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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 17
Siebenzehntes Kapitel.
Zur selben Zeit wie sie war Orion in seine Gemächer zurückgekehrt. Neben ihnen lag die Schlafstube der kleinen Maria, die er, seitdem er das Sterbezimmer des Vaters verlassen, nicht wieder gesehen hatte. Er wußte, daß sie dort im Fieber verweilte, aber er gewann es nicht über sich, nach ihr zu fragen. Stieß es ihm zu, an sie zu denken, so ballten sich ihm unwillkürlich die Fäuste. In seinen Grundfesten erschüttert, verzweifelnd, außer sich, keines andern Gedankens mächtig, als daß er der Unglücklichste aller Unglücklichen sei, daß ihn der Fluch des Vaters getroffen, daß nichts das Geschehene gut machen könne, daß eine rohe, unnahbare Gewalt ihm den treusten aller Freunde zum Feind gemacht und so entrissen, und daß es keine Möglichkeit gebe, ihn zu versöhnen, ihn zu einem vergebenden Worte, einem freundlichen Blick zu bewegen, eilte er bald in dem weiten Gemach auf und nieder, bald warf er sich vor dem Diwan zu Boden und drückte das glühende Antlitz in die weichen Kissen. Bisweilen gelang es ihm, zu beten, doch er ließ immer wieder davon ab, denn gab es wohl eine Macht im Himmel und auf Erden, die dies gebrochene Auge wieder öffnen, dies erstarrte Herz wieder zum Schlagen, diese gelähmte Zunge wieder zum Reden bringen und ihm, dem Verstoßenen, das gewähren konnte, wonach seine Seele lechzte, ohne das er vergehen zu müssen meinte. Vergebung des Vaters, Vergebung, Vergebung!
Bisweilen schlug er sich wie von Sinnen Brust und Stirn mit der Faust und stieß dabei laute Angstrufe, Verwünschungen, Klagelaute aus.
Um Mitternacht — es waren erst zwölf Stunden seit dem furchtbaren Ereignisse vergangen, und es kam ihm vor, als wären es ebensoviele Tage — schleuderte er sich in den dunklen Trauergewändern, die er in Wut und Verzweiflung halb von sich gerissen, auf den Diwan und brach dort in so lautes Stöhnen aus, daß es ihn in der Stille der Nacht selbst erschreckte und er sich, von Mitleid und Grauen vor dem eigenen Jammer ergriffen, nach der Wand hin herumwarf, um seine Augen dem vollen, reinen Mondlicht zu entziehen, das ihm lauter Dinge zeigte, die er nicht sehen wollte, und das ihm weh that.
Seine Seelenqual begann die Grenze des Erträglichen zu überschreiten; wie zerfetzt, zerrissen erschien ihm das eigene Innere, und es kam ihm in den Sinn, sein schärfstes Schwert zu ergreifen, sich, wie der rasende Ajax, wie Cato, hineinzustürzen und so diesem unerträglichen, überwältigenden Jammer ein jähes Ende zu machen.
Mit einer raschen Bewegung fuhr er auf; denn da hatte sich — es war keine Sinnestäuschung, kein Irrtum — da hatte sich die Thür seines Gemaches leise geöffnet und eine weiße Gestalt betrat es nun mit unhörbar leisen, gespenstischen Schritten.
Ein kalter Schauder rieselte durch das Blut des mutigen Mannes, aber schon im nächsten Augenblick erkannte er in dem nächtlichen Besuch die kleine Maria.
Lautlos trat sie ihm im hellen Mondlicht nahe, er aber herrschte sie an:
»Was soll das? Was willst Du?«
Da schrak das Kind zusammen, blieb ängstlich stehen, streckte ihm flehend die Hände entgegen und stammelte dabei schüchtern:
»Ich hörte Dich immerfort klagen. Armer, armer Orion. Und ich bin es doch, die Dir das alles zugefügt hat, und da hielt mich’s nicht mehr länger im Bett, da... Ja, da muß ich...«
Hier kam sie vor lauter Schluchzen nicht weiter, Orion aber rief ihr entgegen:
»Es ist schon gut! Geh zurück in Dein Zimmer und schlafe; ich will leiser zu stöhnen versuchen.«
Die letzten Worte klangen weniger barsch; denn er bemerkte, daß das Kind, obgleich krank, ihn mit nackten Füßen und im bloßen Hemd, von Frost, Erregung und Schluchzen geschüttelt, aufgesucht hatte; Maria aber blieb stehen, schüttelte den Kopf und entgegnete, immer noch leise weinend:
»Nein, nein, ich bleibe hier und gehe nicht fort, bevor ich nicht weiß, daß Du... Ach Gott, vergeben kannst Du mir ja nicht, aber ich muß es doch sagen, ich muß...«
Dabei eilte sie, einer schnellen Eingebung folgend, gerade auf ihn zu, umschlang seinen Hals mit den Armen, schmiegte ihren Kopf an den seinen, und als er es ihr nicht sogleich wehrte, küßte sie seine Wangen und Stirn.
Da kam etwas Seltsames über ihn; er wußte selbst nicht, wie ihm geschah, aber es war ihm, als erweiche und löse sich etwas in seinem Innern, und das, was seine Augen und sein Antlitz so warm befeuchtete, waren nicht nur des Kindes, sondern auch die eigenen Thränen.
So vergingen lange, stumme Minuten, doch endlich löste er die Arme der Kleinen von seinem Halse und rief:
»Wie heiß Deine Hände und Wangen sind, armes Ding! Du hast Fieber und wirst Dich — die Nachtluft weht kühl herein — wirst Dich noch bei diesem Unsinn erkälten.«
Mühsam war er Herr seiner Thränen geworden, und während er diese Worte hervorstieß, schlang er das schwarze Obergewand, das er abgeworfen, besorgt um sie und sagte dann freundlich:
»Sei nun ruhig, auch ich will mich zu fassen versuchen. Böse hast Du’s gewiß nicht gemeint, und ich trag’ Dir’s nicht nach. Geh jetzt, Du kommst nun ohne Gefahr durch den Zugwind im Vorsaal. — Nun, wird’s bald?«
»Nein, nein,« erwiderte sie eifrig, »Du mußt mich noch reden lassen, sonst kann ich nicht schlafen. Siehst Du, ich habe gar nicht daran gedacht, Dir weh zu thun, so furchtbar, so gräßlich weh, ganz gewiß nicht! Böse bin ich Dir schon gewesen, weil Du — aber damals, ach, lieber Heiland, damals hab’ ich wahrhaftig gar nicht an Dich und nur, nur an die arme Paula gedacht. Du weißt ja nicht, wie gut sie ist, und der Großvater hatte sie so lieb, bevor Du zurückkamst, und da lag er und sollte bald sterben, und ich wußte, daß er Paula für eine Diebin, eine Lügnerin hielt, und ihn in solchem Irrtum und solcher Ungerechtigkeit die Augen schließen zu sehen, das ist mir damals so gräßlich, so ganz unerträglich vorgekommen, nicht nur um des Großvaters, nein, auch um Paulas willen, daß ich, ach, Orion, der barmherzige Heiland ist mein Zeuge, daß ich... Und wär’ es mein Tod gewesen, ich hätte damals nicht anders gekonnt, ich wäre umgekommen, hätt’ ich geschwiegen!«
»Und vielleicht ist es gut gewesen, daß Du geredet,« unterbrach sie der Jüngling und seufzte dabei tief auf. »Siehst Du, Mädchen, der arme Bruder Deines verstorbenen Vaters ist ein verlorener Mensch, und an ihm liegt nur wenig; aber Paula, die tausendmal besser ist als ich, ihr wenigstens ist nun Gerechtigkeit widerfahren, und weil ich sie lieb habe, viel lieber, als Du es Dir in Deinem kleinen Herzen vorstellen kannst, will ich Dir gern wieder gut sein, ja, Dich lieber haben als früher. Das ist nichts Großes und Edles; denn ich brauche Liebe, viel Liebe, um das Leben erträglich zu finden. Die beste Liebe, ich Narr hab’ sie verscherzt, und mag nun die Deine, Du armes, braves Ding, ich mag sie nicht missen! So, da hast Du meine Hand, gib mir auch noch einen Kuß, und dann geh zu Bette und schlafe.«
Aber Maria wollte ihm immer noch nicht gehorchen, sondern dankte ihm nur stürmisch und fragte dann mit leuchtenden Augen:
»Also wirklich? Du hast Paula so lieb?« Doch hier stockte sie plötzlich und rief: »Und die kleine Katharina...«
»Laß das ruhen, Kind,« versetzte er seufzend, »und nimm für Dich selbst eine Lehre aus dem allem. Siehst Du, in einer leichtfertigen Stunde hab’ ich ein Unrecht begangen, und um das zu verbergen, mußte ich neues hinzufügen, bis es berghoch wurde und auf mich zurückfiel und mich zermalmte. Jetzt nun bin ich der unglücklichste aller Menschen und könnte vielleicht der glücklichste sein. Durch den eigenen Leichtsinn, die eigene Schwäche und Schuld hab’ ich mein ganzes Leben verdorben, hab’ ich auch Paula verloren, die mir lieber ist als alle anderen Menschen auf Erden zusammengenommen. Ja, Maria, wäre sie, sie die Meine geworden, Dein armer Oheim hätte der beneidenswerteste Bursch und dazu ein wackerer Mensch, ein Großes schaffender Mann werden können; aber so? Hin ist hin! Geh zur Ruhe, Kind; erst wenn Du älter bist, wirst Du das alles verstehen!«
»O, ich versteh’ es jetzt schon, jetzt, und viel besser vielleicht, als Du denkst!« rief ihm da die Zehnjährige zu. »Und wenn Du Paula wirklich so lieb hast, warum sollte sie das nicht erwidern? Du bist so schön, Du kannst so vieles, jedermann hat Dich gern, und Paula würde Dir schon gut werden, wenn Du nur... Willst Du mir nicht böse sein und darf ich’s sagen?«
»Sprich nur, Du Närrchen!«
»Sie kann Dir ja nichts mehr nachtragen, wenn sie weiß, wie furchtbar das ist, was Du um ihretwillen leidest, und daß Du so herzensgut bist und nur ein einzigesmal etwas begangen hast — Du weißt ja! Eh’ Du zurückkamst, hat der Großvater hundertmal gesagt, wie viel Freude Du ihm Dein Leben lang bereitet, und nun, nun... Du bist ja mein Oheim, und ich bin nur ein dummes Ding; aber ich weiß doch, daß es mit Dir gehen wird wie mit dem verlorenen Sohn in der Bibel. Der Großvater und Du, in lauter Groll seid ihr auseinander gegangen.«
»Er hat mir geflucht!« unterbrach sie Orion dumpf.
»Nein, nein! Mir ist keines von seinen letzten Worten entgangen. Nur Deine That hat er verdammt mit furchtbaren Worten und Dich von seinem Lager gewiesen.«
»Welcher Unterschied liegt darin: Verflucht oder verstoßen?«
»O, ein sehr großer! Er hatte ja Grund, Dir zu zürnen, aber der verlorene Sohn in der Bibel ist seinem Vater der allerliebste geworden, und er hat für ihn ein Kalb geschlachtet und ihm alles verziehen, und so wird Dir auch der Großvater im Himmel vergeben, wenn Du wieder so gut wirst, wie Du sonst doch gegen ihn und uns alle immer gewesen. Und Paula verzeiht Dir ebenso; ich kenne sie — Du wirst ja schon sehen... Katharina hatte Dich freilich auch lieb, aber sie... Lieber Gott, sie ist ja noch fast so kindisch wie ich, und wenn Du nur immer freundlich gegen sie bist und sie bekommt etwas recht Hübsches von Dir geschenkt, wird sie sich schon trösten. Eine Strafe hat sie für ihr falsches Zeugnis doch sicher verdient, und mit Deiner läßt sich die ihre ohnehin nicht vergleichen.«
Diese Worte aus dem Munde eines unschuldigen Kindes sollten auf den schmerzdurchfurchten Acker der Seele des Jünglings wie Saatkörner fallen und sie wie Morgentau berühren. Als Maria längst Ruhe gefunden, dachte er ihnen noch immer nach.
Achtzehntes Kapitel.
Die Einsegnung des Mukaukas Georg war am übernächsten Tage erfolgt. Seitdem die Geistlichkeit die alte heidnische Mumisirung verboten hatte, und in der Zeit der Antonine auch die Leichenverbrennung eingestellt worden war, mußten die Verstorbenen bald nach ihrem Hingang in die Erde versenkt werden; nur die vornehmsten wurden flüchtig balsamirt und in Kirchen oder Kapellen beigesetzt, für die sie Stiftungen gemacht hatten.
Die Leiche des Mukaukas Georg sollte seiner Bestimmung gemäß nach Alexandria geschafft und dort in der Kirche des heiligen Johannes neben der seines Vaters bestattet werden, doch die Brieftaube, welche dem Patriarchen den Tod des Statthalters mitgeteilt hatte, war mit der Verordnung zurückgekommen, daß diesem Wunsche des Verstorbenen Hindernisse im Wege stünden und daß man seine Leiche einstweilen in der Familiengruft zu Memphis beizusetzen habe.
Seit Menschengedenken war dort kein gleicher Leichenzug gesehen worden. Selbst der muslimische Gouverneur des Landes, der große Feldherr Amr, war mit seinen höchsten Truppenführern und Zivilbeamten vom jenseitigen Ufer des Nil herübergekommen, um dem hochgeschätzten und gerechten Statthalter die letzte Ehre zu erweisen. Ihre sehnigen, gebräunten Gestalten und schönen, selbstbewußten Gesichter, ihre goldenen, mit Edelsteinen besetzten Helme und Panzerhemden, Kriegsbeute aus dem Vernichtungskampfe gegen das persische Reich und die syrischen Lande, ihre herrlichen, kostbar geschirrten Rosse und die gebieterische Vornehmheit ihrer Haltung hatten einen großen Eindruck auf die Menge gemacht. Würdevoll und langsam waren sie gekommen, wie eine vom Sturm getriebene Wetterwolke hatten sie sich entfernt. Vom Friedhofe aus waren sie die Nilstraße entlang und dann über die Schiffbrücke dröhnend und rasselnd heimwärts gejagt. Aus den weißen Staubmassen, die sie umgaben, hatten wie Augen blendende, flammende Blitze hervorgeleuchtet, wenn die Sonnenstrahlen ihr goldenes Rüstzeug getroffen.
Ja, diesen Reitern von denen jeder einem stolzen Fürsten glich, konnt’ es nicht schwer gefallen sein, die mächtigsten Reiche der Welt zu vernichten.
Mann und Weib, alle hatten sie mit zager Scheu bewundert, am meisten aber die Heldengestalt und das schöne braune Männerantlitz des Feldherrn Amr und den Sohn des Verstorbenen, der auf seinen Befehl von der Statthalterei aus an seiner Seite ritt, in dunklen Trauergewändern auf einem kohlschwarzen, heißblütigen Hengste.
Der schöne Jüngling und der herrliche, kraftvolle Mann bildeten ein Paar, von dem die Frauen ungern die Augen wandten; erschienen doch beide gleich vornehm in der Haltung, waren doch beide von herrlichem Wuchs, beide gleich geschickt, das Ungestüm ihres Rosses zu bändigen, beide wie zum Herrschen geboren. Auf manchen Memphiten machte das auf einem langen, prächtig gebauten Halse ruhende Haupt des berühmten Schlachtenlenkers, sein scharf geschnittenes Antlitz mit der Adlernase und den schwarzen, glühenden Augensternen einen mächtigeren Eindruck, als die noch ebenmäßigeren Züge und das köstliche, leicht gewellte Haar des Statthaltersohnes, des letzten Sprosses der ältesten und stolzesten Sippe in ganz Aegypten.
Gebieterisch und stetig schaute der Araber geradeaus, und auch des Jünglings Blick blieb vorwärts gerichtet, doch wandte der sich einigemale rückwärts, um die leidtragende Menge zu überschauen. Als er unter den der Leiche folgenden Frauen Paula entdeckte, flog ein freudiger Glanz über sein bleiches Antlitz, und seine Wangen röteten sich flüchtig; die Ausschau nach vorn hatte seine Stirn gefurcht und seinen Zügen einen so schweres Unheil kündenden Ausdruck geliehen, daß mancher Memphit dem andern zuraunte: »Aus dem frohen, leutseligen jungen Herrn wird ein strenger Gebieter.«
Was ihn empörte, war auch seinem hohen Begleiter und der Menge nicht entgangen.
Er allein wußte, daß der Patriarch die Ueberführung der sterblichen Reste seines Vaters nach Alexandria untersagt hatte; aber jedermann bemerkte, daß bei diesem Leichenbegängnis ohnegleichen der größte Teil der Geistlichkeit von Memphis fehlte. Nur der Bischof Plotinus ging mit dem gelehrten und mutigen Presbyter Johannes und einigen Chorknaben, welche ein Kruzifix trugen, psalmodirend dem von sechs feurigen Rappen gezogenen Schlitten voran, auf dem der kostbare Sarkophag nach alter Sitte dem Friedhof zugeführt wurde.
Vor demselben stieg alles von den Rossen, und barfüßige Läufer im Dienste der Araber waren zur Hand, die Pferde zu halten.
Am Grabe sprach der Bischof warme, anerkennende Worte, denen ärmlich und wenig feierlich der dünne Gesang der Chorknaben folgte; aber kaum hatte dieser aufgehört, als die Menge vieltausendstimmig einfiel, und ein Klagegesang so laut und mächtig erscholl, wie kaum je vorher auf diesem Friedhof. Die übrigen Zeremonien wurden, da der Klerus, dessen es dazu bedurfte, nicht erschienen war, schnell und unvollständig vollzogen.
Der Feldherr Amr, dessen Falkenaugen nichts entging, bemerkte sogleich, was hier fehlte, und rief Orion so laut und rücksichtslos zu, daß es weithin vernommen wurde:
»Der Tote büßt hier, was der Lebende als verständiger Mann zum besten seines Landes Hand in Hand mit uns Muslimen gethan hat.«
»Aus Befehl des Patriarchen,« versetzte Orion, und dabei bebte ihm die Stimme, und die Zornesader auf der Stirne schwoll ihm hoch auf. »Aber bei der Seele meines Vaters,« und dabei schwang er die geballte Faust, »wenn es einen gerechten Gott gibt, wird es Benjamin nicht glücken, dem Bravsten der Braven das Himmelsthor zu verschließen.«
»Wir tragen den Schlüssel zu dem unseren im eigenen Gürtel,« entgegnete der Feldherr und schlug sich selbstbewußt lächelnd und mit einem wohlgefälligen Blick auf den Jüngling an die hochgewölbte Brust. »Komm Samstag zu mir, junger Freund; ich will mit Dir reden! Gegen Sonnenuntergang erwarte ich Dich drüben in meinem Hause. Bin ich noch nicht zurück, wenn es dunkelt, hast Du zu warten.«
Dabei ergriff Amr die Mähne seines Hengstes, und Orion schickte sich an, ihm behilflich zu sein, doch der Fünfziger kam ihm zuvor, schwang sich behend wie ein Jüngling in den Sattel und gab den Seinen damit das Zeichen zum Aufbruch.
Paula, welche mit Frau Neforis in der nächsten Nähe der offenen Familiengruft gestanden, war kein Wort des Zwiegesprächs zwischen beiden Männern entgangen. Bleich, wie er gewesen, in kostbaren, doch schlichten, lang niederwallenden Trauerkleidern, von heiligem, männlichem Ingrimm ergriffen, wie er sich eben gezeigt hatte, wär’ es unmöglich gewesen, nicht einzugestehen, daß die letzten Tage gewaltig auf den irregeleiteten Jüngling eingewirkt hatten.
Nachdem Paula die bleiche, verhärmte, aber thränenlose Statthalterswitwe an ihren Wagen geführt und dann mit Perpetua allein nach Hause gegangen war, hatte sich das Bild des schönen, zornigen Mannes, der den kraftstrotzenden Arm mit der fest geballten Faust hoch in die Höhe schwang, fortwährend vor ihr inneres Auge gestellt.
Es war ihr nicht entgangen, daß er sie, die ihm an der offenen Gruft gegenüber gestanden, bemerkt hatte, und es war ihr wohl gelungen, seinem Blick auszuweichen, doch ihr schwaches Herz hatte dabei so heftig geschlagen, daß sie es noch in der Brust nachklingen fühlte, und es ihr nicht gelungen war, mit rechter Hingabe des geliebten Verstorbenen zu denken.
Weder hatte sich Orion bis jetzt ihrem friedlichen Heim genähert noch ihr einen Boten gesandt, um ihr das Ihre zu überbringen, und sie fand das natürlich; denn es brauchte ihr niemand zu sagen, welche Ansprüche diese Zeit an ihn stellte.
Aber wenn sie vor der Beerdigung fest entschlossen gewesen war, seinen Besuch abzuweisen, und obgleich sie der Amme schon Vollmacht erteilt hatte, ihre Habe aus seiner Hand entgegenzunehmen, wollte ihr solches Verhalten nach der Bestattung des Oheims doch nicht mehr schicklich erscheinen; ja sie erachtete es im Andenken an den Entschlafenen für ihre Schuldigkeit, Orion nicht zurückzuweisen, wenn er sie um Vergebung bitten würde.
Und noch ein zweites war sie dem Oheim schuldig. Sie wollte diejenige sein, welche seinen Sohn in Philipps Sinne darauf hinwies, das Leben als ein Amt, einen Dienst aufzufassen, und öffnete er sein Herz dieser Mahnung, dann... nein, auch dann mußte alles aus sein zwischen ihnen, aus wie das Feuer auf einem versunkenen Floß, wie die Seifenblase, die im Winde zerplatzt, wie der Ton, der verhallt ist — aus — völlig aus.
Und die Mahnung, die sie ihm, zu dem sie dereinst hinaufgesehen, zukommen lassen wollte? Was gab ihr das Recht, sie ihm zu erteilen? Hatte er nicht ausgesehen wie ein Mann, der sein Leben mit eigener Kraft zu führen und zu lenken versteht? — Ihr Herz lechzte nach ihm, alles, was in ihr war, verlangte ihn wieder zu sehen, seine Stimme wieder zu hören, und dies Begehren, diese Sehnsucht nannte sie Pflicht und brachte sie mit dem Dank in Verbindung, den sie dem Verstorbenen schuldete.
Ganz von diesen Erwägungen und Zweifeln beherrscht, hörte sie kaum, was die gesprächige Perpetua, welche neben ihr herging, sagte.
Die Alte konnte sich über ein solches Leichenbegängnis gar nicht beruhigen; denn wie war das alles so anders gewesen als sonst bei Beerdigungen zu Memphis. Keine Priesterschaft, ein Leichengefolge zu Pferde, leidtragende Reiter, und darunter des Dahingeschiedenen eigener Sohn, während sonst die Hinterbliebenen, wie sich’s überall schickte, dem Sarge zu Fuß folgten! Ein Heimchengezwitscher von elenden Buben an der Gruft eines solchen Verstorbenen, und dann das ungeordnete Zusammenschreien eines tausendköpfigen Pöbels: das Trommelfell wär’ ihr beinahe gesprungen! Aber das konnte man den Memphiten am Ende zu gute halten; denn es war ja zu Ehren des Verstorbenen geschehen! Dieser Gedanke rührte sogar ihr wackeres Herz und trieb ihr Thränen in die Augen, aber es weckte auch ihre Empörung; hatte sie doch geringe Leute in feierlicherer Weise und mit würdigeren Zeremonien bestatten sehen als den großen, guten Mukaukas Georg, der der Kirche eine so bedeutende Schenkung zugewandt hatte. Ja, diese Jakobiten! So undankbar konnten nur sie handeln; solchen Frevel vermochte nur ihr ketzerisches Oberhaupt zu begehen. Im Cäcilienkloster war es von der Aebtissin bis zur jüngsten Novize bekannt, der Patriarch habe dem Bischof durch einen Taubenbrief verboten, den Klerus an der Beerdigung teilnehmen zu lassen. Der brave Plotinus sei sehr aufgebracht über diesen Befehl gewesen, doch da es nicht in seiner Macht gestanden, ihm entgegenzuhandeln, habe er den Sarg wenigstens in eigener Person begleitet und dem Presbyter Johannes nicht gewehrt, ihm zu folgen. Der junge Herr Orion habe übrigens ganz ausgesehen, als sei er nicht willens, solche Beleidigung seines Vaters ungestraft hinzunehmen Aber wessen Arm sei so lang, daß er bis an den Patriarchenstuhl reiche, wenn nicht... Doch das sei ja nicht möglich: beim bloßen Gedanken daran laufe es ihr kalt über den Rücken. Aber, aber... Wie gnädig habe der große Feldherr von drüben mit ihm geredet! Himmlischer Vater! Wenn er nun doch wie so viele gewissenlose Aegypter den heiligen christlichen Glauben abschwören und die sündhafte Lehre des arabischen Lügenpropheten annehmen würde! Verlockend sei es ja freilich für die schändlichen Männer, ohne sich einer Sünde zeihen zu brauchen, ein halbes Dutzend Weiber oder mehr ins Haus zu nehmen. Ernähren könne sie ja ein Herr wie Orion; denn die Aebtissin habe gesagt, der große Mukaukas sei zwar von aller Welt für einen sehr reichen Mann gehalten worden, doch selbst das Stadthaupt könne sich gar nicht über die ungeheure Größe seines Nachlasses beruhigen. Ja, ja, Gottes Fügungen seien unerforschlich. Warum ersticke er den einen unter dem goldenen Segen, während er tausend Armen zu wenig gebe, um den Hunger zu stillen!
Am Ende dieses Ergusses kamen die Frauen nach Hause, und hier erst gelangte Paula mit sich ins reine. Fort, fort mit der Leidenschaft, die sie noch immer beherrschen wollte, mochte sie nun Haß heißen oder Liebe! Dann erst konnte sie der neuen Freiheit und des neuen stillen Glückes in dem schönen Heim, das sie der Fürsorge des Arztes dankte, recht genießen, wenn alles aus mit Orion und das letzte Band zerrissen war, welches sie mit der Statthalterei verknüpfte.
Durfte sie denn mehr begehren, als was ihr die Gegenwart bot?
In einen wahren Friedenshafen war sie eingelaufen, wo es ihr an nichts gebrach, was sie nach der mahnenden Rede des Philipp für sich begehrte. Da gab es gute Menschen, die sie verstanden, mancherlei Tätigkeiten, denen sie gewachsen war, und die ihrer Neigung entsprachen, und dazu reiche Gelegenheit, Liebe zu spenden und zu ernten. Außerdem führten sie wenige Schritte durch freundlichen Schatten in das Kloster, wo sie unter frommen Genossinnen ihres eigenen Glaubens wie in der Kindheit Tag für Tag dem Gottesdienst beiwohnen durfte. Nach solcher Speise für das Gemüt hatte sie großes Verlangen getragen, und in welcher Fülle wußte die alte Aebtissin, eine vornehme Patriciuswitwe aus Konstantinopel, welche ihre Eltern gekannt hatte, ihr solche zu bieten! Wie gern erzählte ihr die rüstige Greisin von der Güte und königlichen Schönheit der Frühverstorbenen, die ihr das Leben gegeben. Was ihr Herz bedrückte, konnte sie in die Seele dieser Matrone ausgießen; denn sie begegnete ihr wie einer teuren, ihr im späten Alter geschenkten Tochter.
Und ihre Wirte! Was waren das für herzensgute, merkwürdige, in ihrer Weise bedeutende Menschen! Sie hatte nicht einmal geahnt, daß es solch sonderbare und doch liebenswerte Geschöpfe hienieden gebe!
Da war zuerst der alte Rufinus, das Haupt des Hauses, ein kräftiger, jugendfrischer Greis, der in seinem langen, schneeweißen, seidigen Haupt und Barthaar halb aussah wie der Apostel Johannes als Greis, halb wie ein im Kriege ergrauter Feldhauptmann. Wie liebenswürdigen, kindlich milden Herzens war er trotz aller Barschheit, in die er gelegentlich verfiel! Zum Widerspruch aufgelegt im Verkehr mit Männern, zeigte er sich heiter und neckisch, wenn seine Ansichten den ihren widersprachen. Einer zufriedeneren Seele, einem offeneren Gemüte war sie nie begegnet, und sie verstand es wohl, wie es gerade diesen Mann wurmen und beunruhigen mußte, wenigstens in einer Hinsicht tagaus tagein etwas anderes scheinen zu müssen, als er war. Auch er gehörte ihrer Kirche an, ließ seine Frau und Tochter an dem Gottesdienst im Cäcilienkloster teilnehmen und mußte sich dennoch das Ansehen geben, ein koptischer Christ zu sein und sich darum bequemen, an gewissen Feiertagen mit den Seinen die jakobitische Kirche zu besuchen, deren unschöne Kultusformen ihm tief widerstanden.
Das Vermögen des Rufinus genügte, ihm und den Seinen ein bequemes Dasein zu schaffen, und dennoch war er in seiner Weise von früh bis spät thätig; da indessen seine Beschäftigungen nicht nur nichts einbrachten, sondern Anforderungen an seine Kasse stellten, wußte jedermann, daß er ein bemittelter Mann sei, und dieser Umstand würde ihm, sobald einer der Späher des Patriarchen einen Melchiten in ihm erkannt hätte, Verfolgung. Vertreibung und wahrscheinlich die Konfiskation seiner Güter zugezogen haben. Da galt es denn Vorsicht üben, und hätte der Alte nur einen Käufer für Haus und Garten in einer Stadt, wo es zehnmal so viel leerstehende als bewohnte Gebäude gab, finden können, wäre er schon längst aufgebrochen, um sich mit den Seinen eine neue Heimat zu suchen.
Die meisten älteren Leute von heftiger Gemütsart und nicht allzu schnellem Geiste bedürfen eines Stichwortes als Hemmschuh oder Gedankenpause, und er bediente sich mit Vorliebe zweier Sätze, von denen der eine lautete: »So wahr der Mensch das Maß aller Dinge,« und der andere — mit Bezug auf sein Haus —: »So wahr ich das Rumpelzeug los sein möchte.« Aber »das Rumpelzeug« bestand aus einem gut gebauten, sehr geräumigen Wohnhause mit einem Garten, der schon wegen seiner Lage hart am Wasser in früheren Zeiten hoch bezahlt worden wäre. Er selbst hatte es freilich kurz vor dem Einbruch der Araber in Aegypten für einen Spottpreis erworben, und zwar — wie rasch die Zeiten sich ändern! — von einem jakobitischen Christen, den der damalige melchitische Patriarch Cyrus zu schleuniger Flucht gezwungen hatte, weil es ihm geglückt war, die orthodoxen Sklaven in seinem Dienste zu seinem Bekenntnis zu bekehren.
Der Arzt Philippus hatte den vielgewandten und erfahrenen Freund veranlaßt, nach Memphis zu kommen, und er hielt dort auch treulich mit ihm zusammen, und der eine unterstützte den andern bei der Arbeit.
Die Gattin des Rufinus, ein zartes, schmächtiges Frauchen, hätte mit ihrem schmalen, etwas eingefallenen Gesicht, das einmal höchst anziehend und lieblich gewesen sein mußte, für seine Tochter gelten können, und sie war auch wirklich zwanzig Jahre jünger als er. Man sah ihr an, daß sie recht viel Schweres im Leben erfahren, aber es geduldig hingenommen und zum Guten geschrieben hatte. Die größten Sorgen und Aengste waren ihr durch ihren ruhelosen Gatten bereitet worden, und doch bot sie alles auf, um sein Dasein angenehm zu gestalten. Jedes Hindernis, jede Unbequemlichkeit wußte sie ihm aus dem Wege zu räumen und mit wunderbarem Instinkt ahnte sie, was ihm nützen, ihm behagen, ihm Freude machen könne. Der Arzt behauptete, die nach vorn geneigte Haltung ihres Kopfes und der suchende Blick ihrer lebhaften, heiteren schwarzen Augen rührten davon her, daß sie immer nach dem Strohhalm ausspähe, der Rufinus in Gefahr bringen könnte, den schwieligen Wandererfuß daran zu stoßen.
Ihre Tochter Pulcheria wurde, »um Zeit zu ersparen«, gewöhnlich »Pul« gerufen, wenn der Alte nicht vorzog, sie »das arme Kind« zu nennen.
Es lag überhaupt etwas Mitleidiges in dem Verhalten des Rufinus gegen seine Tochter; denn selten sah er sie an, ohne sich zu fragen, was aus diesem geliebten Wesen wohl werde, wenn er, der so viel Aeltere, die Augen schließe und seine Johanna ihm bald nachfolgen werde; und Pulcheria, welche die Mutter so für den Vater sorgen sah, daß ihr selbst nichts für ihn zu thun übrig blieb, hielt sich für das überflüssigste Geschöpf auf Erden, das jederzeit bereit gewesen wäre, für die Eltern, die Aebtissin, ihren Glauben, für den Arzt und jetzt auch, trotz ihrer nur zwei Tage alten Bekanntschaft, für Paula das Leben zu lassen. Dennoch war sie ein sehr hübsches, wohlgewachsenes Mädchen mit großen, schönen, offen und schwärmerisch blickenden Augen, dessen prachtvolle rotblonde Haare kaum ihresgleichen in ganz Aegypten besaßen. Ihren Wunsch, in das Cäcilienkloster als Novize und künftige Krankenpflegerin einzutreten, kannte ihr Vater schon längst, aber obgleich er selbst einem ähnlichen Drange mit seinem ganzen Leben nachgab, hatte er ihn schon mehr als einmal aufs entschiedenste zurückgewiesen; denn er werde bald zu den Vätern wandern, und dann sei der Mutter, so lange sie ihn überlebe, jemand anderes nötig, um sich müde zu pflegen.
Eben jetzt verlangte es Pul weniger als sonst, den Schleier zu nehmen; denn sie hatte in Paula ein Wesen gefunden, dem gegenüber sie sich recht klein fühlen durfte, zu dem ihre neidlose, nach dem Höchsten strebende und verlangende Seele recht befriedigt und entzückt aufschauen konnte; außerdem aber gab es nun in ihrem eigenen Hause zwei der Pflege bedürftige Kranke: Rustem, der verwundete Masdakit, und die persische Sklavin. Die weitere Behandlung dieser beiden außerhalb ihres Hauses war dem Arzte von Frau Neforis, die, seit der entsetzlichen Todesstunde ihres Gatten wie betäubt und allen Anforderungen des Lebens entfremdet, nur noch dem Andenken des Verstorbenen lebte, mehr als gern überlassen worden.
Am Abend nach Paulas Einzug hatte der Arzt mit seinem Freunde über die Aufnahme seiner neuen Gäste Verhandlungen gepflogen, und der Alte war Philippus, als er über die zu zahlende Entschädigung zu reden anhob, lebhaft ins Wort gefallen:
