Diese Ängste und die Anspannung blieben oder kehrten nach kurzer Zeit wieder zurück und hatten bedeutsame Auswirkungen auf ihr Leben. Innerhalb einer leiborientierten tiefenpsychologisch fundierten Therapie fand sie den für sie geeigneten Rahmen und Boden, ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstsicherheit zu entwickeln und zu erhöhen und ihre Grundspannung zu vermindern. Aber auch wenn es ihr besser ging: Die alten Bilder kamen immer wieder und die Ängste lauerten weiterhin zumindest unter der Oberfläche. Sie und ihre Therapeutin gingen gemeinsam auf die Suche, ob eine Erfahrung sexueller Gewalt vorlag, so offensichtlich waren die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung, also einer chronifizierten Folge einer traumatischen Erfahrung. Doch sie gingen mit ihrer Suche ins Leere, es fanden sich keine Hinweise auf eine biografische Quelle der Phänomene, unter denen Ella D. litt. Die Therapie stockte.
Die Klientin war Mitte der 1950er Jahre geboren worden. Dass der Vater als Jugendlicher am Ende des Zweiten Weltkriegs eingezogen wurde und als Flakhelfer aktiv war, hatte die Klientin erzählt, von der Biografie der Mutter allerdings kaum etwas. Die Therapeutin bat Ella D., ihre Mutter zu fragen, was sie im Krieg und in der Zeit danach erlebt hätte. In die nächste Therapiestunde kam Ella D. sehr aufgeregt und erzählte: „Meine Mutter war im Krieg ja ein junges Mädchen und hat sich vor allem auf dem Land bei Verwandten aufgehalten, so dass sie von den Bomben und so nichts mitbekommen hat. Dass ist das, was ich bisher als offizielle Version aus dem Leben meiner Mutter wusste, das ist das, was bei uns zu Hause erzählt wurde. Doch als ich jetzt meine Mutter fragte und sie ganz dringlich gebeten habe, mir von sich zu erzählen, wurde sie kreidebleich und erzählte mir irgendwann, nachdem ich noch ein paar Mal nachgefragt habe, dass sie 1946 vergewaltigt worden ist. Damals war sie 14 und ich glaube, das hat sie nie überwunden. Mit 19 ist sie dann noch einmal in eine Situation gekommen, wo sie kurz vor einer Vergewaltigung stand oder zumindest glaubte, dass es so wäre. Ich glaube, das steckt ihr noch in den Gliedern, und ich kann jetzt besser verstehen, warum sie immer so zurückhaltend war und so ängstlich.“
In der weiteren Therapie wurde deutlich, dass Ella D. den traumatischen Schrecken ihrer Mutter übernommen hatte, ihn sich „einverleibt“ hatte – obwohl oder gerade weil darüber nie gesprochen worden war. Sie hatte und lebte alle Symptome einer traumatischen Erfahrung, ohne diese Erfahrung zu haben, ihr Trauma war nicht ihr eigenes, selbst erlebtes, sondern ein transgeneratives, eines, das über die Generationen hinweg weitergegeben worden war.
Thomas S. kam wegen massiven Angststörungen in die Therapie. Er fand einige Quellen dieser Ängste in seiner Biografie. Dadurch veränderte sich seine Gefühlslandschaft, die nun weniger durch Angstgefühle geprägt war, und dadurch veränderten sich auch einige eingespielte Verhaltensmuster. Vieles wurde bearbeitet, Thomas S. malte sichere Orte und einen sicheren Rahmen und er malte seine Ängste: Eingesperrtsein, Dunkelheit, Enge. Er empfand es als hilfreich, die Botschaften des bildnerischen Ausdrucks zu verstehen. Die Ängste tauchten dennoch in seinen Träumen auf und verfolgten ihn tagsüber. In einem immer wiederkehrenden Albtraum war er eingesperrt, wollte schreien, konnte aber nicht.
Als der Therapeut ihn in einer Therapiestunde bat, seine zurückgehaltenen Schreie mit einem Musikinstrument auszudrücken, konnte er dies nicht. Das machte ihm zu viel Angst. Als der Therapeut ihn dann aber bat, für das Eingesperrtsein und die Enge einen musikalischen Ausdruck zu finden, wählte er eine große Pauke und schlug viele Minuten lang immer wieder auf diese Pauke. Der Klient hatte auf die Frage, was er gehört hätte, welche inneren Bilder in ihm entstanden seien, welche Erinnerungen in ihm ausgelöst worden seien, nur die Antwort:
„Ich weiß nicht. Ich versteh’s nicht. Ich bin vollkommen ratlos.“ Im Therapeuten waren beim Zuhören über die Klänge Bilder von Bombeneinschlägen entstanden und er fragte unvermittelt, sich auf seine Resonanz verlassend: „Wie alt waren Sie bei Kriegsende? Was machten Sie und Ihre Eltern damals?“
Thomas S. antwortete: „Oh, da war ich noch klein. Ich bin 41 geboren, da muss ich 45 gerade vier gewesen sein. Ich erinnere mich an nichts. Da muss ich mal fragen.“
Seine Eltern waren zum Zeitpunkt der Therapie bereits verstorben, aber er fragte eine Tante, die damals in der gleichen Wohnung mit seiner Familie zusammengelebt hatte. Sie erzählte ihm, dass die Familie, die damals im Ruhrgebiet gelebt hatte, oft nachts wegen Bombenalarm aus dem Bett gerissen worden war, um die Luftschutzkeller aufzusuchen. Er habe dann immer geschrien, was die anderen im Keller nicht aushalten konnten, so dass sie ihm den Mund zugehalten hätten. Er musste stillhalten, schweigen, die Angst und der Schrei blieben in ihm.
Dieses Erleben hatte sich in ihm festgesetzt und tauchte viele Jahrzehnte danach noch als Angst oder Schrecken auf, wurde und blieb lebendig. Er war eingesperrt im Bunker seiner Angst.
Der in den letzten Therapiestunden ein wenig stagnierend wirkende therapeutische Prozess von Thomas S. konnte sich nach dieser Phase des Erlebens und Erkennens seinem Ende zuneigen. Der verborgene Schrecken hatte aus dem Verborgenen heraustreten können. Er verlor so viel von seiner Kraft und Thomas S. konnte neue Wege der Bewältigung seiner Ängste finden. Als er und der Therapeut über die Beendigung der Therapie sprachen, sagte er: „Ich habe eine große Bitte: Kann mein Sohn zu Ihnen kommen? Er leidet unter Angststörungen. Mir hat man als Kind den Mund zugehalten, er ist Zahnarzt und sagt den Leuten immer: ‚Mund auf!‘ Auch wenn sich das fast witzig anhört: Ich habe große Sorgen um ihn, weil er ähnliche Ängste hat wie ich.“ Im therapeutischen Gespräch mit dem Sohn stellte sich heraus, dass auch hier die Ängste des Thomas S. über die Generationen hinweg weitergegeben worden waren. Thomas S. konnte nicht über die Quellen seiner Ängste reden, weil er diese verdrängt hatte und weil er sich an sie nicht mehr erinnerte. Nur noch die Ängste waren da, nicht mehr das, was sie ausgelöst hatte. Der Sohn wurde mit diesen Ängsten groß und übernahm sie unwillentlich und unbewusst, selbstverständlich. Als der Vater dem Sohn von seinen Kindheitserfahrungen erzählte, fand dieser nicht nur Erklärungen für seine Ängste, sondern auch dafür, warum er trotz einer pazifistischen Grundeinstellung jahrelang Bücher über den Zweiten Weltkrieg verschlungen und eine Zeitlang sogar Militaria gesammelt hatte. Als das Schweigen durchbrochen war, waren die Ängste nicht weg, verloren aber einen Teil ihrer Kraft. Anteile ungelebten Lebens bekamen so eine Chance, gelebt zu werden.
Solche und ähnliche Erfahrungen weckten unser Interesse. Wir lernten von unseren Klientinnen und Klienten, dass traumatische Erfahrungen offenbar an die nächste Generation weitergegeben wurden. Die Weitergabe erfolgte offenbar umso intensiver und umso nachhaltiger, je mehr darüber geschwiegen wurde. Oft wurde gar nicht darüber geredet, manchmal wurde über traumatische Ereignisse erzählt, aber emotional geschwiegen. Die Botschaften des Schweigens entfalteten über Atmosphären, Tabus und viele andere Aspekte, die wir in diesem Buch vorstellen, ihre Kraft in der nächsten Generation.
Das machte uns neugierig und wir gingen auf Entdeckungsreise – auch bei uns selbst, in unseren eigenen Biografien.
Wir begannen, Fachliteratur zu studieren, und sichteten Berichte und Analysen von transgenerativer Traumaweitergabe bei Kindern und Enkeln von Holocaust-Überlebenden. In Deutschland war die Literatur sehr spärlich (siehe Literaturverzeichnis), das Thema der Folgen des Zweiten Weltkrieges für die erste und auch für die nächste Generation war jahrzehntelang in der Forschung und Publizistik ebenso verdrängt worden, wie traumatische Ereignisse von den Betroffenen dissoziiert werden. In den letzten Jahren hat erfreulicherweise das Thema auch in anderen Publikationen seinen Platz gefunden, vor allem, was die Folgen kriegstraumatischer Erfahrungen für die nächste Generation anbetrifft (Kriegskinder, Kriegsenkel …). Die lesenswerten Bücher wie die von Sabine Bode oder Anne-Ev Ustorf beschränken sich dabei auf die Weitergabe von Kriegstraumata, während wir die transgenerative Weitergabe jeglicher Traumata, auch der aus sexueller Gewalt resultierenden, in den Blick nehmen. Diese Bücher wurden von Journalistinnen verfasst, die dankenswerterweise die Öffentlichkeit auf ein kaum beachtetes Thema aufmerksam machen wollten und wollen. Uns fehlten Untersuchungen aus therapeutischer Sicht, die für die therapeutische Praxis zu nutzen wären.
Also begannen wir 2007 ein Forschungsprojekt. Wir werteten Therapieprozesse aus und führten 15 narrative Interviews mit Söhnen und Töchtern traumatisierter Menschen durch. Die interviewten Menschen wurden zufällig gefunden. Narrative Interviews sind Interviews, in denen Menschen aus dem Stehgreif, also ohne Struktur und ohne Vorbereitung, lediglich angeregt durch eine offene Fragestellung und konkretisierende Nachfrage über ihr Leben erzählen. Über Aushänge und Aufforderungen auf Veranstaltungen meldeten sich Personen, die mit uns Neugier und Interesse an dem Thema teilten und sich interviewen ließen.
Wir merkten, dass die in dieser Forschungsarbeit gewonnenen Erkenntnisse unsere therapeutische Arbeit bereicherten, und begannen, auf Kompetenztagen und in Fortbildungen Zwischenergebnisse zu veröffentlichen. Zahl und vor allem Intensität der Rückmeldungen erstaunten uns. Viele Menschen fanden sich in den beschriebenen Themen und Erfahrungen wieder, viele Therapeutinnen und Therapeuten interessierten sich dafür. Wir begegneten Menschen, die als „Generation zwischen den Generationen“, wie es ein Mann ausdrückte, erschüttert waren beim Blick auf ihre Kinder, denen sie alles Glück dieser Welt gewünscht hatten und wünschen – und die dennoch das Empfinden haben, an der Teilhabe am „lebendigen Leben“ gehindert zu sein. Diesen Menschen eröffnete sich durch die Beschäftigung mit ihren eigenen transgenerativen Traumata und die Kraft, die Botschaften des Schweigens innewohnt, auch eine Tür zum Verständnis ihrer Kinder („Die doch eigentlich keinen Grund haben, sich zu beklagen, so gut, wie sie es hatten“).
Diese Menschen, diese Eltern, berichteten, dass ihnen diese Sicht darüber hinaus geholfen habe, ein wenig Orientierung im Dschungel diffuser Schuldgefühle zu finden. Sie wollten sich in die Pflicht nehmen, mit ihren Kindern, v.a. ihren erwachsenen Kindern, zu sprechen, sich ihnen zu öffnen, und Verantwortung dafür übernehmen, das Schweigen zu brechen.
Wir beschäftigen uns hier in diesem Buch mit der transgenerativen Traumaweitergabe generell. Es bezieht sich auf traumatische Erfahrungen jeder Art, ob im Krieg oder durch den Krieg, ob in der Familie oder durch den Terror in sozialen Beziehungen und beruflichem Umfeld, ob durch sexuelle Gewalt oder andere Ereignisse.
Die Prozesse sowohl des Traumaerlebens als auch der transgenerativen Traumaweitergabe sind trotz unterschiedlicher Traumaereignisse sehr ähnlich, deswegen werden wir sie nicht gesondert behandeln oder unterscheiden und schon gar nicht gewichten. Die Differenzierungen je nach individueller Persönlichkeit und Verarbeitungsstrategien sind größer und weitaus bedeutsamer als mögliche Differenzierungen nach unterschiedlichen Traumaereignissen.
Hier stellen wir nun die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes vor. Es begann mit unserer Erschütterung über das Ausmaß an Leiden, das das Schweigen, das Verschweigen des Erlebens traumatischer Ereignisse in der nächsten Generation schafft, so wie wir es in unserer therapeutischen Praxis – zunächst vereinzelt – erfuhren. Als sich die Hinweise häuften, dass der transgenerative Aspekt der Traumaweitergabe und des Traumaerlebens für viele Menschen, die in der Therapie Hilfe suchen, von Bedeutung sein könnte, folgten wir mit Interesse und beteiligter Neugier diesen Spuren.
Das Buch wendet sich vor allem an Therapeut/innen und andere Fachkräfte, die professionell mit Menschen arbeiten. Um für möglichst viele Fachleute einen größtmöglichen praktischen Nutzen zu erzielen, haben wir auf die Darlegung der wissenschaftlichen Methodik ebenso verzichtet wie auf ausführliche Zitate und Veröffentlichungshinweise im Text (dafür verweisen wir auf unsere Literaturliste). Die Interviews haben wir nummeriert, sie werden im Text als I 1, I 2 usw. gekennzeichnet. In Absprache mit den Interviewten haben wir manche Passagen leicht der Schriftsprache angeglichen. Es ist uns ein Anliegen, die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes in einer gut lesbaren und verständlichen Sprache zu präsentieren. Die Forschung soll der Praxis dienen und damit Therapeutinnen und Therapeuten Anregungen geben, die Hilfsmöglichkeiten für Klientinnen und Klienten zu erweitern.
Wenn dieses Buch auch außerhalb therapeutischer Fachkreise seine interessierte Leserschaft finden würde, wäre das eine besondere Freude für uns.
Wer sich mit der Weitergabe traumatischer Erfahrungen beschäftigt, kommt leicht in Versuchung, die traumatischen Erfahrungen der ersten Generation auszubreiten. Dies ist in gewissem Maße notwendig, um zu verstehen, welche traumatischen Ereignisse welches Traumaerleben zur Folge haben, wie dies nachwirkt und wie dies in die Erlebenswelten der nächsten Generation hinübergreifen kann. Und damit Therapeutinnen und Therapeuten die transgenerative Weitergabe traumatischen Geschehens überhaupt in Erwägung ziehen, müssen sie über einige Kenntnisse der Verbreitung und Qualität traumatischer Erfahrungen der ersten Generation verfügen. Wir wollen aber die Informationen über die Erfahrungen der ersten traumatisierten Generation, deren Erlebensfolgen an die zweite Generation weitergegeben werden, möglichst knapp halten, um ein Eintauchen der Leserinnen und Leser in allzu viele Erschütterungen zu vermeiden.
Wenn wir in diesem Werk von „zweiter Generation“ sprechen, so sind damit die Menschen gemeint, die an den Folgen nicht unmittelbar selbst erlebter Traumata leiden. Wir meinen die Menschen, die die verschwiegenen, emotional verdrängten oder dissoziierten Traumata der vorherigen Generation übernommen haben. Die Zuordnung zur zweiten Generation sagt also nichts über das Alter der Betroffenen und Betreffenden aus (sie können ebenso 12 wie 60 Jahre alt sein oder jedes andere Alter haben). Die Kategorien „erste“ und „zweite“ Generation haben keine historische, sondern eine subjektive Dimension. Die Angehörigen der zweiten Generation sind diejenigen, aus deren Sicht und individueller Lebensgeschichte heraus wir die Generation definieren. Sie sind in diesem Forschungszusammenhang im Rahmen dieses Forschungsprojekts die Klientinnen und Klienten, mit denen wir therapeutisch arbeiten und die wir interviewt haben.
Auch wenn wir in diesem Buch die Begriffe „erste“ und „zweite“ Generation unhistorisch benutzen, hat die transgenerative Traumaweitergabe doch eine historische und gesellschaftliche Dimension. Die Beschäftigung mit diesem Thema ist nicht nur für Klient/innen und Patient/innen sinnvoll, sondern hat auch gesellschaftliche Bedeutung. Deutschland und Österreich waren nach 1945 traumatisierte Gesellschaften. Zwei von drei Menschen der Kriegsgenerationen erlebten in diesen Jahren traumatisierende Erfahrungen, die Hälfte von ihnen mehrmals. Dies auch als Kinder, ja Kleinkinder, dies sowohl als unmittelbar Betroffene als auch als Zeugen, was genauso traumatisieren kann, wie wenn man unmittelbar Opfer wurde. Und 1945 waren die traumatischen Ereignisse nicht vorbei. Vertreibungen, Vergewaltigungen und Flucht gingen weiter bis 1947/48. Viele Kriegsgefangene kamen erst Anfang der 1950er Jahre zurück.
Der Hungerwinter 1946/47 wirkte auf viele Kinder und Erwachsene ebenfalls traumatisch. Hinzu kamen in den Folgejahren die Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR, die auch oft traumatische Erfahrungen hinter sich bringen mussten. Zählt man die zahlreichen zusätzlichen Erfahrungen sexueller und anderer Gewalt hinzu, kann man für die folgenden Jahrzehnte von einer großen Mehrheit der Bevölkerung ausgehen, die traumatische Erfahrungen durchlebt hat.
Wir möchten an dieser Stelle auf das Buch „Wo geht’s denn hier nach Königsberg?“ verweisen, das die Traumata und Leiden der Kriegsgeneration und deren Folgen beschreibt.
Wenn mehrere Generationen in einem Haushalt zusammenlebten, was in den 1950er und 1960er Jahren noch häufig der Fall war, ballte sich das Schweigen der Väter und Mütter, Omas und Opas, Onkel und Tanten manchmal in einer Konzentration zusammen, die heute nur noch schwer vorstellbar sein mag.
Diese Atmosphäre und die Verbreitung traumatischer Erfahrungen hatten individuelle Auswirkungen ebenso wie gesellschaftliche. Das gesellschaftliche Schweigen unterstützte das individuelle und umgekehrt: Das individuelle Schweigen über die traumatischen Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle wurde zu einem gesellschaftlichen.
