Kitabı oku: «Kriegsausbruch 1914»
Kriegsausbruch 1914
Der Weg in die Katastrophe
Herausgeber: Michael Schaper GEOEPOCHE Das Magazin für Geschichte Gruner + Jahr AG & Co KG, Druck- und Verlagshaus, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg www.geo-epoche.de Titelbild: dpa picture-alliance
Liebe Leserin, lieber Leser,
Am 28. Juni 1914, gegen 11.00 Uhr morgens, steigen in Sarajevo der österreichische Kronprinz Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie in ein schwarzes Cabriolet. Mit hoher Geschwindigkeit fährt der Chauffeur das Thronfolgerpaar durch die bosnische Stadt. Am Morgen hat es bereits einen Attentatsversuch auf den Erzherzog gegeben, ein weiterer wird befürchtet. Und der Anschlag kommt: Unter den Schaulustigen am Straßenrand wartet ein serbischer Nationalist, zweimal feuert der Terrorist auf den Wagen.
Die tödlichen Kugeln löschen das Leben Franz Ferdinands und seiner Frau aus. Doch darüber hinaus entfesseln sie eine Katastrophe, die mehr als 15 Millionen Opfer fordern wird: den Ersten Weltkrieg.
Denn die Schüsse von Sarajevo setzen einen Mechanismus in Gang, der die europäischen Großmächte in den blutigsten Konflikt stürzt, den die Menschheit bis dahin erlebt hat. Einen Krieg mit unabsehbaren Folgen, an dessen Ende drei Kaiserreiche vernichtet und die Weltwirtschaft zerrüttet sein werden und der in den Unterlegenen den unbedingten Willen zur Revanche hinterlässt – auch deshalb nennen ihn Historiker die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“.
Zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs 2014 hat die GEOEPOCHE-Redaktion dieses eBook zusammengestellt. Es enthält neben einer minutiösen Rekonstruktion des Attentats von Sarajevo und der unheilvollen Wochen bis zum Kriegsausbruch ein Interview mit Professor Christopher Clark von der Cambridge University, einem der renommiertesten Experten für die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Zu diesem Buch gehört darüber hinaus auch eine detaillierte Zeittafel des Jahres 1914 – jenes Schicksalsjahrs, das die Welt verändern sollte.
Michael Schaper Chefredakteur GEOEPOCHE
Inhalt
Kriegsausbruch
Zwei Schüsse, die die Welt verändern
Von Cay Rademacher
Die Schuldfrage
„Die Eliten haben versagt“
Interview mit Christopher Clark
Zeitleiste
Das Ende des alten Europa
Von Olaf Mischer
Kriegsausbruch
Zwei Schüsse, die die Welt verändern
Am 28. Juni 1914 tötet im bosnischen Sarajevo ein serbischer Nationalist den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau. Der Doppelmord schürt nicht nur den Konflikt zwischen Wien und Belgrad, sondern wird zum Zündfunken einer Krise, in der kaum noch jemand ernsthaft den Frieden verteidigt: Von Eigeninteressen getrieben, dilettantisch agierend und blind für die Folgen ihres Handelns, setzen Diplomaten und Militärs binnen weniger Wochen den Kontinent in Brand
Von Cay Rademacher
Viele Schurken der Geschichte sind oft bloß Akteure eines Dramas, dessen Zusammenhänge sie nicht kennen. Die Geschichte, wie Europa in den Ersten Weltkrieg taumelt, ist der Archetyp einer solchen Tragödie mit Versagern, Bösewichten – und keinem einzigen Helden.
Seit fast 100 Jahren bemühen sich Historiker, den Hauptverantwortlichen für die Eskalation der damaligen Ereignisse zu benennen, und finden ihn mal in Berlin oder Wien, in Paris oder Sankt Petersburg. Doch manche Regierungsdokumente sind verschollen, und Wissenschaftler können bloß spekulieren, warum das so ist. Was an Akten noch existiert, wurde meist längst ausgewertet. Längst auch sind alle Zeitzeugen verstorben.
Obwohl also schon lange kaum mehr neue Fakten auftauchen, bleibt die Interpretation der bekannten Informationen bis heute umstritten. Zu kompliziert war die diplomatische Situation 1914, zu verwirrend waren die Motive der Akteure.
Sicher ist nur, dass das millionenfache Sterben mit einem Doppelmord begann.
Sonntag, 28. Juni 1914, Sarajevo. Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger Österreich-Ungarns, sitzt gegen 11.00 Uhr neben seiner Frau Sophie in einem Cabriolet. Das Auto ist das dritte einer Kolonne, die den Habsburger durch die Balkanstadt geleitet, auf dem Weg vom Rathaus zum Garnisonskrankenhaus.
Sarajevo gehört, wie ganz Bosnien und die Herzegowina, seit 1908 zur Doppelmonarchie. Ein Dutzend Völker sind dem Kaiser in Wien untertan, und die meisten sind es nicht gern. Vor allem die Serben, die in Bosnien fast die Hälfte der Bevölkerung stellen, würden lieber zum östlich der Drina liegenden unabhängigen Königreich Serbien gehören.
Franz Ferdinand hat allen Grund, sich zu fürchten: Bereits am Morgen dieses Tages, kurz nach 10.00 Uhr, haben Serben auf dem Hinweg zum Rathaus ein Bombenattentat auf ihn verübt, das er bis auf eine kleine Schramme unverletzt überstanden hat. Täter waren Extremisten, die in Serbiens Hauptstadt Belgrad in Kontakt mit Geheimorganisationen standen, dort ausgebildet, mit Waffen versehen und über die Grenze geschmuggelt worden sind. Ein Attentäter ist sofort nach dem gescheiterten Anschlag verhaftet worden. Aber wer kann sagen, ob nicht noch weitere lauern?
Also steuert der Chauffeur das Cabriolet nun mit hoher Geschwindigkeit. Doch den Fahrern der Eskorte unterläuft ein grotesker Fehler: Anstatt auf der Hauptstraße zu bleiben, wie nach dem ersten Zwischenfall besprochen, folgen die Wagen der ursprünglich geplanten Route und biegen in die falsche Straße ein. Noch in der Kurve stoppt der Fahrer des Thronfolgers den Wagen vor etlichen Schaulustigen, um den Rückwärtsgang einzulegen.
In der Menge hält sich der 19 Jahre alte bosnisch-serbische Student Gavrilo Princip verborgen, der zur serbischen Terrorgruppe gehört. Durch den Fehler des Chauffeurs kommt der Wagen des Erzherzogs nur zweieinhalb Meter vor dem Bewaffneten zum Stehen.
Zwei Schüsse feuert Princip aus seiner Browning ab. Mit zwei Kugeln löscht er die Leben von Franz Ferdinand und seiner Frau aus. Und verändert den Lauf des 20. Jahrhunderts.
Wien, wenige Stunden später: Nachrichten verbreiten sich im gemächlichen Takt um die Welt. Nur einige hochgestellte Persönlichkeiten verfügen bereits über ein Telefon. Das gängige Medium ist jedoch nach wie vor der Telegraph. Viele Telegramme von Diplomaten und Militärs sind verschlüsselt und müssen zunächst dechiffriert werden. Und so frisst sich die Neuigkeit von der Ermordung des Thronfolgers erst am frühen Nachmittag dieses Sommersonntags durch die Hauptstadt des Habsburgerreiches – bis von der Regierung Plakate angeschlagen werden mit der Nachricht vom Attentat.
Für einen Moment hält das Leben inne, dann aber setzt im Prater die Musik wieder ein. Trauer ist fast nirgendwo zu beobachten, Sorge vor dem Kommenden erst recht nicht.
Auch der betagte Kaiser Franz Joseph, seit 66 Jahren auf dem Thron, reagiert eher kaltherzig, als ihm sein Adjutant in der Sommerfrische Bad Ischl die Todesnachricht überreicht. Er hat es Franz Ferdinand nie verziehen, dass der aus Liebe eine unpassende Frau geheiratet hat: Sophie ist zwar adelig, doch den stolzen Habsburgern nicht adelig genug. Nun murmelt der Kaiser bloß „Der Allmächtige lässt sich nicht herausfordern“ und verbietet, dass die Ermordeten in der Kapuzinergruft neben den anderen Habsburgern beerdigt werden.
Der deutsche Kaiser Wilhelm II. immerhin ist schockiert, als ein Admiral ihn während einer Regatta der Kieler Woche auf der Yacht Seiner Majestät informiert. Wilhelm schätzte den Erzherzog. Er bricht das Rennen ab und lässt sich nach Berlin bringen – dort aber ist er allein, denn der Kanzler weilt auf seinem Landsitz, der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ist auf Hochzeitsreise, und die Oberbefehlshaber von Heer und Flotte sind in Urlaub.
In Paris erfährt Präsident Raymond Poincaré nach dem dritten Pferderennen von Longchamp von dem Attentat. Er verlässt seine Loge nicht, sondern verfolgt lieber das vierte Rennen.
In Serbien wird an diesem Tag auf dem Amselfeld einer mittelalterlichen Schlacht gegen die Türken gedacht. Als die Todesnachricht die Runde macht, wird die Zeremonie zum Volksfest. Und der Botschafter von Serbiens Schutzmacht Russland hält es in Belgrad nicht für nötig, seine abendliche Bridgeparty abzusagen. Franz Ferdinand sei „krank durch und durch“ gewesen, soll er einem italienischen Diplomaten gesagt haben, sein Hinscheiden sei ein „Segen“.
Ein Mann hat in diesen Stunden die Verwirklichung seines Ziels vor Augen: Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf, der Generalstabschef der Armee Österreich-Ungarns. Conrad, hager, ehrgeizig, aggressiv, drängt schon seit Jahren darauf, die Interessen seines Staates in Südosteuropa mit Gewalt durchzusetzen. Auf dem Balkan müsse die serbische Frage „ein für alle Mal“ gelöst werden.
Der Generalstabschef ist mit Franz Ferdinand in Bosnien gewesen, doch früher mit dem Zug abgereist. Ihn erreicht die Todesbotschaft in Zagreb, schon kurz nach 12.00 Uhr. Er erfährt auch, dass der Mörder verhaftet worden ist, ein Bosnier serbischer Abstammung. Das ist „die Kriegserklärung Serbiens an Österreich-Ungarn“, erkennt Conrad sofort. Und das kann „nur mit Krieg erwidert werden“.
Krieg ist schon lange eine Option europäischer Politik. Denn fast alle Mächte fühlen sich bedroht:
• Österreich-Ungarn fürchtet die innere Auflösung, weil viele südosteuropäische Untertanen die Unabhängigkeit fordern oder sich den Balkanstaaten anschließen wollen. Dann aber würde die Großmacht zur unbedeutenden Nation absinken. Also wollen Männer wie Conrad um jeden Preis Wiens Einfluss zwischen Adria und Schwarzmeerküste stärken, um im Reich Ruhe zu erhalten.
• Serbien wird aus genau diesem Grund zum unversöhnlichen Gegner. Für das Königreich, das in zwei Kriegen zuvor Territorien hinzugewonnen hat, ist die Doppelmonarchie eine Besatzungsmacht, die sich in die Belange der slawischen Völker einmischt.
• Deutschland, Wiens wichtigster Verbündeter, hat zwar keine Interessen auf dem Balkan, ist aber seit 1871 zu einem Wirtschafts- und Militärkoloss herangewachsen, der zunehmend in Konkurrenz tritt zu den etablierten Mächten. Doch zugleich wirkt das Land seltsam orientierungslos: Mit Frankreich, das 1871 besiegt worden ist und dem die Region Elsass-Lothringen abgenommen wurde, hat es keinerlei Aussöhnung gegeben. Von Russland, einst Berlins wichtigstem Verbündeten, entfremdet sich das Reich seit rund 25 Jahren immer weiter. Und mit Großbritannien liefert es sich einen Rüstungswettlauf, in dem beide Mächte ihre Schlachtflotten zu ruinöser Größe aufblähen. Daher glaubt man sich in Berlin nun von einem „eisernen Ring“ erklärter Feinde umgeben – einem Ring allerdings, den die deutschen Diplomaten mit ihrer unzuverlässigen und aggressiven Politik selbst geschmiedet haben.
• Frankreich hat hingegen das klare außenpolitische Ziel, Deutschland in seine Schranken zu verweisen und möglichst Rache für 1871 zu nehmen. Dafür hat Paris ein enges Bündnis mit dem Zaren geschlossen. Deshalb sieht sich Berlin von West wie von Ost bedroht.
• Russland ist ebenfalls eine gedemütigte Macht: 1905 hat das Zarenreich einen Krieg gegen Japan verloren, zugleich erschütterte eine Revolution das Regime. Die Politiker in Sankt Petersburg sind Getriebene, denn ihr Riesenreich muss sich modernisieren. Dafür, so glauben sie, muss es mehr Waren aus- und einführen, und das geht ganzjährig nur mit eisfreien Häfen. Die liegen im Schwarzen Meer, doch um die Weltmärkte zu erreichen, müssen Schiffe die türkisch kontrollierten Meerengen passieren. Also ist Konstantinopel das Fernziel der russischen Kriegsplanungen: Die Hauptstadt des Osmanischen Reiches soll erobert werden, damit der Zar sich den Zugang zum Mittelmeer sichern kann. Außerdem wird jeder zum potenziellen Feind, der Russlands Zugriff auf den Balkan vereitelt – so wie Österreich-Ungarn, das dort ja eine eigene Politik verfolgt. Und so wie Deutschland, das Wiens stärkster Verbündeter ist.
• Großbritannien ist, hauptsächlich aus Furcht vor der militärischen und wirtschaftlichen Expansion Deutschlands, seit Jahren mit Frankreich verbündet und lose auch mit Russland. Allerdings hat sich in den Jahren vor 1914 das Verhältnis zu Berlin wieder verbessert. Niemand weiß, wie London in einem europäischen Konflikt reagieren würde.
• Italien ist mit Berlin wie Wien verbündet, erhebt aber Ansprüche auf dessen Gebiete Südtirol und Triest.
• Das Osmanische Reich wiederum hat sich deutsche Militärberater ins Land geholt und in London Schlachtschiffe bestellt, um seine Vorherrschaft an den türkischen Meerengen abzusichern.
Kurz: Europas Diplomaten haben ein hochkomplexes Netz von Bündnissen und Gegenbündnissen über den Kontinent gespannt. Die Militärs planen derweil schon den Krieg.
So hat Conrad eine Attacke gegen Serbien vorbereiten lassen, in Berlin ist ein „Präventivkrieg“ gegen Frankreich und Russland durchgespielt worden, in Paris existieren Angriffspläne gegen Deutschland, und in Sankt Petersburg ist man vorbereitet, Truppen gegen Ostpreußen, das von Wien beherrschte Galizien und Konstantinopel zu werfen.
Alle Nationen haben Mobilisierungspläne entwickelt. Das bedeutet, dass innerhalb weniger Tage Millionen Reservisten eingezogen, Eisenbahnen und Telegraphenlinien von Soldaten kontrolliert werden. Dass Schlachtschiffe auslaufen, Hafer für die Kavallerie gelagert, die Presse unter Zensur gestellt wird.
Alle europäischen Mächte sind im Frühjahr 1914 bereit, Krieg gegen ihre Nachbarn zu führen.
Es fehlt nur noch der Anlass.
Montag, 29. Juni, Wien. Das Wort „Krieg“ ist in aller Munde – auf der Straße und in der Staatsführung. Conrad schlägt die Mobilisierung gegen Serbien zum 1. Juli vor. „Krieg, Krieg, Krieg!“, lautet seine feierliche Beschwörung.
Außenminister Leopold Graf Berchtold ist dagegen vorsichtiger, obwohl der Adelige ein Freund des ermordeten Thronfolgers war. Zwar plädiert auch Berchtold für einen Waffengang, doch will er zuvor der Weltöffentlichkeit eindeutig die Schuld Serbiens beweisen und die Rückendeckung Berlins sicherstellen. Allerdings gilt der Minister bei Hofe als politisch eher schwach.
Deutlich gewichtiger hingegen ist das Wort von István Graf Tisza. Der ungarische Ministerpräsident ist seit vielen Jahren ein enger Vertrauter des Kaisers, ein rücksichtsloser und einflussreicher Politiker, der das komplizierte Machtgefüge Österreich-Ungarns bestens auszunutzen weiß: Die Reichshälften der Doppelmonarchie haben jeweils eigene Regierungen, die über den Monarchen miteinander verbunden sind, während die Verantwortung für die Außenpolitik und das Kriegswesen bei gemeinsamen Ministern liegt.
Sollte Wien einen Krieg gegen Serbien gewinnen und anschließend weitere Balkanvölker aufsaugen, könnten die Ungarn – so fürchtet Tisza – ihre besondere Stellung innerhalb des Vielvölkerreichs verlieren. Der Graf ist daher gegen einen raschen Angriff, und niemand vermag ihn umzustimmen.
Franz Ferdinand war in seinem Land wie in vielen europäischen Machtzirkeln nicht sehr populär. Wenn die Politiker über den Mord überhaupt entsetzt waren, dann vor allem in den Stunden nach der Bluttat. Doch Wien nutzt diese Stimmung nicht für einen raschen Schlag gegen Serbien.
Außenminister Berchtold immerhin spürt, dass es wichtig sein könnte, Europas öffentliche Meinung auf seine Seite zu ziehen und Serbiens Schuld nachzuweisen. Aber selbst er erkennt nicht, dass Wien nur an diesem 29. Juni die Chance dafür gehabt hätte.
Und dass es diese Chance verpasst.
London. Die Börse öffnet aus Sorge um einen Konflikt auf dem Balkan mit starken Kursverlusten. Dabei bräuchte die Regierung dringend eine Ablenkung: Das Kabinett unter Premierminister Herbert Asquith hat genügend Probleme mit der „Home Rule“ – der dem katholischen Irland versprochenen, aber von der dortigen protestantischen Minderheit heftig bekämpften Autonomie des Landes. Im Frühjahr 1914 haben 50 in Irland stationierte britische Offiziere Befehlsverweigerung angedroht, woraufhin es zu etlichen Rücktritten kam. Im Sommer 1914 hat die Regierung daher nicht einmal einen eigenen Kriegsminister.
Trotzdem sind manche Kabinettsmitglieder bereit, in den Krieg zu ziehen, um Deutschlands Aufstieg zu bremsen.
Und dann ist da noch ein Problem: Die Sehkraft von Außenminister Sir Edward Grey nimmt ab, und die Ärzte machen ihm wenig Hoffnung. In seiner Not will er weitere Spezialisten konsultieren – ausgerechnet in Deutschland.
Das Letzte, was Grey gebrauchen kann, ist eine Krise auf dem Balkan.
Dienstag, 30. Juni. Wien. Außenminister Berchtold konferiert mit Kaiser Franz Joseph. Der Herrscher rät zum Abwarten. Dem deutschen Botschafter erklärt Berchtold am gleichen Tag, dass „die Fäden der Verschwörung“ in Belgrad zusammenliefen; auch der Botschafter empfiehlt äußerste Zurückhaltung.
Doch als Wilhelm II. dessen Bericht liest, schreibt er an den Rand: „Das ist sehr dumm. Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald.“
Sankt Petersburg. Der russische Generalstab stimmt zu, 120.000 Gewehre und 120 Millionen Schuss Munition nach Serbien zu liefern. Das kann eigentlich nur eines bedeuten: Nikolaus II. und sein Außenminister Sergej Sasonow wollen die Krise gezielt anheizen.
Viele Höflinge und ausländische Diplomaten schätzen den Zaren als entscheidungsschwach und nur mäßig intelligent ein. Und auch Sasonow gilt als ein eher blasser, feiger Bürokrat.
Nun aber fragt Sasonow beim Marineminister an, ob Russlands Schwarzmeerflotte einsatzbereit sei. Die jedoch kann weder Belgrad beistehen noch Wien einschüchtern – die Zarenschiffe bedrohen einzig das Osmanische Reich. Gut möglich also, dass die beiden Männer das Attentat als Auslöser für einen Balkankrieg nutzen wollen, um gleichzeitig nach Konstantinopel vorzustoßen – und zwar noch bevor im Sommer 1914 das erste britische Schlachtschiff an das Osmanische Reich geliefert wird.
Während die meisten Politiker in Westeuropa den Schüssen vom Sonntag kaum noch Bedeutung zumessen, kommen jene in Wien, Berlin und Sankt Petersburg offenbar gerade erst in Fahrt.
Mittwoch, 1. Juli. Wien. Außenminister Berchtold und Generalstabschef Conrad treffen sich ohne den ungarischen Ministerpräsidenten Tisza. Beide sind sich darin einig, dass ein Konflikt mit Serbien auf jeden Fall Russland provozieren würde. Die Doppelmonarchie ist allein zu schwach, um gegen diesen Feind zu ziehen. Deutschland müsste also seinerseits dem Zaren drohen, um dessen Eingreifen zu verhindern oder abzuwehren.
Hätten die Habsburger gleich nach dem Attentat Serbien angegriffen, hätte der Rest Europas dies vielleicht akzeptiert. Doch die Chance hat Wien verpasst, vor allem, weil Ungarns Ministerpräsident und der deutsche Botschafter bremsten. Wer in Wien jetzt noch Krieg will, braucht Berlins Rückendeckung und muss zugleich Tisza überwinden.
Berchtold erkennt, dass er beides verbinden kann: Denn auch Tisza fordert die engere Einbindung der Deutschen. Am Wochenende entsendet der Außenminister seinen kriegsentschlossenen Vertrauten Alexander Graf Hoyos nach Berlin, im Nachtzug, und vermutlich ohne Tisza zu informieren. Hoyos bekommt zwei Schreiben und eine mündliche Anweisung mit auf den Weg: Wien wolle wissen, welche Haltung Deutschland einnehme, wenn der Moment gekommen sei, mit Serbien abzurechnen.
Damit hat sich der zurückhaltende, kultivierte, vorsichtige Berchtold – vielleicht unter Einfluss Conrads, vielleicht aus anderen Gründen, seine Motive sind bis heute unklar – zum nächsten Kriegstreiber gewandelt.
Donnerstag, 2. Juli. Berlin. Wilhelm II. sagt seine Teilnahme an der Beerdigung des Erzherzogpaares ab, angeblich wegen gesundheitlicher Probleme. Tatsächlich jedoch erklärt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg in einem Telegramm an Kaiser Franz Joseph offen, dass man ein weiteres Attentat während der Zeremonie fürchte. In Berlin traut man den Habsburgern also nicht einmal mehr zu, dass sie in ihrer eigenen Hauptstadt für Sicherheit sorgen können.
Bethmann Hollweg würde sich in diesen Tagen am liebsten gar nicht um Politik kümmern. Kürzlich ist die Frau des pessimistischen, zurückhaltenden Adeligen – der wie Berchtold in Wien und Sasonow in Sankt Petersburg von den Militärs im eigenen Land verachtet wird – einer Krankheit erlegen. Der Kanzler, geistig und körperlich ermattet, zieht sich, so oft es geht, auf seinen Landsitz zurück. Ein Regierungschef auf der Höhe seiner Kraft hätte sich wahrscheinlich intensiver und ideenreicher mit der Krise auseinandergesetzt.
Sarajevo. Gavrilo Princip gibt erstmals zu, dass es eine Verschwörung gegeben hat, nennt Einzelheiten zu Mittätern, zum Plan, zur Beschaffung der Waffen, zu seiner Einschleusung über die Grenze. Beweise, dass die Führung in Belgrad eine entscheidende Rolle im Mord gespielt hat, liefert er indes nicht. Doch genau für diese Behauptung nutzen Wiener Politiker seine Aussagen.
Die Beteiligung der serbischen Regierung ist bis heute nicht geklärt. Nur so viel steht fest: Hinter den Attentätern stehen Geheimbünde wie die vom Chef des serbischen Militärgeheimdienstes 1911 gegründete „Schwarze Hand“. Ihr Ziel ist die Vereinigung aller Südslawen in einem großserbischen Reich – ein Vorhaben, das auch Belgrad seit Langem verfolgt. Auch deshalb spricht manches dafür, dass hohe Regierungsbeamte von den Attentatsplänen wussten.
Freitag, 3. Juli. Wien. Trauergottesdienst für den Erzherzog und dessen Gattin. Kein europäischer Monarch ist anwesend, außer Kaiser Franz Joseph. Keine Zwischenfälle. Die Botschaften in allen Hauptstädten haben Halbmast geflaggt, außer einigen russischen.
Sonntag, 5. Juli. Potsdam. In seinem Schloss speist Wilhelm II. zu Mittag mit dem österreichischen Botschafter, der von dem in der Nacht angereisten Hoyos die Briefe aus Wien erhalten hat.
Bei Tisch liest der Kaiser beide Schreiben. Eines trägt die Unterschrift Kaiser Franz Josephs, doch verfasst hat es Hoyos in Berchtolds Auftrag. Darin deutet der Monarch an, Serbien angreifen zu wollen – ohne allerdings das Wort „Krieg“ zu benutzen. (Ein innenpolitischer Winkelzug: Berchtold weiß, dass Ministerpräsident Tisza von der Mission erfahren wird. Indem er den vom Ungarn abgelehnten Krieg nicht erwähnt, will er den Vorwurf der Illoyalität entkräften.)
Wilhelm II. erkennt dennoch, um was es in diesem Schreiben geht. Er gibt dem Botschafter daher zunächst nur eine vorsichtige Antwort: Er werde sich erst mit seinem Kanzler beraten müssen und später mehr sagen. Doch bei Dessert und Kaffee bringt der Wiener Gesandte das Thema geschickt noch einmal auf – und da gibt der erratische Kaiser seinem Verbündeten plötzlich freie Hand: Serbien müsse ohne Verzögerung attackiert werden. Und sollte Russland eingreifen, werde Berlin, „in gewohnter Bundestreue“, fest an der Seite Wiens stehen.
Als „Blankoscheck“ werden Historiker später dieses Versprechen beim Dessert schmähen: Wilhelm II. habe dem Verbündeten bedingungslose Zusagen gegeben, ohne zu wissen, was der genau vorhabe. Ohne zu wissen, wann die Regierung in Wien ihre Pläne umsetzen würde. Ohne auf die Entscheidungen an der Donau Einfluss zu nehmen. Und ohne zu wissen, wie Russland reagieren würde. Und, so darf man vermuten, offenbar auch ohne zu begreifen, was seine eigenen Militärs planen.
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