Kitabı oku: «Handbuch Wandertourismus»

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utb 4548

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Gabriele M. Knoll

Handbuch Wandertourismus

für Ausbildung und Praxis

UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz

mit UVK/Lucius · München

Dr. Gabriele M. Knoll lehrt Nachhaltigen Tourismus an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve. Sie hat bei diversen Tourismusprojekten im In- und Ausland mitgearbeitet und ist Autorin touristischer Fach- und Lehrbücher sowie zahlreicher Reiseführer.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2016

Lektorat: Rainer Berger

Cover: Atelier Reichert, Stuttgart

Covermotiv: Gabriele M. Knoll, Wachtendonk

eBook-Produktion: Pustet, Regensburg

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 · 78462 Konstanz

Tel. 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98

www.uvk.de

UTB-Nr. 4548

ISBN 978-3-8252-4548-1 (Print) ISBN 978-3-8463-4548-1 (ePUB)

Vorwort

Wandern ist weit mehr als die Fortbewegung – in der Regel zu Fuß – von Punkt A nach Punkt B. Wandern ist auch ein spannendes Kapitel Kulturgeschichte: Davon wurden einst Frauen systematisch ausgeschlossen, der Sonntagsspaziergang war einmal eine revolutionäre Aktivität und die Selbstverständlichkeit, mit der man heutzutage Landschaften als „schön“ bezeichnet und sich gerne zum Vergnügen darin bewegt, ist auch eine relativ junge Ansicht.

Deutschland kann man im aktuellen Wandertourismus durchaus als Trendsetter bezeichnen, denn das Qualitätsmanagement rund ums Wandern wird zunehmend von anderen Nationen übernommen. Umso interessanter ist dabei ein Blick über den „deutschen Tellerrand“, der mit einigen Beispielen zeigt, womit man sich in anderen Destinationen herumschlagen muss.

Dieses Handbuch kann und will nicht mit enzyklopädischer Vollständigkeit alle Aspekte des Wandertourismus darstellen, das ist als Einsteiger-Literatur für Ausbildung, Studium und Praxis auch nicht nötig. Dafür gibt es O-Töne von erfahrenen Touristikern, die hier schon wertvolle Erfahrungen und Anregungen aus und für die Praxis weitergeben – bevor diese vielleicht eines Tages einmal in wissenschaftlichen Studien auf eine Kommastelle genau ermittelt wurden.

Aus meiner Lehrtätigkeit kann ich auch beklagen, dass ein Grundwissen und eigene Erfahrungen mit dem Wandern selbst in einem Tourismusstudiengang eher mangelhaft vorhanden sind. Deshalb habe ich als abschließendes Kapitel eine Ermutigung zum Selbstversuch geschrieben, damit der Touristikernachwuchs überhaupt eine Ahnung von den Facetten des Wanderns bekommen und sich besser in die Situation seiner Gäste hineinversetzen kann.

Und schließlich schadet es nicht, wenn der junge Mensch den Wert dieser Outdooraktivität schon erkennt und schätzen lernt, bevor er in der Altersgruppe der aktivsten Wanderer, der Best Ager, ankommt. Mal Abstand gewinnen, die Seele baumeln lassen und eine kleine Auszeit aus dem täglichen Stress nehmen, wie die wissenschaftlich ermittelten Motive der Wanderer lauten, das soll auch ein Zweck dieses Handbuchs sein!

Wachtendonk, im April 2016

Gabriele M. Knoll

♦ Hinweis zu verwendeten Online-Ressourcen

Sehr viele Informationen rund um den Wandertourismus finden Sie online. Im Buch befinden sich deswegen auch zahlreiche Hinweise, Linktipps und Verweise auf (zitierte) Websites. Diese Websites wurden alle im Zeitraum von Januar 2015 bis März 2016 abgerufen. Einige wenige Links im Fließtext mussten teilweise umbrochen werden. Sehr lange Links wurden mithilfe des Kurz-URL-Dienstes bit.ly gekürzt.

1 Eine Zeitreise zu Fuß – Aus der Geschichte des Wanderns
1.1 „Das Wandern ist des Müllers Lust“ – berufsbedingt zu Fuß durch halb Europa

♦ Auf einen Blick

In diesem Kapitel werden folgende Aspekte und Fragen behandelt:

 Welche Formen der Fußwanderung gehören zur europäischen Kulturgeschichte?

 In welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen sind die Anfänge des modernen Wandertourismus zu finden?

 Worin lag der Protest, seine Wanderschuhe zu schnüren und auf Tour zu gehen?

 Der „spießige“ Sonntagsspaziergang war einmal revolutionär!

 Weshalb war es sinnvoll, Wandervereine zu gründen?

Nicht die Wanderfreude eines bestimmten Herrn Müller wird in dem alten Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ besungen, sondern die berufliche Weiterbildung der Müllergesellen im Allgemeinen. Nach den Zunftordnungen war es für das Gros der Handwerksgesellen vom 14. noch bis ins 19. Jahrhundert Pflicht, auf Wanderschaft, auf die Walz zu gehen, in der Ferne bei anderen Meistern zu lernen, und mindestens vier bis sechs Jahre lang ihren Heimatbezirk nicht zu betreten. Erst mit der Aufhebung der Zünfte und neuen Gewerbeordnungen im 19. Jahrhundert erledigte sich dieser historische Zwang zur beruflichen Mobilität.

Bei den beruflichen Lehr- und Wanderjahren war nicht nur durch den technischen Stand des Verkehrswesen in jenen Zeiten, sondern auch durch soziale Spielregeln für Handwerker – und andere Angehörige unterer Schichten – die Fußreise die einzige Möglichkeit, von A nach B zu kommen. „Ein reitender Handwerksgeselle oder ein Bauer in der gemieteten „Extra-Post“ wären in der Standesgesellschaft undenkbar gewesen. Die Höhe des Pferderückens und der Radachse drückte symbolisch auch die Position in der gesellschaftlichen Hierarchie aus.“ (KASCHUBA (1991), S. 166)

Es konnten beachtliche Entfernungen sein, die die Handwerksgesellen auf ihrer Walz – wenn auch über mehrere Jahre verteilt – zurücklegten. Die geographischen Dimensionen von Handwerkerwanderungen können dabei durchaus beachtlich gewesen sein, wenn beispielsweise Maurer oder Steinmetze danach strebten, in den Dombauhütten oder auf den großen Schlossbaustellen bei den berühmtesten Baumeistern bzw. Architekten zu lernen und zu arbeiten. „Aus mitteleuropäischer Sicht umfaßte die geographische Ausdehnung handwerklicher Mobilität die deutschsprachigen Länder, die gesamte Schweiz, die flämischen und wallonischen Niederlande, Frankreich (vor allem den Westen und Paris), Italien (meist nur bis Rom), Böhmen und Mähren, Polen, das Königreich Ungarn unter Einschluß von Kroatien und Siebenbürgen, das Baltikum bis nach St. Petersburg, Dänemark und das südliche Schweden. Offensichtlich deckten sich häufig die Kommunikationsräume des Handwerks mit den Verkehrsräumen des Handels, wobei Großbritannien und die Iberische Halbinsel für die Handwerker doch eher abseits lagen.“ (ELKAR (1991), S. 57f.)

♦ Wissen: Auf der Walz (1834)

„Es war nicht nur meine Lust zum Reisen, weil ich hoffte, dadurch meine Gesundheit zu stärken, sondern es war Pflicht des jungen Handwerkers, ca. 3 Jahre ins Ausland zu reisen, ehe er in Hamburg ein selbständiges Geschäft anfangen konnte.

Ostern 1834 machte ich mich reisefertig. Mein Gepäck war nur ca. 15 Pfund schwer, mein Ränzel also nur klein. Er enthielt Rock, Hose, Weste, dann ein paar Strümpfe, 2 Hemden und einige Taschentücher. – Mein Anzug bestand aus Hose, Weste und Kittel, dann einem Paar kräftiger Schuhe, welche auf jeder Reise aushielten, und Filzhut. – Dann noch im Ränzel Witschels „Morgen- und Abendopfer“, und ein französisches Sprachenlehrbuch zum Üben auf der Reise. – In der Tasche hatte ich eine Miniaturausgabe von Seumes’s Gedichten, Auszüge aus anderen Freiheitsdichtern und Ehrenberg’s „Karakter und Bestimmung des Mannes“.

Noch eins darf ich nicht vergessen, ein kleines Album mit losen Blättern hatte ich bei mir, worin ich von meinen Freunden Sprüche zur einstigen Erinnerung an dieselben eintragen ließ, unter diesen zwei Blätter, die meine Eltern mir ins Album eingeschrieben haben, wozu ich ihnen die Umrandung nach ihrer Angabe machen mußte. – Das war mein ganzes Reisegepäck.“

Quelle: MICHAELSEN (1929), S. 39, zit. in PÖLS (1979), S. 219

Selbst in unseren Zeiten einer mühelosen weltweiten Kommunikation und einer Fachliteratur, die jeder Handwerker lesen kann, werden Gesellenwanderungen durchgeführt. Auch diese moderne Form unterliegt bestimmten festgelegten Regeln; so darf sich ein Geselle beispielsweise auch heute nicht auf seiner Walz dem Heimatort mehr als 50 Kilometer nähern (Confederation Europäischer Gesellenzünfte). Im Jahr 2015 wurde die Walz sogar auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Bundesrepublik Deutschland gesetzt, um eines Tages als ein Teil des nicht materiellen Kulturerbes der Welt zu gelten und ausgezeichnet zu werden.

♦ Linktipps

▶ Confederation Europäischer Gesellenzünfte

ww.cceg.eu

▶ Liste des Immateriellen Kulturerbes der Bundesrepublik Deutschland

unesco.de/kultur/immaterielles-kulturerbe/bundesweites-verzeichnis/eintrag/handwerksgesellenwanderschaft-walz.html

Zu einer anderen großen Berufsgruppe, die über Jahrhunderte hinweg auf die Wanderung – oft auch als Fernwanderungen – angewiesen war, gehören Kaufleute und Hausierer. „Während des Früh- und Hochmittelalters waren Kaufmannstätigkeit und Reisen untrennbar miteinander verbunden. Die Notwendigkeit des Eigenhandels trieb jeden Kaufmann zur Reise. Seine Waren begleitend zog er in die Fremde, zu Märkten und Messen“ (NEUTSCH, WITTHÖFT (1991), S. 75). In jene Zeit fielen beispielsweise schon frühe Formen von Geschäftsreisen zur Frankfurter Herbstmesse; 1240 hatte Kaiser Friedrich II. mit seinem Privileg die freie Reichsstadt Frankfurt zur ersten Messestadt der Welt erhoben. Mit ihren Waren, durchaus auch Luxusgütern aus fernen Ländern, auf den Rücken von Saumtieren oder auf Fuhrwerke geladen, zogen die Händler per Pedes zu den Märkten und Messen. Im 14./15. Jahrhundert setzte es sich durch, dass die Großkaufleute in ihren Kontoren blieben und von dort die Geschäfte regelten, dafür mussten sich dann Kaufmannsgehilfe oder Frachtführer auf die beschwerliche Fußreise machen.

Zunehmend half den Kaufleuten Reiseliteratur für ihre speziellen Bedürfnisse, so genannte Routenbücher – ausgehend von handschriftlichen Tagebüchern und Geschäftskladden, die ab dem 16. Jahrhundert auch in gedruckter Form zur Verfügung standen – bis hin zu Meilenscheiben und Meilensteinen, die die Entfernungen von den Handelsstädten zu anderen Orten nannten (a. a. O., S. 76). Eine ähnliche Infrastruktur und Hilfen für Reisende gab es bereits in der Antike, doch mit dem Beginn der Neuzeit erlebt sie eine Renaissance und konnte sich entsprechend der Nachfrage auch weiter entwickeln.

Während sich die Kaufleute in der Neuzeit immer mehr von der Mühe der Fußreise verabschieden konnten und sie ihren Landverkehr mit Reit-, Zug- und Lasttieren betrieben, blieben die Hausierer als ambulante Gewerbetreibende bis ins 19. Jahrhundert und sogar noch im frühen 20. Jahrhundert weitgehend Fußgänger. Vermutlich existieren von keiner anderen Gruppe, die über die Jahrhunderte hinweg beruflich zu Fuß unterwegs war, so viele historische Abbildungen wie von den wandernden Männer mit Kiepen oder anderen Tragegestellen auf dem Rücken.

„Ganze Heerscharen in- und ausländischer Hausierer waren im 18. und 19. Jahrhundert unterwegs und brachten so ziemlich alles zu den Abnehmern, was man in Rucksäcken und Tragekisten transportieren konnte. Da läßt sich kaum abschätzen, in welchem Umfang Haushaltwaren und Arbeitsgeräte, Schmuck, Textilien, Bücher, Bilder und Geschirr in bäuerliche Haushalte gelangten.“ (GLASS (1991), S. 62) Wenn es auch verständlicherweise von diesen Wanderungen, wie von den anderen berufsbedingten der Vergangenheit, keine Zahlen gibt – wohl aber von den Personen, die als ambulante Händler registriert waren (1882 waren es im Deutschen Reich offiziell 227.617 Hausierer (a. a. O., S. 64) – so kann man doch von der Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit vielen Artikeln des täglichen Bedarfs und von der Annahme, dass die Dörfer sicherlich nicht in hohem Maße an einen öffentlichen Nahverkehr angeschlossen waren, ausgehen, dass viele Hausierer unterwegs gewesen sein müssen.

Als letzte nennenswerte Gruppe, die ebenfalls aus beruflichen Gründen bzw. um in der Ferne zu lernen seit dem Mittelalter unterwegs war, gehören die Studenten und Gelehrte.

♦ Literatur

ELKAR, R. S. (1991): Auf der Walz – Handwerkerreisen, in: BAUSINGER, H., BEYRER, K., KORFF, G. (Hrsg.) (1991): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, C. H. Beck, München, S. 57–62.

GLASS, C. (1991): Mit Gütern unterwegs. Hausierhändler im 18. und 19. Jahrhundert, in: BAUSINGER, H., BEYRER, K., KORFF, G. (Hrsg.) (1991): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, C. H. Beck, München, S. 62–69.

KASCHUBA, W. (1991): Die Fußreise. Von der Arbeitswanderung zur bürgerlichen Bildungswanderung. In: BAUSINGER, H., BEYRER, K., KORFF, G. (Hrsg.) (1991): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, C. H. Beck, München, S. 165–173.

MICHAELSEN, F. R. (1929): Die Wanderjahre des hamburgischen Schneidergesellen Friedrich Rudolph Michaelsen 1834–1839. In: Hamburgische Geschichts- und Heimatblätter, 4. Jg. 1929. Zit. in: PÖLS, W. (Hrsg.) (1979, 3. Aufl.): Deutsche Sozialgeschichte 1815–1870. Dokumente und Skizzen, C. H. Beck, München.

NEUTSCH, C., WITTHÖFT, H. (1991): Kaufleute zwischen Markt und Messe, in: BAUSINGER, H., BEYRER, K., KORFF, G. (Hrsg.) (1991): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, C. H. Beck, München, S. 75–82.

OHLER, N. (1986): Reisen im Mittelalter, Artemis, München.

1.2 Historische Formen des Wanderns ohne geschäftliche Gründe
1.2.1 Pilgern auf dem Jakobsweg

Der vermutlich älteste schriftlich überlieferte Aufruf zu Fernwanderung und zum Pilgern dürften die Bibelverse Markus 10, 29–30 sein: „Jesus sprach: Wahrlich ich sage euch: Niemand verläßt um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus, Bruder, Schwester, Mutter, Vater, Kind oder Acker, ohne dass er alles hundertfach wiedererhält: schon jetzt in dieser Welt […] und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ Doch erst im Mittelalter kommt die Pilgerfahrt – natürlich weitestgehend zu Fuß – in größerem Stil auf. Zuerst ist das Heilige Land mit dem Grab Christi Pilgerziel Nummer 1, doch 1291 nach der Eroberung durch die Mameluken wird diese Region für christliche Pilger eine unerreichbare, und man sucht neue Ziele in relativer „Nähe“, d. h. in Europa. Dabei rücken die Apostelgräber in den Blickwinkel der Pilger, die Gräber von Petrus und Paulus in Rom und am westlichen „Ende der Welt“ dasjenige des hl. Jakobus in Santiago de Compostela.

So entwickelt sich seit dem 11./12. Jahrhundert mit dem Jakobsweg ein ausgedehntes Wegenetz in Europa, dessen Wege sich zunehmend bündeln, um dann in einem Hauptweg ab Puente la Reina nach Santiago de Compostela zu führen. Auch eine Infrastruktur für die Fernwanderer entsteht bereits in jener Zeit, wie zum Beispiel die Hospize am Somport-Pass oder das Hospiz von Roncesvalles.

Die mittelalterliche Pilgerfahrt war bereits ein Massenphänomen. „Über das Zusammenströmen riesiger Pilgermassen an den großen Pilgerzentren des Abendlands, aber auch an kleineren, plötzlich in Mode gekommenen Gnadenorten nennen uns die zeitgenössischen Quellen Zahlen, die kaum glaubhaft erscheinen würden, wenn sie nicht häufig in ganz unverdächtigen Überlieferungszusammenhängen stünden.“ (PLÖTZ (2003), S. 24) OHLER (1986, S. 285) schätzt, dass auf dem Camino de Santiago, d. h. der spanischen Hauptroute, jährlich zwischen 200.000 und 500.000 Menschen pilgerten.