Wir wissen, dass die meisten Opfer traumatischer Erfahrungen schweigen. Also können wir annehmen, dass die Mehrheit der heutigen Bevölkerung aufgrund dieser historischen Konstellation des Zusammentreffens „alltäglicher“ Traumata und Kriegstraumata von einer transgenerativen Traumaweitergabe betroffen ist. Somit auch die Mehrheit der Klient/innen. Das macht die Beschäftigung mit diesem Thema therapeutisch wie gesellschaftlich bedeutsam.
Wir werden uns am Anfang dieses Buches mit einigen „Basics“ beschäftigen. Wer über die transgenerative Weitergabe etwas lernen möchte, muss wissen, was ein Trauma ist, muss zwischen Traumaereignis und Traumaerleben unterscheiden können und einiges mehr. Dies ist das Thema des zweiten Kapitels. Im dritten Kapitel werden wir uns dann damit auseinandersetzen, wie und warum viele Angehörige der zweiten Generation ähnliche Symptome wie traumatisierte Menschen der ersten Generation haben.
Im daran anschließenden Kapitel stellen wir das wichtigste Ergebnis unserer Untersuchungen vor: die vier Leeren – Leiden, ohne zu wissen, warum. In den Abschnitten danach folgen Darstellungen der Auswirkungen transgenerativer Traumaweitergabe auf die Entwicklung der Identität und der Bindungsfähigkeit, schließlich Beschreibungen vielfältiger weiterer Erscheinungsformen, wie traumatische Erfahrungen an die nächste Generation weitergegeben werden und wie sie sich bei Angehörigen der zweiten Generation zeigen.
Schließlich erzählen wir davon, welche Hinweise und Indikationen es in der Therapie nach unseren Erfahrungen geben kann, die darauf hindeuten, dass eine transgenerative Traumaweitergabe die Symptome, unter denen Patient/innen und Klient/innen leiden, beeinflussen. Und dann, last not least, folgt das Kapitel: Was hilft?
Auf keinen Fall wollen wir hier den Eindruck erwecken, als sei die transgenerative Weitergabe von Traumata die einzig zentrale Quelle von Leiden generell. Sie ist ein, allerdings oft entscheidender Aspekt von tiefem Leid, der sich häufig den traumatischen Erfahrungen unserer Klienten und Klientinnen, den Erfahrungen von Ohnmacht und Gewalt in all ihren Ausprägungen, hinzugesellt. Wir wollen auch nicht den Eindruck erwecken, dass es nicht auch das Gegenteil des Schweigens gibt, z.B. das Überschütten kleiner Kinder mit grausamen Kriegserinnerungen und Erfahrungen sexueller Gewalt, die dadurch überfordert und belastet werden. Doch um diesen Aspekt geht es in diesem Buch nicht, wir stellen ihn beiseite, um uns ganz dem Schweigen und seinen Auswirkungen zu widmen.
Und noch ein Hinweis: Wir beschäftigen uns in diesem Buch ausschließlich mit der transgenerativen Weitergabe von Opfer-Erfahrungen. Auch Täter und Täterinnen schweigen und auch dies hat Auswirkungen auf die nächste Generation. Wir beschränken uns in diesem Buch darauf, wie Opfer traumatischer Erfahrungen diese unbewusst weitergeben, welche Auswirkungen dies hat und was dagegen hilft. Den Täteraspekt zu untersuchen und darzustellen, hätte den Rahmen unseres Forschungsprojektes, unserer Kraft und dieses Buches gesprengt.
Wir hoffen, Sie mit diesem Buch neugierig auf das Thema zu machen, neugierig darauf, gemeinsam mit Ihren Klient/innen und Patient/innen auf die Suche zu gehen.
2 Was Therapeut/innen über Traumata wissen müssen
Trauma heißt Wunde. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und wurde ursprünglich in der Medizin als Begriff für schwere körperliche Verletzungen mit schockartigen Folgen eingeführt. In der Psychologie und Psychotherapie wurde die Bezeichnung schließlich auf schwere seelische Verletzungen erweitert.
Um zu verstehen, wie Traumata in die nächste Generation weitergegeben werden, müssen wir wissen, was ein Trauma ist und welche Folgen es haben kann.
Wir wollen die Grundlagen, die für ein Traumaverständnis notwendig sind, hier vorstellen und verweisen auf ausführliche Darstellungen in der Literatur, z.B. Herman 1994/2007, Fischer/Riedesser 2004, Frick-Baer 2009. Dabei ist uns wichtig, unser Traumaverständnis möglichst klar zu definieren. Es gibt gelegentlich Tendenzen, den Traumabegriff inflationär zu benutzen und auf jedes belastende Ereignis anzuwenden. Daran wollen wir uns nicht beteiligen, weil damit der Traumabegriff seinen Wert in Diagnostik und Therapie verliert bzw. zumindest verlieren kann. In diesem Buch geht es nicht darum, was Eltern oder Elternteile allgemein an Belastungen, Kränkungen oder Störungen an ihre Kinder weitergeben, sondern um einen Teil davon, einen bestimmten Aspekt, nämlich das Trauma und dessen transgenerative Weitergabe.
Begrifflich hat es sich dabei für uns als sinnvoll herausgestellt, verschiedene Aspekte zu unterscheiden, die in der Sammelbezeichnung „Trauma“ enthalten sind. Diese sind:
» das Traumaereignis,
» das Traumaerleben, also die Art und Weise, wie ein Mensch sich und seine Welt vor, während und unmittelbar nach dem Traumaereignis erlebt,
» die Traumabewältigung, also die Art und Weise, wie der Mensch kurz- und langfristig sein Traumaerleben bewältigt,
» die Traumafolgen, also die Folgen des Traumaerlebens und der Traumabewältigung.
Betrachten wir diese vier Aspekte genauer.
Jedes Trauma beginnt mit einem Traumaereignis. Traumaereignisse können sehr unterschiedlich sein. Menschen kämpfen als Soldaten im Krieg oder werden als Zivilisten bombardiert, andere werden überfallen, ausgeraubt oder vergewaltigt. Kinder und Jugendliche werden sexuell missbraucht, andere erleben einen Tsunami, ein Erdbeben oder einen Verkehrsunfall. Ein Lokführer überfährt einen Selbstmörder mit seinem Zug, ein anderer sieht zu, wie ein Mensch ertrinkt, ohne dass er helfen kann. So unterschiedlich die Ereignisse sein können, die ein Trauma hervorrufen, so ist ihnen doch gemeinsam, dass die beteiligten Menschen sich durch dieses Ereignis existenziell bedroht und erschüttert fühlen. Das Ereignis macht noch kein Trauma aus, sondern die Qualität des Erlebens eines Ereignisses. Traumaereignisse sind Ereignisse, die Menschen als existenziell bedrohlich erleben und durch die sie in ihren Grundfesten erschüttert werden.
Zum Traumaereignis gehört allerdings auch die Zeit unmittelbar danach – nach der Vergewaltigung, nach dem Unfall, nach dem Unglück. Wir haben in unseren Therapien immer wieder erfahren, dass die „Zeit danach“ zum Traumaereignis hinzuzuzählen ist. Zur Zeit laufende Studien haben dies bestätigt (Frick-Baer i.V.). Die Art und Weise, wie der Beteiligte an einem schweren Verkehrsunfall unmittelbar danach behandelt wird, kann das Erleben abmildern oder vertiefen. Ob ein Kind nach der Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs beschämt, beschuldigt oder im Folgenden allein gelassen wird oder ob es Halt, Parteilichkeit und Trost erfährt, bestimmt das Erleben und die Bewältigungsmöglichkeit des Traumas im wesentlichen Maße. Uns ist deshalb wichtig, die Zeit „unmittelbar danach“ zum Traumaereignis zu zählen und entsprechend in Therapie und Begleitung zu würdigen.
Schon bei der Beschreibung des Traumaereignisses haben wir das Traumaerleben erwähnt. Die Art und Weise, wie ein Mensch sich und das traumatische Ereignis erlebt, muss mit einbezogen werden, um ein Ereignis als ein Traumaereignis zu identifizieren. Jede traumatische Erfahrung wird als Ohnmachtsgefühl erlebt. Die Betroffenen sind anderen Menschen, dem Krieg, der Gewalt, der Natur usw. ausgeliefert. Dies erschüttert bei vielen Menschen die Gewissheit, wirksam zu sein, und beeinträchtigt damit oft das Selbstwertgefühl. Dies erschüttert auch die Illusion unserer Unverletzlichkeit, der wir Menschen uns im Alltag so gerne hingeben. Bei den meisten traumatischen Erfahrungen werden die Schutzgrenzen, die die Intimität und Persönlichkeit bewahren, durchbrochen, insbesondere bei sexueller Gewalt. Zumeist ist zudem eine traumatische Erfahrung ein Beziehungserleben. Bei Überfällen, sexueller Gewalt etwa sind andere Menschen unmittelbar beteiligt, ebenso bei Kriegserfahrungen, Flucht, Vertreibung usw. Auch bei Verkehrsunfällen und Naturkatastrophen gibt es immer andere Opfer und sind andere Menschen „in der Zeit danach“ Teil der traumatischen Erfahrung, helfen und vermindern oder vergrößern die Not.
All diese Aspekte führen dazu, dass wir sagen: Ein Trauma ist in erster Linie ein Erlebensprozess und ein Beziehungsprozess.
Für den erlebenden Menschen hat die phänomenologische Philosophie den Begriff „Leib“ geprägt. Leib stammt aus dem indogermanischen „lib“ und bedeutet „lebendig“. Mit „Leib“ bezeichnen wir den sich und seine Welt erlebenden Menschen. (Deswegen bezeichnen wir auch unseren therapeutischen Ansatz als „Kreative Leibtherapie“ bzw. hier als „Leiborientierte Kreative Traumatherapie“. Doch dazu später.)
Das Trauma ist also ein leiblicher Prozess. Dieser Erlebensprozess vollzieht sich auch als biologisch-neuronaler Prozess im Gehirn. Im Gehirn ist ein Mechanismus eingebaut, der das Überleben der Menschen in existenziell bedrohlichen Situationen sichern soll. Ein bestimmtes neuronales Teilsystem, die Amygdala, überprüft alle im Gehirn eingehenden Informationen daraufhin, ob sie potenziell bedrohlich sein können. Früher konnte dies das Brüllen eines Säbelzahntigers sein, heute sind es die vielfältigen anderen Elemente der erwähnten Traumaereignisse. Wird eine Information als Anzeichen für eine möglicherweise existenziell bedrohliche Situation eingestuft, tritt ein Notfallprogramm in Gang. Dies betrifft den gesamten Körper vom Denken bis zum Blutdruck. Im vegetativen Nervensystem wird ein Alarm-Stress-Modus aktiviert, um gegen den Säbelzahntiger zu kämpfen oder vor ihm zu fliehen.
Doch bei den meisten traumatischen Ereignissen gibt es kaum Möglichkeiten, zu kämpfen oder zu fliehen, das traumatische Erleben eint das Merkmal der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Deswegen bleiben viele Opfer traumatischer Erfahrungen in der Ohnmacht erstarrt und die Hochspannung und Hocherregung kann sich nicht oder nicht vollständig abbauen.
Diese Reaktionen und damit ein traumatisches Erleben erleiden Menschen auch dann, wenn sie nicht unmittelbar betroffen, sondern nur mittelbar Zeugen eines Ereignisses sind. Wer bei einer Vergewaltigung, einem Unfall oder einem anderen traumatischen Ereignis zusieht, besonders als Kind, das die Tatsache und seine Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit noch nicht einzuordnen weiß, kann genauso traumatisiert sein wie die unmittelbar Beteiligten.
Zu dieser biologisch-neuronalen Notfallreaktion gehört auch, dass die Teile des Gehirns, die für die kognitive Verarbeitung und Erinnerung des existenziell bedrohlichen Ereignisses zuständig sind, in einen Sparmodus gehen. Sie werden nicht gebraucht, um unmittelbar gegen den Säbelzahntiger zu kämpfen oder vor ihm zu fliehen, deswegen werden sie als zweitrangig behandelt. Dies führt dazu, dass die kognitiven Erinnerungen an traumatische Ereignisse oft lückenhaft, manchmal sogar gar nicht vorhanden sind, während der leibliche Modus des Erinnerns, das Leibgedächtnis, weiter die Erinnerung an das traumatische Ereignis aufrechterhält. „Ist die Erinnerung an die traumatische Situation verloren oder fragmentiert, so repräsentieren traumatische Reaktionen bzw. Prozesse diese Erfahrung als implizite Erinnerung, auf der Ebene des Körpergedächtnisses.“ (Fischer/Riedesser 2004, S.119)
Wir ziehen aus der Analyse des Traumas als Erlebensprozess die Konsequenz, dass auch Hilfen bei der Traumabewältigung sich nicht auf rein verbale und kognitive Interventionen beschränken dürfen, sondern leibliche Prozesse, die auch das Leibgedächtnis ansprechen und verändern helfen, beinhalten müssen. Doch dazu ebenfalls später.
Wird das Erleben eines Traumas unaushaltbar, können Menschen im Interesse ihres psychischen Überlebens dieses Ereignis oder manche Aspekte dieses Erlebens dissoziieren. Eine Dissoziation ist mehr als ein Vergessen, sie ist ein weitgehendes Auslöschen von Erinnerungen und damit verbundenen Erlebensqualitäten, an deren Stelle eine Leere tritt. Doch nicht alles ist „verschwunden“: Die Leerstelle ist spürbar und es gibt häufig Phänomene, die auf das Traumaereignis hinweisen, aber von den Betroffenen mit dem Dissoziierten nicht in Verbindung gebracht werden. Für den Romanhelden Austerlitz in W. G. Sebalds gleichnamigem Roman war der Verlust seiner Eltern und seiner Heimat ein traumatisches Ereignis. Seine Eltern hatten ihn als jüdischen Jungen 1937 im Rahmen eines Hilfsprogramms nach England geschickt, damit er dort vor den Nazis in Sicherheit sei.
Diese Erfahrung hatte der Junge dissoziiert, doch wie es in jeder Dunkelheit einen kleinen Lichtspalt geben kann, so gab es auch hier Phänomene, die die innere Verbindung zu diesem traumatischen Ereignis aufrecht erhielten. Austerlitz verband den Schrecken seines Heimat- und Elternverlustes unbewusst mit dem Bahnhof, auf dem er in England eintraf. Auch an diesen Schrecken erinnerte er sich nicht mehr, aber er studierte Zeit seines Lebens Bahnhöfe, war fasziniert von deren Architektur usw.
Zum Traumabegriff gehört auch der Aspekt der Traumabewältigung. Manche Menschen, die einen Unfall erlebt haben, sind davon erschüttert, steigen aber wieder ins Auto und bewältigen allmählich den Schrecken des Ereignisses. Andere können nie wieder mit einem Auto fahren und leiden jahre- oder jahrzehntelang unter den Folgen. Das Gleiche gilt für Lokomotivführer, die mit ihrem Zug einen Menschen überfahren haben. Auch wenn ihr Verstand sagt, dass sie nichts dafür konnten, ja dass die Opfer sterben wollten, so können viele von ihnen nie wieder einen Zug besteigen und schrecken jahrzehntelang nachts mit Bildern dieses Ereignisses aus dem Schlaf auf. Andere können das gleiche Ereignis aus welchen Gründen auch immer in relativ kurzer Zeit verarbeiten und ihrem Beruf weiter nachgehen. Ob ein Traumaereignis zu einem Trauma mit nachhaltigen Folgen wird, hängt also nicht nur davon ab, wie es erlebt wird, sondern auch davon, wie die Bewältigungsmöglichkeiten sind. „Wie die verschiedenen somatischen Systeme des Menschen in ihrer Widerstandskraft überfordert werden können, so kann auch das seelische System durch punktuelle oder dauerhafte Belastungen in seinen Bewältigungsmöglichkeiten überfordert und schließlich traumatisiert/verletzt werden.“ (Fischer/Riedesser 1999, S.19)
Ein Trauma beinhaltet folglich immer auch die Diskrepanz zwischen dem Erleben eines traumatischen Ereignisses und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten. Wie groß diese Diskrepanz ist, hängt zum einen von der Schwere und der Dauer der existenziellen Bedrohung durch das traumatische Ereignis ab. Bei bestimmten Qualen, wie Folter oder sequenzielle, sich häufig wiederholende sexuelle Gewalt, reichen keine menschlich vorstellbaren Bewältigungsmöglichkeiten aus, um anhaltende Schädigungen zu vermeiden. Die Art und Weise der Traumabewältigung hängt zum anderen auch von der „Zeit danach“ ab, davon, ob Menschen Schutz, Trost und Verständnis finden oder ob sie allein gelassen oder gar beschuldigt werden und im Schweigen erstarren (müssen). Auch das Befinden vor dem traumatischen Ereignis ist wichtig.
Jemand, dessen Identität geschwächt und brüchig ist, der von Selbstzweifeln angefüllt ist und sich einsam und unbeachtet erlebt, wird wahrscheinlich nach einem traumatischen Ereignis weniger heilungsfördernde Bewältigungsstrategien zur Verfügung haben (können) als ein Mensch, der sich in seiner Identität als gefestigt und in sozialen Beziehungen aufgehoben fühlt.
Und schließlich gehören zum Traumabegriff auch die Traumafolgen. Einige dieser Folgen haben wir schon erwähnt, vor allem die Erschütterungen von Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl. Wer in seinem Beziehungsvertrauen z. B. durch eine Gewalterfahrung tief verletzt wurde, wird in Zukunft zumeist misstrauischer an neue Beziehungen herangehen als jemand, der diese Erfahrungen nicht gemacht hat. Wenn einem Menschen eine traumatische Erfahrung widerfahren ist, wird das Leibgedächtnis über den beschriebenen neuro-biologischen Alarmprozess besonders geschärft, um alle Anzeichen für eine mögliche Wiederholung dieses existenziell bedrohlichen Ereignisses zu erkennen. Wer als Kind Bombardierungen erlebt hat, wird auch im hohen Alter zusammenschrecken, wenn er das Grollen eines Gewitterdonners hört. Die Amygdala aktiviert über das Leibgedächtnis alle Warnsignale. Solche Auslöser für ein traumatisches Wiedererleben werden „Trigger“ genannt.
Manche langfristigen Auswirkungen eines Traumas können sich verfestigen und die Betroffenen Jahre und jahrzehntelang begleiten. Bei einer bestimmten Kombination solcher Symptome gibt es den diagnostischen Begriff des „Posttraumatischen Stresssyndroms“. Mit ihm werden wir uns im nächsten Kapitel beschäftigen und der Frage nachgehen, ob und wie einzelne oder mehrere Symptome eines Posttraumatischen Stresssyndroms oder anderer Traumafolgen der ersten Generation sich auch bei der zweiten Generation zeigen können.
3 Die erste und die zweite Generation: Gemeinsamkeiten
3.1 Das Leiden und das Posttraumatische Stresssyndrom
Das Posttraumatische Stresssyndrom beschreibt ein gleichzeitiges Eintreffen mehrerer Symptome, die sich bei zahlreichen Menschen, die traumatische Erfahrungen erlitten haben, verfestigen und unter denen sie leiden. Das Leiden, eine subjektive und individuelle Kategorie, ist ein wesentlicher Aspekt. Man hat bei größeren Untersuchungen mit Kindern von Holocaust-Überlebenden festgestellt, dass nicht alle unter den Folgen des Holocaust, nicht alle unter den dramatischen Erfahrungen ihrer Eltern leiden, sondern dass es zwei Gruppen gibt. Eine Gruppe bezeichnet sich als halbwegs stabil und normal, eine andere zeigt pathologische Folgen und leidet sehr stark. Das bedeutet, dass die Untersuchungen und Beschreibungen einzelner Betroffener, meist Therapiepatient/innen, nicht unbedingt für alle zu verallgemeinern sind. Wenn wir hier davon reden, dass Menschen unter traumatischen Erfahrungen gelitten und diese an die nächste Generation weitergegeben haben, dann meinen wir die Menschen, die unter diesen traumatischen Erfahrungen leiden und dies in der Regel langfristig. Das sind nach dem Ergebnis der oben erwähnten Befragungen nicht 100 Prozent der Betroffenen.
Wir wissen aber, dass es noch eine dritte Gruppe gibt: Die Gruppe derjenigen, bei denen die Frage, ob sie leiden oder nicht, nicht eindeutig zu beantworten ist. Dazu zählen die Menschen, bei denen äußerlich alles normal scheint, in denen aber innerlich „eine Hölle“ tobt, wie eine Klientin in der vertrauensvollen Atmosphäre der therapeutischen Situation sagte. Sie würden nie in einem Interview oder in einem Fragebogen diese Diskrepanz zwischen innen und außen zugeben – da ist die Scham zu groß.
Bei unseren Befragungen waren zwei Menschen dabei, die von traumatischen Erfahrungen ihrer Eltern bzw. eines Elternteils erzählten und berichteten, dass sie diese gut verarbeitet hätten und auf keinen Fall unter den Folgen leiden würden. Wir beendeten infolgedessen das Interview zu diesem Thema und fragten gleichsam als Ausklang, ob es sonst Erzählenswertes aus ihrem Leben gäbe. Eine der Befragten (I 14), deren Mutter sexuelle Gewalt erfahren hatte, arbeitete in einer Einrichtung der Jugendhilfe in einem sozialen Brennpunkt mit jugendlichen Opfern sexueller Gewalt. Sie hatte mindestens zwei Episoden schwerer Essstörungen hinter sich, brachte dies aber nicht mit einer möglichen transgenerativen Traumaweitergabe in Verbindung. Dies muss auch nicht miteinander in Verbindung stehen, es ist aber möglich, dass Menschen unter Folgen der Traumaweitergabe leiden, die sie nicht mit dem Trauma eines Elternteils in Verbindung bringen können oder wollen.
Im zweiten Interview (I 4) war die Situation ähnlich. Der Befragte litt an „depressiven Phasen“, wie er es nannte, in denen er voller Ängste war und sich aus allen sozialen Kontakten zurückzog. Seine mittlerweile hochbetagten Eltern hatten offensichtlich ihre Kriegserfahrungen mit affektiven Störungen zu bewältigen versucht, in denen sich Phasen depressiven Rückzugs mit Abschnitten eines manieähnlichen Workaholismus abwechselten. Später kam bei den Eltern Alkoholismus dazu, so dass die Last, die der Sohn zu tragen hatte, sehr massiv und vielfältig war. Er beschrieb sich selbst als „innerlich leer“, was, wie wir sehen werden, zumindest die Vermutung eines Aspektes transgenerativer Traumaweitergabe nahelegt.
Doch zurück zum Posttraumatischen Stresssyndrom. In diesem PTSD sind vor allem vier hauptsächliche Symptome beschrieben, die einer genaueren Betrachtung wert sind. Es handelt sich um Flashbacks, Erregung, Vermeidungsverhalten sowie emotionale Abflachung und Ängstlichkeit. Nur die wenigsten traumatisierten Menschen leiden unter all diesen vier Aspekten gleichzeitig, bei manchen fehlen ein oder zwei, andere wie Scham kommen hinzu. Die langfristigen Auswirkungen traumatischer Erfahrungen sind so unterschiedlich, wie die Persönlichkeit und die Lebensumstände der Betroffenen. Doch diese vier Symptome sind Phänomene, die wir bei vielen traumatisierten Menschen antreffen und ebenso auch häufig bei Menschen der nächsten Generation.
3.2 Flashbacks
Eine Frau geht auf eine Geburtstagsparty. Als sie den Raum betritt, blickt ein Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers auf und schaut sie abschätzend an. Sie erstarrt, beginnt zu schwitzen und verlässt fluchtartig den Raum.
Diese Frau hat sexuelle Gewalt erfahren. In dieser Situation auf der Geburtstagsparty erlebt sie ein Flashback, das innere Bild einer Szene flammt wie ein Blitzlicht auf („flash“) und sie spürt sich wie in der traumatischen Situation, die schon jahrelang zurück („back“) liegt. Sie erinnert sich nicht an diese Situation, sondern erlebt sie. Manchmal gehört das Erinnern zu den Flashbacks hinzu, oft aber merken die Menschen in den Flashbacks nicht, was mit ihnen geschieht, und wissen nicht, dass dies mit dem traumatischen Ereignis zusammenhängt. Flashbacks wie diese haben oft einen Auslöser, einen Trigger. Hier war es der abschätzende Blick des Mannes auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers.
Solche Flashbacks sind eine verbreitete Erscheinungsform des Posttraumatischen Stresssyndroms und bei vielen Opfern traumatischer Ereignisse anzutreffen. In unseren Interviews haben wir gehört, dass mehr als die Hälfte der Befragten ebenfalls unter Flashbacks litt.
Ein Mann erzählt: „Irgendwie war ich mein ganzes Leben lang ruhelos, immer auf dem Sprung. Immer, wenn ich mal etwas länger an einem Ort war, und das war ziemlich selten, weil ich geschäftlich ziemlich viel unterwegs sein musste … Ich habe dann immer Bilder vor mir gehabt, dass ich mit der Eisenbahn fort muss. Nie mit dem Auto. Und das war dann so dringend, dass es ganz schnell gehen musste. Von null auf gleich … Na ja, ich habe so wieder Hummeln unterm Hintern bekommen, wie man so sagt, und musste weiter. Mit meinen Beziehungen war es auch so. Nichts hielt lange. Ich weiß auch nicht. Irgendwie war ich ein Wandergesell, aber kein fröhlicher. Bin ich eigentlich immer noch.“ (I 3)
Der Mann war ohne Vater aufgewachsen. Seine Mutter, damals ein junges Mädchen, war aus dem östlichen Brandenburg vor der vorrückenden russischen Armee geflohen. Ihre Familie versteckte sich westlich von Berlin. Nach der Kapitulation des Hitler-Regimes kehrte die Familie im Herbst 1945 wieder in die Heimat im östlichen Brandenburg zurück, in dem Glauben, das Schlimmste sei überstanden. 1947 wurde die Familie vertrieben.
Sie wurden nachts geweckt, hatten eine halbe Stunde Zeit, das Nötigste einzupacken, und mussten sich dann an der Bahnstation des Ortes sammeln. Anschließend wurden sie in offenen Viehwaggons in die damalige sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR, gebracht. Die Mutter ließ sich in einer Kleinstadt in Thüringen nieder, heiratete, bekam einen Sohn und verließ diese Kleinstadt nie wieder, auch nicht, nachdem ihre Ehe scheiterte. Sie hatte genug Ortswechsel hinter sich gebracht und hielt nun an der neu gewonnenen Heimat fest.
Doch der Sohn übernahm von ihr die innere Ruhelosigkeit und blieb in seinem Erleben immer wieder auf der Flucht, ein „Wandergesell“.
Eine andere Frau erzählte, dass sie bei Dunkelheit Angstanfälle bekomme.
„Wenn es dunkel ist, das halte ich nicht aus. Ich kann immer nur bei Licht schlafen, wenigstens ein kleines Licht muss an sein. Und ich muss wissen, wo die Tür ist, und ich muss sicher wissen, dass die Tür auf ist, so dass ich jederzeit raus kann. Sonst geht das nicht. Sonst dreh ich durch. Als ich vor vier Jahren im Urlaub war, da gab es … einen Stromausfall und dann bin ich durchgeknallt. Es war so dunkel und das auch so überraschend und ich wusste nicht, was los ist, und da habe ich so hyperventiliert, dass die den Notarzt geholt haben.“ (I 7)
Die Frau wurde erst nach dem Krieg geboren, doch ihre sechs Jahre ältere Schwester und ihre Mutter waren bei einem Bombenangriff verschüttet worden. Die Schwester war gestorben, die Mutter ausgegraben worden, sie hatte überlebt, da sie aus einem Hohlraum Luft bekommen hatte. Danach hatte sie zwei Selbstmordversuche unternommen und überlebt, sich dann wieder stabilisiert, nachdem ihr Mann aus der Kriegsgefangenschaft gekommen und jenes Kind geboren worden war, das als erwachsene Frau obiges Interview gab.
Über den Bombenangriff sprach die Mutter nie. Als die Tochter erwachsen war, erfuhr sie vom Vater, dass sie eine Schwester gehabt hatte und was geschehen war.
Ohne zu wissen, warum, durchlebte sie Flashbacks des traumatischen Ereignisses der Mutter. Dunkelheit und mögliches Eingesperrtsein waren die Trigger, die massive Ängste auslösten. In einer Therapie reduzierten sich die Ängste, konnten ihre lebensbestimmende Kraft aber erst verlieren, als der transgenerative Zusammenhang aus dem Dunkeln gehoben werden konnte.
Bei beiden Beispielen leiden die Menschen unter Flashbacks, ohne zu wissen, warum. Sie erinnern sich leiblich an Situationen, die sie nicht selbst erlebt haben. Der Schrecken dieser Situationen wird in ihnen lebendig.
Auch bei der Forschung über transgenerative Traumaweitergabe bei Kindern von Holocaust-Opfern wurde dieses Phänomen des Flashbacks festgestellt.
„Diese Bilder (…) dringen auf erstickende Weise in mich ein. Wie zum Beispiel morgens mit all den Autos und Abgasen, dann denke ich: ‚Nicht atmen‘, und ich denke mir, dass sie so die Menschen vergasen würden, indem sie die Auspuffe in die Lastwagen voller Gefangener umleiten. Meine Mutter ist beinahe vergast worden, müssen Sie wissen. Sie haben sie in Duschen geschleppt, aber herausgefunden, dass sie nicht genug Zyklon B hatten. Sie haben also versagt (…), ich denke 20 Mal am Tag daran, 100 Mal am Tag.“ (Gottschalk 2000, zit. n. Kellermann 2008, S. 57)
Hier sind die Abgase der Autos der Trigger und die Tochter erlebt täglich das Holocaust-Trauma ihrer Mutter. Sie weiß offensichtlich von dem Zusammenhang, ohne dass sie das von den leiblichen Reaktionen auf ihre Flashbacks lösen kann. Die furchtbaren Erlebnisse der Mutter verfolgen sie Jahrzehnte später, obwohl sie selbst viele Jahre nach dem Krieg geboren wurde. „Die Kinder von Überlebenden zeigen Symptome, die zu erwarten wären, wenn sie den Holocaust selbst durchlebt hätten. (…) Sie haben das Gefühl, dass der Holocaust das zentrale Geschehen in ihrem Leben ist, obwohl er sich vor ihrer Geburt ereignet hat.“ (Opher-Cohn 2000, S.163)
3.3 Erregung
Das zweite wichtige Symptom des Posttraumatischen Stresssyndroms besteht darin, dass viele Opfer traumatischer Ereignisse unter anhaltender Hocherregung und Anspannung leiden. Erregung und Anspannung sind ursprünglich ein Schutzmechanismus, der helfen soll, die bedrohliche traumatische Situation zu überleben. Die Blutzirkulation wird angeregt, der Herzschlag erhöht, die Muskeln werden angespannt, um für den Kampf oder die Flucht – gegenüber Säbelzahntigern oder anderen Bedrohungen. Doch die Säbelzahntiger unserer Zeit bieten kaum noch Chancen, zu kämpfen oder zu fliehen.
Der 16-Jährige, der Anfang 1945 noch in den sogenannten Volkssturm eingezogen wurde, nachdem er schon vorher ein Jahr lang als Flakhelfer „dienen“ musste, wurde an die Front geschickt, um gegen „die Russen“ zu kämpfen. Sein Zug hatte kaum die Stellung ausgehoben, als er unter schweren Artilleriebeschuss geriet. Da gab es weder ein Kämpfen, noch ein Fliehen. Der Junge wurde bald gefangen genommen. Als er aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, verlor er nie wieder die Anspannung und die innere Hocherregung, die während des Artilleriebeschusses von ihm Besitz ergriffen hatte. Vom Denken her wusste er, dass die Bedrohung vorbei war, doch in seinem Leib war der Schrecken dieser Stunden eingefroren.
Auch viele andere Opfer traumatischer Ereignisse wie zum Beispiel sexueller Gewalt leiden unter diesem Symptom. Manchmal ist diese Daueranspannung oder Erregung äußerlich sichtbar, oft aber lauert sie unter der Oberfläche und entlädt sich bei unterschiedlichen, manchmal mehr oder weniger zufälligen Gelegenheiten, „in denen das Fass überläuft“, wie es ein Klient beschrieb.
Gemeinsam ist den Menschen mit traumatischen Erfahrungen häufig die Erwartung, dass jederzeit etwas Schlimmes geschehen könne, oft gerade dann, wenn sie sich sicher fühlen und es sich gut gehen lassen. Viele Opfer traumatischer Ereignisse der Kriegsgeneration haben dies auch in Worten als Lebensweisheit an ihre Kinder weitergegeben: „Lass es dir ja nicht zu gut gehen, denn dann steht das Unglück vor der Tür.“
Viele traumatisierte Menschen suchen Wege, wie sie mit ihrer Erregung und Anspannung umgehen können. Diejenigen, die den Krieg erlebt haben und dabei traumatische Erfahrungen durchleben mussten, haben in der Nachkriegszeit und in den 1950er-Jahren oft 12 oder 16 Stunden am Tag gearbeitet.
Dies galt nicht nur dem Wiederaufbau nach dem Krieg, sondern hatte auch den Sinn, etwas tun zu können, um mit der Erregung umgehen zu können. Sie wollten aktiv sein statt passiv und hilflos und versuchten so, die innere Anspannung zu lösen. Schlimm wurde es für diese Menschen am Wochenende, am Sonntag, wenn „nichts zu tun war“, und schlimm wurde es im Urlaub. Da entlud sich die Anspannung oft gegen die Partner/innen, die Kinder und andere Menschen.
Viele der Interviewten der zweiten Generation zeigten ebenfalls dieses Symptom, obwohl sie selbst keine traumatische Erfahrung durchlitten hatten. Sie erzählten zum Beispiel:
» „Ich bin immer auf dem Sprung. Ich bin jetzt erst grad dabei …, mal mühselig zu lernen, wie ich zur Ruhe kommen kann. Das fällt mir nicht leicht.“ (I 1)
» „Wenn es mir so richtig gut geht, dann bin ich ganz sicher, dass gleich ein Unglück passiert, warum weiß ich auch nicht. Meine Mutter war auch so. Ich bin mir da ganz sicher. Und manchmal ist es ja auch so. Wenn etwas Schlimmes passiert, dann bin ich immer unvorbereitet, obwohl ich mich doch immer darauf vorbereite. Komisch.“ (I 11)
» „Ich war immer aktiv, schon in der Schule. Ich war Klassensprecher und habe die Schülerzeitung mitgemacht und hatte immer mit die besten Noten. Das musste sein und das war auch selbstverständlich. Und auch dann im Studium und bei der Arbeit. Immer vorneweg. Bis der Herzinfarkt kam. Seitdem muss ich ja kürzer treten. Wenigstens ein bisschen.“ (I 9)
» „So richtig loslassen kann ich nie. Wenn ich etwas erreicht habe, dann muss ich schon an das Nächste denken, was noch kommt, was ich noch vor mir habe. Meine Frau hat mir mal gesagt: ‚Du bist ja nie richtig zufrieden.‘ Und das stimmt nicht und es ist was dran … hat sie irgendwie auch recht. So, ich bin ganz zufrieden, ich bin sehr zufrieden, was ich so schaffe und wie ich so lebe, und es ist nie ganz genug, es muss immer noch was weitergehen und es gibt immer auch noch viel zu tun. Wir haben jetzt unser Haus renoviert und wenn ich mit einem Zimmer dran war, hatte ich im Kopf schon das nächste Zimmer und jetzt überleg ich mir ein Gartenhäuschen zu bauen oder den Keller auszubauen. Wahrscheinlich wird es beides. Auch mit dem Schlafen fällt‘s mir nicht leicht. Ich gehe abends jetzt meistens eine halbe Stunde joggen, manchmal eine halbe Stunde, manchmal aber auch länger, damit ich runterfahre.“ (I 10)
Sicherlich kann die Anspannung und Unruhe der Interviewten auch andere Ursachen haben als die transgenerative Traumaweitergabe und bei einigen wird sie aus unterschiedlichen biografischen Quellen gespeist werden. Doch die Häufung dieses Symptoms, von dem 11 der 15 Interviewten ungefragt erzählten, ist auffällig. Hochspannung und Dauererregung sind ein Symptom sowohl traumatisierter Menschen als auch zahlreicher Angehöriger der zweiten Generation. Auch hier gilt: Sie leiden oft unter diesem Symptom, ohne zu wissen, warum.
3.4 Vermeidungsverhalten
Wenn unsere Vorfahren in einem Waldstück einem Säbelzahntiger begegnet sind, vor dem sie sich gerade noch retten konnten, dann machte es Sinn, dass sie danach dieses Waldstück mieden. Situationen, in denen sich Menschen existenziell bedroht fühlen, zu vermeiden, gehört zu den Strategien des Überlebens. Insofern gehört das Vermeidungsverhalten zu den häufigsten Symptomen, die im Gefolge einer traumatischen Erfahrung auftreten.
Zum Problem wird diese an sich sinnvolle Reaktion, wenn Menschen unter den Folgen des Vermeidungsverhaltens leiden. Da wird nicht nur das Waldstück, in dem der Säbelzahntiger haust, gemieden, sondern jeglicher Wald. Wer nach einem traumatisierenden Autounfall versucht, ähnliche Erfahrungen zu vermeiden, kann wahrscheinlich noch relativ gut darauf verzichten, Autobahn zu fahren, vielleicht sogar den eigenen Führerschein abgeben oder nie mehr ein Auto besteigen – aber jeglichen Kontakt mit Autos und Autogeräuschen zu verhindern, wird nicht möglich sein. Schon der Versuch wird die Lebensmöglichkeiten sehr stark einschränken. Wenn Menschen sich im Gefolge eines undifferenzierten und chronifizierten Vermeidungsverhaltens äußerlich und innerlich zu sehr zurückziehen, verlieren sie zumindest Wahlmöglichkeiten ihres Lebens und Erlebens, oft mündet dieser Prozess sogar in der Depression.
Eine besondere Qualität nimmt das Vermeidungsverhalten an, wenn die traumatischen Erfahrungen sequentiell sind, also wiederholt durchlebt werden mussten. Wer mehrmals sexuelle Gewalt erfahren hat, wer im Krieg über einen langen Zeitraum lebensgefährlichen Bedrohungen ausgesetzt bzw. ihr Zeuge war, gerät oft, was das Vermeidungsverhalten betrifft, in eine Falle. Auf der einen Seite möchten diese Menschen unbedingt alle Situationen vermeiden, die den traumatisierenden Ereignissen ähneln, auf der anderen Seite haben sie durch die chronifizierten traumatischen Erfahrungen eine derartig hohe „Hab-Acht-Haltung“ entwickelt, dass ihre Sinne hoch sensibilisiert sind.
Wer ständig mit allen Sinnen auf mögliche Gefahren lauscht, kann das Lauschen oft nicht mehr abstellen, wenn die Gefahren nicht mehr drohen.
Diese Offenheit für alle möglichen Reize führt zu einer chronischen Reizüberflutung. „Chronische Traumatisierung überfordert jene seelischen Mechanismen, die uns im Alltag vor übermächtigen Reizen schützen.“ (Schmidtbauer 2008, S.140) Es geht nicht mehr um bestimmte Trigger, die entsprechende Reaktionen auslösen, sondern die generelle Reizüberflutung führt zu einer generellen Reizbarkeit. Über die kriegstraumatisierten Väter wird häufig erzählt, dass sie nicht nur unruhig waren, sondern auch oft Jähzornanfälle und cholerische Attacken an Kindern, Partnerinnen und Nachbarn auslebten, immer „beleidigt“ und „überempfindlich“ waren. In einem solchen Zustand der chronisch erhöhten Erregung und Reizbarkeit das Vermeidungsverhalten zu leben, ist kaum noch möglich. Nicht mehr der Donner triggert nun das Erleben des Artilleriebeschusses, sondern jedes Geräusch. Dann scheint der Rückzug oft nur noch möglich durch den Griff zu Drogen, zu Medikamenten oder zum Alkohol. Alkoholismus und Drogenabhängigkeit sind oft Versuche, das Vermeidungsverhalten auf dem Boden einer erhöhten Reizbarkeit umzusetzen.
Wenn Kinder traumatisierter Väter oder Mütter mit solchem Vermeidungsverhalten aufwachsen, reagieren manche mit dem Gegenteil, andere übernehmen das Verhalten, wie einige Interviews zeigen.
„Mein Vater trank und war jähzornig. Vielleicht hat das was mit dem Krieg zu tun und vielleicht war das auch seine Art, mit den fünf Jahren Kriegsgefangenschaft umzugehen. Er war sofort auf 180, ganz leicht reizbar, man wusste nie, ob er gut drauf war oder gleich einen Tobsuchtsanfall bekam. Ich tat alles, um ihn nicht zu treffen. Ich versteckte mich, und auch wenn ich mit ihm im Zimmer war, tat ich so, als wäre ich nicht da. Dass ich manchmal bei irgendwelchen Gelegenheiten anwesend bin und mir Leute sagen, sie hätten mich gar nicht bemerkt und … also das ist … Ich glaube, das habe ich da gelernt, so zu tun, als gäbe es mich nicht.“ (I 11)
Das Vermeidungsverhalten setzt sich fort, die interviewte Frau aus der zweiten Generation vermeidet den Vermeider. Das Vermeiden wird zu einem ihrer Wesenszüge, prägt ihr weiteres Leben.
Ein junger Mann erzählt: „Ich halte es in Fahrstühlen nicht aus, da gehe ich lieber die Treppe. Und auch sonst enge Räume, wo man in Tuchfühlung mit anderen ist – schrecklich. Da fange ich an zu zittern und zu schwitzen, einmal bin ich sogar ohnmächtig geworden.“ (I 12)
Der Interviewte konnte sich dieses Phänomen nicht erklären, er litt darunter, dass er sein ganzes Leben immer wieder darauf achtete, sich nicht zu eng mit anderen Menschen in einem Raum aufzuhalten. Er erfand dafür Notlügen und erzählte zum Beispiel im Büro, dass er prinzipiell nicht Fahrstuhl fahre, sondern, weil es gesund sei, immer Treppen gehe. Er mied Geburtstagsfeiern oder andere Partys, bei denen sich viele Menschen gleichzeitig in einem Raum aufhielten. Als er, angestoßen durch einen unserer Vorträge, seinen Vater fragte, was dieser im Krieg getan habe, erzählte dieser, er wäre Panzerfahrer gewesen, einer der wenigen, die überlebt hätten, und er hätte sich immer auf engstem Raum mit anderen Menschen zusammen aufhalten müssen und würde dies seitdem hassen. Er hatte vorher nie darüber gesprochen.
Einer Klientin wurde während der therapeutischen Arbeit deutlich, dass auch ihre Beziehungsruhelosigkeit Ausdruck eines transgenerativen Vermeidungsverhaltens sein könne. Sie sehnte sich verzweifelt nach einer dauerhaften Bindung, doch immer dann, wenn nach einer Phase der Verliebtheit der Partner mit ihr eine solche längerfristige Bindung eingehen wollte, inszenierte sie heftigste Auseinandersetzungen und fand allerlei Vorwände, um die Beziehung abzubrechen. Kurz danach bedauerte sie dies, schämte sich und fühlte sich schuldig – und dann wiederholte sich das Muster. In der Therapie wurde deutlich, dass die Kriegsund Nachkriegserfahrungen ihrer Mutter durch Verluste geprägt waren.
Die Familie stammte aus Siebenbürgen im heutigen Rumänien und floh, als die Mutter ein junges Mädchen war, vor der heranrückenden russischen Armee nach „Sudeten-Deutschland“. Der Vater war im Krieg gefallen, auf der Flucht wurde der Großvater erschossen, die Großmutter starb an Entkräftung. Die Mutter fand mit ihr und ihrem jüngeren Bruder Unterschlupf bei einer sudetendeutschen Familie im Gebiet des heutigen Tschechien. Von dort wurde die Familie vertrieben, auf der Flucht wurde der jüngere Bruder von ihnen getrennt und blieb seitdem vermisst. Die Mutter klammerte sich später an die verbliebene Tochter („Du bist das Einzige, was mir geblieben ist.“) und unterhielt nur noch oberflächliche Kontakte zu anderen Menschen. „Ich will nicht noch einmal jemanden verlieren“, war ihr Leitspruch, deswegen ging sie keine Bindungen mehr ein. Die Tochter übernahm dieses Muster und setzte das Vermeidungsverhalten fort. Auch Kinder von Holocaust-Überlebenden vermeiden oft neue Beziehungen. „Neue Liebe bedeutet oft genug Verrat an verlorenen Angehörigen, Partnern und früheren Kindern.“ (Wardi 1997, S.11)
Andere Menschen, die unter vielen traumatisierenden Verlusten litten, gingen eine neue Beziehung ein, vermieden aber alles, was eine Trennung hätte herbeiführen können. Nur nicht noch einmal jemanden verlieren, das war das Motto, das sie an Menschen kettete, die sie nicht oder nicht mehr liebten, die sie verletzten, ja, die ihnen manchmal das Leben zur Hölle machten. Auch dies ist eine – verstecktere – Form des Vermeidungsverhaltens auf dem Hintergrund oft chronifizierter traumatischer Erfahrungen.
3.5 Emotionale Abflachung, Ängste und Ängstlichkeit
Wer existenziell bedroht wurde und traumatische Erfahrungen durchleben musste, wird Angst haben, dass ihm dies noch einmal geschieht. Diese Angst ist normal und gesund, denn sie schützt davor, sich erneut in bedrohliche Situationen zu begeben. Zum Leiden führt die Angst, wenn sie durch alle Ritzen des Lebens und Erlebens sickert, wenn sie das Erleben und Verhalten eines traumatisierten Menschen prägt und die Ängstlichkeit zu einem Grundgestimmtsein der Persönlichkeit wird.
Wie in dem Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, ist eine Form der Angst auch die völlige Furchtlosigkeit. Die Angst ist so groß und so allgegenwärtig, dass sie irgendwann dissoziiert wurde. Die betreffenden Menschen kennen wie der Held des Märchens keine Furcht und begeben sich selbstverständlich in die gefährlichsten Situationen, ohne dass sie das Gefühl haben, dafür Mut zu benötigen. Die Angst ist so sehr Thema, dass sie kein Thema mehr ist.
Chronische Ängste sind ein häufiges Symptom, das in Folge traumatischer Erfahrungen auftritt. Oft werden sie begleitet von emotionaler Abflachung. Das gesamte Gefühlsleben ist stumpf, die emotionalen Spitzen sind geglättet – auch dies ein Ausdruck von Angst und Hilflosigkeit. Wer zum Beispiel sexuelle Gewalt erfahren hat und in seiner Hilflosigkeit keine Hilfe gefunden hat, in seiner Angst keinen Trost, in seinem Zorn keine Parteilichkeit, wird häufig emotional resignieren. Auch das Gegenteil ist möglich: nur noch emotionale Spitzen zu leben und die Hocherregung in oft übertrieben wirkenden Gefühlsausbrüchen auszuagieren. Doch als Teil des Posttraumatischen Stresssyndroms sind Ängstlichkeit und emotionale Abflachung häufiger. Dies gilt vor allem, wenn Menschen wiederholt traumatische Erfahrungen machen mussten, zum Beispiel in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Hannah Arendt beschrieb in ihrem Tagebuch 1950 bei ihrem Besuch in Deutschland:
„Inmitten der Ruinen schreiben die Deutschen einander Ansichtskarten von Kirchen und Marktplätzen, die es gar nicht mehr gibt. Und die Gleichgültigkeit, mit der sie sich durch die Trümmer begeben, findet ihre Entsprechung darin, dass niemand um die Toten trauert (…). Dieser allgemeine Gefühlsmangel, auf jeden Fall aber die offensichtliche Herzlosigkeit, die manchmal mit billiger Rührseligkeit kaschiert wird, ist jedoch nur das auffälligste Symptom einer tief verwurzelten hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen.“ (Arendt 1993, S.24f.)
Wenn das „tatsächlich Geschehene“ zu brutal, zu unaushaltbar, zu schambesetzt, zu schrecklich war, um sich dem stellen zu können oder zu wollen, dann ist die emotionale Abstumpfung eine individuelle Reaktion, die zu einer Reaktion einer ganzen Generation werden kann. Betrachten wir einige Beispiele dafür, wie sich in den Interviews bei den Befragten diese Symptome der Ängstlichkeit und der emotionalen Abflachung zeigten:
Eine Frau erzählt, dass sie sehr leidenschaftslos sei.
„Ich habe es immer gern ruhig und wenn alles seine Ordnung hat. Ja, so kann man das sagen. Meine Freundin zieht mich immer auf. Ich suche mir immer Freunde und Freundinnen, die sehr leidenschaftlich sind, also irgendwie so das Gegenteil von mir. Meine Mutter war auch so. Die hat gesagt: ‚Ich habe schon genug Aufregung in meinem Leben gehabt, ich brauche keine mehr.‘ Manchmal denke ich, mir fehlt da was oder ich bin nicht ganz richtig, aber irgendwie ist das jetzt normal, das gehört zu mir.“ (I 13)
Oft ist die emotionale Abflachung wie bei dieser Befragten so selbstverständlich geworden, dass sie wie ein Teil der Persönlichkeit wirkt. Erst wenn sie im Zusammenhang mit den Reaktionen auf die traumatischen Erfahrungen der Mutter, also der ersten Generation, gesehen wird, wird deutlich, dass es sich um einen Aspekt transgenerativer Traumaweitergabe handeln kann.
Eine andere Frau erzählte von ihren Ängsten:
„Wir hatten immer große Angst … also meine Kindheit war überschattet mit der Angst, dass die Familie auseinanderfällt, dass irgendwas Schlimmes passiert und wir nicht zusammenbleiben können. Ich weiß nicht. Daraus resultiert mein Gefühl, nicht wirklich da zu sein, nicht das Gefühl zu haben, ah, jetzt bin ich da. Ich habe immer das Gefühl, dass sich irgendetwas verändert, dass irgendetwas geschieht und ich mich verändern muss. Ich muss woanders hin oder so. Und was ich übernommen habe und weitergebe, ist, glaube ich, dass ich unglaubliche Ängste meinen Kindern gegenüber habe. Schon als sie klein waren, auf dem Spielplatz, da habe ich gewisse Dinge nicht zugelassen aus Angst, ihnen könnte was passieren. Und auch jetzt ist das so. Sie müssen mir also immer Rechenschaft ablegen, wo sie sind, wann sie wiederkommen usw. Das ist nicht direkt Kontrollzwang, sondern geschieht eher aus dieser Angst heraus. Das ist auch so, wenn mein Mann zu spät nach Hause kommt. Wenn er sagt, er kommt um sieben und ist um acht noch nicht da, dann habe ich direkt irgendwelche Fantasien.“ (I 5)
Die Frau stammt aus einer großen Familie. Die meisten Angehörigen sind im Holocaust getötet worden, weil sie Juden waren.
Der Vater einer anderen Befragten musste mehrere Jahre in Süd-Ost-Europa als Kriegsgefangener in einem Bergwerk unter Tage arbeiten. Sie erzählt über sich:
„Ja, es war zum Beispiel immer so eine Angst vor dunklen, geschlossenen Räumen da, sich nicht hineinbegeben können, wenn jemand anders die absolute Lenkung und Verantwortung hat. Egal, ob das ein Flugzeug oder ein Schiff war, da war so ein Gefühl von Ausgeliefertsein. Mir fehlte einfach so eine Leichtigkeit, die ich nicht begründen konnte.“ (I 8)
Den Zusammenhängen zwischen dem Erleben solcher Ängste mit den Erfahrungen ihres Vaters kam die Frau erst langsam auf die Spur, wie sie sagte. Ihre Angst trat auf, wenn „jemand anders die absolute Lenkung und Verantwortung hat“. Auch als der Vater als Kriegsgefangener im Bergwerk eingesperrt war, hatte „jemand anders die absolute Lenkung und Verantwortung“, er war ohnmächtig und ausgeliefert. Sie erzählte später, dass sie einmal in einen Berglift gestiegen ist:
„Ich war kurz vor einem Herzkasper und auch da war es wieder so: Ich kriegte keine Luft mehr, wollte da raus und hatte dieses Gefühl von: Ich bin da ausgeliefert!“ (I 8)
Auch hier muss sie sich wieder dem Gefühl ausliefern, vollständig abhängig zu sein von anderen, die die Verantwortung für das eigene Schicksal haben. Dies ist die Grundlage ihrer Angst. Auch wenn sie mittlerweile vermutet, dass diese Angst mit den Erfahrungen ihres Vaters zusammenhängen könnte, erschienen auch ihr, wie allen anderen, viele Jahre lang diese Ängste als Ängste ohne Grund.
3.6 Wie erklären sich Gemeinsamkeiten?: Spiegelneuronen und Resonanz
Alle vier beschriebenen Kernsymptome des Posttraumatischen Stresssyndroms treten auch bei Angehörigen der zweiten Generation auf. Dies zeigen sowohl die Forschungsergebnisse mit Kindern von Holocaust-Überlebenden als auch unsere Therapieerfahrungen sowie die Auswertung der Interviews.
Wie können diese Symptome als Folgen traumatischer Erfahrungen an Menschen weitergegeben werden, die diese Erfahrungen nicht selbst gemacht haben? Ein Hinweis bietet die neurobiologische Entdeckung der Spiegelneuronen.
„Die Patientin liegt wach im Operationssaal eines Krankenhauses im kanadischen Toronto. Ihr Kopf ist fest in einem Metallkäfig justiert, in der Schädeldecke über ihrem Stirnhirn klafft ein Loch. Wie Infusionsschläuche ragen zwei Mikroelektroden aus den Innereien ihres Geistes. Eigentlich unterzieht sich die Frau einem Eingriff gegen schwere Depression, gleichzeitig hat sie aber dem Physiologen William Hutchison erlaubt, an ihrem Gehirn ein neuro-wissenschaftliches Experiment vorzunehmen.
‚Schmerzt Sie das?‘, fragt Hutchison und piekst die Frau mit einer Nadel in den Zeigefinger. Noch bevor sie ihm mit ‚Ja‘ antwortet, messen die Sensoren das Feuern einer Einzelzelle. Kurze Zeit später sticht sich Hutchison vor ihren Augen selbst in den Finger. Erneut registrieren die Elektroden das Aufflackern der Schmerzzelle. Die Frau verneint jedoch, irgendetwas zu spüren.
Mit diesem Versuch hat der Wissenschaftler der Universität Toronto wohl erstmalig beim Menschen ein einzelnes Spiegelneuron beobachtet. Dieser Zelltyp versetzt Forscher weltweit in helle Aufregung – sehen sie in ihm doch die Basis für eine Reihe ureigener menschlicher Leistungen: das Erkennen fremder Absichten und Gefühle und sogar die Entwicklung von Sprache und Kultur.
Spiegelneuronen sind Nervenzellen mit einer Doppelfunktion. Einerseits sind sie an sensorischen oder motorischen Funktionen des Gehirns beteiligt – wie es bei den Schmerzzellen der Fall ist. Andererseits spiegeln sie Vorgänge, die wir in unserer Umgebung beobachten, in einer Art neuronaler Simulation nach.“ (Breuer 2002, S.70)
Die Spiegelneuronen sind die biologisch-neuronale Basis dafür, dass sich Menschen in andere Menschen hineinversetzen. Wir nennen dies Resonanz, vom lateinischen resonare „miteinander schwingen“ (Cramer 1998). Offensichtlich versetzen sich Kinder in ihre Eltern hinein und spüren das, worüber diese gerade nicht erzählen, was sie aber erleben, ihre Ängste, ihre Erregung, ihr Vermeidungsverhalten. Dies kann so weit gehen, dass selbst ähnliche Trigger wie bei den traumatisierten Eltern auch bei der zweiten Generation traumatisches Erleben auslösen. Diese Erklärung reicht nicht aus, um alle Prozesse der transgenerativen Traumaweitergabe verständlich zu machen, aber sie ist die Grundlage dafür, dass Menschen leiden, ohne zu wissen, warum.
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