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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 22

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Anfänglich ließ sich der Feldherr von Orions Aufenthalt in Konstantinopel, sowie von seinem Vater erzählen und schien auch großes Gefallen an dem Gehörten zu finden, bis Obada den Jüngling mitten in der Rede unterbrach und eine Frage an seinen Vorgesetzten richtete. Dieser beantwortete sie schnell auf arabisch und gab bald darauf dem Gespräch eine neue Wendung.

Der Wekil hatte zu wissen gewünscht, warum Amr den ägyptischen Milchbart so lange schwatzen lasse, bevor die Hauptsache, um derentwillen er ihn gerufen, erledigt worden sei, und der Feldherr hatte ihm erwidert, daß derjenige sich am besten zu unterhalten meine, dem man am reichsten Gelegenheit biete, sich selbst reden zu hören; übrigens habe der junge Mann sich wohl unterrichtet, und was er erzähle, sei unterhaltend und wichtig.

Während die Muslimen sich des Trinkens völlig enthielten, ward Orion mit vorzüglichem Wein bewirtet, doch er trank wenig, und als Amr endlich auf die Beisetzung seines Vaters zu reden kam, an die Feindseligkeit des Patriarchen erinnerte und hinzufügte, daß er denselben heute Morgen gesprochen und sich gewundert habe, in wie schroffem Gegensatz er zu seinem verstorbenen Glaubensgenossen, der ja früher sein Freund gewesen sein solle, gestanden, ergriff Orion das Wort und setzte dem Feldherrn klar auseinander, welche Gründe den Patriarchen bestimmten, eine so auffallende und weithin sichtbare Feindseligkeit gegen seinen dahingegangenen Vater zur Schau zu tragen. Es liege Benjamin jetzt daran, vor den Augen der übrigen Christenheit frei dazustehen von dem Vorwurf, ein der Religion des Heilands anhängendes Land denen überliefert zu haben, welche die Christen »Ungläubige« hießen, und zu diesem Zweck gehe sein Bestreben jetzt dahin, seinen Vater als denjenigen hinzustellen, den einzig und allein die Schuld treffe, den Muslimen seine Heimat überantwortet zu haben.

»Recht, recht, ich verstehe,« fiel Amr dem Jüngling ins Wort, und als dieser dann mitteilte, daß es wegen des Cäcilienklosters, dessen gutes Recht der Patriarch durch die falsche Deutung eines alten, klaren Dokuments habe umstürzen wollen, zwischen ihm und dem Verstorbenen zum offenen Bruche gekommen, wechselte der Feldherr einen raschen Blick mit dem Wekil und unterbrach dann Orion:

»Doch Du? Bist Du willens, die Schläge geduldig hinzunehmen, zu denen dieser rührige, Dir und Deinem Vater gleich übel gesinnte Greis gegen Dich und das Andenken des würdigen Mukaukas ausholt?«

»Mit nichten,« entgegnen der Jüngling stolz.

»So ist es recht,« rief der Feldherr, »das hab’ ich von Dir erwartet, aber lehre mich die Waffen kennen, mit denen Du, der Christ, dem klugen und mächtigen Manne zu trotzen gedenkst, in dessen Hand ihr das Wohl und Wehe nicht allein eurer Seelen — ich weiß es — auf Gnade und Ungnade gelegt habt.«

»Noch kenn’ ich sie selbst nicht,« entgegnete Orion, und schaute, als er dem höhnischen Blick des Wekils begegnete, zu Boden.

Da erhob sich Amr, trat ihm näher und sagte:

»Du suchst auch vergeblich darnach, junger Freund! Und fändest Du sie, Du könntest sie doch nicht gebrauchen. Es schlägt sich leichter auf ein verlassenes Weib, einen Aal, einen flüchtigen Vogel, als auf diese geschmeidigen, schwachen, unbewaffneten Langröcke, die Liebe und Frieden im Munde führen, ihre Wehrlosigkeit und körperliche Ohnmacht als Schild gebrauchen und mit unsichtbaren vergifteten Pfeilen jeden treffen, auf den sie es absehen; und zu denen gehörst Du in erster Reihe, Sohn des Mukaukas; ich weiß es und rate Dir, Dich zu hüten! Liegt es Dir dagegen wirklich am Herzen, die dem Andenken Deines Vaters zugefügte Schmach männlich zu rächen, so kannst Du schnell zum Ziel gelangen; allerdings nur unter einer Bedingung.«

»Zeige sie mir!« rief Orion, und sein Auge flammte feurig auf.

»Kurz denn: Werde der Unsere!«

»Deswegen bin ich gekommen. Mein Geist und mein Arm sollen von heut an den Beherrschern meiner Heimat, euch, Dir, unserem gemeinsamen Gebieter, dem Chalifen gehören.«

» Ja salâm! Bravo. — Recht so!« rief Amr und legte Orion die Hand auf die Schulter. »Es gibt keinen Gott außer Gott, und der eure ist der unsere; denn er hat neben sich keinen zweiten. Du wirst wenig aufzugeben haben als gläubiger Muslim; denn euren Herrn Jesus Christus zählen auch wir zu den Bekennern, und daß der letzte und höchste unter ihnen Muhammed ist, der wahre Prophet Gottes, unser Herr Muhammed, das mußt Du, muß jeder erkennen, der sich nicht geflissentlich vor den Ereignissen blendet, die unter seiner Führung und in seinem Namen geschehen sind. Dein eigener Vater hat zugegeben...«

»Mein Vater?«

»Er hat zugeben müssen, daß wir feuriger, ernster, tiefer von unserem Glauben ergriffen sind als ihr, als seine eigenen Bekenntnisgenossen.«

»Ich weiß es.«

»Und als ich ihm erzählte, ich habe geboten, in unserer neuen Moschee das Pult für den Koranvorleser zu beseitigen, weil der, sobald er es besteige, die anderen Beter überrage, hat die Freude darüber den müden Mann aufgeschüttelt und ihn zu einem lauten Ruf des Beifalls bewogen. Wir Muslimen — das hatte mein Befehl zu bedeuten — wollen alle gleich sein vor dem ewigen, allmächtigen, barmherzigen Gott; der Leiter des Gebetes soll sich über die anderen auch nicht um eines Kopfes Länge erheben, und die Lehre des Propheten zeigt jedem den Weg zu den Freuden des Paradieses; wir brauchen, um es zu finden, keinen menschlichen Führer. Unser Glaube, unser Wille zum Guten, unsere Thaten, kein Schlüssel in der Hand eines Priesters, öffnen oder verschließen uns den Himmel. Als der unsere vergällt Dir kein Benjamin die Freuden der Erde, kann Dir und Deinem Vater kein Patriarch das Anrecht auf die Seligkeit schmälern. Du hast gut gewählt, Jüngling! Deine Hand, mein neuer Bekenner!«

Damit hielt er Orion in freudiger Bewegung die Rechte hin, doch der schlug nicht ein, sondern trat zurück und sagte befangen:

»Versteh mich nicht falsch, großer Feldherr. Da ist meine Hand, und ich kenne keine höhere Ehre als sie in die Deine zu legen, das Schwert auf Deinen Befehl damit zu schwingen, sie müde zu schaffen in Deinem Dienst und dem meines Herrn, des Chalifen; aber meinem Glauben darf ich die Treue nicht brechen!«

»So laß Dich, laßt euch von Benjamin zertreten!« rief ihm Amr enttäuscht und unwillig entgegen, schwang den Arm mit einer wegwerfenden Bewegung und wandte sich dem Wekil zu, um ihm auf einen höhnischen Ausruf achselzuckend Antwort zu geben.

Orion blickte stumm und unschlüssig auf die beiden; doch rasch gesammelt, rief er im Ton bescheidener, aber dringender Bitte:

»Höre mich, Herr, und wolle nicht zurückweisen, was ich zu bieten vermag! Was brächte mir der Uebertritt zu euch anderes als Vorteil, und doch widersteh’ ich der großen Versuchung, aber dafür werd’ ich wie meinem Glauben so auch euch Treue zu halten verstehen.«

»Bis der Priester Dich zwingt, sie zu brechen,« fiel ihm der Muslim unwirsch ins Wort.

»Nein, nein!« rief Orion. »Ich weiß, daß Benjamin mein Feind ist; doch ich habe einen teuren Vater verloren und glaube an ein Wiedersehen im Jenseits.«

»Ich auch!« versetzte der Muslim, »und es gibt nur ein Paradies und eine Hölle, wie es nur einen Gott gibt.«

»Woher nimmst Du diese Gewißheit?«

»Aus meinem Glauben!«

»Dann vergib mir, wenn ich mich an den meinen halte und meinen Vater in jenem Himmel wiederzusehen hoffe...«

»Der, wie ihr Thoren wähnt, keine Seelen als die euren aufnimmt! Und stünde er nun ganz allein dem unsterblichen Teile der Muslimen offen und bliebe dem der Christen verschlossen? Was wißt ihr denn von dem Paradiese? Ich kenne eure heiligen Schriften; steht es darin beschrieben? Unsern Propheten dagegen hat der allgütige Gott hineinschauen lassen, und was ihm da zu erblicken vergönnt war, hat er so geschildert, als habe ihm der Höchste selbst das Schreiberohr geführt. Der Muslim weiß, was sein Himmel ihm bietet... Ihr, ihr — eure Hölle, die kennt ihr: euren Priestern fließt das Fluchen schneller als das Segnen vom Munde! Wer von ihren Lehren nur um ein Haar breit abweicht, den stoßen sie flugs an den Ort der Verdammten: mich, die Meinen, die griechischen Christen und ihnen allen voran — glaube mir’s, Jüngling — Deinen Vater und Dich!«

»Wüßt’ ich nur, daß ich ihn dort fände!« unterbrach ihn Orion und schlug sich an die Brust. »Es sollte mich wahrlich nicht schrecken, ihm nachzufolgen. Ihn wiederfinden, wiedersehen muß ich, und wär’s in der Hölle!«

Bei diesen Worten brach der Wekil in ein lautes Gelächter aus, und als der Feldherr ihm dies unmutig verwies, widersprach ihm der andere, und nun entspann sich zwischen beiden ein lebhafter Wortwechsel.

Der Hohn des Schwarzen hatte Orions Zorn erregt, und alles, was in ihm war, trieb und drängte ihn, den frechen Widersacher zum Schweigen zu bringen; doch er hielt mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft an sich, bis Amr sich ihm wiederum zuwandte und in überlegenem Ton, aber nicht unfreundlich sagte:

»Dieser scharfsichtige Mann bestätigt eine Vermutung, die mir selbst aufgestiegen. Ein junger, weltlich gesinnter Christ Deiner Gattung gibt Glück und Wohlsein auf Erden nicht leicht für die ungewissen Freuden eures Paradieses preis, und wenn Du es doch thust und alles, was dem Mann das Teuerste sein muß: Ehre, zeitlichen Besitz, ein weites Tätigkeitsfeld und Rache an Deinen Feinden von Dir weisest, um der Seele eines Verstorbenen im Jenseits wieder zu begegnen, so müssen besondere Gründe dahinter stecken. Suche Dich zu beruhigen und glaube meiner Versicherung, daß Du mir wohlgefällst und in mir einen eifrigen Gönner, einen verschwiegenen Freund finden wirst, wenn Du mir offen und wahr die Beweggründe Deines Verhaltens darlegst. Es liegt mir selbst daran, unsere Begegnung zu einer für beide Teile fruchtbringenden zu machen. Fasse also Zutrauen zu dem älteren Manne, der Deinem Vater ein Freund war, und rede!«

»In Gegenwart dieses Mannes unter keiner Bedingung!« versetzte Orion mit bebender Stimme. »Er, der kein Griechisch verstehen soll, folgt jedem meiner Worte mit hämischen Blicken, ja er hat es gewagt, mich zu verlachen, er...«

»Er ist so klug wie tapfer und mein Wekil,« fiel ihm Amr zurechtweisend ins Wort. »Du hast ihm zu gehorchen, wenn Du der unsere sein wirst, und — vergiß das nicht, junger Mann, — ich habe Dich rufen lassen, um Dir Bedingungen zu stellen, nicht um mir solche vorschreiben zu lassen. Ich schenke Dir Gehör als Herr dieses Landes, als Vertreter Omars, Deines und meines Chalifen.«

»So bitte ich Dich, mich zu entlassen; denn vor diesem da bleiben mir Herz und Lippen verschlossen: ich fühle, daß er mein Feind ist.«

»Hüte Dich, daß er es werde!« rief der Feldherr, während Obada geringschätzend die Achseln zuckte.

Orion verstand seine Geste, aber obgleich es ihm auch diesesmal gelang, an sich zu halten, fühlte er sich doch seiner selbst nicht mehr sicher, und so verneigte er sich, ohne des Wekils zu achten, ehrerbietig und tief vor dem Statthalter und bat ihn, ihn für heut zu entlassen.

Amr, dem das Verhalten Obadas nicht entgangen war und feinfühlig nachempfand, was in dem Jüngling vorging, hielt ihn zwar nicht zurück, änderte aber sein Benehmen und zeigte sich wieder als zuvorkommender Wirt, ja er lud seinen Gast ein, da es spät geworden, die Nacht unter seinem Dach zu verbringen. Doch Orion lehnte seine Einladung höflich ab, und als er sich endlich entfernte — wiederum ohne den Wekil eines Blickes zu würdigen — begleitete ihn Amr in den Vorsaal.

