Kitabı oku: «Mary und das geheimnisvolle Gemälde»

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Gabrielle Jesberger

Mary und das geheimnisvolle Gemälde

Schicksalswege der Liebe vom Mississippi in den Spessart

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Die „Spessartzeitschrift“

Die Spessarteisenbahn

Der Erste Weltkrieg

Die blaue Stunde

Frieden – nach vier Kriegsjahren

Frühling 1920

Epilog

Impressum neobooks

Titel

Mary
und das geheimnisvolle Gemälde

Schicksalswege der Liebe
vom Mississippi in den Spessart

Gabrielle Jesberger

für Marys Urenkel Udo Ludwig

und allen Nachgeborenen

Der überwiegende Teil dieses Buches bezieht sich auf tatsächliche Begebenheiten und

historische Tatsachen.

Die Ergänzungen bestehen aus begründeten Zusammenhängen und Vermutungen.

Das Loslassen am Ende unseres Lebens und

diese Welt verlassen zu müssen

ist wohl das Schwerste,

was uns Menschen abverlangt wird.

Doch es ist ein Trost,

zu wissen, dass etwas von uns weiterlebt

in dieser Welt,

in unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln und

in allen, deren Herz wir einfühlsam berühren.

Mary Wagner-Wehsarg

Vorwort

In unserer heutigen Zeit fehlt leider oft etwas wesentlich Menschliches: Wertschätzung, die aus einer echten Empa­thie kommt. Das ist das Besondere - zusammen mit einer liebevollen familiären Verbundenheit - an diesem Buch.

Es geht um Mary, die Urgroßmutter des Mannes der Autorin, die eine sehr liebenswerte Persönlichkeit ist, zu der Gabrielle, ausgelöst durch ein besonderes Gemälde von ihr, seit 50 Jahren eine innige Beziehung hat.

Um diese herzensgute Frau noch besser zu verstehen, wurde aus diesem Geist ihre Lebensgeschichte aufgeschrie­ben. Auch „für Marys Urenkel, deren Kinder und die nach­folgenden Generationen“.

Das Ganze ist eingebettet in historische Zusammen­hänge von den Anfängen unserer Demokratie (Hambacher Fest) bis zum Nationalsozialismus. Es war eine Zeit, die in der jetzigen Generation so und in ihrer ganzen Tragweite kaum jemand sich vorstellen kann. Deshalb ist es heute auch für uns wichtig, durch verschiedene Informationen die demokratische Entwicklung zu Freiheit und Menschen­würde in unserem Land zu kennen und für diese Werte einzustehen.

Der Vater von Mary, Franz Wagner, hat als Jurist libe­rales Gedankengut verinnerlicht und sich tatkräftig in den demokratischen Revolutionen des 19. Jahrhunderts für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit eingesetzt. Seine aktive Teilnahme bei den Hambachern, im Parlament in der Paulskirche (als Delegierten-Berater) und der Revolution war lebensgefährlich, da von den ungerecht Herrschenden die sogenannten Landesverräter wegen Rebellion und Hochverrat hart mit Gefängnis oder Tod bestraft wurden. Grausam gingen die Truppen gegen das „rote Lumpenpack“ vor und alle Aufstände wurden durch die militärische Übermacht blutig niedergeschlagen.

Franz Wagner konnte, wie u. a. auch Hecker, der Ver­haftung entkommen und in die Neue Welt nach Amerika flüchten. Dort errichtete er eine „Beratungsstelle für Rechtsfragen und Einbürgerung“, gründete eine erfolgrei­che Pelz- und Lederfirma und heiratete. So wurde Mary in St. Louis geboren.

Im Buch wird gut beschrieben, wie viele Deutsche in Amerika lebten, sich halfen und ihre Kultur pflegten. Vor allem blieben sie ihren demokratischen Ideen treu. So waren z. B. 175.000 Deutsche im amerikanischen Bürger­krieg beteiligt.

Es geht in dieser Zeit auch um die Sklavenbefreiung, die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, z. B. die beiden großen Wirtschaftskrisen 1857 und 1877, wobei die Gründe und Auswirkungen erstaunlich denen in der jüng­sten Vergangenheit ähneln.

Der Vater von Mary konnte, nachdem die Gefahr der Verhaftung nicht mehr bestand, wieder in seine Heimatstadt Mainz mit seiner Familie zurückkehren, wo er „Bürger­meister des Wohlfahrtsamtes“ wurde.

Mary, die künstlerisch sehr begabt war, durfte in Brüs­sel Musik und in Wien Malerei studieren, was damals für Frauen nicht selbstverständlich war. Die jahrhundertealten unfassbaren Diskriminierungen der Frauen in einer un­glaublich ungerechten patriarchalischen Welt waren immer noch vorhanden. Deshalb ist es erstaunlich, wie selbststän­dig und dem Mann gleichwertig Mary war!

Sie durfte eine besondere Liebesbeziehung zu ihrem Mann, Dr. Richard Wehsarg, einem Arzt im Spessart, erle­ben. Aus dieser Ehe gingen mehrere Kinder hervor. Trotz ihrer Krankheit (Bleivergiftung durch das damalige giftige Weiß beim Malen), die ihr öfters Schmerzen bereitete, behielt sie ihren Mut und vor allem ihre große Liebe zu allen Menschen, auch den Patienten im Sanatorium ihres Mannes.

Mary hatte einen besonderen „Zugang zum Wahren und Guten in der Poesie, der Malerei, der Musik“. Ausdruck ihres ästhetischen Empfindens war auch der kleine Kurpark des Sanatoriums, den sie selber gestaltete. Die Liebe zur Natur und Stille waren besonders wertvoll für sie und eine Kraftquelle für ihr Leben.

Mary starb 1920, während ihr Mann noch 21 Jahre überlebte, bis zuletzt ganz untröstlich. Richard hatte sich nicht nur als besorgter und geachteter Arzt, sondern auch für die Verbesserung der armen Menschen eingesetzt (z. B. Tourismus durch „Spessartzeitschrift“ und Spessarteisen­bahn).

Sehr interessant sind auch die Informationen über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Zeit und den National­sozialismus. Dazu gehört vor allem der Antisemitismus, verwurzelt im jahrhundertealten Antijudaismus, Judenhass Luthers und das Versagen der evangelischen Kirche (auch teilweise der katholischen), ausgenommen einige wenige Mutige.

Der Begeisterung großer Bevölkerungskreise für Hitler (nach 45 wollten viele es nicht gewesen sein), u. a. auch missbrauchtem Idealismus und geschickter „Inszenierung von Massenerleben“, Versprechen von „goldenen Zeiten“, erlag auch Marys Mann. Das späte Erkennen der grausamen Realität der Nazis war für ihn der Zusammenbruch seines Weltbildes. Eine ehrliche Selbstkritik (im Gegensatz zu Verstockten, Unbelehrbaren nach 45).

Marys Pflege der Kunst ist so wichtig in einer gewalttä­tigen Welt. Vor allem ihre Botschaft von Liebe und Frieden ist heute besonders aktuell! So drückt es ja auch Willigis Jäger aus: „Wir müssen uns zuerst und vor allem die Frage stellen, wie viel wir geliebt haben.“

Das Buch lässt uns auch wieder erkennen: „Die Erinne­rung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ (Jean Paul)

Moos-Weiler, im November 2017

Bernd Wagenbach

Studiendirektor i. R.

Was wir am Ende unseres Lebens in Händen halten,

sind nicht unsere Leistungen und unsere Werke.

Wir werden uns zuerst und vor allem der Frage stellen müssen, wie viel wir geliebt haben .

Willigis Jäger

Teil 1

Einleitung

Seit mehr als fünfzig Jahren spricht das Bild der Maria zu mir. Es hängt an der Wand in unserem Wohnzim­mer: ein Ölgemälde, auf dem ein madonnengleiches feinge­schnittenes Gesicht mit einem melancholischen, nach innen gewandten Gesichtsausdruck zu sehen ist, umhüllt von einem zarten durchsichtigen Schleier über der Stirn und einem taubenblauen Umhang, der vom Haupt bis über die schmalen Schultern reicht.

Das Bild war ein Geschenk der Großmutter meines Mannes zu unserer Hochzeit. Die Bedeutung des Zere­moniells - dieser etwas außergewöhnlichen Übergabe - enthüllte sich mir erst im Laufe unzähliger Zwiesprachen mit „meiner Maria“.

Bereits im ersten Augenblick, als ich ein etwa 35 x 45 cm großes Bild vor mir sah, das provisorisch an vier Holzlatten hing, die Ecken lose baumelnd, ging etwas Geheimnisvolles von ihm aus: ein altes Ölbild, sehr dunkel und von unzähligen kleinen Rissen überzogen, mit Mühe war in dem dämmrigen Licht ein Frauenkopf zu erkennen. Omi hatte es gerade aus einem staubigen Winkel vom Spei­cher geholt, wo es wohl lange Zeit unbeachtet lag. Und doch ging eine Faszination von diesem Bild aus, dass ich nicht nein sagen konnte, als sie mich fragte, ob ich es möchte. „Meine Mutter hat es gemalt“, damit drückte Omi mir ihr Geschenk in die Hand. Später, beim ersten Be­trachten bei Licht zu Hause, war ein Madonnen-Portrait zu erkennen.

Mit meinem letzten mühsam Ersparten suchte ich einen Restaurator auf, dafür musste der Küchenzettel einige Zeit schmaler ausfallen. Mit Kennerblick versprach er mir, das Bild schonend und sorgfältig zu reinigen und aufzufrischen. Ich suchte einen passenden Rahmen aus, in dem sich - wie ein blaues Band um das Gemälde - die Farbe des Umhanges wiederholt.

Als ich meine Madonna beim Abholen sah, erkannte ich sie kaum wieder. Der Anblick ergriff mich, dass ich keine Worte fand. Der Restaurator sah die Tränen in meinen Au­gen und schwieg. Behutsam, beinahe mit Andacht, packte er das Gemälde ein und ich transportierte „meine Maria“ sorgsam auf dem Schoß quer durch Regensburg in der Stra­ßenbahn und dem Bus zu unserer ersten Wohnung im zwölften Stock eines Hochhauses. Das Ölgemälde fand einen Ehrenplatz in unserem Wohnzimmer und stand in völligem Kontrast zu unseren ersten billigen Kunststoffmö­beln in der kleinen Wohnung.

Seither überstand das Madonnen-Bildnis innerhalb fünfzig Jahren wohlbehütet sieben Umzüge, überdauerte jeden einzelnen Gegenstand der vorhergehenden Woh­nungseinrichtungen und wurde als Symbol der Gottesmut­ter - ihres Namens und des Namens der Erschafferin dieses Bildnisses - zum Pol der Familie und schuf ein Leitmotiv, die innige Verbindung zur Urgroßmutter meines Mannes und ihrer Familie.

Während des Schreibens wurde das Bild zu einer Of­fenbarung für mich, weil es Schritt für Schritt seine Ge­heimnisse über die außergewöhnliche Lebensgeschichte einer charismatischen Frau enthüllte. Eines dieser Geheim­nisse zeigte sich mir durch das Foto eines Selbstportraits Marys, das sie während ihres Studiums in Wien gemalt hatte und auch diesmal wieder als Geschenk in meine Hände gelangte. Lange stand ich davor, bis ich begriff: Die Madonna auf meinem Bild ist sie selbst: „Meine Maria“ ist Mary.

Prolog

Seit ihrer Kindheit suchte Mary die Einsamkeit in der Natur, die Momente, wenn sich die Dinge um sie he­rum verdichteten zu Worten, zu Musik, zu Farben und Formen. Nur so erschien ihr das Geheimnis des Lebens, der Ausdruck des Göttlichen in der großen Leere und Unge­wissheit des Raumes um sie herum verständlich. Den Zu­gang zum Schönen und Wahren in der Poesie, der Malerei, der Musik fand sie erst, wenn sie die Augen schloss, im Phosphoreszieren der Dinge, in dem die Farben erst sichtbar wurden, wenn alle lauten äußeren erloschen, die Töne erst hörbar wurden, wenn sie im Außen verklungen waren, die Worte erst zu ihr sprachen in der Stille.

Gleichzeitig war sie fasziniert von Gesichtern, von Menschen als den Akteuren auf der großen Bühne des Le­bens. Mit ihrem liebevollen, einfühlsamen Wesen gelang es ihr, tiefer zu sehen, hinter die Fassade, um letztendlich mit unendlich zärtlichem Blick in die Herzen zu schauen. Ihren Charakter beim Malen zu erspüren und auf der Leinwand auszudrücken, nichts Geringeres suchte sie zu durchdrin­gen, um das Verborgene, die Geheimnisse hinter dem Sichtbaren zu erfassen. Sie, deren Geist, Fantasie und Sinn für die Menschen und die Natur sich bis heute in ihren Gemälden, in den von ihr bevorzugten Klavierkompositio­nen sowie in ihren Briefen spiegeln und wie eine Wesens­beschreibung, ein Ausdrücken der Freiheit als Entwick­lungsimpuls in die nächsten Generationen weitergetragen wird.

Teil 1

Sommer 1946 in Sommerau

Der kleine Udo wuchs mit seinem Bruder Wolfgang und später seinen zwei weiteren Geschwistern in der Villa seiner Großeltern und des Opapas auf. Seit Kriegsbe­ginn wohnte auch Tante Annemarie mit ihrer kleinen Tochter Inge zeitweise wieder bei ihren Eltern. Täglich tobte Udo um die Wette mit seinem drei Jahre älteren Bru­der Wolfgang durch die Räume, immer im Kreis herum durch die hohen Flügeltüren, von einem Zimmer ins nächste, durch den Salon und wieder über die nächste Schwelle, bis sie atemlos keuchten und die Dielen began­nen im Rhythmus zu schwingen dass auch der Flügel leise Töne hervorzauberte, als ob die Tasten von Geisterhand zart berührt würden.

„Pssst!“, zischte Mami und legte ihren Zeigefinger auf den Mund, als sie aus der Küche eilte. Sie hatte mit den Töpfen vom Mittagessen hantiert, ließ alles stehen und liegen, als sie den Lärm hörte, wischte sich die Hände an der Schürze ab und bemühte sich, eine ernste Miene zu machen. Zu sehen, wie der Dreijährige versuchte, den Gro­ßen einzuholen, der immer wieder einmal kurz stehenblieb, zurückschaute, aber schnell wieder losrannte, wenn sein kleiner Bruder ihn fast eingeholt hatte, war eine wohltuende Ablenkung ihrer sorgenvollen Gedanken.

„Ihr wisst doch, Opapa hält seinen Mittagsschlaf!“, er­mahnte Mami ihre lebhaften Söhne. „Wollt ihr nicht runter­gehen in den Garten, die Sonne scheint und außerdem ha­ben die Ziegen sicher Hunger. Ingelein ist auch schon unten und wartet auf euch.“

Dass Opapa seit einigen Tagen auffallend wenig Appetit hatte, meist schweigend mit verlorenem Blick in seinem Lehnstuhl saß und ihm sogar seine geliebte bodenlange Pfeife nicht mehr schmecken wollte, stimmte Lilo nach­denklich. Erst gestern kam sie dazu, als er auf seinen Stock gestützt, versonnen vor der alten Vitrine stand und seinen Blick nicht mehr von der Urne mit der Asche seiner Frau wenden wollte, die dort nun seit mehr als sechsundzwanzig Jahren stand.

Nach Marys Tod 1920

Am schlimmsten waren die Nächte, die nicht enden wol­lenden Stunden ohne Mary an seiner Seite. Sie war der einzige Mensch in seinem Leben, der ihn rückhaltlos an­nahm; sie kannte ihn wie niemand sonst, nahm geduldig seine Rastlosigkeit oftmals sogar mit Humor hin, stellte seinen Patriotismus nie in Frage. Mary hatte ihm all seine Unsicherheiten genommen, die nun plötzlich wieder wie alte Gespenster in allen Ecken lauerten.

Immer noch waren überall im Haus Marys Spuren. In ihrem Schlafzimmer lag aufgeschlagen ihr Notizheft und das letzte Buch, das sie gerade gelesen hatte. An den Wän­den hingen ihre Gemälde, er betrachtete sie stundenlang. Ihre Kleider waren im Schrank neben den seinen. Nie ging Richard zu Bett ohne ihr Kopfkissen in den Arm zu neh­men, das immer noch ihren unverkennbaren Duft ver­strömte. Mit einem tiefen Seufzer schloss er die Augen und drückte seine Lippen darauf.

Obwohl das Geschäft mit der Saya- und Korkproduk­tion gut lief, war Richard sehr niedergedrückt. Else be­schrieb ihren Vater als „ungemütlich und anstrengend“. Seinen brillanten Humor hatte er offensichtlich vollständig verlo­ren.

Wie sehr er sich verlassen fühlte seit dem Tod seiner Frau, entging der Tochter nicht, doch sie war in ihrer eige­nen Trauer um die geliebte Mutter gefangen und es schien ihr, als stünde eine unsichtbare Wand seither zwischen ihnen. Else hatte erlebt, wie ihre Mutter in all den Jahren in unerschütterlicher Liebe und Treue bis zu ihrem viel zu frühen Tod an der Seite ihres Mannes stand. Ihren Vater nun mit einem Mal so hilflos zu sehen, tat weh und machte sie ratlos. Wie grau seine Haare geworden sind und wie schütter in den letzten Wochen, stellte sie fest. Er schien um Jahre gealtert. Ich bin sicher, dass er erst jetzt nach und nach erkennt, was unser liebes Mutterle für ihn war, schrieb sie an Tante Lucy in New York.

Von der jüngsten Tochter Hermine, die Richard nun sehr selten sah, weil sie öfter vor der erdrückend stillen Atmosphäre, in dem einst so fröhlichen Haus, zu einer Freundin nach Mainz floh, sprach er mit rührenden Worten, die sich Else täglich anhören musste. „Vater verhält sich wie ein Märtyrer, läuft mit leidender Miene umher, erwar­tet, dass ich ihm seine Wünsche von den Augen ablese, wie es zuvor seine Frau getan hatte!“, stöhnte sie.

Am Rande einer großen Erschöpfung stellte Else, die ihr viertes Kind erwartete und bereits mit den Aufgaben für ihre eigene Familie ausgelastet war, eine neue Haushalts­hilfe ein. Das bedeutete zwar eine Entlastung, aber auch zusätzliche Ausgaben. Dafür war Else gerne bereit, von den 7000 Reichsmark, dem Erbe ihrer Mutter, etwas abzugeben.

Vater und Bruder Franz bemühten sich, Aufgaben zu übernehmen, die bisher die Mutter, wie so vieles andere, ganz selbstverständlich erledigt hatte. Else sah zumindest ihren guten Willen, wenn sie sich nun selbst täglich Feuer in ihrem Zimmer machten und den Aschekasten hinaustru­gen. Insgeheim hoffte sie allerdings, dass Franz bald seine Theda heiraten würde. „Damit ich dann wenigstens seine Socken nicht mehr stopfen muss“, beklagte sie sich und bemühte sich dabei um einen humorvollen Unterton, der ihr nicht so recht gelingen wollte. Auch Franz läuft - wie Vater - seit Mutters Tod mit einem ernsten, fast strengen Blick umher, dass ich ihm aus dem Weg gehe, um ihm nicht so oft ins Gesicht schauen zu müssen, schrieb Else verzweifelt.

Sie gab sich doch alle Mühe, versuchte mit ihrer ganzen Kraft, die Mutter zu ersetzen. Warum sieht Papa das nicht?, fragte sie sich. Gleichzeitig war ihr bewusst, dass ihre Kin­der und ihr Mann oft zu kurz kamen. Als Ludwig nach Kriegsende endlich zu ihr zurückgekommen war, äußerte er wieder seinen langgehegten Wunsch, irgendwo in der Nähe - ohne den ganzen Anhang - alleine mit seiner eigenen Familie zu wohnen. Nun konnte vom Wegziehen keine Rede mehr sein. Völlig selbstverständlich übernahm Else die Rolle, die die Mutter vorher ausgefüllt hatte. Ludwig musste wohl oder übel die neue Situation akzeptieren und fügte sich stillschweigend in das Unvermeidliche. Das Sa­natorium wurde nun endgültig aufgelöst, so gab es wenigs­tens ausreichend Wohnraum für die junge Familie.

Der Tod der Mutter lag noch keine fünf Monate zurück, als kurz vor der Mittagszeit, am 7. Oktober 1920, der kleine Wolfgang Richard Georg geboren wurde. Mary war in großer Sorge gewesen, als sie im Frühjahr von der Schwan­gerschaft erfuhr. Der kleine Franzkarl war knapp zehn Mo­nate und ihre Tochter hatte sich von der letzten Geburt noch nicht erholt, sie war sehr mager und auffallend blass. Zwar war ein Kindermädchen im Haus, doch ohne dass es abge­sprochen werden musste, übernahm nun vor allem die große Schwester Lilo mit ihrer jüngeren Schwester Anne­marie die Erziehung des Bruders Franzkarl. Obwohl er ein kleiner Wildfang war und sie nie wussten, was er gerade wieder ausheckte, war er doch bemüht, den älteren Schwestern nachzueifern. „Dickel“, riefen sie den pumme­ligen Knirps scherzhaft, was ihn anspornte, die Schwestern mit seinen Grimassen und Faxen zum Lachen zu bringen. „Du Spitzbub“, rief Lilo zärtlich, wenn sie versuchte ihn einzufangen, während er lachend davonlief, dabei Haken schlug wie ein Hase und seine große Schwester atemlos anfeuerte „krieg mich doch!“ Vor allem Opapa trieb gern seine Späße mit ihm, nannte ihn naseweis, weil er alles wissen wollte und ununterbrochen fragen konnte, und in seiner Stimme klang unverhohlener Stolz: „Der kleine Bur­sche ist halt einfach aus dem „Wehsarg-Holz“ geschnitzt!“

Das erste Weihnachtsfest 1920 ohne Mary war ein trauriges Familientreffen. Else hatte den Christbaum geschmückt, die Haushälterin die traditionelle Speise, wie an jedem Heiligen Abend, zubereitet. Der schwere ovale Tisch war festlich geschmückt, die gestärkten weißen Damast-Servietten la­gen als Dreiecke gefaltet auf den goldumrandeten Tellern, die Kristallgläser funkelten im Schein der Kerzen. Franz, der zum Medizinstudium in Würzburg war, reiste an und auch Hermes, die gerade wiedermal eine Freundin in Mainz besucht hatte, kam leise herein und legte ein Gedicht - auf einem mit Blumen und Ornamenten verzierten Blatt - in einem schlichten Rahmen unter den Baum. Alle hatten sich auf das Wiedersehn gefreut und doch lag eine bedrückende Stimmung im Raum. Liselotte und die kleine Mie konnten nicht mehr stillsit­zen, hüpften mit Franzkarl aufgeregt von einem Fuß auf den anderen durch das Wohnzimmer und konnten es kaum erwarten bis sie das Glöckchen vom Christkind hörten. Opapa hatte unten in seinem Zimmer durch die Decke das Getrappel der Kleinen gehört, kam mit schwerem Schritt die Treppe hoch, nahm Mie und Lilo, die den kleinen Franzkarl hinter sich herzog, an die Hand und führte sie in den kleinen Salon. „Schaut her, sagte er zu ihnen, „unser Christkind schläft zufrieden in seiner Wiege.“ Er kämpfte mit den aufsteigenden Tränen, als er lächelnd auf sein jüng­stes Enkelkind sah. Wie sehr würde sich Mary jetzt mit ihm freuen.

Unter dem Arm hatte Richard ein kleines, in Zeitungs­papier gewickeltes Päckchen und legte es unter den Lich­terbaum. Als Else es auspackte, rief sie freudig überrascht: „Oh Papa, du malst wieder!“ Wie oft hatte sie an manchen Wochenenden gesehen, wie die Eltern gemeinsam an ihrer Staffelei saßen. Während Mary Federzeichnungen von Motiven aus dem Spessart oder Portraits mit Ölfarben schuf, begann Richard, die prächtigen Blumen, die im Park wuchsen und die idyllische Landschaft oder seine Jagdtro­phäen mit Pastellfarben in seinen Stillleben festzuhalten. In den letzten Wochen hatte er wieder begonnen, mit Oskar Hagemann in seinem Atelier im Schlosspark zu malen, wo der Maler ihm einen eigenen Raum zur Verfügung stellte. Doch Richard war nicht mehr der Unterhaltsame und Hu­morvolle. Marys Tod hatte ihn bis ins Mark getroffen. In­zwischen planten Hagemanns ihre Rückkehr nach Karls­ruhe. Die geselligen Abende im Hause Wehsarg ge­hörten der Vergangenheit an. Es gab nichts mehr, was das Künst­lerpaar in Sommerau noch halten konnte.

Heute zeigte Richard sein neuestes Werk der Familie: die vollerblühten Sonnenblumen vom letzten Herbst in einem schmalen vergoldeten Rahmen hinter Glas. Else atmete auf. Ihr Vater war wieder zurückgekommen ins Leben.

Nach dem Essen ging Hermi zu Mutters Flügel und spielte Stille Nacht … Richard schloss die Augen und lauschte, er erkannte Marys Anschlag. Auch Hermes konnte dem schweren Instrument mit einer Sanftheit eine perlende Melodieführung entlocken, die alle tief berührte und sie begann zu singen, wie jedes Jahr am Heiligen Abend. Else stimmte ein und auch die Kleinen mit ihren glockenhellen Stimmen. Richard blieb stumm, die Erinnerung überfiel ihn, er war wehrlos. Alle sehnten sich nach der vertrauten Weihnachtsstimmung wie all die Jahre zuvor und hatten doch gleichzeitig nur einen Gedanken: Ma ist bei uns. Elses Stimme wurde von Tränen erstickt, nach und nach ver­stummten alle, bis die kleine Liselotte alleine mit ihrer zarten Stimme die erste Strophe beendete.

Hermes holte ihr Gedicht unter dem Baum hervor und begann zu lesen:

Einst zog sie jung und möwengleich

von weither übers Meer.

In ihr des Frühlings Hoffnungsreich;

sie liebte die Welt so sehr.

Dann war sie Amselsommersang,

kannte Liebe, Freud‘ und Leid,

sang zu der Abendglocken Klang

von Glück und Traurigkeit.

Früh kam der Herbst. Ein blinder Sturm

trug sie auf Schwingen fort,

stark wie der Falke auf dem Turm.

Wohin? An welchen Ort?

nach Irene Fischer

Wie sehr Mary ihnen allen fehlte, spürten sie gerade heute. Noch immer mangelte es ihnen an Zeitgefühl, doch der Kalender sagte ihnen, dass sie bereits seit sieben Monaten nicht mehr unter ihnen lebte. Sie war der Mittelpunkt der Familie gewesen. Nun war ihr Platz leer und doch ihre Anwesenheit immer noch in jedem Winkel des Hauses, im Garten und im Malepartus zu spüren. Else ertappte sich immer wieder, dass sie – mitten im Alltag - zum Flügel blickte und erwartete, wie seit ihrer Kindheit, dort die Mutter zu sehen; immer noch hörte sie die vertrauten Klänge, wie früher Tag für Tag, und summte mit. Mary fehlte ihnen allen so sehr, dass - trotz der Ablenkung durch die Kinder - der Schmerz ihre Lebensfreude immer wieder lähmte.

An manchen Tagen war es Else, als würde sie erst jetzt die Endgültigkeit erfassen und die Trauer ergriff erneut ihre Brust mit einer Heftigkeit, dass sie in Tränen ausbrach und die Sehnsucht nach der Mutter sie aufstöhnen ließ. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie mit ihr auch ihre einzige Freun­din verloren hatte, dass es nun niemanden mehr gab, mit dem sie so offen über alles reden konnte, was sie bewegte, wie mit ihrer geliebten Ma.

Urplötzlich war eine Stille im Zimmer, man hätte das Fallen einer Stecknadel hören können. Und mit einem Mal war diese Andacht erfüllt vom Aroma des vertrauten Par­fums mit dem dezenten Lavendelduft und einem Hauch Bergamotte, als ob die geliebte Mutter anwesend wäre. Else schloss die Augen, sie konnte es sich nicht erklären und wusste doch: Ma ist bei uns. Sie spürte ihre Arme, so wie nie ein Tag vergangen war ohne eine herzliche Umarmung von ihr und ohne ein paar liebevolle Worte.

Und ganz plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl von einst, die Liebe der Mutter. Else hörte in ihrem Inneren die wohlklingende Stimme mit dem vertrauten amerikanischen Akzent, wenn sie - wie jedes Jahr - vom Wunder der Christnacht sprach, das in uns allen geschieht, wenn wir dazu bereit sind. Sie hörte, wie Ma mit ihrer sanften Stimme sagte: „Mein Elsle, das Leben in der Liebe geht weiter als der Tod.“ Else war sich sicher, Mutters Hand zu spüren, die ihr liebevoll und zärtlich die Wange streichelte. Sie legte eine Hand auf die Brust und atmete tief ein. Ja, dies war ihr Wunder dieser Christnacht. Sie würde den Geist dieses Hauses weiterpflegen, Marys Herzensgüte wie ein Vermächtnis bewahren und mit neuem Leben erfüllen. Else erhob sich, ging auf ihren Vater zu, umarmte ihn schweigend, zum allerersten Mal seit Mutters Tod, und ging mit dieser liebevollen Umarmung von einem zum anderen.

In der darauffolgenden Woche hatte Richard seine Pra­xistätigkeit wieder aufgenommen. Nach und nach fand er auch erneut Freude daran, Artikel und Kurzgeschichten, aus denen die Liebe zu seinen „Spessartern“ und ihrem kantig-herzlichen Naturell sprach, für die „Spessartzeit­schrift“ zu verfassen. Unermüdlich war er wieder das Sprachrohr für die Sorgen um die wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Spessartbewohner. Als Arzt im Spessart, seiner Wahl­heimat, trat er in all den Jahren immer nur für das Wohl „seiner Spessarter“ ein, war vertraut mit ihren Sorgen und Freuden, ihren Wäldern, ihren Feldern und Wiesen. Er kannte die Bauern, Köhler, Fuhrleute, Holzhauer, die er bei ihrer Arbeit beobachtet hatte. Und mit den Jahren erhellte nach dem Tod seiner geliebten Frau nun vor allem die Ma­lerei mehr und mehr seinen Lebensabend.

Seine Jüngste, die erst 19-jährige Hermi, wohnte mitt­lerweile in Altona bei Onkel Franz, Marys Bruder, und sollte dort als Arzthelferin in seiner Praxis ausgebildet wer­den. Bevor sie abgereist war, hatten die beiden Schwestern begonnen, die schönen Kleider ihrer Mutter untereinander aufzuteilen und waren sich nicht immer einig. „Ich möchte so gerne Mas Ring nach Altona mitnehmen, damit ich et­was von ihr bei mir habe“, bat Hermi ihre Schwester. Schweren Herzens trat Else ihr den wertvollen Diamantring ab, den Mary schon vor ihrer Heirat besaß und den sie nie abgelegt hatte.

Die große Schwester war ein wenig neidisch auf die jüngere, die nun in Altona ein unabhängiges Leben führen konnte, wogegen sie selbst im Elternhaus blieb und - wie für alle selbstverständlich - die Aufgaben ihrer Mutter übernommen hatte. Trotz all ihrer Bemühungen wurde sie das Gefühl nie los, nicht genug zu tun, denn Papa und Bru­der Franz, der regelmäßig heimkam, hatten ständig etwas auszusetzen. In Hermi sah Else das verwöhnte Nesthäk­chen. Eine Bitte von Dir hat Pa noch nie abgeschlagen, wogegen er sich mir gegenüber oft als geizig zeigt!, be­klagte Else sich im Brief an ihre Schwester. Sie selbst hatte keine Einnahmen und Ludwig verdiente noch nicht genug, um die Kosten für das Haus und die Angestellten überneh­men zu können. Die Haushaltsführung lag inzwischen in Elses Hand und es war ihr äußerst unangenehm, wenn sie ihren Vater nun um Geld bitten musste. „Er ist so knausrig, gibt mir immer nur kleine Summen, als ob er Sorge hätte, ich würde zu viel ausgeben“, klagte Else. „Papa ist immer noch genauso schweigsam wie früher. Ich weiß über die finanzielle Situation im Haus nicht Bescheid, zudem ver­schickt Vater seine Praxisrechnungen immer selbst.“

Richard, der es als seine väterliche Pflicht ansah, seine jüngste Tochter darin zu unterstützen, sich ein eigenständi­ges Leben aufzubauen, hatte dafür gesorgt, dass Marys Bruder sie in seine Familie aufnahm. Nun, da sie zum ers­ten Mal so weit von ihm weg war, vermisste er sie. In Hermles Gesicht fand er dasselbe Leuchten, wenn sie lä­chelte, wie bei seiner Frau. Es war Marys strahlendes We­sen, eine Anmut, die ihm vertraut war, wenn er nun sah, wie seine Jüngste auf Menschen zugehen und sie in den Bann ziehen konnte. Je mehr er erkannte, wie ähnlich sie ihrer Mutter war, umso mehr vermisste er sie und schrieb ihr schwermütige Briefe nach Altona. Die Tochter plagte im fernen Norden immer mehr das schlechte Gewissen, gerade jetzt nicht an Vaters Seite zu sein. Dass sie schon lange die Sehnsucht in sich trug, endlich einmal etwas von der Welt zu sehen, wussten die Eltern seit einiger Zeit. Nun hatte der Vater selbst eingesehen, dass ihr als jüngere Schwester an Elses Seite im Elternhaus kein eigenständiges Arbeiten möglich war.

Schon am 16. Januar 1921 war ein Brief an sein liebes Hermle unterwegs: Verzeih, wenn ich manchmal brummig war. Verzeih dem einsamen Vater, denn Du bist fort und er ist noch immer brummig. Mit Dir ist auch Frau Musika, Eurer lieben Mutter Freundin, aus dem Hause gezogen.

Seit Marys Tod stand der Flügel verlassen, wie ein ver­gessenes Möbelstück, im Speisezimmer. Es war, als hätte die Trauer im Haus nicht nur das Lachen der Menschen, sondern auch seinen Klang verstummen lassen. Trotz seiner Schwermut legte Richard der Tochter dringend ans Herz, weiterhin im Haus des Onkels zu bleiben: Und wenn Dich einmal Herz und Heimweh ruft, dann komm wieder zu uns. Vorderhand kann vom Fortgehen von Lu oder gar Else und den Kindern noch keine Rede sein. Gegebenenfalls würde das auch nicht von heute auf morgen gehen. Linus (der Knecht) ist ja jetzt nicht mehr bei uns und wird höchstens einmal auf 14 Tage kommen. Diese Kosten sind dann ge­spart und da es zweifelhaft, ob Lene (die Haushälterin), die fort möchte, also auch der Trauer entfliehen wird, noch länger bleibt, so haben wir auf Tante Linas Empfehlung hin ein Fräulein Wohlgemuth, vierzig Lenze zählend, im Sinne, anzunehmen. […] dann wäre doch jemand da, der sich ganz alleine verantwortlich der Hausführung widmen würde. Ich bin nicht optimistisch, sehe aber ein, dass ich so jemanden haben muss.

Gestern Abend war ich mit Else und Lu auf einem Kon­zert in Eschau, das der Musiklehrer Wolf am Klavier, be­gleitet von einem Cello und einer Sängerin, veranstaltete. Alle Größen waren vertreten und nach Schluss wurde bei Pfarrer Löffelholz weiter musiziert. Ich war zu trübe ge­stimmt, mir fehlte Euer Mutterle. Ich ging vorzeitig heim und las bis die anderen kamen. […] Ich muss ja jetzt doch die Stelle Eurer Mutter einnehmen und dabei die nötigen Briefe schreiben. So lang es geht, geht es, wie man sagt. Allmählich verkleinert sich ja auch der Kreis, um dann mit mir ganz aufzuhören …

Im fernen Altona litt Hermi immer mehr unter Heim­weh. Im Haus des Onkels und der Tante fehlte die liebe­volle Atmosphäre, die sie von ihrer Mutter kannte. Sie waren zwar freundlich zu ihr, aber distanziert. Auch das Arbeiten in der Arztpraxis erfüllte Hermes nicht. Einzig die Abende, an denen sie mit Onkel Franz musizieren konnte, machten die Zeit erträglich. Nach einem halben Jahr war sie erleichtert, wieder abreisen zu können. Doch ohne Ma war auch die Villa Elsava nicht mehr ihr Zuhause. Durch die Unterstützung ihrer Mainzer Freundin begann sie bald eine Ausbildung zur Korsettmacherin und konnte nach kurzer Zeit ein eigenes kleines Geschäft eröffnen. Es sprach sich schnell in Mainz herum, wie geschickt sie Mieder nach Maß anfertigen konnte und die Damen der gehobenen Ge­sellschaft wurden bald gute Kundinnen.

Frieden und Krieg

Am 24. Juni 1922 ging eine Eilmeldung durch die Presse: Außenminister Walter Rathenau auf dem Weg ins Auswär­tige Amt ermordet! Am Abend zuvor hatte er noch bis in die frühen Morgenstunden bei einem Essen mit dem ameri­kanischen Botschafter Alanson Houghten den deutschen Standpunkt in der Reparationsfrage erläutert und über eine „Abkehr von der bisherigen Erfüllungspolitik“ diskutiert. Durch seine widerspruchsvolle politische Haltung wurde er von vielen Seiten angefeindet und hatte Mühe, Unterstüt­zung zu finden für seine neue entspannungsfördernde Poli­tik. Zwar war Berlin weit weg, doch die Erleichterung über den Frieden wurde allgemein getrübt durch den verlorenen Krieg und den erzwungenen Friedensvertrag von Versailles. Die tief empfundene Ungerechtigkeit heizte landesweit die Debatten im Volk an.

Am 31. Januar 1922 war Rathenau zum Außenminister ernannt worden, um Deutschland bei der Weltwirtschafts­konferenz in Genua zu vertreten. In der Reparationsfrage gelangen ihm keine Fortschritte, aber er fand sich unter Bedenken bereit, am 16. April 1922 mit Sowjetrussland einen bilateralen Sondervertrag abzuschließen, um Deutschland außenpolitisch mehr Handlungsspielraum zu verschaffen. Obwohl dieser Schritt von nationaler Seite begrüßt wurde, hielt es die Organisation Consul nicht davon ab, später ein Attentat auf Rathenau zu verüben. Er wurde als ältester Sohn des deutsch-jüdischen Industriellen Emil Rathenau (des späteren Gründers der AEG) in Berlin gebo­ren. Rückblickend schrieb er über seine Jugendzeit: In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erin­nert: wenn ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann. Die traumatisch erlebte Kluft zwischen Zugehörigkeit zur Elite und gleichzeitiger Diskriminierung begleitete ihn lebenslang und enthält vielleicht die Quintessenz der deutsch-jüdischen Geschichte, nämlich den - sich über Generationen hinstreckenden - Versuch, die jüdische und die deutsche Identität miteinander in Einklang zu bringen, ohne sich weder in der einen noch in der anderen wirklich zu Hause zu fühlen. Als Präsident der AEG reichte Rathe­naus Einfluss weit über den Konzern hinaus. Er war über­zeugt, eine Planwirtschaft wäre die notwendige Ergänzung zum Marktmechanismus und könne so dazu verhelfen, soziale Schieflagen und überzogene Profite zu vermeiden. Noch am Tag der Ermordung Rathenaus wurden die Funk­tionäre der rechtsextremen Organisation Consul festge­nommen. Die O. C. war eine nationalistisch und antisemi­tisch gesinnte terroristische Vereinigung während der Weimarer Republik, eine paramilitärische Organisation, die als Geheimbund aufgebaut war. Sie verübte politische Morde mit dem Ziel, das demokratische System der jungen Republik zu destabilisieren, eine Militärdiktatur zu errich­ten und die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges, insbeson­dere den Friedensvertrag von Versailles, zu revidieren. Bei der vorzeitigen Haftentlassung einer der Mörder Rathenaus wurde der Täter von einer Musikkapelle der paramilitäri­schen Wehr-Organisation „Stahlhelm“ begrüßt, dessen Ehrenmitglied Reichspräsident von Hindenburg war. Dies zeigte schon seine undemokratische, reaktionäre Einstel­lung. Im August 1921 wurde der bei den Rechten verhasste Zentrumspolitiker Matthias Erzberger im Schwarzwald von der O. C. ermordet. Der Mordversuch am 4. Juni 1922 an Philipp Scheidemann, der bereits 1883 in die verbotene SPD eingetreten war, scheiterte. Vermutlich war die Gruppe auch verantwortlich für die Ermordung von Karl Gareis, der überzeugter Sozialist und zuletzt als Lehrer in Aschaffenburg tätig war. Ihre etwa 5000 Mitglieder bestan­den zum größten Teil aus ehemaligen Offizieren des Deut­schen Heeres und der Kaiserlichen Marine sowie der Frei­korps. Ihr Motto war die Bekämpfung alles Antinationalen und Internationalen, des Judentums, der Sozialdemokratie und der linksradikalen Parteien, mit dem Ziel, durch die Ermordung von exponierten Personen der Demokratie, die Republik zu beseitigen. Vor allem Politiker jüdischer Ab­stammung zählten dazu, aber auch Politiker der demokrati­schen Parteien der Mitte, der Linken sowie Pazifisten und Politiker, die an den Verhandlungen des Versailler Vertra­ges beteiligt waren. In einer Hetzschrift der Freikorps hieß es: Auch Rathenau, der Walter, erreicht kein hohes Alter. Knallt ab den Walter Rathenau, die gottverdammte Juden­sau.

Eines der bekanntesten O.-C.-Mitglieder war der Schriftsteller Ernst von Salomon, der als Rechtsterrorist (Für einige Historiker gilt er als Wegbereiter des National­sozialismus.) an der Vorbereitung von politischen Verbre­chen, wie dem Mord an Rathenau, beteiligt war. Anfangs war die Organisation sogar von der Reichsregierung und der Reichswehrführung geduldet, da sie hofften, mit ihrer Unterstützung die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages unterlaufen zu können. Salomon erreichte mit seinen Büchern „Dokumente vom Kampf um die Wieder­geburt der Nation“ etc. im Nationalsozialismus sehr hohe Auflagen. Auf der Grundlage des im Juli 1922 erlassenen Republikschutz-Gesetzes wurde die O. C. verboten. Als Nachfolgeorganisation wurde der Bund Wiking gegründet. In der Zeit des Dritten Reiches wurden die Mitglieder der O. C. der SS unterstellt.

