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Kitabı oku: «Das Schweigen im Walde», sayfa 7
»Fräulein?«
Sie wandte sich schweigend ab. Seine Frage schien in ihrer Seele ein Heiliges berührt zu haben, das sie dem Fremden nicht preisgeben wollte. Und als möchte sie auch ihre Bewegung vor ihm verbergen, nahm sie die Schatulle vom Tisch, um sie in die Hütte zu tragen.
Ettingen vertrat ihr den Weg. »Nein, Fräulein, so dürfen Sie nicht gehen! Mag ich für Sie auch ein Fremder sein, an den Sie schon morgen nicht mehr denken – aber ich habe hier eine so schöne Stunde verlebt, daß ich es mir nie verzeihen könnte, wenn ich Ihnen Ursache zu einer Verstimmung gegeben hätte. Ich fühl es, daß ich Sie durch meine Neugier und durch mein Lachen verletzt habe. Aber ich wußte nicht, daß ich es tat. Seien Sie mir nicht böse!«
Da reichte sie ihm die Hand. »Ich bin Ihnen nicht böse. Dazu hätt ich kein Recht. Sie konnten nicht wissen, daß Ihr Lachen mir weh tat. Das Bildchen muß doch auch so heiter auf jeden wirken, der nicht weiß, was es bedeutet. Ehe mein Vater das lustige Ding da malen konnte, mußte er alle Enttäuschung seines Lebens überwinden. Als er das Bildchen an den Baum hängte, das bedeutete für ihn, daß er jede Hoffnung begrub, für sein Talent die Anerkennung der Welt zu gewinnen. Deshalb dürfen Sie nicht glauben, daß ihm der Mut oder die rechte Kraft gefehlt hätte.«
»Nein, liebes Fräulein! Was ich hier sehe und was ich von Ihnen hörte, läßt mich vom Wesen Ihres Vaters manchen Zug erraten. Er muß als Mensch und Künstler gesucht haben, was abseits von der Landstraße und ihren ausgefahrenen Geleisen liegt. Alles Ungewöhnliche begegnet leicht dem Mißverstand. Und ich kann mir denken, daß eine feinbesaitete stolze Künstlernatur auf die Dauer des Kampfes müde wird und der Welt verbittert den Rücken wendet.«
Sie nickte. »Das war es! Sein Stolz war zu tief verwundet. Kunst, das war für ihn nur das Große, Reine und Schöne. Auch das Wahre. Aber er hatte Augen, denen die Dinge anders erschienen, als sie sonst den Menschen erscheinen. Da malte er nun alles, wie er es sah, nicht so, wie es die Leute sehen wollten. Das verstanden sie nicht – « es zuckte wie Schmerz um ihren Mund, »und lachten über ihn. Das konnte er nicht ertragen, dieses Lachen immer! Das hat seinen Mut gebrochen. Nur den Mut des Künstlers. Als Mensch ist er ein fester und ganzer Mann gewesen. Das hat er bewiesen, als er starb.«
»Sie haben Ihren Vater verloren?«
»Verloren?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein! Was man tief in seinem Herzen besitzt, was mit uns verbunden ist in jedem Gedanken und Gefühl, das kann man nicht verlieren. Er starb. Das ist nur ein Wort, das den Überlebenden weh tut. Mehr ist es nicht.«
Vom nahen Latschenfeld ließ sich das Klirren eines Bergstockes und der Hall schwerer Tritte hören.
Sie blickte auf, wie erwachend. »Ich muß gehen. Dort unten wartet meine Arbeit.«
Er meinte ihr nachzufühlen, weshalb sie diesen raschen Abschied nahm. Sie sah den Jäger kommen und wollte jetzt nach allem, was sie gesprochen hatte, nicht von alltäglichen Dingen reden oder das lustige Geschwatz des Jägers hören. Deshalb machte er keinen Versuch, sie zurückzuhalten.
Da reichte sie ihm plötzlich die Hand, sah mit feuchten Augen zu ihm auf und sagte: »Ich danke Ihnen!«
Das kam so überraschend für ihn, daß er im ersten Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte. Und da löste sie schon ihre Hand aus der seinen und ging, um die Schatulle in die Hütte zu tragen. Als sie ins Freie trat, hatte sie einen grob geflochtenen Basthut aufgenommen, dessen breite Krempe ihr Gesicht überschattete. Sie versperrte die Hüttentür, und ehe sie den Garten verließ, nickte sie noch einen Gruß zu Ettingen hinüber. Während sie langsam zwischen den Büschen gegen den See hinunterstieg, kam Praxmaler von der anderen Seite auf den Garten zugegangen.
Ettingen war an den Zaun getreten und sah dem Mädchen nach. Er fühlte sich von dieser Begegnung tief ergriffen. Was hatte ihn nur so sehr bewegt? Der stille, schöne Reiz dieses Ortes? Oder die Erscheinung dieses Mädchens, ihre freie, ruhige Art, sich zu geben und zu sprechen? Oder der Einblick, den er in das wunderliche Schicksal ihres Vaters gewonnen hatte, dieses weltflüchtigen Künstlers, der alle Dinge anders sah, als die Menschen sie zu sehen pflegen? Und wie mußte diese Tochter ihn geliebt haben, wie mußte auch jetzt noch der Gedanke an ihn ihr ganzes Leben füllen, da sie es wie ein kostbares Geschenk betrachtete, daß sie eine Stunde von ihm hatte sprechen dürfen! »Ich danke Ihnen!« Wie gut ihm dieses Wort gefiel! Es war ein Wort, das so tief blicken ließ, wie der klare See dort unten. Was ihr Vater auch als Künstler aus seiner träumerischen Seele herausgebildet haben mochte – er hatte sicher der Welt kein edleres Werk seines Blutes und Geistes hinterlassen als dieses junge, schöne Menschenkind mit seiner freien und furchtlosen Lebensruhe, mit seinem tiefen, reinen Gefühl und seinem guten Denken.
Da weckte ihn die Stimme des Jägers. »Grüß Gott, Herr Fürst! A bißl lang hat's dauert, gelt? Aber der Tag wird heiß, da hab ich den Hirsch net liegen lassen können. Drum bin ich gleich ummi gsprungen auf d' Sebenalm und hab a paar Leut auftrieben, die den Hirsch heut noch aussi liefern ins Jagdhaus.« Pepperl hatte den Garten erreicht und schwang sich über den Zaun. »Gleich hab ich mir denkt, daß ich Ihnen da im Gartl von der Fräuln Petri find.« Er guckte zur Hütte hinüber. »Schad! Sie muß net daheim sein, 's Hüttl is gsperrt. Aber gelten S', schön is daherin! So a Platzerl findt man net leicht in der Welt. Dös hat er verstanden, ihr Vater!«
»Sie haben ihn gekannt?«
»Den Maler-Emmerle? Freilich hab ich den kennt!«
»Wie sagten Sie, daß er hieß?«
»Emmerich Petri hat er gheißen. Aber d' Leut haben allweil gsagt: der Maler-Emmerle. In der ersten Zeit, wie er von der Münchnerstadt kommen is und hat sich in der Leutasch dös Häusl kauft, da haben d' Leut a bißl glacht über seine gspaßigen Sachen. Aber spater haben s' ihn gern mögen. Er is aber auch a lieber, guter Mann gwesen.«
»Er war ein Künstler?«
»A Künstler? Ah na! Gott bewahr! Der is schon was Bessers gwesen!« beteuerte Pepperl, der nach ländlicher Anschauung unter »Kienschtler« nur die »Seiltanzler« und »Komödispieler« verstand. »Wissen S', a Taferlmaler is er gwesen. A Marterl hat keiner net schöner malen können als wie der Herr Petri. Und die Heiligen, die er an d' Häuser hingmalen hat, die schauen nobel aus. Für ihm selber hat er diemal auch so Bildln gmalen, kleine und endsgroße.«
»Sie haben solche Bilder von ihm gesehen?«
»Aber freilich! Hängen ja draußten in seim Häusl alle Stuben voll. Herr Fürst, dö Bildln müssen S' Ihnen amal anschauen!« Pepperl kicherte. »Was da für narrische Sachen dabei sind! Am liebsten hat er allweil die jungen Buben gmalen, und völlig nacket – aber bloß in der oberen Hälft. Statt die menschlichen Füß hat er ihnen Geißbockhaxln hingmalen. Und Rösser hat er gmalen mit Mannsbilderköpf. Und Tigerkatzen mit Frauenzimmergsichter. Und Weibsbilder mit Karpfenschwanzln statt die Füß. Und lauter so verruckte Gschichten!« Pepperl schüttelte sich vor Lachen. »Gleich hinwerden könnt man vor lauter Gaudi, wann man so was anschaut!«
Auch Ettingen lächelte. Zentauren, Faune, Tritonen und Sphinxe – und dazu der Kunstverstand des guten Praxmaler-Pepperl: in diesem Kontrast lag eine Komik, der auch die ernste Stimmung Ettingens nicht zu widerstehen vermochte. Aber es widerstrebte ihm, noch weitere Fragen zu stellen. Schweigend trat er zum Tisch, warf die schon welk gewordenen Steinrosen über den Zaun und schmückte seinen Hut mit der Edelrose, die ihm Lolo Petri gereicht hatte.
