Kitabı oku: «Lebendige Seelsorge 3/2014»

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THEMA

Fragmente einer Theologie kirchlicher Leitung

Von Regina Polak

Interaktive Wertschätzung – Kirche innovationsgerichtet führen

Von Florian Sobetzko

Warum eigentlich?

Die Replik von Regina Polak auf Florian Sobetzko

Theologieferne der Praktiker oder Praxisferne der Theologie?

Die Replik von Florian Sobetzko auf Regina Polak

Bischof und Kirchenvolk – enttäuschte Liebe?

Von Wilhelm Damberg

PROJEKT

Die Führungsakademie für Kirche und Diakonie

Von Peter Burkowski

INTERVIEW

Der Führungsbedarf innerhalb der katholischen Kirche wird öffentlich wahrgenommen

Ein Gespräch mit Judith Hahn

PRAXIS

Coaching von Führungskräften in katholischen Spitzenpositionen:

Was ist anders als in der Wirtschaft?

Von Michael Kempf

Neue Modelle der Leitungsverantwortung von Laien

Von Daniela Engelhard

Was macht eine Leitung zu einer Geistlichen Leitung?

Von Christine Rod MC

Kirche und Management – Ein Kommentar aus betriebswirtschaftlicher Perspektive

Von Bernd Halfar

Im Pfarrhaus brennt das Licht

Von Elmar Maria Morein

FORUM

Wider die Musealisierung der Liturgie

Von Erich Garhammer

POPKULTURBEUTEL

Endlich Ordnung

Von Bernhard Spielberg

NACHLESE

Glosse von Wolfgang Frühwald

Impressum

Buchbesprechung


Matthias Sellmann Mitglied der Schriftleitung

Liebe Leserin, lieber Leser,

viel Fantasie braucht man nicht, und OrganisationsentwicklerIn muss man auch nicht sein, um sagen zu können: die einzelnen Verantwortlichen der Kirchen stehen auf allen Ebenen in einer immer größeren Führungsverantwortung. Immer weitreichendere Entscheidungen sind zu fällen – und dies in immer mehr Domänen, für die man als Theologin und Theologe nun wirklich nicht ausgebildet ist. Die Schlagworte lauten: Liquiditätskontrolle, Immobilienmanagement, Raumplanung, Mitarbeiterentwicklung, Gremiensteuerung, Prozess-Optimierung, Konfliktmediation.

Für die Einen sind das eben jene Vokabeln, mit denen man Kirche in das genaue Gegenteil ihrer seelsorglichen Bestimmung navigiert: statt über Strukturen solle man wieder über Inhalte reden. Für die Anderen beginnt nun endlich die Zeit, in der kirchliche Verwaltung und kirchliche Führung professionelle Standards bekommt.

Um es vorweg zu sagen: es ist nicht die Intention dieses Heftes, diese Polarität aufzulösen oder sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Das zeigt schon die deutliche Kontroverse zwischen Regina Polak und Florian Sobetzko. Es wird außerdem dadurch dokumentiert, dass wir sowohl theologische als auch betriebswirtschaftliche Stimmen zu Wort kommen lassen – wobei mit der Nennung der Disziplinen noch nichts darüber ausgesagt ist, wer welchen Pol der Debatte stark macht.

Nein, die Intention ist es, Sie in die Debatte mit hineinzuziehen. Hierzu bieten wir Ihnen: einen Besuch in der Führungsakademie der Evangelischen Kirche in Deutschland, kreative kirchenrechtliche Optionen zum „Leitenden Pfarrer“, eine historische Analyse zu der faktischen Unmöglichkeit, heute Bischof zu sein, Einblicke in das Coaching von Spitzenkräften sowie Erfahrungen aus einer Bistumsleitung, der ökonomischen Beratungspraxis und einem Medienprojekt.

Was ist der Unterschied zwischen einem Manager und einem Leader? Manager tun die Dinge richtig, Leader tun die richtigen Dinge.

Ihr


Prof. Dr. Matthias Sellmann, Mitglied der Schriftleitung

Fragmente einer Theologie kirchlicher Leitung

„Ich will nicht über euch herrschen, und auch mein Sohn soll nicht über euch herrschen; JHWH soll über euch herrschen“ (Ri 8,23). So reagiert Gideon auf das Ansinnen der Israeliten, Israels König zu werden. Nicht Menschen sollen über Menschen herrschen. Dieses Recht ist allein Gott vorbehalten. Aus der Sicht Gideons droht die Annahme der Königswürde die Rettung zu verdunkeln, die Israel JHWH verdankt. Die königskritischen Stellen (Vanoni/Heininger, 19) entstammen der noch frischen Befreiungserfahrung jener Sklaven, die dem Joch ägyptischen Pharaonentums und mesopotamischer Stadtstaatenkönige entkommen sind und neue Formen des Zusammenlebens erproben – aus ihrer Sicht all dies mit Gottes Hilfe (vgl. Lohfink, 71–102). So reagiert auch Samuel skeptisch, als das Volk einen König verlangt: Samuel missfiel es, dass sie sagten: „Gib uns einen König, der uns regieren soll“ (1 Sam 8,6). Für Samuel steht die Einführung des Königtums im Widerstreit zur Königsherrschaft Gottes. Regina Polak

Dem deuteronomischen Königsgesetz (Dtn 17,14–20) steht auch ein herrschaftskritischer Strang gegenüber, der die Ausübung königlicher Macht ablehnt. Man kann das Alte Testament lesen als eine spannungsreiche Lerngeschichte im Umgang mit Macht. Auch das Leben und Sterben des Jesus von Nazareth zeugen von der Brisanz dieser Thematik. Es sind die Macht-Eliten, die seinen Tod verantworten. Seine Botschaft vom Reich Gottes beschreibt eine Form menschlichen Zusammenlebens, in der die soziokulturellen, ökonomischen und politischen Machtlogiken auf den Kopf gestellt werden; Qualitätsmaßstab menschlicher Gemeinschaft ist die Lebenssituation der Machtlosen: der Armen, Fremden und Marginalisierten; der Kinder und Kranken. Herrschende werden zum Dienen aufgefordert (Mk 10,43–45), ein Kennzeichen der Anhänger des Königs, dessen Reich nicht von dieser Welt ist (Joh 18,36). Dieser stirbt einen ohnmächtigen Tod am Kreuz. Die Auferstehung bildet den Höhepunkt jener paradoxalen Logik, die die Gestalt des Jesus von Nazareth bezeugt: die Macht der Ohnmacht.

Diese biblischen Erinnerungen bestimmen meine fragmentarischen Überlegungen zu einer Theologie der Leitung. Ohne sich mit Macht bewusst auseinanderzusetzen, drohen reale Machtverhältnisse verschleiert oder spirituell überhöht zu werden – gerade dann, wenn sich die Kirchenleitung als demütige Dienerin ihrer Gläubigen präsentiert. Aus theologischer Sicht ist

Macht zunächst eine Gabe: man denke an Moses, dem die Macht verliehen wird, sein Volk aus der Sklaverei zu führen; oder an Jesus, der seinen Jüngern die Macht verleiht, unreine Geister auszutreiben und Krankheiten sowie Leiden zu heilen (Mt 10,1). Macht bezeichnet hier jene Handlungsmöglichkeiten, die jemandem kraft seiner Fähigkeiten, Ressourcen und (amtlichen) Zuständigkeiten zur Verfügung stehen und mittels derer er/sie auf andere Menschen Einfluss nehmen kann. Gott lässt Menschen teilhaben an seiner Macht, damit diese sich an seiner Schöpfungs- und Heilsgeschichte beteiligen können. Diese Macht dient dem Schutz, der Bewahrung und Förderung des Lebens. Sie vollzieht sich als schöpferische Liebe, sie verwirklicht sich im Einsatz für Gerechtigkeit (vgl. Tillich 1991 [1954]). In den Händen von Menschen verkehrt sich diese Gabe jedoch immer wieder in Herrschaft und Gewalt über andere Menschen.

Das Bewusstsein um den zwiespältigen Charakter von Macht bildet daher ein Herzstück jeder Theologie der Leitung. Leitung dient dazu, die Angelegenheiten und Aufgaben, die alle betreffen, gestalten und erfüllen zu können. Dazu bedarf es auch institutionalisierter Macht und Personen, denen diese anvertraut wird. Zugleich bilden die Erfahrungen mit dem Scheitern menschlicher Macht und ihrer Opfer wie die biblischen Erinnerungen ein unverzichtbares Korrektiv und eröffnen eine theologische (Selbst)Kritik im Umgang mit Macht: alle menschliche Macht ist begrenzt und verliehen und Gott ist der Herr der Geschichte.

LEITEN IN DER ZEITGENÖSSISCHEN DEUTSCHSPRACHIGEN KIRCHE

Historisch sensible Menschen verstehen sich nicht gerne als Herrscher oder Führer. Man spricht stattdessen von Führung oder Leitung. Auch wenn diesbezüglich noch manches ausbaufähig ist, sind auch in der Kirche die Weichen für das Bewusstsein, dass Führung und Leitung professioneller Ausbildung bedürfen, im Wesentlichen gestellt. Zugleich nehme ich eine seltsame Theologie-Ferne wahr: ein wechselseitiger, kritischer Lernprozess zwischen Leitungswissen/-kompetenz und Theologie gehört nicht zur pastoralen Alltagspraxis. Leitungsmethoden werden übernommen, aber selten theologisch reflektiert (vgl. Krobath/Heller 2010; Meier/Sill 2010; Aigner 2011; Kiechle 2010; Zulehner/Rossberg/Hennersperger 2013). Wie wirken sich die Erfahrungen mit Leitungspraxis auf Glaube und Theologie aus? Wie verändern sich dabei auch Inhalte des Glaubens? Wo spießen sich Leitungspraxis und theologische Überzeugungen? Welche Leitungstheorien sind aus theologischer Sicht legitim? [...] Bleiben solche Fragen ausgeklammert, verkommt die Theologie zu einer Art ideologischem Überbau einer „profanen“ Leitungspraxis. Aber gibt es aus der Sicht des Glaubens überhaupt Praxis, die nichts mit Gott und seinem Geist zu tun haben kann? Erst recht eine für die Kirche so zentrale Praxis wie die des Leitens? Sichtbar wird dieser Reflexionsmangel z.B. in den heftigen Debatten um die theologische Würde von Strukturen, die gegenüber „dem Eigentlichen“ nur zweitrangig seien, während manche als sakrosankt gelten. Zudem vertreibt so manche Strukturreform den Geist der Freude, der Hoffnung so heftig aus der Kirche, dass zu viele Gläubige erschöpft und frustriert zurückbleiben.

Neue, individuell erworbene Leitungskompetenzen verändern zudem ohne entsprechende theologische Reflexion nicht von heute auf morgen eine jahrhundertelang eingeübte Praxis im Umgang mit Macht. Leitung bedeutet dann de facto in einer immer noch reichen Kirche Verwaltung des Altbekannten. Leitungspersonen sollen sagen, „wo es langgeht“– nur eben mit mehr Professionalität. Konkret wird dies z.B. dort, wo die Tugend des Gehorsams unverändert als Leitungsinstrument eingesetzt wird – wider jegliches bessere theologische Wissen, dass Gehorsam ein dialogisches Geschehen zwischen Menschen und Gott ist. Konkret wird das dort, wo interner Widerstand und Konflikte nicht als Lernpotential, sondern als Untreue und Illoyalität wahrgenommen werden. Strukturreform und Glaubensvertiefung laufen nebeneinander her. Dabei bieten die Erfahrungen mit zeitgenössischen Leitungstheorien und -praktiken eine Fülle an Impulsen, die den Glauben, die Theologie und damit die Kirche bereichern können. Einige davon möchte ich im Folgenden skizzieren.