Rathenau war lange Zeit einer beispiellosen antisemiti­schen Hetzkampagne ausgeliefert gewesen. Seine Aussage, wonach die Geschicke der Welt von etwa 300 mächtigen Männern geleitet würden, war zu der Denunziation umge­deutet worden, Rathenau selbst wäre einer der „300 Weisen von Zion“, die mit ihm an die Macht gelangt seien. 1920 wurde erstmals eine deutsche Fassung - der ursprünglich in Russland erschienenen - unter dem Titel „Die Geheimnisse der Weisen von Zion“ (von Ludwig Müller von Hausen) herausgegeben. Der Gründer und Vorsitzende des Verban­des gegen die „Überhebung des Judentums“ pflegte in Ber­lin intensive Kontakte zu rechtsextremen russischen Emig­ranten. Diese sogenannten Protokolle waren nur eine von vielen antisemitischen Veröffentlichungen, die das Land überschwemmten. Dennoch zeigte ihr publizistischer Er­folg, dass in der Weimarer Republik das Bedürfnis nach einem Sündenbock für den Sturz der Monarchie und für die Niederlage im Weltkrieg angesichts der eigenen rassischen Überlegenheit - die die völkische Bewegung immer ver­kündet hatte - groß war. Die „Protokolle“ vereinten eine Vielzahl von Klischees, die den antisemitischen Diskurs prägten. So wurden darin Juden grundsätzlich als Feinde der Christen dargestellt. Als Ziel der Juden wurde die weltweite Herrschaft - ihres Glaubens und des Glaubens an ihre „göttliche Auserwähltheit“ - in dem von ihnen be­herrschten „Universalstaat“ dargestellt. Zudem wurden ihnen Ehrgeiz, Rachsucht und Hass auf die Christen un­terstellt. Die Vorstellung, die Juden seien grundsätzlich feindlich gegen Christen eingestellt, wurzelt im Antiju­daismus (seit Beginn des Christentums), der ihnen „ver­stockte“ Verweigerung von Bekehrung und Taufe, Gottes­mord, Hostienschändung sowie angebliche Bündnisse mit dem Teufel vorwarf. Zweifel an der Echtheit der Protokolle kamen schon sehr früh auf. Es wurde vermutet, dass der gesamte Text ein böswilliges Phantasieprodukt war, wo­nach die Juden wegen ihrer angeblichen Rolle in der russi­schen Revolution 1905 verleumdet wurden.

Die NSDAP stützte sich in ihrer Propaganda stark auf diese „Protokolle“ und verbreitete deren „aufsehenerregen­den Enthüllungen“ seit 1921 in auflagestarken Flugblättern. In „Mein Kampf“ schrieb Hitler: Die Protokolle der Weisen von Zion sollen auf einer Fälschung beruhen, stöhnt immer wieder die Frankfurter Zeitung in die Welt hinaus, der beste Beweis dafür, dass sie echt sind. Irgendein Beweis, dass die sog. Protokolle irgendwo und irgendwann von einem oder mehreren Juden im Auftrag einer geheimen „jüdischen Weltregierung“ ausgearbeitet, vorgetragen oder beraten worden sind, wurde nie erbracht. Die Nationalso­zialisten solidarisierten sich noch während der Weimarer Republik mit den Attentätern, obwohl die Mörder Rathe­naus eine monarchistische Gegenrevolution auslösen woll­ten und keine faschistische Nationalrevolution.

Nach 1945 wurde das Schlagwort von dem „ersten Op­fer des Dritten Reiches“ populär. Rathenau sei sowohl ein erstes Opfer des Dritten, wie ein letztes Opfer des Zweiten Reiches gewesen. Die politischen Reaktionen auf das At­tentat waren enorm. Es kam zu Tumulten, Millionen Deutsche demonstrierten in Protestkundgebungen und Trauerzügen gegen den konterrevolutionären Terror, aber der Bürgerkrieg, auf den die Terroristen gesetzt hatten, blieb aus. Die Reaktionen auf die Ermordung Rathenaus stärkten letztendlich die Weimarer Republik. Das Deutsch­landlied wurde zur Nationalhymne erhoben. Die Bevölke­rung sah die Ermordung ihres Außenministers als Opfer für die Demokratie.

Else und Ludwig hatten sich ihr Leben mit den Kindern nun endgültig in der Villa eingerichtet. Schweren Herzens musste Ludwig seine beruflichen Pläne aufgeben. Jetzt, nach Kriegsende, fand er den Anschluss an sein Philoso­phie-Studium nicht mehr. Dozent an einer Universität zu werden, war während der Kriegsjahre sein ersehntes Ziel gewesen.

Dennoch arbeitete Ludwig in Anlehnung an Platons Werk „Politeia“ an einer Abhandlung „Der Staatsmann“, die in einem Buch des „Leuchter“, einem Verlag für philo­sophische Schriften in Darmstadt, 1922 veröffentlicht wurde. Er ließ seine Frau nicht nur gerne teilhaben an sei­nen Gedanken, er diktierte ihr sogar den über zweihundert Seiten langen Text, den sie mit ihrer schönen Handschrift für den Verlag zu Papier brachte. Lu zitierte Platon, der Sokrates‘ Texte niederschrieb: Das wichtigste, was wir Menschen im Leben lernen müssen, ist nachzudenken. Er vertiefte sich in Nietzsches Werke und stimmte überein mit Hegel: Der Kampf der Vernunft besteht darin, dasjenige, was der Verstand fixiert hat, zu überwinden.

Else war durch eine unerwartete Schwangerschaft sehr erschöpft und die übernommene Verantwortung überfor­derte sie. Ihre Schwiegereltern und die Schwägerin boten ihr an, die siebenjährige Liselotte einige Zeit zu sich zu nehmen. In Rheinhessen konnte sie zur Schule gehen und erhielt die bestmögliche Förderung des Opas, der ihre musi­sche Begabung erkannte und nach den Hausaufgaben täg­lich mit ihr am Klavier saß.

Am 19. Januar 1923 kam der kleine Wilhelm Otto Franz zur Welt. Die Geburt setzte sehr plötzlich und einige Wo­chen zu früh ein. Der zarte Junge war zu schwach und lebte nur einen Tag. Else war sehr geschwächt und erholte sich nur langsam.

Mie bemühte sich täglich, Opapa von seinem Heimweh nach Lisekind abzulenken, die inzwischen in Darmstadt ein Gymnasium mit Internat besuchte, und die beiden tempe­ramentvollen Buben brachten ihn mit ihren Streichen zum Lachen.

Am Heiligen Abend 1935 überraschte Richard seine Toch­ter Else mit einem Bild, auf dem er einen Rosenstrauß in zarten Pastellfarben festhielt, den er erst einen Tag zuvor zusammengestellt hatte. Der sonnige Herbst war in einen außergewöhnlich milden Winter übergegangen. Kein Frost hatte die zarten Rosenblüten zerstört und Richard schnitt behutsam von Marys Rosenstock die letzten vollerblühten weißen Rosen. Viele Stunden hatte er sich mit Hingabe seinem Werk gewidmet, versunken in Erinnerungen der gemeinsamen Jahre. Bevor er das fertige Bild in den ver­goldeten Rahmen legte, schrieb er Rosen zu Weihnachten 1935 darunter. Else wusste, Papa hatte die weißen Rosen für seine Frau gemalt und stellte das Bild neben Mutters Urne.

1933 war die Machtergreifung durch Adolf Hitler erfolgt. Am 11. September 1938 schrieb Else begeistert auf ihrer Ansichtskarte mit einem Foto vom Führer - neben B. von Schirach, dem Leiter der HJ, - in seiner Grußhaltung mit ausgestrecktem Arm (der stereotype „Deutsche Gruß“) beim Vorbeimarsch der Hitlerjugend unter dem Haken­kreuz: Hurra, den Führer gesehen! Tapfer erkämpft im drückendsten Gewimmel. Hoffe heute Abend wieder erleben zu dürfen, den Führer zu sehen. Innigst Eure Mutsch. Else und Lilo waren in Begleitung einer Freundin mit dem Fahr­rad mehrere Tage unterwegs gewesen nach Nürnberg zum Reichsparteitag. Seit einigen Monaten leitete Else mit ihren beiden Töchtern für den BDM (Bund deutscher Mädchen) im Park ein fröhliches Beisammensein für junge Frauen im Dorf. Sie kamen gerne, denn die leichte Gymnastik und frohen Lieder waren wie eine Belohnung für die harte Ar­beit zu Hause auf dem Bauernhof. Daneben war Else enga­giertes Mitglied in der NS-Frauenschaft.

Nach einundzwanzig Jahren einer fragilen Friedenszeit und der Machtergreifung Hitlers brach 1939 erneut ein Krieg aus. Die Wunden des verlorenen Ersten Weltkrieges waren noch lange nicht verheilt. Eine ganze demoralisierte Generation ließ sich vom Hitler-Regime überzeugen, dass die Schmach des verlorenen Krieges nur durch einen gran­diosen Sieg in einem erneuten Krieg zu vergelten wäre. Kaum einer im Land wollte nicht gerne den Versprechun­gen glauben.

Nach Hitlers Überfall auf Polen 1939 (ausgelöst durch eine von der SS inszenierten, angeblich polnischen Beset­zung des Reichssenders Gleiwitz, Nähe Kattowitz) und der daraus resultierenden Kriegserklärung Englands und Frank­reichs, aufgrund des Beistandspaktes mit Polen, war der Flächenbrand mitten im Herzen Europas entfacht und brei­tete sich als Zweiter Weltkrieg aus. Nach den schnellen Anfangssiegen, des sogenannten Blitzkrieges über Polen und Frankreich, gelang es Hitler, mit seinen Parolen und Verspre­chungen eines Endsieges, den Kampfgeist für das Vaterland bei vielen jungen Männern zu wecken.

Am Abend war Richard - wie am Ende jedes Tages - in Gedanken bei seiner geliebten Frau und erzählte ihr von den aktuellen Ereignissen. Vor allem lauschte er auf ihre vertraute Stimme, ihre warmherzigen Worte, die trotz der jahrelangen Trennung, nach wie vor nicht in ihm verklun­gen waren: Jetzt sah er wieder in ihre tränenfeuchten Au­gen, als sie vor Jahren zu ihm sagte: „Richard, ich denke gerade an die Worte von Hegel: ‚Alle großen weltge­schichtlichen Vorgänge ereignen sich zweimal.“ Hatte Mary den Zweiten Weltkrieg etwa vorausgeahnt?

Nach Kriegsende 1918 hatte Ludwig eine Stelle als Ausbil­der im Werksunterricht der „Glanzstoff“ - die größte Firma im Umkreis für Kunstfaserprodukte - angetreten. Diese Aufgabe war allerdings nicht das, was er sich nach seinem Philosophie-Studium vorgestellt hatte und so sah er seine erneute Einberufung zum Militär als eine Herausforderung, die ihm Abwechslung brachte und auch neue Anerkennun­gen, mit denen er an seine Auszeichnungen während des Ersten Weltkrieges anknüpfen konnte. Im Mai 1940 hielt Ludwig sich bereits in Bad Orb als Hauptmann mit seiner Kompanie zur Ausbildung auf. Auch sein Sohn Richard hatte sich freiwillig gemeldet und war längst mit seinen Kameraden auf dem Weg nach Finnland.

Vereinzelt kamen die Meldungen von gefallenen Sol­daten aus den Nachbarorten. Zu wissen, dass draußen der Kampf tobte, die Männer der Familie bis auf den alten Opapa und den neunzehnjährigen Franzkarl, den Dickel, noch zu Hause waren, machte die plötzliche Ruhe im Haus fast unerträglich.

Ende Mai 1940 meldeten die Nachrichten grandiose Er­folge, wie sie angeblich die Weltgeschichte noch nie erlebt hatte. Else schrieb euphorisch an Lu: Alles wird beseelt von dem einen Manne, der Deutschlands Glück und Hoffnung ist, und wie Du schreibst, die Weltgeschichte gestalten wird.

Franzl, als Kind der kleine Rebell in der Familie, von dem Opapa manchmal kopfschüttelnd sagte: „der Bub ist wie ein kleines Füllen, das um sich schlägt, wenn man ihm zu nah kommt“, wurde in letzter Zeit sehr still. Jetzt, wo auch Edgar, Annemaries Mann, eingezogen worden war und Willi, Liselottes Mann, bei den Luftlandetruppen kämpfte und bereits das Eiserne Kreuz erhalten hatte, fühlte sich auch Franzkarl mitgerissen von der Euphorie, die die Feldpostbriefe ins Haus brachten, war er doch mit seinem Bruder Richard durch ihre gemeinsame Zeit in der Hitlerju­gend längst eingestimmt: „Meine Ehre heißt Treue“, klang es begeistert im Chor. „Auch Willi ist ein willensstarker, großartiger Kämpfer!“, rief Else anerkennend aus.

Franzkarl traute sich allerdings noch nicht, der Familie seine Pläne zu offenbaren, da er wusste, seine Schwester Lilo war dagegen. Wie in einer Vorahnung gab sie sich alle Mühe, ihren Bruder zurückzuhalten, sich bei der Luftwaffe zu melden.

Über das Grauen des Krieges, die Leiden der Soldaten, die Erschöpfung, wie sie es aushalten konnten, auf Men­schen zu schießen, die Schmerzensschreie der Verwundeten und Sterbenden zu erleben, sprach keiner und auch in den Feldpostbriefen wurde nur von den Heldentaten berichtet. Selbst nach dem Krieg blieb diese Haltung unverändert und somit konnten die Traumata noch lange nicht aufgearbeitet und damit nicht geheilt werden. Aber es gab auch andere Stimmen, wie der Soldat Emil G. in einem authentischen Feldpostbrief am 24.06.41 über die verhungerten Kinder des Warschauer Ghettos schrieb, das er kurz gesehen hatte: Im letzten Krieg brachte das Ausland Bilder von abge­hackten Kinderhänden. Und nun dies! Die Wahrheit ist schlimmer, grausamer, viehischer als alle Phantasie.

In der Wochenschau im Kino, zu der Franzl seine Mut­ter 1941 nach Aschaffenburg begleitete, sahen sie auf gro­ßer Leinwand den Einsatz des neuen Vormarsches. Ergrif­fen äußerte sich Else auf dem Weg zum Bahnhof: „Die Bilder waren so atemberaubend, gleichzeitig grauenvoll, aufregend, beinahe unfassbar und doch so überzeugend glaubhaft.“ Worauf Dickel erstaunt feststellte: „Warum haben unsere Soldaten denn noch keine Kriegsgefange­nen?“ Immer noch tief bewegt von den Eindrücken gingen sie schweigend nebeneinander her bis Mutch die Stille unterbrach: „Franzl, meinst du nicht auch, die Leistungen unserer Soldaten grenzen ans Wunderhafte und doch sind bei allem die Opfer nicht allzu groß, man muss es gesehen haben!“ Für Franzkarl war dieser Satz seiner Mutter wie ein Weckruf. Bereits einige Wochen später befand er sich in der Kampffliegerschule Greifswald. Er hatte sich noch im Herbst 1941 freiwillig gemeldet. Was macht die kleine Schmütze (Inge) und Burschi, unser Wölflein (Wolfgang)? Jetzt können sie bald nicht mehr im Freien spielen. Na, unser Haus ist ja groß genug. Heil Hitler, Dein Franzkarl, schrieb er beschwingt an seine liebe Mutch, während er sich auf seinen ersten Flug mit der Messerschmitt freute.

Else begann nun wieder, wie fünfundzwanzig Jahre zu­vor während des Ersten Weltkrieges, diesmal mit ihren Töchtern Lilo und Mie, ihren Männern Päckchen mit Le­bensmitteln an die Front zu schicken. Die Familie zu Hause kam kaum vom Radio weg, bei jeder neuen Meldung wurde es laut aufgedreht, dass es durch das ganze Haus hallte. Die Zeitungen wurden verschlungen, die Siegesmeldungen verbreiteten eine euphorisches Stimmung und waren so wuchtig und gewaltig, dass keine Zweifel an einem baldi­gen Sieg aufkommen konnten.

Die Demütigung durch den verlorenen Ersten Weltkrie­g gipfelte in Hitlers Versprechen, die er in einstudierten Parolen und Gesten verkündete. Die „Inszenierung von Massen­erle­ben“ traf auf die Sehn­sucht nach Zugehörigkeit, dem Entkommen einer inne­ren Leere. Die Gesinnung in der Bevölkerung allerdings spaltete sich.

Wie deutsche Konzerne massiv vom Krieg und von Kon­zentrationslagern profitierten, zeigt das abschreckende Beispiel in einem Artikel des Handelsblattes: Der Konzern, der Hitler den Weltkrieg ermöglichte. Das dunkelste Kapi­tel der IG-Farben (u. a. Bayer) war wesentlich geprägt durch die Giftgas-Produktion und dem Bau der riesigen Buna-Fabrik mit dem eigenen KZ Auschwitz-Monowitz. Hier ließen Zehntausende KZ-Häftlinge ihr Leben. Was im benachbarten Vernichtungslager Birkenau passierte, dürfte den Verantwortlichen der IG-Farben mit Sicherheit bekannt gewesen sein, zumal das für die Vergasung verwendete Zyklon B von einer Tochterfirma der IG-Farben produziert wurde. Der Konzern lieferte einen entscheidenden Beitrag zum Ausbau des Konzentrationslagers in eine industriali­sierte Mordmaschinerie, in der etwa 1 ½ Millionen Men­schen umgebracht wurden. […] Es ist die Geschichte von Firmenlenkern, die für den Profit die Ermordung von Zehntausenden Menschen duldeten - ja sogar anordneten. Sie wurden als Kriegsverbrecher (wegen Versklavung und Massenmord) verurteilt. Als sie aber wegen „guter Füh­rung“ schon nach zwei Jahren das Gefängnis verließen, stand die Limousine schon bereit. Sie alle bekamen wieder gute Jobs und trafen sich im Februar 1959 zu einem glanz­vollen Wiedersehensbankett […]. H. Bütefisch, SS-Ober­sturmbannführer (im Freundeskreis H. Himmlers), als Wehrwirtschaftsführer für Auschwitz zuständig und von Hitler mit dem Ritterkreuz dekoriert, bekam in der BRD später das Bundesverdienstkreuz verliehen. Auch der IG-Farben-Manager O. Ambros, Ritterkreuzträger, Schulfreund von H. Himmler und Hauptverantwortlicher für Auschwitz-Monowitz, machte ebenfalls wieder Karriere u. a. beim Contergan-Hersteller. Heute würden sie vom Kriegsverbre­chertribunal Den Haag zu lebenslänglich verurteilt.

Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte mussten je­doch Mary und ihre Eltern nicht mehr erleben.

Unser Führer gibt dem Volke doppelte Kräfte, Vertrauen und Stärke. Unsere Soldaten leisten wieder Übermenschli­ches. Richard ist seit Führers Geburtstag nun wie Franz­karl auch Obergefreiter, schrieb im Mai 1942 Else voller Stolz im Feldpostbrief an ihren Mann. Ihr Bruder Franz befand sich immer noch als Lazarett-Arzt an der Ostfront. Von den Russen wurden Flugblätter abgeworfen, die einige Mutige an sich nahmen, obwohl es unter Androhung der Todesstrafe streng verboten war:

Lesen und weitergeben! Ein neues Hitlerabenteuer ge­scheitert! Deutsche Soldaten! Hitlers Plan einer blitzarti­gen Zerschmetterung der Roten Armee ist gescheitert. Nicht allein, dass die deutschen Truppen nicht vorwärts kommen, die Gegenschläge der Roten Armee bringen ihnen gewal­tige Verluste bei. Um das Scheitern seiner Pläne vor den Augen der Armee wettzumachen, hat Hitler Luftangriffe auf Moskau und Leningrad angeordnet. […] Wie ist dieses neue Abenteuer ausgegangen? Bisher wurde auf Leningrad keine einzige Bombe abgeworfen. […] Die deutsche Luft­waffe hat über Moskau bereits 150 Flugzeuge und ihre besten Flieger eingebüßt. Das sind die Resultate! Mit einem Fiasko endet jedes neue Abenteuer Hitlers! […] mit der Vernichtung Hitlers und seiner Bande, wird auch dieser ganze sinnlose und hoffnungslose Krieg gegen Sowjetruss­land enden! Deutsche Soldaten! Denkt an Euch und Eure Familien! Denkt an das Schicksal Deutschlands, das einem Verbrecher und Abenteurer wie Hitler in die Hände gefal­len ist! Macht Schluss mit dem Krieg! Geht über auf die Seite der Roten Armee!

Darunter war eingerahmt zu lesen: Dieses Flugblatt gilt als Passierschein zum Übergang auf die Seite der Roten Armee. Wer allerdings mit einem solchen Passierschein desertierte und dabei von seinen eigenen Leuten erwischt wurde, kam nicht lebend davon. Wie es einem deutschen Soldaten erging, wenn ihm der Übergang zur Roten Armee gelang, bleibt Spekulation.

Um Richard, der nach 50-jährigem Einsatz als Arzt im Spessart seine Tätigkeit aufgeben musste, weil er selber das Nachlassen seiner Kräfte spürte, war es immer stiller ge­worden. Die Zahl der Freunde, die ihn regelmäßig besuch­ten, wurde kleiner. Einer der wenigen, der immer noch gerne zu einem Gedankenaustausch bei einem Schoppen Wein vorbeikam, war Valentin Pfeifer. Der über die Lan­desgrenze bekannte Lehrer und Autor der „Spessartsagen“ sammelte alte Sagen der Region, schrieb sie nieder in sei­nem Buch und erhält sie damit für die Nachwelt. Valentin machte sich zunehmend Sorgen um seinen alten Kamera­den. Doch Richard winkte lachend ab: „So schnell, alter Freund, wirst du nicht an meinem Grab stehen müssen. Es ist noch nie ein Wehsarg unter achtzig gestorben!“

Dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Reiches im Frühjahr 1945, von dem Richard sich als überzeugter Patriot so viel für sein geliebtes Vaterland versprochen hatte, folgte der völlige Rückzug des altgewordenen Dok­tors aus seiner bereits altersgemäß eingeschränkten Praxis­tätigkeit.

In ihm – wie in den meisten seiner Generation – lebte die Heimatliebe im Geist der alten Burschenschaften (im Liedtext von Hoffmann von Fallersleben 1839 geschildert) weiter:

Treue Liebe bis zum Grabe

schwör ich dir mit Herz und Hand;

was ich bin und was ich habe,

dank ich dir mein Vaterland!

Nicht in Worten, nur in Liedern

ist mein Herz zum Dank bereit,

mit der Tat will ich’s erwidern

dir in Not, in Kampf und Streit. […]

Die Härten des Krieges, von denen die Bevölkerung zwar auf dem Land in ihrem Alltag weitgehend verschont ge­blieben war, trafen auch seine Familie grausam. Sein hoff­nungsvoller Enkel Franzkarl, der Spaßvogel der Familie, der wie er immer zu einem Scherz aufgelegt war, und den er so gerne um sich hatte, war als Kampfpilot 1944 mit seinem Jagdflugzeug über Le Havre abgeschossen worden. Er selbst hatte die Nachricht entgegengenommen. Bevor er das Bündel, das dem Schreiben an die Eltern, der Sohn sei im Kampf für das Vaterland gefallen, öffnete, nahm er es an sich, um am Abend, wenn Ruhe im Haus eingekehrt war, sich zuerst Lilo anzuvertrauen. Mit zitternden Händen, kein Wort kam über seine Lippen, übergab er ihr die Unterlagen.

Lilo ließ sich auf den nächsten Stuhl sinken und las:

An die Mutter

Der Tag ist geschwunden,

das Licht weicht der Nacht.

Vor dem Zelt wird ein Feuer entfacht.

Ich schau in die Flamme

und denke an dich.

All‘ was es gibt,

das bist du für mich.

Da taucht mir im Schimmer

dein Bild aus der Glut,

ganz wie du bist, so lieb und so gut.

Es ist so wie früher,

du redest zu mir.

Ich höre dir zu

und bin ganz bei dir.

Die Flamme wird kleiner,

sie ist fast verglimmt.

Ich merke, dass sie dein Bild von mir nimmt.

Nun trennen uns Länder.

Was macht es denn schon,

sind wir doch eins,

du und dein Sohn.

Er hatte das Gedicht auf dem Luftwaffenstützpunkt in Catania auf Sizilien verfasst und nun lag es bei dem Ab­schiedsbrief, den er, wie alle Soldaten, vor dem Einsatz schreiben musste für den Fall seines Todes. Wie sehr hatte Lilo - in Vorahnung des „Todeskommandos“ - ihren Bruder beschworen, sich nicht für die Luftwaffe, sondern für die Infanterie zu melden. Franzkarl war so jung, so euphorisch und fühlte sich nutzlos, nach dem Abitur nur zu Hause herumzusitzen, während sein jüngerer Bruder, sein Vater, sein Onkel und seine beiden Schwager ihm ein Vorbild waren, weil sie als „Helden im Einsatz für das Vaterland“ ihr Leben riskierten. Alle gutgemeinten Worte der Schwester hatten Franzl von seinem Vorhaben nicht mehr abbringen können. Sein jugendlicher Optimismus hatte alle aufkommenden Zweifel hinweggefegt.

Im Laufe des Krieges wurde Lilos Mann so schwer verwundet, dass er lange in Lebensgefahr schwebte und zuletzt nur - wegen noch nicht verfügbarer Antibiotika - durch die Amputation eines Beines gerettet werden konnte. Nach seinen vorhergehenden Verwundungen (Streifschuss im Genick, Gehörschädigung, Teillähmung der Hand) war er nun zu hundert Prozent kriegsversehrt. Seine Kameraden meinten scherzhaft, aber bewundernd, er sei wohl mit dem „Teufel im Bunde“, dass er dem Tode so oft entronnen sei. Die Zertrümmerung seiner beiden Knie war seine fünfte Verwundung, die die Amputation des linken Beines bis über das Knie zur Folge hatte. Nun wurde Willi als Oberst­leutnant zum Kompanie-Chef der ersten Panzergrenadier-Ausbildung ernannt und als Hauptmann mit seiner Kompa­nie in der Kampfgruppe Schwarzrock bei Forst an der Neiße zur Abwehr der Russen eingesetzt. Dort wurde er schon am zweiten Tag beim Überfahren einer Panzermine verwundet, die irrtümlich von einer Panzer-Abwehr-Kom­panie verlegt worden war. Er kam in ein Lazarett in Schleswig und von dort in die englische Gefangenschaft, wo er nach drei Monaten wieder entlassen wurde. Im Mai 1942 wurde ihm das Deutsche Kreuz in Gold und einen Monat später das Verwundeten-Abzeichen in Gold verlie­hen.

Das Brüderchen des dreijährigen Wolfgang kam zur Welt, während ihr Papi zur gleichen Zeit schwer verwundet im Städtischen Krankenhaus in Aschaffenburg lag. Beinahe jede Nacht mussten beim Fliegeralarm eiligst die Patienten in den Luftschutzkeller transportiert werden. Die Ein­schläge und die Erschütterungen waren bis in den Schutz­raum zu spüren. Udo, der neue Erdenbürger, lag beschützt in Mamis Arm, die im Rollstuhl in Sicherheit gebracht wurde.

Der Sommer 1944 brachte eine weitere Schreckens­nachricht: Annemaries Mann Edgar war gefallen, die kleine Tochter Inge war gerade erst fünf Jahre alt.

Kurz darauf reiste Lilo mit dem einjährigen Udo zu ih­rem Mann nach Cottbus, der sich trotz seiner schweren Verletzungen wieder zum Einsatz als Ausbilder einer Kom­panie gemeldet hatte. Lilo war in großer Sorge um seine Gesundheit. Die Mutter und Schwester unterstützten ihren Entschluss. Den vierjährigen Wolfgang wusste sie gut be­hütet im Elternhaus. Mit der kleinen Inge konnte er unbe­schwert von den Kriegsereignissen im Haus und im Garten spielen.

In Cottbus war Willi in Wartestellung mit seinen Män­nern für den Einsatz. Neben der Kaserne stand eine Woh­nung für den Kompanieführer zur Verfügung. Durch die liebevolle Pflege seiner Frau erholte sich Willi zusehends und die Freude über den kleinen Sohn, den er nun täglich sehen konnte, trug mit zu seiner Genesung bei.

Bei den täglichen Übungen und Märschen war die Kompanie unvermutet auf eine große Herausforderung gestoßen: Lilo stand in der Küche am Herd. Der kleine Udo saß zufrieden in seinem Laufställchen (ein Gitter ohne Bo­den) im Schatten eines Baumes im Garten und spielte mit Bauklötzen. Frei laufen konnte er noch nicht, aber das Hochziehen und sich auf diese Weise - mit seiner „Geh­hilfe“ – Schritt für Schritt fortzubewegen, machte ihm sichtlich Vergnügen. Seine Mami lief zum Fenster, als sie das laute Kommando hörte: „Kompanie halt!“ Mit offenem Mund stand ihr kleiner Sohn mit seinen Händchen am Laufgitter mitten auf dem Weg und versperrte so den Marsch. Aus der kurzen Hose hing um die nackten Beinchen - ausgerechnet jetzt - die vom Inhalt verschmierte Windel. Mit großen Augen sah Udo zu den Männern auf und bewegte sich keinen Millimeter weiter. Mit eiserner Disziplin bemühten sich die Soldaten, eine ernste Miene zu behalten, als der erste aus den Reihen trat und den Kleinen samt seinem Laufställchen auf die Seite hob und in der Wiese absetzte. Mit hochrotem Gesicht lief Lilo hinaus, um rasch ihren Sohn zu holen.

Regelmäßig in der Nacht - manchmal sogar mehrmals - schreckte ein Fliegeralarm die Schlafenden aus ihrer Nacht­ruhe. Lilo holte den voller Angst schreienden Udo aus sei­nem Bettchen und eilte mit ihm in den Luftschutzkeller. Dass sie hier als einzige Frau mit ihrem Kind im Arm unter einer Kompanie Soldaten saß, war für die Männer ein tröst­licher Anblick. Wenn Udo an Mamis Brust trinken durfte, beruhigte er sich wieder und schlief bald weiter. An Heili­gabend packte Lilo kleine Päckchen mit ein paar selbstge­backenen Plätzchen und Nüssen. Den Soldaten, die doch alle nur sehnsuchtsvoll an ihre Familien dachten, die jetzt ohne sie zu Hause unter dem Christbaum saßen, erschien die Frau ihres Hauptmannes wie ein Engel, als sie ihnen mit einem Händedruck und einem aufmunternden Lächeln die kleinen Geschenke überreichte.

Als im Frühjahr 1945 die Nachricht kam, dass die Rote Armee näher rücke, musste Lilo mit dem kleinen Udo aus dem Osten fliehen. Willi wollte sie in Sicherheit bringen und fand eine Gelegenheit, mit anderen Flüchtlingen auf der Transportfläche eines Lastwagens Richtung Westen zu fahren. In der ersten Nacht kamen die Flüchtenden alle in einem Lager unter. Lilo war erleichtert, dass sie Udo immer noch stillen konnte und hoffte inständig, ihre Milch würde nicht versiegen. Sie hatte sich mit ausreichend Proviant für die Reise versorgt, den sie unter der Matratze des Kinder­wagens deponiert hatte. Am nächsten Tag ging‘s mit der Eisenbahn weiter. Die Gruppe war gerade eine Stunde un­terwegs, als sie die tief heranfliegenden Flugzeuge hörten. Die Bremsen quietschten und die Wucht schüttelte die Fahrgäste, dass sie übereinander purzelten. Hastig mussten sie aussteigen, das Gepäck zurücklassen, ins Gelände eilen und sich unter Büschen und in den Straßen­gräben verstecken. Udo lag beschützt eng an die Brust sei­ner Mami gedrückt unter ihrem Mantel. Sie hielt ihm die Ohren zu, er sollte den Einschlag nicht hören. Dass ihr Herz vor Angst raste, konnte sie ihm nicht verbergen. Im letzten Augenblick hatte ein Mitreisender den Kinderwagen he­rausgezerrt. Der Zug wurde getroffen und nun mussten alle zu Fuß weiterziehen. Ein kalter Märzwind schlug ihnen ins Gesicht. Im Kinderwagen lag der kleine Udo warm gebettet im weichen Nerzcape seiner Mami. Es war ein Weih­nachtsgeschenk von Willi aus seiner Zeit während des Kriegseinsatzes in Frankreich.

Lilo dachte an ihren Sohn zu Hause. Wie gut, dass we­nigstens mein kleiner Wolfgang in Sicherheit ist. Er wird hoffentlich nicht aufgeschreckt werden durch die Sirenen in der Nacht … Mit solchen Gedanken versuchte Lilo, sich Trost zuzusprechen und sammelte alle Kräfte für die wei­tere Flucht. Nach fünf kräftezehrenden Tagen und Nächten kam sie endlich im Spessart an. Ein Lastwagen hatte sie völlig erschöpft mit dem Rest der Gruppe regelrecht von der Straße aufgelesen. Die Gewissheit, dem Zuhause so nah zu sein, gab ihr jetzt neue Kraft. Das Wetter hatte sich ge­bessert. Lilo atmete Heimatluft, spürte die ersten Sonnen­strahlen in ihrem Gesicht und schob - in der Vorfreude auf das Wiedersehen zu Hause - beschwingt den Kinderwagen. Sie hatte es geschafft! Erleichtert lächelte sie ihrem Sohn zu, der laut jauchzte, das Gesicht seiner Mutter so fröhlich zu sehen. Noch nie hatte Lilo einen Fußweg in einer sol­chen Stimmung erlebt: Tränen liefen über ihre Wangen; Dankbarkeit, Glücksgefühle und Freude ließen sie laut jubeln. Die Überraschung war groß, als sie nach etwa vier Stunden an die Haustüre klopfte. Sie fiel der Mutter in die Arme, die sie mit feuchten Augen auffing. Erst jetzt spürte Lilo, wie ihre Knie weich wurden. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Annemarie kam mit der klei­nen Inge im Arm herbeigeeilt und Opapa, von Freude und Dankbarkeit so überwältigt, dass er sich unbeholfen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen musste, hielt sich einen Moment am Türrahmen fest. Endlich konnte Lilo auch ihren so sehr vermissten kleinen Wolfgang, der sie mit großen Augen anschaute, wieder in die Arme schließen. Und endlich ließ sie auch ihren Tränen freien Lauf.

Als 1945, noch kurz vor Ende des Krieges, Bomben auf Aschaffen­burg, Darmstadt und Würzburg fielen, waren die Erschütterungen so gewaltig, dass in den Sommer­auer Häusern die Möbel und Lampen an der Decke wackelten. Das Donnern der Bomber, die am Abend des 15. März über das Dorf flogen, verbreitete großen Schrecken. Der Angriff auf Würzburg zerstörte die Gebäude zu 90 Pro­zent. Die brennende Stadt färbte weithin den Nachthimmel rot. Etwa fünftausend Menschen kamen um und Tausende wurden obdachlos.

Wenn die Sirenen aufheulten, flüchteten in Sommerau alle in die Keller. Der ohrenbetäubende Lärm des Alarms sollte unvergesslich bleiben, löste noch viele Jahre bei spä­teren Feuerwehr-Übungsalar­men Beklemmungen aus und ließ die alten Ängste wieder lebendig werden.

Das Dorf blieb verschont, bis im April 1945 die Nach­richt im Eilfeuer durchs Dorf ging, dass die Amerikaner bereits vom Main herauf unter­wegs waren. Zwar wurden sie als Retter vor den bösen Russen und als Bollwerk gegen den drohenden Kommunismus erwartet, doch die Angst, dass nun der Krieg sich vor ihrer Haustüre befinden könnte, löste eine Panik aus. Da sich einige SS-Soldaten in einem Waldgebiet zwischen Eschau und Wildenstein verschanzt hatten und von dort auf die Angreifer schossen, lenkten sie den Gegenangriff auf sich. Beinahe gleichzeitig waren die Schüsse der Amerikaner von der anderen Seite, von Ei­chelsbach her, zu hören. Einige Häuser im Dorf wurden getroffen, ein Schuss traf den Malepartus. Der Schafhof vor dem Ortsein­gang brannte ab. Vor vielen Häusern flat­terten - als Zeichen der Kapitulation - weiße Fahnen, eilig aus Bett­tüchern gefer­tigt. Viele Einwohner brachen in Todesangst zu Fuß auf in das etwa acht Kilometer entfernte Wildensee, wo sie sich sicher fühlten. Ganze Karawa­nen - auch Udo im Kinderwagen mit Mutter und Bruder Wolfgang - waren bergauf unterwegs, andere mit Leiterwagen und Fahrrädern in Begleitung ihrer Hunde. Sie mussten vorbei am Wald­stück Wolf, wo sich die SS versteckt hielt und riskierten, von den Amerikanern beschossen zu werden. Das furchter­regende Donnern der einfahren­den Pan­zer trieb die verblie­benen Einwohner in ihre Verstecke in den Kellern.

Zwei Soldaten hämmerten mit ihren Gewehrkolben an die Haustüre. Beherzt öffnete Opapa ihnen. Er wurde auf die Straße kommandiert und in gebrochenem Deutsch und barschem Ton fuhr ein Sergeant ihn schroff an. Opapa hörte immer wieder das Wort „Nazi“ bis er verstand, dass ein Sommerauer den durch die Straße fahrenden Jeeps zugeru­fen hatte: „Hier wohnt ein Nazi!“ Richard sprach sehr gut englisch und als der Amerikaner erfuhr, dass er einen alten erfahrenen Arzt vor sich hatte, nutzte er die Gelegenheit, seinen medizinischen Rat einzuholen. Zuletzt stellte sich noch heraus, dass der GI, ebenso wie Mary, in St. Louis geboren war. Die Situation entspannte sich und zur Er­leichterung aller verlief dieser Tag glimpflich.

Nach außen hin war die Familie zwar bemüht, das Bild der Helden in der Familie, Edgar und Franzkarl, die für Vaterland und Führer im Kampf fielen und Willi, dem zu hundert Prozent Kriegsversehrten, aufrechtzuhalten. Sie alle waren überzeugt gewesen - wie viele andere - ihre patrioti­sche Pflicht für die Ehre des Vaterlandes zu erfüllen. Ihre jugendliche Begeisterungsfähigkeit sah Richard nun schamlos ausgenutzt und geopfert. Doch wenn er in der Dämmerung alleine im Garten saß - es waren auch nach fünfundzwanzig Jahren noch die Stunden im vertrauten Gespräch mit seiner verstorbenen Frau am Ende jedes Ta­ges - wurden der Schmerz und die Trauer so groß, dass er begann zu ahnen, welchem Wahn auch er - wie viele andere - verfallen war. Hitlers Parolen, mit denen er die Massen verführte: „Ihr seid das wahre Herrenvolk! Ich verspreche euch goldene Zeiten!“, klangen jetzt nur noch wie Hohn in seinen Ohren. Wie alle Gewaltherrscher hatte auch Hitler nur so lange vom Frieden für das Vaterland gesprochen bis er seine Armeen aufgerüstet wusste. Und die Dimension der schier unfassbaren Schreckensbilder der Schlachten, der Leiden der Soldaten, der Opfer unter der Zivilbevölkerung, der traumatisierten Rückkehrer und der Familien, denen der Krieg die Söhne, Väter und Ehemänner geraubt hatte, schien unfassbar. Dass zudem mehr und mehr die Gräuel­taten der Nazis an der jüdischen Bevölkerung ans Licht kamen, hatte ihn tief getroffen. Zum ersten Mal hörte er Wörter wie Gaskammern, Sonderkommandos, Kremato­rien. Wenn er in die fröhlichen Gesichter seiner Urenkel­kinder schaute, blickte er in Millionen unschuldiger Kin­deraugen. Der Mord an diesen Kindern, auch den vielen ungeborenen ließ ihn nicht mehr los. Die Bilder kreisten unablässig in seinem Kopf bis er glaubte, den Verstand zu verlieren.

Bis zum letzten Augenblick war der Glaube an den ver­heißenen „Endsieg“ wie ein Dogma, niemand in der Fami­lie hatte gewagt, es anzuzweifeln. Der Blick auf die ganze Dimension dieses Krieges, die millionenfachen Verbrechen, die erst nach und nach bekannt wurden, u. a. im Gesprächs­austausch mit dem befreundeten Schlossers Leo (mein Vater), der den verbotenen englischen Sender BBC heim­lich abhörte, erschütterten schlagartig sein Bild vom Natio­nalsozialismus. Die quälenden Gedanken, die ihn keinen Schlaf mehr finden ließen in der Nacht, verfolgten ihn. Was wird nun werden aus meinem geliebten Vaterland? Wer wird Rechenschaft ablegen für diese Verbrechen? Wie werden unsere Kinder und Enkelkinder mit diesem Trauma ihr Leben gestalten können, dem Gefühl der Scham, der Hypothek, die wie eine „Erbsünde“ auf ihnen lasten wird? Er fand nicht mehr die Kraft über die Gedanken, die ihn bewegten und bedrückten, mit seinen Kindern zu reden, nicht einmal mit seinen Freunden, die er immer seltener sah, weil er sich mehr und mehr zurückgezogen hatte. Ri­chard war ein Greis, vom eigenen Schatten verfolgt. Wie in ihm breitete sich in einer ganzen Generation ein Schweigen über den pervertierten Nationalismus aus, das das Grauen unter einem dicken Nebelschleier verbarg, unwissend, dass dieses Schweigen - wie eine Verewigung des Verbrechens - die Türe vor der Wahrheit verschloss und sie aufreißen kann zu einer Neuauflage. Jahrzehntelang war es, als wäre für die meisten der Faden des Gedächtnisses gerissen und das Grauen hinterließ eine ganze traumatisierte Generation.

Martin Luther, der große Reformator des Christentums galt als zentrale Persönlichkeit seit Richards Kindheit in der Familie. Sein markantes Portrait hing an der Wand des Arbeitszimmers seines Vaters, wie seines Großvaters, der ebenso Pastor war, und wenn der Vater ihn zitierte, war es für den kleinen Richard, als kämen die Worte aus Luthers Mund selbst. Er sah die Fehlentwicklungen in der Kirche und wollte sie beseitigen, diese in ihrem ursprünglichen Zu­stand wiederherstellen. Entgegen seiner Absicht war es zu einer Kirchenspaltung gekommen. Luthers Bibelüberset­zung gilt bis heute als große Leistung. Die spätere Neu­orientierung der politischen Verhältnisse Deutschlands und Europas wären ohne die Reformation nicht zu erklären.

Luthers antisemitische Haltung basiert auf seiner Theo­logie und nicht auf rassistischen Einstellungen. Seine ab­lehnende Haltung dem jüdischen Volk gegenüber stand in direktem Zusammenhang mit der Legende, die seit zwei­tausend Jahren von höchsten moralischen Autoritäten ge­predigt wurde: Die Juden trügen die Schuld, dass Jesus gekreuzigt worden sei. Der Vorwurf, einen „Gottesmord“ begangen zu haben, sollte als Rechtfertigung dienen für die Hetzjagd und schließlich die Ermordung der Juden. Dass die Römer die Verantwortung für den Tod des Mannes aus Nazareth tragen, hätten die Historiker und Theologen aller­dings von Anfang an wissen können, wenn sie die Pas­sionsgeschichten kritischer auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft hätten. So räumte auch Luther nicht dieses Miss­verständnis aus.

Die Verdrehungen der geschichtlichen Abläufe bis zur Hinrichtung Jesu am Kreuz hatten bereits durch die Auf­zeichnungen der vier Evangelisten begonnen, die nicht ahnen konnten, welche verheerenden Auswirkungen dies haben sollte. Wer sich die Botschaften Jesu, die er uns durch sein Beispiel hinterlassen hat, zu Herzen nimmt, wird erkennen, dass er die Nächstenliebe, die alle Lebewesen, die ganze Natur einschließt, furchtlos über alle irdischen Gesetze an die erste Stelle unseres Menschseins gestellt hat.

Bereits in der Kindheit hatte Richard von den „Lügen der Juden“ und antijüdische Äußerungen gehört, über die Luther eine Schrift herausgegeben hatte. Von seinem Vater wusste er, dass Luther ursprünglich sich mit den Juden gegen die Katholiken verbünden wollte. Seine Bemühun­gen, die Juden zu bekehren, scheiterten. Er wollte ihnen die unsinnige Narrheit des jüdischen Glaubens beweisen und ließ ihnen nur die Wahl zwischen Taufe und Vertreibung. Zunächst beschrieb Luther den Hochmut der Juden. Sie hielten sich aufgrund ihrer Abstammung für Gottes auser­wähltes Volk, obwohl sie doch, wie alle Menschen, als Sünder unter Gottes Zorn stünden. Die Juden seien blut­dürstig, rachsüchtig, das geldgierigste Volk, leibhaftige Teufel, verstockt. Ihre verdammten Rabbiner verführten die christliche Jugend, sich vom wahren Glauben abzuwenden. Luther zitierte das Neue Testament Mt 12,34: Ihr Schlan­genbrut, wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid? Gutes tun sie aus Eigennutz, nicht aus Liebe […]. - Sie lassen uns in unserem eigenen Land gefangen und lassen uns arbeiten […] sind also unsere Herren, wir ihre Knechte. Er appellierte an den Sozialneid der Bevölkerung, um die „Schutzgeldzahlungen“ der Juden zu beenden. Dazu forderte er, ihre Synagogen niederzubrennen, ihre Häuser zu zerstören etc. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass es den Christen verboten sei, die Juden zu verfluchen und persön­lich anzugreifen obwohl er sie gerne eigenhändig erwürgen würde. Falls sich seine sieben Schritte nicht durchführen ließen, so bleibe nur, die Juden aus den evangelischen Län­dern wie tolle Hunde zu verjagen. Damit sprach Luther den Juden die Menschenwürde ab, die er ihnen noch 1523 zu­gebilligt hatte. Er wies die evangelischen Pfarrer und Predi­ger an, seine Ratschläge unabhängig vom Verhalten der Obrigkeit zu befolgen, ihre Gemeinden vor jedem Kontakt mit Juden und jeder Nachbarschaftshilfe für sie zu warnen und verlangte die Weitergabe und ständige Aktualisierung seiner antijüdischen Schriften.

1931 gab Karl-Otto v. d. Bach die Schrift „Luther als Judenfeind“ heraus, in der er in judenfeindlichen Lutherzi­taten eine völkische Bedeutung der Reformation gegen die jüdische Plage sah. Diese Ansichten wurden Gemeingut in völkischen und rassistischen Teilen des Protestantismus.

Adolf Hitler stilisierte Luther beim NSDAP-Parteitag 1923 für den geplanten Hitlerputsch zum Vorbild des Füh­rerprinzips: Er habe seinen Kampf gegen „eine Welt von Feinden“ damals ohne jede Stütze gewagt. Dieses Wagnis zeichne einen echten heldischen Staatsmann und Diktator aus. Das NSDAP-Blatt „Der Stürmer“ vereinnahmte ab 1923 oft ausgewählte isolierte Zitate aus dem Neuen Tes­tament und von christlichen Autoren, darunter Luther.

Aber es gab auch andere Stimmen: Pastor Hermann Steinlein (Innere Mission Nürnberg) erklärte, Luther sei keine unfehlbare Autorität. Eduard Lamparter erklärte 1928 für den Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Luther sei parteipolitisch zum Kronzeugen des modernen Antisemitis­mus vereinnahmt worden und sei 1523, auf dem Höhepunkt seines reformatorischen Wirkens, für die Unterdrückten, Verachteten und Verfemten in so warmen Worten einge­treten und hätte der Christenheit die Nächstenliebe als die vornehmste Pflicht auch gegenüber den Juden eindringlich ans Herz gelegt. Prominente evangelische Theologen emp­fahlen allen Pastoren, die Erklärung als maßgebende Posi­tion der evangelischen Kirche zu verlesen: Antisemitismus sei eine Sünde gegen Christus und mit dem christlichen Glauben unvereinbar.

Der Deutsche Evangelische Kirchenbund begrüßte den­noch die Machtergreifung des NS-Regimes am 30. Januar 1933 mit großer Begeisterung. Vertreter, wie Otto Dibelius - als glühender Monarchist, Antidemokrat und Antisemit - lobten beim „Tag von Potsdam“, am 21. März 1933, die Beseitigung der Weimarer Verfassung als „neue Reforma­tion“ und stilisierte Hitler zum gottgesandten Retter des deutschen Volkes. Dieser Tag ging in die Geschichte ein, da in der Garnisonskirche der erste Reichstag nach der Machtübernahme eröffnet wurde und der neue Reichs­kanzler Adolf Hitler sich vor Reichspräsident Hindenburg verneigte.

In der NS-Zeit wurden Luthers Judentexte neu heraus­gegeben. 1937 und 38 bekräftigten zwei Artikel im „Stür­mer“, Luther müsse als unerbittlicher und rücksichtsloser Antisemit gelten und die evangelischen Pastoren müssten dies viel stärker predigen. Im November 1937 beim „Rezi­tationsabend“ im Residenztheater in München zur Propa­ganda-Ausstellung „Der ewige Jude“ wurden zuerst Aus­züge aus Luthers Schriften verlesen. Gegen die November-Pogrome protestierte keine Kirchenleitung. Landesbischof Walther Schultz forderte alle Pastoren Mecklenburgs in einem „Mahnwort zur Judenfrage“ am 16. November 1938 auf, Luthers „Vermächtnis“ zu erfüllen, damit die „deutsche Seele“ nun keinen Schaden erleide und die Deutschen […] alles daran setzten, eine Wiederholung der Zersetzung des deutschen Reiches durch den jüdischen Ungeist von innen her für alle Zeiten unmöglich zu machen. Adolf Hitler, nicht „der Jude“ habe am deutschen Volk Barmherzigkeit getan, so dass ihm und seinem – dem deutschen Volk auf­getragenen - Kampf gegen die Juden, die Nächstenliebe, Treue und Gefolgschaft der Christen zu gelten habe. Bi­schof Martin Sasse stellte in seinem weit verbreiteten Pamphlet Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen! am 23. November 1938 ausgewählte Lutherzitate so zusam­men, dass die nationalsozialistische Judenverfolgung als direkte Erfüllung von Luthers Forderungen erschien. Die von elf evangelischen Landeskirchen unterzeichneten „Leitlinien“ vom März 1939 behaupteten, der artgemäße Nationalsozialismus setze Luthers Reformen politisch fort. Der Theologe Theodor Pauls forderte, die Kirche müsse mit dem Evangelium für das deutsche Lebensgesetz gegen die jüdische Macht des Verderbens eintreten, der Staat müsse dieses Lebensgesetz durchsetzen und Gottes Zorn gegen die Juden vollstrecken und untermauerte dies mit Luther-Zita­ten. Am 17. Dezember 1941 erklärten sieben evangelische Landeskirchen, der Judenstern entspreche Luthers Forde­rung, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen.

Die evangelischen Kirchenführer ließen sich in voraus­eilendem Gehorsam bereitwillig zu Helfershelfern der Na­zis instrumentalisieren, tauschten das Neue Testament mit der Bergpredigt gegen „Mein Kampf“. Der frühere US-Präsident Wilson, der sich mehrmals während des Ersten Weltkrieges für Friedensverhandlungen eingesetzt hatte, wäre als herausragendes Vorbild für eine christlich orien­tierte Politik gewesen.

Luthers Antisemitismus war in klerikalen Kreisen kein Einzelfall. Der ehemalige Zisterzienser-Mönch und Lands­mann von Adolf Hitler, Adolf J. Lanz aus Wien (Hoch­stapler Jörg Lanz von Liebenfels), gründete 1900 einen Zusammenschluss rassistischer Deutsch-Österreicher, den religiösen „Neutempler-Orden“, der die arische Rasse - als die von Gott auserwählten Herrenmenschen - glorifizierte. Als glühender Antisemit fühlte er sich den „Alldeutschen“ verbunden. Lanz legte den Sündenfall des Alten Testa­mentes so aus, dass die ursprünglich göttlichen Arier sich mit Tieren vermischt hätten und daraus minderwertige Rassen hervorgegangen seien, die zur Reinhaltung des Blutes zu eliminieren wären (Eugenik). Sein menschen­verachtendes Frauenbild drückte sich darin aus, dass ari­sche Frauen nur als „Zuchtmütter“ wertvoll seien. Inwie­weit sich Hitler von Lanz inspirieren ließ, ist unter Histori­kern umstritten. Bei SS-Chef Heinrich Himmler dürften neben dem Rassenwahn auch die okkulten Thesen von Lanz auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sein (er glaubte die Reinkarnation König Heinrichs zu sein, suchte nach dem Heiligen Gral, gründete die „SS-Herrenmen­schen-Zuchtstation Lebensborn“, baute die Wewelsburg zu einer rituellen SS-Hochburg aus) und konnte in diesem Wahn skrupellos den millionenfachen Massenmord organi­sieren. Wie schizophren, barbarisch und menschenverach­tend Himmler war, zeigt eine Rede vor seinen Mordscher­gen der Sonderkommandos am 4. Oktober 43 in Posen: „Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘ sagt ein jeder Parteigenosse. Ganz klar steht in unserem Programm Ausschaltung der Juden; Ausrottung machen wir. Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist klar, die anderen sind Schweine, aber dieser ist ein prima Jude. Von allen die so reden, hat keiner zugesehen und durchgestan­den. Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100, 500 oder 1000 Leichen daliegen. Dies durchge­halten zu haben und dabei, abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche, ‚anständig‘ geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes Ruhmesblatt unserer Geschichte“. Dass Himmler mit diesen Zahlen untertrieben hat, zeigt stellvertretend das Massaker in der Schlucht von Babyn Yar, Nähe Kiew, bei dem - mit „logistischer“ Unterstützung der Wehrmacht - innerhalb 36 Stunden 33.000 Juden (Männer, Frauen und Kinder) von seinen Schergen erschossen wurden.

Einzelne Vertreter verschiedener Kirchen prangerten in ihren Predigten die Judenverfolgung oder Konzentrations­lager an und erhielten daraufhin Rede- und Schreibverbot oder wurden selbst in Konzentrationslagern inhaftiert. Ei­nige Theologen, wie Niemöller und Bonhoeffer, leisteten aktiven und passiven Widerstand. Die Württembergische Pfarrhauskette, organisiert durch Theodor Dipper, war eine Untergrundorganisation evangelischer Pfarrer zur Rettung von Juden. Die Mitglieder der Weißen Rose (Scholl, Probst, Graf, Schmorell) druckten und verteilten im Juni 1942 bis zum Februar 43 Flugblätter. Sie handelten nach eigener Aussage aus christlicher Überzeugung und wurden ebenso wie Bonhoeffer hingerichtet. Doch allen Gruppen des Wi­derstandes war bewusst, dass sie eine verschwindend kleine Minderheit der Bevölkerung darstellten. Sie besaßen keine realistische Chance, das System grundlegend zu ändern. Eine Unterstützung durch die Alliierten erhielt der deutsche Widerstand nicht, vielmehr führte die Forderung einer be­dingungslosen Kapitulation zu einer Solidarisierung mit der Führung und gab dem Widerstand keine Möglichkeit, durch eine Machtübernahme die Friedensbedingungen zu verbes­sern.

Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Synode von Weißensee 1950 leitete die Evangelische Kir­che in Deutschland einen Bruch mit dem Antijudaismus ein, schwieg aber lange zu Luthers Judenaussagen. 1969 nahm der Lutherische Weltbund erstmals offiziell Stellung zu Luthers Judentexten: Er habe Juden darin auf grausame und gefährliche Weise angegriffen und damit seiner Kreu­zestheologie widersprochen. Zum 500-jährigen Reformationsjubiläum sollte sich die Evan­gelische Kirche der Klärung von Luthers antijüdischer Grundhaltung stellen. „Das weitreichende Versagen der Evangelischen Kirche gegenüber dem jüdischen Volk er­füllt uns mit Trauer und Scham.“ Der Wissenschaftliche Beirat der EKD erklärte in seiner Orientierungsschrift: Völkische Antisemiten hätten Luthers antijüdische Schrif­ten mit ihrem rassenbiologischen Programm verbunden und für die nationalsozialistische Judenpolitik benutzt. Daran hätten sich „je länger, je mehr“ auch evangelische Theolo­gen beteiligt. Heute gelten Luthers Judenschriften als schlechterdings unvereinbar mit seiner eigenen Theologie und dem Neuen Testament.

Dass sich nicht nur in Deutschland über mehrere Genera­tionen ein tiefsitzender Groll gegen jüdische Bürger aufge­baut hatte, sah Richard bestätigt durch seine eigenen un­freiwilligen Beobachtungen in den letzten Jahren während seiner Hausbesuche im Spessart. Er hatte nicht nur einmal gesehen, wie ein jüdischer Kaufmann in ein Haus ging, das mehr einer Hütte glich, während kurz darauf der Besitzer durch die Hintertüre verschwand. Richard wusste, dies war nicht nur für einen einzigen Schuldner die letzte Möglich­keit, durch seine Ehefrau den angelaufenen Zinsen zu ent­kommen. Sich Geld zu leihen gegen einen Schuldschein war manchmal in der Not die Rettung vor dem Verhungern. Und wenn einige Juden Zinsen verlangten, die die Schuld­ner nicht begleichen konnten, wuchs der Unmut. Es hieß, die Zinsen seien für die Juden wie für die Bauern die Egge und der Pflug. Betrügereien durch Deutsche - wie legali­sierter Diebstahl jüdischen Eigentums in der NS-Zeit - wurden dagegen verdrängt, da dies nicht in das Bild des angeblich „ehrlichen und aufrechten Deutschen“ passte.

Seit vielen Jahren hatte sich ein Neid-Antisemitismus in einigen Teilen der Bevölkerung entwickelt, der sich aus­gebreitet hatte. Die von Hitler angekündigte „Juden-Ver­nichtung“ nahm kaum jemand wörtlich, wie auch die Reichstagsrede vom 30. Januar 39: „Wenn es dem interna­tionalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergeb­nis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ - und im Jahre 1941/42 über die Endlö­sung: „Wenn wir diese Pest ausrotten, so vollbringen wir eine Tat für die Menschheit […] Wir werden gesund, wenn wir den Juden eliminieren.“

Kaum jemand war in der Lage, sich das Grauen des be­ginnenden Holocaust vorzustellen. Propagandafilme der Nazis zeigten demonstrativ Filmaufnahmen vom Lager Theresienstadt, in denen der Tagesablauf der jüdischen Familien wie in einem Ferienlager, sogar mit eigenem Ge­müsegarten und Sportprogramm, zu sehen war. Die Bilder sollten die Bevölkerung, die mehrheitlich das Aussiedeln der Juden aus Deutschland begrüßten, täuschen und von der grausamen Wahrheit ablenken. Im krassen Gegensatz dazu wurden filmisch auf perfide Weise die grauenhaften Ver­hältnisse im Warschauer Ghetto für ein verfälschtes Bild „des Juden“ ausgeschlachtet, mit dem Tenor, er sei ein parasitärer, verlauster, schmutziger und unkultivierter Un­termensch. Dieser hätte damit, nach der Lesart des angeb­lich zivilisierten arischen Herrenmenschen, in einem neuen Großdeutschen Reich kein Lebensrecht mehr. Für diese sog. „Parasiten des Deutschen Reichs“ blieb als logische Konsequenz nur die Endlösung mit Zyklon B.

Auch die Kirche war informiert, wie ein Appell vom 16. Juli 43 des Bischofs Wurm - der schon 1940 gegen das Euthanasie-Programm protestierte - an Hitler beweist: […] Die Liebe zu meinem Volk, dessen Geschicke ich als 75-Jähriger seit vielen Jahrzehnten mit innerster Anteilnahme verfolge und für das ich im engsten Familienkreis schwere Opfer gebracht habe, drängt mich aber dazu, es noch ein­mal mit einem offenen Wort zu versuchen. […] Für die lebenden, wie für die gefallenen evangelischen Christen Deutschlands wende ich mich als ältester evangelischer Bischof, des Einverständnisses weiter Kreise in der evan­gelischen Kirche gewiss, an den Führer und die Regierung des Deutschen Reiches. Nachdem die dem deutschen Zu­griff unterliegenden Nichtarier in größtem Umfang „besei­tigt“ worden sind, muss befürchtet werden, dass nunmehr auch die bisher noch verschont gebliebenen „privilegierten Nichtarier“ erneut in Gefahr sind, in gleicher Weise be­handelt zu werden. Insbesondere erheben wir eindringli­chen Widerspruch gegen solche Maßnahmen, die die eheli­che Gemeinschaft in rechtlich unantastbaren Familien und die aus diesen Ehen hervorgegangenen Kinder bedrohen. Diese Absichten stehen, ebenso wie die gegen die anderen ergriffenen Vernichtungsmaßnahmen, im schärfsten Wider­spruch zu dem Gebot Gottes und verletzen das Fundament alles abendländischen Denkens und Lebens: Das gottgege­bene Urrecht menschlichen Daseins und menschlicher Würde überhaupt. In der Berufung auf dieses göttliche Urrecht des Menschen schlechthin erheben wir feierlich die Stimme, auch gegen zahlreiche Maßnahmen in den besetz­ten Gebieten. Vorgänge, die in der Heimat bekannt gewor­den sind und viel besprochen werden, belasten das Gewis­sen und die Kraft unzähliger Männer und Frauen im deut­schen Volk auf das schwerste; sie leiden unter manchen Maßnahmen mehr, als unter den Opfern, die sie jeden Tag bringen. Und in einem weiteren Appell im Dezember 1943: […] dass wir als Christen diese Vernichtungspolitik gegen das Judentum als ein schweres und für das deutsche Volk verhängnisvolles Unrecht empfinden. Das Töten ohne Kriegsnotwendigkeit und ohne Urteilsspruch widerspricht auch dann dem Gebote Gottes, wenn es von der Obrigkeit angeordnet wird, und wie jedes bewusste Übertreten von Gottes Geboten rächt sich auch dies früher oder später. Diese Appelle wurden von Hitler nicht beantwortet und blieben vorerst ohne Folgen, da sie nicht in den Kirchen verkündet wurden. 1944 erhielt Bischof Wurm allerdings Schreib- und Redeverbot. Über den Rundfunksender Lon­don wurden die Appelle jedoch in norwegischer Sprache verbreitet. (Der Originalbrief kann im Internet unter „evan­gelischer Widerstand“ nachgelesen werden.)

Dass viele Deutsche den späteren Verschwörungstheo­rien der Holocaustleugnung gerne Glauben schenkten, ist aus psychologischer Sicht nicht verwunderlich. Damit konnte man den unvorstellbaren Vorwurf, Hitler sei ein millionenfacher Massen- und Kindesmörder gewesen, als Lüge der Siegermächte darstellen und sein eigenes Gewis­sen beruhigen, Hitler als von Gott gesandten Retter der deutschen Nation stilisiert zu haben und ihm bedingungslos gefolgt zu sein. („In Auschwitz wurde niemand vergast“, Friedrich-Ebert-Stiftung, entlarvt sechzig häufige Lügen, s. Literaturverzeichnis.)

In Abwandlung des Songtextes von Marlene Dietrich "Sag mir, wo die Blumen sind ...", wird die Frage nach dem Verbleib der Juden gestellt: "Sag mir, wo die Juden sind, wo sind sie geblieben? Über Gräber weht der Wind. Wann wird man je versteh'n?"

Die Nazis hatten eine "doppelte Buchführung" in Form eines eigenen Registers. Ihre Namen müssten in den weltweiten Datenbanken oder in den Opferdatenbanken zu finden sein.

Jeder einzelne unserer Generation muss sich allerdings die Frage stellen, ob er selbst der Ver­führung widerstanden hätte. Ein weiterer Versuch, das eigene Gewissen zu entlasten ist der Verweis auf Kriegs­verbrechen anderer Völker. Der Angriffs- und Vernich­tungskrieg gegen Russland forderte den höchsten „Blutzoll des Zweiten Weltkrieges“ mit mindestens zwanzig Millio­nen Toten in der Sowjetunion (gegenüber sechs Millionen Deutscher). Dieser Zusammenhang als Ursache für russi­sche Racheakte wurde und wird einfach unter den Teppich gekehrt und nur von den „bösen“ Russen gesprochen.

Der alte Spessartdoktor

Wie eine gefällte Eiche, deren Blätter und Zweige kraftlos wurden und langsam verdorrten, schwand Richards Vitali­tät. Ihm war, als ob ein Mühlstein auf seiner Brust läge. Gebeugt und mit schwerem Schritt stützte er sich auf seinen Stock. Er, der zeitlebens vor Ideen und Humor gesprüht und meist mehrere Projekte gleichzeitig verfolgt hatte, wurde immer schweigsamer, als fehlten ihm auf einmal die pas­senden Worte. Immer öfter fand Else ihren Vater gedan­kenverloren in seinem Lehnstuhl sitzend, den Kopf auf seine Hand gestützt, als ob er ihm durch all die verwirren­den Gedanken zu schwer geworden wäre. Sein langer Bart war weiß geworden wie sein schütteres Haar. Seine hellen blauen Augen hatten ihren Glanz verloren. Er, der immer so gerne Konversationen geführt, dem man in geselliger Runde gerne zugehört hatte, wurde immer stiller. Er, der von einer plötzlichen Inspiration, selbst von jedem neuen Gedankenblitz so berauscht schien, dass er nie an seinem Erfolg gezweifelt hatte und dem es so mühelos gelungen war, seine Umgebung damit in den Bann zu ziehen, dass es der eigenen Familie manchmal sogar zu anstrengend wurde, ihm in seinen Gedankengängen zu folgen, wurde mit einem Mal bei alltäglichen Dingen unsicher. Richards Sprachlo­sigkeit wurde mehr und mehr zu einem Gefängnis, in das die Familie kaum noch eindringen konnte.

Dem Zusammenbruch seines Weltbildes, der Richard in seinen Grundfesten erschütterte, folgte ein Rückzug, in dem er sich immer häufiger nur noch danach sehnte, die quälen­den Gedanken vergessen zu können. Wie gut, dass Mary diese Schreckenszeit nicht mehr erleben musste. Nach und nach legte sich der besänftigende Schleier des Vergessens über seine Verzweiflung und erlöste mit der Zeit die quä­lende Unruhe in ihm.

Durch die Dominanz der väterlichen Pastorenfamilie mit dem lutherischen Antisemitismus und der evangeli­schen Erziehung seiner eigenen Kinder stand dieser Geist der Familie Wehsarg in der Villa Elsava im Vordergrund. Im Dritten Reich wurde die gegensätzliche liberal-demo­kratisch katholische Einstellung der Familie Wagner ver­schwiegen. Sie passte nicht in den Zeitgeist und wurde den nachfolgenden Generationen so lange nicht vermittelt, bis die Familiengeschichte des Dr. Franz Wagner ans Licht geholt wurde.

Annemarie bemerkte als erste, dass Opapa auffällig oft rastlos mit hängendem Kopf durch die hohen Räume der Villa ging, als ob er etwas suchen würde. Auf ihre Frage schüttelte er nur stumm den Kopf und schaute zu Boden. Ein andermal redete er zusammenhanglos von der Eisen­bahn und als Mie auf ihn einging, sich bei ihm einhakte und ihn auf dem Weg „zur Bahn“ begleitete, indem sie die „Reise nach Jerusalem“ mit ihm spielte, mehrmals mit ihm im Salon um den großen Tisch ging, um sich dann - wie im Abteil des Zuges - auf zwei nebeneinander stehende Stühle zu setzen, drückte er mit einem glücklichen Lächeln wort­los die Hand seiner Enkeltochter. Sie wusste, jetzt fuhr er in seiner geliebten Spessarteisenbahn.

Bevor Lilo zurückging in die Küche schaute sie durch das hohe Fenster zum Park und konnte gerade noch sehen, wie Wolfgang eine Ziege an der Leine führte, die jüngere trot­tete hinterher und Udo versuchte sie mit lautem „Maxi“-Rufen und einem Stock in die richtige Richtung zu treiben. Sie ließen sich nicht die Zeit, ihre Schuhe anzuziehen und liefen barfuß auf die Wiese zu, die hinter dem Park lag. Ein Anblick, an dem sich Lilo gar nicht sattsehen konnte. Wie gut, dass die beiden heute ihre robusten kurzen Lederhosen angezogen haben! Inge, die gerade eben noch mit der klei­nen Katze gespielt hatte, bemühte sich, sie einzuholen.

Rechtzeitig zum Abendessen kamen die drei mit einem Mordshunger zurück. Schweigend, wie von Papi gefordert, saßen sie am Tisch. Ihre Ungeduld konnten sie allerdings kaum zügeln. Udo baumelte so heftig mit den Beinen unter dem Tisch, dass er an die Stuhlbeine schlug und ein lautes rhythmisches Stakkato die Stille unterbrach. Inge half ihrer Mutter und Tante Lilo in der Küche. Wolfgang rutschte auf seinem Platz hin und her, bis Papi einen strafenden Blick über den Tisch schickte und mit energischem Blick erwar­tungsvoll in Richtung Küche schaute. Wo blieb Lilo nur mit dem Abendessen?

Opapa, der sich nach seinem Mittagsschlaf regelmäßig in den Malepartus zurückzog, um ungestört seine Pfeife mit dem eigenen Tabak zu genießen, den er selbst im Garten angepflanzt hatte und der zum Trocknen auf einer langen Leine im Speicher hing, war noch nicht zurückgekommen, obwohl es schon dunkel wurde. Seine Tochter fand ihn gedankenversunken im Lehnstuhl am Fenster. Sanft be­rührte sie ihn an der Schulter: „Papa, hast du noch keinen Hunger? Komm, lass uns ins Haus gehen!“ Als er auf­schaute, schien sein Blick ins Leere zu wandern. „Ich warte noch auf mein Knüddelchen“, flüsterte er kaum hörbar. Else erschrak. Wurde ihr Vater jetzt noch verwirrter? Dann fasste sie sich, half ihm auf, hakte sich bei ihm unter und bemühte sich, heiter zu wirken: „Du weißt doch, Papa, wo sie ist, wir gehen zu ihr!“ Seit dem Tod ihrer Mutter vor nun bereits sechsundzwanzig Jahren ging ihr Vater nie schlafen ohne zuvor an die Vitrine zu treten, auf der die Urne mit der Asche seiner verstorbenen Frau auf einem zarten Spitzendeckchen stand. Heute stützte er sich schwer mit einer Hand auf seinen Stock und der anderen auf dem tischhohen Sockel ab. Nachdenklich beobachtete Else, wie ihr Vater sehr lange seinen Blick auf dem Selbstportrait seiner Frau ruhen ließ.

Bevor sie am Abend zu Bett ging, öffnete sie leise die Türe zum Zimmer ihres Vaters. Sie war besorgt, weil er keinen Appetit hatte und das Abendessen stehenließ. Lis­beth, das Hausmädchen hatte eigens einen Grießbrei ge­kocht, den er so gerne aß, aber an diesem Abend schien ihn auch der feine Zimtduft, der sich aus der Küche verbreitete, nicht zu locken. Im Lichtschein des Flures sah Else, dass ihr Vater mit offenen Augen und wie zum Gebet ver­schränkten Händen im Bett lag. Vorsichtig trat sie zu ihm und strich ihm über die Schulter: „Geht es dir besser, Papa?“ Sie war nicht sicher, ob er sie überhaupt hörte. Er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Else setzte sich auf die Bettkante und wartete. Richard hatte die Augen geschlossen und nach ein paar Atemzügen, die ihm sicht­lich Mühe machten, hörte sie ihn flüstern: „Ich komm‘ bald zu dir, mein Liebes!“

Noch vor ein paar Wochen hatte Opapa mitgeholfen beim Aufstapeln des Holzes für den Heizvorrat im Winter. Trotz seiner Beinamputation und der anderen - noch lange nicht verheilten - Kriegsverletzungen bemühte sich Willi, einen ganzen Ster Holz mit dem Beil in entsprechende Scheite zu hauen. Hochdekoriert war er vom Krieg zurückgekommen. Doch nun war er nur einer von vielen Kriegsinvaliden, ein junger Mann, kurz vor seinem einunddreißigsten Geburts­tag, der die letzten Kräfte mobilisierte, um für seine Familie da zu sein. Doch der so sehnlich Erwartete, der endlich Heimgekehrte, schien oft nur körperlich anwesend zu sein. Lilo konnte es an seinen Augen ablesen, dass er das Erleben im Krieg noch nicht hinter sich gelassen hatte. Sie spürte seine stumme Ablehnung, wagte nicht weiter zu fragen, wenn er nur von der Verbundenheit mit seiner Kompanie und seinem Burschen berichtete. Seine aufkommenden Gedanken, erst jetzt, wo der Krieg beendet war, die Szenen, die ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf aufschrecken ließen, quälten ihn erbarmungslos. Wie es ihm möglich war, auf Menschen zu schießen, obwohl er wusste, das vorsätzliche Töten ist Mord und durch den Krieg war es mit einem Mal in Heldentum verwandelt, erschütterte ihn bis ins Mark. Schweißgebadet lag er Nacht für Nacht auf sei­nem Kissen. Seine Schweigsamkeit, seine Ungeduld, sein Jähzorn waren für Lilo und die beiden Söhne erschreckend. Willi war als Fremder zurückgekommen.

Nach dem Rausch des Wiedersehens bestimmten rasch die Sorgen um die Nahrung den Alltag. Lilo war täglich mit Wolfgang bei Bauern auf dem Kartoffelacker, um den Jah­resvorrat anzulegen. Auch nach der Ernte waren die beiden nochmal unterwegs zum „Stoppeln“. Willi sortierte jeweils aus, was sie mitbrachten und sorgte für die angemessene Lagerung, damit keine Fäule entstehen konnte. Es musste Heu gemacht werden für die Ziegen, damit sie für die Kin­der genügend Milch (nach Opapas Anweisung, der sie für nahrhafter und bekömmlicher hielt als Kuhmilch) geben konnten. Die neuen Hühner entpuppten sich als Hähne und so war die Sorge groß, überhaupt genügend Eier zu be­kommen. Willi bat seine Schwester, zwei Hähne gegen Hühner einzutauschen. Von ihr hatte er auch eine junge Ziege und drei Hasen bekommen. Von denen allerdings schon bald zwei geschlachtet werden mussten, noch bevor sie Fleisch ansetzen konnten, weil sie durch eine Unver­träglichkeit des Futters plötzlich gefährlich aufgebläht waren.

Als am Morgen alle zum Frühstück am Tisch saßen, aber Opapa fehlte, meinte Else halblaut mehr zu sich selbst: „Heute schläft Papa aber sehr lange, hoffentlich geht es ihm besser. Ich werde mal nach ihm schauen.“ Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter und lugte leise durch den Türspalt in die Schlafstube ihres Vaters. Die Vorhänge waren noch zugezogen. Das Morgenlicht legte sanfte Schatten auf das Bett, in dem er ganz still, wie in einem tiefen Schlaf, zu liegen schien. Mit vorsichtigem Schritt - die Dielen knarrten leise unter ihren Füßen -, um ihn nicht zu wecken, ging sie näher. Ihr Vater lag noch so - mit ver­schränkten Fingern auf der Bettdecke -, wie sie ihn am Abend zuvor verlassen hatte, aber sein Gesicht war verän­dert. Als ob er gerade in einen schönen Traum versunken wäre, waren seine, in letzter Zeit so starr gewordenen, Ge­sichtszüge nun von einem sanften Lächeln erlöst. Abrupt blieb Else vor dem Bett stehen, augenblicklich wusste sie, ihr Vater war sanft eingeschlafen, er war von dieser Welt gegangen. Erschrocken wagte sie nicht, sich zu rühren. Das Mysterium des Todes ergriff sie. Nach einiger Zeit strich sie ihm schweigend über die Hände und erschrak über die Kälte, die bereits von ihnen ausging. Plötzlich standen Lilo und Annemarie neben ihr, ihre Ahnung hatte sich bewahr­heitet. Obwohl sie alle auf seinen Tod vorbereitet waren, kam er nun doch ganz plötzlich und brachte die ganze Fa­milie aus dem Gleichgewicht. Jetzt erst wurde ihnen be­wusst, wie oft Opapa sie in den letzten Jah­ren unterstützen konnte durch seine reichen Erfahrungen, sein großes Wis­sen und seine guten Ratschläge, die ihm nie ausgegangen waren.

Gemeinsam mit Lisbeth, die Erfahrung darin hatte, Ver­storbene auf ihre letzte Reise vorzubereiten, bahrten Else, Lilo und Mie ihren Vater und Opa auf, damit die ganze Familie, Freunde und Nachbarn sich von ihm verabschie­den konnten. Willi und Ludwig hielten die Totenwache und wechselten sich ab mit Franz, der inzwischen von Aachen gekommen war. Am Abend begann das Kommen und Ge­hen. Es brach nicht ab in den nächsten beiden Tagen. Die unzähligen Beileidsbekundungen waren begleitet vom Dank und der Anerkennung für diesen großen Mann und Wohltäter des Spessarts. Wie ein Lauffeuer ging es durch die ganze Region: „Unser Spessartdoktor ist nicht mehr!“

An einem sonnigen Herbsttag war der kleine Friedhof am Hang hinter der alten Laurentiuskirche voll von Trauer­gästen, die ihm die letzte Ehre erwiesen. Die tief empfun­denen Abschiedsworte am Grab wollten nicht enden. Mit seinem natürlichen selbstlosen Wesen hatte Richard die Herzen der Spessarter gewonnen und wird in ihren dankba­ren Erzählungen auch in den nächsten Generationen noch weiterleben. Allen gemeinsam war der Dank und das Ver­sprechen, dass sein segensreiches Wirken im ganzen Spes­sart unvergessen bleiben würde.

Nur die Familie wusste, die geliebte Frau an seiner Seite, die ihn in allem bis zu ihrem Tod rückhaltlos unterstützt hatte, hielt er nun mit den sterblichen Überresten in der Urne im Arm und wurde mit ihm der Erde zur letzten Ruhe übergeben. So bescheiden und selbstlos wie Mary an seiner Seite in seiner Wahlheimat lebte, hatte sie auch das letzte Abschiednehmen ihrer sterblichen Hülle von dieser Welt alleine ihrem geliebten Mann überlassen.

Teil 2

Teil 2

Badische Revolution und pfälzischerAufstand 1848/49

Die Auswirkungen der Französischen Revolution von 1789, unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüder­lichkeit“, erschütterten die mitteleuropäische Staatenwelt. Zwischen 1798 und 1816 änderte sich auch für das Territo­rium der Pfalz mehrfach die Zugehörigkeit. Unter Napoleon fiel 1803 der linksrheinische Teil völkerrechtlich an Frank­reich, der rechtsrheinische an das Großherzogtum Baden. Nach der Niederlage Napoleons und dem Wiener Kongress wurden 1816 die linksrheinischen Teile der ehemaligen Pfalz an Bayern zurückgegeben und bildeten die „neue Pfalz“. Die Bevölkerung nahm die Angliederung an Bayern zunächst freundlich auf, zumal der neue Landesherr, König Maximilian II., zusicherte, dass die Reformen der Napoleo­nischen Ära erhalten bleiben. Doch bereits nach einigen Jahren kam es - durch die in der Kriegszeit entstandene Schuldenlast und die ungünstige Zoll- und Forstpolitik der Staatsregierung - zu Spannungen. Diese spitzten sich zu, als die Regierung ab 1830 gegen fortschrittliche Zeitungen mit Zensur reagierte. Der nachfolgende Unmut fand in zahlrei­chen Protestaktionen Ausdruck, vor allem auf dem Hamba­cher Fest, das vom republikanisch-demokratischen und unterschwellig revolutionären Geist geprägt war.

Das Hambacher Fest, eine Demonstration, an der etwa dreißigtausend Menschen teilnahmen, fand vom 27. Mai bis 1. Juni 1832 auf dem Schloss Hambach statt und galt als Höhepunkt bürgerlicher Opposition in der Zeit des soge­nannten „Vormärzes“. Heute ist es im Zusammenhang mit anderen Ereignissen, wie dem Wartburgfest 1817, der fran­zösischen Julirevolution 1830, dem polnischen November­aufstand und der belgischen Revolution 1830/31 zu sehen. Es kamen sehr viel mehr Menschen als erwartet. Ursprüng­lich rechnete Johann Wirth, Jurist und Journalist, der mit einem Kollegen das Fest organisiert hatte, mit etwa tausend Teilnehmern. Doch die Kunde hatte sich sehr schnell ver­breitet. Nicht nur Studenten, die national dachten, sondern auch Kaufleute, Handwerker, Bauern, Tagelöhner, sozusa­gen das gesamte Volk war auf den Beinen. Außergewöhn­lich für diese Zeit war, dass auch Frauen sich beteiligten, die sich allgemein politisch nicht betätigen durften. Sogar Gäste aus England, Frankreich und Polen reisten an, so dass es nicht mehr nur ein deutsches, sondern schon fast ein gesamteuropäisches Fest wurde. Alle riefen nach Freiheit und Demokratie und führten erstmals eine schwarz-rot-goldene Fahne mit sich. Die Aufschrift „Deutschlands Wiedergeburt“ im mittleren roten Teil machte das Ziel der Beteiligten deutlich, die Errichtung des Deutschen Natio­nalstaates. Überall wehten die schwarz-rot-goldenen Fah­nen als Symbol für Freiheit und Einheit der Nation. Die Forderungen der zahlreichen Redner und Festteilnehmer nach nationaler Einheit, Freiheit und Demokratie, hatten ihre Wurzeln im Widerstand gegen die restaurativen Bemü­hungen des 1815 gegründeten Deutschen Bundes, die alten Verhältnisse beizubehalten. Unmittelbar nach seiner Rede wurde Wirth verhaftet. In den Fürstenhäusern ganz Deutschlands weckten die Ereignisse um das Hambacher Fest Zweifel, ob die Wittelsbacher, mit ihrem Regenten Maximilian II., noch Herr der Lage wären.

Der junge Franz Wagner kam aus einer alteingesessenen, angesehenen Mainzer Familie. Sein Vater war als Großher­zoglicher Medizinalrat und Kreisarzt eine stadtbekannte Persönlichkeit. Nach seinem Abitur hatte Franz in der „Freistadt Frankfurt“ ein Jurastudium begonnen. Für den angehenden Student der Rechte stand das liberale Gedan­kengut seiner Professoren an der Universität in krassem Gegensatz zu der Haltung seines Vaters, von der er sich immer mehr entfernte. Auch die Mutter beobachtete die Entwicklung ihres Sohnes mit Argwohn. In den Semester­ferien schloss er sich einem Freund an, dessen Vater in der Agentur einer Rheinflößerei beschäftigt war. Ihre Aben­teuerlust lockte sie, dort als zusätzliche Floßknechte anzu­heuern. So konnten sie zum einen kostenlos an mehreren Rheinfahrten zu den holländischen Schiffswerften in Dord­recht teilnehmen und zum anderen sich ein kleines Ta­schengeld verdienen. Wegen ihres Zieles wurden die langen Flöße aus den harten Spessarteichen und den hohen Schwarzwaldtannen auch Holländerflöße genannt. Die Gesamtlänge eines solchen Floßes betrug bis zu 330 Meter, bei einer Breite von etwa 60 Metern. Wenn sich mehrere Lagen Baumstämme übereinander türmten, betrug der Tief­gang bis zu 2,5 Meter. Der Preis für den Stamm einer Tanne lag bei etwa 30 Gulden. Das für den Schiffsbau be­sonders begehrte Eichenholz hatte etwa den zehnfachen Wert von Tannenholz. Von Mainz aus starteten pro Tag etwa ein bis zwei Flöße. Auf der bis zu 20.000 Quadratme­ter großen Oberfläche befanden sich Mannschaftsunter­künfte, Küchengebäude und Viehställe. Eine Floßbesatzung von 400 bis 500 Männern war keine Seltenheit. Vor Errei­chen einer Flussbiegung und beim Anlanden fuhren kleine Boote voraus, um am Ufer Anker zu befestigen und ver­langten die ganze Kraft besonders starker Männer. Bei dieser harten Arbeit waren die Flößer hohen Unfallrisiken ausgesetzt.

Der Reederei war die Abenteuerlust der beiden jungen Burschen als Ersatzkräfte willkommen. Nach einigen rei­bungslosen Floßfahrten entwickelte sich ein engeres Ver­hältnis zwischen der Agentur und Franz Wagner. Noch konnte er nicht ahnen, welcher Vorteil ihm eines Tages daraus entstehen sollte.

„Deine Abenteuerlust steht dir auf der Stirn geschrie­ben! Wenn sie dir nur nicht eines Tages das Genick bricht!“, rief sein Vater ihm nach, als Franz seine Jacke und Mütze packte und aus dem Haus stürmte. „Vater, sagst du nicht selbst oft, schon unser alter Geheimrat Goethe wusste: ‚Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun!?“, rief er in provozierendem Ton zurück, ohne auf eine Antwort zu warten.

Vier Wochen nach dem Hambacher-Fest, im Juni 1832, versammelten sich auf dem Sandhof in Frankfurt etwa 4000 freiheitsliebende Menschen mit der schwarz-rot-goldenen Kokarde am Revers zu einer Demonstration, um sich mit den Hambachern zu solidarisieren. Frankfurt war zu dieser Zeit Sitz des sog. „Bundestages“ des Deutschen Bundes (der vielen Fürstentümer bzw. Kleinstaaten). Ein Jahr später scheiterte der Frankfurter „Wachensturm“ auf die Haupt­wache und Konstabler Wache, mit dem Ziel, eine allge­meine Revolution in Deutschland auszulösen. Er gehörte neben dem Wartburger und dem Hambacher Fest zu den spektakulärsten Aktionen des „Vormärzes“ und bereitete die Märzrevolution 1848 mit vor. Nahezu 200 Aufständi­sche (Burschenschaften aus Würzburg und Heidelberg) stürmten die beiden Polizeiwachen, um sich der Waffen und der reichgefüllten Kasse des Deutschen Bundes zu bemächtigen. Zudem sollten die Gesandten der deutschen Fürsten, die in dem nahe gelegenen Palais der Thurn und Taxis tagten, gefangen genommen werden. Der Wachen­sturm sollte ein Signal zu einer nationaldemokratischen Erhebung für ganz Deutschland werden. Das Ganze war zum Scheitern verurteilt, da die breite Unterstützung aus dem Volk fehlte. Das Militär machte kurzen Prozess und hatte leichtes Spiel. Frankfurt wurde danach durch preußi­sche und österreichische Truppen besetzt, ein Affront gegen die Freistadt. Dies machte die Truppen äußerst unbeliebt und so bekam die Revolution immer mehr Anhänger. Viele Verschwörer flohen vor der drohenden Verurteilung als „Dreißiger“ in die USA.

Nachdem im Jahr 1834 im nahen Aschaffenburg ein Anschlag auf den bayerischen König verübt wurde, zog die Obrigkeit wieder die „Daumenschrauben“ an. In einer Sit­zung des Deutschen Bundes 1835 wurden die Schriften des „Jungen Deutschland“ der Hambacher verboten. Unter den Autoren war auch Heinrich Heine. Mit der Begründung, diese „junge Literatur“ würde die christliche Religion angreifen, die sozialen Verhältnisse herabwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zerstören.

Nicht nur die Hambacher, sondern auch Freidenker in der Kultur wie z. B. die Gebrüder Grimm wurden von Rep­ressalien nicht verschont. Neben Heinrich Heine, Georg Büchner und Hoffmann von Fallersleben gingen auch viele andere ins Exil. Letzterer veröffentlichte 1840 seine Ge­dichtsammlung „unpolitische Lieder“, in denen er sich kritisch mit den damaligen politischen Zuständen auseinan­dersetzte. Die preußische Regierung verbot prompt den Gedichtband, entzog ihm zwei Jahre später die Professur incl. der Pension und danach die preußische Staatsbürger­schaft. Als „Vormärzlyriker“ führte er nun ein Wanderle­ben quer durch die deutschen Kleinstaaten und wurde na­hezu vierzig Mal ausgewiesen. 1841 verfasste er auf Hel­goland das „Lied der Deutschen“ das in der dritten Strophe die Gedanken der Hambacher und damit des Franz Wagner besonders eindrucksvoll widerspiegelt und seit 1991 als Nationalhymne gesungen wird (Während der NS-Zeit, wurde das Lied missbraucht.):

Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland!

Danach lasst uns alle streben

brüderlich mit Herz und Hand!

Einigkeit und Recht und Freiheit

sind des Glückes Unterpfand.

Blüh‘ im Glanze dieses Glückes,

blühe deutsches Vaterland!

Wirtschaftliche Krisen, Massenarmut und allgemeine poli­tische Unzufriedenheit destabilisierten seit Beginn der 1840er Jahre die soziale und politische Ordnung in zahlrei­chen europäischen Staaten und mündeten 1848 schließlich in eine - ganz Europa erfassende - revolutionäre Welle. Die Aufsplitterung Deutschlands in 41 kleinere und größere Staaten und Fürstentümer und dem unvermeidlichen kost­spieligen Hofstaat, den Beamten, die die einfachen Bürger ausbluten ließen, war nicht mehr zu verstehen und so nicht mehr hinzunehmen. Obwohl die Bürger durch Fleiß zu etwas Wohlstand gekommen waren, durften sie öffentlich nicht ihre Meinung sagen, sondern mussten der Obrigkeit gehorsam sein.

Trotzdem waren die Ideen der Freiheit und Gleichheit lebendig und so trafen sich 1848 viele Mutige auf unzähli­gen Versammlungen und Demonstrationen, um die Gewäh­rung von Grund- und Freiheitsrechten und nationaler Ein­heit einzufordern. Unter dem Eindruck der revolutionären Dynamik gaben die Machthaber zunächst ihren Widerstand auf und machten der - von breiten Schichten getragenen - Bewegung wesentliche Zugeständnisse: Die Zensur wurde aufgehoben, politische Aktivitäten zugelassen und reform­bereite Regierungen ernannt, auch die Einberufung einer Nationalversammlung versprochen, die die Errichtung eines deutschen Nationalstaates in die Wege leiten sollte.

Ausgehend von der Mannheimer Volksversammlung im Februar 1848 lauteten die Forderungen der Revolution: unbedingte Pressefreiheit, Schwurgerichte nach dem Vor­bild Englands, sofortige Herstellung eines deutschen Par­lamentes. In Württemberg, Hannover und Hessen-Darm­stadt kamen die Fürsten rasch einigen Forderungen der Revolutionäre nach. Oftmals blieb es allerdings nur bei leeren Versprechungen. Die - in mehreren Ländern des Deutschen Bundes - entstehenden Unruhen, die gleichzeiti­gen Veränderungen im nahen Nachbarland Frankreich, wo König Louis Philipp die Reform des Wahlrechtes verhin­derte, die mit der Vertreibung des Königs endete, entzün­deten einen Funken, der sich wie ein „Feuersturm“ durch ganz Europa zog. Die über viele Jahre angestaute Wut über die Unterdrückung des Volkes fachte das „Feuer“ an und ließ vor allem junge mutige Männer in den Studentenkrei­sen unruhig werden. Die sog. „Märzrevolution“ (erste Re­volutionsphase) erreichte am 18. März 1848 in Berlin ihren Höhepunkt und forderte über 400 Tote. König Friedrich der IV. versprach bei Räumung der Barrikaden den Abzug der Truppen und die Erfüllung der Forderungen der Revolutio­näre. Unter dem Druck von Adel und Militär stellte er je­doch die alte Ordnung wieder her, seine Truppen kehrten nach Berlin zurück.

Friedrich Hecker, Jurist und Politiker im Großherzogtum Baden, wollte Demokratie und Freiheit auch in seiner Hei­mat durchsetzen. Am 12. April 1848 rief er gemeinsam mit Struve und Sigel (Alle drei gingen später ins Exil und spielten beim Sezessionskrieg in den USA eine wichtige Rolle.) in Konstanz zu einem Revolutionszug auf. Mit ei­nem bunt zusammengewürfelten und schlecht bewaffneten Haufen zog er über Stockach nach Rastatt. Die Aufständi­schen wurden südlich von Rastatt durch badische Truppen vernichtend geschlagen.

Der „Bundestag“ des Deutschen Bundes beschloss - ein unter den damaligen Zuständen sensationelles Gesetz - das sog. Bundes-Wahlgesetz, eines der wichtigsten Vorbedin­gungen für die Bildung der Nationalversammlung. Je 50.000 Einwohner konnten einen Abgeordneten (Delegier­ten) wählen. Wahlberechtigt waren männliche, volljährige und selbstständige Staatsangehörige. Frauen waren noch lange Zeit ausgeschlossen. Die Wahl erfolgte im April 1848. Die 600 Delegierten der Nationalversammlung - als erste gesamtdeutsche Volksvertretung - tagten zum ersten Mal am 18. Mai 1848 in der Paulskirche in Frankfurt, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines deutschen Nationalstaates zu beraten. Sie repräsentierten maßgebliche politische Strömungen nahezu jeder Couleur. Die monarchistische Rechte setzte sich für die Wahrung der Vorrechte der Einzelstaaten und der Monarchen ein. Die verschiedenen liberalen Gruppierungen des sog. Rechten und Linken Zentrums befürworteten eine föderal struktu­rierte, konstitutionelle Monarchie. Einige Historiker be­mängelten jedoch eine Unterrepräsentation der unteren Bevölkerungsschichten und des bürgerlichen Mittelstandes: Das Parlament sei ein Beamten-, Universitäts- und Juris­ten-Parlament (80 Prozent Akademiker) und kein getreues Abbild der sozialen Verteilung gewesen. Dennoch urteilten namhafte Historiker später: Die Nationalversammlung und andere Versammlungen dieser Zeit zeigten viele Ansätze eines entwickelten Parlamentarismus [...]. Das Bürgertum war im Umgang mit politischer Macht in demokratischen Institutionen erstaunlich reif und fähig zum parlamentari­schen Kompromiss. Neben dem Hambacher Schloss sollte auch die Paulskirche späteren Generationen als Symbol der demokratischen Bewegung in Deutschland gelten.

Mittlerweile hatte Franz sein Jurastudium mit Doktortitel erfolgreich beendet und sich in den letzten Jahren - wie einige seiner Kommilitonen - den Hambachern angeschlos­sen. Wie alle Studenten dieser Vereinigung trug auch Franz jetzt mit Stolz die schwarz-rot-goldene Kokarde in Form einer Blume am Revers. In der Paulskirche war er Beob­achter und auch Berater von Delegierten in juristischen Fragen wie Staats-, Straf- und Privatrecht. Franz Wagner konnte es kaum fassen, dass er unmittelbar am Ort des Geschehens war, wo deutsche Geschichte in seinem Sinne neu geschrieben wurde. Es waren Momente überwältigen­der Glücksgefühle in seinem jungen Leben. Obwohl sein Elternhaus Verbindungen zu Adelskreisen pflegte, fühlte Franz sich in seinem Herzen den Unterprivilegierten ver­pflichtet und spürte die Diskrepanz auch bei den fort­schrittlichen Kräften zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ein Jahr später sollten seine Visionen wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Zu den historisch herausragenden Leistungen der Frank­furter Nationalversammlung gehört das am 21. Dezember 1848 verabschiedete „Reichsgesetz betreffend der Grund­rechte des deutschen Volkes“. Zum ersten Mal erlangten damit Menschen- und Bürgerrechte Gesetzeskraft in Deutschland. Als Kernelemente zählten die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die Aufhebung aller Standesvorrechte, die Gewährleistung persönlicher und politischer Freiheitsrechte (wie Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Ge­werbefreiheit etc.) sowie die Abschaffung der Todesstrafe und beeinflusste damit die Weimarer Verfassung und später das Grundgesetz. Der preußische König Wilhelm IV. lehnte sowohl die neue Verfassung als auch den Antrag der Natio­nalversammlung zu seiner Ernennung zum Kaiser im April 1849 ab. Die Ablehnung der Fürsten gab schließlich den Ausschlag zu den Erhebungen in Sachsen, kurze Zeit später in Baden und der Pfalz. Der Komponist Richard Wagner wurde wegen seiner Beteiligung am Dresdner Maiaufstand steckbrieflich gesucht und floh in die Schweiz. Bereits sechs Tage später, am 3. Mai 1849, wurde dieser Aufstand durch sächsische und preußische Truppen niedergeschla­gen.

1848 blieb es zunächst in der Pfalz von außen betrachtet noch ruhig, da in diesem Teil Bayerns die meisten der an­dernorts geforderten Rechte bereits gegeben waren. Im Inneren allerdings erwachte ein reges, wenn auch von den Eliten dominiertes politisches Leben. Ein als fortschrittlich erachteter Rationalismus wurde als bewusste Abgrenzung zum katholischen Altbayern propagiert und gilt als Vorspiel für die revolutionäre Erklärung der politischen Autonomie vom Mai 1849.

Als im Königreich Bayern, zu der die Pfalz damals noch gehörte, im Dezember 1848 die ersten Landtagswahlen nach dem erzwungenen neuen Wahlrecht stattfanden, ergab sich eine Mehrheit der Linken (Anhänger der Volkssouve­ränität und der Einheit Deutschlands). Insbesondere in der Pfalz hatten die Wähler alle Sitze mit Vertretern der Linken besetzt. Bei der Eröffnung des Landtages am 22. Januar 1849 versprach König Maximilian noch Reformen. Die Landtagsmehrheit hatte am 9. Februar den Grundrechtska­talog der Frankfurter Nationalversammlung in Kraft ge­setzt, der aber kurz danach vom König (und seiner Regie­rung) nicht anerkannt wurde. Von der Linken musste dies als Staatsstreich angesehen werden, denn die Wahlen zur Nationalversammlung waren legitimiert durch Landes­wahlgesetze, die noch in Kraft waren. Pfälzische Abgeord­nete der Nationalversammlung legten ihren Gemeinden eine Entschließung vor, wonach die Nichtanerkennung der Reichsverfassung eine strafbare Auflehnung gegen die neugeschaffene gesetzliche Ordnung, jeder gewalttätige Angriff ein Hochverrat gegen die deutsche Nation sei. Die „Märzvereine“ in den bayerischen Gebieten der Pfalz (zu der auch eine Gruppe der Hambacher - und damit auch Franz Wagner - gehörte), forderten nun über die Annahme der Verfassung hinaus auch wieder die Abschaffung der Monarchie und vor allem die Loslösung der Pfalz vom Königreich Bayern.

Die Pfälzische Erhebung im Mai und Juni 1849 war zwar Teil der damaligen Reichsverfassungskampagne, dennoch hatte die Pfalz, die politische Heimat des Franz Wagner, ihre eigene, ganz spezifische Vorgeschichte. Die aus der französischen Zeit stammenden „rheinhessischen Institutionen“, die nicht nur eine moderne Bürokratie, son­dern auch die Verbürgung von Rechtseinheit, -gleichheit und -sicherheit garantierten, galten den Pfälzern als ihre eigentliche Verfassung und machten den Landesteil zu einem der politisch fortschrittlichsten in ganz Deutschland. Als solcher wurde er im gesamten „Vormärz“ zum Agitati­onsgebiet liberaler Vordenker einerseits und Sorgenkind des bayerischen Monarchen andererseits.

Nachdem das Königreich Bayern die Reichsverfassung abgelehnt hatte und der Landtag nicht mehr tagte, kam es in der Folge zu einer breiten Protestbewegung, unter ihnen Franz Wagner, der junge Doktor des Rechts, wie einige seiner Weggefährten, die sich in der Pfalz sogar zum Auf­stand auswuchs. Es verstand sich bei den Pfälzern von selbst, wenn der König von Bayern nicht mehr deutsch sein wollte, müsse die Pfalz aufhören bayerisch zu sein. Die Volksvereine riefen zum Widerstand auf und ihre Vertreter wählten einen provisorischen Landesverteidigungs-Aus­schuss, der von der bayerischen Regierung die Anerken­nung der Reichsverfassung forderte. Am 1. Mai 1849 fand ein Treffen mit 12.000 Menschen der demokratischen Volksvereine in Kaiserslautern statt, unter dem Motto: Wenn die Regierung zur Rebellion geworden, werden die Bürger der Pfalz zu den Vollstreckern werden. Die Provinz geriet innerhalb kurzer Zeit vollständig unter den Einfluss des Ausschusses. Es wurden Volkswehren formiert, Beamte mussten einen Eid auf die Verfassung schwören; der auf­gestellten Revolutionsarmee traten sogar Soldaten der kö­niglich bayerischen Armee bei. Am 17. Mai wurde eine provisorische Regierung gebildet. Diese bekannte sich zur Reichsverfassung und bereitete die endgültige Trennung von Bayern vor, die Ende Mai verkündet wurde. Bereits am 18. Mai wurde ein Bündnis mit der Badischen Republik geschlossen. Am 21. Mai forderte eine Mehrheit der Ab­geordneten im bayerischen Landtag die Anerkennung der Reichsverfassung, die insbesondere von der pfälzischen Bevölkerung freudig begrüßt wurde. Am nächsten Tag verweigerte die Regierung den pfälzischen Abgeordneten die Teilnahme am Landtag, worauf die Linke geschlossen das Parlament verließ.

Am 11. Mai 1849 begann der dritte badische Aufstand mit der Meuterei der badischen Truppen in der Bundesfes­tung Rastatt. Der Maiaufstand führte zur Flucht des Groß­herzogs Leopold von Baden am 13. Mai und zur Ausrufung der Republik Baden. Doch preußische Truppen rückten bereits gegen Baden vor.

Marx, der mit Engels die inzwischen verbotene „Neue Rheinische Zeitung“ leitete, entwickelte Visionen, aus dem kleinen Gebiet in Baden eine nationale Bewegung für ganz Deutschland zu entwickeln. Diese riesige revolutionäre Woge würde endgültig alle Könige und Fürsten auch in Wien, Frankreich und Russland beseitigen. Marx sprach von einem Krieg der europäischen Völker gegen ihre Un­terdrücker. Die Nationalversammlung hatte sich zu einem reinen Debattierklub entwickelt, darin war sich die ganze Gruppe der Revolutionäre einig. Die wichtigsten Zentren der Revolution nach Frankreich waren Baden, die Pfalz, Preußen, Sachsen, die Freistadt Frankfurt, Bayern, Öster­reich, Oberitalien und Ungarn. Auch in anderen Staaten und Fürstentümern kam es zu Aufständen und Versammlungen, bei denen die revolutionären Forderungen formuliert wur­den. Die Aufstände in Baden und der benachbarten Pfalz, der sich auch Wilhelm Liebknecht angeschlossen hatte, waren nur Teil eines Mosaiks, das von Paris bis Petersburg und von Kopenhagen bis Rom reichte. Überall waren die gleichen Kräfte in Bewegung, die wie in Wellen vordrangen und zurückwichen und wieder vordrangen, nichts konnte unbeweglich bleiben. Eine Welt war im Fluss. (aus „Lenz oder die Freiheit“ von Stefan Heym). Friedrich Engels (Freund und Mäzen von Marx), der selbst am pfälzischen Aufstand teilnahm, schrieb kritisch, spöttisch, aber nicht ohne innere Zuneigung über den Geist und die Bewegung, im Gegensatz zu den Verhältnissen in Baden:

Wer die Pfalz nur einmal gesehen hat, begreift, dass eine Bewegung in diesem weinreichen und weinseligen Lande einen höchst heiteren Charakter annehmen musste. Man hatte sich endlich einmal die schwerfälligen, pedanti­schen altbayerischen Bierseelen vom Halse geschafft und an ihrer Stelle fidele Schoppenstecher zu Beamten ernannt. (Schoppenstecher ist ein typisch Mainzer Begriff und be­deutet: ein Weintrinker, der seine Nase in den Stecher - den zylindrischen Mainzer Weinbecher - hineinsteckt.) Man war endlich jene tiefsinnig tuende bayerische Polizeischi­kane los, die in den sonst so ledernen „Fliegenden Blät­tern“ ergötzlich genug persifliert wurde und die dem flotten Pfälzer schwerer auf dem Herzen lag als irgendetwas ande­res. Die Herstellung der Kneip(en)freiheit war der erste revolutionäre Akt des pfälzischen Volks. Die ganze Pfalz verwandelte sich in eine große Schenke, und die Massen geistigen Tranks, die „Im Namen des pfälzischen Volks“ während dieser sechs Wochen verzehrt wurden, übersteigen alle Berechnung. Obwohl in der Pfalz die aktive Teilnahme an der Bewegung lange nicht so groß war wie in Baden, obwohl es hier viele reaktionäre Bezirke gab, […] wurde selbst der reaktionärste Spießbürger und Bauer hineinge­rissen in die allgemeine Heiterkeit. […]…verschwand mo­mentan jeder andre Unterschied im geselligen Verkehr. Alle Klassen der Gesellschaft kamen in denselben öffentli­chen Lokalen zusammen; und ein sozialistischer Schwär­mer hätte in diesem ungebundenen Verkehr die Morgenröte der allgemeinen Brüderlichkeit sehen können. Wie die Pfalz, so ihre provisorische Regierung. […] Und doch ist nicht zu leugnen, dass diese lachenden Regenten sich bes­ser benommen und verhältnismäßig mehr geleistet haben als ihre badischen Nachbarn des „gesinnungstüchtigen“ Brentano (Vorsitzender der Revolutionsregierung Badens). Sie hatten wenigstens guten Willen und trotz der Schop­penstecherei mehr nüchternen Verstand als die spießbür­gerlich-ernsten Herren in Karlsruhe, und die wenigsten von ihnen entrüsteten sich, wenn man sich über ihre bequeme Manier des Revolutionierens und ihre impotenten kleinen Maßregelchen lustig machte.

Sehr hoffnungsvoll marschierten Ende Mai 1849 die neu mobilisierten Revolutionäre aus der Pfalz und aus Baden gemeinsam Richtung Frankfurt, um den vor sich hin schlummernden Funken des Aufstandes in der Paulskirche mit neuer Kraft wieder zur Flamme werden zu lassen, die sich über das ganze Land ausbreiten sollte. Es galt, auch die neue Verfassung mit militärischen Mitteln zu verteidigen. Die pfälzer Revolutionäre scherten sich nicht um Unifor­men, sondern trugen ihre bequemen Blusen und hoben sich so ab von den badischen Revolutionären. Man hoffte, dass auch hessische Soldaten überlaufen und weitere Sympathi­santen sich der Revolution anschließen würden. Mit einer Kompanie Infanterie waren sie nach Ober-Laudenbach an die badisch-hessische Grenze gezogen, wo sich bereits etwa 5000 Menschen vor den Toren Heppenheims versammelt hatten, um für die Reichsverfassung zu demonstrieren. Sie kamen von überall her, aus Württemberg, Baden, der Pfalz und hauptsächlich aus dem Odenwald. Frauen, Kinder, mit wehenden Fahnen, Wagen, Pferden, bereit, sich mit den Hessen zu verbrüdern, als wollten sie singend, pfeifend und tanzend die Revolution unterstützen. In den Wirtshäusern wurden Bänkellieder gesungen, in denen die Bürger ihrem Unmut lauthals „Luft machten“. Unerwartet standen sie auf einmal hessischen Soldaten gegenüber, die kompanieweise vorrückten, die Offiziere den Reihen voran mit gezogenen Säbeln. Ein Regierungskommissar, der die Versammlung für ungesetzlich erklärte und vermitteln sollte, wurde an­geblich aus den Reihen der Revolutionäre erschossen. Diese waren jedoch der Überzeugung, dass er durch das Militär „geopfert“ wurde, um einen Grund zum Angriff zu haben.

Welch trauriges Ende für die große Volksversammlung, ging es Franz durch den Kopf, als die Soldaten im Auftrag des Großherzogs von Hessen das Feuer eröffneten. Die so hoffnungsvolle Gruppe der Revolutionäre - in der Gefolg­schaft von vielen Menschen der nahen Bevölkerung - war dem Massaker völlig hilflos ausgeliefert. Über vierzig Menschen starben, ein Bild des Grauens. In diesem ruhigen Land mit seinen lieblichen Tälern, wogenden Feldern, dem Wein auf den Terrassen der Hügel lagen jetzt diese Toten, steif, mit grausig zerfetzten Gesichtern, Finger in die Erde gegraben. Bauern liefen in panischem Schrecken umher, weinende Frauen, die toten Kinder in ihren Armen. Der Anblick erschütterte die, die sich noch retten konnten. Franz spürte zum ersten Mal in seinem jungen Leben pure Verzweiflung, ihm blutete das Herz.

In den nächsten Tagen gab es weitere Gefechte in un­mittelbarer Nähe, denen die Revolutionäre unterlagen und die ein entscheidender Wendepunkt in der badisch-pfälzi­schen Revolution waren. Die Preußen waren mittlerweile bis Rastatt vorgedrungen. Wo bisher in den Straßen immer wieder trotzig und mutig die Marseillaise erklang, war jetzt, nachdem sie verboten war, nur noch laute preußische Marschmusik zu hören: „Prinz Wilhelm hat gestrafet das rote Lumpenpack …“ und lähmte auch den letzten Mutigen der Gesinnungstreuen gegen die diktatorische preußische Übermacht.

Der badische Dichter Ludwig Pfau verfasste auf die Melo­die von „Maikäfer flieg“ ein Wiegenlied:

Schlaf, mein Kind, schlaf leis.

Dort draußen geht der Preuß!

deinen Vater hat er umgebracht,

deine Mutter hat er arm gemacht.

Und wer nicht schläft in guter Ruh,

dem drückt der Preuß die Augen zu.

Schlaf, mein Kind, schlaf leis.

Dort draußen geht der Preuß!

Schlaf, mein Kind, schlaf leis. […]

Dort draußen geht der Preuß!

Gott aber weiß, wie lang er geht

bis dass die Freiheit aufersteht.

Und wo dein Vater liegt, mein Schatz,

da hat noch mancher Preuße Platz!

Schrei, mein Kindlein schrei’s:

Dort draußen liegt der Preuß!

Längst war Franz - wie seine Genossen - im Strudel der Revolution mitgerissen worden. Treibend und getrieben und kaum in der Lage, die Triebkräfte dahinter zu erfassen. Niemals hatte er Gewalt gebilligt, war überzeugt, mit Wor­ten, mit Proklamationen und Parolen mitwirken zu können, um eine Neuordnung der sozialen Verhältnisse zu errei­chen. Zutiefst war er überzeugt, Gewalt erzeugt unver­meidlich wieder Gewalt. Aber er wusste auch, diese Revo­lution war nicht mehr aufzuhalten, er konnte nicht mehr anhalten und schon gar nicht mehr zurück. Da war kein Platz mehr, um abzuspringen, um nicht zu ertrinken. Er fühlte sich wie in einem Fluss, in dem er mit der Flut in Richtungen trieb, die er nicht geplant hatte, nach Gesetzen, die er nicht kannte.

Am 1. Juni 1849 beschloss die bayerische Regierung die Entsendung der Truppen in die Pfalz. König Maximilian II. setzte sich mit seinem Onkel Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in Verbindung. Am 6. Juni tagte der verbliebene Rest der Frankfurter Nationalversammlung in Stuttgart, wurde aber von württembergischen Truppen aufgelöst. Am 10. Juni wurde der Kriegszustand über die Pfalz verhängt.

Auf dem Marsch gegen die Preußen sangen sie noch hoffnungsvoll Allons enfants de la Patrie! […] (Auf, Kin­der des Vaterlands, der Tag des Ruhmes ist gekommen!) – Aux armes, citoyens, formez vos bataillons, marchons, marchons … (Zu den Waffen, Bürger, formt eure Truppen, marschieren wir, marschieren wir.). Amour sacré la Patrie, conduis, soutiens nos bras vengeurs, Liberté, Libere cherie. (Heilige Liebe zum Vaterland, führe, stütze unsere rä­chende Armee, Freiheit, geliebte Freiheit!) Die Marseillaise - seit April 1792 das Kriegslied der Rheinarmee - erreichte die Revolutionäre in Frankreich, die Seele der Nation, bis sie später, während des Ersten Weltkrieges, zur National­hymne wurde. Bis der Funke zündete, als wäre er in ein Pulverfass gefallen, reißt der Rhythmus sie in einhellige, ekstatische Begeisterung. Wenn sie auf ihrem Marsch müde wurden, brauchte nur einer die Hymne anzustimmen, und ihr mitreißender Takt verlieh ihnen neuen Schwung. Das französische Kampflied, das den leidenschaftlichen Vor­marsch der Revolution in Frankreich begleitete, wurde wie eine Verheißung in die nahe Rheinpfalz getragen. Es ge­hörte auch dort bald zu ihnen wie ihre Fahne, die sie stolz schwenkten, wenn sie singend durch die Dörfer marschier­ten, bis die staunenden Einwohner, die sich neugierig ver­sammelten, jubelnd mit in den Chor einstimmten.

Franz hörte den typischen trockenen Knall der preußischen Hinterlader und das scharfe bedrohliche Pfeifen ihrer Ku­geln. Die Revolutionäre rückten weiter vor zum Schlag der Trommeln, und plötzlich erkannte er die Kraft, die in ihrem gemeinsamen Zug lag und auch den Schwung. Er meinte, immer so weiter marschieren zu können, trotz zitternder Knie. Bajonett und Gewehr waren auf den Feind gerichtet, mit ihm verwachsen, wie er mit der ganzen Truppe. Er war Teil der großen Bruderschaft, die im Begriff war, die Zita­delle des Unterdrückers zu erstürmen. Alles hatte seinen Sinn gehabt, Studium und Arbeit, sein Suchen und seine geheimsten Gedanken, Verschwörung und Aufstand.

Im Gefecht bei Kirchheimbolanden (an der Grenze zwi­schen Hessen und der Pfalz), am 14. Juni 1849, gelang den Preußen die Niederschlagung der schlecht bewaffneten revolutionären Truppen. Deren Kommandeure waren u. a. Carl Schurz, Friedrich Engels, Wilhelm Liebknecht (Vater von Karl Liebknecht) und Gustav Struve. Die Revo­lutionäre wurden von den Generälen als Intellektuelle, Ad­vokaten, Anarchisten in einem Zuge mit Spionen und Ver­rätern genannt. Viele wurden getötet oder gefangen ge­nommen, wenige konnten fliehen. Die Unterstützung der breiten Landbevölkerung nahm deutlich ab, da der Radika­lismus des Pfälzer Aufstandes zunahm. Mit einem der hef­tigsten Gefechte am 17. Juni in der Nähe von Landau waren die Kämpfe auf pfälzischem Boden praktisch beendet. Die provisorische Regierung floh und die bayerischen Behörden wurden wieder eingesetzt. Der Rest der pfälzischen Revo­lutionsarmee zog sich am 18. Juni über die Knielinger Rheinbrücke bei Karlsruhe nach Baden zurück.

Zum Nachdenken blieb Franz schon lange keine Zeit mehr. Die Gedanken an die Eltern zu Hause drängten sich nur selten auf. Er wollte nicht zulassen, was er ohnehin schon wusste. Sie waren vom Beginn seiner Aufnahme bei den Hambachern gegen seine politische Haltung. Der Vater war überzeugt, einer seiner Professoren sei ein gefährlicher revolutionärer Geist und habe seinen Sohn - wie einige seiner Kommilitonen - beeinflusst. Zuhause saßen die El­tern wie auf heißen Kohlen und warteten ungeduldig auf eine Nachricht, weil sie bereits seit Monaten nichts mehr von ihm gehört hatten. Sie waren in großer Sorge um ihren einzigen Sohn, fanden nachts kaum Schlaf. Sie konnten nicht einmal wissen, ob er noch am Leben war. Die Gedan­ken an seine Eltern musste Franz bei Seite schieben. Er hatte sich nun einmal entschieden und jetzt galt es, durch­zuhalten - bis zu einem ungewissen Ende.

Adalbert Harnisch verfasste den Text zur Melodie des Lie­des aus dem späten Mittelalter „Prinz Eugen, der edle Rit­ter“ in Balladenform. Mehr als ein Jahrhundert später griff der Liedermacher Hannes Wader dieses Lied wieder auf, das als Bürgerlied auch von der Gruppe „Zupfgeigenhan­sel“ in ihr Repertoire aufgenommen wurde. Mit diesem Lied wird das Leben so vieler junger Menschen, ihr Mut und ihr Einsatz 1848/49 als Kämpfer für Freiheit und De­mokratie in unserem Land nie in Vergessenheit geraten:

Ob wir rote, gelbe Kragen, Helme oder Hüte tragen,

Stiefel tragen oder Schuh‘,

oder ob wir Röcke nähen und zu Schuhen Drähte drehen: das tut, das tut nichts dazu.

[…]

Aber ob wir Neues bauen oder Altes nur verdauen,

wie das Gras verdaut die Kuh,

ob wir in der Welt was schaffen, oder nur die Welt begaf­fen, das tut, das tut was dazu.

Ob wir rüstig und geschäftig, wo es gilt zu wirken kräftig, immer tapfer greifen zu,

oder ob wir schläfrig denken: ‚Gott wird’s schon im Schlafe schenken’, das tut, das tut was dazu.

Drum, ihr Bürger, drum, ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von uns tu.

Alle, die dies Lied gesungen, wie die Alten, so die Jungen, tun wir, tun wir was dazu!

Doch die Revolution scheiterte wie die Hambacher, die so hoffnungsvoll die Fahne schwenkten, als Symbol für den Beginn einer neuen gerechteren Geschichtsepoche, in der die Menschen nicht mehr unterdrückt werden.

Die Preußen verlangten in Rastatt eine bedingungslose Übergabe, die nur eine Formsache sei, nur die Waffen soll­ten niedergelegt werden und versprachen dafür, dass es den Offizieren und ihren Mannschaften nicht schlecht ergehen solle. Sogar ihre Pferde dürften sie behalten. Die Revolu­tionäre glaubten den Versprechungen, hofften allerdings vergebens auf die Menschlichkeit der preußischen Truppen und des Großherzogs. Auch diesmal folgten, wie nach dem Hambacher Fest, zahlreiche Strafverfahren, die Strafen waren allerdings wesentlich härter. Viele Revolutionäre kamen für Jahre hinter Gitter, einige Todesurteile wurden verhängt und sogar vollzogen. Wegen Rebellion und Hoch­verrats wurden 333 Prozesse geführt. In Rastatt wurden Revolutionäre ohne Gerichtsverhandlung nach tagelanger qualvoller Haft erschossen. Von den zwei Todesurteilen gegen revolutionäre bayerische Offiziere wurde am 9. März 1850 in Landau das an Leutnant Graf Fugger vollstreckt, der mit ihm verurteilte Major konnte fliehen.

Doch gerade durch die Geschehnisse in diesen unruhigen Jahren der Revolution wurde den Menschen erneut klar: Für die Demokratie müssen wir uns einsetzen und - wenn nötig - sogar dafür kämpfen! Auch Franz Wagner hatte sich - wie einige seiner Hambacher Brüder, die die badische Revolution aus der nahen Pfalz unterstützt hatten - bereits in die Freiheit gerettet. Nach der Niederschlagung war er nun - wie seine Mitstreiter - als Landesverräter gebrand­markt. Im letzten Augenblick konnte Franz bei einer be­freundeten Familie untertauchen und sich so vor der Fest­nahme retten.

Durch die Fehlschläge der Revolution wurden viele Men­schen, die die jungen führenden Revolutionäre anfangs unterstützten, nun als kleine Leute mit großen Mäulern bezeichnet, die jetzt auf der Flucht vor der eigenen Courage waren. Dazu zählten Ladeninhaber, Kleineigentümer, Be­amte, Advokaten, Schreiber, Bürger der „Petits Bourgeoise“. Im Gegensatz zu einigen wenigen, die bis zum Schluss kämpfen wollten.

Mit der Einnahme von Rastatt durch preußische Trup­pen endete die badische Revolution und damit auch sym­bolisch die Deutsche Revolution 1848/49.

Es ist so gut wie unbekannt, dass sich auch jüdische Mit­bürger an der Revolution beteiligten. In unserer Gemeinde, Gailingen am Hochrhein, sollen es etwa dreißig gewesen sein. Einige von ihnen konnten ins Exil fliehen, andere wurden zu langjähriger Haft verurteilt. Zehn Jahre nach der Revolution lebten von nahezu zweitausend Einwohnern mehr als die Hälfte Juden in der Gemeinde in friedlichem Miteinander. Zwischen 1870 und 1884 gab es mit Leopold Guggenheimer sogar einen jüdischen Bürgermeister. In diesem Zeitraum wurden alle Gailinger Kinder in einer christlich/jüdischen Simultanschule unterrichtet. Mit der Sprengung der großen Synagoge, den grausamen Miss­handlungen jüdischer Bürger - in der Reichspogromnacht 1938 und 1940 durch die Deportation in die Vernichtungs­lager - gehörte die einst blühende jüdische Gemeinde der Vergangenheit an. Der Verein für jüdische Geschichte, die zum Bürgerhaus und Museum umfunktionierte jüdische Schule und der Synagogenplatz sind heute Zeugnis einer gelebten Erinnerungskultur.

Wäre die Revolution nicht durch die Armeen des preußi­schen Prinzen Wilhelm und Königs Maximilian II. nieder­geschlagen worden, hätte sich möglicherweise eine euro­paweite Demokratie etablieren und uns vor den beiden Weltkriegen mit über 70 Millionen Toten bewahren kön­nen.

17 Jahre später wurde die „Freistadt Frankfurt“ durch preu­ßische Truppen annektiert und verlor dadurch über Nacht ihre Selbstständigkeit. Die FAZ resümiert: Die Besetzung des „Demokraten-Nestes“ war für Bismark ein Racheakt und eine Strafe für antipreußische Haltung. Der Konserva­tive konnte nun sein „Mütchen“ an dem ihm verhassten Zentralort der liberalen Demokratie abkühlen. Ohne die Aktion Bismarcks wäre Frankfurt heute ein Stadtstaat wie Hamburg oder Bremen. Schon die sog. „Septemberrevolu­tion“ 1848 in Frankfurt, ausgelöst durch einen Streit zwi­schen der Nationalversammlung und Preußen, wurde durch preußische Truppen blutig niedergeschlagen.

Ein vorläufiges, eher bitteres Resümee verfasste 1873 der sozialistisch-revolutionäre Dichter Georg Herwegh, der an der badischen Revolution beteiligt war:

Achtzehnhundert vierzig und acht,

als im Lenze das Eis gekracht.

Tage des Februar, Tage des Märzen,

waren es nicht Proletarierherzen,

die voll Hoffnung zuerst erwacht,

achtzehnhundert vierzig und acht?

[…]

Aber wir Armen, verkauft und verraten,

denken der Proletariertaten.

Noch sind nicht alle Märze vorbei,

Achtzehnhundert siebzig und drei.

Herweghs Frau, Emma, eine emanzipierte Revolutionärin wie Amalia Struve, wurde in einer Skulptur (sitzend auf einer Kanone) vom Künstler Peter Lenk etwa 150 Jahre später in Schopfheim gewürdigt.

Franz Wagner wurde – wie die ganze Gruppe der Revolu­tionäre – als Landesverräter verfolgt. Doch er konnte, wie einige andere, sich der Festnahme und damit jahrzehntelan­gem Gefängnis oder sogar einem Todesurteil entziehen, indem er unmittelbar die Gefahr erkannte und sofort han­delte. Während er nach Mainz floh, wurde ihm bewusst, dass er sich keinesfalls seinem Elternhaus nähern durfte. Auf Schleichwegen ging er in der Nacht zur Faktorei ans Rheinufer. Dort bekam er sofort Unterstützung; ein Helfer eilte zum Elternhaus und holte einen Sack mit Kleidern und Wäsche, dazu soviel Gulden, wie sein Vater ihm kurzfristig besorgen konnte und einige Kreditbriefe. Die dramatisch geballten schicksalsträchtigen Stunden drängten nun eine Entscheidung herbei, drängte sie zusammen auf einen ein­zigen Tag, eine einzige Stunde, eine einzige Minute.

Da Franz wusste, dass seine Eltern bereits den An­schluss an die Hambacher kritisch betrachteten und seine Handlungsweise als aktiver Revolutionär niemals billigen würden, hatte er versucht – so lange es ihm möglich schien – zu Hause seine Aktivitäten zu verbergen. Als Großherzoglicher Medizinalrat und Kreisarzt verkehrte sein Vater in wohlhabenden Kreisen, die den Idealen der jungen Studenten sehr ablehnend gegenüberstanden und sie als „die Roten“ beschimpften. Franz wollte den unweigerlichen Streitgesprächen aus dem Weg gehen und war daher immer seltener im Elternhaus gewesen.

Aufgewühlt und in einer inneren Anspannung, die er bis in die Haarwurzeln spürte, aber äußerlich heil, gelangte Franz auf dem nächsten Floß in Dordrecht an. Umgehend reiste er mit einem kleinen Schiff weiter nach Rotterdam und von dort weiter nach England, wo er vorerst bei Bekannten unterkam. Zum ersten Mal konnte Franz aufatmen. Endlich bin ich in Sicherheit!

Bei der Englisch-Ostindischen Company fand er kurz­fristig eine Anstellung und bekam einen Arbeitsvertrag als Advokat. Doch er erkannte bald, dass für ihn dort als Aus­länder ein weiteres Hochkommen schwierig war. Sein Mut war ungebrochen und so kündigte er kurzentschlossen und steuerte mit seinem mittlerweile angesparten Geld die Neue Welt an. Sein Kontakt mit anderen „Achtundvierzigern“, die sich bereits in St. Louis angesiedelt hatten, lockte ihn mit ihren verheißungsvollen Berichten über die Freiheit und die beinahe unbegrenzten Möglichkeiten, sich ein neues Leben dort aufzubauen. Zudem spornte ihn das Verspre­chen an, dass deutsche Rechtsanwälte bei den zahlreichen Deutsch-Amerikanern hoch im Kurs standen.

Friedrich Hecker, Advokat wie Franz Wagner, flüchtete zunächst über die Schweiz und ging später ebenfalls in die USA ins Exil, wo er sich, ebenso wie Franz, in St. Louis niederließ, den er dort wieder treffen wollte.

Überfahrt nach New York

Der 12. Mai 1850 war ein prachtvoller Abend, als Franz sich inmitten einer zahlreichen und buntgemischten Gesell­schaft von mehr als 800 Passagieren auf dem Amerika­dampfer befand, der alle mit großen Erwartungen in das Land ihrer Hoffnungen trug.

Er stand an der Reling - der Dampfer glitt dahin, mit ei­ner Mischung von Erwartung und Erleichterung, aber auch einer Wehmut, die ihm Tränen in die Augen trieb - den Hafen von Le Havre hinter sich. Franz war mit einem der ersten Dampfsegelschiffe unterwegs, die die Segelschiffe abgelöst hatten. Mit diesen neuen Schiffen konnte die Fahrtzeit in der Regel um acht Tage verkürzt werden, und die Zahl der Passagiere ließ sich von 250 auf 800 steigern. Er hatte sparsam gelebt und konnte sich die Fahrt im Dampfer leisten, obwohl sie etwa doppelt so teuer war wie die Reise mit den Seglern, die aus Kostengründen von vie­len noch lange bevorzugt wurden.

Gerade ging der Vollmond an dem unbeschreiblich kla­ren sternübersäten Himmel über dem Horizont auf und spielte mit seinen glänzenden Strahlen auf der weiten blau­grünen Fläche des Meeres und die Wellen hinter dem Dampfer wurden schäumendes Silber. Sein Blick verlor sich im Spiel, das der Fahrtwind mit den dunklen Rauch­wolken der Schlote trieb und lenkte Franz ein wenig von seinen trüben Gedanken ab.

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