Hier faßte er des Jünglings Hand und rief ihm leise, doch voll aufrichtiger, väterlicher Teilnahme warnend zu:

»Hüte Dich vor dem Schwarzen, dem Du mannhaft, aber unklug gezeigt hast, daß Du ihn durchschaust. Was mich betrifft, so will ich wahrlich Dein Bestes.«

»Ich glaub’ es, ich weiß es,« versetzte Orion, dessen gereizte Seele der warme Brustton des edlen Arabers wohlthätig wie Balsam berührte, »und nun wir allein sind, vertrau’ ich Dir gern: Ich, Herr, ich — mein Vater — Du hast ihn gekannt. In bitterem Groll ist er — hat er seinem einzigen Sohne, bevor er die Augen schloß, den Segen entzogen.«

Hier versagte ihm in der Erinnerung an die furchtbarste Stunde seines Lebens auf wenige Augenblicke die Stimme; doch bald fuhr er fort: »Eine einzige That frevelhaften Leichtsinnes hatte den Sterbenden empört; doch in Leid und Reue dachte ich nach über mein vergangenes Leben und fand, daß es unnütz gewesen, und wenn ich nun mit vollem Herzen und in froher Erwartung hieher kam, um Dir alles, was ich an Geist und Gaben besitze, anzubieten, so geschah es, Herr, weil ich große, hohe, schwere, muß es sein, unmögliche Thaten zu verrichten, weil ich zu schaffen, thätig zu sein wünsche...«

Da unterbrach ihn Amr und rief, während er den nervigen Arm auf des Jünglings Schultern legte:

»Und weil Du der Seele des verstorbenen Vaters, des rechtschaffenen Mannes, zeigen willst, daß Du durch einen leichtfertigen Jugendstreich doch nicht unwert geworden bist seines Segens, weil Du sie durch wackere Handlungen zwingen willst, den Groll in Billigung, die Mißachtung in Achtung zu verwandeln...«

»Ja, ja, ja, darum, Herr, ebendarum,« fiel Orion mit hoch aufloderndem Enthusiasmus dem Feldherrn ins Wort; der aber winkte ihm, als gelte es, einem Lauscher das Spiel zu verderben, lebhaft zu, die Stimme zu dämpfen, und raunte ihm hastig, aber voll warmen Wohlwollens zu:

»Und ich, ich bin Dein Helfer bei diesem löblichen Streben. O, wie erinnerst Du mich an den Sohn meines Herzens, der gefehlt hatte wie Du, und dem es vergönnt ward, alles, mehr als alles auf dem Schlachtfelde durch den Tod, den Heldentod für seinen Glauben zu sühnen! Baue auf mich und laß das, was Du Dir vorsetztest, That werden. In mir hast Du einen Helfer gefunden. Geh jetzt! Du wirst in nächster Zeit von mir hören. Noch einmal: Reize den Schwarzen nicht, hüte Dich vor ihm, und wenn Du ihm wieder begegnest, so bändige Deinen Stolz, und gib Dir das Ansehen, als sei er Dir noch nirgends begegnet.«

Dabei schaute er Orion wehmütig an, als erwecke sein Anblick in seiner Seele ein teures Bild, küßte ihm die Stirn, und sobald der Jüngling den Vorsaal verlassen, schob er den schweren Vorhang schnell zurück, der ihn vom Speisesaal trennte. — Wenige Schritte hinter ihm fand er den Wekil, der sich mit dem Schwertgehänge an seiner Seite zu schaffen machte, und rief ihm wegwerfend entgegen:

»Gelauscht! Mann des Geistes, Mann der That, Held in der Schlacht und im Rat, Löwe, Schlange und Kröte zugleich; wann wirst Du endlich aus Deiner Seele reißen, was erbärmlich und klein ist? Sei, was Du geworden, nicht, was Du gewesen, und erinnere denjenigen, der Dich groß gemacht hat, nicht täglich, daß Dich eine Sklavin geboren!«

»Herr!« knirschte der Gescholtene, und das Weiß seiner rollenden Augen hob sich unheimlich ab von dem dunklen Gesucht; aber Amr schnitt ihm das Wort vom Munde und fuhr unbeirrt und streng verweisend fort:

»Du hast Dich gegen diesen edlen Jüngling wie ein Narr, wie ein Spaßmacher auf dem Jahrmarkt, wie ein Unsinniger betragen.«

»In die Hölle mit ihm!« rief Obada. »Ich hasse den goldenen Glückspilz!«

»Neidhart! Reize ihn nicht! Die Dinge wechseln, und es kann der Tag kommen, an dem Du Grund hast, ihn zu fürchten!«

»Ihn?« schrie der andere. »Wie eine Mücke zerdrück’ ich die Puppe. Er soll es erleben!«

»Erst Du, und dann er!« drohte Amr. »Er ist der Wichtigere für uns von euch beiden, er, der Glückspilz, die Puppe! Hast Du’s gehört? Hast Du’s verstanden? Das Haar, das Du ihm krümmst, kostet Dich Nase und Ohren! Vergiß keine Stunde, daß Du nur lebst — mit Unrecht lebst — weil zwei Lippenpaare bis jetzt geschlossen blieben! Du kennst sie. Der findige Kopf da bleibt nur so lange auf Deinem Halse, wie es ihnen gefällt. Halt ihn fest, Mann; Du hast nur einen aufs Spiel zu setzen! Es that not, mein Herr Wekil, Dich wieder einmal daran zu erinnern!«

Der Schwarze stöhnte bei diesen Worten wie ein verwundetes Tier und stieß mühsam die dumpfen Worte hervor: »So lohnt man geleistete Dienste, so dankt um eines Christenhundes willen der Muslim dem Muslim!«

»Dank, mehr als genug, hast Du empfangen,« versetzte Amr in ruhigerem Tone. »Du weißt, was Du gelobt, eh’ ich Dich, Räuber, um Deines Kopfes und Schwertes willen zu meinem Wekil erhoben, was ich vergessen mußte, bevor ich es that, nicht um Deinet-, sondern um der großen Sache des Islam willen, und verlangt Dich zu bleiben, was Du bist, so opfere ihr Deine wilden Gelüste! Vermagst Du es nicht, so schicke ich Dich lieber heute als morgen zum Heer, treibst Du es zu arg, gebunden und mit dem Todesurteil im Gürtel nach Medina zurück.«

Bei diesen Worten stieß der Schwarze dumpfe Laute hervor; doch der Feldherr fuhr unbeirrt fort:

»Warum Du diesen Jüngling hassest? Ein Kind kann es durchschauen. In des Mukaukas Georg Sohn und Erben siehst Du den künftigen Mukaukas, während Du den wahnsinnigen Wunsch in Dir groß ziehst, selbst der Mukaukas zu werden.«

»Und warum sollte dieser Wunsch wahnsinnig sein?« kreischte der andere mit heiserer Stimme. »Dich beiseite — wer ist hier klüger oder stärker als ich?«

»Vielleicht kein Muslim; doch ein Aegypter, ein Christ, nicht Du oder ein anderer Bekenner wird dem Verstorbenen im Amte folgen; so verlangt es die Weisheit, so lautet der Befehl des Chalifen.«

»Und er gebietet auch, dem lockigen Affen seine Millionen zu lassen?«

»Nach denen verlangt Dich, gieriger Nimmersatt, nach denen? Drückt Dich noch nicht schwer genug, was Du durch Habsucht verschuldet? Gold, immer mehr Gold, das ist das Ziel, das ekle Ziel Deiner Wünsche! Ein fetter Bissen, des Mukaukas liegende Gründe, seine Goldtalente, Edelsteine, Sklaven und Rosse; ich finde es auch; doch, Gott dem Barmherzigen sei Dank, wir sind keine Diebe und Räuber.«

»Wer hat dem Aegypter Petrus seine versteckten Millionen unter dem Wasserbehälter hervorgeholt und ihn selbst ins Gras beißen lassen?«

»Ich, ich! Aber nur — Du weißt es — um sie nach Medina zu senden. Petrus hatte sie vor uns versteckt, ehe wir ihn hinrichteten; der Mukaukas und sein Sohn haben angegeben bis auf den Dinar und die Hufe Landes, was sie besitzen; die Steuer ward von ihnen richtig bezahlt, und somit gehört ihnen das Ihre, wie nur und Dir unser Schwert, unser Roß, unser Weib. Wozu Deine nimmersatte Seele Dich immer antreibt — die Hand von dem Dolchgriff! — Kein Kupferstück von denen da drüben fällt in Deinen hungrigen Rachen, so wahr der Allmächtige mir helfe! Keinen bösen Blick wirfst Du wieder auf den Sohn des Mukaukas! Setze meine Geduld nicht zu hart auf die Probe, Mann, sonst — fasse Dir nur an den Kopf! — sonst hast Du ihn bald vor den Füßen zu suchen, und was ich da sage, hab’ ich gesagt! Gute Nacht für heute! Morgen früh setzest Du im Diwan auseinander, was Du für die neue Landeseinteilung geplant hast; mir will es im Ganzen und Einzelnen nicht recht gefallen, und ich werde noch andere Entwürfe ausarbeiten lassen.«