VISION UND ZIEL: REICH GOTTES VOR ORT

Wer leitet, braucht eine Vision, eine beschreibbare Vorstellung von der Zukunft. Das gilt auch für jene, die die Kirche leiten. Aber wie kann eine solche Vision für die Kirche aussehen? Aus welchen Quellen speist sie sich? Bei Übungen mit kirchlichen Leitungspersonen bin ich immer wieder mit einem seltsamen Mangel an konkreten Zukunftsbildern konfrontiert. Die Frage: wie sieht die Kirche der Zukunft aus, jener Kirche, die Sie sich wünschen, von der Sie träumen? – sie stößt nicht selten auf Schweigen. Die Bilder erschöpfen sich in Extrapolationen der Gegenwart. Ich höre von neuen Sozialformen oder pastoralen Großräumen. Ja, aber wofür steht diese Kirche? Was ist ihre Aufgabe in dieser konkreten geschichtlichen Stunde? Warum sollte sich ein junger Mensch hier einfinden? Erstickt der Alltagsdruck der Kirchenverwaltung den Mut und die Kraft zum Träumen?

Die Vision des Jesus von Nazareth war das Reich Gottes (Mk 1, 15). Beheimatet in der jüdischen Tradition steht die Erfahrung der Gottesherrschaft im Zentrum seines Lebens. Es wird real in Heilungen und Exorzismen, wo Menschen von Krankheiten und Besessenheiten befreit werden. Es wird konkret in den Mählern Jesu mit Zöllnern, Sündern und Ausgestoßenen; in der bedingungslosen Zusage der Vergebung der Sünden und in der Seligpreisung der Armen. Das Böse ist unwiderruflich entmachtet (Lk 10,18). Das Reich Gottes ist Wirklichkeit und kann nicht aufgehalten werden. Es beschreibt eine persönlich-existenzielle und eine gesellschaftlichpolitische Wirklichkeit, in deren Zentrum die Gerechtigkeit steht (Eigenmann 1998; vgl. Polak/Jäggle, 603–638).

Die Vision des Jesus von Nazareth kann Quelle und Kriteriologie auch für zeitgenössische Visionen sein. Die Vision der Kirche hat einen besonderen Charakter: sie ist vorgegeben – und bedarf zugleich ihrer zeitgerechten Vergegenwärtigung und Neuübersetzung. Sie beschreibt eine Zukunft, die bereits Gegenwart ist, von Gott her eröffnet. Sie ist Verheißung und Zusage, Hoffnung und Wirklichkeit, Zumutung und Anspruch in einem. Vor allem aber: sie ist kein Privileg von Leitungspersonen, sondern allen Gläubigen anvertraut. Die Vision der Kirche ist daher immer eine geteilte, eine gemeinsam geprüfte und entwickelte. Wäre charismatischen Visionären daher nicht immer mit etwas Vorsicht zu begegnen? „Das Geheimnis der heiligen Kirche wird in ihrer Gründung offenbar. Denn der Herr Jesus machte den Anfang seiner Kirche, indem er frohe Botschaft verkündigte, die Ankunft nämlich des Reiches Gottes, das von alters her in den Schriften verheißen war“ (LG 5). Daher hat die Kirche die Aufgabe, dieses Reich „anzukündigen und in allen Völkern zu begründen“. Leitung bedeutet, die Gläubigen und die Kirche bei der Wahrnehmung und Verwirklichung der Vision vom Reich Gottes zu begleiten und zu unterstützen. Weil sich das Reich Gottes geschichtlich und konkret offenbart, wird Leitungspraxis in jeder Situation, an jedem Ort verschieden aussehen.

PROZESSGESTALTUNG

Um eine Vision des Reiches Gottes vor Ort gemeinsam zu entwickeln, braucht es entsprechende Kommunikations- und Lernprozesse. Leitung initiiert, gestaltet und begleitet solche Prozesse. Auch und gerade innerhalb dieser Prozesse kann sich Reich Gottes realisieren. Theologisch lassen sich solche Prozesse als „Weg“ verstehen. Auf diesem Weg wird wie in der Apostelgeschichte gebetet und gefeiert, werden Gemeinden gegründet und wieder aufgelassen, engagieren sich ChristInnen in der Welt. Der Weg führt durch die konkrete Geschichte. Es gibt Irrwege, Abwege, Umwege – und in jedem Fall begegnet man unterwegs anderen Menschen. Sind Prozesse innerhalb der Kirche, an denen sich nur die Zugehörigen beteiligen, daher nicht eine Verzerrung des christlichen Weges? Müssen die „Anderen“ der Kirche nicht notwendig Teil jedes kirchlichen (Reform)Prozesses sein? Die Reich-Gottes-Vision bezieht sich ja auf die Menschheit, die Kirche ist „nur“ Zeichen und Werkzeug auf dem Weg dorthin (LG 1).

Leitung begleitet den Weg der Gläubigen inmitten der Geschichte. Der gemeinsamen Identifikation der „Zeichen der Zeit“ kommt dabei eine besondere Relevanz zu: sie lassen jene konkreten Aufgaben erkennen, die Gott der Kirche stellt. Dies geschieht gemeinsam mit jenen, die auf diesem Weg unterwegs sind und mit jenen, denen man unterwegs begegnet (vgl. Ruggieri, 61–70). Benötigt dafür nicht jede Leitungsperson in der Kirche Erfahrungen mit der Welt jenseits der Kirche? (vgl. dazu GS 44). Unternehmen achten heute bei Bewerbern darauf, ob sie Erfahrungen nachweisen können, die nichts mit Ausbildung und Geldverdienen zu tun haben.

MITTEL UND INSTRUMENTE: FÖRDERN SIE BEZIEHUNG UND KOMMUNIKATION, PARTIZIPATION UND LERNPROZESSE?