Wohl niemand nahm in jener Zeit die Mühsal und Gefahren einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg auf sich, „nur“ zur Selbstfindung oder als sportliche Herausforderung – wie die heutigen Motive für viele sein mögen. Im Mittelalter begab man sich vor allem aus folgenden Gründen auf den gefährlichen Weg, von dem die Rückkehr in die Heimat keinesfalls sicher war: Häufig war ein Gelübde der Anlass; rettete der angerufene Heilige einen Bedrängten aus seiner schweren Not, zum Beispiel einem Schiffbruch oder schlimmen Krankheit, versprach man bei Rettung eine Pilgerfahrt als Dank. „Nach Santiago geht man oft auch (…) zur Buße und Sühne, sei es aus eigenem Antrieb, weil man sich von einer besonders schweren Sünde reinigen will, sei es durch kirchen- und zivilrechtliche Sanktionen. Besonders in den Niederlanden und Deutschland waren Strafpilgerfahrten für bestimmte verbrechen üblich.“ (CAUCCI VON SAUKEN (2003), S. 92) Für schwerste Verbrechen wurde man zum weitesten Pilgerweg verdammt. Aber manche gingen auch als bezahlte Wanderer, als so genannte Delegationspilger, auf den Jakobsweg. Anfang des 15. Jahrhunderts konnte man als Lohn für diese Tour als Stellvertreter eines „verhinderten“ Pilgers fünf Goldstücke erhalten, von denen man sich in jener Zeit einen Ochsen oder zwanzig Schafe hätte kaufen können (vgl. a. a. O., S. 94).

Ein Motiv, das damals wie heute manchen zur Pilgerreise veranlasste, war der vorrübergehende Ausstieg aus dem Alltag. Reiseberichte und Tagebücher aus dem Mittelalter überliefern, dass sich auch Entdeckerfreude und Neugier mit Frömmigkeit paaren konnten. Mit der Pilgerfahrt ist der Aspekt der Barmherzigkeit eng verbunden und stellt einen grundlegenden Wert dar. Das bedeutete/bedeutet auch heute noch, dass Hospitäler, Hospize und andere Hilfseinrichtungen an allen Pilgerwegen entstanden. Hinzu kam auch die persönliche Barmherzigkeit eines jeden gegenüber Armen und Bedürftigen. Darunter fielen die Pilger, die mittellos auf die Reise gingen. Sie trugen als Wandergepäck nur eine Pilgertasche, einen engen und oben immer offenen Beutel. Hinter dieser Form verbarg sich zum einen, dass man nur mit dem Allernötigsten, mit kleinsten Vorräten unterwegs war – und für Weiteres auf den Herrn vertraute; zum anderen symbolisierte der fehlende Verschluss, dass immer man zum Nehmen und Geben bereit war.

Von unzähligen Faktoren hing es ab, wie lange man auf dem Jakobsweg unterwegs war, denn schließlich gehörte zum Ankommen in Santiago de Compostela auch noch der Rückweg zu Fuß oder, wenn man aus dem Norden Europas aufgebrochen war, dazu noch eine Schiffsreise. Wenn die Reise im niederländischen oder westdeutschen Raum begann, benötigte man wohl im besten Falle rund sechs Monate für Hin- und Rückweg. Ein Strafpilger aus Antwerpen ist überliefert, der 1403 dies in der Hälfte der Zeit schaffte, ein anderer nahm sich da entschieden mehr Zeit: Seine Büßertour dauerte von 1425 bis 1437.

Der Sprung in die Gegenwart: 1987 erklärt der Europarat die Jakobswege, d. h. das Wegegeflecht, das sich durch den Kontinent zieht, zur ersten Europäischen Kulturstraße. 1993 wird die spanische „Zielgerade“ des Camino de Santiago von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Dabei handelt es sich um den letzten, immerhin noch knapp 700 Kilometer langen Abschnitt, in dem sich die beiden aus Frankreich kommenden Wege – von Roncesvalles über den Valcarlos Pass und von Canfranc über den Somport Pass – zwischen Pamplona und Puente la Reina zu einem Hauptweg vereinen.

♦ Linktipps

▶ Camino de Santiago auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste

– spanischer Teil des Jakobswegs als Weltkulturerbe

whc.unesco.org/en/list/669

– französische Abschnitte des Jakobswegs als Weltkulturerbe

whc.unesco.org/en/list/868

Das aktuelle Pilgern wird in → Kap. 7.8 behandelt.

♦ Literatur

CAUCCI VON SAUKEN, P. (2003): Leben und Bedeutung der Pilgerfahrt. In: CAUCCI VON SAUKEN, P. (Hrsg.): Santiago de Compostela. Pilgerwege. Weltbild, Augsburg, S. 91–114.

PLÖTZ, R. (2003): Pilgerfahrt zum heiligen Jakobus. In: CAUCCI VON SAUKEN, P. (Hrsg.): Santiago de Compostela. Pilgerwege. Weltbild, Augsburg, S. 17–37.

1.2.2 Natur als ästhetischer Genuss

Um die Natur oder eine Landschaft nicht nur mit den Augen eines Bauern, eines Handwerkergesellen auf der Walz, eines seine nächste Schlachtordnung entwickelnden Feldherrn oder eines an seine Staatskasse denkenden Fürsten zu sehen, brauchte das christliche Abendland sehr viele Jahrhunderte. Die Natur als „schön“ zu beurteilen, ihr auch eine ästhetische Dimension zuzugestehen, solch revolutionäre Gedanken kommen erstmals im 18. Jahrhundert auf.

Es ist die Zeit, in der der europäische Adel sich verstärkt zum Freizeitvergnügen in der Natur aufhält, ihr näher kommt als vom Pferderücken, den gepolsterten Sitzen einer offenen Kutsche oder den abgezählten Schritten durch das Gartenparterre oder die Laubengänge eines Schlossparks. Man nähert sich der Natur noch mehr. Die vornehmen Damen in ihren Seidenkleidern sitzen mitten im Gras, es wird musiziert, erzählt und gespielt, wie es beispielsweise die Gemälde von Jean-Antoine Watteau (1684–1721) zeigen. Schäferspiele kommen in Mode. Modern gesprochen: Der Aufenthalt im Grünen bekommt erstmals einen Spaßfaktor. Die berühmte Aufforderung „Zurück zur Natur“, die Jean Jacques Rousseau (1712–1778) zugeschrieben wird, gehört zur Zivilisationskritik des 18. Jahrhunderts.

In der Wahrnehmung der Alpen lässt sich verfolgen, dass die frühen Wanderer und Reisenden in Kutschen und Sänften, die angesichts des gruseligen Ausblicks lieber die Vorhänge zugezogen hatten, noch keinen Sinn für die Schönheit der Hochgebirgslandschaft besaßen. Noch im 19. Jahrhundert ist man zweigespalten, bzw. unterscheidet klar zwischen dem „Wechsel hier von angenehmen, landschaftlichen Parthien mit den entsetzlichsten Wildnissen.“ (ZSCHOKKE (1842), S. 62)

♦ Wissen: Auf dem Weg zum Gotthardpass (1842)

„Ringsum steigen die Berge der Schöllenen senkrecht, glatt und kahl in grausenhafter Nacktheit empor; schwarze Mauer 100–1000 Fuß hoch. Man wandelt wie auf dem tiefen Boden eines ungeheuern Felsenkessels, oder vielmehr an einer Rippe desselben, längs welchem die Straße sich, unter überhangendem Gestein, über jähen Abhängen fortwindet. Oft scheint der Ausweg zu fehlen; und wenn er wieder erscheint, öffnet er nur die Aussicht in noch furchtbarere Wüstenei. Man erblickt den Strom der Reuß, statt tief unter den Füßen, vor sich oben. […]

Der Ausweg vom Thal der Schrecken droht Eingang eines noch grauenvollern Schauspiels zu werden. Und die der Wanderer, nach etwa hundert Schritten, aus der Dämmerung des Urnerlochs an’s Licht des Tages hervortritt, umfängt ihn eine neue Welt. Ein geräumiges, ebenes Wiesenthal, von grünen Bergen umfangen, liegt träumerisch vor ihm da“

Quelle: ZSCHOKKE (1842), S. 63

Doch die Entdeckung der Schönheit der Alpenlandschaft und die erste erfolgreiche Werbung darf man dem Mediziner und Botaniker Albrecht von Haller (1708–1777) zuschreiben. 1728 war der junge Mann mit dem Naturforscher Johannes Gessner quer durch die Schweiz gewandert und hatte Pflanzen gesammelt. Doch er muss den Blick nicht nur auf den Boden geworfen haben, die Schönheit der Hochgebirgslandschaft außerhalb der Botanik ist ihm ebenso aufgefallen. In seinem Gedicht „Die Alpen“, erschienen 1732, schwärmt er von der Schönheit der Natur und fügt für den Leser gleich naturkundliche Informationen hinzu. Dieses 25 Seiten umfassende Gedicht wurde in alle europäischen Sprachen übersetzt und erlebte bereits zu Hallers Lebzeiten 30 Auflagen. Neben den Frühformen von Reiseliteratur konnte im 18. Jahrhundert ein solches Gedicht Reise-, korrekter Wanderbewegungen, auslösen. Gleiches gilt auch für Rousseaus 1761 erschienenen Liebesroman „ Julie oder die neue Héloise – Geschichte zweier Liebender am Fuße der Alpen“, der, wie ein Zeitzeuge beobachtete, Fremdenströme auslöste, an „die heiligen Orte der Héloise von Rousseau, wohin jetzt alle Fremden von Lausanne aus wallfahrten und wo sich besonders Engländer mit der ‚Héloise‘ in der Hand wochenlang aufhalten.“ (KNOLL (2006), S. 79)

Die Engländer als Pioniere und Weltmeister des Reisens im 18./19. Jahrhundert waren auch die Ersten, die en gros die Schönheit von Natur zu schätzen wussten und diese in anderen Landschaften als auf ihrer Insel und entfernteren Ländern suchten. Ihre bewusste Annäherung an die Natur lässt sich in der Erfindung und Gestaltung des Englischen Landschaftsparks (→ Kap. 1.2.3) ausmachen, aber natürlich auch in ihrem Reiseverhalten.

Auch wenn die Engländer maßgeblich Trends in der Landschaftswahrnehmung und dem Tourismus gesetzt haben, wie es auch am Beispiel der Reisen durch das Rheintal im Geist der Rheinromantik zu beobachten ist, soll jedoch am Beispiel deutschsprachiger Reisender dieser Wandel angedeutet werden. Als Zeitzeuge dient Friedrich Schlegel, der seine Eindrücke in den 1805 erschienenen „Köln und Rheinfahrt. Briefe auf einer Reise“ schildert: „Bei dem freundlichen Bonn fängt die eigentlich schöne Rheingegend an; eine reich geschmückte breite Flur, die sich wie eine große Schlucht zwischen Hügeln und Bergen eine Tagesreise lang hinaufzieht bis an den Einfluß der Mosel bei Koblenz; von da bis St. Goar und Bingen wird das Tal immer enger, die Felsen schroffer und die Gegend wilder; und hier ist der Rhein am schönsten. Überall belebt durch die geschäftigen Ufer, immer neu durch die Windungen des Stroms, und bedeutend verziert durch die kühnen, am Abhange hervorragenden Bruchstücke alter Burgen, scheint diese Gegend mehr ein in sich geschlossenes Gemälde zu überlegtes Kunstwerk eines bildenden Geistes zu sein, als einer Hervorbringung des Zufalls zu gleichen.“ (SCHNEIDER (1983), S. 105)

Weitgehend frei vom romantisch inspirierten Blick auf die Landschaft des Rheintals war dagegen noch Georg Forster, der 1790 im Mittelrheintal zu Fuß und per Segelschiff unterwegs war. Auf den Gedanken, die Natur- und Kulturlandschaft des Mittelrheintals für ein sorgfältig gestaltetes Gemälde zu halten, kam der Naturforscher und Reiseschriftsteller nicht! „Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftskenner keine Entschädigung. […] Einige Stellen sind wild genug, um eine finstre Phantasie mit Orkusbildern zu nähren, selbst die Lage der Städtchen, die eingeengt sind zwischen den senkrechten Wänden des Schiefergebirges und dem Bette des furchtbaren Flusses, – furchtbar wird er, wenn er von geschmolzenem Alpenschnee oder von anhaltenden Regengüssen anschwillt – ist melancholisch und schauderhaft.“ (a. a. O., S. 72)

Dass Landschaften schön und malerisch – vielleicht zeitgemäßer ausgedrückt: fotogen – sein können und allemal diejenigen, in denen sich Tourismus abspielt, auch ästhetische Erwartungen zu erfüllen haben, bezweifelt heute niemand mehr. Auch durch das von Forster noch so negativ beschriebene obere Mittelrheintal, das es 2002 immerhin zum Weltkulturerbe der UNESCO gebracht hat, ziehen sich durch die Hänge viel begangene Fernwanderwege, zum Beispiel der zu den Top Trails of Germany gehörende Rheinsteig auf dem rechten und der Rheinburgenweg auf dem linken Ufer. Welche Landschaften Wanderer heutzutage in Deutschland besonders schätzen, verrät → Kap. 3.1.1.

♦ Literatur

FORSTER, G. (1791): Ansichten vom Niederrhein. In: SCHNEIDER, H. (Hrsg.) (1983): Der Rhein. Seine poetische Geschichte in Texten und Bildern. Insel, Frankfurt, S. 67–86.

KNOLL, G. M. (2006): Kulturgeschichte des Reisens. Von der Pilgerfahrt zum Badeurlaub. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Primus, Darmstadt.

OPPENHEIM, R. (1977): Die Entdeckung der Alpen. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt.

STEINECKE, A. (2010): Populäre Irrtümer über Reisen und Tourismus. Oldenbourg, München, S. 97–108.

SCHLEGEL, F. (1805): Köln und Rheinfahrt. Briefe auf einer Reise. In: SCHNEIDER, H. (Hrsg.) (1983): Der Rhein. Seine poetische Geschichte in Texten und Bildern. Insel, Frankfurt, S. 87–115.

ZSCHOKKE, H. (1842) Die klassischen Stellen der Schweiz und deren Hauptorte. Kunst-Verlag, Karlsruhe, Leipzig, Nachdruck Harenberg, Dortmund 1978.

♦ Website

▶ Der Universalgelehrte und Entdecker der Schönheit der Alpen

www.albrecht-von-haller.ch/d/index.php

1.2.3 Der Spaziergang: anfangs ein fast revolutionäres, emanzipatorisches Sonntagsvergnügen

Der „kleine Bruder“ der Wanderung, der Spaziergang ist eine ziemlich junge „Erfindung“. So selbstverständlich und gewöhnlich uns heute ein Spaziergang in unserem Alltag erscheinen mag, so sollte man sich jedoch davor hüten, ihn deswegen als eine „schon immer“ praktizierte Fortbewegungsart und Beschäftigung in der Freizeit zu betrachten! Da stellt sich schon die Frage, wer denn die Zeit für solch eine unproduktive Betätigung gehabt hätte? Wem wäre es in den Sinn gekommen, ein Vergnügen einfach nur in dieser wenig spektakulären Bewegung zu sehen?

Trotzdem gibt es Frühformen des Spaziergangs in der europäischen Geschichte, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Eine der Wurzeln des modernen Spaziergangs liegt im Siegeszug der Trinkkur, der in jene Zeit fällt. Die Promenade im Badeort, mit dem Trinkbecher in der Hand, um das heilende Wasser in kleinen Schlückchen während des Gehens zu trinken, war Teil der medizinischen Indikation. Doch die gemächliche Bewegung wurde nur dafür verordnet, um die Mineralien besser aufzunehmen, mehr Kontakt mit der Natur als in einem gepflegten Kurpark, wenn man schon den schützenden Raum einer Brunnenkolonade verlassen hatte, war nicht vorgesehen. Doch dieses Flanieren mit dem Becher im Kurbad gehört mit zu den Vorläufern des Sonntagsspaziergangs des Bürgers und seiner Familie.

Eine andere Wurzel des heutigen Spaziergangs lässt sich mit dem Lustwandeln im Schlossgarten oder Schlosspark ausmachen. Hier wird schon durch die angedeuteten Orte klar, dass es sich um eine herrschaftliche Freizeitbeschäftigung gehandelt hat. Wenn auch das Erleben des repräsentativsten Teils einer Gartenanlage mit den kunstvoll gestalteten Beeten vor dem Hauptgebäude des Schlosses von der Beletage im ersten Stock oder der Schlossterrasse vorgesehen war, so gibt es doch Elemente in der barocken Gartenarchitektur, die einen Spaziergang voraussetzen. Dazu gehören beispielsweise die Laubengänge oder Boskette – Wäldchen, die als grüne Räume mit hohen beschnittenen Hecken zwischen den Bäumen zum Spazieren und Verweilen einladen.