Damit wandte der Feldherr dem Wekil den Rücken und sobald sich die Thür hinter jenem geschlossen, erhob Obada die Fäuste, drohte seinem Herrn und Bändiger, der bis dahin verschwiegen hatte, daß er von einer Sendung Gold, die Amr ihm nach Medina zu geleiten befohlen, einen Teil unterschlagen, wütend nach und rannte dann röchelnd und schnaufend auf und nieder, bis Sklaven kamen, um das Geschirr abzuräumen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

In der mond- und sternhellen Nacht begab sich Orion auf den Heimweg. Er hielt das Haupt hoch aufrecht, und so froh und hoffnungsvoll wie bei diesem Ritte hatte er sich seit der Wasserfahrt mit Paula nicht gefühlt.

Jenseits der Schiffsbrücke wandte er das Roß nicht sogleich der Statthalterei zu; die frische Nachtluft that ihm so wohl, das Herz war ihm so weit, daß er die Enge des Zimmers scheute. Neu belebt, wie entlastet ritt er in raschem Trabe auf das Haus zu, welches die Geliebte beherbergte, und er stellte sich vor, wie freudig sie die Nachricht, daß er in Amr einen Förderer seiner Pläne, ja vielleicht einen väterlichen Freund gefunden, aufnehmen werde.

Der Feldherr, dessen edles Wesen, dessen Geist und Gerechtigkeit sein Vater hochgeschätzt hatte, war auch ihm wie das Ideal edler Männlichkeit erschienen, und wenn er ihn mit den vornehmen Beamten und Truppenführern verglich, die er am byzantinischen Hofe gesehen, mußte er lächeln. Sie verhielten sich alle zu diesem würdigen und dabei doch lebensvollen und warmherzigen Manne wie die alten, steifen Götterbilder seiner Vorfahren zu den frei gebildeten Gestalten der griechischen Kunst.

Jetzt segnete er das Andenken seines Vaters, der seine Heimat von der Herrschaft dieser entarteten Brut befreit hatte. Heute, das wußte er, würde der Verstorbene, dessen Bildnis wie lebend vor seiner Seele stand, mit ihm zufrieden sein, und das verlieh ihm eine Glücksempfindung, die er festhalten und durch sein ganzes künftiges Thun und Denken steigern wollte. »Das Leben ein Amt, ein Dienst, eine Verpflichtung,« dies Losungswort aus dem teuersten Munde sollte ihn auf dem neuen Weg erhalten, und wie hoffte er, seiner selbst gewiß, bald auf männliche Thaten blicken zu können, die ihm vor sich selbst das Recht verliehen, des edelsten Weibes Geschick an das seine zu knüpfen!

Von solchen Gedanken erfüllt, hatte er sich dem Hause des Rufinus genähert. Im obern Stocke desselben waren die Fenster des Eckzimmers erhellt, von denen zwei auf die Nilstraße und den Strom hinausschauten. Er wußte nicht, welche Räume Paula bewohnte, aber er schaute doch mit der unbestimmten Ahnung, daß dieses späte Licht ihr leuchte, nach oben, und die weibliche Gestalt, welche jetzt in der hellen Fensteröffnung erschien, lehrte ihn, daß er sich nicht getäuscht habe; denn er erkannte in ihr Paulas Amme Perpetua. Der Hufschlag hatte die Neugierige ans Fenster gerufen, aber sie schien ihn im matten Licht der sternhellen Nacht nicht zu erkennen.

In langsamem Schritt ritt er weiter, und als er bald darauf umkehrte und in der Hoffnung, diesmal die Geliebte am Fenster zu finden, aufwärts schaute, fand er es leer; doch bemerkte er einen langen dunklen Schatten, der sich von der einen Seite des Zimmers nach der andern bewegte, und der weder der Amme noch ihrer schlanken Gebieterin angehören konnte. Es mußte der eines ungewöhnlich hochgewachsenen Mannes sein, und wie er anhielt und, diesmal beunruhigt und von peinlichen Empfindungen beherrscht, wiederum in die Höhe blickte, erkannte er deutlich den Arzt Philippus.

Mitternacht war vorüber. Wie sollte er sich erklären, daß Paula zu dieser Stunde ihn empfing?

War sie erkrankt?

War dies Zimmer doch nicht das ihre?

Befand sich die Amme nur zufällig mit ihr und dem Arzt in einem Wohnraum des Rufinus?

Aber nein!

Die Frau, welche jetzt an dem Fenster vorbei und mit ausgestreckter Hand gerade auf den Schatten des Mannes losging, war des Thomas Tochter und keine andere!