Einige Fragen, die helfen können, die Qualität der eingesetzten Leitungs-Tools theologisch zu reflektieren:

Fördern Leitungs-Tools Beziehungen zwischen Menschen: innerhalb der Kirche, innerhalb und außerhalb der Kirche, zwischen Menschen und Gott? Bürokratie – die jede Organisation immer auch braucht – lässt leicht die Menschen vergessen. Erleichtert und fördert sie Beziehungen?

Fördern Leitungs-Tools Kommunikation und Partizipation? Können Menschen bei Strukturreformen ihre Visionen und Ideen, ihre Erfahrungen und Begabungen, Fragen und Sorgen einbringen? Besonderes Augenmerk gilt jenen, die in Gesellschaft und Kirche oft unsichtbar und ungehört bleiben: den Kindern und Jugendlichen, den Migranten und Marginalisierten, den Armen und Kranken. Freilich: Partizipation fördert Konflikte und Widerstand. Eine der wichtigsten Leitungskompetenzen ist daher der Umgang mit Pluralität und Differenz.

Setzen Leitungs-Tools Lernprozesse in Gang? Einer Kirche, die sich auf dem Weg befindet („Pilgerin“), entspricht das Selbstverständnis einer Lerngemeinschaft, die sich persönlicher und struktureller, gedanklicher und emotionaler Veränderung durch (Differenz)Erfahrung aussetzt. Spannend sind daher all jene Instrumente, die Zeiten und Räume eröffnen, glauben und leben zu lernen. Hier wäre auch die theologische Kompetenz von Leitungspersonen gefragt: Theologie kann helfen, den inneren Sinn der Praxiserfahrungen aus der Sicht des Glaubens zu erfragen.

BERUFUNG

Leitung ist aus theologischer Sicht nicht nur auf Leitungspersonen von Amts wegen beschränkt. Leitung ist eine geistliche Berufung, die sich an alle richtet. Als Verheißung und Zusage des Reiches Gottes ist sie von Gott allen anvertraut. So ist vor jeder Leitungskompetenz zuerst die Frage nach der speziellen Leitungsberufung zu stellen (vgl. Jacobs, 549–559): anhand der je persönlichen Begabungen, Aufgaben, biographischen Erfahrungen lässt sich fragen: worin besteht mein Leitungsauftrag für die Kirche?

Lumen Gentium denkt ganz in dieser Spur, wenn von der Teilhabe aller Getauften an den drei Ämtern Christi – König (leiten), Priester (heiligen) und Prophet (lehren) – oder am Hirtenamt der Kirche die Rede ist (vgl. z.B. LG 10–12; 34–36). Bereits der Aufbau der Konstitution zeigt diese Sicht: zuerst ist von Wesen und Auftrag der Kirche die Rede, sodann vom handelnden Subjekt, dem Volk Gottes. Erst danach wird von der speziellen Berufung zum Bischofsamt geschrieben. Der Gedanke der Teilhabe prägt das konziliare Leitungsverständnis. „Die geweihten Hirten [...] wissen ja, dass sie von Christus nicht bestellt sind, um die ganze Heilsmission der Kirche an der Welt allein auf sich zu nehmen, sondern dass es ihre vornehmliche Aufgabe ist, die Gläubigen so als Hirten zu führen und ihre Dienstleistungen und Charismen so zu prüfen, dass alle in ihrer Weise zum gemeinsamen Werk einmütig zusammenarbeiten“ (LG 30).

Leitung betreibt also Empowerment und Capacity-Building. Sie soll die Gaben und Aufgaben der Gläubigen entdecken und fördern. Diese dienen der gemeinsamen Arbeit an einem Werk. LG nennt auch die Spannung zwischen individueller Förderung und Gemeinwohlorientierung. Leitung in der Kirche muss demnach differenzsensibel, pluralitätsgerecht und gemeinwohlorientiert handeln. Nach Heribert Hallermann findet sich ein solch modernes Leitungsmodell auch im Kirchenrecht (Hallermann 2014). Alle Gläubigen haben Anteil am Leitungsamt der Kirche kraft ihrer Taufe. Leitung dient dem Aufbau, der Stärkung und der Bewahrung der kirchlichen communio, damit diese ihre Sendung verwirklichen kann.

KAIROS ERKENNEN

Eines der „Zeichen der Zeit“ ist das Ende der konstantinischen Kirchengestalt. Nicht nur Organisations- und Sozialformen gehen zu Ende; der Glaube selbst befindet sich in einem gravierenden Transformationsprozess – außerhalb und innerhalb der Kirche. Darüber wird freilich noch vielfach geschwiegen, zu heftig und irritierend sind die damit verbundenen Fragen und notwendigen Denkanstrengungen.

Organisationstheoretisch nennt man einen solchen Prozess einen „Wandel zweiter Ordnung“: es ändern sich nicht nur die Bedingungen des Rahmens, in dem Veränderung stattfindet; es ändert sich der Rahmen selbst – noch zugespitzter: ein neuer Rahmen wird erforderlich. Die Kirche befindet sich also nicht bloß in einem Prozess des Downsizings, in dem sie Altbewährtes anpassen muss. Gefragt ist, organisationstheoretisch, ein substantieller „Change“; theologisch eine Metanoia, eine Umkehr. Dieser Change betrifft den Glauben selbst: was bedeutet Glauben im 21. Jahrhundert? Wie ist er zu lernen, zu denken, zu leben? Die wichtigste Aufgabe von Leitung in der Kirche besteht daher vielleicht wohl darin, die Notwendigkeit zu dieser Metanoia wahrzunehmen und den Wandel zweiter Ordnung anzudenken und zu riskieren.

Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? (Jes 43,19)

Regina Polak

geb. 1967, Dr. theol., Mag. phil., Mag. theol., MAS (Master of Advanced Studies; Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess), seit 2013 Associate Professor am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.

LITERATUR

Aigner, Anton, Die Kunst des Leitens. Erfahrungen – Einsichten – Hinweise (= Ignatianische Impulse Nr. 48), Würzburg 2011.

Eigenmann, Urs, Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde. Die andere Vision vom Leben, Luzern 1998.

Hallermann, Heribert, Mehr als Strukturen. Chancen für Vielfalt und Kooperation. Beitrag im Rahmen der Tagung „Lebendige Kirche in neuen Strukturen. Herausforderungen und Chancen“, Schloss Hirschberg am 30. September 2013 (erscheint 2014).

Jacobs, Christoph, Moses: Führen als Berufung. Skizzen zu einer Führungsspiritualität, in: Meier, Uto / Sill, Bernhard (Hg.), Führung. Macht. Sinn. Ethos und Ethik für Entscheider in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche, Regensburg 2010.

Kiechle, Stefan, Macht ausüben (= Ignatianische Impulse Nr. 13), Würzburg 2010.

Krobath, Thomas / Heller, Andreas (Hg.), Ethik organisieren. Handbuch der Organisationsethik, Freiburg i.Br. 2010.

Lohfink, Norbert, Das Königtum Gottes und die politische Macht, in: ders., Das Jüdische am Christentum. Die verlorene Dimension, Freiburg i.B. 1987.

Meier, Uto / Sill, Bernhard (Hg.), Führung. Macht. Sinn. Ethos und Ethik für Entscheider in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche, Regensburg 2010.

Polak, Regina / Jäggle, Martin, Diversität und Convivenz: Miteinander Lebensräume gestalten – Miteinander Lernprozesse in Gang setzen, in: Schinkele, Brigitte u.a. (Hg.), Recht. Religion. Kultur. Festschrift für Richard Potz zum 70. Geburtstag, Wien 2014.

Ruggieri, Guiseppe, Zeichen der Zeit. Herkunft und Bedeutung einer christlich-hermeneutischen Chiffre der Geschichte, in: Hünermann, Peter (Hg.), Das Zweite Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit, Freiburg i.Br. 2006.

Tillich, Paul, Liebe Macht Gerechtigkeit, Berlin 1991 [1954].

Vanoni, Gottfried / Heininger, Bernhard, Das Reich Gottes. Perspektiven des Alten und Neuen Testaments. Die neue Echter Bibel – Themen. Band 4, Würzburg 2002.

Zulehner, Paul M. / Rossberg, Eckehard / Hennersperger, Anna, Mit Freuden ernten. Biblisches Saatgut für Zeiten und Prozesse des Übergangs, Ostfildern 2013.

Interaktive Wertschätzung – Kirche innovationsgerichtet führen

Nicht nur führungstheoretische Forschung, Organisationstheorie und Wirtschaftspsychologie liefern wichtige Anhaltspunkte für kirchliche Führungskultur. Das betriebs- und ingenieurwissenschaftliche Technologiemanagement wartet mit starken Impulsen auf und bietet vorteilhafte, überraschend präzise Werkzeuge, um einen Stil „dienender Führung“ als Vollzugsgestalt kirchlichen Innovationsmanagements zu erschließen. Florian Sobetzko

Beginnen wir in ungewohnter Sprache. Beginnen wir mit dem, was Nachwuchsführungskräfte des Technologie- und Innovationsmanagements (TIM) als Lösungsraumerweiterung lernen, um komplexe Probleme durch eine sogenannte „erweiterte Löserbasis“ bearbeiten zu lassen, die online per „Broadcast Search“ (Offener Aufruf zur Mitarbeit) veröffentlicht und von einer möglicherweise breiten Masse auch unbekannter „Solver“ (Problemlöser) mit Ideen traktiert werden sollen. Wie bitte?

Der Lösungsraum (Gesamtheit möglicher Lösungen) wird erweitert, wo organisationsexterne Experten in Innovationsprozesse integriert werden. Sie liefern möglicherweise völlig neue Ideen, an die intern niemand gedacht hätte. Wenn etwa ein Flugzeugbauer auf der Suche nach schonenden Entfärbungsverfahren für sensible Flugzeugaußenwände nicht nur die eigenen Ingenieure konsultiert, sondern auch Lösungsvorschläge von Restaurateuren kunsthistorisch wertvoller Bilderrahmen studiert. Er verbreitert auf diese Weise seine „Problemlöserbasis“ – traditionelle Organisationsgrenzen werden verflüssigt.

KIRCHLICH UNGEWOHNT: GEHEIMES WISSEN HERAUSRÜCKEN

Das ist nicht nur kirchlich ungewohnt, man spricht auch im TIM vom „not-invented-here“-Syndrom. Damit ist gemeint, dass externe Ideen in Unternehmen oft nachrangig behandelt werden: „Nicht bei uns erfunden – lässt sich schlecht integrieren – ist nicht von uns – müssen wir Lizenzgebühren für zahlen – passt hier nicht.“ Führung in innovationsgetriebenen Unternehmen basiert aber auf der Einsicht, dass wichtige Produkt- und Prozessinnovationen von außen kommen können – auch von anonymen Partnern (siehe etwa innocentive.com). Firmen rücken dafür sogar bislang geheimes Wissen heraus und transferieren relevante Werkzeuge in externe Domänen, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Damit andere mir kreativ beim Kochen helfen können, brauchen sie Zugang zu meinen Töpfen. Interaktive Wertschöpfung (IW) nennt man das, und es reicht erheblich weiter als das selbständige Ausdrucken von Kontoauszügen am Bankautomaten. Zwei wesentliche Ausprägungen sind zu unterscheiden: Open Innovation und Mass Customization.

NICHT GANZ SO UNGEWOHNT: UNZUFRIEDENE KUNDEN

Open Innovation beschreibt die Vergabe einer Aufgabe an ein undefiniertes, großes Netzwerk von externen Akteuren (vgl. Reichwald/Piller 2009, 51). Typisch hierfür ist etwa ein Ideenwettbewerb. IW verfolgt dabei regelmäßig auch sogenannte Lead-User-Strategien der Kundeninnovation. Hierbei werden vor allem unzufriedene, lösungskreative NutzerInnen identifiziert, weil deren Unzufriedenheit oft Wege freiräumt für neue, überraschende Lösungen. Ein bekanntes Beispiel für eine derartige Kundeninnovation ist die Erfindung des Rollkoffers durch einen schleppfaulen amerikanischen Piloten in den 1980er Jahren.

Weniger auf das externe Lösungs- als vielmehr auf das Bedürfniswissen richtet sich IW als Mass Customization (kundenindividuelle Massenfertigung). Traditionell bewegt sich unternehmerisches Handeln zwischen einerseits Preisstrategien durch skalierbare Massenfertigung und andererseits Differenzierungsstrategien durch kundenindividuelle Maßanfertigung bzw. Dienstleistung. Die kundenindividuelle Massenfertigung ist eine Hybridstrategie: Skalierungsund Differenzierungsvorteile werden verheiratet, wo Kunden z.B. per „Konfigurator“ im Netz ihr Wunschauto oder ihren perfekten Schuh konfigurieren und gar abonnieren, nachdem ihr Fuß im Laden vermessen wurde. Der Lösungsraum (die Zahl der Farben, Ausstattungs- und Erweiterungsmerkmale) ist hier erweitert, aber begrenzt. Statt per Marktforschung immer besser zu erraten, welchen Schuh der Käufer morgen möchte, lässt der Hersteller ihn sein Bedürfniswissen aktiv einbringen und lernt zugleich viel für die nächsten Serienmodelle.

In der Aufsicht begegnet solch ein Unternehmen der Bedürfnisvielfalt auf Kundenseite nicht nur nicht bewertend („Relativismus, Individualismus, Konsumismus“), sondern mit merkantiler Kreativität. Es nutzt Kommunikationstechnologien zur intelligenten Nutzung externen Bedürfniswissens.

INNOVATION ALS NORMALFALL VON KIRCHE

Die kirchliche Startposition für interaktive Wertschöpfung erscheint eigentlich optimal, denn das Konzept aktiviert theologisch alle Register: man lese Propheten und Ordensgründer nur einmal als unzufriedene Nutzer (Lead User) und pastorale Innovateure, interpretiere Jesu Zusammenarbeit mit Zöllnern, Sündern, Prostituierten und Kranken oder auch die apostolische Heidenmission als Verbreiterung der Löserbasis. Man lese can. 212–214 CIC als Aufruf zur Aktivierung externer Expertise und entwickle ein interaktionales Kirchenbild entlang des Glaubenssinnes des Volkes (LG 12), des gemeinsamen Priestertums (LG 10) und der Adaptionslogiken von GS 44, wo Kirche als Co-Kreation aufscheint, zu deren Kennzeichen Löserbasiserweiterungen in der Verkündigung (AA 1) oder aber der Liturgie (SC 14) stilbildend gehören.

UND INNOVATIONSMANAGEMENT?

Kirche vollzieht sich, „indem sie sich selbst unter der Führung des Heiligen Geistes unaufhörlich erneuert und läutert“ (GS 21), Innovation (Erneuerung) und Exnovation (Läuterung) sind nachgerade dogmatischer Normalfall von Kirche. Eine Binsenweisheit des Innovationsmanagements scheint hier provokant auf: unternehmerische Produktzyklen beinhalten nicht nur die Ankündigung von Neuheiten, sondern auch die Abkündigung (Exnovation) stagnierender Leistungserbringung. Der Maschinenbauer weiß: wenn ich die alte R1600 nicht abkündige, werden die Kunden die neue R12 nicht kaufen, auch wenn sie mehr kann. Denn die Kunden denken: bei der R1600 weiß man, was man hat. Die können wir selber reparieren, wir kennen ihre Macken, die reicht uns. Doch von vorne: was hat das Technologiemanagement mit den Herausforderungslagen kirchlicher Führung zu tun?

GESUCHT: KIRCHLICHE FÜHRUNGSKRAFT

Die aktuellen Handlungsforderungen an kirchliche Entscheider sind signifikant. Der Erfolg unzähliger auf Führungsthemen fokussierter Lern- und Beratungsangebote ist ein Indikator dafür. Ebenso erwähnenswert sind aber auch Gründungen wie das Bochumer Zentrum für angewandte Pastoralforschung (www.zap-bochum.de) mit seinem pragmatischen Anspruch, nicht nur Diagnosen, sondern demnächst auch Lösungsvektoren zur Bearbeitung pastoraler Komplexität zu liefern. Es gibt den Bedarf von Führungsverantwortlichen und Gremien aus allen Etagen der deutschsprachigen Kirche, in der zur Zeit Umbrüche zu beobachten sind, die vor kurzem noch undenkbar schienen – die Projekte des ZAP markieren sämtlich führungsrelevante Themen als Joint Ventures zwischen Bistumsleitungen und Ruhr-Universität.

KONTROLLE ABGEBEN, FÜHRUNG WAHREN

Im Kontext freiheitlicher Selbstbestimmung kann jeder herrschaftlich prädizierte Leitungsanspruch nur floppen. Gesellschaftlich honoriert werden Kulturanbieter, die sich dem Co-Design verschrieben haben und ihre Kunden bzw. Mitglieder nicht als reine Leistungsempfänger betrachten. Benutzergenerierter Inhalt tritt im Web 2.0 wie im physischen Leben an die Stelle interner Expertise. Die Crowd (die Menge) wird nicht mehr nur für den Chorschluss gebraucht („So etwas haben wir noch nie gesehen“, Mk 2,12), sie wird selbst zum Co-Autor. Organisationale Interaktionskompetenz ist dafür gefragt: die Fähigkeit, externes Bedürfnis- und Lösungswissen zu absorbieren. Der betriebswirtschaftliche Diskurs arbeitet heraus, dass es zum Überlebenskriterium wird, ob Organisationen im Gestaltungswillen ihrer Kunden bzw. Mitglieder Bedrohung oder Chance erkennen – und eben im Paradigma der Offenheit oder der Geschlossenheit agieren.

KIRCHENFÜHRUNG: PASTORALPRODUKTIV ODER KUNSTHISTORISCH?

Auch wenn die Kirchen in Deutschland eben noch fulminante Steuereinnahmen verzeichneten: Demographie und Abwesenheit von Interesse seitens überwältigender Mehrheiten der Kirchensteuerzahler lassen erahnen, dass kirchliche Führung bald zur Suchaufgabe werden könnte – nach Geführten. Gemeindefusionen erzeugen dabei schlimmstenfalls quantitative Kontinuitätsfiktionen („die Kirche ist voll“) auf Leitungsebene, Pfarrer und Bistumsleitungen sind versucht, sich eine Personalgemeinde zu konfigurieren – aus kirchlichem Personal.

Dies führt SeelsorgerInnen in eine kognitive Dissonanz, wo sie für stagnierende familiaristische Gemeindekonzepte dienstverpflichtet immer mehr Energie aufwenden müssen, um zu verdrängen, dass sich das auch finanziell einfach nicht rechnen kann. Ist meine Arbeit das Geld wert, das sie kostet? PastoralassistentInnen wie SeelsorgeamtsleiterInnen fragen sich: machen wir noch ein paar Jahre so weiter und dann das Licht aus, oder schaffen wir es, unserem Führungsauftrag nachzukommen?

Alle Beteiligten teilen die Intuition, dass von der Führungsfrage die Zukunft der institutionellen Kirche abhängt: wie gelingt organisiertes Christsein zwischen Tradition, Transformation und Innovation, wenn nicht durch effektive Führung? Und wie sieht diese aus, wenn sie sowohl Sachstand der führungstheoretischen Forschung als auch kirchliche Expertise in Theologie und pastoraler Praxis produktiv kombinieren und synthetisieren soll?

FÜHRUNGSTHEORETISCHE ANHALTSPUNKTE

Die führungstheoretische Forschung, schon früh erahnbar in Plutarchs Parallelbiographien, hat ein breites interdisziplinäres Fundament vor allem in den zurückliegenden einhundert Jahren entwickelt und präsentiert Führung als komplexen Gegenstand: sie ist „ein soziales Phänomen, das nicht ‚da draußen’ unabhängig existiert und auf seine vollständige Entdeckung wartet, sondern fortwährend, den sich ändernden Umständen folgend, neu geschaffen wird“ (Neuberger 2002, 6). Gute Führung ist also in diesem Sinne kulturbedürftig wie gute Verkündigung im Sinne von GS 44. Wie sehen aktuell relevante Linien aus?

TRANSFORMATIONALE FÜHRUNG: DAS „LEADERSHIP-DING“

Es ist James McGregor Burns, der in den ausgehenden 1970ern in Politik und Ökonomie das Konzept der „transaktionalen Führung“ diagnostiziert und durch die Idee der „transformationalen Führung“ erweitert (Burns 1978). Transaktional ist Führung, insofern es zu einem Austausch von Leistungen kommt. Zielvereinbarungen, Aufgaben, Delegationen von Verantwortung, Leistungskontrolle, Belohnung, negative Belohnung, Anreizsysteme prägen diesen Führungsstil. Als er dies neocharismatisch fortschreibt zur transformationalen Führung, die den Geführten Sinn und Zweck der organisationalen Zielsetzungen durch mitreißendes und motivierendes Leitungsverhalten verinnerlichen will, lenkt er den Fokus nachhaltig auf Führung als Beziehungsphänomen und bereitet der bald um sich greifenden Unterscheidung zwischen Manager und Leader den Boden: der eine ist eher Verwalter, der andere eher Visionär und Inspirator (vgl. etwa Zaleznik 1977; Kotter 1990). Kirchlich ist das relevant, weil etwa eine ländervergleichende Analyse hervorbringt, dass die zuletzt immer interessierter beobachtete Pastoral des US-amerikanischen Kulturraums stark von diesem Denken durchzogen ist: „Könnte es sein, dass wir Amerikaner sehr fixiert sind auf die Rekrutierung ehrenamtlicher Leader, während Ihr Deutschen eher auf der Suche nach Followern seid?“, fragt der amerikanische Pfarrer mich während meiner Exposure-Erfahrung in der Ortskirche von Chicago. Und die Willow Creek Megachurch, zu deren deutschem Leitungskongress mittlerweile tausende Protestanten und Katholiken strömen, atmet Transformation: „Lead where you are“ (Führe, wo du bist) heißt das Credo. Führen heißt hier: sich durch Gottes Führung verwandeln (transformieren) lassen, um dann Welt zu verwandeln. Das ist interessant für eine Kirche, der die Führungskräfte abhanden kommen. Lässt sich hier lernen, Menschen zu gewinnen, die auf Sendung gehen und nicht nur zuhören möchten?

FÜHRUNG UNTER MANIPULATIONSVERDACHT

Der bis in die Weber’schen Einsichten zu Amt, Herrschaft und Charisma zurückreichende Führungstrend weckt im hiesigen Denken und Fühlen Widerstände: er erinnert zu sehr an die unheiligen Führer des 20. Jahrhunderts. Die Idee, die Werte und Einstellungen von Mitarbeitern zu beeinflussen, um statt einer transaktional extrinsischen nunmehr eine transformational intrinsische Motivation zu erzeugen, lässt Manipulationsverdachte einrasten. Es überrascht nicht, wenn der Leadershipgedanke hier lange hinter systemischen und elaboriert transaktionalen Konzepten zurückstand.

In seiner bemerkenswerten Ekklesiologie illustriert nun Michael Böhnke, anknüpfend an die führungstheoretische Studie von Wolfgang Pax, wie transformationale Führung in der neueren Wirtschaftspsychologie wie in biblisch-urkirchlicher Perspektive produktiv durch einen sozial ausgerichteten, situativen Charismenbegriff erschlossen wird (Böhnke 2013, 240ff.). Charisma ist hier nicht genialisches Persönlichkeitsmerkmal, sondern kontext- und kommunikationsbezogen. Dies deckt sich auch mit dem soziologischen Befund der imposant skalierten GLOBE Study (House 2004), die für das interkulturelle Management erschließt, wie divers sich „Leadership“ in den Kultur- und Sprachräumen skizziert. Wie könnte eine katholisch kompatible Enkulturationsform für unseren Sprachraum aussehen?

DIENENDE FÜHRUNG – LEADING LIKE JESUS?

Die Konzeption der „dienenden Führung“ bzw. „Servant Leadership“ (Greenleaf 1970) weckt Interesse, insofern sie als Variante der transformationalen Führung enorme Passung sowohl in kirchlichen Kontexten wie in unternehmerischen Umgebungen verspricht, denen sie eigentlich entstammt. Der im deutschen Sprachraum erstaunlich unbeachtete Ansatz hat in den USA sowohl aufgrund seiner Semantik als auch aufgrund zahlreicher typisch amerikanischer Erfolgsgeschichten wachsende Rezeption in kirchlichen Kontexten gefunden. Zugleich trifft man neuerdings deutsche KCG-Forscher (Kleine Christliche Gemeinschaften) bei Servant-Leadership-Kursen auf den Philippinen. Worum geht es dabei?

Die dienende Führungskraft führt vor allem transformational, richtet aber den Fokus nicht auf die Ziele der Organisation, sondern auf Bedürfnisse und Charismen der Geführten. Durch vorbildhaft dienendes Verhalten will sie zur Nachahmung anstiften und damit erzeugen, was die Arbeits- und Organisationspsychologie „Organizational Citizenship Behaviour“ (OCB) nennt: Helfen, Initiieren, Beifall geben, Wirtschaften, Partizipation, Teilhabe, Selbst-Entwicklung.

Kirchliche Führung muss dazu, wie alle Verkündigung, „sowohl dem Verständnis aller als auch berechtigten Ansprüchen der Gebildeten angemessen“ (GS 44) sein und sich produktiv enkulturieren lassen. Ihre Plausibilität erschließt sich optimalerweise dem Messdienergruppenleiter so leicht wie dem Pfarrer, dem Schulleiter wie dem Schüler, dem Bischofskaplan wie dem Heiligen Vater. Es darf nicht vieler Prämissen bedürfen, damit katholische und städtische SchulleiterInnen, Seelsorgeamts- und OrdnungsamtsleiterInnen sich auf Augenhöhe über gute Führung austauschen können.

Eine kirchliche Führungskonzeption wird nicht historisierend antike Führungsvorbilder adaptieren können, dringlicher noch: sich zu hüten haben vor der Taufe nur phänotypisch biblisch fundierten Führungsverhaltens. Die Euphorie mancher Ratgeberliteratur lässt vermuten, man könnte tatsächlich führen wie der Heiland. Aber auch mit größerer Nüchternheit dockt Servant Leadership offenbar produktiv an biblischem Dienstverständnis an.

Vor dem Hintergrund der Herausforderungslage muss eine kirchliche Führungskultur sich überdies daran messen lassen, inwieweit sie auch Führungskräfte oder nur Follower anzieht. Das fordert heraus, insofern es in der Frage aufgipfelt, wer nach uns führen wird.

DIENENDE FÜHRUNG ALS „INTERAKTIVE WERTSCHÄTZUNG“

Doch das Konzept verspricht mehr: ich schlage vor, es im Sinne einer „interaktiven Wertschätzung“ produktiv in den Horizont des Innovationsmanagements hinein zu entfalten: wo Unternehmen die Expertise vormaliger Nur-Leistungsempfänger in die Wertschöpfungskette integrieren und aus dem Modus der Publikation in den Modus der Interaktion wechseln, ist kirchliches Führen mit andienendem Lächeln herausgefordert, aus den Angebots- und Versorgungslogiken der Hintergrunderfüllung zum subsidiären Dienst-Leister kokreativer Kirchenentwicklung zu werden. Kirche dienend führen heißt dann: eine organisationsvertikal stringente Kultur der Fach- und Führungskräfteentwicklung zu etablieren, in Haupt- und Ehrenamt. Von professionell innovierenden Unternehmen lernt sie dabei, dass jahrzehntelang gleichbesetzte Leitungspositionen aller Ebenen auf junge Talente extrem abschreckend wirken: wer möchte nach seinem Studium 30 Jahre auf die erste Führungsverantwortung warten? Oder umgekehrt: was passiert in Organisationen, in denen vorwiegend Mitarbeiter mit dieser Bereitschaft anzutreffen sind? Führung als Interaktive Wertschätzung wird diese Samuel-Effekte (1Sam 3) nicht nur zum Gegenstand geistlicher Einkehrtage machen, sondern präzisionsscharfe Werkzeuge entwickeln wollen, Bedürfnis- und Lösungsexpertise nicht abperlen zu lassen.

Dienende Führung im Sinne interaktiver Wertschätzung bedeutet auch, dass die für kundenindividuelle Dienstleistung bedeutsamen Prozesse durch konsequente Nutzung von Kommunikationstechnologien erlernt werden. Praktisch wird das zum Beispiel dort, wo Diözesen, Pfarreien, Einrichtungen es meistern, mit bei Dienstleistern oder etwa auch bei missio üblichen CRM-Systemen (technisch gestütztes Kundenbeziehungsmanagement) zu arbeiten, die echte Kunden- oder Mitgliederorientierung in Großpfarreien ohne Überanstrengung erst ermöglichen.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
158 s. 14 illüstrasyon
ISBN:
9783429061753
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Bookwire
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