Noch stärker wird der Besucher im englischen Landschaftsgarten oder Landschaftspark, der nachfolgenden Gartenmode zur Fortbewegung per Pedes motiviert. Nur durch das Spazierengehen in ihm lässt sich das Konzept seines Schöpfers vollständig nachvollziehen und seine Blickachsen und Blickpunkte erleben. Eine schöne Aussicht wird zu einem wesentlichen Teil des Naturgenusses. Die Natur – auch wenn sie in diesem Fall nicht ganz so natürlich ist wie sie scheint, sondern eine gut arrangierte Komposition eines Gartenarchitekten ist – erhält damit ästhetische Werte. „Natur an sich ist schön“, diese Sichtweise (→ Kap. 1.2.2) hatte erst im 18. Jahrhundert begonnen sich zu entwickeln und damit neben der materiellen Nutzung der Landschaft nun auch einer kontemplativen Nutzung Gelegenheit zu geben.

„Herrschaftliche Gärten, wie etwa in Hohenheim, standen dem bürgerlichen Reisenden zwar nach Anmeldung offen, doch noch war der Spaziergang keine öffentliche Inszenierung bürgerlichen Wohlstands und freier Zeit. Mit der Form des Landschaftsgartens als Modell eines liberalen Natur- und Gesellschaftsbildes war die äußere, mit der bürgerlichen Individuation die innere Voraussetzung geschaffen, um Natur zu genießen.“ (KÖNIG (1996), S. 14) Da stecken doch in dem von manchen als spießig verschrieenen Sonntagsspaziergang eine kleine Kulturrevolution und bemerkenswerte emanzipatorische Aspekte! Indem sich der Bürger des späten 18. Jahrhunderts herausgeputzt im Sonntagsstaat mit seiner Familie auf den Weg macht, ahmt er selbstbewusst herrschaftliches Freizeitverhalten nach und liegt in seinem Naturverständnis noch an der Spitze eines neuen Trends. Der Stadtbewohner, der in seinem beruflichen Alltag eher weniger mit der Natur verbunden ist, entdeckt um 1800 die nähere Umgebung, seine Heimat, die er mit Ausflügen, Picknicks, Landpartien und Spaziergängen erkundet (vgl. a. a. O., S. 15).

In der heutigen Wanderforschung wie -praxis ist der Spaziergang ebenso ein Thema; man unterscheidet dabei zwischen zwei Varianten der kürzeren Fußtour, dem „urbanen Spazierbummeln“ und dem „Spazierwandern“. Wanderexperte Brämer definiert Spazierwandern als „wanderähnliche Spaziergänge von im Schnitt etwa 2 h Dauer und 5 km Länge – mit einer Spanne von 3 bis 7 km bei fließendem Übergang. […] Damit grenzt sich Spazierwandern eindeutig vom urbanen Spazierbummeln, aber auch vom rustikalen Wandern ab. Die Strecke entspricht gerade noch der lockeren Vorstellung vom Spazieren, eine vorzugsweise naturnahe Strecke vermittelt eine gewisse Wanderatmosphäre.“ (wanderforschung.de, 4/2015, S. 11) Hintergründiges und Praxisorientiertes zum aktuellen Spazierwandern bietet das → Kap. 2.1.

♦ Literatur

BRÄMER, R. (2015): Spazierwandern. Das kleine Wandererlebnis zwischendurch. Oder: Die anspruchsvolle Alternative für Spaziergänger. Wanden als Natur- und Selbsterfahrung. Wanderforschung.de 4/2015

BUTTLAR, A. v. (1989): Der Landschaftsgarten. Gartenkunst des Klassizismus und der Romantik. DuMont Buchverlag, Köln.

KÖNIG, G. M. (1996): Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs. Spuren einer bürgerlichen Praktik 1780–1850. Böhlau. Kulturstudien, Sonderband 20, Wien/Köln/Weimar.

UERSCHELN, G.; KALUSOK, M. (2001) Kleines Wörterbuch der europäischen Gartenkunst. Reclam, Stuttgart.

1.3 „Aus grauer Städte Mauern“ vor allem in die Berge – Wandern als neue Freizeitbeschäftigung für Bürger wie Arbeiter und als Protest der Jugend

Gründerzeit, industrielle Entwicklung, Landflucht, beengte und ungesunde Wohn- und Lebensbedingungen in der Stadt, Arbeitszeiten von zwölf Stunden und mehr an sechs Tagen die Woche etc. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert und dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird der Drang hinaus in die Natur in der arbeitsfreien Zeit erstmals zu einer Massenbewegung. Doch von einem gemeinsamen „demokratischen“ Strom ins Grüne kann keine Rede sein: Bürger und Arbeiter suchen getrennt ihre kurzzeitige Erholung in der Natur, selbst die Trennung der Geschlechter in unterschiedlichen Vereinen gehört oftmals noch dazu. Junge Wanderfreunde schließen sich auch lieber mit Gleichgesinnten ihrer Altersgruppe zusammen.

Die Gattung der Wanderlieder, die schon von der romantischen Naturschwärmerei unter freiem Himmel profitierte, bekam nun ihre über Generationen bekannten – heute eher auf einer roten Liste stehenden – zur Allgemeinbildung gehörenden Lieder, wie zum Beispiel „Aus grauer Städte Mauern ziehen wir durch Feld und Wald“, „Wenn die bunten Fahnen wehen“ oder „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Gipfelkreuz zu“. Beim Wandern oder abends am Lagerfeuer gesungen zur Klampfe alias Gitarre waren sie fester Teil der Wanderkultur und der damit verbundenen Geselligkeit.

In dieser Pionierzeit der Wander- und Bergvereine im späten 19. Jahrhundert entstehen bereits die Wanderunterkünfte der „ersten Generation“ und die ersten Wander- und sogar ausgewiesenen Fernwanderwege. Aus den Anfängen des Schulwanderns geht 1909 in Deutschland die Idee der Jugendherbergen hervor.

1.3.1 Die Alpenvereine

Der erste Alpenverein wurde fern der Alpen gegründet; bedenkt man jedoch, dass die Briten die Weltmeister des Reisens im 19. Jahrhundert waren, ist es wiederum nicht verwunderlich, dass man 22. Dezember 1857 in London mit dem Alpine Club den ersten Bergsteigerverein der Welt aus der Taufe hob. Wer – natürlich nur männlichen Geschlechts – eine respektable Liste von Bergbesteigungen aufzuweisen hatte, konnte in den exklusiven Kreis aufgenommen werden. Damen konnten wegen ihrer geschlechtsbedingten physischen und psychischen „Defizite“ in diesen Kreis nicht aufgenommen werden. Daraufhin gründeten die Damen, darunter auch Ehefrauen von Herren des Alpine Clubs, 1907 natürlich auch in London den Ladies’ Alpine Club. Erst im Jahre 1975 waren die bergsteigenden Herren mental soweit, dass sie auch gipfelstürmende Damen in ihren Verein aufnehmen konnten; es hatte sich nun eine Mehrheit für eine Vereinigung des Ladies’ Alpine Club mit dem Alpine Club gefunden.

Die Absicht dieser Vereinsgründung war es, den Mitgliedern einen geeigneten Ort für Zusammenkünfte zu geben, wo sie sich zur Vorbereitung schwierigerer Bergtouren treffen und austauschen, sowie Karten und Bücher aus der im Aufbau befindlichen Vereinsbibliothek zurate ziehen konnten. „The members will occasionally dine together at their own expense, but the funds of the Club will be made available when on suitable occasions the Club is favoured by the presence of geographical explorers, or by that of other guests of celebrity. First circular concerning the Alpine Club, 1857.“ ( www.alpine-club.org.uk/alpineclub/ objectives.htm) Aus nachvollziehbaren praktischen Gründen wählte der Alpine Club anfangs Hotels zu seinem Vereinssitz.

In den Anrainerstaaten der Alpen begann ab den 1860er Jahren die fällige Gründungswelle: 1862 entstand der Österreichische Alpenverein, 1863 folgten der Schweizer Alpen-Club und der Club Alpino Italiano (noch unter dem Namen Club Alpino di Torino), 1869 der Deutsche Alpenverein und 1874 der Club Alpin Français. 1902 bildete sich jenseits des Großen Teichs der American Alpine Club.

Die drei Studenten Paul Grohmann, Edmund von Mojsisovics und Guido von Sommaruga gründeten 1862 in der Akademie der Wissenschaften in Wien den Österreichischen Alpenverein. Ort und Name der Beteiligten deuten schon an, dass es kein Verein für „Jedermann“ sein sollte. Man verstand sich jedoch als ein vielseitiger Kulturverein, der die Erforschung des Alpenraums, seine Kartierung, das Sammeln wissenschaftlicher Literatur über das Hochgebirge zu seinen wichtigsten Arbeitsgebieten erklärt hatte. In dieses Konzept gehörten auch die Weiterbildung der Mitglieder in Wien durch wissenschaftliche Vorträge, das Herausgeben von Jahrbüchern, Mitteilungen sowie topographischer Karten und schließlich auch die Gründung eines Museums.

Die Aktivitäten der Wiener Akademiker gingen zahlreichen österreichischen Bergfreunden an ihren mehr praktisch orientierten Interessen vorbei und sie gründeten gemeinsam mit deutschen Bergsteigern 1869 in München den Deutschen Alpenverein. Dieser schrieb sich die touristische Erschließung „Deutschen Alpen“ – sprich: der Ostalpen – auf die Fahnen. Die praktische Arbeit im Hochgebirge leisteten die Sektionen des DAV, die sich in den Städten des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns schnell gründeten. Im ersten Jahr entstanden Sektionen neben München beispielsweise in Frankfurt, Leipzig, Heidelberg, Salzburg, Innsbruck und Bozen. Die Sektionen engagierten sich im Wege- und Hüttenbau, bildeten Bergführer aus und setzten sich für die Belange der lokalen Bevölkerung in den Alpen ein (vgl. http://www.alpenverein.de/der-dav/geschichte-des-dav_aid_12067.html). Unverkennbares Zeichen des Engagements der Alpenvereinssektionen sind bis heute viele Berghütten mit Städtenamen, wie zum Beispiel die Bremer Hütte oder das Kölner Haus.

Für die Schweizer Bergfreunde war die Förderung der wissenschaftlichen und topographischen Erschließung ihrer Alpen Anlass, 1863 in Olten den Schweizer Alpen-Club zu gründen. Bewusst stellte man sich damit in einen Gegensatz zum Alpine Club in London, dem die sportliche Leistung der Gipfelbesteigungen vorrangig war (vgl. Perfahl (1984), S. 82). Einigkeit herrschte doch über den Ausschluss des weiblichen Geschlechts aus dem Verein: Sogar erst 1979 schaffte Mann die Vereinigung mit dem 1918 gegründeten Swiss Ladies’ Alpine Club!

Am Beispiel des 1874 gegründeten Club Alpin Français, der seit 2004 der traditionsreichste Teil der FFCAM (Fédération française des clubs alpins et de montagne) ist, lässt sich deutlich ablesen, dass sich ein Alpenverein heute nicht mehr ausschließlich für die Interessen von Bergsteigerinnen und Bergsteigern einsetzt, sondern das gesamte Spektrum der sportlichen Aktivitäten und des Naturerlebnisses im Alpenraum zum Arbeitsfeld erklärt. Alle Variationen des Wanderns, selbstverständlich für alle Zielgruppen – ohne Unterschied von Geschlecht, Alter und Bildung, wenn man die Anfänge der Alpenvereine betrachtet (!) – stehen heutzutage in ihrem Fokus.

♦ Literatur

OPPENHEIM, R. (1974): Die Entdeckung der Alpen. Verlag Huber Frauenfeld, Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg, Frankfurt.

PERFAHL, J. (1984): Kleine Chronik des Alpinismus – im Zusammenwirken mit dem Deutschen Alpenverein. Rosenheimer, Rosenheim.

♦ Websites

▶ Alpine Club

www.alpine-club.org.uk

▶ Deutscher Alpenverein

 www.alpenverein.de

▶ Fédération française des clubs alpins et de montagne

 www.ffcam.fr/ Club Alpin Français

 www.ffcam.fr/qui_sommes_nous.html#.VVmVA_BODg0

▶ Club Alpino Italiano

 www.cai.it

▶ Österreichischer Alpenverein

 www.alpenverein.at/portal

▶ Schweizer Alpen-Club

 www.sac-cas.ch

1.3.2 Der Touristenverein ‚Die Naturfreunde‘

Gleichberechtigung bei der Möglichkeit, sich in der Natur zu erholen und von Vergünstigungen für Vereinsmitglieder zu profitieren, war Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht angesagt. Arbeiterinnen und Arbeiter nahmen die damals existierenden Wander-, Berg- und Sportvereine nicht auf. Dies motivierte im März 1895 in Wien den Sozialisten und Lehrer Georg Schmiedl dazu, in der „Arbeiterzeitung“ einen Aufruf zu starten, um Gleichgesinnte zur Gründung einer „touristischen Gruppe“ zu finden. Zu Schmiedl kamen der Metallarbeiter Alois Rohrauer, sein Sohn Josef (Student phil.) und der Student Karl Renner (später Staatskanzler und Bundespräsident Österreichs) hinzu. Im September 1895 gründen daraufhin 185 Männer und Frauen in Wien den Touristenverein ‚Die Naturfreunde‘.

Es ging ihnen darum, das Recht des freien Zugangs zur Natur gegen die bürgerlich-privaten Interessen von Großgrundbesitzern durchzusetzen, die Natur als Quelle der Erholung zu erkunden und sich anzueignen, gemeinsam zusammenzutreffen, sich fortzubilden und Aktivitäten zu organisieren (vgl. Websites der österreichischen und deutschen Naturfreunde). 1906 beschloss die Ortsgruppe Graz, den Gruß „Berg frei“ zum Gruß der steirischen Naturfreunde zu machen, der dann vom gesamten Verein übernommen wurde und bis heute üblich ist. „Der kämpferische Gruß ist Ausdruck der Forderung nach dem Recht auf Freizeit in den Bergen nicht nur für Adel und Bürgertum“ (http://www.naturfreunde.de/cms/de/1_NaturFreunde/inhalte/1_Die_Organisation/index.php?channel=channel_1&Kennung=6593e02939c59db496f5ceed3a7ca36f&LN=4026&OF=de&PF=1926).

Im August 1905 wurde mit der 42. Ortsgruppe in München der deutsche Zweig des Vereins gegründet. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Gesamtverein fast 9.000 Mitglieder und darunter – revolutionär verglichen mit den Alpenvereinen – auch einen Frauenanteil von 15 %! Mit dem Bau von Hütten und Wanderheimen begann man ebenfalls: 1907 wurde das erste österreichische Naturfreundehaus auf dem Padasterjoch (2232 m NN) in den Stubaier Alpen (Tirol) eröffnet, 1911 das erste in Deutschland, das die Hamburger Naturfreunde am Rand der Lüneburger Heide erbaut hatten.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Aktivitäten der österreichischen Naturfreunde zum freien Zugang zur Natur von ersten großen Erfolgen gekrönt, denn in einigen Bundesländern Österreichs wurde das freie Wegerecht in den Bergen gesetzlich verankert. Die freie Begehbarkeit des Waldes sollte erst 1975 festgeschrieben werden. Ihrer Zeit weit voraus waren die Naturfreunde 1910, als sie den Naturschutz als Vereinsziel in ihre Statuten aufnahmen. Die Möglichkeiten, Skilaufen und Bergsteigen zu lernen, gab es für die Mitglieder ebenfalls ab 1905 bzw. 1918.

Die Nationalsozialisten verboten 1933 den Touristenverein Die Naturfreunde aus politischen Gründen. Bei der Gelegenheit beschlagnahmten sie auch die 428 Hütten und Häuser des Vereins und übertrugen die Gebäude linientreuen faschistischen Vereinen. 1945 begannen die Naturfreunde mit dem Wiederaufbau ihres Vereins; 1950 wurde aus dem Gesamtverein die Naturfreunde Internationale (NFI), die sich aus selbständigen Landesverbänden zusammensetzt.

♦ Websites

▶ Naturfreunde Österreich

www.naturfreunde.at

▶ Naturfreunde Deutschland

www.naturfreunde.de

1.3.3 Wandernde Jugend

Unabhängig von Erwachsenen entdeckten an der Wende zum 20. Jahrhundert auch Jugendliche den Aufenthalt in der Natur während der knappen Freizeit und das Wandern. Der besondere Reiz lag darin, Wanderfahrten zu organisieren, an denen keine Erwachsenen beteiligt waren, und die Freiheit auszukosten, sich nur in einer Gruppe von mehr oder weniger Gleichaltrigen zu bewegen. Aber es ging auch um Kritik am Großstadtleben und um die Entfernung bzw. Entfremdung von der Natur. 1901 gründeten junge Männer in einem Hinterzimmer des Steglitzer Rathauses den „Wandervogel-Ausschuss für Schülerfahrten e. V.“. Vom damaligen Berliner Stadtrand aus dehnte sich die Wandervogelbewegung in ganz Deutschland aus.

„Sie wurde Hauptbestandteil einer sich am Anfang des Jahrhunderts im Kaiserreich herausbildenden eigenständigen Jugendbewegung, die eine von der älteren Generation unabhängige, jugendspezifische Lebensform anstrebte. Ab 1904 bildeten sich über das ganze Deutsche Reich verbreitet verschiedene Wandervogel-Bünde, die sich 1913 zum Wandervogel e. V. mit 25.000 Mitgliedern zusammenschlossen. Erstmals war es mit dem Zusammenschluss nicht nur männlichen Gymnasiasten, sondern auch Mädchen und Volksschülern erlaubt, als Wandervogel den Lebensstil der Bewegung mit Wanderfahrten, Lagerleben, Volkstanz und -musik zu führen.“ (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltag/wandervogel/)

Doch auch unter der Führung von Erwachsenen gingen die ersten Jugend- bzw. Kindergruppen auf „Wanderfahrt“ – korrekter: Fußtour. Das größte organisatorische Problem war für solche Unternehmungen damals die Übernachtung. Erste Ansätze gab es zwar schon in einigen Regionen, wie zum Beispiel die Studenten- und Schülerherbergen, die der Fabrikant Guido Rotter im Sudetenland 1884 initiiert hatte. Diese Herbergen standen aber nur männlichen Studenten und höheren Schülern ab dem 16. Lebensjahr offen (vgl. HARTUNG (1959), S. 10)! 1889 riefen Bergwanderer bzw. Bergsteiger die Einrichtung der „Schüler- und Studentenherbergen des Deutsch- und Österreichischen Alpenvereins“ ins Leben. Auch andere Gebirgsvereine begannen, speziell für - männliche – Jugendliche, preiswerte Unterkünfte anzubieten.

Im August 1909 hatte der Lehrer Richard Schirrmann, der mit seiner Schulklasse eine achttägige Schulwanderung vom westfälischen Altena nach Aachen unternahm, die Idee für ein günstiges Quartier, die von einem Unwetter befördert wurde. Das übliche Quartier – eine Scheune – konnte er an jenem Abend nicht finden, wohl aber eine wegen der Schulferien leer stehende Dorfschule im Bröltal (Rhein-Sieg-Kreis), in die er schließlich Stroh bringen ließ. Aus dieser einfachen Unterkunft für seine Wandergruppe entwickelte er die „Volksschülerherberge“, d. h. die Ferienherberge im Schulhaus, von denen es 1910 bereits drei gab. 1912 öffnete auf der Burg Altena die erste Jugendherberge – zunächst nur während der Ferien; ab 1914 wurde sie ganzjährig betrieben. Lehrer Schirrmann wurde gleichzeitig auch erster Herbergsvater und lebte mit seiner Familie auf der Burg. „Von Altena ausgehend fasste die Bewegung vor allem in Holland, England und Schottland Fuß. 1931 existierten in Europa bereits zwölf Jugendherbergsverbände mit rund 2.600 Jugendherbergen.“ (http://www.djh-wl.de/de/jugendherbergen/altena-burg/ueber-uns/geschichte) 1932 wurde die International Youth Hostel Federation gegründet.

In den 1920er Jahren entdeckten auch einige der inzwischen etablierten Wander- und Bergvereine die Jugendarbeit, so beispielsweise im Alpenverein (zu jener Zeit: DuOeAV). 1927 wurde die Jugendarbeit in die Vereinssatzung aufgenommen; in Sektionen entstanden nach Geschlechtern getrennt Jugendgruppen – mehr für Jungen, denn für Mädchen.

Trennung und Ausgrenzung oder Einverleibung sollten unter der Herrschaft der Nationalsozialisten auch vor den Wandervereinigungen nicht haltmachen; doch diese Strömungen begannen schon früher. „Der verlorene Erste Weltkrieg, die Gebietsverluste Deutschlands und Österreichs, die enormen Reparationszahlungen sowie die daraus resultierenden großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sorgten für eine starke Verbreitung deutschnationaler und völkischer Ideen. Mit einher ging ein radikaler Antisemitismus. Dies schlug sich auch im Alpenverein nieder. 1920 wurde der Antrag an den Dachverband des Alpenvereins gestellt und genehmigt, dass Sektionen offiziell Arierparagrafen in ihre Satzung aufnehmen durften und damit die Mitgliedschaft von Juden ausschließen konnten. In der Folge führten zahlreiche Sektionen Arierparagrafen ein, vor allem in Österreich, aber auch in München und Berlin.“ (http://www.alpenverein.de/DAV-Services/Broschueren/?searchKey=Ausgeschlossen+-+J%C3%BCdische+Bergsportler+und+der+Alpenverein)

Wandern, Bergsteigen, der gemeinsame freundschaftliche Aufenthalt in der Natur – unabhängig von Alter, Geschlecht, gesellschaftlicher Stellung und anderen soziologischen Kriterien – wurde in vielerlei Hinsicht von offizieller Seite verhindert oder für eigene Zwecke instrumentalisiert. So sollte es in den ausgehenden 1940er Jahren und danach zu einer großen „Wiedergründungswelle“ bei Vereinen und Institutionen rund um das Wandern kommen: 1945 Wiedergründung der Landesverbände der Naturfreunde, 1949 des Hauptverbands des Deutschen Jugendherbergswerk, 1950 des Österreichischen Alpenvereins und des Deutschen Alpenvereins.

♦ Literatur

GÖTZ, K. (1959): 50 Jahre Jugendwandern und Jugendherbergen, 1909–1959. Deutsches Jugendherbergswerk (Hrsg., Verlag), Detmold.

HARTUNG, K. (1959): Das Jugendherbergswerk in Westfalen-Lippe. 50 Jahre DJH-Werk. Jugendherbergswerk Westfalen-Lippe, Hagen.

♦ Websites

▶ Deutscher Alpenverein (DAV)

www.alpenverein.de

▶ Jugend des Deutschen Alpenvereins

www.jdav.de/Jugendarbeit/

▶ Geschichte Jugendherbergen (Beispiel)

www.djh-wl.de/de/jugendherbergen/altena-burg/ueber-uns/geschichte

▶ Übersicht Wandervogelverbünde

www.wandervogel.de/

▶ Wandervogel Deutscher Bund

www.wvdb.de/

▶ Die Wandervogelbewegung

www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltag/wandervogel/

1.4 Die Erfindung von touristischen Wanderwegen

In diesen Ausführungen geht es um die Wanderwege, konkreter um Fernwanderwege der „ersten Stunde“. Dieses Kapitel Wandergeschichte in Deutschland muss mit dem Westweg und dem Schwarzwaldverein beginnen. Der älteste deutsche Höhenweg wurde im Jahr 1900 vom Badischen Schwarzwaldverein durch Philipp Bussemer aus Baden-Baden und Julius Kaufmann aus Lahr angelegt. Die Idee eines durchgehenden Höhenwanderwegs von Nord nach Süd war damals bereits sechs Jahre alt.

Im Spätherbst wurden in einer Sitzung der „Höhenwegsbezeichnungskommission“ auf dem Feldberg die Grundsätze der Markierung des „Höhenwegs Pforzheim–Basel“ festgelegt. Der rote Rhombus auf weißem Untergrund, der bis heute das Zeichen des Westwegs ist, wurde dafür ausgewählt. Zunächst ging man mit der Schablone für den Rhombus ins Gelände, aber auch weiße Zinkplatten mit dem Rhombus in den Maßen von 10 x 16 cm wurden als Vormarkierungen angebracht. Für die Hauptinformation sah man hölzerne Wegweiser mit Schildern aus 24 mm dickem Eichenholz vor. „Jeder Wegweiser erhält als Text die Überschrift: ,Höhenweg Pforzheim–Basel‘, darunter den rot ausgeführten Rhombus, seitlich das Schwarzwaldvereinszeichen und unter dem Rhombus die Ortsangaben, die an den Hauptabzweigungen die Entfernungen in Kilometer enthalten. Hervorragende Höhenpunkte werden mit Höhentafeln versehen, die außer der Ortsbezeichnung die Angabe der Höhe ü. d. Meer tragen.“ (BUSSEMER (1901), Spalte 2)

Das Wegemanagement organisierte die Kommission bereits in „moderner“ Weise, indem sie die Sektionen, durch deren Gebiete der Höhenweg Pforzheim – Basel verlief, mit den Arbeiten betraute – und diese „alljährlich aufs gewissenhafteste zu kontroliren [sic!] und in Verlust geratene Markierungszeichen [sic!] und Wegweiser nötigenfalls auf Kosten des Hauptvereins wiederum zu ersetzen.“ (a. a. O., Spalte 3)

1903 bekam dieser Höhenweg Gesellschaft: Der Württembergische Schwarzwaldverein „erfand“ seinen von Pforzheim nach Schaffhausen verlaufenden Ostweg sowie den Mittelweg von Pforzheim nach Waldshut.

Im Laufe der Zeit musste die Wegführung an zahlreichen Stellen verändert werden, da in den mehr als hundert Jahren in den Orten natürlich neue Wohngebiete und neue Straßen entstanden waren, Feld- und Waldwege asphaltiert und Land- bzw. Bundesstraßen ausgebaut worden waren. Die historische Trasse möchte heute niemand mehr wandern. Nach den Kriterien eines Qualitätswegs Wanderbares Deutschland (→ Kap. 6.1) gab es auf den 285 Kilometern zwischen Pforzheim und Basel reichlich Handlungsbedarf. 2006 erhielt der Westweg erstmals dieses Prädikat. In dem Zusammenhang hatte man auch die Trennung des südlichen Westwegs in eine östliche und westliche Variante vom Bärental an den Titisee verlegt.

In Thüringen besteht man ebenfalls darauf, den ältesten deutschen Fernwanderweg zu besitzen. Als historischer Weg, auf dem das Gros der Bevölkerung zu Fuß unterwegs war, reicht der Rennsteig als ehemaliger Grenzweg zwischen Franken und Thüringen bis ins Mittelalter zurück. An diese Funktion erinnern heute noch ca. 1.300 historische Grenzsteine am Wegesrand. Der Rennsteig ist in voller Länge als Denkmal in das Denkmalbuch des Freistaates Thüringen eingetragen, zahlreiche Abschnitte des „Pläncknerschen Rennsteiges“ (siehe unten) sind noch weitgehend im originalen Zustand erhalten. In diesen Abschnitten reicht der Gültigkeitsbereich des Kulturdenkmalensembles auf beiden Seiten des Rennsteiges jeweils 50 Meter (http://www.rennsteigverein.de/naturschutz.html).

♦ Wissen: Der Rennsteig: Weg für Eilige

Die Bezeichnung Rennsteig ist kein Monopol für diesen historischen Weg; es gibt weit über zweihundert Rennsteige in Deutschland. Das Wort leitet sich vom „Rynnestig“ ab und „setzt sich aus „rinnen“, im Mittelalter mit der Bedeutung „sich schnell bewegen“, davon abgeleitet „rennen“ = „zum raschen Lauf veranlassen“, und „stig“ = „ansteigender Pfad“ zusammen. Rennsteige waren demnach Wege zur raschen Fortbewegung, im Gegensatz zu den fahrbaren Heerstraßen schmale Lauf- oder Reitwege, auf denen man Boten oder Reiterscharen nach einem rasch zu erstrebenden Ziel sandte. Der Rennsteig des Thüringer Waldes ist somit als ein Höhenunterschiede überwindender Bergpfad zu erklären, auf dem man sich schnell vorwärtsbewegen konnte.“

Quelle: www.rennsteigverein.de/rennsteig.html

1829 wanderte der Topograph Julius von Pläckner von Blankenstein an der Saale den kompletten Rennsteig bis nach Hörschel an der Werra. Dabei beschrieb und kartographierte er die ca. 168 km lange Strecke; aus dieser Feldarbeit wurde sein „Taschenbuch für Reisende durch den Thüringerwald“, das 1832 erschien – also der erste Wanderführer für den Rennsteig. Das neue Naturgefühl der Romantik brachte auch die ersten Scharen von Wanderer.

Zum „modernen“ Wanderweg wurde der Rennsteig zum Ende des 19. Jahrhunderts, denn Pfingsten 1896 gründete man den Rennsteigverein mit dem Zweck: „[...] den Rennsteig des Thüringer Waldes touristisch zu erschließen und geschichtlich zu erforschen“ (a. a. O.). Natürlich machte man sich auch den Erhalt und die Pflege des historischen Wegs über die Kammhöhe des Thüringer Walds zur Aufgabe, aber ebenso die Erforschung, Erschließung, Erwanderung aller Rennsteige des deutschen Sprachgebietes wurden in der neuen Satzung von 1993 wieder mit verankert.

♦ Rennsteig-Knigge

Nicht wundern! Auf dem Rennsteig grüßt man sich mit „Gut Runst!“

Im Unterschied zur Neuschöpfung Westweg handelt es sich beim Rennsteig um einen historischen Weg, von dem noch ca. 121 Kilometer Originalstrecke sind, die restliche Strecke wurde nach den Vorgaben eines Qualitätswegs Wanderbares Deutschland verändert. Aktuell (2016) besitzt der Rennsteig jedoch nicht mehr dieses Gütesiegel. Im Juli 2017 wird der Rennsteigverein den Deutschen Wandertag (→ Kap. 3.4.4) ausrichten.

♦ Literatur

BUSSEMER, Ph. (1901): Die Thätigkeit der Höhenbezeichnungskommission. In: Monatsblätter des Badischen Schwarzwaldvereins, 4. Jg. Nr. 1, Spalte 1–10.

♦ Websites

▶ Mehr zum Westweg  www.schwarzwaldverein.de/wege/fernwanderwege/westweg.html

www.westweg.info

▶ Mehr zum Rennsteig

www.rennsteigverein.de/rennsteig.html

www.rennsteig.de

www.rennsteigverein.de/naturschutz.html

♦ Zusammenfassung

 Die Füße sind das älteste Fortbewegungsmittel des Menschen, mit deren Hilfe von der Antike, über das Mittelalter bis ins ausgehende 19. Jahrhundert aus beruflichen Gründen Fernwanderungen von beachtlichen Entfernungen zurückgelegt wurden.

 Ein Beispiel für einen historischen Weg, der auch als touristischer Fernwanderweg der „1. Stunde“ zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, ist der Thüringer Rennsteig.

 Die historische Wanderung aus überwiegend spirituellen Gründen ist die so genannte „Pilgerfahrt“ auf dem europäischen Netz des Jakobswegs, zu dem bereits im Mittelalter eine Infrastruktur gehört, die auf die Bedürfnisse der Fernwanderer ausgerichtet ist.

 Infrastrukturen und andere Dienstleistungen für das „moderne“ Wandern, anfangs als Teil der Erholung und später auch als Teil der Freizeitgestaltung, schaffen die Wandervereine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

 Diese Vereine, wie zum Beispiel die Alpenvereine und der Touristenverein ‚Die Naturfreunde‘, sind bis heute – doch erfreulicherweise ohne die einstigen Klassen- oder Geschlechterschranken – aktiv.

 Alpenvereinshütten, Naturfreundehäuser und Wanderheime werden weitergeführt.

 Aus dem klassischen Wanderverhalten lassen sich Ideen für neue Angebote oder Events gewinnen nach der Devise „Alles kommt wieder“.

2 Wanderer heute

Das Wandern hat sein schlechtes Image längst wieder verloren und ist bei vielen, eigentlich allen Bevölkerungsgruppen mehr oder weniger in Mode gekommen. Auf den ersten Blick – vor allem denjenigen auf Homepages und Prospekte – scheint der Anteil junger Menschen gestiegen. Doch steckt dahinter nur eine Werbemasche? Unverändert umfasst die größte Gruppe die Wanderer fortgeschrittenen Alters, die Best Ager, die in Wald und Flur anzutreffen sind. Die Fortbewegung draußen per Pedes ist zu einem Massenphänomen geworden; ein Zeichen dafür: Outdoorkleidung ist allgegenwärtig und die Wanderausrüstung gibt es in regelmäßigen Abständen selbst beim Discounter. Trotz der vielen Gelegenheiten, preisgünstig an Wanderkleidung zu kommen, sind Wanderer nicht unbedingt Leute, die auf preiswertes Freizeit- oder Urlaubsvergnügen angewiesen sind, sondern eine durchaus zahlungskräftige Klientel.

Die technikaffinen jüngeren Leute locken GPS-Touren und Geocaching (→ Kap. 7.6) in die Landschaft, wo sie vor der Erfindung und Verbreitung der handlichen Geräte kaum anzutreffen waren. Auf den Nachwuchs setzt die Wander- und Tourismusbranche ebenfalls, indem spezielle Familienwanderwege (→ Kap. 7.2 und 7.3) angelegt werden. Ein engerer Kontakt zur Natur schon von Kindesbeinen an hat heutzutage noch größere Bedeutung bekommen, als es nur die ohnehin schon seltener gewordene Bewegung an frischer Luft für „Computer-Kids“ bedeuten mag. Wandern ist gut für Körper, Seele und Geist nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder, die damit einige Zivilisationsschäden minimieren können.

♦ Auf einen Blick

In diesem Kapitel werden folgende Aspekte und Fragen behandelt:

 Wandern passt für viele zum aktuellen Lebensgefühl, zum Bedürfnis, etwas Gutes für sich und seine Gesundheit zu tun. Auch der Wunsch, Authentisches zu erleben, gehört zum zeitgenössischen Wanderer.

 Welche Gruppen schnüren wie oft die Wanderschuhe und ziehen in welcher Gesellschaft los?

 Welche Wanderarten kann man unterscheiden?

 Wandern ist für viele Jugendliche uncool – was sie aber doch vom Computer weglocken kann.

 Natur – ein Fremdwort für Kinder? Die Entfremdung von der Natur gehört heute zur Kindheit und hat weitreichende Folgen, die man nicht ignorieren sollte.

 Ein Plädoyer für das Schulwandern.

 Auf welche Trends im Wandertourismus sollten sich Touristiker aktuell einstellen?

2.1 „Outdoor ist in“ – eine traditionsreiche Fortbewegungsart erlebt einen Boom?

Zu Fuß durch die Landschaft gehen, ist das wesentlichste Merkmal des Wanderns – aber auch des Spazierengehens, des Spazierwanderns, des Bergsteigens, Trekkings, Nordic Walkings und der einen oder anderen Fortbewegungsart mehr. Den Versuch einer Abgrenzung verschiedener Wanderarten bietet das → Kap. 2.3.2, doch die grundlegende Unterscheidung zwischen Spazierengehen und Wandern soll an dieser Stelle erfolgen.

An einer allgemein verbindlichen Definition des Wanderns fehlte es lange Zeit. „Vor diesem Hintergrund wurde im Forschungsauftrag der vorliegenden Studie ausdrücklich die Bildung einer Definition gefordert, die auf Grundlage des empirischen Befundes entwickelt und als allgemeingültig angesehen werden kann.“ (BMWI (2010) S. 20) Als gängige Unterscheidung zwischen Wandern und Spazierengehen gilt seit 2002 die Begriffsabgrenzung des DTV/DWV.

Tab. 1: Begriffsabgrenzung Wandern und Spazierengehen nach DTV/DWV


WanderungSpaziergang
Zeit +/-1/2 Tag+/- 1 Stunde
Länge+/- 13 kmwenige km
Geschwindigkeitmoderat bis zügiggemächlich
VorbereitungPlanung, Materialstudiumkeine
AusrüstungAllwetterbekleidung, Gepäck, VerpflegungRegenschirm, Mantel
MotiveNaturerlebnis, körperliche HerausforderungBeine vertreten, frische Luft schöpfen
Aktionsraumüberwiegend ortsfernüberwiegend ortsnah

Quelle: DTV/DWV 2002, S. 11

Diese Definitionen geben immer noch Anlass zu Diskussionen beispielsweise unter Sportmedizinern oder Touristikern. „Sportmediziner verbinden das Wandern mit einer gewissen – sportlichen – Mindestgeschwindigkeit: Wandern beginnt bei einem Fußmarsch mit einer Mindestgeschwindigkeit von 5 bis 6 km/h. Aus touristischer Sicht ist diese Auslegung jedoch unrealistisch, da sie Streckenprofil und landschaftlichen Charakter vernachlässigt und den Umstand außer Acht lässt, dass gerade bei touristischer Betrachtung in der Regel der leistungsorientierte Charakter des Wanderns etwas in den Hintergrund tritt. So kommt ein mäßig trainierter Mittelgebirgswanderer auf einen Schnitt von ca. 3 bis 5 km/h und liegt damit deutlich unter der sportmedizinischen Definition (vgl. DTV/DWV 2002, S. 10)“ (a. a. O., S. 20).

Für die touristische Praxis besteht ein Konsens, eine Mindestdauer von zwei Stunden – nicht mit der Stoppuhr gemessen (!) – und die Motivation zu der Tour, beispielsweise die Suche nach dem Naturerlebnis, nach Entspannung, dem Wunsch, etwas für die Gesundheit zu tun und Neues kennenzulernen, als entscheidende Kriterien einer Wanderung zu verstehen. Die überwundene Entfernung soll dabei keine Rolle spielen. „Das sehr unspezifische Schlagwort vom „Genußwandern“ umschreibt diese Kombination unterschiedlicher Motive, bei denen das Natur- und Kulturerlebnis vor der sportlichen Motivation steht. Trotzdem weist das Wandern eine sportliche Komponente auf: Die körperliche Beanspruchung, die zusätzlich zu den alltäglichen Bewegungsformen ausgeübt wird. Wandern wird freiwillig ausgeübt und dient in Kombination mit den genannten Motiven einem Selbstzweck.“ (vgl. Menzel et al. 2008, S. 15) (a. a. O., S. 21)

Trotz der fließenden Übergänge von der Wanderung zum Spaziergang soll eine Definition bzw. Abgrenzung vorgenommen werden. Im Unterschied zur Wanderung ist das Spazierengehen eine „eher spontan und ohne spezielle Ausrüstung und Vorbereitung durchgeführte Aktivität“ (a. a. O., S. 21), die weniger Zeit in Anspruch nimmt. Befragungen zur durchschnittlichen Dauer eines Spaziergangs bzw. einer Wanderung haben Folgendes zutage gebracht: „Die durchschnittliche Dauer eines Spaziergangs wird von der Gesamtbevölkerung – also sowohl Wanderer als auch Nicht-Wanderer – mit ca. 1:22 Stunden angegeben, die durchschnittliche Dauer einer Wanderung dagegen mit 2:39.“ (a. a. O.) Aber auch bei der Frage der Dauer einer „richtigen“ Wanderung brachten Untersuchungen höchst unterschiedliche Werte. So bezeichnen 20 % der Bevölkerung schon eine Tour von einer Stunde Dauer als Wanderung, während ein Drittel eine Zeit von drei bis vier Stunden als Kennzeichen einer Wanderung angibt. Für 10 % der Befragten fängt dagegen eine Wanderung erst bei mehr als vier Stunden Gehzeit an (vgl. a. a. O., S. 22). So viel Relativität wird dem Touristiker in der praktischen Arbeit einerseits auch nicht unbedingt helfen, andererseits lässt sie ganz viel Freiheit!

Betrachtet man das Qualitätsmanagement an Wanderwegen, wie es die Qualitätswege Wanderbares Deutschland oder die Premiumwege voraussetzen, dann wird auch das Unterscheidungsmerkmal einer Planung und eines Materialstudiums hinfällig. Nach den Vorgaben ist es möglich, eine solche Wanderung ohne nennenswerte Vorbereitung durchzuführen. Die richtigen Schuhe und eine dem Wetter angepasste Kleidung anzuziehen kann schon reichen, und damit wäre man schon nah an den geringeren Voraussetzungen eines Spaziergangs.

„Aus den Befragungsergebnissen wurde eine Definition für das Wandern abgeleitet und durch den Projektbeirat im Januar 2010 einstimmig beschlossen:

♦ Wissen: Wandern

Wandern ist Gehen in der Landschaft. Dabei handelt es sich um eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert.

Charakteristisch für eine Wanderung sind:

 eine Dauer von mehr als einer Stunde,

 eine entsprechende Planung,

 Nutzung spezifischer Infrastruktur sowie

 eine angepasste Ausrüstung.

Diese Definition umfasst sowohl touristische Wanderungen im Rahmen von Urlauben oder bei reinen Wanderurlauben. Sie umfasst aber auch die Wanderungen, welche im Rahmen der Naherholung durchgeführt werden und bei denen teilweise deutlich kürzere Distanzen zurückgelegt werden.“ (a. a. O., S. 23)

In die Definitionsdiskussion bringt BRÄMER (4/2015, S. 10f.) noch die Variante des Spazierwanderns ein, eines Wanderns „light“; die Wortschöpfung weist er bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nach. Bei dem Begriff erlauben die Wortbestandteile schon eine erste Einordnung: Es handelt sich um „wanderähnliche Spaziergänge von im Schnitt etwa 2 h Dauer und 5 km Länge – mit einer Spanne von 3 bis 7 km bei fließendem Übergang. Eine solch moderate Spazierwanderung stellt sich nicht als großes, eingefleischte Spaziergänger abschreckendes Unternehmen dar, sondern entspricht dem modernen Freizeitrhythmus im Zweistundenraster.“(a. a. O., S. 11) Als wesentlichen Unterschied zu kurzen Wanderungen sieht der Autor, dass das Spazierwandern dem Zeitgeistanspruch nach Entschleunigung noch näherkommt als das Wandern, das für viele immer auch noch mit Mühen verbunden sei (vgl. a. a. O.). Der Grund für diese Differenzierung folgt sofort: „Damit wäre dann auch ein eigenständiger Begriff gefunden, dessen es bedarf, um ein neues Marktsegment zu begründen“ (a. a. O.). Als Gegensatz zum anstrengenden, sportlichen oder „Hardcore-Wandern“ taucht das Spazierwandern auf und bezeichnet Menschen zwischen ambitionierten Spaziergängern und genussorientierten Kurzwanderern.

Ist damit eine neue Zielgruppe für Wanderdestinationen gefunden? Gibt es Unterscheidungsmerkmale zu denen, die bereits bekannt sind, denen man die passende Infrastruktur und verlockende Angebote offeriert? BRÄMER sieht Chancen dieser Wanderform als „Einstiegsdroge für Nichtwanderer“, aber auch als Baustein für Veranstaltungsprogramme, als Teil einer gesundheitlichen Prävention, Rehabilitation und eines barrierefreien Angebots sowie weiteren Möglichkeit, Bildung und Abenteuer mit dem Wandern zu verbinden.

Wie steht es aktuell um den Trend Wandern im Allgemeinen – ohne eine Unterscheidung nach den möglichen Arten? Das Bild ist keineswegs einheitlich, verschiedene Studien kommen zu verschiedenen Ergebnissen. BRÄMER bewertet in seiner Publikation von 2015: „Es gibt keinen neuen Wanderboom. Erst recht nicht unter jungen Zeitgenossen“ (http://wanderforschung.de/files/kein-neuer-wanderboom-2015_1503181607.pdf) die Entwicklungen seit der Jahrtausendwende und ihre Interpretationen als neue Wandermythen. „Danach befinden wir uns nach wie vor im Wanderboom, ständig werden neue Fernwanderwege eröffnet und auf Wanderprospekten gehen junge Menschen strahlend quer über Wiesen. Wesentlichen Anteil an der Fortschreibung dieses Wandermärchens hat der Deutsche Wanderverband DWV, die Lobbyorganisation der organisierten Wanderer (welche allerdings lediglich 2 % der Wanderer organisiert).“ (a. a. O., S. 1f.)

Die Vergleichbarkeit und die kritische Analyse der aktuellen Untersuchungsergebnisse – Boom oder nicht, das ist hier die Frage – sei BRÄMER als langjährigem wie kompetentem Kenner der Wanderszene überlassen. Als ein Beispiel für die eingeschränkte Vergleichbarkeit von Studien sei genannt, dass es ein höchst wahrscheinlich verzerrtes Bild von Wanderern gibt, wenn die Umfrage ausschließlich online durchgeführt wird. Ein größerer Teil der Wanderer gehört der in der Regel nicht so technikaffinen Altersgruppe an, wohl aber mehr der Gruppe der häufigen Wanderer; diese werden bei einer solchen Befragungsmethode vermutlich unterrepräsentiert sein, während der höhere Anteil jüngerer Personen ein schiefes Bild ergibt – und man daraus den vielleicht falschen Schluss ziehen könnte, dass mehr junge Leute nun die Wanderschuhe schnüren!

Einige Resultate aus den neueren Untersuchungen, die dem Touristiker vor Ort als nützliches und derzeit aktuelles Hintergrundwissen vielleicht helfen könnten, seien im Folgenden kurz skizziert. So konstatiert BRÄMER (vgl. a. a. O., S. 2), dass der Anteil der „bekennenden“ Wanderer von rund 60 % um die Jahrtausendwende, auf 54 % für das Jahr 2010 und auf geschätzt 48 % im Jahr 2015 gesunken sei. Für den Zeitraum seit 2010 macht er einen Schwund des Stammpublikums aus, bei den Gruppen, die mehrmals monatlich wandern, wie bei denen, die einmal im Monat und seltener auf Tour gehen, sind die Zahlen gesunken. „Es ist vor allem das touristisch wichtige Stammpublikum, welches allmählich wegbricht.“ (a. a. O., S. 3) Dazu passt, dass die Motivation zum Wandern nachgelassen habe. Bei einzelnen Motiven sind Verluste von mehr als 10 bis über 20 % zu verzeichnen. Von einem neuen Wanderboom könne keine Rede sein, so der Autor.

Einem weiteren „Zeitgeistklischee“ ist er beim Anteil junger Wanderer zwischen 14 und 29 Jahren auf der Spur. „Auch wenn Wanderklamotten nach wie vor weit über die Outdoorszene hinaus up to date sind, gehören die Stichworte ,Boom‘ und ,jung‘ mittlerweile in den Bereich der Legendenbildung.“ (a. a. O., S. 4) In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts konnten zahlreiche Untersuchungen eine „Wiederentdeckung“ des Wanderns in dem besagten Alter ausmachen, doch der Anteil wandernder junger Leute ging von 58 % (2001) stetig zurück auf 36 % (2015).

„Die Schrumpfungstendenz des Wandermarkts setzt sich also fort, obwohl dieser sich in den letzten Jahren auf der Angebotsseite mit diversen Qualitätsprodukten regelrecht neu erfunden hat.“ (a. a. O.)

Das Interesse an der Natur und ihre Wertschätzung haben nach Befragungen des Bundesamts für Naturschutz in den vergangenen Jahren abgenommen.

Tab. 2: Persönliche Bedeutung von Natur

Diesseitsparadies – Das Bundesamt für Naturschutz fragt in seinen „Naturbewusstseinsstudien“ seit 2009 nach der „persönlichen Bedeutung von Natur“.


jadavon ja, voll und ganz
„Ich versuche, so oft wie möglich in der Natur zu sein“75/75/8531/33/41
„Es macht mich glücklich, in der Natur zu sein“85/86/9141/41/52
„Natur bedeutet für mich Gesundheit und Erholung“91/93/9553/58/60
„Ich fühle mich mit Natur und Landschaft in meiner Region eng verbunden“ 81/81/8436/38/43
Quelle: BRÄMER (a. a. O., S. 5)Antwortquoten in % jeweils 2013/2011/2009

Entgegen dem Trend eines nachlassenden Interesses an der Natur und an der Bewegung in ihr sieht BRÄMER einen Gewinner: „Denn die gezielt qualitätsoptimierten und zertifizierten Wege haben meist Jahr um Jahr an Akzeptanz gewonnen. Insofern belegen auch die vorliegenden Daten einmal mehr die Notwendigkeit, sich engagiert dem Wettbewerb um die Publikumsgunst zu stellen.“ (a. a. O.)

Weitere Informationen über den „Homo migrans“, seine Verbreitung und sein artspezifisches Verhalten sind dem nachfolgenden → Kap. 2.2. zu entnehmen.

2.2 Wer wandert heutzutage wann und wo?

Zu Zahlen, Verteilung und Struktur der Wanderer liefert die vom BUNDESMINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT UND TECHNOLIGIE in Auftrag gegebene Studie (BMWI (2010)) relativ aktuelle Informationen, die die eingangs gestellte Frage beantworten können und damit auch Auskunft über grundlegende Aspekte des Wandermarkts in Deutschland geben können.

Bei der Gesamtnachfrage Wandern kam heraus: „Insgesamt können 56 % oder fast 40 Mio. Personen der deutschen Bevölkerung ab 16 Jahren als aktive Wanderer bezeichnet werden.“ (BMWI (2010), S. 24) In dieser Gesamtzahl der Befragten verbergen sich alle Wanderer mit sehr unterschiedlichem Drang ins Grüne: 15 % von ihnen gaben an, regelmäßig zu wandern, 23 % nur gelegentlich und 18 % eher selten – 44 % der Befragten haben mit Wandern nichts am Hut. Mit einem Wert von mehr oder weniger 56 % liegt die grundsätzliche Wanderintensität nach weiteren Studien und einem Blick wenige Jahre zurück konstant auf diesem Niveau. Wie oft die Wanderer im Laufe eines bestimmten Zeitabschnittes ihre Wanderschuhe schnüren, wurde ermittelt. Wiederum ausgehend von der Gesamtmenge aller Befragten, d. h. inklusive der erklärten Nicht-Wanderer, ist festzuhalten:


Abb. 1: Wanderhäufigkeit (vgl. BMWI (2010), S. 24)

Wie steht es um die Wanderintensität innerhalb verschiedener Altersgruppen? „Jüngere wie ältere Menschen wandern. Die Regelmäßigkeit der Aktivität Wandern ist allerdings stark vom Alter abhängig: Mit zunehmendem Alter steigt die Bereitschaft zu wandern deutlich an.“ (a. a. O., S. 25) Die stärksten Gruppen unter den regelmäßigen Wanderern sind in der Altersklasse 65 bis 74 Jahre mit 28,4 % zu finden, gefolgt von den 55- bis 64-Jährigen mit 19,1 %. Unter den jungen Leuten von 16 bis 24 Jahren geben gerade einmal 5,3 % an, regelmäßig zu wandern. Bei der Gruppe der gelegentlichen Wanderer liegen die prozentualen Anteile der einzelnen Lebensdekaden längst nicht so weit auseinander. Größere Unterschiede bzw. eine markante Abnahme finden sich bei denen, die eher selten wandern: Hier geht der Wert von 27,4 % bei der jüngsten Altersgruppe der Untersuchung stetig zurück bis auf die Gruppe der über 75-Jährigen, von der 9,2 % nur noch selten wandert. Unterschiede in der Wanderintensität zwischen Frauen und Männern konnten dagegen nicht festgestellt werden.

Interessant ist die Frage zum geographischen Aspekt der Wanderlust: Gibt es regionale Unterschiede? Da bei den Ergebnissen der oben zitierten Studie Personengruppen gefunden wurden, die so häufig wandern, dass es sich nicht ausschließlich um Urlaubsaktivitäten handeln kann, spielt der Aspekt Tagestourismus hier eine wichtige Rolle und das kann nun auch andere Wandergebiete betreffen als die „klassischen“ Wanderdestinationen. Oder es wäre auch eine grundlegende Überlegung, ob man in den entsprechenden Bundesländern Geld für Werbe- und Marketing-Aktionen ausgeben sollte, wenn dort die erklärten Nicht-Wanderer dominieren. Es gibt in Deutschland ein markantes Süd-Nord-Gefälle, was die Neigung zu wandern betrifft, das heißt die mit Abstand meisten Wandermuffel sind in den nördlichen Bundesländern zu finden. 66 % der Befragten in Schleswig-Holstein gaben an, nie zu wandern, in Hamburg und in Brandenburg liegt ihr Anteil auch noch deutlich über der 50-Prozent-Marke.

Als südlichstes Vorkommen von Nie-Wanderern (ca. 60 %) fällt das Saarland auf. Diese Tatsache überrascht, denn die Mittelgebirgsregionen gehören zu den beliebtesten Wanderregionen – nicht nur als Zielgebiete, sondern auch als Quellgebiete für den Wandertourismus. „Die höchsten Anteile aktiver Wanderer finden sich dagegen in den Mittelgebirgsregionen Deutschlands: Die Bevölkerungen von Thüringen und Sachsen weisen mit Abstand die größte Wanderintensität auf – rund 70 % der Bewohner zählen sich zu den aktiven Wanderern. Überdurchschnittlich hoch ist die Wanderintensität auch in den Stadtstaaten Berlin und Bremen (ca. 59 % bzw. 58 %).“ (a. a. O., S. 25) Bekanntermaßen sind es nicht bergige Landschaften, die hier zum Wandern motivieren könnten, sondern wohl eher der Drang „Aus grauer Städte Mauern zieh‘n wir durch Wald und Feld“.

Welche Vorlieben für Landschaftsformen die aktiven Wanderer allgemein oder auch nach den Herkunfts-Bundesländern haben, wurde in der Studie des Wirtschaftsministeriums ebenso ermittelt. Bei den Wanderpräferenzen steht das Mittelgebirge an erster Stelle, rund 40 % der Viel-Wanderer bevorzugen diese Regionen. An zweiter Stelle stehen mit rund 30 % in der Beliebtheitsskala das Flachland und die Küstenregionen. Abgeschlagen scheint das Hochgebirge, das nur 9 % der Wanderer als ihr bevorzugtes Gebiet bezeichnen. Das Gros der Hochgebirgsliebhaber kommt dagegen aus Regionen, die räumlich wie topographisch von den Alpen weiter entfernt liegen. „Die aktiven Wanderer aus Hamburg (ca. 18 %) und Mecklenburg-Vorpommern (16 %) zeigen mit Abstand die höchsten Präferenzen für das Hochgebirge als Landschaftsform zum Wandern – gefolgt von Sachsen, Saarland, Nordrhein-Westfalen und Berlin.“ (a. a. O., S. 26)

Bei den Bewohnern von Flachland- bzw. Mittelgebirgsregionen fällt auf, dass diese auch die Landschaftsformen, in denen sie leben, zum Wandern bevorzugen. Die aktiven Wanderer und Einwohner von Schleswig-Holstein, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg bevorzugen zu jeweils knapp über 50 % das platte Land, während es die Rheinland-Pfälzer zu ca. 52 %, Sachsen-Anhalter (ca. 54 %), Sachsen (sogar 63 %) und Thüringer (ca. 64 %) mit dem Mittelgebirge halten. Das größte landschaftliche Spektrum als Heimspiel haben die Bayern; für 45 % der Vielwanderer sind das Alpenvorland und das Allgäu die bevorzugten Wanderregionen. Die deutlichen Präferenzen für die Landschaften in der relativen Nähe sind wiederum ein Indiz dafür, dass der Wandertourismus als Tagestourismus oder in Form einer kurzen Reise, wie zum Beispiel eines Wochenendaufenthalts, eine nicht unbedeutende Rolle spielt.

Nach der alten Wandererregel „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ ist ganzjährig Wandersaison. Natürlich möchte nicht jeder ständig seine Funktionskleidung auf Wasser abweisende oder wärmende Fähigkeiten testen, so dass es schon einen deutlichen Anstieg in der Zahl der Wanderungen im Sommer – mit einem Maximum im August und September – gibt. Aber auch in den Wintermonaten von November bis Februar zieht es noch gut 20 % der Wanderer in die Landschaft.


Abb. 2: Saisonalität der Aktivität Wandern; „In welchen Monaten sind Sie gewandert?“ (vgl. BMWI (2010), S. 24)

Zu den soziodemographischen Fakten, die charakteristisch für „die“ Wanderer, sprich: die aktiven Wanderer, sind, gehört ein höherer Bildungsgrad. „Mit zunehmender Wanderhäufigkeit und -intensität steigt der Anteil höherer Bildungsabschlüsse deutlich an. Der Anteil der Abiturienten erreicht bei den regelmäßig und gelegentlich wandernden Personen einen Wert von ca. 32 %, dagegen liegt dieser Anteil bei den Nicht-Wanderern bei nur ca. 15 %“ (a. a. O., S. 39). Die höheren Bildungsabschlüsse schlagen sich in entsprechenden Berufstätigkeiten nieder, so dass sich daraus ableiten lässt – und von den Untersuchungen bestätigt wird, dass das Einkommen von aktiven Wanderern höher liegt. „So verfügen rund 41 % der aktiven Wanderer über ein Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 2.250 € – dieses Einkommensniveau erzielen nur ca. 26 % der Nicht-Wanderer.“ (a. a. O. 29) Damit sei deutlich der Fehlinterpretation widersprochen, wer wandere habe kein Geld für ein teureres Urlaubs- oder Freizeitvergnügen! Allein für die optimale Wanderausrüstung, wenn man nicht auf die Angebote bei Discountern zurückgreifen möchte, kann man – ohne rein modischen Trends nachzulaufen – ein ordentliches Sümmchen auf den Ladentisch legen! Einige Details um Ausgaben für die Ausrüstung und den Wirtschaftsfaktor Wandern sind in → Kap. 3.2 zu finden.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass zwar in allen Bevölkerungsschichten gewandert wird, aber die Intensität des Wanderns vor allem durch die Faktoren Alter und Bildungsstand bestimmt wird. Dies gilt nicht nur für die höheren Altersklassen, sondern auch für die jüngeren: „Jüngere Personen mit höherer Schulbildung wandern wesentlich häufiger als gleichaltrige Personen mit geringerer Schulbildung. Dieser Zusammenhang wird mit zunehmendem Alter immer stärker.“ (a. a. O., S. 40)

♦ Literatur

BRÄMER, R. (2015): Spazierwandern. Das kleine Wandererlebnis zwischendurch. Oder: Die anspruchsvolle Alternative für Spaziergänger. Wandern als Natur- und Selbsterfahrung. Wanderforschung.de 4/2015.

BRÄMER, R. (2015): Es gibt keinen neuen Wanderboom. Erst recht nicht unter jungen Zeitgenossen. Wanderforschung.de (4/2014, Stand 3/2015).

BUNDESMINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT UND TECHNOLOGIE (Hrsg.) (2010): Grundlagenuntersuchung Freizeit- und Urlaubsmarkt Wandern. Forschungsbericht Langfassung 2. Aufl., Berlin (auch als PDF unter www.bmwi.de).

DEUTSCHER TOURISMUSVERBAND (DTV)/DEUTSCHER WANDERVERBAND (DWV) (2002): Wanderbares Deutschland. Praxisleitfaden zur Förderung des Wandertourismus. 2. Aufl. Bonn/Meckenheim.

2.2.1 Schulwandern

Die Zukunft des Wanderns liegt unter anderem auch im Schulwandern, das die Wandervereine, allen voran ihr Zusammenschluss, der Deutsche Wanderverband (DWV), „entdeckt“ haben. Wenn auch „Wandertage“ bevorzugt in der Zeit vor Schuljahresende eine gewisse Tradition im deutschen Schulalltag haben – als Notlösung, wenn notenrelevante Leistungen nicht mehr gefragt sind und andere pädagogisch wertvolle Lernziele „entdeckt“ werden, so gilt es nun nach dem Vorbild der „Uteskole“ („Draußenschule“) in skandinavischen Ländern, einen Unterricht im Freien nicht nur zur Umweltbildung und direkten Begegnung mit der Natur mit allen Sinnen, sondern auch zur Weiterentwicklung von sozialen Kompetenzen zu fördern. Die Defizite einer modernen Kindheit im Kontakt mit der Natur (→ Kap. 7.2) können damit reduziert werden.

Das Schulwandern ist auch der Gegenstand eines bundesweiten Projekts, bei dem der DWV als Projektträger und die Johannes Gutenberg-Universität Mainz als wissenschaftlicher Projektpartner beteiligt sind und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) für den Zeitraum vom 1.1.2014 bis 31.12.2016 insgesamt 996.850 Euro bereitstellen.

Das Projekt „Schulwandern – Draußen erleben. Vielfalt entdecken. Menschen bewegen“ aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt hat sich zum Ziel gesetzt, „Lehrer und Lehrerinnen als auch Schüler und Schülerinnen stärker für die Bedeutung und Schutzwürdigkeit der biologischen Vielfalt zu sensibilisieren. Auf diese Weise sollen sie letztlich auch befähigt werden, gesellschaftliche Verantwortung für die biologische Vielfalt zu übernehmen, die auf eigener Natur-Erfahrung beruht.“ (http://www.biologischevielfalt.de/20143.html )

Im Förderzeitraum der Jahre 2014 bis 2016 werden Modellkonzepte entwickelt und an drei Grundschulen in Baden-Württemberg, Brandenburg und Rheinland-Pfalz bei regelmäßigen „Draußentagen“ praktisch umgesetzt, Erziehungswissenschaftler der Universität Mainz begleiten das Projekt wissenschaftlich (http://web5.werbeagentur-aufwind.com/dwv-microseiten//html/seiten/output_adb_ file.php?id=5015).

Für den Deutschen Wanderverband gehört die Förderung des Schulwanderns zum Alltagsgeschäft; er wirbt ganzjährig für „Wandertage biologische Vielfalt“, erstellt Bildungsmaterialien und bietet seit 2013 in Kooperation mit der Deutschen Wanderjugend (DWJ) auch Fortbildungen zum/zur zertifizierten Schulwanderführer/-in an. Inhalte dieser Ausbildung sind: „Pädagogische Grundlagen/Didaktik, Kinder- und Jugendwanderformen, Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Schwerpunkt biologische Vielfalt, Organisation von Schulwanderungen, Orientierung im Gelände und rechtliche Rahmenbedingungen“ (www.schulwandern.de/text/143/de/schulwander-projekte.html). Diese Ausbildungen finden in Zusammenarbeit mit regionalen Wandervereinen, wie zum Beispiel dem Sauerländischen Gebirgsverein und seiner SGV-Wanderakademie oder der Heimat- und Wanderakademie Baden-Württemberg (→ Kap. 10.7) des Schwäbischer Albvereins, statt.

Zudem hat der DWV mit der Website www.schulwandern.de das erste Schulwanderportal für Lehrer, Umweltbildner, Multiplikatoren sowie Natur- und Umweltschutzverbände geschaffen.

Mit welchen Abneigungen sich Schüler auf eine Schulwanderung machen, mit welchen Aktionen man aber Jugendlichen auch zu Spaß an der Bewegung und Entdeckung der Natur verhelfen könnte – als Lehrer oder Touristiker ein attraktives Erlebnis bzw. Angebot gestalten könnte, dazu liefert ein Blick auf die Wandermotive und den altersspezifischen Wanderfrust (→ Kap. 2.3.1) nützliches Hintergrundwissen.

♦ Websites

▶ Deutscher Wanderverbands zum Schulwandern

www.schulwandern.de

www.schulwandern.de/text/112/de/schulwandern.html

www.schulwandern.de/text/143/de/schulwander-projekte.html

▶ Bundesamt für Naturschutz zum Schulwandern

www.biologischevielfalt.de/20143.html

▶ Flyer Schulwanderprojekt

web5.werbeagentur-aufwind.com/dwv-microseiten//html/seiten/ output_adb_file.php?id=5015

2.3 Was treibt die Wanderer in die Landschaft?
2.3.1 Motive

Die Vergleichbarkeit der drei zugrunde liegenden Studien (Profilstudie Wandern 2008, Grundlagenuntersuchung 2010 und Wanderstudie 2014) mag angesichts einer „wissenschaftlichen Goldwaage“ zu einigen Diskussionen Anlass geben, wie es BRÄMER auch formuliert (vgl. S. 2). Doch im Rahmen dieses Grundlagen vermittelnden und an den Bedürfnissen der Praxis orientierten Werkes sollen diese akademischen Reflexe ignoriert werden!

Welche für diese Zwecke hilfreichen Erkenntnisse und Trends rund um Wandermotive in Deutschland lassen sich aus diesen Zahlen herausholen? Mit deutlichem Abstand steht bei den befragten Personen der Wunsch, die Natur zu erleben, an erster Stelle. Ist es ein ernst zu nehmendes Zeichen, dass der Prozentsatz dieses führenden Motivs in der jüngsten Studie deutlich abgenommen hat? Nahezu gleichauf sind aktuell die verwandten Motive „sich bewegen, aktiv sein“ und „etwas für die Gesundheit tun“. Im Unterschied zu den älteren Untersuchungen überrascht, dass bei diesen allgemein im Trend liegenden wie durchaus „vernünftigen“ Bemühungen der Zeitgenossen im Bezug auf das Wandern jedoch deutliche Abstriche gemacht werden. „Eine Region zu erleben“ scheint per Pedes auch weniger gefragt zu sein.

Mit den Intentionen „Stress abbauen“, „frische Kraft sammeln“, „in Geselligkeit sein, Gemeinschaft erleben“, „zu sich selber finden“, „auf sich selbst zu besinnen“ sind in den tieferen Rängen der Skala die Gewinner der Wandermotive zu finden.

Tab. 3: Wandermotive im Vergleich


Rang18 ausgewählte Motive von 21RangDiff.%2014%2010%Diff.%2008
1die Natur erleben7587-12(88)
2sich bewegen, aktiv sein5772-15(52)
3etwas für die Gesundheit tun5665-9(70)
4eine Region erleben3854-16
5Stress abbauen+23138-7(53)
6den Alltag verbessern2533-8
7frische Kraft sammeln+12335-12
8neue Eindrücke gewinnen-32243-21
9etwas Neues entdecken2043-23
10Stille erleben1929-10(65)
11in Geselligkeit sein, Gemeinschaft erleben+11637-21(62/6)
12zu sich selber finden+31216-4(24)
13frei sein-21121-10
14aktiv Sport treiben921-12(18)
15sich auf sich selbst besinnen+1816-8
16viel erleben-3722-15
17Horizont erweitern, etwas für die Bildung tun517-12
18Religiöse/spirituelle Motive110
Quelle: Wandermotive im Zeitenwandel (2014) Schnitt-12

Bei einem Vergleich der Profilstudien Wandern der Jahre 2003, 2004, 2006 und 2008, die von ihrem methodischen Vorgehen, den zugrunde liegenden Fragen und Antwortvorgaben auch Veränderungen erfahren haben, kommt BRÄMER (a. a. O., S. 5) zu folgenden Erkenntnissen:

♦ Wissen

„Der Spitzenplatz des Naturerlebnisses in enger Verbindung mit natürlicher Stille – in deutlicher Abstufung zum Interesse an Flora und Fauna; der ökologisch nuancierte Wunsch nach unberührter Natur bzw. Wildnis fällt dagegen noch drastischer ab, auf etwas niedrigerem Niveau die Neugier auf unbekannte Regionen, ein nur mittlerer [sic!] Interesse an einer Einkehr unterwegs, das Bedürfnis zur selbstbesinnlichen Innenschau sowie der alternative Drang zu sportliche [sic!] Leistungen, beides auf mäßigem, extrem konstantem Niveau ein erstaunlich geringer Abenteuerwunsch.“

Eine eigenständige Untersuchung zu den Erwartungen, Meinungen und zum Verhalten Jugendlicher führte BRÄMER in der „Wanderstudie Jugend 07 Aus-Lauf-Modell?“ durch (http://wanderforschung.de/files/justu07kern1238952226.pdf). Die wichtigsten Ergebnisse sollen zum Verständnis, der sich oftmals weigernden Zielgruppe und als Hintergrundwissen für eventuelle Planungen kurz vorgestellt werden.

„Uncool“, „ätzend“ – die Aussicht auf eine Wanderung mit der Schulklasse oder einen Spaziergang wird von den meisten Jugendlichen mit dem gerade gültigen abwertenden Modewort quittiert. „Ich wandere gerne“ gaben gerade einmal 14 % der Befragten an, während 22 % behaupteten „ich gehe gerne spazieren“. Die scheinbare Scheu vor der Bewegung und ein weit verbreiteter Wanderfrust zeigen sich weniger bei anderen Fußaktivitäten, wie dem Trekking (machen 26 % gerne) und dem Joggen/Waldlauf, die von 41 % gerne praktiziert werden. Bei der Formulierung im Fragebogen „Durch die Gegend zu streifen“, äußerten 43 % ihre Zustimmung. Auf die Aussicht „mich frei bewegen zu können“ fuhren die befragten Jugendlichen dagegen ab, 84 % tun dies gerne.

Welche Aspekte bei einer Gruppen-/Schulwanderung lösen derartigen Frust aus, zählen zu den schlechten Erfahrungen, die dem Jugendlichen das Wandern bereits weitgehend verleidet haben? Die Hitliste aus der Wanderstudie Jugend 07 (a. a. O., S. 11) offenbart Folgendes:

 Langweilige Wege (69 % empfanden dies als Störfaktor)

 Belehrungen unterwegs (63 %)

 Handyverbot (58 %)

 Zwang zum Zusammenbleiben (52 %)

 Dauernd nur Gehen ist langweilig (50 %)

 Man bekommt so schnell Blasen (45 %)

 Lehrer dabei (43 %)

 Moralische Verhaltensregeln (43 %)

 Lehrer verläuft sich (41 %)

 Strecke meist zu lang, Tempo meist zu schnell (38 %)

 Zu anstrengend (31 %)

 Alkohol- und Zigarettenverbot (28 %)

 Man verläuft sich so leicht (18 %)

 Zu viele Mitschüler (16 %)

Wie es die Aspekte dieser Aufzählung zeigen, sind die Störfaktoren keineswegs als Naturgesetze vorgegeben, sondern es gibt reichlich Potenzial, aus dem Wanderfrust das eine oder andere Wandervergnügen für Jugendliche zu machen. Dass alleine das Vermeiden der Störfaktoren bzw. ihr Gegenteil zu einem Imagegewinns der Gruppen-/Schulwanderungen führt, sollte man jedoch auch nicht annehmen!

Wanderlust kann man jedoch auch bei Jugendlichen wecken und fördern. Was diese schwierige Zielgruppe in die Natur locken könnte, ist spätestens seit der Wanderstudie Jugend 07 auch kein Geheimnis mehr (a. a. O., S. 17 ff.). 71 % der befragten Jugendlichen nannten als Möglichkeit, Spaß an einer Klassen-/Wanderung zu haben, diese mitzuplanen. „Damit entgehen die Jugendlichen in der Tat der von ihnen so nachdrücklich kritisierten Bevormundung durch Erwachsene und greifen zugleich ein Kernmerkmal des Wandervogels auf. Man will, wie es dieser Alters- und Entwicklungsstufe angepasst ist, die Entdeckung der Umwelt möglichst in die eigene Hand nehmen und die Erlebnisse auf die Bedürfnisse der Gleichgesinnten zuschneiden.“ (a. a. O., S. 17) Wanderprofis wie Helikopter-Eltern mögen durchaus berechtigte Bedenken haben, ob diese Planungen allen Ansprüchen genügen können, aber es wäre pädagogisch entschieden wertvoller, den Jugendlichen einen Freiraum zu lassen und ihnen die Chance zu geben, eigene Erfahrungen – auch schlechte –, zu machen, ihre Grenzen kennenzulernen und am Abbau von Defiziten zu arbeiten. Von Pädagogen und anderen Erwachsenen mag dies viel Geduld verlangen, aber das wird ihnen wiederum auch nicht schaden.

Womit lassen sich die jungen Leute noch außer zum selbstbestimmten Wandern locken? BRÄMER fand unter dem Aspekt Landschaften, vor allem den Wunsch nach „unbekannten“ Landschaften (53 %) und den Drang „weg von der Zivilisation“ (47 %). Streng genommen ist das ein eher unrealistischer Wunsch, aber bei der weit verbreiteten Entfremdung von der Natur, lässt sich dieser schon in praktikabler Nähe und sicherlich das eine oder andere Mal von einer Haltstelle des ÖPNV aus ausleben! Bei den Wunsch-Wegen soll es abenteuerlich sein (66 %) oder gleich ohne Weg querfeldein (52 %) gehen. Die Nachfrage nach schmalen Wegen/Pfaden ist exakt gleich mit derjenigen nach befestigten Wegen (29 %). Bei einer jugendgerechten Tour spielen viele Pausen und ein Gehen ohne Hektik (54 %) sowie eine zünftige Mahlzeit unterwegs (42 %) eine große Rolle. Genauer nachgefragt, kam zum Vorschein, dass die Rast am Wasser 64 % bevorzugen würden, als zweiter idealer Rastplatz kam die Einkehr bei McDonald’s heraus. Der Filmkonsum schlägt sich auf die Vorstellung von der Orientierung im Gelände nieder, die Spaß machen würde. Mit Nachtsichtgerät würden sich 38 % gerne bei einer Nachtwanderung auf den Weg machen, 34 % fänden den Umgang mit Karte und Kompass spannend und 25 % möchten sich mit der GPS-Navigation in der Landschaft versuchen. Der Anteil derer, die es attraktiv finden, sich vom Smartphone per GPS leiten zu lassen, dürfte seit der Erhebung dieser Daten deutlich angestiegen sein.

In seinem Resümee stellt BRÄMER (vgl. a. a. O., S.21) die Frage, ob es angesichts der „nicht unerheblichen Attraktivitätsverluste nahezu aller Naturaktivitäten“ und der Hinwendung zu „technischen Lebensbegleitern“ nicht angebracht sei, dies zu akzeptieren, und darauf zu warten, dass diese jungen Leute später voll im stressigen Berufsleben stehend, auf Natur und „die entspannenden und erholsamen Kräfte des Wanderns“ angewiesen sein werden.

Inwieweit der Erwachsene, sei es als Elternteil oder Pädagoge, die moderne Entfremdung der Kinder und – in Fortsetzung – der Jugendlichen von der Natur (→ Kap. 7.2) mit den eigenen und gesellschaftlichen Werten in Einklang bringen kann oder hier Handlungsbedarf sieht, ist dessen Entscheidung, aber für Touristiker in Wanderdestinationen empfiehlt es sich auf alle Fälle, Strategien dagegen und Angebote dafür zu entwickeln, schließlich handelt es sich auch um die Gäste der Zukunft.

♦ Websites

▶ Profilstudien Wandern

www.wanderforschung.de/WF/wanderstudien/profilstudien-wandern-kurz.html

▶ Aktueller Vergleich der Wandermotive

www.wanderforschung.de/files/motivreihen_1406262147.pdf

▶ Jugendstudie 2007

wanderforschung.de/files/justu07kern1238952226.pdf

2.3.2 Wanderarten

Wanderarten lassen sich in vier Gruppen zusammenfassen: nach Konzeption der Tour als Rund- oder Streckentour bzw. nach Länge bzw. Dauer der Tour; nach der Höhenlage in Flachland, Mittelgebirge und Hochgebirge; nach der Motivation zur Wanderung sowie den Themen der Wanderwege.

Fürs Praktische ist die Unterscheidung in Rund- bzw. Streckentour von großer Bedeutung. Bei einer Rundtour kommt man zum Ausgangspunkt – meist dem Parkplatz, auf dem das Auto steht – zurück. Bei einer Streckenwanderung wird die Rückkehr zum Ausgangspunkt, dem Parkplatz oder die Anbindung an den ÖPNV von fundamentaler Bedeutung. Bei der Länge und damit der Dauer einer Wanderung unterscheidet man zwischen Halbtages-, Tages- und Mehrtageswanderung. Die besondere Herausforderung bei Mehrtageswanderungen ist die Anbindung an Übernachtungsmöglichkeiten, dass diese möglichst nah an der Strecke liegen oder dass es einen Hol- und Bringservice gibt.

Die Differenzierung nach Höhenparametern wirkt sich in erster Linie auf unterschiedliche Anforderungen an den Wanderer und seine Ausrüstung aus; es macht einen großen Unterschied, ob man im Flachland, Mittelgebirge oder Hochgebirge unterwegs ist. „Hauptargument dafür ist, dass sich alleine durch wechselnde Höhenlagen die geographischen (u. a. Höhenprofil, Steigungen) und klimatischen (u. a. Luftdruck, Temperatur) Bedingungen stark ändern. Die Belastungsanforderungen an das Herz-Kreislauf-System und den Bewegungsapparat sind dementsprechend unterschiedlich hoch.“ (SCHEUMANN (2003), S. 110; zit. in: DREYER (2010), S. 32)

Den drei Höhenregionen ordnen SCHEUMANN/DREYER verschiedene körperliche Anforderungen zu. Das Wandern im Flachland bedeutet die geringste körperliche Belastung, wenn man daraus nicht gerade eine Marathon-Tour macht. „Die Gelenke werden geschont und der Blutdruck steigt nicht übermäßig an.“ (a. a. O.) Als eine eigenständige Art des Wanderns im Flachland stellt DREYER das Wattwandern heraus, da sich durch das Gehen im morastigen Untergrund spezielle körperliche Anstrengungen ergeben sowie ein erhöhtes Risiko, durch die Abhängigkeit von den Gezeiten bzw. die Gefahr, während einer Tour von der Flut überrascht zu werden und nicht mehr sicher an Land zurückkehren zu können. Im Mittelgebirge sind die Belastungen für den Körper schon deutlich stärker, ein größerer Kraftaufwand wird durch das Relief der Landschaft mit dem häufigen Bergauf- und Bergabgehen gefordert. Dadurch wird die Atemfrequenz erhöht, der Bewegungsapparat wird stärker beansprucht, die lokale muskuläre Ermüdung setzt früher ein und die Körperwärme steigt schneller an (vgl. a. a. O.). Letzteres muss vor allem bei der Wahl der Wanderkleidung (→ Kap. 10.2) berücksichtigt werden, auch an das Schuhwerk sind höhere Erwartungen zu stellen – an passenden Wanderschuhen geht hier kein Weg mehr vorbei! Wesentlich größer als bei Touren im Mittelgebirge sind die Anforderungen an Ausrüstung und Körper bei Wanderungen im Hochgebirge. Beim Wandern im alpinen Raum – das Bergsteigen sei hier nicht berücksichtigt – sind die Belastungen für den Wanderer deutlich größer. Die Höhenunterschiede und größeren Höhenlagen, in denen sich untrainierte Wanderer bewegen, verursachen häufig Atemprobleme, die das allgemeine Wohlbefinden schmälern. Das steilere Gelände strapaziert den Bewegungsapparat wesentlich mehr. Aus diesen Fakten können sich so genannte subjektive Gefahren ergeben, Gefahren, die in erster Linie im Wanderer begründet liegen. Mangelnde Trittsicherheit, verstärkt durch körperliche Belastung bis hin zur Erschöpfung, eventuell fehlende Erfahrungen im alpinen Gelände und deshalb falsche Einschätzung oder Nicht-Erkennen von Gefahren, zum Beispiel bei Wetterveränderungen, oder auch ein Überschätzen der eigenen Fähigkeiten, können sich bei Wanderungen im Hochgebirge fatal auswirken. Hinzu kommen die objektiven Gefahren, die vom Naturraum vor allem oberhalb der Wald- und Almenstufe den Bergwanderer betreffen können. Ein heikler Komplex beim Wandern im Hochgebirge kann das Wetter sein, mit einem plötzlichen Wetterumschlagen, verminderter Sicht und sich rapide verschlechternden Wegverhältnissen zum Beispiel bei nassen, rutschigen Pfaden vor allem im Schrofengelände.

Das Wandern lässt sich auch nach der Motivation und den Intentionen der Wanderer unterscheiden, wie den „freiwilligen“ Formen des Genusswanderns, dem sportlichen Wandern, der Gesundheitswanderung (→ Kap. 7.1) sowie den oftmals „weniger freiwilligen“ Formen der Schulwanderung (→ Kap. 7.1.1), Lehrwanderung oder Exkursion.

Das Genusswandern, d. h. Wandern ohne sportliche Ambitionen, dafür Landschaft kennenlernen und Gemeinschaft erfahren, sei es in der Gruppe oder mit Partner/in, steht hoch im Kurs und gilt als die aktuell beliebteste und häufigste Form des Wanderns, so DREYER (vgl. a. a. O., S. 34). „Das gemeinsame Erleben schöner Aussichten, lange Pausen, Picknick am Waldesrand, der Genuss regionaler Produkte oder Entdeckungen am Wegesrand schärfen die Sinne.“ (a. a. O.) Aus diesen Wünschen und Erwartungen der Wanderer lassen sich in den Wanderdestinationen passende Wege, auch Themenwege und entsprechende Angebote entwickeln. Das gestiegene Interesse der Wanderer daran, die Region authentisch wie kulinarisch zu erleben, schlägt sich bereits in den Kriterien für zertifizierte Qualitätsgastronomie Wanderbares Deutschland und den entsprechenden Gastgebern nieder (→ Kap. 6.2).

Das sportliche Wandern stellt im Unterschied zum Genusswandern die Bewegung und die körperlichen Anforderungen mehr in den Vordergrund – was jedoch nicht bedeuten soll, dass diese anstrengenderen Formen auch ein Vergnügen sein können und Befriedigung geben! Mehr die Selbstverwirklichung und Erfolgserlebnisse als der Genuss stehen hier im Fokus. Die sportliche Herausforderung, die natürlich einen trainierten Körper voraussetzt, kann sich durch längere Strecken, schwierigeres Gelände, überwundene Höhenmeter und ein schnelleres Gehtempo ergeben. Zahlen signalisieren Leistungen, mit denen sich Eindruck schinden lässt und man sich Anerkennung in der Freizeit verschaffen kann!

Zu den sportlichen Varianten des Wanderns nach DREYER (a. a. O., S. 34ff.) gehören Gipfel- und Höhenwanderungen (zusammengefasst im hochalpinen Wandern), das Fern- und Weitwandern – Pilgern auf dem Jakobsweg wäre das klassische Beispiel dafür –, das Trekking sowie die Expedition. Das hochalpine Wandern lässt DREYER (a. a. O.) in Regionen ab 1500 m NN beginnen, doch diese Grenze scheint für den Alpenraum zu niedrig; mindestens die höher liegende Waldgrenze sollte als Richtwert genommen werden, da erst darüber und eigentlich auch noch über der Höhenstufe der Almen, die schwierigere und typisch alpine Zone beginnt, die einem anspruchsvollen und sportlichen Wandern das passende Gelände bietet. Schmale steile Pfade oder auch Wegeabschnitte, die nur durch die Markierung im Schrofengelände vorgegeben sind, oder auch Passagen über gesicherte Klettersteige erfordern vom Wanderer Konzentration, Trittsicherheit, körperliche Eignung und Fitness, eine gewisse alpine Erfahrung sowie die notwendige Ausrüstung und eine Vorbereitung der Tour.

Wenn es auch Fernwanderwege im Hochgebirge, beispielsweise die ausgeschilderte Alpenüberquerung von München nach Venedig oder auch in West-Ost-Richtung von Monaco nach Triest als Via Alpina, gibt, so ziehen sich die längsten in Europa durch viele, auch flache und niedrig gelegene Landschaften, wie der E 1, der vom Nordkap bis nach Sizilien führen und derzeit bis Salerno markiert sein soll. Der berühmteste und geschichtsträchtigste der europäischen Fernwanderwege ist das Netz des Jakobswegs (→ Kap. 7.7). An diesem gibt es teilweise eine bis ins Mittelalter zurückreichende Infrastruktur, vor allem Übernachtungsmöglichkeiten, wie sie für einen „modernen“ Fernwanderweg untypisch ist. Der Fernwanderer trägt entweder sein leichtes Zelt samt Zubehör für Übernachtung und Campingküche im Rucksack und/oder er nutzt die Möglichkeiten, die sich am Wegesrand bieten. Doch es gibt inzwischen auch schon von Spezialreiseveranstaltern Touren auf Fernwanderwegen als Pauschalangebote mit vorgebuchten Übernachtungsmöglichkeiten und Gepäcktransfer. Es liegt in der Natur der Sache, dass Fernwanderwege per se nicht irgendwelchen Qualitätsansprüchen an Wanderwege genügen können, denn sie nutzen das bestehende Wegenetz in den Regionen/Ländern und müssen zwangsläufig auch auf längeren Abschnitten, zum Beispiel in städtischen Großräumen, über unattraktive Wege und Straßen führen. Über eine Definition des Fernwanderns zu diskutieren, ist angesichts des großen Spielraums eher müßig; „zumeist spricht man von einer Fern- bzw. Weitwanderung, wenn die Wanderung mindestens drei Tage dauert oder eine Wanderstrecke von mindestens 100 km zurückgelegt wird.“ (a. a. O., S. 35)

Eine Gruppe von Weitwanderungen, bei denen die Streckenführung besser den Idealen von Wandererlebnissen angepasst werden kann, sind die Trekkingtouren. Sie führen in der Regel in bzw. durch wenig erschlossene Regionen; zum Abenteuercharakter gehört hier die Fortbewegung auf oftmals nicht ausgebauten Wegen bzw. nicht gespurtes Gelände. Wasserläufe werden häufig nicht trockenen Fußes auf Brücken überwunden, sondern man muss seine Furt selber finden. Bei beliebten Trekkingtouren im Himalaya, dem Everest-Trek zum höchsten Berg der Welt beispielsweise, kann man jedoch auch auf viele wandernde Zeitgenossen treffen und den möglichen einsamen Charakter eines Trekkings sehr vermissen! Dafür lässt die Infrastruktur hier kaum einen Wunsch offen. Grundsätzlich geht es beim Trekking um intensivere bis extreme Naturerlebnisse, dem Hauch von Abenteuer jenseits der gewohnten Zivilisation und der Bewährung und Selbsterfahrung des modernen Menschen in der Wildnis.

Der Vollständigkeit halber seien als „Meisterklasse“ und extremste Form des Wanderns noch die Expeditionen erwähnt. Auch wenn die Teilnahme an „Bergexpeditionen“, zum Beispiel mit der Besteigung der höchsten Gipfel in den Hochgebirgen weltweit, nach Katalog gebucht werden kann, so lässt es sich trotzdem rechtfertigen, diesen höchst sportlichen Typ der Fernwanderung in diesem Buch auszuklammern.

Eine bedeutende Rolle spielt das Wandern heutzutage für die Gesundheit, auch schon vor der Erfindung des so genannten Gesundheitswandern (→ Kap. 7.1.2). „During the past quarter of a century there has been a social movement in the Western world toward more active living, including healthier food, increased exercise and natural health care approaches. With the realization that sedentary lifestyles are contributing to increased obesity and related health problems, trails have been fingered as one of the most salient exercise venues for this movement toward healthier lifestyles.” (TIMOTHY, BOYD (2015), S. 110) Eine Reaktion auf die zunehmenden Gesundheitsprobleme und das Bewusstsein, präventiv etwas unternehmen zu wollen oder zu es müssen, ist das Gesundheitswandern.

Die Bewegung bzw. der Spaziergang gehören traditionsgemäß zum Heilungsprozess bei einer Reihe von Krankheiten; sie waren schon immer ein Teil einer Kur – sichtbar und praktiziert in der Wandelhalle und dem vor Wind und Wetter geschützten Gang mit dem Trinkbecher voll heilenden Wassers bis zu den Spaziergängen durch Kurparks und auf entsprechend gestalteten Promenaden. Im heutigen Kurbetrieb wird das Wandern zielgruppengerecht und unter Anleitung eingesetzt, entsprechend ausgeschilderte Wege mit Informationen über objektive Schwierigkeiten und Belastungen ermöglichen es, aber auch ohne eine medizinische/therapeutische Begleitung Gesundheitswanderwege zu gehen und die ergänzenden Übungen auszuführen. Außerhalb des klassischen Kurbetriebs bietet man oftmals Gesundheitswanderwege auch als Fitnesswege oder als entsprechende Variante der Trimm-Dich-Pfade an.

Zu den Wanderarten zählen ebenso die verschiedenen Formen von Lehrwanderungen. Im besten Fall hat die Lehrperson die Wanderung vorbereitet, in den Unterricht oder eine andere Veranstaltung eingebettet, dort einen Bezug zum Lerngegenstand in der Natur geschaffen und dazu passend eine Wanderstrecke gefunden oder selbst erarbeitet. Für den zweiten Teil der pädagogischen Arbeit gibt es inzwischen viele professionelle Angebote von Wanderführungen, „Klassenzimmern draußen“, Workshops in der Natur oder Ähnlichem in Zusammenarbeit mit Naturpark-, Geopark-, Nationalpark-Zentren oder ähnlichen Institutionen.

Durchaus lehrreich und für das „Selbststudium“ vor Ort in der Landschaft können Themenwanderungen (→ Kap. 7.5) sein. Doch dabei muss es nicht nur um die Vermittlung von Aspekten zur Wanderregion, sei es zu geowissenschaftlichen, historischen, kulturgeschichtlichen oder anderen sichtbaren Zeugnissen gehen, sondern auch um Geschichten, Sagen und Mythen, die mit bestimmten Plätzen verbunden sind. Die Inhalte der Themenwege werden in der klassischen Art mit Informationstafeln vermittelt, aber es gibt auch kreativere Lösungen, vor Ort Wissen unter die Wanderer zu bringen, zum Beispiel durch Erlebnisstationen, die zum Ausprobieren, Experimentieren einladen oder durch „sprechende“ Steine.

♦ Literatur

DREYER, A.; MENZEL, A.; ENDRESS, M (2010): Wandertourismus. Kundengruppen, Destinationsmarketing, Gesundheitsaspekte. Oldenbourg, München.

TIMOTHY, D. J.; BOYD, S. W. (2015): Tourism and Trails. Cultural, Ecological and Management Issues. Aspects of Tourism 64, Channel View Publications, Bristol.

2.4 Aktuelle Trends im Wandertourismus

Als ein erster Überblick seien hier die aktuellen Trends im Wandertourismus zusammengestellt, in den genannten Kapiteln wird tiefer darauf eingegangen. Die Reihenfolge der Nennung beinhaltet keine Rangfolge in einer – ohnehin wissenschaftlich kaum zu ermittelnden – Bedeutung. Außerdem sind bei dem weit verbreiteten Verhalten multioptionaler Gäste ohnehin keine lupenreinen Trennungen zwischen dem Ausleben der verschiedenen Trends möglich, da man je nach Lust und Laune oder aus anderen Gründen mal das eine, dann das andere Angebot präferiert und nutzt. Nicht minder problematisch ist es, den geographischen Raum und die Akteure dafür abzugrenzen. Deshalb sei als Ausgangspunkt der Betrachtungen der Wandertourismus in Deutschland und den Nachbarländern gewählt. In den gefragten ausländischen Wanderdestinationen wird man sich an den Erwartungen der deutschen Wanderer orientieren, denn Gästewünsche zu befriedigen, gehört schließlich zum Grundverständnis touristischer Arbeit! Am Trend Qualität und Premium (→ Kap. 6) ist zu beobachten, dass die Qualitätsoffensiven und Zertifizierungen, die vom Deutschen Wanderverband ausgingen, inzwischen auch in anderen europäischen Ländern nach dem deutschen Vorbild übernommen wurden. Das Bestreben, möglichst viel Qualität in die Wanderszene zu bringen, hat auch zur „Entdeckung“ der neuen Zielgruppen Kinder (→ Kap 7.3) und Hunde mit ihrem Rudel Zweibeiner (→ Kap. 7.4) geführt – auch für sie werden nun Wanderwege geschaffen und zertifiziert. Ihre Wünsche nach Beschäftigung in der Natur versucht man alters- wie artgerecht zu befriedigen und damit allen Beteiligten gemeinsamen Spaß am Aufenthalt draußen zu vermitteln.

Positive Erlebnisse rund um das Wandern werden gesucht und angeboten, die Freude am Wandern, der Genuss der Landschaft allein reicht nicht immer – mancher moderne Wanderer scheint mehr Erlebniswert zu fordern. Eine Antwort auf diesen Gästewunsch ist das Storytelling, wie es mit Beginn der Wandersaison 2014 in der Allgäuer Trilogie (→ Kap. 7.6) in die Tat umgesetzt wird. Als Vorläufer und immer noch aktuelle Form der Wanderung, Informationen über die verschiedensten Aspekte einer Landschaft und dabei auch die eine oder andere geistige Anregung zu geben, bietet das breite Spektrum der Themenwanderwege (→ Kap. 7.5). Das Bestreben, Landschaft mit allen Sinnen erleben, fördert u. a. das Interesse an der regionalen und saisonalen Küche im Wandergebiet, so dass dies bereits in den Kriterienkatalog für zertifizierte Wandergastronomie aufgenommen wurde (→ Kap. 6.2). Neben der Suche nach kulinarischen Entdeckungen passt dieser Wunsch auch zum umfassenderen Trend, Authentisches kennenlernen zu wollen. Die Gesundheit zu fördern, einen Ausgleich für den in der Regel bewegungsarmen Alltag zu finden oder auch gezielt als Vorbeugung, Linderung oder Heilung bestimmter Beschwerden oder Krankheiten nicht nur des Bewegungsapparats, brachte das Gesundheitswandern (→ Kap. 7.1.2) hervor, zu dem es nicht nur die passenden Wanderwege, sondern auch die entsprechend zertifizierten Gesundheitswanderführer gibt.

DREYER (2010, S. 274ff.) fasst die aktuellen Trends folgendermaßen zusammen und deutet mögliche Reaktionen auf der Anbieterseite an – „Mögliche Werkzeuge im Rahmen der zunehmenden Segmentierung und Ausdifferenzierung auf dem Wandermarkt sind Themenmarketing und Zielgruppenansprache unter der Beachtung zukünftiger Wandertrends.“ Sein Trend 1: Gesünder liegt nicht nur im Zeitgeist begründet, dem Fakt, dass sich Gesundheit zu einem „eigenständigen Konsumgut“ entwickelt hat, sondern auch als Folge des demographischen Wandels, der Industrialisierung – sinnvoller wäre es vielleicht von der Arbeitswelt allgemein zu sprechen – sowie den Veränderungen im Gesundheitswesen. Da Krankenkassen schon seit geraumer Zeit ihre Leistungen zurückfahren, liegt es stärker in der Verantwortung des Einzelnen, bewusster mit seiner Gesundheit umzugehen und u. a. auch manchem eigenverantwortlich und auf eigene Kosten vorzubeugen. Aber auch Reiseveranstalter haben sich auf die Veränderungen im Gesundheitswesen eingestellt und bieten innerhalb gesundheitsorientierter Urlaubsreisen Präventionsmaßnahmen an, die von Krankenkassen bezahlt werden. Welchen Stellenwert Gesundheit in der Gesellschaft bekommen hat, zeigt sich in der neuen Kundengruppe der LOHAS (lifestyle of health and sustainability).

Trend 2: Spiritueller betrifft die wieder modern gewordene Sinnsuche, die für eine Wiederbelebung der traditionsreichen Fernwanderungen auf Pilgerwegen, allen voran dem Jakobsweg, gesorgt hat. Dabei steigt nach Schätzungen die Zahl derer, die sich nicht aus religiösen Gründen auf Pilgerschaft begeben. Diese Wege und damit verbundenen Fernwanderungen werden zunehmend für die persönliche Sinnsuche und als Chance genutzt, wieder einmal zu den natürlichen Wurzeln zurückzukehren und dabei neue Kräfte zu tanken oder die Wanderschaft als „Reise zum Ich“ zu verstehen und davon physisch wie psychisch zu profitieren. Darin spiegelt sich die Sinngesellschaft nach Romeiß-Stracke (http://kupoge.de/kongress/2005/dokumentation/romeiss-stracke.pdf) wider. Das Verlangen und Bedürfnis nach einer Auszeit durchaus auch im religiösen Kontext wird bei allgemeinen Lebensbedingungen in der westlichen Gesellschaft vermutlich zunehmen. Die gestiegenen Angebote und Nachfragen nach Auszeiten in Klöstern gehören ebenfalls zu den Trends der neuen Sinngesellschaft.

Als eine Reaktion auf unseren bewegungsarm gewordenen Alltag ist Trend 3: Aktiver zu sehen und so DREYER (a. a. O., S. 277): „Es entwickelt sich eine neue Bewegungs- und Körperkultur, die auch dem Wandertourismus hilft. Und die als Triebfeder der Sportartenentwicklung bekannte Sportartikelindustrie trägt mit immer funktionellerer Kleidung dazu bei, dass bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, Kälte oder Hitze, die Freude am Wandern nicht leidet.“

Das weiter verbreitete Anspruchsdenken spiegelt sich im Trend 4: Anspruchsvoller wider. Hohe Erwartungen an Qualität und Service finden ihren Niederschlag im Festlegen von Standards und den darauf folgenden Zertifizierungsaktionen, einem großen Betätigungsfeld des Deutschen Wanderverbands.

Zu den gestiegenen Ansprüchen in Sachen Qualität kommt noch die Erwartung hinzu, einen höheren Erlebniswert, als es die Natur allein bieten kann, beim Wandern zu bekommen. Trend 5: Erlebnisreicher fordert vor allem die Touristiker vor Ort heraus, den Wanderwegen mehr als einen gelenkschonenden Belag und eindeutige Markierungen zu geben. Möglichst viele Sinne des Wanderers sind anzusprechen, um ihm einen größeren Eindruck von einem „Erlebnisort“ zu vermitteln. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, auch die Emotionen – natürlich im positiven Sinne – anzuregen. „Erfolgreich sind die Inszenierungen themenbezogener Wegekonzepte, bei denen entlang eines ‚roten Fadens‘ der Erlebnisinhalt in Form von Geschichten, ,,Storytelling“, Möblierung etc. vermittelt wird. Dies kann in Form von Inszenierungen einzelner Orte (Erlebniszonen) auf dem Weg geschehen.“ (a. a. O., S. 279)

Der Trend 6: Kultureller bedeutet, dass der Wanderer nicht unbedingt nur das Erlebnis in der Natur sucht, sondern die Landschaft, in der er sich bewegt, umfassender kennenlernen möchte, vor allem die Suche nach dem Typischen, dem Authentischen treibt ihn an. Und dies beschränkt sich keinesfalls auf ein Abhaken von Sehenswürdigkeiten am Wegesrand, auch das Erlebnis der regionalen Alltagskultur von kulinarischen Spezialitäten bis zu Festen und Traditionen gehört dazu. Der Wunsch, mehr über die Wanderregion zu erfahren, steht im Einklang mit Ergebnissen von Studien über das Bildungsniveau von Wanderern. Dieses ist in den letzten Jahren gestiegen und liegt weit über dem Bundesdurchschnitt. (vgl. a. a. O.) „Waren es im Jahr 2000 gerade noch 25 Prozent der Wanderer mit Hochschulabschluss, so sind es in 2005 bereits 41 Prozent“ (a. a. O., S. 279f.). Natürlich geht es bei jeglicher Wissensvermittlung nicht darum, diese umfassend oder gar schulmeisterlich zu gestalten, sondern der Erlebniswert und ein gewisser Spaßfaktor sind hier bei Didaktik und Methodik gefragt – egal ob es sich um die Informationstafeln am Wegesrand handelt oder ob ein Wanderführer das Thema präsentiert. Zu den in der Landschaft unübersehbaren Zeichen dieses Trends gehört die wachsende Zahl von Themenwegen, von der Halbtages-Tour bis zum Fernwanderweg unter einem bestimmten Motto.

Die zunehmende Verbreitung von Hightech-Geräten, von digitaler Kommunikation und Information schlägt mit dem Trend 7: Technischer auch im Wandertourismus nieder. Neben den üblichen Informationsmöglichkeiten rund um den Tourismus gibt es bereits sehr spezialisierte Websites von Wanderdestinationen, auf denen sich der Wanderer bereits zu Hause bei der Vorbereitung Karten, Höhenprofile sowie anderes nützliches Wissen um seine geplante Tour herunterladen kann. Daneben findet man auf überregionalen Wanderportalen ebenfalls Tourenvorschläge und praktische Informationen, auf derzeit noch wenigen Bewertungsportalen und Wander-Communities können Wanderer sich austauschen. Großes Potenzial sieht DREYER (a. a. O., S. 281) in diesem Bereich unter anderem zur Darstellung der Destinationen, zur Kundengewinnung und -ansprache oder auch, um dem Bedürfnis nach mehr Sicherheit bei der Urlaubsplanung nachzukommen. „Es gilt, mit neuen, innovativen Technologien und Angeboten an den ,neuen Wandergast‘ heranzutreten. So würden sich über die Hälfte der Wanderer (57 %) über das Angebot von ,Wanderfernsehen‘ freuen, 27 % können sich ein Internetportal für Last-Minute-Wanderreisen vorstellen und 12 % der Wanderer wünschen sich eine Wanderreisepartnervermittlung über das Internet.“ (a. a. O.) Deutliche Zeichen für den Technik-Trend draußen in der Landschaft und in der Hand des Wanderers sind zum einen das zunehmend beliebte Geocaching und zum anderen die häufigere Orientierung mit Navigationsgeräten anstelle der „altmodischen“ Wegesuche mit Karte und Kompass.

♦ Literatur

DREYER, A.; MENZEL, A.; ENDRESS, M (2010): Wandertourismus. Kundengruppen, Destinationsmarketing, Gesundheitsaspekte. Oldenbourg, München.

Ein Wandel im Zeitgeist, der sich auch im Tourismus niederschlägt: Von der Spaßgesellschaft zur Sinngesellschaft.

http://kupoge.de/kongress/2005/dokumentation/romeiss-stracke.pdf

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