Praxmaler riß die blauen Augen auf, als hätte er etwas Unerhörtes erlebt. »Aber Duhrlaucht! Mar und Joseph! Dö Blümeln, dö S' da wegwerfen – dös is ja der Bruch für'n Hirsch!«
»Dieser Zweig gefällt mir besser.«
Pepperl schwieg; doch er schüttelte die Kreuzerschneckerln und sah seinen Herrn von der Seite an. Daß es einen blühenden Zweig auf Erden geben konnte, der einem Jäger besser gefiel als der grüne Bruch für einen Vierzehnender? Das war für den Praxmaler-Pepperl etwas Unverständliches.
Ettingen setzte den Hut auf und griff nach dem Bergstock.
Da sagte der Jäger, als hätten seine Gedanken eine jähe Wendung gemacht: »Ja, schauen wir, daß wir heimkommen. Der Herr Kammerdiener wird eh schon auf der Paß liegen!«
Sie gingen zum Zauntürchen. Lächelnd blickte Ettingen noch einmal über die blühenden Beete hin und empor zu den stillgewordenen Wipfeln des Harfenbaumes, die mit umleuchtetem Grün hinaufstiegen in das reine Blau des Himmels.
»Welch ein schöner Morgen! Wie diese Luft sich atmet! Wie leicht und froh man sich fühlt! Als ginge man einer großen Freude entgegen!«
Pepperl seufzte. Denn er – in seinem verantwortungsvollen Herzen war der Gedanke an das »unbetreute dumme Gansl« wach geworden – er ging einer schweren Sorge entgegen.
Während sie auf schmalem Pfad über das Latschenfeld hinunterstiegen, fuhr Praxmaler plötzlich aus seinen Gedanken auf: »Was is denn dös gwesen jetzt?« Er spähte über die Latschen hin.
»Was haben Sie?« fragte Ettingen.
»Gwesen is mir, als hätt ich was ghört in die Latschen drin. Ich muß mich aber täuscht haben. Es rührt sich nix mehr.«
Sie schritten weiter und verschwanden im Schatten des nahen Waldes.
Als ihre Schritte verhallt waren, tauchte aus den Latschen das bleiche Gesicht Mazeggers auf. Eine Weile stand der Jäger unbeweglich und spähte mit funkelnden Augen gegen den Wald hinunter. In hartem Lächeln preßte er die schmalen blutlosen Lippen zusammen. Dann wand er sich durch die lichten Büsche auf den Pfad heraus. Hier legte er Büchse und Bergstock ab, kniete auf den Boden nieder und holte mit zitternder Vorsicht aus seinem Rucksack ein blühendes Edelweißstöcklein hervor, dessen Erdballen mit einem Taschentuch umbunden war. Er entfernte das Tuch, kniff mit den Nägeln ein paar welk gewordene Blätter fort, schöpfte mit der Hand von dem Wasser, das neben dem Pfad in dünnem Faden sickerte, und besprengte den dürr gewordenen Wurzelballen und die erst halb entwickelten weißgrünen Blütensterne. In Unruh und dennoch geduldig wartete er fast eine halbe Stunde, bis sich die schmachtenden Pflänzchen wieder erholt hatten und frisch erschienen. Dann erhob er sich und stieg zum See hinunter. Als er den Waldsaum erreichte, schlug ihm brennende Röte über das bleiche Gesicht. Hastig lehnte er Bergstock und Büchse an einen Baum.
Am Ufer einer seicht verlaufenden Seebucht saß Lolo Petri auf einem Stein. Vor ihr stand eine leichte Feldstaffelei mit kleiner Leinwand, deren frische Farben eine begonnene Studie zeigten: ein Stück des Ufers mit dem Spiegelbild der überhängenden Blumen und einem halb versunkenen Wurzelstock. Die Skizze war nur erst in den Grundtönen angelegt, und dennoch verriet sie schon, mit welcher Treue die klaren ruhigen Mädchenaugen alle Farben der Natur zu erfassen wußten. Aber sie schien mit ihren Gedanken nicht bei der Arbeit zu sein. Der Arm mit der Palette hing lose nieder, und während sie lächelte wie in freundlichem Erinnern, glitt ihr Blick über den stillen See.
Da weckte sie der Schritt des Jägers. Als sie Mazegger erkannte, glitt ein Schatten des Unbehagens über ihr Gesicht. Doch als er sie mit seiner rauhen, erregten Stimme grüßte, dankte sie ruhig. Dann nahm sie die Arbeit auf, als wäre sie allein.
Er stand hinter ihr und umklammerte mit der Hand so fest den Wurzelballen der kleinen Pflanze, daß die Erde zu Boden bröselte. »Schauen Sie doch her, Fräulein, was ich Ihnen gebracht hab!«
Sie hob das Gesicht, und der Anblick der seltenen Pflanze schien ihr Freude zu machen. »Ein Edelweiß! Wo haben Sie das gefunden?« Schon wollte sie die Blume nehmen. Da begegnete ihr Blick seinen heißen Augen. Sie zog die Hand zurück. »Ich danke für Ihren guten Willen, Mazegger, aber ich kann diese Blume nicht nehmen.«
Aus dem Gesicht des Jägers war alles Blut gewichen. »Nicht nehmen? So? Und warum nicht?«
»Weil – weil die Pflanze in der Blütezeit ausgegraben ist und verwelken muß. Sie gewöhnt sich nicht mehr an neuen Boden.«
»Das ist eine Ausred! Vorige Woche hat Ihnen der Förster ein Edelweiß gebracht. Das hat doch auch schon geblüht. Warum soll das meinige nicht fortkommen? Oder wollen Sie es nur nicht nehmen, weil es von mir ist?«
Sie schwieg und mischte auf der Palette eine Farbe.
»Fräulein?« Die Stimme des Jägers zitterte. »Ich bin um das Blüml einen harten Weg gestiegen. Schauen S' hinauf zur Tejawand! Von da droben hab ich's heruntergeholt. Weil ich gemeint hab, das Blüml macht Ihnen Freud. Jetzt frag ich in allem Ernst: wollen Sie das Edelweiß nehmen?«
»Nein!« erwiderte sie ruhig.
Mit ersticktem Fluch zerquetschte er die Pflanze in der Faust und schleuderte sie weit in den See hinaus.
Da sah sie zu ihm auf. Dann rückte sie die Staffelei beiseite, um das Motiv, das sie begonnen hatte, breiter überschauen zu können.
Mit geballten Fäusten stand er hinter ihr und wartete, als müßte sie ihm noch ein Wort zu sagen haben. »Also wirklich?« unterbrach er die Stille mit heiseren Worten. »Das einzige kurze Wörtl ist alles gewesen? Alles für mich?«
Sie schwieg und setzte die gemischte Farbe mit sicheren Pinselstrichen auf die Leinwand.
»Und vor den anderen hat man sich hinstellen können eine geschlagene Stund, daß ein End schier nicht zu erleben war?«
Sie schien nicht zu hören, was er sagte.
»Aber der! Natürlich! Der ist halt was Feineres als unsereiner! Ein Fürst! Da rentiert sich's freilich, daß man 's Göscherl aufmacht! Aaaah! So ein gnädiger Herr Fürst!«
Nun blickte sie doch verwundert auf. »Ein Fürst? Wer?«
Mazeggers Antwort war ein Lachen, das sein ganzes Gesicht verzerrte. »Gut verstellen können Sie sich auch, das muß ich sagen! Aber Sie wissen schon, wenn ich mein'! Er hat sich ja so gnädig bei Ihnen verhalten, daß er schier aufs Fortgehn vergessen hat!«
Da huschte eine leichte Röte über ihre Wangen. »Das war der Fürst? Der die Jagd im Geißtal gepachtet hat?«
»Geh, Fräulein, tun S' nur nicht, als ob Sie das nicht gewußt hätten!«
»Nein, das hab ich nicht gewußt.« Sie wandte sich wieder zu ihrer Arbeit.
»Aber gefallen hat er Ihnen, gelt? Natürlich, wenn so einer kommt, mit seinem hochfeinen Spinnwebengsicht und seinen glanzigen Frauenzimmeraugen, aaah, da springen gleich alle verriegelten Türen auf!«
Ohne die Arbeit zu unterbrechen, sagte sie mit kaum merklicher Erregung in der Stimme: »Wenn es der Fürst ist, von dem Sie sprechen, dann ist es auch Ihr Herr, dem Sie Achtung schulden. Ich will mir denken, daß Sie nicht wissen, was Sie da geredet haben. Und jetzt gehen Sie, Mazegger! Sie sehen, ich arbeite.«
Sein rauhes Lachen unterbrach sie. Er würgte an Worten, die ihm nicht über die Zunge wollten, und plötzlich faßte er mit rohem Griff ihren Arm. Aus ihren Augen traf ihn ein so ruhig stolzer Blick, daß ihm die Hand hinunterfiel wie gelähmt. Schweigend legte sie den Farbenkasten zusammen und stellte ihn mit der Staffelei in den Schatten eines nahen Baumes. Prüfend betrachtete sie noch einmal ihre Arbeit, nahm den Basthut ab und strich die Haare von den Wangen zurück. Dann stieg sie gegen die Hütte hinauf.
Mazegger stand wie versteinert, solang er sie noch sehen konnte. Als sie verschwunden war, reckte er seine Gestalt, wie von einem Bann erlöst, und brach in ersticktes Lachen aus. Das Gesicht von Blässe überzogen, ging er zu dem Baum zurück, an den er seine Büchse gelehnt hatte. Zitternd klammerten sich seine Hände um die Waffe, während sein Blick die Höhe suchte, über deren Büsche das von Efeu umsponnene Dächlein herunterblickte. Eine wilde Drohung flammte aus den brennenden Augen des Jägers.
Er warf die Büchse auf den Rücken und schritt in den Wald hinein. Jeden Pfad vermeidend, kletterte er zwischen dem Gewirr der bemoosten Blöcke an der Lehne des Berges hin. Und plötzlich warf er sich ins Moos und grub das Gesicht in die Arme. Fast eine Stunde lag er so. Müd, als wären ihm alle Glieder wie gebrochen, richtete er sich endlich auf. Sein Gesicht brannte, und die Falten des Ärmels hatten ihm Striemen auf die Wangen gedrückt.
Er zog die Uhr. Es war Mittag geworden. Da konnte er ins Tal hinuntersteigen, ohne fürchten zu müssen, daß ihm der Förster oder einer der Jäger auf dem Weg begegnen könnte, der ihm verboten war.
Siebentes Kapitel
Es ging auf ein Uhr mittags, als Praxmaler im Tempo eines Wettläufers bei den Jagdhäusern eintraf. Auf halbem Wege war er vorausgegangen unter dem Vorwand, die Heimkehr des Fürsten anzumelden, damit der »Herr Kammerdiener« alle Bequemlichkeit für seinen Herrn in Bereitschaft halten könnte. Ettingen hatte dem etwas auffälligen Diensteifer des Jägers gerne zugestimmt, da es ihm lieb war, mit seinen Gedanken allein zu sein. Da hatte nun Pepperl, sobald er seinem Herrn aus dem Gesicht gekommen war, einen Dauerlauf angeschlagen, bei dem er schließlich das letzte »Bröserl« seines Atems auspumpte.
Als er die Tillfußer Lichtung erreichte, schnappte er nach Luft, wie ein aufs trockene geratener Fisch nach Wasser. Die Faust auf die arbeitende Brust drückend, spähte er nach allen Seiten, ohne was Verdächtiges zu gewahren. Friedlich lagen die Jagdhäuser mitsamt der Sennhütte in der weißen Mittagssonne, kein Mensch war zu sehen, nur ein paar Kühe grasten mit bimmelnden Glocken über das Almfeld hin. Das Bild dieses sonnigen Friedens wirkte wie Öl auf die erregten Wogen in Pepperls Seele. Er atmete auf und stieg zum Jagdhaus hinauf. »He! Herr Kammerdiener!« Keine Antwort. Er wird wohl in der Kuchl sein! dachte Pepperl und ging auf die Tür zu, aus der ihm so wundersame Düfte entgegenquollen, daß er schnuppernd die Nase hob. »Sakra! Sakra! Da gibt's was Nobels!« Er stellte Büchse und Bergstock nieder, nahm das Hütl ab und trat in die Küche. Sein erster Blick suchte den Kammerdiener, und da er ihn nicht fand, vergaß er, die Jungfer Köchin zu grüßen, und fragte nur: »Wo is er denn?«
»Wer?«
»Der Herr Martin.«
»Wahrscheinlich sitzt er wieder drunten in der Almhütt und schneidet der Sennerin die Cour. Ein rundes, gesundes Mädl! Das ist der Werktagsgusto von unserem Kammermops!«
»So, schön!« stotterte Pepperl, dem der Schreck in alle Glieder fuhr. Er stolperte zur Tür hinaus und rannte über das Almfeld hinunter. Als er den Stall erreichte, blieb er stehen und faßte sich bei der Joppe. »Nimm dich zamm, Pepperl! Sei du der Gscheiter!«
Lautlos bog er um die Ecke der Sennhütte, hörte aus der Almstube die beiden Stimmen und guckte aufgeregt durch eines der kleinen Rauchlöcher, welche die Wand durchbrachen.
Da drinnen saß der Kammermops in seiner schwarzen Gala und mit glänzend frisiertem Scheitel am Tisch, hielt in vornehmer Nonchalance die Beine mit den Schnallenschuhen übereinandergeschlagen und schmauchte eine Zigarette. Seinen hochgezogenen Brauen war es anzumerken, daß er mit dem Ergebnis der zärtlichen Stunde nicht ganz zufrieden war. Vor ihm stand die Sennerin am Herd und rührte mit langem Holzlöffel in dem großen Kupferkessel herum, der über dem flackernden Feuer hing. Das hübsche Gesicht des Mädels brannte. Das schien nicht nur von der Hitze des Feuers zu kommen, denn eine Furche des Unwillens lag zwischen ihren Brauen.
»Nun?« fragte Martin. »Warum so schweigsam, schönes Kind? Soll ich keine Antwort bekommen?«
Es schien kein freundliches Wort zu sein, das dem Mädel auf der Zunge lag. Schon wollte sie sprechen. Da hörte sie mit ihrem feinen Ohr ein leises Rascheln an der Mauer. Und es fiel ihr auf, daß an einem der Rauchlöcher die Sonnenhelle, die durch die Öffnung geleuchtet hatte, plötzlich verschwunden war. Ein feindseliges Lächeln zuckte um den kirschroten Schnabel der Sennerin. Dieses böse Lächeln verwandelte sich in schadenfrohes Schmunzeln. Und während sie mit blitzenden Augen über die Schulter zu Martin hinüberguckte, sagte sie zögernd, als müßte sie sich jedes Wort überlegen: »Ja, wissen S', mit Ihnen hat a Madl a harts Reden! Sie sind so a stadtischer Pfiffikus! Da muß man Obacht geben – wenn S' mir auch sonst net gar so übel gfallen täten, ja!« Diese letzten Worte sprach sie mit auffallend lauter Stimme.
Martin schien die jähe Schwenkung im Verhalten des Mädels mit Vergnügen zu bemerken und gab seiner Antwort einen Herzton schöner Ehrlichkeit: »Aber ich bitt Sie, mein liebes Kind, einen aufrichtigeren Menschen als ich bin, gibt es gar nicht mehr. Wenn ich was sage, können Sie sich drauf verlassen, daß es so ist!«
»Ja, freilich!« Burgi lachte. »Die Mannsbilder alle mitanander sind Lugenschüppel, schon gar, wenn s' zu eim Madl von der Lieb reden. Da sind unsere Burschen auch net anders als die nobligen Herrn aus der Stadt. Und erst die Jager! Eh so einer 's Maul aufmacht, hat er schon dreimal glogen. Schauen S' den Pepperl an, der sich neulich auf d' Nacht so fein gegen Ihnen benommen hat! Dös is schon gar der Ärgste! Zwiderer, wie mir der is, kann mir net leicht einer sein!«
»Na, hören Sie, mein liebes Kind, Sie werden mich doch hoffentlich nicht mit solch einem ungebildeten Lümmel vergleichen wollen?«
»Ah, Gott bewahr! So viel Augen hab ich schon, daß ich an Unterschied merk.«
»Das ist nett von Ihnen, daß Sie mir das so ehrlich sagen. Und eine Ehrlichkeit für die andere: so gut wie Sie, liebe Burgi, hat mir im Leben noch kein Mädel gefallen. Sie haben so was Heiteres, Gesundes, Frisches und Herziges – «
»Hören S' auf, Sie süßer Schmalger, Sie!« erwiderte die Sennerin lachend, wurde aber dabei doch rot bis über die Ohren, als hätte dieses schmeichelnde Bekenntnis völlig wirkungslos an das verriegelte Türchen ihrer Mädchenseele gepocht.
»Das dürfen Sie mir glauben, daß ich noch nie einem Mädel so was gesagt habe!« sprach Martin mit Eifer weiter. »Wahrhaftiger Gott, ich habe mich nie besonders viel um die Frauenzimmer gekümmert. Mein Dienst und mein Herr, das war für mich immer das Höchste. In einer so wichtigen Stellung hat man keine Zeit für Dummheiten übrig.«
»Dummheiten?« Burgi guckte nachdenklich in den brodelnden Kessel. »No, gar so was Dumms kann d' Lieb ja doch net sein!«
»Jaaa! Wenn es die richtige Liebe ist! Treu, aufrichtig und ehrenhaft! Aber wie sich das in der Stadt gewöhnlich macht? Nein, dafür dank ich! Wenn ich da wollte, an jedem Finger könnt ich eine haben.«
Burgi musterte den feinen Herrn. »Ah ja! A nobligs Mannsbild! So nobel wie Sie geht net amal der Herr Fürst umanand. Dös tut doch net leicht a Mensch, daß er seim Dienstboten 's bessere Gwand zum Tragen gibt, und er selber tragt a gringers. Der Herr Fürst muß Ihnen gern haben!«
»Er weiß, was er an mir hat!« sagte Martin, über das naive Mißverständnis des Mädels mit heiterem Lächeln hinübergleitend. »Und wenn es an der Zeit ist, wird er mir auch für meine treuen Dienste entsprechend danken!« Er blies eine Rauchwolke vor sich hin und lehnte sich behaglich zurück. »Ich bin ja mit meiner Stellung ganz zufrieden. Aber man will doch auch einmal selbständig werden und eine Familie gründen.«
»Familli gründen?« Dieses Bild schien für Burgi eine Nuß zu sein, die man erst knacken mußte, um auf den Kern zu kommen. »Ah so! Heiraten, meinen S'?« Sie hatte augenscheinlich einen großen Respekt vor dem Worte: »Heiraten!« Das verriet die ehrfürchtige Breite, mit der sie es aussprach.
»Heiraten! Ja!« Martin schmunzelte. »Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein bleibt. Das steht in der Heiligen Schrift.«
»A fromms und gottgfälligs Wörtl, ja!«
»Und wenn ich einmal das Frauerl gefunden habe, das mir gefällt, dann brauch ich nur mit meinem Herrn zu sprechen. Da kann ich mir auf seinem Gut einen Posten als Inspektor aussuchen. Aaah, meine Frau, die wird's einmal gut haben! Denken Sie nur, liebe Burgi, Licht, Holz und Wohnung, alles frei! Dazu ein Gehalt von drei-bis viertausend Gulden im Jahr.«
»Was! Vier – tausend – Gulden! Mar und Joseph! Is dös a Geld!« Burgi machte Augen, als wäre Martin plötzlich für sie ein anderer Mensch geworden, einer, den man mit Achtung behandeln mußte. Dabei erlosch in ihr der Gedanke an jenes kleine Rauchloch, aus dem die Sonne verschwunden war. »Vier – tausend – Gulden! Mehr hat ja bei uns in Tirol kein Bischof! Sie, Herr Martin, da können S' Ihnen a nobels Stadtfräuln aussuchen!«
»Na, wissen Sie, mit denen aus der Stadt – « Martin schüttelte den Kopf und schnellte die Asche von der Zigarette. »Ich hab mir immer was anderes gedacht. So was Urwüchsiges und Unverdorbenes! Das war mein Geschmack. Und dann – in einem unbewohnten Schloß die Zimmer lüften, das paßt mir auch nicht recht.«
»Um Gotts willen, Herr Martin, lassen S' dö viertausend Gulden net aus!«
»Wenn ich mir was Besseres wüßte?«
»Noch was Bessers? Dös gibt's ja gar net!«
»Wer weiß!« Martin lächelte geheimnisvoll. »Wenn Sie mir versprechen, daß Sie nichts weiterschwatzen, sag ich Ihnen was.«
»Ich? Und an Tratsch machen? Da tät ich mir lieber 's Züngl abbeißen. Zu mir können S' unscheniert reden.«
»Hand darauf?«
Burgi wischte die Hand an der Schürze ab, bevor sie einschlug. »Hand drauf, ja!«
Vertraulich zog Martin das schmucke Mädel an seine Seite und streichelte zärtlich die sonnverbrannte Hand. »Das wissen Sie doch, daß unsere Durchlaucht die große Jagd da auf zehn Jahre gepachtet hat?«
»Freilich, ja! Und der Pacht, und 's Winterfutter, und die Jager alle! Mein Gott, mein Gott, dös muß a schauderhafts Stückl Geld kosten!«
»Das glaub ich! Und da können Sie sich denken, daß da ein verläßlicher Mensch hergehört, der alles leitet und überwacht, die Verrechnung führt – «
»Dös macht ja der Förstner! Sie, dös is an ehrenhafter Mensch. Auf den kann sich der Herr Fürst verlassen.«
»Ja, ja! Ich will ihm auch von seinen guten Eigenschaften nichts abstreiten. Aber auf einen solchen Posten gehört ein Mensch von Bildung, der alles so zu richten versteht, wie es unserer Durchlaucht angenehm ist.«
»Um Gotts willen! Der gute Herr Förstner wird doch net sein Posten verlieren?«
»Gott bewahre! Der kann bleiben, was er ist. Aber über ihn wird noch ein Jagdverwalter gesetzt, verstehen Sie?«
Ganz verstand sie die Sache nicht; aber sie nickte: »Ah ja! Ah ja!«
»Das wird noch heuer im Herbst gemacht. Unsere Durchlaucht hat bereits mit mir über die Sache gesprochen. Und im Frühjahr wird draußen in Leutasch für den Verwalter ein neues Haus gebaut, natürlich zweistöckig, mit einem großen Garten, mit einem Stall für zwei Pferde und vier Milchkühe – «
»Da ghört a Heustadl und a Holzschupfen auch dazu!«
»Natürlich! Wird gebaut!« Martin warf die Zigarette über den Tisch und zog das Mädel fester an sich. »Na, und jetzt raten Sie mal, wer das sein wird? Der neue Jagdverwalter?« Lächelnd tätschelte er den runden, molligen Arm der Sennerin und zwinkerte vergnügt zu ihr hinauf.
Da begriff sie und platzte los: »Am End gar Sie, Herr Martin!«
Er nickte.
»Hören S', da därf man Ihnen gratalieren!«
»Nicht wahr? Aber – einen Haken hat die Sache noch.«
»Was denn für ein'?«
»Der Verwalter hier, das muß einer sein, der verheiratet ist.«
»No ja, so heiraten S' halt. Für so an Posten kann man's riskrieren.«
»So? Meinst du?«
Sie merkte gar nicht, daß er sie duzte.
»Aber wo find ich so schnell eine, die mich nimmt?«
»Ui jegerl!« sagte sie ernst. »Bei so was greift doch jede zu mit alle zwei Händ.«
»Na ja! Aber ich kenn eben keine.« Martin legte den Arm um Burgis Hüfte. »Und jetzt sag mal, Burgerl? Möchtest du mir nicht eine suchen helfen?«
»Ich?« Nun lachte sie, als hätte sie in ihrem Leben was Lustigeres nicht gehört. »O du mein lieber Herrgott! Mit so einer, wie s' mir bekannt sind, da wären S' sauber aufgricht! Sie! Und a Bauernmadl!«
»Na, weißt du, das wird doch wohl nicht anders gehen. Eine vom Land werd ich mir nehmen müssen. Eine, die sich auf den Stall versteht. Von Kühen und Pferden versteh ich nichts, rein gar nichts. Das muß eben dann meine Frau übernehmen.«
»Ah ja!« Das leuchtete ihr ein. »Dös is wahr, da brauchen S' eine, die ihr Sach versteht und ghörig schaffen kann.«
»Na also! Und da mußt du mir suchen helfen! Denk mal ein bißchen nach! Ich mein' immer, daß du gar nicht weit zu suchen brauchst, um so eine für mich zu finden, so recht eine Hübsche, Frische, Gesunde!«
Sie fühlte den zärtlichen Druck seines Armes, spürte seinen heißen Atem, sah seine dürstenden Augen – und da begriff sie. Das wirkte, als hätte der Blitz vor ihr eingeschlagen. Sie versuchte erschrocken, seinen Arm von sich abzuwehren. Bei diesem Befreiungsversuche schien ihr die rechte Kraft zu fehlen. Er gelang nicht.
Was in ihr vorging, war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. Ihr erster Gedanke war Unglaube. Der Menschenverstand in ihrem hübschen Zauskopf war, so anspruchslos ihn die Natur auch geschaffen hatte, doch zu gesund, um sie nicht vor dem groben Köder zu warnen, den sie vor ihren Augen winken sah. Aber sie hätte nicht das praktisch rechnende Kind des Dorfes sein müssen, wenn ihr neben allem Zweifel nicht auch die Erwägung gekommen wäre: »Vielleicht is doch was dran! Und wenn was dran is, därf ich mir's net verscherzen!« Und sie hätte nicht das arme, mit aller Not des Lebens kämpfende Mädel sein dürfen, um nicht auch die scheue Sehnsucht zu empfinden, die der Traum vom großen Los erweckt. Ihr Herz war frei, sie dachte an keinen andern – der Praxmaler-Pepperl war ihr ja »so zwider wie net leicht einer«. Und wenn der gesunde Verstand ihr auch sagte: »Glaub dem Schmalger nix, er lügt dich an!« – so hinderte das nicht, daß in ihrem sumsenden Köpfl ein winkendes Luftschloß zu glänzen begann. Sie sah das zweistöckige Haus, den Garten mit Sellerie und Kopfsalat, die große Wiese, den Stall mit Pferden und Kühen. Sie sah den Vater, den sie seit Jahren ernährte, unbesoffen und zufrieden in seinem Stübchen. Sie sah sich im seidenen Kleid zur Kirche gehen und im ersten Betstuhl knien. Sie sah sich am Sonntagnachmittag beim Kaffee sitzen, während die Tür sich auftat und die Jäger zum Rapport erschienen, voran der Praxmaler-Pepperl, der höflich das Hütl von den trauernden Kreuzerschneckerln herunterzog: »Recht schön guten Abend, Frau Jagdverwalterin!« —
Bei diesem Traumbild stotterte sie zu Tod erschrocken: »Mar und Joseph!« Sie hatte plötzlich an das Rauchloch da drüben denken müssen, in dem die Sonne verschwunden war. »Lassen S' mich aus! Ich bitt Ihnen, lieber Herr Martin, lassen S' mich aus!«
»Aber Burgerl, Kind, sag mir doch – « Martin versuchte, das Mädel auf seinen Schoß zu ziehen. Da verfinsterte sich die Tür, und eine Stimme, die kaum merklich bebte und dennoch ganz anders war als die gewohnte Stimme des Praxmaler-Pepperl, klang in die Dämmerung herein: »Recht schön guten Abend beinander!« Im gleichen Augenblick stand Burgi schon am Herd und begann im Kessel ein verzweifeltes Rühren.