Das Herz schlug ihm längst schneller, und eine Besorgnis, welche seine Eitelkeit bis dahin nicht hatte aufkommen lassen, obgleich er schon mehrmals Zeuge des freundlichen Einvernehmens gewesen, welches zwischen Paula und dem Arzte herrschte, begann ihn zu ergreifen.

Vielleicht hatten doch mehr als Freundschaft und harmloses Zutrauen das Mädchen veranlaßt, den Schutz und die Dienste dieses Mannes so rückhaltlos in Anspruch zu nehmen. Konnte er Paulas Herz, ihre Liebe gewonnen haben?

War das möglich?

Und warum denn nicht?

Was gab es an Philippus auszusetzen als sein unschönes Gesicht und seine niedrige Geburt? Aber wie viele Frauenherzen hatte er sich über ganz andere Dinge hinwegsetzen sehen! Der Arzt war kaum fünf Jahre älter als er, und wie Orion sich die Blicke vergegenwärtigte, mit denen jener Paula heute morgen angeschaut hatte, wuchs seine Unruhe.

Philippus liebte Paula!

Ein kleiner Umstand, der ihm plötzlich einfiel, genügte dem in solchen Dingen nur zu wohl Erfahrenen, dies für gewiß anzusehen. Schon gestern war es ihm aufgefallen, daß Philippus sich seit dem Tode seines Vaters, das heißt seit Paulas Uebersiedlung in das Haus des Rufinus, viel sorgfältiger gekleidet hatte als früher. »Dergleichen Verwandlungen,« dachte er, »nimmt ein so ernster Mann nicht mit sich vor, wenn ihn nicht Liebe dazu veranlaßt.«

Ein quälendes Gemisch von Angst und Zorn überfiel ihn, wie er wiederum den langen Schatten am Fenster erscheinen sah.

Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er die Qual der Eifersucht, welche er an Freunden oft genug belächelt hatte; doch war es nicht thöricht, sich von ihr martern zu lassen; durfte er nicht seit heute morgen sicher auf die Geliebte bauen? Und dieser Philippus! Wenn er, Orion, vor einem höheren Richter auch hinter ihm zurücktreten mußte, vor einem Frauenherzen war er ihm gewiß überlegen! Und trotz alledem peinigte es ihn, den Arzt zu dieser Stunde bei Paula zu wissen, und unwillig riß er das Roß herum, und es gereichte ihm zur Lust, daß das edle, feurige Tier der ungewohnten rohen Lenkung Widerstand leistete und hundert Schritte hinter den verwünschten erleuchteten Fenstern die ganze Tücke und Aufsässigkeit wiederfand, welche man ihm als Fohlen ausgetrieben hatte. Orion mußte einen förmlichen Kampf mit dem Hengst bestehen, und es that ihm gut, ihm mit Zaum und Schenkel seine Uebermacht zu zeigen. Wohl drehte sich der Hengst im Kreise herum, wohl stieg er mit ihm in die Höhe; aber der kräftige Reiter ward seiner Herr, und nachdem er ihn zum Stillstehen und Gehorsam gezwungen, klopfte er ihm den glatten Hals und schaute sich aufatmend um.

Neben ihm ragten über die niedrige Hecke hinaus die dichten, dunklen Laubgruppen des Gartens der Witwe Susanna, und hinter ihnen schimmerte aus der der Nilstraße zugewandten Rückseite ihres Hauses noch helleres Licht als aus Paulas Wohnung. Von drei Fenstern her strahlte es in den Garten, aus zweien drang nur matter Schimmer, vielleicht das Licht einer einzelnen Lampe.

Das alles konnte ihm gleichgültig sein, indessen blieb sein Blick dennoch an dem Dach des Säulenganges haften, der sich unter dem oberen Stockwerk hinzog; denn auf demselben stand, dicht an den Rahmen des einen der erleuchteten Fenster geschmiegt, eine kleine Frauengestalt, die den Kopf beim Horchen so weit vorgestreckt hielt, daß das Licht durch die Locken schimmerte, die es umwallten.

Katharina belauschte das Gespräch, das der Patriarch Benjamin, dessen bärtigen Apostelkopf Orion wohl erkennen konnte, mit dem Presbyter Johannes führte, einem kleinen, unscheinbaren Mann, dem Orions Vater indessen das Zeugnis gegeben, daß er den alten Bischof Plotin an Geist und Thatkraft hoch überrage.

Es wäre dem Jüngling ein leichtes gewesen, jeder Bewegung Katharinas zu folgen, doch hielt er es nicht der Mühe wert. Dennoch trat ihm beim Weiterreiten des Bachstelzchens Bild vor das innere Auge; aber es blieb nicht allein; denn das der Geliebten stellte sich sogleich daneben hin, und je kleiner ihm jenes erschien, zu desto herrlicherer Größe wuchs dieses heran. Jedes Wort, das er heute früh von Paulas Lippen vernommen, eilte ihm wieder ins Gedächtnis zurück, und die schöne, lebendige Erinnerung verdrängte jede Besorgnis. Das Weib, welches sich noch diesen Morgen bereit erklärt hatte, mit ihm zu hoffen, ihm alles zu glauben, seinen Schutz anzunehmen, die hohe Jungfrau, der er gern gestattet, die Ziele seines künftigen Lebens mit ihm ins Auge zu fassen, deren reiner Blick seine Leidenschaft, sein Ungestüm wie mit Zaubermacht in Schranken gehalten und ihm dennoch das Recht eingeräumt, nach ihrem Besitz zu streben, das stolze Heldenkind, welches sein Vater gern als Tochter ans Herz geschlossen hätte, war es möglich, daß sie ihn wie eine gefallsüchtige Hauptstadtschöne hinterging? Konnte sie je ihrer Frauenwürde vergessen?

Nein, tausendmal nein!

An ihr zweifeln, hieß sie beleidigen, war ein Unrecht gegen sie und sich selbst.

Der Arzt liebte sie, doch was sie auch veranlaßte, ihn so spät zu empfangen, eine andere als freundschaftliche Neigung war es gewiß nicht. Schande über ihn, wenn er dem niedrigen Verdacht von vorhin noch einmal Raum gab in seiner Seele!

Wie erlöst atmete er auf, und nun erschien sein Diener, der bei der Zahlung des Brückenzolls aufgehalten worden war. Sogleich sprang er ab und befahl ihm, das Pferd nach Hause zu führen; denn es verlangte ihn, zu Fuß und durch nichts gestört seinen Gedanken nachzuhängen. Bald wandelte er denn auch sinnend unter den Sykomoren hin, und noch war er nicht weit gekommen, als er auf der andern Seite des menschenleeren Verkehrsweges lange und schnelle Schritte nahen und endlich hinter sich her und an sich vorbeieilen hörte.

Ein Blick hinüber ließ ihn in dem nächtlichen Wanderer den Arzt Philippus erkennen, und er freute sich dieser Begegnung; denn sie lehrte ihn, wie thöricht und schmählich seine Zweifel gewesen, wie wenig Grund er habe, in dem Arzt einen Nebenbuhler zu sehen; denn der Mann da drüben sah nicht wie ein Glücklicher aus! Mit gesenktem Kopf, wie von einer Last niedergebeugt, eilte er vorwärts, und jetzt faßte er sich gar wie ein Verzweifelnder an die Stirn.

Nein, hinter diesem schnellen nächtlichen Wanderer lag keine selige Stunde, und wenn sein Verhalten etwas herausforderte, war es nicht Neid, sondern Mitleid.

Der Arzt bemerkte ihn nicht; denn tief in sich gekehrt eilte er weiter und stöhnte dabei dumpf und schmerzlich auf. Für wenige Minuten kehrte er in einem Hause ein, aus dem laute Klagerufe schollen, und als er den Weg fortsetzte, schüttelte er von Zeit zu Zeit den Kopf wie einer, der mancherlei vor seinen Augen sich abspielen sieht, wofür das Verständnis ihm mangelt.

Das Ziel seiner Wanderung war ein großes, palastähnliches Gebäude. Sein Bewurf war zum Teil abgefallen, und in seinem oberen Stockwerk hatten sich die Fenster zu großen, an den Seiten ausgebrochenen Oeffnungen erweitert. Vormals hatte dies Haus die Finanzbehörden der Stadt und des Kreises beherbergt und seine unteren Räume waren für den Ideologen, den obersten Beamten dieses Verwaltungszweiges, welcher gewöhnlich in Alexandria residirte, aber sich bei seinen Inspektionsreisen oft wochenlang in Memphis aufhielt, schicklich und bequem eingerichtet gewesen. Doch die Araber hatten die Leitung der Finanzen des ganzen Landes nach der neuen Hauptstadt Fostat jenseits des Stromes verlegt, und die des herunterkommenden Ortes war mit der Statthalterei verbunden worden. Der Senat von Memphis hatte es zu kostbar gefunden, das große Bauwerk abzutragen, und war froh gewesen, für die unteren Räume in dem Arzt Philippus und dem Aegypter Horus Apollon Mieter zu finden.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
820 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain